Licht.
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Weit draußen am äußersten Ende von Williamsbourgk, einem Stadtteile Brooklyns, dort, wo die Straßen- und Häuserreihen bereits durch ausgedehnte Wiesenflächen und üppige Obstplantagen unterbrochen werden, so daß die Bezeichnung »Stadt« daselbst eigentlich nicht mehr zutreffend erscheint, weil die Gegend schon allmählich den Charakter des Ländlichen annimmt – dort steht eine Reihe allerliebster, hüttenartiger Häuschen, deren Gesamtheit, wegen der Zierlichkeit und Gleichheit der Gebäude, im Volksmunde »Dolly Ward (Puppenfestung)« benannt wird. Diese Miniaturvillen, eine aufs Haar genau so wie die andere, mußten unzweifelhaft aus der Hand desselben Baukünstlers hervorgegangen sein, der sie, wohl mehr um einer flüchtigen Laune zu genügen, als um praktische Behausungen zu schaffen, aus der Erde hervorgezaubert haben mochte.
Jedes der Häuschen war mit einem niedlichen Vorgärtchen, einer Art Veranda, worauf die Hausthür mündete, und einer grün angestrichenen, hölzernen Treppe versehen, deren Geländer ein fast elegant zu nennendes Schnitzwerk auswies. Das Innere einer solchen Villa bestand aus nur zwei größeren Zimmern im ersten Stock, sogenannten Parlours, drei Mansardenstübchen und der großen hellen Küche im Basement (Souterrain).
Merkwürdigerweise stand nur äußerst selten ein Häuschen der Dolly Ward zu vermieten. Die meisten derselben befanden sich schon seit vielen Jahren in festen Händen, was ihr Äußeres auch fast durchweg verriet. Die Gärtchen zeigten sich auf das sorgsamste gepflegt, ihre schmalen Gänge waren mit rotem Kies bestreut, während verschiedenes feines Strauchwerk die etwas primitiven Staketenzäune, welche die Grundstücke von der Verkehrsstraße trennten, verdeckte und dadurch eine Art hübsche lebende Hecke bildete. Rosen und andere duftende Blumen erfreuten im Sommer das Auge der Vorübergehenden, und die stets blitzblank geputzten Fensterscheiben und sauberen Gardinen vollendeten den guten Eindruck, den diese Villen auf den Fremden ausübten.
Die Bewohner von Dolly Ward, zum Teil bejahrte Leute, welche sich nun ins Privatleben zurückgezogen hatten, zum Teil Angestellte großer Geschäfte von Brooklyn und New York, welche ihrer Familie wegen die bei weitem billigeren und gesünderen Wohnungen hier draußen dem Geräusch und dem Staube der Großstadt vorgezogen, und einige alte Fräuleins, welche Pensionäre hatten, bildeten eine förmliche feste Clique, so daß auf Dolly Ward jeder neue Ankömmling anfänglich allseitigem Mißtrauen begegnete.
Im Anfang des Frühlings 188. war Mr. Holstein, der deutsche Eigentümer des Häuschens Nr. 9, plötzlich gestorben und bald darauf hatte seine Witwe den guten Bekannten von rechts und links Lebewohl gesagt, weil sie ihren Aufenthalt fortan nach Jersey City zu einer verheirateten Tochter zu verlegen gedachte. Mr. O'Reilly, der Nachbar zur Rechten, welchem die alte Dame vor ihrem Scheiden die vorteilhafte Vermietung ihres Besitztums noch recht eindringlich ans Herz gelegt hatte, hing eigenhändig die weiße Tafel zum Fenster hinaus, auf welcher mit großen Lettern zu lesen stand: »to let.«
Etwa vier Wochen lang zerbrach man sich in Dolly Ward die Köpfe, wer wohl seinen Weg hier heraus nach dem entlegenen Teile von Williamsbourgk nehmen würde, denn die guten Leute der kleinen Villenkolonie waren äußerst exklusiv und fürchteten begreiflicherweise das Niederlassen des ersten besten Rowdy in ihrer friedlichen Ansiedelung. Da verkündete Mr. O'Reilly eines Morgens einer wißbegierigen Dame, daß des seligen Holsteins Häuschen vermietet worden sei und die neuen Bewohner, in Gestalt von Mutter und Tochter demnächst schon eintreffen würden. Das gab natürlich viel zu reden. Allein auf alle an ihn gerichteten Fragen vermochte Mr. O'Reilly keine weitere Auskunft zu geben, als daß beide Damen respektabel aussähen und gebildet schienen.
Vier Tage später war die kleine Villa von den neuen Bewohnern bezogen. »Wer mag das wohl sein? Weshalb kommen Leute, die solch eine Masse von eleganten Möbeln mit sich führen, hier heraus? Die Geschichte gefällt uns nicht – das hat sicher noch einen Haken!« So flüsterte man sich gegenseitig zu nach dem Eintreffen von Mrs. Northland und ihrer schönen Tochter auf Dolly Ward. Nachdem jedoch zwei und drei Monate ins Land gegangen und die beiden Damen trotz ihrer großen Zurückhaltung bekannter geworden waren, fing man an, sie gerade um ihrer Zurückhaltung und vornehmen Würde willen mit anderen Augen anzusehen, und nun sagten die Nachbarn von rechts und links unter sich: »Feine Leute sind es offenbar, das bezeugt ihr ganzes Auftreten, allein – wovon leben sie?«
Nach amerikanischen Begriffen hat das Wort »Arbeit« die höchste und ehrendste Bedeutung und nur der gilt als angesehen, welcher auf irgendwelche ehrliche Weise durch eigene Arbeit sein Brot erwirbt. Die reichen Leute arbeiten aus angeborener und anerzogener Lust zum Schaffen, die Unbemittelten, um reich zu werden – Müßiggang giebt es in den Vereinigten Staaten nicht und wer sich ihm hingiebt, hat Mißtrauen zu fürchten über die Art, durch die er sich seinen Lebensunterhalt erwirbt. Da nun Mrs. Northland und ihre Tochter, außer einer gelegentlichen Fahrt nach New York, keine besondere Beschäftigung zu haben schienen, so war das selbstverständlich auch ein Grund, sich über die seltsame Lebensweise der beiden Damen aufzuhalten. Dessenungeachtet hatten die Fremden es verstanden, sich bald die Achtung und Teilnahme der Bewohner von Dolly Ward zu erwerben. Wer auch hätte dem freundlich sanften Wesen der Mutter, wer dem bezaubernden Augenaufschlag der Tochter zu widerstehen vermocht? So schroff und absprechend auch anfangs über die beiden Frauen geurteilt worden war, jetzt bemühte sich jeder, ihnen Gefälligkeiten zu erweisen, wenn auch ein näherer Verkehr nicht in den Wünschen der Damen zu liegen schien.
