Das Wallfischboot. (continued 2)
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Endlich – endlich machte wenigstens ein Theil der zudringlichen Gäste Anstalt zum Gehen. Draußen ertönte ein Trompetensignal, und die Soldaten sprangen die Leiter hinab um zu sehen, was es da gebe. Auch die Mahlzeit war so weit vorgerückt, daß ein kleiner Tisch gedeckt werden konnte. Jetzt nahmen auch die Frauen Abschied, erst einzelne, dann mehrere zusammen – nur eine Negerin, ein großes stämmiges Frauenzimmer von Rabenschwärze, kauerte noch am Herd und machte keine Miene den Platz zu räumen.
Bill's Frau schien sich aber noch immer nicht um ihn zu kümmern und stand, während die Negerin auf den Herd Achtung gab, oben an ihrer »Treppe,« um sich noch mit den unten einen Augenblick verweilenden Damen zu unterhalten, bis ein plötzlich einsetzender Regenschauer jede solche Unterhaltung abbrach. Der Besuch mußte selber eilen, um unter Dach und Fach zu kommen.
Bill hatte indessen Zeit und Gelegenheit gehabt, die junge Frau näher zu betrachten, und mußte sich gestehen, daß es wirklich ein reizendes Wesen sei. Sie war allerdings braun und möglicher Weise eine reine Indianerin, obgleich auch Viele der Mischlingsrasse die nämliche Färbung tragen, aber von zartem und doch vollem Gliederbau, mit langem, weichem, gelocktem, vollkommen schwarzem Haar und großen dunklen Augen, gerade wie sie das Kind auch hatte, die von mächtig langen Wimpern überschattet wurden. Sie ging dabei sehr einfach, ja fast ärmlich in ein dunkles, an vielen Stellen schon zerrissenes Kattunröckchen gekleidet, und doch bewegte sie sich in demselben mit Anstand, und Bill selber war erstaunt über das fast würdevolle Benehmen, mit dem sie ihre zudringlichen Besuche verabschiedete.
Jetzt wandte sie sich zu ihm, und der sonst so kecke und zuversichtliche Matrose gerieth wirklich in Verlegenheit, wie er sich gegen die junge Frau benehmen solle, die er da drunten am Strand nichts weniger als freundlich angelassen hatte – und dann die zwei englischen Worte, die sie ihm zugeflüstert. Sie selber schien aber nicht zuversichtlicher als er, denn noch an der Schwelle blieb sie stehen und warf wie scheu den Blick zurück und umher in dem jetzt leeren Raum, als ob sie sich erst noch einmal überzeugen wolle, daß sie wirklich allein seien. Erst jetzt ging sie auf den Matrosen zu und ihm die Hand entgegenstreckend sagte sie mit vor innerer Bewegung gepreßter Stimme, aber in vollkommen gutem, reinem Englisch: »Was müßt Ihr von mir denken, Fremder, daß ich Euch auf solche Weise in mein Haus geführt?«
»I'll be« – Bill verschluckte das rauhe Wort, das ihm, alter Gewohnheit nach, unwillkürlich herausschlüpfte, denn er war wirklich überrascht. Erstlich erstaunte er über das fertige Englisch, das die braune Frau sprach, und dann wäre es ihm vielleicht nicht einmal so unangenehm gewesen, wenn sie ihn jetzt noch etwas länger als ihren Mann behandelt hätte. Fast ohne daß er es selber wußte, flog auch sein Blick nach der am Herd kauernden Negerin hinüber; die junge Frau aber, der das nicht entging, sagte rasch:
»Wir haben nichts zu fürchten – Sarah ist eine treue Freundin und versteht, was wir sprechen. Aber vor Allem bin ich Euch eine Erklärung über mein wunderliches Verhalten schuldig, und die will ich so kurz fassen, wie nur irgend möglich – Setzt Euch – Ihr werdet von Eurer langen Fahrt hungrig und ermattet sein, und darin wenigstens kann ich Euch helfen – Sarah, laß uns das Essen haben, wenn es fertig ist – Setzt Euch, Freund!«
Bill sah sich etwas verlegen in dem Haus um – es war keine Spur von irgend einem Stuhl zu entdecken, und der gedeckte Tisch, der mitten im Haus stand, höchstens einen Fuß hoch vom Boden. Die junge Frau aber ließ sich ohne Weiteres daneben auf einer kleinen Matte nieder, und der Seemann, mehr um nicht unhöflich zu sein, als weil es ihm etwa bequem gewesen wäre, folgte ihrem Beispiel.
»Aber, Madame,« sagte er dabei, indem er sie selber verlegen halb lächelnd von der Seite ansah, »haben Sie mich denn wirklich für Ihren Mann gehalten?«
Ueber die lieben Züge der jungen Frau flog ein leises, wehmüthiges Lächeln, als sie erwiederte: »Wenn Sie meinen Gatten kennten, würden Sie das nicht für möglich halten, denn er ist viel kleiner wie Sie und hat rabenschwarze Haare und dunkle Augen.«
»Ja, aber da – nehmen Sie es mir doch nicht übel –«
»Ah bitte, hören Sie mich erst an,« bat die Frau, »Sie sollen ja Alles wissen, Alles erfahren und werden mir dann gewiß nicht böse sein.«
»O,« sagte Bill gutmüthig schmunzelnd, »ich – ich bin gar nicht böse und – wenn es nicht anders sein könnte –«
»Ich weiß nicht,« unterbrach ihn aber die Frau, »ob Sie die traurigen Verhältnisse unseres Landes kennen. Der Bürgerkrieg wüthet auf das Furchtbarste darin, Revolution folgt auf Revolution, und während ehrgeizige Menschen unaufhörlich die Leidenschaft des Volkes aufstacheln, fließt unschuldiges Blut in Strömen, und brave, ruhige Menschen werden unglücklich und elend gemacht.«
»Eine schöne Wirthschaft scheint hier zu sein,« nickte Bill, die Erzählung interessirte ihn aber doch nicht so sehr, als daß er nicht auch zugleich einen verlangenden Blick nach dem Herd hinüber geworfen hätte, und die junge Frau, die es bemerkte, sagte rasch: »Wie ist es mit dem Essen, Sarah, unser Gast ist hungrig.«
»Es ist fertig,« erwiederte die Negerin, »wir können anfangen.«
»Wenn Sie denn nichts dagegen haben,« meinte Bill, indem er aufstand, »so darf ich mir wohl den Tisch ein Bischen an die Wand rücken, ich breche mir sonst hier das Kreuz mit Krummsitzen ab – so,« fuhr er fort, indem ihm die Frau rasch willfahrte und er den kleinen Tisch hinüberhob und sich wieder daneben niederließ, »jetzt geht es schon ein ganz Theil besser, wenn man sich anlehnen kann – die Wand wird sich doch nicht hinausdrücken?« – Die elastische Wand hielt aber, und da die Negerin jetzt auch das Essen: Reis mit darin gekochtem Wildpret, Sardinen, Brod, Früchte und Käse auf den Tisch setzte, und die Flasche Wein mit einem Glas dazu stellte, ließ sich Bill nicht lange nöthigen und griff wacker zu.
Die Frau indessen, die, wie es schien, nur aus Artigkeit ein paar Bissen verzehrte, was aber an dem Matrosen spurlos vorüberging, fuhr leise fort: »Wir sind in der That hier recht unglücklich in Neu-Granada, und nur die Hoffnung, daß Mosquera, der schon fast an allen Punkten siegreich gewesen ist, endlich diesem Treiben ein Ende machen würde, hatte uns bis jetzt noch aufrecht erhalten. Wir lebten auch in einem kleinen Städtchen, Karthago genannt, und oben in den Kordilleren so zurückgezogen und entfernt von dem eigentlichen Kriegsschauplatz, daß wir wenig von den steten Unruhen hörten. Mein Mann, ein geborner Venezuele, war Alkalde im Ort und mit der Mehrzahl der Bevölkerung Mosquera ergeben, der nur ein einziges Mal mit seinen Truppen durchzog und von uns auf das Freundlichste empfangen wurde. Da plötzlich, als er sich eben nach Bogota gewandt, um dort den Herd der Rebellion zu ersticken, brach eine starke Guerillabande der Godos aus den Bergen nieder, überfiel Karthago, plünderte und brandschatzte die Stadt, beging außerdem eine Menge Grausamkeiten und schleppte einen Theil der unglücklichen Beamten, unter ihnen meinen Gatten, mit sich fort und hier an der Küste hinunter, wo sie Buenaventura in gleicher Weise überfielen und besetzten.
»Zufällig war ich selber gerade an dem Tag, an welchem Karthago genommen wurde, bei Freunden auf dem Lande. Denken Sie sich mein Entsetzen, als ich zurückkehre und unsere Heimath verwüstet und Leichen überall umher gestreut finde. Es war ein schwacher Trost zu hören, daß mein Gatte nur gefangen sei, denn mit unmenschlicher Grausamkeit hatten sie die Gefangenen behandelt. In rohe Häute genäht – um den Zurückbleibenden Entsetzen einzuflößen – waren sie aus der Stadt hinausgeschleift worden. Ob sie noch lebten, wer konnte es sagen, und in Todesangst um den Geliebten folgte ich den Spuren der Mörder. Welche furchtbare Zeit ich damals durchlebt, ich könnte es nicht schildern, und will auch Ihre Geduld nicht ermüden, aber von Niemanden gekannt, erreichte ich Buenaventura und fand hier nur eine Freundin – meine alte Sarah dort, die früher in dem Haus meiner Eltern gewesen. Mit ihrer Hülfe erfuhr ich auch – während mein Name streng geheim gehalten wurde – daß mein Gatte noch lebe, aber fest im Kerker und geschlossen liege, und die Räuber unter sich nur noch nicht einig seien, ob sie ihn wie Andere, die man mit den Waffen in der Hand ergriffen, erschießen wollten, oder ob er langsam in seinem Kerker verderben solle.«
»Hm,« brummte Bill, dem die Erzählung höchst wunderbar vorkam, während er aber noch immer nicht begriff, was für eine Ursache die junge Frau gehabt haben konnte, ihn vor allen Andern als ihren Mann herauszugreifen und mitzuschleppen. »Das scheint ja recht hübsch hier zuzugehen. Und giebt es denn da gar keine Obrigkeit?«
»Du lieber Gott,« sagte die junge Frau, »die Behörden haben keinen eigenen Willen, und wo die Godos herrschen, setzen sie auch ihre eigenen Beamten ein. Es sind lauter Verräther an ihrem Vaterland, und welche Rücksicht würden sie auf ein armes, schwaches Weib nehmen!«
»Ja aber –« sagte Bill, der jetzt fertig gegessen und getrunken hatte und sich in einer viel wohlwollenderen Stimmung fühlte. Er empfand mit dem Unglück der bildhübschen jungen Frau ihm gegenüber wirkliches Mitleid, wenn er auch nicht recht begriff, wie und auf welche Art er ihr helfen könne – »das ist soweit recht gut – oder eigentlich wollte ich sagen recht niederträchtig, denn das muß ein schönes Gesindel sein, das mit Morden und Rauben im Lande herumzieht; aber was um Gotteswillen kann ich dabei thun? Ja, wenn wir ein amerikanisches Kriegsschiff hier hätten, so ließe sich noch eher ein Wort darüber reden, aber wir paar Matrosen, was wollen wir gegen die ganze, mit Musketen und Lanzen bewaffnete Bande anfangen? Hinausjagen können wir sie doch nicht, und sie schössen uns einfach vor den Kopf.«
»Und doch stehen den Fremden so viel Mittel zu Gebot, die uns vielleicht helfen können,« sagte die junge Frau mit angstbewegter Stimme. – »Ach, als ich Euch an unserer Küste landen sah und dabei wußte, wie ich hier, in meinem eigenen Vaterlande, keinen einzigen Freund, keinen Beschützer hatte, der es wagen würde, sich der Armen, Verlassenen anzunehmen, da war es mir, als ob Gott selber Euch zu meiner Hülfe gesandt, und nicht im Stande, den Fremden zu nahen, ohne Verdacht zu erregen, griff ich zu dem vielleicht unweiblich scheinenden, aber auch verzweifelten Mittel, Eure Hülfe zu erbitten. Darin wußte ich, daß mir die Neu-Granadienser beistehen würden, denn es ist schon oft vorgekommen, daß Fremde an dieser Küste ein Weib genommen und sie dann verlassen haben, um in ihre eigene Heimath zurückzukehren, und nur so konnte ich unverdächtigt mit Euch Verkehr unterhalten und die Mittel bereden, meinen Gatten und Alle, die noch halbverschmachtet in dem hiesigen Kerker ein elendes Dasein fristen, ja in steter Todesgefahr schweben, vielleicht zu befreien.«
»Aber, beste Frau,« sagte Bill jetzt wirklich verlegen, denn sein gutes Herz hätte ihr gern geholfen, wenn er auch nicht die Möglichkeit eines Gelingens sah – »wie in aller Welt sollen wir paar Menschen das erreichen, wenn wir die ganze Stadt dabei gegen uns haben?«
»Aber die ganze Stadt ist nicht gegen uns!« rief die junge Frau rasch – »hier meine treue Sarah hat mich wieder und wieder versichert, daß Buenaventura im Herzen Mosquera anhängt und mit Freuden das Joch der Godos abschütteln würde, sobald sie nur die geringste Aussicht auf Erfolg sähen. Wir sind auch nicht ohne Nachricht von draußen. Sarah's Neffe, ein braver tüchtiger Bursche und ein treuer Anhänger Mosquera's, war nach der Einnahme Buenaventuras zu den Freunden geflohen und hat Mosquera selber die Nachricht von dem feigen Ueberfall der Godos gebracht, wie auch von dem General die Versicherung erhalten, daß er ihm auf dem Fuße folgen würde, um die Stadt zu entsetzen und die Verräther zu züchtigen. Er ist gestern erst zurückgekehrt, um uns die frohe und hoffnungsreiche Kunde zu bringen.«
»Na,« sagte Bill vergnügt, »dann ist ja Alles in Ordnung und die Sache macht sich von selber.«
»Aber die Godos,« fuhr die Frau fort, »müssen durch ihre Spione wohl auch Verdacht geschöpft haben, daß sie in ihrer jetzigen Stellung bedroht werden könnten, denn sie arbeiten seit heute Morgen an festen Verschanzungen, um die Stadt von der Landseite her uneinnehmbar zu machen, und die ersten Opfer, die bei einer Belagerung fallen, sind jedenfalls die unglücklichen Gefangenen, damit diese nicht später als Ankläger gegen sie auftreten können.«
»Dann sind wir wieder so weit wie vorher,« seufzte Bill, »denn wenn uns die Mosquera-Bursche nicht helfen, können wir die verfluchten Kerle doch hier drinnen nicht allein beim Kopf nehmen.«
»So bin ich verloren,« stöhnte die arme junge Frau, und während ihr die großen hellen Thränen an den Wangen niederliefen, senkte sie das Haupt und faltete verzweifelnd die Hände im Schooß.
