← Table of contents
Lose Blätter

Zahnschmerzen.

Reading edition

»Schneller Entschluß – guter Entschluß!« heißt es im alten Sprichwort. Ich möchte aber lieber sagen: »eine Laune« hatte mich im Jahre 1876 zur Weltausstellung nach Philadelphia geführt.

Ein ziemliches Stück von Europa war ich bereits durchwandert; nur Amerika kannte ich noch nicht. Allerdings waren es keine besonderen Sympathien, die mich hinüber ins Land des allmächtigen Dollars zogen; aber es reizte mich, den Urtypus des Yankee gerade in dem Momente kennen zu lernen, wo die sonst kühl-materielle und egoistische Nation in vollster, ungeheuchelter Begeisterung über die Centennialfeier, das Bestehen ihrer hundertjährigen Freiheit, sich befand, wo ungeteilte Freude und Einigkeit herrschte und geherrscht hat – während der Julitage des Jahres 1876 in der Stadt der Bruderliebe.

Eine weitschweifige Schilderung der wahrhaft überraschend großartigen Ausstellung im Fairmount-Park mit ihren tausend und abertausend Menschen aller Nationen abzugeben, liegt nicht in meiner Absicht. Genugsam ist darüber bereits geschrieben und gesprochen worden, obgleich bei uns in Deutschland dadurch nur ein geringeres Interesse hervorgerufen wurde. Ausstellungen sind ja seitdem an der Tagesordnung.

Nachdem ich die mir unglücklichem Neulinge tropenhaft erscheinende Gluthitze, die damals über Philadelphia lag, bis zur Erschlaffung durchkostet und alle die Qualen eines bei lebendigem Leibe Gebratenen erduldet hatte, langte ich nachmittags mit dem 4 Uhr-Train, völlig abgespannt, in dem – wenigstens im Vergleich zu Philadelphia während der Exhibition – stilleren New York an.

Wie die Gefilde des Elysiums erschienen meinen Blicken die schönen breiten Straßen und Avenues der Empire City, wo alles Ruhe und Ordnung atmete. Gott sei gelobt! Nun gab es kein Drängen, Stoßen, Schreien und Schimpfen, keine zerbrochenen Wagen und Gliedmaßen, keine vom Sonnenstich befallenen, armen Opfer mehr, wie ich das zur Zeit meines Aufenthalts in der Stadt der Bruderliebe genügend geschaut und wovon mein unerfahrenes deutsches Auge sich oft zornig oder auch hilfesuchend abgewandt hatte.

Ein kühles, stilles Zimmer zu ungestörter Siesta in einem der prächtigen Hotels New Yorks, dann ein behagliches kleines Diner, in irgend einem lauschigen Winkel des Diningrooms – ein Fläschchen – – o nein, wir sind ja im Lande der Temperenzmen – eine Flasche erfrischenden Sodawassers – wie verlockend wirkte das alles nach stundenlanger Fahrt im durchgluteten Eisenbahn-Coupé!

Allein solche Bilder hüpften und tanzten gleich boshaften Neckteufelchen vor meinem niedergedrückten und bekümmerten Geiste. Denn – ich litt an Zahnschmerzen! Bei 30 Grad Reaumur im Schatten an schauderhaften, kaum erträglichen Zahnschmerzen!

Die körperlichen und geistigen Anstrengungen der letzten Tage, die von Stunde zu Stunde noch im Steigen begriffene, mir vollständig ungewohnte Hitze – das alles mußte meine Nerven und mein Blut in solche Aufregung und Wallung versetzt haben, daß dieses leidige Übel, wovon ich seit meinen Jugendjahren kaum mehr geplagt worden war, mich mit so unbarmherziger Gewalt gepackt hatte. Wer kennt sie nicht – all' die Folterqualen und Torturen endloser, durch nichts zu besänftigende Zahnschmerzen?!

In New York angekommen, raste ich, unter Zurücklassung des Gepäcks, wie ein Besessener vom Bahnhof nach einer in der Nähe gelegenen Apotheke. Mit meinem etwas unverständlichen Englisch, jedoch mit für jedermann desto verständlicheren Gesten nach der linken Backe vermochte ich mein Elend zu offenbaren, und lächelnd wurde mir für 25 Cents eine winzige Phiole eingehändigt, welche die verheißungsvolle Aufschrift: »immediatly« (augenblicklich) trug.

O trostreiches, süßes Wort! Am liebsten wäre ich dem unbekannten Retter, dessen Hand mir diesen Schatz entgegenreichte, um den Hals gefallen. Doch halt! Mein kühles deutsches Blut bewahrte mich vor einer Übereilung. Erst probieren!

Gewiß – das Wundermittel half – aber nur für einen »Augenblick«, ganz der Überschrift entsprechend. Dann kehrten die wütenden Schmerzen mit doppelter Gewalt zurück. Zornig das Fläschchen beiseite schleudernd, verlangte ich nun rasch ein anderes Medikament und wankte schließlich, die Tasche voll Opiumpillen, spanischer Fliege und Kampfer, rat- und mutlos auf die Straße, um von der Apotheke bis zum ersten besten Hotel die unerquickliche philosophische Betrachtung anzustellen, warum eigentlich der weise Schöpfer uns ohnedies geplagten Erdenkindern zum Überfluß auch noch Zähne gegeben hat? Alle Dichter und Schriftsteller verwünschte ich, die jemals über: »zwei Reihen Perlen zwischen rosigen Lippen«, oder: »blendende Elfenbeinzähnchen« gereimt und gefabelt hatten. Alles das ist bittere Ironie.

An Speise und Trank war unter solch' kümmerlichen Verhältnissen natürlich nicht zu denken. Nachdem ich nur notdürftig Gesicht und Hände vom Eisenbahnstaube gesäubert hatte, bestieg ich den nächsten Tramwaywagen, bezahlte meine fünf Cents und fuhr hinaus nach dem Centralparke, weil ich zunächst und vor allem das Bedürfnis hatte nach reiner, frischer Luft, nach absoluter Ruhe. Fern vom Geräusche der Großstadt, ungestört von jedem mich belästigenden Blicke aus teilnehmenden oder neugierigen Augen – wollte ich dort oben in der Einsamkeit mein Elend zu vergessen suchen. Zumal lockte der prächtigste Sommerabend hinaus ins Freie. Endlich – endlich mußte ja doch dieser böse Plagegeist ein menschliches – Unsinn! ein Geist empfindet nie ein menschlich – sagen wir also: ein himmlisches Rühren fühlen oder seiner boshaften Mucken überdrüssig werden.