Außer Mr. O'Reilly, dem jungen Advokaten, welcher in Goldsmiths Office in Brooklyn arbeitete und hier bei der alten Miß Colnay Pensionär war, außer diesem hatte noch keiner der Bewohner von Dolly Ward Mrs. Northlands Schwelle überschritten, und auch sein Verkehr mit den beiden Damen beschränkte sich nur auf einige geschäftliche Besuche, die O'Reilly der neuen Mieterin als Verwalter des Holsteinschen Grundstücks zu machen hatte. Es schien auch durchaus nicht in deren Absicht zu liegen, mit irgend jemand näher bekannt zu werden. Bei Begegnungen grüßte man untereinander, sprach gelegentlich einige Worte über den Gartenzaun, das war alles.
Im allgemeinen galt Mr. O'Reilly als wortkarger Mann; seit er jedoch die Bekanntschaft der Fremden gemacht, gab es dennoch einen Punkt, der seinen Mund überfließen machte: das war, wenn er von Mrs. Northland und deren Tochter sprach und in Lob und offener Bewunderung über beide sich erging. Durch ihn wußte es auch bald jedermann in Dolly Ward, daß diese Damen eine ganz ungewöhnliche Bildung, sowie die feinsten Umgangsformen besäßen und daß, obwohl Miß Grace Northland alltäglich mit einem Körbchen am Arm die Einkäufe bei Fleischer und Kaufmann selbst machte, die jetzige Einrichtung von Nr. 9 derjenigen einer Lady der V. Avenue von New York gleichgestellt werden konnte.
An einem regnerischen Junitage, um die sechste Abendstunde, trat Miß Grace, eine schlank gewachsene Brünette, mit kühn geschwungenen Augenbrauen und herbgeschlossenem, ausdrucksvollem Munde, dessen Linien sowohl starke Willenskraft wie auch Unerschrockenheit bekundeten, nach einem Ausgange durch die Verandathür in das vordere der beiden Parlours und schaute sich sichtlich befremdet darin um: »M'ma! Mama!«
Keine Antwort erfolgte – das junge Mädchen stellte daher den Regenschirm rasch beiseite und eilte nach dem zweiten, nach der Rückseite des Häuschens gelegenen, kleinen Salon, welcher von dem ersten nur durch eine schwere, moosgrüne Portiere getrennt war.
»M'a!«
Auch hier zeigte sich niemand. Und doch wußte Grace, daß die Mutter Tag für Tag an dem nach der Straße gelegenen Fenster saß und die Tochter, wenn sie von ihren kurzen Ausgängen heimkehrte, regelmäßig an diesem Plätzchen erwartete. So lange man auf Dolly Ward wohnte, war dies geschehen und heute nun zum erstenmale vermißte sie die teure Gestalt an dem gewohnten Platze.
Ein banges Gefühl beklemmte die Brust des jungen Mädchens. Rasch sprang sie die Treppe zum oberen Stockwerk hinan und öffnete die Thür des gemeinsamen Schlafgemachs – dort saß Mrs. Northland und schien, über ein weißes Papier gebeugt, zu schreiben. Sobald die ältere Dame jedoch der schnell Eintretenden ansichtig wurde, schrak sie leicht zusammen und sagte halb verlegen, die Hand über das vor ihr liegende Schriftstück breitend:
»Wie, schon zurück, mein Kind? Ich habe Dich noch nicht erwartet.«
»Eben das befremdet mich, Mama, was thust Du hier allein?«
Mit diesen erregt gesprochenen Worten eilte Grace auf die Mutter zu und umschlang sie mit fast ungestümer Zärtlichkeit. »M'a, geliebte M'a, Du verbirgst etwas vor mir, Du willst etwas thun, was ich nicht wissen soll. O warum das? Haben wir bisher nicht alle Sorgen und Mühen miteinander geteilt?« Ein wahrhaft rührender Ausdruck lag jetzt über den schönen Zügen der jungen Sprecherin.
»Grace!« Die ältere Dame suchte ein Schluchzen zu bekämpfen, »o Grace, es kann ja so nicht weiter gehen.«
»Es darf nicht, Mama, Du leidest physisch und seelisch darunter, das habe ich Dir schon oft gesagt, und deshalb werde ich Abhilfe schaffen. Ich muß es schon um Deinetwillen thun,« entgegnete das junge Mädchen mit fester Stimme.
»Nein, nein, nur das nicht! Du sollst nicht hingehen in die großen Geschäfte, wo all' die tausend von jungen Mädchen als Verkäuferinnen angestellt und von früh bis spät in jenen Tretmühlen beschäftigt sind – nimmermehr! Mein Stolz würde das nie ertragen lernen. Lasse mir doch diesen Stolz – er ist das einzige, was von allem Glanz und Schimmer der schönen Vergangenheit mir geblieben ist,« schluchzte Mrs. Northland unter heißen Thränen.
»Es giebt aber doch auch noch andere Wege, uns einen genügenden Unterhalt zu verdienen,« gab Grace unbeirrt zurück.
»Du meinst als Lehrerin, mein Kind! Gewiß – diese Damen werden gut bezahlt, allein, ob wir auch an Deine Erziehung viel gewendet haben, so bist Du für diesen Beruf doch noch nicht ausgebildet genug und müßtest noch einmal mit Deinem Studium von vorn beginnen, was einige Jahre beanspruchen – nein, mein Kind, auch das will ich nicht. Welchen Demütigungen und Versuchungen wärest Du in einer solchen Stellung ausgesetzt!« fügte Mrs. Northland hinzu, ihre Wange zärtlich an die der Tochter schmiegend.
»Aber, was willst Du denn thun, Herzens-Mama, hast Du denn einen anderen Plan?« fragte das junge Mädchen eindringlich, indem sie das mit Zahlen bedeckte Papier auf dem Tische prüfend musterte.
Die Antwort ließ eine Weile auf sich warten, dann kam es zagend über der Mutter Lippen: »Ich glaube, daß unsere Einrichtung, das bißchen Silber dazu genommen, noch ein recht leidliches Sümmchen repräsentiert. Nach meiner Zusammenstellung des Ganzen ergiebt sich – schlecht gerechnet – ein Ertrag von 2300 Dollars. Damit könnte ich vielleicht – irgend ein – bescheidenes Geschäft beginnen, das uns wenigstens vor Not schützte. Niemand kennt uns in New York – wer ahnt in mir die Witwe des Millionärs und Eisenbahnkönigs Frederik A. Northland aus St. Louis, dessen Name ehedem im Westen einen solch' bedeutungsvollen Klang gehabt?! Nicht Du, mein Liebling, sondern ich muß mich aufraffen aus dieser lähmenden Apathie und für unsere Zukunft sorgen!«
»Nein, um Gotteswillen, nein, wenn Du mich liebst, Mama, so schweige von solchen Dingen,« rief Grace fast leidenschaftlich, »Du, die schöne, vornehme Frau Dich erniedrigen, hinter dem Ladentische zu stehen – entsetzlich! Du Dich von Deinen lieben Sachen trennen, wo jedes Stück Dich an das frühere Glück und den teuren Vater erinnert! Das undankbarste Geschöpf unter der Sonne müßte ich sein, wollte ich das zulassen. Wozu bin ich jung und kräftig. Nein, Mama, daraus wird absolut nichts!« Jetzt hatte das junge Mädchen sich zur vollen Höhe emporgerichtet, wobei ein Ausdruck von Energie und Mut aus den schönen Augen leuchtete.
