Fächer-Bilder.
Reading edition
Berlin, 14. Januar 18..
»Caro amico!
Warum ich so lange nicht geschrieben, willst Du wissen? Nun, das ist eigentlich keine so leichte Sache, Dir zu erklären. Fürs erste begnüge Dich damit, daß ich mich langweile – zum Sterben langweile und Dein heiteres Künstlergemüt – Dich, Du Glücklicher, der Du unter Italiens Sonne der abgeschmackten Wintergenüsse unserer Reichshauptstadt kaum mehr gedenkst, nicht mit Stoßseufzern und Lamentationen inkommodieren wollte, die Dir doch vielleicht nur ein mitleidiges Lächeln entlockt haben würden!
»Aber Mensch, bist Du verrückt geworden!« höre ich in Gedanken Deine Stimme rufen: »Bist verheiratet seit sechs Monaten, hast eine charmante Frau, ein Heim, eine Stellung unter den Künstlern, um die Dich die Götter beneiden könnten, und sprichst von Langweile?!« Zugegeben – alles zugegeben, alter Freund! Aber ich kann Dir einmal nicht helfen. Gerade das Geregelte meines jetzigen Daseins widert mich an. Es erscheint mir zu philisterhaft, zu sittsam, zu hausbacken, keine Spur von Abwechslung – von prickelnden Reizen liegt darin. Wo bist Du hin, Du goldige Junggesellenzeit! Nimm den freien Waldvogel, stecke ihn unbarmherzig in einen Paradekäfig und schau zu, was er für eine Miene macht! So ungefähr kannst Du Dir denken, wie mir, den Du früher zur Genüge gekannt, nun zu Mute ist. O heiliger Brahma! Es war eine große Dummheit, mir jetzt schon die Flügel zu stutzen und mich ins Joch zu spannen. Die Galle läuft mir zuweilen über, wenn ich an die verschiedenen Tanten, Onkels – und Schwiegermütter denke, welche mir diese Heirat so plausibel dargestellt und es fertig gebracht haben, aus einem von Übermut und Lebensgenuß beseelten Taugenichts einen soliden Ehemann zu machen! – Solide?? Das doppelte Fragezeichen steht nicht ohne Bedeutung da. Arme kleine Frau! Ich glaube, sie hat von uns beiden wohl doch noch die schlechtere Nummer gezogen, obgleich ich bisweilen moralischen Katzenjammer bekomme und in bitterer Reue diesem noch so kindlichen Geschöpfe, was sich mein Weib nennt, alle begangenen Sünden abbitten möchte. Wer aber verlangt auch, daß ein Maler, ein Künstler von Ruf, wie ich ohne Überhebung es mir zu sein schmeichle, der überdies in Berlin lebt, Grundsätze und Selbstverleugnung des heiligen Antonius besitzen soll! Wer das verlangt, der ist ein Narr! Ich habe Agnes geheiratet, erstens: weil meine und ihre Familie es wünschten; zweitens: weil sie ein leidlich hübsches, sanftes Geschöpf ist, die sogar einer Ameise aus dem Wege geht, um sie nicht zu zertreten, wie viel weniger dem eigenen Gatten unfreundlich begegnen oder ihm gar widersprechen würde. Darum habe ich sie zu meiner Gemahlin gemacht, nicht aber, weil –, wie Du es zu glauben scheinst – sie es verstanden hätte, mein launisches Herz in Fesseln zu schlagen, noch weil sie überhaupt qualifiziert wäre, einen Mann – noch dazu einen verwöhnten Mann – zu begeistern und hinzureißen. In unserer Art führen wir ja auch eine ganz glückliche Ehe. Sie ist eine wohlhabende Frau, ich derjenige, der um sein Brot schaffen muß. Daher habe ich es mir selbstverständlich auch zur Pflicht gemacht, jeden ihrer Wünsche zu erfüllen und ihr stets aufs Rücksichtsvollste zu begegnen. Nebenbei glaube ich wirklich, daß sie einiges Vertrauen zu mir hat und mir aufrichtig zugethan ist. Dankbar zeigt sie sich wenigstens für jedes freundliche Wort aus meinem Munde, wenn auch mein übriges Thun und Lassen – außer unsern vier Pfählen – sie wenig oder gar nicht zu interessieren scheint. Von Eifersucht habe ich vorläufig noch nicht das Mindeste bemerkt. Manchmal sogar könnte mich der sonst sehr anerkennenswerte Mangel dieser Untugend an meiner jungen Frau beinahe ungeduldig machen. Wir führen somit ein ganz modernes, großstädtisch angehauchtes Eheleben.
Agnes lebt ziemlich häuslich, verkehrt nur im kleinen Verwandten- und Bekanntenkreise. Ich hingegen tummle mich in der großen Welt umher, wozu ein Künstler von Beruf verpflichtet ist, wenn er seinen Geist anfeuern will. Trotzdem aber entgehe ich bei solchem Dasein der Langweile nicht. Das ewige Haschen nach pikanten Abenteuern und reizvoller Abwechslung wird schließlich fade; oft fehlt dabei der wahre Humor, oft aber auch jedwede Poesie! Pah! So ist einmal der Mensch. Er erwartet immer, daß Fortuna ihm einmal etwas ganz Apartes in den Schoß werfen soll! Das einzige, was mich wahrhaft befriedigt, ist und bleibt immer die Kunst. Diese edle Dame ist es auch, die mich zuweilen recht energisch bei den Ohren zieht mit der Mahnung: »Nun ist's genug, Freund Gilbert, mit dem Vergnügen! An die Arbeit mit Dir!« Und dieser Mahnung habe ich mich bisher noch immer willig gefügt. Halte mir aber in Deinem Antwortschreiben um Himmelswillen nicht etwa eine Moralpredigt, amico Carolo, um mich mit diplomatischen Redensarten auf den schmalen Pfad der Tugend hinüberzulocken! An mir ist nun einmal Hopfen und Malz verloren, und muß ich fürs Leben verbraucht werden, wie ich eben bin. Wenn Dir übrigens etwas daran liegt, so will ich Dir von Zeit zu Zeit eine gedrängte Übersicht meiner hiesigen Lebensweise, oder richtiger gesagt: ein Sündenregister zukommen lassen. Vor Dir kennt mein Herz keine Geheimnisse. Und nun Addio bis zum nächsten Male.