Bill hatte, wie schon bemerkt, ein gutes, weiches Herz, und er konnte besonders keinen Menschen weinen sehen – die Schiffsjungen vielleicht ausgenommen, die nur auf der Welt zu sein schienen, um schlecht behandelt zu werden – und selbst derer hatte er sich manchmal angenommen. Aber daß das arme junge Wesen da vor ihm Thränen vergießen sollte – Thränen, weil er ihr in ihrer Noth nicht beistehen wollte, schnürte ihm ordentlich die Brust zusammen. Er konnte es auch nicht lange mit ansehen, sondern seine breite, wetterharte Hand ihr über den Tisch hinüberreichend, sagte er gutmüthig: »Weinen Sie nicht, Madame – thun Sie's mir zu Liebe und weinen Sie nicht. Noch ist nicht Alles verdorben und ich weiß jetzt, wo's fehlt. Den Teufel auch – entschuldigen Sie, wenn mir manchmal so ein häßliches Wort herausfährt, an Bord lernt man nicht viel weiter – meine shipmates sind auch noch vier kräftige Bursche, und wer weiß, was sich noch Alles thun läßt. Außerdem haben wir das Boot und – für jetzt freilich kann man nichts versprechen, man muß eben sehen, was kommt. Aber wissen möcht' ich nur, wo das Gefängniß ist, damit man sich im rechten Augenblick nicht erst danach erkundigen muß.«
»Sarah soll Sie nachher, wenn Sie zu Ihren Kameraden zurückgehen, begleiten,« sagte die junge Frau, »und an dem Platz vorüberführen – aber Sie trinken ja gar nicht. Schmeckt Ihnen der Wein nicht?«
»Aufrichtig gesagt bin ich das saure Zeug nicht recht gewöhnt,« sagte Bill etwas verlegen. »Für den Durst ist es wohl gut, es schnürt Einem den Magen zusammen – ein Glas Grog wäre mir lieber.«
Die Frau rief der Negerin Etwas auf Spanisch zu, diese hatte aber schon die andere Flasche ergriffen und geöffnet, und reichte sie jetzt dem Matrosen. Bill roch auch nur daran, als er schon vergnügt ausrief: »Famoser Brandy, by Jingo! Das lass' ich mir gefallen!« und sich ein Glas mischend trank er es auf das Wohl der jungen Frau.
Indessen fing das Kind an zu schreien, mit dem sie sich beschäftigen mußte, und Bill war aufgestanden. Auch die Negerin warf sich ein Tuch um den Kopf, um ihn zu begleiten. Bill hatte aber noch etwas auf dem Herzen – er wollte irgend eine Frage stellen, die er sich jedenfalls scheute auszusprechen – ja er wurde ordentlich verlegen und räusperte sich ein paar Mal, sah auch nach der Frau hinüber und dann wieder nach der Treppe. Die junge Eingeborne merkte es endlich und sagte freundlich: »Sie wollen noch etwas von mir! o bitte, sprechen Sie es aus. Was ich für Sie thun kann, soll ja so gern geschehen.«
»Ja, Madame,« sagte Bill, dadurch nicht gebessert – »zuerst – möchte ich Sie um Ihren Namen bitten. Ich muß doch eigentlich wissen, wie – wie meine Frau heißt.«
»Candelaria,« lautete die Antwort, »mein Vorname, – der Name meines Mannes darf hier nicht genannt werden.«
»Hm, ja – und dann – merkwürdig, wo Sie das gute Englisch gelernt haben – es klingt ordentlich natürlich.«
»Mein Gatte hatte lange mit einer englischen Familie in Venezuela zusammengelebt, und als er später nach Neu-Granada kam und mich kennen lernte, lehrte er mich das Englische. Ja es wurde selbst in Karthago, wo wir einen Franzosen fanden, der ebenfalls desselben mächtig war, fast nur Englisch in unserem Hause gesprochen. Armer Robert – wer weiß, was aus ihm geworden ist, denn er hatte sich, wie ich hörte, den Godos mit den Waffen in der Hand widersetzt und war entweder getödtet oder gefangen genommen.«
»Ja, Madame,« sagte Bill, mit seinen Gedanken aber jedenfalls weit abschweifend, »ja wohl – aber – aber – wenn es nun Abend wird, so – so muß ich doch wieder hierher zurückkommen, denn – denn sonst –«
»Gewiß – gewiß,« sagte die junge Frau unter ihren Thränen lächelnd, während sich aber doch hohe Röthe über ihr liebes Antlitz ergoß – »Sie müssen nun schon mein Gast bleiben. Sarah wird Ihnen Ihr Lager dort in der Hängematte zurecht machen. Die Leute in Buenaventura dürfen keinen Verdacht schöpfen.«
»Gut,« nickte Bill vergnügt vor sich hin, denn es war ihm mit der Erledigung dieser Frage jedenfalls ein Stein vom Herzen genommen – »merkwürdig nur, woher Sie wußten, daß ich Bill hieß –«
»Ich hörte Sie von Ihren Kameraden bei Namen nennen,« lächelte die Frau, »und Ihr Gesicht hatte etwas so Offenes und Ehrliches –«
»Dank Ihnen, Madame, sollen sich auch nicht in mir geirrt haben,« nickte der Matrose, »und jetzt, mein schwarzer Schatz, wollen wir unsern Weg antreten, damit ich den Kameraden sagen kann, woher der Wind weht. Der alte Bob ist ein tüchtiger Kerl und kennt auch das Land hier – vielleicht bring' ich ihn mit, daß wir das Weitere noch mit dem besprechen können« – und ohne sich länger aufzuhalten, stieg er wieder auf die Straße hinab, wohin ihm die Negerin folgte, und schritt mit dieser dann gleich darauf durch die Stadt, um jetzt vor allen Dingen seine Bootsmannschaft wieder aufzusuchen.
Fünftes Kapitel. Eine Entdeckung.
Unterwegs sprach die Negerin kein Wort mit ihrem Begleiter, schien aber vollkommen gut zu wissen, was sie zu thun hatte, denn sie führte ihn außen an der Stadt herum, wo eine Menge von Negern und Eingebornen beschäftigt waren, theils Bäume zu fällen und damit Verschanzungen oder Verhaue zu bilden, theils Gräben aufzuwerfen, hinter deren Erdwällen sich die Vertheidiger der Stadt decken konnten. Sie frug auch dort, um keinen Verdacht zu erregen, mehrere Leute nach den Fremden – wohin man sie geführt, und schritt dann wieder durch eine enge Straße quer in die Stadt hinein. Erst als sie dort ein breites und düsteres, mit starken Balken aufgeführtes Gebäude passirten, das unähnlich den übrigen nicht auf Pfählen stand, und dessen Fensteröffnungen mit starken eisernen Gittern verwahrt waren, bog sie sich scheu und flüchtig zu ihm über und flüsterte: »das Gefängniß.« Dann schritt sie weiter, ohne auch nur einen Blick darauf zu werfen.
Desto aufmerksamer betrachtete sich aber Bill dafür den unheimlichen, dumpfen Bau, vor welchem vier Soldaten, mit ihren Gewehren im Arm, auf und ab schritten, und es war ihm gerade kein angenehmes Gefühl, wenn er sich dachte, daß er selber durch irgend ein unbedachtes Vorgehen gegen die nun einmal am Ruder befindliche Macht in diese Höhle hineingeworfen werden könnte. Aber was that's: der leichte Sinn des Matrosen half ihm rasch darüber hinweg, und wenn er sich die Soldaten betrachtete, denen er begegnete, mageres, ausgemergeltes, saftloses Volk, mit Knochen, die man zwischen zwei Fingern zerbrechen konnte, so zuckte ihm ein verächtliches Lächeln um die Lippen und er verfolgte um so viel trotziger seinen Weg.
Angenehm ging es freilich nicht, denn ein nichtswürdiger Schlamm lag in den Straßen, den Eingebornen jedoch nicht hinderlich, da sie mit ihren bloßen Füßen bequem hindurchlaufen konnten, während Bill unwillkürlich daran dachte, daß er sein einziges Paar Schuhe hier in sehr kurzer Zeit wohl auftragen würde. Das ließ sich aber nicht ändern; durch mußte er und begriff nur nicht, wo seine Kameraden hingekommen sein konnten, da die Negerin schon an drei, vier Plätzen vergebens nach ihnen gefragt. Da plötzlich, als er eben wieder vor einem großen Gebäude vorüber ging, an dessen Thüre ebenfalls Wachtposten standen, rief eine lachende Stimme von oben herunter: »O, Bill! Du triffst gerade zur rechten Zeit ein, komm' herauf, mein Junge, und lass' Dich mit anwerben; Handgeld haben wir schon gekriegt, und das wird ein fideles Leben.«
»Den Teufel auch,« brummte Bill zwischen den Zähnen durch, als er nach oben sah und auf einer Art von Holzgallerie Tom entdeckte, der ihm äußerst fidel mit der einen Hand zuwinkte und ihm eine Flasche zeigte, die er in der andern trug.
»La casa del gobierno,« sagte die Negerin in spanischer Sprache, indem sie auf das Haus deutete, und als ob sie ihr Amt jetzt erfüllt habe, wandte sie sich ab und schritt die Straße zurück, durch welche sie eben gekommen.
Bill wußte nicht gleich, was er thun sollte, aber allein konnte er doch nicht unten auf der Straße bleiben, und da jetzt auch noch Bob auf die Veranda kam und ihn anrief, und die Schildwachen ihn ebenfalls bedeuteten hinaufzugehen, zog er sich seinen Hosenbund etwas in die Höhe und brummte entschlossen vor sich hin: »Here goes then – fressen können sie Dich auch nicht –« und betrat das Haus, wo er bald eine schmale hölzerne Treppe fand, die in den oberen Stock hinaufführte.
Dort traf er allerdings die Kameraden, aber in einem etwas sehr munteren und aufgeregten Zustand, was vielleicht ein paar auf dem Tisch stehende geleerte Flaschen entschuldigten. Er wurde auch mit Jubel von ihnen empfangen und augenblicklich nach seiner Frau und dem »niedlichen Gelbling,« dem Kleinen, gefragt, zeigte indessen keine besondere Lust, auf den rohen Scherz einzugehen und empfand auch jenes unbehagliche Gefühl, was uns stets ergreift, wenn wir, vollkommen nüchtern, in eine etwas angetrunkene, oder wenigstens von Wein sehr erregte und bunte Gesellschaft kommen. Wir werden dann selber stumm oder müssen uns gewaltsam in die nämliche Aufregung mit hineintrinken.
Unter anderen Umständen würde Bill auch jedenfalls ohne weiteres Zögern das Letztere gethan haben, denn er verschmähte wahrlich kein Glas Grog, wo ihm das auch geboten wurde; aber eine merkwürdige Veränderung war mit ihm vorgegangen; er mußte immer und immer wieder an die junge unglückliche Frau denken, die all' ihre Hoffnung auf ihn gesetzt, und das schien ihm die Lust am Trinken vollständig verleitet zu haben.
Aber so leicht ließen ihn die Kameraden nicht frei, denn selbst der Bootssteuerer, sonst ein ruhiger, gesetzter Mann, der sich bisher noch immer zu den Leuten in einer reservirten Stellung gehalten, schien die Schranken niedergebrochen und sich mit ihrer Flucht vom eigenen Schiff ausgesöhnt zu haben. Ganz ohne zu trinken kam er auch nicht frei; Bob kredenzte ihm die Flasche, und er mußte wenigstens zum Schein einen langen Zug daraus thun, dann aber rückte ihm auch ihr kleiner Dolmetsch zu Leib und erzählte ihm jetzt – ohne die gefundene Frau weiter zu erwähnen, daß seine Kameraden in das tapfere Heer der Godos eingetreten wären, ihrem Präsidenten gehuldigt hätten und jetzt bereit seien, den schurkischen Mosquera mit aus dem Land hinaus zu jagen.
Bill wollte sich nun freilich mit seinen neuen Pflichten als Familienvater – mit der braunen Frau und dem gelben Kind entschuldigen, aber das half ihm nichts. Sie waren Alle Familienväter, wie der Kleine meinte – Manche mit sechs bis acht gelben Kindern, und gerade um ihr Vaterland und ihre Familien zu vertheidigen, zögen sie in den Krieg. Und was für Aussichten hatten die Fremden dabei! Major und General konnten sie werden, oder wenn sie sich zur See auszeichneten, Kapitän und Admiral – und außerdem, wie er hinzusetzte, befanden sie sich hier in einer vom Feind bedrohten, und in Belagerungszustand erklärten Stadt, wo ihnen schon gar nichts Anderes übrig blieb, als mit der Bevölkerung die Waffen zu ergreifen, um ihr eigenes Leben sicher zu stellen.
Bill wollte ihm schon erwiedern, daß ihn die neugranadiensischen Verhältnisse eigentlich gar nichts angingen, und sie mit ihrem Boot eben so gut wieder abfahren könnten, wie sie angekommen wären, als ihm noch zum Glück die gerade erst vorgeschobene »Familie« einfiel. Jetzt war auch nichts zu machen; die eigenen Kameraden mit dem Grog im Kopf redeten ihm zu, und der kleine dicke Werbeoffizier hatte einige Minuten später die Genugthuung, ihm zehn Neu-Granadische Dollars als Handgeld in die breite Faust drücken zu können.
Damit war er zum neugranadiensischen Soldaten geworben, und die nächste Zeit mußte nun entscheiden, ob er zu den Insurgenten oder Regierungstruppen gehörte, denn das hing allein von dem Erfolg der Waffen ab.
An dem heutigen Tag war übrigens mit den frischen Soldaten nichts mehr anzufangen, denn Bob hatte sich auf eine Bank gesetzt und sang eine der endlosen amerikanischen Balladen, die eine Waffenthat aus ihren Seekriegen feierte, während Tom, dessen musikalisches Talent ebenfalls dadurch angeregt sein mochte, neben ihm Platz genommen hatte und ihn durch den Yankee Doodle in anderer Tonart und anderem Takt begleitete. Keiner störte aber dadurch den Anderen, denn sie hörten sich nur selber, und eine Anzahl südamerikanischer Soldaten sammelten sich um sie und horchte dem wunderlichen Duett mit der gespanntesten Aufmerksamkeit.