Erfrischender Waldgeruch und würziger Blumenduft schlugen mir entgegen. In langen Atemzügen sog ich den klaren Äther in mich ein. Wohlweislich die wenig frequentierten Wege suchend, gelangte ich nach etwa halbstündiger Wanderung in den oberen, romantischeren Teil des Parkes, wo Mutter Natur mehr gethan, als künstlerisches Schaffen und Geldaufwand zu thun im stande gewesen. Erschöpft und schon halb verzweifelt ließ ich mich dort auf eine Bank nieder und stöhnte laut.

Lachen Sie nicht, meine schönen Leserinnen! Warum soll ein alter Junggeselle nicht einmal laut stöhnen, selbst wenn er nicht vom Zahnweh geplagt wäre? Hat doch gerade er am meisten Ursache dazu. Keine weiche Hand streichelt ihm zärtlich die Wange, kein rosiger Mund spricht liebevolle Worte oder flüstert ihm tröstend zu, nur nicht ungeduldig zu werden und hübsch auszuharren! Zwar habe ich nie ein sehr liebebedürftiges Herz besessen; aber in diesem Momente fühlte ich wieder so recht allen Jammer und alle Hilflosigkeit meines Junggesellentums! Eine resolute Ehefrau würde auch vielleicht ausgerufen haben: »Genug jetzt des grausamen Spieles; geschwind in eine Droschke mit Dir und zum Zahnarzt! Der Missethäter muß ausgezogen werden!«

Ja, gewiß lobe und erkenne ich jeden gütigen Rat an, bin überhaupt windelweich geworden seit gestern, besonders gegen das schöne Geschlecht, opponiere nie mehr! Doch wenn man zwischen Fünfzig und Sechzig steht, außerdem mit Kauwerkzeugen nur mehr dürftig versorgt ist und diese wenigen sich des Gebrauchs halber noch einige Zeit erhalten möchte, da ist so eine Parforcekur wohl zu erwägen.

Also laut stöhnend, stützte ich den Kopf in die linke Hand und starrte in stummer Resignation auf den Kiesweg vor mir. Oder hatte die so natürliche physische Erschöpfung doch vielleicht für ein Weilchen mir die Augen geschlossen – ich weiß es nicht zu sagen. Besserung wenigstens verspürte ich nicht; denn plötzlich fuhr ich jäh empor. Ein dunkler Schatten war auf den Weg gefallen, und ich hatte das unbestimmte Gefühl, daß jemand vor mir stand.

Ja, vor mir standen wirklich zwei Personen. Aber um alles in der Welt, wer war das nur? – Mehrere Sekunden stierte ich mit fast blödem Ausdrucke in ein hageres braunes Antlitz, aus dem mir ein Paar merkwürdig sprechende Augen entgegenblitzten. Eine Frauengestalt mit einem Kinde war es; allein deren Erscheinung schien so durchaus originell, so frappierend, daß die angeborene deutsche Höflichkeit mir völlig abhanden kam und ich nicht einmal aufstand, den Hut zu lüften. Demungeachtet merkte ich, wie diese Gestalt sich etwas zu mir herabbeugte und halb teilnehmend fragend, halb bedauernd äußerte:

»Zahnschmerzen, Sir?«

Welch' guter Geist leitete mich nur in diesem Momente, daß ich, anstatt die Ruhestörerin schroff abzuweisen, ihr vielmehr offenherzig erwiderte:

»Ganz fürchterliche, Madame!«

»O, da wollen wir sofort Linderung oder Hilfe schaffen,« sagte die volle, merkwürdig tiefe Frauenstimme in fließendem, dabei jedoch eigenartig accentuiertem Englisch. Auch wurde das mit solcher Bestimmtheit gesprochen, als ob die Abhilfe so schnell und leicht zu bewerkstelligen wäre, wie man jemandem ein Stäubchen vom Rockkragen entfernt.

In sprachlosem Erstaunen, wahrscheinlich mit einem recht einfältigen Gesichte, blickte ich noch immer zu der seltsamen, wunderbaren Figur empor. Aber da saß sie auch schon dicht neben mir und suchte eifrig in den Falten ihres Kleides.

Trotz der mich noch immer peinigenden Schmerzen folgte ich in steigendem Interesse jeder ihrer behenden Bewegungen. Jetzt träufelte sie eine helle Flüssigkeit aus einem Fläschchen auf etwas Baumwolle und reichte mir diese zu.

»Hier, Sir! Nun schnell ans Werk! Bezeichnen Sie mir den Übelthäter und Sie werden wie neugeboren sich fühlen,« meinte sie scherzend, indes im Tone unverkennbarer Überlegenheit und hohen Selbstbewußtseins.

Einen Moment zögerte ich. Der scharfe, fast stechende Blick des dunklen Auges machte mich unsicher.

»Nun, glauben Sie vielleicht, ich wolle mir nur einen Spaß mit Ihnen erlauben?« fragte sie jetzt herb. »Haben Sie denn in New York noch nichts von Mary Powl gehört?«

»Mary Powl? – Nein!« stotterte ich zaghaft. Aber halb getröstet und rasch entschlossen, machte ich den Mund auf und ließ sie gewähren.

Mehrere Minuten vergingen unter tiefstem Schweigen. Dann sprang ich wie elektrisiert mit jugendlicher Lebhaftigkeit von der Bank empor.

»Donnerwetter, Blitz Element! Wo sind denn –?«

»Pst, pst, noch einige Sekunden Ruhe!« unterbrach sie mich besänftigend, dabei lächelnd, so daß ihre gesunden Zähne zwischen den Lippen sichtbar wurden. »Wo sind Ihre Zahnschmerzen – wollten Sie fragen – nicht wahr? Die sind abgethan und hoffentlich für eine lange Weile. So, jetzt gestatte ich Ihnen, auch wieder zu sprechen, mein Herr! Das heißt, wenn es Ihnen Vergnügen macht, sich einige Minuten mit mir zu unterhalten.«

In wirklich tief empfundenen Dankesgefühlen hatte ich ihre braune, unbehandschuhte, jedoch zarte Hand ergriffen und drückte sie kräftig.

»Sind Sie Zauberin, Fee oder ein leibhaftiges Menschenkind?« fragte ich mit vor Erregung zitternder Stimme. Ein wohliges Gefühl rieselte durch meine Adern. Wahrhaftig – sie hatte recht, wie neugeboren erschien ich mir.

