Inhalt (continued 3)
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Wir legten den Weg von der Station nach der Pflanzung, der in der heißen, nassen Jahreszeit nur zu reiten gewesen wäre, zu Wagen zurück und fuhren fast fünf Stunden. Manchmal dachte ich, wir würden nicht heil in Saõ Sebastiaõ ankommen, so wild ging’s die steilsten Abhänge bergab und bergauf, durch riesige Pfützen und sonstige abnorme Variationen eines „Weges“. Ich lernte hier einen gewaltigen Unterschied kennen gegen die Provinz Rio oder speziell den Weg nach Saõ Francisco, der fast so gut wie eine Chaussee war. Aber interessanter ist es doch eigentlich hier, Grete; es hat mehr „Lokalfarbe“.
Wir passierten auf unserm Wege eine ganze Strecke Urwaldes, wo der Weg ziemlich schlecht und eigentlich nur für ein Reittier berechnet war; die Pflanzer der Gegend haben unendliche Mühe, sich solch einen Weg offen zu halten, da er so leicht wieder zuwächst und dabei in der nassen Jahreszeit nicht einmal gut zu bearbeiten ist. Wenn er gebessert und frei gemacht werden soll, schickt jeder Fazendeiro, der den Weg mit benutzt, eine Anzahl Sklaven nach der Station, von wo aus dieselben alle mit einander zurück arbeiten; allmählich fallen dann die einzelnen Parteien ab, entweder bei der betreffenden Pflanzung, oder, wenn diese nicht unmittelbar am Wege liegt, da, wo derselbe dahin abbiegt. Unsere Waldfahrt hatte wenig Ähnlichkeit mit einer solchen durch heimische Buchenwälder oder Tannenforsten, da so ein Wald hier ganz anders ausschaut als daheim. Von Ordnung oder Pflege ist nichts zu entdecken, und hineingehen oder auch nur hindurchsehen kann man auch nicht. Jene gewisse Feierlichkeit, die uns daheim so leicht in stillem Waldesdom überkommt, darf man hier nicht suchen; das Ganze hat mehr etwas Aufregendes, halb Phantastisches und Geheimnisvolles, halb Beängstigendes und Beklemmendes; der Zauber des Urwaldes und was ihm Reiz verleiht, ist eben ganz etwas anderes als der Eindruck, den unsere Wälder machen. Du mußt nicht denken, daß die Bäume darin grade so sehr dick und mächtig wären — zuerst macht das Ganze sogar einen viel weniger gewaltigen Eindruck als z. B. einer der großen holsteinischen oder westfälischen Buchenwälder, und ich brachte das Vehmgericht s. Z. einmal fürchterlich in Harnisch durch meine Behauptung, ich, ein Forstmannskind, hätte in Brasilien noch keinen ordentlichen Wald gesehen, denn diese langen, dünnen, den verschiedensten Holzarten angehörenden Stämme, die in der ungleichsten Entfernung von einander stehen, könne ich keinen Wald nennen. Man muß, wie ich jetzt sehe, hindurchfahren oder reiten, um einen Eindruck zu haben. Dann sieht man, was so recht den Urwald ausmacht, was aber auch wohl zugleich verhindert, daß die einzelnen Stämme sehr umfangreich werden. Schier undurchdringlich steht nämlich das Unterholz um dieselben herum, und wer da eindringen wollte, müßte sich in der That seinen Weg Schritt für Schritt mit der Axt in der Hand bahnen. Daß die Bäume nicht dicht stehen, sieht man auch nur von weitem, wo die grauen, lang hinausragenden Stämme mit ihrer spärlichen Kronen-Belaubung das Einzige sind, was ins Auge fällt. In der Nähe sieht man, wie die einzelnen Bäume einander näher gerückt sind oder doch scheinen durch märchenhaft üppige, fünfzehn bis zwanzig Meter lange Lianen, die an ihren Stämmen emporklettern und wieder herabhängen, ja die oft von einem Stamme zum andern sich ranken, eine grüne, zitternde Wand bildend, aus der seltsame, dunkellilla oder rot gefärbte Blumen großäugig herausschauen.
Ich kam weit zufriedener in Saõ Sebastiaõ an, als ich bei meinem Abschied aus Saõ Paulo für möglich gehalten hätte, und wurde es noch mehr, als ich Dona Maria Louisa und meine Schülerinnen sah. Erstere ist zwar ebenso wenig eine Schönheit wie alle Brasilianerinnen, die ich bisher gesehen habe, sie geht zwar auch in dem obligaten Kattunröckchen und mit herabhängenden Zöpfen einher, aber sie hat etwas sehr Liebenswürdiges und Frisches und hat die kleinen Mädchen gut erzogen. Meine älteste Schülerin, Maricota, ist ein sehr liebes Geschöpf, obgleich ihre große Schweigsamkeit ihr leicht etwas Moroses giebt, und die beiden Kleinen sind so artig, daß mir zuerst ganz unheimlich dabei wurde. Wir arbeiten sehr nett zusammen, wobei ich Maricota besonders auf das Englische hinlenke, das ihr immerhin noch leichter wird als Deutsch, und Du weißt ja, daß ich Englisch auch sehr liebe. Mr. Hall fand auch immer, daß ich es sehr gut spräche — er war auf der Bahn, als ich abfuhr, was mir aber eigentlich gar nicht sehr angenehm war, denn einzelne Kolleginnen haben mich schon viel mit ihm geneckt.
Aber zurück zu meinem Berichte von hier.
Es ist wahr, diese Pflanzung läßt sich mit Saõ Francisco nicht vergleichen. Sie stammt noch von den Großeltern Herrn de Souzas und ist lange Jahre von der Familie nicht bewohnt worden. Auch jetzt dient sie ihnen gewissermaßen nur als Arbeitsstation, und man verwendet keinen Luxus auf sie. Mein Zimmer ist bei all seinen Mängeln doch das besteingerichtete im Hause, und das ist auch der Grund, weshalb ich über nichts klagen will; ich sehe ja, daß die Familie selbst sich noch weit mehr begnügt, und die Stube ist wenigstens luftig und hell. Die salla de visita ist ein großer fünffenstriger Raum mit weißgetünchten Wänden und ausmöblirt durch ein Rohrsopha, 12 Wiener Stühle, eine Hängematte und eine Singer-Nähmaschine. Auch hier keine Gardine am Fenster, kein Teppich auf den rohen Bohlen, kein Bild an der Wand — nur, und ich konstatiere das als eine höchst vorteilhafte Ausnahme hier zu Lande, eine stets richtig gehende Uhr! Dona Maria Louisa hält auf Pünktlichkeit und besonders, was sehr dankenswert ist, auf Pünktlichkeit inbezug auf die Mahlzeiten, so daß nach denselben immer noch ein Viertel- oder halbes Stündchen zur Erholung bleibt, ehe der Unterricht wieder beginnt. Punkt neun Uhr Morgens und Punkt 3 Uhr Nachmittags finden wir uns in der „Veranda“ zum Frühstück, resp. Mittagessen zusammen. Veranda nennen die Brasilianer, abweichend von unserm Begriff einer Veranda, immer das Eßzimmer, und die unzähligen Thüren und Fenster, mit denen der Raum gewöhnlich gesegnet ist, rechtfertigen ja auch einigermaßen diese Bezeichnung. Die rustikale Veranda ist nun meistens noch dadurch ausgezeichnet, daß ihre Außenthür zugleich Hinterthür des Hauses ist und unmittelbar ins Freie führt, wodurch dieselbe alle Eigenschaften einer Berliner Hintertreppe gewinnt. So ist es auch hier. Durch sie gehen die dienenden Neger und Negerinnen hin und her; Wasser, Holz, Vorräte, Wäsche, alles wandert dort in großen Kübeln und Körben auf den Köpfen der Schwarzen aus und ein, und da der Raum meistens auch noch mit der Küche und häufig sogar mit der Kammer der Negerinnen in directer Verbindung steht, so wird auf diese Weise für die Hausfrau ein ähnlich bewundernswerter Kontrolposten geschaffen, wie die Küche der holländischen Häuser ihn bieten soll. Dona Maria Louisa übt nun aber auch, im Gegensatz zu den meisten brasilianischen Hausfrauen, diese Kontrole wirklich aus; sie ist überall und sieht den Negerinnen auf die Finger, sie bäckt selber ausgezeichnetes Weißbrot, so daß ich glücklicherweise hier den biscoitos entrinne; sie macht selber Butter auf die mühsamste Weise, indem sie die Sahne in einer Satte schlägt, bis sie zu Butter geworden. Sie näht auch unermüdlich an der Singermaschine und fördert Kleider und Wäsche für die Kinder, ja, Hemden und derbe Winterjacken für die Hausneger, kurz, sie ist thätiger, als manche berühmte „deutsche Hausfrau“ und unter schwierigeren Verhältnissen obendrein, so daß sie mir wirklich imponiert und ich sie sehr gern habe. Sie hat auch viel Humor und amusierte sich königlich über mein Entsetzen beim Anblick der hiesigen Veranda, die allerdings noch ganz nach dem mir bereits in Saõ Paulo avisierten „alten Styl“ sein muß. Ich will sie Dir beschreiben.
Der sehr große, aber mehr lange als breite Raum ist weder plafoniert noch gedielt. Der Fußboden ist zur einen Hälfte mit Backsteinen ausgelegt, während die andere ungeniert den Lehmboden zeigt, auf dem das Haus steht, das, wie alle brasilianischen Häuser, nicht unterkellert ist. In diesem Lehmboden ist eine Feuerstelle, um die sich an kalten Abenden die Familie sammelt, wie man bei uns im Winter am Ofen zusammenrückt; natürlich ist bei dieser Einrichtung der Mangel eines Plafonds nur wohlthuend, da kein anderer Abzug für den Rauch vorhanden ist als der, den die Löcher und Ritzen in der Ziegeldeckung über den Dachbalken gewähren.
An der einen Seite dieses wunderbaren Saales steht der Eßtisch, wo gefrühstückt, Mittag gegessen und Abends beim Schein eines Stearinlichtes Thee getrunken wird.
Gleich am ersten Abend bekam ich da von meinem Platze aus einen Begriff von der vielseitigen Nützlichkeit dieser Veranda. Während wir tranken, stand in der gegenüberliegenden Ecke des Raumes eine Negerin und plättete Wäsche, was mir schon von vornherein für meine eigenen Sachen ein gewisses Grauen einflößte, denn in jenem Winkel mußte es erstens stockfinster sein, und dann bewegte sie auch sekundenlang das Eisen garnicht, sondern starrte mit offenem Munde zu uns herüber; man kann nur hoffen, daß es nicht sehr heiß war. Neben ihr knetete eine zweite Brotteig aus Weizenmehl. Dies und die Uhr, sowie das ungezwungenere Wesen der ganzen Familie hatte mir schon die größte Befriedigung abgerungen, als mich ein neuer Anblick ganz und gar entzückte. Du wirst Dir nicht denken können, was es ist, drum will ich es lieber gleich sagen: es war ein stiefelputzender Mulattenjunge, der in einer anderen abgelegenen Gegend dieses bewundernswerten Saales etabliert war. Also Ausnahme Nummer drei: — Nichtvorhandensein der allgemeinen brasilianischen Aversion gegen Wichse! Die Zufriedenheit mit meinem neuen Lose wuchs. Dieser kleine Mulatte — er ist übrigens zugleich Mittags der Fahnenjunge — war urkomisch anzusehen. Das einförmige, im langsamsten Tempo vollführte Wichsen mochte wohl eine unüberwindlich einschläfernde Wirkung auf ihn ausüben, denn alle Augenblicke stockte seine Thätigkeit, und er stand mit geschlossenen Augen und gehobener Bürste, gegen die Wand gelehnt, bis ihn das Fallen des Wichsinstrumentes oder ein aufscheuchendes „Nun, Ivo?“ der Hausfrau wieder in eine schläfrige Bewegung setzte. Nach gethaner Arbeit mußte er der Herrin die ganze Stiefelreihe an den Tisch bringen, wo die Dame sie musterte und den schmutzigen kleinen Kerl dann in Gnaden entließ. Nach einigen Augenblicken kam er jedoch wieder hereingelaufen und meldete: „Cäsario bringt noch das Schwein, Senhora.“ „Mein Gott, wie lästig, so spät!“ rief die Herrin — „nun, dann hilft es nichts, er komme, aber schnell!“ Herein zu der famosen Hinterthür kam „Cäsario“, der ein kleines ausgenommenes Schwein auf dem Rücken trug, das er auf einen ihm zurechtgerückten Tisch deponierte und dort zu zerlegen begann. Wahrlich, diese Veranda war ein non plus ultra von Vielseitigkeit, und ihre ausgedehnte Nutzbarmachung als Backstube, Plättkammer, Wichskabinett und Schlachthaus erspart jedenfalls, was man auch sonst davon denken mag, der Herrschaft manchen Schritt und — manches Scheltwort. Hier ist lange nicht so viel Geschrei wie in Saõ Francisco, weil von vornherein mehr Kontrole ist und daher weniger Fehler gemacht werden. Also der „alte Styl“ — er lebe!
Deine urwäldliche Ulla.

Saõ Sebastiaõ, den 19. Juli 1882.
Liebste Grete!
Ich bin ganz glückselig — mein längst gehegter Wunsch ist in Erfüllung gegangen: ich reite jetzt! Vor einigen Tagen hatte ich meinen ersten und einzigsten Unterricht. Umständlich war er nicht. Dona Maria Louisa lieh mir ihren Reitrock, bis für mich einer genäht sein wird, und sagte dabei lächelnd: „Mais ne tombez pas, mademoiselle.“ Dann half mir Herr de Souza aufs Pferd und meinte schmunzelnd: „Nao caïa,[7] mademoiselle“, und als ich oben saß, beschloß Maricota diese ausgiebigen Anweisungen durch eine dritte Variation desselben Themas: „But don’t fall off, miss“, rief sie von ihrem eigenen Gaul herunter mir zu, und dann trabten wir drei los, Herr de Souza voran und ich der größeren Sicherheit wegen in der Mitte. Da meine Rosinante aber nach der Gewöhnung der hiesigen Pferde immer genau dem vorangehenden Tier folgt, ich also mit dem Lenken nichts zu schaffen hatte, so war das Festsitzen nicht so schwer, oder ich habe, wie Herr de Souza meinte, das Talent zum Reiten mit auf die Welt gebracht. Seitdem haben wir schon zweimal wieder kleine Ritte auf dem Gebiete der Pflanzung unternommen, und ich komme jetzt auch schon ohne einen geehrten Vorreiter zurecht. Müssen doch manche Kolleginnen, frisch wie sie aus Europa kommen, an der Station aufs Pferd und stundenweit bis an ihren Bestimmungsort reiten! Die Damensättel kommen vielfach aus England und Nordamerika, doch hat man auch hiesige, während in Herrensätteln meist einheimische Arbeit genommen wird, die allerdings auch in diesem Fache ausgezeichnet ausfällt.