Bill versuchte jetzt mit dem Bootsteuerer ein Gespräch anzuknüpfen, aber auch das mißlang. Mr. Sikes war in jenes Stadium gelangt, wo die Menschen gerührt werden; er fiel Bill um den Hals, sagte ihm, daß er ihm keinen Groll nachtrage, weil er im Boot Streit mit ihm gehabt, versicherte ihn, daß er ein seelenguter Kerl wäre, und fing dann bitterlich an zu weinen.
Bill setzte ihn auf die Bank neben die beiden Sänger und stieg dann langsam die Treppe wieder hinunter auf die Straße, ohne daß er von irgend Jemanden daran verhindert oder nur gefragt worden wäre, wohin er wolle. Er war jetzt Einer der Ihrigen, und da man die Fremden heute noch nicht brauchte und in ihrem Zustand auch nicht gut brauchen konnte, mochte er eben hingehen, wohin er wollte; fort lief er ihnen doch nicht mehr, so viel war sicher.
Bill dachte jetzt auch in der That an nichts weniger als an Fortlaufen, aber die Trunkenheit der Kameraden widerte ihn an, und außerdem war es auch Zeit geworden, seine jetzige Wohnung wieder aufzusuchen, die er nie im Leben im Dunkeln gefunden hätte – es machte ihm Mühe genug am hellen Tag. Dabei benutzte er aber gleich die Gelegenheit, sich die »Außenwerke« ein wenig näher zu betrachten und überhaupt das Terrain kennen zu lernen; man wußte nie, wie man das einmal gebrauchen konnte.
Merkwürdig, wie das auf den Straßen aussah – der Regen hatte nachgelassen, und der Platz schien ziemlich bewegt, aber von Zehn, die ihm unterwegs begegneten, waren doch Acht sicherlich entweder Soldaten oder katholische Geistliche, und von den Letzteren traf er oft Gruppen von zehn und zwölf zusammen an, die sich auf das Lebendigste in ihrer Sprache unterhielten und nur, wenn er an ihnen vorüber ging, stehen blieben und hinter ihm drein schauten. Er bemerkte auch, daß alle Uebrigen diese frommen Herren ehrfurchtsvoll grüßten, ja selbst die Soldaten zogen, gerade nicht recht militärisch, die Mützen vor ihnen ab, während ihnen sogar die etwa auf der Straße befindlichen Frauen die Hand oder den schwarzen Rock küßten, was sich die Herren auch, als etwas Selbstverständliches, ruhig gefallen ließen. Sonderbar nur, daß sich so viele blutjunge Herren darunter befanden, die gleichwohl alle diese Huldigungen mit dem größten Bewußtsein ihrer Würde hinnahmen. Bill kümmerte sich aber wenig um sie – es fiel ihm nicht einmal ein sie zu grüßen, denn was gingen ihn, als Protestant, die katholischen Geistlichen an; er verfolgte nur ruhig seinen Weg, bis er endlich glaubte, er müsse in der Nähe von Candelaria's Hause sein. Aber die Gegend kam ihm so fremd vor; hatte er sich vielleicht verirrt? Das wäre eine verwünschte Geschichte gewesen, denn er konnte nicht einmal irgend Jemanden nach dem Weg fragen.
Wie er aber noch so dastand und unschlüssig umherblickte, sah er an der anderen Seite der Straße seine Negerin wieder, die ihm zunickte, ihm winkte und dann ohne Weiteres in die nächste enge Gasse einbog. Sie mußte ihn jedenfalls erwartet haben oder ihm vielleicht die ganze Zeit gefolgt sein, wenn er sie auch nicht bemerkt oder auf sie geachtet hatte.
Bill war bisher ein ziemlich derber und eigentlich auch etwas roher Gesell gewesen, wie man denn überhaupt nicht erwarten darf, auf Wallfischfahrern irgendwie feine oder sehr rücksichtsvolle Gesellschaft anzutreffen, und doch überkam ihn ein ganz eigenes, merkwürdiges Gefühl, als er zum zweiten Mal die Leiter an dem kleinen neuen Haus hinanstieg und sich wieder der jungen bildhübschen und doch so unglücklichen Frau gegenüber fand. Schönheit und Unschuld üben aber oft im Leben einen ganz ähnlichen und mächtigen Einfluß aus, und gerade solche derbkräftige Naturen fühlen sich am Leichtesten davon befangen und eingeschüchtert.
Der kleine Bursche war wach, und die Mutter hatte ihn auf dem Schooß und herzte und küßte das Kind, als Bill zum zweiten Mal bei ihr erschien – er war eigentlich gar nicht gelb, wie sich der Matrose jetzt gestehen mußte, sondern hatte nur jenen lichtbronzefarbigen Teint, der den Eingebornen dieser Küstenstriche eigen ist und sie auch in ihrer etwas dunkleren Schattirung vortrefflich kleidet. Und was für ein lieber, herziger Bursche der kleine Kerl war, und wie lieb und madonnenartig die junge Frau aussah, als sie sich über ihn beugte und mit ihm lächelte.
Einem angeschossenen Wallfisch, und wenn er die See im Todeskampf zu Schaum peitschte, wäre Bill mit der größten Ruhe und Entschlossenheit zu Leib gerückt, ja wenn es sein mußte, hätte er den Hai selber mit einem Messer in der Faust in seinem eigenen Element bekämpft. Hier fühlte er sich wie ein Kind, scheu und furchtsam, und als er den oberen Theil des Hauses erreichte und die junge Frau ihm freundlich und unbefangen die Hand entgegenstreckte, wagte er es kaum sie zu fassen, und setzte sich dann in die entfernteste Ecke nieder, um ihr nur ja nicht lästig zu fallen. Und nun erzählte er, was er draußen gesehen, und wie er seine Kameraden getroffen habe, und das arme junge Weib zuckte ängstlich zusammen als sie hörte, daß ihn die Godos in ihre Dienste angeworben hätten.
»Hol' sie der – und jener,« flüsterte aber Bill vor sich hin, als er sah, welchen Eindruck das Geschehene auf die junge Frau machte; »solche Kontrakte gelten nicht, wo die eine Partei die andere erst betrunken machen muß, um sie dahin zu bringen, wohin sie sie haben will. Wenn man gezwungen wird, dient man auch einmal dem Bösen selber – aber nur so lange, als man nothgedrungen muß, und nachher – dreht man den Spieß um.«
»O Du gütiger Gott, wie soll das enden?« seufzte die junge Frau, »wann wirst Du meinem armen Vaterlande den Frieden wieder geben?«
»Machen Sie sich deshalb keine Sorgen, Madame,« sagte aber der Matrose treuherzig, »wenn wir nur Ihren Mann erst wieder aus dem dumpfen Loch heraus hätten, an dem ich heute vorübergegangen bin. Vor der Hand ist aber gar nichts dabei zu thun, denn erst muß ich mit meinen Kameraden Rücksprache nehmen, was keinesfalls vor morgen geschehen kann. Heute sind sie unzurechnungsfähig und wissen nicht einmal etwas von sich selber, viel weniger von der Welt da draußen. – Und jetzt – es fängt an dunkel zu werden.«
»Dort ist Ihre Hängematte,« sagte die Frau schüchtern, »eine Matte und Decke liegt darin – Sie werden gewiß gut schlafen, denn Mosquitos haben wir hier wenig oder gar keine.«
»Und Sie wollen dann mit dem Kind auf dem harten Boden liegen, nicht wahr?« sagte Bill leise und fast wie vorwurfsvoll; »nein, Madame, daraus kann nichts werden. Bis morgen werde ich schon meine eigene Schlafstelle bequem einrichten, dafür lassen Sie mich sorgen, heute aber leg' ich mich dort in die Ecke – bitte, bekümmern Sie sich gar nicht um mich, und seien Sie versichert, daß ich nicht zu Schaden komme. In die Hängematte legen, ja wohl, und Sie draußen auf den Rindendielen lassen? Weiter fehlte gar nichts. So – nun sorgen Sie nur nicht mehr um mich,« fuhr er fort, indem er sich ohne Weiteres in die Ecke warf, dann seine Jacke auszog, ein Stück Holz herbeischob, auf das er den Kopf legen konnte, und die Jacke dann über sich deckte; »jetzt liege ich vollkommen bequem, und wenn Sie mich nicht wieder wecken, schlaf ich in fünf Minuten wie eine Ratze, denn müde bin ich eigentlich geworden.«
»Aber wie kann ich das zugeben?«
»Zugeben? – Sie können's eben nicht verhindern,« lachte Bill, »und wenn's angegangen wäre, hätte ich Sie nicht einmal heut Abend mehr gestört, aber wie die Sache nun einmal steht, muß ich noch eine Weile unter falscher Flagge segeln – thut mir eben leid, daß es eine falsche ist,« brummte er vor sich in den Bart, legte sich dann auf die Seite, zog sich die Jacke über die Augen und war in wenigen Minuten sanft und fest eingeschlafen.
Wie lange er so gelegen, wußte er nicht, aber mitten in der Nacht – wenigstens noch bei vollkommener Dunkelheit, wachte er durch ein ungewohntes, fremdartiges Geräusch auf, und hörte gleich darauf, als er völlig munter wurde – im Hause etwas flüstern und zischeln.
»Hm,« dachte Bill, »ich will gehangen werden, wenn nicht eben Jemand die Leiter heraufgekrochen ist, und jetzt haben wir Besuch im Haus – so viel ist sicher.«
Er horchte wieder – es war kein Zweifel, daß gerade in der Gegend der Hängematte eine sehr belebte, wenn auch fast lautlose Unterhaltung geführt wurde – nur dann und wann konnte er ein leises Zischeln unterscheiden, und zu gleicher Zeit schlich die Negerin Sarah – er kannte sie an dem vorsichtigen Husten, an den Treppenaufgang, und blieb dort stehen, als ob sie sich gegen irgend eine Ueberraschung verwahren wolle.
»O Weiber! Weiber,« brummte der Matrose vor sich hin und zog sich die Jacke fester über den Kopf – aber es ließ ihn nicht. Wieder mußte er horchen und ein recht häßliches, quälendes Gefühl zuckte ihm dabei durch's Herz. War das Eifersucht? – Aber welches Recht hatte er an die Frau? – Und wenn kein Recht, welche Pflicht dann, sich für sie zu sorgen und zu ängstigen? »Ei zum Teufel,« dachte er weiter, »wenn sie dich so an der Nase herumführt, dann kannst Du die Sache auch nur eben gehen lassen, wie sie geht, und brauchst Deinen Finger wahrlich in keinen heißen Brei hineinzustecken. Hol' sie der Henker.« Und damit legte er sich auf die Seite und wollte wieder einschlafen, aber es ging nicht. War der rauhe Boden zu hart? Du lieber Gott, er hatte schon manchmal viel härter und schlechter gelegen – oder störte ihn das Flüstern? Es war so leise, daß er es kaum unterscheiden konnte und dazu aufhorchen mußte. Am Liebsten wäre er ohne Weiteres aufgestanden und fortgegangen, aber es goß draußen wieder in Strömen, und wohin sollte er in dem fremden Ort, in stockdunkler Nacht und in dem Regen und Schlamm? Unwillkürlich seufzte er tief auf – und dann war plötzlich Alles still und ruhig, und wenn er auch eine Weile lang horchte, konnte er keinen Laut mehr vernehmen.
Darüber mußte er zuletzt wieder eingeschlafen sein, denn tolle, wunderliche Traumbilder kreuzten sein Hirn, und als er die Augen endlich öffnete, schien die Sonne hell und warm durch die halb offenen Seitenwände des kleinen luftigen Hauses.
Sechstes Kapitel. Pläne und Gegenpläne.
Bill fuhr wirklich etwas überrascht in die Höh', denn seine Träume hatten ihn wieder weit hinaus in See, an Bord der alten Martha's-vine-yard geführt, und im ersten Moment wußte er nicht gleich, wo er sich befand, wie uns ja das häufig nach festem Schlaf so geht. Uebrigens sah er auch in der That eine Menge Menschen um sich her, die hier gar nicht hergehörten, und war noch viel zu wenig mit den südamerikanischen Sitten bekannt, um das trotzdem natürlich zu finden.
Es war allerdings lichter Tag, aber doch noch sehr früh am Morgen, das schien jedoch verschiedene Herren und Damen aus der Nachbarschaft nicht verhindert zu haben, ihren Besuch zu machen, nur um zu hören – natürlich –, wie es dem neuvereinigten Paar ginge, und dann auch wo möglich etwas über die näheren Verhältnisse zu erfahren, denn mit der Negerin Sarah, der das kleine Haus gehörte, war nichts anzufangen, die erzählte fast nie, und nur das hatte sie ihnen bis jetzt gesagt, daß die junge Frau bis dahin in Tumaco gewohnt habe und von dort, nach der Flucht ihres Mannes, hierher gekommen sei.
Candelaria war schon auf und angezogen und wirthschaftete mit Sarah an dem kleinen Herd, um das Frühstück zu bereiten, während zwei von den Nachbarinnen mitten in dem Zimmer kauerten und eigentlich die Unterhaltung allein führten. Außerdem waren aber auch noch – ebenfalls aus Neugierde, ein paar junge Bursche mit heraufgestiegen, die an den Wänden herumlehnten. Der Eine von diesen rauchte auch seine Papier-Cigarre, während sich der Andere angelegentlich mit einem großen Stück Zuckerrohr beschäftigte, von dem er Streifen mit seinem Messer abhackte, dann in den Mund steckte und aussog und das ausgekaute Rohr ziemlich ungenirt mitten in die Stube warf.
Als sich Bill aufrichtete und erstaunt den Blick in dem belebten Raum umherwarf, nickten sie ihm auch freundlich zu, ohne aber ein Gespräch mit ihm anzuknüpfen, denn sie wußten ja doch, daß er sie nicht verstand – oder hatte er sich gestern nur verstellt? Die Damen nahmen übrigens nicht die geringste Notiz von ihm und schienen ihn eher mit Verachtung zu strafen. Pfui über einen Mann, der seiner Frau davon lief und erst mit Gewalt wieder eingefangen werden mußte; er sollte wenigstens fühlen, wie verächtlich er sich gemacht hatte.