»Mary Powl,« erwiderte sie einfach.

»Aber, mein Gott, wie kommen Sie dazu, einem Ihnen gänzlich Fremden solchen Liebesdienst zu erweisen? Erlauben Sie, Madame, daß ich mich Ihnen vorstelle, mein Name ist ...«

»O, lassen Sie Ihren Namen, den ich jedenfalls doch nicht aussprechen kann! Sie sind ein Deutscher und das genügt mir.«

Ein stolzes Emporwerfen des Kopfes begleitete ihre Worte.

Schnell hatte ich mich an ihre Seite wieder niedergelassen und war jetzt im stande, die sonderbare Erscheinung mit Ruhe und Muße zu betrachten.

Das Kind, anscheinend ein Knabe von elf bis zwölf Jahren, lehnte gleichgültig dreinschauend und mit einem melancholischen Ausdruck in dem fast kupferfarbigen mageren Gesichtchen neben der Bank, auf welcher wir saßen. Ihre auffallende, höchst bunte Tracht mußte jedenfalls eine Art Nationalkostüm repräsentieren. Denn um am helllichten Tage in New York in einem Maskenanzuge umherzuziehen, dem widersprach das ganze Wesen und Auftreten der sonderbaren Frau.

Ein kornblumenblauer faltiger Rock mit breiter roter Borde bildete das Untergewand, worüber ein langer, weißer, grobgewebter Mantel fiel, ähnlich dem Stoffe, den in Mähren die Hannaken über den Schultern tragen. In malerischen Falten, den schlanken doch kräftig gebauten Oberkörper nur zum Teil verhüllend, drapierte sich derselbe über ihrer Figur. Das glatte, pechschwarze, in der Mitte gescheitelte Haar war zur Hälfte von einem grünlich schillernden Seidentuche bedeckt. Um den Hals und über die Brust wanden sich mehrere Schnüre bohnengroßer, dicht aneinander gereihter Goldkörner, während an einem breiten, ziemlich primitiven Ledergurte ein kurzes, in roher Scheide ruhendes Dolchmesser herabfiel.

Ihre Gesichtszüge waren hager, hart und eckig, verrieten indes noch Spuren einstiger Reize. Ganz besonders aber waren es die Augen in stets wechselndem Ausdrucke, welche, bald wild flammend, bald herzgewinnend freundlich, mein Interesse an der merkwürdigen Frau noch besonders erhöhten.

In gleich phantastischer Weise war auch das Kostüm des Knaben, dessen Anzug viel Ähnlichkeit mit dem eines jungen Hochländers verriet. Nur bildeten Mokassins die Fußbekleidung, und eine Art Toque mit wehender Adlerfeder zierte das dunkle, nicht uninteressante Köpfchen.

Stillschweigend, aber keineswegs gekränkt, hatte sie meine scharfe Musterung über sich wie das Kind ergehen lassen, ja sie schien durch dieselbe beinahe belustigt. Denn sie brach das Schweigen plötzlich mit den heiteren Worten:

»Sie sind ein völlig Fremder hier in New York, wie ich sehe, Sir?«

»Ja, Madame! Nur um die Weltausstellung zu besichtigen, bin ich herübergekommen. Meine staunenswerte Unkenntnis über den Namen Mary Powl ließ Sie das natürlich sogleich vermuten. Jedenfalls hat dieser Name hier einen hohen und berühmten Klang. Daher segne ich den Zufall – oder vielmehr meine Zahnschmerzen, die mir Ihre interessante Bekanntschaft verschafften,« entgegnete ich mit feiner Galanterie, indem ich mich leicht verneigte.

Wieder warf sie so eigenartig stolz und herausfordernd den Kopf in den Nacken und flüsterte, träumerisch in die Leere starrend:

»O nein, weder berühmt noch hoch! Einst wohl war er das beides. Aber dieses einst ist begraben. Hier betrachtet man mich als Original – als letztes Überbleibsel eines ehemals mächtigen Irokesenbundes von draußen am herrlichen Genesee-Thale im westlichen Staate New York. Den Kultus, den ich noch immer mit dem Andenken früheren Glanzes, mit den teuren Erinnerungen des so bald dahingeschiedenen Gatten – eines stolzen Häuptlings – treibe, nennen die poesielosen Amerikaner überspannte Phantastereien. Allein man läßt mich gewähren. Ist doch Mary Powl, die Indianer-Squaw, völlig harmloser Natur. Die Leute in den Straßen und die Fremden schauen ihr wohl neugierig oder herausfordernd nach, ja, die Schulbuben lachen über sie und ihren Sohn – was thut das! Mary Powl hat anderen, tieferen Schmerz erfahren und geduldig hinnehmen müssen – den nie sterbenden Gram über das Herabsinken, das Niedergehen einer großen, herrlichen Nation!«

Aufs höchste interessiert, lauschte ich diesen mit monotoner Stimme vorgetragenen Worten und entgegnete nur wie schüchtern tröstend:

»Aber es giebt doch noch viele Indianer Ihres Stammes. Wenngleich, so viel ich hörte, die einstigen Irokesenbunde teilweise aufgelöst und deren Glieder in verschiedene Gegenden zerstreut worden sind, so leben doch gerade hier, im Staate New York, von denselben noch genug und führen als angesehene Männer unter den Amerikanern ein einträgliches, friedliches Dasein.«

Abwehrend und verächtlich schüttelte sie das Haupt.

»Seit sie ihren Tomahawk vergraben und den Glauben der Weißen angenommen, hat Omäneo, der große Geist, von ihnen sich abgewendet. Die Amerikaner haben den Fuß auf den Nacken der roten Männer gesetzt. Nicht Herren sind sie mehr in diesem Lande, nur erbärmliche Knechte!«

Tiefe Bitterkeit klang bei dieser Rede durch der Indianerin Stimme, während sie wie schützend den einen Arm um des Knaben Schulter legte und fort fuhr:

»Kinder eines Vaters – so lehrt das Christentum! Allein, sind wir das wirklich? Diese Frage drängt sich immer von neuem vor meine Seele. Ihr Deutschen befolget Gottes Gebot: ›Liebet euren Nächsten!‹ im schönsten, reinsten Sinne des Wortes, Ihr sehet in uns – den Farbigen – den Bruder. Nicht so der Amerikaner, dessen Brust der unbegründete, bittere Erbhaß erfüllt, ja der ungerecht und hart ist – oft bis zur Grausamkeit.«

»Und dennoch wählten Sie Ihren Wohnsitz mitten unter ihnen?« fragte ich, die Witwe des Irokesenhäuptlings betrachtend.

