Ein improvisirtes Verlobungsfest. Humoreske.
Reading edition
Vor einem der belebtesten Cafés der Ringstraße sahen wir einen älteren, behäbig aussehenden Herrn seinen Mocca schlürfen, dann eifrig die Zeitungen durchstöbern, auch wohl die Passanten mustern. Auf hundert Schritt Entfernung glaubte man zu erkennen, daß er ein Ausländer sei, und doch ist Leopold Buchler ein gutes Wiener Kind, das noch in seinen alten Tagen von der Sehnsucht heimwärts getrieben wurde und die weite Reise unternommen, um seine Tage da zu beschließen, wo er sie begonnen, in seiner geliebten trauten Kaiserstadt, nach der es ihn, als er seine Geschäfte in Calcutta abgewickelt, wie mit Zauberbanden zurückzog. Da ist er nun heute nach zwanzigjähriger Abwesenheit zurückgekehrt, Alles ist ihm so fremd und neu, er hat noch keinen seiner alten Bekannten aufgesucht, doch späht er eifrig aus, ob ihm nicht ein günstiger Zufall den Einen oder den Andern entgegen führen würde. Wohl ist vielleicht Mancher, mit dem er sich einst gut Freund nannte, schon an ihm vorbeispaziert, doch vermochte er ihn nicht zu erkennen; in seiner Vorstellung sind sie Alle noch „flotte Bursche“, die da jetzt mit weißen oder ganz haarlosen Köpfen, in gebückter Haltung, sorgenvoll, gedankenschwer einhergehen; zwanzig Jahre sind in unserer leichtlebigen Welt, die die Menschen schneller altern, ihnen keine Zeit zur Ruhe und Erholung läßt, ein Zeitraum, der aus lebensfrischen Menschen müde Greise macht.
Leopold Buchler erkannte Niemanden, auch nicht den jetzt sinnend vor ihm stehen bleibenden breitschultrigen Mann, der dann einige Schritte vorwärts ging, sich alsbald umwandte und ihm dann derb einen Schlag auf die Schulter versetzte.
„Grüß Dich Gott, alter Freund!“ rief jener, der jetzt seiner Sache sicher zu sein schien; „was führt Dich wieder heim in unsere liebe Vaterstadt?“
„Roderich!“ rief Buchler jetzt, beide Arme ausbreitend und den Jugendfreund herzlich umarmend; „Dich, Dich habe ich nicht erkannt!“
„Dafür ich Dich auf den ersten Blick!“ rief jener, auf dessen gefurchtem, eingefallenem Gesicht jetzt Freude und Glück strahlte; „Du hast Dich aber auch prächtig conservirt!“ fuhr er, am Tische Platz nehmend, fort, „man sieht es Dir an, daß Du nur die Lichtseiten des Lebens kennen gelernt —“
„O Freund,“ unterbrach Buchler, „auch die Schattenseiten sind mir nicht verborgen geblieben!“
„Ich weiß,“ entgegnete Professor Detmold; „Du hast Deine gute Frau in der Blüthe der Jahre verloren. Wir sprachen gar oft von ihr und meine Anna weinte wie ein Kind, als die Nachricht von ihrem Tode einlief.“
„Sie war eine seltene Frau!“ sagte Buchler, eine Thräne im Auge zerdrückend; „Jahre sind darüber hingegangen, ehe ich —“
„Das kann ich Dir nachfühlen“, unterbrach ihn der Freund; „auch ich habe, seitdem ich meine Anna verloren, keine rechten Freuden genossen.“
„Anna todt!“ sagte Buchler mit aufrichtigem Mitgefühl. „Wann hat Dich das Unglück getroffen?“
„Vor fünf Jahren!“ entgegnete Detmold, den Blick zur Erde gewendet.
„Und hast Du nie daran gedacht, Deinem Witwerstand ein Ende zu machen?“ forschte Buchler.
Der Andere sah ihn groß und fragend an. Ein stummer Vorwurf schwebte auf seinen Lippen, doch er vermochte ihm in seinem Schmerz nicht Worte zu leihen. „Wer wäre würdig genug gewesen, den Platz einzunehmen, den Anna inne gehabt!“ sagte er nach einer Pause. Beide Männer schwiegen; Buchler wollte offenbar etwas entgegnen, doch er besann sich und, auf ein anderes Thema übergehend, suchte er den Freund zu erheitern; er erzählte ihm, wie er vor einem halben Jahre sein Geschäft verkauft, wie dann die Sehnsucht nach der Heimat in ihm mächtig geworden und er beschlossen, alle Verbindungen abzubrechen und sobald als möglich westwärts zu steuern; so sei er denn vor drei Monaten von Calcutta abgereist und nach mancherlei Unterbrechungen, Aufenthalt in Italien, der Schweiz und dem Salzkammergute gestern glücklich in seinem lieben Wien angelangt.
„Und Du denkst Dich hier dauernd niederzulassen?“ forschte der Freund.
„Ich suche soeben eine hübsche Stadtwohnung, von vier bis fünf Zimmern, die ich mir mit allem Comfort herzurichten gedenke!“
„Siehst Du, alter Knabe!“ rief Detmold hocherfreut, „das ist die gescheiteste Idee Deines Lebens! — Doch was willst Du mit einer so großen Wohnung?“ fuhr er nach einer Pause fort.
„Nun, nun,“ erwiderte jener sichtlich verlegen, „man mag doch nicht immer allein bleiben und dann erwarte ich“ — er hielt inne, da ihm ein Geständniß, das ihm schwer auf den Lippen schwebte, nicht so recht herunter wollte.
Doch Detmold schien dies kaum zu bemerken. „Hast auch Recht,“ nahm er das Wort, „daß Du Dir, nachdem Du auf eine gesegnete Thätigkeit zurückblicken kannst, das Leben angenehm machen willst! A propos!“ begann er nach kurzer Pause, während er mit Behagen seinen Mocca schlürfte, „da fällt mir ein, daß die Sectionsräthin Sturm in ihrem neu erbauten Hause am Ring eine prächtige Wohnung zu vergeben hat; sie bewohnt das Parterre, im zweiten Stock wohnt ein Börsianer, der erste Stock ist noch frei. Du kommst da gleich zu einem sehr angenehmen, geselligen Verkehr, die Räthin ist eine charmante, sehr gastfreie und unterhaltende Dame, die Töchter sind gebildete, überaus reizende Mädchen, in deren Umgang Du sicher —“
„Aber bester Freund, Du willst mir doch nicht gar eine Partie aufschwatzen?“
„Das will ich nicht, bei Gott!“ entgegnete Detmold ernsthaft; „weiß ich ja, daß Du Deine Marie nie vergessen wirst, und wenn schon die Räthin nach einem reichen Freier für ihre älteste Tochter ausspäht, lag mir eine solche Combination fern. Mich leitete nur der Gedanke, Dir, der Du hier fremd bist, ein gastliches Haus zu eröffnen —“
„Ich verstehe,“ unterbrach ihn Buchler, „und bin Dir dankbar für Deine Fürsorge. Wollen wir mit einander die Wohnung anschauen?“
„Du hast heute ganz über mich zu verfügen, alter Freund!“ entgegnete Detmold.
Gar bald standen die beiden Männer vor einem großen stattlichen Hause.
„Frau Räthin zu sprechen?“ fragte Detmold den Portier.
„Die Gnädige muß jeden Augenblick zurückkehren!“ entgegnete Jean.
„So nehmen wir einstweilen die Wohnung in Augenschein!“ sagte Detmold, die Treppe hinaufgehend. Kaum hatten die beiden Männer die Runde durch die mit allem Comfort eingerichteten Räume gemacht, als man unten einen Wagen vorfahren hörte.
„Unsere Frau Wirthin!“ sagte Detmold, der an’s Fenster getreten war, „willst Du mit ihr sprechen?“
Doch ehe dieser noch zu einem Entschluß kommen konnte, stand schon ein Diener vor ihnen, der die Herren bat, in den Salon der Frau Räthin hinunter zu kommen.
