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Jockele und die Mädchen

Jockele und die Mädchen (continued 4)

Reading edition

So stellte er jede, die zu dem Kapitel ›Jockele und die Mädchen‹ gehörte, an diesem Nachmittag in dem kleinen Haus im Pflaumenwinkel auf. – Doris Rinkhaus kam zuletzt und weitab von den anderen. Er sagte außer ihrem Namen kein Wort von ihr; denn er wußte: er hätte Husch an das Geranienfenster Paulinens im Liszthaus setzen können, während er mit Minchen Herzlieb das Verbrüderungsfest feierte – Husch hätte ihn deshalb nicht scheel angesehen; aber sie geriet an die Qualen des höllischen Feuers, wenn das Bild der blonden Doris in die Zweieinsamkeit ihres Hauses trat, und sie gönnte ihren Augen nicht, daß sie eine Studie Jockeles betrachtete. Darum: als die Reihe an Doris Rinkhaus kam, entwischte Husch mit ihm in die ferne, ferne Zeit und leitete ihn zu klugen und besinnlichen Reden über die Mädchen des Frühlingshauses.

Dabei merkte er, daß Tante Veronika über alle hinwegschien – heller, als er den lieben Glanz empfunden hatte, wie er noch mitten darin stand. Und sie wurden lustig an dem Mädchen Mali, die es fertig gebracht hatte, mit ihrem Singen alles in ewigkeitstiefe Abgründe zu schlagen, was ihm an Klängen in sein jauchzendes Zigeunerherz hineingeboren war.

Doris Rinkhaus war er seit Tagen ganz aus den Händen gefallen. Er hatte sie nicht mehr gesehen seit jener Stunde, in der sie ihn fragte: »Wo haben Sie Ihre waldwüchsige Zigeunergesundheit hingebracht?«

Aber das war schon immer so gewesen. Sie drängte sich nicht in seine Angelegenheiten und war immer ganz unsichtbar, wenn er sein Herz auf Abenteuer schickte. Es war, als hätten sie drüben im Gartenhaus ein Barometer, das den Druck der Atmosphäre auf dies Herz mit verräterischer Genauigkeit anzeigte. Doris Rinkhaus schloß beide Augen, wenn sie merkte, daß er wieder einmal in eine blutjunge Geschichte hineinsegelte, aus der er sich doch alsbald rettete.

So behütete sie ihn, daß er vor ihr rot werden mußte. Auch den Faschingsritt hatte sie mit einem lachenden und einem trauernden Auge betrachtet – solche Dinge lagen ihr nun einmal nicht.

Im Sommer, wenn sie beide von der gleichen Stille der Baumwinkel eingesponnen wurden, hingen sie an den goldgeschmiedeten Lichtketten, die im Schattengarten umherlagen. Aber nun plätscherte ein langweiliger Februarregen in die Welt, und Maria Reh hatte aus der Stadt mitgebracht: Jakobus Sinsheimer wäre von der kleinen Person am Silberblick festgenommen worden.

Er selbst saß drüben in schöner Ahnungslosigkeit und dachte: es wäre fein, daß von dieser dreitägigen Haft nichts ruchbar geworden.

»Ich begreife Dich nicht,« sagte Maria Reh zu Do – »wie kannst Du darüber so vergnügt sein?«

»Du tust ja, als wärest Du mit ihm verheiratet!« lachte Do. »So hol' ihn herüber und laß ihn die Mädchen abschwören für alle Zeiten! Warum willst Du nun gerade diesen hübschen, langen Bengel zu einem Mönch machen? Na, und daß er nicht mehr in Dich versunken ist wie im Ibenheimer Waldmärchen – das sollte Dich doch nicht zur Beschließerin seines Herzens machen!«

Maria Reh kannte diese Reden. Sie waren die Vorläufer langer und schweigender Stunden, über die sie sich oft recht mühsam wieder zueinander fanden: »Du bist es dem Vertrauen der alten Dame schuldig, daß Du mal zu einem kleinen Familienrat reisest.«

Aber damit war sie gründlich abgefallen, und seitdem bekam sie verzweifelte Augen von diesem Liberalismus artigen Frauentums und knurrte sich in ein rebellisches Kopfschütteln über verrückte Erziehung hinein.

Einmal um diese Zeit griff sie sich Gwendolin und hatte eine lange, eindringliche Parkwanderung mit ihr. Der Regen war fort, ein kalter Nebel reifte durch die Bäume und strickte Netze aus Silber. Die Ilm rauchte, und die Baumläufer eilten geschäftig pochend über die alten Stämme und hatten ihre liebe Not, daß der Frühling unter dem weißen Glanze nicht wieder einschliefe.

Auf der Schunkelbrücke bei der Pappfabrik, als die Mädchen zur Belvederer Allee hinübersteuerten, wurde Gwendolin von ausgelassener Lustigkeit an Maria Rehs komischer Sorge – die Geschichte mit Minchen Herzlieb wäre ja nur eine kurze Novelle gewesen mit dem Titel ›Zwei glückliche Tage‹, und die Sache hätte mit dem Lustspiel eine verblüffende Aehnlichkeit: der erste Tag glücklich, weil er sie hatte, der zweite, weil er sie los wurde! Es wäre ein Lustspiel, das diese Sorte Mädchen in jedem Monat einmal als Heldinnen durchlebte!

Da geriet Maria Reh in harte Bedrängnis, rettete sich hinter Tante Veronika und tat, als wäre sie von ihr als Agentin der Sittenpolizei eingesetzt.

Aber Gwendolin ließ dafür ein verständnisloses und erschütterndes Lachen auf sie los.

Auf dem Heimweg ging Maria den Philosophenweg entlang durch die Kiefern nach dem Walle des alten Schießstandes und kämpfte dabei einen harten Kampf ums Recht. Weil sie erkannte, daß sie in dieser Gefahr für Jockele ganz allein sehende Augen behalten hätte und am Ausgange der Dinge triumphieren wollte, beschloß sie ein Tagebuch. Darin wollte sie sich alle Bitternis über den leichtsinnigen Verkehr Jockeles und die noch viel leichtsinnigere Beurteilung durch Doris Rinkhaus vom Herzen schreiben. Sie machte sich auch gleich einen Plan. Es sollte ausgiebig von Erziehung und Vererbung darin die Rede sein und von den Gefahren, die mütterliche Nachsicht über einen Menschen bringen könne. Und zuletzt – zuletzt würden die denkwürdigen Worte stehen: »Das war das Ende: es ist gekommen, wie ich vorausgesehen habe! Ein leuchtendes Talent ist zerbrochen am Zigeunertume des Herzens.«

So war Maria Reh durch eine närrische Rechthaberei viel zu früh auf den Distelrain der Altjüngferlichkeit gedrängt worden. Sie verfiel von Stund an in eine selbstquälerische Wachsamkeit. Und weil sie sich vor Doris Rinkhaus nicht verbergen konnte und doch vor Fragen verschont bleiben wollte, sagte sie ihr, was sie vorhätte. Aber sie stellte es so dar, als ob es sich um die Niederschrift von Erinnerungen aus dem Baumgarten handelte, die sie zur leidlich nutzbringenden Anwendung der langen Abende ersonnen habe.

So oft Doris Rinkhaus die emsige Feder über das Papier knirschen hörte, saß sie ohne die leiseste Anwandlung von Neugier über ihren Büchern. Sie dachte sich eine Darstellung der kleinen Ereignisse durch Maria Reh nicht sehr interessant; denn es fehlte der Scheinwerfer einer rotblütigen Lebensauffassung und rassiger Freude am Dasein.

Sie kamen darüber aber doch nicht selten ins Scherzen –

»Wo stehst Du jetzt?« fragte Do.

»Immer noch beim Sommer in Ibenheim!«

»Du bist ausführlich, Maria! Vergiß die Geschichte mit dem Druckknopf nicht – sie ist lehrreich.«

»Wie meinst Du das?«

»Nun, wenn Du mal Großtante geworden bist, so läßt sich dann durch Deinen verblühten Mund eine weise Nutzanwendung machen, etwa mit der Ueberschrift ›von der Niedertracht der leblosen Dinge‹.«

Aber sie war noch gar nicht bei dem Sommer in Ibenheim – die Zigeunergeschichte und das romantische Sterben von Jockeles Mutter, die Gartenhütte mit der aufgehängten Weltkugel, das Zinzilein, das gemalte Schmetterlingsbuch, Tante Veronika – – sie schätzte den Umfang auf drei dicke Bände. Und es war mühevoll, sich in die Seele eines Jungen hineinzudenken. Ueber die erste Schwärmerei, in der sie selbst doch mittendrein gestanden hatte, schrieb sie sich ein lästerliches Kopfweh. –

Nach dem Fasching, als Jockele dachte, er stünde längst wieder in schöner Sicherheit auf sich selbst, war er in erhöhtem Grade der Gegenstand des Interesses aller Malmädchen geworden. Es war, als hätten sie ihn über dem heimlichen Gelöbnis belauscht, das er sich auf einsamer Wanderung durch die märzlichen Felder gegeben: auf Dreitagemädchen sein Herz nicht mehr hinfliegen zu lassen.

Das kam daher, daß Jockele die wahre Größe seines Ruhms nicht ahnte – – Spitzenreiter! Es war kein Mädchen in Weimar, das nicht mindestens eine Handvoll verliebter Konfetti oder zwei Augen voll Wohlgefallen über ihn gewirbelt hatte! Dazu Husch, das hysterische Modell. Es ging die Sage, der Arme Heinrich sei dem Jockele auf dem Hainturm eingefallen, und zur selbigen Stunde hätte die Husch im Gartenhaus am Horn schon einen verzückten Leidrausch bekommen …

Die Phantasie ist das letzte Wunder, das der liebe Gott den Menschen gelassen hat, damit sie nicht voll Mißvergnügen an seiner Schöpfung werden. Wo sie ahnen, weil sie nicht wissen können, geben sie sich damit eine Zaubervorstellung.

Auch waren auf dem Wege durch die Menschen aus den dreihundert Mark für den Armen Heinrich dreitausend geworden. »Dreihundert, dreihundert!« riefen die Besonnenen, aber sie erschauerten dennoch bis ins Herz hinein vor dem großen Lichte, das an dem Künstlerhimmel im Aufgehen war.

Während sich die anderen noch schülermäßig in der Aktklasse mühten, warf er in der Einsamkeit seines Gartenhauses einen unerhörten Glanz in sein Modell und tat Wunder. Er hatte Minchen Herzlieb an der Straße stehen gelassen wie ein Gänseblümchen – aber was wollte dies alles besagen gegen das siebenfache Mirakel: die schöne, klare Doris Rinkhaus liebte ihn! Die Millionenerbin den Zigeunerjungen! Und sein wildes, geniales, strahlendes Wesen stürmte über sie hinweg und sah sie nicht! – So redeten die Leute in Weimar von ihm, und was zwischen diese leuchtenden Fäden hineingesponnen wurde, war nicht minder bunt und unterhaltsam. Und alles fand seine Bestätigung darin, daß just in dieser wundertätigen Zeit Jockele weniger denn je unter die Menschen ging. Er schwebte im Baumwinkel auf der Leiter und steckte bis über die Ohren im Tartarus. Wer neugierig war und auf dem hohen Wall des alten Schießstandes dahinwandelte, konnte ihn sehen.

Einmal kam Maria Reh aus der Akademie, warf die Lippen und erzählte Do: die Leute wüßten, daß sie an einer himmlischen Liebe zu Jo litte, die sich aber gar sehr nach Erde sehne …

Maria Reh spazierte also emsig vorwärts auf dem Distelraine, nahm zu an ofenhafter Ausdehnung und hatte sich schon in eine rechtschaffene Verbitterung hineingeschrieben.

»Eigentlich müßtest Du vor Vergnügen über diesen Klatsch wieder das springseilhüpfende Jungsein kriegen,« lachte Do, und sie lachte so lange, bis sie auch Maria Reh von der angenommenen Entrüstung geholfen hatte. –

Weimar hing nun ganz von Maienseligkeit – jawohl, auch der Frühling ist in Weimar voll inbrünstigerem Glück als anderswo; denn es rauschen die hellen Ewigkeiten darin um die klingenden Tore der Stadt.

