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Leid und Freud einer Erzieherin in Brasilien

Inhalt (continued 2)

Reading edition

Natürlich ist Rio augenblicklich durchaus kein Aufenthalt für mich. Der Arzt war sehr unzufrieden mit dem Zustand meiner von Arbeit, Lärm und neuralgischen Schmerzen zerquälten Nerven und hat mir auch dringend geraten, die Arbeit in Saõ Francisco nicht wieder aufzunehmen, sondern dem Vehmgericht, den Papageien und den täglichen fünf Klavierstunden Valet zu sagen, vor allen Dingen aber erst auf vier Wochen nach Petropolis (dem berühmten, jenseits der Bai gelegenen Luftkurort) hinaufzugehen, um mich von dem Fieber zu erholen. Petropolis ist zugleich Sommerresidenz des Kaisers, und die ganze Diplomatie flüchtet in diesen Monaten dort hinauf vor der Hitze und dem gelben Fieber.

Aber da läßt mich Mrs. Carson, die Frau des Hotelwirtes auffordern, mit ihnen zusammen in ihrem Privatzimmer Abendbrot zu essen. Carsons sind Engländer und sehr liebe Menschen. Ihre Kinder werden in England erzogen, und wenn sie daher auch keinen eigentlichen „Weihnachten“ feiern, so scheinen sie doch zu empfinden, wie schwer dieser Tag hier für ein einsames deutsches Herz sein muß. Und unsre eignen Landsleute — —!

Schreibe mir nur recht ausführlich, wie alles bei Euch und zu Hause war, beschreibe mir alles, alles, wie wir es als Kinder thaten, jedes Stück, was Du geschenkt bekommen hast — es wird mir jedes Wort ein Stück Deutschland sein! Richte Deine Briefe hier an das Hôtel Carson, rua Catette, und laß ihrer recht viele sein!

Deine Ulla.

Kopfstück Seite 76
Kopfstück Seite 76

Petropolis, den 15. Januar 1882.

Mein liebstes Gretele!

Freue Dich mit mir, denn ich habe meinen Humor wiedergefunden, den ich verloren hatte — oder sollte es nur der Racker Galgenhumor sein, den ich beim Kragen erwischt?

Ich schreibe hier in einer Umgebung, die ein ganz nettes Modell für eine Trödelbude wäre. An den Nägeln in der Wand hängen meine Kleider und Jacken in malerischer Unordnung; auf dem Bette sind Schleifen, Hüte und Tücher ausgebreitet; auf allen Stühlen sonnt sich Wäsche. Von den Fensterbrettern aus gucken fünf Paar Stiefel und Schuhe andachtsvoll auf die Bananengruppe davor hinaus, und darüber flattern, auf einen Bindfaden gereiht, meine sämtlichen Handschuhe im Zephyr des Mittags.

In diesem Zustande befinden meine Garderobe und ich uns alle drei Tage einmal, nachdem ich gleich zu Anfang die Entdeckung gemacht, daß andernfalls in diesem fruchtbaren Lande sich sogar Stiefel und Kleider mit der üppigsten Vegetation bedecken. Diese mühelose Pflanzenzucht ist ja im Uebrigen ganz hübsch, nur den Sachen nicht sehr bekömmlich, und besonders verfolgt das Schicksal in dieser Hinsicht Stiefel, Handschuhe und Seide; alle die schönen feinen Lederhandschuhe, die ich noch in Antwerpen gekauft, sind fleckig geworden!

Doch ich will Dir meine Abenteuer von Anfang an erzählen:

Als ich am zweiten Weihnachtstage nach Saõ Francisco zurückkam und erklärte, daß ich nicht länger bleiben könne, war man höchst unangenehm überrascht, aber meine vierwöchentliche Krankheit und mein immer noch elendes Aussehen hatten ihre Herzen doch insofern erweicht, daß sie meiner Abreise kein Hindernis in den Weg legten. Wir sagten einander Adieu, und fort war ich. Grete, solch ein Lebewohl habe ich in meinem Leben noch nicht gesagt! Nichts that mir leid zu verlassen, im Gegenteil, ich fühlte, daß mir keiner von ihnen schwer zu missen sein würde, und war mir ebenso sehr bewußt, daß auch in den Herzen der Kinder keinerlei Anhänglichkeit für mich vorhanden war, und daß man einzig die gêne bedauerte, eine neue Gouvernante suchen zu müssen; man wird eben nicht warm mit diesen Menschen hier! —

Am Sylvestertage reiste ich hierher, und zwar in drei Absätzen: erst mit dem Dampfer über die Bai, dann mit der Eisenbahn bis an den Berg, der Petropolis trägt, und dann mit einem Omnibus auf allerdings recht gut chaussiertem Wege hinauf.[4] Ich erwischte einen ziemlich guten Platz in einem der fünf Wagen und hatte auch die Beruhigung, zu sehen, daß meinem Koffer ein ähnliches Glück widerfuhr.

Etwa auf der Hälfte des Weges wurde Station gemacht, und alles drängte sich um eine dort stehende Bude, wo Kaffee, Gebäck und Früchte zu haben waren. Ich war hungrig geworden und trank gierig meine Tasse Kaffee hinunter und biß ebenso eifrig in ein Stück Biscuit-Kuchen, das ich aufgegriffen. Es schmeckte etwas eigentümlich, und als ich es beim zweiten Happen näher besah, fand ich, daß es von Ameisen wimmelte, von denen ich also gewiß soeben eine erkleckliche Anzahl mit verschluckt hatte. Brrr! nicht wahr? Ja, siehst Du, ich war aber schon so verbrasilianert, daß ich nur gleichmütig den Rest der kleinen Gäste von meinem Biscuit abstreifte und diesen dann behaglich zu einer zweiten Tasse Kaffee verzehrte. Dies wird Deine Verachtung ebensosehr herausfordern, wie es entschieden die Ver- und Bewunderung eines jungen Franzosen erregte, der daraufhin eine lächelnde Bemerkung an mich richtete, die ich dummer Weise munter beantwortete, denn seitdem ödete mich dieser galante „Erbfeind“, der glücklicherweise in einem andern Wagen saß, an jeder Haltestelle, und wenn ich alles das hätte essen und trinken wollen, was er mir hinter einander anbot, so wäre ich wohl schwerlich lebend nach Petropolis hinaufgekommen.

Hier ging ich erst in das deutsche Hotel und machte mich dann auf nach der Behausung des Herrn Goldschmidt, Onkels Geschäftsfreund, der hier ein schloßähnliches Haus mit herrlichem Park besitzt, das er in der heißen Zeit mit seiner Familie bewohnt. Da ich sie bei meinem Aufenthalt in Rio zuletzt noch getroffen hatte, so war dieser Besuch nicht mein erster.

Ich wurde in den Saal geführt und gebeten, einen Augenblick zu verziehen.

„Haben Sie keine Stelle?“ schrie es da plötzlich hinter mir, und Frau Goldschmidt, eine äußerst lebhafte Brasilianerin, die rasch aber falsch deutsch spricht, stand mit halb lachendem (sie lacht immer), halb ängstlichem Gesichte vor mir.

Grete, die Angst dieser zwanzigfachen Millionärin, ich könne irgend etwas von ihr wollen, war so unbeschreiblich komisch, daß mir wie mit Zauberschlag der Humor zurückkam und ich laut herauslachte. Donna Albertina sah mich starr an.

„Verzeihen Sie“, sagte ich nun auch etwas brutal, „aber es ist zu komisch, daß das Ihre erste Frage war! Nein, ich habe keine Stelle, aber ich werde eine finden, wenn es nötig sein wird.“

Dann kam der Gatte.

„Sehen Sie, mein Fräulein“, dozierte er, „ich war immer ein reicher Mann, denn ich verbrauchte immer nur die Hälfte von dem, was ich einnahm. Ich kam nach Rio mit fünfzig Mark und besitze heute mehrere Millionen: Alles durch jene Praxis! Aber was ich sagen wollte — gehen Sie jetzt zu unserer Miß Dahlmann; wir haben nämlich unsere Gouvernante nicht im Hause; es geniert mich, fremde Leute im Hause zu haben. Sie ist eine Deutsch-Engländerin und wohnt bei einer einfachen deutschen Familie im Dorfe; vielleicht kann sie Ihnen raten, wo sie am billigsten unterkommen; Sie verbrauchen im Hotel zu viel Geld, das ist schon falsch — immer nach meinem Prinzip, mein Fräulein, immer nach meinem Prinzip!“

Der kleine Mann amüsierte mich unaussprechlich mit seinem mezza voce vorgebrachten Redeschwall und den fortwährend nach den Westenärmeln schnappenden Daumen. Seinen, wenn auch ungeforderten Rat betreffs meines Unterkommens beschloß ich jedoch insofern wenigstens zu befolgen, als ich diese Miß Dahlmann aufsuchen wollte, in der ich doch wenigstens eine Collegin fand.

Donna Albertina forderte mich auf, an dem Frühstück teilzunehmen, das eben serviert wurde. „Sehen Sie, mein Fräulein“, begann der Gatte wieder (er scheint diesen Anfang sehr zu lieben), — „ich lade nur zum Frühstück Leute ein, zu Mittag aber niemals. Wir essen um sechs; nachdem kommt gleich die Abendpost, die ich in Ruhe erledigen muß, und da ist es mir störend, wenn jemand Fremdes da ist. Verstehen Sie wohl? Aber zum Frühstück, da mag kommen, wer da will, da stört es mich weniger“ — schwupp fuhren seine beiden Daumen in die Westenärmel.

Es wurde Zeit, daß ich ging, Grete, sonst hätte ich den Leuten wieder ins Gesicht gelacht, denn die Heiterkeit steckte mir schon oben in der Kehle. Ich sagte, daß ich bereits gefrühstückt habe, ehe ich hergekommen, daß ich aber zu Miß Dahlmann gehen wolle, wenn sie mir den Weg beschreiben möchten. Daß sie mich so schnell los würden, hatten sie wohl kaum gehofft; in ihrer Freude darüber wurden sie plötzlich sehr liebenswürdig und bestanden darauf, mir einen Neger zur Führung mitzugeben, was ich denn auch annahm. Es geht doch nichts über gute Empfehlungen an Landsleute im fremden Lande — da kann man doch absolut nicht verderben!!

Miß Dahlmann ist einige Jahre älter als ich und etwas steif und „englisch“, war aber doch gutmütig genug, mir behülflich zu sein, daß ich bei ihrer eigenen Wirtin unterkam, wo wir auch essen. Sie ist meine einzige Gesellschafterin hier und, wenn auch nicht gerade herzlich, so doch auch nicht unliebenswürdig. Sie sieht das Leben im Ganzen weit kühler an als ich, und so verstehe ich es, daß sie bei Goldschmidts aushält. Ich habe mir schon manchen nützlichen, entweder beabsichtigten oder unwillkürlichen Wink von ihr ad notam genommen und denke ein ganz Teil „landesgewandter“ von hier fortzugehen, als ich kam.

Petropolis selbst ist meiner Ansicht nach ein elendes Nest, und das Hauptamüsement der Fremden besteht darin, jeden Nachmittag nach der Haltestelle der Omnibusse hinzugehen und die heraufkommenden Fremden anzugaffen. Das Palais des Kaisers ist ein langes, weitläufiges, aber schrecklich langweiliges Gebäude, an dem nichts zu sehen ist, wie viele Fenster. Ich bringe die Ansicht davon auf einem gläsernen Briefbeschwerer eingraviert mit, sowie auch ein paar kleine Vasen, auf denen Lembrança (Erinnerung) de Petropolis steht; diese Sachen sind aber sehr wenig interessant, da sie alle aus Europa kommen und hier nur graviert werden. Weit besser gefallen mir die feinen Drechsler- und Schnitzarbeiten eines Deutschen, der hier ein allerliebstes Häuschen hat und ein höchst gemütlicher alter Herr ist mit einer ebenso gemütlichen und sehr zahlreichen Familie. Dahin gehe ich manchmal, um ein Stündchen zu verplaudern, und lasse mir über die Anfänge von Petropolis erzählen; auch habe ich dort einen ganz prächtigen Tabaksbehälter gekauft, der aus einer Brotfrucht gefertigt und oben von einem geschnitzten Indianer gekrönt ist.

Die übrigen hier ansässigen Deutschen sind fast alle ganz ungebildete Bauern. Sie haben sich ihre deutsche Sprache und einige deutsche Untugenden bewahrt, aber im Ganzen sind sie doch schon sehr von den Landessitten angestreift. Petropolis ist auch schon lange keine rein deutsche Colonie mehr, wie es ursprünglich war. Es wohnen hier Colonisten aus aller Herren Länder, und man hört alle Sprachen, unter welchen mir ein Kauderwelsch von Neger-Portugiesisch und Plattdeutsch am besten gefällt: „Kiek mal, ob dat noch schuwet“ (regnet) — „Esperen (warten) Se mal en beten“ — „Ich kann ainda (noch) nicht“, und dergleichen hört man viel.

Die Lage des Ortes ist herrlich, das muß man sagen! Hoch in den Bergen, zwischen unabsehbaren Waldungen gelegen, bietet derselbe prachtvolle Spaziergänge auf guten Waldwegen, die sonst in Brasilien etwas ungemein Seltenes sind, da das erste Eindringen in die Wälder schwer ist und alles gleich wieder zuwächst mit Gestrüpp und Schlingpflanzen.

Ich bleibe hier wahrscheinlich noch diesen Monat und will dann doch einmal, um die Stadt kennen zu lernen, mein Heil in Rio versuchen; ich habe jetzt wieder bessere Nerven und mehr Courage! Tausend Grüße von

Deiner alten Ulla.

Neulich begegneten Miß Dahlmann und ich der Kaiserin, sie war zu Fuß mit einer Hofdame; und am Sonntag sahen wir den Kaiser, die Prinzessin und ihren Gemahl, den Grafen von Eu, sowie die drei kleinen Prinzen alle in einem Wagen ausfahren.

Kopfstück Seite 83
Kopfstück Seite 83

Rio de Janeiro, den 8. Februar 1882.

Mein Herzens-Gretchen!

Da wäre ich denn wieder in der bunten, südlichen Stadt und mitten in ihrem Lärm! Gretel — schön ist dieses Rio, das muß man sagen, wunderbar schön und phantastisch, zumal von der Bai aus, wie ich es bei meiner Ankunft damals und jetzt wieder bei der Rückkehr von Petropolis erblickte.

