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Lebensbilder

Glaubenskämpfe. (continued 2)

Reading edition

Was Susi der sterbenden Mutter versprach, war ihr heilig. Sie bat jetzt den Freund selbst, das große, elegante Haus zu veräußern. Arme Frau! Sie ahnte nicht, daß der neue Besitzer bereits im Begriff war, es renoviren zu lassen. Dr. Caspari hatte ihr gesagt, daß er im Verein mit ihrem Vater gewissenhaft alle Geldangelegenheiten ordnen werde und Susi’s Sinn war zu wenig auf pecuniäre Dinge gerichtet, um, da sie ihr Vermögen den zuverlässigsten Händen anvertraut wußte, irgend eine Auskunft zu begehren. Sie lebte abgeschnitten von allem Verkehr nur den Ihrigen, fühlte sich auch in der steten Fürsorge, die ihre Freunde für sie hatten, durchaus nicht vereinsamt, obgleich Alle die sie mieden, die bisher ihre Gesellschaften frequentirt, sich in ihren Salons an Wein und Champagner gütlich gethan. Sie hatte ihr Kind, und somit erschloß sich ihr eine neue Welt des Glückes, der reinsten Freuden, die nach und nach die Falten, die Gram und Kummer ihrer jugendlichen Stirne eingefurcht, glätteten. Der kleine Berthold gedieh, gleich kräftig an Körper und Geist. Wer je die Freude gekannt, das erste Denken des geliebten Kindes zu belauschen, zu beobachten, wie sich seine Wahrnehmungen schärfen, wie es erkennen, urtheilen, vergleichen lernt, kann wohl ermessen, daß der vereinsamten Frau noch manche Blumen blühten, die ihrem Leben Reiz und Werth verliehen. „Ja, wenn er nur das Alles mit erlebt hätte!“ seufzte sie; „und sie, die gute Mutter!“ fügte sie thränenden Auges hinzu. Doch der kleine Wildfang ließ keine Verstimmung aufkommen; er herzte und küßte die Thränen aus dem Mutterauge hinweg, als sei er sich der Aufgabe bewußt, der betrübten Frau jetzt Alles sein zu müssen.

Der Jahrestag von ihres Gatten Tode nahte heran; sie glaubte im Sinne des Verstorbenen zu handeln, wenn sie aus dem vermeintlich großen Vermögen eine Summe zu wohlthätigen Zwecken abzweige. Dr. Caspari kam nicht wenig in Verlegenheit, als sie ihm ihre Absicht kund that.

Durfte er ihr sagen: „Du, die Du Dich reich und unabhängig wähnst und Anderen nach deinem reichen Herzen reiche Unterstützungen zufließen lassen willst, bist selbst auf Unterstützung angewiesen, bist arm und hilflos und weil Du es bist, komme, theile mit mir, was ich habe! Vergönne es mir, Dir des Lebens Annehmlichkeiten zu bieten, für Dich zu leben — Dein zu sein.“

O wie oft hatte dieser Wunsch in den letzten Monaten ihm auf der Zunge geschwebt — doch er ehrte ihre Treue und mochte in dem Jahr, das sie dem Verschiedenen widmete, keine Rechte auszuüben versuchen, die ihm dieser ja in seinem letzten Willen selbst eingeräumt. — Und Susi! hatte sie ihm nicht gehört, ehe sie Stern ihm — doch weg mit jenen Gedanken, die das Andenken dessen, den er hernach seinen Freund genannt, verunehrten. Ja, Susi mußte die Seine werden, doch das wußte er, sie würde nur einwilligen, so lange sie sich reich und unabhängig wähnte — nie, falls sie denken müßte, ihm mit ihrem Kinde eine Last zu sein. Deshalb mußte sie in ihrem Glauben, eine vermögende Frau zu sein, erhalten bleiben, deshalb mußte der sonst so wahrheitsgetreue Mann sich zu einer Unwahrheit herbeilassen. Als Susi wiederholt auf ihre Absicht zurückkam, versprach er Gelder flüssig zu machen, um womöglich in kürzester Zeit eine Vorlage liefern zu können. Diese kürzeste Zeit mußte genützt werden, so gern er noch, um Susi’s Schmerz und das Andenken an den Verblichenen sich ganz beruhigen zu lassen, seinen Antrag hinausgeschoben hätte.