Jockele wurde von Grün und Blühen in seliger Vergessenheit gefangen. Die Blüten fielen, und die große Gruppe aus dem Tartarus ward fertig.

Do, die oft einmal in den Baumwinkel gekommen war, wurde immer schweigsamer, und auch Maria Reh war nur mäßig beglückt.

»Er hat sich da an eine Sache gewagt, die noch über seine Kraft geht,« sagte sie eines Tages zu Doris Rinkhaus.

»Das wird ihm noch oft passieren,« sagte Do. Es klang hart und mitleidlos; und gleich darauf kam Jo selber und setzte sich zu den Mädchen an den Gartentisch. Er war versonnen und ließ seine Augen über die hohen Kastanienwipfel gehen – er hatte sich den Tag, an dem er die letzten Farbentupfen in das Bild setzte, anders gedacht. Maria Reh hatte sich fertig gemacht zu einem Ausgang –

»Kommen Sie mit – wir wollen Jakobus Sinsheimer suchen!« lachte sie.

Da lehnten sie die ›Gruppe aus dem Tartarus‹ gegen die Hauswand und gingen zu dritt in die Felder und redeten immerfort von dem Bilde. Do sagte:

»Es ist äußerlich geblieben im Empfinden. Sie sind über das hysterische Mädchen dazu gekommen; aber Ihre gesunde Art hat sich zuletzt nicht unterkriegen lassen – das ist es!«

Genau so hatte Do über den Armen Heinrich geurteilt, der ihm seinen ersten Ruhm eingetragen. Aber nun stand er doch mit gebrochenen Flügeln vor Do, und Marias scheue Zugeknöpftheit quälte ihn. Langsam fing er wieder an zu leuchten, und abends brachten sie ihn frohmütiger und mit neuen Plänen heim: er wollte die Tiefen und Schründe übermalen, die Figuren mit strahlendem Himmel umhängen und sie auf die Spitze eines Berges stellen, der im letzten Scheine des Abends lag. Dann sollte das Bild ›Schmerz‹ heißen.

Do hatte ihre Einwände; aber er ließ sie nicht an sich kommen, und die nächsten Tage fanden ihn wieder im Baumwinkel. Er legte Himmel über die Felsen; die Figuren blieben in ihrer Stellung, aber er verlieh den Gesichtern die stille Erhabenheit des Leides, das in die Nachbarschaft Gottes führt. Aus treibenden Wolken stieg ein umglühter Bergkegel hervor, wo zuerst die Abgründe des Tartarus gegähnt hatten.

Aber das selige Leuchten, das er in seinen Träumen gehabt, verlor sich dennoch über allem und ward Finsternis.

Als er am vierten Abende mit Do und Maria vor dem Bilde stand, die in diesen Tagen nicht gekommen waren, weil er sie darum gebeten hatte, legte sich ein schweres Schweigen auf ihn und die Mädchen. Das zerriß er mit einem gellen Auflachen; dann rannte er in den Schuppen und stürzte mit einem hocherhobenen Grabscheit heraus und schlug blindwütig auf die Leinwand ein, bis sie in bunten Fetzen herumlag, und der Rahmen krachend zusammensank.

Husch hörte im Hause das wilde Schlagen und Knattern des Holzes.

Sie stürzte heraus und warf sich über die Trümmer und achtete des niedersausenden Spatens nicht.

Darüber kam er zu sich, und er sah sie vor dem Haufen Fetzen knien, wie sie Doris Rinkhaus anstarrte.

Da schleuderte er das Grabscheit fort und lief in das Haus.

Husch aber schritt auf Do zu, die vor Maria stand, und streckte ihre Arme aus und war anzusehen, als käme sie aus dem Grabe.

»Sie sind es gewesen!« schrie sie Do ins Gesicht – »Sie haben ihn so von sich gebracht! Nun ist er wahnsinnig geworden.«

»Nein – Sie sind es gewesen!« sagte Do, und ihre Stimme zitterte zum ersten Male. Sie wandte sich ab und wollte zu Jakobus gehen und mit ihm reden. Aber Husch kam ihr zuvor und warf sich mit heiserem Schrei auf die Schwelle.

Da trat Jakobus heraus und gebot ihr, stille zu sein, und trug sie auf seinen Armen hinein. Er hatte Do und Maria einen Wink gegeben, daß sie in ihr Haus gehen sollten, er wollte später hinüberkommen.

Wie er Husch zu Bette gelegt hatte, schlug ein grimmiges Lachen aus ihm – zwanzigmal hatte er sie nun so auf sein Lager geschleppt und war voll Erbarmen mit ihr gewesen … nun dachte er, er hätte sich von ihrer krankhaften Art niedertreten lassen und hätte diese Wochen jauchzenden Mühens verloren wegen ihr. Und hätte sich selbst verloren.

Da warf er den Malkittel ab und ging hinüber in das Gartenhaus. Er hatte sich wieder fest in den Händen. Maria Reh war in das Nebenzimmer geflohen, als sie ihn kommen hörte.

»Es ist gut,« sagte er, »ich bin froh, daß ich so rasch gewesen bin!«

»Ich auch!« sagte Do. »Es war eine wilde Geschichte, aber es war ein kurzes Leid. Sie müssen nun zusehen, daß Sie die ›Gruppe aus dem Tartarus‹ auch in Ihrem Kopfe zerschlagen können! Reisen Sie mit mir nach Ibenheim – mit mir ganz allein?«

»Wann?«

»Morgen?«

»Heut abend wäre es noch besser.«

»So reisen wir heute abend. Wie steht es mit Husch?«

»Sie schläft,« sagte Jo. »Aber diesmal ist es zu Ende zwischen mir und ihr! Wo ist Fräulein Reh?«

Da rief Do Maria herein –

»Bitte, gehen Sie zu Husch's Mutter,« sagte er, »und bringen Sie ihr diese fünfzig Mark. Ich kann das Mädchen nicht mehr um mich haben – ich kann nicht! Sie wissen, was Sie der Frau sagen werden. Und wenn Sie mehr Geld braucht, so soll sie später zu mir kommen, ich will ihr geben, was mir möglich ist; denn Husch ist leidender geworden durch mich, viel leidender. Ich hätte sie mehr schonen sollen.«

»Noch mehr?« fragte Do. »Sie hätten sie nach dem Armen Heinrich abschaffen müssen.«

In Maria Reh aber ging eine ungeheure Fülle von Lichtern an – es waren ihrer so viele, daß sie geblendet dazwischen umhertappte.

Zuerst wollte sie erkennen, daß Do nun doch an der himmlischen Liebe litte, die sie als einfältige Dichtung der Menschen belacht hatte. War Do in gut gespielter Gefrorenheit all die Zeit her nur zur Seite gestanden voll Erwartung, daß die Stunde ja kommen müßte, in der ihr diese ringende Jugend in die Hände fiel? Hatte man sie mit der Sendung zu Husch's Mutter betraut, damit die beiden schon bei den Vorbereitungen zur Reise unbeobachtet wären?

Es schoß Licht in rasenden Pfeilen um sie her und wurde doch nur langsam Tag.

Aber zuletzt ärgerte sie sich über ihr verwinkeltes Herz und begriff die Stunde als einen Sieg ihrer längst gehegten Ueberzeugungen.

Jockele ging hinüber, um sich zu der schnellen Abfahrt zu bereiten. Er traf Husch in den Tiefen ihres krankhaften Schlafes. Und als er so alle Dinge zusammenwarf, die er mitnehmen wollte, ward ihm doch bange vor der Zeit, in der ihre ordnenden Hände und ihre sorgende Stille nicht mehr um ihn wären. Einmal hatte sie gesagt, sie würde sich in den Tod hinüberschlafen, wenn er sie fortschickte …

Daran dachte er nun und sah immer einmal zu der Türe nach dem Kämmerchen; denn es war ihm, als müßte sie mit entgeisterten Augen und halb erstarrten Gliedern hereintreten und ihn fragen: »Was willst Du mit mir und Dir beginnen?«

Aber sie kam nicht, und er ging zu Maria Reh und sagte ihr, ob es nicht besser wäre, man ließe sie noch ein paar Tage kommen. Dann würde sie fragen, wo er hingegangen sei und was überhaupt geschehen wäre, und Maria Reh sollte in Ruhe mit ihr reden. Da wehrten die Mädchen beide ab und wunderten sich über die Macht, die dies krankhafte Wesen bis zuletzt über seine Kraft und Jugend behalten hatte.

Gegen Abend reisten sie ab.

Maria Reh schickte nach einem Arzte und besprach das ganze wunderliche Erleben mit ihm.

Zweimal hatte der Frühling um Ibenheim am Walde geblüht und hatte Jakobus vergeblich gesucht.

Nun stürzte der dem grünen Bergsommer mit ausgebreiteten Armen ans Herz.

Was war das für ein überschäumendes Jauchzen! Und was war das für ein Finden der alten Steige und durchsonnten Waldwinkel, die alle auf ihn gewartet hatten! Die Erde erschauerte, wo sein Fuß über sie schritt, und die blaue Seide der Lüfte flatterte, wenn sie an seine Stirne streifte. Der Sandbruch, um dessen Säume der Wind und die Herbstblätter gelaufen waren, und die gelben Wände, über die Regen und Sonne gegangen, aber kein Menschenfuß – das alles lag da als eine schlummernde Welt von Wundern. Und was die jubilierende, sinnende, träumende Jungenseele in Jahren hineingedichtet hatte, wurde wach und wandelte, wie es den Klang seiner Stimme hörte.

O Menschen, die Ihr in den Steinbrüchen der Städte jung gewesen seid, was ahnt Ihr von den atmenden Geheimnissen der Erde! Was wißt Ihr vom Glück! Und was wißt Ihr vom Himmel!

Und dann schlug die Gartenhütte ihre Augen auf. Da pendelte noch die geschwärzte Weltkugel, die einmal ein Behälter für Schokoladenpfennige gewesen war, und geriet in ein stürmische Schwingen. Da hingen die Kästen mit den Schmetterlingen, da war … es war alles da, was ein wundertätiges Jungenherz in Verstand und Unverstand als nötig zur Seligkeit erkannt hatte. Auch die Trümmer der Flugmaschine. Davor wurde Jockele besinnlich und sagte: »Die Trümmer eines Flugzeugs liegen auch in dem kleinen Haus am Horn – aber sie liegen wohl in allen Häusern!«

Ob Tante Veronika mit der schönen, blonden Doris Rinkhaus jemals oder gar schon an jenem Tag ihres ersten Zusammentreffens im Baumgarten am Horn einen Zweibund geschlossen – aus dem Gefühl einer Interessengemeinschaft an Jockele – ist nicht bekannt geworden. Es ist aber nicht anzunehmen; denn das Vertrauen der alten Dame zu ihrem Pflegesohne war unbegrenzt von Anbeginn und wollte so bleiben bis zu dem Augenblick, in dem es für Jockele ein so gleichgültiges Ding geworden wäre, daß er es zerbrach und ihr vor die Füße warf. Sie war mit klingendem Spiel in das Herz, in das tapfere, eigenwillige Herz Dos eingezogen, als sie in der Kriegszeit zu ihr sagte:

»Ich habe die Erziehung meines Jungen auf dies unbegrenzte Vertrauen gestellt, weil ich meine, es ist keine Grundlage sicherer, Eltern und Kinder in alles überwindender Zuneigung aneinanderzufesseln; denn die Bande des Bluts vermögen das nicht.«

Dies Wort war zu einer Offenbarung für Doris Rinkhaus geworden: man hatte in dem reichen Haus am Rhein über sie Beschlüsse gefaßt, für die sie mit List oder elterlicher Gewalt gewonnen werden sollte. Und sie war aufwieglerisch geworden. Die Bande des Bluts waren nicht zerrissen, aber die des Vertrauens wollte sie sich erkämpfen; darüber hatte sie das elterliche Haus verlassen, eine längst Mündige. Und sie wollte heimkehren, wenn ihr die Mündigkeit auch von Rechts und Gesetzes wegen zugesprochen sein würde. –

In ihrem Verhalten zu Jakobus war mancherlei Wandel eingetreten. Zuerst hatte sie ihn gesehen mit den Augen Maria Rehs: als den dunklen, blauäugigen Jungen, mit dem das Schicksal von der Schwelle des Lebens ab ein leuchtendes Spiel getrieben, und der aus seiner umblühten Waldjugend rein und schön und schwärmerisch vor das süßeste Geheimnis des Lebens geraten war. Er fragte nicht vorwitzig nach Dingen, die ihm nicht geziemten, sondern ließ die Sonne geahnter Wunder heimlich in sein Herz fallen, wie der Frühling fällt in das Herz des Waldes. Und erschauerte in Ahnung harrender Herrlichkeiten.