Sehr drollig ist es zu sehen, wie die Schwarzen die Pferde einfangen, wenn wir ausreiten wollen. Ställe giebt es hier nämlich nicht, weder für das Rindvieh noch die Schweine, noch auch für die Pferde; diese werden auch weiter nicht gepflegt, als daß sie ab und zu zum Salzfressen herangetrieben werden. Im Übrigen laufen sie frei umher und fressen, was sie an Gras und Kräutern finden, was manchmal recht wenig ist, da auch nach dieser Richtung hin nichts für das Land geschieht, und man z. B. keine ordentliche Wiese hier sieht. Sollen nun Pferde gebraucht werden, so jagt ein Bursche so viel Tiere als der Zufall ihn erreichen läßt, in den inneren Hof; dort greift man die, die man haben will, heraus und läßt die anderen wieder laufen. Diese Freiheit, in der die Haustiere hier leben, ist ja an sich recht schön, aber fett werden sie nicht dabei, und in den jetzigen kalten Nächten, die hier im Hochland manchmal recht sehr frisch sind, erfriert manch ein armes Tier im Walde, besonders von den Jungen. Wie viel Vieh sie besitzen, wissen Souzas garnicht, eine Kontrole ist darin schwer möglich, die Kühe kalben im Walde und kommen dann eines schönen Tages mit den Kälbern an. Natürlich herrscht auch auf diese Weise absolut keine Regelmäßigkeit in der Milchgewinnung; gewöhnlich kommen allerdings die Kühe zum Melken herein, wenn es aber sehr kalt ist, bleiben sie im Walde, und dann meldet Cäsario einfach: „Heut’ giebt’s keine Milch, Senhora, ’s ist keine Kuh hereingekommen.“ Es ist eben alles urwüchsig unter der Ägide des heiligen Sebastian.
Am besten haben es die kleinen schwarzen Schweine, die sich hier beängstigend vermehren, von denen aber allerdings auch fast jeden Tag eines daran glauben muß, da die Pflanzung viel verbraucht.
Sklaven sind hier fast gar keine, da sowohl Herr de Souza wie Dona Maria Louisa die Sklavenwirtschaft nicht lieben; man hat nur wenige Schwarze hier für den unmittelbaren Hausdienst, und die Außenarbeit wird von freien Arbeitern gethan. Alle übrigen Sklaven, die die Familie besitzt, arbeiten auf einer zweiten Pflanzung, Saõ Luiz, unter einem portugiesischen Administrator, und Herr de Souza reitet nur alle 2–3 Wochen einmal die 9 Stunden hin und zurück, um alles dort zu inspizieren. Saõ Luiz ist Kaffeeplantage, während wir hier Zucker und Baumwolle haben und vor allem eine Holzschneidemühle, was ja alles weniger Arbeitskräfte verlangt als die Kaffeekultur.
Ich glaube, es ist ganz klug von den Brasilianern, sich allmählich auf den „camarada“ einzuarbeiten: leicht ist es aber nicht, das sehe ich hier: ich würde mich über solche Menschen zu Tode ärgern! Die „camaradas“ sind Brasilianer, vielfach Halbindiauer, Caboclos genannt, oder auch ganz verarmte Nachkommen der eingewanderten Portugiesen, bettelhaft armes und zerlumptes Volk, in ihrem Aussehen weit elender als die Sklaven, aber — sie sind frei in einem Sklavenlande! Was sie daraufhin für einen Hochmut entwickeln und für Ansprüche machen, das ist unglaublich! Dabei arbeiten sie natürlich höchstens halb so viel wie ein Sklave. Unseren deutschen Gutsbesitzern würden die Haare zu Berge stehen, wenn sie mit solchen Menschen zu thun hätten! Als die jetzt hier vorhandenen hier ankamen, hat Herr de Souza ihnen erst alles Material zu ihren Hütten gegeben und die eigenen Leute beim Bau derselben helfen lassen. Dann bekam jede Familie eine Summe Geldes vorgestreckt, um davon zu leben, bis das eigene Bohnen- und Maisfeld Erträge lieferte. Natürlich sollte dies allmählich wieder vom Lohn abgezogen werden. Nun aber „kaufen“ diese Menschen, nachdem sie das Geld verbraucht, alle ihre Bedürfnisse hier im Hause, d. h. sie entnehmen Speck, Mehl, Kaffee, Mais und Zucker in unbescheidenen Mengen und verheißen, auch dies wieder abzuarbeiten. Da sie jedoch häufig garnicht zur Arbeit kommen und gewöhnlich eine große Familie haben, die viel verbraucht, so werden ihre Schulden nicht kleiner, sondern größer. Herr de Souza behauptet, er könne da wenig thun; weigere er ihnen die Lebensmittel, so zögen sie ab, und wenn er auch einen Contrakt mit ihnen habe, so nütze ihm der doch garnichts; da sie nichts haben, könne man ihnen nichts nehmen, und zur Arbeit zwingen könne man sie auch nicht. So läßt er alles dies gehen, so gut es will, und nimmt so viel Arbeitsleistung mit, als er kriegen kann; wird es ihm dann zu bunt, so jagt er die Leute fort; die vorige Serie hat er mit 2000 Mark Schaden zum Kuckuck geschickt. Wenn man diese Verhältnisse mit ansieht, kann man sich wahrlich nicht wundern, wenn der größere Pflanzer sich mit Händen und Füßen gegen die Aufhebung der Sklaverei sträubt. Woher soll er denn seine Arbeiter nehmen! Die freigewordenen Neger bleiben nicht auf den Pflanzungen, so wenig wie sie das in andern früheren Sklavenstaaten gethan haben, und europäische Arbeiter sind ihnen oft zu teuer oder zu unbequem. Portugiesen und Italiener suchen nur viel Geld zu verdienen, um dann mit einer kleinen Wohlhabenheit in die Heimat zurückkehren zu können, und Deutsche streben nach dem selbständigen Erwerb von Grund und Boden. Die Arbeiterfrage ist hier wie bei uns eine ganz böse, nur daß es dort zu viele giebt und hier eigentlich keine.
Ich spreche viel über diese Zustände mit Herrn de Souza und Dona Maria Louisa, die, wie mir scheint, sehr verständige Ansichten darüber haben. Sie selbst verwerfen die Sklaverei im Prinzip und wünschen, daß sie aufhöre, aber sie haben auch ein offenes Auge für die Gefahr, die dem Lande dadurch zunächst insofern droht, als viele seiner wohlhabenden Grundbesitzer durch die Emancipation ruiniert werden oder doch verarmen, und zwar gestaltet sich die Sache um so schwieriger, je entfernter die betreffende Pflanzung von den Küstenplätzen gelegen ist, welche die Einwanderer zuerst bekommen. So kann man sich einerseits nicht wundern, wenn der Brasilianer die fremden Gäste nur als Ersatz für die Sklaven wünscht, anderseits kann es aber allerdings nicht der Zweck sein für unsere nach Brasilien auswandernden Landsleute, sich hier wiederum in Abhängigkeit zu begeben und sich als Knechte einer fremden Nation zu verdingen. Wer dem Lande seine und seiner Nachkommen Arbeit zuwendet, der beansprucht Selbständigkeit und eigenen Anteil an eben diesem Lande, und das mit Recht. Die Brasilianer sollten sich in ihrem eigenen Volke einen Arbeiterstand heranziehen, den sie so wenig wie einen Handwerkerstand bis jetzt haben, und sie könnten dies mit einem wenigstens teilweisen Erfolg thun, wenn sie die freien Negerkinder an eine regelmäßige Arbeit zu gewöhnen suchten. Es geschieht aber gerade das Gegenteil.
Das Emancipationsgesetz vom 28. September 1871 befiehlt u. a. auch jedem Sklavenbesitzer, diese Kinder im Lesen und Schreiben unterrichten zu lassen, aber es giebt wahrscheinlich im ganzen Kaiserreiche keine zehn Häuser, wo diesem Gesetze nachgekommen wird. Auf den Pflanzungen ist seine Befolgung auch eigentlich unmöglich. Hier im Innern giebt es ja keine Dorfschulmeister wie bei uns, und wenn es sie gäbe — soll der Fazendeiro denn etwa jeden Tag zwischen 20 und 50 Tiere satteln lassen, um die kleinen Neger in das nächste, gewöhnlich sehr entfernte Städtchen zu schicken, oder soll er einen besonderen Erzieher für die kleine Bande halten? Man mag diese Fragen beantworten, wie man will — jedenfalls thut hier niemand dergleichen, und so wächst das freigeborene Sklavenkind vollständig ohne Erziehung und Unterricht auf und wird demgemäß dereinst mit den Wilden auf gleicher Stufe stehen, denn es hat nicht einmal den Vorteil, daß ihn die Herrschaft dies und jenes an körperlicher Arbeit erlernen läßt, wie es beim Sklaven geschah — sie sind ja frei, warum soll man sich zu Gunsten Anderer Mühe und Kosten machen, man hat ja nichts davon.
Wunderbarerweise denken auch Herr de Souza und Dona Maria Louisa ebenso, die doch sonst sehr human und auch klug sind. Ob man denn gar nicht bedenkt, daß man auf diese Weise eine Generation von „Mitbürgern“ für die eigenen Kinder heranwachsen läßt, wie sie schlimmer nicht gedacht werden kann?!
Aber ich merke, daß ich schon wieder predige und Dich mit einer vollständigen national-ökonomischen Abhandlung beglückt habe. Du glaubst aber auch nicht, wie sehr sich einem hier alle diese Verhältnisse aufdrängen, und wie sie fast ausschließlich Gesprächsthema sind — da wird selbst die harmloseste Seele zum Socialpolitiker.
Und nun kann ich diesem Briefe auch nicht einmal mehr ein leichteres Anhängsel verleihen, damit Du nicht allzu sehr unter dem Eindrucke dieses sozialen Vortrages bleibst, denn da erscheint eben der Zimmermann, der hier gearbeitet hat und heute Abend wieder zur Stadt zurückkehrt, und der aus Gefälligkeit unsere Postsachen mitnimmt. Denn Herr de Souza schickt nur des Donnerstags zur Post — ich bin richtig ganz und gar in den „alten Styl“ hineingeraten.
Also ein Lebewohl für heute und nächstens mehr von
Deiner Ulla.

Saõ Sebastiaõ, den 28. Juli 1882.
Liebste, beste Grete!
Denke Dir meine Freude, hier ist eine Pflanzung ganz in der Nähe, die amerikanischen Ansiedlern gehört, also ganz zivilisierten Menschen! Niemand hatte mir davon erzählt, bis sie uns heute besuchten — man wußte ja nicht, wieviel mir das wert sein konnte! Ach, Grete, so nett diese Souzas auch sind, fremd bleiben die Brasilianer einem doch, fremder sogar als alle anderen Fremden hier, die schon ein gewisses Gefühl der Zusammengehörigkeit als Gäste auf hiesigen Boden zusammenzieht. Zudem ist mir doch immer das ganze Wesen und Sein germanischer Volksstämme weit sympathischer als diese Romanen; schon beim Klange der englischen Sprache atmete ich auf, ganz abgesehen davon, daß Mr. Quimby und seine Schwägerin wirklich sehr liebenswürdig und nett waren. Mrs. Quimby war zu Hause geblieben bei den kleinen Kindern, während das älteste zwölfjährige Mädchen schon flott mitgeritten war. Es war am vorigen Sonnabend, als sie kamen und — „Wollen Sie morgen mit uns zur Kirche?“ fragten sie mich plötzlich.
„Zur Kirche?“ wiederholte ich erstaunt — „wo?“
„O, hat man Ihnen noch nicht von unserer Kirche erzählt? Nun, ein Prachtgebäude ist sie freilich nicht, aber wir können doch so jeden dritten Sonntag im Monat unseren Gottesdienst haben. Kommen Sie mit und übernachten Sie bei uns, wir reiten dann morgen alle zusammen hin, wenn Sie wollen.“
Ob ich wollte! Natürlich wollte ich. Schnell war ein Pferd gesattelt, und vergnügt galloppierten wir die zwei Meilen bis zu Mr. Quimbys Pflanzung zurück. Ich „galloppiere“ nämlich jetzt auch schon flottweg, und Mr. Quimby schmeichelte meiner empfänglichsten Schwäche, als er meinte: „You look as if you’d been born and bred on your horse.“ Mrs. Quimby empfing mich herzlich wie einen erwarteten Gast, und in den Hängematten sitzend, verbrachten wir plaudernd den Rest des Abends.
Am andern Morgen um 9 Uhr brach eine ganze kleine Kavalkade zur Kirche auf, denn noch einige Damen und Herren aus der Umgegend schlossen sich uns an.
Solange der Weg auf dem Terrain der Pflanzung lag, war er nicht gar zu schlecht, obgleich Du Dir unter dem Worte „Weg“ auch nichts weiter als einen grade für ein Pferd hinreichenden Pfad vorstellen darfst, dann aber wurde er stellenweise so schlecht, daß man bei uns wohl überhaupt davon abgestanden wäre, ihn zu passieren. Aber brasilianische Pferde sind nicht verwöhnt; obgleich unbeschlagen, gehen sie sehr sicher ihren Weg, und man kann es ihnen bei schwierigen Stellen getrost selbst überlassen, sich denselben auszusuchen.
Recht seltsam malerisch nahm sich unsere kleine Gesellschaft aus: die hellen Kleider und Hüte der Damen, die weißen Staubmäntel der Herren, und die großen, meist auch weißen Sonnenschirme — alles hellglänzend beschienen von einer bereits recht brennend werdenden Sonne, und hin und wieder verschwindend und wieder auftauchend zwischen den mannshohen Farren, die die Pferde durchschnitten, einmal sogar sich spiegelnd in einer großen, einem See gleichenden Lache, wo die Tiere bis an den Bauch im Wasser gingen.
Ich war noch nie um diese Tageszeit geritten, da wir auf Saõ Sebastiaõ immer den frühen Morgen oder den späten Abend wählen, daher empfand ich die Sonne doch ziemlich unangenehm; der Weg zeigte unglücklicherweise, so weit das Auge reichte, nicht einen einzigen Baum, einzelne lange Palmen abgerechnet, deren graziöse, doch spärlich bewachsene Kronen aber keine Kühlung schufen und keinen Schatten auf den Boden warfen. Da habe ich denn doch gesehen, welche Erschlaffung einen doch nach nur dreistündigem Ritt in der Tropensonne befallen kann; die Hitze der Luft wäre ja noch zu ertragen, aber das unmittelbare Einwirken der Sonne ist das Schlimme! Es schien auch allen mehr oder weniger zu gehen wie mir, denn unsere Unterhaltung wurde immer einsilbiger und war zuletzt ganz verstummt. Da zeigte sich bei einer Biegung des Weges plötzlich ein langes, strohbedecktes Lehmgebäude.
„Wer kann sich denn hier auf der Roça (das ungerodete Feld) eine Scheune gebaut haben, so abgelegen von allen Pflanzungen?“ äußerte ich erstaunt.
