Glaubenskämpfe.
Reading edition
I.
Nachdenkend, den Kopf in die Hand gestützt, saß Susanne am Fenster. Sie war ein schönes, 18jähriges Mädchen, aus deren feurigen Augen Begeisterung, doch auch finstere Schwermuth sprachen. Die hohe, schöne Stirn war in tiefe Falten gelegt, ein convulsivisches Zucken umschwebte die Mundwinkel.
„O, wer giebt mir Klarheit, wohin ich mich wenden soll?“ rang es sich endlich aus dem bedrängten Herzen empor. „Ist die Religion, die unseren Vätern vor Jahrtausenden heilig war, noch berechtigt, in unserer Zeit gelten zu wollen? Kann ich denn noch beten, wie jene gebetet? Ist es nicht Entweihung der heiligsten Gefühle —“
Sie wurde unterbrochen; eine alte Frau, die nach Sitte der frommen Jüdinnen einen tiefen Scheitel trug, der das eigene Haupthaar verbarg, trat ein.
„Susi, mein Kind“, begann sie, „Du bringst noch Gram und Schande über Deine alten Eltern! Sprich, warum warst Du heute wieder bei dem deutschen Prediger und doch weißt Du, daß Dein Vater ein guter Jud ist und treu dem großen Gott?“
„Mutter!“ rang es sich qualvoll aus Susi’s Brust, „Mutter, fragt mich nicht. Ihr seid glücklich in dem Glauben Euerer Väter, ich möchte Euch meine Zweifel nicht mittheilen, Ihr könntet mich nicht heilen; lasset mich den Kampf mit meinem religiösen Bewußtsein allein auskämpfen; glaubt mir, ich werde nicht schlechter, wenn ich die Gedanken über Gott und Ewigkeit, die ich nicht bannen kann, klar zu erforschen suche, sie mit dem, was Andere darüber gedacht, vergleiche. — Ich will Euch eine gute Tochter sein, doch —“
„Wie kannst Du mir eine gute Tochter sein, wo Du Gott, dem Allgütigen, ein abtrünniges Kind bist!“ sprach die alte Frau unwillig.
„Das bin ich nicht, Mutter!“ entgegnete Susi flammenden Auges; „ich will Gott und allem Guten und Edlen nur um so näher kommen, indem ich die todten Buchstaben, die unsere Weisen vor Jahrtausenden niedergeschrieben, nach dem Geiste unserer Zeit deute. Sieh, wir opfern keine Schlachtopfer mehr in unseren Tempeln und doch heißt es in unseren Gebetbüchern: ‚Gott, nimm unser Opfer gnädig an!‘ Da muß ich mir klar werden, was wir denn jetzt dem höchsten Wesen zum Opfer bringen; unsere Begierden, unsere Neigungen, falls sie nicht mit den Gesetzen der Moral und Menschlichkeit im Einklang sind, unsere Wünsche, falls sie Anderer Wohl beeinträchtigen —“
„So denke ich nicht und so bete ich nicht!“ unterbrach die alte Frau abwehrend. „Ich bete, was da geschrieben steht und indem ich die Worte leise vor mich hersage, fühle ich, wie der Geist Gottes zu mir herniedersteigt und ich werde froh und neu belebt; so hat meine Mutter gebetet, ja ich sehe noch die Großmutter, Gott habe sie selig, so vor mir stehen; sie alle sind glücklich und hochbetagt gestorben und Du, mein armes Kind, machst Dich elend und krank, daß Du klüger sein willst als Alle, die nun in Frieden bei Gott dem Allmächtigen sind.“
Susi blickte starr vor sich hin; sie wollte die alte Frau, die sie ja ohnehin nicht verstehen konnte, nicht aufregen, doch wer konnte ihr mitgetheilt haben, daß sie heute zur Predigt in der freien Gemeinde gewesen?
Dunkle Zornesröthe überzog ihre Stirn. Ja, er war es, Jakob Stern, der arme reiche Mann, der noch immer in dem Wahne befangen war, er könne ein Mädchen wie Susi mit seinem Gelde erkaufen. Da, als sie um die Ecke bog, sah sie ihn in eleganter Equipage daherrollen; sie fühlte, wie sein Blick ihr folgte, bis sie das Erbauungshaus betreten, indeß ahnte sie nicht, daß er sich zum Denuncianten erniedrigen würde.
„Jakob Stern war bei Dir?“ fragte Susi, indem sie die Mutter forschend anblickte.
„Vor einer Stunde,“ entgegnete diese. „Susi, er hat seinen Antrag erneuert. Bedenke wohl, ehe Du Dich jetzt in Heftigkeit äußerst,“ fügte sie hinzu, da sie der Tochter lebhaften Einspruch voraussah, „was es heißt, eine solche Partie auszuschlagen! Dein Vater hat keine Mitgift für Dich, Du bist an Wohlleben gewöhnt; was wird aus Dir werden, wenn wir alten Leute abgerufen werden?“
„So werde ich arbeiten, um mir eine Selbstständigkeit zu sichern, Mutter! Besser arbeiten und frei sein, als auf goldenen Polstern ruhen und Geist und Seele in Fesseln schlagen!“ entgegnete Susi mit edlem Freimuth; „doch,“ setzte sie sanfter hinzu, „meine guten Eltern sind ja noch rüstig und werden mir noch lange erhalten bleiben.“ —
„Und selbst dann, Susi,“ entgegnete die Mutter, „ist ihr erster Wunsch, Dich versorgt zu sehen. Du bist so gescheidt, wie kannst Du nicht einsehen, daß Du ein Glück ausschlägst, um das Dich alle Deine Freundinnen beneiden!“
„Gute Mutter,“ entgegnete Susi mit schwerem Seufzer, „lass’ es Dir ein für allemal gesagt sein, eine Verbindung mit Jakob Stern ist für mich kein Glück; er ist stumpf, zelotisch fromm, eingebildet, eitel; wie kann ich einen solchen Menschen achten, wie werde ich auch nur eine Stunde im Umgange mit ihm froh sein können?“
„Das findet sich, Susi, er ist gut von Herzen; er wird Dich auf Händen tragen und Du wirst wie Hunderte und Tausende Andere Deine Schwärmereien vergessen und eine brave Frau werden, die ihr Haus beglückt und nach allen Seiten Segen ausstreut.“
„Mutter, meine gute Mutter,“ rief Susi, in Thränen ausbrechend und der alten Frau um den Hals fallend; „o könntest Du mich verstehen! Du willst doch Dein Kind nur glücklich machen, wie kannst Du ihm ein so schweres Opfer zumuthen! Denke zurück, Mutter, an die Tage Deiner eigenen Jugend! Wie es Dein Stolz und Glück, Deines Herzens höchste Seligkeit war, einem frommen — angesehenen Manne Deine Zukunft zu einen, so ist es Deines armen Kindes einzigster Wunsch, nur dem Manne anzugehören, der es versteht — der mit erleuchtetem Blick und warmem Herzen an den Bestrebungen unserer großen Zeit Theil nimmt, für alles Große, Edle und Gute begeistert einsteht, der im Ringen nach den höchsten Zielen, im Erforschen der heiligsten Wahrheiten seinen Lebenszweck erkennt!“
„Arme Susi,“ entgegnete die Mutter thränenden Auges, „wo willst Du den Mann finden!“
„O, ich kenne ihn!“ rief Susi, sich selbst vergessend, „ich habe ihn heute gehört und der Ton seiner Stimme vibrirt noch jetzt in meinem Herzen!“ — Plötzlich hielt sie inne, das Gesicht mit beiden Händen bedeckend, als sie die Erstarrung sah, die sich der Mutter bemächtigt hatte; wehe, sie hatte zu viel gesagt! In einem Augenblick der Erregung war ihr ihres Herzens tiefstes Geheimniß entschlüpft. — Fassungslos stand sie der alten Frau gegenüber.
„Er, er!“ — rief die Mutter endlich in herzerschütterndem Schmerze; sie rang stumm und verzweifelnd die Hände, doch endlich schien sie in ihrem tiefen Weh Worte zu finden: „Und ihn, den Getauften, den Meschumed, den Goi, kannst Du achten? Was ist dem Manne heilig, der die Religion seiner Väter abgeschworen? Um sich dereinst vielleicht Herr Rath nennen zu lassen, hat er seinen Glauben aufgegeben! Ja, noch schlechter, jetzt sucht er mit Scheinreden, als ob man wirklich nicht mehr an den allmächtigen Gott glauben könne, Andere zu gleicher Schlechtthat zu bewegen und wenn es nach ihm geht, soll jeder fromme Jud —“
„Halt ein, Mutter,“ unterbrach Susi entschieden. „Berthold Caspari ist nicht des Titels wegen seinem Glauben untreu geworden, noch sucht er irgend Jemanden durch seine Vorträge demselben zu entfremden! Jeder denkende Mensch, ob Jud oder Christ, hört sie mit gleichem Interesse und fühlt sich gehoben und beseligt, dem feurigen Redner lauschen zu können. Nur das höchst Sittliche ist ihm heilig, nur das Streben nach Veredlung ist ihm Religion, jede gute That ein Gebet, das gleich Opfern zu Gott emporsteigt —“
„Genug,“ rief die alte Frau mit zitternder Stimme, „versündige Dich nicht an Allem, was uns heilig ist! Er ist kein Prophet und kein Gottgesandter — und was er sagt, das fühle ich, obschon ich es nicht verstehe, ist Lug und Trug und wohl angethan, arme, verblendete Menschenkinder wie Du, zu verführen! Ja, er ist schön,“ fuhr die alte Frau, zu sich sprechend, fort, „seine Augen zünden wie Feuer, das blasse Gesicht, der lange, schwarze Bart, die hohe Gestalt, all’ das vermag wohl Eindruck auf ein 18jähriges Mädchen zu machen! Doch, Susi,“ fuhr sie fast flehend fort, „Du solltest doch wissen, was Du Deinen Eltern, die im Glauben ihrer Väter ergraut sind, schuldig bist.“
Susi rang nach Luft, ihr war, als müsse sie ersticken.
Die Mutter, diesen Augenblick der Schwäche benützend, fuhr fort: „Ich seh’, Kind, Du hast selbst schwer an Deinem Unglücke zu tragen; ja, es wird Dir noch schwerer werden, je mehr Du Dich von Gott und seinen Geboten entfernst; deshalb versprich mir heute am Tage vor dem großen Versöhnungsfeste, daß Du ihn nicht wieder sehen willst, daß Du ein gutes Kind und die Freude Deiner alten Eltern bleibst.“
Sie öffnete ihre Arme und schluchzend warf sich die Tochter, als ob sie das Verlangte gelobe, an der Mutter Brust. „Ich will mit Ehren in’s Grab steigen,“ sagte diese, „und Gott, der Allgütige, wird auch Dir helfen, daß Du wieder rein und ohne Fehl im Herzen vor ihn hintreten kannst!“ Frau Cahen trocknete ihre Augen, küßte der Tochter Stirn und verließ bewegt das Gemach!
„O, was habe ich gelobt!“ rief Susi in heller Verzweiflung, als die Mutter die Thür geschlossen. „Sein Wort war der Sonnenstrahl, der mein armes Dasein belebte! Wie werde ich leben können, ohne ihn zu hören! O Mutter, ist das Liebe, daß Du mir durch ein willenlos gethanes Gelöbniß die einzige Freude raubst, die mir in all’ diesen Zweifeln bleibt! Wie konnte die sonst so wahrheitsliebende, gerechte Mutter,“ fuhr sie nach einer Weile schmerzlichen Sinnens fort, „gerade diesen besten, edelsten aller Männer so verurtheilen! O, welche bestrickende Macht übt doch der religiöse Fanatismus!“ Ein schwerer, dem tiefsten Herzen entstammender Seufzer begleitete diese Worte.
Je mehr Susi über sich nachdachte, desto mehr lebte sie sich in die Idee hinein, daß sie, wolle sie den Eltern folgen, ein Martyrium für ihren Glauben auf sich nehme. In diesem Wahne fand sie den Muth, ihren Gram zu bekämpfen und im Laufe des Tages mit Ruhe und innerer Fassung der Mutter in den Vorbereitungen zum morgigen Festtage an die Hand zu gehen. Sie begleitete die Eltern Abends in den Tempel und war tief innerlich bewegt, als der Vater heute auch sie, wie sonst stets die Mutter, in seine Arme schloß, indem er den Wunsch aussprach: „Mögest Du Gutes am großen Tage der Verheißung für Dich ausbitten.“ An der Erregung, mit der der alte Mann diese Worte sprach, ahnte sie, daß er Alles wisse. Er vertraute ihr und betrübte sie durch keinen Vorwurf. Dies erschütterte sie tiefer als alle Strafpredigten. Am Eingange zum Tempel, nachdem er sich von der Mutter verabschiedet, wandte er sich noch einmal zu ihr: „Susi, bete zu Gott und er wird Dir beistehen!“ sprach er, während eine Thräne ihm in’s Auge trat.
Ja, Susi betete; die heiligen Gesänge, der Vortrag des Predigers erschütterten tief das ohnehin zerknirschte Herz. Doch sonderbar! Je mehr sie sich in sich selbst versenkte, desto klarer wurde ihr, daß sie keine Sünderin sei. Sie hatte sich nicht vom göttlichen Worte entfernen, dasselbe vielmehr nur um so tiefer und wahrer erfassen wollen. Ihre Beziehung zu Berthold Caspari, dem Bruder ihrer Jugendfreundin, war keine sträfliche Neigung, sondern eine gleichem Streben und Erkennen zugewandte, begeisterungsvolle Hingabe an das Erforschen jener ewigen Wahrheiten, die zu allen Zeiten denkende Menschen interessirt haben. Gebet auf Gebet wurde hergesagt; sie beobachtete verschleierten Blickes die Gemeinde. Wie Wenige verstanden, was sie da im hebräischen Texte sprachen. Man neigte sich rechts und links, klopfte sich in die Brust, betheuerte gesündigt, gelästert, veruntreut zu haben und erflehte die Verzeihung des Ewigen. Susi schloß die Lippen gerade, als der Vorbeter zu jenem heiligsten aller Gebete ansetzte: „Oschamno, wir haben gesündigt“, betete er vor und die Gemeinde andächtig nach; nein, sie konnte sich keiner Sünde zeihen! „Oder,“ dämmerte es in ihren Gedanken, „war das Sünde, daß sie ihr heiligstes Streben und ihre begeisterungsreichsten Stunden, die sie im Austausch mit jenem denkenden Freunde verlebt, zum Opfer bringen wollte?“ Sie konnte den Gedanken nicht ausdenken; der weihevolle Gesang von jenen Hunderten von Gläubigen, die ihr Herz hier vor Gott ausschütteten, betäubte ihr Sinnen und Denken; sie fühlte sich schwach jener unsichtbaren Macht gegenüber, die sich in den Herzen der Frommen ihre Altäre errichtet und auch sie jetzt mit unsichtbarer Macht zu umgarnen schien.
II.
Dr. Berthold Caspari hatte soeben seine Bureaustunden beendigt. Er war mit einem Proceß beschäftigt, der sein ganzes Denken unausgesetzt beanspruchte. Mit wahrer Sehnsucht erwartete er die Erholungsstunde, in der er im nahen Wäldchen einen Spaziergang zu machen pflegte. Dort traf er zumeist Mutter und Schwester und auch deren Freundin Susi. Susi war heute nicht da und der Schwester Blick verschleiert. „Marie, Du scheinst betrübt,“ sagte Berthold nach herzlicher Begrüßung.