Wie ein Feenmärchen entfaltet sichs da vor unsern unverwöhnten norddeutschen Augen! Terrassenförmig wird von Brasiliens Küstenbergen die Stadt in die Bucht hinausgehalten, bunt und prächtig, ein einziges Licht- und Farbenmeer, nur unterbrochen, oder besser, noch vermannichfaltigt durch die schlanken Palmen und die großblätterigen Bananen, die überall ihre Plätze gefunden. Nichts von unserm eintönigen roten Gemäuer oder der uniformen grauen Tünche — alles weiß oder bunt und in Brasiliens sattem Sonnenlicht schwimmend, sodaß selbst die kleinen Forts, die auf Inselchen vor dem Binnenhafen liegen, in ihrem Verstecke von Palmengruppen und Farben nicht wie grimme Verteidigungswerke dreinschauen, sondern wie reizende kleine Idyllen, die man für Wirklichkeit zu halten sich zwingen muß. Hier liegt auch die „Blumeninsel“, das erste Asyl für Auswanderer, wo es den armen Menschen zwar durchaus nicht beneidenswert ergehen soll, die aber in ihrem äußeren Anblick an die Idylle Dranmors erinnert, die sich in seinem Requiem findet:

„Ich weiß ein schönes Eiland, wie verloren Im Stillen Ocean, ein waldbedecktes, In milden Sonnenstralen hingestrecktes, Wie ein Asyl, für Dichter auserkoren. Ein Eden, von der Trope Glut durchhaucht, Ein Eiland, wie ein Strauch von wilden Rosen Für die Betrübten, für die Heimatlosen Aus träumerischen Fluten aufgetaucht.“

Und drinnen in der Stadt erscheint’s auf den ersten Blick wie draußen: phantastisch, südlich, fremdartig und wunderbar reizvoll — nur eines gesellt sich hier noch außer dem betäubenden Lärm hinzu, was man draußen gern vermißte: der Schmutz und die Unordnung! Die Straßen sind eng und schlecht gepflastert — ich bin ein Mal in einer Droschke darüber gefahren und nie wieder — die Trottoirs, besonders in der Geschäftsgegend, ebenso unsauber wie der Damm. Die Häuser sehen sich zwar recht lustig an mit ihrem Mantel von drei, vier und mehr Farben, aber es ist meistens nichts rein und vieles windschief daran vom Dach bis zur Schwelle. Alles erscheint uns strafferzogenen Norddeutschen nachlässig und die Menschen so — ja, ich weiß nicht wie — ich glaube: undiscipliniert wäre das Wort.

Hier steht eine Gruppe rauchender, spuckender Neger, dort hocken Negerinnen in den Thüren der Magazine und lesen Kaffee aus. Vielfach wird auch ein Teil des Trottoirs eingenommen von Negern, Negerinnen oder Mulattinnen mit ihren Tischen und Körben, die Orangen, Bananen, Kokosnüsse, Feuerwerk und allerlei sonstige Nichtigkeiten feilbieten. Sie würden, schon der Fremdartigkeit des ersten Eindrucks wegen, vielleicht den europäischen Käufer anlocken, allein ein Blick auf die Umgebung ihres Standes, wo Apfelsinenschalen, Streichhölzer, Papierfetzen, Cigarrenstummel etc. sich mit allerlei sonstigem rubbish um den Vorrang streiten, und worin die Schleppe (!) des hellen Mousselinkleides der Verkäuferin umherfegt, verscheucht ihn wieder. In sehr vielen Kaufläden des eigentlichen Geschäftsviertels, ja sogar in einzelnen der eleganteren Stadtgegend, sah ich auf dem Fußboden Stroh, Packpapier, Bindfaden, zerbrochenes Gerät etc. umherliegen; es schien aber Niemand etwas Ungewöhnliches darin zu finden. Der Brasilianer bringt dieser Art von Unordnung eine gewisse kindliche Harmlosigkeit entgegen, die fast rührend ist, und ich glaube, Grete, wir Europäer gewöhnen uns mit der Zeit wenn auch nicht an den Schmutz, so doch daran, ihn von den Anderen unbeachtet zu sehen.

An Läden habe ich nicht viel Schönes gesehen, und vor Allem nichts für dies Land Charakteristisches, ausgenommen ein Geschäft mit wunderhübschen Sachen, gefertigt aus den ungefärbten Federn der einheimischen farbenprächtigen Vögel; die vorhandenen Ballgarnituren waren ganz entzückend! Was Du aber sonst kaufst, ist fast ohne Ausnahme europäische Ware, und es dürfte außer den Rohprodukten des Landes kaum einen Gegenstand geben in den Geschäften, der nicht den atlantischen Ocean gesehen. Kleiderstoffe, Stiefel, Wäsche, Wollwaaren, Möbel, Beleuchtungsgegenstände, Kücheneinrichtung, Bücher, ja bis zum Papier und zur Stecknadel kommt alles aus Europa. Selbst die Kattunstoffe kommen dem Lande der Baumwolle aus Deutschland und Frankreich, wohin sie das Rohmaterial liefern, das sie selbst nur sehr mangelhaft in wenigen unbedeutenden Fabriken zu verarbeiten verstehen; und wenn sie hier weißen Hutzucker essen wollen, so läßt ihn sich das Land des Zuckerrohrs aus dem Lande der Runkelrübe kommen. Manche Dinge sind hier wunderbar! — In der rua d’ Ouvidor, so einem Mittelding zwischen feiner Geschäfts- und Bummelstraße, giebt es einige große Magazine mit eleganten Damentoiletten. Die kommen alle direkt aus Paris hierher und sind horrend teuer, doch werden sie von den reichen Brasilianerinnen mit Kußhand zu den höchsten Preisen gekauft für die „Saison“, d. h. für die Vorstellungen einer italienischen Operngesellschaft, zu denen die Damen in den Logen in ausgeschnittener Balltoilette erscheinen; Privatgesellschaften giebt es wenige außerhalb der Grenzen des diplomatischen Korps, und der Kaiser repräsentiert nicht, was wohl zum Teil seiner bekannten persönlichen Einfachheit entspricht, teils durch die ungemein niedrige Civilliste der Herrscher von Brasilien bedingt wird: nur bei der Prinzessin finden Theeabende statt. Der große kaiserliche Palast in Saõ Christovaõ, einer Vorstadt von Rio, ist ein mächtiges, ödes Gebäude, das zwar einige prachtvoll eingerichtete Zimmer enthalten soll, jedenfalls aber eine sehr häßliche Lage hat. Wenn ich der Kaiser von Brasilien wäre, baute ich mir eine graziöse, luftige Villa in Botafogo, der jenseitigen, entzückenden Vorstadt von Rio, und überließe Saõ Christovaõ seiner Nachbarschaft von Viehschlächtereien und ihren Hunderttausenden von Krähen!

Botafogo ist reizend; wie ein Kranz liegen die Villen mit ihren Gärten um die Bai gleichen Namens herum, hinten überragt von dem mächtigen Corcovado, vor sich in der Bai den merkwürdigen Paõ de Assucar, den Zuckerhutberg. Die Blumenpracht in dieser Vorstadt, wo nur vornehme, reiche Leute wohnen, ist bezaubernd! Die üppigsten Ranken von saftigem Grün überwuchern die Mauern, darinnen große, stralende, dunkelrote, lila, gelbe oder weiße Blumen. Mrs. Brassey, in ihrem netten Buche „A voyage in the Sunbeam“ hat ganz meine Empfindungen ausgesprochen, wenn sie sagt, in Brasilien seien ihr alle Blumenfarben weit satter vorgekommen, als irgendwo in der Welt, ja, selbst das Weiß schiene ihr dort intensiver zu sein. Diesen Eindruck hat man wirklich, und soweit die Natur mitspricht, ist hier alles bezaubernd!

Der Larangeirasberg, der Santa Theresaberg, kurz, alle Hügel der Stadt sind mit Villen besetzt und, besonders der Santa Theresaberg, vielfach von fremden Kaufleuten bewohnt, die ihre Geschäftshäuser unten in der Stadt haben.

Da ich mich bisher vergeblich um eine Thätigkeit hier in Rio bemüht habe, so habe ich mir die Stadt schon so ziemlich angesehen, aber es giebt nicht viel darin zu betrachten. Die Kirchen sind eine wie die andere, und keine ist durch besondere Kunstschätze interessant; das Museum (von dessen Existenz Viele hier gar nichts wissen und das die Wenigsten ansehen) ist, abgesehen von einer prächtigen Sammlung ausgestopfter, z. T. sehr seltener Vögel recht mäßig. Die Kunstakademie, die eine Gemälde- und Statuensammlung enthält, ist, was letztere betrifft, noch sehr in den Kinderschuhen, doch enthält sie einige sehr interessante Gemälde einheimischer Künstler, die mir ausnehmend gefielen an Farbengebung und lebendiger Anordnung. Ich lege die Photographie eines derselben bei, welches „die erste Messe in Brasilien“ darstellt, und bedauere nur, daß ich die einiger anderen nicht bekam, zumal die eines Kolossal-Schlachtenbildes von Meirelles. Im Ganzen ist es aber auffallend, wie wenig Sinn die Brasilianer zeigen für die bildende Kunst; zu verwundern ist es freilich nicht, denn die deklamatorischen Künste müssen sie ihrer Natur nach mehr anziehen. Der Brasilianer ist der geborene Redner, er deklamiert, sowie er nur einen längeren Satz spricht, und alle lieben sie schwärmerisch die Musik, und zwar die Italiener, dann französische Operetten und — Meyerbeer.

Noch schwächer als mit der Malerei sieht es mit der Bildhauerei und der Architektur aus. Die Stadt hat absolut keinen architektonischen Schmuck an Gebäuden, Brücken oder Thoren aufzuweisen, Prachtbauten fehlen gänzlich, wenn man nicht die immerhin ziemlich einfache fiskalische Druckerei dahin rechnen will, und an Denkmälern habe ich nur zwei entdecken können, wovon eins obendrein einen Heiligen darstellt. Diese Armut an Denkmälern hat wohl z. T. darin seinen Grund, daß das Land seit seiner Selbständigkeit nur eine äußerst kurze Geschichte, also wenig historische Erinnerungen hat. Das einzige Denkmal, welches außer jenem Heiligen (ich glaube gar, es ist Saõ Francisco) vorhanden ist, verherrlicht denn auch den bedeutungsvollsten Augenblick von Brasiliens Geschichte: es stellt nämlich den ersten Kaiser, den Vater des jetzigen, Dom Pedro I. zu Pferde dar, wie er mit der Verfassungsurkunde in der Hand dahergesprengt kommt. Das Standbild ist von einem französischen Künstler, ist prächtig frisch aufgefaßt und mit jener Dosis von Pathos versehen, die ihm bei den Brasilianern den Erfolg sichert. Der Sockel trägt in Reliefs allegorische Darstellungen der vier Hauptströme des Landes, des Amazonas, Saõ Francisco, Orinoco und Madeira.

Natürlich war ich auch in den Gärten von Rio, dem sehr graziösen und so ziemlich in der Mitte der Stadt gelegenen Jardim publico, wo neulich eine deutsche Kapelle Mendelssohn’sche Duette spielte, ferner in einem neuen, großartig angelegten Garten am Ende der Stadt und last not least in dem berühmten botanischen Garten mit seiner noch berühmteren Palmenallee. Ja, Gretel, interessant und sehenswert für den Fremden ist diese Allee jedenfalls, aber so sehr schön finde ich die langen kahlen Stämme gerade nicht, und außerdem ist diese berühmte Allee unausstehlich schattenlos. Dies Urteil ist aber wieder etwas, das ich Dir nur unter dem Siegel der tiefsten Verschwiegenheit überlassen kann, sonst steinigen mich die traditionellen Bewunderer dieser Allee hüben und drüben, sei’s auch nur mit biscoitos Nr. 3! Die Allee ist merkwürdig und darum auch schön — basta! Ich will versuchen, mir diese Meinung auch noch anzugewöhnen und fortan die Palme als den Alleebaum par excellence anzusehen. Ob es mir gelingen wird?

Deine rebellische Ulla.

Kopfstück Seite ]
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Rio de Janeiro, den 12. Februar 1882.

Liebste Grete!

Ich muß Dir schon wieder schreiben, denn denke Dir, seit vorgestern bin ich hier in einem Collegio engagiert! Ein Collegio ist eine höhere Töchterschule mit Pensionat, und ich habe da also durch vier Klassen die Töchter dieses Landes in die Geheimnisse der deutschen sowie der englischen Sprache einzuführen und außerdem eine Unzahl von Klavierstunden zu erteilen. Ach Grete, die beiden Sprachen, besonders aber das Deutsche, werden meinen Schülerinnen wohl ewig ein Buch mit sieben Siegeln bleiben; es ist merkwürdig, wie wenig sie bei mir lernen! Ich habe noch nicht herausfinden können, ob es an mir oder an ihnen liegt, vielleicht macht es auch der Racenunterschied zwischen Germanen- und Romanentum, denn Französisch lernen sie halb im Schlaf, und die Französinnen werden auch viel besser mit ihren Klassen fertig. Ich war schon wieder ein paar Mal in Versuchung, den Bormann hervorzuholen, ich habe ihn aber doch schließlich stecken lassen, weil ich weiß, daß ich zu viele Vorwürfe für mich darin finden würde.

Da zu wenig Schulräume vorhanden sind, so gebe ich meine Stunden gewöhnlich mit einer andern Lehrerin zugleich in demselben Zimmer; wärend also am einen Ende des Saales z. B. portugiesische Gedichte deklamiert werden, versuche ich meinen unaufmerksamen „Donas“ die Verwicklungen der deutschen Deklinationen klarzulegen. Die drei Artikel mit ihren vier Fällen sind ihnen aber in ihren zwölfteiligen Dunkelheiten (die Mehrzahl garnicht gerechnet) so unsympatisch, daß ich ordentlich fühle, wie unser unschuldiges der, die, das von der ganzen gelbblaßen Gesellschaft vor mir wie eine hinterlistige Erfindung angesehen wird, die eigens aus Tücke für Schulkinder gemacht wurde. Neulich, als ich einer kleinen schwarzäugigen Krabbe verbesserte: „Der Schirm steht hinter der Thür“ — warf sie mit sofort erscheinenden Wutthränen ihr Buch auf den Tisch und schrie in hellem Zorn: „Was! Sonst war es immer die Thür, und jetzt ist es mit einmal der Thür?!“

Grete, ich war ganz konsterniert und wußte im ersten Augenblick wirklich nichts zu machen. Aber derartige Scenen kommen hier oft vor. Die besseren Familien geben ihre Töchter überhaupt nicht in Collegios, und daher ist diese Gesellschaft gewöhnlich die wenigst gut erzogene und wildeste, die man sehen kann; sie toben und schreien oft, bis sie ganz kirschbraun im Gesicht sind. Unsere jüngere Französin Mademoiselle Lerôt sperrt sie dann immer in einen leeren Schrank, bis sie still sind. Die Vorsteherin sehen wir selten, eigentlich nur bei den Mahlzeiten; sie ist die Einzige, die Autorität hat bei der wilden Bande, vielleicht weil sie sich so wenig zeigt. Sie sitzt immer in guter Toilette in ihrem Wohnzimmer, empfängt die Eltern ihrer Zöglinge und giebt nur eine Lesestunde in jeder Klasse. Sie liebt es nicht, wenn wir uns in Schulangelegenheiten an sie wenden, und so wird mir auch nichts anderes übrig bleiben, als mir selbst zu helfen wie Mlle. Lerôt.

Von einem Lehrplan oder auch nur einem Stundenplan habe ich bis jetzt noch nichts entdecken können, und alles erscheint mir hier vorläufig wie ein wüstes Chaos. Die Anzahl meiner Klavierschülerinnen habe ich bis jetzt beim besten Willen noch nicht feststellen können; wenn ich mich des Morgens um halb sieben ans Klavier setze, so erscheint bis um zehn Uhr alle halbe Stunde eine Andre mit ihren Noten, als ob sie von einem mechanischen Uhrwerk ausgespieen würden; ich notiere sie mir nun alle nach der Reihe und werde wohl so mit Mühe und List endlich zu einem gewissen Stundenplan durchdringen.