„Das ist die Kirche“, sagte Mr. Quimby mit halbem Lächeln und bog zugleich in einen kleinen Seitenweg ein, dem Gebäude zu.
Mein Erstaunen war fast Entsetzen — dies eine Kirche, diese Scheune mit den durchlöcherten Lehmwänden, dem Strohdach, den Fensterluken ohne Rahmen, geschweige denn mit Fenstern! Aber ich konnte nicht länger zweifeln: unsere Gesellschaft ritt auf, die Herren sprangen von den Pferden, halfen uns von den unsrigen und befestigten die Tiere an einigen Bäumen neben dem Gebäude. Jetzt bemerkte ich auch eine Anzahl anderer Pferde und Maultiere, die rings umher standen, sowie deren Reiter und Reiterinnen, welche hie und da im Schatten oder bereits in der „Kirche“ saßen, und die nun Mr. Quimby und seine Familie zu begrüßen kamen. „How do you do?“ erklang es von allen Seiten, dazwischen vielfach das gemütliche „How d’ye?“ der Südstaaten, und dann wurden solche Neuigkeiten ausgetauscht, wie sie sich seit dem letzten „dritten Sonntag im Monat“ in dieser Zurückgezogenheit ereignet hatten. Ein Trunk aus der nahen Quelle erfrischte in etwas die erschlafften Lebensgeister, und dann traten wir in das Gebäude ein, wo wir, nachdem wir die Bänke mit einem dazu vorhandenen Besen abgefegt, dankbar für eine Weile der kühlen Stille genossen, während sich allmählich 50 bis 60 Personen ansammelten, fast ohne Ausnahme von ihren Pflanzungen oder der Kolonie Santa Barbara kommende Amerikaner.
Durch ein großes Loch in der Lehmwand neben mir beobachtete ich die Scene draußen, wie sie sich immer bunter gestaltete durch neu aufreitende Personen, ihre Pferde und Maulesel, die rings umher grasten, und durch die bunten, in die Bäume gehängten Reitröcke der Damen. So hatte ich noch nie in einer Kirche gesessen, dachte ich, als hinter mir eine junge Mutter vergeblich ihren jüngsten schreienden Sprößling zu beruhigen suchte, dem der Ritt wohl nicht behagt haben mochte, und dann ein altes, weißhaariges Mütterchen sich neben mir niederließ, die ich eben durch meine Wand angestaunt hatte, wie sie so munter auf ihrem Maulesel herangetrabt war.
Nach einer Weile kam der Prediger, und der Gottesdienst begann. Ein noch junger Mann ohne Talar oder sonstiges geistliches Abzeichen trat mit großer Einfachheit vor den hölzernen Altar (eine Kanzel war natürlich nicht vorhanden) und, nur ein Testament in der Hand, hielt er eine sehr durchdachte, wirklich schöne Predigt über Christi Antwort auf die Frage des Täufers: „Bist Du, der da kommen soll, oder sollen wir eines Anderen warten?“ Grete, da konnte man fromm werden. Es war tief ergreifend, die Bibelworte, die wir Zivilisationsmenschen gewohnt werden, mit der Katechismusstunde oder den geheiligten Hallen unserer Kirchen zu verbinden und sie gewissermaßen unwillkürlich dahin zu bannen, diese Bibelworte dort in jener Lehmhütte, in der tropischen Umgebung und so wenig unterstützt durch äußere Heiligungs-Hülfsmittel erklingen zu hören. Und sie klangen nicht anders als daheim, nicht weniger ernst oder feierlich als in geschmückten Kathedralen, unter herrlich ragenden Säulen und hinter bunten Fahnen. Ich war lange nicht in einer Kirche gewesen, aber ich bezweifle, ob die glanzvollste Messe in Sankt Peters Dom auf mich auch nur nahezu den Eindruck gemacht hätte, wie unser einfacher evangelischer Gottesdienst in der Lehmhütte, auf diesem verlorenen Posten im Innern Brasiliens. Der Gedanke von der Allgegenwart des Christengottes und die Predigt: „Gott wohnet nicht in Tempeln von Menschenhänden gemacht“, drängte sich dort mit einer gewaltigen Unmittelbarheit und einer gewissen rührenden Größe sicherlich auch denen auf, die einen solchen Eindruck nicht suchten.
Die drückende Hitze hatte nach und nach etwas nachgelassen, ein leichter Wind machte sich auf und plötzlich sah ich durch mein Wandloch einzelne große Regentropfen herabfallen.... O weh, die Sättel! Rasch wurde der Regen stärker, so daß nichts übrig blieb, als Sättel und Reitkleider hereinzuholen in die Kirche, wollte man sich nicht einen höchst unangenehmen Heimweg schaffen. Gegen 60 Sättel und einige 30 Reitkleider fanden in einem Winkel der Kirche ein Unterkommen, und lächelnd mußte ich daran denken, wie sich, was hier ganz natürlich erschien, wohl in einer europäischen Kirche oder Kapelle ausnehmen würde.
Plötzlich, wie er gekommen, hörte aber der Regen wieder auf, und als der Gottesdienst beendet war und man einander Lebewohl gesagt hatte für einen Monat, konnten die Sättel wieder aufgelegt werden.
Mit weit besserem Humor gings nun in der kühleren, staubfreien Luft heimwärts, und abends brachten mich Mr. Quimby und seine Schwägerin wieder nach Saõ Sebastiaõ zurück, versprechend, mich bald wieder einmal abzuholen.
Aber da ruft die alte dicke Anna an meiner Thür: „Chà, Senhora“ — ich schließe. Schreibe bald
Deiner feschen Amazone Ulla.

Saõ Sebastiaõ, den 5. August 1882.
Herzensgretele!
Dieser Brief wird wohl etwas zerfahren ausfallen, denn ich schreibe bei dem Gebell von 37 Hunden. Hier ist nämlich seit gestern Treibjagd, und Herr de Souza hat dazu 6 Herren eingeladen, von denen jeder ein Pferd oder zwei und so viel Hunde mitgebracht hat, als er besitzt; denn die Jagd ist um so viel schöner und forscher, je größer die Meute ist. Gestern sah ich den Zug oben am Walde vorbeirasen, ein Rehbock voraus — es sah ganz gut aus und ist jedenfalls eine Art zu jagen, wie sie für dies Land paßt. Aber von der Beute hat man nichts. Zwei erlegte Tiere hängen seit gestern an der Wand des Geschirrhauses, und als ich Dona Maria Louisa fragte, wann sie denn als Braten auf den Tisch kommen würden, lächelte sie und meinte, Rehe seien doch für Menschen nicht eßbar, die bekämen die Hunde! Mein Haar wollte sich schon wieder mal aufrichten, als ich mich noch zur rechten Zeit erinnerte, daß mir Herr Schaumann in der That einmal gesagt hatte, das Rotwild hier habe eine zu große Strenge, als daß es für Menschen genießbar sei. So essen wir denn unser carne de porco frisch und fröhlich weiter, obgleich ich sagen muß, daß Dona Maria Louisa alles thut, um Abwechslung in das Essen zu bringen; wir haben schon alles mögliche Getier gegessen, sogar einmal Gürteltier, das aber ganz gut, etwa wie zartes Kalbfleisch oder Huhn schmeckte. Der Panzer dieses Tropenbewohners prangt als Dekorationsstück in meinem Zimmer; wenn er eben abgezogen ist, ist er ganz weich und läßt sich in jede Form biegen, die man ihm geben will, und in welcher er dann beim Eintrockenen völlig verhärtet und beharrt. Überhaupt sammle ich an Merkwürdigkeiten, was ich bekommen kann, obgleich dies weit schwerer ist, als man es bei uns gemeiniglich denkt. Wir stellten uns die Sache doch ungefähr so vor, als raffte man hier die Indianerpfeile und andere wunderbare Dinge nur so nebenher am Wege zusammen, und ich sehe jetzt, daß die Sachen hier sehr teuer sind und schwer zu bekommen. Ich begnüge mich also mit einem sehr bescheidenen Naturalienkabinett eigener Sammlung. Die Neger bringen mir alles an, was sie draußen Merkwürdiges finden, und strahlen förmlich, wenn ich mich darüber freue; sie nennen mich „a professora que gosta dos bixos feios“ (die Gouvernante, die die häßlichen Tiere liebt), und fast jeden Tag finde ich auf meinem Fensterbrett irgend einen Käfer oder eine Raupe oder eine merkwürdige Pflanze aufgebaut. Eine Schlange, und zwar eine hübsche Korallenschlange, habe ich mir auch schon „eingemacht.“ Besonders aber habe ich eine Sammlung von reizenden Nestern, worunter entzückende Kolibrinester verschiedener Sorten und ein höchst merkwürdiges, mächtig großes Nest von Lehm, das sich ein mittelgroßer Vogel baut, den sie nach seiner Wohnung Joaõ de barro d. h. Lehmjohann nennen. Das Lehmnest ist noch etwas größer, als ein Menschenkopf und der Eingang so sinnreich seitwärts gearbeitet, daß es absolut nicht hinein regnen kann; inwendig befindet sich dann erst das eigentliche weiche Nestchen. — Meine letzte Errungenschaft ist ein Fischotternfell und das allerliebste Fell eines schwarzen Affen, den ein camarada hier neulich auf der Pflanzung getötet hat; und gestern brachte mir Maricota, die immer sehr lieb und gut ist, eine sehr nette Sammlung von 21 Holzarten, die sie sammeln und zu zierlichen gleichmäßigen Proben hatte zuschneiden lassen. Mit Holz verschwenden sie übrigens hier in Saõ Sebastiaõ nach unseren Begriffen fürchterlich; so ist z. B. meine Kommode, ein schweres, ungeschickt gearbeitetes Ding, ganz aus Cedernholz gemacht, und auch die plumpen Möbel im Schulzimmer bestehen aus dem kostbarsten Holzmaterial, wiederum ein Beispiel von den vielen Mißverhältnissen hier zu Lande an Verschwendung auf der einen Seite und Unzulänglichkeit auf der anderen.
Abends. Gretele, ich bin ganz außer mir vor Freude — vorhin unterbrach mich Maricota mit der entzückenden Nachricht, daß wir in etwa 8 Tagen nach Santos an die See gehen, um dort 5–6 Wochen Bäder zu nehmen! So bald soll ich mein geliebtes Saõ Paulo schon wiedersehen! Denn dahin müssen wir zuerst. Wir bleiben dort 1–2 Tage bei Dona Maria Louisas Eltern und fahren dann über die Serra nach Santos, dem großen Kaffeehafen der Provinz Saõ Paulo. Dort werden wir an der „Barra“, d. h. am Strande außerhalb der Stadt und vor dem Hafen wohnen in einem Hause, das der ganzen Familie gemeinschaftlich gehört und immer von denen benutzt wird, die es gerade für die Bäder brauchen.
Adieu, adieu, ich muß schnell an Fräulein Meyer schreiben, die augenblicklich auch mit der Familie in Santos ist; sie wird sich freuen, Gesellschaft zu bekommen.
Deine glückliche Ulla.

Santos, den 20. August 1882.
Meine liebe, gute Grete!
Ich sage Dir, dies Haus ist furchtbar poetisch — verzeih’, ich muß erst diese Wespe vertreiben... also, was ich sagen wollte: das reine Idyll! Draußen rauschen und branden die Wogen — Donner und Doria, das ist heute die fünfte handgroße Spinne! — und die Sonne funkelt darauf und macht sie — schon wieder eine Fliege im Tintefaß? — glitzern wie Silber. Der Garten ist ein wenig vernachlässigt, aber gerade darum um so roma... na, da sehe ich eben, daß mir die Baraten auch meine neue Schreibmappe schon angefressen haben! — romantischer. Reizend ist es, wenn wir die Schiffe so von weitem hereinkommen sehen — o diese Mosquiten, verzeih den Klex — und die vorhandenen Operngläser wandern, wenn ein großes Fahrzeug in Sicht ist, auch immer sofort heraus, um die Nationalität zu bestimmen. — Ach, ich Ärmste, da wimmelt’s auf dem Tisch vor mir von Ameisen! Warum habe ich auch den Zucker stehen lassen! Nun heißt’s erst Pause und Ameisenjagd...
Später. Du siehst, mein Gretele, daß hier die Poesie mit Schwierigkeiten verknüpft ist, das Ganze hier ist eine Idylle mit Hindernissen. Diese Chakara (so nennen sie hier derartige Gebäude, die halb Villa, mehr Landhaus sind) ist jedenfalls früher einmal für menschliche Bewohnungszwecke gebaut worden, doch haben anscheinend seit längerer Zeit Baraten, Spinnen, Eidechsen und Ameisen sich hier derartig häuslich und unbehelligt einrichten können, daß es ihnen nicht zu verdenken ist, wenn sie jetzt uns gegenüber den Standpunkt unbedingter Herrschaft nur schwer und sehr allmälig aufgeben.
Meine erste Nacht hier war nichts wie ein einziger „Kampf mit dem Insekt“, aber seitdem ich dann alle meine Mußestunden auf Grübeln über die besten Verteidigungsmittel verwendet habe, kommt es mir vor, als finge ich doch allmälig wieder an, diesen herrschsüchtigen Mitgeschöpfen gegenüber den richtigen Standpunkt als Mensch zu gewinnen. Mein Bett steht in der Mitte des Zimmers, wie ich überhaupt kein Möbel an die Wand gerückt habe; diese gebe ich „dem Insekt“ frei. Unter Möbeln verstehe ich den Waschständer, einen Tisch, einen Stuhl und meinen Koffer. Letzterer dient als Kommode und überhaupt als Aufbewahrungsort für all mein Besitztum außer den Kleidern. Diese habe ich, nachdem ich eine breite alte Gardine untergenagelt, malerisch an der Wand gruppiert und sie mit einem Bettlaken verhangen, doch benutze ich sie auch nach diesen Vorsichtsmaßregeln immer nur wie solche Medizinen, die das Etiquette tragen: „Vor dem Gebrauch zu schütteln“, und die Anhäufung einer kleinen Insektensammlung auf dem Fußboden bei solcher Prozedur lehrt, wie weise ich daran thue. Bei meinem Waschständer habe ich, seitdem er den Wänden fern, wenigstens die Befriedigung, jetzt meine Seife allein zu verbrauchen und sie nicht des Morgens halb von den Baraten genossen zu finden, die sie als ganz besondere Delikatesse zu betrachten schienen. Das meiste Nachdenken kostete es mich, mein Bett unter möglichst günstige Insekten-Verhältnisse zu bringen. Die erste Nacht stand es an der Wand zum größten Gaudium der heimischen Spinnen, Baraten, Eidechsen und Ameisen, die zweite Nacht rückte ich es ab, so daß nur das Kopfende an der Wand blieb, doch legte auch dies, wie ich sah, den ebengenannten Hausbewohnern keine wesentliche Beschränkung in der Bewegung auf. So rückte ich denn am dritten Tage in die Mitte der Stube, welcher luftige Standort noch den übrigen Vorteil gewährt, daß er mich lehrt, auch im Schlafe Balance zu halten, denn die erste derartig „im Freien“ zugebrachte Nacht begann damit, daß ich auf der einen Seite von meinem Spartanerlager, das natürlich wieder jede Seitenwand verschmäht, herunterrutschte und einige Baraten totfiel. Nachdem ich mich bei derselben Gelegenheit überzeugte, daß diese angenehmen Tierchen auch eine besondere Vorliebe für die Reibeflächen der Schwedenschachteln haben und einen so angesichts der vollen Streichholzschachtel einer unerleuchtbaren Finsternis preisgeben können, quittierte ich auch den Stuhl neben meinem Bett, stelle jetzt das Licht in armlanger Entfernung auf die Erde und stecke die Schachtel Schweden nebst Uhr und Taschentuch geheimnisvoll unter mein Kopfkissen, auf dem sich’s allerdings seitdem, da es von bekannter brasilianischer Größe, recht holprig schläft. Nun galt es nur noch, die Ameisenfrage zu lösen, der ich aber schließlich auch beigekommen bin, indem ich nachmachte, was ich neulich in einem Bahnhofsrestaurant an einem Tische gesehen: ich habe alle vier Bettfüße in Blechgefäße mit Wasser gestellt, so daß jetzt — hurrah! — das Insekt auf die Angriffe beschränkt bleibt, die es von der Decke herab auf mich vollführen kann.