»O Gott, daß es dahin kommen mußte! Wenn er, Dein Vater, noch lebte, es stünde besser mit uns, und wie gern wollte ich auch Not und Sorgen mit ihm teilen!« weinte leise die beklagenswerte Frau.
»Der Himmel hat ihm dieses Schwerste erspart, das muß uns trösten, M'a,« sagte die Tochter weich.
»Als wir hier ankamen, Grace, glaubten wir uns beinahe reich mit der kleinen Summe, die wir mitbrachten – nun ist sie fast ganz zusammen geschmolzen! Ich habe nie gedacht, daß die täglichen Bedürfnisse des Lebens soviel Geld verschlingen könnten. Dabei steht der Quartalswechsel vor der Thür und die Miete soll an Mr. O'Reilly bezahlt werden. – Ach, ich werde ihn wohl bitten müssen, uns den Betrag für einige Wochen zu stunden.«
»Nimmermehr, Mama! Nur keine Gefälligkeit von diesem Manne, es wäre mir schrecklich – erdrückend!« wehrte Grace mit auffälliger Hast ab. Prüfend schaute ihr die Mutter ins Gesicht und sagte bedeutsam:
»Er ist kein übler Mann. Seine Manieren sind tadellos und neben einem guten Einkommen scheint er ein redliches gutes Herz zu besitzen. Nicht ohne Grund sucht er uns verlassenen Frauen öfters auf – hast Du daran schon gedacht, mein Kind?«
»Er ist mir unsympathisch, Mama! Bitte, erwähne seiner gegen mich nie mehr in dieser Weise, ich könnte Mr. O'Reilly sonst nicht mehr unbefangen und freundlich begegnen,« gab Grace unwillig und in ernstem Tone zurück. Mrs. Northland seufzte und schwieg, worauf beide Damen langsam nach der unteren Etage hinabstiegen.
Da die Dämmerung eingetreten war, so brachte das junge Mädchen die Lampe, welche sie alsbald mit großer Geschicklichkeit in Brand setzte. Ein intensives Licht beleuchtete jetzt das mit feinem Geschmack ausgestattete Gemach, so daß jeder Gegenstand darin erkennbar war. Die Mutter, welche mit sichtlichem Vergnügen den flinken Bewegungen der auffallend schönen Hände ihres Kindes zugeschaut hatte, sagte plötzlich lächelnd:
»Wie Du doch diese wenig anmutende Arbeit verstehst und graziös verrichtest, mein Liebling! Ich habe niemals, auch in jener Zeit, als viele Diener mir zur Verfügung standen, solche hell und klar brennende Lampe gehabt, wie jetzt, wo mein teueres Töchterchen sich dieser Mühe eigenhändigst unterzieht!«
»Ich bin auch stolz darauf, Mama, weil ich mir sage: Arbeit schändet nicht,« versetzte Grace heiter.
»Nein, gewiß nicht, aber, ganz abgesehen von Deiner Opferwilligkeit, Du hast wirklich ein großes Talent dafür.«
Bei diesen harmlosen Worten hob das schöne Mädchen die langen, dunklen Wimpern und sah der Sprecherin einige Sekunden starr und nachdenklich ins Gesicht. Eine schärfere Beobachterin, als Mrs. Northland war, würde wahrgenommen haben, daß es zugleich wie ein blitzartiges Aufleuchten über die regelmäßigen Züge glitt.
Als nach einer halben Stunde die Damen am Theetisch saßen, der in seinem zierlichen Arrangement von gutem Porzellan und einigen wertvollen Stücken Silbergerät nur zu deutlich verriet, daß die Dasitzenden einst bessere Tage gesehen, erschien Grace merklich einsilbig und zerstreut. Abermals seufzte die Mutter still für sich und beobachtete mit Wehmut und Trauer, aber verstohlen des einzigen Kindes liebes Angesicht.
Am nächsten Morgen fuhr Grace, kleine Einkäufe vorschützend, hinüber nach New York. Pünktlich nach drei Stunden, wie sie es versprochen, kehrte sie auch zurück, doch konnte das junge Mädchen es jetzt nicht unterlassen, der Mutter eine Mitteilung zu machen. Halb verlegen, halb freudig schlüpfte die geheimnisvolle Enthüllung über die rosigen Lippen, daß sie Hoffnung hege, vielleicht einen kleinen Verdienst zu bekommen.
Aufs höchste erschreckt, starrte Mrs. Northland der Erzählerin ins Gesicht, indem sie darauf noch einmal alles schon unzählig oft Gesagte wiederholte und das junge Mädchen himmelhoch beschwor, sich nicht als Ladenmädchen zu verdingen. Aber Grace beruhigte die erregte Frau insofern, daß diese Aussicht auf einen Erwerb bisher nur in einer Annonce bestände, die sie in den »Herald« habe einrücken lassen und worüber sie die Mutter aufklären wolle, sobald man darauf geantwortet haben würde. Unter einer Chiffre habe sie Briefe, Hauptpostamt restante New York erbeten. Der flehende und zugleich so mädchenhafte reine Ausdruck in Graces Augen bekämpfte die im Herzen der bekümmerten Frau aufsteigenden Zweifel und damit war diese Sache fürs erste abgethan. –
Im Speisesaale eines hocheleganten Privathauses der V. Avenue in New York befanden sich eine ältere, aber noch immer sehr wohl konservierte Dame, welche, den »Herald« in der Hand, am Fenster saß, und ein junger auffallend hübscher Mann von vielleicht neunundzwanzig Jahren, der sich mit seinem Frühstück beschäftigte.
»Welch' seltsame Annonce! Bitte, höre mir einmal zu, Anthony, Hahaha!«
»Ja, sofort, Mutter! Erlaube nur, daß ich noch dieses halbe Ei verzehre, dann stehe ich zu Deinen Diensten.«
»Das ist wirklich originell, hahaha!« – Abermals tönte das helle Lachen nach dem Sprechenden hinüber.