„O, ich bin es auch in tiefster Seele,“ sprach die Schwester, ein anmuthiges, junges Mädchen mit blondem Lockenköpfchen und schwärmerisch blickenden Augen. „Lies, was mir Susi schreibt!“ Damit überreichte sie ihm den Brief, den sie unlängst erhalten. Ueber Berthold’s klare Stirne zogen finstere Wolken; fast schien es, als zittere seine Hand. Da stand: „Herzensfreundin! Deine Susi ist tief unglücklich und möchte gerne zu Dir eilen und sich an Deinem treuen Herzen ausweinen; Ihr seid die einzigen Menschen, die mich verstehen, deren Umgang mich beglückte; nie werde ich die heilig schönen Stunden vergessen, in denen uns Dein Bruder von den hohen Idealen der Menschheit sprach, Stunden, in denen ich mich gehoben und beglückt fühlte, besser zu werden glaubte und die edelsten Vorsätze für die Zukunft faßte. — Du kennst den Geist des Fanatismus, der in unserem Hause herrscht; meine guten Eltern können leider nicht verstehen, daß man über religiöse Dinge denken könne und doch gut und sittlich brav bleiben. Sie fürchten meinen Uebertritt zur ‚freien Gemeinde‘ und sehen mich damit für Zeit und Ewigkeit verloren. Um mich zu retten, protegiren Sie die Bewerbungen jenes Jacob Stern, von dem ich Dir schon neulich sprach. — Meine Mutter hat mir gestern, ich möchte sagen ein Gelöbniß erpreßt — und ich weiß, Du fühlst es mir nach, theure Marie, was es mich kostete — ich muß demnach den Verkehr mit meinen theuersten, besten Freunden aufgeben. Habt Ihr Alle, Deine gute Mutter, Dein Bruder, Du, meine liebe, treue Seele, tausend Dank für das, was Ihr mir gewesen! Das Andenken an Euch wird stets in mir in begeisterter Weise fortleben und mich zu allem Guten und Edlen anregen. Lebt Alle tausendmal wohl! Die Ruhe der Meinigen ist mir heilig; ich erkaufe sie mit schweren Opfern. Susi Cahen.“
Berthold gab den Brief zurück und sprach kein Wort. Stumm ging er eine Weile voran, Mutter und Schwester wechselten einen Blick des Einverständnisses, in dem sich unsägliche Trauer aussprach. Als er sich endlich umwandte, war sein Gesicht erdfahl.
„Ihr promenirt wohl heute allein?“ sprach er, Beiden herzlich die Hand reichend.
„Geh’ nicht fort,“ bat die Mutter; „sprich Dich aus, Berthold; wir verstehen Dich!“
„Das höchste Glück und auch der tiefste Schmerz wollen allein getragen sein!“ entgegnete Berthold. Damit war er im nächsten Seitenwege verschwunden.
„Du hättest ihm den Brief nicht geben sollen!“ sagte die Mutter vorwurfsvoll.
„O, ich konnte es nicht über die Lippen bringen, daß wir sie verlieren müssen!“ entgegnete Marie.
„Berthold sagte mir oft,“ fuhr die Mutter mit tiefem Seufzer fort, „daß er erst dann mit rechter Begeisterung zur Gemeinde sprechen könne, wenn er in ihre leuchtenden Augen geblickt, aus denen ihm das reinste Feuer, das innigste Verständniß entgegenleuchte. Als sie sich neulich verspätet hatte, sah ich, wie sein Blick unstet umherschweifte, wie er gar nicht in den rechten Redefluß kommen konnte, aber plötzlich, als sie eintrat, belebten sich seine Augen und die Worte perlten nur so über seine Lippen!“
Berthold war unterdeß zu Hause angelangt; er sagte dem alten Diener, daß er ungestört sein wolle, und verschloß sich in sein Zimmer.
„Diese holde Blume jenem Einfaltspinsel opfern!“ rief er in höchster Entrüstung. „Nein, ich darf es nicht zugeben, gerade jetzt nicht, da ich weiß, was ich ihr bin; es wäre Feigheit, es wäre ein Mord an einer edlen strebenden Seele, die den Samen des reinsten Menschenthums in sich zur freudigsten Blüthe erstehen läßt. Auf dem Boden der finsteren Orthodoxie würde sie untergehen, in der Sonne der freien Wissenschaft“ — Er brach plötzlich ab und schlug sich mit geballter Hand vor die Stirn. „O, warum bin ich herausgetreten aus dem Bannkreis der angestammten Religion! Hätte ich nicht auch so meiner Ueberzeugung leben können?“ setzte er im Tone schmerzlichster Selbstanklage hinzu. „Jetzt habe ich mir selbst den Weg versperrt! Die Liebe zur Wahrheit zwingt mich, der Liebe des Herzens zu entsagen! Dem Getauften, dem Abtrünnigen wird Bernhard Cahen nie seine Tochter geben.“
Schwer sank ihm das Haupt, das er sonst so stolz empor trug, auf die Brust.
Wie lange er so dagesessen? Die Sonne war niedergegangen, das Morgenroth dämmerte schon, der unglückliche Denker saß noch immer mit halbgeschlossenen Augen an derselben Stelle. Gedanken über Gott, Zeit und Ewigkeit, Menschenglück und Menschenleid, Pflicht und Neigung, Beruf und freie Wahl waren in seinem Innern vorübergegangen, ohne den Sturm beschwichtigen zu können, der in ihm wühlte. Als er sich endlich erhob, sah er stier um sich; es war ihm, als habe er die Eruption eines feuerspeienden Berges erlebt; das Feuer seines Innern schien ausgebrannt; er suchte nach der Lava und den Schlacken, der Asche und den noch glimmenden Erdstücken — selbst diese fehlten, nur ein nagender Schmerz war ihm geblieben, der das Herz zu zersprengen drohte. —
Die Erbauungsstunde der freien Gemeinde wurde am nächsten Sonntage von einem Vertreter abgehalten; Dr. Caspari hatte, so hieß es, in Angelegenheiten seines Amtes eine Reise antreten müssen. — Man vermißte ungern den feurigen, gewandten Redner, der einem inneren Drange, Gutes zu wirken, sich an der Aufklärung des Volkes zu betheiligen, folgend, in allen Bildungsvereinen des Ortes lebhaft mitwirkte. Der freien Gemeinde besonders war durch seine Thätigkeit ein lebhafterer Aufschwung gesichert. Einst hatte er in Stellvertretung des angestellten Redners einen Vortrag gehalten, der so zündete, daß er den von allen Seiten an ihn gerichteten Bitten nachgebend, sich entschloß, allwöchentlich eine wissenschaftlich religiöse Besprechung in der Gemeinde zu halten, zu der bald Juden und Christen ohne Unterschied des Standes mit lebhaftestem Interesse eilten. Berthold hatte somit, ohne es zu wollen, eine öffentliche Stellung errungen; noch gehörte er damals dem Judenthume an, doch da er die Satzungen der alten Religion öffentlich desavouirte, hielt er es für seine Pflicht, um nicht in Conflicte zu gerathen, seinen Austritt aus der jüdischen Gemeinde zu erklären.
Die allgemeine Ansicht ging dahin, Caspari habe, um Carrière zu machen, seinen Glauben aufgegeben, und als ihm bald hernach durch das Ableben seines Vorgesetzten, zu dem er jahrelang in freundschaftlicher Beziehung gestanden, dessen bedeutende Advocatur zufiel, war kaum ein Zweifel darüber, daß nur Eigennutz und Gewinnsucht die Motive gewesen, denen er nachgegeben, als er zum Christenthume übertrat. Justizrath Dorn, so sagte man sich, hätte keinem Juden seine ausgedehnte Praxis übertragen; Caspari, das war nur eine Stimme, habe dieselbe mit dem Austritt aus seiner Religion erkauft.
Die Welt ist so leicht geneigt, nach dem Scheine zu urtheilen; edlere Beweggründe, innere zwingende Nothwendigkeiten gelten vor ihrem Forum wirklich herzlich wenig; sage man nur den Leuten, es habe Jemand aus innerer Ueberzeugung diesen oder jenen Schritt gethan, wie selten wird man Glauben finden! Wie viel eher, wenn es heißt: Gewinnsucht, Brodneid, Ehrgeiz hätten ihn dazu veranlaßt!
Dr. Caspari hatte eine einträgliche Praxis und galt in den betheiligten Kreisen als gute Partie. Der Idealist legte wenig Werth auf seinen Gewinn, nur das Bewußtsein beglückte ihn, nicht wie so viele seiner Collegen eine reiche Frau erheiraten zu müssen, um sich durch deren Geld eine Unabhängigkeit zu sichern. Oft in stillen Träumereien hatte er den Tag als den schönsten seines Lebens gepriesen und herbeigesehnt, an dem er sie, die er nur ihrer selbst willen liebte, deren Geist und Seele sich ihm schon längst, das sah er an ihren leuchtenden Blicken, vermählt hatte, in seine Arme schließen und als seine verständige, geliebte Gefährtin in sein Heim einführen könne.
„Die Ideale sind zerronnen, die einst das trunkene Herz geschwellt,“ hat wohl Mancher mit dem Dichter ausgerufen, und Jeder glaubte nun mit einer allen Anderen vor ihm unbekannten Bitterkeit den Leidensbecher leeren zu müssen.
Dr. Caspari hoffte, eine Entfernung würde in seinem und namentlich auch in Susi’s Interesse geboten sein; es war unvermeidlich, sich nicht tagtäglich zu treffen, und obgleich die Beiden sich nie ausgesprochen, wußten sie doch, was sie einander waren, und daß seit mehr als zwei Jahren ihr Denken und Fühlen in innigster Beziehung stand. Es war eben jenes „Lied ohne Worte“, jenes hohe heilige Lied, das auf Engelsflügeln in die Seelen einzieht, sie magnetisch eint und weihevoll stimmt, daß sie den Geist der ewigen Liebe in sich fühlen und durch ihn geläutert und erhoben werden, das die Beiden ohne Worte vernommen und verstanden.
Im fernen Seebade, im Anblick des unendlichen Meeres, das auch wie sein wildbewegtes Herz auf- und abfluthete, ohne sich beruhigen zu können, hoffte er Vergessen zu finden.
Eine Stunde vor seiner Abreise hatte er noch an Susi geschrieben, doch er schloß den sechs Seiten langen Brief ein, ohne ihn abzusenden. Nachdem er das Schreiben noch einmal überlesen, fühlte er, daß er ihr durch dasselbe den Kampf nur erschwere. Nein, es war besser, sie handelte nach eigenem Ermessen; ihr Glück war ihm zu heilig, als daß er irgendwie in dasselbe hätte eingreifen wollen. „Vielleicht,“ sagte er sich — „findet sie Trost in dem Wahne, eine gute Tochter zu sein und ihre Kindespflichten erfüllt zu haben. Auch ich,“ setzte er gedankenvoll hinzu, „möchte es nicht auf mich nehmen, den Lebensabend der braven alten Leute getrübt zu haben, indem ich mein Glück auf den Trümmern des ihrigen gründe.“
III.
Niemandem konnte die Abreise Berthold’s gelegener sein als dem reichen Banquier Jacob Stern. Es war bei ihm zur fixen Idee geworden, er müsse die schöne Susi sein eigen nennen, gelte es Spionage, List, ja selbst Verleumdung. Mit lebhaftem Interesse horchte er auf, als ihm kurz nach Caspari’s Abreise ein Geschäftsfreund von der Börse erzählte, er habe Frau und Tochter nach Ostende begleitet und sei eigentlich unruhig, die Frauen dort allein gelassen zu haben, da Dr. Caspari, der im selben Hause mit Ihnen wohne, der Tochter zu viel Aufmerksamkeit schenke und es nicht in seinem Sinne liege, sie dort eine Liaison anknüpfen zu lassen. Stern wußte sehr wohl, wohin Banquier Eden zielte; er war zu klug, um sich in dieser Weise zur Eifersucht reizen zu lassen, zudem mißfiel ihm Fräulein Eden und gern hätte er Dr. Caspari das Glück gegönnt, von ihr begünstigt zu werden; doch die Mittheilung ließ sich verwerthen; sie sollte ihm gute Früchte tragen.
Die Commissionsräthin Blum, Stern’s Schwester, hatte für den folgenden Abend ein Soupée veranstaltet und zu demselben auch die Cahen’sche Familie geladen. Obgleich Susi bat und flehte, zu Hause bleiben zu dürfen, bestand doch die Mutter darauf, man müsse der Einladung Folge leisten; der Vater wünsche es, da ihm der geschäftliche Einfluß Blum’s gerade jetzt von großem Nutzen sei. — Susi erschien im einfach weißen Cachemirkleide, doch wandten sich bald Aller Blicke ihr zu, da sie, von Banquier Stern geführt, in den Saal trat. Ihre auffallende Blässe wich einer flammenden Röthe, als er ihr beim Eintritte den Arm reichte; wohl bemerkte er diesen Wechsel, doch hielt er ihn für ein günstiges Zeichen. So sehr sich Susi bemühte, in den Kreis der Damen zu gelangen, wich doch ihr Begleiter nicht von ihrer Seite. Bald hatte er sie in eine Unterhaltung mit Eden verwickelt, ihn geschickt auf Dr. Caspari zu sprechen gebracht. Eden wagte sogar heute noch hinzuzusetzen, daß seine Frau ihm geschrieben, es errege Aufsehen, daß Dr. Caspari so viel in Gesellschaft ihrer Lucie sei, doch hoffe sie, die Tochter werde genug Tact haben, um unangenehme Freier abzuweisen.
Susi glaubte, der Boden unter ihren Füßen beginne zu wanken, doch faßte sie sich; als aber Eden gar hinzusetzte, man habe ihm Dr. Caspari schon vor einigen Wochen, als Lucie noch hier weilte, für seine Tochter angetragen, es sei ihm nur zu viel, die schwere klingende Mitgift von 50.000 Gulden einem unerfahrenen Advocaten zu geben — Caspari sei sicher nachgereist, um dort die Angelegenheit zu betreiben, da schien eine Saite in ihrem Herzen zu springen, die ohnehin scharf genug gespannt war. Sie biß sich auf die Lippen, daß sie bluteten, und ging unter dem Vorwande heftiges Nasenbluten zu haben, in’s Nebenzimmer. Erschöpft sank sie hier auf ein Canapé. Ihr Gefühl war zu stark erregt, als daß der Verstand unbefangen hätte urtheilen können. Sie kannte Lucie Eden, jene eingebildete, oberflächliche Erscheinung; ihretwegen — sollte Berthold eine Reise unternommen haben! Sie konnte es nicht glauben! Und doch! fragte sie sich. Warum war die Reise so geheim gehalten worden? Sie hatte Marie Caspari bis zu jenem Tage stets gesehen; warum hatte ihr diese keine Mittheilung gemacht? Susi’s klares Denken verwirrte sich, ihr Kopf brannte; wohl wiederholte sie sich trotz aller Erregung, daß Lucie keine Frau nach Berthold’s Wahl sein könne; wie hatte er selbst stets das eitle Haschen nach Mode-Effecten, wie es in Lucie verkörpert war, getadelt, doch sie hielt sich wieder so und so viele Beispiele vor, in denen Männer von ähnlicher Bedeutung und geistigem Werthe hoffärtige Puppen zu Frauen genommen, die sie weder verstehen, noch für irgend welches Ideal begeistern konnten.
