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Kurzgefaßte Symbolik der Freimaurerei

Dritter Abschnitt. Die Höhen der Symbolik (Weisheit).

Reading edition

9. Die Meister.

Welch ein Gefühl mußt du, o großer Mann, bei der Verehrung dieser Menge haben! Goethe, Faust I.

a) Die Meister der Legende.

Der Name „Meister“ (master, maître, maestro) war zu allen Zeiten und bei allen Völkern, seitdem er besteht, ein hoher und geachteter und zierte die größten Gelehrten und Künstler, während das lateinische Wort, aus dem er entstand (magister) eine Bezeichnung für untergeordnete Schullehrer blieb. Doch wurde davon stets auch der bescheidene Handwerksmeister unterschieden. In der Freimaurerei kam er erst nach, doch bald nach der Gründung des Bundes (um 1723-25) in Gebrauch. Doch erhielt er auch hier einen höhern Rang durch die Bezeichnung der Vorsitzenden einzelner Logen (Meister vom Stuhl) und der Großlogen (Großmeister in Annahme des obersten Titels der Ritterorden).

Es ist nicht zu verwundern, daß die freimaurerischen Schriftsteller der ersten Zeit des Bundes, die keine Geschichtforscher waren, einem damals noch seit einigen Jahrhunderten beliebten Gebrauche huldigten, Geschlechtern und Gesellschaften einen Ursprung aus grauer Vorzeit anzudichten. Kaiser und Könige erhielten damals künstliche Stammbäume aus dem trojanischen Kriege und anderswoher, sogar mit Bildnissen von Ahnen, die nie gelebt haben, worin man damals durchaus keine Lüge oder Aufschneiderei, sondern lediglich eine angemessene Huldigung erblickte. Da wollten denn die freimaurerischen Schriftsteller nicht zurückbleiben und ernannten aus eigener Machtvollkommenheit um das Jahr 1730 den vor bald 3 Jahrtausenden gestorbenen König Salomo (s. oben S. 79 ff.) zu ihrem ersten Großmeister. So entstand damals, ähnlich wie ein Vierteljahrtausend vorher in der Schweiz die Tellsage, die maurerische Hiramlegende. Sie knüpfte sich an den Tempelbau Salomos, von dem man nach der Erzählung der Bibel eine übertriebene Vorstellung hatte, während er sich mit neueren Bauten, wie dem Dom von Köln, der Paulskirche in London und gar der Peterskathedrale in Rom bei weitem nicht vergleichen ließ. Die bekannte Prachtliebe Salomos bot dazu willkommene Handhaben. Welche Quellen zur Schöpfung dieser Mythe gedient haben ist unbekannt.

Die Bibel kennt im ersten Buche der Könige zwei Männer Namens Hiram; der eine war König der phönikischen Stadt Tyros (1. Kön. 5, 1 ff.) zur Zeit Davids und Salomos, dem er Holz der Zedern aus dem Libanon zum Baue des Tempels gegen Öl und Weizen überließ, der andere (1. Kön. 7,13 ff.) Sohn eines Tyriers und einer Witwe aus dem Stamme Naphthali, ein Erzarbeiter und als solche Verfertiger der zwei berühmten Säulen (oben S. 81 f.), des großen Wasserbeckens, das bei Luther „gegossenes Meer“ heißt, und anderer eherner Geräte des Tempels. Auf diesen Grundlagen bauten schon die älteren Maurer, vor der Entstehung des Freimaurer-Bundes, ihre Handwerkssagen seit dem 15. Jahrh., indem sie die Namen verwirrten und im 16. Jahrh. glücklich einen gleichnamigen Sohn des Königs Hiram von Tyros herausbrachten, der Oberbaumeister beim Tempelbau gewesen wäre, und nannten ihn Hiram Abif, nach der späteren Bearbeitung der Königsgeschichte, der sog. Chronik, II. Buch, 2. Kap., 11 ff., wo er Huram Abi heißt, Sohn einer Frau aus dem Stamme Dan und außer in Erz, auch in Bearbeitung von Steinen und Holz gewandt ist. Andersons Konstitutionenbuch (1723) legte den Namen fest, und seitdem nannten sich die Freimaurer gern „Söhne der Witwe“. In einem französischen Freimaurer-Werke heißt der Baumeister Adoniram (Adon Hiram) oder Adoram.

Die Legende von Hiram kam 1724 im Meistergrade zur Anwendung, erhielt aber erst 1738, in welchem Jahre dies Anderson erwähnt, durch den Tod Hirams ihren Abschluß. Danach hatte sie nun folgenden Verlauf:

Als oberster Meister des Bundes der Bauleute, nach dem Könige Salomo, erteilte Hiram das geheime Meisterwort nur jenen Gesellen, die sich dieser Ehre würdig erwiesen. Unter den Gesellen befanden sich aber drei, die nach dieser Ehre begierig waren, aber, da sie ihrer nicht teilhaftig wurden, sie sich durch Gewalt zu verschaffen beschlossen. Sie besetzten, als Hiram im Tempel war, die drei Tore im O., S. und W., und einer nach dem andern verlangte von Hiram, als er sich entfernen wollte, das ersehnte Wort. Da dieser sich weigerte, es mitzuteilen, wurde er im O. von dem ersten der Verbrecher mit einem Maßstabe, dann, da er gegen S. floh, vom zweiten mit einem Winkelmaß verwundet und endlich im W. vom dritten mit einem Hammer erschlagen. Die Verbrecher verscharrten den Leichnam heimlich und verbargen sich in einer Felsenhöhle. Der ergrimmte König aber ließ nach ihnen fahnden. Die Späher gelangten endlich an die Höhle, aus der sie Stimmen vernahmen, die klagten, die erste: „o wäre mir der Hals durchschnitten“, die zweite: „o wäre mir das Herz aus der Brust gerissen“, und die dritte: „o wäre mein Leib entzwei gehauen“. Da wurden sie ergriffen, und jedem geschah, wie sein böses Gewissen es gewünscht hatte. Salomo ließ nun auch nach dem Leichnam suchen; endlich entdeckten die Ausgesandten ihn, und von da an wurde das Wort des Entsetzens, das sie beim Anblicke des Opfers seiner Pflichttreue äußerten, an Stelle des seit seinem Tode vergessenen zum neuen Meisterworte angenommen. Auf das Grab Hirams aber und auf das eines verdienstvollen Meisters wird (in einigen Lehrarten) der heilige Baum, die Akazie gepflanzt. (s. oben S. 87 f.).

Welche Rolle diese Sage im III. Grade spielt, wissen die Meister. Sie ist aber je nach System und Ritual verschieden und dürfte noch mehr vereinfacht werden, als sie dies in unserer Loge bereits ist.

Wenn auch der spät vorkommende Name Adoniram unleugbar eine Verbindung des Namens Hiram mit dem hebräischen Adonai (der Herr) oder dem phönikischen Halbgotte (Sonnenheros) Adonis ist, so kann daraus doch nicht eine Ableitung der noch nicht 200 Jahre alten Sage vom Tode Hirams aus der antiken Mythe gefolgert werden, die den Sonnengott auf verschiedene Weise, wie er es ja scheinbar tut, untergehen und wieder auferstehen läßt, wie es Schauberg am Schlusse seines Werkes mit erstaunlicher, aber zu weit hergeholter Gelehrsamkeit tat. Die Hiramsage ist einfach eine in die Vergangenheit zurück versetzte Erklärung des Meisterwortes und der Erkennungszeichen aller 3 Grade und zugleich eine Feier der Pflichttreue und eine Äußerung des Abscheues und der Empörung gegen Verräterei und Untreue. Allerdings wünscht der Freimaurer-Bund selbst dem Verräter keine barbarischen Strafen, sondern überläßt ihn seinem Gewissen.

b) Die Meister der Wirklichkeit.

In den Fragestücken 19 bis 21 des Lehrlings-Katechismus wird gesagt, die 3 „kleinen Lichter“ der Freimaurerei seien die 3 Kerzen im Umrisse des länglichen Vierecks im O., W. und S. Sie stellen die Sonne, den Mond und den Meister vom Stuhl vor, und zwar deshalb, weil die Sonne den Tag, der Mond die Nacht und der M. v. St. die Loge regiere. Der altenglische Kat. fügt bei: „oder sollte es tun,“ und gibt damit dem M. v. St. eine Lehre, seine Pflicht zu erfüllen. Im System der Gr. L. L. von Deutschland (in Berlin) wird neben das Regieren noch das „Erleuchten“ gesetzt. Hier haben wir also zwei gegensätzliche Auffassungen, dort ein Mißtrauen in den M. v. St., hier dessen Überhebung, als erleuchte er allein die Loge „durch seinen weisen Rat“. Diese widersprechenden Äußerungen zeigen nach unserer Ansicht, wie ungeschickt die Zusammenstellung zweier Gestirne und eines Menschen ist; so „sinnig“ man sie auf den ersten Blick auch finden mag. Sonne und Mond sind Weltkörper, die so sind, wie sie ihrer Natur nach sein müssen, sie sind den Menschen der Erde gegenüber unabänderlich und könnten eine Änderung nur durch die Allmacht erleiden. Während sie sich sonach aller Kritik entziehen, ist der M. v. St., den ja die Loge wählt, von vornherein der Kritik unterworfen, tritt sein Amt an und wieder ab, während die Gestirne das ihrige in Ewigkeiten fortführen, — Ewigkeiten wenigstens für unsern Verstand. Sonne und Mond sind keine kleinen Lichter, sondern für unsere Erde geradezu die größten mit Sinnen wahrnehmbaren, denen zwar die idealen Lichter überlegen sind, die aber ohne die wahrnehmbaren nicht da wären, weil die Menschheit ohne sie in Dunkel und Kälte versunken wäre und daher auch keine geistigen Lichter erfassen könnte. Seien wir daher aufrichtig, bekennen wir unsere Unvollkommenheit, setzen wir uns nicht großartigen Erscheinungen der Natur gleich und nennen wir Sonne und Mond schlichtweg Gestirne und den M. v. St. schlichtweg einen Menschen. Einen Menschen zumal, dem es nicht allein zusteht, die Loge zu regieren, oder gar zu erleuchten; dazu sind auch die anderen Brr. da, aus denen er hervorging und in deren Mitte er wieder zurückkehrt. Ohnehin passen die sog. 3 kleinen Lichter nicht in die Bildersprache der Freimaurerei. Diese setzt Bilder, wie z. B. Hammer, Winkelmaß und Zirkel, an die Stelle von Ideen; Sonne und Mond aber werden nicht als Bilder für Ideen, sondern einfach als leuchtende Gestirne behandelt, ebenso der M. v. St. lediglich als einer unserer Brüder, dem wir ein besonderes Vertrauen entgegenbringen.