Leider ging das Alles total an Bill verloren, denn im Anfang beschäftigte ihn die Tageszeit – er konnte doch nicht so lang geschlafen haben – aber nein, die Sonne war kaum aufgegangen und schien noch ganz schräg durch die Spalten der Hütte – es war jedenfalls nicht weit über sechs Uhr – und schon Besuch? – Sein Blick flog nach der jungen Frau hinüber und die Erinnerung an die letzte Nacht stieg in ihm auf und zuckte ihm wieder mit einem recht fatalen, unangenehmen Gefühl durch's Herz. Es war ihm – so fremd ihm die Frau auch immer sein und bleiben mochte – als ob er etwas Liebes auf der Welt verloren habe – und das hatte er auch – er hatte ein Stück Vertrauen eingebüßt und er nahm sich in Gedanken fest vor, sobald als nur irgend möglich das Haus zu verlassen, und dann nicht wieder hierher zurückzukehren – zwingen konnte sie ihn ja nicht, da er ihr Geheimniß wußte.
Und wie unruhig sie heut Morgen war – wie ängstlich sie umher sah und sich doch auch wieder jede nur erdenkliche Mühe gab, gleichgültig zu erscheinen. Oft sogar horchte sie scheu und erschreckt, als ob sie irgend Etwas zu hören glaubte, und sank dann wieder in sich zusammen.
Bill war aufgestanden und hatte seine Jacke angezogen, und die alte Negerin brachte ihm, mit einer ungewöhnlichen Aufmerksamkeit, ein aus einer Kalebasse geschnittenes Waschbecken und ein kleines, aber schneeweißes Handtuch, mit dem er die etwas schwanke Leiter hinabstieg und unter das Haus ging. Er konnte doch nicht dort oben vor den Damen Toilette machen; wäre auch jetzt gleich am Liebsten fortgegangen, aber das Handtuch mußte er jedenfalls erst wieder oben abliefern, daß es da unten nicht gestohlen würde. Weiter hatte er nichts mehr in dem Haus zu thun.
Als er hinauf kam, deckte eben Candelaria wieder den kleinen Tisch und setzte den eisernen Kocher darauf, in welchem sie die Chokolade bereitet hatte – und der Besuch schien nicht zu wanken und zu weichen. Jetzt aber mochte es Sarah auch satt bekommen, von neugierigem Volk belästigt zu werden, dessen Absicht sie noch dazu durchschaute. Daß es weiße Damen waren, machte dabei keinen Unterschied; seit Aufhebung der Sklaverei hatten die Neger dasselbe Recht – und nahmen sich manchmal noch ein wenig mehr heraus – und hier in ihrem eigenen Hause brauchte sie sich nicht ärgern zu lassen.
»Señoras,« sagte sie deshalb ohne weitere Umstände, »bitte, wenn Sie jetzt hinunter gehen, so machen Sie die kleine Thür an der Umzäunung unten zu, die Kühe laufen uns sonst immer unter das Haus und reiben sich an den Pfählen. – Señor, da liegt noch ein Stück von Ihrem Zuckerrohr – vergessen Sie es nicht.«
Das war deutlich genug, und die Angeredeten verstanden auch den Wink und verließen, wenn auch nicht in guter Laune über die Abfertigung, das Haus; und der junge Bursche mit seiner Papier-Cigarre blieb, da er nicht erwähnt worden, ruhig sitzen und begann sogar sich eine neue Cigarre zu drehen. Mit dem machte die alte Frau aber kurzen Prozeß.
»Höre, mein Bursche,« sagte sie, indem sie ihm auf die Schulter klopfte, »hast Du schon heut Morgen Deine Chokolade getrunken?«
»No, Señora,« schmunzelte der Halbindianer, indem er einen vergnügten Blick auf den Tisch warf, denn er folgerte aus der Frage eine Einladung für sich selber – hatte sich aber getäuscht.
»So?« sagte die Alte mit der größten Gemüthsruhe, »na, dann geh' hin und trinke sie, denn in der Stadt unten geht es heut Morgen bunt zu, und Du weißt nicht, ob Du nachher Zeit zum Frühstücken bekommst. Sei so gut und schieb mir einmal den Pfahl ein wenig von unten herauf – willst Du?«
»Gewiß,« nickte der Bursche ganz verdutzt, »gewiß, Señora – mit dem größten Vergnügen,« und die halbfertige Cigarre noch in der Hand, kletterte er an dem Baum hinunter und hob ihn dann auf, daß ihn Sarah bequem nach oben ziehen konnte, wodurch jede weitere Verbindung mit unten abgeschnitten wurde.
»Madame,« sagte da Bill, der diese Vorbereitung mit ansah, »wenn's Ihnen recht wäre, möchte ich Sie bitten, mich auch vorher hinunter zu lassen. Ich möchte gern ...«
»Nun?« sagte die Negerin erstaunt, »wollen Sie denn nicht frühstücken.«
»Lieber nicht,« meinte Bill, »ich habe – keinen rechten Appetit ...«
»O bleiben Sie,« bat da die junge Frau, die in ordentlich fieberhafter Ungeduld die Entfernung der lästigen Fremden erwartet hatte, »ich habe Ihnen so Wichtiges mitzutheilen.«
»Mir, Madame?« sagte Bill verwundert, »das ist wohl ein Irrthum.«
»Bitte, setzen Sie sich,« drängte aber die Frau, »dorthin, wo wir von den Seitenwänden verdeckt sind, daß die Nachbarn nicht sehen, wie wir uns unterhalten. Diese Häuser sind alle so offen.«
»Ja,« brummte Bill, »das stört manchmal, ist aber doch oft auch wieder bequem.« Dabei leistete er übrigens der Einladung Folge – er mußte doch hören, was ihm die Frau zu sagen hatte, und war außerdem auch wirklich hungrig geworden. Auf dem kleinen Tisch dampfte aber die Chokolade, und lockten so verführerisch frisches Brod und goldgelbe Bananen, daß er dem nicht widerstehen konnte.
Kaum aber hatte er sich neben den Tisch niedergelassen, als sich die junge Frau auf der andern Seite zur Erde kauerte und mit leiser, zitternder Stimme sagte: »O, Señor, der Augenblick, wo ich auf Ihre Hülfe zähle, naht rascher heran als ich geglaubt, und Gott selber hat Sie mir zur rechten Zeit hiehergeführt. Sie werden mich doch nicht verlassen ...«
»Madame,« sagte Bill, mit einer Banane und seiner Chokolade beschäftigt, »so viel ich weiß, war doch gestern Abend noch nichts Besonderes vorgefallen; da müssen Sie denn wohl über Nacht etwas Neues erfahren haben?«
»Allerdings – allerdings,« flüsterte ihm die Frau ängstlich zu, »jener Freund meines Mannes, von denen ich Ihnen gestern sagte – jener Franzose, Robert Beaugead aus Karthago, den ich todt oder gefangen glaubte – er war in dieser Nacht hier – in unserem Haus ...«
»Hier?« sagte Bill und vergaß in dem Augenblick Essen und Trinken.
»Hier,« bestätigte aber die junge Frau. »Sie schliefen und haben ihn nicht gehört, aber mit Lebensgefahr schlich er sich durch die Posten der Feinde, um hier Sarah aufzusuchen, von der er wußte, daß sie allein ihm Auskunft über uns und unser Schicksal geben könne.«
Bill erwiderte nichts, aber die Tasse stellte er hin und über den Tisch hinüber reichte er seine breite, harte Hand der Frau, die nicht wußte, wie sie sich die Bewegung deuten sollte. Aber vorsichtig drückte er nur ihre zarten Finger, und fiel dann mit einem wahren Feuereifer wieder über die Bananen und Chokolade her.
Candelaria sah ihn erstaunt an, da er aber in seiner Beschäftigung fortfuhr und nur aufmerksam zu ihr hinüber sah, erzählte sie weiter: »Er brachte uns gute und schlimme Nachricht: gute, daß Mosquera mit einer ziemlich bedeutenden Macht schon in unmittelbarer Nähe von Buenaventura steht – schlimme, als dadurch das Schicksal der Gefangenen auf das Furchtbarste gefährdet wird, denn bis jetzt haben es sich die Godos fast zur Regel gemacht, sobald ihre Lage verzweifelt erschien, die Gefangenen entweder in die Wildniß mit hineinzuschleppen oder, wenn das nicht anging, zu tödten.«
»Bestien,« brummte Bill zwischen den Zähnen durch.
»Das wird die Zeit sein,« bat Candelaria mit angstbewegter Stimme, »in der Sie und Ihre Freunde uns beistehen müssen, wenn wir nicht Alle verloren sein sollen.«
»Das ist eine verfluchte Geschichte,« sagte Bill, sich hinter dem Ohre kratzend; »Daß wir uns gestern Alle bei den Godos angeworben haben, wäre das Wenigste, und ich würde mir auch nicht das geringste Gewissen daraus machen, der blutigen Gesellschaft ein Schnippchen zu schlagen; aber wie soll ich es nur den Kameraden beibringen, daß sie eigentlich gar nicht auf diese, sondern auf die andere Seite gehören? Ja, wenn ich sie einmal hierher bringen könnte, daß sie mit Ihnen sprechen und sich Alles erzählen lassen könnten: aber das geht nicht, da merkten die barfüßigen Lumpen am Ende Lunte und die Sache wäre noch schlimmer als vorher.«
»Aber sie haben auch einen Amerikaner gefangen genommen,« sagte Candelaria rasch.
»Einen Amerikaner?« rief Bill verwundert, »wo denn?«
»Jener Franzose Beaugead brachte die Nachricht mit. Gar nicht weit von der Stadt entfernt, auf dem Wege in's Innere, hatte Jener eine Kakaopflanzung angelegt und baute dabei Zuckerrohr und brannte Agua ardiente, das er zum Verkauf nach Buenaventura sandte. Dort scheinen die Godos unterwegs, kurz vorher, ehe sie diese Stadt nahmen, bös gewirthschaftet zu haben, denn einige der Gebäude fand ich, als ich den Platz passirte, niedergebrannt, und die Zuckerrohrfelder, in die sie wahrscheinlich ihre Pferde getrieben hatten, arg verwüstet. Der Amerikaner, wie Beaugead berichtet, muß sich aber widersetzt haben, ja die Neger auf der Estancia erzählten sogar, er hätte einen der Offiziere niedergeschossen und einen Anderen schwer verwundet, dann wurde er übermannt, ebenso, wie sie es in Karthago gethan, in eine frische Kuhhaut gebunden und von den übermüthigen Godos hierherzu nach Buenaventura geschleift. Möglich ist, daß sie ihn sogar getödtet haben, aber nicht leicht thun sie das mit Fremden; lebt er übrigens noch, so schmachtet er auch jedenfalls in dem nämlichen Gefängniß mit meinem Gatten.«
»Ein Amerikaner?« sagte Bill erstaunt, »ein richtiger Yankee hier in dem Loch von einer Calebouse?[2] Na, wenn wir dahinter kommen könnten, ich glaube, dann hielt es eben nicht schwer, die Anderen auf unsere Seite zu bringen. Sie stürmten das Nest am hellen lichten Tag.«
[2]: Calabozo, spanisches Wort für Kerker, aber auch in Nordamerika, besonders unter den Seeleuten, sehr gebräuchlich, wo die trunkenen und streitsüchtigen Matrosen, besonders in New-Orleans, sehr häufig die Bekanntschaft dieses dort sogenannten Ortes machen.
»Und gewiß ist er dort gefangen, wenn er noch lebt,« sagte Candelaria.
»Wenn wir nur wüßten, wie wir's herausbekommen könnten,« nickte Bill vor sich hin, »aber lassen Sie mich nur machen,« fuhr er plötzlich empor, »ich weiß ein Mittel, ihn dazu zu bringen, daß er Antwort giebt, wenn er wirklich drinnen steckt, und davon müssen wir uns so bald als möglich überzeugen.«
»Sie wollen fort?«
»Ja,« sagte Bill entschlossen, indem er sich mit einiger Mühe von seinem niederen Sitz emporhob, »gewiß will ich fort, denn hier kann ich weiter nichts mehr nützen, und auch keinen Schaden mehr thun,«[3] setzte er mit einem Blick auf das Frühstück hinzu, »aber draußen muß ich jetzt die Kameraden sprechen und wenn,« – er horchte hoch auf, denn schrille Trompetensignale schallten in dem Augenblick von der Straße herauf und kündeten jedenfalls irgend etwas Außergewöhnliches.
[3]: I've done all the dammage I could (ich habe allen Schaden gethan, den ich thun konnte) sagen die Amerikaner im Westen sehr häufig, wenn sie noch zum Essen genöthigt werden und satt sind.
»Sie haben von der Annäherung des Feindes Kunde bekommen,« rief Candelaria, rasch emporfahrend.
»Aller Wahrscheinlichkeit nach,« nickte Bill, »und jetzt können wir bei den Fallen stehen, wie es an Bord heißt. Also good bye, Madame – leben Sie wohl,« setzte er, ihr die Hand hinüber reichend, hinzu, »machen Sie sich keine Sorge, so lange es nicht nöthig ist, und – wenn's nöthig werden sollte, na dann – dann thun Sie's noch immer nicht. Bring' ich die Anderen dazu, daß sie uns helfen, so haben Sie fünf tüchtige Kerle auf Ihrer Seite, und die können schon was zu Wege schaffen, wenn sie zusammenhalten, und geht's wirklich am Ende schief – hol's der Henker, wir können nur einmal sterben, und draußen, hinter den schmierigen Wallfischen her, riskiren wir unser Leben doch alle Tage. – Leben Sie wohl, Madame.« – Er hatte mit der Rechten ihre zarten Finger ergriffen und strich ihr mit der breiten linken Hand leise und weich, wie einem Kind, über die dunklen Locken – dann wandte er sich ab, zog sich, nach Matrosenart, den Hosenbund in die Höhe und kletterte, ohne sich noch einmal umzusehen, an dem eingekerbten Baumstamm auf die Straße hinunter.
Und dort schien allerdings etwas Außerordentliches vorzugehen, denn von allen Seiten sprangen Soldaten vorüber, ihrem Sammelplatz zu, während die Frauen auf der Straße standen und auf's Lebhafteste mit einander gestikulirten.