„Es ist der Lauf der Welt!“ sagte sie endlich mit tiefem Seufzer, aber kopfschüttelnd setzte sie hinzu: „Daß auch er“ —
Die Thüre wurde leise geöffnet. Jacob Stern kam, um sich zu erkundigen, ob das Nasenbluten gestillt sei. Susi bejahte, doch gab sie vor, einen so heftigen Kopfschmerz zu haben, daß sie nach Hause fahren müsse. Er reichte ihr ein Riechflacon, erlaubte sich sogar, ihre Stirn mit dem Inhalt zu befeuchten, doch, wie von der Tarantel gestochen, schnellte Susi hoch, als diese Hand sie berührte. Stern ging die Mutter zu rufen, ließ seine Equipage anspannen und begleitete selbst die Damen heim. Wohl hörte Susi, wie die Mutter ihn beim Aussteigen bat, seinen Besuch bald zu wiederholen — ihr war jetzt Alles gleich — sie fühlte eine Leere in ihrem Herzen, als ob weder Schmerz, noch Freude je da gewohnt hätten.
Nach einer schlaflos durchwachten Nacht stand sie früh auf, um einen Morgenspaziergang zu machen. Unwillkürlich lenkte sie ihre Schritte nach jenem Park, in dem sie so oft an seiner Seite gewandelt. Marie hatte dort allmorgentlich Molken getrunken, der Bruder sie fast stets begleitet, und auch Susi war, so oft es ihre Zeit gestattete, von der Gesellschaft gewesen. Mit stillem Seufzer gedachte sie jener schönen Morgenspaziergänge voll Poesie und Waldesduft! O, wie hatte sie sonst ihre Schritte beeilt, wenn sie der beiden Geschwister ansichtig wurde! Heute schlich sie gebeugt und matt dahin. Doch Halt! Kam dort nicht Marie des Weges herauf? Ja, sie war es! Ich muß sie sprechen! rief es in ihr. Sie wird mir die Wahrheit sagen! — Bald lagen die Freundinnen in stummer Umarmung Brust an Brust. „Wie konntest Du Deiner Mutter solch ein Versprechen geben?“ fragte endlich Marie. „Du weißt, was wir Alle dadurch verlieren.“
„Ihr Alle?“ fragte Susi ungläubig. „Doch sage mir,“ setzte sie eifrig hinzu, „zu welchem Zwecke ist Dein Bruder in Ostende? Man spricht hier —“
„O, laß Dich das Gerede der Leute nichts kümmern, Susi —“ unterbrach die Freundin ahnungslos; „Du weißt, die Menschen wollen immer Alles deuten und mischen sich oft mit wahrer Unverschämtheit in die geheimsten Angelegenheiten.“
Susi blieb stumm; „Also doch! Aber warum sprachet Ihr nie von dieser Reise?“ fragte sie, sich fassend.
„Der Entschluß muß Berthold sehr plötzlich gekommen sein; ich glaubte zu wissen, was den Entschluß in ihm hervorrief — doch, gute Susi —“ fügte sie theilnehmend hinzu — „laß mich Dir das Herz nicht schwer machen! Ich verstehe und billige Deine Handlungsweise und erkläre mir dadurch die seinige. Glaube mir — es ist besser so, er mußte fort!“
So klar und unzweideutig Marie sprach, so legte doch Susi jedem ihrer Worte eine andere Beziehung unter. „Es ist gut, daß unsere Wegen sich trennen!“ sagte sie schmerzhaft.
„Aber, daß ich dadurch die treueste, beste Freundin verliere!“ entgegnete Marie klagend.
„Meine Stelle ist in Deinem Herzen zu ersetzen, doch“ — sie vollendete nicht. „Leb wohl, Marie,“ fügte sie schnell hinzu und ging eiligen Schrittes davon.
„Sie schluchzte!“ sagte Marie; „soll ich ihr nacheilen?“ Doch schon war Susi in einen Seitenweg eingebogen, Marie sah noch, wie sie schnell einen Fiaker bestieg und davon fuhr.
„Also doch!“ rief Susi in wildestem Schmerze. „Aus ihrem Munde mußte mir die Bestätigung des Unglaublichen werden. Er mußte fort! Es ist besser so!“ Das waren ihre Worte. — „Was kann da gut, was besser sein?“ sprach sie in sich gekehrt. „Berthold Caspari kann nie ein Verständniß für Luciens Lebensansichten gewinnen, sie nie seine reich angelegte Natur, seine edle Denkweise verstehen.“ Kopfschüttelnd setzte sie hinzu: „Wie konnte er sich vom edlen Mammon blenden lassen! Er ist so bedürfnißlos für sich, verachtet alles äußere Gepränge, selbst der Comfort des Lebens ist ihm nur Last! —“
Der Wagen hielt vor der großen Eiche, einem einsamen entfernten Orte. Lucie stieg aus; sie athmete erleichtert auf. Hier war sie allein. Sie ließ sich auf eine Bank nieder und starrte dumpf vor sich hin. „Ach, wenn ich nur weinen könnte!“ rief sie endlich verzweiflungsvoll. „Welche Wohlthat liegt noch in dem herben Schmerze, am Grabe des Geliebten niederknieen, es mit Blumen schmücken, sich seinem unsterblichen Herzen vereint fühlen zu können! Aber allein, unverstanden, verschmäht zurückbleiben zu müssen, wo man so begeistert liebte, sich im Höchsten und Edelsten Eines glaubte! Ihn, in den Armen einer —“
Sie vollendete nicht. Mit wildem Aufschrei sank sie zusammen und jetzt endlich löste sich der wilde Schmerz in erleichternde Thränen. Sie dachte nichts, sie fühlte nichts — sie wußte nur, daß sie unbeschreiblich elend war. Als sie endlich aufstand, war es ihr, als habe sie eine schwere Krankheit überstanden.
Drüben leuchtete die Sonne so golden; in ihrem Herzen war es tief schwarze Nacht. Ein leiser Wind bewegte die hohe Eiche; sie stand fest, noch fiel keines ihrer Blätter zu Boden, während die umherstehenden Linden und Erlen massenhaft gelbes Laub zur Erde sandten.
„So fest wie die Eiche!“ rief es in ihr, „keine Schwäche! Wie oft hat er Dir von Standhaftigkeit im Leiden, von —,“ sie hielt inne.
„Er und wieder er!“ rief sie, sich selbst anklagend. „Bin ich denn ein so elend schwaches Weib, daß ich gar keine Herrschaft über mich habe?“ setzte sie in heftiger Selbstanklage hinzu.
Plötzlich stand sie auf. Sie schien größer, kräftiger geworden, obgleich ihrem Gesichte jede Farbe fehlte. „Ich will und muß ihn vergessen,“ sagte sie energisch. Festen Schrittes ging sie heim. Wer hätte ihrem noch eben so geknickten Gemüthe diese plötzlich durchbrechende Energie zugetraut! — Ich will! Dieses mächtige Zauberwort gab ihr Kraft, sich, ihr Glück und ihre Zukunftsträume zu vergessen.
Sie hatte einen einstündigen Marsch gemacht, als sie wieder am Elternhause anlangte. Die Susi, die jetzt das stattliche mit einem Garten umgebene Haus betrat, war nicht mehr das stolze, für alles Edle und Hohe mit Begeisterung erfüllte Mädchen, in dessen Herzen eine ideale Leidenschaft geglüht; die Flamme war jäh erloschen; die demuthsvolle Tochter kehrte zurück, die sich bemühen wollte, all ihr Glück in der Erfüllung ihrer Kindespflichten zu finden.
IV.
Der Getreidehändler Cahen gehörte zu den geachtetsten Leuten der Stadt; er hatte einst ein bedeutendes Vermögen besessen, das er theilweise durch ungünstige Speculationen in den letzten Kriegsjahren, theilweise beim Krach verloren. Er hatte sein Geschäft bedeutend verkleinert und lebte hauptsächlich noch von den Revenuen eines Gutes, das ihm seit zwanzig Jahren gehörte. Jetzt waren ihm Hypotheken in der Höhe von 20.000 Gulden gekündigt; der alte Mann plagte sich mit schweren Sorgen; konnte er das Geld nicht aufbringen, so wurde das Gut subhastirt — seine Hypothek war die vierte, sie mußte, da der Preis des Bodens gesunken war, ausfallen — er war ein ruinirter Mann.
Susi sah des Vaters sorgenbeschattete Stirn und seufzte: „O, Vater, wenn ich nur Rath wüßte!“ sagte sie; „ich gäb’ mein Herzblut hin, um Euch helfen zu können!“
„Du kannst es, Susi!“ entgegnete der alte Mann, dessen matter Blick sich erhellte. „Ein gutes Wort von Dir und ich bin gerettet.“
„Ich verstehe!“ sagte Susi, hoch erröthend. „Ich hörte neulich die Unterredung, die Stern mit der Mutter gehabt! Glaubt mir, ich mache ihn und mich unglücklich!“
„Und was wirst Du haben, wenn wir in Noth und Elend sind und ich auf meine alten Tage von der Unterstützung der Menschen leben muß?“ fragte Cahen mit bitterem Vorwurfe.
„O, Vater, so weit wird es nicht kommen! Ist Stern ein edler Mann, so wird er Euch den Vorschuß bedingungslos geben! Ihr dürft Eure Tochter nicht verkaufen, und ich — ich kann nicht all mein Lebtag an einer einzigen großen Lüge —“
„Was Lüge?“ unterbrach sie der alte Mann unwillig. „Stern weiß, daß Du nicht für ihn schwärmst; die Mutter hat offen mit ihm gesprochen; er ist trotzdem bei seinem Antrag geblieben; wirst Du seine Frau, so erwartet er von Dir keine zärtliche Liebe — doch Susi — dessen sei gewiß, sie kommt von selbst — wenn Du das glückliche Bewußtsein hast: dieser edle Mann hat mich als armes Mädchen zu einer Frau von Rang und Stand gemacht, er hat meinen Eltern, die ohne ihn ruinirt wären, wieder zum Wohlstand verholfen, daß sie ihre alten Tage nicht zu vertrauern brauchen; Susi, ich kenne Dein gutes Herz! Du wirst ihm dankbar sein und wirst ihn lieben und zu ihm als unsern Erretter aus Schand und Elend aufblicken! Glaub’ mir, mein Kind. Wenn er auch keine schönen Redensarten wie Andere im Munde führt und auch nicht die Art hat, jungen Mädchen den Kopf zu verdrehen — er hat ein gut jüdisch Herz und wird seine Frau hoch und in Ehren halten, wie seinen theuersten Schatz.“
„Vater, wenn Du mir als religiöser Mann sagst, daß es denn kein Verbrechen ist, ohne Liebe in die Ehe zu treten, — dann — o lass’ mir zwei Tage Bedenkzeit — ich will als gehorsame Tochter thun, was ich — vermag.“
Der alte Mann küßte seine Tochter auf die Stirn. „Möge Gott, der Allgütige, Dein Herz zum Guten lenken, mein Kind!“ sagte er der sich abwendenden Tochter.
„Zwei Tage sollen die Entscheidung meines Lebens geben!“ seufzte diese, in ihrem Zimmer angelangt. „O Gott!“
Erschöpft von innerer Aufregung, warf sie sich auf’s Sopha. Sie suchte nach einem Gegenstande, ihre Gedanken abzulenken, zu beruhigen. Der eben eintretende Diener legte die Morgenzeitung auf den Tisch. Mechanisch griff sie darnach. Sie überflog mehrere Seiten. „Ostende!“ rief sie endlich erregt. Sie sprang auf und zitterte heftig. Erschöpft sank sie in den nebenstehenden Sessel.
„Ja, nun glaub’ ich Alles!“ rief sie in wildem Schmerzensschrei. Ohnmächtig, einer Leiche gleich, lag sie da.
Die Mutter war herbeigeeilt, man brachte Riechfläschchen, versuchte Einreibungen, endlich schlug Susi die Augen auf. Starr blickte sie um sich, als suche sie Jemand.
„Es ist überwunden!“ sagte sie endlich. „Vater, es bedarf der zwei Tage nicht! Ich habe mich entschlossen!“
„Einen solchen Entschluß kann ich nicht —“
„O, Vater, keine Bedenken!“ sagte Susi, deren Kräfte jetzt zurückkehrten; „es ist in diesem Augenblicke mein freier, selbstgefaßter Entschluß.“
Wieder fiel ihr Auge, während sie sprach, auf das Zeitungsblatt; der Vater folgte diesem Blick; eine Ahnung dämmerte in ihm auf. Schnell überflog er es: Ostende. Er las halblaut. In unserer Badegesellschaft machte die Heldenthat eines jungen Rechtsanwalts aus S. viel von sich reden. Mit eigener Lebensgefahr hat er gestern eine wegen ihrer Schönheit und Eleganz viel Aufsehen erregende junge Dame, Frl. E., zu der er schon längere Zeit in intimster Beziehung stehen soll, dem sichern Tode entrissen. Frl. E. wagte sich zu weit vor, wurde von einer Welle gehoben und weiter geschleudert und wäre unrettbar verloren gewesen, wenn nicht Dr. C., der am Strande promenirte (wahrscheinlich den Bewegungen der Angebeteten folgend), augenblicklich in die Fluthen gesprungen wäre. Schon glaubte man Beide verloren, da — o Wundermacht der Liebe — taucht der kühne Schwimmer, die Geliebte fest im Arm haltend, empor. Er gewinnt die nächste Cabine, wird als Lebensretter von der staunenden Zuschauermenge enthusiastisch begrüßt, von der Mutter des jungen Mädchens herzlich umarmt und geküßt; auch Frl. E. schlägt bald die Augen auf, sie reicht ihm beide Hände — eine Scene stummen Glückes, die jeder Beschreibung spottet.
Cahen legte das Blatt nieder; eine ziemlich lange Pause. Er verstand den Entschluß der Tochter und wußte jetzt, daß er ein freiwilliger war, den er um so unbedingter annehmen durfte.
Wohl hätte sich Susi als verständiges, vorurtheilsloses Mädchen sagen können, wie pikante Sensationsnachrichten fabricirt werden, doch — sie war zu erregt, um klar urtheilen zu können; sie glaubte, was sie las und Niemand in ihrer Umgebung war offen genug, sie darauf aufmerksam machen zu wollen, daß, wenn schon die Lebensrettung eines verunglückten Mädchens ganz dem selbstlosen Opfermuth Berthold’s entsprach, jene Ausschmückung nur ein erdachtes Beiwerk sei, damit — sich die Notiz gut lese! Armes, geknicktes Mädchenherz! Noch blutet die offene Wunde — Du darfst nicht einmal dem lindernden Balsam, den die Zeit sonst zu bieten pflegt, vertrauen — schon reichst Du die Hand dem drängenden, reichen Freier, die Hand ohne das Herz! Wohl hast Du es ihm gesagt, doch ahntest Du nicht, was es heißt, einem ungeliebten Manne angehören! — Er hat ein Recht auf Deine Treue, Dein Vertrauen. Kannst Du Dich hingeben, treu und vertrauungsvoll demjenigen, für den keine Ader in Deinem Herzen schlägt? Kann der Verstand Dein Gemüth so leiten, daß es ihm willenlos folgt? —
Eine Ehe mit echtem Einklang der Herzen gleicht dem Sphärengesang, der sich über Wolken und aller Erden Himmel emporschwingt zu Gott, in den der Engel Chöre begeistert einstimmen — eine Ehe ohne Uebereinstimmung der Seelen bleibt ein einziger Mißton, der bald schriller, bald tiefer vibrirend, keine Harmonie entstehen läßt und sich endlich in unheimlichen Dissonanzen auflösen muß. —
Jacob Stern erhielt am folgenden Morgen ein Billet, in dem ihm Cahen andeutete, daß er seinen Besuch Mittag erwarte, und es ihm zur hohen Freude gereiche, ihm die Zusage Susi’s versprechen zu können.