Im Übrigen sind diese interessanten Mitbewohner unserer Chakara insofern wertvoll, als sie dauernd für unsere Unterhaltung sorgen. Des Morgens beim Kaffee muß jedesmal die Zuckerdose hinauswandern, damit die Ameisen ausgeräuchert werden, während Maricota und ich die Milch ausfischen; des Mittags sind wir jetzt so sehr an Fliegen auf den Tellerrändern gewöhnt, daß ich mir ein Essen ohne diesen Zierrat eigentlich schon recht öde vorstelle, und abends, wenn die Baraten munter werden, ist der Hauptspaß. Maricota und ich sitzen dann gewöhnlich in meinem Zimmer über unserem Dickens, und nebenan im Eßzimmer spielen Dona Maria Louisa, ihre Schwester und Herr de Souza Whist mit ’nem Strohmann. Plötzlich entsteht dort ein Heidenlärm, man kreischt auf, und sämtliche Morgenschuhe fliegen; sofort ergreifen auch wir die immer bereitstehenden Stiefel und schleudern sie gegen die Thür, denn durch ihre handbreite Spalte über der Schwelle saust das bedrohte Insekt von den Whistspielern herein zu uns Pickwickiern, um hier so ziemlich sicher den Untergang zu finden, denn auf Baratenmord bin ich noch vom Collegio her eingeübt.
Das „Leben in und mit der Natur“ ist überhaupt hier die Devise unseres Banners. Um fünf Uhr früh, so ungefähr, wenn der Mond zum Abschied noch der Sonne sein schiefstes Gesicht zuschneidet, stürzen sich sämtliche menschliche Hausbewohner in den Schoß der Wellen. Männlein und Weiblein, Schwarz und Weiß, alles läuft in flanellenen Badeanzügen durch den Garten an den Strand und ins Wasser, um dort in schönster Harmonie beim Mondenschein die Glieder zu erfrischen. Es ist ein heilloses Gekreische, das mich immer schon für den ganzen kommenden Tag betäubte, und da mir Seebäder überhaupt nicht sehr gut bekommen, so habe ich mich nach den ersten 5 Tagen aus dem Gewimmel zurückgezogen und bade nun nach wie vor im Zimmer in einer der üblichen großen runden Blechwannen, die die Negerinnen auf dem Kopfe hereintragen.
Der Abend endet nach anderer Richtung hin in recht harmloser Weise. Unsere Chakara steht nämlich sehr einsam, da sich auf der einen Seite ein großer Garten, auf der andern eine unbewohnte Chakara befindet; trotzdem ist sie von der Strandseite ganz unverschließbar. Da wird nun des Abends einfach eine Barrikade aus einem Tisch und zwei daraufgetürmten Stühlen vor der Glasthür aufgeführt, und damit Gott befohlen für die Nacht.... Wie ich Dich kenne, würde Dich diese Seite unserer Strandidylle ganz besonders anmuten!
Der Unterricht geht fort wie gewöhnlich, nur daß zur Betrübnis der Familie und meiner höchsten Wonne — das Klavier fortfällt. Das betrachte ich als meine Badereise!
Aber ich habe Dir noch garnicht erzählt, wie es in Saõ Paulo war. Wir sind zwei Tage dageblieben und logierten bei Maricotas Großeltern. Den ersten Tag war ich Nachmittags bei Schaumanns und den zweiten mit Fräulein Harras bei Fräulein Meyer, die leider, leider mit ihrer Familie von hier wieder abgereist war und in Saõ Paulo zurück. Am dritten Vormittag fuhren wir dann hier herunter, den imposanten Weg über die Serra mit der Seilbahn, und denke Dir, wer auch herunterfuhr — — Mr. Hall! Er saß neben mir im Coupé und erzählte mir, daß er nach Santos ginge, weil eine Sendung Maschinen aus England avisiert sei, die er gern selbst aus dem Zoll nehmen wollte. Seitdem habe ich ihn noch nicht wiedergesehen, aber, Grete, ich glaube — wir freuten uns beide über die netten Maschinen, die grade jetzt ankommen mußten.
Ach, Gretele, ich bin so froh! Und es ist doch eigentlich ganz hübsch in Brasilien.
Nächstens mehr von
Deiner Ulla.

Santos, den 22. September 1882.
Meine Herzensgrete!
Unsere Strandidylle nähert sich ihrem Ende, und es werden wohl kaum noch 8 Tage vergehen, da werden die 32 Stück Gepäck, mit denen wir hier eingezogen, wieder zusammengepackt und heim nach Saõ Sebastiaõ dirigiert werden. Ich bedaure das wirklich von Herzen, denn ich habe mich, trotz der mehr für Insektologen als für sonstige Sterbliche geeigneten Verhältnisse so sehr an diese Chacara gewöhnt, daß ich sie ordentlich lieb gewonnen habe; ob auch das Unmusikalische unseres hiesigen Aufenthaltes dabei ein Wort mitspricht, darüber wollen wir ein wohlwollendes Auge zudrücken. Als Ersatz für die Klavierstunden habe ich übrigens den einzigen Sohn von Dona Lydia, der Schwester von Dona Maria Louisa mit zu unterrichten gehabt für diese Badezeit. Dona Lydia ist Wittwe und hat gewöhnlich keine eigene Erzieherin gehalten, sondern ihren Luiz-Guilherme (Ludwig-Wilhelm) immer mit bei einer ihrer vielen Schwestern in Saõ Paulo pädagogisch zu Gaste gegeben; sämtliche professoras der Familie kannten ihn bereits und behaupteten, ihn nach Gebühr zu „schätzen.“ Ich war daher nur sehr wenig entzückt, als ich gefragt wurde, ob ich ihn mit zu Maricota in die Stunden nehmen wollte, denn ich fürchtete eine Wiederholung meiner Zeit des klassischen Altertums in Saõ Paulo. Aber siehe da, er entpuppte sich als ein ganz traitabler, sogar ziemlich liebenswürdiger und recht intelligenter Junge von 13 Jahren, der auf den Spaziergängen schon den Cavalier spielt, und dem ich bis jetzt weiter keine Verdrehtheiten angemerkt habe, als daß er steif und fest behauptet, er habe die Gicht in den Füßen. Ich bin die 14. unter den Lehrern und Lehrerinnen, die er in seinem, wie Du siehst, wechselreichen Schulleben bisher gehabt hat; und daß er neulich zu seiner Mutter gesagt, ich sei von allen 14 der vernünftigste Mensch, darauf bin ich demgemäß nicht wenig stolz, denn Du mußt zugeben, daß ihm eine gewisse Urteilsfähigkeit in dieser Beziehung wohl nicht gut abzusprechen sein dürfte.
Luiz-Guilherme ist mein hauptsächlichster Versorger in der Richtung Muschel. Ich sammle natürlich auch darin auf geradezu gemeingefährliche Weise, und ein kleines leeres Zimmer neben dem meinen, sowie mein eigenes Fensterbrett „duften“ fortwährend auf das Penetranteste nach Seetang und faulenden Muscheltieren. Es ist ein rechtes Kreuz für mich, aber ich mache hier die Erfahrung: wenn den Menschen einmal die Sammelwut packt, da ist ihm zuletzt nichts mehr heilig, nicht einmal die eigene Nase!
Heute kommt Herr de Souza zurück von der Fazenda, wo er einmal nach dem Rechten gesehen hat. Während seines Fortseins war es hier natürlich nicht gerade anheimelnder, zumal da einige Tage oder vielmehr Nächte vor seiner Abreise ganz in unserer Nähe eingebrochen und gestohlen worden war. Am Morgen seiner Abreise trat er daher beim Frühstück mit einem großen Revolver auf mich zu und meinte, ich sei ja wohl noch die Tapferste von der zurückbleibenden ewig weiblichen Gesellschaft, und er lege daher die Verteidigung des Platzes in meine Hände. Ich muß gestehen, daß dies auch meine erste Bekanntschaft mit Revolvern oder sonstigen Mordinstrumenten war, allein ich übernahm kühn meine Rolle als wehrhafte Besatzung der Chakara und ließ mir nur zur größeren Sicherheit — meiner selbst — das Ding von einem mir bekannten deutschen Herrn in unserer Nachbarschaft erklären. Seitdem droht es nun von meiner Wand herab und macht in der That neben meinen Kattunkleidern und Röcken einen höchst schreckhaften Eindruck, dessen erste Wirkung sich auf die Negerin warf, welche seitdem kaum zu bewegen ist, das Zimmer aufzuräumen. Eine weitere Vorsichtsmaßregel war, daß wir sämtliche Damen alle die Tage über ganz ohne Schmuck und in den schlechtesten Kleidern ostentativ auf der Praia, d. h. am Strande spazieren gehen mußten, um den Dieben zu demonstrieren, daß bei uns nichts zu holen sei, eine Maßregel, die gewiß nicht verfehlt hat, auf die Diebe den größten Eindruck zu machen! Endlich wurde der Barrikadenbau des Abends etwas raffinierter betrieben. Ein disponibles Rohrsopha wurde dem Tische hinzugefügt, und die Stühle wurden in der Anzahl auf 5 erhoben, sowie etwas „kippeliger“ aufgebaut; das Werk krönten ein paar leere Schubladen (meine Erfindung!) und das Ganze machte stets, wenn es fertig gestellt war, einen erhebenden Eindruck auf uns alle. Mit heute werden wir denn wohl wieder zu Barrikade Nr. I zurückkehren, und ich werde die Verteidigung des Platzes in Herrn de Souzas Hände zurücklegen.
Ob er mir einen Brief von meiner Grete aus Saõ Sebastiaõ mitbringen wird? Adieu, mein Herzle, das Licht brennt, Dickens tritt in seine Rechte, und die Baratenstunde naht.
Deine Ulla.

Saõ Sebastiaõ, den 4. Oktober 1882.
Meine gute Grete!
Da sitzen wir wieder in Saõ Sebastiaõ und warten auf die Hitze und die Zuckerrohrernte, auf das letztere mit großer, auf das andere mit mäßiger Sehnsucht.
Unsere Abreise von der guten alten schmutzigen Chakara und der Abschied von dem Insekt wurde uns schwer trotz alledem und alledem, und außer Herrn de Souza und Dona Maria Louisa mußten wir alle darüber getröstet werden, die Kinder mit der kommenden „süßen“ Zeit, ich mit dem kleinen muntern Lazaõ, meinem Lieblingspferd, das ich immer geritten, und mit dem mir Herr de Souza lachend ein Wiedersehen schon an der Station versprach. Es ist wahr, das Reiten ist hier mein schönstes Vergnügen, ja, meine einzigste Zerstreuung, und wenn mir die Einsamkeit einmal gar zu traurig wird, kann ich leicht wieder froh gemacht werden durch einen besonders schönen Ritt.
Es ist wirklich bezaubernd und giebt einen fast berauschenden Begriff von dem Reichtum und dem Reiz der Tropenwelt, wenn wir so langsam und schweigend neben dem abendlichen Wald herreiten, manchmal Viertelstunden lang begleitet von dem wollüstigen Duft prachtvoller Orchideen, die in selbstgenügsamer Schöne hier an den uralten einsamen Stämmen tief im Walde blühen, oder wenn am Nachmittag im hellen Sonnenlicht handgroße blaue Schmetterlinge paarweise, die Köpfe unserer Pferde fast streifend, vorüberflattern.
Aber wir gehen auch viel spazieren, bei welchen Gelegenheiten ich meine „Naturalien“-Sammlung zu vervollständigen suche. Neulich fand ich eine ganze Anzahl riesengroßer leerer Häuser von Erdschnecken, und von Schlangen könnte ich schon eine ganze Collection haben, wenn ich alle aufheben wollte, die hier getötet werden. Vor einigen Tagen habe ich selber mit meinem Regenschirm ein kleineres Exemplar von diesen Unholden totgeschlagen, und das Kindermädchen bringt, wenn sie mit den Kleinen spazieren geht, öfters solche ekelhafte Reptilienleichen an, für die wir uns ein besonderes „Massengrab“ eingerichtet haben. Meine Käfersammlung aber habe ich in ihren Anfängen verkümmern lassen müssen; ich konnte das Morden nicht mehr aushalten, Grete. Wenn ich sie eben mit Chloroform getötet zu haben glaubte und sie dann vor das Fenster in die Sonne zum Trocknen legte, dann lebten sie nach einer Stunde oft wieder auf und krochen schwerfällig umher. Das war mir zu ekelhaft, meine Kaltblütigkeit scheint sich nur auf Baraten und Schlangen zu beschränken. Von ersteren haben wir hier, Gott sei Dank, so gut wie gar keine, wie denn überhaupt das Insect auf dieser hochgelegenen Pflanzung glücklicherweise nur eine sehr untergeordnete Rolle spielt. Worunter wir am meisten leiden, ist die auch hier herrschende große atmosphärische Feuchtigkeit, deren Regiment jetzt mit der heißen Zeit, wo es fast jeden Tag regnet oder gewittert, wieder beginnt. Da werde ich denn wohl von Zeit zu Zeit eine Trödelbude aus meinem Zimmer machen müssen, wenn mir nicht alles verstocken soll. Übrigens habe ich jetzt als vortreffliches Mittel gegen Stockflecke in Handschuhen gelernt, diese in einer Schachtel mit Hirschhornholz aufzubewahren, wobei man nur die Knöpfe zu umwickeln hat, da diese sonst anlaufen.