„Bist Du hier Hausfreund?“ neckte Buchler; „Madame ist ja sehr pressirt, Dich zu empfangen?“
„Oder richtiger, ihre Wohnung zu vermiethen! Der Portier hat ihr vermuthlich gesagt, daß ich mit einem Fremden hinaufgegangen.“
„Mein lieber, werther Professor, wie lange haben wir Sie nicht gesehen!“ erscholl es, als sie noch kaum den Salon betreten, aus dem Munde einer kleinen, runden Frau, der Detmold alsbald seinen Freund Buchler aus Calcutta mit dem Zusatze: „Millionär außer Dienst!“ vorstellte.
Die Räthin machte eine augenscheinlich tiefere Verbeugung, als sie eigentlich beabsichtigt, der „Millionär“ schien ihr gewaltig zu imponiren. Mit überaus gewinnender Liebenswürdigkeit lud sie ihn ein, neben sich auf dem Divan Platz zu nehmen und hatte gar bald mit der klugen Frauen eigenen Unterhaltungsgabe erkundet, was sie wissen wollte. Buchler war enorm reich, fünfundvierzig Jahre, wollte sich hier niederlassen, eine Wohnung mit allem Comfort einrichten, das Leben genießen! Er war noch ein hübscher, ansehnlicher Mann, mit dem selbst ein achtzehnjähriges Mädchen, so meinte sie, hätte glücklich sein können. Gar schnell war in dem Köpfchen der klugen Frau ein Plan gereift; ihre Camilla war 24 Jahre alt, aus der Verbindung mit dem mittel- und stellunglosen Doctor Richard könnte nichts werden, der Millionär, den ihr der Zufall in’s Haus geschneit hatte, mußte mit allen Mitteln der Coquetterie und Liebenswürdigkeit derart gefesselt werden, daß er, mochte er Heiratspläne haben, oder nicht, um Camilla werben mußte.
Dem arglosen Buchler sagte die sympathische unterhaltende Dame sehr zu; er fragte kaum nach dem Preis der Wohnung und erklärte, daß, obgleich er gern noch ein Fremdenzimmer eingerichtet hätte, er doch der angenehmen Geselligkeit wegen, die ihm Madame in Aussicht gestellt, auf eine größere Wohnung verzichten und diese miethen werde. Die Räthin war überselig; das war ihr in ihrer jahrelangen Praxis als Hausherrin noch nicht vorgekommen, ein Miether, der nicht einmal nach dem Preise fragte!
„Er muß ein Nabob sein!“ sagte sie, nachdem die Herren gegangen, zu ihren Töchtern, die im Nebenzimmer die Unterhaltung mit angehört hatten, „wir können uns Professor Detmold zu aufrichtigstem Danke verpflichtet halten, daß er uns diese Bekanntschaft vermittelt.“ „Beste Mama,“ entgegnete Camilla, ein hübsches blondlockiges Mädchen, dem Freude und Lebenslust aus den Augen schauten, „wenn Du doch nur den alten, langweiligen Professor —“
„Thörin,“ unterbrach sie die jetzt völlig metamorphosirte Mutter, deren Blick ernst und finster geworden war, „Du könntest leicht Frau Professor sein, wenn Du es verstanden hättest, Deine Vorzüge zur Geltung zu bringen.“
„Soll ich dies vielleicht, da ich es bei Detmold unterließ, bei dem indischen Nabob versuchen?“ fragte Camilla schelmisch lächelnd.
Die Räthin schien den Spott nicht herauszuhören. „Gut, daß Du endlich einmal zur Vernunft kommst, Mädchen,“ sagte sie, dicht zu ihr heran rückend. „Ich will Dir all’ Deine bisherigen Unklugheiten verzeihen, wenn Du mir in diesem Punkte zu folgen versprichst!“
„Also, was soll ich thun, Mütterchen, um Deine Zufriedenheit zu erwerben?“ fragte Camilla, sich zum Ernste zwingend. „Mon Dieu,“ entgegnet die Räthin nach Worten suchend, „soll ich denn einem Mädchen von vierundzwanzig Jahren Vorschriften geben, wie sie sich benehmen soll, um ihre Zukunft zu sichern? Mr. Buchler wird unser Hausgenosse sein, wir werden selbstverständlich Gelegenheit haben, ihn öfter zu sehen, ihm bei seiner Einrichtung und Wirthschaftsführung an die Hand zu gehen, Du wirst Dich ihm als praktische Haustochter unentbehrlich machen, unser Freund Detmold ist sein Intimus, selbstverständlich wird das ‚Motto‘ gelten: ‚Les amis de mes amis sont aussi mes amis‘!“
„Und weiter nichts als amis?“ spottete das übermüthige Mädchen. „Gut, Mama, auf diesen Vorschlag will ich eingehen; ich werde den alten indischen Nabob mit allen mir zu Gebote stehenden Mitteln zu umstricken suchen, verspreche Dir, ihm sogar, und wenn er uns täglich besuchen sollte, etwas vorzulesen, vorzusingen, vorzuspielen, vorzuweinen —“
„Du bist und bleibst eine Närrin!“ unterbrach sie die Räthin unwillig. „Doch ich erkläre Dir fest und entschieden, Camilla, daß, wenn Du all’ meine Pläne consequent kreuzen wirst, ich Dr. Richard von heute an den Verkehr in unserem Hause untersage.“
Das schöne Mädchen wurde nachdenklich.
„Aber Mutterlieb“, begann sie, ihre Arme um den Hals der kleinen Frau schlingend, „was hat Dir denn Adalmar gethan? Ist er nicht der beste Gesellschafter, der aufrichtigste Freund?“
„Und die aussichtsloseste Partie, die Du nur anstreben kannst!“ entgegnete die Mutter.
„Strebe ich denn eine Partie an?“ fragte Camilla verwundert.
„Das ist ja eben Dein strafbarer Leichtsinn, daß Du es nicht thust! Ein Mädchen in Deinen Jahren, ohne Vermögen, ohne Versorgung, hat die Pflicht —“
„Aber Pardon, beste Mama, sich doch nicht etwa einem alten, abgelebten Manne als Krankenpflegerin zu opfern?“
„Du kannst mich mit Deinen albernen Ansichten bis zur Verzweiflung bringen!“ entgegnete die Räthin mit dem Fuße stampfend; man sah jetzt, wie die noch eben im Verkehr mit den beiden Herren so äußerst einnehmende Frau bitterbös sein konnte, so daß sich ihre Züge bis zur Unkenntlichkeit entstellten. Schmollend verließ sie das Zimmer. Kaum war die Thür hinter ihr in’s Schloß gefallen, als Camilla ein Bild aus ihrem Notizbuch hervor nahm, und es, indem ihre Augen sich mit Thränen füllten, herzlich küßte. „Mein Adalmar, Dein auf ewig!“ flüsterte sie, „und wenn zehn indische Nabobs mir ihre Schätze zu Füßen legen wollten!“
II.
Leopold Buchler hatte seine herrlich eingerichtete Wohnung im ersten Stock bezogen; die Räthin war ihm in besonderer Liebenswürdigkeit bei der Beschaffung der Einrichtung hilfreich gewesen, sie hatte Tapezierer und Decorateure bei ihren Arbeiten überwacht, eine Haushälterin engagirt, Dienstboten aufgenommen — Buchler wußte in der That nicht, wie er der ihm vollständig fremden Dame ihre Freundlichkeit danken sollte. Madame war klug genug, bis jetzt nichts von ihren Töchtern hören zu lassen, Camilla hielt sich, so oft der „Nabob“, anders titulirte sie ihn nicht, bei ihnen vorsprach, consequent verborgen. Doch nun gab es zur Einweihung der neuen Wohnung ein Fest, bei dem selbstverständlich die Räthin die Honneurs machte und „sammt Familie“ eingeladen war. Buchler war in der That überrascht, die noch jugendliche Frau mit drei jungen Damen erscheinen zu sehen, die für ihre Schwestern hätten gelten können. In chevaleresker Weise machte er den jungen Damen, aber nicht minder der Mutter Complimente, und fast stieg schon in der noch immer feschen, lebenslustigen Frau die Idee auf: „Wie, wenn er Dich meint?“ Sie war vierundvierzig Jahre, konnte aber noch gut für sechsunddreißig gelten; einst eine berühmte Schönheit, waren ihre Züge immer noch angenehm, ihre Figur litt zwar durch die zunehmende Körperfülle, doch verstand sie so prächtig Toilette zu machen, daß Jedermann noch die schöne Räthin Sturm von ehemals sah.