»So, nun, was ist denn da so spaßig, Mutter.«
Der Gerufene war jetzt näher getreten und zog sich einen Stuhl dicht an die Seite der stattlichen Frau. Diese las:
»Eine sehr respektable junge Dame aus guter Familie, welche, durch mißliche Verhältnisse gezwungen, sich einen eigenen Broterwerb zu verschaffen genötigt ist, bietet in nur feinen Häusern ihre Dienste an, um das von den Domestiken in der Regel vernachlässigte Geschäft des Putzens, Reinigens und Versorgens der Lampen zu übernehmen und bestmöglichst auszuführen. Dieselbe besitzt in dieser Branche eine seltene Fertigkeit und Übung und wird ihre Kunden sicherlich zufriedenstellen. Auf Wunsch Referenzen. Briefe erbeten: Head-Postoffice restante Nr. 600.«
»In der That höchst sonderbar,« äußerte der mit Anthony Angeredete kopfschüttelnd, mehr ernst als scherzend, »entweder ist das nur ein schlechter Spaß oder – was mir wahrscheinlicher dünkt – ein Notschrei aus der Brust einer armen Frau.« Er nahm die Zeitung in die Hand und ließ die Blicke über die vielen kleinen Annoncen gleiten, ehe er fort fuhr: »Ich bin überzeugt, daß fast jede dieser Zeilen einen Roman zu verzeichnen hat. Dafür lebt man eben in der Riesenstadt New York. Wohl demjenigen, dem es einmal vergönnt ist, einen Blick in solch' verborgenes Leid zu thun, der in die Lage versetzt wird, heimlich geweinte Thränen trocknen zu können!«
»Du bist ein Schwärmer, Anthony. Diesen weichen, menschenfreundlichen Sinn und das poetische Gemüt muß Dir Deine deutsche Mutter vererbt haben. Dein Vater besaß hiervon nichts,« versetzte die stattliche Dame mit einem leichten Seufzer, indem sie das edel geformte Antlitz des Stiefsohnes wohlgefällig betrachtete. »Was meinst Du, Anthony, ob ich diese Annonce beantworte? Man könnte ja dann sofort erfahren, inwieweit Deine Vermutungen zutreffend sind oder nicht.«
»Thue das, Mutter; es würde mich herzlich freuen, wenn Du ein gutes Werk damit zu stiften im stande wärest,« sagte der junge Mann lebhaft, und die Dame fuhr angeregt fort:
»Übrigens könnte wirklich eine kunstgeübte Hand unseren Lampen samt und sonders nicht schaden, da der alte, schwachköpfige Jim sein Geschäft zuweilen arg vernachlässigt. Fast täglich habe ich Klage über ihn zu führen – wohlan, ich schreibe, Anthony.«
Als der junge Handelsherr Mr. Anthony E. Clark gegen die elfte Vormittagsstunde nach seiner in der unteren Stadt gelegenen Office fuhr, hatte er selbst den Brief der Stiefmutter zur Beförderung in der Tasche. Als dies geschehen, war aber bei ihm auch die Annonce und das darauf bezügliche Gespräch vergessen. –
Der nächste Morgen führte den jungen Mann indessen nach der in einem Seitenflügel seines großen Hauses gelegenen Bibliothek, um ein für sein Geschäft wichtiges Werk daraus zu entnehmen. Beim Durchschreiten eines in den Garten mündenden Zimmers, welches von seiner Stiefmutter zur Aufbewahrung des häuslichen Wäscheschatzes benutzt wurde und mächtige Schränke und Truhen aufwies, stutzte Mr. Anthony überrascht. Dort an einem großen Tische am Fenster, auf welchem eine förmliche Batterie von Lampen aufgestellt war, stand ein hochgewachsenes Mädchen und schien in ihre prosaische Beschäftigung so vertieft zu sein, daß sie den Eintritt des jungen Mannes gar nicht wahrgenommen hatte.
Wohl drei Minuten betrachtete dieser das trotz seiner Originalität höchst anmutige Bild. Durch die halb zugezogene Gardine fiel ein Strahl der goldenen Morgensonne gerade über den dunkeln Scheitel des feinen, etwas vorgebeugten Kopfes und ließ ein wahrhaft holdseliges Profil erblicken, das gegen den hellen Hintergrund wie gemeißelt erschien. Die ebenmäßige Figur zeigte auffallend schöne Formen, wie auch der Schnitt des Kleides unleugbare Eleganz bewies. Anthony Clark zögerte noch immer, weiterzuschreiten, weil er darauf wartete, daß die junge Unbekannte vielleicht einmal die tief auf die Arbeit gesenkten Augen heben würde, aber vergebens. Nun trafen seine prüfenden Blicke die rührigen Finger – wie sonderbar! Ein Paar waschlederne Handschuh bedeckten die Hände bis zum Gelenk, hieran schlossen sich eine Art Schutzärmel aus grauem Futterstoff, die bis über den Ellenbogen hinaufreichten; ein kleines, weißes Schürzchen vervollkommnete diese seltsame Toilette.
Das also war die junge Dame aus guter Familie, welche ihr Brot zu erwerben genötigt war? Er hatte mit seinen Vermutungen demnach doch recht gehabt. »Eine Dame, hm!« Im Augenblick dachte er gar nicht mehr an seine Absicht, jenes Buch zu holen, sondern beschäftigte sich mit dem Gedanken, daß diese Bezeichnung hier in der That höchst gerechtfertigt erschien, wobei ein merkwürdiges Gefühl, halb Befriedigung, halb Freude sein Inneres bewegte: »Wie glücklich mochte das arme Mädchen sein, etwas Beschäftigung – und hoffentlich auch recht lohnende – gefunden zu haben!« –
Gleichsam instinktiv, als ob es die Nähe eines Fremden ahne, schlug das schöne Mädchen jetzt die Augen empor und trat, merklich erschrocken, zurück, während ein heißes, verräterisches Rot sich über Antlitz und Hals ergoß. Mr. Anthony Clark wußte nichts anderes zu thun, als leicht zu grüßen und rasch nach der Bibliothek hinüberzuschreiten, von wo aus er dann seinen Rückweg durch einen anderen Teil des Hauses nahm.
Etwa vier Wochen mochten vergangen sein, während welcher die junge Fremde alltäglich um die zehnte Morgenstunde bei Mrs. Clark erschien, um sämtliche im Haushalt gebrauchten Lampen in Ordnung und Stand zu setzen. Nach Vereinbarung wurde ihr regelmäßig durch die Lady selbst ein Dollar für ihre Arbeit verabreicht, den sie auch mit ruhiger Würde, man hätte fast sagen können, mit vornehmer Herablassung entgegennahm, als ob sie selbst dem Hause einen großen Dienst geleistet hätte und nicht die Empfängerin eines unverhältnismäßig hohen Arbeitslohnes sei. Mrs. Clark, eine obwohl stolze, doch zugleich äußerst gutherzige Frau, hatte das junge Mädchen, dessen schönes Antlitz sie oft nachdenklich musterte, gelegentlich auch einmal gefragt, ob es auf die im »Herald« erlassene Annonce noch mehr Arbeit und Verdienst erhalten habe, worauf ihr die in kühlem Tone gegebene Antwort wurde, daß sie bereits fünfzehn der feinsten Familien New Yorks zu ihren Kunden zähle und mit der Zeit noch bekannter zu werden hoffe.