Punkt 12 Uhr fuhr Stern in seiner Equipage vor. Er sah überglücklich aus, umarmte den alten Mann, der ihm auf dem Corridor entgegen kam, und zeigte ihm eiligst einen Brillantenring, den er soeben für Susi gekauft.
„Ist unter Brüdern 2000 Gulden werth!“ sagte er mit stolzem Selbstbewußtsein.
Frau Cahen empfing ihn herzlichst, Susi jedoch ließ auf sich warten.
„Haben Sie im gestrigen Blatte gelesen, daß Lucie Eden verunglückt ist?“ fragte er, eine peinliche Pause unterbrechend. Ohne die Antwort abzuwarten, fügte er hinzu: „Ich wußte es schon Tags zuvor; mein Freund, der Journalist S., der augenblicklich in Ostende weilt, telegraphirte es mir.“
„Er hat vermuthlich auch jene Nachricht der hiesigen Zeitung gesandt?“ fragte Cahen mit mißtrauischem Blick.
Doch eben trat Susi, bleich und fast zitternd, herein und schnitt damit jede Antwort ab.
Stern ging ihr entgegen; sie legte ihre Hand in die seinige; eine peinliche Pause, in der Niemand das rechte Wort fand. Stern sprach von Theater, Concerten, vom letzten Wettrennen — Susi antwortete zerstreut. Die Eltern gingen hinaus und nun endlich faßte sich Stern ein Herz, seinen Antrag zu machen. Die Mutter horchte lange an der Thür; sie vernahm nichts Zusammenhängendes; wohl hörte sie, wie Susi eindringlich sprach, sie hörte auch Stern’s Entgegnungen, man dürfe das Leben nicht zu ernst nehmen, man müsse sich glücklich im Besitze schätzen und dergleichen. Da endlich öffnete sich die Thür und Susi, bleicher als zuvor, kam ihnen auf Stern’s Arm gestützt entgegen. — Der herrliche Brillant funkelte schon an ihrem Finger, doch auch eine Thräne, glänzender als dieser, in ihrem Auge. Schnell trocknete sie sie ab, als der Vater segnend seine Hände über sie ausbreitete: „Gebe Euch Gott seinen Segen!“ sagte er in hebräischer Sprache. Die Mutter drückte die Tochter an ihr Herz und flüsterte unter Thränen: Tausend Dank, meine gute Tochter. Da erhellten sich Susi’s verschleierte Blicke; sie wußte, wem sie das Opfer gebracht; jetzt schien es ihr weniger groß; mit aufrichtiger Herzlichkeit wandte sie sich an ihren Verlobten: „Ja, ich will mich bemühen, Dir zu vergelten, was Du den Eltern gethan.“
V.
Dr. Caspari war der gefeierte Held der Badegesellschaft in Ostende. Er war hierher gekommen, um Ruhe und Vergessenheit zu finden, und blieb nach jenem Rettungsact nicht einen Augenblick Herr seiner selbst. Man beglückwünschte ihn wegen der edlen That, wegen der reichen Braut, denn Niemand zweifelte daran, daß die Beiden längst in intimster Beziehung gestanden, obschon man leicht hätte ergründen können, daß ein nichtsnutziger Reporter die Parole ausgegeben. Berthold dachte zuerst daran, das Gerücht zu widerrufen, doch war er zu sehr mit sich beschäftigt, um einer oberflächlichen Plauderei im Kreise der Badegäste Werth beizulegen, auch war er weit entfernt, zu ahnen, daß jenes Gerede sich bis nach seiner Vaterstadt verpflanzen werde. Er wollte ohnehin in der nächsten Woche abreisen, da er die erhoffte Ruhe nicht finden konnte. Schon waren seine Sachen am bestimmtem Tage gepackt, er hatte nur noch einen Weg zur Post, um einen Brief von der Mutter in Empfang zu nehmen, und wollte dann die Rückfahrt antreten.
Wie gebannt stand er, als er das Schreiben überflogen.
„Mein theurer Sohn!
Du klagst, daß es Dir nicht gelingen will, daran zu glauben, daß Du Susi aufgeben müssest. Es schmerzt mich tief, wenn ich Dich von einer Seelenkrankheit reden höre — vielleicht kann ich Dir die beste Medicin gegen dieselbe geben. Die, die Du nicht vergessen zu können glaubst, hat Dich bereits vergessen und ist die Braut des Banquiers Jacob Stern. Gestern wurde die Verlobung proclamirt. Ich weiß, theurer Sohn, die Nachricht thut Deinem edlen Herzen bitter wehe und Deiner Mutter ist es eine harte Aufgabe, sie Dir zu senden, doch ich weiß auch, sie wird Dir zur Genesung verhelfen. — Ich frage mich selbst oft: ‚Wie konnten wir uns Alle so in Susi täuschen?‘ Doch, ich will Dir das ohnehin gepreßte Herz nicht noch mehr beschweren u. s. w. —“
Berthold stand wie vernichtet. Da unten wogte und brauste das Meer; es war todtenstill gegen die Sturmfluth in seinem Inneren.
„Arme, arme Susi!“ rief er endlich voll unendlichen Schmerzes; „Du warst eine der edelsten Blumen Deines Geschlechtes, zu allem Hohen befähigt, Du sollst an der Seite dieses Menschen verdorren!“
„Ha!“ rief er endlich, sich mit geballten Fäusten die Stirn schlagend, „warum war ich Feigling genug, ohne Erklärung von ihr zu gehen! Ja, ich fühle es, ich habe diese Seele auf meinem Gewissen! Ich hätte sie retten können, sie und — mich!“ Erschöpft setzte er sich auf einer Düne nieder und begrub den Kopf in beiden Händen. Unten promenirte die lustige Badegesellschaft.
„Dr. Caspari dort?“ fragte eine Dame, mit dem Finger nach ihm weisend.
„Er scheint ja ganz in Schmerz zerflossen!“ entgegnete Dr. Berg, der Badearzt.
„Es sieht auch traurig um Frl. E. aus. Ich glaube kaum, daß sie den heutigen Tag überlebt!“
„Der arme, junge Mann!“ entgegnete eine andere Dame, „trotz seiner Selbstaufopferung soll er nun doch auf die Geliebte verzichten müssen!“
„Ich bewundere nur, daß man sie so selten zusammen sah!“ erwiderte Dr. Berg.
„Die Sache sollte noch geheim bleiben!“ sagte die Alles wissende Frau Z., die Chronik des Bades, mit Wichtigkeit. „Ich weiß es von Frau Eden selbst, daß Dr. Caspari mehrmals um Lucie angehalten und ihr nun, da er keine entscheidende Antwort vom Papa erhalten, hierher nachgereist sei.“
So erging man sich in allerhand halb projectirten, halb für gewiß ausgegebenen Reden, während der einsame Mann da oben bald in wildem Schmerze zu vergehen schien, bald an seiner eigenen Zurechnungsfähigkeit zweifelte.
An die Abreise mochte er heute nicht denken. Die Rückkehr in die sonst so geliebte Vaterstadt war ihm verhaßt. — Er mußte ihr und auch ihm, dem sie nun für’s ganze Leben angehören sollte, täglich begegnen, da man sich in den gleichen Gesellschaftskreisen bewegte. Ja, er mußte ihr wohl noch gar gratuliren, sobald er sie sah; — war er doch wohl unter allen Menschen Derjenige, der ihr das denkbar höchste Glück wünschte.
„Nein,“ rief er, aus seinen Träumereien erwachend; „nur keine Heuchelei aus Etiquette. Ich muß sie meiden mein Lebtag, sie und Alle,“ setzte er mit schwerem Seufzer hinzu.
Nach einigen Tagen fühlte sich Dr. Caspari so weit gekräftigt, daß er die Rückreise antreten konnte. Als ein müder, gebrochener Mann kehrte er in die Heimat zurück.
Er wurde von Bekannten mit Fragen nach Lucie Eden bestürmt; jetzt erst fiel ihm ein, daß er, ohne Abschied von der Familie zu nehmen, abgereist sei. Er sagte dies offen, man brachte es mit der Trauer, die sein ganzes Wesen erfüllte, mit jener Zeitungsnachricht in Verbindung, und bald stand die Thatsache fest, Dr. Caspari sei trotz seiner heldenmüthigen Aufopferung abgewiesen worden. Man sah ihn wenig im Kreise seiner Bekannten, und wo er sich zeigte, war er schweigsam und in sich gekehrt. Bald legte man dieser auffallenden Veränderung des sonst als überaus liebenswürdig und geistreich gerühmten Mannes eine andere Version bei. Lucie Eden war nach acht Tagen in Folge einer eingetretenen Gehirnentzündung gestorben. Man drückte ihm mitleidig und theilnehmend die Hand und schien seinen Schmerz zu ehren.
Berthold war in demselben zu sehr befangen, um den stillen Beweisen von Theilnahme, die ihm wurden, die rechte Deutung zu geben. Er erfüllte seine Berufsgeschäfte mit peinlicher Gewissenhaftigkeit und war im Uebrigen für die Welt abgestorben.
So hatte er auch Susi nicht wiedergesehen; die Hochzeit sollte schon in einigen Wochen stattfinden; das junge Paar wollte den Winter in Italien zubringen. Das klang Alles ungemein beneidenswerth, doch wer zählt die Thränen, die die arme, reiche Braut in einsamen Stunden weinte! Noch mehr als des eigenen Unglücks, dem sie wissentlich entgegen ging, schmerzte es sie, zu hören, wie Dr. Caspari seit Lucie Eden’s Tode ein gebrochener Mann sei.
„Also, hat er sie wirklich geliebt?“ fragte sie sich kopfschüttelnd. — Als sie sich noch sagen durfte, daß Dr. Caspari sie, das arme Mädchen, aufgegeben, um eine Geldheirat zu machen, fand sie in dieser Gewißheit einen, wenngleich traurigen Trost.
Berthold’s Trauer, die von ihr wie von Allen mißdeutet wurde, schien ihr auch diese so liebe Gewißheit zu nehmen; Susi kam sich unsäglich elend und unglücklich vor. Die überreichen Geschenke, die glänzende Ausstattung ihrer neuen Wohnung vermochten ihr keine andere Sinnesrichtung zu geben. Schon seit Wochen arbeiteten Handwerker und Künstler in der neuen Villa, die Stern dem verschuldeten Grafen Hotz abgekauft; die Möbel waren aus Paris bestellt — nichts sollte gespart werden, um das neue Heim so elegant als möglich zu gestalten. Wohl sagte sich Susi, daß es Alles zu werden versprach, nur kein Heim für Diejenige, die sich nach Ruhe und Einfachheit sehnte.
Zwar begegnete sie ihrem Verlobten herzlich und vertrauungsvoll, doch dem Auge und Gefühl Derjenigen, die Susi’s angeborene Leutseligkeit kannten, blieb das Gezwungene ihres Benehmens nicht verborgen. Sie sah blaß und leidend aus; die Mutter meinte, der stete Gesellschaftstroubel strenge sie an, eine Einladung jage die andere; der Bräutigam mochte, obgleich Susi häufig bat, keine refüsiren; er war so stolz, seine Braut überall bewundert und gefeiert zu sehen!
Der Hochzeitstag nahte heran. Auf Susi’s ausdrücklichen Wunsch war jede Festlichkeit vermieden. Nach der Trauung waren die Familie und die nächsten Freunde zu einem Mahle versammelt, nach welchem die Neuvermählten ihre Hochzeitsreise antraten. Susi’s Eltern fürchteten die Abschiedsstunde, die junge Frau blieb auffallend ruhig; nicht eine Thräne netzte ihr Auge. Wußte sie, daß sie den Eltern ein größeres Opfer brachte, als diese ein Recht hatten, von ihr zu fordern? War dadurch Dankbarkeit und kindliche Liebe, die sie sonst ihren Eltern in so reichem Maße zollte, gelöscht?
Der junge Ehemann schien in Allem befriedigt, es dämmerte kaum in ihm die Idee, daß Susi bei ihrem ehedem leidenschaftlichen Naturell, ihrer glühenden Begeisterung für Alles, was sie mit ihrem Herzen erfaßte, in diesem Stadium eine Andere hätte sein müssen. Er kannte ja auch Susi’s Denken und Fühlen zu wenig, bemühte sich auch kaum, in dasselbe einzudringen; er war beglückt, daß sie seine Geschenke annehme, seine Plaudereien über Börsenoperationen, Course, Wettrennen, Theater etc. mit Geduld anhörte und sich neben ihm öffentlich und in Gesellschaften zeigte. Sah er alle Augen mit Bewunderung auf sie gerichtet, so war er zufrieden und meinte, er hätte keine bessere Wahl treffen können.
So sah Susi den schönsten Theil Süddeutschlands, die Schweiz und Italien.
In ihrem kühnsten Traume hätte sie kaum gewagt, sich das Glück auszumalen, in diesen Wunderhallen der Natur und Kunst je wandeln zu dürfen. Wo war heute der Schwung, die ideale Begeisterung, mit der sie sich sonst dem einfachsten Naturgenusse hingegeben?
Ja ehedem, da flossen ihr die Worte wie Perlen von den Lippen, blickte das Auge von einer Anhöhe hinunter in das blühende Thal, in schattige Gründe. Die Poesie des Herzens fand ihren Ausdruck in blühender, ergreifender Redeweise. Heute saß sie gedankenvoll, den Kopf in die Hand gestützt, und schaute hinaus in die ungleich schönere Natur des Südens, doch — Alles ließ sie kalt; sie sah, doch nichts kam ihr zum Bewußtsein; das Auge empfing all die Reize, ohne sie in den Spiegel der Seele zurückzustrahlen.
„Du hast Heimweh, Kind!“ pflegte dann ihr Gatte zu sagen, wenn er sie schwermüthig und interesselos an den herrlichsten Wunderwerken der Natur und Kunst vorüberschreiten sah.
„Ich werde mich bemühen, heiter zu sein!“ beruhigte sie ihn, und Stern glaubte die beste, fügsamste Gattin zu besitzen, die seine Wünsche, noch ehe sie ausgesprochen waren, zu erfüllen suchte.
VI.
Das junge Ehepaar war nach einer zweimonatlichen Reise glücklich heimgekehrt. Stern’s Mutter, eine im religiösen Vorurtheile alt gewordene Frau, hatte ihrem Sohne seit drei Jahren den Haushalt geführt. Sie war damals, als er sich etablirte, nach der Hauptstadt übersiedelt, hatte ihren Haushalt in Bromberg aufgegeben und so war es Jacob Stern’s begründeter Wunsch, die Mutter auch in seinem neuen Heim bei sich zu sehen. Die junge Frau ging gern darauf ein, fühlte jedoch nur zu bald, daß sie in Frau Nanette keine günstige Beurtheilerin fand.