Nur einen Augenblick konnte sie jenem Gedanken nachhängen, das Muttergefühl war stärker als der Wunsch für ihr persönliches Glück. Camilla glänzend verheiratet zu sehen, war ihr Hauptziel. Geschickt wußte sie Buchler in eine Unterhaltung mit Camilla zu verflechten und schien sichtlich erfreut, die Tochter so gesprächig und liebenswürdig zu finden, wie sie sie lange nicht gesehen.
Auch Camilla hatte ihren Plan; war die Mutter berechnend, so glaubte die Tochter noch berechnender sein zu sollen. Ja, sie wollte sich die Gunst des reichen Buchler, dessen Neffe, wie sie wußte, Professor Wenzel in Prag war, gewinnen. Wenn dieser ihrem angebeteten Adalmar zu einer Stellung an der Prager Universität verhalf, konnte selbst die ehrgeizige Mutter, die durchaus für sie eine „glänzende Partie“ anstrebte, nichts gegen ihre Verbindung einzuwenden haben.
Diesem Plane gemäß war Camilla von ausnehmender Freundlichkeit gegen Buchler, sie wußte ihm mit schalkhaftem Ernst dies und jenes pikante Histörchen zu erzählen, dann wieder ihn selbst zum Reden zu veranlassen, und da sie gar bald gewahrte, daß er mit Vorliebe von seinen fernen Besitzungen, seinem früheren Geschäft, der Seereise etc. sprach, war sie bald die aufmerksamste Zuhörerin, der zuliebe er die ganze, ihn umgebende Gesellschaft zu vergessen schien.
Die Räthin strahlte vor Wonne und Glück; nie hatte sie geglaubt, daß Camilla denn doch noch Raison annehmen und auf ihre Pläne eingehen werde. Man setzte sich zur Tafel; Buchler, der ursprünglich beabsichtigt hatte, die Räthin zu Tisch zu führen, fühlte sich derart von dem Reiz, den das junge Mädchen auf ihn ausübte, bestrickt, daß er an ihrer Seite blieb und auch, nachdem die Tafel aufgehoben war, stetig um sie bemüht blieb. Bald holte er Noten herbei, um sie zum Singen zu veranlassen, bald Kupferstich-Sammlungen, die sie, wie er meinte, interessiren müßten. Im Grunde interessirte sie nur, daß sie im Laufe der mehrstündigen Unterhaltung herausgebracht, Professor Wenzel sei ein sehr zugänglicher, liebenswürdiger Mann, dessen Besuch er, sobald die Hörsäle geschlossen, erwarte. Sie selbst nahm Buchler, als man sich trennte, das Versprechen ab, recht oft ihr Gast sein zu wollen, und um in ihrem bon-homme nicht etwa Hoffnungen zu nähren, die sie nicht zu erfüllen gewillt war, theilte sie ihm ganz im Vertrauen und unter dem Siegel des strengsten Geheimnisses mit, daß sie ihn mit einem hochbegabten jungen Manne, einem enthusiastischen Verehrer seines Neffen bekannt machen wolle, der, so sehr er ihr gefalle, das Unglück habe, der Mama zu mißfallen, da er stellenlos sei.
Buchler schien sich sichtlich durch das ihm geschenkte Vertrauen geehrt zu fühlen und gestand sich gar bald, daß er lange kein Mädchen gesehen, das bei eminentem Geist und gediegener Unterhaltungsgabe so viel Wahrheit und Natürlichkeit besäße.
Als er wenige Tage hernach in der Wohnung der Räthin einen Besuch machte, fand er Dr. Adalmar Richard anwesend, der ihm, zum nicht geringen Erstaunen der Räthin, mit herzgewinnender Freundlichkeit entgegen kam. „Ahnt Adalmar in ihm keinen Nebenbuhler?“ fragte sie sich. Thut der doch sonst, wenn er irgendwo einen Rivalen wittert, als wollte er ihn vergiften.
Buchler seinerseits betrachtete mit sichtlichem Wohlgefallen den schönen jungen Mann, dessen edle hohe Gestalt, dessen geistfunkelndes Auge Jedem imponiren mußten. Mit Freuden nahm er Dr. Richard’s Vorschlag, ihn auf seinen Ausflügen in der Umgegend zu begleiten, an, lud auch die Räthin und Camilla zu denselben ein, da, wie er ziemlich unbeholfen sagte, „die Equipage ja nun doch einmal täglich gemiethet sei“.
Einem Andern würde die Räthin eine derartige taktlose Einladung nie verziehen haben, doch in diesem speciellen Falle schien die sonst in Etiquettefragen ungemein subtile Dame keine Verletzung des guten Tones zu finden; war ihr auch die Gesellschaft Adalmar’s ziemlich lästig, so hoffte sie doch, diesen bald in geschickter Weise beseitigen zu können, und dann galt ja auch die Gelegenheit, täglich des Nabob elegante Equipage zur Verfügung zu haben, sich an seiner Seite zeigen zu können, nicht wenig.
Die gute Frau legte sich gar manche Strapaze auf, sie war auf Promenaden, Landpartien, in Theatern und Concerten stets die vorsorglichste Garde-Dame und stellte es, wenn gute Freundinnen auf ein intimes Verhältniß hindeuteten, kaum in Abrede, daß Mr. Buchler ihr ein erwünschter Schwiegersohn sei.
Dr. Richard war einige Wochen hernach, wie es hieß, nach seiner Heimat abgereist, in Wirklichkeit aber nach Prag, wo er sich auf Anrathen und Empfehlung Buchler’s an Professor Wenzel wenden sollte, um dessen Protection zu gewinnen. Täglich sandte er Briefe an Camilla, doch da die Räthin energisch gegen einen Briefwechsel protestirt hatte, machte der gutmüthige Buchler den Mittler und erntete für jedes Briefchen, das er Camilla heimlich zusteckte, tausend Dank. Diese Heimlichkeiten entgingen dem sorglichen Auge der Räthin nicht, doch lag ihr Alles ferner, als sie zu stören; sie war sogar unvorsichtig genug, ihrer Busenfreundin mitzutheilen, daß Buchler sterbensverliebt sei und Camilla täglich Correspondenzen sende, so liebeglühend, so feurig, daß sie sicher seiner Erklärung entgegensehen könne.
Buchler sprach jetzt auch öfter von einem Feste, das er demnächst zu geben beabsichtige, von lieben Verwandten, die zu demselben eintreffen sollten. Niemand fragte, wer diese Verwandten wären, Professor Detmold, der täglich im Hause verkehrte, hatte wohl gelegentlich von einer Nichte gesprochen, die bei Innsbruck auf einem Gute lebe, — vermuthete man, daß diese oder eine andere Verwandte kommen werde? Da man den zu erwartenden Besuch nicht kannte, interessirte man sich nicht für ihn. Gerne ließ sich die Räthin vom Professor Detmold von Buchler’s verstorbener Gattin unterhalten. Er schilderte sie als eine eminent schöne, geistbegabte Frau, der Buchler von ganzer Seele zugethan war. „Sonderbar,“ sagte die Räthin, „daß Buchler nie an eine Wiederverheiratung gedacht hat!“
„Das wundert mich durchaus nicht!“ entgegnete der Professor; „wer einmal wahr und rein geliebt hat, bleibt dieser Liebe getreu!“
Die Räthin lächelte im Stillen; sie glaubte in Buchler’s Herzensangelegenheiten besser unterrichtet zu sein.
Die Beiden hatten nicht bemerkt, daß gleich bei Beginn ihres Gespräches die Portiere leicht gehoben worden, doch eben so schnell wieder fiel. Buchler, der gerade seinen Namen nennen hörte, war zurückgetreten. „Der gute Professor wird es Dir nicht verzeihen können,“ dachte er, „wenn er denn doch über kurz oder lang die große Neuigkeit erfahren muß.“ Leise ging er wieder hinaus und traf im Vorzimmer Camilla, der er ein eben erhaltenes Briefchen zusteckte. Sie dankte ihm herzlich und verschwand sogleich im anstoßenden Gemach. Die Räthin hatte die Thür gehen hören, ja, sie glaubte sogar Buchler’s Tritt erkannt zu haben. Eilig war sie hinausgegangen und kam noch zu rechter Zeit, um zu sehen, wie Camilla einen Brief freudestrahlend aus Buchler’s Hand in Empfang nahm.