Heute fördert’s schlecht mit meinem Briefe, Herzensgretel, denn vor meinem Fenster auf dem freien Platz werden schwarze Bohnen ausgedroschen. Sechs Neger stehen einander zu je dreien gegenüber und schlagen mit langen Bambusstöcken auf die Bohnen los; das eintönige, taktmäßige Geräusch geht nun schon seit heute Morgen um 7 Uhr vor sich und hat uns auch durch sämtliche Schulstunden begleitet. Das gelegentliche Singen unserer Drescher daheim wird hier ersetzt durch einen beliebigen aber rhythmischen, oft allerdings ganz blödsinnigen Satz, den der erste Drescher erfindet oder doch vorspricht, und den die anderen mitsprechen, und nach dessen Takt gearbeitet wird. „Que bom chà, que bom“ (Welch’ guter Thee, welch’ guter) ist Cäsarios geistreiche Erfindung, nach der hier die schwarzen Bohnensträucher geprügelt werden, und ich darf wohl mit Wahrheit behaupten, daß ich diesen imaginären Thee heute wohl einige tausend Mal habe loben hören. Übrigens trinke ich hier jetzt keinen chinesischen Thee mehr, weil er mir Schlaflosigkeit verursacht, sondern ich nehme des Abends auf Dona Maria Louisas Rat statt dessen Thee von Kopfsalat zu mir, der mir anfangs natürlich schauderhaft schmeckte, an den ich mich jetzt aber sehr gewöhnt habe, zumal er in der That eine leicht beruhigende Wirkung hat.
Was gäbe ich um ein kleines Fläschchen Bier hier am Abend! Aber das ist auf den Pflanzungen nicht zu halten und kostet schon an den Hafenplätzen einen Milreis, also 2 Mark die Flasche! Mit Getränken ist man überhaupt schlecht daran in Brasilien! Mittags wird von den Brasilianern ein kleines Glas Portwein getrunken, wie wir es zum Frühstück nehmen, aber die Sorte ist gewöhnlich so schlecht, daß wir daheim sie verschmähen würden, und dann ist das doch auch kein Wein, der in größeren Mengen als Tischwein genossen werden kann. Unser Wasser hier in Saõ Sebastiaõ ist recht schlecht und oft ganz gelb und lehmig, und den roten Lissabon-Wein, den mir Herr de Souza aus Saõ Paulo hat kommen lassen, trinke ich nur aus Courtoisie. Der Brasilianer ist kein Weinkenner und trinkt überhaupt wenig außer Wasser und Kaffee, von welchen beiden Flüssigkeiten er allerdings tagsüber erstaunliche Mengen zu sich nimmt.
Widme mir das erste Glas Bowle, Gretele, das Du nach Empfang dieses Stoßseufzers zu Dir nimmst, und verurteile nie mehr einen Studenten, wenn er singt: „Ein Bursch wie ich, säuft ganze Fässer aus — Fässer aus“ — vielleicht will er nach Brasilien gehen und trinkt Vorrat, woran er recht thut!
Mit welchem höchst forschen und schneidigen Ausspruch ich für heute schließe.
Deine Ulla.

Saõ Sebastiaõ, den 27. Oktober 1882.
Meine süße Grete!
Heute muß ich Dir eine vollständige kleine Geschichte erzählen, und hoffentlich wirst Du sie nicht allzu unsympatisch finden, weil sie von einem — Aussätzigen handelt. Die ganze Sache hat mich so beschäftigt und erinnerte mich zugleich unwillkürlich an die rührende Erzählung Xavier de Maistre’s: „Le lépreux d’Aoste“, daß ich nicht umhin kann, sie meiner Grete mitzuteilen.
Es ist schon eine Zeitlang her und war vor unsrer Reise nach Santos, da ging ich eines Abends mit den Kindern langsam dem berittenen Neger entgegen, der die Briefe für die Pflanzung von der Station holte. „Da kommt er“, rief ich freudig aus, als sich vor uns in der Dämmerung etwas bewegte.
„Ach, das ist ja gar kein Reiter“, lachte die kleine Albertina, „das ist Ignacio.“
„Wer ist Ignacio?“
„Nun — Ignacio, wissen Sie.“
„Ist er ein Neger der Pflanzung?“
„O ja, aber er arbeitet nicht, er ist krank.“
„Was fehlt ihm denn?“
„Weiß nicht, er hat ein Loch unterm Fuß und an der Hand auch eins, und das will gar nicht heilen.“
Du weißt ja, Greteherz, daß ich einen fast krankhaften Ekel gegen alle Hautleiden habe, und so bog ich etwas seitwärts ab, als wir dem Neger nahe kamen.
Eine große und durchaus nicht unkräftige Gestalt stand, als wir vorbeigingen, mit dem Hute in der Hand still, grinste und murmelte „Soss kiss“, um dann aber auf der Kinder freundliches „Guten Abend, Ignacio, wie geht’s, Ignacio?“ uns ein wiederholtes „danke, danke, Senhora; guten Abend, meine kleine Herrin, gelobt sei Jesus Christus“ nachzurufen.
Die entsetzlich zerlumpte und schmutzige Kleidung des Schwarzen, das verwilderte Wollhaar und der große, struppige, für einen Neger ungewöhnlich starke Bart gaben dem auf seinen Stock Gestützten und sich mühsam weiter Schleppenden ein so abstoßendes Aussehen, daß der Widerwille in mir das Mitleid bei weitem überwog, und die Kinder nicht so ganz unrecht hatten, als sie nachher lachend zu Hause verkündeten, Mademoiselle habe sich vor Ignacio „gefürchtet.“
„Was fehlt ihm?“ fragte ich wieder statt aller Verteidigung.
„Quem sabe!“ machte Dona Mara Louisa, „er hat überall am Körper Löcher und wunde Stellen, gegen welche auch die bewährtesten Blätter und Kräuter nicht helfen, so daß wir jetzt fast glauben, er ist lazaruskrank.“
Das wurde so ruhig hingesagt, als wenn man erzähle, es habe jemand einen Schnupfen. Grete, es überlief mich kalt. Ein Gefühl unsäglichen Jammers für den Unglücklichen, den die Schickung nicht tief genug demütigen zu können schien, überkam mich. Neger — Sklave — aussätzig! Es war fast eine Erleichterung zu denken, daß ihn nun nichts Schlimmeres mehr treffen könne. Was seine eignen Gedanken wohl darüber waren? Ob er um Hülfe rufen würde, wenn er in’s Wasser fiele? Ob er uns haßte, die wir gesund waren? Ich grübelte den ganzen Tag über diesen unglücklichen, vom Geschick gezeichneten Paria, und sein Bild ängstigte mich im Traum.
Einige Tage später erzählte man mir, Ignacio sei aus der nächsten Umgebung des Hofes verbannt und der Verkehr mit ihm den Negern untersagt, damit er niemanden mit seiner traurigen Krankheit anstecke.
Wie erbärmlich selbstisch ist doch der Mensch! Mein erstes unbewachtes und wie instinktives Gefühl war das der Erleichterung, daß ich die verwilderte, hinkende Gestalt des zerlumpten Aussätzigen nicht wiedersehen sollte, dann erst dachte ich an sein Elend und — suchte schließlich auch das zu vergessen.
Bald darauf machte ich eines Morgens meinen gewohnten Frühspaziergang. Dabei schmetterte ich im Frohgefühl meiner Gesundheit und Kraft ein vergnügtes deutsches Lied in die brasilianische Landschaft hinein....
Plötzlich aber brach der Ton in meiner Kehle ab — da kam ja der Aussätzige auf mich zugehinkt!
Dem ersten blitzartigen Impuls gehorchend, kehrte ich jäh um und maß bereits mit eiligen Schritten meinen Weg zurück, als ich zur Besinnung kam.
„Edel sei der Mensch, hülfreich und gut“ — ich wagte es garnicht, Grete, diesen unseren Lieblingsspruch auszudenken, als er mir einfiel. Pfui ob meiner verletzenden Hast!... Dann war eine Stimme da, die mich entschuldigen wollte: die Erscheinung war so plötzlich gewesen, ich hatte auch gar nicht an den verkommenen Neger gedacht. — — Aber wiederum nein, nein, es half nichts, ich schämte mich, o wie sehr!
Am folgenden Morgen ging ich zur gleichen Stunde denselben Weg. Das war meine Buße. An der nemlichen Stelle, wie am Tage vorher, traf ich den Aussätzigen. Sein unbedecktes Haar stand im Morgenwind, die Kleider umhingen zerlumpt den großen Körper, die dick umwickelten Füße erinnerten an seine Krankheit. Ein Schauer überlief mich, doch zwang ich mich, weiterzugehen. Da, als er ungefähr zehn Schritte von mir entfernt war, bog der Schwarze seitwärts in das wegelose Gestrüpp ein und schritt so, sich in ziemlicher Entfernung haltend, mit dem Gruße: „Gelobt sei Jesus Christus“ an mir vorüber. Mir brannte das Gesicht vor Scham in Gedanken an meine gestrige Flucht — wie unsäglich klein war das gewesen! Ob er das wohl auch gedacht hatte? Ich wünschte, er wäre mir nicht so sorgfältig ausgewichen.
Auf meinem Rückwege sah ich ihn nicht, aber der Lazaruskranke begann, fortan in meinem Gemütsleben eine Rolle zu spielen. Ich quälte mich mit dem Gedanken an ihn herum, fand mich jetzt klein und erbärmlich in meiner Scheu, dann wieder läppisch und überspannt in meinem Kampf gegen einen Ekel, den jedermann offen zur Schau trug, und dessen Berechtigung sein unglücklicher Gegenstand offenbar selbst anerkannte. Warum sollte ich allein mich überwinden, einem Menschen zu begegnen, den jedes glückliche Geschöpf floh!
Ohne Ergebnis jedoch in diesem Gedankenstreit fand mich der folgende Morgen zunächst wieder auf dem alten Wege. Wie an den beiden anderen Tagen traf ich den Aussätzigen. Wieder bog er tief in das Gestrüpp ein, als wir an einander vorüberschritten, aber es fiel mir auf, daß er reinere Kleider trug und einen Hut auf dem Kopfe, den er lebhaft abzog, als er mir zweimal eifrig sein „Soss kiss“ zurief. Der Gedanke kam mir, als könne der arme Ausgestoßene diesem Austausch eines Morgengrußes mit einem der glücklicheren Wesen, aus deren Nähe ihn sein Elend bannte, mit einer gewissen Freude entgegen gesehen haben, und der Streit in mir war beendet. Ich beschloß, er solle dieses kleinen Trostes nun nie mehr entbehren.
Da mich der folgende Morgen ein wenig früher als gewöhnlich hinausführte, so traf ich erst auf Ignacio, als derselbe eben aus einer kleinen Hütte von Bambus und Lehm trat, die zwischen Farren und Gesträuch lag. Als er mich sah, blieb er zurück.
„Ist das Deine Hütte, Ignacio?“ rief ich ihm zu.
„Ja, Senhora, meine“, rief er mit strahlendem Gesicht zurück.
„Wohin gehst Du jeden Morgen?“
„Wasser holen zum Kaffee, Senhora.“
Seit wieviel Tagen, vielleicht Wochen mochten dies seine ersten Worte wieder sein!
Jeden Morgen brachte ich nun dem Unglücklichen seinen Gruß aus der Welt der Menschen, und es war mir jedesmal eine Befriedigung, in der Entfernung sein Gesicht freudig aufleuchten zu sehen hinter dem hohen Ginster hervor, durch den er sich allmählich einen vollständigen Weg gemacht hatte. Dennoch blieben meine Morgenspaziergänge, die früher der schönste Teil des Tages gewesen, noch lange eine Überwindung — vor allen Dingen sang und jubelte ich nicht mehr unterwegs.
Dann kam unser Aufenthalt in Santos, und der Gedanke an den Aussätzigen wurde in den Hintergrund gedrängt. Kurz nach unserer Rückkehr sollte ich wieder an ihn erinnert werden. Eines Tages sah ich nämlich, wie Dona Maria Louisa verschiedene große Papierdüten mit Kaffee, Reis, Zucker und schwarzen Bohnen füllte.
„Für wen ist das?“ fragte ich.
„Die Lazaruskranken sind da“, war die Antwort.
„Ignacio?“
„Nein, die Aussätzigen von Santa Barbara, eine ganze Anzahl dieser Kranken, die dort in der Nähe eine Art von Kolonie bilden und ihren Unterhalt erbetteln, um nicht durch das Geld[8] und den Eintritt in die Venden[9] ihr schreckliches Leiden zu übertragen. Die mittellosen Kranken sind auf diese Weise besser daran als in einsamer Verbannung, und wer daher z. B. einen lazaruskranken Sklaven hat, schickt ihn gewöhnlich dorthin. Sie leiden keine Not, denn jeder giebt ihnen reichlich.“
„Warum lassen Sie Ignacio sich ihnen nicht anschließen?“
„Er will nicht, weil er seine Tochter hier hat; wir haben es ihm oft vorgeschlagen.“
Trauriger und rührender Gedanke, diese Familie von Parias, die, durch einen gemeinsamen Fluch von der übrigen Welt geschieden, sich zu gegenseitiger Samariterschaft verbrüderte — die Freimaurer des Elends....
Ich blickte der weiterziehenden Schar der Kranken nach, und ihr dankbares „Gelobt sei Jesus Christus“ schnitt mir ins Herz.
Am folgenden Tage traf ich Ignacio nicht, so daß ich annahm, er sei ein Stück Weges mit seinen Leidensgenossen einhergezogen; als man ihn aber dann auch am anderen Tage bei der Rationenverteilung auf seinem Posten hinter der Barriere vermißte, wurde ein alter Neger hingeschickt, um nach ihm zu sehen. Der Auftrag war wohl ein unliebsamer, der Bericht jedenfalls ein liebloser: Ignacio behaupte, krank zu sein, hieß es, doch könne er nicht sagen, wo es ihm fehle, und demnach würde wohl das ganze Übel nichts weiter als Trägheit sein, er wolle bedient werden und scheue gar die kleine Mühe des Kochens. Ich war erstaunt und verletzt zu sehen, ein wie bereitwilliges Echo diese lieblose Äußerung fand, und sann nach, was zu thun sei, wenn dies fortdauere.
Am nächsten Morgen traf ich jedoch den Aussätzigen, der aber schmutzig und nachlässig aussah, und dessen unglücklicher Gesichtsausdruck und matter Gruß mir das größte Mitleid abnötigten.