Sie deutete auf den Knaben.

»Es ist nur um seinetwillen! Iron Hand (die eiserne Hand) soll einst das reiche Wissen und die Gelehrsamkeit der weißen Männer mit dem Verstande und dem Mutterwitz seines Stammes verbinden. Meine Lebensaufgabe besteht einzig noch darin, seine Studien zu überwachen, für ihn zu arbeiten und das Vermögen, welches sein teurer, tapferer Vater ihm hinterlassen, zu verdoppeln – zu verdreifachen! Mein Sohn soll Medizin studieren,« setzte sie mit einem Blick voll Stolz und Zärtlichkeit hinzu.

Ich vermochte ein Lächeln nicht zu unterdrücken, und ihr scharfer Geist mußte meinen Ideengang erraten haben, denn sie sagte schnell:

»Nun ja! Ich selbst pfusche den Ärzten so ein klein wenig ins Handwerk. Mein großes Interesse an der Heilkunde hat mir schon manche trübe, einsame Stunde erhellt Ich schöpfe nur aus der Natur, kenne deren geheimnisvolle Kräfte, und meine Mittel helfen zuweilen besser, als die der hochgelehrten Herren dort drüben in der City.«

Freudig zustimmend nickte ich mit dem Kopfe. Einen Moment schaute sie mich scharf und prüfend an; dann rief sie lebhaft:

»Besuchen Sie mich, Sir! Ich sehe, Sie sind ein welterfahrener, edeldenkender Mann, der die Vorurteile des Kastengeistes von sich abgestreift hat, dessen Gesichtskreis unbegrenzt ist. Mit solchen Menschen verkehre ich gern; ihnen zeige ich mich auch von einer anderen Seite, als wie der übrigen Welt, die in Mary Powl nur ein halb verrücktes weibliches Original sieht. All right! Sie kommen?«

Mit wirklich anmutigen Bewegungen, jedoch ohne jede Spur von Koketterie, und mit herzgewinnendem Lächeln reichte sie mir die Hand entgegen.

»Gewiß, Madame! Mit dem allergrößten Vergnügen,« erwiderte ich, ihre Rechte herzlich drückend.

Diese Frau gefiel mir. Es lag so viel Urwüchsigkeit, so viel angeborene Vornehmheit in ihrem Wesen, nebenbei sprach aus jedem ihrer Worte Geist und tiefes Denken, so daß für mich in dem freundlichen Anerbieten ein eigener Reiz lag und ich mir interessante Stunden und Erinnerungen von diesem Besuche versprach. Mary Powl nannte mir ihre Adresse. Darauf schaute sie nach der im Sinken begriffenen Sonne und erhob sich.

»Und wie soll ich meiner gütigen Helferin aus jenem unerträglichen Zustande danken?« fragte ich, indem ich fast ehrfurchtsvoll den Hut vor ihr zog.

»Damit, daß Sie dieser Stunde ein Andenken bewahren, mein Herr!« war die ernste Antwort.

Sie nahm den Knaben wieder an die Hand, neigte leicht den Kopf und ging.

Tief gedankenvoll blickte ich der fremdartigen Erscheinung nach, bis der leuchtende weiße Mantel hinter dem Gebüsch verschwunden war. Der endlose Park breitete sich wieder totenstill vor mir aus. Die Spatzen – andere Vögel vermag dieser nicht aufzuweisen – hüpften zutraulich über den Weg, als ob, seitdem ich auf der einsamen Bank mich niedergelassen, nichts die feierliche Ruhe ringsum gestört hätte. Sollte ich die letzte halbe Stunde wirklich nur geträumt haben, oder war die reizvolle Scene einzig nur meinem erregten Geiste entsprungen? Auch die nüchterne Phantasie eines alten Junggesellen erlaubt sich zuweilen eine Verirrung. Plötzlich jedoch lachte ich herzlich auf. Die Zahnschmerzen – fort waren sie zweifellos; o Glück! Dieses wonnige Bewußtsein war kein Traum!

Ein eigentümliches, höchst prosaisches Gefühl in der Magengegend verscheuchte indes bald alle poesiereichen Gedanken. Jetzt verursachte mir die Aussicht auf ein gutes Diner ein angenehmes Behagen. Wer auch wollte mir das verdenken! War doch seit meiner Abreise aus Philadelphia kein Bissen über meine Lippen gekommen. – Eine halbe Stunde später saß ich bei Delmonico, und trotz aller Ehrfurcht und Hochachtung vor der weisen Einrichtung des Temperenzgesetzes stand eine Flasche »veuve Cliqot« vor mir im Eiskühler. Gern nahm ich am heutigen Tage solche Sünde auf mein Gewissen. Das erste Glas galt ihr. Es lebe Mary Powl, die Indianer-Squaw! –

Die Vormittagsstunden des nächsten Tages verbrachte ich mit planlosem Umherstreifen in der großen Hauptstadt der Union. Was mir darin am charakteristischsten dünkte, das war jenes Hinauf- und Hinunterhetzen – anders läßt es sich kaum bezeichnen – am Broadway. Weder in Paris noch in London ist mir derartiges Jagen je wieder vorgekommen. Millionen gewonnen – Millionen verloren – alles geschieht dort drüben in fast ängstlicher Hast! Wer das ganze bunte Bild vom objektiven Standpunkte aus betrachtet, dem erscheint es wirklich ergötzlich.

Endlich zeigte die Uhr die vierte Nachmittagsstunde – die Zeit, welche Mary Powl mir zum Besuche bestimmt hatte.

In einer ziemlich entlegenen Gegend – weit über die 8. Avenue hinaus – lag ihre Wohnung, und ich muß offen gestehen, daß eine gewisse Unruhe oder auch Neugierde mir die Pulse rascher schlagen ließ. Denn obwohl ich schon manches im Leben gesehen und kennen gelernt hatte – in die inneren Verhältnisse einer Indianer-Häuslichkeit war mein Blick noch nicht gedrungen. Einen Wigwam erwartete ich im Mittelpunkt der City of New York selbstverständlich nicht; allein ich konnte – mit Rücksicht auf Mary Powls Äußeres und deren romantisches Vorleben – auf außergewöhnliche interessante Entdeckungen schließen. Da sie ja von dem ererbten Vermögen ihres tapferen Gemahls gesprochen, so durfte ich annehmen, daß sie pekuniär in guten Verhältnissen lebe.