Danach tat er ihr selbst die Türen auf, und sie erkannte die Fülle und Leere der jungen Jahre in ihm. Das Haus am Walde ward offen für sie – von Stund an wußte Do, daß Maria Reh die Kunst der feinen Hände, die die Uhr seines Lebens geregelt, nicht erkannt hatte.

Tante Veronika meinte dies helle Jungenleben ganz anders als Maria Reh; denn Maria Reh war mit fünfundzwanzig Jahren eine Distelbauerin, Tante Veronika aber hielt mit fünfundsechzig das Uhrwerk ihrer kleinen Welt unter einer Glocke aus Himmel und sorgte, daß kein Staub in das blanke Getriebe fiel. Dabei war sie aber immer lächelnd bereit, es auch einmal putzen zu müssen.

Wenn Do darüber nachdachte, was sie an Himmel und Erde zumeist bewunderte, so stand die freundliche Greisin mit den Scheiteln aus Silber ganz vorn. Und wenn sie sie fragte, wen sie unter allen Menschen zumeist liebe, so schritt Tante Veronika mit dem sanft wiegenden Spitzenumhang und dem Kapotthütchen mit den violetten Bändern, dem gelben Krückstock und dem ganzen sauberen Drum und Dran unter den Kastanien des durchsonnten Baumgartens daher und sagte: »Ist dies wohl das kleine Haus, in dem der Kunstschüler Jakobus Sinsheimer wohnt?«

Do ließ Fräulein Veronika an jenem Sommertage auf diese Frage hin auch gleich in ihr Herz spazieren; denn der Jakobus Sinsheimer hatte ja auch dort sein Kämmerchen gemietet.

Wie dann Gwendolin mit den dürstenden Sinnen über Jockele kam, ward ihm nicht gekündigt … aber es hockte sich doch eine frauenhafte, wachsame Eifersucht vor alle Türen dieses Herzens und hatte den Finger immerfort auf dem Schellenknopf.

Darüber ärgerte sich Doris Rinkhaus, sandte Jockele eine Kriegserklärung und führte einen Kampf mit sich selber. Und weil sie auch in ihren Schlummer läuten hörte, reiste sie vor die bunten Tore des Bergwalds und wurde an Tante Veronika zu einer lächelnden Königin über sich selbst.

Maria Reh fuhr gleich das schwere Geschütz der Sittlichkeit auf, als Jockele in Huschs Nebelnetze fiel. Doris Rinkhaus ließ sich von ihr die ›leichtsinnige Lebensauffassung‹ vorwerfen und sagte: »Husch ist ein Irrtum, aber sie ist nur eine Gefahr für den Maler und nicht für den Menschen.« Und dann fand sie das leuchtende Wort, das für Maria Reh zu einem Stachel wurde: »Möchtest Du etwa die sein, an der er seine Jungmännlichkeit schleift?«

Maria Reh fand sich nicht in die Fernen des anderen Geschlechts, die so nahe sind, daß sie sich mit den Händen greifen lassen, aber ihre Rätsel doch nicht enthüllen; sie sticken den Himmel der Nächte mit Sternen und müssen ihn schön und ahnungsvoll erhalten in Ewigkeit.

Am zweiten Tage gingen Do und Jo miteinander auf den Steigen der Jugend. Da sagte Do zu ihm: »Sie müssen Tante Veronika verraten, daß Sie die ›Gruppe aus dem Tartarus‹ zu einer Art ›Berg der Seligkeiten‹ gemacht haben, und daß Sie dann einen Glauben bekamen, der auch diesen Berg zu versetzen vermochte.«

»Ja. Aber es ist grausam,« sagte er. »Ich habe ihr rauschende Briefe geschrieben und habe ihr gesagt, der ›Arme Heinrich‹ wäre nur ein sanftes, sentimentale Lied auf zwei Saiten; die ›Gruppe aus dem Tartarus‹ dagegen würde eine wilde Sinfonie des Schmerzes auf neuen, unerhörten Instrumenten sein.«

»Sie haben da kaum ein Wort zu viel gesagt,« scherzte Do, »denn sogar ein Grabscheit hat mitgespielt.«

»Mir ist heute, als würde ich nie wieder einen Pinsel anfassen! Wäre es nicht am besten gewesen, wenn ich auch die Farbentruhe mit zertrümmert hätte?«

Da horchte Do auf in den Tiefen ihres Herzens; denn in diesen geheimen Kammern lagen heiße und freudige Wünsche, vor denen sie selbst erschrak, wenn sie merkte, daß sie anfingen, sie zu bedrängen.

Damals, als sie ihn am Ufer der Ilm in Tiefurt fragte: »Was wissen Sie von Goethe?« damals hätte sie diese Pläne jubelnd und stürmisch vor ihm ausgebreitet.

Nun schritt einer neben ihr, vor dem sich ihr erblühtes Frauentum noch immer nicht zu wehren brauchte – diese ungeschlossene Kraft reichte nicht an sie heran – und vor dem es sich nicht beugen konnte … aber es schritten da ein Wille und eine Art, die das andere Geschlecht hatten, und die sie sich nicht zusammenzupacken getraute wie die des langen Jungen, der ihr vor Jahr und Tag aus dem Bergwald heraus in die Arme gelaufen war.

Wenn Maria Reh die letzten Worte Jockeles gehört hätte, wäre sie kampfwütig gegen Do geworden; denn es war ihr Stolz, daß sie dies Talent im Walde gefunden hatte, und so oft sie davon sprach, fing sie an, mit Rührung Goethe zu zitieren: von jenem Blümlein, das sie mit allen Wurzeln ausgegraben und in den Garten beim kleinen Haus gepflanzt habe. – Daß zuletzt doch der weiße Tod seine Hand im Spiele hatte und den Jungen jählings hinauswarf in die Welt, konnte sie nicht ganz in Abrede stellen, aber sie ließ sich ihren Entdeckerruhm darüber nicht schmälern.

Das gelang ihr um so leichter, als Jockele zwar seinen künstlerischen Eigensinn und seine technischen Unbeholfenheiten hatte – wer aber wollte die Keckheit besitzen und ihm sagen, daß er einer der vielzuvielen wäre, die einem Irrlicht ihres Herzens nachstürmten, das sie für die Fackel des Genius hielten? –

Nun, da das erste Wort von Jakobus selbst gesprochen worden, nun ward Do auf einmal bange, einem Quell nachzugraben, der am ersten heißen Tage wieder versiechen konnte.

Sie erschrak und sagte: »Bilden Sie sich denn ein, die Sterne lassen sich so vom Himmel holen, ohne daß Sie sich auf dem Wege über die blauem Berge einmal die Knie zerschürften? Oder wie haben Sie sich dies Pflücken der fernen Lichter gedacht?«

Er sagte: »Gedacht! Was denkt sich ein Junge unter dem Kampf um Glück und Ruhm eines Künstlers? Was denken sich die Menschen dabei? Und was selbst der Künstler? Man weiß, daß es ein Kampf war, wenn er Sieg wurde, und dann sagt man: dieser Kampf war Glück! Aber wenn er nie zum Siege führt, dann heißt er Künstlerelend, und sein Symbol ist der Schmachtriemen. – Ich bin nicht Narr genug gewesen, in diesem ersten fröhlichen Anlaufe rechts und links neben die Straße zu schauen; denn das sag' ich Ihnen: hätt' ich mich darüber ertappt – ich hätte mich dieser guten, sorglichen Mutter nicht einen Tag lang verborgen! Es hätte sich dann wohl auch ein anderer Weg gefunden; denn unter den Drängen meiner Thüringerwaldjahre stand der zur Malerei doch erst an zweiter Stelle, und vor Maria Reh kannte ich Tante Veronika und ihre Bücherei, kannte ich das Zinzilein und den Herrn Matthias Prinz und mich selber.«

Do kam ins Wundern – »Davon haben Sie mir nie ein Wort gesagt.«

»Ich hatte es wohl selbst vergessen,« sagte Jockele. »Was hat man überhaupt mit siebzehn Jahren für Augen! Aber nun, da ich mit dem Grabscheit auf mich losgehauen habe …,« er blieb stehen und sah ihr lange und tief ins Herz … »warum haben mir Zorn und Zufall ein Ding in die Hände gespielt, mit dem man in die Erde wühlt, was tot ist? … Kommen Sie,« rief er und faßte sie an der Hand, »wir wollen jenen glückseligen grünen Waldjahren ein Opfer bringen – wir wollen pflanzenhaft und erdenselig sein, wie ich es damals gewesen bin mit Maria Reh!«

Da liefen sie in kindhafter Fröhlichkeit über den Waldgrund, der ganz warm war von dem Lichte, das den junglaubigen Bäumen aus den Händen fiel, und sie warfen sich an einen Mooshang. Der war mit einem dünnen Schattennetze überstrickt; die hohen Stauden des Fingerhutes standen umher und hauchten aus den ersten offenen Blüten süßes Gift.

Do hatte diesen roten Zauber im Walde nie zuvor gesehen. Hinter ihnen reckte sich ein schlanker Buchenbestand mit glänzenden Stämmen, der hatte ein goldenes Dach. Vor ihnen trällerte ein fußbreites Bergwasser an einer Kiefernschonung dahin, und der frühe Sommer hatte ihm die Ränder zu bunten Wundern gesäumt.

Jockele stapfte in dem blühenden Glück der Heimaterde herum und brach einen Armvoll davon. Dann setzte er sich neben Do in das gebrochene Licht und suchte aus seinem Herzen hervor, was er dort in der ersten heißen Freude an der Welt zusammengetragen hatte. Da merkte er, daß die ganze Naturwissenschaft noch in feierlichster Ordnung war – selbst das Linnésche System; aber er warf in seiner Freude tiefe und schöne Gedanken über das trockene Rüstzeug der anderen Jahre. Da wurde ein lustiger Tempel aus lebendigen Blumen daraus. Er blätterte weiter in dem Buche des Glücks, das nun längst ganz oben auf dem Regale seiner Erinnerungen gestanden hatte – »Erde, heilige Erde!« rief er und drückte seine Lippen hin ins Moos. Und »Erde, heilige Erde!« rief er und schüttete alle Blüten über Do aus …

»Wann war das doch, wissen Sie – wie ich mit dem Grabscheit den Berg der Seligkeiten zerschlug?«

»Das ist schon sehr lange her,« sagte sie. –

Aber nun ging es doch wunderlich mit Doris Rinkhaus.