Die Amerikaner sagen freilich: »Bindet einem Franzosen die Hände auf den Rücken, und er kann kein Wort mehr reden.« Ebenso ist es aber mit den Südamerikanern, die ihre Hände auf das Nothwendigste zur Unterhaltung brauchen, während sie der Engländer gewöhnlich dazu in die Taschen steckt. Es ist ein lebendiges Volk, sobald nur einmal seine Leidenschaften erregt sind, und hier standen in der That sämmtliche Interessen der ganzen Stadt auf dem Spiel, da sie mit ihren leichten, luftigen und blättergedeckten Häusern bei einer wirklichen Beschießung der Stadt auch der fast sicheren Gefahr ausgesetzt waren, den ganzen Ort durch Feuer zu verlieren. Entstand nur irgendwo ein Brand, so war auch an Rettung kaum mehr zu denken, und ganz Buenaventura wäre vielleicht in einer halben Stunde von der Erde verschwunden.
Und für was? – Bloß damit ihr in Panama oder Bogota residirender Präsident einen andern Namen trug, denn einen weiteren Nutzen hatten sie doch nicht dabei. Ihre Steuern mußten sie der oder jener Regierung zahlen, wie sie auch hieß, und welche Versprechungen sie ihnen jetzt machte, das Resultat blieb immer und ewig dasselbe. Daß aber die Geistlichen jetzt den gegenwärtigen Besitzhaltern das Wort redeten und des Himmels Strafen auf sie herab prophezeiten, wenn sie die Godos im Stich ließen? Lieber Gott, die predigten auch nur für ihr eigenes Interesse, denn sie wußten, daß sie Mosquera des Landes verwiesen hatte, gerade ihrer ewigen, revolutionären Predigten wegen. Und welches Gute war ihnen je durch die Pfaffen geworden? Die eigentlichen Bewohner von Buenaventura neigten auch in der That viel mehr der Partei Mosquera's als seines Gegenkandidaten zu, aber was konnten sie machen, wo der Feind ihre Stadt besetzt und sie so gewissermaßen in Händen hielt? Sie mußten ruhig abwarten, wie sich des Krieges Glück gestalten würde, und nur der wirkliche Sieger durfte auf ihre Hülfe rechnen.
General Oran, der jetzige Befehlshaber der Stadt, kannte auch seine Leute recht gut und zeigte ihnen nicht mehr Vertrauen, als er nothgedrungen mußte. Waffen gab er ihnen deßhalb gar nicht, und nur draußen an den Schanzen mußten sie – sehr gegen ihre Neigung – unter der Aufsicht seiner Offiziere arbeiten und die Befestigungswerke verstärken helfen, die sie am Liebsten ganz wieder niedergerissen hätten, um es zu gar keinem Kampfe kommen zu lassen. Aber es half ihnen eben nichts, und wenn sie sonst fast zu lässig waren, ihre eigenen Papier-Cigarren selber zu drehen, so mußten sie jetzt mit Hacke und Schaufel im Schweiße ihres Angesichts den Grund durchwühlen, wenn sie nicht als »Vaterlandsverräther« angeklagt und in's Gefängniß geworfen werden wollten.
Bill kümmerte sich indessen wenig um die verschiedenen kleinen Trupps, die mit ihrem Werkzeug auf den Schultern hinaus zu den frisch aufgeworfenen Schanzen zogen. Er suchte das Gouvernementsgebäude, wo er seine Kameraden wußte, und brauchte sich nicht einmal lange danach umzusehen, denn schon unterwegs traf er Soldaten, die ausgeschickt waren ihn zu holen, und ihm mit Zeichen bedeuteten, daß er ihnen folgen solle.
Vor dem Gouvernementsgebäude wimmelte es auch wirklich von bewaffneten Menschen, die man aber eigentlich kaum Soldaten nennen konnte, da sie aus allen Ständen des Lebens zusammengewürfelt schienen und nur in ihrer großen Minderzahl Uniformen trugen – und was für Uniformen! – alte blaue Jacken, hier eine mit einem rothen Aufschlag, dort mit einem blauen, da mit gar keinem. Gewehre hatten allerdings die Meisten und auch Patrontaschen, oder wenigstens Beutel zu ihren Patronen anhängen. Viele trugen aber auch nur Lanzen von der verschiedensten Länge, oft bloße Bajonnete auf eine Gartenstange oder ein Bambusrohr gesteckt. Manche waren auch nur mit Kavalleriesäbeln und Pistolen bewehrt – aber zu Fuß; doch ein vollständiges Musikkorps mit großer Trommel, Cymbeln und Pauken spielte dazu einen lustigen Marsch und hatte besonders eine Menge von Frauen und Mädchen um sich her versammelt, die den schmetternden Tönen mit Wohlgefallen lauschten. Was kümmerte sie der Bürgerkrieg, waren sie doch von Jugend auf daran gewöhnt und fast nur auf solche Scenen zu ihrer Unterhaltung angewiesen.
Bill hielt sich nicht lange unten auf, sondern sprang die Treppe hinan, wo er denn auch richtig die Kameraden fand, an welche man ebenfalls Waffen austheilte. Bob besonders hatte schon einen großen Säbel umhängen und bekam jetzt noch eine Patrontasche nebst einer entsetzlich schweren Muskete, schien aber – wie auch die Uebrigen – nichts weniger als erbaut von der neuen südamerikanischen Beschäftigung.
Gestern, ja, von dem reichlich – und vielleicht zu reichlich genossenen Grog angeregt, hatte ihnen die Abwechslung im Leben und vielleicht auch der Gedanke, in Südamerika einmal Soldat zu spielen, Spaß gemacht; heute aber, wo sie nüchtern geworden waren und auch die Kehrseite des Bildes betrachteten, gefiel es ihnen gar nicht mehr so außerordentlich, und sie wären heute vielleicht viel lieber wieder in ihr Boot gesprungen und die Küste weiter hinauf gesegelt, als hier in der glühend heißen Sonne und durch den Schlamm eine alte Muskete herum zu schleppen – denn, daß es zu irgend einem Kampf kommen würde, glaubten sie nicht einmal.
»Well, Bill!« rief Bob diesem entgegen, als er ihn erblickte, »glücklich endlich unter den »Marines« angelangt. Hol's der Teufel, jetzt fehlte weiter gar nichts, als daß sie uns auch noch ein paar Stunden in der Sonne draußen einexerzirten.«
»Hallo, Jungens,« lachte Bill, »ihr seht wirklich ordentlich martialisch aus, aber – habt ein Bischen Acht auf Euch. Es geht los.«
»Das alte Ding von Muskete hier?« sagte Bob, »ich glaub's nicht.«
»Nein, draußen – die andere Partei rückt an.«
»Na, dann wünsch' ich nur, daß sie eine einzige Granate in das blutige Nest hier werfen,« brummte Dick, »und nachher ist die Geschichte gleich vorbei, denn wenn keine Stadt mehr da ist, brauchen wir sie auch nicht mehr zu vertheidigen.«
»Ja, wenn wir noch an Bill's Stelle wären,« sagte Tom, »und eine Familie hätten, aber so elende Junggesellen, daß die sich für ein ganz fremdes Volk vielleicht die Knochen sollen voll Blei schießen lassen, ist mir außer dem Spaß.«
»Na, Jungens,« meinte da der Bootsteuerer, der sich aber ein wenig gedrückt fühlte, denn er hatte vom gestrigen Tag furchtbare Kopfschmerzen, »wir schlagen uns immer für Republikaner.«
»Ja,« nickte Bill, ohne auf Tom's Spott zu antworten, »und gegen Republikaner auch, und ich denke, wenn wir das gewollt hätten, so konnten wir zu Hause bleiben, wo es gerade in dem Geschäft alle Hände voll zu thun giebt, aber wißt Ihr wohl,« er sah sich vorher um, und dicht hinter sich ihren kleinen Dolmetsch stehen, der ihnen vergnügt zunickte.
»Das ist recht, Señores,« rief dieser, »bewaffnen Sie sich für das Vaterland, aber suchen Sie sich um Gottes willen gute Musketen aus, denn es sind welche darunter, bei denen die vermaledeiten Mosqueraner Nägel in die Zündlöcher geschlagen haben, die kein Teufel wieder herausbringt. Die schnappen nachher bloß.«
»Ja, aber zum Henker,« rief Bob, »auf wen schießen wir denn? es ist ja gar kein Feind da: oder sollen wir auch noch in's Land hineinmarschiren?«
»Das nicht,« sagte der Kleine, »aber wir haben Kunde erhalten, daß ein Guerillatrupp der Mosqueraner, die Gott vernichten möge, gegen uns anrückt, um wahrscheinlich bei Nacht einen Ueberfall zu wagen und dann, wie sie es gewöhnlich thun, wieder in die Berge zu flüchten. Denen wollen wir diesmal die Zeche heimzahlen, amigos, daß sie das Wiederkommen vergessen. »Muera Mosquera!« ist unser Feldgeschrei, und wenn wir den Usurpator erwischten, ich glaube, die Republik zahlte den Fang mit seinem Gewicht in Gold.«
»Hm!« sagte Bill, der ihm aufmerksam zugehört hatte, denn man mußte aufpassen, wenn man Alles verstehen wollte, was der kleine eifrige Mann heraussprudelte, da er noch eine Menge von spanischen Wörtern hineinmischte; »ich dachte, Sie hätten ihn gefangen, und er säße mit in dem breiten Gefängniß da drüben hinter den Eisengittern.«
»O Gott nein,« sagte der Kleine, »das sind nur Einige von seinen Anhängern – traidores – Verräther am Vaterland, die wir mit den Waffen in der Hand ergriffen, und die ihrer gerechten Strafe nicht entgehen sollen.«
»Die haben Sie wohl mit aus dem innern Land gebracht?« frug Bill noch einmal.
»Ach, was kümmern uns die,« wich aber der Kleine der Frage, die ihm nicht angenehm zu sein schien, aus, indem er unter einem Haufen von dort liegenden Gewehren herumkramte; »he,« sagte er dann, »hier ist ein gutes Stück – nichts im Zündloch und vollständig mit Bajonnet versehen – hier, Don Guillelmo, das nehmen Sie – da liegt auch eine Tasche, versuchen Sie aber erst, ob die Patronen hineinpassen. – Und Sie, Señor,« wandte er sich dann noch einmal an Tom, »haben ja auch kein Gewehr – da ist noch eines.«
»Danke vielmals,« knurrte Tom, »ich kann mit den Dingern nicht umgehen und habe mir dort die Wallfischlanze heraufgeholt. Mit der weiß ich Bescheid, und wenn's zum Treffen kommt, richte ich mehr mit der, wie mit solch' einem nichtsnutzigen Schießeisen aus, von dem man überhaupt nie weiß, ob es los geht.«
»Nun, machen Sie das, wie Sie wollen,« rief der Kleine, indem er plötzlich auf die Veranda hinaussprang und auf die Straße hinab sah. Dort mußte er aber etwas bemerkt haben, was ihn interessirte, oder seine Gegenwart vielleicht nöthig machte, denn er eilte die hölzerne Treppe wieder in aller Hast hinunter, die Matrosen sich selber überlassend. Kaum aber war er fort, als Bill, der rings herum nur die schwarzbraunen Bursche bemerkte, die hier ebenfalls mit den Waffen zu thun hatten, den Kameraden auch mit kurzen bündigen Worten seine Erlebnisse erzählte und ihnen zugleich mittheilte, daß man sie hier auf eine ganz verkehrte Seite pressen wolle, und er wenigstens gesonnen sei, gegen diesen Mosquera keinen Schuß abzufeuern.
»Höre einmal, Mate,« sagte da Bob, »das ist ein wunderliches Ding mit der Politik dieser Länder, und der Henker mag sich hineinfinden; ich werde wenigstens nicht klug daraus und gedenke auch gar nicht, mir den Kopf darüber zu zerbrechen. So viel aber ist sicher, daß wir zu der Partei halten müssen, in die wir hineingeworfen sind. Ob sie nun recht oder unrecht hat – geht uns auch gar nichts an; das ist ihre Sache, und mögen sie mit ihren Landsleuten ausmachen.«
»So?« sagte Bill, »und wenn wir also noch mit dazu helfen sollen, einen Landsmann von uns, einen Amerikaner, im Kerker zu halten und vielleicht gar dabei zusehen, wenn er todt geschossen wird, dann geht uns das auch nichts an?«
»Einen Amerikaner?« riefen die Matrosen rasch, »wo?«
»Hier, in dem Loch von einem Gefängniß natürlich,« entgegnete Bill, »und wer weiß denn, wer es ist und wie sie ihn indessen behandelt haben? Das müßten wir doch jedenfalls vorher herausbekommen, ehe wir uns für die Gesellschaft todtschlagen lassen, und sitzt da wirklich ein richtiger Yankee fest, so will ich auch verbrannt werden, wenn ich nicht zusehe, wie ich ihn wieder herauseisen kann.«
»Ja, Mate,« meinte der Bootsteuerer, »und wir Alle ebenfalls; wie aber wollen wir es erfahren? denn wenn wir den kleinen, kurzbeinigen Kerl darum fragen, der hier allein englisch spricht, so sagt uns der im Leben nicht die Wahrheit.«
»Gut, dann giebts auch noch ein anderes Mittel, um es herauszubekommen,« nickte Bill vor sich hin, »zu thun haben wir doch jetzt noch nichts, denn sie scheinen gar nicht zu wissen, was sie vor der Hand mit uns anfangen sollen, und indessen wollen wir einmal einen Spaziergang durch die Stadt machen – mit unseren Gewehren müssen sie uns so überall durchlassen.«
»Können wir auch thun,« sagte der Bootsteuerer, »meine Schuh sind überdieß noch nicht ganz entzwei, und in dem Schlamm weichen sie desto besser von den Füßen herunter – aber wohin?«
»Am Gefängniß vorbei,« sagte Bill; »dort treiben wir uns dann eine kleine Weile umher, und es müßte mit dem Henker zugehen, wenn wir den da drin Sitzenden nicht bemerkbar machen könnten, daß Amerikaner draußen sind.«
»Aber dann auch fort,« rief Dick, »ehe der Kleine wieder kommt, denn der weiß jedesmal etwas zu bestellen. Hat denn Einer von Euch heute einmal nach unserem Boot gesehen, ob es noch im Stand und an der alten Stelle ist?«
»Ich war vorhin unten, als ich die Lanze holte,« nickte Tom, »Alles in Ordnung. Wer weiß auch, ob wir's nicht einmal nächstens brauchen werden? denn daß ich hier an Land gekommen wäre, um Soldaten zu spielen, ist blos ein Irrthum von den braunen Lumpen.«
»Und nun vorwärts,« sagte der Bootsteuerer, »da unten fangen sie schon wieder an, Signale zu blasen. Eine schöne Ordnung halten sie aber, das ist wahr; Keiner weiß, wer Koch oder Kellner ist, und die Waffen scheinen hier zu beliebigem Gebrauch aufgestellt zu sein – nicht einmal eine Schildwacht daneben und kein Offizier, der sich darum bekümmert. Kuriose Welt.«
Damit stiegen die neu »eingekleideten« Matrosen, ihre Gewehre oder sonstigen Waffen auf der Schulter, ruhig die Treppe hinunter und wieder auf die Straße, und Niemand kümmerte sich in der That um sie, wohin sie gingen oder was sie trieben.