Demgemäß erscheint es natürlicher, menschlicher und daher auch maurerischer, wenn der M. v. St. sein Vorbild nicht in Sonne und Mond, sondern in großen Männern erblickt, die für ihre Zeit ebenfalls Meister, wenn auch nicht vom Stuhl, doch vom Segen der Menschheit begleitete waren. Als Nacheiferer solcher großen Menschen und Meister ihrer Zeit hat der M. v. St. wahrhaftig einen höheren Beruf als wenn er sich mit Sonne und Mond zusammenstellen läßt.

Führen wir einige dieser Lichter der Menschheit als Beispiele an.

Der große chinesische Philosoph Kongfutse (genannt Confucius) 551-476 vor Chr., schon in seiner Jugend ein Wunder von Weisheit, zeichnete sich auch durch seine Bescheidenheit aus. Nachdem er den 50 Jahre älteren Weisen Laotse, der in seiner Einsamkeit ein Genügen fand, kennen gelernt, sagte er zu seinen Schülern. „Gedanken so hoch wie der Vogel in der Luft erreicht Laotse gleich dem Pfeile, solche so schnell wie der Hirsch holt er ein gleich dem Jagdhunde, solche so tief wie der Fisch im Meere bringt er gleich der Angel ans Licht.“ Und doch ist Laotse beinahe vergessen, und Kongfutse ist noch heute der gefeierte Lehrer seines Landes und der geistige Führer aller Gebildeten, und seine Nachkommen genießen besondere Vorrechte. Seine Moral ist im wesentlichen auch die des echten Christentums und die der Freimaurerei.

Der Indier Siddhartha, ein Sohn edelsten Geschlechts (um 560-480 vor Chr.) verließ infolge einer Erleuchtung über die Nichtigkeit des menschlichen Treibens, nach der Sitte der Weisen seines Volkes (allerdings nicht nach heutigem Geschmacke) die Pracht seines Vaterhauses und lehrte, durch den Beinamen Buddha (der Erwachte) ausgezeichnet, als Bettelmönch zahllose Schüler das Geheimnis von der Entstehung und Überwindung des Leidens, neben einer hohen sittlichen Veredlung, und seine Lehre eroberte weitgedehnte Länder Asiens. Obschon sie zeitweise tief entartete und an Boden verlor, ja ihre alte Heimat einbüßte, schwang sie sich in neuester Zeit empor und sucht sogar in Europa und Amerika dem Christentum Wettbewerb zu machen.

Der Athener Sokrates (469-399 vor Chr.) verachtete allen Reichtum und alle Ehrenstellen, um als wandernder Lehrer das Volk und die Jugend über die Erfordernisse eines menschenwürdigen Lebens aufzuklären und besiegelte sein hohes Streben durch den Gifttod, dem ihn sein von Demagogen verblendetes Volk überlieferte. Durch seinen Schüler, den göttlichen Platon und dessen Schüler, den vielseitigen Aristoteles hat er auf Jahrtausende hinaus veredelnd gewirkt.

Für das heutige Europa und seine Kolonien sind diese Meister, so groß sie für ihre Zeit und ihre Völker waren, in den Schatten gestellt durch einen weit größeren, vor dem wir indessen seinen für unsern Bund eine besondere Bedeutung besitzenden Vorläufer nennen müssen.

Johannes der Täufer, der als Schutzheiliger der Steinmetzen von Südengland, wo die Freimaurerei entstand, unseren Logen ihren Namen gab, verzichtete, obschon von priesterlichem Geschlechte, auf alle Annehmlichkeiten des Lebens, ähnlich wie Buddha und Sokrates, und lehrte (29-31 uns. Zeitrechn.), arm gekleidet und sich ärmlich nährend, in der Wüste am Jordan, wohin ihm das Volk zuströmte, taufend und auf einen Höheren hinweisend, bis er aus Wahrheitsliebe unter dem Henkerbeile verblutete.

Jener Höhere war Jesus von Nazareth, dessen unerreichte und unerreichbare sittliche Erhabenheit es uns überflüssig erscheinen lassen, diese Idealpersönlichkeit mit weiteren Worten zu besprechen oder sie gar gegen die Ketzer-, Hexen- und Judenmörder zu verteidigen, die das Andenken dieses einzigen Menschen durch ihre angebliche Anhängerschaft schändeten und deren Nachkommen ihn durch erheucheltes Plappern, hohlen Prunk und politische Umtriebe zu ehren sich einbilden.

Was sollen wir noch von weiteren verdienstvollen Männern sagen, die dem M. v. St. und allen Meistern, ja allen Brüdern zum Vorbilde dienen können, von Männern, die ihre Überzeugungstreue mit dem Feuertode besiegelten, den unwürdige und unwissende Anhänger des Urbildes der Milde und Güte über sie verhängten (wie Arnold von Brescia, Hus, Savonarola, Giordano Bruno und andere) oder unter Mühen und Leiden sich der Belehrung des Volkes widmeten (wie Comenius, der Vorläufer unseres Bundes) oder sich in Sturm und Kampf und teilweise Not als geistige Helden bewährten (wie Luther, Zwingli, Kepler, Spinoza, Rousseau) oder an der Spitze von Völkern für Freiheit kämpften (wie Wilhelm von Oranien, Franklin, Washington) oder gar auf dem Throne für Aufklärung und Menschenliebe glühten (wie Friedrich der Große und Josef II., denen wir noch unsere verewigten Brüder, die Kaiser Wilhelm I. und Friedrich III. anreihen dürfen), oder in geistiger Arbeit Lehrer der Menschheit wurden (wie Milton, Newton, Kant, Lessing, Goethe, Schiller, die Brüder Humboldt, Helmholtz, Mommsen u. s. w.)? Die Weltgeschichte antwortet hierauf.

Der Meister-Katechismus fragt in Nummer 12: „Wodurch soll sich ein Meister von den Gesellen und Lehrlingen unterscheiden?“ und antwortet: „Durch die genaueste Erfüllung seiner Pflichten, wodurch er nicht nur die Liebe seiner Brr., sondern auch die Hochachtung der Welt sich erwirbt.“

Die Meister haben in einigen Lehrarten noch besondere Sinnbilder, die auf Sündhaftigkeit in Gefahren und auf Unerschütterlichkeit in der Überzeugung hindeuten, so z. B. ein Schiff ohne Mast und Segel, das sich aber trotzdem aufrecht erhält, einen Schlüssel von Elfenbein, der die Gerechtigkeit bedeuten soll, ein Denkmal, auf dem ein Buch liegt und das eine schwebende Jungfrau mit einem Akazienzweige schmückt, was auf die Vergänglichkeit der menschlichen Dinge hinweist und durch das das Schicksal bedeutende Buch die Hoffnung auf Unsterblichkeit nährt. Auch die Gesellen und Lehrlinge sind berufen, Meister zu werden und das von diesen Gesagte zur Tat zu gestalten.

10. Die Gestirne.

Wölbt sich der Himmel nicht da droben? Liegt die Erde nicht hier unten fest? Und steigen, freundlich blickend Ewige Sterne nicht herauf?

a) Die Erde.

Die obigen Worte, die Br. Goethe seinen Faust zu Gretchen sagen läßt, drücken eine längst vergangene Weltanschauung aus, die aber heute noch, durch die Bibel aufrecht erhalten, den Grundzug der herrschenden Religionen bildet. Denn alle Dogmen, namentlich aber die der christlichen Bekenntnisse, beruhen auf der Ansicht, daß Gott den Planeten Erde vor allen übrigen Weltkörpern bevorzuge, ja man darf sagen, seinen Bewohnern beinahe allein seine Fürsorge widme. Nach dieser Auffassung, auf der allein das Dogma der Dreieinigkeit beruht, ist die Erde die Welt, was auch die noch heute vorwiegenden Ausdrücke „Weltteile“, „Weltbürgertum“ und „Weltgeschichte“ zeigen und wovon sogar der Name einer so modernen Einrichtung wie der des Weltpostvereins zeugt, der doch keine Sendungen nach anderen Weltkörpern übernimmt. Und das trotzdem, daß die Ansicht von der Stellung der Erde im Weltall so riesenhafte Umgestaltungen durchbracht hat, wie folgende Übersicht zeigt.

Zeitraum, von Moses bis Ptolemäus (um 140 uns. Zeitrechn.): die den Alten bekannte Erde ist eine Scheibe (worauf sie ruhe ist unbekannt), die der Ocean umgibt und über der sich der Himmel wie eine Glasglocke wölbt, an dem die Sterne befestigt sind, während die 7 Planeten (Sonne Mond, Merkur, Venus, Mars, Jupiter und Saturn) sich um eine Erhöhung im Norden bewegen.

Zeitraum, von Ptolemäus bis Kopernikus (geb. 1473 gest. 1543): die Erde ist eine Kugel (was indessen schon Pythagoras und die auf ihn folgenden griechischen Philosophen wußten), um welche die 7 Planeten und der ganze gestirnte Himmel sich im Kreise bewegen.

Zeitraum, seit Kopernikus: die Erde ist ein Planet, der zwischen Venus und Mars, gleich den übrigen Planeten um die Sonne kreist, nur der Mond allein um die Erde. Ohne Einfluß auf die Erde ist die seit Kepler allmählich weitergehende Auffassung, daß unser Sonnensystem nicht im Mittelpunkte des Weltalls schwebt, sondern nur eines unter unzähligen ist; alle Sterne außer den Planeten und Kometen sind Sonnen, die ihre Planetensysteme haben können und sich fortwährend im Weltraume bewegen, in vorläufig noch unbekannten Bahnen.

So ist denn die alte Entgegensetzung von „Himmel und Erde“, auf der die Weltanschauung des ersten Kapitels der Bibel beruhte, längst aufgegeben. Die Erde ist nur noch ein Pünktchen im unendlichen Weltall, das auch als Himmel bezeichnet wird, und von dessen entferntesten bekannten Punkten sogar das blitzschnelle Licht, das in einer Sekunde dreihunderttausend Kilometer zurücklegt, vieler tausend Jahre bedarf, um auf der Erde sichtbar zu werden.