Derselbe Tag brachte einen Regen, der mich durch seine Heftigkeit und Dauer mehrere Tage am Ausgehen hinderte. Ich dachte während der Zeit öfter an Ignacio, und ob er genügenden Mundvorrat und trocknes Brennholz in seiner Hütte haben werde; bei der Rationenverteilung fehlte er wiederum, und so oft ich täglich nach der Richtung seiner Hütte blickte, nie sah ich dort ein Rauchwölkchen aufsteigen. Grete, da kämpfte ich mit einem schweren Entschluß: sollte ich eintreten in die Hütte des Aussätzigen?! Ein Grauen schüttelte meinen ganzen Körper bei dem bloßen Gedanken daran. Aber: „Edel sei der Mensch, hülfreich und gut“ mahnte es wieder in mir. Was hatte ich denn bisher gethan für den Unglücklichen, was war mein Samaritertum gewesen? Ich errötete bei dem Gedanken, wie viel Überwindung mir das Wenige gekostet hatte, und mehr noch, da ich mir sagen mußte, daß meine Scheu vor dem Kranken weit weniger auf der Furcht vor Ansteckung beruhe, die bei mir immer sehr gering ist, vielmehr fast einzig in einem rückhaltlos groß gezogenen Ekel zu suchen sei. Um so mehr glaubte ich, mich überwinden zu müssen, und wiederholte mir, daß ich nichts gethan habe, wenn ich nicht dies eine thäte. Der Kampf war hart, und das erbitterte Ringen gegen mich selbst machte mich fast fieberisch. Einen Augenblick wies ich die Idee, bei dem Aussätzigen einzutreten, als eine wahnsinnige von mir und verspottete mich selbst ob meiner eingebildeten Samariterpflichten da, wo der Priester und der Levit vorübergingen; mochten doch seine Herren für den Leibeigenen sorgen, was ging er mich an! Dann wieder graute mir vor meiner eigenen Lieblosigkeit, und ich hatte ein Gefühl, als hätte mir die Vorsehung diesen Unglücklichen so recht besonders in den Weg geführt, als ginge er mich sehr viel an, mich vor allen andern, und als würde ich mehr als irgend jemand freveln, wenn ich ihn am Wege liegen ließe....
Ich faßte endlich den Entschluß, in die Hütte des Aussätzigen einzutreten, aber Grete — ich will es Dir gestehen — ich hatte am Abend vorher eine wilde, fieberhafte Hoffnung, in der Nacht zu sterben...!
Früh am nächsten Morgen pochte es an die Hausthür. Einer der Holzfäller, die von der nächsten Kolonie hierher kommen, meldete, er habe aus der Hütte des Ignacio im Vorbeigehen ein vernehmliches Stöhnen hervordringen hören, habe sich jedoch gegraut, hineinzugehen, der arme Teufel sei gewiß recht krank. Ein Neger wurde hingeschickt, um nach dem Unglücklichen zu sehen und ihn mit Stärkungsmitteln zu versorgen. Ich begann meine Stunden, konnte aber meine Aufregung kaum bemeistern! Grade als wir Pause hatten, kam der Bote zurück. Er hatte einen Toten gefunden.
Gretele, da drang mir ein Erlösungsschrei aus der immer doch menschlichen Brust hervor, und „homo sum“ mußte ich mit Beschämung erkennen. Als aber dann ein heftiges Weinen mir die angespannten Nerven gelöst hatte, konnte ich ohne selbstischen Nebengedanken dem unglücklichen Paria die ewige Ruhe gönnen, und ich konnte nicht anders als mir vorstellen, wie das Wort, das fast das einzige war, das ich aus seinem Munde gehört, gewiß auch sein letztes gewesen sei: „Gelobt sei Jesus Christus.“
Ein alter, fast unbrauchbarer Ochsenwagen wurde bespannt, und, in eine Hängematte gelegt, fuhren zwei Neger den Toten zu seiner letzten Ruhestatt. Es war schon stark dämmerig gewesen, als sie im Dorfe anlangten und vor der Wohnung des Kaplans hielten, um diesen um Beerdigung der Leiche in einem der immer bereiten Gräber zu ersuchen. Aber so spät eine Beerdigung, und nun gar eines Schwarzen — eines Sklaven — eines Aussätzigen — unverschämtes Ansinnen! Rauh war ihnen bedeutet worden, bis zum anderen Morgen zu warten. „Es geht nicht, wir müssen heim, Herr, wo sollen wir auch die Nacht über bleiben?“ hatten die Neger remonstriert. „Erlaubt denn, daß wir die Leiche in den Kirchhof stellen und selber umkehren.“ Auch dies war ihnen barsch verweigert worden, so daß die aufgebrachten Leute endlich gedroht hatten, die Leiche des Aussätzigen dem christlichen Geistlichen auf die Schwelle zu legen. Da befahl ihnen der Priester, die Aussätzigen der Kolonie herbeizuholen und von diesen die Leiche während der Nacht vor dem Kirchhofsthor hüten zu lassen. Die stille Krankenbrüderschaft ist dann gekommen, und es haben dem früheren Genossen ihres Elends, den die Menschen selbst über den Tod hinaus aus ihrer Gemeinschaft stießen, diese Paria der Menschheit die nächtliche Totenwacht gehalten.
Ich erinnere mich, daß in jener Nacht hellglänzend das Sternbild des Kreuzes am Himmel stand. Aber jetzt muß ich oft denken bei dem heiligen Zeichen: Warum bescheint es die Erde! Ich will heute nichts mehr hinzufügen mein Gretele, aber ich schicke dieses erst mit dem nächsten Briefe zusammen ab.

Saõ Sebastiaõ, den 17. November 1882.
Heute ging es mir und den Kindern wie dem Reiter über’n Bodensee; wir haben einen tüchtigen nachträglichen Schreck davongetragen. Bei unserem Spaziergange, den wir, durch das prächtige Wetter verlockt, ziemlich weit ausdehnten, kamen wir auch an einer großen Zuckerrohrplantage vorbei, wo wir an einer Stelle das kaum reife Rohr in einem großen viereckigen Stück herausgeschnitten fanden. Wir wunderten uns alle über diese merkwürdige stückweise Ernte und erzählten davon zu Hause. „O, das sind Maraõs, Senhor“, sagte Cäsario, der dabei stand, „ich habe in dieser Zeit auch manchmal geglaubt, spät Abends da drüben im Walde Rauch aufsteigen zu sehen, aber es war zu dunkel und neblig, um es genau zu unterscheiden.“
Du magst Dir meinen Schreck vorstellen, als mir auf meine Frage „was sind Maraõs?“ geantwortet wurde:
„O, vor denen müssen Sie sich sehr in Acht nehmen und dürfen jetzt nie mehr allein so weit gehen. Maraõs nennen wir entlaufene und verwilderte Sklaven, die sich in die Wälder geflüchtet haben und dort wie die Wilden leben, die Nachbarschaft plündernd, wo sie können. Sie stehlen ihren Unterhalt meist auf den Pflanzungen zusammen, seltener bauen sie selbst im Walde etwas Bohnen und Mais; sie sind gefürchteter als die Indianer. In letzter Zeit gesellen sich auch manchmal freigelassene Neger zu ihnen, die zu faul sind, um zu arbeiten. Diese Banden sind eine schlimme Wunde für Brasilien und würden dies noch mehr sein, wenn sie nicht durch das wilde Leben häufig zu Grunde gingen oder überhaupt sich mehr fortpflanzen könnten; Frauen gehen sehr selten mit, und so hoffen wir, wird dies mit einer Generation abgethan sein.“
Von jetzt ab werde ich wohl kaum den Mut haben, mehr zu thun, als feige ein wenig um’s Haus zu schleichen, denn diese Maraõs haben mir die Freude an unseren weiteren Spaziergängen auf’s Gründlichste verdorben.
Was überhaupt diese schwarze Race für ein Druck auf Brasilien ist, und daß die Sklaverei schließlich ein weit größerer Fluch für die Sklavenhalter als für die Neger ist, das zeigt sich jetzt so recht, wo sie aufgegeben werden soll. Was, um Gotteswillen, soll aus den Millionen von freien Schwarzen hier werden! Bei uns in Deutschland, wo man die inneren Verhältnisse Brasiliens so gut wie garnicht kennt, wird man vielfach denken (und ich hätte das wahrscheinlich dort auch behauptet), sie würden gewiß meistens auf den Pflanzungen ihrer bisherigen Herren bleiben und dort als freie und bezahlte Leute weiter arbeiten, schon die Not würde sie lehren, tüchtige Menschen und nützliche Staatsbürger zu werden! Hier sehe ich aber, daß nichts dergleichen der Fall sein wird. Selbst ein Vergleich mit den Verhältnissen in der nordamerikanischen Union ist unangebracht. Erstens haben sie hier nicht das Beispiel der Tüchtigkeit vor sich wie dort. Der Nordamerikaner achtet die Arbeit und den Arbeitenden; er schafft selber und legt ungeniert mit Hand an; er verachtete in dem Schwarzen nur die untergeordnete Race. Der Brasilianer, weniger peinlich, aber anderseits hochmütiger und doch wieder ungebildeter, verachtet gradezu die Arbeit und den Arbeitenden. Er selbst arbeitet nicht, wenn er es irgend vermeiden kann, er sieht das Nichtsthun als ein Attribut des Freien an, und woher will man denn erwarten, daß der in tierischer Unwissenheit erzogene Sklave sich über solche Ansichten hinwegsetze, sich eine selbständige philosophische Ansicht gebildet habe oder bilden werde?! Er wird’s ruhig der weißen Race nachmachen und so wenig wie möglich arbeiten, und wie wenig dieses „Mögliche“ ist, kann man nur hier an Ort und Stelle angesichts der Freundlichkeit der Tropennatur und der schier unglaublichen Anspruchslosigkeit jener Leute ermessen. Ich habe, seitdem ich hier bin, natürlich unendlich viel mehr als früher Interesse für diese Dinge genommen, lese auch viel darüber, und da sehe ich denn, daß manch ein geistreicher Tropenkenner zu den gleichen Ansichten gekommen ist, wie sie sich mir hier aufdrängen.
Absolut das Gleiche, was ich eben behauptete, sagt Smarda, in seinem Ausspruche: „In den Tropen arbeitet niemand zum Vergnügen — warum sollte es der bedürfnißlose Neger thun?“
Lewes schreibt: „Hunger ist das wahre Lebensfeuer, von dem alle Anregung zur Arbeit und Thätigkeit ausgeht, und wir mögen hinblicken, wohin wir wollen, wir finden in ihm die bewegende Kraft, welche die unermeßliche Kette menschlichen Treibens und Schaffens in Thätigkeit und Bewegung setzt. Laßt Nahrung im Überfluß vorhanden sein und leicht zu erringen — und die Zivilisation wird unmöglich werden.“ Das paßt hierher; die Notdurft ist vorhanden oder doch leicht zu beschaffen, und Ehrgeiz oder Erwerbssinn (portugiesisch heißt beides mit dem gleichen Wort ambiçaõ), die ihn zu persönlichen Anstrengungen geneigt machen könnten, liegen dem Sklaven und selbst dem Freigelassenen mit seltenen Ausnahmen fern; warum sollten sie sich also plötzlich in seinen vollkommen müßig aufgewachsenen Kindern finden? Und der geistreiche Fernando Schmidt (Dranmor), der 40jährige Beobachter brasilianischer Verhältnisse, sagt in einem seiner Leitartikel: „Keiner menschlichen Kreatur ist Feldarbeit verhaßter, als dem freien Neger. Nicht wie in den Südstaaten der amerikanischen Union heißt es bei uns, „wenn Dir die Sonne auf den Scheitel brennt, erringe im Schweiße deines Angesichts das, womit Du Deines Körpers Blöße bedecken kannst, wenn eisiger Frost sich über den Erdboden lagert“ — in dem gesegneten Brasilien, in jenen Distrikten wenigstens, wo zur Zeit noch leider nur Zwangsarbeit die großen tropischen Handelsartikel erzeugt, ist uns die afrikanische Race darin überlegen, daß sie Jahr aus, Jahr ein dem ihren Aspirationen angemessenen Schlaraffenleben zu fröhnen versteht, und sobald sie der Zucht entrinnt, sich für die tägliche, leicht zu beschaffende Atzung keine großen Sorgen zu machen braucht. Eine geistige Regeneration kommt nicht in Betracht.“
Es geht eben hier in Brasilien, wie es nach einer Notiz in einer älteren Nummer des „Economiste français“, die mir neulich in die Hände fiel, in Jamaica seiner Zeit gegangen ist. Das Blatt sagt: „Neben der Aufhebung der Differentialzölle hat besonders die Sklaven-Emancipation die Prosperität der früher blühenden englischen Besitzung Jamaica vernichtet. Die Neger ergaben sich der Faullenzerei, und noch heute verdienen sie ihren Unterhalt nicht in den Pflanzungen; die Insel bedarf hunderttausend Kulies.“
Ich habe nach meinen Beobachtungen den Eindruck, daß auch Brasilien zunächst furchtbar leiden wird durch die Aufhebung der Sklaverei, zumal da man sich immer noch nicht entschließt, europäischen und besonders den nützlicheren germanischen Einwanderern günstigere Bedingungen zu stellen. Es wird nach zwei Seiten hin leiden, einmal durch den Wegfall der Arbeitskräfte auf dem Lande und dann durch die plötzliche Überschwemmung seiner Städte mit faulen und im besten Falle unnützen Bevölkerungs-Elementen.
Man sieht ja jetzt schon so ziemlich, was Brasilien wenigstens von den ersten beiden Generationen seiner freien schwarzen Mitbürger erwarten und hoffen darf. Von den Männern bleibt nur ein verschwindend kleiner Teil auf dem Lande als freie Feldarbeiter; nur ein geringer Prozentsatz von Allen wurde bisher, wenn auch nicht zu besonders fördernden, so doch auch nicht zu störenden oder schädlichen Mitgliedern der freien Gesellschaft. An ein Plus von Arbeit und Schaffen der schwarzen Bevölkerung aber, über die eigenen bescheidensten Bedürfnisse hinaus, ein Plus, das also indirekt dem Lande zugute käme, sei es was Bodenkultur, sei es was Industrie anbetrifft, ist wohl noch in vielen Jahrzehnten nicht, wenn überhaupt zu denken.
Von den alten, verbrauchten Freigelassenen schrieb ich Dir schon, daß sie oft dem größten Elend ausgesetzt sind; von einer alten Negerin las ich einmal, daß sie in der Nacht nach ihrer Freilassung aus Mangel an Obdach in einem hochgelegenen Bergstädtchen erfroren sei, und mit was für einer Unzahl von Bettlern beiderlei Geschlechts die Sklaven-Emancipation die Städte beglückt hat, ist gradezu überwältigend. Ich weiß nicht, ob es Selbstironie sein sollte, was in Saõ Paulo die Polizei bewog, die dortigen — mit Nummern zu versehen!! Die jüngeren Frauen, besonders die Mulattinnen, sind zum großen Teil moralisch verkommen und rühren gewiß keine Arbeit an, wenn sie anders existieren können. Die älteren Weiber schmarotzern sich so durch, essen heute bei der früheren Herrschaft, morgen bei deren Eltern, einmal in der Küche befreundeter Sklavinnen, ein ander Mal wird das Mittagbrot aus einigen Bananen und etwas Brot billig zusammengesetzt. Wer die Schlafstelle einer Negerin kennt, weiß, daß sie überall aufzuschlagen ist: eine Matte und ein Tuch über dem Kopf ist leicht irgendwo gewährt. Das wenige Geld, dessen sie doch etwa noch benötigen, verdienen sie meistens durch Waschen oder Nähen, öfter noch durch Früchte- oder Konfekt-Verkauf in den Straßen; doch darf bei ihrer Arbeit nicht im entferntesten an eine regelmäßige und angestrengte Thätigkeit gedacht werden. Selbst wenn sie in einen Dienst treten, so ist ein ewiges Wechseln desselben die Hauptsache dabei.