Wenn ihr jemand das Wort Schicksal zuwarf, so fing sie es mit hellem Lachen und spielte damit als mit einem goldenen Balle; dann ließ sie es fallen und sagte: »Ach was! Es gibt kein Schicksal!«

Wer das aus ihrem Munde hörte, stellte sich ihr entgegen und dachte: »Wie kann ein so kluges, klares Mädchen solch eine Lächerlichkeit reden!«

»Ich habe noch nie ein Schicksal gehabt,« sagte sie dann; »denn ich habe mein Leben immer nach meinem Willen gelenkt. Es waren Irrtümer da, und es lag Gelingen und Freude daneben – aber Schicksal? Nein und tausendmal nein! Wenn man wach ist, und wenn man stark ist, gibt es kein Schicksal. Aber jeder Tag wird dazu, der mit Händen voll Gaben an Dich herantritt, und Du fragst ihn nicht: was will das werden?«

Allein – es kommen Stunden mit geschlossenen Händen und ahnungsreichen Augen. Die sehen aus wie Sommerhimmel oder wie eine Nacht voll Sterne. Und der Mensch fällt diesen Stunden in die Arme und läßt sich tragen in Seligkeit und absetzen an einer Wegstelle – dünke sie ihn nun ein Paradies oder eine Wüste. Die Menschen sagen dann: »Ich bin an diese Stelle verschlagen worden – es ist das Schicksal.« Do sagte: »Das ist ein Irrtum; denn Ihr habt nichts getan, was Euch vor diesem Verschlagen behütet hätte. Ihr schlieft, oder Ihr ließet Euch tragen mit geschlossenen Augen, weil Ihr Euch einer frohen Hoffnung hingabt. Wo sind die Tage, die man nicht anders hätte leben können, wenn man gewollt hätte?«

Sie hatte einmal im Kampf um ihre Ueberzeugung gegen einen Jenenser Universitätsprofessor gestanden, der dem jungen Viktor von Scheffel sehr ähnlich war, und den sie gut leiden mochte. Zu ihm sagte sie: »Das Schicksal eines Menschen wächst im Quadrate der Abnahme seines Willens.« Und weil dieser Herr jung und Jurist war, debattierte er mit lachender Losgelassenheit auf sie hin. Er sagte: »Ich sollte Offizier werden und trat in die Armee und hatte blöde Augen. Da mußte ich aus einer gesicherten Ueberlieferung meines Geschlechts heraus zur Wissenschaft. Schicksal! Nicht ich, nicht mein Wille – meine Augen waren daran schuld, daß ich den Krieg gegen Rußland und Frankreich nicht als Kommandeur des dreizehnten Armeekorps mitmachte.«

Es war eine Stunde gewaltiger Heiterkeit für Do; denn der gescheiterte General bewies ihr ihr Recht – »Sie haben sich einer bunten Hoffnung an die Schürze gehängt«, lachte sie, »und haben Ihre Tauglichkeit zum Offizier schlecht erwogen – das nennen Sie nun Schicksal! Aber ich will Ihnen helfen; Sie hätten sich das wirklich leichter machen können: ein Granatsplitter, der die Tücke des Feindes zertrümmern sollte, zertrümmerte den Himmel Ihres Auges – das kann Schicksal sein. Es muß nicht; denn nicht alles, das nicht in Ihrem Willen liegt, darf in diesen Kasten gebracht werden.«

Auch brünstig atmender Waldgrund, berauschend küssende Sonne, jubilierende Blumen und trällernde Bäche, und was alles über eine himmelgesegnete Hochwaldstunde hinwegblüht als Ahnung, Wunsch und Sinnenseligkeit, kann Schicksal werden.

Es lauert an allen Ecken und wird nicht erkannt. Es vermag sich im Raum einer Stunde zehntausendmal zu verwandeln.

Jo lief wieder auf eine Entdeckungsreise.

Doris Rinkhaus versank in das warme Moos und flatterte ihren Wünschen nach. Sie dachte: »Soll ich mit dem Schicksal ein bißchen Verstecken spielen?«

Ihr Herz hatte auf einmal ganz wunderliche Meinungen und Anschläge und redete mit ihr: »Die Gwendolin hat er geküßt, und die Husch hat er geküßt – was ist das für ein bleiches nebelhaftes Wesen! Wegen Minchen Herzlieb ist er sogar in ein fremdes Haus gedrungen, und mit der behäbigen Maria Reh hat er seine rosenrote Himmelfahrt gehabt. Am Rhein sind die jungen Studenten in Schwärmen um mich geflogen – weil sie wußten, daß ich reich bin? Die Gwendolin hat einen Mund wie Feldmohn und hat lodernde Sinne … Minchen Herzlieb hat tirilierende Augen und hat die Seidenbluse und das Röckchen voll Frühling … Husch – na, Husch hat vielleicht die Seele einer Lilie, die sich als singende Sehnsucht über das närrische Herz eines Mannes tastet … und Maria Reh lag als das Rätsel Weib in betörender Sonne und in den lustigen Halmen des Wachtelweizens – vielleicht hat sie auch ein bißchen gelockt: ›Junge, lieber Junge, komm und rat' mich!‹«

So hatte Do ihre Gedanken in das Blühen und Singen des Frühsommermorgens hineingelassen und sah ihnen nach – »Vor mich aber hat er noch nicht einmal seine Augen hingestellt, damit sie sagten: Do, Du bist auch hübsch, und Du gefällst mir doch eigentlich sehr.« … Die Mädchen prickelten um seine vollen Sinne wie Sekt in einem neugefüllten Glase. »Warum prickelt er nicht um mich? Und wenn er gar einmal schäumte wie vor Gwendolin – man würde sich ja wohl helfen können … Und wenn nicht? – Na …«

Sie legte sich lang ins Moos und fühlte die warmen Hände der Sonne über ihre schlanken Glieder streichen. Es war süß und wohltätig. Sie bedeckte ihr Gesicht mit dem Sommerhute, der einen Kranz von kleinen, bunten, sehr lustigen Blumen hatte, aber gar nicht lärmend war, und schloß die Augen.

So hörte sie Jakobus zurückkommen und ganz leise gehen.

Er setzte sich neben sie, und sie wußte genau, daß er nicht dachte, sie wäre eingeschlafen. Warum ließ er sie so ruhig weiterspinnen an dem langen Faden ihrer Erwartung – warum prickelte er nicht?

Die Augen unter dem Hute taten sich auf, und sie hatte sich über eine lange, schöne Strecke Lebens hingedacht – – Jakobus war da immer neben ihr gewesen und lächelte zurück auf die ferne Zeit seines jugendlichen Irrtums, in der er auf der Leiter geschwebt und die ›Gruppe aus dem Tartarus‹ gemalt hatte; denn danach hatte er in Jena die Naturwissenschaften studiert und hatte sich durch ein keckes gelehrtes Kunststück den Dr. phil. erworben.

Nun war ihr, als müßte sie ihm den wachen Traum erzählen. Sollte sie ein bißchen Schicksal spielen, das in Gestalt eines Traumes durch ihren Schlummer gezogen sei? Konnte sie nicht wirklich eingeschlafen sein unter dem trauten Schirme des Hutes und unter den Zärtlichkeiten der Sonne?

Aber das war ein plumpes Wagnis; denn lustig und schön war der Traum doch nur deswegen, weil er sie so heiß, heiß lieb hatte und weil sie geholfen, ihm den Weg zu bahnen zur Hochschule und darüber hinaus.

Doris Rinkhaus war keine von denen, die einem schimmernden Wunsche nachlaufen und mitten im Jauchzen den Boden unter den Füßen verlieren und um Hilfe rufen. Wenn sie sich jetzt aufrichtete und ihm den Traum erzählte – mochte er nun im Wachen oder im Schlummer zu ihr gekommen sein – dann geschah es ihr wohl, daß sie in ein Paar sehr blaue, sehr schöne und sehr wehmütige Augen sah, und daß Jockele die Achseln zog und sagte: »Der Gedanke ist hell wie ein Märztag und wie Doris Rinkhaus selber. Aber wenn ich den Willen hätte und die Kraft, nachzuholen, was ich zu diesem Ziele brauche – wo wäre das Geld?« Dann könnte sie lächeln und sagen: »Na, Sie guter, ahnungsloser Junge, reden Sie doch keine Dummheiten! Wenn ich Sie auf den Weg gesetzt habe, werde ich natürlich auch für das bißchen Geld sorgen …«

Es fiel nun wirklich eine tiefe Finsternis um sie, in der auch die klaren Sonnenbrünnlein, die durch das Flechtwerk des Hutes sickerten, ganz versiegt waren. Alles heimliche Glück war fort. Sie dachte den Traum zu Ende – aber nach dem Worte Geld erschütterte sie ein Herzbeben. Sie preßte den Hut fest auf ihr Gesicht und dachte: »Dann würde er vielleicht seine jubelnden Arme um mich werfen, oder er würde die wilde Art kriegen, in der er mit dem Grabscheit auf sich losschlug, und würde sagen: ›Wissen Sie, daß Sie sich damit den Jakobus Sinsheimer kaufen?‹« Seine jubelnden Arme oder dies kecke Wort – beides war in diesem Falle gleich gräßlich. Dieser letzte Gedanke schlug wild und häßlich durch sie hindurch. Sie richtete sich mit einem wilden Ruck empor –

»Was haben Sie da wieder zusammengetragen? Und warum rufen Sie mich nicht?«

»Haben Sie denn nicht geschlafen?« fragte er erstaunt.

»Ach, Unsinn,« sagte sie.

»Warum machen Sie solch ein verlorenes Gesicht?«

»Ich hatte mich in einen Gedanken verfitzt. Er war dumm und kindisch.«

Es lag nichts gefestigter in dem Wesen Dos als der Wille, sich das königliche Recht der Selbstbestimmung in allen Stücken zu wahren, zumeist in den Angelegenheiten des Herzens. Der Gedanke, daß sie sich verschachern könnte, hetzte ein ganzes Heer von Gespenstern auf sie.

Und es lag nicht minder in ihrer eigenwilligen Art, die nach keiner Seite hin eigensinnig oder gar verstockt war, sich den Platz an der Seite eines Mannes zu erkämpfen.

Sie wollte nicht ›genommen‹ sein, wie man ein Stück aus dem Schaufenster des Krämers ersteht. Sie haßte lärmende Kleider und Hüte. Sie haßte die im Schwunge stehende Ausstellung, der die Mädchen gemeinhin huldigen, und konnte bitter und verächtlich von ihrem Geschlechte reden, wenn sie in den Zeitungen das verzweifelte Lockmittel der Mitgift ausgestreut fand.

Ihre Empfindlichkeit in diesen Dingen wurde von niemandem verstanden. Am wenigsten von Maria Reh. Man kannte diese Empfindlichkeit auch in der Stadt. Es gingen da Gerüchte von ihrem überschwänglichen Reichtume, aber man wußte, daß sie sich jedem mädchenhaften Flirt gegenüber ablehnend verhielt. Daraus wuchs dann die Sage von der himmlischen Liebe zu Jakobus – Maria Reh war daran nicht schuldlos; denn Do war durchsichtig – wie denn starke Seelen alles Versteckspiel verschmähen – und sie hatte der Freundin nicht verborgen, daß sie den Gedanken als einen lieben Genossen träumerischer Stunden hätschelte: einen Mann durch sie zu einem Sieger des Lebens werden zu sehen.

Als Jakobus die lodernde Stunde hatte und das Feuer seines Zornes über sich und sein Werk dahinrasen ließ, weil er nicht hatte einlösen können, was ihm der Rausch eines schaffenden Glücks versprochen, da stand sie daneben und fiel ihm nicht in die Arme; denn ihr Herz bewunderte ihn und jauchzte ihm zu.

Und sie fühlte, daß sie unter den drei Mädchen, die um ihn gewesen waren, die einzige sei, die Seite an Seite mit ihm stand. Maria Reh lähmte dieser heilige Brand – sie sah Wut und Enttäuschung. Husch sah ein Unglück und ging unter in Mitleid. Aber Doris Rinkhaus erkannte den Sieger.

In jenem Augenblicke verschwieg sie sich Maria Reh; da hatten die Gedanken der Freundin freies Spiel, und sie erinnerte sich an Huschs krankhafte Furcht vor Do und sagte zu sich: »Dieses Mädchen sieht mit ihren wunderlichen Ahnungen in Fernen, die unseren hellen Augen verschlossen sind.« –

Nun streifte Do mit Jakobus durch die heimatlichen Wälder. Sie fühlte, wie ihm das Herz aufging in Frohsinn, aber sie quälte sich mit einem Glück, vor dem ihr bange ward. Darüber verlor sie ihre Durchsichtigkeit für Jo.

Sie kam in dem Kampfe mit sich selbst nicht zurecht; und vor dem einen – vor dem, was die zehntausend anderen für die einsamste Lösung gehalten hätten, prallte sie zurück.

»Ueberlaß es der Zeit!« beriet sie sich und ward eine Stunde lang ganz frei und sorglos. Dann ärgerte sie sich darüber und sagte: »Er hat davongelaufene Jahre einzuholen – ich werde zu einer Feindin an ihm, wenn ich nicht rede!«

Sie war nicht mit ihm gegangen, weil sie in den Wäldern von Ibenheim von ihm hören wollte: »Ich werde keinen Pinsel wieder anfassen!« Aber nun, da er es gesagt hatte, war sie ihren heimlichen Plänen näher denn je.