Und doch ist unsere liebe Erde im Vergleiche zu den auf ihr lebenden Geschöpfen ein ungeheurer Körper, dessen Umfang 5395 geogr. Meilen (zu 7420,4 Meter), dessen Durchmesser 12741 Kilometer, und dessen Oberfläche rund 510 Millionen Quadratkilometer beträgt.

In der Freimaurerei gilt die Loge als ein kleines Bild der Erde, auf das zu beiden Seiten des Altars Sonne und Mond freundlich leuchtend herabblicken. Die Heimat der Freimaurerei aber ist die gesamte Oberfläche der Erde, die alle Menschen ohne Unterschied des Glaubens, der Rasse und des Standes wie eine Familie verbindet. An der Tafelloge wird aller Brüder auf der ganzen Oberfläche der Erde gedacht, und Fragestück 23 des Lehrlings-Katechismus sagt auch, die Loge reiche von der Oberfläche bis zum Mittelpunkte der Erde.

Auf den beiden Säulen der Abendseite ruhen als Knäufe in vielen, besonders englischen Logen auf der einen ein Himmels- und auf der andern ein Erdglobus, oder sie werden wenigstens so benannt, um die Brüder beständig an die weltbürgerliche Eigenschaft des Bundes zu mahnen.

Bildet der Freimaurer-Bund auch keine einheitliche Gesellschaft, hat er auch keine gemeinsame Behörde, wissen auch vielfach oder meistens die Brüder eines Landes nichts von den freimaurerischen Einrichtungen entfernter Gegenden, ja anerkennen sogar manche Bundesbehörden andere solche gar nicht, so besteht doch über die ganze Erde eine Gemeinschaft der Brüder durch die Erkennungszeichen, sowie durch gemeinsame brüderliche Gesinnung und durch freundliche Aufnahme fremder und reisender Brr., die sich als rechtmäßige Logenmitglieder ausweisen. Und so wird es auch bleiben!

Die Erde kann als Sinnbild gelten: der Schönheit, die wir nur auf ihr kennen, der (oben S. 71 abgegrenzten) Vergangenheit, die außer ihr von keinem andern Weltkörper näheres wußte, und des Lehrlings, der erst zum Lichte zugelassen ist, ohne es noch recht erfaßt zu haben. Lehrlinge waren aber in den älteren Zeiten die gescheitesten Leute in ihrem Wissen noch immer.

b) Der Mond.

Wenn wir einfach vom kleinern und abhängigern zum größern und unabhängigen Gestirn vorschreiten wollten, müßten wir eigentlich den Mond voransetzen und ihm die Erde, wie dieser die Sonne folgen lassen. Da uns jedoch die Erde am nächsten liegt und diese für uns lichtlos ist, der Mond aber sowohl beleuchtet wird, als infolge dessen selbst leuchtet, mußte zwischen ihm und der Erde die richtigere Reihenfolge vertauscht werden. Für Bewohner des Mondes würde die Erde die Stelle einnehmen, die er bei uns einnimmt; nur erscheint sie dort weit größer.

Der Mond unserer Erde, vorzugsweise so genannt, obschon auch andere Planeten Monde (Trabanten oder Satelliten), aber meist kleinere besitzen, ist von der Erde, seiner Mutter, 60,27 Erdhalbmesser entfernt und umkreist sie in 27,32 Tagen. Da er dieses tut, während die Erde sich weiter um die Sonne bewegt, so beschreibt er seine Bahn in Spirallinien. Sein Durchmesser ist so groß wie die Länge und zugleich wie die Breite Europas und gleich drei Elfteln desjenigen der Erde. Steht der Mond zwischen Erde und Sonne, so ist er für uns unsichtbar, es ist Neumond; sind Erde und Sonne auf derselben Seite des Mondes, so ist er für uns vollbeleuchtet (Vollmond). Die Zwischenerscheinungen heißen: im Zunehmen der Lichtfläche erstes und im Abnehmen letztes Viertel. Diese Unbeständigkeit seines Anblicks lehrt uns, sein Licht besser zu schätzen, wenn es wieder erscheint, nachdem es uns ganz fehlte oder uns nur teilweise erfreute. Es ist ein Wechselspiel, dessen Mannigfaltigkeit einst die Grundlage der menschlichen Zeitrechnung bildete, die sich aber bei uns längst nach der Sonne richtet (nur die Mohammedaner hängen am Mondjahr, dessen Anfang in etwa 33 Jahren durch alle Jahreszeiten wandert). Der Mondwechsel ist daher für uns sehr belehrend und übt auch seinen Einfluß, wie auf die Ebbe und Flut unserer Meere, so auf Dichten und Trachten der Menschen. Namentlich in der Dichtkunst spielt er eine große Rolle.

Der Mond ist seit mehr als Menschengedenken ein erstarrter Körper, was er einst nicht war. Er besitzt weder eine merkliche Atmosphäre, noch Wasser und daher auch keinen Pflanzenwuchs und beherbergt überhaupt kein lebendes Wesen. Infolge dieser Erstarrung kehrt er, weil er sich während seines Umlaufs nur einmal um seine Achse dreht, was früher nicht der Fall war (denn er drehte sich einst viel schneller um), was aber hier zu erklären nicht der Ort ist, der Erde stets dieselbe Seite zu, während die andere für uns ewig unsichtbar sein wird. Obschon dies nicht beabsichtigt ist, können wir darin ein Sinnbild der Treue gegen seine Mutter, die Erde, erblicken, wie in der unsichtbaren Seite ein solches des Geheimnisses und der Verschwiegenheit. In ungezählten Millionen Jahren wird, so hat man berechnet, die Erde dasselbe Schicksal erleiden; die Erstarrung des Mondes belehrt uns also auch über die Vergänglichkeit alles Irdischen. Da der Mond 13-14 Tage Nacht hat, ist er auch in dieser Zeit ein ungemein kalter und bei dem ebenso langen Tage ein sehr heißer Körper, dessen Temperatur um 280 Grad schwankt, der uns daher die gleichmäßigen Wärmen der Erde um so kostbarer erscheinen läßt.

Für die Freimaurerei ist das milde Licht des Mondes ein wohltätiger Gegensatz zu dem verzehrenden und blendenden Lichte der Sonne.

Unter den Idealtugenden entspricht, wie der Erde die Schönheit, dem Monde die Stärke; denn die „Stärke des Maurers vollbringt, gleich der des Mondes, in nächtlicher geheimnisvoller Stille ihre segensvollen Werke; in stiller, geräuschloser Wirksamkeit findet die Freimaurerei ihre Freude und ihren Lohn.“ Unter den Graden ähnelt dem Monde der Geselle, der das geistige Licht vom Meister erhält und dem Lehrling weiter reicht. Unsere Gegenwart gleicht dem Monde, weil die ungeheuere Mehrheit der Menschen noch blind ist für Kunst und Wissenschaft, daher kein Licht zu geben weiß und das der Sonne, d. h. des höheren Wissens, noch nicht versteht, was bisher nur einer geringen Minderheit erleuchteter Geister verliehen ist, so daß die Meisten noch Gesellen sind, ja auch viele, die sich schon Meister wähnen.

c) Die Sonne.

Die Mutter aller Planeten und ihrer Trabanten, die Erzeugerin und Ernährerin alles Lebens auf ihnen, das sie selbst nur von der Allmacht erhielt, ist ein so riesenhafter Weltkörper, daß in ihrem Innern, wenn es hohl wäre, nicht nur alle Planeten Platz hätten, sondern verschwinden würden, ja darin der Mond bequem um die Erde kreisen könnte. Die Sonne ist ein Licht, dem kein Auge ohne angemessene Bewaffnung Stand halten kann, ein brennendes Feuer, dem nichts widersteht, für uns eine Offenbarung über alle Offenbarungen und die dafür gehalten werden. Wohl gibt es im Weltall noch weit mächtigere Sonnen, wie Sirius und viele andere, die aber bei ihrer unfaßbaren Entfernung für uns nur Lichtpunkte sind.

Die Sonne war, so sehr dies von gewisser Seite bestritten wird, der älteste Gott der höherstehenden alten Völker, denen ihre Kraft männlich erschien, wie der sanfte Mond weiblich; Helios und seine Schwester und Gattin Selene waren das erste Götterpaar der Hellenen, dem erst später der abstrakte „Himmel“ und sein Donner (Zeus) übergeordnet wurden. Nur den in kälterem Klima lebenden Germanen galt das umgekehrte Verhältnis („Herr Mond und Frau Sonne“, dagegen der Tag und die Nacht). Helios mußte heiß kämpfen, bis er, lange genug ein Planet geschimpft, durch den Domherrn von Thorn sein Recht als Herrscher im Planetensystem eroberte, das aber noch lange brauchte, bis es allgemein anerkannt war. Herr des Jahres war er schon früher geworden; diese Krone konnte ihm von der Erde und dem Monde nicht mehr bestritten werden; denn schon lange war das Jahr seine Lebensgeschichte, die sich jährlich erneuert und auf das scheinbare Erlöschen die Wiedergeburt folgen läßt. Auf seinen heidnischen Geburtstag (25. Dez.), in dessen Zeit die Tage wieder wachsen, verlegten die Christen den unbekannten ihres Gottessohnes.

Die Entfernung zwischen der Sonne und ihrem von uns bewohnten Kinde, der Erde, beträgt zwanzig Millionen und hundertundzwanzigtausend geogr. Meilen oder 149 Millionen Kilometer, die Lichtwirkung dauert acht Minuten, die des Schalles 14 Jahre! Die für einen mittelschnellen Eisenbahnzug erforderliche Zeit würde für jene Strecke über zwei Jahrhunderte betragen. Der Durchmesser der Sonnenkugel ist 110 Erddurchmesser oder 1400000 Kilometer lang; ihr Körperinhalt übertrifft den der Erde um mehr als das Millionenfache. Die Hitze dieses glühenden Körpers, von dessen Glut ja unser Leben abhängt, wird verschieden angegeben; die Berechnungen drehen sich um etwa hunderttausend Grad! Ein fester Körper scheint die Sonne nicht zu sein, eher ein gasförmiger.