Mich haben sie vorläufig noch ganz gern, und zwar, wie mir Mlle. Lerôt sagte, weil — ich gute Toilette mache (womit man doch manchmal Kinderherzen gewinnt!) und „nicht wie die andern Deutschen aussehe.“ Letzteres ist hier ganz entschieden als ein Lob zu fassen, es empörte mich aber nichts destoweniger; allein wie sollte von Kindern Rücksicht zu erwarten sein, wenn sich Erwachsene ähnlicher Taktlosigkeiten nicht schämen. Heute Morgen ging Madame mit einer brasilianischen Dame und Zöglingsmutter durch das Musikzimmer, und die Brasilianerin sagte ganz laut auf Portugiesisch: „Ist sie eine Deutsche? Ah, sie hat garnicht den deutschen Typ und ist ja auch sehr gut angezogen!“ Das Absprechen des „deutschen Typ“ war mir, der starren Germanin, wie Du wohl denken kannst, äußerst schmerzlich und zugleich bei meinem blonden Haar verwunderlich — was aber mögen denn meine deutschen Vorgängerinnen und andre Kolleginnen hier für Gewänder getragen haben, wenn die Toilette der deutschen Damen so sehr das hohe Mißfallen der Brasilianerinnen erregt?! Übrigens findet man diese Geringschätzung deutscher Konfektion hier überall. Das Drastischste in dieser Beziehung begegnete mir neulich in einem Friseurladen, wo ich eintrat, um mir den kurzgeschorenen Kopf wieder einmal ordentlich durchbrennen zu lassen. Ich wußte nicht, daß das an sich schon etwas Auffallendes hier ist, da die Brasilianerin nie allein auf der Straße geht und sich keinenfalls außer dem Hause frisieren lassen würde. Der Jüngling mit der Tollscheere hielt mich zuerst für eine Französin, da ich mein Anliegen auf französisch vorgebracht; dann fragte er, ob ich Russin sei, und als er mich schließlich, halb zu meinem Ergötzen, halb zu meiner Entrüstung durch alle Nationen durchgefragt hatte, meinte er zuletzt: „Mais enfin — vous n’êtes pas allemande?“ „Et pourquoi non?“ sagte ich, innerlich wütend. „Ah bah“, machte er verächtlich, „ça se connaît; les allemandes sont toujours mal-vêtues et n’ont pas de chic.“

„„Les allemandes“ bedanken sich“, dachte ich und ging von dannen, diesem Laden ewige Feindschaft schwörend.

Aber da läutet es zum Thee. O dieser Collegio-Thee! Augenblicklich mache ich mir die große Hitze zu Nutze, um ihn häufig auszuschlagen und mir anstatt dessen die cajuada, eine Limonade aus der Cajú-Frucht, die hier viel getrunken wird und sehr kühlend ist, zu bereiten. Das zweite Läuten — ich eile!

Deine Ulla.

Kopfstück Seite 94
Kopfstück Seite 94

Rio de Janeiro, den 21. Februar 1882.

O Gretel, dieses Collegio — es wächst mir über den Kopf! Ich glaube, ich bin wirklich eine ganz miserable Lehrerin! Sie lernen nichts bei mir, sie lernen garnichts. Ob es hier wohl Schulinspektoren giebt? Dann blamiere ich mich entsetzlich. Ich finde mich so schlecht in dieses oberflächliche Tünchen hinein; beginne ich aber zu vergründlichen, dann wird es erst recht wüst — ich bin ganz verzweifelt! Und nun gar die Disziplin! Schon das Wort allein macht mich schamrot. Denke Dir Folgendes. Als ich neulich in die Klasse trat, fand ich dieselbe sehr unruhig und lärmend, und in meiner Ratlosigkeit that ich nochmals einen verzweifelten Griff auf Bormann zurück. Sobald ich nämlich so viel Ruhe schaffen konnte, daß ich gehört wurde, kommandierte ich „Aufstehen — setzen!“ fünf Mal hinter einander, was bei uns ja auch wirklich nie verfehlt, eine Klasse zu beschämen. Und hier — o sancta simplicitas! Nachdem ich ihnen erst überhaupt nur schwer begreiflich gemacht hatte, was ich von ihnen verlangte, waren die Kinder derartig weit entfernt, das Ganze für eine Strafe anzusehen, daß sie glaubten, es handle sich um einen guten Spaß, hopsten zuletzt immer noch von selbst wie die Perpendikel auf und nieder und amüsierten sich königlich. Grete, seitdem ist Bormann für mich hier in Brasilien endgültig abgethan! Ich sehe wohl ein — wenn hier eine Pädagogik eingeführt werden soll, dann muß sie brasilianisch sein und nicht deutsch — brasilianisch in Bezug auf die ganze Auffassung und alle Voraussetzungen, sie muß dem Charakter des Volkes, den häuslichen Lebensverhältnissen dieser Leute angepaßt sein. Brasilianische Kinder sollten überhaupt nicht von Deutschen erzogen werden, es ist völlig verlorene Mühe, denn das fremde Reis, das der Jugend da aufgepfropft wird, gedeiht doch nicht! Mir geht es hier mit den Kindern, wie ich Dir von Saõ Francisco in Bezug auf die Pflanzen schrieb: wir verstehen einander nicht, wir reden äußerlich und auch seelisch eine fremde Sprache mit einander, und besonders letzteres macht mir die Existenz hier zu einer furchtbar unbehaglichen.

Allerdings läßt auch meine äußere „Behaglichkeit“ einiges zu wünschen übrig. Mein „Zimmer“ ist ein fensterloser Alkoven, der sich von einem Zöglingssaal abzweigt und nur durch die Thür zu diesem Raum Luft und Licht erhält! Seine ganze Ausstattung besteht aus dem Bett (es ist eine wohlfeile Ausgabe von dem in Saõ Francisco), einem Waschtisch und einem Stuhl. Ich besitze weder Schrank noch Kommode; mein Koffer dient als Leinzeugbehälter, und für meine besseren Kleider hoffe ich immer noch Mlle. Lerôt den Strafschrank abzuschmeicheln, wofür mir die Kinder jedenfalls sehr dankbar sein werden. Schreiben thue ich auch in dem Zimmer der Französin, mit der ich trotz der Erbfeindschaft hier im Hause noch am meisten sympathisiere. Ihr Zimmer ist zwar auch nicht viel besser als meines, aber sie hat einen Tisch darin und ein Fensterchen oben an der Decke, während ich in meinem dunkeln Loch, deren es in jedem brasilianischen Hause giebt, manchmal fast ersticke. Dazu kommt, daß wir in diesem Hause schrecklich unter den Baratten leiden, einem widerlichen Käfer, unserer Schabe ähnlich, doch von Maikäfergröße und pestartigem Geruch! Die Baratte ist eine allgemeine Landplage hier, aber so, zu Hunderten und Tausenden wie in diesem Hause, habe ich sie noch nicht auftreten sehen. Abends wenn ich mit den Kindern in ihren Schlafsaal trete, wimmelt es auf dem Fußboden von den eklen Tieren, und sofort wird mit Stiefeln und allen erreichbaren harten Gegenständen Jagd darauf gemacht. Hunderte rennen uns davon, aber hunderte von Leichen bleiben auch auf dem Schlachtfeld und werden dann erst ausgekehrt. Glaube nicht Grete, daß dies übertrieben ist, es soll in alten Häusern oft so schlimm sein, und gewiß könnte mir mancher andre Brasilienreisende Ähnliches bestätigen. Von den Mosquitos, den Ameisen, den Eidechsen und anderem Ungeziefer spreche ich garnicht, weil es gegen diese Baratten nichts ist, die außerdem noch alles anfressen und ruinieren, wo sie dazu kommen können; allein schon in diesen wenigen Nächten haben sie mir meinen Göthe ganz aus dem Einband gefressen!

Überhaupt ist mein Enthusiasmus für Rio schon ziemlich abgekühlt. Das Leben hier im Collegio ist nicht sehr reizvoll, und das Wandern in den Straßen wird zur Pein durch — die übergroße „Höflichkeit“ der Herrenwelt. Sie sind es von ihren Landsmänninnen nicht gewohnt, Damen allein auf der Straße zu sehen, und wenn sie auch wissen, daß wir Fremden diese Freiheit hier für uns in Anspruch nehmen müssen, so scheinen sie sich doch berechtigt zu glauben, europäische Damen, wenn sie allein sind, mit Anreden zu belästigen. „Comment ça va-t-il, Mademoiselle?“, „Mais, ou allez-vous si vite, mon enfant?“, solche und ähnliche Redensarten habe ich mir nun schon die Überwindung angeignet, ohne Thränen einfach zu ignorieren. Was sagst Du aber dazu, daß sich neulich, als ich eben einen Handschuhladen verlassen wollte, ein langer, dürrer Brasilianer grade vor mich hinstellte und mit der unverschämtesten Miene unter seinem Kneifer hervorgriente: „Pas décidemment jolie, mais gentille, très gentille!“ Ich stürzte aufgebracht von dannen, was ihn höchlich zu amüsieren schien.

Ach, Grete, hätte ich wenigstens eine gleichgestimmte Seele hier! Mademoiselle Lerôt, Miß Dahlmann, ja, sie sind ja ganz freundlich und liebenswürdig — aber so eine rechte Freundin möchte ich haben — so eine Grete! Ach, Herz, wenn Du hier wärest — — aber nein, ich will es Dir doch nicht wünschen! Bleibe Du drüben, und (ganz heimlich ins Ohr flüstern) ich komme auch wieder — sobald das Reisegeld reicht. Vorläufig ist große Ebbe im Schatz, und mein Collegio-Gehalt wird keine Flut hineinleiten; also noch heißt’s Stillsitzen, denn allein das Dampfer-Billet bis Hamburg kostet 30 £!

Den 22.

Heute war ich bei dem Pastor der hiesigen deutschen Gemeinde und auch bei dem deutschen Konsul; beide waren sehr liebenswürdig, und der Konsul, der ein feiner Mann ist und die Brasilianer auch nach Gebühr „würdigt“, empfiehlt mir, lieber nach der Provinz Saõ Paulo zu gehen, wenn ich dort irgend etwas bekommen könne; dies sei keine Stellung für mich, und in Saõ Paulo seien auch mehr Kolleginnen. Ich habe mir das gesagt sein lassen und studiere nun, wo ich es erhaschen kann, eifrig das Jornal de Commercio, wo unter Annoncen entlaufene Neger betreffend und zwischen Sklavenverkaufsanzeigen auch „professoras“ mit zahllosen Fähigkeiten und Vollkommenheiten gesucht werden. Übrigens habe ich hier im Collegio gelernt, daß es „professora“ nur heißt, so lange man beliebt ist, sonst wird man auf das mindere „mestra“ herabgesetzt. Ein wahres Glück ist es, daß man hier keine Kontrakte macht oder Kündigungsfristen innehält, denn wenn man dabei freilich auch stets gewärtig sein muß, an irgend einem beliebigen Tage an die Luft gesetzt zu werden, so kann man doch auch selber sein Ränzel schnüren, wenn’s einem zu bunt wird. Adieu, mein Schatz; empfiehl mich dem Wohlwollen aller neun Musen, daß sie mich nach Saõ Paulo gelangen lassen!

Deine Ulla.

Kopfstück Seite 99
Kopfstück Seite 99

Rio de Janeiro, den 17. Februar 1882.

Grete, bist Du schon einmal auf dem Wege zum Zahnarzt gewesen, um Dir einen festen Backenzahn ausreißen zu lassen? Vielleicht. Aber ist es Dir dann auch schon passiert, daß man Dir plötzlich an die sorgfältig behütete Wange ein hartes Etwas geschleudert hat, das daselbst zerplatzte und eine kleine Flut patchouliduftenden Wassers in Deinen Hals ergoß? Nein? Dann weißt Du auch nicht, wie viel Galle Du hast. Widersprich mir nicht — Du weißt es nicht! Ich meinesteils wenigstens erhielt durch die eben erzählte Prozedur einen so unvermuteten Aufschluß über die Größe meines Quantums Cholerik, daß ich in meiner guten Meinung von mir ganz beträchtlich gedemütigt wurde.

Es war in der rua dos Ourives, wo ich meine Entdeckung machte. Ihre erste Wirkung war, wie gesagt, mir mit einem Schlage die schönen Illusionen zu rauben, die ich in Bezug auf die Milde meiner Gemütsart gehegt — allein „paff“ betäubte ein zweites hartes Etwas mit nachfolgender Wasserflut, das sich diesmal die entgegengesetzte Seite aussuchte, meine Selbstanklagen, und es wallte wieder zorniger in mir auf... „piff“ sauste es unmittelbar darauf an meiner Nase vorbei und zerplatzte an der Wand neben mir — ich wollte mich bücken, um die Beschaffenheit dieser entsetzlichen kleinen Geschosse zu konstatieren — „puff“ zerplatzte es dumpf in meinem Nacken und lief mir den Rücken hinab.

Außer mir vor Zorn stand ich still und blickte um mich, meine Zahnschmerzen vollständig vergessend. Rings um mich her sah ich Gesichter von einer so impertinenten Heiterkeit, wie Gesichter sie nur anzunehmen pflegen, wenn sie sich in einem ohnmächtig-zornsprühendem Antlitz reflektieren dürfen; elegante Herren, schmutzige Mulattenjungen, Kommis, Straßenbummler, sogar die Damen auf den Balkons, alles verwandelte sich mir in ebenso viele grinsende Teufel, und alle zielten wie auf Verabredung auf mein unseliges, zahnwehbehaftetes Ich mit jenen infamen kleinen harten und wässrigen Geschossen. Mechanisch drückte ich mich an ein Haus, um wenigstens von hinten gesichert zu sein... sssrrr floß es in wohlberechnetem Guß auf meinen Hut (es war eine echte Feder darauf!) überschwemmte ihn und suchte einen Ausweg in meinen Kragen.

Ich war vollständig betäubt. Was war dies? Was bedeutete es? Wachte ich wirklich und befand ich mich in einer der besten Straßen Rios, oder war dies alles ein wüster Traum?!

Da lehnt sich eine junge Brasilianerin lächelnd zu dem Fenster hinaus, an dem ich wie angewurzelt stehe; ich wende mich an sie und will sie anreden, da hebt sie die Hand — ein kleines blankes Flakon glänzt darin — „huist“, „huist“ — und meine beiden Augen waren momentan dienstunfähig. Das war zu viel! Ich war außer mir. Eine ohnmächtige Wut und zugleich eine unglaubliche Feigheit all diesen geheinmisvollen Feinden gegenüber bemächtigte sich meiner, und als ob der Böse selber mich verfolgte, legte ich den Rest meines Weges zurück.

Am ganzen Körper bebend vor Zorn und bei jeder Bewegung Tropfen sprühend, sank ich, am Ziele angelangt, in Thränen ausbrechend auf ein Sofa im Wartezimmer von Dr. Müller, der mich seit einer Woche unter seiner zahnärztlichen Behandlung hatte.