Mr. Anthony Clark, ein Mann von durchaus ehrenhaften, edlen Gesinnungen, hatte es nicht mehr gewagt, die Unbekannte bei ihrer mehr oder weniger demütigenden Beschäftigung durch seine Gegenwart zu belästigen, und mied das Zimmer, in welchem sie ihre Arbeit stets pflichttreu verrichtete. Allein der Zufall wollte es, daß er ihr öfters in der großen Halle oder auf der Treppe begegnete. Alsdann lüftete er jedesmal in ausgesuchtester Höflichkeit den Hut, wobei er es jedoch nicht unterlassen konnte, einen raschen Blick in das reizende, stets so ernste Mädchengesicht zu thun.
»Nun, freust Du Dich nicht über meine Acquisition, Anthony?« fragte Mrs. Clark eines Abends, als man einige Freunde zum Diner erwartete und nun bei den prächtig und tadellos brennenden Lampen saß.
»Die Freude ist eine problematische, Mutter,« lautete die freundliche, aber bestimmte Antwort des Stiefsohnes, »die blendende Helligkeit all' dieser Lampen bildet einen grellen Kontrast zu dem dunklen Lebenswege des armen Mädchens, dem wir zu Dank verpflichtet sind.«
Die Hausfrau zuckte halb bedauernd die Schultern und meinte gutmütig, daß man der Fremden zu Neujahr ein recht anständiges Geschenk zu machen verpflichtet wäre. –
Eines Morgens, bevor Mr. Anthony wie gewöhnlich nach seiner Office fuhr, trat Mrs. Clark, zum Ausgange gerüstet, noch einmal in des Stiefsohnes Privatzimmer und sagte in mütterlich herzlicher Weise: »Bitte, thue mir den großen Gefallen, Anthony und trage die Bücher, welche ich mir gestern Abend aus der Bibliothek holte, wieder an den alten Platz. Du weißt, ich liebe die Ordnung – sie liegen auf meinem Schreibtisch.«
Da das Verhältnis zwischen dem Sohne und der zweiten Frau des verstorbenen Mr. Clark ein selten inniges war, so entgegnete er ebenso freundlich und zuvorkommend:
»O gewiß gern, liebe Mutter, aber ...«
Den Schluß seiner Rede hörte die Dame nicht mehr, weil sie Eile zu haben schien und das Zimmer bereits verlassen hatte.
Zögernd und mit einer ihm selbst unerklärlichen Befangenheit stand Anthony Clark noch einige Minuten vor der Thür des Zimmers, das von der Fremden zu ihrem prosaischen Geschäft benutzt wurde. Er wußte es selbst nicht, warum er gerade diesen Weg nach der Bibliothek eingeschlagen hatte. Einerseits scheute er eine Begegnung mit dem jungen Mädchen, andererseits trieb eine innere Gewalt ihn vorwärts. War er denn nicht der Hausherr hier, der überallhin kommen und gehen konnte, wie es ihm beliebte? Mit dieser Schlußfolgerung trat er endlich ein.
Ja, da stand sie wieder, die so eigentümlich imponierende und doch so mädchenhaft schüchterne Gestalt. Ein leichtes Rot war ihm nun in die Stirn gestiegen, weil er sich bewußt war, oft – vielleicht sehr oft sich dieses seltsame Bild vor die Seele gezaubert zu haben.
Recht auffällig sichtbar nahm er nun den mitgebrachten Bücherstoß in seinen linken Arm und grüßte höflich mit den Worten: »Verzeihung, mein Fräulein, daß ich Sie störe, allein – ich muß hinüber nach der Bibliothek!« Dabei war aber Anthony keineswegs weitergeschritten, sondern etwa sechs Schritte von dem jungen Mädchen stehen geblieben. Verwundert und, wie es ihm vorkam, mit leisem Lächeln, begegnete sie seinem leuchtenden Blicke.
»Es steht mir kein Recht zu, dieses Zimmer für mich allein beanspruchen zu wollen, Mr. Clark,« entgegnete sie mit volltönender überaus sympathischer Stimme. – Also wußte die Fremde darum, daß er der Hausherr war. Rasch erwiderte er:
»O doch, Miß, Miß –« (augenscheinlich verlangte es ihn, ihren Namen zu erfahren) – »Northland!« klang es sehr leise zurück.
»O doch, Sie haben ein Recht, hier ganz ungestört zu sein, Miß Northland. Sie sind ja die Wohlthäterin für das ganze Haus, ich meine: seit Sie zuerst hier eingetreten, ist es – Licht geworden.«
Der schöne Mädchenkopf senkte sich tiefer auf die Brust herab. »Man ist gütig gegen mich,« flüsterte sie bescheiden.
»Vielleicht ist es sehr anmaßend von mir, Ihnen ein plumpes Lob zu spenden, aber ich kann es doch nicht unterlassen, Ihnen zu gestehen, daß ich Ihren Mut, Ihre Willensstärke und Selbstverleugnung – bewundere,« sagte Anthony nun eigentümlich erregt.
»Das Wörtlein ›muß‹ ist ein strenger Lehrmeister, Mr. Clark, welcher mit eiserner Hand alle rebellischen Oppositionsgelüste herabzudrücken versteht. Aber dennoch giebt es noch etwas Mächtigeres als diesen moralischen Zwang, und diesem Mächtigeren bringt man gerne Hochmut, Eitelkeit und thörichte Eigenliebe zum Opfer,« versetzte das schöne Mädchen, indem ihre großen Augen freudig aufleuchteten.
»Sie haben Eltern, Miß Northland, eine Mutter, für die Sie sorgen?« forschte er, näher tretend.
»Jawohl, um meiner Mutter willen stehe ich hier an diesem Platze, und das Bewußtsein, für sie, die mir auf Erden das teuerste ist, meine Kindespflicht zu erfüllen, hat den Gedanken an Demütigung und Erniedrigung noch niemals in mir aufkommen lassen.«
Mr. Anthony erwiderte kein Wort und so war es mehrere Minuten ganz still im Zimmer; Miß Northland hatte unterdessen ihre Beschäftigung wieder aufgenommen.
»Haben Sie keine Verwandten oder Freunde hier in New York?« fragte er nun eindringlich und leise. Es kam ihm so vor, als ob seine Stimme plötzlich einen veränderten Klang bekommen hätte.
»Nein, keine; wir sind erst vor einigen Monaten aus dem Westen – aus St. Louis gekommen und daher noch ganz fremd hier,« lautete der einfache Bescheid.