Gilbert.«
Berlin, 8. Februar 18..
»Teurer Freund!
Es ist zum Totlachen! Ich habe ein reizendes Abenteuer erlebt, welches ganz nach meinem Geschmack ist und die mich befallene schlappe Gemütsstimmung total aufgefrischt hat. Übrigens danke ich Dir für Deinen Brief und die freundlichen Grüße an Agnes, der Du allem Anscheine nach ein liebenswürdiges Interesse zu teil werden läßt. Das gute Kind hatte vor einigen Tagen zum erstenmale eine Anwandlung von Eifersucht. Wie komisch! Doch davon später.
Also: unser Künstlerbund gab vorige Woche einen brillanten Maskenball, den ich selbstverständlich besucht habe, während meine Frau dergleichen rauschende Vergnügungen grundsätzlich meidet. Natürlich bin ich weit davon entfernt, sie in ihren etwas streng puritanischen Ideen beeinflussen zu wollen. Ich hingegen warf mich mit blasierter Gleichgültigkeit in den wildesten Strudel dieses Zauberfestes. Ein schlichter Domino aus moosgrüner Seide, der noch aus meiner Junggesellenzeit stammt und mir vor Jahren zur Karnevalszeit in Rom gute Dienste geleistet, wurde wieder hervorgesucht und für tauglich befunden. Vom Scheitel bis zur Zehe verhüllte er meine Gestalt, so daß ich darauf hätte Gift nehmen wollen, unerkannt zu bleiben. Allein es kam anders. Denn bereits vom Beginn des Balles an intriguierten mich zwei Damen ganz impertinent, indem sie mich auf Schritt und Tritt verfolgten.
Die eine, ebenfalls im Domino, schien der Figur und Haltung nach schon etwas bei Jahren zu sein, wogegen die andere, im entzückendsten Susannenkostüm, Formen und Bewegungen auswies, wie ich solche an einer Sterblichen überhaupt noch nicht gesehen. Im Nu war meine blasierte Stimmung verschwunden; ich fühlte einen Feuerstrom durch meine Glieder ziehen. Große Samtmasken mit lang herabfallenden Spitzenbärten machten jedes neugierige Erspähen der Gesichtszüge rein unmöglich.
Wer war dieses Götterweib? Sicherlich wohl eine Fremde. Denn solcher Anmut und vornehmer Grazie war ich in Berlin noch nicht begegnet. Aufs höchste interessiert und sympathisch angezogen, daß die Aufmerksamkeit dieser distinguierten Erscheinung sich gerade auf meine unbedeutende Person gelenkt, mache ich unserer bisherigen stummen Wanderung durch die Säle ein Ende mit den an die Jüngere gerichteten bedeutungsvollen Worten:
»Was veranlaßt wohl nur das Licht, der armseligen ›Motte‹ zu folgen?«
Sie zuckte zum Zeichen, daß sie mich nicht verstanden, die wohlgerundeten Schultern. Ich wiederholte dieselbe Frage auf Französisch. Da lachte sie hell auf. Es war ein köstliches melodisches Lachen; dann klang eine glockentiefe Altstimme an mein in Verzückung lauschendes Ohr:
»Monsieur Gilbert besitzt viele Freunde, ohne daß er davon eine Ahnung zu haben scheint.«
Beinahe erschreckt stutze ich. Also faktisch erkannt!
»Ist er doch nicht umsonst zwei Karnevalsaisons in Rom gewesen. Jener grüne Domino hier –« (ihre mit schwarzen Halbhandschuhen bekleidete Rechte strich sanft über meinen Ärmel hinweg) – »machte den Verräter.«
Etwas verblüfft starre ich durch die Augenschlitze der Maske nach der Sprecherin hin.
»Eine Freundin, Madame? So sind wir alte Bekannte?« sagte ich ziemlich indiskret.
»Das weiß ich nicht, Monsieur! Wer zählt die Völker, kennt die Namen! Künstler Gilbertos Herz ist weit, aber sein Gedächtnis scheint kurz. Armer Gilberto!« fuhr sie, bedauernd den Kopf wiegend, fort: »Jetzt ist er ein Philister geworden; er mußte es nolens volens werden, – hat eine reiche, unelegante, häßliche Frau heiraten müssen, die nebenbei noch grimmig eifersüchtig sein mag. Seine Freunde bedauern und bemitleiden ihn aber aus tiefstem Herzensgrunde und hoffen wenigstens, daß die geniale Künstlernatur unter solchem Mißgeschick nicht zu Grunde gehen wird!«
»Eine häßliche Frau!« Das verschnupfte mich, und ein wenig ärgerte ich mich über solchen meinem sonst stets als kompetent geltenden Geschmack gemachten Vorwurf, insbesondere, weil er ganz ungerecht war. Allein der Moment schien nicht geeignet darüber zu streiten, und deshalb nahm ich es ruhig hin; ja ich war sogar entzückt davon, daß die reizende Susanne nun sans gêne ihren Arm unter den meinen schob und dicht neben mir weiter schritt. Der weibliche Domino folgte uns.
Witz, Geist und Übermut sprudelten aus jedem Worte meiner Begleiterin. Ich schwelgte in einem Meer von Wonne. Hier war doch einmal wieder richtiges Amüsement, nach welchem ich mich förmlich gesehnt hatte. Berlin, meine Ehemannspflichten, ja sogar die sanfte, braunhaarige Agnes, – alles war vergessen; ich verträumte mich wieder nach Italien, in die selige Periode meiner unbeschränkten Freiheit!