Diese hatte Jacob’s Wahl nie billigen können; war es doch ihr Wunsch, daß ihr Sohn eine von jenen Geldprinzessinnen, die ihm wiederholt angetragen wurden, wähle. Zudem war Susi nicht in ihrer Weise fromm; wiederholt machte sie der jungen Frau Vorstellungen, wie eine gute jüdische Hausfrau ihren Haushalt zu führen habe; Susi hatte ihr endlich offen erklärt, daß sie die veralteten Ceremonien nicht befolgen könne, da sie gewohnt sei, Nichts zu thun, das sie nicht auch mit ihrem Gefühl als heilig erfassen könne. Nun zeigte sich Frau Nanette als — Schwiegermutter.
Sie klagte und jammerte, welch’ ein Unglück über sie und ihren Sohn gekommen, daß er solch eine Frau, die nichts von Gott und seinen Geboten wissen wolle, in’s Haus genommen; sie betonte bei jedem Gespräch, welch’ ein Glück Susi gemacht, daß sie so in Wohlstand und Reichthum gekommen sei, daß ohne ihres Sohnes Großmuth die Familie Cahen heute ganz mittellos wäre, und so sehr sich Susi auch, um keinen offenen Zwist aufkommen zu lassen, bemühte, solche Redensarten entweder nicht zu hören oder nicht zu beachten, so konnte sie doch nicht hindern, daß gar bald eine tiefe Verstimmung einriß, die um so fühlbarer wurde, je mehr sie bemüht war, heiter und glücklich zu erscheinen.
Die alte Frau kannte bald weiter nichts als Vorwürfe und Verdächtigungen; sie suchte ihrem Sohne die Meinung beizubringen, Susi besuche Concerte und Theater, um Aufsehen zu erregen, sie lasse dem Haushalte der Eltern namhafte Summen zufließen, sie kümmere sich nicht um ihre Dienerschaft, die sehr Vieles veruntreue, und obgleich Jacob Stern lange diesen Einflüsterungen Stand hielt, vermochten sie doch nach und nach seine Zuneigung zu seiner Gattin zu erschüttern.
Wahre, innige Liebe hatte sie ja ohnehin nicht zusammengeführt; es war nur der Wunsch, sie zu besitzen; jetzt, da dieser Wunsch befriedigt war, schien Stern’s Leidenschaft gekühlt.
„Du solltest der Mutter wirklich mit mehr Herzlichkeit begegnen!“ sagte er einst im Tone des Vorwurfs zu seiner Gattin.
„Und ich möchte Dich bitten, Deiner Mutter Vorstellungen zu machen, daß sie ihre kränkenden Reden, die noch tiefer verletzen, als sie vielleicht denkt, unterlasse!“
„Du erbitterst die Mutter durch Dein hochmüthiges Wesen!“
„Ich, hochmüthig?“ fragte Susi erstaunt. „Ich antworte nicht, wenn mich Deine Mutter mit spitzen Redensarten quält, doch nicht aus Hochmuth, sondern um weitere beleidigende Worte zu verhindern.“
„Ich höre nichts als Klagen, wie unglücklich sich die Mutter fühlt,“ entgegnete Stern. „Sie war sonst stets so froh und heiter; ich kann Dir den Vorwurf nicht ersparen, daß Du doch nicht den rechten Ton anschlägst, ihr Herz zu gewinnen.“
In Susi’s Natur lag es nicht, unangenehme Wortgefechte fortzuführen. Sie ging verstimmt in ihr Zimmer und war während des Tages für Niemanden zu sprechen. Am Abend hatten sich einige Herren ansagen lassen, Susi ließ sich entschuldigen, da sie unwohl sei. Dr. Zelt, einer der zuerst Gekommenen, bedauerte, die junge Frau nicht anwesend zu treffen.
„Gestehen Sie nur, daß Sie mir eigentlich Ihr Glück verdanken!“ sagte er, als er mit Stern an dem Spieltisch Platz genommen.
„Mein Glück?“ sagte Stern mit einem Seufzer.
Keiner von Beiden bemerkte, daß die Portière leise gehoben worden; Frau Susi war im Begriff, trotz ihrer Absage einzutreten, doch, den Seufzer ihres Mannes hörend, stand sie still und ließ den Vorhang fallen.
„Seien Sie aufrichtig,“ fuhr Dr. Zelt fort, „habe ich nicht den armen Caspari auf meinem Gewissen. Er trauert noch heute um Susi Cahen und diese wäre ohne jene geschickt hier eingeschmuggelte Zeitungsnotiz nie Ihr Weib geworden.“
„Ich bedauere aufrichtig, Zelt, daß ich Sie damals dazu veranlaßte!“ entgegnete Stern, sich mit der Hand die Stirn glättend. „Ein altes Sprichwort sagt: ‚Gezwungene Liebe thut Gott leid‘!“ setzte er nachdenkend hinzu.
„Ach, Ihr Beide habt gewiß heute Euer Schmollstündchen!“ sagte Dr. Zelt lachend. „Wollte ich Ihnen morgen erzählen, Stern, was Sie da heute für grämliche Aeußerungen gethan, Sie würden mich zum Lügner stempeln.“
„Keineswegs!“ sagte Stern entschieden. „Ich habe mir Susi’s Jawort durch eine Intrigue erschlichen, und wenn Sie, mein guter Doctor, der Sie dabei eine Hauptrolle spielten, noch Dank dafür verlangen, so —“
„Ich habe ja nichts gethan, als Ihnen zu Liebe die Nachricht zu verbreiten gesucht, Caspari sei mit Lucie Eden heimlich verlobt, er sei ihr nachgereist und dann kam uns noch der famose Rettungsact und die Zeitungsnotiz zu Hilfe!“ unterbrach Dr. Zelt.
„Hätten Sie diese lieber damals nicht gebracht!“ setzte Stern gedankenvoll hinzu. „Am Tage darauf hatte ich Susi’s Jawort, und, daß ich es Ihnen, dem langjährigen Freunde, gestehe, — ich fürchte, es bringt mir kein Glück. — Meine Mutter ist seit dem Tage unserer Rückkehr niedergeschlagen und stimmt durchaus nicht mit meiner Frau überein. Susi gibt sich keine Mühe, die Liebe der alten, herzensguten Frau zu erwerben und — ich sage mir — erfährt sie gar, und ich fürchte es täglich, da sie die früheren Beziehungen zu Marie Caspari wieder aufgenommen, daß der Liebesgeschichte mit Lucie Eden nie etwas Wahres zu Grunde gelegen, ja daß sie von uns in die Welt gesetzt wurde — es ist für immer mit uns aus.“
„Sie hätten auch die Annäherung an Frln. Caspari verhüten können!“ meinte Dr. Zelt. „Auch mir wäre eine Entschleierung des Sachverhalts sehr fatal.“
Keiner von Beiden bemerkte den leisen Aufschrei, der von der Portière hervordrang. Die Zofe kam bald mit der Meldung, die gnädige Frau sei ohnmächtig an der Thüre ihres Zimmers gefunden worden; sie hatte sich eben angekleidet, um in das Gesellschaftszimmer zu kommen. Der herbeigerufene Arzt constatirte einen Anfall von Schwäche; er wollte in einer Stunde wieder vorsprechen. Als er zum zweitenmale kam, fand er Susi in heftigem Fieber. Es befremdete ihn, Stern noch im Gesellschaftszimmer zu finden; er ließ ihn rufen und empfahl größte Schonung, da die gelindeste Aufregung bei dem Zustande gefährlich werden könnte.
Kopfschüttelnd verließ Dr. Senter das Haus. „Ist das das Glück der Reichen?“ sagte er gedankenvoll. „Die junge reizende Frau in diesem Zustande der Pflege der Zofe überlassen und der Mann mit nichtsnutzigen Cameraden am Spieltische! O armer Freund!“ setzte er hinzu, an Berthold Caspari denkend, „wie glücklich wäret ihr Beiden geworden, wenn Dich der leidige Mammon nicht geblendet hätte.“
Susi wußte, daß Dr. Senter ein Freund dessen sei, dem sie, ohne es zu ahnen, so bitteres Leid zugefügt. Ihr einziger Wunsch war, Klarheit in ihrem Denken zu behalten, um Dr. Senter in’s Vertrauen ziehen zu können. Sie fühlte, daß ihre Sinne sich in den heftigen Fieberphantasien verwirrten. „O Gott, nimm mich nicht fort von dieser Erde,“ jammerte sie, „ehe ich ihn, den edelsten, besten Menschen, mir versöhnt habe!“ Doch immer wilder tanzten die bunten Gestalten vor ihren Augen, ihr Kopf glühte, sie sprach von Himmel und Hölle, von Verbrechen, die sie nie sühnen könne, dann zogen wieder freundlichere Bilder in ihrem Sinne vorüber; sie lebte in einem kleinen Gartenhause mit der trauten Freundin; er, der Geliebte, kam, sie flog an seinen Hals, er küßte sie — er sprach so schön, so bezaubernd, doch plötzlich wich das milde Lächeln, das soeben ihre Züge verklärt hatte, einer schrecklichen Verzerrung; die Schwiegermutter war gekommen, sie den Armen des Geliebten zu entreißen, sie heimzuführen in das goldene Gefängniß, dem sie glücklich entronnen.
Was dachten die Umstehenden bei diesen Fieberphantasien? Stern entfernte jede fremde Person; er wollte mit der Mutter allein die Nacht über wachen.
Mit Morgenanbruch erschien der Arzt. „Ein Nervenfieber!“ sagte er kurz. „Es scheint eine heftige Aufregung vorangegangen?“ setzte er fragend hinzu.
Stern wurde bleich. Jetzt wohl ahnte er, daß Susi vielleicht seine Unterhaltung mit Dr. Zelt belauscht haben konnte; er wähnte sie oben in ihren Zimmern und sie war, vermuthlich, um ihn zu überraschen, doch heruntergekommen und willen- und ahnungslos Zeugin der Unterredung mit dem Freunde geworden.
Er hatte seine Ehe unglücklich genannt, von erzwungener Liebe, von der erfundenen Zeitungsnachricht gesprochen; welch’ schauerliche Klarheit mußte dadurch der ahnungslosen Frau geworden sein?
Susi’s Zustand war in hohem Grade besorgnißerregend. Sie fühlte in lichten Augenblicken, daß ihre Kräfte abnahmen, und bat die Mutter, falls sie nicht am Leben bleibe, Berthold Caspari an Dr. Zelt zu verweisen, der ihm eine Erklärung nicht verweigern werde, daß ihm ihr Andenken heilig bleibe.
„Du wirst leben, mein gutes Kind!“ beruhigte dann die Mutter; „Du wirst noch glücklich werden und an Deine Krankheit wie an einen bösen Traum zurückdenken!“
Susi schüttelte traurig das Haupt. Gern hätte sie sich ausgesprochen, nur hatte der Arzt jede Aufregung untersagt. Ihr Gatte war jetzt theilnehmend und herzlich, doch athmete sie jedesmal erleichtert auf, wenn er das Zimmer verlassen; oft wollte sie die Bitte aussprechen, man möge ihn nicht vorlassen, aber wie sollte sie dieselbe motiviren? Sie sehnte sich, Marie Caspari zu sprechen, doch der Arzt hatte jeden Besuch verboten. So war Susi wochenlang von jedem Verkehr abgesperrt, allein mit den quälendsten Gedanken, schwach und hilflos, denn die Reconvalescenz ging langsam von Statten. Sie saß in der That, wie sie es oft in ihren Fieberphantasien genannt, in einem goldenen Gefängniß! Ihr Gemal hatte, als sie das Bett verlassen durfte, Tag und Nacht an einem Gartenpavillon arbeiten lassen, der in dem geräumigen, an das Wohnhaus grenzenden Park eiligst errichtet werden sollte. Nach acht Tagen war er fertig, mit allem denkbaren Luxus und Comfort ausgestattet. Der Arzt hatte endlich den ersten Spaziergang erlaubt. Nur widerstrebend nahm Susi den Arm ihres Gatten, da sie sich zu schwach fühlte, um allein gehen zu können. „Du wirst Dich noch mit mir aussöhnen, Susi,“ sagte er bedeutungsvoll.
„Glaubst Du wirklich, daß mich jener verschwenderische Luxus erfreut?“ fragte Susi, als sie das goldgezierte Dach des Pavillons sah.
„Du wirst liebe Freunde dort treffen, Susi, wirst sie täglich sehen und in ihrem Umgang gesunden!“ sagte Stern.
„Ach, mein Herz hat kein Gefühl mehr für die Freundschaft!“ hauchte sie schmerzlich; „Du weißt, jeder Verkehr ist mir lästig, falls Besuch dort ist, komm’ laß uns umkehren!“
„Fühlst Du Dich stark genug, Susi, eine unverhoffte Freude zu kosten?“ fragte Stern.
„Ah, ich ahne, Du hast gewiß Marie Caspari geladen!“ sagte Susi leuchtenden Auges.
„Sie und noch Jemanden, Susi, an dem ich großes Unrecht begangen!“ entgegnete ihr Gatte.
„Das, das hättest Du gethan?“ rief Susi hochbeglückt. „O, dann sei Dir Alles verziehen!“ setzte sie schnell hinzu. „Ja, ich fühle mich stark und neubelebt;“ sie legte ihren Arm fest und innig in den seinen; es war ihm, als führte er nicht mehr die kranke, schmachtende Susi, sondern ein glückliches, freudestrahlendes Weib.
Jetzt hatten sie die Vorhalle des Pavillons erreicht; es war das erstemal, daß Susi ihren Gatten aus eigenem Antriebe küßte. Sie schloß ihn innig in ihre Arme und hauchte hochbeglückt: „Tausend, tausend Dank, daß Du in dieser Weise Alles gut machen willst!“
Die Flügelthüren öffneten sich; ein bleicher, hoher Mann mit eingefallenem Gesicht, das von schwarzem Vollbart umrahmt war, stand vor ihr. Sie reichten einander stumm die Hand, doch Marie fiel der Freundin zärtlich um den Hals und weinte Thränen reinsten Glücks.
Susi ließ sich erschöpft auf einen Sessel nieder.
„Es ist doch gut, daß Du mich vorbereitet hast“, sagte sie zu ihrem Gatten; „ich glaube, die Freude hätte mich getödtet.“
„Es war mein specieller Wunsch!“ sagte Caspari endlich; „Sie sind noch Reconvalescentin und bedürfen der Schonung.“
„O, nun nicht mehr!“ rief Susi hochaufathmend; „in dieser Luft, unter so guten, treuen Menschen bin ich plötzlich gesund und stark worden. Doch verzeih’,“ wandte sie sich an ihren Gatten, „ich wollte Dich nicht kränken! Auch Du bist gut, das fühle ich heute erst recht deutlich; aber die geistige Atmosphäre —“
„Nun will ich doch einmal nachsehen, wie die Parforce-Cur bekommen!“ unterbrach der plötzlich eintretende Dr. Senter.
„Ah, Sie sind ein guter Menschenkenner!“ sagte Susi, ihm herzlich die Hand reichend.