Die Hitze war aufs neue drückend, so daß ich mir ein Cab nahm, um rascher mein Ziel zu erreichen. Das Haus, wohin dasselbe mich führte, kam mir auf den ersten Blick allerdings nicht sehr elegant vor. Eines jener Tenement houses – oder wie wir es bezeichnen würden: eine Mietkaserne war es, wie dergleichen in New York Leute bewohnen, welche nicht in der Lage sind, für sich ein Haus allein zu mieten, es aber vorziehen, eigene Menage zu führen, anstatt sich bei anderen in board (Kost) zu geben. Immerhin deutete das Innere des Gebäudes auf große Sauberkeit und Accuratesse. Die Stiegen waren mit Wachstuch bekleidet und die Scheiben der hohen Flurfenster blitzten förmlich in der Sonne. Rasch entschlossen klopfte ich an die mir genau bezeichnete Thür, weil die Wohnung keinen verschlossenen Vorsaal nebst Klingelzug aufwies.

Im selben Augenblicke steckte auch schon ein wollhaariges Negermädchen den Kopf heraus und fragte mürrisch nach meinem Begehr. Ihr meine Karte überreichend, erwiderte ich, daß Mrs. Powl mich erwarte.

Schon nach wenigen Sekunden kehrte die Dienerin zurück und öffnete mir schweigend die Pforten des geheimnisvollen Tuskulums. Moderne Möbel – moderne Teppiche und Fenstervorhänge – boten sich meinen überraschten Blicken dar.

Den ersten Augenblick überkam es mich gleich einem Gefühl der Enttäuschung. Nichts, auch nicht der kleinste Gegenstand entsprach hier dem Bilde, das ich mir von dem home Mary Powls gemacht hatte. Fast ärgerlich ließ ich fast alles in dem Gemache Revue passieren. Also nur mit leeren Worten, und vielleicht mit den paar bunten Lappen, die ihre Toilette ausmachten, blieb sie dem Andenken an die einstige Berühmtheit ihres Stammes treu? Von einem Kultus hatte sie gesprochen, den sie mit den Erinnerungen an die ihr teure Vergangenheit trieb – und das geschah hier in dieser, der Erscheinung der Indianerin so gänzlich widersprechenden Umgebung? Alles Anziehende, jeder Reiz dieses Besuches ging für mich völlig verloren.

Sicher mußte ich demnach auch darauf gefaßt sein, sie selbst in moderner Toilette, mit einer unmöglichen Haarfrisur, das dunkle Bronzegesicht von einem Lockengekräusel umrahmt, erscheinen zu sehen! Lächerlich! Wie konnte ich doch nur so unüberlegt und einfältig sein, mich hier anlocken zu lassen? Möglicherweise lief die ganze Geschichte auf einen echt amerikanischen Humbug, eine fein angelegte Schwindelei hinaus! Die schlaue Person witterte sicher in mir einen grünen Deutschen. Wie oft hört und liest man doch von solch' gründlich gerupften Vögeln – von Mord – von unheimlichem Verschwinden in New York! Unwillkürlich drückte ich die Hand auf die auf meiner Brust ruhende Barschaft und schaute mich halb forschend, halb ängstlich um.

Das Negermädchen hatte das Zimmer wieder verlassen. Da erhob sich plötzlich ein schwerer, dunkler Thürvorhang und – Mary Powl stand genau im nämlichen Anzuge, wie sie mir im Parke begegnet, nur ohne den weißen Mantel, mir gegenüber. Ernst und ruhige Würde, dabei wieder jene kühl herablassende Vornehmheit, sprachen aus der ganzen Erscheinung. Ein Seufzer der Erleichterung entschlüpfte meiner Brust, und fast beglückt schritt ich ihr entgegen.

»Ich freue mich, daß Sie Wort gehalten haben, Sir!« sagte sie, mir näher tretend, mit dem monotonen, etwas schwermütigem Tonfall in der Stimme, indem sie mir, gleich einem alten Bekannten, die Hand reichte. »Ich habe mich viel mit Ihnen beschäftigt seit gestern und darüber nachgedacht, daß ihr Deutschen doch ein beneidenswert glückliches Volk seid!«

»Woraus schließen Sie das, Madame?« fragte ich lächelnd, voll Interesse das dunkle Gesicht anschauend, welches mir heute weniger eckig und in dem Momente, wo die brennenden Augen in Begeisterung flammten, eher anziehend erschien.

»O, ich lese ja Zeitungen!« rief sie, den Kopf selbstbewußt emporwerfend. »Sie sind Preuße? Ich kenne sie alle, eure großen tapferen Männer,« – fuhr sie lebhaft fort – »den greisen Kaiser William, Bismarck, Moltke! Das heißt, ich kenne ihre Namen auf dem Papier. In Wirklichkeit wird mein Auge sie wohl niemals schauen.«

»Das zu erreichen, liegt ja nur an Ihnen,« erwiderte ich verbindlich, den mit vornehmer Handbewegung mir angebotenen Platz einnehmend. Sie hatte sich gegenüber gesetzt und die schlanken braunen Finger im Schoß gefaltet. »Entschließen Sie sich zu einer Reise nach Berlin, Madame! Das würde Ihnen eine reizvolle Zerstreuung und Abwechslung gewähren.«

»Damit ich dann – nach meiner Rückkehr – mich um so unglücklicher in Verhältnissen fühlen würde, in denen zu leben ich doch angewiesen bin. O nein, Sir! So lange mein Sohn sein Ziel noch nicht erreicht hat, wanke ich nicht von diesem Platze.«

Ich mußte ihr beipflichten.

Darauf fragte sie mich nach meiner Lebensstellung und meinem Berufe, und als ich ihr gesagt, ich sei Schriftsteller, sah sie mich fast scheu und ehrfurchtsvoll von der Seite an und meinte befangen, sie hätte sich einen Mann der Feder ganz anders vorgestellt. Da mußte ich nun viel erzählen über deutsche Zustände und Sitten; über Litteratur und Geschichte sprachen wir, und ich gestehe offen, daß ihr, wenn auch nicht gerade reiches Wissen, so doch ihr richtiges Urteil, ihre Kenntnis von Dingen, die man ihr kaum zugetraut, mich wahrhaft überraschten. Freilich wohl zwangen mir die oft kindlich naiven Fragen hin und wieder auch ein Lächeln ab. Aber ich erinnerte mich dann schnell, mit wem ich die Unterredung führte. Jedenfalls stand dieselbe, was Originalität und Unterhaltung anlangte, keiner von jenen mit irgend einer deutschen Dame eingegangenen nach.