Mio amico! Ich kann Dir versichern, daß es wirklich ein außerordentlich amüsanter Abend war. In einem ziemlich entlegenen Winkelchen nahmen wir ungestört Erfrischungen ein, nach deren Genusse diejenige, welche von meiner reizenden Maske mit Tante angeredet wurde, in einen wohligen Halbschlaf zu fallen schien. Wir ignorierten das selbstverständlich und unterhielten uns um so lebhafter. Aus verschiedenen Äußerungen der jetzt Schlummernden war mir klar geworden, daß die Damen Russinnen sein mußten, ihr Domizil in Wiesbaden hatten und bloß für kurze Zeit auf Besuch zu einer Malerfamilie nach Berlin gekommen waren, indessen die Hauptstadt schon am nächsten Tage zu verlassen gedachten. Halb mechanisch spielte ich mit dem mir angeeigneten Fächer meiner Begleiterin und that dabei die vielleicht etwas dreiste Äußerung, daß ich denselben als Pfand für ein eventuelles Wiedersehen, oder auch zur Erinnerung an diesen Abend als mein Eigentum behalten wollte.
»O nein! Dieses unscheinbare Ding hier ist ein teueres Andenken an einen Freund,« entgegnete sie wieder mit dem so bezaubernden Lachen. »Aber, ich will Ihnen einen Vorschlag machen, Monsieur Gilberto! Sie behalten den Fächer einstweilen und malen mir mit Künstlerhand ein Bildchen darauf, dann wird er mir erst doppelt wert sein.«
»Gern. Doch wie soll ich Ihnen denselben wieder zustellen, bella Susanna?« fragte ich gespannt, indem ich ihre reizende, brillantenfunkelnde Hand einen Moment fest zwischen die meine nahm.
»Eh bien! Sie schicken ihn mir par poste, oder was noch besser wäre, Sie bringen ihn selbst, Gilberto! Meine Adresse ist: Madame de Baranow, Wiesbaden ... Straße. Im Mai komme ich übrigens wieder nach Berlin.«
Darauf erhob sie sich, weckte mit sanften Schütteln die schlummernde Tante, und bald waren die Damen im Maskengewühl meinen Blicken entrückt.
Ich glaube, daß ich noch eine ziemliche Weile, in selige Träumereien versunken, mit dem gedachten Fächer in der Hand auf diesem Platze gesessen habe. Obgleich kein Kunstwerk, was die schöne Unbekannte mir zurückgelassen, entströmte demselben doch ein eigentümlich süßes Parfüm. Von goldverziertem Schildpatt war der zierliche Griff, alles übrige von feiner schwarzer Seidengaze. Und doch fühlte ich mich in dem Besitze gleich einem Krösus, so daß auch in meinem erregten Geiste allerlei mögliche Ideen auftauchten – liebliche Phantasiegebilde, denen ich auf dem duftigen Gewebe mit dem Pinsel Ausdruck, ja Form und Gestalt verleihen wollte. Sicherlich sollte Dir, bella Susanna, der Beweis geliefert werden, daß Gilbertos leidenschaftliches Temperament, sein zündender Geistesfunke noch nicht untergegangen im hausbackenen Eheleben.
Das Fest hatte jetzt keinen Reiz mehr für mich. Ich ließ mir von dem ersten besten dienstbaren Geiste ein Stück Papier bringen, wickelte den mir so kostbaren Fächer sorgfältig ein und schob das kleine Päckchen in die Tasche. Nach zwanzig Minuten stieg ich die Treppe zu meiner Wohnung hinan.
Schon von der Straße aus hatte ich wahrgenommen, daß in dem an mein Atelier stoßenden Wohnzimmer, wiewohl die Mitternachtsstunde längst geschlagen, noch eine Lampe brannte. War denn Agnes noch wach? Wollte die kleine Frau mich, an dessen späte Rückkehr sie doch hinlänglich gewöhnt sein mußte, heute auf einmal erwarten? Das dünkte mir höchst wunderbar. Der Entreedrücker befand sich in meiner Tasche, weshalb ich, ohne zu klingeln und von den Dienstleuten unbemerkt, mein Heim zu betreten vermochte. Ein wenig neugierig öffnete ich die Stubenthür; doch machte der sich mir darbietende Anblick unwillkürlich lächeln. Dort – an dem mit umfangreichen Weißnähereien bedeckten Tische, über welchen die Hängelampe ihr mildes Licht ausstrahlte, lag, auf die gekreuzten Arme herabgesunken, das Haupt meines jungen Weibes, während die Brust der sanft Schlummernden unter regelmäßigen Atemzügen sich hob und senkte.
»Die häßliche Frau!« So schoß es mir plötzlich durch den Sinn. Leise trat ich näher, um mich mit Kritikerblicken einmal zu überzeugen, in wie weit jener Ausspruch gerechtfertigt schien. Freilich wies dieses zierliche Köpfchen dort keine regelrechten Schönheitslinien auf. Dafür aber lag der Schmelz holder Frauenhaftigkeit, die Taufrische eines weiß-rosigen Teints über dem beinahe noch kindlich runden Gesichte. Häßlich? Nein, das war entschieden ganz ungerecht. Der Chic der großen Welt, und das so gewisse, auch weniger schöne Frauen anziehend machende Etwas fehlte hier natürlich durchaus. Allein mein Malerauge fand heute zum erstenmale, daß das, was ich an Modellen so oft vergeblich gesucht und wofür ich, um es auf die Leinwand zu bannen, eine wahre Leidenschaft hegte, nämlich: einen rötlich goldigen Glanz im hellbraunen Haar, was die Engländer so bezeichnend auburn nennen, – daß gerade diese große Seltenheit mein eigenes Weib besaß. In einem langen Prachtzopfe hing dieses jetzt vom Lampenlicht beleuchtete, wunderbar schimmernde Haar der schlanken Gestalt über den Nacken herab. Merkwürdig, nicht wahr, mio amico? Und noch merkwürdiger, daß ich das vorher gar niemals beachtete.
Nachdem ich Cylinder, Handschuhe und das kleine Paket mit dem Fächer auf den Tisch gelegt, war ich eben im Begriff, mich auch des Paletots zu entledigen, da erwachte Agnes.
Halb verstört schaute sie mich an. Doch nur mit verlegenem Gruße raffte sie eilig die Arbeit zusammen und barg dieselbe auf dem Schoße.