Und zu alledem giebt es jetzt (1882) etwa noch eine Million Sklaven in Brasilien. Wie werden die Zustände nun erst werden, wenn die alle auch noch frei sind! Und dieser Zeitpunkt wird nicht mehr allzu fern sein, denn die Emanzipation schreitet täglich vorwärts. Der staatliche Fonds reicht ja allerdings nicht entfernt aus, aber die provinziellen Verbände helfen, und unzählige Sklaven werden frei durch Privat-Initiative.
Ein Verwandter von Herrn de Souza, der sehr reich ist, hat alle seine Sklaven, deren gegen 300 waren, freigegeben und sie mit enormen Kosten durch „Kolonisten“ aus der Schweiz und Tyrol ersetzt; und dies Beispiel ist nicht das einzige seiner Art. Auch manch deutschen Namen sieht man unter der Zahl solch edelmütiger Herren. Bei besonders erfreulichen Familienereignissen oder sonstigen Anlässen ist es jetzt allgemein Brauch, seiner Freude durch Befreiung eines oder mehrerer Sklaven Ausdruck zu geben; bei der Geburt eines Kindes, bei der glücklichen Rückkehr eines in Europa erzogenen Sohnes, bei einer besonders günstig ausgefallenen Ernte oder Spekulationen erhält mancher Sklave seine „Carta“. Wenn Maricotas Bruder Bento aus Cassel zurückkommt, erhält das hiesige Factotum, Cäsario, die seine, wurde mir neulich anvertraut.
Eine Menge Sklaven werden frei durch testamentarische Verfügung, doch wird von den Besitzern ein derartiges Testament streng geheim gehalten, da sie sonst fürchten, vergiftet zu werden.
Alleinstehende Leute machen sogar manchmal ihre Sklaven zu, natürlich freien, Erben ihrer Pflanzung, doch scheint mir diese Art von Humanität recht wenig angebracht, da die Schwarzen in solchem Falle gewöhnlich schon nach kurzer Zeit Besitzer einer Wildnis sind und dieselbe sämtlich verlassen, um in den Städten ein mäßiges Vagabundenleben zu führen, das ihren Neigungen weit mehr entspricht, als ein geordnetes, arbeitsvolles Dasein. Daher wußte eine kürzlich verstorbene Dame aus Minas geraes auch wohl, was sie that, wenn sie bestimmt hatte, daß eine ihrer Pflanzungen nur für eine bestimmte Anzahl von Jahren ihren 32 freizulassenden Negern zur Nutznießung überlassen werden und dann an zwei milde Stiftungen fallen solle.
Von dem eklatantesten Fall aber, wie gefährlich unbedachte Humanität wirken kann, erzählte mir neulich Dona Maria Louisa. Eine alte Schwarze, die ihr früher einmal gehört hatte, war vor einiger Zeit zu ihr gekommen, um ihre Not zu klagen. Sie war bei ihrer neuen Herrin nach deren Tode auch Miterbin der Pflanzung geworden und erzählte nun, daß auf derselben ein schrecklicher Zustand herrsche. Einige der früheren Sklaven und jetzigen Besitzer arbeiteten und ernteten, die Faulen verlangten dann, von deren Mühen mitzuleben, was ihnen jene natürlich weigerten. Darüber käme es dann oft zu blutigen Raufereien, bei denen schon fast die Hälfte der Neger um’s Leben gekommen sei. „Nein“, hat sie ganz überzeugt geschlossen, „damit hat unser Senhor keinen Segen gestiftet, daß er uns die Fazenda hinterlassen hat, dafür kommt er in die Hölle!“ Das scheint mir nun allerdings für den seligen Sklavenbaron und sein gewiß gutgemeintes Testament ein etwas gar zu hartes Prognostikon, aber es liegt thatsächlich eine enorme Ungeschicklichkeit darin, ohne Übergang den Sklaven zum Herrn zu machen, so durchaus abhängig erzogene Wesen plötzlich mündig zu erklären. Aber das Ganze „mutet an“, nicht wahr? Die Zustände sind so recht behaglich und vertrauenerweckend? Ich kann Dir nur sagen, Grete, daß ich auf einer großen Sklavenpflanzung jetzt nicht sein möchte.
Aber nun wirst Du wohl genug haben von Negern und Sklaverei, und da kommt auch Albertina, mich zu holen, damit ich das längste Zuckerrohr ansähe, das ich je gesehen hätte!
Adieu, mein Herzensgretel, schreibt mir nur ja rechtzeitig zu Weihnachten; nächste Woche müßten Eure Briefe dazu schon abgehen; ob Ihr wohl daran denkt?
Deine alte Ulla.

Saõ Sebastiaõ, den 5. Dezember 1882.
Meine liebe Grete!
„Das längste Zuckerrohr, das ich je gesehen“, steht in der Veranda in einer Ecke; das feierliche Herbeibringen des längsten Rohres ist hier, was bei uns der Erntekranz. Die Zuckerernte ist in vollem Gange und — alles klebt. Es ist scheußlich. Die Kinder kauen von Morgen bis zum Abend „canna“, das sie manchmal hübsch abschälen und in Stückchen schneiden lassen, gewöhnlich aber einfach aussaugen, so gut es die Rohrschale erlaubt, und die Reste um sich herum spucken. Die kleinen Neger konntest Du die letzten Tage absolut nicht anders erblicken, als mit Zuckerstöcken in den Mündern, über deren mögliche Bewältigung einen nur die Verhältnismäßigkeit ihrer Kauwerkzeuge beruhigte. Jetzt ist die rohe canna-Periode vorbei, und wir sind in das Zeichen des Syrups eingetreten, ein recht zweifelhafter Fortschritt.
Gestern wurde die Maschine aufgestellt, die das Rohr zermalmt und auspreßt, und heute Morgen vor dem ersten Frühstück brachten die Kinder mir triumphierend einen großen Becher Zuckersaft, wie er unmittelbar den ausgepreßten Stangen entquillt. Er ist dann grünlich, verhältnismäßig klar und dünnflüssig wie Wasser und schmeckt merkwürdigerweise lange nicht so ekelhaft süß, wie man vermuten sollte; Klein und Groß vertilgt ihn literweise.
Dieser Saft läuft durch Röhren in große Kessel, wo er gekocht wird und sich so zu Melasse verdickt, die, abgesehen von einem etwas feineren Geschmack, völlig unserem Syrup entspricht. Heute Mittag brach diese „Melado“-Periode an, wir hatten welchen zu Tisch mit canjica (gekochtem Mais) zusammen, und seitdem sind die Kinder schon zwei Mal umgezogen worden. Alles schwelgt in der Zuckerernte, sogar, oder vor allem, die Schweine, die die ausgepreßten Rohre bekommen und dabei zusehends an Umfang zunehmen.
Die ganze Natur rings um die Fazenda riecht, aber nicht unangenehm, nach dem gekochten Saft. Wenn die Melasse dick genug ist, kommt sie in große hölzerne Behälter zum Krystallisieren, und damit dies schneller und besser vor sich gehe, wird sie mit — Kuhmist bedeckt! So wenigstens machen es die meisten kleinen Pflanzer, sagte mir Dona Maria Louisa; hier wird glücklicherweise statt dessen eine besonders fette Lehmsorte genommen, die sie auf der Pflanzung haben.
Im Großen wird die Zuckerbereitung in Brasilien eigentlich nur vom Staat betrieben, und in dem fiskalischen Etablissement sind die ganzen Einrichtungen auch modernerer Art; die Pflanzer bauen meistens nur, was sie zum eigenen Verbrauch benötigen, und wer die Rohrkultur in größerem Maßstabe betreibt, der verkauft gewöhnlich die rohe canna an den Staat.
Den 11. Wir sind in eine neue Zuckerphase getreten; die Melasse hat regelrecht ihre Metamorphose zum gelben Streuzucker durchgemacht, und dieser liegt nun in hellen Haufen auf Matten im Hofe aufgeschüttet, um zu trocknen. Grete, weißt Du, worüber ich mich bei der ganzen Sache am meisten freue? — Daß ich nicht immer dabei bin, denn sonst wäre ich wahrscheinlich nicht im Stande, hier noch irgend etwas Süßes zu genießen. Von den unzähligen Mosquiten, Fliegen, Wespen, Bienen und Ameisen, die sich ihr Scherflein von dem Zuckerhaufen holen, will ich noch garnicht einmal reden, aber da keinerlei Umzäumung diese süßen Berge schützt, so kommen auch Katzen und Hunde zu Gaste und wollen ihr Teil an der allgemeinen Zuckerfreude von Saõ Sebastiaõ. Diesen ersten, noch ziemlich dunkeln Zucker bekommen allerdings nur die Neger zu ihrem Kaffee, aber ich habe so meinen leisen Verdacht, als würde er zum Kochen doch auch für uns in die Küche geschmuggelt. Der für die Herrschaft bestimmte Zucker wird raffiniert, aber auch nur hier auf der Pflanzung und auf die ursprünglichste Manier. Ganz hell wird er überhaupt nicht, und absolut weißen Zucker sieht mancher Brasilianer nicht, so alt er wird. Du siehst auch in den besten Häusern hier keinen Brodzucker, und die Kinder amusierten sich neulich höchlich darüber, daß in ihrem französischen Lesebuch von einem „Stück“ Zucker die Rede war; sie hielten das für einen wunderbaren schriftstellerischen Lapsus. Weißt Du, Gretele, im Ganzen, glaube ich, können wir mit unserem Runkelrübenlande zufrieden sein — etwas appetitlicher scheint es mir denn doch da zuzugehen. Schließe sie mit in das bewußte Glas Bowle ein: Deutschland und — seine Runkelrübe!
Deine Ulla.
Saõ Sebastiaõ, den 18. Dez. 1882.
Gretele, Herzensgretele, denke Dir, ich reise zu Weihnachten nach Saõ Paulo! Schaumanns haben mich eingeladen, und ich gehe am 22. hin. Ich kann mich gar nicht fassen vor Glück! Wie anders wird es sein als im vorigen Jahr! Und ich werde sie alle wiedersehen, die lieben Menschen, Schaumanns vor allem und Fräulein Meyer und die kleine Harras und — und — alle!
Ach, Grete, ich bin ja
Deine so glückliche Ulla!

Saõ Paulo, den 28. Dezember 1882.
Meine einzige Grete!
Ist das eine hübsche Weihnachtszeit mit deutschen Menschen, deutschen Liedern, deutschem Festtagskuchen! Nur daß die Tropensonne dreinleuchtet und sengt, als wolle sie sich rächen für unser Versenken in die Bräuche der kalten nordischen Heimat, und die Bananen draußen scheinen unzufrieden zu rascheln, und die Palmen schütteln die Häupter, wie wenn sie sagen wollten: „Wie könnt ihr bei unserem Anblick an düstere Tannen denken!“ Und doch — und doch, Grete! Dranmors „einzige, schneebehang’ne Tanne“, sie hat mich diese ganzen Tage über verfolgt, denn der Christbaum fehlte, wenn auch sonst alles weihnachtlich war, und man mit überreichen Gaben freundlich auf den Gast bedachte. Was doch an solch einem Baum für eine Poesie haften kann! Mein Bruder behauptete immer, ihm wäre nicht eher weihnachtlich zu Mute, als bis diverse Wachsflecke den Fußboden zierten und es durch alle Stuben nach versengten Tannennadeln röche. Ich wußte auch früher, daß er auf dem Grunde dieser immer halb spöttisch vorgebrachten Äußerung die Poesie der Weihnachtszeit mehr empfand, als er es je Wort haben wollte, aber wie viel daran war, merke ich erst jetzt, wo ich vergeblich den „Weihnachtsduft“ in den Zimmern suche.
Und selbst draußen — ach Grete, wie viel schöner ist doch solch’ ein weißer, schneeiger Platz in Berlin, auf dem in langen Reihen die Tannen stehen, als dieser sonnengetränkte südliche Garten mit seinen Rosen und Palmen...
Ich bin undankbar, wirklich, ich muß es sein, denn die Menschen sind so unendlich lieb zu mir, und das Land ist so märchenhaft schön, und dabei kann ich es nicht ändern, daß mir immer der Refrain des Liedes durch den Kopf summt, das wir neulich sangen:
„’S ist zwar schön im fremden Lande, Doch zur Heimat wird es nie!“
Gestern war ich nämlich bei einer Erzieherin, die ein Klavier im Schulzimmer hat und ein deutsches Volkslieder-Album besitzt; wir waren im ganzen 6 deutsche Mädchen und haben das Album bis auf das letzte bekannte Lied durchgesungen, so daß ich heute noch heiser bin. O grüße es mir, grüße mir mein schönes Deutschland und seinen frohen Sang!
Den 29. Abends. Soeben komme ich von der englischen Familie, mit der ich zur Zeit meines klassischen Römertums bekannt geworden war, und die mich zum Christmas-Pudding eingeladen hatten. Mr. Hall hat mich nach Hause gebracht, denn er war auch da, wie er überhaupt sehr befreundet mit Emersons ist. Aber ich weiß garnicht, Grete, was mit ihm vorgegangen ist, seitdem er damals mit nach Santos hinunter fuhr: er hat kein Wort gesprochen den ganzen Weg über, so daß wir völlig stumm neben einander hergeschritten sind, denn ich sagte auch nichts. Und hier vor der Thür war er noch sonderbarer. Erst hielt er meine Hand eine Zeitlang fest und sah mich an (er hat wirklich bezaubernde blaue Augen!) als ob er etwas sagen wolle, dann ließ er sie rasch los, stieß hastig ein kurzes „Good night“ hervor und war so unartig, davonzulaufen, ehe ich die Thür aufgeschlossen hatte. Was sagst Du dazu, und was soll ich davon denken? Ob er verletzt war, daß ich garnicht gesprochen habe auf dem Wege? Aber es war doch seine Sache, von irgend etwas zu beginnen, und ich wußte auch wirklich nichts zu sagen, Grete. Es war ganz komisch; ich schwatze doch manchmal das Blaue vom Himmel herunter, aber vorhin fiel mir absolut nichts ein, was ich hätte sagen können, oder was mir einfiel, war dumm. Nun, die ganze Sache ist ja auch gleichgültig, und ich brauche ja nicht mehr daran zu denken.