„Ja, Ihr wäret ja alle drei für Gott und Ewigkeit verlorene Menschen gewesen,“ entgegnete Dr. Senter, „wenn ich als Arzt nicht die passende Medicin gefunden hätte! Frau Susi gemüthsleidend, weil sie eine Horcherin gespielt (setzte er mit dem Finger drohend hinzu), Dr. Caspari verzweifelt, weil er in falscher Großmuth auf die Geliebte verzichtet, und nun gar mein herzensbraver Stern, der fast tiefsinnig werden will, daß er sich vor einem Jahre in verliebter Laune — eine — wie soll ich sagen — eine Zeitungsspeculation erlaubte.“ Ueber Stern’s Gesicht flog ein tiefer Schatten.
„Susi,“ sagte er bittend zu seiner Frau, „der beste aller Menschen hat mir verziehen, sag’ auch Du —“
„Du hast Dein Unrecht in einer Weise ausgeglichen,“ unterbrach Susi, ihm herzlich die Hand reichend, „die Dir meine vollkommene Hochachtung sichert. Ich bin Dein angetrautes Weib und will Dir jetzt ewig treu und dankbar sein, da Du mir die Freunde, an denen mein Leben hing, zurückgegeben. Ohne sie, das sagte ich mir oft in meiner Krankheit, wäre mir das Leben eine unsagbare Last gewesen, der ich hätte erliegen müssen.“
Dr. Caspari war noch keines Wortes mächtig. Endlich dicht vor Susi hintretend, sagte er mit bewegter Stimme: „Und Sie, Susi, in deren Herzen jedes Gefühl des meinigen ein volltönendes Echo fand, Sie konnten wirklich glauben, daß eine Geldheirath —“
„Herr Philosoph!“ unterbrach Dr. Senter, „solche Discussionen vertagen Sie gefälligst auf einige Wochen später; Frau Stern ist noch Reconvalescentin, ich fürchte, wir haben ihr schon zu viel zugemuthet.“
„Nein, guter Doctor,“ sagte Susi, ihm herzlich beide Hände entgegenstreckend, „ich wäre nie gesund und froh geworden, wenn sich nicht Alles so gefügt hätte. Eine Frau kann ihren Gatten eines Fehltrittes zeihen, doch sie kann ihm verzeihen, wenn sie weiß, daß er Edelmuth genug besitzt, denselben gut zu machen. Ich weiß,“ sagte sie, sich an Stern wendend, „es ist Dir nicht leicht worden, unserem Freunde einzugestehen, wie Du ihn —“
„Hintergangen,“ ergänzte Stern, als Susi zauderte, das Wort auszusprechen. „Ja,“ fügte er hinzu, „es war der schwerste Gang meines Lebens; ich bekannte ihm Alles und wäre gerne bereit gewesen, ihm ein Leben, das mir, da ihm die Selbstachtung fehlte, lästig war, zur Verfügung zu stellen. Ehe ich den Gang zu ihm antrat, waren meine Pistolen geladen.“
„Aber er, der beste der Menschen,“ fuhr Stern mit einer an ihm sonst ungekannten Begeisterung fort, „er reichte mir, nachdem er lange nachgedacht, gerührt die Hand. ‚Ich danke Ihnen, daß Sie mir den Glauben an die Menschheit wiedergegeben!‘ sagte er unter Thränen; wie Alles gekommen und kommen mußte, ist eine Fügung des Himmels, doch, daß Sie den schweren Kampf, sich selbst zu besiegen, durchgeführt und jetzt reumüthig Ihre Schuld eingestehen, um wieder als freier Mann aufathmen zu können, beweist mir, daß Susi sich nicht, wie Sie behaupten, einem Unwürdigen vermählt hat. Ich war ehedem der Freund, der Bruder, der Lehrer und Berather Ihrer Gattin!“ setzte er nach einer Weile stillen Nachdenkens hinzu; „setzen Sie mich wieder in meine alten Rechte ein! Wir stehen Alle auf der Stufe einer Sittlichkeit, daß Niemand von uns bei einem noch so trauten Verkehr etwas gefährdete!“
„Das war Ihrer würdig gedacht!“ entgegnete die junge Frau. „Ja, bleiben Sie unser Aller Freund und verzeihen Sie meinem Gatten und auch — meinen Eltern,“ setzte sie schmerzlich bewegt hinzu, „daß Ihnen so tiefes Herzeleid bereitet worden!“
„Ich klage Niemanden an als mich selbst!“ entgegnete Dr. Caspari tief bewegt. „Ein Jeder ist seines Glückes Schmied und wer zu rechter Zeit und mit rechter Energie in die Schicksalsräder eingreift, gestaltet sich sein Leben glücklich. Ich war ein Träumer, wo ich hätte handeln sollen —“
„Quäle Dich nicht mit Selbstanklagen!“ unterbrach Marie. „Ich bin so froh und glücklich, daß wir unsere Susi wieder haben, daß ich gar nicht zurückdenken mag, daß wir Sie verloren glaubten.“
„Du gute Seele!“ sagte Susi, die Freundin herzlich umarmend. „O, wie ist die Welt so schön, wenn wir uns von lauter guten Menschen umgeben wissen!“ setzte sie unter Thränen lächelnd hinzu.
VII.
Im Stern’schen Hause war Lust und Freude. Die junge Frau erblühte nach überstandener Krankheit schöner, als sie je gewesen. Allgemein war man über ihren Zauber und ihre Liebenswürdigkeit erfreut. Täglich holte sie ihren Gatten von der Börse ab, Abends Punkt 7 Uhr wartete ihr Wagen vor dem Comptoir, sie schien die Zeit nicht erwarten zu können, daß sie zusammen waren. Stern wußte erst jetzt, was er an seiner Frau besitze. War sie bisher kalt und ablehnend gewesen, so schien sie jetzt die übersprudelnde Herzlichkeit, und selbst die alte Mutter machte Anstalt, sich mit ihr auszusöhnen. Wer hätte auch ihrem herzgewinnenden Liebreiz widerstehen können! Leben und Glück waren in die fast leblose Hülle zurückgekehrt, und das Glück, das sie selbst verschönte, wirkte beglückend auf ihre Umgebung.
Zum ersten Male wieder seit fast einem Jahre sprach Dr. Caspari in der Freien Gemeinde. Ungern hatte man auf den Redner, dessen Worte so mächtig zu zünden pflegten, verzichtet, er war indeß nicht zu bewegen gewesen, seine Thätigkeit wieder aufzunehmen.
„Ich habe mich selbst verloren!“ sagte er damals zu einem Freunde, der ihn bat, wieder einmal öffentlich zu sprechen. „Als ich noch den vollen Glauben an die Menschheit hatte, da konnte ich vor Euch hintreten und, begeistert wie ich selbst für alles Gute war, Euch auch mit fortzureißen suchen. — Heute bin ich ein todter Mensch!“ hatte er hinzugefügt, „ich könnte Euch doch zu nichts nützen!“
Auch dieser todte Mensch war wieder auferstanden zu neuem thatkräftigen Leben. Allgemein war nur Eine Stimme: „So wüßte Niemand zu sprechen!“ Alles in seiner Rede war durchgeistigt, belebt von jenem Feuer innerer Wärme, die mächtiger zündete als je. Der Saal der Freien Gemeinde war Kopf an Kopf gedrängt voll; die Vorsäle und Zugänge waren überfüllt; schon eine Stunde vor Beginn waren alle Plätze besetzt. Zwei Stühle blieben stets in der vordersten Reihe reservirt; eine schöne, junge Frau, auf den Arm ihres Gatten gestützt, pflegte kurz vor Beginn zu kommen. Beide folgten, nur ab und zu Blicke des Einverständnisses wechselnd, dem Vortrage mit gespanntester Aufmerksamkeit. Sie waren die Ersten, denen Dr. Caspari, nachdem er geendet, die Hand reichte, obgleich sich begeistert Hunderte an ihn hinandrängten. Von ihm begleitet, traten sie den Heimweg an; es war eine auserwählte Gesellschaft, die sich dann allsonntäglich im Stern’schen Salon einte, Menschen, die sich nicht begnügten, des Lebens Güter nur durchzukosten, um von Genuß zu Genuß zu eilen, sondern denkende, für alles Hohe begeisterte, alles Gute thatkräftig unterstützende Menschen. Dr. Caspari war die Seele des Ganzen, doch sein begeistertster Anhänger war Jacob Stern geworden. In diesem sonst stets für oberflächlich und eitel gehaltenen Menschen war eine Wandlung vorgegangen, die ihn kaum wieder erkennen ließ! War sein Gang sonst gebückt und schlodderig, so athmete jetzt jede Bewegung Selbstbewußtsein und Muth, das Auge leuchtete, sein Wort klang überzeugend und herzlich. Die früher von ihm beliebte leichtfertige Gesellschaft war nach und nach aus seinem Hause geschwunden; er konnte sich heute selbst nicht eingestehen, wie er Jene einst seine Freunde genannt. Sein Glück schien keine Grenzen zu kennen, als ihm, ein Jahr nach Susi’s Genesung, ein Sohn geboren wurde.
Abermals war es ein Zeitungsblatt, das Susi in nicht geringe, doch diesmal freudige Aufregung versetzte. Zum ersten Male seit ihrer Niederkunft hatte ihr Gatte heute eine Zeitung auf den Tisch gelegt. Hastig griff sie danach; sie blätterte vor und rückwärts, bis ihr Auge starr an einer Stelle haften blieb. Dann faßte sie nach dem Herzen, doch nicht wie damals schmerzerfüllt, sondern überglücklich und leuchtenden Auges reichte sie ihrem Gatten die Hand: „Das macht Deinem guten Herze Ehre!“ sagte sie tief gerührt. „Doch warum theiltest Du mir nicht mit —“
„Hatte ich Dir nicht durch ein Zeitungsblatt Schmerz bereitet,“ sagte Stern bewegt, „so war ich Dir an selber Stelle einen Ausgleich schuldig.“
Susi zerdrückte eine Thräne in ihren Augen; sie blickte auf ihr Kind, ihren kleinen Berthold und sagte: „Möge alles Gute, das Du thust, ihm zum Segen gereichen!“
„Und Dir zu Freude!“ sagte er, sie zärtlich küssend.
Jene Zeitungsnotiz lautete: „Der hiesige Banquier St. hat, seinem anerkannten Wohlthätigkeitssinne folgend, aus Anlaß eines freudigen Familienereignisses, dem hiesigen Armenvereine 10.000 Gulden überwiesen, deren Zinsen zur Pflege armer Wöchnerinnen verwendet werden sollen.“
Wieder und wieder las Susi diese wenigen Zeilen: „Sie athmen die Poesie eines gottgeweihten Herzens!“ sagte sie bewegt.
„Und doch wird es von so Vielen, selbst von der eigenen Mutter für gottlos gehalten!“ entgegnete Stern mit tiefem Seufzer.
„Guter Mann,“ entgegnete Susi; „Deine Mutter genügt ihrem religiösen Pflichtgefühl, wenn sie betet und die Gebote der Bibel befolgt, wir, wenn wir helfen und den Samen des Guten ausstreuen, wo wir können; unser Söhnchen wird wiederum einst unser Thun vielleicht belächeln; jede Generation hat ihre Ideale, und wer wahr und aufrichtig strebt, gut zu sein, verdient, daß man ihn anerkenne.“
Susi’s Mutter trat mit strahlendem Gesichte ein.
„Ich habe mir keine Zeit genommen, mich recht anzukleiden!“ rief sie überglücklich. „Bist Du es denn wirklich?“ fragte sie ihren Schwiegersohn, „von dem heute die ganze Stadt spricht!“
Stern war fast verlegen; er hatte nur beabsichtigt, der geliebten Frau eine Freude, keineswegs sich zum Mittelpunkt des Stadtgespräches zu machen.
„Nur schade,“ setzte die Mutter nach einer Weile hinzu, „warum hast Du es nicht für jüdische Arme an die jüdische Gemeinde gewiesen?“
„Da hättest Du schwerlich in meinem Sinne gehandelt!“ sagte Susi entschieden. „Wenn Jemand in Noth ist, so frage ich ihn nicht, zu welcher Religion er sich bekennt.“
„Hast Du aber schon gesehen, daß Christen für jüdische Arme testiren?“ fragte die Mutter fast beleidigt.
„Um so mehr ist es Pflicht, liebe Mutter,“ entgegnete Stern, „daß wir zeigen: Wer helfen will, helfe den Bedürftigen, gleichgiltig ob Jud, oder Christ, ob Muselmann.“
„Das sind nun wieder Eure freireligiösen Ansichten,“ sagte Frau Cahen; „nun, ich bin eine alte Frau und kann und mag sie nicht verstehen, aber das weiß ich, Gott lohnt das Gute bis in’s dritte und vierte Glied und er wird es Euch an Eurem Kinde lohnen, was Ihr Gutes gethan.“
VIII.
Der Mutter Prophezeiung schien in Erfüllung zu gehen; der kleine Berthold wurde ein ausnehmend schönes, kräftiges Kind; die junge Mutter fühlte all die Süßigkeiten, ihrem Kinde Alles sein zu können, sein erstes Lächeln zu belauschen, seinen Schlaf zu bewachen, es selbst an ihrer Brust zu nähren. Die Kinderstube war ihre Welt. Zwar war eine Wärterin angenommen, doch ließ Susi das Kind nicht von den Händen.
„Du gehst zu weit in Deiner Gewissenhaftigkeit!“ sagte ihr Gatte oft.
„Wie will ich von bezahlten Leuten das verlangen, das ich selbst nicht leiste?“ entgegnete ihm Susi.
An ihrer Hand machte das Kind die ersten Gehversuche, und — welche Freude durchzuckte das Mutterherz — als Berthold ein Jahr alt war, ging er bereits dem Vater einige Schritte entgegen! Dieser fing ihn hochbeglückt in seinen Armen auf, drückte ihn an sein Herz, doch trotz aller Freude schien die Wolke, die schon einige Zeit auf seiner Stirn lagerte, nicht zu vergehen.
Susi war so sehr mit ihrem Kinde beschäftigt, daß sie dieselbe nicht bemerkt hatte. Da sie seit der Geburt des Kleinen fast abgeschlossen von allen größeren Gesellschaften lebte, war ihr auch nicht zu Ohren gekommen, was man sich draußen erzählte. Sie hörte wohl von einer Geschäftskrisis, von schlechten Zeiten, doch legte sie dieser landläufigen Klage, die selbst in den günstigen Jahren beliebt ist, wenig Werth bei; sie wußte, daß ihr Mann in Eisenbahn-Papieren hoch speculirt habe, doch er hatte ja eine so sichere, glückliche Hand, daß noch keine Ahnung in ihr aufstieg, sein Vermögen könne gefährdet sein.
Stern hatte sich oft gesagt, es sei Pflicht, der Frau Einblick in die Vermögensverhältnisse zu gestatten, er hatte auch oft mit Darlegungen begonnen, doch Susi, die jedesmal glaubte, er beabsichtige nur, ihr eine Idee seines Reichthums zu geben, schnitt kurz ab und sagte, daß sie ja doch von Geschäftsoperationen nichts verstehe und es ihr vollständig gleichgiltig sei, ob ihr Vermögen in Türkenloosen oder amerikanischen Papieren oder Eisenbahn-Actien angelegt sei.
„Wenn ich aber einmal ungünstig speculire?“ hatte Stern wie zufällig gefragt.
„Du gehst so sicher zu Werke, daß dies kaum eintreten kann!“ antwortete Susi.