Zum wievielten Male hatte Susi heute in dankbarer Anerkennung gesagt: „Was wäre aus mir geworden, wenn ich Euch nicht in der herben Leidenszeit zur Seite gehabt hätte! Nie werde ich Euch danken können, was Ihr an mir gethan!“

Caspari hatte der Schwester einen Wink gegeben, sich zu entfernen.

„Susi!“ begann er, mit Innigkeit ihre Hände ergreifend, „Susi, Sie können es! Denken Sie,“ fuhr er leidenschaftlich fort, „was wir uns, ohne es uns je gestanden zu haben, vor Ihrer Verheiratung waren! Lassen Sie uns die Spanne Zeit, die dazwischen liegt, aus dem Buche unseres Lebens streichen und ein neues Leben innigster Gemeinschaft beginnen! Glauben Sie mir, Susi, es hat mich die härtesten Seelenkämpfe gekostet, ehe ich mich dazu überreden konnte, Ihr Freund, nur Ihr Freund sein zu wollen. Mit der unterdrückten Gluth des Liebenden war ich nach außen der kühle, besonnene Freund, — ich wußte, was ich Ihnen und Ihrem Gatten schuldig war! Doch glauben Sie meinem Ehrenworte, er selbst hat mir einst in ernster Stunde das Recht auf Sie zurückgegeben, falls er nicht mehr sein wird. Susi, machen Sie dieser Tödtung der heiligsten Gefühle, zu der ich mich zwingen muß — ein Ende — werden Sie endlich die Meine!“

Die junge Frau hatte ihm mit steigender Röthe zugehört. War das der ruhige, besonnene Freund, der weise Berather, der da mit leuchtenden Augen, aus denen das heißeste Verlangen sprach, vor ihr saß, der ihr jetzt zu Füßen gesunken war, ihre Hände mit glühenden Küssen bedeckte. Magnetisch durchzuckte es ihr ganzes Wesen, vergebens sammelte sie ihre Kräfte, ihm zu widerstehen, — willenlos lag sie in seinen Armen, eine höhere Macht, der sie mit dem Aufgebot ihrer physischen und geistigen Kräfte lange genug entgegengearbeitet, um äußerlich ruhig zu erscheinen, läßt sie unterliegen, die Macht der lang unterdrückten, jetzt siegreich erwachenden Liebe.

Sie sprach kein Wort, sie schluchzte wie ein Kind, das sich aus dem Elternhaus verlaufen und nun durch eine gütige Hand wieder in die Arme der Liebe zurückgeführt wird.

„Und Du sagtest, daß er Dir ein Recht auf meinen Besitz gegeben?“ fragte sie endlich nach langer stummer Umarmung.

„In einer Stunde, die ihm die ernsteste seines Lebens war!“ entgegnete Caspari.

„So nimm mich denn hin!“ rief sie, sich innig an seine Brust schmiegend; „Du weißt es ja, daß ich längst Dir gehört, ehe ein unseliges Mißverständniß mich dem Verstorbenen zuführte; doch ich habe ihn achten und lieben lernen und werde sein Andenken, selbst wenn eine alte Liebe in ihre geheiligten Rechte tritt, stets in Ehren halten!“ — Sie war zu glücklich, um die Wolke zu sehen, die Caspari’s klare Stirn überzog; doch wie ein Schatten flog sie vorüber, als sein Blick das geliebte Weib traf, das blühender und schöner als je, nach langen Kämpfen nun endlich sein eigen geworden.

XI.