Wiederum lächelte sie und dachte still für sich: „Was doch so ein Professor ungeachtet seiner Gelehrsamkeit stockdumm ist!“ Buchler eilte die Stiegen hinauf; die Haushälterin erwartete ihn schon an der Thür, um ihn zu fragen, ob er heute zum Frühstück Rinderfilet oder Kalbsbraten, Roth- oder Weißwein, Compot oder Salat wünsche.
„Liebe, beste Frau Lorenz,“ sagte er, sie um die Taille fassend, „fragen Sie mich nicht, ich weiß ja, was Sie mir vorsetzen, ist gut und schmackhaft.“
Frau Lorenz schien überglücklich ob dieses Compliments und tänzelte wie ein Backfischchen hinaus, um für den gnädigen Herrn Alles herzurichten.
„Alte Närrin!“ sagte Buchler ihr nachsehend, „ich glaube gar, sie hat sich heute geschminkt!“
„Jean,“ rief er dem eintretenden Diener, „recherchire doch mal, ob die Lorenz nicht gar Schminktöpfchen und derlei Kleckserei gebraucht; es schien mir heut ganz“ —
„O, gnädiger Herr,“ unterbrach Jean lachend, „ich selbst habe sie ihr holen müssen und könnte Ihnen noch Manches erzählen, was sie anstellt, um Ihnen zu gefallen.“
„Nun was denn?“ fragte Buchler augenscheinlich belustigt.
„Früh vor dem Kaffee trinkt sie beispielsweise drei rohe Eier — das gibt klaren Teint, sagt sie, dann läßt sie sich kalt abreiben und frägt jedesmal hernach das Stubenmädchen: ‚Sehe ich jetzt frisch aus?‘ Dann geht es an’s Schnüren und Schminken, ich glaube sie braucht zwei Stunden, bis sie mit ihrer Toilette fertig wird.“
„Aber, mein Gott,“ unterbrach Buchler, „für wen putzt sie sich denn, die alte Schachtel?“
Jean lächelte verschmitzt. „Sie glaubt,“ entgegnete er, „der gnädige Herr würden sie“ —
Plötzlich schien ihm die Zunge wie gelähmt; das verhängnißvolle Wort wollte nicht über seine Lippen.
„Was würde ich?“
Jean blieb stumm.
„Aha,“ lachte Buchler hell auf; „ich bin ja für Euch — schon gut, schon gut,“ unterbrach er sich plötzlich und bedeutete Jean, das Zimmer zu verlassen. „Spaßhaft!“ sagte er dann; „hat mir der gute Detmold überall den Ruf eines reichen Witwers gemacht und noch heut habe ich nicht das Herz, ihm seinen guten Glauben zu nehmen!“ „Doch,“ fuhr er nach einigem Nachdenken fort, „weshalb auch? Die Sache ist amüsant! Meine liebenswürdige Wirthin glaubte, ich sei ein Prätendent auf Camilla’s Hand, die gute Lorenz hegt und pflegt mich wie ein neugebornes Kind, putzt sich für mich, schminkt sich, träumt wohl gar von mir — wahrlich, die alten Junggesellen sind gar nicht so bedauernswerth, wie ich stets geglaubt!“
Soeben öffnete die holde Hausfee die Thür und brachte auf einem silbernen Cabaret so viel herrlich duftende Speisen, daß man auch, ohne Appetit zu haben, sich zum Essen veranlaßt gefühlt hätte.
„Oho, meine gute Lorenz,“ sagte Buchler, „weshalb lassen Sie Jean nicht serviren?“
„Ich bringe es dem gnädigen Herrn lieber selbst!“ entgegnete die Angeredete, verschämt lächelnd.
„Sie denken, es schmeckt mir besser, wenn —“
„Wie gut der gnädige Herr meine Gedanken errathen können!“ unterbrach die Haushälterin.
Schon hatte sie Alles appetitlich aufgestellt und schickte sich eben an, einen Stuhl zu nehmen und sich dem Hausherrn gegenüber zu placiren.
„Warum, liebe Lorenz, halten Sie sich in so angemessener Entfernung?“ fragte Buchler gutmüthig lächelnd; „wollen Sie nicht bei mir auf dem Divan —“
„O bitte, gnädiger Herr,“ unterbrach sie erröthend, „das würde sich nicht schicken; muß unser Einer nicht auch auf Ehre und Reputation halten?“
Indem glättete sie die weiße, reich mit Stickereien besetzte Schürze, zog den Brustlatz gerade und lächelte so stillvergnügt in sich hinein, als hätte sie einen Haupttreffer gemacht.
„Wie alt sind Sie eigentlich, meine liebe Frau Lorenz?“ fragte Buchler, nachdem er sich reichlich bedient. Die Angeredete wurde über und über roth. „Achtundzwanzig!“ sagte sie, verschämt die Augen niederschlagend. Buchler lachte hell auf. „Achtundzwanzig? Da haben Sie sich ja prächtig conservirt! Ich hätte Sie höchstens für zweiundzwanzig gehalten!“
Das war denn doch zu stark! Ungläubig schaute ihn die Achtundzwanzigjährige, die bei sich selbst recht gut wußte, daß sie nahezu vierzig Lenze hinter sich habe, an, doch Buchler hatte sein Gesicht in so ernste Falten gelegt, daß sie in der That glaubte, sie habe sich mittelst der in letzter Zeit angewandten Schönheitsmittel derart verjüngt, daß man sie noch zu den Jugendlichen zählen könne. Diese Annahme steigerte ihre gute Laune; Buchler schien sich prächtig zu amüsiren, indem er mit Kennerblick beobachtete, wie sein keineswegs feines Compliment die Lebensgeister der alten leichtgläubigen Coquette erregte.
„Haben Sie mir, meine liebe Lorenz, gute Anschaffungen in Speis und Keller gemacht?“ fragte er nach einigem Nachdenken. „Wir werden da nächstens ein Verlobungsfest zu feiern haben, zu dem es —“
„Ein Verlobungsfest?“ unterbrach ihn die Lorenz, an allen Gliedern bebend.
„Ja, ein Verlobungsfest, meine Liebe, und Sie sind die Erste, die in das große Geheimniß, das Sie aber gehörig respectiren müssen, eingeweiht ist. Niemand im Hause darf eine Ahnung davon haben; ich beabsichtige eine große Ueberraschung und hoffe, daß, wenn schon gewisse Leute sehr verwundert sein werden, doch Alles nach Wunsch gehen und zwei Menschen dauernd —“
„O, Sie sind so gut, wie sie klug sind!“ unterbrach ihn Frau Lorenz, seine Hände ergreifend. „Ja, es ist besser, Alles bis dahin discret zu halten, sich nicht zu verrathen! Ich verstehe Sie vollkommen und theile Ihre Ansicht.“ Dabei schaute sie ihn mit ihren ehemals gewiß schönen, funkelnden Augen so überselig an, daß Buchler, dem dann doch ein klein wenig um seine Herzensruhe bangte, es für das Beste hielt, schnell aufzustehen und sich zu entfernen. —
„Wie rücksichtsvoll und edel er ist!“ sagte Frau Lorenz überglücklich, indem Freudenthränen über ihre Wangen flossen. „Er fühlt sich nicht standhaft genug, mit mir allein zu bleiben, und entfernt sich lieber, um mich nicht zu compromittiren!“
Mit der noch eben schneeweißen Schürze trocknete sie die rothgeschminkten Wangen und, das Unheil bemerkend, das ihre Thränendrüsen angerichtet, eilte auch sie schnell in ihr Gemach, um durch Schmink- und Puderbüchsen ihrem, wie sie meinte, bezaubernden Gesichte seinen früheren Glanz zurückzugeben.
III.