Ihr Gatte wollte der in vollem Vertrauen Lebenden keine Besorgnisse einpflanzen, die ihrem arglosen Gemüthe so fern lagen; auch hoffte er noch die Katastrophe abzuwenden.
Das Welthaus Strousfeld war nahe daran, seine Zahlungen einzustellen; Stern war mit seinem ganzen Vermögen bei demselben betheiligt. Er hielt es unausbleiblich, daß auch er folgen würde. „Dies muß abgewendet werden, um jeden Preis!“ sagte er sich. Noch war die Angelegenheit nicht officiell. Stern bot seinen ganzen Einfluß auf und im Verlauf von acht Tagen gelang ihm das Unglaubliche. Man konnte öffentlich die in Privatkreisen schon vielfach besprochene Zahlungseinstellung Strousfelds Lügen strafen, da die vorkommenden Anweisungsgelder Heller bei Pfennig bezahlt wurden.
Doch wie war dies möglich geworden?
Haben jene Moralisten Recht, die die Börsenwelt die Welt des Scheines, des Betruges, der Illusionen nennen? Wohl konnte man sich in jener Gründerzeit, die mit dem überall in schwerem Unglück hereinbrechenden „Krach“ endete, fragen: „Was ist Reichthum?“ Imaginär war der Besitz, war die Verrechnung. Papiere wurden geschaffen, verwerthet, entwerthet; Consortien, Gesellschaften, Banken gegründet, die, da ihre Directoren mit allem erdenkbaren Pomp auftraten, die feinsten Hotels mit einer zahllosen, gallonirten Dienerschaft bewohnten, auf Gummirädern dahingallopirten, eines Ansehens und Vertrauens bei der großen Menge genossen, das uns heute, da der Schleier gefallen, an dem gesunden Sinn, der richtigen Urtheilsgabe der in’s Schlepptau genommenen Bevölkerung zweifeln läßt; ein kleiner Bruchtheil hielt sich der Strömung fern, theils aus Mißtrauen, theils aus angeborenem Rechtlichkeitsgefühl; sie ahnten, daß jenen ewigen Naturgesetzen zufolge, welche nur eine Vermehrung des Besitzes nach rechtlicher Arbeit eintreten lassen, die Ueberspeculation sich rächen müsse. Es war so bequem zu „zeichnen“, nur zu zeichnen, wie der technische Ausdruck hieß, und dafür gleich den Gewinn einzuheimsen. So leicht wie man „verdiente“ (wenn dies eben ein Verdienen war), gab man auch aus; der Börsianer hatte eine stets offene Hand; was galt ihm der Preis einer Waare? Der armselige Krämer oder Waarenhändler rechnete seinen Nutzen nach Pfennigen, er denjenigen einer einzigen „Zeichnung“, nach Tausenden.
Eine einflußreiche, gut accreditirte Person konnte in jener Gründerzeit mit leeren Händen Schätze gewinnen. So war es auch nichts Seltenes, daß sogar fürstliche Personen sich an die Spitze der Börsen-Unternehmungen stellten. Stern wußte seinen Einfluß bei dem verschuldeten Grafen Nesh geschickt zu benutzen. Der Graf stand an der Spitze jenes Consortiums, das eine neue Anleihe für eine Zweigbahn ausschrieb; weder Strousfeld’s, noch sein Name hatten genügende Anziehungskraft, die Grafenkrone adelte das Unternehmen. Zwar wußte man in aristokratischen Kreisen, wie es nun mit Graf Nesh stehe, doch das Gros war geblendet durch den altadeligen Stamm, man traute und Tausende und Abertausende flossen zusammen; es hieß, das Geld sollte zum Bau einer Zweigbahn, von deren Prosperität man sich überzeugt hatte, verwendet werden — in Wirklichkeit wurden mit den einlaufenden Capitalien alte Verpflichtungen berichtigt. Die Interessenten warteten auf eine Verständigung — vergebens.
Wozu war die Anleihe verwendet worden?
Man munkelte allerhand, und Stern, der die rechte Hand Strousfeld’s war, er, den man als Freund und chargé d’affaire des Grafen Nesh kannte, wurde vielfach verdächtigt, bedeutende Summen zu anderen, als den gezeichneten Zwecken verwendet zu haben.
Der Begriff von Ehre und Rechtlichkeit ist in gewissen Kreisen gar zu dehnbar, zu elastisch; Stern hatte ein weites Gewissen, dennoch drückte ihn die Verantwortlichkeit. Was heute Geheimniß der Betheiligten war, mußte doch über kurz oder lang entschleiert werden. Kommt Zeit, kommt Rath! tröstete er sich; augenblicklich war die Krisis überwunden; einige gute Speculationen und die eingelaufenen Summen konnten zurückgezogen und ihrer eigentlichen Bestimmung nach verwendet werden. Er hoffte es, wenngleich in schlaflosen Nächten das Gespenst der Sorge aus den Falten des blauseidenen Himmelbettes gar grinsend und unheimlich hervorlugte, Ruhe und Glück verscheuchend.
Der arme, reiche Mann! Was hatte er von seinen Hunderttausenden? Sorge, Aufregung, Qual ohne Ende. Der ärmste Bettler legt sein müdes Haupt zur Erde nieder und findet erquickende Ruhe; seit Wochen floh ihn der Schlaf, unstet irrten seine Gedanken in die Zukunft; die erhoffte günstige Wendung in den Börsenmanövern trat nicht ein; der kommende Ultimo erforderte neue Opfer. Strousfeld war außer Stande, auch nur einen Theil der Gelder auszuzahlen. Stern sah ein, daß er ein gewagtes Spiel gespielt, wohl konnte man das ungläubige Publikum noch für einige Zeit dupiren, doch — es mußte etwas geschehen, denn auch Graf Nesh fing an zu drängen, daß er seinen „guten Namen“ retten müsse. Welch’ schweren Stand hatte Stern! Was er gethan, konnte er vor sich selbst nicht verantworten; keine Hoffnung, die Angelegenheit zu ordnen! Die fremden Capitalien waren nicht herauszuziehen, sie schienen ihrem Bestimmungszweck verloren. — Von Tag zu Tag sanken die Course. Ein sogenannter „heller Kopf“ berief eine Versammlung der Actionäre ein und entrollte ein Bild, das eben nicht vertrauenerweckend war. „Wir sind die Geprellten!“ hieß es, „doch wir wollen der Sache auf den Grund gehen; entweder die Bahn, für die wir gezeichnet und gezahlt, wird noch im Laufe dieses Monats in Angriff genommen, oder wir beantragen gerichtliche Untersuchung.“
Jetzt mußte Stern handeln; er sagte sich, daß „Zeit gewonnen, Alles gewonnen“ heiße. Unerschrocken berief auch er jetzt unter der Aegide des Grafen Nesh eine Versammlung der Betheiligten ein. In glänzender, überzeugender Rede suchte er die gegen das Consortium laut gewordenen Verdächtigungen zu widerlegen; wohl sei man nicht vorschnell mit dem Ankauf der Bahnstrecken vorgegangen, da eine günstige Conjunctur abzuwarten, auch der Erfolg einer Zweigbahn erst nach Vollendung der Hauptbahn zu erwarten sei, letztere könne jedoch erst in einigen Monaten dem Betriebe übergeben werden. Die eingezahlten Gelder seien einstweilen sicher in einem der ersten Bankhäuser angelegt; auch Graf Nesh und andere Koryphäen des Consortiums traten dafür ein, daß das Unternehmen den besten Händen anvertraut und eine baldige Durchführung auf solider Grundlage zu erwarten sei.
Man „glaubte“ und die Versammlung ging beruhigt auseinander. — Doch nun hieß es energisch vorgehen. Weshalb hatte Stern die eingezahlten Gelder dem Hause Strousfeld zugeführt? Es galt, eine damals unabwendbare Zahlungsstockung zu verhüten und somit Zeit zu gewinnen, sein bei Strousfeld engagirtes Vermögen herauszuziehen. Stern selbst hatte an Actien 50,000 Thaler gezeichnet; die Gesammt-Zeichnung betrug 800,000 Thaler. Wohl hatte er den Fall des Strousfeld’schen Hauses hingehalten, seine Gelder theilweise herausgezogen, doch — ein sinkendes Schiff ist schwer zu retten. Unmöglich, jetzt noch das Steuer richtig zu lenken! Das hatte Stern allerdings nicht voraussehen können; mit Sicherheit hoffte er bei steigender Conjunctur nach einigen Monaten seine Gelder mit guten Zinsen vom Hause Strousfeld erheben zu können; wie so manch ähnliches Manöver war in Börsenkreisen abgespielt und ohne Schaden der Betheiligten zu Ende geführt worden! Es galt für Stern, sein Vermögen, die Ruhe und Ehre der Seinigen zu retten; welche Speculation war um diesen Preis zu gewagt?
Noch vor zwei Jahren, ehe Stern die Bekanntschaft Caspari’s gemacht, hätte er keinen Fehler in seiner Handlungsweise erkannt, doch jetzt war er nicht mehr er selbst, der berechnende Kaufmann, dem der Naturalismus, die Sucht nach Gewinn, über Alles geht — er hatte sich berauscht an dem sprudelnden Nectar einer edlen Weltauffassung, hatte aus dem Born des reinen Menschenthums ideale Begeisterung getrunken und — der Dualismus nagte an seiner Natur und schien sie zu ertödten; der Idealist verurtheilte, was der Materialist geboten hielt; aus Liebe zu den Seinen hatte er sich einer verbrecherischen Handlung schuldig gemacht, um sein Vermögen zu retten, so viele Andere um das Ihrige gebracht. Die von ihm gezeichneten 50,000 Thaler waren nur fingirt, doch hatten sie Andere zur Nachzeichnung ermuntert; der Betrug konnte ihm nachgewiesen werden. O, Qual der schlaflosen Nächte, in denen er sich das Hirn zermarterte, wie er Ehre und Vermögen und Glück der Seinen, das ihm noch unlängst so fest begründet schien, retten könne. Noch war keine Aussicht auf Eröffnung der Bahnstrecke, und selbst wenn diese erfolgte — man weiß ja, daß das erste Jahr ein Versuchsjahr sein muß und keinen Gewinn abwirft.
Zehnmal schon hatte er sich vorgenommen, sich dem Freunde zu vertrauen — doch konnte er ihm, dem reinen, hochherzigen Manne seine unlautere Geschäftsgebahrung mittheilen?
Caspari hätte ihn kaum verstanden; er würde ihn eher für irrsinnig erklärt haben, ehe er solche Schurkerei geglaubt hätte.
Wie beneidete er Susi um ihre Arglosigkeit. Ja, das Kind war ein Glück für sie, denn hätte sie ihm nicht so ganz ihr Sinnen und Trachten geweiht, die kluge Frau würde längst die Aenderung in ihres Gatten Wesen bemerkt haben.
In der Stadt munkelte man schon viel, daß es mit Stern’s Finanzoperationen schlecht stehe; die „guten Freunde“ zogen sich zurück; Frau Commercienrath Beche, die sonst nie ohne herzlichen Händedruck an Susi vorüberging, wich ihr schon mehrmals, wenn sie einander auf der Promenade begegneten, aus; Frau von Lorm pflegte sonst, wenn sie die junge Frau sah, stets ihren Wagen halten zu lassen und sie zu bitten, in demselben Platz zu nehmen; — sonderbar! war die sonst so scharfsehende Dame kurzsichtig geworden? Doch Susi war so sehr mit ihrem reichen Innenleben und der Sorge für ihr Kind beschäftigt, daß, wenngleich ihr diese Vorfälle nicht entgingen, sie ihnen doch weiter keine Bedeutung beilegte. Ihr Gatte schien zwar öfter auffallend zerstreut, doch war ihr dies nichts Neues; wußte sie doch, daß seine weitverzweigten Geschäfte, sowie das große Personale, das ihm unterstand, sein Denken sehr in Anspruch nahmen.
Mehrere Monate nach der Katastrophe stand man im Strousfeld’schen Geschäft vor derselben Krisis. Die vom Consortium gezeichneten Summen waren nur theilweise eingezahlt worden; es hatte sich unter Stern’s eigenen Leuten ein Verräther gefunden, der das ganze Manöver aufdeckte. Eine gerichtliche Commission wurde zur Prüfung der Sachlage eingesetzt; Stern hielt seine Position für unhaltbar; nicht nur hatte er die gezeichneten 50,000 Thaler nicht eingezahlt, er hatte im Laufe jener Zeit beinahe das Doppelte aus dem Strousfeld’schen Geschäft an sich zu bringen gewußt, obgleich andere Gläubiger, die frühere Forderungen hatten, zurückgewiesen worden waren.
Vergebens zermarterte er sein Hirn, wie er einen Ausweg finden könne, um wenigstens seinen ehrlichen Namen zu retten. Die Bücher waren mit Beschlag belegt und wurden seine unerbittlichen Ankläger. Jeder Laie konnte aus Ihnen ersehen, daß ein großer Theil des vom Consortium geleisteten Vorschusses in Stern’s Casse geflossen.
Wie beneidete er den ärmsten Commis in seinem Geschäfte, der, sein spärliches Einkommen richtig eintheilend, sorgenfrei, ohne Reue, ohne Furcht leben durfte.
O, hätte ihm nur ein Mensch rathen können, was jetzt zu thun sei.
Schon sah er die Gerichtsdiener kommen, sein Eigenthum pfänden, ihn selbst fortführen, fort von Weib und Kind — von der alternden Mutter, deren größter Stolz er war, und die es nicht überleben würde, ihn als Verbrecher angeklagt zu sehen.
Verbrecher! er schauderte zusammen. Ja, das war er in den Augen der Welt, und dadurch waren auch sein Weib, sein Kind geschändet!
Doch wie? Ein rettender Gedanke flog durch die fieberhafte Stirn; noch kann er als ehrlicher Mann sterben, noch ist keine Anklage erhoben; es gibt Mittel. — Geisterbleich saß er da und stierte in die Ferne. Noch einmal trat das Leben mit all’ seinen Verlockungen vor seine Seele, er umarmte in Gedanken das geliebte Weib, er küßte unter strömenden Thränen das Bild des kleinen Berthold, das er bei sich führte. — „Ja, Euch zu Liebe muß es sein!“ rief er endlich in wilder Verzweiflung. „Der Freund wird Euch schützen, daß Ihr nie das Schreckliche erfahrt, Ihr sollt mich beweinen, als einen geliebten Todten, den die Erde, — nicht als einen Verbrecher, den das Zuchthaus birgt.“
Als Stern endlich aufstand, schien er um zehn Jahre gealtert. Er ging auf sein Schreibpult zu, nahm ein Paket Streichhölzer, deren Schwefelenden er in eine eigens bereitete Lösung steckte.
„Meine einzige Rettung!“ sagte er seufzend; er griff zur Feder und schrieb lange, lange; den Brief übergab er selbst der Post; als er zurückkehrte stand er sinnend an der Thür des Kinderzimmers. Sie sang so rührend schön: „Bleib’ brav und gut, mein herzig Kind!“ Nein, er hatte kein Recht, ihre holde Ruhe zu stören. „Wer weiß auch,“ sagte er sich, „ob mir die Kraft bleibt, den Entschluß auszuführen, nachdem ich sie noch einmal gesehen!“ Festen Schrittes ging er in sein Arbeitszimmer, das er sorgfältig verschloß; dort stand der todtbringende Trank.