»Aber, Kind! Was fällt Dir ein, so lange wach zu bleiben! Das ist thöricht!« sagte ich mehr unwillig, als freundlich, indem ich es nicht einmal der Mühe wert hielt, ein lautes Gähnen zu unterdrücken. »Meinetwegen brauchst Du das nicht mehr zu thun!«
Nur ein ängstlich scheuer Blick aus ihren stahlblauen Augen streifte mich. Was sie dabei wohl gedacht, vermochte ich nicht zu ergründen. Vielleicht hatte sie gerade um meinetwillen den Schlaf der halben Nacht geopfert, vielleicht auch auf ein herzlich dankbares Wort aus meinem Munde gerechnet. Arme kleine Frau! Sie packte, wie das so ihre Gewohnheit war, meine nachlässig hingeworfenen Sachen sorgsam zusammen. Dabei aber entschlüpfte der Fächer seiner papiernen Hülle und fiel zurück auf den Tisch. Sie stutzte, da sie das verräterische Rot sofort bemerkte, was meine Stirn bezog.
»Hast Du Dich neuerdings auf Fächermalen verlegt, Gilbert?« kam es eigentümlich spöttisch von den rosigen Lippen. Der Ton reizte mich.
»Ja wohl, wenn Du nichts dagegen hast, kleine Moralistin! Ich werde diesen schlichten, schwarzen Fächer zu einem wahren Kunstwerk umgestalten, weil die Besitzerin ein ...« (ich stockte, denn der Ausdruck des mir zugewandten Gesichtes glich dem eines entsetzten Kindes) – »weil eine Dame mich freundlich darum gebeten hat, dieses unscheinbare Ding zu verschönern,« fügte ich gleichgültig hinzu.
»So? Nun, mir hast Du noch niemals einen Fächer gemalt, Gilbert!« sagte sie halb schmollend, während sie den verfänglichen Gegenstand zur Hand nahm und denselben, das ihm entströmende Parfüm einsaugend, an ihr Stumpfnäschen hielt.
»Dir?« fragte ich höchlichst verwundert. »Trägst Du denn überhaupt einen Fächer? Ich dachte, solch' Spielzeug für große Kinder erscheine Dir viel zu frivol?«
Zu meiner noch größeren Verwunderung sah ich, wie das zierliche Köpfchen mit einem energischen Ruck ganz plötzlich in den Nacken fuhr, worauf es mit eigentümlich bebender, allein halb trotziger Stimme an mein Ohr schlug:
»O, natürlich ahne und verstehe ich nichts vom Fächerspiele all' jener Frauen, deren Lebenszweck nur eitles Haschen nach Vergnügen ist und für welche das heilige Wort Pflichten überhaupt keine Bedeutung hat. Einen Fächer zum Gebrauche in Deinem Sinne brauche ich gottlob nicht! Gute Nacht, Gilbert!«
Damit ließ sie mich allein.
Dergleichen Heftigkeit war mir neu an meiner Gattin. Gut, dachte ich, fangen wir doch zur Abwechslung einmal an, uns gegenseitig auf den Kriegsfuß zu stellen! Das würde jedenfalls mehr Anregung bieten im häuslichen Einerlei, als diese lauwarme Spülwasser-Stimmung. Oho! Ich war sicher nicht der Mann, um mich über die kindischen Launen der einfältigen kleinen Frau zu grämen. War doch mein Geist ohnehin so vollständig gefangen genommen durch das reizvolle Abenteuer des Maskenballes, daß alles andere gänzlich in den Hintergrund trat.
Für heute aber mag's genug sein, mio Carolo! Das Fächerbild ist bereits begonnen worden und scheint mir vortrefflich zu gelingen. Vive l'amour!
Dein Gilbert!«
Berlin, den 26. März 18..
»Lieber Karl!
Ich bin allein in meiner stillen Bude. Agnes sah in letzter Zeit miserabel aus und ist recht erholungsbedürftig, so daß ihre besorgte Mama, meine verehrte Frau Schwiegermutter, für einige Wochen das Töchterlein zu sich genommen hat, um ihr alle erdenkliche Pflege und Schonung angedeihen zu lassen, deren sie im eigenen Heim entbehrt. Liegt doch das Haus ihres Vaters im schönsten, gesundesten Teile Berlins, wo die herrliche laue Frühlingsluft, die dort vom Tiergarten herüberweht, die Wangen des blassen Kindes hoffentlich bald wieder runden und rosig färben wird.
Über die letzte Zeit habe ich wenig Interessantes, noch Erfreuliches zu berichten. Ich meine, daß ich seit Wochen schauerlich schlechter Laune und höchst ungemütlich gewesen bin. Manchmal befielen mich wahrhafte Wutparoxismen, so daß ich am liebsten jede lästige Fessel gesprengt hätte und hingeeilt wäre zu derjenigen, die unausgesetzt all' mein Denken gefangen hielt – hin zu Madame de Baranow nach Wiesbaden. Dann aber versank ich auch wieder in eine stumpfsinnige Apathie, welche mir das Dasein fast ekelhaft fade erscheinen ließ. Glücklicherweise ist der bedeutungsvolle Fächer noch vor dieser Trübsinnsperiode vollendet worden und befindet sich jetzt schon in den Händen von bella Susanna. Was ich darauf gezaubert?
Ich glaube wirklich, der Genius der Malerei hat mir dabei die Hand geführt und Amor die Palette gehalten. Seit jenem Abende fragte Agnes allerdings nicht mehr nach dem Fächer; doch weil ich so unvorsichtig gewesen, ihn einmal unverschlossen liegen zu lassen, hatten ihre Kinderaugen ihn dennoch erblickt.
Mehreremale in jeder Woche besuche ich das Haus der Schwiegereltern, um mich pflichtschuldigst nach dem Befinden meiner Gemahlin zu erkundigen, welche wieder sanft und freundlich zu mir ist, aber auffallend traurig. Der Herr Papa dagegen betrachtet mich öfters mit seltsam herausfordernden Blicken, während die Frau Mama mir stets so offen ihre Ungnade zeigt, daß sie mit mir überhaupt nicht mehr spricht. Amico Carolo! Es will mich bedünken, es steigen düstere Wolken über meinem unseligen Haupte auf. Zuweilen sogar regen sich im Busen leise Anwandlungen von Reue, und ich sage mir dann ganz ehrlich, daß ich doch ein recht ungemütliches, trübseliges Leben führe, welches anders – besser sein könnte, wenn ich – ja, was denn eigentlich? Ich glaube, der Fächer hat mich verhext – ich bin ein Narr! Adieu!