In der Freimaurerei ist die Sonne bisher als „kleines Licht“ bezeichnet worden. Man könnte es für Hohn halten, wenn man nicht wüßte, daß der Ausdruck von ehrlichen Leuten herrührt. Wenn auch nicht als das größte, darf sie doch als Sinnbild des größten Lichtes, der Gottheit betrachtet werden. In ihr kommt die Weisheit zur höchsten Geltung. Sie ist eine unleugbare Offenbarung, gegenüber der das bisher für das erste „große Licht“ gehaltene Buch nicht aufkommen kann. Ein solches Werk wie die Sonne (und die Sonnen des Weltalls überhaupt) kann von den allerinspiriertesten Menschen nicht geschrieben werden. Es spricht Millionen Bände und bringt unermeßliches Leben an das Tageslicht. Es ist wirklich Zeit, in dieser Hinsicht Wandel zu schaffen in der Logensprache einer naiven Zeit, die noch keine blasse Ahnung von dem hatte, was seither im Reiche der Geister geschaffen worden und in Zukunft noch geschaffen werden kann. Die Sonne ist daher auch ein Bild einer erleuchtetern Zukunft, von der sogar die heutige Gegenwart nur in einer beschränkten Zahl auserlesener Geister einen kleinen Begriff hat. Es sind Geister, die (s. oben S. 97 ff.) die wahren Meister sind und denen nachzustreben, statt auf ausgetretenen Pfaden zu wandeln, der höchste Ehrgeiz der freimaurerischen Meister werden sollte.

Man vergißt viel zu viel, daß es ohne die Sonne keine Erde, also auch keine Menschen, keine Kultur, keine Kunst, keine Wissenschaft, keine Religion, keine Bibel und keine Freimaurerei geben könnte. Und sie sollte ein „kleines Licht“ genannt werden dürfen und die Bibel ein großes? Warum? Weil sie mit Sinnen wahrnehmbar und nur zeitweise sichtbar ist? Ist etwa die Bibel nicht mit Sinnen wahrnehmbar, ist sie nicht großenteils dunkel? Selbst wenn man annähme, daß die Bibel von Gott geoffenbart sei, welcher Begriff übrigens sehr unklar und bestritten ist, so müssen wir fragen: Ist die Sonne nicht viel sicherer und unendlich viel früher von Gott geoffenbart, und erleuchtet sie nicht eine Welt von Planeten, während die Bibel nur Juden und Christen, soweit sie gläubig genug sind, erleuchtet? Und dennoch nennen wir die Sonne nicht das größte Licht, sondern nur ein Licht, oder ein Sinnbild, ein Abzeichen des größten Lichtes, des a. B. d. W. Welche Auffassung ist wohl die höhere? —

Eine ebenfalls sehr naive freimaurerische Zusammenstellung, aber immer noch weit anmutender als die der gr. und kl. Lichter ist die des M. v. St. mit der Sonne, der beiden Aufseher mit dem Monde und der übrigen Brüder mit den Sternen. Es ist doch ein poetisches Bild statt einer trockenen dogmatischen Lehre. Man findet daher auch in Logen außer Sonne und Mond eine Darstellung des Sternenhimmels an der Decke. Damit geht doch die Freimaurerei in schöner Weise über das Alltägliche hinaus. Dahin gehört auch das Bild des Siebengestirns (den Namen tragen die Plejaden und der große Bär) auf freimaurerischen Denkmünzen und Büchern unter dem Auge Gottes, als Hinweisung auf die Ewigkeit und die Hoffnungen der Menschen, die sich an sie knüpfen.

Übersicht:

Erde. Mond. Sonne.

Vergangenheit. Gegenwart. Zukunft.

Schönheit. Stärke. Weisheit.

Lehrlinge. Gesellen. Meister.

geschweifte Klammer nach unten über drei Spalten
geschweifte Klammer nach unten über drei Spalten

im weitern und höhern Sinne.

11. Die Welträtsel.

Wer darf sagen: Ich glaub’ an Gott? Magst Priester oder Weise fragen, und ihre Antwort scheint nur Spott über den Frager zu sein. Goethe, Faust I.

a) Der a. B. d. W.

„Weh! Wo ist Gott“ ruft klagend der junge Parsifal (Parzival) in Wolfram von Eschilbachs (Eschenbachs) unsterblicher, christlich frommer Heldendichtung. Ja, wo ist Er? Schnell ist die Antwort bereit: „Überall!“ Ganz richtig! Er ist überall. Aber war er es für die Menschen stets? Die Geschichte der Religion antwortet darauf (natürlich vom subjektiv-menschlichen Standpunkte) mit Nein. Es bedurfte einer langen, an Irrwegen und Straucheln reichen, überreichen Entwicklung des Gottesgedankens, bis der Mensch bei der Allgegenwart Gottes angelangt war.

Den Anfang einer Verehrung von Dingen außer sich machte der noch lallende Mensch mit dem noch heute bei den Naturvölkern nicht ausgestorbenen Fetischdienste (lat. facticius, portug. feitiço, Amulett, Talisman, Zauberding), d. h. der Anbetung eines Geistes wie einem Dinge. Heilige Steine und heilige Bäume, wir wissen nicht, ob zugleich oder nacheinander, waren die ersten Gegenstände dieser ursprünglichen Religion; wir finden ihre Spuren auf der ganzen Erde. Der schwarze Stein der Kaaba in Mekka ist den Mohammedaner noch jetzt heilig. Aus den Baumgeistern wurden bei den Griechen die reizenden Dryaden (Waldnymphen). Von den unbeweglichen Dingen schritt der Mensch zur Verehrung der Tiere. Im alten Ägypten blühte dieser so unwürdig erscheinende Dienst unter den zivilisierten Völkern wohl am längsten; aber schon neben ihm tauchen die sonst menschlich geformten Gottwesen mit Tierköpfen, endlich auch mit voller Menschengestalt auf. Aber auch, wo wir nur menschlich geformte Götter finden, wie bei den Griechen, verrät sich ihre frühere Tiergestalt noch in den Tieren, die ihnen beigesellt werden, so dem Zeus der Adler, der Aphrodite die Taube, dem Apollon der Wolf u. s. w., während untergeordnete mythische Wesen noch aus Tier und Mensch gemischt sind, wie die Kentauren, Harpyien, Nereiden u. s. w.

Daß die verehrten Wesen zur Menschengestalt gelangten, dazu hat wahrscheinlich das Auftreten bedeutender Menschen, „Übermenschen“ beigetragen, die Völkern Gutes taten wie Prometheus, der ihnen das Feuer brachte, oder sie von gefährlichen Tieren, Riesen, Ungeheuern und dergl. befreiten, wie Herakles (Herkules). Diese wurden später zu Heroen, Halbgöttern.

In weiten oder sehr verzweigten Ländern, wie Ägypten, Babylonien, Hellas hatte ursprünglich jeder Stamm, Ort oder Gau seinen eigenen Gott oder Halbgott. Dieser Henotheismus wurde durch Zusammenfassung der Gaue zu Staaten oder Bünden zum Polytheismus; die Götter wurden zur Vielgötterei versammelt.

Bei den Israeliten, die uns hier als Vorläufer des Christentums am meisten interessieren müssen, fällt die Stufe der Vielgötterei weg, weil ihre Stämme schon früh einen gemeinsamen Gott hatten, Jahve, (Jehova). Aber auch dieser Gott trug, wie die neuere Forschung zur Gewißheit erhoben hat, „alle entscheidendsten Merkmale des Heilbringers an sich.“ So nennt Prof. Breysig in Berlin „eine Gestalt der Überlieferung, von der man menschen-, oder teils menschen-, teils tierhaftes Auftreten auf der Erde erzählt, der man schon während ihres irdischen Lebens übermenschliche Kräfte beimißt und die zumeist nach ihrem Entschwinden in die Gestalt eines Geistes von sehr hohen Kräften übergeht.“ — „Die Umschaffung der Erde ist eine der bezeichnendsten Eigenschaften des Heilbringers schon bei den Urvölkern.“ Die wahrscheinlich ältesten Bestandteile der hebräischen Überlieferung von Jahve feiern ihn als den siegreichen Drachentöter (so im zweiten Jesaias, ähnlich im 89. Psalm, sogar in dem später entstandenen Hiob).

Der Drache ist sonst überall die Nacht, die vom Sonnengotte überwunden wird, hier ist er das Urmeer, nach anderer Ansicht ein wirkliches Ungeheuer. Mag es der streng Gläubige nun gern hören oder nicht, — Zeugnisse der Bibel selbst beweisen den Ursprung Jahves aus einer Naturgottheit,[13] in ältester Gestalt eines Sturm- und Windgottes (Jahve = er weht oder er vernichtet). Seine wichtigsten Taten, Schöpfung und Flut, haben ihr Vorbild im heidnischen Babylon und sind nur ethisch und monotheistisch umgearbeitet, wodurch sie eine höhere, edlere Auffassung erhielten. Die Erzählung genau betrachtet, erscheint die Schöpfung der Genesis keineswegs als eine Erschaffung aus Nichts. Beide Formen der Schöpfungssage (Genesis 1,1 ff. u. 2,4 ff.) wissen nichts vom Nichts. Die zweite Form ist ihrer ganzen Fassung nach die ältere, rein menschliche, die erste aber eine jüngere priesterliche Umarbeitung. Beide lassen durchblicken, daß die Erde (die damalige „Welt“) bereits in Gewalt einer trockenen Wüste (nach der älteren), einer Wasserwüste (nach der jüngeren Form) vorhanden war, daß also nur von einer Umformung die Rede sein kann. Ebenso verhält es sich mit dem Himmel, denn wo sonst sollte Jahves, des Ewigen Wohnung gewesen sein? Doch gewiß nicht im Nichts! Ähnlich sind die Schöpfungssagen vieler, selbst amerikanischer Völkerstämme.

Aber noch ein anderer Umstand ist zu beachten, der geeignet ist, die hergebrachte Anschauung stutzig zu machen. In mehreren Stellen des A. T. ist von Göttersöhnen die Rede, die bald mit Jahve den Himmel, (z. B. Psalm 89,6-8 und Hiob 1,6 u. 38,6 f.), bald neben den neugeschaffenen Menschen die Erde bewohnen, die Töchter der Menschen ehelichen und mit ihnen Kinder, die „Helden“, zeugen (Genesis 6,1 ff.). Ja sogar in der jüngeren Schöpfungssage (Gen. 1,26) spricht Gott von sich in der Mehrzahl, und sein Name (Elohim) hat eine Mehrzahlform. Er ist also ursprünglich nicht allein. Doch ist dies nicht eine Vielgötterei im Sinne zusammengebrachter Stammesgötter, sondern eine urzeitliche Vervielfältigung der einheitlichen Gottheit.