Siebentes Kapitel. Yankee Doodle.
Der Bootsteuerer hatte recht, es schien eine merkwürdige Unordnung unter der ganzen Mannschaft zu herrschen, wie denn auch der ganze Trupp nicht aus einexerzirten Soldaten, sondern nur aus zusammengelesenen Freiwilligen bestand, die unter dem Versprechen der Plünderung geworben waren und zusammengehalten wurden. Von einem Exercitium sahen dabei die Offiziere vollständig ab, denn in dem Sumpf- und Waldland wäre dasselbe auch gar nicht möglich gewesen; was brauchten die Guerillas auch ein solches, wenn sie nur einen Hinterhalt zu benutzen und einen Ueberfall rasch und kräftig auszuführen verstanden. Auch mit der Subordination sah es nicht besonders aus, und General Oran, der diese Bande befehligte, hatte schon ein paar Mal Exempel statuiren müssen, um das wilde Volk nur ein wenig im Zaum zu halten; oft genug schlugen sie aber trotzdem noch über die Stränge, und nur dringende Gefahr konnte sie zu einem einigermaßen festen Ganzen zusammenbringen.
Aber was kümmerte das die Seeleute, die jetzt von Bill geführt, die Straße hinabschlenderten, wo sie denn auch, ohne von irgend Jemandem befragt oder nur beachtet zu werden, links abbiegend das Gefängniß bald erreichten.
Hier standen allerdings Posten genug, und sie wußten recht gut, daß man ihnen nie erlaubt haben würde, das Haus selber zu betreten. Das lag aber auch noch gar nicht in ihrem Plan, und sie begnügten sich vor der Hand damit, es von Außen in Augenschein zu nehmen.
Unheimlich genug sah es aus, besonders im Vergleich zu den übrigen auf Pfählen gebauten, luftigen und verhältnißmäßig auch reinlichen Häusern, wie es da im Schlamm, niedrig und mit ziemlich flachem Dach – wie eingesunken und breitgedrückt lag. Steine hatte man aber nicht zu seinem Bau verwandt, nur mächtige Stämme jenes eisenfesten Biguarriholzes, das in diesen Wäldern in Masse wächst, die fest ineinander gefügt nicht einmal der Luft einen Durchzug gestatteten, während winzig kleine, dicht unter dem Dach angebrachte Fenster mit dicken, neben einander stehenden Eisenstäben eben so wenig den Gefangenen hinaus, wie einen Sonnenblick hinein in seinen dunklen Kerker ließen.
Es mußte ein entsetzlicher Aufenthalt dort im Innern sein, noch schrecklicher durch das feuchte heiße Klima für den daran nicht Gewöhnten, wenn er verdammt wurde, seine Tage da zu verbringen.
»Bless my soul,« sagte der Bootsteuerer schaudernd, als sie daran vorüberschritten; »in das Loch werden sie doch wahrhaftig keinen Amerikaner geworfen haben? Nur eines von unseren kleinsten Kriegsschiffen schösse ja das ganze Nest in Zeit von fünf Minuten in Grund und Boden zusammen.«
»Und wie wollen sie's erfahren und wo sind sie?« brummte Bill; »so viel weiß ich aber, ganz rein ist die Geschichte nicht, denn unser gelbbrauner Dolmetsch wollte gar nichts davon wissen, als ich auf das Gefängniß zu sprechen kam, und steuerte geschwind einen andern Kurs.«
»Und wie kommen wir dahinter?«
»Verdammt leicht,« sagte der Matrose mit einem trotzigen Lachen. »Hinein dürfen wir nicht, und wer da drinnen sitzt, wird uns auch nicht wohl sehen können, aber jedenfalls hören, und wer kann uns hindern, hier den Yankee Doodle zu singen?«
»Bei Gott!« rief Tom rasch, »das ist wahr, und wenn ein Amerikaner hinter den Stäben sitzt und das Lied hört, dann weiß er auch, daß Freunde in der Nähe sind und wird sich schon melden.«
»Denke so,« nickte Bill, »und nun fangt an – Du, Dick, hast ja eine so verwünscht gellende Stimme, daß Einem ordentlich die Ohren weh thun; jetzt lass' sie einmal los.«
Dick ließ sich auch in der That nicht lange bitten und begann plötzlich – sehr zum Erstaunen der Wachtposten – mit so kreischender scharfer Stimme die höchst eigenthümliche Melodie des Yankee Doodle zu singen, daß ein paar gerade dort vorbeikommende Frauen erschreckt umdrehten und in das nächste Haus flüchteten. Die Soldaten lachten aber, denn das Lied gefiel ihnen, wenn sie auch die Worte nicht verstanden, und die übrigen Matrosen stimmten jetzt mit ein:
Yankee Doodle came to town To buy a pair of trowsers, There were so many tailorshops He could'nt see the houses.[4]
[4]: Yankee Doodle kam zur Stadt, Weil ihm Hosen nöthig thaten, Konnt' aber keine Häuser sehen Vor lauter Kleiderladen.
Nach dem ersten Vers schwiegen sie – aber sie brauchten nicht lange auf Antwort zu warten.
»Hülfe!« tönte gleich darauf aus einem der Löcher eine hohle Stimme in englischer Sprache – »helft mir, Jungens, hier sitzt ein Amerikaner! – Helft mir –«
Aber die Wachtposten hatten die Zurufe ebenfalls gehört, und mit dem strengen Befehl, keine Unterhaltung der Gefangenen mit Außenstehenden zu gestatten, sprangen sie rasch zu und bedeuteten die Fremden, weiter zu gehen und da nicht stehen zu bleiben.
»I'll be« – wollte Bill schon zu fluchen anfangen, der Bootsteuerer aber, der das Nutzlose eines Widerstandes in diesem Augenblick recht gut voraussah, ergriff rasch seinen Arm und rief: »Ruhe, Bill, Ruhe! wir müssen unsere Zeit abwarten und wissen ja doch jetzt, was wir wissen wollen – komm' – da drüben marschirt eben ein ganzes Bataillon Soldaten die Straße herunter; wenn wir jetzt Lärm machen, haben wir im Nu die ganze Gesellschaft auf dem Hals. Wir müssen uns erst bereden, was wir thun wollen.«
»Gut,« sagte Bill, der ebenfalls die Soldaten bemerkte und das Nutzlose eines Widersetzens in diesem Augenblick einsah – »dann kommt; aber ein Zeichen soll er doch haben,« und sich gegen das Fenster drehend, rief er aus: »Freunde in der Näh'! hab' guten Muth!« und gleich darauf fielen die Anderen wieder jubelnd ein:
He met a man with gingerbread Another one with honey, But when he was to pay for it He found he had no money –[5]
[5]: Er traf 'nen Pfefferkuchenmann Und kaufte sich zu essen, Doch als er dafür zahlen wollt', Hatt' er sein Geld vergessen.
und damit zogen sie, ohne sich weiter um die Wachtposten zu bekümmern, die Straße hinab.
Weit kamen sie übrigens nicht, da schoß plötzlich aus einer Seitengasse, oder vielmehr zwischen ein paar Häusern hindurch, ihr kleiner Dolmetsch auf sie zu und rief, ganz außer Athem: »Aber Señores, wo stecken Sie denn? ich suche Sie wie ein Stück Geld in der ganzen Stadt – der General hat nach Ihnen gefragt und will Sie sprechen.«
»Der General?« frug der Bootsteuerer, der stillschweigend das Kommando über seine vier Matrosen wieder übernommen hatte – »na denn man zu, Jungens; wir müssen doch wenigstens hören, was der alte Herr zu sagen hat.«
»Alte Herr?« lachte der Kleine, »ist gerade einundzwanzig Jahre alt.«
»Bravo, dann kann er's noch zu was bringen – wenn er nicht früher gehangen wird,« lachte Bob; »aber kommt – Zwei und Zwei, wie es die Landsoldaten auch machen – Sie voran, Mr. Sikes, und Du, Tom, halt Deine Lanze ein Bischen hoch, daß Du Niemanden damit zu nahe kommst – vorwärts marsch!« und der kleine Trupp, dem das wilde Leben anfing Spaß zu machen, marschirte ernsthaft hinter ihrem Führer her.
Der General – in der That ein ganz junges Bürschchen, das nur die Guerillabande errichtet und sich den Titel dann, der ihm besser als »Capitano« klang, zugelegt, hatte sein Hauptquartier eigentlich in einem Privathaus genommen, war aber jetzt auf das Regierungsgebäude gekommen, um »sein Heer« zu mustern und eine Ansprache nicht allein an seine Truppen, sondern auch an die Einwohner von Buenaventura zu halten.
Natürlich verstand er kein Wort Englisch und der Dolmetsch mußte die Matrosen begleiten, die sich gleich darauf dem eigentlichen Herrn der Stadt gegenüber fanden.
Und was für ein grüner Bursche war es! Er sah genau so aus, als ob er eben hinter einem Ladentisch vorgesprungen wäre und sich nur geschwind einen Säbel umgeschnallt hätte, trug aber eine mit Goldstickereien fast bedeckte Uniform, und Epauletten, die sich durch ihr Gewicht ordentlich herunterbogen. Er machte ein sehr ernsthaftes und wichtiges Gesicht und schien den Fremden dadurch besonders imponiren zu wollen, erreichte seinen Zweck aber allerdings nicht, denn die Matrosen waren nicht so leicht eingeschüchtert, und als er mit solchem Pathos vor ihnen stand, flüsterte Tom seinem Nachbar Bill in's Ohr: »Nun sieh' Einer den jungen Truthahn an, wie er sich spreizt und schleift. Ich hätte verdammt Lust, ihm mit meinem Lanzenschaft eines auf den Schädel zu geben.«
Der Dolmetsch übersetzte ihnen jetzt den etwaigen Sinn der Rede, der ungefähr darauf hinauslief, daß der Feind anrücke und der Augenblick gekommen sei, wo sie die Freiheit einer großen Nation mit ihrem Blute sollten besiegeln helfen. Die Amerikaner wären auch ein freies Volk und Republikaner und deßhalb die Brüder der Neugranadienser.
»Well old fellow,« unterbrach ihn da Bill, »wenn das Alles wahr ist, weßhalb haltet Ihr denn da Einen von diesen Republikanern und Brüdern in Eurem nichtswürdigen Loch von Gefängniß hinter den Eisengittern, he?«
»Wat de debie!« rief der kleine Mann erstaunt und fast erschreckt aus, »was wißt Ihr denn von einem Amerikaner?«
»Was wir davon wissen?« sagte der Bootsteuerer – »wir wissen, daß er in dem Loch sitzt, und wollen ihn heraus haben – weiter nichts.«
»Was sagen sie?« frug der General erstaunt, und der Kleine übersetzte ihm mit lebhaften Gestikulationen das eben Gehörte. Der General blieb aber vollkommen ruhig und erwiederte nur, wie ihnen der Kleine zurückübersetzen mußte, daß das kein Amerikaner, sondern ein Engländer und ein Verräther sei, der sich heimlich gegen die rechtmäßige Regierung des Landes verschworen und dann mit den Waffen in der Hand versucht habe, die Truppen seiner Excellenz des Präsidenten zu überfallen und zu vernichten. Er werde aber seiner gerechten Strafe nicht entgehen, denn er solle mit dem nächsten hier landenden Regierungsschiff nach Panama gesandt und dort vor ein Kriegsgericht gestellt werden.
»So,« setzte dann der kleine Dolmetsch hinzu, »nun wißt Ihr die ganze Geschichte, und wenn ich Euch einen guten Rath geben soll, so haltet Ihr die Mäuler und mischt Euch nicht in Sachen, die Euch nichts angehen. Ihr seid jetzt neugranadiensische Soldaten, denn Ihr habt das Handgeld genommen, und der General spaßt nicht. Sowie Ihr Euch widersetzt, werdet Ihr einfach todtgeschossen. Das ist Kriegsrecht, bei Euch so gut wie bei uns – und nun vorwärts marsch!«
Die Matrosen waren selber unter sich noch zu keinem rechten Entschluß gekommen, sahen aber auch ein, daß sie vorläufig nichts ausrichten konnten, denn das Regierungsgebäude stak gedrängt voll bewaffneter Menschen. Sie folgten also dem Befehl. Wie sie aber unten auf die Straße kamen, sprengte ein mit Schlamm ordentlich bedeckter Reiter vor die Thür, warf sich vom Pferd und eilte die Treppe hinauf, während die Leute unten durcheinander stürzten und von den verschiedensten Zurufen allarmirt waren.
Etwas mußte im Werk sein, aber was? – Sie verstanden kein Wort von dem Aufruhr, und da sie zu gleicher Zeit ein Offizier bedeutete, in eine der dort formirten Kolonnen einzutreten, so blieb ihnen auch keine Zeit, selber nachzusehen. Wenige Minuten später marschirten sie die Straße hinauf in Reih und Glied, um – wie sie nicht anders vermutheten – irgendwo an den Schanzen postirt zu werden. Jedenfalls mußte der reitende Bote die Kunde gebracht haben, daß der Feind anrücke.
Da sah Bill die Negerin an der Seite stehen und forschend die Reihen betrachten. Wie sie aber die Fremden unter der Truppe entdeckte, schritt sie quer über die Straße hinüber, als ob sie an die andere Seite hinüber wollte, und blieb jetzt dicht neben den Vorderen stehen, um den Zug erst vorüber zu lassen. Jetzt kamen die Matrosen, und Bill, der erhaltenen Warnung eingedenk, that auch gar nicht, als ob er sie kenne – die Negerin sah ihn ebenfalls nicht an – wie er aber an ihr vorüberschritt, murmelte sie leise, aber doch so, daß er die Worte deutlich verstehen konnte: »Ship in sight« (Schiff in Sicht) und schritt dann langsam an der vorbeidefilirenden Reihe herunter und auf die andere Seite hinüber.