„Aber liebes Fräulein, was fehlt Ihnen?“ rief er aus dem Nebenzimmer; doch als er dann eintrat und mich so triefend dasitzen sah, verzog sich auch sein Gesicht zu einer Spielart jenes bereits erwähnten Heiterkeitsausdruckes, und ich sah, wie schwer es ihm wurde, nicht laut heraus zu lachen.

„Ja, mein Gott“, rief ich außer mir vor Zorn, „was ist denn nur los, ist denn hier in Rio alles toll geworden!“

Jetzt lachte der Doktor los, faßte mich bei der Hand, führte mich an den Wandkalender und wies mit dem Finger auf eine Zeile des Monats Februar — „Fastnacht“ — las ich da und sank, dumpf aufseufzend, auf den nächsten Stuhl.

Der Doktor begann an mir herumzupflücken. „Was machen Sie denn?“ fragte ich matt.

„Ich sammle Ihnen wenigstens einige Wachsstücke ab.“

„Wachsstücke?“ wiederholte ich ebenso matt, aber erstaunt.

„Nun ja, Sie haben, wie es scheint, eine gehörige Ladung von den Dingern bekommen, Wachseier mit Wasser gefüllt, unter deren Zeichen Rio nun bis zum Aschermittwoch fortwährend stehen wird.“

Bis zum Aschermittwoch, das waren damals noch eilf Tage! Mit stummem Entsetzen überschlug ich das mögliche Quantum von Patchouliwasser und Wachseier-Schalen, des aus Kübeln gegossenen Wassers garnicht zu gedenken, das sich in diesen eilf Tagen noch den Weg in meine Garderobe suchen konnte, und ingrimmig zerdrückte ich das Wachs einer halben Eierschale, die ich eben aus meiner triefenden linken Manschette zog.

„Da ist wohl der Zahn noch für heute gerettet?“ lächelte der Doktor.

„Nein, im Gegenteil“, rief ich mit einer Erneuerung meiner vorherigen „Energie“ — „an etwas muß ich meinen Zorn auslassen, und sei es an mir selber; reißen Sie — reißen Sie —“ Und so wurde ich um einen Weisheitszahn ärmer.

Als ich in das Collegio zurückkam und meine Abenteuer erzählte, geriet die kleine Bande in eine schreckliche Aufregung — „Laranginhas, Laranginhas!“ wurde das allgemeine Feldgeschrei. Die Brasilianer nennen diese abscheulichen kleinen Wachsgeschosse Laranginhas d. h. kleine Orangen, mit denen sie jedoch meiner Ansicht nach nicht die geringste Ähnlichkeit haben; sie haben vielmehr die Form und Größe von Hühnereiern, und die Kinder gießen sie selbst mittels einer hölzernen Form. Dutzende von solchen Formen kamen wie mit Zauberschlag in unserm ehrenfesten Collegio zum Vorschein, und ehe wir Lehrerinnen es uns versahen, war die Wasserschlacht im vollen Gange. Nicht nur, daß man sich in den Pausen mit laranginhas bombardierte, sondern sogar in den Stunden spritzten sich die Nachbarinnen mit den bisnagas, die durch Gott weiß wen eingeschmuggelt wurden, Wasser in die Ohren und die Kleider, so daß an eine ruhige, gesammelte Stunde garnicht mehr zu denken war. (Die Bisnagas sind kleine Flakons genau wie unsre Farbenfläschchen, und man hat sie mit allen Parfüms gefüllt, bis zu den feinsten Sorten). Am Sonntag aber, als die Kinder nun nichts zu thun hatten, wurden sie ganz wild und begossen sich gegenseitig von oben bis unten mit Wasser aus großen Steinkrügen und Waschschüsseln. Das ganze Schlafzimmer schwamm, und Mlle. Lerôt und ich standen ratlos vor der wasserberauschten Gesellschaft, die wie die Wilden umhersprangen und schrieen, bis glücklicherweise Madame kam und der Sache ein Ende machte. Seitdem haben wir hier im Hause Ruhe.

Draußen aber dauert dieser geschmackvolle Faschingssport ruhig fort, so daß ich mein Schicksal verwünsche, das mich grade jetzt alle Tage in die rua dos Ourives treibt, und halbe und ganze Stunden vergrüble über der Zusammenstellung möglichst wasserdichter Kostümierungen. Die Brasilianer aber sind selig in dieser Zeit, ganz „aus dem Häuschen“. Man sieht reiche junge Brasilianer die Straße entlang wandern eigens zum Zweck dieses wässrigen „Amüsements“, einen Negerjungen hinter sich, der in einem mächtigen Korbe laranginhas und bisnagas bereit hält, und hunderte von Franks sollen da von Einzelnen auf diese Weise verschleudert werden. Obgleich es in jedem Jahre von neuem verboten wird, geschieht es in jedem Jahre wieder, und an den Straßenecken stehen ganz naiv sogar die Negerinnen da, welche große Tablets voller laranginhas zum Verkauf feil halten. In den Pferdebahnen fürchtet ein Jeder einen Jeden, und wenn man eben anfängt, seinen Nachbarn mit ein wenig mehr Vertrauen zu betrachten, so fährt man im nächsten Moment entsetzt zusammen, da der Hintermann einem mit wahrhaft teuflichem Genuß ein ganzes Fläschchen Wasser in den Kragen gießt. Aber ärgern darf man sich nicht, denn wenn sie das sehen, so ist man erst recht verloren, und je mehr man sich in der Kleidung zu schützen sucht, desto nasser wird man. Jetzt naht sich aber die Sache glücklicherweise ihrem Ende, denn gestern war der große Faschingsumzug, und heute ist der beschließende Maskenball.

Den Umzug habe ich mit angesehen von dem Balkon einer mit Madame befreundeten Familie in der rua d’ Ouvidor, und ich kann nicht anders sagen, als daß er ganz brillant war. Viele der Wagen, deren Ausstattung man teils aus Lissabon, teils aus Paris hatte kommen lassen, waren sogar hochkomisch, so einer derselben, „das wahre Bild der Hölle“ betitelt, wo in Gestalt von lebensgroßen Strohpuppen Mönche verbrannt, Pfaffen geprügelt und Nonnen gerädert wurden. Und das in einem katholischen Lande! Aber der Brasilianer ist nicht mehr so fromm wie seine Vorfahren. Mit Jubel begrüßt wurde zumal ein andrer Wagen, wo aus der Dachluke eines darauf stehenden Häuschens in regelmäßigen Intervallen von einigen Minuten die täuschend ähnliche Maske des hiesigen Telegraphendirektors heraussah, der mit einer Schere die über dem Hause weggeleiteten Telephondrähte zu zerschneiden suchte, was nämlich in der That auf sein Anstiften von den Unterbeamten geschehen sein soll. An die eigentlichen darstellenden Wagen schloß sich eine lange Reihe Kutschen mit Masken an, allerdings nur Herren mit Damen vom Theater und der Demimonde. Da der Zug nicht beworfen werden durfte, so konnte man ihn in Ruhe betrachten, aber dennoch kam ich die ganze Zeit über nicht aus der Gänsehaut heraus wegen der gruseligen Geschichten eines neben mir stehenden Brasilianers. Die eine handelte von einem deutschen Lehrer, der wegen eines herausfordernden Havelocks in der Faschingszeit vor einigen Jahren schließlich von zwei handfesten Negern erfaßt und in eine mit Wasser gefüllte Badewanne geschleppt worden war, worauf er die Cholera bekommen, die andre von einem Engländer, der sich aus den bisnagas und den laranginhas das gelbe Fieber und den Tod geholt. Als er die dritte anfangen wollte, die wahrscheinlich von einem Russen gehandelt hätte, bat ich ihn, mich zu verschonen.

Nun — Gute Nacht, mein Gretel — es ist entsetzlich heiß, so daß das Licht vor mir sich biegt, aber ich kann es aushalten, da ich es selten drückend finde, indem die große atmosphärische Feuchtigkeit sehr mildernd wirkt. Die schlimmste Zeit ist nun auch bald vorüber und damit auch die Zeit des gelben Fiebers, die allerdings alljährlich nach dieser wilden Faschingszeit noch einmal einen Aufschwung nimmt; noch sterben wöchentlich gegen hundert Personen allein am gelben Fieber. Mich muß es nicht wollen, Grete, denn sonst hätte ich es bei meiner augenblicklichen schlechten Verpflegung längst bekommen müssen, zumal es immer zuerst „die weißeste Haut“ nimmt; Europäer, und besonders Engländer und Deutsche sind am meisten ausgesetzt, und zuletzt bekommen es die Neger.

Übrigens à propos Verpflegung Grete! Die Zeit ist da, wo ich „eine Passion für das gedörrte Hammelfleisch“ habe; es ist wenigstens nicht so fett und läßt sich daher bei der Hitze am besten essen. Mit Appetit esse ich aber nur, wenn mich Carsons einmal zu einem guten englischen beef einladen, was sie thun, so oft ich abkommen kann. Sie sind überhaupt rührend gut zu mir, Grete, und viel von meiner Courage in diesem fremden Lande danke ich ihrem freundlichen Zuspruch; God bless them!

Aber Mademoiselle wird ungeduldig, ich muß schließen. Es küßt Dich, mein Gretel,

Deine Ulla.

Kopfstück Seite 107
Kopfstück Seite 107

Rio de Janeiro, den 2. März 1882.

In aller Eile ein paar Worte, Herzensgrete! Ich bin nach Saõ Paulo engagiert und zwar, denke Dir mein Glück, nach der Stadt Saõ Paulo zu einer, wie es scheint sehr netten Familie. Herr Konsul Haupt war so sehr liebenswürdig, eine Annonce für mich in das Jornal de Commercio rücken zu lassen, wo er mich wohl sehr herausgestrichen haben muß, denn dieser Herr Costa ist eigens von Saõ Paulo hergekommen, um dies Wundertier von „professora“ (vulgo „mestra“) zu engagieren. So geht’s denn morgen nach der „geistigen Hauptstadt von Brasilien“, wie der Paulistaner seine Stadt mit Stolz und Vorliebe nennt.

Madame war höchst ärgerlich, als ich ihr sagte, daß ich fort wolle, und hat mir kaum Adieu gesagt, aber alle, die mir wohlwollen, raten mir zu.

Weißt Du aber, was mir jetzt klar geworden ist, Gretel? Der Grund, warum meine deutschen Kolleginnen in ihrer Toilette nicht im Stande waren, den Beifall ihrer brasilianischen Mitschwestern zu erlangen! Ich werde wohl nächstens auch ohne denselben fertig werden müssen. Stelle Dir vor, wenn es Dir möglich ist, daß ich neulich für ein Kattunkleidel, das ich haben mußte und mir bei einer französischen Schneiderin anfertigen ließ, dieser edlen „Madame Victorine“ baare 78 Mark Macherlohn auf den Tisch des Hauses niederlegen mußte!! Ich war versteinert und werde nie mehr zu einer Madame Victorine gehen, wenn meine mitgebrachten Sachen nicht mehr reichen, sondern es machen, wie es wahrscheinlich meine Kolleginnen hier vielfach thun: ich werde selber zu Schere und Nadel greifen!

Der erste „Erfolg“ dieses Kattunkleidels ist, daß ich Mr. Carson anpumpen mußte, um an meinen neuen Bestimmungsort zu gelangen, und ich schreibe Dir dies als exemplum tragicum zu Nutz und Frommen aller Derer, die es bethören sollte, wenn man ihnen in Brasilien 4–5000 Mark Gehalt bietet. Jetzt werde ich übrigens nur 3000 bekommen. Aber Courage habe ich doch noch, Gretel, unterkriegen lassen wir uns nicht. Wie sagt jener geistreiche Franzose? Il faut fatiguer l’infortune!

Unverwüstlich Deine Ulla.

Kopfstück Seite 109
Kopfstück Seite 109

Saõ Paulo, den 20. März 1882.

Meine einzige Grete!

Heute bekam ich einen ganzen Haufen lieber freundlicher Briefe von Mr. Carson nachgeschickt, und ich wundre mich nur, daß sie alle angekommen sind! Du bedauerst mich so sehr wegen des „abscheulichen Collegio“, Du Gute, aber das sind ja glücklicherweise jetzt schon wieder tempi passati, wie Du siehst, und ich fühle mich dagegen hier in Saõ Paulo wie im Himmel.

Schon die Reise hierher war mir sehr interessant, da sie mich durch eine recht vielseitige Landschaft führte. Um neun Uhr Morgens installierte mich Mr. Carson in einem Coupé erster Klasse der Saõ Paulo Railway — erster Klasse, Grete, nicht etwa aus Hochmut oder aus plötzlich eingetretener Kassenflut (im Gegenteil, Du weißt ja: Madame Victorine!) sondern weil es in diesem Lande überhaupt nur zwei Eisenbahnklassen giebt, und in der zweiten nur der nigger aller Schattierungen fährt. Mein Aufenthaltsort hatte auch wenig gemein mit unsern heimischen Coupés erster Klasse, mehr mit einem solchen dritter. Ungeteilt bot der Waggon mit seinen 24 Plätzen auf Sitzen von Rohrflechtwerk, seinen acht offenen Fenstern, die Wind, Sonne und Staub zugleich hereinließen, einen möglichst ungemütlichen Aufenthalt. Es reisten fast nur Herren in dem Wagen, und Nichtraucher- oder Damen-Coupés, wohin ich mich hätte zurückziehen können, giebt es hier zu Lande nicht. Sobald der Zug sich in Bewegung setzte, holten die Brasilianer jeder ein großes weißes Laken hervor, das rings mit Franzen besetzt war und in der Mitte ein Loch hatte, durch welches sie den Kopf steckten, so daß das Laken um sie herumfiel. Diese Dinger nennt man ponchos, und wärend die leichten gegen den Staub benutzt werden, so dienen wärmere, buntfarbige gegen Regen und Kälte.

Die meisten der Herren versanken sehr bald hinter die riesigen Blätter ihrer Jornals de Commercio, und es dauerte nicht lange, da erinnerten sie sich auch zu meinem Entsetzen ihrer Cigarretten. War die Fahrt bisher nur mäßig angenehm gewesen, so wurde sie jetzt zu einer wahren Kreuzfahrt. Nicht wegen des Rauches; Du weißt, Grete, ich bin nicht so zimperlich, aber — für den rauchenden Brasilianer scheint die Welt um ihn her nichts zu sein als ein großes Spucknapf. Der offen zur Schau getragene Ekel der Fremden, ja, manche recht blamable Scenen in Restaurants und auf den englischen Küstendampfern haben bis jetzt nichts an dieser widerlichen Unsitte ändern können. Der Brasilianer sieht das fortwährende Umsichspucken für etwas ganz Harmloses an, worauf er in seinen Häusern auch auf das Gründlichste eingerichtet ist, denn neben jedem ihrer ungemütlichen Rohrsofas wirst Du zu beiden Seiten die schönsten, buntesten Spucknäpfe erblicken, immer gleich paarweise und so groß und schwungvoll, daß ich sie zuerst immer für Blumentöpfe hielt.