Sie wußte auch nicht, daß es zuletzt doch nur ihr überlegenes Alter und ihr geschlosseneres Menschentum waren, was ihm seine sanfte Scheu auferlegte. Er kam nicht zu dem Gefühle, daß er ihre Klugheit und klare Art beherrschte, wie es der Mann in ihm forderte – die anderen Mädchen hatten ihm gegeben, was er wollte, er hatte sie gleich in die Hände bekommen, wie er sie in den Sinnen hatte. Und Husch war gar in ihm untergegangen. Doris Rinkhaus aber hatte für ihn immer den Königsmantel um, auch wenn sie im Moose lag und die Zärtlichkeiten des Sommers empfand, als kämen sie ihr von seinen Händen und seinen Lippen. –

Sie hatten Sehnsucht nacheinander, wenn weiter nichts zwischen ihnen war als ein Streifen Sonne und Waldrauschen.

Diese Sehnsucht war für ihn fremd und schön und sah genau so aus wie jene, mit welcher er den Prinzessinnen der Märchen nachgeträumt hatte, die sich von vier Schimmeln mit blauen Federstützen auf den Köpfen in einem goldenen Wagen durch den Wald kutschieren ließen.

Und diese Sehnsucht war für sie ein ganz mädchenhaftes Wünschen nach junger Kraft und einem jubelnden Sieg über sie selbst.

Aber so oft sie dachte, daß ihre Lippen verräterisch rot aufblühen könnten, ward sie noch wachsamer; denn sie sagte sich:

»Wenn ich in diesem Kampf unterliege, komm' ich heim und habe seit zwei Jahren ein albernes Spiel mit mir und den Meinen getrieben …«

Die Schablone des Durchschnitts konnte an diese beiden jungen Menschen gelegt werden so oder so – sie paßte nicht.

Sie waren voll von den Drängen der Frühlingserde, aber sie streiften mit den Spitzen ihrer Finger die Säume eines Himmels, den sie über sich gewölbt hatten in ihrer reichen und glaubensvollen Jugend. – Und zuletzt hatte sich Doris Rinkhaus doch in einen edlen Trotz des Herzens hineingelebt, der für Jakobus eine fremde, unnahbare Herrlichkeit war – er hatte für ihn um kein Mädchenherz gelegen. –

So führten sie ihre Sehnsüchte spazieren im sommerstillen Bergwalde. Eins lief dem Herzen des anderen nach, und sie kamen sich doch nicht näher.

Sie wanderten den weiten Weg zum Forsthaus an der Hörsel und fanden Matthias Prinz und das Zinzilein und das Kleine, dem der Kopf von hellgelben Haarringlein umweht war. Es hieß Maria und konnte sein junges Lachen schlagen wie ein Buchfink.

Sie kehrten zurück in das Haus vorm Walde und hatten die Herzen voll Frohmut. Das Zinzilein war eine schlanke, junge Jägersfrau, war voll Waldfrische wie einst und suchte nach Geheimnissen an diesen beiden, wie sie nach Geheimnissen an Jockele gesucht hatte, als seine Augen voll erster heißer und seliger Ahnungen waren. Die Herzen im Jagdhause jubilierten hinter dem Zaun ihres Glücks, aber das war ein anderes Glück, als es die hochgemuten Träume suchen, die ausziehen, zu erobern.

An diesem Abende rettete sich Do zu Tante Veronika.

Jakobus war bei dem Pastor, mit dem er die Leiden und Freuden des zweiten lateinischen Uebersetzungsbuches, der Musterstücke aus lateinischen Klassikern und des Gallischen Krieges, durchlebt hatte.

Tante Veronika hatte gefaßt den Bericht von der wilden Stunde im Baumwinkel angehört, dazu die lange Geschichte, die vom Tartarus bis zum Berge der Seligkeiten reichte; und sie wäre noch gefaßter gewesen, wenn ihr das Reich der Kunst, in dem Jockele ein Bürger sein wollte, nicht nur aus ferner genießender Betrachtung bekannt geworden wäre.

Nun, als sie hinter der blauen Sommernacht und den sachte wehenden Vorhängen saßen, brachte Veronika wieder die Rede darauf. Es lag ihr daran, den Jungen glücklich zu sehen. Und Doris Rinkhaus ward ganz freudig in ihrem Bekenntnisse von dem Eifer, mit dem Jakobus in seinen Tagen gestanden hatte –

»Er ist weiter gekommen als alle, die gleichalterig mit ihm sind,« sagte sie, »aber ich halte es doch nicht für richtig, ihm nicht wenigstens einen anderen Weg zu zeigen. Dieser Weg ist nicht leichter und nicht schwerer, und doch scheint mir, als würde er durch die Wissenschaft, durch die Tore einer Universität hindurch zu reinerer Befriedigung gelangen, als sie ihm die Malerei jemals gewähren wird. Er hat ja darin gestanden, und er kann sich an jedem Tage zu ihr zurückfinden, wenn er zu der Erkenntnis kommt, daß es so am besten für ihn wäre.«

Doris Rinkhaus ging da auf einem Pfade, an dessen Seiten sie alles Gestrüpp längst fortgeräumt hatte, und schritt ganz in Klarheit und Freude.

»Er sollte die Naturwissenschaften studieren,« sagte sie, »und könnte damit vielleicht nach einem Jahre der Vorbereitung anfangen. Läßt er dies Jahr jetzt verstreichen oder eine noch längere Zeit, so verschlägt er sich alle anderen Straßen ins Leben.«

Sie erinnerte Tante Veronika an die äußeren Vorgänge, die ihn in die Akademie geführt hatten. Sie kannten auch beide seine Neigungen viel zu gut, als daß sie einander nicht mit gesteigerter Hellhörigkeit in die Herzen gelauscht hätten. Doris Rinkhaus ward leuchtend und umschien Tante Veronika als ein warmer Sommerhimmel.

Auf einmal schob sie den blauen Vorhang der Nacht zurück, kniete der alten Dame zu Füßen und legte ihr die Hände in den Schoß –

»Liebste Tante Veronika,« sagte sie, »schwören Sie mir, daß Sie ihm nichts von allem verraten, was ich Ihnen nun sage! Sie brauchen mir meinen Wunsch ja nicht zu erfüllen, aber schweigen müssen Sie; denn ich erbitte nichts für mich von Ihnen und von ihm!«

Da gelobte ihr Fräulein Sinsheimer, daß sie ihre Worte als unverbrüchliches Geheimnis bewahren wollte.

Und Do sagte: »Heißen Sie ihn diesen Weg gehen, und lassen Sie mich alle Kosten bestreiten! … Das ist es, wovon er nichts erfahren darf, bis ich es ihm selber sage – – Himmel, was ist mir dies Wort so schwer geworden!« sagte sie und atmete tief, »denn ich weiß, ich dränge mich damit in Sie hinein – Sie könnten auch meinen: ich dränge mich zwischen Sie und ihn. Aber nun, da es gesprochen ist, nun kann ich mir das Herz freireden! … Ich glaube, Jockele würde nicht glücklich werden als Maler. Ich habe ihn viel froher, ja ich habe ihn ganz verwandelt gesehen vor der Natur und in dem Eifer, der in diesen Tagen aus der andern Zeit über ihn gekommen ist. Ich denke mir die Sache so: schalten wir drei Jahre der Studien in sein junges Leben, so bereichern wir ihn, und er wird dieser Jahre gedenken als einer stolzen Zeit, auch wenn er zu der Erkenntnis käme, daß er im Reiche der Kunst ein König hätte werden können. Dann mag er alles wieder aufnehmen, was einst sein war; denn von dem einmal eroberten Felde verliert er keinen Fußbreit Erde; aber das neue Land müßte für ihn versinken, wenn Sie ihn nicht jetzt auf die Wege in dies Land leiten.«

»Haben Sie schon mit ihm darüber geredet?« fragte Veronika.

»Nein,« sagte sie, »ich habe aber alles mit mir erwogen seit jener Stunde, in der ich ihn im Baumwinkel die große Leinwand begeistert aufrichten sah.«

»Sie wußten also, daß es damit nichts werden würde?«

»Nein – ich fürchtete es nur. Es hat nichts zu bedeuten. Enttäuschungen, wie sie am Wege wachsen und wie sie auf eine stürmische talentvolle Jugend an allen Enden warten! Es hat sicherlich nichts zu bedeuten,« beruhigte sie.

»Warum wollen Sie ihm das nicht alles selber so schön und glücklich sagen?« forschte Veronika.

Da senkte Do ihre Stirn auf die Knie der alten Frau und sagte: »Ich kann es ja nicht! Er würde mich auch an Sie weisen, weil ich ihm nicht verraten darf, daß ich ihm die Mittel dazu anbiete. Oder er würde sich vorkommen als ein Ding, mit dem ich Versuche machen will, weil ich es mir so in mein närrisches, eigenwilliges Herz gesetzt habe; und er könnte aufwieglerisch werden und sagen: Probieren Sie das mit einem anderen oder mit sich selbst!« Da merkte sie, daß sie um die Sache klug und eindringlich herumredete … »Ach Gott,« sagte sie, »ich müßte Ihnen da wohl noch etwas erzählen, aber Sie wollen es nicht wissen; denn Sie fühlen, daß ich dafür keine Worte finde!« Dann richtete sie sich auf und trat wieder hinter den blauen Vorhang der Nacht: »Denken Sie so: was ich selbst bei meinen Eltern niemals durchzusetzen vermochte, und was ich auch nicht mehr wollte, als ich älter geworden war, das möchte ich nun an Ihrem Sohne zur Tat werden sehen! Ich hoffe, es wird ein großes Glück – hätte ich sonst zu Ihnen davon geredet?«

In den nächsten Tagen war sie oft mit Veronika allein. Veronika sagte:

»Ich bin über die Jahre hinaus, in denen man sich in rauchende Begeisterung sinnt, und ich liebe ein klares und richtiges Sehen. Ich will mit Jakobus sprechen – nein, wir beide wollen mit ihm sprechen; denn Sie sollen sehen, wie er den Gedanken erfaßt. Aber das kann ich Ihnen schon sagen: ich gehe in großer Freude mit Ihnen; denn ich habe mich oft gefragt, ob ich in allen Stücken richtig mit dieser Jungenjugend verfahren bin.«

So wurden sie sich über alles einig. Und am vierten Tage danach, zur Teestunde, baute Tante Veronika sicher und umsichtig den Plan vor ihm auf. Es konnte natürlich kein Geheimnis daraus gemacht werden, von welcher Seite er kam.

Da jubelte Jockele nicht, und er war nicht betrübt, sondern blieb in allerschönster Ordnung und fragte besinnlich: wie es denn mit dem Gelde wäre?

»Sie würde dafür sorgen,« sagte Tante Veronika.

Da sagte er: »Es ist ein sehr weiter Weg, aber er ist verlockend, und Du hast ein großes Vertrauen zu mir.«

Dann ging er hinüber in die Gartenhütte und blieb dort allein bis zur Stunde des Nachtmahls.

Was sollte das heißen? Das kleine blühende Waldmädel hatte zuerst zu ihm gesagt: »Du mußt ein Naturforscher werden.« Und nun wachte dies Wort eines Kindes noch in dem alten, lieben Haus und durchlief als Echo alle Winkel und Herzen. Und Doris Rinkhaus, die ihr Leben so fest in den Händen hielt, fing den silbernen Ball und warf ihn ihm zu. Wollte sie damit sagen: »Jakobus Sinsheimer, haben Sie denn an der ›Gruppe aus dem Tartarus‹ nicht erkannt, daß Ihre Kunst bankrott ist?« Wollte man ihm die Einsicht Dos verheimlichen und ihn schonen? Oder dachten sie, daß er durch sein wurzelgründiges Verfahren im Baumwinkel diesen Bankrott selbst angesagt hätte und nun nicht mehr wüßte, wohin er sich wenden sollte? … Wenn er wirklich einmal zu der Erkenntnis käme, daß er damals Maria Reh in einen Irrtum hinein gefolgt sei, in den ihn der Jammer jenes fremden Sterbens im Winterwalde gedrängt hatte – was dann?