»Alle Teufel!« rief Bill leise vor sich hin, »hast Du gehört, Tom, was die Alte da eben sagte?«
»Versteh' ich Spanisch?« knurrte dieser – »verdamm' das Kauderwelsch!«
»Aber es war gutes Amerikanisch und hieß Ship in sight.«
»Hell!« rief Tom erstaunt aus – »jetzt fehlte weiter gar nichts, als daß der alte Blubberkasten, die Martha's-vine-yard, hinter uns hergekommen wäre und uns wieder an Bord haben wollte. Ha! das war ein Schuß!«
»Es geht los, Jungens,« sagte Bob, sich nach ihnen umdrehend, »das war gerade von der Schanze her, und wir wissen jetzt nicht einmal, für was wir uns sollen todtschießen lassen.«
»Du, Bob – ein Schiff in Sicht.«
»Ein Schiff! der Teufel auch – was für eines?«
»Ja weiß ich's – nur eben erst hab' ich's gehört.«
»Von dem Hügel da aus muß man das Wasser sehen können – da stehen auch Menschen oben.«
»Ja, aber wir dürfen nicht hinauf. Wetter noch einmal, wenn das unser Alter wäre – o Sikes – Schiff in Sicht – Martha's-vine-yard –«
»Den Teufel auch!« rief der Bootsteuerer – »dann geh' ich meiner Seel' wieder an Bord, denn den Morast hier hab' ich satt, und da fängt es auch schon wieder an zu regnen. Das ist ein vermaledeites Land.«
Die Aufmerksamkeit der Matrosen wurde aber doch jetzt ausschließlich auf ihre unmittelbare Umgebung gerichtet, denn wieder fielen drei, vier Schüsse dicht hintereinander, während der Offizier der Kolonne ein Kommando gab und die übrigen Soldaten jetzt im Sturmschritt weiter liefen – immer durch den Schlamm. Dabei fing es wirklich an zu regnen, und sie sahen sich im nächsten Augenblick vor den Schanzen, in deren Nähe der Boden durch die Erdarbeiten fast grundlos geworden war. Ein Feind ließ sich aber nicht blicken, und die Schüsse waren wohl auch nur von den tapferen Vaterlandsvertheidigern abgefeuert worden, um sich selber Muth zu machen – wenigstens hatte sich noch kein Gegenstand gezeigt, auf den sie wirklich zielen konnten – ein Schwarm von Papageien ausgenommen, der aber kreischend in den Wald abstrich.
Indessen regnete es »tropisch.« Wie mit Bindfaden kam es herunter; dabei wehte kein Luftzug, was es erdrückend schwül machte, und Ordonnanzen liefen herüber und hinüber, und brachten Meldungen und nahmen Befehle wieder mit, so daß sich die Seeleute, die kein Wort davon verstanden, wie verrathen und verkauft dazwischen vorkamen. Außerdem wurden sie in diesem Augenblick von dem einen Offizier hier hinübergeschickt, und dann kam im nächsten ein anderer und frug, was sie denn da um Gottes willen wollten, und dann mußten sie wieder den eben gemachten Weg zurückmarschiren.
»Das ist eine reine Heidenwirthschaft,« sagte der Bootsteuerer, der zuletzt ungeduldig wurde, »und kein Mensch scheint hier ein Oberkommando zu führen. So viel ist sicher, hat dieser Mosquera nur eine Idee von einem Angriff, so sind wir Alle miteinander verloren.«
Indessen befanden sich die »obersten Behörden« von Buenaventura in nicht geringer Aufregung, denn das ansegelnde Schiff beunruhigte sie im höchsten Grad, da sie nicht wußten, was sie daraus machen sollten. Jedenfalls war es ein größeres Fahrzeug, als sie hier gewöhnlich zu sehen bekamen, und wenn es zu Mosquera's Partei gehörte, so kamen sie dadurch zwischen zwei Feuer und sahen sich den Rückzug nach allen Seiten zu abgeschnitten.
Nun behaupteten allerdings einige Personen am Land, daß es ein vollkommen friedlicher Wallfischfänger sei, der hier zufällig anlaufe, und mit ihren Parteien nicht in der geringsten Verbindung stünde. Dicker Rauch stieg sogar vom Schiff auf, ein Beweis, daß es ganz ruhig seinen gewonnenen Speck auskoche – die schon jetzt deutlich bemerkbaren Schießlucken an Bord seien nur gemalt. Andere bestritten das aber wieder. Der Rauch an Bord würde, wie sie meinten, nur unterhalten, um sie über den Charakter des Schiffes irre zu führen, damit sie sich sicher fühlen sollten, bis es nahe heran wäre, dann würde es seinen wahren Charakter schon zeigen. Wenn es wirklich ein Wallfischfänger sei, weßhalb führe es denn nicht seine Flagge, wie es alle Schiffe thun, wenn sie sich einem Hafenplatz nähern?
Unter der Zeit waren die Matrosen bald hier- bald dorthin geschickt worden, als der General den Befehl gab, sie zum Ufer zurückzurufen, da man sie hier, falls sich das fremde Fahrzeug wirklich als ein feindliches zeigen sollte, besser zu verwenden hoffte, als draußen bei den Schanzen. Kaum erreichten sie aber den ersten offenen Platz, von dem aus sie einen Blick über See gewinnen konnten, als Bob überrascht ausrief: »I'll be damned – the Martha's-vine-yard! – Jetzt ist der Teufel zu zahlen und kein Pech heiß!«
»Und sie kocht aus!« rief der Bootsteuerer – »beim Himmel, sie haben Fische gefangen und mehr an Deck, als sie gleich unterbringen können. – Da drüben hängt noch ein langer Streifen Speck am Blubberhaken, was lange herunter wäre, wenn sie nicht den Raum voll hätten.«
»Und was will die hier in Buenaventura?«
»Nach uns aussehen, natürlich,« sagte der Bootsteuerer. »Der »Alte« kennt die Küste hier gut genug und wird wahrscheinlich wissen, daß wir nirgends anders stecken können, wenn wir an Land gerudert sind.«
»Was ist das für ein Schiff?« frug jetzt der eine Offizier die Fremden, indem er mit dem Arm hinausdeutete. Sie verstanden wenigstens, was er meinte, bei seiner Bewegung.
»Wenn wir klug sind, halten wir die Mäuler,« brummte Bob, der noch immer keine Lust verspürte, an Bord zurückzukehren, »was geht uns der alte Kasten an?«
»Wird uns nichts helfen, Mate,« meinte aber der Bootsteuerer, indem er gegen den Offizier nur als Antwort die Achseln zuckte: »denn sicher schicken sie ein Boot herüber, um sich zu erkundigen. Jedenfalls werden wir aber da hören, wie's drüben steht, und ich glaube nur nicht, daß uns das Volk hier wieder fort läßt, Dich nun einmal gar nicht, Bill, als Familienvater.«
»Unsinn!« brummte der Matrose – »aber da hinten geht's los – das wird Ernst. Jetzt knattern die Schüsse von allen Seiten.«
»Und da drüben geht auch schon ein Boot nieder,« rief der Bootsteuerer; »wenn die ihre Lanzen mitbrächten, könnten wir am Ende das Nest von Gefängniß stürmen und den Amerikaner herausholen. Der ganze Schwarm steckt jetzt an den Schanzen.«
»Es ist nur der Teufel,« brummte Bob, »daß ein an Land fahrendes Boot keine Lanzen und Harpunen mitnimmt. – Jungens, die müssen wahrhaftig schmählichen Thran an Bord haben.«
»He holla, amigos,« rief jetzt der kleine Dolmetsch, der von Schweiß und Regen triefend auf sie zusprang – »was für ein Schiff ist das da drüben? Wallfischfänger?«
»Ja wohl,« nickte Bob, denn er hielt es für unmöglich, das abzuleugnen – ein Kind konnte es ja von hier mit bloßen Augen erkennen.
»Nicht Mosquera, heh?« fuhr der Kleine fort.
»Mosquera? was hat Mosquera mit der Martha's-vine-yard zu thun,« brummte der Matrose.
Der Kleine wandte sich jetzt an den Offizier des Trupps und schien, seinen Bewegungen nach, diesen veranlassen zu wollen, die Leute wieder nach den Schanzen zu dirigiren, wo indessen das Feuer lebhafter wurde. Der aber zuckte die Achseln. Er hatte jedenfalls Befehl erhalten, hier zu warten, und schien selber keine übergroße Lust zu haben, an dem Gefecht Theil zu nehmen.
Da plötzlich brach es von allen Seiten los. Hier und dort knallten und knatterten die Schüsse, und wildes Geschrei tönte von dort herüber: ja einzelne Kugeln schlugen sogar über die Häuser hinweg bis hier herüber, und eine alte Frau wurde kaum zehn Schritt von den Seeleuten getroffen, als sie eben an diesen vorübereilte.
»Caramba, Señor!« schrie da ein herbeisprengender Adjutant den Führer des kleinen Trupps an, der noch immer an seiner Stelle hielt. – »Hören Sie denn nicht, daß wir von allen Seiten angegriffen werden? Vorwärts – gleich dort drüben am Gefängniß vorüber scheint der Platz, auf den sich der Feind besonders geworfen. Im Sturmschritt! marsch!«
Dem Befehl mußte gehorcht werden. Die Seeleute warfen wohl noch einen Blick nach dem immer näher kommenden Boot hinüber, aber die Kolonne setzte sich in Bewegung, und in der nächsten Minute schon verbarg ihnen die Biegung der Straße den Blick nach der See hinüber.
Achtes Kapitel. Der Kampf.
An den Schanzen ging es indessen wild genug her, denn ohne daß der Feind einen wirklichen Sturm mit der Lanze oder Bajonnet versucht hätte, beunruhigte er die Linie vollkommen, indem er, von dem dichten Unterholz dieser Wälder gedeckt, bald von da, bald von dort heraus ein plötzlich heftiges Feuer eröffnete, so daß die Belagerten glaubten, er würde mit jeder Minute dort herausbrechen, während dann plötzlich an einer andern Stelle das Spiel auf's Neue begann.
Jedenfalls erreichte er dadurch seinen wahrscheinlichen Zweck, die Godos zu ermüden, die unter einem mehr erfahrenen Führer ihre Kräfte auch sicher besser zusammengehalten und auf den eigentlichen Kampf verspart hätten. So aber wurden sie ganz unnöthiger Weise in Schlamm und Regen hin und her gehetzt, um ununterbrochen gegen einen versteckten Feind zu kämpfen, dem sie dabei nicht einmal einen sichtbaren Schaden zufügen konnten.
Ein junger feuriger Offizier schlug allerdings vor, einen Ausfall zu machen und die Guerillas zu Paaren zu treiben, denn er vermuthete ganz richtig, daß der Feind sich nicht stark genug fühle, sie schon anzugreifen, und jedenfalls weitere Zuzüge erwarte, oder auch vielleicht selber wieder abziehe. »General« Oran aber wollte nichts davon wissen, denn er fürchtete einen Theil seiner Leute in einen Hinterhalt zu bekommen, und fühlte sich der eigentlichen Bewohner von Buenaventura noch lange nicht sicher genug, um sich auf ihren späteren Beistand zu verlassen.
Da plötzlich hörte das Feuern auf. Hatte sich der Feind einen andern Platz zum Angriff ausersehen? – Kein Schuß fiel mehr, aber das jetzige Schweigen war noch viel unheimlicher als der frühere Lärm, denn nun quälte die Ungewißheit die Vertheidiger, wie lange es anhalten und wo und wann sie der Feind zuerst wieder angreifen würde.
General Oran war selber an Ort und Stelle, und mit richtigem Gefühl, daß er all' seine Soldaten nicht vorn lassen dürfe, sondern einen Theil in Reserve behalten müsse, um sie rasch dorthin senden zu können, wo sie nöthig werden sollten, beorderte er die Letztzugerückten an den Hang der Erderhöhung, in unmittelbare Nähe der Stelle, an welcher das Gefängniß stand. Dort konnten sie auch unter die nächsten Häuser treten, um wenigstens gegen den Regenguß geschützt zu sein – oder vielmehr um ihre Gewehre trocken zu halten, denn um die Soldaten selber würde er sich wenig gekümmert haben.
Indessen landete das Boot des Wallfischfängers, und die Leute erkannten augenblicklich das dort auf den Strand gezogene vierte Boot ihres Schiffes, das sie schon halb und halb verloren geglaubt und nun mit einem Hurrahruf begrüßten. Der kleine Dolmetsch, der oben an der Landung stand, um sie zu erwarten, hörte das Hurrahgeschrei, hatte aber keine Ahnung, daß es dem Boot gelten könne, denn seiner Meinung nach sah ein Boot wie das andere aus, und eine besondere Unterscheidung derselben war unmöglich.
Und jetzt kamen die Leute das Ufer herangestürmt und frugen den ihnen entgegen Tretenden in ihrer stürmischen Weise, wo ihre Kameraden wären.
»Kameraden?« sagte der Neugranadienser verwundert, »Kameraden? was weiß ich von Kameraden; wo kommt ihr her, amigos? – Was wollt ihr hier?«
»Wo sind die Leute,« rief aber der erste Harpunier, ohne sich weiter mit einer Beantwortung der an ihn gerichteten Fragen aufzuhalten – »die in das Boot da unten gehören?«
»Die Leute? – was für Leute?«
»Die Amerikaner! Höll' und Verdammniß! Ihr werdet doch wissen, was aus der ganzen Bootsmannschaft geworden ist?«
»Caramba, Señor!« sagte aber der Kleine, »was geht mich Eure Bootsmannschaft an? habe ich sie unter Aufsicht bekommen?«
»Du wärst ein Kerl dazu!« lachte der erste Bootsteuerer. »Seht einmal, Bawlins, dem Burschen wachsen die Waden gleich aus dem Sitztheil heraus.«
Die übrigen Matrosen lachten, der kleine Südamerikaner wurde aber böse, denn wenn er auch den Sinn der Worte nicht ganz vollkommen verstand, so begriff er doch recht gut, daß sich die Fremden über ihn lustig machten, und in seiner Stellung empörte ihn das auf's Tiefste.