Die irdischen „Göttersöhne“ erscheinen völlig menschlich, und so wird auch Jahve, das Haupt der himmlischen Göttersöhne, nach der Schöpfung ganz menschenähnlich, nicht wie ein Gott, sondern wie ein Heilbringer dargestellt, ja noch in dem spät entstandenen Buche Hiob, in dem er wie ein Held und Kämpfer auftritt. Diese Menschlichkeit dauert an; Jahve wandelt im Paradies in der Kühle des Tages, spricht mit Adam, Eva, Kain, Noah, Abraham, Jakob, Moses u. s. w. und verkehrt noch mit König David durch Nathan. Er ist der besondere Gott des Volkes Israel, das ferne davon ist, die Götter anderer Völker nicht für wirklich zu halten, ja sogar sich zeit- und teilweise diesen zuwendet (wie dem Baal und Moloch der Phöniker).

Dies ändert sich aber um das Jahr 760 v. Chr. durch Amos, den ersten der zeitlich bestimmbaren Propheten. Seitdem entwickelt sich Jahve vom Gotte eines Volkes zum Gotte der damaligen Welt, d. h. der Erde, vom Eingotte zum Alleingotte. An die Stelle des Namens Jahve tritt der früher als Mehrzahl, jetzt als Einzahl geltende: Elohim. Es ist jetzt ein Plural der Majestät. Elohim ist zwar immer noch ein Gott seines Volkes, aber der einzige Gott, mit Ausschluß aller übrigen, die nur noch Götzen sind.

Mit dem Christentum änderte sich dieses neuerdings. Der sein Volk bevorzugende Gott wird zu einem Gotte der Menschheit, der keinen Unterschied der Völker mehr kennt. Aber — er ist immer noch ein bloßer Gott der Erde, der nun diese vor allen übrigen Weltkörpern bevorzugt, was darin seinen Gipfelpunkt erreicht, daß er ihr seinen Sohn sendet. Denn es wird bei dieser Anschauung angenommen, daß die Menschen der Erde die einzigen denkenden Wesen im Weltall und die übrigen Weltkörper nur um der Erde zu leuchten da seien. Nach den ungeheuern Fortschritten der Astronomie seit Kopernikus ist diese Auffassung unhaltbar geworden. Es gibt Millionen Sonnen mit wahrscheinlich undenkbar vielen Planeten, auf denen organisches Leben, auch mit Steigerung zum Denken, besteht, bestand oder bestehen wird. Solche der Erde allein zuzuschreiben, ist entweder keck oder kindisch, sonst wäre ja die ganze Sternenwelt nur wesenloser Schein!

Seitdem besteht eine unausfüllbare Kluft zwischen den Kirchen, die immer noch an einem Gott der Erde hängen, wie das Dogma von der Dreifaltigkeit drastisch zeigt, deren zweite Person ja nur der Erde angehört, und der aufgeklärten Menschheit, die nach einem Gotte der Welt (im wahren Sinne, nicht im Verstande von Erde) verlangt. Die Freimaurerei steht auf diesem Standpunkte; denn sie nennt Gott den allmächtigen Baumeister der Welt oder auch: aller Welten. Sie fragt aber keinen Bruder nach seiner persönlichen Vorstellung von Gott, sondern überläßt dies ihm und seinem Gewissen. Sie verlangt daher auch keinen Glauben an einen persönlichen Gott, sondern läßt auch dem Gerechtigkeit widerfahren, der den Begriff „Person“ für viel zu beschränkt und eng begrenzt hält, um ihn dem unfaßbaren Geiste beizulegen, der das unendliche Weltall in seiner wunderbaren Ordnung erhält und unzweifelhaft über jeder Vorstellung hoch erhaben ist, die sich die kindlichen Menschen der Erde von ihm zu bilden vermögen! —

Es ist ja gar nicht anders möglich! Diejenigen Weltkörper, welche denkende, d. h. menschenartige Wesen hervorzubringen vermögen, tun dies ihrer Natur gemäß, und diese ist notwendig verschiedenartig. Solche menschenartige Wesen sind daher auf den verschiedenen Weltkörpern untereinander eher unähnlich als ähnlich. Gott anthropomorphisch, d. h. mit Eigenschaften, wie sie die Menschen der Erde besitzen, sich vorzustellen, ist gewiß ein Recht frommer, aber dem Weltenbau fremder Seelen; wissenschaftlich ist es nicht. Gott ist ein Geist; eine Gestalt und solche Eigenschaften wie die Menschen kann er nicht haben, weil er keinen Körper hat, wenn nicht das Weltall selbst diesen bildet. Dann ist er aber eben für Menschenverstand unfaßbar, und wir müssen uns bescheiden zu sagen: Er ist der Geist der Welt; mehr können wir nicht, wenn wir uns nicht in bodenlose Phantasien verirren wollen!

b) Der ewige Osten.

Von Osten kommt das Licht, von Osten erhebt sich die Sonne, uns zu erleuchten und zu wärmen, von Osten kam die Leuchte der Kultur zu uns, von Osten wird die Loge erleuchtet und geleitet. Von Osten kommt Ostern, und zu Ostern erwacht die Natur zu neuem Leben und berichtet uns die ehrwürdige Überlieferung die Auferstehung eines der größten Geister, für die Meisten unter uns des größten unter allen, weil des reichsten an Liebe. Weil also von Osten das Licht, das Leben und die Liebe kommen, nennen die Freimaurer auch den unbekannten, rätsel- und geheimnisvollen Ort, wohin die gehen, für die auf der Erde Licht, Leben und Liebe aufgehört haben zu leuchten und zu blühen, — den ewigen Osten. Denn weil alles Leben von ihm kommt und wieder zu ihm zurückkehrt, ist er ewig wie der keinen Anfang und kein Ende kennende Kreis der Ewigkeit, der ewige Kreislauf des Lebens der Welt und des Wirkens Gottes.

Der ewige Kreislauf alles Lebens, der sich offenbart in der ewigen Wiederkehr der Sonne am Morgen und der des Mondes und der Sterne am Abend, des Aufkeimens der Pflanzenwelt im Frühling, der Verwandlung der Insekten aus mühsam kriechenden in lustig fliegende Wesen hat seit den ältesten Zeiten und bei fast allen Völkern die Menschen dahin geleitet, wie für die gesamte Natur, so auch für das Leben jedes Einzelnen eine Auferstehung nach dem Tode zu erwarten. Nicht zu leugnen ist, daß neben diesen Beobachtungen zuerst auch die Selbstliebe des Menschen, später die große, gar zu oft übertriebene Ansicht von der Wichtigkeit seines Ich bestimmend auf sein Verlangen, nach dem Tode fortzuleben, eingewirkt hat, während in edler entwickelten Naturen an die Stelle dieser Stimmungen eine uneigennützige Hoffnung auf ein Wiedersehen mit den vorangegangenen Lieben und ein besseres Dasein der Geister überhaupt nach dem Willen Gottes trat. Träume im Schlafe vom Wiedersehen mit Verstorbenen trugen ebenfalls das ihrige dazu bei. Alle diese Umstände zusammen genommen erklären es, warum sämtliche Religionen ihren Vorstellungen vom Fortleben nach dem Tode, oder, wie es kurz ausgedrückt wird, ihrem Jenseits ein durchaus sinnliches Gepräge geben, als ob es sich von selbst verstände, daß die Seele nach ihrer Trennung vom Körper einen neuen, wenn auch leichtern und zartern Leib erhielte, wodurch? wird niemals erklärt werden, weil es nicht erklärt werden kann.

Der Begriff des „Wiedersehens“ schließt offenbar ein Sehen und das Sehen Augen in sich. Mit einem bloß geistigen Sehen würde sich schwerlich ein Jenseitsgläubiger befriedigt fühlen, abgesehen von der Unklarheit dieses Begriffes. Damit ist auch die Religion nicht zufrieden, indem sie sogar eine „Auferstehung des Fleisches“ lehrt. Wo die Seele zwischen dem Tode und dieser Auferstehung weile, ist ein — Geheimnis. Es ist auch unklar, von wem bis dahin die Orte des Jenseits bevölkert würden. Die römische Kirche füllt diese Lücke mit dem Fegfeuer aus, ohne zu erklären, wie körperlose Seelen von einem Feuer gebrannt werden können. Diese Bedenken hielten aber den großen, mit riesenhafter Phantasie begabten Dante und andere Jenseitsschilderer nicht ab, schon zu ihren Lebzeiten Hölle, Reinigungsort und Himmel (Paradies) bereits ziemlich angefüllt darzustellen. Manche Völker suchten sich den Zwiespalt zwischen der Trennung von Seele und Körper und sinnlichem Jenseits dadurch zu erklären, daß sie als das Fortlebende den Atem oder Schatten des Menschen betrachteten; manche auch ließen Pflanzen und Tiere nach ihrem Absterben im Jenseits fortleben, andere wieder nahmen im Menschen 2, 3, 4 Seelen an, deren jede eine besondere Bestimmung habe. Nicht selten ist der Glaube an eine zeitweilige Abwesenheit der Seele vom Leibe, eine öfter wiederholte Trennung beider. Dieser Glaube hat als Aberglaube die bizarrsten Auswüchse krankhafter Phantastik erzeugt, wie die Sagen von Doppelgängern, vom „zweiten Gesicht“, Fernwirkungen, Todesverkündigungen, Ekstasen, Verzückungen und anderes. Der Widerspruch, daß ein Leben zwar einen Anfang, aber kein Ende haben, also zugleich endlich und unendlich sein soll, sucht die in Indien besonders lebhaft ausgeschmückte Lehre von der Seelenwanderung zu lösen, nach der die Seele nach dem Tode unbekannt wo weilen und nach geraumer Zeit in einem neuen je nach ihrem Verdiente tierischen oder menschlichen Körper wieder geboren werde und so ohne Anfang und Ende. Nur das seligen Geistern vorbehaltene Nirvana (wörtlich: Auslöschen) befreit davon.