Morgen sollte ich eigentlich mit Emersons nach dem Maschinenlager gehen, wo er uns einige interessante Sachen zeigen wollte, aber jetzt werde ich nicht hingehen, sondern dafür mein verwichenes klassisches Altertum aufsuchen, von dem ich allerdings wohl nur die kleineren Heldinnen vorfinden werde; die großen werden wohl in den collegios geblieben sein, die Brasilianer machen sich ja nichts aus Weihnachten.
Adieu für heute, mein Gretel.
Deine Ulla.
P. S., den 30. früh. Soeben bringt die Post aus Santos eine Einladung zum Sylvesterball in der dortigen „Germania“ für Fräulein Schaumann und Bruder und „Besuch.“ Das bin ich, und so ist das Blauseidene denn doch nicht vergebens von Saõ Sebastiaõ hierher gewandert! Wie drollig kommt mir’s vor, hier zu einem Ball und sogar zu einem deutschen Ball gehen zu können. Nur warm wird’s werden!

Santos, den 2. Januar 1883.
Liebe Grete! Der Ball ist gewesen und das Blauseidene auch. Wir haben viel getanzt, und es war furchtbar staubig und heiß in dem kleinen Saal. Was soll ich Dir sonst noch davon erzählen — Du weißt ja, wie ein Ball ausschaut. Es ist eigentlich ein kindisches Vergnügen, nicht wahr, Grete? Ich habe mich im Grunde gelangweilt.
Von Saõ Paulo war außer uns nur noch ein einziger deutscher Kaufmann da; ich hatte geglaubt, man würde sehr Viele von dort einladen. Ach Grete, manche Vergnügungen der Jugend sind doch recht thöricht! Ich werde jetzt verständig werden und mich so allmählich in die alte Jungfer hineinkapseln, das ist doch das einzig Richtige!
Wie geht es Dir? Hoffentlich besser als
Deiner Ulla.
Das heißt, mir fehlt eigentlich nichts. —

Saõ Sebastiaõ, den 9. Januar 1883.
Greteherz — er war hier! Mr. Hall! Herr de Souza hat neue Maschinen gekauft, und da war er so gewissenhaft, selbst ihre Aufstellung zu überwachen. Ich war so überrascht und erschrocken! Aber ich muß Dir die ganze Geschichte erzählen, es war zu drollig! Wundre Dich nur nicht, wenn eine Melone die Hauptrolle in meiner Geschichte spielt — sie verdient es!
Wie ich von Saõ Paulo zurück- und in Santa Barbara auf der Station ankam, stand Cäsario schon da mit seinem Wagen. Ich wäre eigentlich lieber geritten, aber da ich Gepäck hatte, so mußten wir fahren. Santa Barbara ist berühmt wegen der prachtvollen Wassermelonen, die dort von nordamerikanischen Ansiedlern gezogen werden, und weil der Wagen nun doch einmal da war, so kaufte ich die größte, die ich bekommen konnte. „Die wiegt gut ihre 12 bis 15 Pfund“, grinste der Jüngling, von dem ich sie erhandelte, und der mir sie an den Wagen trug.
„Nun, Cäsario“, sagte ich, vergnügt über meinen famosen Handel, „wo bringen wir denn diesen zierlichen Gegenstand noch unter? Er ist für die Kinder.“
Cäsario kraute sich das schwarze Wollhaar.
„Hm, Senhora, es ist nirgend Platz.“
„Was“, rief ich, „ein ganzer Wagen und kein Platz für eine Melone — hier ist ja ein Kasten unter dem Sitz.“
„Darin ist Senhoras Handköfferchen und Fleisch aus dem Dorf und etwas Weißbrot, es geht nichts mehr hinein.“
„So nimm die Melone auf den Bock.“
„Ja, Senhora, gern, Senhora, aber sie wird hinunterfallen, denn ich habe die vier Maultiere und die Peitsche.“
„Nun, so wird sie stolz neben mir auf dem Sitz fahren, gieb her“, entschied ich, als in der That der Wagen keinen weiteren Raum für die schöne Frucht zu haben schien.
Das kleine offene Gefährt hatte auf einem höckerigen Rasenplatze hinter dem Stationsgebäude gehalten, aus dessen Höhen und Tiefen ihn jetzt wieder herauszuarbeiten, keine kleine Aufgabe war. Aber Cäsario wußte seine Tiere zu nehmen.
Er verfügt über eine erstaunliche Menge ermunternder Zurufe und illustriert sie auf das Geschickteste durch kleine geeignete Peitschenbewegungen. Die Maulesel faßten endlich einen Entschluß und zogen an.
„Hoho“, schrie ich zu gleicher Zeit, denn — die Melone war zum Wagen hinaus. Alles, was ich bei dem plötzlichen Ausbruch von Eselsenergie hatte thun können, war, meinen Hut auf dem Kopf zu behalten, meinen Regenschirm aufzufangen, als er eben auf seinem Wege zum Wagen hinaus war, und selber darin zu bleiben, was ich auch nur mit Hülfe der verwickeltsten equilibristischen Kunststücke fertig brachte... „Halt, Cäsario, meine Melone!“
Glücklicherweise lag sie unversehrt in einer der Untiefen des höckrigen Rasens; Cäsario kletterte vom Bocke herunter und brachte sie wieder heran. „’S ist schlimm damit, Senhora“, sagte er, die große Frucht ratlos angrinsend. Aber ich war zuversichtlich: „O, ich werde sie jetzt schon besser festhalten“, behauptete ich, und Cäsario stieg wieder auf.
Die ganze Serie von Schmeicheleien, Drohungen und Ermunterungen für die Maulesel wurde wiederholt; als diese dann aber wiederum einen Entschluß faßten, brachten sie den Wagen mit seinem ganzen Inhalt, Regenschirm und Wassermelone eingerechnet, glücklich aus dem Bereich des fatalen Rasenplatzes heraus.
Eine mächtige Pfütze unter dem Schlagbaum, der das Bahnhofsterrain abgrenzt, brachte die glatte Frucht nochmals in nicht unerhebliche Gefahr, der sie nur dadurch entging, daß ich aufopfernd die rechte Seite meines Kattunkleides dem Einfluß der spritzenden Räder preisgab und der Melone beide Hände widmete. Aber nun sah der Weg vor uns friedlich aus. Ich versuchte es, die große grüne Kugel jetzt nur mit einer Hand zu stetigen und der Erfolg war zufriedenstellend, obgleich mir das Vergnügen, das große Ding vier Stunden lang festhalten zu sollen, bereits anfing, in zweifelhaftem Glanze zu erscheinen. Wenigstens wollte ich den Schirm aufspannen, ich brauchte mich wegen der dummen Melone doch nicht zum Mohren brennen zu lassen! Grete, ich sehe mich selbst noch, wie ich langsam, langsam den festen Griff, mit dem ich sie gepackt, ein wenig lockerte, dann vorsichtig die Hand emporhob und wachsam mit den Augen die Bewegungen der Frucht verfolgte, die unter meinen gespreizten Fingern immerhin noch mißtrauenerweckend genug wackelte. Aber es ging wirklich! Man konnte sie einen Augenblick loslassen!
Der Schirm war aufgespannt und die Melone sich selbst überlassen — wie erleichtert ich war! Nur beobachten muß man sie noch ein Weilchen... Ein Seitenblick: — alles in Ordnung.
Ob sie aber auch nicht nach vorn wegrutscht? Wieder ein Blick — nein, da ist sie ja auf derselben Stelle...
Aber sie konnte von der Seite unter dem Armgeländer wegschlüpfen... ein dritter Blick! Ach, da kann sie ja gar nicht durch....
In der Gegend, wo wir grade fuhren, wird die Landschaft sehr hübsch; einzelne Palmen auf den welligen Hügeln heben sich sehr malerisch gegen den südlichen Himmel ab und — nur eine rasche Wendung nach links: ja, sie ist da — und dort die kleine Ansiedlung, das weidende Vieh — Herrjeh, die Melone! Ach was, sie ist ja auf derselben Stelle....
Da hast Du einen Begriff, wie mich das lästige Ding quälte, das ewige Hin- und Herdrehen des Kopfes war nicht zu ertragen, lieber hielt ich sie wieder fest!
Endlich kamen wir an eine Biegung, von wo aus, wie ich wußte, der Weg eine ganze Zeitlang sanft ansteigt — hurrah, jetzt war ich wieder Herr über beide Hände. — „Hier kann sie nicht fort“, jubelte ich, und ich glaube, ich habe meine glatte und doch so ungefüge Peinigerin ordentlich triumphierend angelächelt. Aber, aber, Grete, das war die Rechnung ohne den Wirt gemacht oder hier ohne die mutwillig erstandene Frucht! Das Ding hatte wahrhaftig die perfidesten Einfälle, die man gewiß je an einer Wassermelone wahrgenommen. Nach vorn konnte sie nun allerdings nicht wegrutschen, aber nun begann sie, in Übereinstimmung mit dem leichten Trab der Maultiere, mir in regelmäßigen Intervallen von 30 Sekunden gegen die Seite zu prallen mit einer Vehemenz, die sich absolut nicht ignorieren ließ, und gegen die es einen passiven Widerstand nicht gab.
Ich war empört auf die Melone, auf mich selbst, auf den Jüngling, der sie mir verkauft und noch grinsend ihre 12 bis 15 Pfund Gewicht betont hatte; es war grade, als hätte er gewußt, wie sich das große Geschöpf benehmen würde. Ein Versuch, die Melone, ohne sie mit der Hand zu stetigen, vor mir auf dem Schooß zu balancieren, scheiterte an einer Serie urkräftiger, auf meine Magengegend gerichteter Püffe von Seiten der Melone — es war dem teuflischen Ding mit List nun einmal nicht beizukommen, sie war voller Ressourcen.
Ein besonders lebhafter Zornesausruf von meiner Seite veranlaßte Caesario zu dem Rat, den Plagegeist auf den Boden des Wägelchens zu legen und ihn mit den Füßen zu halten. Dies schien mir eine glänzende Idee! Aber es war auch nichts mit ihr. Die schwere Frucht rollte den sie einschließenden Füßen nach vorn weg, und als ich diese dann mit zorniger Energie heftiger anpreßte, glitt das unleidliche glatte Ding auf der einen Seite hinüber, und ich mußte wieder allerlei gymnastische Kunststücke vollführen, damit sie nur nicht unter die Räder kam. Einen Augenblick war mir allerdings der Gedanke durch den Kopf geblitzt, was für eine Erleichterung es gewesen wäre, sie los zu sein, aber dann wieder dachte ich auch: „Nein, nun erst recht nicht!“ und stellte die Melone von neuem, jetzt aber auf ihre Spitze, zwischen meine Füße. Das ging auch ein Weilchen gut, und ich dachte schon, ich hätte nun wirklich und endgültig den Vorteil über sie errungen, als plötzlich Caesario es für gut befand, das rechte Rad des Wagens in eine tiefe Furche zu schicken, während das linke oben blieb. — Ja, da half kein Widerstreben! Zwar klammerte ich mich mit eigensinnig zusammengekniffenen Lippen an den Armstütz des Wägelchens, zwar suchte ich mit aller Kraft auch die Melone zu dem gleichen Beharrungsvermögen zu zwingen, allein, Grete, dem Ungestüm einer fünfzehnpfündigen Wassermelone, die entschlossen ist, ihren Willen zu haben, ist man nicht gewachsen: abwärts rutschten Fuß und Frucht, und hinaus zum Wagen war die tückische Melone und lag in empörender Ruhe im Wegestaub, ehe ich mich noch von dem Schrecken, beinahe mit aus dem Wagen geschleudert worden zu sein, erholt hatte. Caesario hatte bereits gehalten und überreichte mir die wiederum unversehrte Frucht mit dem gleichen verlegenen Grinsen wie das erste Mal, während ich meinem Grimm gegen dieselbe auf deutsch Luft machte. Allein, hatte ich mich so lange mit dem dummen Ding gequält, so wäre es doch thöricht gewesen, jetzt in der letzten Stunde die Geduld zu verlieren. Ich gab der Melone ihren alten Platz auf dem Wagensitz wieder und verdammte wiederum meine linke Hand dazu, ihre Fluchtversuche zu vereiteln.
Der Wagen stuckerte weiter.
Die Sonne war schon seit einiger Zeit hinter Wolken getreten, und einzeln, wie zögernd fielen endlich die ersten Regentropfen aus der Luft. Ich will es Dir nur gestehen, Gretele: ich war mittlerweile schon so ärgerlich und nervös geworden, daß ein zorniger kleiner Faustschlag die Melone traf, als sei sie unfehlbar auch an dieser Prüfung schuld, und der verzweifelte Ausruf: „Und dabei keinen Regenmantel!“ begleitete ihn, ohne daß beides jedoch die hartherzige Melone in ihrem aufregenden Wackeln und Rucksen irre gemacht hätte. Nur Cäsario ließ ein, dem deutschen Ausruf au hasard angepaßtes „Sim, Senhora“, hören.
Rasch wurde der Regen stärker, und mein wieder aufgespannter Entoutcas bedeutete sehr bald nur noch eine Traufe, die sich mir auf Schultern, Hut und in den Kragen hinein entleerte, je nachdem die Bewegungen des Wagens den Schirm dirigierten. Und zu alledem immer die Melone! Da lag das unförmliche Ding und triefte von Regenwasser, dem sich der aufgesammelte Staub liebreich gesellte und als Schmutz dem hellen Handschuh, der darauf herumzurutschen verdammt war, bald eine völlig undefinierbare Farbe verlieh. Ich hätte schließlich weinen können vor Zorn! Mit förmlichem Haß betrachtete ich die widerspänstige große Melone, erwägend, ob ich mich während der noch fehlenden Stunde Wegs mehr über etwaige neue Chikanen derselben oder darüber ärgern würde, wenn ich sie jetzt noch aus dem Wagen schleuderte. Ein plötzlicher heftiger Anprall des Wagens an einen Stein, der die Melone zu dem entsprechenden Angriff gegen meine Seite veranlaßte, entschied die Frage. Der unnütze Schirm wurde energisch zugeklappt, und mit beiden Händen ergriff ich die abscheuliche Frucht, um sie aus dem Wagen zu schleudern.
„Was wollen Sie denn mit der schönen Melone thun?“ fragte in demselben Augenblick auf englisch eine Stimme hinter mir und ich sah, mich umwendend, einen Reiter unmittelbar hinter meinem Wagen... Grete, ich hätte in die Erde sinken können vor Scham! Das war Mr. Hall, und ich in dieser Verfassung! Das Kleid bespritzt, total verregnet, mit schmutzigen Handschuhen und mit dem zornigen Gesicht über der großen grünen Frucht — ich war versteinert vor Schreck und wünschte ihn, ja denke Dir, im Ernst, ich wünschte ihn lieber tausend Meilen entfernt, als gerade in dem Augenblicke vor mir! Er ritt langsam neben dem Wagen her, während ich ganz rot und verlegen auf die Melone starrte, die ich noch steif in Händen hielt. „Well?“ machte er und lächelte. Da sah ich ihn an, und da lachten wir beide.