Gilbert.«
Berlin, 3. Mai 188.
»Bester Freund!
Hast Du zufällig jemals die Physiognomie eines Menschen beobachtet, der in heiterster Stimmung und anregendster Unterhaltung begriffen, sich niedersetzen will, den aber irgend eine Schicksalstücke des vermeintlich hinter ihm stehenden Stuhles beraubt hat. Todesschreck, innere Wut, lächerliche Hilflosigkeit, ja jammervolle Stupidität – das alles prägt sich stets in den Zügen solch' eines Beklagenswerten aus.
Mir ist gestern Abend Ähnliches passiert, das heißt: etwas passiert, was mich veranlaßte, den Gesichtsausdruck eines dummen Jungen anzunehmen. Nicht etwa, daß ich mit meinem ganzen physischen Körpergewicht auf die Erde geplumpst wäre, nein, amico, moralisch habe ich einen Purzelbaum gemacht, der wirksam genug sein könnte, selbst den überspanntesten Phantasten und Idealisten in die rauhe Wirklichkeit zurückzuführen. Ich knirsche – ich tobe in machtlosem Grimme, dabei aber befällt mich auch wieder ein wahrer Lachkrampf, wenn eine Stimme – ich glaube, es ist das bessere Ich in meiner Brust – mir zuraunt: »Reingefallen, Gilbert, gründlich reingefallen!«
Zurückgekehrt von einem Besuche bei Agnes, wo sie mir beim Abschiede, als wir zufällig allein im Zimmer waren, mit holdem Erröten versicherte, demnächst bald heimzukommen, finde ich endlich die langersehnte Antwort aus Wiesbaden vor. Welch' ein Dank, welch' ein Brief! Doch zu meiner Überraschung zeigt die Marke den Poststempel: Berlin. Frau v. Baranow teilte mir als Postskriptum mit, sie sei im Kaiserhofe abgestiegen und erwarte am nächsten Tage meinen Besuch. Wie damals auf dem Maskenballe fühlte ich jenes aus Entzücken und Leidenschaft gemischte Gefühl meine Adern durchrieseln. Bombenfest stand es in mir, die verführerische Frau morgen aufzusuchen. Allein auf welche Weise sollte ich mir die langen Stunden bis dahin verkürzen? Mit Eifer studierte ich den Vergnügungsanzeiger Berlins und verfiel schließlich auf das »Deutsche Theater«.
Gesagt – gethan. Zwar war der Andrang an der Kasse desselben groß. Doch bald hielt ich ein glücklich erobertes Parkett-Billet in den Händen: Dritte Sitzreihe, Platz Nr. 35. Herrlich fürwahr! Ich bin ganz befriedigt und befinde mich in äußerst animierter Stimmung. Da es übrigens noch ziemlich früh war, so mache ich noch eine kleine Wanderung durch die Straßen, weil ich es hasse, vor Beginn der Komödie meine ohnedies nicht sehr guten Nerven durch das entsetzliche Bänkeklappen und Thürenwerfen in unnötigen Aufruhr versetzen zu lassen. Als ich das Theater betrat, war der Vorhang bereits aufgezogen und das Stück hatte begonnen. Meine Nr. 35 war glücklicherweise ein Eckplatz.
Nachdem ich in größter Gemütsruhe das Opernglas blank geputzt, schaue ich nach der Bühne. Da schlagen die Laute einer mich wie mit elektrischem Schlage berührenden Stimme aus nächster Nähe an mein Ohr. Herr des Himmels! Das konnte niemand anders – das mußte Susanna – Madame de Baranow sein, die hier in dem so reinen, so fließend und melodisch klingenden Französisch eben gesprochen! Gleich einem Achtzehnjährigen – beinahe zum Zerspringen klopfte nun mein Herz, und ich lausche atemlos. Wo – wo war – wo saß das entzückende Geschöpf, das allein schon durch Organ und Grazie mich bestrickte? Sollte es mir jetzt – von diesem still verborgenen Platze aus – vergönnt sein, das im Traume schon tausendmal mir vor die Sinne gezauberte, holde Angesicht zu schauen? Welche Seligkeit, die schöne Frau, ohne daß sie meine Gegenwart ahnte, beobachten zu können! Soviel ich indes mein Gehör auch anstrenge, diese wohllautende Stimme ließ sich nicht mehr vernehmen.
Prüfend, aber möglichst vorsichtig, überschaute ich die nächste Umgebung, die größtenteils aus Herren und einigen schlichten Matronen bestand. Nur links von mir – in der ersten Reihe, sah ich die wohlfrisierten Köpfe zweier eleganten Damen auftauchen. Sollte das ...? Meine Brust wogte so heftig auf und nieder, daß ich, um mich nicht bemerklich zu machen, oder aufzufallen, den Atem dämpfen mußte. O Gott! Sollte sie es wirklich sein? Schien das nicht das nämliche goldige Lockengeringel im Nacken zu sein, wie es mir viele Stunden lang auf jenem Maskenballe vor Augen geschwebt? Damals freilich wurde das herrliche Blond des Vorderhaares von der scheußlichen Maske neidisch verhüllt. Ja gewiß! Diese und keine andere mußte bella Susanna sein!