Nun, dann mußte er doch noch von neuem zu lernen anfangen, um sich eine Stellung im Leben zu erkämpfen, vielleicht einen mühseligen, armen Posten.

Es war zum zweiten Male, daß er so ans Rechnen geriet. Einst, wenn Tante Veronika die Augen schloß, mußte er sie beerben. Er hatte sich nie um ihre Vermögensverhältnisse gekümmert, Wenn sie ihren kleinen Schatz seinetwegen in diesen letzten Jahren ihres Lebens verringerte, wenn sie in jedem Monate davon nahm, um ihm zu geben – konnte sie ihn nicht eines Tages rufen und zu ihm sagen: »Jakobus, Du mußt nun auf Dir selbst stehen; denn alle Güte und Liebe einer Greisin kann die kleine Truhe nicht mehr mit Gold füllen. Ich habe Dir alles gegeben, was ich hatte, bis auf den kargen Rest, an dem ich mich ins Grab leben muß.«

Was dann?

Sie hatte ihm gesagt, für fünf oder sechs Jahre, und – wenn er mit dem auskommen könnte, was sie für ihn bestimmt hatte – wohl auch noch für länger, wollte sie mit dankbarer Freude für ihn sorgen.

Aber was dann?

Mit dieser Frage in den Augen erschien er beim Nachtmahle.

… »Ich habe wohl ein bißchen in den Tag hinein gelebt,« sagte er; »ich weiß nicht, ob nach der Art der vielen oder nach meiner eigenen. Es schadet nicht, wenn ich besinnlicher werde.«

Er redete das aus einer Versonnenheit des Herzens heraus, in die er in der Gartenhütte geraten war, und es klang, als hätte er ganz vergessen, daß die Frauen mit ihm zu Tische saßen.

»Es ist aber ein wunderlicher Kram, wenn einer sich schieben läßt aus der einen Sache in die andere. Das darf nicht sein, wenn er nahe an die Zwanzig gerückt und ein so langer, gesunder Mensch ist, der schon einmal ein Galeriestück, ein Monumentalgemälde verpatzt hat …«

Darüber wachte er auf und lachte.

»Du sollst gar nicht geschoben werden,« sagte Tante Veronika.

»Ich habe das auch nicht so gemeint,« sagte er und hatte seine hellen Augen wieder. »Ich reise morgen früh nach Weimar und will zusehen, wie man so etwas eigentlich macht. Es ist eine feine Sache, meine Damen,« scherzte er, »aber sie ist für den, der sie angreifen möchte, doch etwas ganz Ungeheuerliches. Heute früh sagte ich noch: ich habe einen solchen Haufen Naturwissenschaft im Kopfe, daß ich mich wundere, wohin das alles über dem Armen Heinrich und dem Tartarus und den Stößen von Akten und Landschaften gekommen war. Ich habe auch gedacht, es ließen sich drei dicke Bände damit füllen – aber nun, da ich nicht mehr damit spielen soll, ist auf einmal nichts Gescheites mehr vorhanden …« Er verfiel wieder in das Alleinsein – »Jakobus Sinsheimer, Du sollst Student werden! Du Waldjunge, Du Schmetterlingsjäger, Du Stein- und Pflanzensammler, Du Zigeunerfindling sollst an die Türen der Hochschule klopfen und Einlaß fordern! … Es sitzt da einer an seinem Tische und fragt: Auf welchem Gymnasium waren Sie?«

»Auf keinem.«

»Wo haben Sie Ihre Zeugnisse?«

»Es sind keine da.«

»Na, zum Teufel, was haben Sie denn überhaupt für eine Vorbildung?«

»Ich habe meinen Armen Heinrich verkauft. Ich habe eine Gruppe aus dem Tartarus zerhauen. Ich kann die Klassen des Linnéschen Systems seit vier Jahren vor- und rückwärts aufsagen. Ich weiß etwas von den Wundern des Radiolarienschlammes und von den vier Klassen der Grundformen bei den Organismen. Ich weiß …«

Und der Mann an dem Tische sagte: »Damit können Sie sich allenfalls ein paar Kollegs – nicht ohne Nutzen für sich selbst – schinden, wenn Sie sehr viel Zeit haben. Aber keine noch so verliebte Thüringerwaldfreude ersetzt Ihnen die mangelnde Matura, junger Mann …«

Doris Rinkhaus und Tante Veronika aßen in frohem Zuhören darauf los. Auch Jockele kam über seinem neunzehnjährigen Appetit nicht dazu, dieses Selbstgespräch als prasselndes Feuerwerk steigen zu lassen. Er redete mit langen Unterbrechungen.

Seit seinem achtzehnten Auffindungstage nannte er sich mit Stolz neunzehnjährig, und er hatte sich seit seinem Hiersein oft von Tante Veronikas großem Schrankspiegel bestätigen lassen, daß sein hoher, geschlossener Aufbau mit gutem Recht Ansprüche auf Dreiundzwanzig geltend machen könnte. Er hatte sich auf dem Gang in den Tartarus ein Rasiermesser angeschafft, dem der Schnurrbart zwar noch bis auf weiteres zum Opfer fiel. Aber vor den Ohren hatte er sich kecke Kotelettchen stehen lassen, die ihm seine Mannhaftigkeit hinreichend bezeugten.

Dem jungen Zigeunertume, das immer ein bißchen ungewaschen daherschreitet, und das den Robespierrekragen und den in der Hand getragenen Hut sowie ein durch mancherlei Aeußerlichkeiten betontes Wesen als zur ›richtigen Genialität‹ gehörig betrachtete, war er geschmackvoll aus dem Wege gegangen.

Er huldigte von Tante Veronika her dem lästerlich zur Schau getragenen Glauben, daß ein zweimaliges Vollbad in der Woche dem Menschen genau so nötig wäre wie jedem Tage ein noch so bescheidenes warmes Essen.

Einmal hatte er sich in einem Ringe junger Maler zu der rauchenden Auflehnung verstiegen: es wäre eine brüchige Weisheit geworden: ›Sage mir, mit wem Du umgehst, so will ich Dir sagen, wer Du bist‹ – es müßte heißen: ›Sage mir, wie oft Du badest, so will ich Dir sagen, was Du wirst‹. – Er hatte wenig Verständnis mit dieser unerhört rebellischen Anschauung gefunden.

Als er alle großen Steine mit Sorgfalt auf den Weg gefahren, erklärte ihm Do: sie hätte mit Tante Veronika vereinbart, den Sommer über im Frühlingshause zu wohnen; denn es liefen so viele und so glänzende Fäden aus dem älteren Herzen in das junge, daß sie eine sehr schöne und reiche Zeit vor den Toren des Waldes genießen wollte.

»Sie scheinen diesen Tag mit Neuigkeiten angefüllt zu haben bis zum Rande,« sagte Jockele und sah sie lange an.

»Den Winter über reise ich vielleicht nach Bonn, oder ich bleibe in Weimar – ich weiß das noch nicht. Ich will aber meine Wohnung im Gartenhaus am Horn nicht aufgeben.«

»So!« sagte Jockele und setzte das kleine Wort hin wie ein Siegel. Er war horchend geworden – »Ist das etwa, weil ich gedacht habe, ein so langer und so alter Mensch dürfe sich nicht aus einer Sache in die andere schieben lassen?«

»Nein,« sagte sie.

»Dann werde ich sehr einsam sein.«

»Wissen Sie, daß wir uns im Baumgarten oft wochenlang kaum gesehen haben?«

»Es ist wahr,« sagte er – »in Zeiten, in denen ich sehr fleißig gewesen bin.«

Am andern Morgen reiste er nach Weimar. Als er unter den Kastanien durch den Garten schritt, sah ihn Maria Reh kommen und lief ihm entgegen.

»Wie steht es mit Husch?« fragte er.

»Der Arzt hat sie in eine Nervenheilanstalt geschickt,« sagte sie; »er erklärte für ausgeschlossen, daß sie je wieder in Ihre Dienste träte. Sie haben einen ganz wilden Einfluß auf dies Mädchen gehabt und haben Sie physisch und seelisch zerbrochen.«

»Ich habe gar nichts dazu getan,« sagte er; »aber vielleicht wäre ich ihr Schicksal geworden.«

»Das ist die selbstsüchtige, harte Männerart – ›ich habe gar nichts dazu getan!‹ Hätten Sie sie früher fortgeschickt! Nun müssen Sie doch auch ohne das arme Geschöpf auskommen.«

»Nun! Nun ist das ganz etwas anderes.«

Er ging mit ihr durch sein kleines Haus – »Husch ist wirklich nicht mehr darin!« sagte er, »das haben nicht ihre Hände getan!«

»Nein, ich selbst habe ein bißchen Ordnung geschafft.«

Dann ging er mit ihr durch den Garten und setzte sich an den Tisch mit der machtvollen Bank, die am Südzaune steht, und erzählte ihr, wie es mit Do und mit ihm wäre.

Maria Reh fand das unerhört. Sie faßte den Plan als einen ganz persönlichen Kampf Dos gegen sie auf, so, als ob sich Do ärgerte, weil Maria Reh Jakobus aus dem Bergwald in die Akademie gebracht hatte … »Nun will sie mich übertrumpfen und will Sie in die Universität führen!«

Sie sagte das, als hätte sie einen Stengel Wolfsmilch zwischen den Zähnen.

»Die Sache sieht also genau so aus, als würde ich zum drittenmal in die Schule gebracht,« lachte Jockele, »zuerst von Tante Veronika, dann von Maria Reh, zuletzt von Doris Rinkhaus … Aber dies dritte Mal findet Jakobus Sinsheimer seinen Weg allein.«

»Sie denken überhaupt daran, ihn zu gehen?«

Er zog die Achseln – »Es läßt sich doch nicht so ohne weiteres von der Hand weisen. Einstweilen: auf gute Nachbarschaft, liebe Maria!«

Sie schlug herzhaft in die dargebotene Rechte; und wie er sich abwandte, rief sie ihm nach: »Auf gute Nachbarschaft – bis Sie sich selbst untreu werden!«

In die Akademie kam er in den folgenden Tagen nicht. Er war wieder einmal innerlich zerrissen. Sein Häuschen war bis unter das Dach voll von der anderen Zeit. Im Schuppen lag der zertrümmerte Berg der Seligkeiten – es waren Leinwandfetzen voll blutrotem Leuchten dabei, das er damals mit erschauernder Hand aus dem innersten Herzen Gottes heraus gemalt hatte.

Er wollte mit Gwendolin reden. Aber er suchte sie dann doch nicht. Warum auch? Daheim hatte er so selbstbewußte Worte gehabt, nun fastete er seine Seele durch eine verlorene Stille und wußte nicht, was das werden sollte.

Aber eines Tages saß er im Zuge nach Jena – es jährte sich nun, daß ihn Gwendolin so hart auf den Rand des Lebens aufgeklopft hatte – und eine Stunde später stand er im Zimmer Ernst Haeckels.

Es war die Stunde, von der er später nicht wußte, woher er den Mut genommen hatte, sie zu erleben.

Der greise Professor war nicht mehr im Amte. Er saß in seinem Lehnstuhl und schaute ihn aus seinen gütigen, hellen Augen an und ließ sich erzählen, wie es um diesen Jockele stand. Dann wurde ein Gespräch geführt, welches jenem nicht unähnlich war, das sich über dem Nachtmahl am Tische zu Ibenheim ereignet hatte.

Er sagte dem alten Herrn manches kluge und gute Wort – es muß verraten werden, daß er in diesen Tagen Goethes naturwissenschaftliche Schriften gelesen hatte und an Haeckels ›Kunstformen der Natur‹ betriebsam herangetreten war, damit er die Fahrt in das neue Land wohl ausgerüstet anträte.

Eine Stunde mit einem bedeutenden Menschen verbracht, bleibt lebendig bis an die Pforten des Todes. Eine Stunde, die das Licht eines großen Mannes durchstrahlt, wandelt sich für sehnsüchtige Hände zu einer Wunderlampe – Türen der Finsternis springen vor ihr auf und werden Glanz, Schlacken werden Brand und Steine fangen vor ihr an zu blühen …

Als er wieder auf der Straße stand, fand er den Erobererschritt aus der Gegend des Tartarus. Er fühlte Flügel, wo er die Arme trug, und es war wieder eine Fackel in seiner Hand – just wie damals, als er der Welt das neue Licht zu bringen hatte.