Die Sprecherin gewahrte nicht die sichtliche Überraschung in des jungen Mannes Zügen; unverwandt und forschend waren seine Augen auf das feine Profil gerichtet. Nur als er sich jetzt fast ehrfurchtsvoll vor ihr verbeugte und leise sagte: »Auf Wiedersehen, Miß Northland,« schaute sie eigentümlich befremdet auf und entgegnete schüchtern:
»Ich hoffe, daß Ihre Frau Mutter meine kleinen Dienste noch einige Zeit wird gebrauchen können.«
Nicht lange verweilte Mr. Anthony in der nahen Bibliothek, schon nach fünf Minuten kehrte er daraus zurück; allein dieses Mal durchmaß er beinahe hastig das Gemach, indem er in Anknüpfung an das vorige Gespräch nur die halb prophetische, halb aufmunternde Bemerkung hinwarf:
»Miß Northland, gewiß wird sich auch an Ihnen das Dichterwort erfüllen: Was man Schwerstes je empfunden, Liebe hat es überwunden!« –
An demselben Abend nach dem Diner war es das erste Mal, daß Anthony seiner Stiefmutter gegenüber die Rede auf die Fremde brachte. Er blätterte dabei in einem Buche und seine gleichgültige Miene zeigte nichts von der Erregung und Unruhe, die in ihm arbeiteten. Ernst und wie beiläufig fragte er:
»Hast Du niemals nach den Familienverhältnissen des Mädchens geforscht, das seit einigen Wochen hier ein- und ausgeht, Mutter?«
»Nein, wieso? Ich denke, sie ist sehr bescheiden und zurückhaltend. Auf mich macht sie einen ausnehmend günstigen Eindruck. Vielleicht bin ich aber bei dieser Meinung beeinflußt durch eine Ähnlichkeit, welche – mich an frühere glückliche Zeiten erinnert. Hast Du, mein Sohn, etwas gegen das Mädchen einzuwenden?«
»Ich – einzuwenden? Allerdings!« Der junge Handelsherr war aufgesprungen und ließ sein schönes, kluges Auge mehrere Sekunden prüfend auf den wohlgebildeten Zügen der älteren Dame haften, dann fuhr er, tief und schwer aufatmend, fort:
»Als ich heute, auf dem Wege zur Bibliothek, zufällig einige Worte mit der jungen Dame (er betonte letzteres Wort ziemlich scharf) wechselte, erfuhr ich, daß sie den Namen »Northland« führt und mit ihrer Mutter aus St. Louis herübergekommen ist. Du hast mir nun früher das große Vertrauen geschenkt, mich in eine mir ziemlich nahe gehende Angelegenheit einzuweihen, und soviel ich mich aus Deinen damaligen Mitteilungen erinnere, ist dieser Name Dir durchaus nicht unbekannt, vorausgesetzt, daß irgendwelche Beziehungen bestehen sollten, zwischen – zwischen ...« Er stockte.
»Northland! O mein Gott, also doch! Ja, diese Ähnlichkeit mit diesem Manne, den ich einst liebte, frappierte mich sofort.« Tief erblaßt hatte Mrs. Clark jenen Ausspruch hervorgestoßen und die Hände dabei aufs Herz gepreßt: »O Anthony, sie, diese arme Kleine, wäre Marys und Northlands Kind? Nein, das kann, das darf ja nicht möglich sein!«
»Dieses Rätsel bald – recht bald zu lösen, soll Dir und mir eine Pflicht sein!« gab der Sohn mit Nachdruck zurück, indem er seinen Arm zärtlich um die Schulter der tief erschütterten Stiefmutter legte. Mit dem Taschentuche vor den Augen weinte diese jetzt leise vor sich hin:
»O, Anthony, das wäre eine grausame Strafe für mich. Wie oft, als ich mich damals voll Empörung mit harten Worten von Mary losgesagt und Northlands Reichtum und Ansehen höher und höher stieg, wie oft habe ich da das Glück dieses Paares beneidet und berufen! Und tief im Herzen grollte ich der einstigen Freundin, weil von rechtswegen der Platz an ihres schönen Gatten Seite mir gebührte, mir, die ihn ebenso, vielleicht noch inniger geliebt. Und auf diese Weise soll ich endlich, endlich wieder von Mary hören! Anthony, ich kann's nicht fassen!«
»Gottes Wege sind unerforschlich,« versetzte der Angeredete sanft.
»Aber, mein Himmel, was sitze ich hier so müßig und lasse die kostbare Zeit verrinnen,« rief Mrs. Clark nun heftig aufspringend. »Mary, meine arme Mary in Not und Elend, während ich in Wohlleben und Überfluß schwelge. Fort, mein Sohn, bringe mich zu ihr! An mein reuiges Herz ziehen will ich die Teure und ihr Kind. O, welch' eine Schmach ist es für mich, daß gerade hier in unserem Hause das arme Mädchen sich so erniedrigen mußte, Anthony!«
»Erniedrigen? O nein, Mutter! Das, was Miß Northland gethan hat, webt einen Glorienschein um ihr edles Haupt,« klang es auffallend feurig aus des jungen Mannes Munde, so daß Mrs. Clark in stummer Überraschung zu dem Stiefsohne aufblickte.
»Willst Du meine Ratschläge befolgen, Mutter?« fragte er nach einer Pause.