»Señores,« rief er deßhalb – »was wollen Sie hier? Unser Land ist in Aufruhr, und wir haben deßhalb keine Zeit und keine Lust, uns mit müßigem fremden Volk abzugeben, das an unsern Küsten herumfährt und unsere Fische wegfängt.«
»Haha, Meister,« lachte aber der Harpunier, »Eure Fische? und weßhalb fangt ihr sie nicht selber? Aber wir wollen hier weiter nichts, als unsere im Nebel verschlagenen Leute wieder abholen, deren Boot wir da unten gefunden haben. Also, wo sind sie? Ausflüchte helfen Euch nichts, denn, verdamm' mich, gebt Ihr sie nicht gutwillig heraus, so lande ich mit unserer ganzen Mannschaft und nehme das blutige Nest mit Sturm.«
Der kleine Mann wollte gerade eine zornige Antwort darauf geben, als eine scharfe Salve von Links herüber knatterte und er sich erschreckt dorthin wandte. Zu gleicher Zeit wurde aber auch das Feuer von der rechten Seite her laut, und es war augenscheinlich, daß jetzt der Angriff auf beiden Seiten eröffnet sei, wo eine Entscheidung nicht lange auf sich warten lassen konnte. Ohne sich auch weiter mit den Fremden aufzuhalten, die, wie er doch jetzt wußte, wenigstens nicht zu Mosquera's Partei gehörten, lief er, so rasch ihn seine kurzen Beine trugen, in die Stadt hinein, es den Matrosen überlassend, selber zu sehen, wie sie ihren Auftrag ausführten.
Diese waren aber deßhalb nicht verlegen, denn wenn ihnen auch nicht entgehen konnte, daß wieder irgend eine der ewigen Revolutionen im Land ausgebrochen sei, so dachten sie doch, mit dem kecken und leichtsinnigen Muth derartiger Leute, viel weniger an die eigene Gefahr, welcher sie sich dabei aussetzten, als an den Spaß, ein solches Treiben einmal in der Nähe zu betrachten.
»Heda, Jungen, was meint ihr?« sagte der Harpunier, »wollen wir an Bord zurückkehren und dem Kapitän Bericht erstatten, oder uns lieber erst da oben die Geschichte einmal mit ansehen? Vielleicht finden wir dort auch unsere Leute, denn wo es was zu raufen gibt, fehlt Bill und Tom sicher nicht.«
»In die Stadt, Sir!« riefen aber die Leute wie aus einem Munde, »unter jeder Bedingung! Der Teufel weiß auch, ob sie unsere Kameraden nicht am Ende eingesperrt haben, und vielleicht können wir dann da oben Luft machen.«
»Na, vorwärts denn, meine Bursche,« sagte der alte Mann, der sein Lebensalter zwischen Wallfischen und wilden Indianern zugebracht. »Waffen haben wir freilich nicht, aber ich denke, wenn wir sie brauchen sollten, werden wir sie schon finden, denn da oben sehe ich einen solchen Haufen bewaffneter Landratten herumlaufen, daß wir ein paar von denen leicht »schälen« können. Vorwärts, damit wir nicht zu spät zum Tanz kommen« – und ohne ein Wort weiter zu sagen, lief er, von seinen Leuten dicht gefolgt, gerade in die Stadt hinein und der Richtung zu, von welcher das schärfste Gewehrfeuer herübertönte.
Die Seeleute brauchten übrigens nicht weit vorzudringen, um mit den »Vaterlandsvertheidigern« in Berührung zu kommen, denn lange vorher noch, ehe sie die Schanzen erreichten, begegneten ihnen Schwärme Bewaffneter, die sich von dem wahrscheinlich zu heiß werdenden Kampfplatz zurückgezogen hatten. Auch einige Verwundete sahen sie vorübertragen, die in die nächsten Häuser gebracht wurden. Ohne sich mit denen aber aufzuhalten, sprangen sie an ihnen vorüber und wollten eben in die nächste Straße einbiegen, als sie an einem großen Hause Getümmel und Stimmen hörten, aus denen deutlich ein englischer Fluch herausklang.
»Alle Wetter!« rief der alte Harpunier, indem er darauf zuflog – »da drüben sind unsere Jungen! Das war Bill's Stimme, und in voller Arbeit, wie ich sehe. Boys! greift euch ein paar Lanzen, oder was ihr sonst kriegen könnt, auf –«
Dem Wort die That folgen lassend, stellte er einem neben ihm vorbeilaufenden Neugranadienser ein Bein, daß dieser wie ein Pfeil nach vorn schoß. Im Nu hatte der Alte auch dessen Lanze aufgegriffen und ihm den Säbel aus der Scheide gerissen. Das Beispiel wirkte. Die übrigen Matrosen, lauter kräftige handfeste Burschen, faßten hier eine Muskete, da ein Seitengewehr, und mit einem wahren Jubelschrei stürmten sie nach vorn.
Hier hatte sich indessen, während draußen noch immer der Kampf wüthete, ein kleines Privatdrama entsponnen, das für einen Theil der Betreffenden recht schlimm ablaufen konnte.
General Oran nämlich, von den meisten aus der Stadt herbeigezogenen Kämpfern verlassen, sah bald, daß der Feind von Stunde zu Stunde durch neue und frische Zuzüge verstärkt wurde und er nicht darauf hoffen durfte, den Platz gegen die Uebermacht zu halten. Viele der Seinigen waren auch schon verwundet und getödtet, und nur ein einziger Ausweg blieb ihm, über den kleinen, dicht unterhalb der Stadt einmündenden Strom, über den er eine leichte Brücke geschlagen, zu entkommen. In den Wald hinein war er auch sicher, nicht verfolgt zu werden, und mit guten Führern versehen, die hier jeden fußbreit Boden kannten, hoffte er schon die Berge wieder zu erreichen und sich dort entweder einer andern Guerillatruppe anzuschließen, oder auch wieder in einem kleinen Binnenstädtchen für kurze Zeit sein Hauptquartier aufzuschlagen.
Aber seine Gefangenen sollten nicht den Triumph feiern können, von ihren Freunden befreit zu werden. Die wollte er mitschleppen und – wenn das nicht ging – dem Feind wenigstens nur die blutigen Leichen derselben zurücklassen.
Die Südamerikaner sind eigentlich kein entschieden grausames Volk, und besonders in diesen Theilen, in Ecuador und Peru, nichts weniger als blutdürstig. Aber mit allen Leidenschaften erregt, mit dem Gefühl, besiegt – geschlagen zu sein, kam zu der Gewißheit, wie die glücklicheren Gegner jetzt jubeln und jauchzen würden, auch das Bedürfniß, Rache und eine theilweise Vergeltung zu üben, und nur an den unglücklichen Gefangenen, an der armen Stadt konnte der Führer der Godos seine machtlose Wuth auslassen.
Sobald er also die Ueberzeugung gewann, daß er den Tag verloren, war sein Plan auch schon entworfen. Noch hielt er ziemlich tapfer mit den Seinen den immer stärker andrängenden Feinden Stand, aber ein Theil seiner Leute wurde rasch zurück zu dem Gefängniß beordert, mit dem Befehl, die Gefangenen über die Brücke zu schaffen und dann die letzten Häuser, von denen aus der Wind über die Stadt schlug, in Brand zu schießen. Das sollte das Signal für ihn selber sein, mit seinen Truppen zu folgen, und Widerstand in der Stadt selber brauchte er, wie er fest überzeugt war, nicht zu fürchten.
Der Plan, so teuflisch er sein mochte, war gut ausgedacht, denn schon das Feuer mußte seinen Rückzug decken, da die Truppen Mosquera's nicht daran denken durften, ihn zu verfolgen, wenn sie die ganze Stadt nicht in einen Aschenhaufen wollten verwandelt sehen – aber der Eifer seiner Leute verdarb ihn.
Während sich ein Theil derselben in das Gefängniß warf und den Unglücklichen darin die Hände auf den Rücken band, um eine mögliche Flucht derselben zu verhindern, sprang ein anderer Theil derselben in die letzten Häuser und feuerte von der Straße aus unter das trockene Schilf der inneren Dächer, bis sie in Brand geriethen. Wie ein Schrei des Entsetzens zuckte aber der Ruf dieser Unthat durch die bedrohte Stadt, und was noch Waffen trug, stürmte herbei, um sich dem Frevel zu widersetzen.
Indessen hatten sich die Matrosen, da ihnen ihr Offizier abhanden gekommen war, ebenfalls nach der Stadt zurückgezogen, denn gerade dort, wo sie standen, schien der Feind plötzlich seinen Angriff aufgegeben zu haben, um den Kern seiner Truppen weiter oben auf einen andern Punkt zu werfen. Unschlüssig standen sie hier und beriethen gerade, ob sie ebenfalls dorthin, woher das stärkste Gewehrfeuer drang, eilen oder hier ruhig einen neuen Befehl ihres »Generals« abwarten sollten, als hinter ihnen ein Getümmel laut wurde und eine Stimme deutlich in englischer Sprache rief: »Zu Hülfe! zu Hülfe, Landsleute!«
»Alle Teufel!« schrie Bill herumfahrend, »das sind die Gefangenen. Was haben sie mit denen vor?«
»Vorwärts, Jungen!« rief aber da der Bootsteuerer, »da müssen wir dabei sein« – und in gestrecktem Lauf flogen die fünf Seeleute, Bill vorne seine Muskete, die schon lange nicht mehr in dem Regen feuern wollte, wie eine Handspake in der Faust, auf den Menschenknäuel zu, um den sich indessen auch eine Menge Frauen gesammelt hatten.
»Amerikaner hierher!« schrie er dabei, »hier kommt Hülfe!«
»Hierher, hierher, Landsleute!« rief eine kräftige Stimme, und Bill hatte im Nu die Gestalt erkannt, die sich mit gebundenen Armen unter den Händen der Häscher wand.
Bill wußte aber recht gut, daß er seine Zeit nicht mit unnützen Fragen oder Auseinandersetzungen verlieren durfte, und vollkommen gleichgültig dagegen, ob er es mit Godos oder Mosqueranern zu thun habe, fuhr er mit seinem Kolben dermaßen unter die Bursche hinein, daß ein paar von ihnen betäubt oder todt – wer kümmerte sich darum – zu Boden stürzten. Der Kolben brach auch von dem Schlag, aber das eiserne Rohr blieb eine eben so gewichtige Waffe, und rechts und links mähte er damit hinein, während jetzt der Bootsteuerer mit den Uebrigen herbeisprang, um dem Angriff Nachdruck zu geben. Im Nu hatten sie auch den Amerikaner befreit und seine Bande durchschnitten, und scheu wollten sich die südamerikanischen Soldaten mit ihren übrigen Gefangen zurückziehen – aber Bill ließ sie nicht.
»Da sind noch Andere dabei, die auch frei werden müssen!« schrie er den Gefährten zu – »noch ein Engländer ist darunter – vorwärts Jungen! hämmert den braunen Halunken die Schädel ein, wenn sie nicht Vernunft annehmen wollen.«
Es sah fast wie Wahnsinn aus, daß die fünf nothdürftig bewaffneten Matrosen einen Angriff gegen einige zwanzig Soldaten machen wollten, aber sie zögerten auch nicht einen Moment. Ihr Blut war einmal warm geworden, und während der befreite Amerikaner von einem der Gefallenen eine Lanze aufgriff, warfen sie sich mit keckem Muth auf den Feind.
Da stürmte General Oran mit seinem Trupp die Straße herauf, denn die zu früh gefeuerten Allarmschüsse hatten ihn glauben machen, daß seine Befehle alle ausgeführt seien und die Bahn nun frei läge für seine Flucht. Am Gefängniß vorüberkommend, sah er aber seine eignen Leute noch im Kampf mit den Fremden, und augenblicklich das Ziel errathend, das diese im Auge hatten, warf er sich mit seiner ganzen Macht gegen sie an.
Ein Glück für die Seeleute war es, daß die Neugranadienser unten, ehe sie die Schanzen verließen, sämmtlich die Gewehre, die überhaupt nicht mehr losgehen wollten, auf den Feind abgefeuert hatten, und dann, ohne sich Zeit zu nehmen, wieder zu laden, den vorangegangenen Freunden gefolgt waren. So konnten sie wenigstens nicht in den kleinen Trupp hineinschießen, aber mit Säbeln und Lanzen fielen sie doch über sie her; was konnten auch die paar Menschen gegen ihren Schwarm ausrichten.
Bill erhielt den ersten Säbelhieb über den Kopf, aber der Bursch führte keinen zweiten, denn der Matrose, wenn auch verwundet, zerschmetterte mit seinem Büchsenlauf den Schädel des Unglücklichen. Jetzt aber war Bill's Zorn auch erwacht, und mit einem lästerlichen Fluch sprang er hinein in die Rotte, um sich bis zu dem eben erkannten General durchzuarbeiten.
Da tönte wildes Jubelgeschrei von der andern Seite herüber.
»Ho Bill! – ho Tom! lass' sie's haben. Drauf meine Jungen, hier kommt Hülfe! – Hurrah! Uncle Sam for ever!«
Die Neugranadienser stutzten, den frischen Feind gewahrend; aber eine noch dringendere Gefahr bedrohte sie von der andern Seite, denn die Einwohner von Buenaventura, wüthend über den frevelhaften Versuch, ihre Stadt in Brand zu stecken, und jetzt auch mit der Gewißheit, daß Mosquera doch den Platz besetzen würde, fielen plötzlich ebenfalls über sie her und vereinigten sich mit den Matrosen.
Die Straße herunter tönte wildes Geschrei, und schwarzer Rauch wälzte sich unheimlich drohend von den brennenden Gebäuden herüber, die Wuth der Männer noch zum Aeußersten anstachelnd. General Oran machte einen Versuch, sich durchzuhauen, und hätten er und die Seinen den ganzen Tag so gefochten, so wären sie wahrscheinlich Sieger geblieben. Jetzt kam der Muth der Verzweifelten zu spät. Mosquera's Truppen, keinen Widerstand mehr an den Schanzen findend, hatten die niederen Wälle übersprungen und stürmten jetzt von allen Seiten in die offene, unvertheidigte Stadt hinein.
Tom war vorgesprungen, wo er einen kleinen offenen Raum sah. Der General, der sich auf ein Pferd geworfen, wollte gerade an ihm vorüber, als der lange Matrose mit seiner Wallfischlanze zum Wurf ausholte. Der Offizier sah ihn und drückte seinen Revolver auf ihn ab – aber die Nässe hatte ihn unschädlich gemacht; zwei, drei Zündhütchen versagten, und im nächsten Moment sauste der haarscharfe Stahl gegen ihn vor und traf ihn in die Seite. – Unter ihm sprang das Pferd hinaus in's Freie, und die Godos, als sie ihren Führer fallen sahen, stoben in scheuer Flucht nach allen Seiten auseinander.