An diesem Abende saß er nicht über den Naturwissenschaften. Er schrieb einen Brief nach Ibenheim, der war stolz und mutig, aber er hütete sich doch vor Flügen, die ihm – so nahe dem Baumwinkel und den Trümmern des Berges der Seligkeiten – ihre Gefahren hatten. Doris Rinkhaus mit den sichtigen Augen würde diesen Brief auch lesen, und sie war Zeuge seines jammervollen Absturzes gewesen.

Darum wog er jedes Wort und setzte es hin, als verschriebe er dem anderen seine Seele: »Ich will nun doch nicht mit beiden Füßen in das tiefe Meer springen, das sich vor mir aufgetan hat. Ich sehe unter den Rändern des fernen Himmels einen Saum, der vielleicht nur eine Spiegelung der Luft ist, aber es kann auch eine neue Welt sein. Ich will ruhig meines Weges fahren … Es muß nicht die Matura sein, es geht auch mit dem Einjährigenzeugnis der Kunstschule, es geht zwar nur bis zur kleinen Matrikel – aber wenn dann der Maler den Studierenden der Naturwissenschaften nicht aus dem Felde geschlagen hat, wird es ja wohl auch weiter gehen. Im Oktober hol' ich mir die Berechtigung zum einjährig-freiwilligen Militärdienst …«

Es war ein langer und klarer Brief, klar bis zur Schwunglosigkeit. Er verbarg das Glück an dem gefundenen Wege nicht, aber der Tartarus war zu nahe, und die vielen Pinsel in der alten Blumenvase mahnten zu einer höchst gemäßigten Begeisterung. –

Ein Mensch von tüchtiger Art gerät in Irrtümer und kann darüber mit sich und der Welt zerfallen; einem Windhund passiert das nicht; denn sein ganzes Leben ist ein Irrtum.

Es könnte einer sagen: dieser junge, gesunde und kluge Mensch – warum setzt er sich nicht ein Jahr hinter die Bücher und läßt sich testieren, was er gelernt hat? Es warten Tausende von jungen Leuten in der Welt auf ein Glück, wie es ihm in den Schoß fällt; aber er steht halb unentschlossen davor – es fehlt ihm der Trieb, und er ist zuletzt doch nur ein Blender.

Aber Jockele durchlebte in diesem Sommer einen wilden und bitteren Kampf mit sich selbst; denn es ward herrschend, was die Erziehung in sorgsam gehüteten Jungenjahren an ihm getan hatte. Nun zeigte man ihm ein neues Land der Verheißung und sagte: »Dies alles will ich Dir geben, wenn …« Und auf der anderen Seite stand Maria Reh, die ihn damals zu sich selbst geführt hatte, und kämpfte um ihn. Sie war verärgert und hatte der kunstbeflissenen Jugend erzählt, daß man ihn schiffbrüchig machen wollte.

So rissen die Tage an ihm herum, und er war froh, als die langen Sommerferien Ruhe brachten.

Er saß da ganz einsam im Baumwinkel am Horn, aber die Naturwissenschaften standen hoch oben auf dem Bücherregale; denn danach fragte man ihn in der Oktoberprüfung nicht. Es klangen auch die Worte Ernst Haeckels in ihm nach: er wisse so viel wie ein Student im dritten Semester. Das hatte er im Spiel mit Wald und Quell, mit Stein und Wiese gelernt. Er wußte nun auch, daß es im Grunde die Naturwissenschaften gewesen waren, die ihn zur Kunst geführt hatten. Seine Freude an Farben, Formen und Licht war eine Gegengabe der Natur, die er als Künstlerin belauscht hatte, und deren Kunsttrieben er in heimlicher Entdeckerlust nachgegangen war.

Doris Rinkhaus hatte ihm nicht geschrieben. Sie bedrängte Tante Veronika nicht, aber sie quälte sich doch an dem ruhevollen Zuwarten der alten Freundin, und die Frage trat groß und voll Rätsel vor sie hin: warum diese Begeisterungslosigkeit bei solch einem jungen Menschen, der mit Augen voll Wundern durch seinen Bergwald zog?

Es wurde so karg zwischen ihnen, daß erst um die Mitte des Septembers ein Brief kam, der von der Oktoberprüfung redete, und wie er wohlgerüstet hineinschritte. Er hätte auch viele Tage gemalt, und die Sorge um das Lernen, die zu Anfang groß gewesen, wäre ihm zuletzt ganz aus dem Sinne gekommen …

Gwendolin hatte Weimar im September für immer verlassen. Ehe sie ging, hatte sie ihn noch mit Felidora Ritter bekannt gemacht. Das war etwas ganz Neues, Schlankes und Schwärmerisches. Sie sah aus wie ein reifes Kornfeld mit Mohn und Cyanen und war Kunstgewerblerin. Sie war eine von jenen, welche die Männer – wenn sie brünett und sehr jung sind – schon über dem Begegnen in gehobene Stimmung versetzen. Dazu kam für Jockele, daß sein Herz einen Sommer lang verwaist gewesen war wie nie im Leben. Da zog er alle Wimpel und Segel hoch und fuhr der ährenblonden Felidora entgegen.

Es war eine lumpige Zeit. Sein Herz hing wie die Weltkugel aus Blech an einem dünnen Faden und pendelte, wohin er es stieß.

Manchmal fiel ihm ein, daß die Prüfung nahe wäre. Er hatte da einen Stapel Bücher auf dem Tisch und schlug hin und her eins auf: dürftiger Kram, den er kannte, und der neben ihm lag. Und davor hatte ihm auch nur eine Stunde gebangt? – Es sah in ihm aus wie in seinem Häuschen, das er den Sommer über selbst in Ordnung gehalten hatte. Das Gartenhaus Dos stand nun seit zwei Monaten mit geschlossenen Augen …

Darüber bekam die tiefe Schattenstille und grüngoldene Einsamkeit Stimme und sagte: »Jakobus Sinsheimer, was ist das mit Dir? Da sitzt die blonde Felidora in dem Stübchen Gwendolins – warum nimmst Du sie Dir nicht? Es ist ein feines, hohes und sommerliches Mädchen …«

Er ließ sein Herz reden, bis es durstig wurde. Dann lief er mit begehrlichem Munde zu ihr. Und als er sie fand, führte er sie auf dem alten Wall unter den hohen Kastanien durch die Schlüpfe im Zaun.

»Eigentlich fürchte ich mich vor Ihnen,« sagte sie. »Auf diesem Weg ist Gwendolin und Husch und Minchen Herzlieb gegangen und Maria Reh und Doris Rinkhaus. Alle in zwei Sommern. Es ist ja ein ganzes Heer …«

»Und Felidora, meine große Sehnsucht,« setzte er hinzu. »Die anderen sind alle von selber gekommen, aber Felidora hab' ich gesucht – schon seit einer Woche.«

Da ging sie mit in den Baumgarten.

Sie hatte ein buntes und freudiges Kleid an, und in ihrer Stimme war ein Klang aus sommerlichen Feldbreiten, voll von zitterndem Glanze.

Jockele dachte: »Man möchte sich an Dich hinschmiegen wie in die Aehren, die über den Sommerrainen wehen.«

Dabei sah er sie an, und sie sagte: »Jawohl, ich fürchte mich doch vor Ihnen.«

»Das ist fein,« sagte er und faßte sie so sachte unter und schritt mit ihr über die blanken Netze, die auf der Baumwiese lagen. Da verfingen sich ihre Füße in den Maschen von Gold, und sie sanken in das Gras.

Die Grillen sangen, als ob es Zeit der ersten Mahd wäre. Aus den Feldern zog noch der Duft von gebackenem Brot, aber die Felder waren längst abgeerntet. Und hin und wieder sprang ein reifer Apfel ins Gras. Das war unter dem Regen und der Sonne des Septembers noch einmal so wogehoch und blumig geworden, daß die Hasen darin Pfingsten feiern konnten.

In diesem Grase küßte er sie, und sie wollte sich mit ihren Händen schützen.

»Es tut nicht weh!« sagte er.

»Nein?« fragte sie.

»Guck an, wie fein Du küssen kannst!«

»Es ist mir ja gar nicht eingefallen, Sie zu küssen.«

»Du brauchst auch gar nicht! Aber leiden mußt Du es.«

So schäkerten sie sich ganz hinein in das goldene Netz. Den Hut und die Handschuhe und die Tasche Felidoras hatten sie noch rasch daneben hingelegt. Und auf dem hohen Walle saß der Sommer und warf einmal eine grüne Schale vom Kastanienbaum, da sprangen die braunen, reifen Früchte heraus.

Das Gebüsch des Baumwinkels hielt alle Hände über sie, und Jockele rauschte wie das Meer, wenn sich die Morgensonne hineinstürzt.

»So – nun laß Dir mal noch was für morgen,« sagte sie ernsthaft. »Du bringst mich ja um mich selber! Jetzt gehen wir hinein, oder wir gehen hinaus ins Feld, und Du liest mir das Hexenlied vor.«

Da bekam er weite Augen und suchte nach dem Faden, an dem der Tag mit diesem Gedichte aufgereiht war.

Sie merkte das und rettete sich rasch in die Höhe und sagte: »Denkst Du denn, man kennt in Weimar nur Deine irdischen Lieben?«

Er besann sich, wie er an dem Hexenliede wild geworden und in pathetischem Rausch auf die Leiter vor Dos Fenster gestiegen war. Der mädchenhafte Schwatz, den nur Maria Reh betrieben haben konnte, fiel ihn jäh an.

In diesem Augenblick schlug er sich auf und riß das Kapitel Maria Reh heraus und warf es in den Winkel zu dem Fastnachtsspiele Minchen Herzlieb.

»Wie solch eine große und füllige Person ihren Nachbarn das Leben verleidet!« sagte er. »Sie ist wie der Papagei, der nebenan auf der Mauer steht und alle Sonnenruhe in Fetzen reißt. Sie braucht immer ein Tamtam und haut an alle Herzen. Sie ist eine Gehässigkeit oder eine Geschmacklosigkeit – und dies alles, weil sie keiner geheiratet hat!«

»Einst war Maria Reh aber Deine himmlische Liebe.«

»Na ja!« – Er schütterte sich lachend wieder hinein in die frühere Helligkeit; die blühte in roten Küssen wie Mohn im Sommerkorn.

»Wir müssen doch hineingehen,« sagte er; »denn ich berausche mich über dem lauten Lesen an meiner Männlichkeit.«

»Da auch?« neckte sie.

»Es ist aber nicht mehr so schön und still bei mir und von so sehnsüchtig-schmerzlicher Hingebung umrankt wie einst, als ich … als ich noch Maler war … Setz Dich so,« sagte er, »mit dem Rücken nach mir!«

Er drehte ihr den Lehnstuhl herum, daß sie nun den kleinen Ofen ansehen mußte.

Er hatte auf einmal ein ganz feierliches Herz und eine feierliche Stimme, und dann las er und schaute manchmal auf, ob sie sich nach ihm umwende.

Weil sie andächtig war, als hörte sie mit geschlossenen Augen zu, schwelgte er sich in ein blutrotes Martyrium hinein. In ein tiefes Erleben wollüstiger Schmerzen. Es rollte Donner aus der Klosterzelle des Mönchs Medardus, es jauchzte das wilde, verbotene Lieben, es klagte der Jammer, es jubelte der Sieg. Und als er geendigt hatte, wandte sich Felidora nicht um. Er lehnte am Fenster und fühlte, wie der Schweiß an seinen Schläfen herniedersickerte. Sie blieben noch lange so.

Da krähte Tante Veronikas kleine Standuhr keck über das verebbende Meer, das da aufgewühlt war, und Felidora sprang empor und warf ihre Arme um ihn und sagte: »Das war schön und groß! Und solch ein Mensch setzt sich in solch einen Winkel und rät an sich herum, was er werden soll? Werde Schauspieler, Jakobus!«

Sie jubelte das heraus, wie die Pendule ihren silbernen Schlag. Sie jubelte das mitten in die Stunde hinein, in der er das Kapitel Maria Reh aus seinem Leben gerissen hatte; und Doris Rinkhaus war weit, weit von ihm. Husch allein war nahe und fastete sich so durch ihre weißen Tage, an denen er selbst sacht und karg geworden war. Das Pathos des Berges der Seligkeiten fiel noch mit schönem, purpurnem Leuchten über ihn … Und nun standen Felidoras blaue Schwärmeraugen vor ihm und warfen ein fremdes, nie gesehenes Licht in seine Seele.