Ich machte den Versuch, mich meiner Umgebung einigermaßen zu entziehen, die sich gelegentlich um zwei und drei rauchende, schwatzende Schaffner vermehrte, indem ich aufstand, um mir durch das offne Fenster die Gegend zu betrachten. Aber mit diesem Einfall machte ich ein klägliches Fiasko. So ein brasilianischer Zug, wenn er einmal im Gange ist, rast mit unglaublicher Schnelligkeit, aber er wackelt auch ebenso unglaublich hin und her, und wenn man dazu noch seinen Fuß in der (natürlich unbefestigten und zerrissenen) Fußmatte verwickelt, so darf man froh sein, wenn man sich nach drei Sekunden mit einer Beule an der Stirn, im Übrigen aber mit heilen Gliedern auf seinen Sitz zurückgeschleudert findet. Diese Schnelligkeit des Beförderns zusammen mit so manchen Unzulänglichkeiten und Naivetäten hat Etwas, was sich am besten durch „ungebildet Civilisiertes“ ausdrücken ließe, Etwas, das unwillkürlich lächeln macht, ein Eindruck, den ich schon oft in diesem Lande empfangen habe.

Trotz alledem und alledem gelang es mir doch, die Natur rings im Großen und Ganzen aufzufassen und ihren Reichtum, ihre Großartigkeit und ihre Weite zu würdigen. Es ist alles großartiger als bei uns, es ist überall wie ein Überfluß an vorhandenem Raum, und es kommt mir immer so vor, als habe die Natur mit großem Griff Berg und Thal hier verteilt, um nur erst zu füllen, worauf sie’s dann freute, wiederum mit vollen Händen ihr Werk zu schmücken mit großblättrigen Bäumen und deren seltsamen Früchten, mit graziösem Strauchwerk, das hier aber auch immer Baum zu werden trachtet, und mit großen, intensiv gefärbten Blumen, wie um den kleinen Menschen über diesem phantastischen Schmuck ihre gewaltige Größe weniger drückend empfinden zu lassen. Berg und Thal wechselte fortwährend, und wir passierten dreizehn Tunnels, von denen der längste vier Minuten Fahrzeit in Anspruch nahm.

Hier auf dem Bahnhof holte mich Dr. Costa (natürlich „Doktor“) mit meinen beiden ältesten Zöglingen ab. Das Mädel von zwölf Jahren, Lavinia, machte mir gleich einen sehr netten, frischen Eindruck, und ich kann wohl sagen, daß ich sie seitdem schon wirklich lieb gewonnen habe. Überhaupt, Grete, fühle ich mich hier wie im Himmel, nachdem das Collegio wie ein wüster Traum hinter mir liegt. Zwar schütteln die Kolleginnen den Kopf über mein Entzücken und meinen, die Costaschen Jungen seien in der ganzen Stadt berüchtigt wegen ihrer Ungezogenheit, so daß sie hier schon keine Erzieherin mehr bekämen. Ich mag aber vorläufig von nichts hören und bin froh, daß ich hier bin und mit Kolleginnen und andern Menschen verkehren kann.

Hier in Saõ Paulo sind ziemlich viele Deutsche, aber meistens Handwerker, und ich verkehre eigentlich nur im Hause des deutschen Apothekers, den ich zuerst in seiner Eigenschaft als Konsul aufsuchte. Das sind Prachtmenschen, sage ich Dir, Gretel! Hochgebildet und doch schlicht dabei, klug, liebenswürdig und gastfreundlich. Schon mancher deutsche Brasilienreisende hat in ihrem Hause ein paar frohe, anregende Stunden oder Tage verlebt, und selbst fürstliche Gäste haben sich wohl gefühlt in dem freundlichen Schaumannschen Hause. Ich bin am Sonntag zu Mittag dagewesen und lernte bei der Gelegenheit zwei sehr nette Kolleginnen kennen, Frl. Meyer und Frl. Harras, die ich Dir wohl noch öfter nennen werde; da ich außerdem schon die Bekanntschaft einer dritten, älteren Kollegin gemacht hatte, die schon seit Jahren die Vettern und Kousinen meiner Schüler erzieht, so siehst Du, daß es mir hier golden vorkommen muß gegen meine bisherigen brasilianischen Erfahrungen. Ich bin doch unter Menschen, ich bin doch nicht so entsetzlich allein!

Bei Schaumanns trifft man Gesellschaft aus aller Herren Länder, so daß doch auch einmal wieder von einer Unterhaltung die Rede sein kann. Da kamen neulich gegen Abend ein alter origineller dänischer Ingenieur und früherer Hauptmann, ein französischer Musiklehrer, ein deutscher Arzt und ein englischer Ingenieur, ein sehr netter Mensch, der sich fast ausschließlich mit mir unterhielt und sich über mein Englisch freute, das er sehr gut fand. Er heißt Mr. Hall und wohnt seit einem halben Jahr hier in Saõ Paulo, wo er die Vertretung einer großen englischen Maschinenfabrik hat. Er sieht aus wie — nein, doch nicht! Ich glaubte, eine Ähnlichkeit gefunden zu haben, aber er sieht doch eigentlich niemandem ähnlich. Ach Gretele, ich bin so froh, daß ich hier bin, so sehr froh!

Deine glückliche Ulla.

Kopfstück Seite 109
Kopfstück Seite 109

Saõ Paulo, den 5. April 1882.

Mein liebes, herziges Gretele!

Es ist wirklich wahr: Saõ Paulo ist der beste Platz für Erzieherinnen in Brasilien, die Stadt sowohl wie die ganze Provinz, denn hier kokettieren Männlein und Weiblein, d. h. die jüngere Generation, mit der „Wissenschaft“ und spielen sich mit Vorliebe auf das Gelehrten- und Philosophentum heraus. Man ist Universitätsstadt! Allerdings darfst Du Dir darunter kein Bonn oder Heidelberg vorstellen, schon darum nicht, weil diese Academia nur eine Facultät besonders pflegt, nämlich die juristische. Weiter im Innern der Provinz, bei den Padres (der Name des Ortes ist mir entfallen), werden die Pfaffen zurechtgemacht, hier die Advokaten und in Rio de Janeiro die Jünger Aeskulaps, die „Doktoren“ par excellence.

Zu Advokaten passen die Brasilianer insofern ausgezeichnet, als sie da ihr deklamatorisches Talent verwerten können. Sie sprechen für ihr Leben gern, wenn sie auch nichts sagen; mit dem Pathos, das sie an eine einzige Rede verschwenden, könnte man bei uns bequem deren zehn ausstatten, und dennoch haben sie keine eigentliche Begeisterung noch auch individuelle Impulse — denn alle reden in dem gleichen traditionellen Tonfall, der auch bei allen Gelegenheiten derselbe zu bleiben scheint. Alles ist äußerlich, alles Halbbildung und Geste. Dieses pomphafte Phrasieren, dies hochtrabende Pathos ist an sich schon immer verdächtig und komödiantenhaft, aber wenn Du wirklich einmal die Probe darauf machst und die Leute nach etwas fragst, so können sie Dir keine Rechenschaft geben.

Da sind Leute, die an der Spitze der republikanischen Partei stehen, und sie kennen weder die Geschichte noch die Verfassung ihres Landes, geschweige die andrer Nationen, da giebt es andere, die sich zu dem philosophischen System des geistreichen Contes zu bekennen behaupten, und sie haben nicht seine elementarsten Lehren begriffen, da geben sie Urteile über die Sprachen fremder Nationen ab und können Dir keine Regel der eigenen erklären. Alle neuen Erfindungen auf technischem Gebiet müssen sie sofort haben, aber die Ingenieure zur Einrichtung kommen gleich mit aus Europa, und wenn sie wieder fort sind und es geht etwas an der betreffenden Maschinerie entzwei, dann kann ein Einheimischer sie gewiß nicht reparieren. Gründlichkeit herrscht nirgends, und wenn sie auch äußerlich Anschluß an deutsche Bildung zu suchen scheinen auf allen Gebieten der Wissenschaft — so lange sie sich nicht zugleich auch deutschen Fleiß und Ernst, deutsche Ausdauer und Gewissenhaftigkeit aneignen können, bleibt es doch nur Pantomime. Sie gehören eben innerlich nicht zu uns, mir drängt sich dies Gefühl immer von neuem auf, und die Brasilianer selbst bethätigen die Richtigkeit desselben instinktiv, indem sie mit ihrem Herzen doch immer wieder den Franzosen und andern romanischen Völkern zuneigen, wenn ihnen auch deutscher Geist oder englische Thatkraft mehr imponieren. Aber ich merke, daß ich predige — darum schnell zu etwas Anderem.

Meine jetzigen „Erziehungssubstrate“ sind in der That wahre Muster-Exemplare von Wildheit, und nur bei Lavinia hat sich diese berechtigte(?) Familieneigentümlichkeit zu einer angenehmen Frische abgeschwächt. Mit den Jungen habe ich einen schweren Stand, und mehr als einmal haben sich die beiden Brüder schon in der Stunde beim Kragen gehabt, ehe ich mich dessen versah. Da braucht der eine blos eine falsche Antwort zu geben, dann wirft der andre eine lebhafte vorlaute Verbesserung dazwischen, wofür ihm jener schneller als der Blitz eins mit dem Lineal überzieht — dann haben wir die schönste Rauferei, und es ist für mich keine Kleinigkeit, diese Brüderzwiste immer rasch wieder zu schlichten; neulich habe ich mich dazu aufgerafft, den kleineren einfach vor die Thür zu setzen, und finde das Mittel eigentlich ganz probat. Aber ich will versuchen, hier auszuhalten; man muß streben, solche arme, schlechterzogene Kinder zu bessern. Meinst Du nicht auch, meine süße Grete? Ich möchte doch nicht schon wieder fort.

Gestern traf ich zufällig auf Mr. Hall, als ich zu Frl. Meyer ging, und er begleitete mich ganz bis an das Haus. Weißt Du Grete, er ist wirklich sehr nett, garnicht wie die Brasilianer, fast wie ein Deutscher; er hat so aufrichtige große blaue Augen und sieht so männlich aus. Er fragte mich, ob ich nicht Sonntags in die englische Kirche ginge; eine deutsche ist hier nämlich nicht. Ich bin zwar bis jetzt noch nicht hingegangen, aber es ist wirklich wahr, ich sollte es thun; es ist recht unrecht, daß ich bis jetzt nicht dagewesen bin. Nächsten Sonntag muß ich bestimmt hingehen. Es küßt Dich tausendmal

Deine Ulla.

P. S. Anliegend schicke ich Dir zwei Verdeutschungen eines brasilianischen Gedichtes von Goçalves Dias (in Europa gedichtet), das wohl so eine Art von Anspruch auf Volkstümlichkeit hat, wenn man in diesem Lande, wo es eigentlich gar kein Volk giebt, und wo ich niemanden finde, der mir den Text der Nationalhymne sagt, von so etwas sprechen kann. Die eine ist von Herrn Schaumann und fast wörtlich übersetzt, die andre, freiere, von unserm verehrten Dranmor; Du wirst da den Dichter sofort erkennen. Ich schicke die wortgetreuere Übersetzung voraus.

Lied des Verbannten. Meine Heimat, die hat Palmen, Und dort singt der sabia, Anders zwitschern hier die Vögel, Anders zwitschern sie da. Unser Himmel hat mehr Sterne Und mehr Leben unsre Wälder Und mehr Liebe unser Leben Und mehr Blumen unsre Felder. Dort des Abends, wenn alleine, Wie viel süßer träumt’ ich da! Ach, mein Heimatland hat Palmen, Und dort singt der sabia. Volles Glück beut meine Heimat, Wie ich hier noch keines sah, Und des Abends, wenn alleine — Wie viel süßer träumt’ ich da! Ja, mein Heimatland hat Palmen, Und dort singt der sabia. Wolle Gott nicht, daß ich stürbe, Ohn’ daß ich es wiedersah, Ferne von dem Glück der Heimat, (Ach, ich finde es nur da!) Ferne von der Heimat Palmen Und dem Lied des sabia.

Und nun die Übertragung des Poeten:

Lied aus der Verbannung. Palmen schmücken meine Heimat, Und so traulich ist es da, Wo von grünen Blätterkronen Uns begrüßt der Sabia. Zeigt mir holden Waldesschatten, Fluren, die den unsern gleich, Sterne, wie sie niederleuchten Auf der Liebe Zauberreich. In den trüben Winternächten O, wie gramvoll denk’ ich da An das Land der Palmenhaine Und des Sängers Sabia. Denn es stralt in Schönheitsfülle, Wie ich sonst sie nirgends sah, Und in allen Traumgebilden Ist es meiner Sehnsucht nah Mit dem Flüstern seiner Palmen, Mit dem Gruß des Sabia. Laß, o Gott, erst dann mich sterben, Wenn mein Land ich wiedersah, Und die Heimat mich beglückte, Wie es hier noch nie geschah, Wie die Palmen es verkünden Und der Ruf des Sabia.

Kopfstück Seite 120
Kopfstück Seite 120

Saõ Paulo, den 21. April 1882.

Heute ist in unserm Hause etwas passiert, worüber sich Herr Costa und seine Frau sehr geärgert haben, was ich aber nicht umhin kann, doch wieder sehr komisch zu finden.

Wir hatten hier nämlich einen Sklaven im Hause, einen kräftigen Burschen von etwa 25 Jahren, der in dieser Zeit, wo niemand neue Sklaven kauft und auch keine mehr heranwachsen, für seinen Herrn sehr wertvoll war. Dieser Gute war nun vorgestern zu irgendwelchen Besorgungen in die Stadt geschickt, erschien aber nicht wieder. Zuerst glaubte man, ihm sei ein Unglück geschehen, und ließ ihn suchen, aber nichts fand sich. Dann nahm man an, er sei entlaufen, und Herr Costa ließ es sofort in die Zeitung setzen. Gestern früh bekommt er plötzlich eine Zuschickung von der hiesigen „Gesellschaft für Abolierung der Sklaverei“, des Inhalts, der Sklave Tiberio habe sich im Büreau der Gesellschaft zum Loskauf gemeldet und 200 Milreis (ca. 400 M.) deponiert, die man ihm nun für denselben als Kaufpreis biete; man werde den Schwarzen bis zur Entscheidung da behalten. Herr Costa schimpfte und tobte wie ein Wilder im Hause herum, nannte sich selbst einen Esel, daß er den Sklaven nicht längst auf die Pflanzung geschickt habe, und stellte schließlich eine Gegenforderung von 2000 Mark. Heute Morgen war nun der Termin, wo ein Arzt und ein andrer Sachverständiger über den Wert dieser menschlichen Ware entscheiden sollte. War aber unser guter Herbergsvater gestern schon wütend gewesen, so kam er heute gradezu wie besessen zurück, fluchte und zeterte, daß die Wände bebten. Was hatte man nämlich gethan? In der Zwischenzeit von vorgestern bis heute war dem Tiberio ein Purgativ über das andre eingegeben worden, bis der früher so kräftige Bursche auf dem Termin natürlich als eine elende knieschlotternde Kreatur erschien, die Arzt und Taxator selbstverständlich nicht höher als 200 Milreis einschätzen konnten. Wie findet Ihr dies? Ehrliche Arbeit ist es ja nicht, aber es ist auch wieder ein gut Teil Humor dabei.