In der Stadt S. erregte es nicht wenig Aufsehen, als die Verlobung des Rechtsanwalts Berthold Caspari mit der Witwe des bankerotten Jacob Stern bekannt wurde. Er, dem die schönsten und reichsten jungen Mädchen angetragen worden, wählte eine mittellose Frau, deren Mann allerhand unlautere Sachen nachgesagt wurden, an dessen ehrenhaftem Tode man sogar zweifelte. Es war wieder einmal einer jener Fälle, den man sich nicht erklären konnte und der namentlich von den Müttern heiratsfähiger Töchter in’s Unglaubliche travestirt wurde. Man sprach schon von einem Verhältniß zu Lebzeiten Stern’s, von Susi’s wohlbedachten Plänen, ihrer Coquetterie, von Caspari’s Leichtsinn, in eine solche Falle gegangen zu sein und ahnte nicht, daß die beiden Menschen, um deren Schicksal man sich so sehr kümmerte, den Traum ihres Glückes so rein und ganz genossen, daß nicht einmal die in aller Munde ventilirte Vermögensfrage bisher zur Sprache kam. Der alte Cahen hatte sich, obgleich die Vereinigung mit Caspari, dem getauften Juden, seiner religiösen Anschauung durchaus zuwider war, dennoch endlich gefügt und dem glücklichen Paare seinen Segen gegeben; selbst in dem Herzen des alten, in religiösen Vorurtheilen grau gewordenen Mannes dämmerte eine Ahnung, daß es ein Glück gebe, das über den religiösen Bekenntnissen, frei und unabhängig von denselben die Menschenseele belebe; ja es wurde in ihm zur Gewißheit, daß jene höchste, vornehmste Glückseligkeit, wie er sie in seinen Kindern verkörpert fand, sich nur in sittlich guten, reinen Menschen, denen Reichthum mehr Werth als Befolgung ceremonieller Gebräuche habe, verwirklichen lasse. Caspari’s Benehmen noch zu Stern’s Lebzeiten, seine edle Handlungsweise nach dessen Tode an der sonst der Verachtung preisgegebenen Tochter, hatten ihm imponirt.

„Mehr hätte kein Jude thun können!“ hatte er ihm als höchste Anerkennung gesagt.

Obgleich er der Tochter gern den Schmerz erspart hätte, Klarheit in ihrer Vermögenslage zu haben, hielt er es doch für seine Pflicht, da Susi mehrmals davon gesprochen, ihrem Kinde eine Summe festzusetzen, auf die traurige Vergangenheit hinzuweisen.

Caspari fand seine Verlobte einst in Thränen, als er nach den Bureaustunden, wie gewöhnlich, bei ihr vorsprach.

„Das, das hättest Du für mich gethan!“ rief sie in überströmender Glückseligkeit unter heißen Thränen lächelnd. „O, jetzt weiß ich erst, daß ich mich nie, nie, und setzte ich mein ganzes Leben zum Opfer ein, Deiner Liebe würdig machen kann, Du edler, guter Mann.“

„Du übertreibst, Susi!“ sagte er ruhig, nachdem er erkannte, was Susi so in Extase gebracht. „Hättest Du nicht gleichfalls, wenn es in Deiner Macht gelegen, Alles gethan, um einen Schmerz, eine Enttäuschung von mir abzuwenden?“

„Aber Du bindest Deine Zukunft an die einer mittellosen Frau, die Dir noch die Sorge für ihr Kind aufbürdet!“ entgegnete sie halb vorwurfsvoll.

„Susi!“ entgegnete er fast unwillig, „bedarf es zwischen uns darüber einer Auseinandersetzung, daß das wahre Glück nicht an irdischen Besitz gebunden sei? Hast Du es nicht selbst an Dir erfahren, wie sehr der Besitz abstumpft, wie leicht sich das Auge an Gold und Glanz gewöhnt, ohne seinen Werth richtig zu schätzen, während das Herz, das Gemüth täglich neu und dankbar den innern Reichthum würdigt? Und wer,“ setzte er begeistert hinzu, „brächte mir, wenn ich denn schon mal egoistisch handeln will, mehr Garantien für inneres Glück in mein neu zu gründendes Heim, als die jahrelang erprobte Freundin meiner Jugend?“

„O, wie martert mich der Gedanke,“ entgegnete Susi, „daß ich, wie ich jetzt die Sachlage erkenne, dennoch nicht die Deine werden darf! Dein nur der Wahrheit und dem Recht geweihtes Leben darf nicht durch die Vereinigung mit einer Frau, an deren Namen ein Makel der Unehrenhaftigkeit haftet, befleckt werden —“

„Halt ein, Du übertreibst!“ rief Caspari, ihre Rede energisch abschneidend; „es war gefehlt von Deinem Vater, Dir Alles zu enthüllen, doch was man auch dem Verschiedenen nachsage, Dein Name steht rein und unangetastet —“

„Und habe ich nicht geholfen, jenes Geld, an dem der Fluch von Tausenden lastete, in Ueppigkeit vergeuden? Kann man mich nicht für die Mitwisserin seiner Pläne halten?“ entgegnete Susi in heller Verzweiflung.