Allein so viel ich mich auch drehte und wendete, von ihren Augen vermochte ich nichts zu erspähen; immer blieben nur die nach aufwärts gekämmten blonden Haarsträhne des Hinterhauptes sichtbar. – Da – noch während ich dies niederschreibe – lähmt ein krampfartiges Gefühl die Muskeln meiner Rechten – da taucht plötzlich in der Hand der blonden Dame ein Fächer – ein ausgebreiteter Fächer auf. Mein Herzschlag stockt; denn mit glühenden Blicken erspähe ich darauf – das eigenhändig gemalte Bild! Sie ist's! So juble ich vor stummem Entzücken und verkrieche mich förmlich hinter den breiten Rücken eines behäbigen Berliner Rentiers, um recht ungestört nach der Angebeteten hinüberschauen zu können. Einmal – hoffte ich – würde sie doch wohl den Kopf nach mir herumwenden. Ein unglücklicher oder vielmehr glücklicher Zufall kam mir zur Hilfe. Noch war der erste Akt nicht zu Ende gespielt, da ließ eine Dame in der zweiten Sitzreihe ihr Opernglas mit ziemlichem Geräusch zur Erde fallen. Natürlich wendeten sich sofort eine Anzahl höchst indignierter Gesichter nach der Ruhestörerin um, la bella Susanna ebenfalls. Allmächtiger Gott! Sind denn meine Augen getrübt, – bin ich verrückt oder treibt der Satan sein Spiel mit mir? Keuchend stößt mein Atem aus der Brust, so daß der gemütliche Rentier neben mir wohl gedacht haben mochte, ein Mensch im letzten Stadium der Lungenschwindsucht befinde sich in seiner Nähe. Einerlei – ja, was geht mich die ganze Welt an! Wie gelähmt starre ich in das als engelhaft schön erträumte Antlitz von Madame de Baranow. Wut und Abscheu krampfen mir das Herz zusammen. Das also ist die vermeintliche Beauté, um deren Figur und Grazie selbst Juno vor Neid geborsten wäre? O pfui! Welch' ein tückisches Spiel, welche Grausamkeit der Natur! Ein pockennarbig gelbes Gesicht mit wulstigen Negerlippen, in welchem eine niedrige Stirn und kleine geschlitzte Tartarenaugen den fatalen Gesamteindruck noch erhöhen, zeigt sich meinen getrübten Blicken. Doch wie ist mir denn! Plötzlich taucht in meinem wilderregten Geiste auch eine Erinnerung auf. Diese widrigen Züge kenne ich ja; der cynisch-frivole Ausdruck derselben war mir durchaus nicht fremd?
Heiliger Brahma! Gleich einem zündenden Funken fiel es in das Gedächtnis Deines armen Freundes. Lieber Karl! Entsetze Dich nicht! Denn – die häßliche, uns allen von Rom her nur zu wohlbekannte Paula Uschakow war es, welche schon damals gerade mich mit ihrer Affenliebe immer verfolgt und gepeinigt hat. Und ich Narr, – ich Esel, – bin hier so einfältig auf den Leim gegangen! Meine Empörung kannte keine Grenzen; alles wurde mir mit einem Schlage klar. Du, mein Freund, mußt es ja noch wissen, daß Paula, nachdem sie vergeblich darnach getrachtet, durch ihr nicht unbedeutendes Talent unter den deutschen Künstlern sich einen Mann zu erobern, schließlich einen alten, sehr reichen Russen geheiratet haben soll. Und jetzt muß das abscheuliche Weib mir solch' einen Streich aufspielen! Wirklich schändlich – empörend! Ist es nicht wahrhaft jammervoll, daß mein reizendes, poetisches, alle zarten Empfindungen der Menschenbrust versinnbildlichendes Fächerbild in solche Hände geraten! Dabei aber tönen, als ob ein guter Geist sie gesprochen, Agnes' Worte sogleich in mein Ohr: »O, mir hast Du noch niemals einen Fächer gemalt, Gilbert!« Nein, ihr, diesem reinen, unschuldsvollen Kinde habe ich wirklich noch nie eine derartige Freude gemacht, habe sie ja kaum beachtet, während ich drei Monate meiner kostbaren Zeit nur an diese Kokette gedacht. Vor Wut zitternd ballte ich heimlich die Faust nach den Damen in der ersten Sitzreihe hin, drückte dann den Hut so tief wie möglich in die Stirn und verließ eilends das Theater. Erst auf der Straße atmete ich ein wenig freier auf. Da es kaum halb neun Uhr war, so fand ich unter den Linden noch einige elegante Läden geöffnet. In dem ersten besten Galanterie-Bazar, wo ich hineinstürme, verlange ich einen kostbaren, aber unbemalten Fächer.
»Schwarz?« fragt schüchtern die Verkäuferin mit ängstlichem Blicke in mein erhitztes Angesicht. Sie mochte wohl gedacht haben, ich sei angetrunken.
»Nein, rot – feuerrot!« entgegnete ich diktatorisch und hielt schon nach zwei Momenten ein wahrhaft entzückendes Exemplar in den Händen. Die geforderten vierzig Mark erschienen mir eine Lappalie. Ich hätte fünfhundert Mark gezahlt, wenn sie verlangt worden wären, ohne eine Miene zu verziehen. Darauf warf ich mich in eine Droschke und ließ mich schnurstracks nach Hause fahren. Totenstill – öde und einsam dünkte mir in diesem Momente mein sonst so behagliches Heim.
Der verwundert mich anstarrenden Dienerin befahl ich, im Atelier sofort einige Lampen anzuzünden, während ich nur ganz beiläufig fragte, ob irgend eine Nachricht von meiner Frau gekommen wäre. Die bejahende Erwiderung bewies mir, daß man im Hause eben besser orientiert sei, als ich, der Ehemann. Denn bald erfuhr ich aus dem Munde des Dienstmädchens, Agnes gedächte schon in den nächsten Tagen zurückzukehren.
Deswegen mußte ich also fleißig sein, um das, was mir vorschwebte, rechtzeitig zu vollenden.
Nun gute Nacht, Bruderherz! Vielleicht schreibe ich morgen oder übermorgen weiter. Ich spüre nämlich in mir das Bedürfnis, einer fühlenden Seele mich mitzuteilen. Gehab Dich wohl und gieb bald Nachricht
Deinem
Gilbert.«
Berlin, den 8. Mai 188.
»Alter lieber Freund!
Wie neugeboren fühle ich mich, wenigstens, wie ein Mensch, der eine lange Krankheit überstanden und nun mit hoffnungsseligen Empfindungen in der Brust jetzt ein sonniges Dasein vor sich sieht. – Übrigens – Du bist ein Diplomat, Freundchen! Vielleicht haben auch Deine Briefe, der warme, herzliche, durchaus nicht mentorhafte Ton, der daraus spricht, sowie Dein stets vermehrtes Interesse für Agnes ein wenig zu meiner Heilung beigetragen.