Auch Mary Powl erzählte mir von ihrer Kindheit und Jugend, von dem kurzen Glück ihrer Ehe, – daß ihr Gatte bei einem räuberischen Überfall eines feindlichen Stammes grausam erschlagen worden, und daß sie darauf mit ihren Landsleuten, mit der Menschheit, ja mit sich selbst zerfallen, der Heimat den Rücken gekehrt und nach New York übergesiedelt sei.

»Und hier führe ich nun seit fast zehn Jahren ein stilles, zurückgezogenes, mir zusagendes Dasein,« schloß sie den schlichten Bericht. »Mein home ist meine Welt, in der ich mich glücklich fühle.«

Wie das so natürlich war, flog mein Auge über die moderne Einrichtung des Gemaches, während ich die schüchterne Frage aufwarf, weshalb sie alles, was an das einstige romantische, abenteuerliche Leben der Vergangenheit gemahnte, daraus verbannt habe?

Sie lachte. Es war das erste und letzte Mal, daß ich diese Frau wirklich lachen hörte.

»So glauben Sie im Ernst, daß das durch Abhärtung und Entbehrungen aller Art gestählte Weib an die verweichlichte Lebensweise der Weißen sich gewöhnt habe, daß solcher Ballast« – sie deutete auf ein von schwellenden Kissen strotzendes Ruhebett – »ihr unentbehrlich geworden ist? Eine von der Kultur beleckte Indianer-Squaw – wäre das nicht eigentlich spaßhaft? Nein, mein Herr! Mit Leib und Seele, mit jeder Fiber meines Herzens hänge ich noch an alten Erinnerungen. Allein ich verschließe mein Teuerstes vor der Welt. Kein profaner Blick soll je mein Heiligtum erreichen! Dieses Zimmer hier bedarf ich zum Empfange von Leuten, mit denen ich ab und zu geschäftlich verkehre und in Verbindung komme, für die ich auch nur Mrs. Mary Powl bin, welchen Namen ich mir seit dem Fortgange aus meinem Heimatsthal gegeben habe. Doch hier« – in graziös behenden Bewegungen sprang sie empor und schlug den dunkeln Vorhang, durch den sie gekommen, zurück – »hier, Sir, ist mein wahres home! Ihnen zeige ich es; Sie sollen sehen, daß ich das warme Interesse, das Vertrauen, welches Sie mir bewiesen, zu schätzen weiß!«

Zögernden Schrittes war ich gefolgt und blickte nun in stummer Überraschung durch die offene Thür. Mit heiterem Gesichte weidete sie sich an meinem Staunen.

»Nun, ich bitte, treten Sie ein, Sir! In diesen Räumen begrüßt Sie die Witwe des Irokesenhäuptlings Onundega.«

Wir schritten beide über die Schwelle.

Jetzt wußte ich, daß jedes Wort, was Mary Powl von ihrer Vergangenheit mir erzählt, lautere Wahrheit war, daß jeder noch so kleine Verdacht wider sie, der eben noch in meiner Seele Platz gefunden, eine bittere Ungerechtigkeit, ja, eine Kränkung für sie gewesen.

Der Raum, in welchem wir jetzt standen, glich in der That der Vorstellung, die ich in meinen Knabenjahren von dem Wigwam eines Indianerhäuptlings mir vielleicht gemacht. Eine von grobem, eigenartig gewebten, blaubemalten Stoffe, in der Mitte der Decke angebrachte und an den Wänden niederhängende Draperie war geschickt und kunstgerecht zu einer Art Zelt verarbeitet, so daß die Seite, wo die Fenster sich befanden, ebenfalls verhangen blieb, weshalb sich nur ein mattes, angenehmes Dämmerlicht über den nicht großen Mittelraum verbreitete. Jeder Gegenstand dieses wunderbaren Gemaches trat klar und scharf ins Auge, und jeder Blick sagte mir, daß hier Mary Powl in ihrem Elemente, in ihrem eigentlichen home sei.

Ihr kurz befehlender Wink nach der einen Ecke bedeutete den dort am Boden kauernden, anscheinend lesenden Knaben aufzustehen und mich zu begrüßen. Mit dem Buche in der Hand kam er leise herangeschlichen und schaute schüchtern zu mir auf.

Liebkosend strich ich ihm über das schlichte, lange tiefschwarze Haar und fragte, was er denn so fleißig studiere? Mit stolzem Augenaufschlag erwiderte er:

»Latin, Sir!«

Dann hüpfte er wieder behende in seinen Winkel, schlug aufs neue das Lexikon auseinander und nahm anscheinend keine Notiz mehr von uns.

Währenddessen stand, den einen Arm an die schlanke, doch kräftige Hüfte gestemmt, die Indianerin neben mir und verfolgte mit einem Ausdruck von Befriedigung im Gesichte meine sich immer steigernde Verwunderung.

An der einen Längenwand des Zeltes, dicht über dem Haupte des Knaben, hingen die einstigen Waffen, Schild, Speer und Bogen, wie der phantastische Kopfschmuck mit der wehenden Adlerfeder (dem Abzeichen des Häuptlings) ihres heimgegangenen Gemahls. Verschiedene indianische Gerätschaften oder Handwerkszeuge, deren Zweck und Nutzen mir im ersten Augenblicke nicht recht klar war, bildeten eine originelle, malerische Verzierung um die mit sichtlicher Pietät gehüteten und bewahrten Überbleibsel einer kurzen, jedenfalls ruhmvollen Kriegerlaufbahn. Und weiter – mein Auge irrte neugierig über hundert mir völlig unbekannte Dinge hinweg. Hier lagen Jagd- und Kriegstrophäen des stolzen Onundega, ausgestopfte Tiere und Vögel, Köcher und Pfeile, wie auch seltsamer Federschmuck, dort Sattel- und Zaumzeug seines Lieblings- oder Streitrosses neben den primitiven Toilettenartikeln eines besiegten Feindes. Aber – was war das? Mein Blick war plötzlich auf etwa sieben bis acht ganz unheimliche Gegenstände gefallen, die in Manneshöhe, an einem starken Hanfseile aufgereiht, gleich gefangenen Krammetsvögeln im Dohnenstrich, herabhingen.