Es wird jetzt überhaupt sehr viel von der Sklaven-Emancipation gesprochen, die Sache scheint plötzlich in Schwung zu kommen. Der Staat wirft jedes Jahr einen Fond zum Loskauf im Budget aus, in den Provinzen bilden sich Emancipationsgesellschaften, und viele Sklaven werden frei durch Privat-Initiative.

Gewiß ist diese Bewegung sehr schön, aber was wird dabei auch für Staub aufgewirbelt! Was für Schmutz kommt dabei zum Vorschein! Die deutsche Zeitung in Rio bringt hin und wieder interessante Streiflichter über diese Sachen. In der Provinz Espirito santo kaufte man aus den staatlichen Fonds vor einiger Zeit zwei Sklaven im Alter von 69 und 70 Jahren ihren Herren für je 1000 Mark ab. Wem zu Nutzen geschah das: den alten, verbrauchten Sklaven, die der Tod sowieso bald erlöst hätte, und die jetzt ihr Brot erbetteln müssen — oder ihren Herren? Bei einem andern Sklavenhalter verheiratete sich eine 72jährige Sklavin mit einem 75jährigen Freien. Da aber die an Freie verheirateten Sklaven oder Sklavinnen beim Loskauf immer zuerst berücksichtigt werden sollen, so empfahl ihr Herr die 72jährige junge Frau dem Emancipationsfonds für 2000 Mark und — bekam sie! In Tatuhy wurde ein Sklave, der sich im letzten Stadium der Schwindsucht befand, aus den Mitteln des staatlichen Emancipationsfonds für die Summe von 1 Conto 500 Milreis (3000 Mark) freigekauft. Aber diese und ähnliche Durchstechereien und Betrügereien sind nichts gegen die Entdeckung, daß längst verstorbene Neger als durch den Emancipationsfonds freigekauft in den Listen figurierten und ihre früheren Herren natürlich die Loskaufssumme für sie einsteckten, worauf man sie nach einiger Zeit dann zum zweiten Male und endgültig sterben ließ!!

Anderseits ist aber auch viel wirklicher Edelmut zu verzeichnen, und täglich kann man in den Zeitungen ganze Spalten angefüllt sehen mit den Namen solcher Besitzer, die ihre Sklaven freiwillig entließen. Man darf dies nicht zu gering anschlagen, und wenn ich jetzt im Geiste Euer „Nun, das ist aber so natürlich!“ höre, so sage ich mir freilich, daß ich in Europa ebenso gedacht haben würde, aber auch zugleich, daß man hier an Ort und Stelle anderer Meinung werden muß! Erstens sind die Sklaven ein, wenn auch nicht humaner, so doch ein ebenso rechtmäßig erworbener Besitz wie jeder andre, anderseits aber heißt „alle seine Sklaven plötzlich entlassen“ für die meisten Pflanzer nichts anderes als: „sich ruinieren“. Denn was Ersatzschaffen für 80–100 oder 200 gehorsame Sklaven heißt, ganz besonders aber in Brasilien, wo es keinen freien Arbeiterstand giebt, und auf entlegenen Pflanzungen heißt, davon kann man sich nur schwer einen Begriff machen, wenn man nicht einmal mit angesehen hat, was freie Arbeit heißt in einem Sklavenlande, und wenn man selbst in einem Lande lebt wie Deutschland, wo das Angebot der Arbeitskraft ihre Verwendbarkeit übersteigt. Ich kann es mir also sehr gut erklären und finde es durchaus gerechtfertigt, wenn auch sonst humane Pflanzer sich weigern, ihr bisheriges Vermögen, die Sklavenarbeit, ohne Kampf und vor allen Dingen ohne Aufschub und Frist herzugeben. Ich glaube nicht, daß irgend ein Europäer anders denken würde, und Du mußt deshalb nicht glauben, mein Gretel, daß sich Deine Ulla hier zur hartherzigen Sklaverei-Schwärmerin ausbildet.

Im Gegenteil, sie ist weichherzig wie immer und hat neulich sogar — ein lyrisches Gedicht gemacht! Das ist doch gewiß tröstlich!

Deine Ulla.

Vor mir stehen ein paar herrliche Rosen, die mir Mr. Hall gestern gegeben hat; ich war ihm neulich zufällig wieder begegnet, und er hatte sie eben zufällig gekauft.

Kopfstück Seite 124
Kopfstück Seite 124

Saõ Paulo, den 5. Mai 1882.

Mein Herzensgretele!

In Deinem letzten Briefe „lächelst Du eine Bemerkung“ über den hochtrabenden Namen meiner kleinen Schülerin: Lavinia! Ja, das ist aber nur der Anfang zu einer ganzen antiken Gallerie, die ich hier unter meiner pädagogischen Zuchtrute habe. Der älteste Junge heißt Cajus Gracchus, mein dritter Zögling Plinius; er sollte zuerst Tiberius heißen, erzählte mir Lavinia, doch wurde dieser Name als speziell „negerhaft“ dann wieder verworfen. Auf ihn folgen ein paar Römerinnen: Clölia und Cornelia, die ich immer noch hoffe, einmal mit reinen Gesichtern zu erblicken, wenn man das überhaupt von echten und rechten, in der Wolle gefärbten Republikanerkindern verlangen darf. Die Namen seiner Kinder machen nämlich einen Teil des politischen Glaubensbekenntnisses von Herrn Costa aus. Bis zur Cornelia kann ich ihm ja auch folgen; — was ihn jedoch veranlaßt haben kann, sein jüngstgebornes Knäblein Vercingetorix zu nennen, das ist mir ein undurchdringliches Rätsel! Sollte er die Gefühle des biedern alten Galliers für seine Lieblingsnation, die Römer, so gröblich mißkennen?! Daß er für die nötigen zwei feindlichen Parteien beim Soldatenspiel hätte sorgen wollen, ist nicht wahrscheinlich: brasilianische Kinder spielen nie Soldat, und außerdem würden da auch schon die Vettern Rat schaffen, die bereits, ebenfalls die landläufigen Joaõ, Luiz oder Carlos verschmähend, einen Themistokles und einen Perikles unter sich aufweisen.

Friedfertiger lassen sich die großen und kleinen Kousinen an. Da rivalisiert keine Sappho oder Aspasia mit unsern Römerinnen, dafür verwirren sie aber einen armen Europäer-Verstand um so ausgiebiger durch eine überwältigende Einigkeit unter ihren Namen: Dona Maria, Dona Maria Salome, Dona Maria Magdalena, Dona Maria da Gloria, Dona Maria da Conceicaõ, Dona Maria da Cruz — und so mit Grazie ad infinitum. Und dann zu sehen, mit welcher Sicherheit die Brasilianer unter all diesen Marien herumunterscheiden, und sogar womöglich noch wissen: Dona Maria Magdalena, Tochter von Dona Maria das Dores etc.! In diesem Bevorzugen der Vornamen liegt aber eine gewisse Unzivilisiertheit, es erinnert so an Adam und Eva, die auch keine Familiennamen hatten. Und es wäre doch so viel leichter, alle jene Marien auseinander zu halten, wenn man ihren Familiennamen hinzufügte, anstatt des Vornamens der Mutter, denn die oben genannten sind nur zwei- und dreiteilige Vornamen. Auch schokiert es mich immer von neuem, so eine alte Dame von dem jüngsten Jüngling etwa mit „Dona Gabriella“ oder einen alten weißhaarigen Großvater mit „Senhor Carlos“ anreden zu hören. Da lobe ich mir doch unsre Titel! Wenn es heißt „Frau Geheimerätin“, „Frau Oberamtmann“, „Frau Superintendent“, da weiß man doch wenigstens, daß nicht von der 17jährigen Tochter die Rede ist, wärend man hier nie weiß, wie hoch oder wie niedrig auf der Staffel der Jahre man so eine „Dona“ einzuschätzen hat. Wolltest Du jedoch eine Dame z. B. „Senhora Maria“ anreden, so würdest Du sie sehr beleidigen, denn „Senhora“ ist in der guten Gesellschaft nur ohne Namensanschluß zulässig und wird mit Namen für die untere Klasse der Freien, freie Mulattinen etc. gebraucht.

Wir deutschen Erzieherinnen und wohl auch andre Ausländerinnen werden in den Geschäften etc. gewöhnlich mit der Anrede „Madamma“ beglückt, ein schon für’s Ohr abscheulich häßliches Wort, das aber noch unleidlicher erscheint, da man sich sagen muß, daß der brasilianische Hochmut es eigens erfunden hat, um die estrangeiras (bitte, sprich das immer mit der gehörigen Verachtung aus) von den Brazileiras zu unterscheiden.

Die Dame des Hauses heißt in jeder Familie für die Bedienung Sinha[5], der Herr Sinho, die älteste Tochter stets Sinhasinha, der älteste Sohn Nhonho; letztere beiden Bezeichnungen werden auch unter den Geschwistern gebräuchlich. Für die übrigen Kinder kommen dann noch hinzu: Nhonhosinho, Nhanha, Senhara, Nunu, häufig auch Bébé und ähnliche Benennungen, eine immer häßlicher als die andere. Man denke sich eine Geschwisterreihe wie folgt: Sinhasinha, Nhonho, Nhanha, Senhara, Nunu, Nhonhosinho, Bébé — für unsre Ohren doch das Erreichbare an Geschmacklosigkeit, in Brasilien aber faktisch in jeder Familie vertreten. Mädchen, die Maricota heißen, werden mit Vorliebe in „Cocotte“ abgekürzt!

Zahlreiche Leute gehen hier unter sogenannten appelidos, Beinamen oder Rufnamen. Diese Sitte wird ja auch wohl in Oberbayern und Tyrol gefunden, doch sind dort die Rufnamen doch immer wirkliche Namen, wärend sie hier oft ein ganz unerklärlicher Blödsinn sind. Auf Saõ Francisco war als Erdarbeiter ein Portugiese beschäftigt, der nie anders als „Johann mit dem Hut“ genannt wurde; selbst Dr. Rameiro sprach so von ihm mit dem gleichmütigsten Gesicht, und ich bin überzeugt, er stand auch so im Lohnbuch. Und als der Doktor einmal nach einer kleinen Nachbarstadt ritt und nach dem Hause eines Senhor Carlos de Oliveira fragte, konnte ihm kein Mensch dasselbe zeigen, wogegen er, sich glücklich dessen dummen Appelidos „Nhonho Padre“ (kleiner Herr und Pater) erinnernd, sofort Auskunft erhielt.

Anderseits erscheint es wieder, als könne dem Brasilianer sein Name nicht prunkend genug sein, und er stellt ihn sich so mannichfaltig zusammen, wie er nur irgend kann. Weißt Du noch, wie wir in der Pension die kleine Brasilianerin oder eigentlich ihren herrlich-prunkenden Namen unterthänigst verehrten? Julieta Olympia Leite da Costa Pinto! Was war dagegen Anna Schulze, oder wie empfand man bei dem Bewußtsein, daß es Leute gäbe, die Meier heißen! Aber, aber — die Illusionen weichen! Stelle Dir vor, daß Leite Milch heißt, Costa die Küste und Pinto das Kücken, und Du wirst Dich, wie ich es gethan, mit Schulze, Müller und vielleicht gar mit Meier aussöhnen. Und grade einen dieser Namen Costa, Pinto, Leite führen hier wohl 50% aller Einwohner in irgend einer Verbindung. Chaves bedeutet Schlüssel, Machado Axt, und nun gar Leitaõ lautet im erbarmungslosen Deutsch: Ferkel! Ja, der Marquis de la Marlinière hat Recht: „die deutsche Sprak ist ein arm Sprak, ein plump Sprak —“! Durch all unsre leidigen Consonanten verlaufen die meisten unsrer Namen auch so armselig und „klanglos“ im Sande! Wie viel besser endet sich’s doch da auf ein a oder o oder gar auf oa!

Ja, wenn es bei uns im guten Deutschland auch so leicht wäre wie hier, sich einen schönen Namen zu verschaffen, ich glaube, da würden die sogenannten „Sammelnamen“ bald aussterben, und wie würde das Geschlecht der Cohne aufatmen! Gefällt hier jemandem sein Name nicht oder giebt er zu Verwechselungen Anlaß, so legt er sich einfach einen andern bei, läßt das in die Zeitung setzen und damit basta. Frl. Meyer ist hier in einer Familie, wo der Hausherr und seine beiden rechten Brüder total verschiedene Namen haben. Sie nehmen da übrigens das Gute, wo sie es finden. Es giebt im Lande Leute, die sich Montmorency, Medina-Coeli etc. nennen, und zahlreich sind die Pedro de Alcantara, wie Du weißt, der Hausname des Kaisers. Seit dem letzten Jahrzehnt haben auch einige deutsche Namen Gnade vor brasilianischen Augen gefunden. Einer Veröffentlichung zufolge wollte sich ein Namens-Unzufriedener fortan noch Habsburgio zubenennen, was mich ja an und für sich ziemlich kalt lassen würde, wenn nur nicht plötzlich ein deutscher Forscher Wind bekommt von der Existenz dieses Namens in Brasilien und uns, in enthusiastischer Entdeckungsfreude, noch eine ausgewanderte Linie der Habsburger mit allerlei verwickelten Daten und Zahlen in die Geschichtstabellen hineinforscht. Na, ich bewahre den Zeitungsausschnitt auf, bis Du das Examen wenigstens glücklich hinter Dir hast.

Neulich habe ich übrigens ob dieses Namens-Unfugs meinen gehörigen kleinen Zorn gehabt, als nämlich ein wenig reputierliches Individuum, das wegen Ruhestörung sistiert wurde, seinen Namen als Joaõ Leaõ Bismarckio angab[6]. Wenn der Kaiser sich alle die Pseudo-Pedro de Alcantara in seinem Lande gefallen lassen will, und der Sklavenbaron es duldet, daß seine freigewordenen Sklaven sich seinen Familiennamen beilegen, so sagen wir: „De gustibus non est disputandum“ — allein, ich denke, wir Deutschen halten unsre großen Namen heiliger, und man müßte sich dergleichen auch im fremden Lande verbitten.