Doctor Richard hatte bei Professor Wenzel die freundlichste Aufnahme gefunden. Wenzel war dem reichen Onkel, der ihn während seiner ganzen Studienzeit und auch noch hernach, als er schon die Examina hinter sich hatte, unterstützte, zu größtem Danke verpflichtet und sichtlich erfreut, eine Gelegenheit zu haben, diesen Dank abzustatten. Eine Professur an der Prager Universität war zu vergeben, doch war dies Sache des Unterrichtsministers, dem sich Dr. Richard, versehen mit Empfehlungsschreiben und eingeführt durch die denkbar günstigsten Protectionen, demnächst vorstellen sollte. Professor Wenzel galt als ein unparteiischer, streng rechtlicher Mann, dessen Empfehlung ein großer Werth beigelegt wurde. Gar bald stand es außer allem Zweifel, daß Dr. Richard demnächst als außerordentlicher Professor angestellt sein würde. Ueberglücklich meldete er dies dem guten Buchler, der sich ganz in die Rolle seines Beschützers hineingelebt hatte. Camilla wußte nicht, wie und wodurch sie dem kreuzbraven Mann, der, obgleich er ein Fremder war, ihnen ein so lebhaftes Interesse entgegenbrachte, danken sollte. Sobald sie ihn sah, leuchtete ihr Gesicht, sie eilte auf ihn zu und drückte ihm mit Herzlichkeit die Hand; sie hatte so viele kleine Aufmerksamkeiten für ihn, daß die Räthin, die sonst Camilla’s Zurückhaltung den Herren gegenüber stets getadelt hatte, fast zu glauben begann, Camilla liebe ihn wirklich. — Wenn sie dann mit ihr von der glänzenden Zukunft sprach, lächelte das junge Mädchen still vergnügt in sich hinein und sagte wohl manchmal: „Mütterchen, Du ahnst gar nicht, wie und warum ich unsern braven Buchler so lieb habe!“
„Ja aber, warum macht ihr denn nicht endlich Anstalt?“ fragte die sehr praktische Frau; „sein Haus ist eingerichtet, Deine Aussteuer ist längst fertig, ich weiß wirklich nicht, worauf ihr wartet.“
„Ein Geheimniß, Mütterchen,“ flüsterte Camilla überglücklich.
„Aber, beste Tochter, wer wird vor der eigenen Mutter Geheimnisse haben!“
„Ein klein wenig will ich Dir verrathen, aber Du darfst, nach dem, was ich Dir mitgetheilt habe, nicht weiter fragen!“
„Du machst mich wirklich neugierig.“
Camilla rückte ihren Sessel ganz dicht an den der Mutter und flüsterte ihr in’s Ohr: „Buchler strebt einen Titel an! Er hat schon die einleitenden Schritte gethan!“
„Ah so!“ rief die Räthin erleichtert; „nun wird mir Alles klar! Aber was für einen Titel kann er denn —“
„Lieb’ Mütterchen, nicht weiter fragen!“ unterbrach sie Camilla, „das wäre gegen die Verabredung!“
„Du meinst einen Orden, mein Kind!“ entgegnete wiederum die Räthin, die ihren Scharfsinn vergeblich anstrengte, zu erdenken, welchen Titel ein Mann in Buchler’s Stellung erhalten könne. Doch Camilla hielt consequent den Finger auf den Mund gelegt und antwortete nichts weiter.
„Nun, die Sache ist spaßhaft,“ sagte die Räthin nach einer Weile, „nicht minder spaßhaft, wie das, was mir Buchler gestern über die Lorenz mitgetheilt.“
„Und was denn?“
„Denk’ Dir, diese alte Hexe bildet sich ein, er werde sie heiraten, und sie wendet alle möglichen Schönheitsmittel an, ihm zu gefallen.“
Camilla lachte laut auf. „Das ist in der That sonderbar! Ich vermuthete wohl, daß irgend Jemand seinem Herzen nahe stehe und weiß sogar, daß er, um Professor Detmold, der seine erste Gattin wie eine Heilige verehrt, zu schonen, nie davon sprach, doch — die Lorenz, die sollte doch längst über die Zeit, in der man Heiratsprojecte hegt, hinüber sein!“
„An ihr hat meine Camilla keine Concurrentin,“ sagte die Räthin, die anmuthige Gestalt des jungen Mädchens mit den Augen verschlingend.
„Darüber kannst Du beruhigt sein, Mütterchen,“ entgegnete Camilla sichtlich belustigt; „Derjenige, der mich liebt, kennt keine Madame Lorenz!“
Wochen waren wiederum vergangen, Dr. Richard war zurückgekehrt und glaubte seine Professur so gut wie gesichert. Mit warmen Worten dankte er dem guten Buchler für seine Empfehlung, doch dieser wies jede Anerkennung zurück.
„Macht mir ja selbst die größte Freude,“ sagte er, „wenn ich Andern nützlich sein kann. Habe da nämlich,“ fuhr er nach einigem Besinnen fort, „einen verteufelt schönen Plan, an dessen Ausführung ich schon lange arbeite. — Denken Sie, Ihr Decret in vier Wochen haben zu können?“
„Wenn ich überhaupt der Glückliche bin, auf den die Wahl fällt, schon in vierzehn Tagen!“
„Very well! Da versprechen Sie mir, Ihr Geheimniß so lange zu wahren, bis —“
„Doch Camilla darf erfahren,“ unterbrach Dr. Richard, „daß ich —“
„Camilla, ja, wenn sie schweigen und sich beherrschen kann. Ich erwarte nämlich heute in vier Wochen lieben Besuch, dem zu Ehren ich ein hübsches Familienfest arrangiren möchte. Ich habe die Räthin und auch Frau Lorenz schon für das Arrangement desselben interessirt und durchblicken lassen, daß man ein Verlobungsfest feiern wird. Beide gehen mit riesigem Eifer in’s Zeug, denn sonderbarerweise glauben sich Beide bei der Verlobung interessirt.“
„Meine Schwiegermama in spe wird doch nicht gar auf ihre alten Tage —“
„Ihre Braut war zartfühlend genug, Sie nicht von den Plänen ihrer Mutter in Kenntniß zu setzen,“ unterbrach Buchler; „die vorsorgliche Frau glaubte nämlich eine Verbindung ihrer Tochter mit —“
„O, ich errathe!“ rief Dr. Richard, indem er sich entfärbte und fast ohnmächtig in den Stuhl sank; doch bald sich fassend, fuhr er fort: „Und wie soll ich Ihnen nun doppelt, nein zehnfach danken, verehrter Freund, daß Sie, der Sie ja, wie ich weiß, Camilla so überaus schätzen, mir zuliebe Verzicht leisteten!“
„Machen Sie mich nicht zum Helden!“ entgegnete Buchler still lächelnd; „wer weiß, wenn —“ er hielt inne.
„Wenn Camilla Ihnen nicht kluger Weise gebeichtet hätte, daß sie mich liebt?“ forschte Dr. Richard.
„Nein, mein Freund, es spielt da noch ein anderes ‚Wenn‘, das bis in vier Wochen mein Geheimniß bleibt; — doch vertrauen Sie mir, Ihre Camilla wird die Ihrige, so wenig auch heute unsere gute Räthin daran denkt! Hat sie erst einmal die Einladungen zur Verlobung ausgesendet, die Arrangements getroffen und sieht sie, daß der alte Buchler so ein unverbesserlicher Hausnarr ist, der stets seine Extra-Possen im Kopf hat, so wird sie schon hernach —“
„Aber sie wird all’ ihren Bekannten sagen, daß Camilla ihre Verlobung mit Ihnen feiern wird?“ unterbrach Dr. Richard, die Stirne finster runzelnd.
„Halten Sie mich für einen solchen Schwachkopf, daß ich, wenn ich etwas in Scene setze, die Pointen vergesse. Ihre liebe Schwiegermama muß mir das Wort geben, Niemandem zu sagen, mit wem sich Camilla verlobt; es soll ihr und vielen Anderen eine Ueberraschung sein.“
Und in der That. Woche auf Woche verging, die sehnlichst erwartete Ernennung war eingetroffen, die beiden Liebenden hätten es zwar gern hinaus gejubelt in alle Lüfte, doch sie schwiegen eben so gern, da der gute Papa Buchler, wie sie ihn nun nannten, es so wollte. „Kinder,“ sagte er, zwei Tage vor dem längst besprochenen Feste, „heute begleitet Ihr mich zu der Bahn. Um 6 Uhr treffen meine Gäste aus Innsbruck ein!“
„Aber Sie wissen ja, bester Freund,“ entgegnete Dr. Richard, „daß Camilla nach dem neuesten Verdict der gestrengen Mama sich nicht mit mir zeigen darf!“
„So fahre ich mit Fräulein Camilla zur Bahn und wir treffen Sie draußen, Herr Professor,“ sagte Buchler, das letzte Wort so stark accentuirend, als thäte er sich selbst auf die neu verliehene Würde etwas zugute.