Der Aberglaube an Geistererscheinungen fußt natürlich auf dem Glauben, daß der Abgeschiedene seine Gestalt behalte, der an Spuk darauf, daß ihm auch seine physischen Kräfte gewahrt bleiben, beide darauf, daß die Seele an oder nahe bei ihrem Aufenthalte im Leben verweilen müsse, bis sie erlöst würde.

Der Ort des Jenseits macht die buntesten Phantasien durch. Man kennt Eingangstore zum Totenreiche, so zum griechischen Tartaros, zum römischen Orkus; im deutschen Volksglauben führen verschiedene Stellen durch Sümpfe, Höhlen u. s. w. dahin. Naturvölker fabeln von Abenteuern, die der Tote auf seiner Reise ins Jenseits zu bestehen habe; er muß steile und schlüpfrige Berge, haarschmale Brücken, Abgründe, reißende Ströme, Meere u. s. w. überwinden. Es wird auch erzählt, daß Seher, Häuptlinge u. dergl. dort gewesen und auf die Erde zurückgekommen seien. Das Jenseits liegt je nach dem Volksglauben in hohlen Bergen, unter der Erde, auf entfernten Inseln, über Meeren, natürlich meist im Westen, weil die Sonne dort untergeht, daher auch eine Unterwelt besonders oft angenommen wird. Unser Zeitgenosse, Prof. Bautz in Münster versichert, die Hölle liege unter der Erdoberfläche und die Vulkane seien ihre Schlote. Weit poetischer verlegen Naturvölker ihr Jenseits auf Sonne, Mond oder Gestirne; Wilmershof (1866) suchte das für die Erdbewohner auf der Venus! Der Himmel ist vielfach bevorzugt, natürlich soweit man an ein Himmelsgewölbe glaubt. Manche Völker sind auch mit den Wolken zufrieden. Fischervölker wünschen ein Land mit viel Wasser, Jägervölker ein solches mit viel Wild, Nomaden eines mit herdenreichen Fluren oder Steppen, also einfach eine Fortsetzung des irdischen Lebens.

Allgemein erwartet man im Jenseits eine Belohnung der guten und eine Bestrafung der bösen Taten. Darüber soll das Weltgericht entscheiden, — eine Übertragung menschlicher Verhältnisse auf das Jenseits; wie aber über diejenigen entschieden werde, die sich nach dem Glauben ihrer Bekannten schon jetzt in Himmel oder Hölle befinden, weiß niemand! Natürlich beruht diese Vorstellung auf der Ansicht, daß die Erde die Welt sei, die Erwartung von Lohn und Strafe aber auf selbstsüchtigen oder mißgünstigen Meinungen, oder etwa auf Gerechtigkeitssinn? Bei wem ist denn etwa dieser unfehlbar?

Im Gegensatze zu diesen mannigfachen Vorstellungen vom Jenseits gab es eines der höher zivilisierten Völker, das keine Fortdauer der Seele nach dem Tode annahm. Es waren dies dieselben Israeliten, bei denen der Glaube an Einen, alleinigen Gott seinen Ursprung hatte. Selbst orthodoxe Theologen geben zu, daß im A. T. bis zur Wegführung der Juden nach Babylon sich keine Lehre über eine Fortdauer nach dem Tode finden lasse. Der Grund davon kann kein anderer sein als der, daß sich zu diesem Glauben kein Bedürfnis zeigte. Das Wort Scheol, worin man eine Art Jenseits, eine Unterwelt suchte, zeigt in allen Zusammenhängen, daß damit das Grab gemeint ist. Nach der Rückkehr aus Babylonien erst, ohne Zweifel durch Einwirkung der persisch-zoroastrischen Lehre, nahmen die Juden eine Vorstellung vom Jenseits und zwar gleich eine recht ausgeschmückte an.

Es läßt sich nachweisen, daß die Lehren vom letzten Gerichte, von der Auferstehung der Leiber, von den Engeln und Teufeln und selbst vom Messias (pers. Sosiosch) von den Persern zu den Juden und von diesen zu den Christen gewandert sind. Seitdem bevölkerten sich der Himmel (Abrahams Schoß genannt) und die Hölle (Gehenna) außer jenen guten und bösen Geistern mit den Seelen der guten und bösen Menschen, welche Vorstellung die Masse des Volkes noch heute beherrscht.[14]

Die Freimaurerei hat sich niemals über Einzelheiten des Unsterblichkeitsglaubens ausgesprochen, sondern die Ansichten über diesen Begriff, der ja an soviel Unklarheit und Widersprüchen leidet, den Brüdern freigegeben. Man kann ebensogut ein wackerer Mensch und treuer Bruder sein, wenn man unter Unsterblichkeit das Andenken bei den lieben Hinterlassenen und den Ruhm bei der Mit- und Nachwelt versteht, wie wenn man an Himmel und Hölle, Engel und Teufel glaubt (doch dürfte der Glaube an die bösen Geister und ihr Reich unter den Brrn. sehr dünn gesät sein, trotz der Freundschaft zu Satan, die uns unsere Feinde lächerlicherweise andichten); denn es bedarf zu dem Verzicht auf ein „ewiges“ Leben einer starken Seele und eines unabhängigen Geistes. Dessenungeachtet ehrt die Freimaurerei den Begriff der Unsterblichkeit hoch und nimmt dies auch von den Brrn. an. Mit der Außenwelt teilt sie daher auch das Sinnbild der Ewigkeit (Gottes und der Welt) in der Gestalt des eine sich in den Schweif beißende Schlange vorstellenden Ringes, ohne es bei besonderem Anlasse anzuwenden. In diesem Sinnbilde liegen zugleich Weisheit, Stärke und Schönheit, nämlich Weisheit im Glauben an die Ewigkeit des Allgemeinen, des Wahren, Stärke in dem an die Ewigkeit des Guten und Schönheit in der Form des Ringes selbst, der schönsten, die es gibt. Das Sinnbild ist in der Tat sehr alt und bei allen höher strebenden und tiefer fühlenden Menschen geehrt. Weil es ohne Anfang und Ende ist, liegt darin alles enthalten, was es Wahres, Gutes und Schönes gibt.

Und so schließen wir mit diesem Ringe der Ewigkeit unsere kurz gefaßten Betrachtungen über die Sinnbilder der Freimaurerei, indem wir hoffen, daß unsere Abweichung von einigen bisher geläufigen, aber nach unserer Überzeugung veralteten Anschauungen, als im Interesse der Freimaurerei selbst vorgebracht, mit brüderlicher Nachsicht beurteilt werden möchte.

Es folgt noch, der Vollständigkeit wegen, ohne einzelne Sinnbilder zu berühren, eine kurze Darstellung der verschiedenen freimaurerischen Systeme oder Lehrarten.

12. Die Lehrarten.

Immer höher muß ich steigen, immer weiter muß ich schaun. Goethe, Faust II.

a) Die englischen Lehrarten.

Unter Lehrarten oder Systemen versteht man in der Freimaurerei die Art und Weise, wie in einem Lande oder an einem Orte die Freimaurerei gelehrt und durch Sinnbilder dargestellt wird.[15] Da die Freimaurerei (wie in unserer Schrift „Adhuc stat“, eingehender in den Geschichten der Freimaurerei gezeigt wird) ihre Heimat in England hat, so ist natürlich die englische Lehrart die älteste.[16] Ihre erste Einrichtung beruht auf dem von dem Prediger Dr. James Anderson im Jahre 1723 verfaßten Gesetzbuche, „Konstitutionenbuch“ genannt. Es war gerade die Zeit, in welcher die Werkmaurer, die die englische Großloge 1717 gegründet hatten, aus den leitenden Beamtenstellen verschwanden und durch Adelige und Gelehrte ersetzt wurden. Die Londoner Brüder waren jedoch nicht die einzigen im Lande; schon 1725 entstand in York eine eigene Großloge, die beinahe das ganze 18. Jahrhundert hindurch eigene Logen leitete, doch ohne die von London aus gestifteten zu behelligen. In demselben Jahre erscheinen hier die drei Grade zum ersten Male, und im Jahre 1730 trat der erste freimaurerische Katechismus an das Tageslicht. Es wurden bald darauf an der Stelle der bisherigen weißen Gleichförmigkeit in der maurerischen Kleidung für die Großbeamten farbige Unterschiede im Besatze der Schurze und in den Bändern eingeführt. Auch der Einheit des Bundes drohte in der nächsten Zeit eine Gefahr, nicht von der Großloge in York, sondern von einer neuen, die sich 1751 vorzüglich aus Irländern bildete und deren Mitglieder sich Ancient Masons, Alte Maurer, nannten, weil sie die alte echte Freimaurerei herzustellen beabsichtigten. Seitdem nannte man die früher entstandene Großloge die der Neuen Maurer (Modern Masons). Die sog. Alten Maurer hatten bis 1756 keinen adeligen Großmeister, wählten sich aber dann ebenfalls einen solchen. Beide Körperschaften lebten indessen im Frieden miteinander. Beide auch führten in den vierziger Jahren eine neue Abweichung vom alten Freimaurertum ein, nämlich den über den ersten 3 Graden stehenden „Royal Arch-Grad“ (Grad des königlichen Gewölbes), den ersten Keim des unseligen Hochgradwesens. Erst in den Jahren 1809 bis 1813 vereinigten sich die beiden Großlogen zu einer einzigen auf der Grundlage der vier Grade, mit Ausschluß aller „höheren“ oder der sog. Ritterorden. Dagegen setzte die 1736 gestiftete Großloge von Schottland an die Stelle des Royal Arch die beiden „Markgrade“ (die später in einen verschmolzen), und die von Irland (1731) anerkannte gleich eine ganze Menge von Hochgraden, sogar von Tempelrittergraden, doch ohne ihnen als solchen den Zutritt in die Logen der 3 alten Grade zu gestatten.