Aber ich will dem Gange meines »kleinen Romans« nicht vorgreifen, sondern da weiter erzählen, wo ich im letzten Briefe stehen geblieben bin.
So höre denn! Nachdem ich schon an dem nämlichen, für mich so verhängnisvollen Abende eine Skizze entworfen, warf ich mich mit wahrem Feuereifer auf das Malen des roten Fächers, indem ich täglich einige Stunden darüber festsaß. Kein Kunstwerk – kein Bravourstück sollte diese Arbeit werden, – Gott behüte! Ich malte ja für Agnes, für mein junges, sanftes Weib. Etwas aber wollte ich darauf zaubern, was die Augen des holden Wesens in seliger Freude strahlen machen, – ein Etwas, was ihr sagen sollte, daß ihr Gatte .... Doch halt! Die Feder geht schon wieder im Galopp davon!
Endlich – endlich ist das Bildchen vollendet, und meine Mühe zeigt sich vom schönsten Erfolge gekrönt. Da die Farben noch eine Weile trocknen mußten, spannte ich den Fächer ausgebreitet auf ein Stück Karton, und trug ihn, im Gefühl seliger Befriedigung hinüber ins Zimmer meiner Frau. Dort plazierte ich ihn auf Agnes Schreibtische hinter einem wahren Walde von Maiglöckchen, ihren Lieblingsblumen.
Es war der nämliche Nachmittag, an dem meine Frau eintreffen sollte. Nachdem ich in mein Atelier zurückgekehrt, versuchte ich alle rebellischen, mir selbst ganz neu und fremdartig erscheinenden Gedanken durch anstrengende Arbeit zu ersticken, rührte mich auch nicht von der Stelle, als ich eine Droschke am Hause vorfahren hörte. Direkte Mitteilung, daß Agnes heimkommen würde, war mir, dem Hausherrn, ja gar nicht gemacht worden, und hatte ich es nur en passant erfahren. Darum sah ich keine Veranlassung, der Zurückkehrenden entgegenzueilen. Zwar drang öfteres Thürenzuwerfen und Stimmengemurmel dumpf zu mir herüber, doch blieb es für die nächste halbe Stunde in meiner Klause ganz still. Ich male – male eifrig weiter, obgleich ein sonderbares Flimmern in den Augen mich die Farben kaum unterscheiden läßt. Da – auf einmal macht ein schüchternes Klopfen jeden Nerv in mir erzittern. »Herein!« konnte ich nur mit Kraftanstrengung über die Lippen bringen, und als bald darauf ein goldbraunschimmerndes Haupt in der Thür erscheint, erkenne ich mit raschem Blicke, wie Agnes den Fächer hinter sich verborgen hält.
»Schon da?!« rief ich mit einer Unbefangenheit, die mich selbst in Erstaunen setzte. Während ich, Pinsel und Palette beiseite geworfen, der Eintretenden entgegeneilte, brachte ich keine Silbe heraus und zog nur schüchtern und ungelenk die kleine Hand an die Lippen.
»Ich wollte Dich überraschen, Gilbert, und nun bist Du mir zuvorgekommen, hast mir solch' eine reizende, süße Überraschung bereitet,« kam es stockend aus Agnes' merklich zitterndem Munde.
»Ich? Wie so?« fragte ich mit gut gespielter Harmlosigkeit.
»Aber, Gilbert! Nennst Du das nichts?«
Mit diesen Worten, die von holdseligem Erröten und glücklichem Lächeln begleitet waren, hielt sie mir den wohlbekannten Fächer vor die Augen.
»So? Also das kleine Ding da macht Dir etwas Spaß, Agnes?« Ich glaube, daß ich zu dieser eigentlich nichtssagenden Bemerkung wirklich ein recht einfältiges Gesicht gemacht habe.
»Etwas Spaß?« wiederholte sie leise. »Weiß ich doch gar nicht, wie Du dazu kommst, mir solch' eine unendliche Freude zu bereiten, Gilbert? Das Bild ist – ist entzückend!«
»Es sind Deine Züge. Wenigstens habe ich mir Mühe gegeben, dieselben aus – dem Gedächtnis auf den Fächer zu zaubern. Das – andere, was noch darauf ist, sind – natürlich nur Gebilde meiner Phantasie.« Ich sah ihr jedoch, während ich das sagte, zum erstenmale voll in die Augen. Allein, wie mit Purpur übergossen, hatte sie den Blick rasch zur Erde gesenkt.
Teuerster Carolo! Es fehlte wahrhaftig nicht viel daran, so hätte ich meine Agnes, das liebliche Geschöpf, mit einem Jubelschrei an die Brust gezogen, um ihr frei vom Herzen herunter alles das zu enthüllen, was seit jenem heilsamen Theaterabende meine Pulse fliegen ließ. Doch Gott bewahre! Ich überwand mich. Nicht jetzt – nicht um des Fächers willen sollte die Scheidewand zwischen uns in nichts versinken. Stand doch gerade ein anderes Fächerbild gleich einem mahnenden Gespenste vor meinem Geiste – ein anderes Bild, was die Weihe eines so seligen Moments sicherlich gestört haben würde. In sanfter, liebender Fürsorge führte ich mein junges Weib nur hinüber in ihr Zimmer, küßte sie schüchtern auf die Stirn und – ging. –
Aber Du willst natürlich gern wissen, warum mein Geschenk Agnes so ganz besonders wertvoll dünkte, warum sie vor seliger Freude darüber errötet war? Gut, auch das sollst Du jetzt erfahren! Das Fächerbild zeigt nichts anderes, als eine jugendschöne Mutter, die, strahlendes Glück in ihren Zügen, über ihr neugeborenes Kindlein sich niederbeugt!
Bist Du jetzt mit mir zufrieden, amico?
Dein Gilbert.«
(24 Stunden später.)
»Herzensfreund!
Was ich diesem »meinem kleinen Romane« noch hinzuzufügen habe, ist wenig, doch ist es das Bedeutungsvollste, was ich während meiner Künstlerlaufbahn jemals erlebte.