„Wollen Sie uns heute auch noch nicht sagen,“ forschte Camilla, „wen Sie erwarten?“
„Nun, meinethalben, wenn Sie mir versprechen, Freund Detmold nichts zu verrathen!“
Beide gelobten Schweigen und so begann Buchler, während sein Auge in Erwartung der Dinge, die da kommen sollten, strahlte: „Bald drei Monate sind es, daß ich mit meiner Frau in Triest landete —“
„Mit Ihrer Frau?“ unterbrachen Beide wie aus Einem Munde.
„Mit meiner Frau!“ bestätigte Buchler schmunzelnd. „Der gute Detmold hat mich hier in den Ruf eines trauernden, womöglich gar eines heiratslustigen Witwers gebracht, und da mich die Sache zuerst amüsirte, ich hernach, da ich sah, mit welcher Pietät er das Andenken an meine verstorbene Gattin bewahrte, sein zart besaitetes Gemüth durch die Mittheilung, daß ich seit zwei Jahren wieder vermält sei, zu verletzen fürchtete, störte ich die vorgefaßte Meinung nicht, um so weniger, da ich mich in jeder Hinsicht gut dadurch befand. Ihre Mama, liebe Camilla, wußte mir das Haus sehr angenehm zu machen, Detmold blieb mir ein treuer Freund und last, not least selbst meine gute Frau Lorenz hegte und pflegte mich, daß ich mich durchaus bei meiner Witwerschaft wohl fühlte. Vielleicht hätte ich schon eher den Schleier gelüftet, denn gar oft drückte es mir das Herz ab, daß ich zu Niemandem von meiner braven Gattin sprechen konnte, doch da kam Euer Liebesroman dazwischen, den ich mir nun einmal, ein närrischer Kauz, wie ich es bin, vorgenommen, zum definitiven Abschluß zu bringen. Consequent mußte ich also meine Rolle durchführen, sonst hätte ich morgen nicht das Vergnügen, Euer Verlobungsfest feiern zu können!“
„Sie guter, edler Mensch,“ riefen Beide, ihm zärtlich die Hände drückend.
„Doch nun,“ begann Camilla mit feinem Tact, „nun plaudern Sie uns von Ihrer Gattin, die ich wie eine Schwester lieb haben will!“
„Auch sie sehnt sich, Ihre Bekanntschaft zu machen, Camilla, und zählt die Stunden bis —“
„Aber, verzeihen Sie meine Frage,“ unterbrach das junge Mädchen, „wie konnten Sie, ein so gemüthvoller, häuslicher Mann, es über sich gewinnen, drei Monate von einer sicher sehr liebenswürdigen Gattin getrennt zu sein?“
„Meiner Anna,“ entgegnete Buchler, „war schon in Calcutta eine Cur in Franzensbad verordnet worden; von Triest aus fuhren wir direct dorthin und nachdem meine Gattin einen geeigneten Kreis von Bekannten gefunden, beschloß ich, nach Wien zu reisen, um das Haus inzwischen so einzurichten, daß, wenn sie einträfe, Alles geordnet sei, in längstens vier Wochen hoffte ich, meine Gattin hier zu sehen, da will es der böse oder der glückliche Zufall, ich weiß es selber nicht, daß sie in Franzensbad eine Nichte trifft, die sie einladet, die Nachcur auf ihrem Gute bei Innsbruck zu halten. Der Aufenthalt in Franzensbad wurde auf sechs Wochen ausgedehnt, die Nachcur sollte nur vierzehn Tage in Anspruch nehmen, doch da erwartet man im Hause der Nichte einen kleinen Weltbürger und meine gute Anna kann selbstverständlich die Verwandte in dieser hoffnungsvollen Zeit nicht allein lassen; nun, Gottlob, ist aber Alles überstanden und — wenngleich ich mich in der Zeit meines Strohwitwerthums recht wohl befunden, zähle ich doch die Minuten, bis ich endlich meine Gattin in ihr Heim einführen kann!“
„Was nun die Mama sagen wird!“ rief Camilla nachdenklich; „ich glaube gar, sie bekommt einen ihrer Nervenzufälle!“
„Von denen sie der ‚Professor‘ heilen wird,“ entgegnete Buchler zuversichtlich. „Und nun, Herr Professor,“ fuhr er fort, „eilen Sie voran, ich folge in einer halben Stunde mit Fräulein Camilla.“
„Ob ich nicht doch besser thäte,“ begann diese, „die Mama vorzubereiten?“
„Sie würden mir meine ganze Freude verderben!“ entgegnete Buchler. „Die Mama kommt noch sehr gelinde mit einem kleinen Schreck für das in meinen Augen sehr strafbare Vergehen davon, daß sie des lieben Mammons willen ein junges, in echter Liebe für einen edlen, kenntnißreichen Mann entflammtes Mädchens einem abgelebten müden Manne zuführen wollte, den ihr Kind nicht lieben, ja kaum achten kann, wenn er herzlos genug ist, ihre Jugend an sein Alter zu ketten.“
„Verurtheilen Sie die Mama nicht!“ bat Camilla; „sie hat den Ernst des Lebens kennen gelernt und nach ihren Begriffen denkt sie am besten für mich zu sorgen, wenn —“
„Auch dem alten Detmold wollte sie Sie vermälen,“ unterbrach Buchler unwillig; „er ist mein Freund, doch ein eingefleischter Sonderling, daß ich nicht verstehen kann, wie eine sonst so praktische Frau, wie Ihre Mama, da so ganz unpraktisch verfahren kann, wo es gilt, das Glück ihres Kindes zu begründen!“
„Und Frau Lorenz?“ fragte Camilla nach einigem Nachdenken, „wird sie schweigen?“
„Glauben Sie nicht, daß meine Anna mir zuliebe ein wenig Comödie spielen kann? Niemand im Hause wird ahnen, daß sie meine Gattin ist; sie gilt für meine Nichte, bewohnt das Zimmer neben dem meinigen, zu dem Frau Lorenz schon in gutgemeinter Vorsorglichkeit den unlängst abhanden gekommenen Schlüssel hat anfertigen lassen; o glauben Sie, liebe Camilla, wir werden unsere Rollen trefflich durchführen und das Verlobungsfest noch lange in gutem Andenken behalten.“
„Wie habe ich es mir verdient, daß Sie sich meiner so warm annehmen?“ fragte Camilla, eine Thräne in ihren schönen Augen zerdrückend.
„Keine Reflexionen, Püppchen!“ sagte Buchler, ihr die Wangen streichelnd; „jetzt eilen Sie zu Mama und bitten sie um die Erlaubniß —“
„Madame Buchler feierlichst einzuholen!“ unterbrach Camilla, muthwillig lächelnd.
„Bei Verlust meiner Freundschaft, keinen Verrath!“ sagte Buchler, mit dem Finger drohend. Doch schon war das junge Mädchen die Stiegen hinuntergesprungen und sandte bald hernach die Nachricht, daß Herr Buchler sie abholen könnte.