Jetzt bin ich aber so in den Ärger hineingeraten, daß ich mich auf dem Wege des Übergangs nicht wieder herausfinde; Du bist darum wohl nicht böse, liebe Grete, wenn ich einen Sprung mache; es ist ja das ohnehin modern, unsre Schriftsteller machen ja oft wahre salto mortales, wenn die Handlung nicht so recht schreiten will. Ich finde das bequem, also..... denke Dir, daß mich neulich ein junger Brasilianer zum Tanz aufforderte mit den Worten: „Haben Euer Excellenz schon einen Partner?“ Auf der einen Seite neben mir saß sein jüngerer Bruder, an dem andern Stuhl lehnte ein Cello — blieb nur ich für die „Excellenz“ — Der Mensch sah zu einfältig aus, um mich aufziehen zu wollen, also die Excellenz tanzte. Die Sache amüsierte mich aber so, daß ich sie bei erster Gelegenheit lachend an Lavinia’s Mutter erzählte — da kam ich aber schön an! Das erfordre die einfachste Höflichkeit, hieß es (bitte, versuche nicht, Dir eine Vorstellung von der komplizierten danach zu machen, es könnte Dir zu Kopf steigen), und „Vossa Excellencia“ klinge doch entschieden schöner als das simple „A Senhora“ — — Dagegen ließ sich absolut nichts einwenden, und „schluckuhrig“ zog ich mit dieser Belehrung von dannen. Das Titelwesen hier ist das reine Studium und meiner Ansicht nach viel komplizierter als bei uns. Über die Titulatur der Damen habe ich Dir schon gesprochen. Die Herren heißen alle Senhor; der „Don“ kommt im Portugiesischen, wo es Dom geschrieben wird, nur den Prinzen zu. Aber mit „Senhor“ kannst Du freigiebig sein, das ist jeder, der nicht Sklave ist, auch der barfüßige Erdarbeiter, doch haben sie in solchem Falle eine pfiffige Art, das Wort ganz kurz, etwa wie „Sior“ auszusprechen, so daß der Mann den Abstand begreift. Auch im Satz heißt die Anrede meistens Senhor und Senhora: „Würde mir der Senhor dies Buch leihen?“ „Wünscht die Senhora ein Glas Wasser?“

Vossé ist unserm Du gleich, man redet die Sklaven so an und die Kinder, wogegen diese Vater und Mutter Senhor und Senhora und nur selten Papa und Mama titulieren. So ziemlich zwischen vossé und Senhor resp. Senhora steht Vosse mercé, was Du im Ollendorf mit „Euer Gnaden“ übersetzt findest; es bedeutet aber thatsächlich bei weitem nicht so viel, kommt vielmehr unserm einfachen „Sie“ am nächsten und ist im Ganzen sehr wenig gebräuchlich. Etwas unterwürfiger wiederum als das einfache Senhor ist Vossa Senhoria, und da erzählte mir neulich unser sehr verdienter Landsmann Gruber hier, der durch sein Wirken und seine Verbindungen auch einigen politischen Einfluß hat, eine nette kleine Steigerungsgeschichte.

Er hatte mit einem ganz einfachen Brasilianer vom Lande (man nennt die Leute Caïpira) wegen einer Wahl verhandelt und ihn dabei einfach vossé angeredet. Als aber der Mann seinerseits ihn vosse mercé titulierte, hatte Gruber ihm an Höflichkeit nicht nachstehen wollen und folglich dieselbe Anrede aufgenommen. Da sprang aber unser guter Caïpira zu Senhor und dann zu Vossa Senhoria über, wohin ihm Herr Gruber auch noch folgte. Als jener aber dann sofort eine Stufe höher rutschte und sich zu Vossa Excellencia verstieg, sagte unser Landsmann lachend: „Na, mein Bester, nun wollen wir man stoppen, wir können uns doch schließlich nicht einander Vossa Majestade anreden!“

Schicke doch den nächsten Titelhasser, der Dir begegnet, einmal herüber, Grete — hier würde er alle unsre einheimischen Titel segnen lernen, die so oft die Zielscheibe des Spottes fremder Nationen sind. Das Wunderbarste ist die Adels-Aristokratie dieses Landes, es giebt darunter Leute, die als barfüßige Erdarbeiter s. Z. aus Portugal eingewandert sind, aber die Barone, Marquis und Vicondes aus Dom Pedros Adelsfabrik bringen dem Staate ein hübsches Sümmchen ein. Schade nur, daß so ein teuer erstandener Marquis oder der bar bestrittene Vicomte mit dem glücklichen Käufer begraben wird! Dom Pedro traut seinem heißblütigen Völkchen nicht; der Vater ein Baron und der Sohn vielleicht ein Bummler — da wird nichts dergleichen vererbt. Was aber solch eine Aristokratie dem Lande nur soll! Sehr selten und nur aus besonderer Gunst, und wenn der Kaiser den Betreffenden wirklich ehren möchte, wird das „von“ oder der Titel einfach zu dem Namen des Belehnten gesetzt, sonst wird er fast immer mit einem Ortsnamen verbunden. Die meisten dieser Ortsnamen sind der alten einheimischen Guarany-Sprache entnommen, der noch unzählige Orte hier in Brasilien ihre Benennung verdanken. So giebt es z. B. einen Marquis de Itanhaem d. h. „vom steinernen Mörser“; einen Visconde de Suassuna d. h. „vom schwarzen Reh“; einen Visconde de Uruguay d. h. „vom Hahnenschwanzflusse“; einen Visconde de Muritiba d. h. „von dem Orte, wo es Fliegen giebt“; einen Baron de Cambathy d. h. vom „schwarzen Affen“; einen Visconde de Iroumitatá d. h. von „bringe mir Feuer“ etc. Manche Namen sind natürlich auch portugiesisch, und da übt der Kaiser denn manchmal seinen Spott daran aus. Ein Baron „Groß-Mogul“, den er creïrt hat, ist noch lange nicht das Schlimmste, es soll sogar Bewerber genug gegeben haben, die der erfinderische Spott des kaiserlichen Titelfabrikanten abgeschreckt hat.

Und dennoch, liebe Grete — mit den Wölfen muß man heulen: Wenn Du mir wieder schreibst, so bitte adressiere den Brief:

Illustrissima Excellentissima

Senhora Dona Ulla von Eck.

Das ist das mindeste, was dazu gehört, sonst halten sie mich hier für gar zu simpel. Womit ich verbleibe

D. O.

Kopfstück Seite 133
Kopfstück Seite 133

Saõ Paulo, den 29. Mai 1882.

Meine liebe gute Grete!

Meine antiken Zöglinge sind wirklich sehr ungezogen, und ich habe alle möglichen pädagogischen Finessen nötig, um mit ihnen fertig zu werden. Besonders kann ich die beiden Jungen nie allein unten im Schulzimmer arbeiten lassen, wenn Lavinia oben Klavierstunde hat. Es kommt mir immer vor wie die Geschichte mit dem Wolf, der Ziege und den Kohlköpfen, die ein Schiffer einzeln über den Fluß zu setzen hatte und von denen er doch niemals Ziege und Kohl oder Wolf und Ziege unbeaufsichtigt zusammen zurücklassen konnte. Neulich hatte Cajus Gracchus — sein Vater nennt ihn immer pomphaft „Gracho“ — als der Stärkere, wenn auch weniger Begabte von beiden, seinen Bruder einfach zu dem niedrigen Parterre-Fenster hinausgesteckt, und dieser stand nun zeternd davor und warf Sand und Steine hinein — Du kannst Dir den Zustand meines Zimmers nachher vorstellen!

Die Eltern kümmern sich absolut nicht um das, was die Kinder thun, vielleicht gehört das zu Herrn Costas republikanischem „System“. Die drei ältesten sind ganz meiner geistigen Fürsorge anvertraut, und die jüngeren Römer werden von den Negerinnen so gut oder so schlecht versorgt, wie es diesen paßt. Neulich sah ich den kleinen zweijährigen Mucius vollständig nackt im Garten umher laufen, nachdem er eben gebadet war, und die Grachenmutter, sowie die tapfere Schwimmerin Clölia erblicke ich nur selten anders als in den ersten Toilettenstadien. So sehr überhaupt bei „Gelegenheiten“ und auf der Straße die Brasilianerinnen das sind, was der Engländer dressy nennt, so primitiv ist ihre Haustoilette. Auch die vornehmste und reichste Brasilianerin geht im Hause vom Morgen bis zum Abend in einem einfachsten, völlig besatzlosen Kattunrocke und weiter Jacke, sowie mit herabhängenden Zöpfen. In der heißen Zeit ist das ja allerdings ganz angenehm und erquicklich, allein in den kühleren Monaten ist es absolut nichts als Faulheit, denn da ist ein fester Anzug sehr gut zu vertragen, ja wünschenswert. Aber die Wollkleider hängen im Schrank, oder sie haben überhaupt keine: im Hause wird Kattun getragen, auf der Straße trägt man feinere Waschstoffe und vielfach Seide; sie finden die wollnen Kleider auch unreinlich, weil sie nicht alle acht Tage gewaschen werden können! Weißt Du, Grete, diese Brasilianer haben eine wunderbare Art von Reinlichkeit und Ordnung an sich. Sie baden oft, die meisten jeden Tag, und doch sind viele Kinder und Erwachsene nie so recht „zweifelsohne“ um Ohren und Hals herum; sie wechseln sehr oft Wäsche und Kleidung, aber wie oft ist beides zerrissen und unordentlich! Es besteht hier über diesen Punkt zwischen Einheimischen und Fremden eine kleine Gereiztheit. Viele Gewohnheiten der Brasilianer erregen wohl mit Recht den Widerwillen der letzteren, wenn’s auch nicht ganz so schlimm ist, wie Herr Zöllner macht. Dafür rächen sich dann die Brasilianer mit der Anekdote von jenem Deutschen, der, als sein Wirt ihm am zweiten Tage seines hübenschen Aufenthaltes, wie am ersten ein Bad angeboten, ganz empört geantwortet habe: „nein, so ein Ferkel sei er nicht, daß er jeden Tag zu baden brauche“, auf welche Anekdote dann natürlich wieder mit deutschen und englischen, z. T. weit derberen Geschichten gedient wird. Nun, derlei Streitereien sind unfruchtbar und werden vor allen Dingen nichts ändern an eingeborenen und durch das Klima begünstigten Eigenschaften.

Ich persönlich leide unter diesen Landeseigentümlichkeiten besonders nach der Seite der Fußbekleidung hin. Hier im Hause wird außer meinen kein Stiefel gewichst, und Du machst Dir keinen Begriff von den Manipulationen, Listen und Mühen, die nötig waren, um den Haushalt mit einer Wichs-Einrichtung, und eine Negerin mit der Fähigkeit auszustatten, dieselbe angemessen zu benutzen; letzteres ist auch bis heute noch sehr unvollkommen geglückt. Herr Costa läßt seine Stiefel mit Lack einschmieren, was ja sehr bequem ist und den Negern daher weit besser gefällt als das Wichsen, Madame trägt im Hause Pantoffeln, auf der Straße feine Halbstiefelchen oder Bronzeschuhe; ordentliche, feste Chauffüre brauchen die hiesigen Damen nicht, da sie bei schlechtem Wetter einfach nicht ausgehen. Die Kinder laufen mit ungepflegtem Schuhzeug einher, bis es ihnen sozusagen in Fetzen von den Füßen fällt, was z. B. bei Plinio alle 14 Tage der Fall ist. Schuhwerk ausbessern zu lassen, ist den Brasilianern fremd; es wird eben so lange getragen, bis es schlecht wird; dann wird es weggeworfen und durch neues ersetzt. Es giebt hier auch gar keinen ordentlichen Schuhmacher, sondern nur Läden mit fertiger, meist aus Frankreich bezogener Ware, so daß es für uns Ausländer sehr schwierig ist, etwas ausgebessert zu bekommen, es sei denn, daß man die Sache den umherziehenden italienischen Flickern anvertraue, die vor der Hausthür die Stiefel flicken wie die Kesselflicker bei uns die Töpfe.

Ein tüchtiger Handwerkerstand fehlt hier überhaupt noch fast ganz, und vor allem wird man selten einen brasilianischen Handwerker finden; die wenigen, die vorhanden sind, sind meist Deutsche, Portugiesen und Italiener. Dieser Mangel verteuert hier das Leben sehr, insofern als man zwar die fertigen Sachen kaufen kann, aber nicht die Möglichkeit hat, sie sich durch gelegentliches Ausbessern oder Aufarbeiten zu erhalten. Ich meine, für fleißige Handwerker wäre hier ein weit dankbareres Feld als für den einwandernden Landmann, der Klima, Bodenverhältnisse, Absatzwege etc. nicht kennt, der augenblicklich durch die Sklaven-Emancipation die ungünstigsten Verhältnisse vorfindet, und dessen Auskommen schon durch die bereits vorhandene Überproduktion des einen großen Export-Artikels, des Kaffees, erschwert wird. Was der Handwerker arbeitet, hat aber stets seinen Markt, und fleißige, tüchtige Leute bringen es nach dieser Richtung hin hier immer zu etwas.

Nur einmal habe ich in diesen Tagen Gelegenheit gehabt, den Mangel an tüchtigen „erhaltenden“ Kräften zu preisen.

Cajus und Plinius besaßen nämlich jeder ein Velociped, ersterer sogar ein ganz modernes Bicycle, das Herr Costa ihm aus England hatte kommen lassen. Auf diesen unseligen Vehikeln brachten nun die Römerjünglinge außer den Schulstunden ihr Dasein zu und entwickelten eine derartige Anhänglichkeit an dieselben, daß sie sogar „vom hoh’n Velociped herab“ zu Mittag speisten. Da die Eltern gleichmütig dabei saßen, mochte ich nicht wehren, aber meine Mahlzeiten wurden durch Plinio’s bedrohliche dreirädrige Nachbarschaft entschieden in ihrer Gemütlichkeit nicht gehoben; zumal waren die Momente beunruhigend, wenn er von kleinen zerstreulichen Rundfahrten um den Tisch, die er in seinen Essenpausen unternahm, auf seinen Platz zurückkehrte. Nachdem er denn auch richtig einmal derartig in meinen Stuhl gefahren war, daß er mich fast mit dem Gesicht in meinen Teller schickte, bekam er zwar eine Rüge, aber das aufregende Vehikel blieb zu Rechtens bestehen. Jetzt ist aber das abscheuliche Ding glücklich zerbrochen, und wärend ich hier unten in meinem Zimmer schreibe, rollt doch wenigstens nur das große Zweirad über meinem Kopfe herum, auf dem der Grache sich im Eßzimmer Bewegung macht, da es draußen regnet. Es ist eine ordentliche Erlösung!

Ich erzählte es neulich Mr. Hall, und er sagte, sie hätten zwar unter ihren Arbeitern einen, der es würde ausbessern können, doch wolle er ihn zu Gunsten meiner Nerven „unterschlagen“, wenn er danach gefragt würde. Das ist doch nett von ihm, nicht wahr, Gretele? Er heißt George mit Vornamen; er gab mir neulich einen Brief von seiner Schwester an ihn zu lesen, da habe ich es gesehen.

Aber nun schnell zum Schluß, denn da kommt Frl. Harras; sie kommt jeden Montag zu mir, und Donnerstags gehen wir zusammen zu Fräulein Meyer... da ist sie schon. Sie läßt „die Grete“ grüßen, von der ihr schon so viel erzählt hat

Deine Ulla.

Kopfstück Seite 138
Kopfstück Seite 138

Saõ Paulo, den 20. Juni 1882.

Mein Herzensgretele!

Ich schreibe in einer Atmosphäre von Pulverdampf! Wirf nur einen Blick auf das Datum oben, und Du wirst vielleicht von selbst darauf kommen, warum. Es ist nämlich gestern wieder der Tag des Täufers gewesen, (schon ein Jahr, seitdem ich Dir damals von Saõ Francisco aus schrieb!) und hier in der Stadt merkt man erst so recht, was das in Brasilien sagen will!