„Besser leiblich als moralisch todt!“ sagte er sich und trank muthig den Becher zur Neige! —
IX.
In der fünften Stunde erhielt Dr. Caspari einen Brief von Stern’s Hand. „Gewiß eine Einladung zu heute Abend!“ sagte er erfreut, doch starr und bleich wurden seine Züge, als er den Brief durchflogen:
„Du einzig wahrer Freund! Ich muß in Deine Hände ein schauerliches Vermächtniß legen; beklage mich und erfülle meinen letzten Willen; stehe meiner Susi, meinem Kinde zur Seite, wenn ich nicht mehr bin. Du als Advocat hast Einblick in die Strousfeld’schen Acten; meine Gebahrung erscheint strafbarer als sie ist; hätte jener Elende nicht mein Geschäftsgeheimniß verrathen, ich hätte Alles zum Guten wenden können; jetzt ist es leider unmöglich. Trachte, daß Susi mit dem Kinde die Residenz meidet; der Arzt hat ihr ohnehin ein Seebad verordnet; sie wird mich betrauern und mein Andenken ehren; dies gibt mir die Kraft, den schrecklichen Entschluß auszuführen. Dr. Senter wird einen Herzschlag als Todesursache constatiren. Die Untersuchung kann sich noch Wochen hinziehen; inzwischen richte es ein, daß Susi nach Misdroy übersiedelt; falls Gerüchte auftauchen, hoffe ich, kommen sie ihr dort nicht zu Ohren; Deine und Mariens Gesellschaft wird ihr bester Schutz sein.
Nun noch die eine Bitte an Dein Freundesherz! Verurtheile mich nicht! Du wirst es Feigheit und moralische Schwäche nennen, was mir gerade als echte Mannesthat geboten scheint, ich meide schweren Herzens ein Leben, das ich jetzt erst durch edle Menschen lieben und verstehen gelernt habe; ich muß es meiden, da ich als Ehrloser nicht weiter in ihrer Gemeinschaft leben darf. — Sich selbst verbannen, ist ein schweres Loos!
Ich lege das Schicksal der Meinen, meine Vertheidigung bei Gericht in die Hände des besten Menschen und bitte ihn, mir zu verzeihen, daß ich sein reines Gewissen in Mitwissenschaft der schrecklichen That ziehe, die ich ausführen mußt’ — aus Liebe zu den Meinen! Jacob Stern.“
Dr. Caspari hatte kaum den Brief gelesen, als er nach Hut und Stock griff und eiligst davonlief. Unterwegs traf er einen Fiaker, in den er sich, an allen Gliedern bebend, warf. „Ich zahle dreifache Taxe, nur eilen Sie!“ er nannte Stern’s Wohnung. Der Fiaker flog, doch schneckengleich für Caspari’s Ungeduld. Vielleicht konnte er ihn noch retten, der Brief war eine Stunde zuvor aufgegeben. — Endlich hielt der Wagen. Angsterfüllt stieg Caspari die teppichbelegten Stufen hinan; er warf einen Blick in’s Comptoir, dort war er nicht; er eilte in sein Privatzimmer; zitternd öffnete er. — Das Schreckliche war bereits geschehen; dort lehnte der Freund mit verzerrtem Gesicht; die Todeszuckungen waren noch wahrnehmbar! er mußte furchtbar gelitten haben.
Caspari brach erschüttert zusammen; eine Fluth von Gedanken und Empfindungen überkam ihn, die ihn unfähig zum Handeln machte. — Wie lange er hier gesessen? Es dämmerte schon, da hörte er einen Wagen vorfahren; eine schlanke Frauengestalt hüpfte leichten Fußes heraus; sie schien so glücklich, so lebensvoll! Jetzt half sie der Wärterin mit dem Kinde, sie nahm es nun selbst in ihren Arm, um es dem Papa hinaufzutragen. Schnell verriegelte Caspari die Thür, jetzt durfte sie nicht eintreten; er wollte erst selbst gefaßt sein, um die Arme vorbereiten, sich selbst in die ihm zugemuthete Lüge hineinfinden zu können.
Er sandte einen Diener zu Dr. Senter. Derselbe kam bald. Die Männer hatten sich verständigt. — Der Procurist erschien, Briefe zur Unterschrift vorzulegen — das Geheimniß mußte gewahrt werden. Es hieß, Jacob Stern sei an einem Herzschlag soeben verschieden. —
Susi saß am Clavier und spielte eben — es war die Zeit, in der ihr Gatte bei ihr einzutreten pflegte — die von ihm so geliebte Arie aus Aïda. Die Thür öffnete sich, es trat Jemand hinter ihre Lehne, sie reichte ihm, während sie weiter spielte, den Mund zum Kusse, doch erschreckt fuhr sie auf, der, den sie eingetreten wähnte, war nicht ihr Gatte, sondern Dr. Caspari, leichenbleich, mit verstörten Augen.
„Ich glaubte,“ stotterte Susi — „doch was ist Ihnen? Sie sind angegriffen“ —
„Ich habe soeben einen Freund verloren, und kann es noch nicht glauben, daß dem so ist!“ sagte Caspari schmerzlich erregt.
Susi drängte ihn ahnungslos auf einen Sessel und läutete, um ihren Mann rufen zu lassen. Der Diener, dem sie den Auftrag gab, stand sprachlos.
„Gnädige Frau, wissen noch gar nicht,“ stammelte der Alte — doch Caspari hatte sich gefaßt und drängte ihn zur Thür hinaus.
„Susi,“ begann er, ihre Hände in den seinigen haltend, „zeigen Sie sich als die muthige, seltene Frau, als die ich Sie stets verehrt! Die Vorsehung hat Schweres über Sie verhängt, doch Sie haben Kraft, selbst das Schreckliche mit Fassung zu ertragen — Ihr Gatte“ —
„Um Gottes Willen, was ist mit ihm?“ schrie Susi in halber Verzweiflung.
„Ein Herzschlag hat soeben sein Leben geendet!“ hauchte Caspari tonlos.
Susi war zusammengesunken; das Leben schien auch aus ihrem Körper entwichen; doch plötzlich flammte sie auf: „O, das ist ja nicht möglich! Heut’ Mittag war er noch gesund und frisch“ —
Der Arzt trat ein und hielt sie zurück, wie sie eben das Zimmer verlassen wollte.
„Lassen Sie mich zu ihm!“ rief sie abwehrend.
„Kein Anblick für Sie! meine Gnädige,“ sagte er bestimmend. „Fassen Sie sich!“
Susi stand entsetzt; ihre Kraft war gebrochen. Machtlos ließ sie sich von Caspari auf ein Sopha führen; sie stierte die Männer an, als kenne sie sie nicht, doch bald eilte sie an die Wiege des schlafenden Kindes, stürmisch preßte sie es an ihre Brust und weinte bittere, leidenschaftliche Thränen.
„Eine Waise!“ jammerte sie in wildem Schmerze. „O, Du armes, unschuldiges Kind, was hast Du verschuldet, daß Dir der Vater“ —
„Lassen Sie mich ihm Vater sein,“ sagte Caspari, ihr das Kind entwindend, da er fürchtete, sie möchte es in ihrem wilden Schmerze zerdrücken.
Susi sah ihn groß und fragend an; dann schüttelte sie wehmüthig das Haupt und blickt lange gedankenvoll vor sich hin. Man erzählte ihr, wie Alles gekommen, sie schien nichts zu hören. Wieder bat sie, man soll sie zu ihm lassen — der Arzt fürchtete eine zu heftige Erschütterung.
Die Kunde, daß Stern am Herzschlag gestorben, hatte sich wie ein Lauffeuer verbreitet.
Condolenten kamen und gingen. — Susi ließ Niemand vor. Was ihr noch vor einigen Jahren als eine Erlösung erschienen, war ihr jetzt ein unüberwindbares Unglück.
Ein großes unabsehbares Gefolge geleitete den Todten nach dem Friedhofe. Susi hatte gewünscht, Dr. Caspari soll in der Wohnung eine Leichenrede halten. Sie ahnte nicht, weshalb er es ablehnte. „Ich kann nicht!“ hatte er in einem Tone gesagt, der keine nochmalige Bitte aufkommen ließ. Der Prediger rühmte den Wohlthätigkeitssinn des Entschlafenen, seine unermüdliche Willenskraft, die nun so plötzlich gelähmt sei; er nannte ihn ein schaffendes Genie, durch dessen geniale Pläne Tausende in den entferntesten Landestheilen Arbeit, und damit Wohlstand und Bildung gewonnen. Susi hörte Nichts. Erst als man die Leiche aus dem Hain von Palmen, der in dem schwarz drapirten Saale gebildet war, hinaustrug, that sie einen gellenden Schrei und sank ohnmächtig zusammen. — —
Dr. Caspari hatte ihr in kluger Berechnung den Wunsch eingegeben, nach dem elterlichen Hause zu übersiedeln; er meinte, sie würde dort nicht durch Alles und Jedes an den Todten erinnert werden, der Umgang mit der Mutter werde sie beruhigen. So sah Susi nicht, was sich nach wenig Wochen in ihrem glänzend eingerichteten Hause abspielte. Die Comptoirs waren geschlossen, die Möbel unter gerichtliches Siegel gelegt, das Personal entlassen. Sie empfing Niemand, als Dr. Caspari, dessen Schwester und Mutter, so hörte sie auch nicht, was man sich in der Stadt bei der nun erfolgten Zahlungs-Einstellung ihres verstorbenen Gatten erzählte; sogar in den Zeitungen tauchten die Muthmaßungen auf, ob denn der Tod ein natürlicher gewesen, doch dem Einfluß des Dr. Caspari, an dessen reinem Charakter Niemand zweifelte und der sich öffentlich einen Freund des Verstorbenen nannte, gelang es, alle Gerüchte zum Schweigen zu bringen. Susi wurde selbstverständlich an jeder Zeitungslectüre verhindert, doch als die Hinweise in derselben zu häufig wurden, hielt es Dr. Caspari für geboten, der ohnehin leidenden Frau eine Badereise vom Arzte dictiren zu lassen. Marie begleitete die Freundin, und war wohl instruirt, wie sie Alles von ihr fern halten müsse, was sie beunruhigen könnte.
Vor ihrer Abreise hatte Susi noch einmal das Grab ihres Gatten besucht; hier erst empfand sie, wie nie im Leben, was er ihr und ihren Eltern gewesen, wie sich sein Denken und Empfinden geläutert, wie unaussprechlich unglücklich sie war, den Mann, der erst jetzt der Vertraute ihres Herzens geworden, gerade jetzt verlieren zu müssen.
X.
Wie jedes Ereigniß, das weitere Folgen nach sich zieht, wurde auch der Fall des Stern’schen Hauses eine Zeit lang eifrig besprochen. Wäre Stern am Leben gewesen, so hätte unbedingt ein Einschreiten der Staatsanwaltschaft erfolgen müssen, so indeß beruhigten sich die Gläubiger, als der Anwalt Dr. Caspari erklärte, die Witwe verzichte zu Gunsten der Gläubiger auf Hab und Gut, selbst die ihr notariell nach der Verheiratung mit Stern zugeschriebene Summe von 20.000 Thalern, sowie die ein Jahr später erfolgte Schenkung eines in gleichem Werthe stehenden Landgutes solle der Masse zugute kommen, um einen Ausgleich zu ermöglichen.
Susi’s Eltern waren keineswegs im Einklang mit dieser im eigentlichen Sinne des Wortes willkürlichen Verfügung Caspari’s; Cahen, von seinem Standpunkt als Kaufmann, meinte, Susi dürfe, ohne sich Gewissensskrupel zu machen, die ihr persönlich gemachten Schenkungen zurückhalten, sie sei es sogar sich, ihrem Kinde und ihrer Zukunft schuldig. Dr. Caspari versicherte, keinen Schritt zur Regelung der Sache mehr thun zu wollen, wenn man es ihm nicht überlasse, ganz nach bestem Ermessen zu handeln; nur durch vollständiges Verzichtleisten auf jedes ihr zustehende Recht könnte Susi die Gläubiger von feindlichen Schritten abhalten; zudem sei er überzeugt, daß, falls die junge Frau je einen Einblick in die Verhältnisse gewänne, sie keinen Augenblick zögern würde, so, wie er für sie disponirt, zu handeln, daß man jedoch, und stände eine dreifach so große Summe auf dem Spiele, ihr den Schmerz ersparen müsse, das Schreckliche mit Klarheit zu erkennen. Cahen sah endlich ein, daß er sich fügen müsse; er kannte seiner Tochter Grundsätze; zudem sprach das Vatergefühl, daß man dem geliebten Kinde jeden ferneren Schmerz ersparen müsse, zu mächtig in ihm.
„Sie können, ohne daß Susi eine Ahnung von der Sachlage hat, ein Jahresgeld für sie aussetzen!“ hatte Caspari bestimmt gesagt. „Ich weiß, wie sich Ihr Geschäft gehoben; Susi ist Ihr einziges Kind, und was ihr nach Jahren zugute kommen soll — theilen Sie es schon heute mit ihr, daß nicht der Fluch unrechtmäßigen Besitzes auf Ihnen und Ihrer Tochter Namen laste.“
Cahen war es, als ob er ein großes Opfer brächte, doch welcher Ausweg blieb ihm? Er wußte, daß Caspari sich zurückziehen würde, falls er ihm nicht willfahre, und nur durch das muthige Auftreten dieses in weitesten Kreisen hochgeschätzten Mannes war Unehre und Schande von dem Namen seines Schwiegersohnes fern gehalten worden.
Indeß Eltern und Freunde für sie Zeiten schwerer Sorgen und Kämpfe durchmachten, saß die trauernde Witwe ahnungslos in ihrem fernen Häuschen am Meer und glaubte schon das schwerste Unglück erfahren zu haben. Noch wähnte sie sich im Besitz von Macht und Reichthum, den Namen des Verstorbenen unangetastet; wohl ihr, daß sie nicht wußte, wie Alles in den zwei Monaten, seit jenem Unglückstage so anders geworden.
Der Sommer neigte seinem Ende zu. Susi dachte an die Heimreise; es galt, die junge Frau jetzt vorzubereiten, daß ihr Heim, ihr schloßartig eingerichtetes Haus, nicht mehr ihr eigen sei, das Geschäft ihres Gatten sich aufgelöst habe. Dr. Caspari war der Einzige, der dies in schonender Weise und mit richtigem Tact zu thun im Stande war. Er sollte die Freundin und die Schwester heimgeleiten. Einige Tage vor seiner Abreise wurde Frau Cahen bedenklich krank; die Sorgen und Aufregung hatten die ohnehin alternde Frau tief erschüttert; so bedenklich der Fall an und für sich, so erleichterte er doch dem Freunde das traurige Amt, Susi in die vollständig geänderten Verhältnisse einzuführen. Nicht die Witwe kehrte in das Haus des verstorbenen Gatten zurück, die Tochter eilte an’s Krankenbett der geliebten Mutter und dachte tage- und wochenlang nicht daran, dasselbe zu verlassen. — Frau Cahen war einem heftigen Nervenfieber zum Opfer gefallen; noch ehe sie die Augen schloß, nahm sie Susi das Versprechen ab, den Vater nicht zu verlassen. „Mein Kind, bleib’ im Elternhaus!“ hatte sie bittend gesagt. „Du mußt jetzt für Deinen Vater leben; verlaß ihn nicht!“