Im Salon empfing ihn die Räthin, die heute gegen ihre Gewohnheit ein ziemlich böses Gesicht machte. „Bester Freund,“ sagte sie, ihre Worte abwägend, „meine Camilla nimmt sich jetzt oft das Recht, ohne meine oder der Schwestern Begleitung in Ihre Wohnung zu gehen, sie verlangt sogar jetzt meine Einwilligung, allein mit Ihnen eine Spazierfahrt machen zu dürfen. Sie werden begreifen,“ fuhr sie nach einer Pause fort, „daß ihr Ruf —“
„Aber meine beste Räthin,“ unterbrach sie Buchler, ihr gutmüthig die Hand auf die Schulter legend, „gedulden Sie sich nur noch zwei Tage und Alles wird sich klären! Glauben Sie mir, Camilla’s Ehre ist mir so heilig wie meine eigene und ich möchte um Alles in der Welt nicht —“
„Ich verstehe,“ unterbrach ihn die Räthin, durch seinen Hinweis sichtlich befriedigt, „ich weiß sie ja auch in Ihrer Gesellschaft gut aufgehoben und will nicht gleich einer bösen Schwiegermutter ein Störenfried sein —“
„O, dazu wird es nie kommen!“ entgegnete Buchler, verschmitzt lächelnd; doch die Räthin verstand ihn nicht und da Camilla freudestrahlend jetzt eben eintrat, sagte sie gut gelaunt: „Nun Kind, da mir unser Freund Buchler mittheilt, daß sich in den nächsten Tagen etwas vorbereitet, will ich Dir die Erlaubniß, mitzufahren, nicht versagen. —“
„Wie, Sie haben geplaudert?“ fragte Camilla erröthend.
„Nein, meine liebe Camilla,“ sagte Buchler, der schon fürchtete, daß das junge Mädchen, ihrem Drange nach Mittheilungen folgend, seinen ganzen wohldurchdachten Feldzugsplan stören werde; „bei mir heißt es nicht: Weß das Herz voll ist —“
„Nun, nun,“ drohte die Räthin mit dem Finger, „der Mund geht doch manchmal über, wenn er es auch nicht eingestehen will!“
Doch schon hatte Buchler, um sich auf keine Discussion einzulassen, Camilla’s Arm in den seinen gelegt und war mit ihr, höflich grüßend, hinausgeeilt.
Zufrieden lächelnd, blickte ihr die Räthin nach, wie sie in die elegante Equipage einstieg, und murmelte still vor sich hin: „Ist sie nicht ein rechtes Glückskind?“
IV.
Die Gesellschaftszimmer in der Buchler’schen Wohnung waren glänzend erleuchtet. Der Hausherr hatte all’ seine Bekannten und Freunde eingeladen, Frau Räthin Sturm die ihrigen; auch Camilla’s Freundinnen waren zahlreich vertreten, sie selbst erschien an der Seite ihrer Mutter in herrlichem Schmuck; eine rosa Seidenrobe, reich mit Rosen und Maiglöckchen garnirt, umgab die anmuthige Erscheinung; für Jeden hatte sie ein bezauberndes Lächeln, für Buchler einen herzlichen Händedruck; leise flüsterte sie ihm etwas in’s Ohr, worauf er in’s anstoßende Zimmer hindeutete. Der Räthin Blick folgte seiner Handbewegung, doch kaum glaubte sie sich halten zu können, als sie dort Dr. Richard, dem sie schon seit vier Wochen jeden Verkehr mit Camilla untersagte, stehen sah und gewahrte, wie er der Tochter soeben eine Kußhand sandte.
„Aber, bester Buchler,“ sagte sie, sich fassend, „wie konnten Sie Dr. Richard einladen?“
„Das wird Ihnen, verehrte Räthin, meine liebe, kleine Frau sogleich erzählen!“
Dies sagend, nahm er die vermeintliche Nichte, eine blühend hübsche Frau von ungefähr fünfunddreißig Jahren, an der Hand und sie der Räthin zuführend, fuhr er lebhaft fort: „Erlauben Sie, daß ich Ihnen zunächst meine Frau —“
„O, machen Sie keinen Scherz, spielen Sie keine Comödie!“ unterbrach ihn unwillig die Räthin.
„Mein Mann hat sich in der That einen kleinen Scherz erlaubt,“ nahm Frau Anna das Wort, „um —“
„Ihr Mann? Ihr Mann?“ unterbrach dunkelroth vor Zorn die Räthin.
„Herr Buchler, haben Sie es gewagt, meine Tochter in Verruf zu bringen, so —“
Sie ballte, aller Etiquette vergessend, drohend die schönen Händchen, die Worte versagten ihr, doch beherrschte sie sich, um Niemandem ahnen zu lassen, daß sie vor Wuth und Weh hätte aufschreien mögen.
Frau Anna, die offenbar Mitleid mit der dupirten Frau hatte, nahm ihren Arm und führte sie mit den Worten: „Ich werde Ihnen über Alles Aufklärung geben!“ in’s Nebenzimmer.
„Ah, Herr Professor!“ sagte sie, als sie anscheinend unvermuthet da den Dr. Richard gewahrte, „macht Ihre neue Würde Sie so stolz, daß Sie sich ganz von der Gesellschaft zurückziehen?“
Die Räthin horchte überrascht auf und Frau Anna, bemerkend, daß sie Ihren Zweck erreicht, fügte zu ihr gewendet hinzu: „Herr Professor Richard denkt in acht Tagen seine neue Stellung in Prag anzutreten!“
„Was höre ich?“ rief die Räthin, die mit einem Blick die Situation erkannt und beschlossen hatte, aus ihr den bestmöglichen Nutzen zu ziehen, „Sie sind zum Professor ernannt und lassen uns davon nichts wissen?“ fragte sie halb vorwurfsvoll, halb beleidigt.
„Sie vergessen, Frau Räthin,“ sagte der junge Mann würdevoll, „daß Sie mir seit Kurzem den Verkehr in Ihrem Hause untersagt haben und daß —“
„Aber mein bester Professor,“ unterbrach ihn die Räthin, ihr liebenswürdigstes Lächeln auf ihre Wangen zaubernd, „was ist eine Mutter nicht verpflichtet zu thun, wo es gilt, Ruf und Zukunft ihres Kindes zu wahren?“
„So würden Sie,“ sagte der junge Mann, die dargebotene Hand ergreifend, „dem Professor gestatten, was Sie dem stellenlosen Aspiranten versagten?“
Die arme Frau schien einen harten Kampf mit sich zu kämpfen, doch nur einen Augenblick. Die Gäste waren geladen, die Verlobung Camilla’s inscenirt, Buchler war bereits verheiratet — was blieb ihr übrig, als gute Miene zum bösen Spiel zu machen?
„Mein sehnlichster Wunsch ist,“ sagte sie mit Würde, „meine Camilla glücklich zu sehen; wenn Sie ihr, woran ich jetzt nicht zweifle, eine gesicherte Zukunft bieten können —“
„Das kann er,“ unterbrach jetzt Buchler, der hinter der Portiere Alles gehört; „ich übernehme die Garantie, daß unser Freund in zwei Jahren ordentlicher Professor ist, und bis dahin reichen, wie ich sicher weiß, seine —“
„Meine Camilla,“ unterbrach die Räthin selbstbewußt, „ist ja auch nicht mittellos, und wenn sie Sie gern hat, so —“
„Fräulein Camilla, Fräulein Camilla!“ rief jetzt Buchler in den Saal hinein, „kommen S’ mal schnell her und sagen S’ mal, ob Sie den da gern haben?“
Die Aufmerksamkeit aller Anwesenden war mit einem Male auf das kleine Cabinet gerichtet, auf das Camilla jetzt schnell zueilte.
„Ob ich ihn gern habe?“ rief sie, in Adalmar’s geöffnete Arme eilend und seine leidenschaftlichen Küsse herzlich erwidernd. Die Räthin zerdrückte ein Paar Thränen, man wußte nicht ob vor Rührung oder Wuth, sich so mystificirt zu sehen, Buchler umarmte seine Frau und stellte sie jetzt in aller Form den Anwesenden als die Herrin des Hauses vor. Professor Detmold ging still bei Seite und murmelte sich etwas von Treulosigkeit und Undankbarkeit in den grauen Bart, Frau Lorenz, die heute die denkbar schönsten Schmachtlöckchen gedreht und ihre großblumige Seidenrobe angelegt hatte, bekam plötzlich einen Weinkrampf und mußte auf ihr Zimmer geführt werden, doch all das hinderte nicht das Glück des jungen Paares, das jetzt herzlichst von allen Seiten beglückwünscht wurde.