Schon seit einigen Tagen spukte der Heilige vor; jeden Abend wurde gefeuerwerkelt, und selbst dem hellen Sonnenlichte prasselte man lustig seine Raketen entgegen. An dem pomphaften Knall des Feuerwerks und seinem momentanen Scheinen und Blenden scheint der Brasilianer noch mehr Gefallen zu finden, als an seinem wässrigen Faschingssport, wenigstens schmuggelt er die Sitte, Feuersport zu machen, eigentlich durch das ganze Jahr hindurch, während er die Wasserfreuden doch auf die Karnevalszeit beschränkt. In Rio de Janeiro ist es uns an schönen Abenden öfters begegnet, daß wir aus dem Garten in das Haus flüchten mußten, weil in der Nähe gesportet wurde und es dem brasilianischen Feuerwerkler ganz gleichgültig ist, wohin er seine Rakete richtet, oder wem seine Leuchtkugeln um den Kopf fliegen, wenn’s nur gut aufsprüht und gehörig knattert und knistert. Auf dem Verkaufsstand jeder Negerin in den Städten kannst Du das ganze Jahr hindurch einfacheres Feuerwerk zum Verkauf ausliegen sehen, und jeder Muleque (Mulattenjunge mit der Bedeutung unseres „Straßenjungen“) der ein paar reis sein eigen nennt, kauft neben den beliebten Süßigkeiten und Papier-Cigaretten gewiß sein Feuerwerkstengelchen oder seinen cracker, um an dem Gespritze und Geknattere sein Herz zu erfreuen.

Die letzte und vorletzte Nacht habe ich kein Auge geschlossen: in allen Straßen, auf allen Höfen, in sämtlichen Gärten unsrer Umgebung knisterte, knatterte, puffte, knallte und zischte es in einer solchen Profusion und mit einer solchen Ausdauer, daß ich glaube, jetzt eine ungefähre Vorstellung davon zu haben, wie sich’s anhören muß, wenn man in einem heftigen Kleingewehrfeuer steht. Die ganze Stadt riecht nach Pulver, und mein Schlafzimmer, das wieder so ein Alcoven ohne direkte Lüftung ist, ist derartig solide eingeräuchert, daß ich wohl noch mehrere Nächte nicht in die Gefahr kommen werde, den heiligen Johannes zu vergessen.

Gestern war es geradezu gefährlich, die Straßen zu passieren. Am frühen Morgen begann der Sport, bei dem natürlich die Studenten die schlimmsten waren. Ein ganz besonderes Vergnügen fand man daran, anscheinend harmlos einherzuschreiten und dann plötzlich dem Begegnenden, zumal aber dem leicht erkannten Fremden, ein halbes Dutzend Knallerbsen auf einmal vor die Füße zu prasseln oder ihm eines der bekannten kleinen Handstengelchen von Sternfeuerwerk unter die Nase zu halten. Früher waren die Krone des ganzen Feuersports sogenannte Schlangen gewesen, die brennend auf der Erde umherkreisten, und die man demgemäß ein ebenso kindisches wie frevelhaftes Vergnügen gefunden hatte, weiblichen Personen gegen Füße und Kleider zu jagen. Der Spaß dauerte so lange, bis einmal ein allzu geschickter Musensohn das leichte Kattunkleid einer Mulattin in Feuer setzte, und diese selbst erhebliche Brandwunden davontrug. Da fand man es denn freilich an der Zeit, diesen Brunnen zuzudecken — ein wenig spät, sintemalen das Kind darin lag, doch muß man hier in Brasilien, scheint’s, in derlei Dingen für alles dankbar sein.

Du kannst Dir denken, Gretele, daß die Antiken völlig außer Rand und Band waren; mich wundert nur, daß sie uns nicht das Haus über’m Kopf angezündet haben! Daß der Gracche sich das Haar versengt und Plinius sich einen Finger gehörig angeschmort hat, gehört so sehr zu den Selbstverständlichkeiten, daß ich es kaum zu erwähnen brauchte; selbst Lavinia artete ein wenig aus und hat ein Kleid völlig mit Brandwunden bedeckt.

Der gestrige Abend war der Feuerwerksabend par excellence, und Herr Costa forderte mich noch besonders feierlich auf, nach dem Abendbrot oben zu bleiben, sie wollten „ein wenig Feuerwerk machen“. Natürlich — es war ja auch bis dahin noch zu wenig darin geschehen!

Erstaunlicherweise hatte sich die Polizei zu einer Verordnung aufgerafft, daß an diesem Abend kein Feuerwerk in den Straßen oder zu den Straßenfenstern hinaus abgebrannt werden dürfe, und was noch mehr war, dem Verbote wurde nachgekommen! Ich glaubte daher in meiner europäischen Einfalt, Herr Costa würde in dem Gärtchen, das hinter dem Hause liegt und vom Eßzimmer zu übersehen ist, durch die Neger ein hübsch geordnetes Feuerwerk aufführen lassen: mit bengalischem Licht, kerzengraden Raketen, sanftglänzenden Leuchtkugeln und stralenden Feuerrädern, wie wir uns daheim ein solches Schauspiel ungefähr vorstellen würden. Bestärkt wurde ich in diesem Glauben durch die Anwesenheit von 10–12 Gästen, und so trat ich denn erwartungsvoll an eines der in die Höhe geschobenen Fenster heran. Aber Grete, ich habe Pech mit den brasilianischen Lieblingssports, denn.... ßßßscht! — begrüßte es mich, und entsetzt prallte ich zurück vor den letzten Sprühfunken einer mißleiteten Rakete, mit der ein geschickter Verherrlicher des umknallten und umzischten Heiligen die Richtung nach oben zu Gunsten unsrer Fenster verfehlt hatte. Mehrere Damen und Kinder, die mit mir zugleich herangetreten waren, sprangen lachend und kreischend zurück, ja, die ganze Sache erregte eigentlich geradezu einen entzückten Jubel bei ihnen, so daß ich ganz verblüfft in meine eigne innere Empörung blickte. Ist diese Gutmütigkeit richtig, sind wir etwa daheim gar zu „discipliniert“?!

Nun begann aber unser Vergnügen auch, und zwar bestand es zu meiner größten Enttäuschung darin, daß — wir selbst uns Feuerwerk vormachen sollten; die Brasilianer allerdings amüsiert das weit mehr als ein ruhiges Zusehen, und die Jungen zappelten schon vor Ungeduld.

Herr Costa hatte eine Unmasse von Feuerwerk eigens für diesen Abend aus Rio kommen lassen, das er nun auf das Freigiebigste verteilte. Lange Rohre mit Sprühregen und englische crackers spielten dabei die Hauptrolle; jeder bekam, so viel er wollte. Die vier Fenster des Raumes waren dicht umdrängt, und aus jedem derselben ragten drei bis vier solcher Sprühstöcke hervor, gehalten von braunen beringten Damenhänden oder den ungeduldigen Fingern der kleinen wilden Rangen, die gewöhnlich die noch unausgebrannten Rohre in den Hof hinunterwarfen, nur um schleunigst ein neues oder etwas anderes ergreifen zu können. Nach und nach füllte sich trotz der offenen Fenster das Zimmer mit dem abscheulichsten Pulverdampf, den die Sprühstöcke wahrscheinlich nicht bescheidentlich entwickelten, und den der Abendwind zu uns hereintrieb.

Die Scene hatte für den kaltblütigen Zuschauer etwas unendlich Komisches: diese buntgekleideten, goldbehangenen Schönen mit den qualmenden Stöcken in der Hand, die mit abgewandtem Gesicht und zugekniffenen Augen den — Rauch ihres Feuerwerks genossen, die lärmenden, aufgeregten Jungen, die mit heißen Köpfen wie toll im Zimmer umhersprangen und einen cracker nach dem andern zu den Fenstern hinauswarfen, dem kein Mensch nachsah, so daß nur das Zerplatzen auf dem Steinpflaster des Hofes von seiner Ankunft meldete, dazu der unerschütterliche Ernst, mit dem der Hausherr sein Feuerwerk verteilte, und das Ganze eingehüllt in eine dicke Atmosphäre von Pulverdampf — ich gestand mir, daß ich ein derartiges „Vergnügen“ noch nicht mitgemacht hatte. Nach einer Stunde war für sechzig Francs Stoff verpufft, die ganze obere Etage des Hause für die Nacht und den nächsten Tag verpestet und zwei fremde sowie ein antiker Finger verbrannt, allein — die Hinterthür des Hauses, die Waschleinen auf dem Hof und der windschiefe Gartenzaun, hoffen wir’s, hatten sich amüsiert!

Plinio möchte seine verbrannte linke Hand zum Vorwand machen, um mit der rechten nicht zu schreiben, und war höchlich aufgebracht, als mir das nicht ebenso sehr wie ihm einleuchtete. Ach ja, Grete, schlimm sind die Antiken, aber ich will Geduld haben; Mr. Hall meint auch, ich solle nur auszuhalten versuchen. Aber was Bormann betrifft — Du siehst selbst, Grete, daß er auf brasilianische Kinder mit republikanischer Erziehung nicht vorbereitet gewesen ist! Na, Kopf oben, er ist ja oben gewachsen!

Deine alte Ulla.

Kopfstück Seite 144
Kopfstück Seite 144

Saõ Paulo, den 28. Juni 1882.

Denke Dir, Grete, was für ein Schlag aus heiterm Himmel mich getroffen hat! Ich muß fort aus Saõ Paulo! Das ist des Schicksals Rache für meine Flucht aus dem Collegio! Nun werde ich wieder auf eine Pflanzung wandern müssen und wieder allein sein und zwischen Schlangen und Negern hausen!

Aber höre.

Ich schrieb Dir schon in meinem letzten Briefe, den Du wahrscheinlich mit diesem zusammen erhalten wirst, daß die Römlinge ganz aus Rand und Band gewesen seien in diesen Tagen des Feuersports; wie weit das aber gegangen war, wußten wir selbst nicht. Sie müssen unbedingt „Max und Moritz“ studiert haben, sie haben so viel in’s Brasilianische übertragene Ähnlichkeit mit diesen Klassikern der dummen Streiche! Was, denkst Du wohl, war ihr Hauptstreich am Sanct Johannestage? Sie waren nach der Hauptstraße gelaufen und hatten den Pferden der Trambahn Feuerwerk vor die Füße geworfen und Knallerbsen auf die Schienen gelegt und sich dabei natürlich wie die jungen Teufel amüsiert, bis sie schließlich ein Pferd zum Stürzen gebracht hatten, das denn auch richtig ein Bein gebrochen. Gestern wurden sie nun von dem Direktor der Trambahn bei ihrem Vater verklagt, dieser muß das Pferd bezahlen und hat den Ärger gratis. Dieses vergnügliche Intermezzo hat den Republikaner und Römervater aber doch so in Harnisch gebracht, daß er seine Jungen sofort zu den Mönchen zur Erziehung schicken will; Lavinia, für die allein eine Erzieherin zu halten ihm nicht lohnt, soll in ein Collegio. Arme Lavinia! Aber auch arme Ulla, die nun wieder wandern muß! Es gefiel mir hier sonst so gut in Saõ Paulo! Da kann ich wirklich mit dem Trompeter seufzen:

„All Jahr’ wächst eine andre Pflanz’ Im Garten als vorher — Das Leben wär’ ein Narrentanz, Wenn’s nicht so ernsthaft wär’!“

Ach Grete, ich bin mit einem Male schrecklich mutlos geworden; ich möchte immerfort weinen. Ich habe auch nichts wie Unglück! Mr. Hall, dem ich es heute Abend erzählt — ich ging zu Fräulein Meyer, weißt Du, und er begegnete mir zufällig — meinte auch ganz betroffen: „It’s too bad, yes, this is too bad!“

Fräulein Meyer glaubt eine Stelle für mich zu wissen bei den Cousinen ihrer eignen Zöglinge, aber das ist wieder auf dem Lande, und so muß ich fort aus Saõ Paulo, das ich doch so sehr liebe! Ach Grete, ich sage Dir, ich liebe Saõ Paulo schwärmerisch, ich werde unglücklich sein, wenn ich fort bin, ganz elend! Das Leben ist doch recht schwer, Grete!

Deine sehr betrübte Ulla.

Kopfstück Seite 146
Kopfstück Seite 146

Saõ Paulo, den 1. Juli 1882.

Ja, Gretel — „sie muß auf’s Land“. Aber es ist glücklicherweise nicht weit; nur zwei Stunden mit der Bahn von hier bis zur Station, zu der die Pflanzung gehört. Das tröstet mich schon einigermaßen, da ist man doch nicht ganz aus der Welt. Die Kinder, drei Mädchen, sollen auch sehr gut geartet sein, und die Mutter, Dona Maria Louisa, ist als liebenswürdig bekannt und hat eine große Vorliebe für alles Deutsche; sie selber hat bereits deutsche Erzieherinnen gehabt, und den einzigen Sohn lassen sie auch in Deutschland erziehen. Nur sagte man mir, daß ich es äußerst primitiv auf der Pflanzung finden würde, die noch ganz nach altem Landesstyl eingerichtet sein soll. Halb graut mir vor diesem „Styl“, halb bin ich aber auch neugierig darauf, das echte, brasilianische Landleben kennen zu lernen, von dem viele Hunderte, die Brasilien besuchen, nie einen Begriff bekommen. In dieser Weise sind wir Erzieherinnen im Vorteil gegen die Kaufleute und andere Europäer, von denen die wenigsten je die Küstenplätze verlassen, sondern die meisten nach zehn und zwanzig Jahren nach Europa zurückkehren, ohne das Land oder das Leben der Brasilianer im geringsten zu kennen, während wir, die wir direkt in den Familien leben, auf diese Weise ja alle Chikanen mitmachen müssen.

Nun also, auf denn nach Saõ Sebastiaõ. Variatio delectat! Ich schreibe bald, wie dieser neue Heilige sich anläßt.

Deine getreue Ulla, „fahrende“ Lehrerin.

Kopfstück Seite 148
Kopfstück Seite 148

Saõ Sebastiaõ, den 11. Juli 1882.

Meine liebe Grete!

Das ist wahr, Sanct Franziscus war entschieden der elegantere Heilige, wir sind hier sehr ursprünglich — und dennoch vertrage ich mich besser mit dem heiligen Sebastian! Die Familie hier ist die liebenswürdigste, die ich bisher unter den Einheimischen kennen gelernt, sie sind auch in jeder Weise verständiger, ich möchte sagen europäischer (trotz der Urzustände auf der Pflanzung) und nicht so schwerfällig und faul wie die meisten ihrer Landsleute.

Zu dem „Europäischen“ rechne ich zunächst, daß Herr de Souza mich selbst von der Bahn abholte. Die Brasilianer haben nämlich sonst so wundersame Begriffe von dem, was sich schickt, daß sie es höchst unpassend finden, wenn eine junge Erzieherin den Weg von der Station nach der Pflanzung in der Gesellschaft des Vaters ihrer Zöglinge zurücklegt, dagegen sehr angemessen, wenn dies allein mit dem Negerkutscher oder zu Pferde mit einem freien Arbeiter, einem sogenannten „camarada“, geschieht, wie man es neulich erst von Saõ Paulo aus einer Collegin für einen 7stündigen Weg zugemutet hatte! Herr de Souza war sogar sehr nett und unterhielt sich auch mit mir, während sonst, nach Frl. Meyers drolliger Behauptung, wir Europäerinnen es uns immer als eine Höflichkeit vonseiten der brasilianischen Herren anrechnen müssen, wenn sie uns ignorieren. Leider hat sie damit so ganz Unrecht nicht, und darum bin ich um so froher, daß ich hier unter verständige Menschen geraten bin.

Notes in this chapter

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