»Thue ich das nicht stets, Anthony?«
»Wohlan, so lasse die junge Dame, welche zweifellos die Tochter Deiner Freundin ist, morgen noch einmal – zum letztenmale – hier ihres schweren Amtes walten, nur damit ich ihr dann unbemerkt folgen und Mrs. Northlands Wohnung erforschen kann. Ist das erreicht, so magst Du hingehen und thun, was Dir Pflicht und Herz gebieten. Bist Du damit einverstanden, Mutter?«
Unter Thränen nickte diese ihm zu. –
Anthony Clark vermochte in der darauffolgenden Nacht gar keine Ruhe zu finden. Immer und immer stand das hochherzige Mädchen mit den ernsten, charaktervollen Zügen und den wunderbar schönen Augen vor seinem fieberhaft erregten Geist. Und als gegen Morgen der Schlaf sich endlich auf seine Lider herabsenkte, war es ihm, wie wenn ihr holdes Angesicht, von einer leuchtenden Strahlenkrone umgeben, sich über ihn niederbeugte und die melodische Stimme in sein Ohr flüsterte: »Was man Schwerstes je empfunden, Liebe hat es überwunden!« – – –
Ganz seltsam unsicher und befangen hatte Miß Northland am andern Morgen das Clarksche Haus betreten und war viel eiliger als sonst durch die weite Halle der unteren Etage die Treppe hinauf nach dem für ihre Obliegenheiten bestimmten Zimmer geschlüpft. Dort angekommen atmete sie förmlich erleichtert auf, daß ihr niemand begegnet war, weil sie sich nach ihrer Idee in einer krankhaft erregten Gemütsstimmung befand. Zu ihrer Schande mußte sie auch selbst die Wahrnehmung machen, daß ihr die zu verrichtende Arbeit zum erstenmale drückend und peinlich erschien. Wenn Mr. Clark nur nicht etwa wieder bei ihr eintreten und ein Gespräch mit ihr anknüpfen wollte, dachte das junge Mädchen hochklopfenden Herzens – heute würde sie ihm nicht mehr so unbefangen in die klugen Augen blicken und nicht mehr so präcise antworten können! Warum aber fürchtete sie sich davor? Über dieses Warum indessen vermochte sich Grace nicht klar zu werden und schob es auf »ihre krankhaft erregte Gemütsstimmung!« –
Bei ihrem Eintritt in den gewohnten Arbeitsraum stand alles wie sonst am bekannten Platze. Sie zog flink Schürze, Schutzärmel und Handschuhe aus der mitgebrachten Tasche hervor und war eben im Begriff, an die Arbeit zu gehen – da gewahrte sie, dicht neben den Lampen liegend, eine prachtvolle Marschall-Niel-Rose. Was bedeutet das? Beim Anblick der Blüte war Grace dunkle Glut ins Gesicht geschossen und eine tiefe Zornesfalte legte sich über die weiße Stirn. Empörend! Das mußte der unverschämte Nigger, der Butler des Hauses gethan haben, welcher ihr beim Kommen und Gehen stets den Mantel an- und ausziehen half und sie dabei immer so keck anstierte oder seine wulstigen Lippen zu süßlichem Grinsen verzog. Empörend war das! Mit dem Zeigefinger der linken Hand schob sie die zartgelbe Blüte an das entgegengesetzte Ende des großen Tisches; allein eben so schnell ergriff sie dieselbe wieder, sie mit fast wildem Ungestüm an die Brust pressend. Allmächtiger Gott, wäre es denkbar, konnte es möglich sein, daß er – Anthony Clark, dessen Bild sich in ihrer jungen Brust gar fest eingelebt hatte, dessen milde, zum Herzen dringende Stimme ihr noch jetzt durch das Gemüt klang, daß er jene Blume hier auf diesen Tisch gelegt? Ein Zittern überfiel die hohe Mädchengestalt – und wenn er es wirklich gethan, mußte sie es dann nicht eher als Demütigung und Beleidigung ansehen, die er, der reiche, hochgestellte Mann dem armen, schutzlosen Mädchen damit angethan? Durfte sie die Blüte, ohne erröten zu müssen, auch wirklich annehmen? Was würde die Mutter dazu sagen? O gewiß, Anthony Clark war eines unedlen Gedankens nie fähig, das war ja sonnenklar! Mit fliegenden Händen, gewiß das erste Mal weniger gewissenhaft als sonst, verrichtete Grace Northland an diesem verhängnisvollen Morgen ihre Arbeit. Mrs. Clark sei ausgegangen, bedeutete sie der aufwartende Butler, als sie sich zur Dame des Hauses, wie alltäglich, begeben wollte. Wie Grace bei dieser Auskunft voll Beruhigung wahrnahm, verrieten die Züge des Schwarzen heute nur steife Würde und stumme Ehrerbietung. Gott sei Dank, endlich konnte sie dem sie heute so eigentümlich beengenden Hause den Rücken wenden, flink eilte das junge Mädchen in die anderen Häuser, in welchen sie die nämliche Beschäftigung zu verrichten hatte, und wenige Stunden später lief Grace Northland bereits leichtfüßig die Treppenstufen zu dem traulichen Häuschen Nr. 9 auf Dolly Ward hinan.
Hätte sie während des Weges nur ein einziges Mal nach rückwärts geschaut, dann würde sie wohl sicher nicht mehr im Zweifel über den Geber jener Rose gewesen sein.
Es war ein zauberisch schöner Juliabend. Gleich Diamanten strahlten die Sterne am Himmel und wer nie eine amerikanische Sommernacht durchlebte, der hätte denken können, ein Teil der Gestirne wäre zur Erde herabgefallen, so glitzerten und funkelten die zahlreichen glow worms (Leuchtkäfer) allenthalben im tauigen Grase und duftigen Gesträuch. In traulicher Eintracht saßen Mutter und Tochter auf der kleinen Veranda, während Polly, eine junge Negerin, welche Grace, seitdem sie so guten Verdienst erzielte, zum Beistand der Mutter ins Hauswesen genommen, geräuschlos hin und her glitt und den Theetisch abräumte.
»Du bist heute so still, mein Kind, was ist Dir? Zuweilen scheint es mir, als ob Deine Gedanken ganz wo anders weilten, als zu Hause!« fragte Mrs. Northland, nachdem sie schon einigemal nach der prächtigen Rose geschaut, die an des jungen Mädchens Busen prangte.
»Ich denke darüber nach, daß wir doch jetzt sehr glücklich sein können, Ma,« entgegnete die Angeredete mit halb abgewandtem Gesicht.
»Du, mein Engelskind! Wie sorgst und plagst Du Dich für mich – das zu vergelten, vermag nur Gott,« flüsterte die ältere Dame in tiefer Bewegung.
»Ich ernte ja auch reiche Früchte. Die Mühe ist so gering, in anbetracht, daß ich Deine Stirn wieder ohne Sorgenfalten erblicke,« lautete die heitere Erwiderung.
»Du wolltest mir ja längst einmal etwas über die verschiedenen Häuser erzählen, in denen Du ein- und ausgehst, Grace. Ich hoffe, man begegnet Dir mit Achtung?«
»Sei außer Sorge, Mama. Noch niemals habe ich die geringste Zurücksetzung erfahren. Vor allen ist es –« (Grace zögerte ein wenig) »ist es Mrs. Clark, die stets in sehr liebreicher Weise zu mir spricht.«
»Mrs. Clark, eine noch junge Frau?«
»Etwa in Deinem Alter. Sie ist eine große volle Blondine, mit selten schönen, blauen Augen und – –«
»Und einem kleinen, roten Male an der Oberlippe?« fiel Mrs. Northland der Tochter hastig ins Wort.
»Ja, gewiß. Woher kennst Du denn diese Dame?«
Die Mutter war jetzt in ihren Stuhl zurückgesunken und atmete tief und schwer.
»O Grace, welche Entdeckung! Warum auch mußtest Du gerade in dieses Haus geraten? Gerade sie ist die Frau, um deretwillen Dein armer Vater einen Treubruch beging, indem er mich ihr, dem reichen Mädchen, mit welchem er bereits verlobt war, vorzog. Einst waren wir uns beide in beinahe mehr als schwesterlicher Liebe zugethan, lange Jahre hindurch; dann aber hat sie mir die Thür gewiesen, sich gänzlich von mir losgesagt – mich verflucht! Ein Unsegen ruhte seitdem auf dem Bunde zwischen Deinem Vater und mir. Dein Vater verlor sein ganzes Hab und Gut und ist im kräftigsten Mannesalter dahingerafft worden. Annie, meine frühere Freundin, wurde die zweite Frau des reichen Handelsherrn Mr. Albert Clark, wie ihr Vater es wünschte, und nun lebt sie im Überfluß in New York. So viel ich weiß, besaß Clark auch einen Sohn aus erster Ehe; Annie hatte keine Kinder!«
Längst war das junge Mädchen von ihrem Sitze aufgesprungen, war niedergekniet und lauschte, die verschlungenen Hände im Schoße der Mutter, atemlos deren Worten. »Grace,« fuhr dieselbe nach kurzer Pause fort, »in diesem Hause darfst Du Deinen Namen niemals nennen, hörst Du, Grace?«
Es erfolgte keine Antwort. Dafür aber gewahrte Mrs. Northland, ungeachtet der zunehmenden Dunkelheit, wie ein Herr und eine Dame sich langsam dem Hause Nr. 9 genähert hatten und nun leise zögernd die Stufen der hölzernen Treppe emporstiegen.