Schon früh, jedoch ohne alle diese Zutaten, fand sowohl das alt- als das neuenglische System Eingang in Deutschland, und zwar in dreierlei Gestalt: 1. in Frankfurt am Main 1742, wo die dortige englische Gründung (die spätere Loge zur Einigkeit) wacker gegen die damaligen ritterlichen und hochgradigen Verirrungen Stand hielt und sich 1783 zum Eklektischen Bunde entwickelte, der sich erst 1822 von der englischen Großloge trennte und zur selbständigen Großloge wurde. Seit 1844 ist hier die seit 1811 bestandene Ausschließung der Nichtchristen wieder aufgehoben, aber 1846 trennten sich vom Bunde die hessischen Logen und errichteten eine eigene Großloge in Darmstadt. 2. In Berlin arbeitete Ignaz Aurelius Feßler (1756-1839), der frühere österreichische Kapuziner, das Ritual der Loge „Royal York“ um 1800 in englischer Weise um, wobei an die Stelle höherer Grade ein Innerer Orient mit „Erkenntnisstufen“ höheren moralischen Gehaltes trat. Nach der Erhebung jener Loge zur Großloge verbreitete sich deren Ritual nicht nur über ihr Gebiet, sondern auch über andere Orte Deutschlands; doch fanden mehrfache Abänderungen statt, und an die Spitze der Inneren Oriente trat ein Innerster Orient; 3. In Hamburg wurde 1801 durch Friedrich Ludwig Schröder (1744-1816) das Gebrauchtum der dortigen Großen Loge durch Abschaffung aller Hochgrade verbessert und alles, was über den 3. Grad hinausging, in dem Engbund mit kritisch-historischem Charakter vereinigt. Dieses dem englischen nachgebildete System ist das der Großlogen von Hamburg und Sachsen und auch außerdem mehrfach verbreitet. Der Engbund hat jedoch seine Bedeutung längst eingebüßt, und sein Inhalt gehört der öffentlichen wissenschaftlichen Forschung an.

Im Hergange der Gebräuche unterscheiden sich die beiden englischen Systeme wesentlich nur durch die Stellung der beiden Aufseher (s. oben S. 6). Das neuenglische anerkennt 3 große Grundsätze: Bruderliebe, Hilfe und Treue, als die 3 großen Lichter die sonstigen 3 kleinen, und die sonstigen 3 großen L. bloß als die Logengeräte. Die 3 Umführungen werden nicht als Reisen (da ja Lehrlinge noch nicht reisen), sondern nur als Vorbereitungen zur Aufnahme betrachtet. England kennt weder die Elementarproben, noch Hut und Handschuhe in der Loge, auch die Kette nicht mehr, was alles aber in den deutschen Übernahmen der englischen Systeme gebräuchlich ist. — Dagegen blieben in England noch andere Sinnbilder, die in Deutschland nicht Aufnahme fanden. Ebenso verhält es sich mit den Royal Arch- und Merkgraden, die übrigens in England unter besonderen Behörden (Kapiteln) stehen. Die englische Lehrart hat gegenüber dem aristokratischen Wesen der Hochgrade einen wesentlich demokratischeren Charakter.

In einzelnen Logen haben sich neuerdings Ableger der englischen Systeme gebildet, so 1865 und 70 in Freiburg im Breisgau durch Gottfr. Aug. Ficke aus Hamburg (1808-1887), der mit dem Polen Twenlowski eine eigenartige religiös-moralische Reform durchführte. In St. Gallen wurde 1868 das bis dahin geltende rektifizierte schottische System in altenglischem Geiste mit einigen neuen Gedanken umgearbeitet, was auch in andern deutsch-schweizerischen Logen Annahme fand. Die Großloge zur Sonne in Baireuth einigte sich 1873 auf das vom Professor J. K. Bluntschli in Heidelberg (1808-1881) verfaßte Gebrauchtum auf englischer Grundlage, diejenigen von Marbach und Findel fanden ebenfalls Beifall. Überall, wo die englische Lehrart in Deutschland Fuß faßte, huldigen die Logen dem humanitären Prinzip ohne religiöse Ausschließlichkeit. In den drei alten Graden ist auch unter der Oberherrschaft der zwei folgenden Systeme das Gebrauchtum der englischen Lehrart im wesentlichen erhalten geblieben.

b) Die französischen Hochgradsysteme.

Wenn auch nicht die ersten, wie vorhin gezeigt, so schreiben sich doch die schwersten und schädlichsten Abweichungen der Freimaurerei von ihren alten und echten, einfachen und prunklosen Grundsätzen von ihrer Einführung in Frankreich her. Hier entstanden in Mitte des 18. Jahrhunderts die sog. Schottengrade und Schottenlogen. Mit Schottland haben diese nichts zu tun, wie die dortige Großloge wiederholt erklärt hat. Woher also der Name kam, ist nicht sicher nachzuweisen, doch wohl von irgend welchen Verbindungen mit dem in Frankreich flüchtigen Hause Stuart oder von Sagen über alten Bestand der Freimaurerei in Schottland. Viel liegt nicht daran; denn der Inhalt dieser Grade, deren es etwa 50 an der Zahl gab oder noch gibt, bezieht sich auf ganz andere Dinge, so daß der Name willkürlich und unzutreffend erscheint. Es ist nicht hier, sondern in der Geschichte der Freimaurerei der Ort, zu erzählen, wie sich dieses Unwesen in Frankreich und zeitweise als „strikte Observanz“ auch in Deutschland verbreitet hat, in welcher Verbindung es mit Schwärmern und Schwindlern, sowie mit der römischen Kirche und den Jesuiten stand und welche Wahnideen von einer Fortdauer des Tempelritterordens in der Freimaurerei es nährte und pflegte.

Der heute noch bestehende und am weitesten verbreitete Zweig der sog. schottischen Maurerei ist das sog. altschottische oder französisch-schottische System der 33 Grade, deren Namen und angeblichen Inhalt wir oben (S. 41 ff.) aufgezählt haben, — angeblich sagen wir, weil es doch unwahrscheinlich ist, daß sich ernsthafte Männer mit solch’ unnützen Dingen beschäftigen sollten, unter denen wohl anderes (gewiß harmloses) verborgen steckt.

Die ersten Spuren dieses Systems finden sich in dem sog. Kapitel von Clermont, welches am 24. Nov. 1754 der Chevalier de Bonneville in Paris stiftete. Der Name Clermont war bezeichnenderweise von dem Collège Clermont entnommen, einem Jesuiten-Kollegium in Paris, von wo aus die Unternehmungen der Prätendenten Jakob III. und Karl Eduard Stuart unterstützt wurden. Das System Clermont arbeitete mithin im doppelten Interesse der Jesuiten und der Stuarts, und ist die Mutter oder wenn man will Großmutter des „alten und angenommenen schottischen Ritus“. Es enthält sieben Grade, nämlich über dem Meister: 4. schottischer Meister, 5. erwählter Ritter des Adlers, 6. erhabener Ritter oder Templer, 7. höchster erhabener Ritter. Diese Titel waren schon nichts weniger als bescheiden; aber es kam noch stärker. Es bildete sich auf Grundlage des genannten Systems 1757 in Paris ein neues, dessen Bekenner sich nicht geringer benannten, als: Souveräne Maurerfürsten, allgemeine Stellvertreter der k. K., Große Aufseher und Beamte der großen und souveränen von St. Johannes zu Jerusalem. Neben diesem langen Titel trugen die Oberen des Ordens noch den kürzern, aber erhabenern der „Kaiser vom Osten und Westen“. Unter ihnen war der Orden in 25 Grade eingeteilt, welche sieben Klassen bildeten. Diese 25 Grade sind in den jetzigen 33 immer noch vorhanden, und unsere Dreiunddreißiger sind mithin die direkten Nachfolger von Leuten, welche sich selbst in vollem Ernste „Kaiser vom Osten und Westen“ nannten. Im gewöhnlichen Leben würden Menschen von gesundem Verstande Leute, die sich eine Würde beilegen, die sie nicht besitzen, einfach „Narren“ nennen. Diese Titularkaiser vereinigten sich 1772 mit der französischen Großloge; 1780 aber nahmen sie, wieder getrennt, den Titel „Souveräner Rat und erhabene Mutterloge der Vortrefflichen“ an. Von diesem System nun, aber als es noch den Kaisertitel führte, erhielt am 27. Aug. 1761 der Pariser Jude Etienne Morin ein Patent als „Großer Erwählter, vollkommener und alter erhabener Meister, Maurerfürst, Ritter und erhabener Fürst aller Orden der Perfektions-Mrei“ u. s. w., die Würde eines Deputierten Groß-Inspektors in allen Teilen der Neuen Welt, und die Vollmacht, in Amerika die Freimaurerei durch die Mitteilung aller von den „Kaisern“ anerkannten 25 Grade zu verbreiten u. s. w. Morin tat dies, verbreitete das System der Kaiser des Ostens und Westens in San-Domingo, Jamaika und Charleston, und hier war es, wo sich dasselbe um 8 Grade erweiterte und also deren 33 erhielt (angeblich nach den Lebensjahren Jesu, der aber von solchen Prunktiteln nichts wußte). In Frankreich gingen unterdessen die „Kaiser des Ostens und Westens“ und ihre Nachfolger in der Revolution unter wie die übrigen Freimaurer auch; aber im Jahre 1804 kehrte der Graf de Grasse-Tilly mit den französischen Truppen aus San-Domingo nach Paris zurück, versehen mit einer Vollmacht des Suprème Conseil des schottischen Ritus zu Charleston, laut welcher er in Europa Logen nach diesem Systeme zu errichten das Recht besaß. Noch in demselben Jahre gründete er den noch heute bestehenden Suprème Conseil des 33. Grades und trat an dessen Spitze als Souverain Grand Commandeur, welche Stellung er bis 1806 bekleidete, wo der Kanzler Cambacerès ihm nachfolgte, welcher zugleich Großmeister des Grand Orient war, was er bis zum Sturze des Kaiserreichs 1814 blieb. Mit dieser Zeit begannen die Reibungen und Zwistigkeiten der beiden Körperschaften, welche beide die 33 Grade besaßen und jede die allein rechtmäßige sein wollte.