Ein leises Gruseln lief mir über den Rücken und ich fühlte die einstigen Haare meines jetzt kahlen Schädels sich sträuben. Skalpe – wahrhaftige, Original-Skalpe, je nach der Nationalität derselben mit langen oder kurzen Haaren bedeckt und an ihnen zusammengebunden, baumelten da als Siegestrophäen über meinem Haupte und mußten einem deutschen Herzen wohl begreifliches Unbehagen einflößen.

Unwillkürlich wandte ich das Gesicht rasch nach einer anderen. Mary Powl gewahrte es und führte mich mit feinem Takt schnell zur entgegengesetzten Seite des Gemachs, wo eine in der That auserlesene Waffen- und Gewehrsammlung mein Interesse bald völlig in Anspruch nahm.

Es gab in Mary Powls home überhaupt so viel Merkwürdiges zu schauen, daß wohl Tage dazu gehörten, alle die sehenswerten Dinge mit Ruhe und Verständnis betrachten zu können. Etwas indes nahm meine Aufmerksamkeit besonders gefangen. Dieses war ein höchst eigentümliches, primitives Lager. Auf einer Art Erhöhung nämlich, von Matten und Bärenfellen zusammengestellt, halb verdeckt von einem blauweißen Vorhange (blau ist die Lieblingsfarbe der Indianer), befand sich die Schlafstätte dieser sonderbaren Frau, und ich dachte dabei unwillkürlich ihrer Worte: daß das an Abhärtung und Entbehrungen gewöhnte Weib sich mit der verweichlichten Lebensweise der Weißen nicht befreunden könne.

Also hier schlummerte Mary Powl, hier träumte sie vom einstigen Glück und Ruhm – von der hoffnungsvollen Zukunft ihres Knaben! Hier, umgeben von Waffen, die noch das Blut der Feinde rötete, umgeben von menschlichen Skalpen, – hier fand sie Ruhe nach des Tages Lasten! Ländlich – sittlich! Ich hätte mein bequemes Bett im lieben Deutschland mit dieser Lagerstätte sicher nicht vertauschen mögen.

Viel gesprochen oder gar bewundert und gelobt habe ich nicht, während wir miteinander einen Rundgang durch den hochinteressanten Raum machten. Das dünkte mir in dieser Stunde abgeschmackt und einer Mary Powl unwert. War doch ihr Gesichtsausdruck tiefernst, als riefen all' die Gegenstände tausend schmerzliche Erinnerungen wach. Jedes leere Wort erschien mir daher gleich einer Verletzung ihrer innersten Gefühle.

Doch plötzlich lächelte sie wieder, indem sie mich aufforderte, sie in das viel kleinere Nebengemach zu begleiten. Dieses war, ähnlich dem ersteren, geschmückt und aufgeputzt und diente augenscheinlich ihrem Sohne als Schlafzimmer, ihr selbst jedoch als eine Art Laboratorium. Wunderliche Gefäße, Retorten und Phiolen standen dort auf rohgezimmerten Bänken und Borden umher. Auf dem kleinen Herde dampfte und brodelte es auch, und große Bündel Kräuter und Pflanzen hingen, sorgsam zusammengebunden, von der Decke herab.

Was aber in diesem Zimmer mir noch bemerkenswert vorkam, das war eine ganz prachtvolle amerikanische Safe (eiserner Geldschrank) neuester Konstruktion, an welche Mary Powl nun herantrat. Sie entnahm daraus mehrere kleinere Fläschchen, welche sie mir heiter entgegenreichte mit dem Bemerken, daß das eine vorzüglich gegen Migräne, jenes unfehlbar zur schleunigen Beförderung des Haarwuchses diene.

Mechanisch glitt meine Hand über meine recht bedenkliche Glatze. Allein ich dankte ihr herzlich für diesen feinen Wink, indem ich erwiderte, daß ich zugleich mit dem Schmucke des Hauptes auch meine Eitelkeit abgelegt hätte, ja, daß ich mir lächerlich vorkommen würde, wollte ich plötzlich wieder mit wallenden Locken im Kreise der heimatlichen Freunde erscheinen; im übrigen glaube ich an die Unfehlbarkeit ihrer Mixturen. Zögernd indes setzte ich hinzu, daß, wenn sie mir einige Tropfen jenes wunderthätigen Mittels gegen die Zahnschmerzen geben wolle, so würde ich das mit größtem Danke annehmen. Gutmütig nickte sie und holte geschäftig das Wundermittel, welches mich von peinigender Qual befreit, mir zugleich aber diese interessante Bekanntschaft vermittelt hatte, aus der Safe. Wie eine kostbare Reliquie bewahrte ich dieses Geschenk auf meinem Busen.

»Hier, Sir!« sagte sie darauf, die Thür des Schrankes weit öffnend und mich näher heranwinkend. »Schauen Sie einmal da hinein und sagen Sie mir, ob Mary Powl nicht gut und haushälterisch für ihren Sohn gewirtschaftet hat? Das eine habe ich von den Amerikanern profitiert und gelernt – das Rechnen und Spekulieren.«

Überrascht glitten meine Blicke über den Inhalt des Geldschrankes, und in diesem Momente schämte ich mich wirklich im stillen meiner unedlen, garstigen Gedanken, die ich, bevor die Indianerin eintrat, über dieselbe in dem tiefsten Winkel meines sonst vertrauenden Herzens gehegt hatte.

Dort lagen Wertpapiere, Staats- und Eisenbahn-Obligationen neben aufgetürmten Rollen Zwanzig-Dollar-Goldstücken. Auch Häufchen Goldkörner und unregelmäßige Klümpchen dieses edeln Rohmetalls gewahrte ich und wurde immer mehr durchdrungen von der Überzeugung, Mary Powl sei nicht allein eine interessante, anziehende sondern auch sehr vermögende Frau, welche – nach europäischen Begriffen – sich ihr Leben hätte ganz anders gestalten können.