„Nein, diese Ueberraschung!“ hieß es allerseits, „wir waren auf ganz etwas Anders gefaßt!“ „Ich weiß, ich weiß,“ sagte die Räthin halblaut, „doch konnten Sie im Ernst denken, daß ich Camilla’s Jugend- und Lebenslust den Launen eines alten, abgelebten Mannes opfern würde? Zudem,“ setzte sie stolz hinzu, „wußten wir ja längst, daß er verheiratet sei; wie hätte ich sonst meiner Tochter gestattet, so intim mit ihm zu verkehren!“
„Sehen Sie, gute Räthin,“ sagte eine alte Klatschschwester, „wie man Sie da ungerecht beschuldigt hat! Jedermann glaubte, man wußte selbst nicht, wer das Gerücht ausgesprengt, Camilla sei die Braut des —“
„Ha, ha, ha,“ lachte die Räthin anscheinend belustigt, „meine Tochter ist seit zwei Jahren mit Professor Richard versprochen, und wenn ich mir selbst hie und da eine kleine Mystification erlaubt, so geschah es nur, weil mich das Gerede belustigte, das sich, seitdem Herr Buchler zu uns gezogen, überall entsponnen.“
„Sind Sie mir böse?“ fragte der Hausherr die Räthin, als er eben erspäht hatte, wie sie allein in einer Fensternische stand.
„Ich schätze Sie zu hoch,“ entgegnete die kluge Frau, „um etwas an Ihrer Handlungsweise tadeln zu können, bin ich doch sicher, daß Adalmar nur Ihnen seine Berufung —“
„Pardon, wenn ich Sie unterbreche, Adalmar ist ein so kenntnißreicher talentirter junger Mann, daß, wie mir Professor Wenzel schreibt, er auch ohne jegliche Protection reussirt hätte!“
„Darüber habe ich nun so meine eigenen Gedanken!“ sagte mit abwehrender Bewegung die kleine Frau, „doch wie dem auch sei — Adalmar ist heute in einer Stellung, daß ich ihm gern meine Tochter zur Frau gebe, und Sie, Sie haben uns eine so herrliche, liebenswürdige Dame als Ihre Gattin vorgestellt, daß ich Sie nur bitten kann, unsere früheren freundschaftlichen Beziehungen aufrecht zu erhalten.“
„An Ihnen ist ein Diplomat verloren gegangen, liebe Räthin,“ sagte Buchler, der wohl erkannte, wie schwer es der Räthin wurde, gegen ihn in dieser Weise liebenswürdig zu sein, „aber auch meine Anna ist eine Diplomatin, und daß ich es Ihnen nur offen gestehe, sie ist die eigentliche Urheberin des ganzen Planes; als ich ihr mittheilte, wie sehr mich Ihre Camilla interessirt, wie sie unglücklich liebt und von dem Manne ihrer Wahl getrennt werden soll, da war sie es, die mir die Idee eingab, den jungen Leuten hilfreich zu sein, und, schrieb sie damals, wenn Du meine volle Anerkennung erringen willst, so manövrirst Du so, daß das Fest, das Du bei meinem Eintreffen geben willst, gleicher Zeit Camilla’s Verlobungsfest ist.“
„Nicht der gewandteste Regisseur,“ entgegnete die Räthin, „hätte das Stück besser in Scene setzen können — nur, lieber Herr Buchler, einen kleinen Vorwurf kann ich Ihnen nicht ersparen: Warum haben Sie mich nicht ein bischen hinter die Coulissen gucken lassen?“
„Ich habe strengstes Amtsgeheimniß gelobt!“ entgegnete Buchler, „und war für den Erfolg des Stückes meinem in Innsbruck weilenden Oberregisseur verantwortlich.“ Er schaute sich im Saal um, um seinen Oberregisseur zu suchen, doch dieser schien verschwunden. „Wo ist meine Anna?“ fragte er Professor Richard, „ich sah sie zuletzt mit Ihnen sprechen?“
„Man hat sie eben zu Frau Lorenz gerufen, die sie in wichtiger Angelegenheit zu sprechen verlangte!“
Eilig durchschritt Buchler mehrere Räume und war endlich am Zimmer der Haushälterin, deren Schluchzen er schon von fern hörte, angelangt.
„Sagen Sie mir, Sie selbst,“ bat sie mit geschlungenen Händen seine Gattin, „ob es denn wahr ist, wahr sein kann, daß Sie — Sie seine Nichte — nun mit einem Male seine Gattin sein sollen?“
„Und was kann Sie denn dabei, meine liebe Frau Lorenz, in eine solche Aufregung versetzen?“
„Ach mein Gott, mein Gott!“ rief die arme Frau, „unser Einer hat doch auch ein Herz, und der gnädige Herr war stets so gut mit mir, und dann sprach er von einem Verlobungsfest, ich solle mich nur recht schön machen, damit er Ehre einlegen könne, er wolle mich zuvor schon all seinen Verwandten vorstellen, und dann kamen Sie, gnädige Frau, und er sagte: Siehst Du, liebe Nichte, das ist meine liebe Lorenz, die so brav für mich gesorgt hat, daß —“ Thränen erstickten ihre Stimme.
„Nun ja, meine liebe Lorenz,“ sagte der Hausherr jetzt hervortretend, „haben Sie bisher brav für mich gesorgt, so will ich auch ferner brav für Sie sorgen; daß indeß Ihr liebebedürftiges Herz meiner Frau Concurrenz machen wollte, geht doch nicht! Wenn Sie mir sagen wollen, auf wen Ihre schönen, schwarzen Augen sonst einen Eindruck gemacht —“
„Jetzt führen Sie nun schon wieder so gottlose Reden!“ unterbrach ihn unwillig Frau Lorenz; „da haben Sie mir so lange von meinen schönen, schwarzen Augen gesprochen, bis ich dumm genug war, daran zu glauben, daß, daß —“ sie schluchzte wiederum so heftig, daß Frau Anna jetzt ihrem Gatten ernstliche Vorwürfe machte, ein, wie sie in gut angenommenem Ernst sagte, so frevles Spiel mit den heiligsten Empfindungen des Frauenherzens getrieben zu haben.
Frau Anna schien sich prächtig auf das Gardinenpredigen zu verstehen, so prächtig, daß selbst der grollenden Schönen, die Alles für baare Münze nahm, es nun genug des grausamen Ernstes schien und sie selbst der von sittlicher Entrüstung erfüllten Gattin in’s Wort fiel und um Schonung für Denjenigen bat, dem sie ungeachtet der bitteren Enttäuschung doch nicht ernstlich gram sein konnte.
Die beiden Gatten kehrten, nachdem die Lorenz sich endlich in ihr Unglück zu finden schien, in den Salon zurück wo man eben im Begriffe war, zu Tisch zu gehen.
Das glückliche Brautpaar saß obenan, die Räthin nahm ihm zur rechten, das Buchler’sche Ehepaar zur linken Seite Platz. Professor Detmold war verschwunden. Man toastirte, aß, trank und war in heiterster Stimmung. Professor Richard war die Hauptperson des Abends; man beglückwünschte ihn nicht nur zu der schönen Braut, die ihm ja, wie Alle nun trotz aller gegentheiligen Annahmen sehr wohl wußten, längst verlobt war, mehr noch zu der so schnell erlangten Professur, die seine Zukunft zu einer so glänzenden gestaltete. Die Frau Professorin in spe leuchtete vor Wonne und Seligkeit, und als die Champagnerkorke knallten und Alles in Lust und heiterer Laune aufjubelte, umarmte sie die auf ihr dereinstiges Familienglück toastirende Mrs. Buchler, und als deren Gatte nun auch sein Theil begehrte, sich als den eigentlichen Anstifter des heutigen Festes gerirend, da hatte auch er einen herzlichen Kuß weg, ehe er recht wußte, wie ihm geschah.
Dem so sonderbar improvisirten Verlobungsfeste folgte einige Monate hernach ein von der Räthin ganz nach strengstem Hofceremoniell inscenirtes Hochzeitsfest.
„Mein Schwiegersohn, der Herr Professor!“ war bei ihr stehende Redensart geworden; er war jetzt der vorzüglichste, tüchtigste, strebsamste Mensch, und so oft sie Camilla an seiner Seite sah, intonirte sie die schon ehedem angewandte Redensart: „Ist sie nicht ein rechtes Glückskind?“