„Wer Dich kennt,“ beruhigte Caspari, „weiß Dich keiner unlauteren Handlung fähig. Es ist ein Unrecht der Männer, ihren Frauen keinerlei Einblick in ihre finanziellen Verhältnisse gewähren zu wollen; sie würden sich manche Sorge und Verantwortung erleichtern, wenn sie in der Frau die treue, verständige Beratherin erkennen wollten; doch glaube mir Susi — hier, wo die Speculation in’s Ungeheuerliche ging, hatte selbst der Mann keinen Einblick, wie sich die Verhältnisse gestalten konnten. Die Hunderttausende, die heute verloren galten, konnten in wenigen Tagen durch eine glückliche Speculation zurückerobert sein. Es war der Fluch, der auf dem leichterworbenen, durch Börsengeschäfte errungenen Gelde lastete, daß, wie es mühlos die Cassen füllte, zu Verschwendung und Luxus Veranlassung gab, es ohne Segen zu stiften, gleich Fluth und Ebbe wieder in dem Meer der endlosen Speculation verschwand.“

„Wehe denen, die in jener Zeit maßloser Ueberschätzung ihres irdischen Besitzes den Sinn für Werthschätzung jener höheren Güter verloren, die des Lebens eigentlichen Inhalt ausmachen. Du, meine Susi,“ setzte er mit lebhafter Empfindung hinzu, „kamst als Opfer unglücklicher Intriguen in jene Welt des falschen Seins; doch unter allen möglichen Verlockungen zu Verschwendung und Scheinleben hast Du Dir den Sinn für das Ideal reinen Menschenthums rein erhalten und veredelnd und beglückend, einer leuchtenden Sonne gleich in jenen Kreisen gewirkt, die dem Glanz höheren Lichtes sonst abhold zu sein pflegen; und darum, Susi, bist Du mein geblieben und ich muß Dich festhalten — muß es, Susi, aus Egoismus — denn ich trage den Zwang, den ich mir Jahrelang auferlegte, nicht länger. —“

„Mögest Du nie diese Stunde bereuen,“ hauchte Susi leise, „in der Du meinen Entschluß, den ich — ja ich gestehe es Dir, mit dem Glücke meines Lebens bezahlt hätte — wankend machst! In wenigen Tagen soll unsere Verbindung stattfinden; ich bitte Dich, laß uns jedes äußere Gepränge vermeiden! — Es hat sich mir seit gestern ein Abgrund schauerlicher Wahrheiten aufgethan — daß ich denen nicht in’s Auge sehen mag, die sie längst kannten und mich vielleicht schwer und falsch verurtheilten! —“

„Glaube das nicht, Susi!“ entgegnete Caspari beschwichtigend; „Deine näheren Bekannten wußten, daß Marie und ich Dich absichtlich von jedem Verkehr fernhielten; Du warst durch uns verurtheilt ein Traumleben zu führen und darfst nicht aus demselben erwachen, um unglücklich, sondern im eigentlichsten Sinne des Wortes glücklich zu werden, und daß Du es werdest, dies, geliebtes Weib, soll meines Lebens heiligste Aufgabe sein. —“

Eine weihevolle, heiligschöne Stunde folgte dieser Auseinandersetzung. Wie, ach leider so selten hatten sich über dem Grabe einer unseligen Vergangenheit und menschlicher Vorurtheile zwei Menschen die Hand zum gemeinschaftlichen Bunde gereicht, die sich dessen bewußt waren, was es heißt „eine Ehe vor Gott“ führen. — Kein Priester hatte ihren Bund gesegnet, und doch war sie rein und geheiligt durch das Streben nach des Lebens unvergänglichen Gütern.

Das Casparische Haus wurde bald der Mittelpunkt jedes geistigen Lebens. Schwester Marie ist die Gattin eines angesehenen Advocaten; es ist rührend, die beiden Frauen in blühender Kinder Mitte als das Bild echten Familienglücks zu betrachten.

Vielfach taucht von Bekannten die Frage auf, wie sie denn in religiöser Beziehung ihre Kinder zu erziehen gedenken? „Zu sittlich guten Menschen,“ antwortet dann Caspari und selbst der alte Cahen, der in dem Glücke seiner Kinder auflebt, sagt: „Er wird es schon verstehen! Wir sind alle Gottes Kinder, wenn wir die Gebote der Pflicht und des Rechts befolgen.“

Schlussvignette „Glaubenskämpfe“
Schlussvignette „Glaubenskämpfe“
Kopfvignette „Thurmwächters Rundschau in der Sylvesternacht“
Kopfvignette „Thurmwächters Rundschau in der Sylvesternacht“
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