Durch die Glasthür der Veranda fiel ein heller Lichtstrahl direkt auf das blasse Gesicht einer stattlichen, noch immer schönen Frau.
»Annie! Barmherziger Gott!«
»Mary!«
Wie durch einen Federdruck in die Höhe geschnellt, fuhr nun auch des jungen Mädchens Kopf aus dem Schoß der Mutter empor. Allein, Grace sah nicht, daß diese der eleganten Dame in die Arme sank, nicht, daß jene das vergrämte Gesicht der Wiedergefundenen mit heißen Küssen bedeckte – sie sah nur ihn – Anthony Clark und seine herzlich und liebevoll auf sie blickenden Augen.
»Annie, Du kommst zu mir? Bringst Du mir Vergebung – bringst Du Deine so schmerzlich vermißte Liebe mir zurück?« klang es schluchzend aus Mrs. Northlands Munde.
»Alles, alles, Mary. Aber ich bringe Dir noch mehr: Siehe hier, das ist Anthony Clark, der mir zu jeder Zeit ein lieber Sohn gewesen. Er hat eine Bitte an Dich zu richten, die so groß und bedeutungsschwer ist, daß es meiner Fürsprache bei Dir bedarf!«
Der Genannte war rasch näher getreten und verneigte sich tief vor der überraschten Frau.
»Eine Bitte an mich?« stammelte Mrs. Northland, während sie in fast scheuer Verwunderung von dem eleganten, hübschen Manne zu ihrer Tochter hinübersah. Was war denn hier geschehen? – Das purpurglühende Gesichtchen mit den Händen bedeckend, lehnte das junge Mädchen an einem Sessel.
Obwohl in leidenschaftlicher Erregung, aber doch in festem Tone, sagte nun Mr. Anthony: »Ich habe einmal die Äußerung gethan, daß es, seit Sie, Grace Northland, die Schwelle unseres Hauses überschritten, Licht darin geworden ist. Allein damals wagte ich nicht, hinzuzusetzen, daß dieses Licht mit einer Kraft und Macht, die höheren Ursprung zeigten, auch mir ins Herz hineingedrungen ist! Wie ein Geblendeter bin ich seit Wochen umhergegangen – geblendet und beschämt über die eigentliche Erbärmlichkeit des sonst so hochgeschätzten eigenen Wertes. Erst Sie, nur Sie, Miß Northland, haben mich gelehrt, daß es noch Höheres giebt als das, was mir bis dahin als allein edel und erhaben vorgeschwebt. Wenn ich mir bisher einbildete, ein guter Mensch zu sein, so erkannte ich mich jetzt als einen egoistischen, jämmerlichen Wicht, dessen ganzes Verdienst darin bestanden hatte, die Annehmlichkeiten des Lebens mit Behagen zu genießen. – Heute, als die verhängnisvolle Rose auf Ihrem Platze lag, war ich so anmaßend, durch eine Thürspalte zu Ihnen hinüber zu sehen. Ich gewahrte Ihren Kampf, gewahrte aber auch, wie mein stummes Liebeszeichen mit Ungestüm ans Herz gepreßt wurde. Grace Northland! Diese Brust erfüllt nunmehr ein einziger, seliger, heißer Wunsch – eine Bitte – –«
»Anthony!« Ein fassungsloser Jubelruf unterbrach den Sprecher; Graces Arme waren jetzt schlaff herabgesunken und wie in einer Verklärung starrte sie ihn an.
»Grace, mein hochherziges, mutiges Mädchen, ich will noch nichts anderes wissen, als ob Sie meine tiefe innige Liebe einst werden erwidern können. Das weitere überlassen wir der Zeit und diesen da ...«
Damit deutete er auf die beiden älteren Damen, welche Hand in Hand nebeneinander standen und mit seligen Blicken an der reizenden Befangenheit des holden jungen Mädchens sich weideten.
Jedenfalls mußte die Antwort auf jene inhaltsschwere Frage wohl zur allseitigen Zufriedenheit ausgefallen sein, denn bald darauf saßen vier glückliche Menschen in dem kleinen, gemütlichen Salon, wo Erinnerungen ausgetauscht und neue Zukunftspläne geschmiedet wurden. Als Anthony Clark, über das Geländer der Veranda gebeugt, indessen die Stiefmutter lächelnd vorausgegangen war, noch ein letztes Lebewohl, einen warmen Kuß austauschte mit seiner schönen Braut, war es bereits dunkle Nacht geworden.
Selbstverständlich brachte nun die nächste Zeit den guten Leuten von Dolly Ward wieder viel Stoff zum Reden. Mr. O'Reilly jedoch ging womöglich noch etwas einsilbiger als sonst umher. So lange schon hatte er sich, nach einem schweren Kampf mit seiner ursprünglichen Absicht einer Geldheirat, bereit gemacht, der schönen Tochter seiner Nachbarin von Nr. 9 einen ernsten Antrag zu machen, aber es hatte ihm stets an dem nötigen Mut gefehlt, und nun mußte ihn das glückstrahlende Gesicht des jungen Mädchens, als es wenige Tage später an Anthony Clarks Arme an der Behausung des Advokaten vorüberging, hinlänglich darüber aufklären, daß seine erträumten Aussichten auf Erfüllung seiner stillen Herzenswünsche nur sehr kümmerlich beschaffen gewesen seien, und das schien ihm ziemlich nahe zu gehen, denn bei einem gelegentlichen Besuche in der Nr. 9 ließ der junge Irländer die Bemerkung fallen, daß er demnächst »aus Geschäftsrücksichten« nach Brooklyn übersiedeln werde.
Noch vor seiner Vermählung mit Grace hat Anthony Clark ganz heimlich das Häuschen Nr. 9 auf Dolly Ward käuflich erworben, um es seiner holden Braut als Morgengabe zu schenken. Mrs. Northland ist fortan die Gebieterin desselben, und für die schwergeprüfte Frau ist es stets ein Festtag, wenn das glückliche junge Paar dem Geräusch und Getriebe der Riesenstadt einmal entflieht, um ein paar ruhige, selige Stunden zu verleben in der poetischen Einsamkeit von Dolly Ward.