»Ich staune über Sie, Madame!« konnte ich nicht unterlassen, in vollster Bewunderung auszurufen. »Gute Mutter, tüchtige Geschäftsfrau und ein mutiges, unerschrockenes, stets hilfsbereites Weib, – das vereint sich selten in einer Person und verdient die höchste Anerkennung, welche jeder Ihnen zollen muß!«

Wieder huschte jener Ausdruck von innerer Befriedigung über ihr dunkles Gesicht und sie entgegnete dann fast traurig:

»Hier ernte ich nur Undank, wie unüberwindliches Mißtrauen, welches sich an meine Fersen zu heften scheint, und es mir gar oft erschwert, die menschenfeindlichen Gefühle und Regungen des Busens zu bekämpfen. Doch lassen wir das!« setzte sie abwehrend hinzu. »Wir beide ändern das nicht. – Jetzt kommen Sie wieder hinüber in mein Parlour und nehmen einen kleinen Imbiß, Sir!«

Mir rasch voranschreitend, öffnete sie die Thür des vordersten Gemaches. Noch einen letzten Blick sandte ich über Mary Powls home, dann folgte ich ihr hinaus.

Das uns entgegenstrahlende grelle Sonnenlicht, verbunden mit dem Anblick der modischen Zimmereinrichtung wirkte auf mich beinahe, als wäre ich von einer Wanderung durch ein Märchenland in die Wirklichkeit zurückgekehrt. Noch halb wie traumbefangen starrte ich auf das Negermädchen, welches sich eben damit beschäftigte, Wein, Früchte und feines Backwerk auf einem Tische zu ordnen und für uns bereit zu stellen.

Aufs neue betrachtete ich gedankenvoll und kopfschüttelnd das elegante Porzellan-Service und Glasgeschirr, welches im entschiedensten Widerspruche stand zu allem, was ich soeben geschaut hatte.

»Wir führen einen echt amerikanischen Haushalt,« sagte Mary Powl, meinen Ideengang erratend, mit feinem Lächeln, indem sie mir eine Platte köstlicher Bananen darbot. Ich nahm eine dieser aromatischen Früchte.

»Meine kleine Sally« – sie deutete nach der Thür, durch welche die Negerin uns verlassen – »ist die Lehrmeisterin, ich bin die Schülerin in der höhern Kochkunst; und so geht das wundervoll von statten. Was mir anfänglich schwer und ungewöhnt ist, das überwinde ich schnell bei dem Gedanken, daß ich Iron Hand ein Opfer bringe. Die Verhältnisse, in denen sein späteres Leben dahinfließen wird, bedingen sorgfältige Erziehung. Einst wird er seiner Mutter das danken. O, Sie sollten nur sehen, – er speist mit Messer und Gabel wie ein junger Gentleman!«

Ungefähr noch eine halbe Stunde verweilte ich in anregendem Gespräch mit der originellen Frau; dann erhob ich mich. Zwei volle Stunden hatte ich bereits in ihrer Gesellschaft zugebracht und ich mußte nun gestehen, daß der Abschied von Mary Powl mir nicht leicht wurde. Der weite Ozean mußte uns ja gar bald für immer trennen. Ob ich – in ihrer Sprache zu reden – das große Wasser noch einmal durchschifft hätte, um sie wieder zu sehen, wenn ich zwanzig Jahre weniger zählte? Wer weiß es! Jedenfalls wußte ich heute genau, daß dies ein Abschied fürs Leben war.

Die Worte, die ich dabei gesprochen, mögen wahrscheinlich recht nichtssagend und abgeschmackt geklungen haben, indem es nämlich eine Eigentümlichkeit von mir ist, daß ich, je tiefer innerlich eine Sache mich berührt, äußerlich desto linkischer und trockener werde. Vom Tragischen zum Lächerlichen ist bekanntlich nur ein Schritt! Das sollte jeder bedenken, der einmal in reiferen Jahren von einer kleinen Gefühlsanwandlung übermannt wird – umsomehr, da sie selbst, die Witwe des Irokesenhäuptlings, die freie Tochter der Natur, die Frau ohne höhere Erziehung und Bildung, mir gegenüber keinen Finger breit aus den Formen edler, züchtiger Weiblichkeit herausgetreten war. Taktlos und indiskret wäre es daher gewesen, hätte ich mit Blicken oder banalen Redensarten verraten wollen, daß sie mich aufs Lebhafteste interessiere, daß ich wirkliches Gefallen an ihr fand.

Einen Moment hielt sie meine Hand fest in der ihren und schaute mich mit den brennenden Augen an. Der Knabe war gleichfalls herangetreten und lehnte sich, zärtlich angeschmiegt, an die Mutter.

»Ich danke Ihnen für reizvolle, genußreiche Stunden, Sir!« sagte sie in ihrer schlichten, ruhigen Weise. »Nur selten wird mir das Glück zu teil, mich frei von der Seele herunter aussprechen zu können. Liegt doch der Trieb, ja das Bedürfnis hierzu in jeder Menschenbrust. Lange werde ich über alles, was Sie mir erzählt, nachdenken und weise Lehren daraus schöpfen für Iron Hand.«

Einige Sekunden legte ich meine Rechte auf des Knaben Haupt und fragte:

»Du willst ein kluger Mann – ein berühmter Arzt werden und Deiner Mutter treue Liebe und Fürsorge für Dich einst hundertfach vergelten – nicht wahr, mein Junge? Sie verdient es im reichsten Maße!«

Ein strahlendes Aufblitzen der dunklen Kinderaugen gab mir Antwort.

So schieden wir. – – –

Jahre sind seitdem dahingezogen. Aber noch oft und gern verweilen meine Gedanken drüben in der großen Empire City Amerikas bei Mary Powl.

Die kleine Flasche, welche sie mir damals mitgegeben, hat noch manchmal ihre wunderthätige Kraft bewährt, sowohl an mir selbst, als auch an anderen. Stets hat es mir Freude gemacht, im edlen Sinne der gütigen Spenderin zu wirken und zu helfen. Jetzt ist sie längst geleert.

Wenn indes einer meiner verehrten Leser oder Leserinnen sich zu einer interessanten Reise über das Meer und nach New York entschlösse und drüben von Zahnschmerzen geplagt werden sollte, so rate ich dringend, nicht zu versäumen, sich auf eine einsame Bank im entlegendsten Teile des Zentralparks niederzulassen. Vielleicht – ich sage nur vielleicht – begegnet ihm dort meine Freundin Mary Powl, die Indianer-Squaw. Ihre Adresse darf ich diskretionshalber nicht verraten.

Ob sie noch lebt? Ob Iron Hand ihren stolzen, gerechten Hoffnungen entsprochen haben wird? –

Ich habe von beiden niemals wieder etwas vernommen.

Explore with AITake your curiosity a little further.

Reading settings