Rechteck
Rechteck

Die ganze Einrichtung des schottischen Systems der 33 Grade beruht nun auf der erdichteten Behauptung, Karl Eduard Stuart (welcher gar nie Maurer war, sondern die Freimaurer zur Erreichung seiner dynastischen Zwecke zu mißbrauchen suchte) habe Friedrich II., König von Preußen (welcher mit Karl Eduard gar nie in Verbindung stand, sondern ein beständiger Verbündeter des in England regierenden Hauses Hannover war, welches Karl Eduard zu stürzen versuchte) zum Großmeister (welche Würde Karl Eduard niemals zu vergeben hatte) und zu seinem Nachfolger (in einer Würde, die er selbst nicht besaß) ernannt, und dieser, Friedrich der Große, habe am 1. Mai 1786 (als er sich längst nicht mehr um die Freimaurerei bekümmert hatte) die Hierarchie des schottischen Ritus (der in dieser Form in Deutschland niemals existiert hat) von 25 auf 33 Grade (welche Zahl erst 1801 in Amerika entstand) erhöht und die oberste Gewalt einem Suprème Conseil (welche Behörde es in Deutschland niemals gegeben hat) übertragen. Zum Überfluß hat die von Friedrich im Anfang seiner Regierungszeit (um 1740) gegründete Große Mutterloge zu den 3 Weltkugeln in Berlin im Jahre 1862 jene Ordenssage offiziell als eine Lüge erklärt. Endlich hat im Jahre 1875 der Kongreß des schottischen Ritus in Lausanne ebenfalls für gut gefunden, die Erzählung von Friedrich dem Großen aufzugeben. Es scheint dies jedoch mehr aus französischem Preußenhaß, als aus wissenschaftlicher Gewissenhaftigkeit geschehen zu sein; denn wäre die letztere maßgebend gewesen, so hätten auch die 33 Grade aufgegeben werden müssen. Es ist jedoch an letzteren kein Jota abgelassen worden, obschon Jedermann weiß, daß die 33 Grade in Wahrheit gar nicht existieren, sondern in fünf bis sieben Einweihungen erteilt werden, — so daß hier der beste Anlaß gewesen wäre, die Grade auf fünf bis sieben zu vermindern, — wenn nicht das Bestreben, mit pomphaften Titeln und klingendem Anhängsel an bunten Bändern zu prunken und zu prangen, alle anderen Rücksichten überwöge. Die schottischen Brüder werden zwar darin Mangel an brüderlicher Liebe und an Festigkeit in den maurerischen Prinzipien finden; aber die Wahrheit tut der Liebe niemals Eintrag. Wer auf Liebe Anspruch macht, muß auch die Wahrheit ertragen können, ja er muß dem Bruder, der ihm die Wahrheit sagt, sogar dankbar sein!!!

Die Fabeldichtung des sog. schottischen Systems, an sich schon stark genug der Wahrheit ins Gesicht schlagend, wurde noch weit übertroffen durch zwei spätere französische Ordensschöpfungen, die ihren Ursprung aus Ägypten herleiteten.

1. Der Ritus von Misraim (hebr. Name von Ägypten) wurde im Anfange des 19. Jahrh. durch den jüdischen Armeelieferanten Michel Badarride aus Avignon und seine zwei Brüder in Frankreich eingeführt und verbreitet. Die Sage von seinem hohen Alter ist zu lächerlich, um erwähnt zu werden. Die Lehre des „Orientalischen Ordens“, wie er sich auch nennt, ist eine Art mystischer Naturphilosophie und wird in 4 Serien, 17 Klassen und 90 Graden mit äußerst hochtrabenden Titeln „mitgeteilt“. Er behauptet, über seinem sichtbaren Oberhaupt, dem „souveränen Fürsten“, noch ein unbekanntes, den souveränen Großmeister zu besitzen. Seine Bemühungen, vom französischen Großorient anerkannt zu werden, blieben ohne Erfolg. Er brachte es bis 1898 auf 10 Logen.

2. Der ganz ähnliche Ritus von Memphis, der sich ebenfalls orientalischer Freimaurer-Orden nennt und eine ebenso keck erfundene Sage von uraltem Ursprunge behauptet, wurde in Wirklichkeit erst 1814 von Samuel Honis aus Kairo nach Frankreich gebracht und hatte 1816 in Montauban in einem gewissen Marconis sein „Groß-Hierophant“ genanntes Oberhaupt. Er schlief bald ein, erwachte aber 1838 unter Marconis dem Jüngern und verbreitete sich nach Belgien, England, dem Orient und Amerika. Seine von der Polizei nicht sehr geachteten Geheimnisse verteilte er in 7 Klassen und 90 Graden, deren oberer „Souveränes Sanktuarium“ (Heiligtum) genannt wurde. Die Lehre des Ordens ist ein Wandelgang durch alle Mysterien und Geheimbünde der Geschichte. Im Jahre 1860 schränkte er seine Grade auf die Zahl 33 ein. Vom Großorient erhielt er 1862 die Anerkennung, worauf sich jenem seine Pariser Logen anschlossen, während die auswärtigen unabhängig blieben, sich aber mit dem Misraim-Orden (1898) verschmolzen; neuerdings hat der vereinigte Orden auch in Deutschland Eingang gefunden.

c) Die schwedische Lehrart.[17]

Die Freimaurerei wurde in Schweden 1735 eingeführt und erhielt dort sieben aus Frankreich stammende Grade. Gründer des schwedischen Systems aber wurde 1756 der spätere Kanzleirat Karl Friedrich Eckleff (1726-1789), indem er auf Grund eines Freibriefes unbekannter Herkunft in Stockholm ein Kapitel errichtete, das er als „Vikar Salomos“ leitete. Es folgte 1760 durch ihn die Gründung der Großen Landesloge von Schweden, der sieben Logen unterstanden und in der er das Amt des zugeordneten Landesgroßmeisters bekleidete. Die Logen vermehrten sich, König Gustav III. trat selbst bei und übernahm den Schutz der Landeslogen. Die aus Frankreich stammende Fabel von einem Zusammenhange mit den Johannitern der Kreuzzüge wurde angenommen; auch die Legende vom Fortleben der Tempelritter kam dazu und veranlaßte die Errichtung drei weiterer Grade. Nachdem Eckleff seine Rechte dem spätern König Karl XIII. verkauft hatte, ging die Leitung des Ordens ganz an den jeweiligen König über und so blieb es bis heute, indem stets der König Ordensmeister und der Kronprinz Landesgroßmeister ist.

Schon 1766 wurde die schwedische Lehrart in Deutschland eingeführt, 1814 in Norwegen und 1855 in Dänemark; und 1891 erhielt Norwegen eine eigene Große Landesloge. In allen drei skandinavischen Staaten steht die Ordensleitung beim König.[18]

Von der Lehrart der drei nordischen Reiche weicht die in Preußen eingeführte in manchen Dingen ab. Eingeführt wurde hier das schwedische System durch den Feldarzt Joh. Wilhelm Ellenberger (1731-1782), der durch Adoption den Namen v. Zinnendorf erhielt. Zwar bereits der „strikten Observanz“ angehörend, aber nach höheren Geheimnissen begierig, ließ er sich aus Schweden von Eckleff die Akten seiner Grade und einen Freibrief senden, gründete Logen und 1770 die Große Landesloge von Deutschland, und 1773 erhielt er für diese eine Anerkennung aus England und im nächsten Jahre diejenige als Landesgroßmeister von Preußen. Nicht so günstig gestaltete sich das Verhältnis zu Schweden, von wo der Freibrief Eckleffs widerrufen wurde, worauf Zinnendorf 1777 seine Schöpfung von Schweden trennte. Auch mit England erfolgte ein Bruch, mit Schweden aber 1819 Versöhnung. Seit 1860 bekleidete der König von Preußen das Protektorat der Gr. L. L., seit 1895 führt es Prinz Friedrich Leopold. Kronprinz Friedrich Wilhelm, der spätere König und Kaiser Friedrich III. verlangte als Ordensmeister 1870 eine genaue Prüfung der geschichtlichen Ansprüche der Gr. L. L. und Reformen in ihrer Einrichtung, im Sinne einer Vereinfachung des Gebrauchtums, wie im Geiste der Zeit.

Der Gr. L. L. war dies unbequem; sie schloß den mit den Forschungen beauftragten Archidiakon Schiffmann und die Logen in Stettin und Stralsund aus; 1880 ließ sie sich aber wenigstens dazu herbei, die Templerfabel aufzugeben.

Die Gr. L. L. von Deutschland (deren Grade oben S. 40 angegeben sind) und die übrigen des schwedischen Systems huldigen einer strammen protestantischen (doch unbekannt ob streng dogmatischen) Orthodoxie und nehmen Nichtchristen nicht auf. Für sie ist die Bibel kein bloßes Sinnbild, sondern eine Art Gesetzbuch. Die 3 alten Grade sind zur Unbedeutendheit herabgedrückt und den höheren Graden unbedingt unterworfen. Doch soll dieses Regiment (wohl infolge von Unzufriedenheit der Unterdrückten) in neuester Zeit milder geworden sein. Immerhin besteht ein scharfer Unterschied zwischen der Gr. L. L. und den dem englischen System zugetanen Logen. Einigermaßen wird diese Kluft notdürftig überbrückt durch die einem gemischten System huldigende, weil Hochgrade (vier an der Zahl) besitzende, Gr. National-Mutterloge zu den 3 Weltkugeln in Berlin (1740 von Friedrich dem Großen gegründet), eine deutsche Reform des schottischen Systems, die zwar dem schwedischen System formell nähersteht, als dem englischen, deren Mitglieder aber mit diesem mehr sympathisieren, wie auch die christliche Ausschließlichkeit in ihr nur noch auf schwachen Füßen steht.

Werfen wir einen Blick auf die drei Hauptlehrarten der Freimaurerei zurück, so gestaltet sich ihr geographisches Gebiet, wenn nach der Großzahl, die sie in diesem einnehmen, gerechnet wird, die Minderheiten anderer Systeme aber außer Berücksichtigung fallen, folgendermaßen:

I. Englisches System. Dieses umfaßt Großbritannien, die Niederlande, Deutschland westlich der Elbe[19], die Schweiz, Ungarn, die britischen Kolonien und die Vereinigten Staaten von Nordamerika.

II. Schottisches (eigentlich französisches) System. Dieses umfaßt Frankreich, Belgien, Italien, Griechenland, Rumänien, Spanien, Portugal, Mittel- und Südamerika.

III. Schwedisches System nebst den drei Weltkugeln, obschon diese ihm keineswegs angehören: Deutschland östlich der Elbe[20], Dänemark, Norwegen und Schweden.

Die herrschenden Richtungen sind folgende:

I. Aufgeklärter Theismus, ohne konfessionelle Färbung.

II. Früher Katholizismus, doch ohne Abhängigkeit vom Papsttum; jetzt entschiedenes Freidenkertum.

III. Protestantische Orthodoxie, doch mit Hoffnung auf Entwicklung im Sinne größerer Geistesfreiheit. —

Notes in this chapter

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