Nur eine kurze Spanne Zeit verfloß, nachdem Agnes zu mir zurückkehrte; aber eine Wandlung ist seitdem vor sich gegangen – mit ihr – mit mir – mit und in unserem Heim, daß ich vor staunender Bewunderung und stummer Verzückung oft die Hände falte und flüstere: »O Gott, bin ich denn solchen Glückes auch wert?«
Aber Du wirst ungeduldig und neugierig über das Mysteriöse meiner Worte oder errätst Du vielleicht jenes Geheimnis, das Deinen wilden, zügellosen Freund plötzlich zu einem völlig Anderen umgeschaffen? – –
Bald nach ihrer Ankunft und unserem Wiedersehen im Atelier hatte Agnes, weil sie ruhebedürftig war, sich zu Bett gelegt. Ich aber langte nach meinem Hut und stürmte hinaus; hinaus in den wonnig warmen Maienabend zog es mich. Die erste mir entgegenkommende Droschke rufe ich an und fahre in den Tiergarten. In Gottes freier Natur wollte ich allein sein mit meinen Gedanken und Empfindungen. Ich wußte – fühlte, daß ein veredelnder Läuterungsprozeß in mir vor sich ging, und diese heilsame Krisis mußte sich ganz still, fern von allem Menschengewühl vollziehen. Nicht mehr als der Gilbert, den Du, mein Freund, gekannt und welchen Du aus all' diesen Briefen noch zur Genüge studieren konntest, – nein, nein, und tausendmal nein! – nur als ein Mann wollte ich Agnes wieder vor die Augen treten, der das von ihr einst mit so scharfer Betonung gesprochene, heilige Wort »Pflichten« zu würdigen und im ganzen Maße zu erfüllen verstand. Verachtungswert erschien mir plötzlich mein verflossenes Leben gegen das wahre, süße Glück, welches ich heute, als mein junges Weib so holdselig schüchtern neben mir im Atelier stand, vor mir auftauchen gesehen. Und dennoch bin ich lange Monate wie ein Blinder an diesem Schatze vorübergeschritten, ohne ihn zu heben und mein eigen zu nennen. –
Viele Stunden mochte ich wohl im Tiergarten umhergeirrt sein; denn längst war die Sonne zu Rüste gegangen und die ersten Schatten der Maiennacht zogen bereits über Wege und Rasenplätze. Als ich nach der Uhr sah, zeigte sie schon ein Viertel vor Zehn. Da durchzuckte plötzlich ein heftiger Schrecken meine Glieder. In meinem Freuden- und Glückestaumel war ich von Hause fortgestürmt, hatte nicht bedacht, daß Agnes meiner vielleicht bedürfen könnte. Sie war allein! Wenn ihr irgend etwas zugestoßen! Jähe Angst befiel mein Herz. O, ich war doch immer noch der alte Egoist, welcher zuerst nur an sich selbst dachte!
Im Sturmschritt ging's nun nach dem Droschkenhalteplatz. Gott Lob! Dort steht richtig noch das schlichte Gefährt, dessen ich mich zur Herfahrt bedient. Ich drücke dem Kutscher fünf Mark in die Hand und befehle ihm, im Galopp nach der angegebenen Adresse zu fahren. Zu Hause angelangt, renne ich, von düsteren Ahnungen gepeinigt, die zwei Stiegen zu meiner Wohnung hinan und trete atemlos in den Vorsaal. Nichts regt sich – alles mäuschenstill! Dem Himmel sei Dank! Meine allzubange Sorge war demnach unbegründet, und mit diesem Gefühl der Erleichterung öffne ich die Thür nach dem Wohnzimmer meiner Frau, an welches ihr Schlafzimmer stößt. – Da – da, Allmächtiger, was ist das? Welch' seltsam fremde Laute tönen von dort heraus an mein Ohr! Ich halte mir den Kopf mit beiden Händen – ich taumle. Das klägliche Schreien eines kleinen – meines Kindes ist's, was ich vernehme.
Gleich einem Rasenden laufe ich vorwärts, – keine Macht der Erde hätte mich in diesem Momente zurückzuhalten vermocht – und befinde mich alsbald in dem matt erhellten Heiligtum. Hatte Agnes mein Kommen gehört oder hatte das teure Wesen meine Gegenwart nur geahnt? Zwar gedämpft, aber dennoch deutlich klingt hinter einer hohen spanischen Wand mir mein Name entgegen: »Gilbert!«
Nun war es mit Fassung und Selbstbeherrschung an mir vorbei. Ungeachtet der Anwesenheit einer mir unbekannten Wärterin, ungeachtet des aus dem Hintergrunde plötzlich auftauchenden, strengverweisenden Gesichts meiner Frau Schwiegermutter – machte ich auf den Zehenspitzen zwei Sätze gegen den Bettschirm hin und lag, ehe ich selbst noch recht zur Besinnung kam, am Lager derjenigen, die mich zu neuem, besseren Leben zurückgeführt, den Kopf auf deren kleine Rechte gestützt, knieend und unter Schluchzen flüsternd: »Agnes, meine Agnes! Ich bin namenlos glücklich!«
Da schob sie mit der einen freien Hand einen bisher an ihrer Brust liegenden, meinen unerfahrenen Blicken paketähnlich dünkenden Gegenstand, woraus nur ein dunkles Köpfchen sich bemerklich machte, sanft nach mir hin und schlang mit zärtlichem Drucke ihren Arm um meinen Hals.
»Das ist mein Dank für das süße Fächerbild! Hier ist Dein Sohn! Freust Du Dich über dieses Geschenk, Gilbert?« –
Für heute aber sei es genug, mein lieber Karl! Als ich blind, thöricht, leichtsinnig und von bösen Leidenschaften verfolgt war, fand ich der Worte genug, Dir zu schreiben. Jetzt bin ich am Ende. Das Glück ist stumm. Sei darum nachsichtig mit mir! Das beste wäre übrigens, Du kämest bald selbst nach Berlin und beglücktest damit Deinen
stets getreuen Freund Gilbert.«