Aber es zuckte ein Wetterleuchten an dem dämmerigen Himmel seines Herzens. – »Wenn sie das sagt,« dachte er, »so bin ich nichts weiter als ein Tag in ihrem Leben! Sie will nichts von mir; sie hält keine Rechnung in den Händen wie Minchen Herzlieb und sagt nicht: das und das bist Du mir schuldig geworden. Ich bin ihr wieder einmal zu jung, und sie wollte nur sehen, wie so etwas gemacht wird.«

Die Gedanken flogen in ihm auf wie verstürmte Vögel.

»Ich hüpfe immerfort auf Schwellen,« sagte er, »seit drei Monaten immer so in keuchendem Schwunge … Naturforscher, Maler, Bräutigam, Schauspieler, Primo amoroso, Spitzenreiter, Zerstörer des Berges der Seligkeiten, Zigeuner, Hypnotiseur – hast Du die Stirn, zu sagen, ich hätte es mit achtzehn Jahren zu nichts gebracht? Komm!« rief er und langte den Hut vom Nagel am Türpfosten herab und drückte sich ihn keck aufs Ohr.

»Wohin?«

»Eine Laute will ich mir kaufen und Schellen an den Hut – so, weißt Du, so!«

Er wogte in komischen Sprüngen vor ihr hoch und nieder und hatte die Augen voll Hexenlied und Juchhei. Dann warf er den Hut auf den Stuhl und tobte in Anderthalbmeterschritten durch die Stube.

Da ließ sie ihn toben und setzte sich mit ihrer lichten Sommerhelligkeit auf den Stuhl und sagte: »Du, ich glaube, Du bist ein richtiges Genie.«

»Ja, ja, Genie!« sagte er. »Genie, das hab' ich in der langen Reihe der Gipfelhöhen meines ruhmreichen Daseins vorhin vergessen!«

»Ach, komm doch zu Dir! Solch ein tragikomisches Gesicht paßt nicht für Dich und bringt mich wieder zum Fürchten.«

Da zog er ihr das Kleid zurecht, und sie ließ sich von ihm fertigmachen zum Ausgang.

»Heut abend gehen wir ins Theater. Was ist heute?«

»Die Räuber. Und morgen Pygmalion.«

»Wir gehen an beiden Abenden hin. Schade, daß nicht auch solch ein halbverblödeter Wedekind dabei ist – ich meine, man könnte sich da gleich ein paar nette Rollen aussuchen,« lachte er bitter. Aber draußen unter den Bäumen, durch die eine nachmittägliche Drossel silberne Fäden zog, fand er sich und ward wieder ein brauchbarer Mensch.

Sie sagte, an den Tagen, an denen sie ins Theater gingen, wollte sie nicht kommen. – Er war froh, als diese Tage vorbei waren; denn danach trieben sie ihre junge Liebe wild und königlich in die Blüte.

Er hatte sich eine Frau verschafft, die das Häuschen festlich machen sollte zu Felidoras Geburtstag; er war am fünften Oktober, sie wurde da einundzwanzig.

Man sah vom Wall aus in die Gärtnereien hüben und drüben, über die der Herbst alle Brunnen seiner Kraft ausgoß an Astern und Dahlien. Es war eine ausgelassene Farbenlust, und die Kastanien taten ihre goldenen Königsmäntel dazu um. Auf den Feldern loderten die Kartoffelfeuer – es waren die Tage, in der sich Frühling, Sommer und Herbst zum Ringelreihen finden und noch einmal alle Vogel- und Menschenherzen abschießen.

Jockele hatte das kleine Haus für Felidora von allen drei Jahreszeiten rüsten lassen; denn seine Seele feierte schon seit einer Woche Hochzeit.

Am fünften Oktober, der wieder voll Sonne war, daß sie über die Fensterstöcke hereinquoll und über die Sündflut seiner Sinnenfreude klingend dahinströmte, entlockte ihm Felidora das Gelöbnis: er sollte zu dem Regisseur gehen und ihm das Hexenlied vorsprechen. Er konnte auch sagen »Ich zählte zwanzig Jahre, Königin,« oder den Melchthal – er hatte in den Stunden, in denen Felidora nicht bei ihm war, ein bißchen in den Klassikern herumgelernt. Aber er ahnte das wartende Gelöbnis da noch nicht, sondern nur das Verlöbnis, in das er sich in seiner Art wieder einmal mit aller Frische und Vergessenheit hineinschwang.

Es war noch ein Hundertmarkschein vom Armen Heinrich her dagewesen, den er in der kleinen Standuhr verborgen hatte. Aber die Theaterfreude Felidoras war nun auch über den gekommen, und in diesen fünften Oktober rollten die letzten beiden Zwanzigmarkstücke, rollte sein Herz in purpurrotem Leichtsinn, rollte die Warnung Gwendolins, sich nicht immer gleich zu verheiraten, rollten Gott und Teufel in ihm …

Am anderen Morgen, als die Blüten alle angewelkt waren und ein Herbstregen in grauer Unerbittlichkeit an die Fenster klapperte, gellte das wachsame Uehrlein in seinen späten Schlaf. Es hatte schon die Sechs und die Sieben ärgerlich gerufen, aber die Acht schrie es unheimlich und angstvoll.

»Du, ich glaube, die Frau ist draußen und will ins Haus.«

»Sie ist immer auf morgens zehn Uhr bestellt,« sagte er und fand sich aus der Nacht und dem anderen Tage herüber.

Auf einmal – –

»Ja, was trommelt denn die draußen so wild an das Fenster?«

»Herr Sinsheimer! Herr Sins–hei–mer!«

»Unerhört!«

»Herr Sins–hei–mer!«

Herr Sinsheimer stürzte ans Fenster und riß es auf –

»Zum Teufel, Frau, sind Sie denn um den Verstand gekommen?«

»Ach Gott, Herr Sinsheimer, Sie haben mich doch heute so früh bestellt! Es ist doch heute der sechste Oktober! Ich warte schon seit einer geschlagenen Stunde – Sie haben doch gesagt, am Sechsten hätten Sie die Einjährigenprüfung.«

Jawohl. Um acht Uhr hatte die Sache begonnen. Und fünf Minuten nach acht Uhr stand der Herr Sinsheimer im Nachthemd am Fenster des kleinen Hauses am Horn Nr. 35 und stemmte den Himmel mit seinen langen Armen über sich, der auf ihn herniederbrach – grauenhaft und mitleidlos, wie nur ein Himmel einfallen kann.

Der Roman ›Jockele und die Mädchen‹ ist zu Ende; denn was nun kommt, ist eine sehr verständige und sehr symmetrische Geschichte, die mit einem Examen anfängt, mit einem Examen fortfährt und mit einem Examen endigt. Jockele bestand die Prüfungen alle drei – und was hernach kommt, heißt ›Jockele und seine Frau‹, darf aber nicht beschrieben werden …

Weil der Himmel einfiel und kein Halten war, stürzte Jakobus Sinsheimer im Nachthemd in die Hosen. Was aus dem Nachthemd herausschaute, überschüttete er mit kaltem Wasser. Die Aufwartefrau erkannte inzwischen den Zweck des Blumenfestes; sie vergaß, den schwarzen Schulterkragen abzulegen und drängte dem Jockele das Handtuch und die Zahnbürste auf. Felidora war ein wenig kärglicher gekleidet und hob ihn in Weste und Joppe. Er ergriff die Mappe mit dem Schreibpapier, stülpte sich den Hut auf wie damals, als er die Laute der Verzweiflung erstehen wollte, die Krawatte schwang er in der Rechten, daß sie hinter ihm zur Tür hinausflatterte – er knüpfte sie unter den triefenden Kastanienbäumen. So stürmte er dahin. Die Stufen vom Horn hinab in den Park. Ueber die Naturbrücke. Ins Fürstenhaus. In den Prüfungssaal …

Da wunderte sich der Herr Professor Redslob ein bißchen; denn das Thema zum deutschen Aufsatz hatte er längst gegeben, und viele Federn knirschten schon eifrig übers Papier. Aber er lächelte seine duldsame Freundlichkeit über Jockele dahin, auch ohne das Erlebnis ganz zu durchschauen – denn das wird ihm erst in diesen Zeilen verraten – aber Jockele hatte seinen Lokalruhm. Deshalb kam ihm der Professor entgegen und sagte: »Na, Sie werden wohl eine überzeugende Abhaltung gehabt haben – Witterungsverhältnisse oder so,« und er nannte ihm das Thema in Geduld noch einmal. Dann rückte sich Jockele in den Unbequemlichkeiten des für die obwaltenden Umstände viel zu geräumigen Nachthemds zurecht, überzeugte sich, daß er auch wirklich da wäre, und fing an, sich die Berechtigung zum einjährig-freiwilligen Militärdienst zu erwerben. Nach acht Tagen hatte er auch ›das Mündliche‹ bestanden.

In dieser Woche, die zwischen Anfang und Ende der Prüfung lag, ereigneten sich zwei Dinge für ihn.

Zuerst bekam er einen Brief aus Ibenheim. Der verkündigte ihm, daß Doris Rinkhaus mit Tante Veronika eine frohe Fahrt über die Alpen angetreten hatte – sie wollten in Sestri-Levante und Nervi den Winter verbringen. Do schrieb, daß sie erfahren hätte, wie Tante Veronika, seit sie Jockele aus dem Walde gezogen, in Enthaltsamkeit und selbstvergessener Sorge für den Jungen, außer der raschen Fahrt nach Weimar, Ibenheim nicht verlassen habe; darum hätte sie die alte Dame aufgeladen und sei mit ihr in den Frühling an das Südmeer gezogen.

Darüber kam Jockele zum drittenmal ans Rechnen, und er hatte feierliche Gedanken und sagte: »Was hat diese Tante Veronika für ein opferfreudiges und großes Herz! Und was ist diese Doris Rinkhaus für ein tapferes und königliches Mädchen!«

Er hatte überhaupt gute Vorsätze in dieser Woche; denn gute Vorsätze haben ihren Platz zwischen den Schwellen und sind einundeinhalb Meter lang. Deshalb reichen sie noch einen Schritt weit über jede Schwelle hinweg. –

Das andere Erlebnis betraf Felidora.

Sie hatte am sechsten Oktober gegen Abend die delikate Annäherung eines jungen Bankbeamten gehabt, den ihre Sommeraugen und ihre ährengelbe Feldstille ernsthaft sehnsüchtig nach ihr machten. Da erteilte sie sich einen Generalpardon und zog schuldlos und schön dem neuen Glücke nach.

Das gestand sie Jockele, und er stieß ein teilnahmsvolles »Oh!« hervor; er sagte ihr auch, daß er nicht verständnislos für ihre Wünsche sei, und daß sie gute Freundschaft halten wollten – er selbst ginge mit Semesterbeginn nach Jena studieren.

Da quittierte sie ihm über das seelenvolle »Oh!« mit einem bedauernden »Ach?« Und er erfaßte ihre beiden Hände und sagte: »Du schönes, hohes Mädel! Und nun mußt Du mir mein Wort zurückgeben; die verrückte Stunde, in der Du mich zum Komödianten machen wolltest – wo ist sie geblieben?«

Es schienen danach noch sonnige Oktobertage um das kleine Haus im Baumwinkel.

Da bereitete sich Jockele zum Auszuge. Er kramte viele welke Zeichen des Erinnerns unter den mancherlei Dingen hervor, die er mit hinübernehmen wollte in das neue Leben.

Als er seine Wohnung aufkündigte, erfuhr er, daß auch Maria Reh nicht mehr in das Gartenhaus zurückkehre. Nun hatte Doris Rinkhaus die weiße Stille oder grüne Einsamkeit ganz allein, so oft sie darin leben wollte.

In diesen letzten Tagen stand Jockele einmal gegen den Zaun gelehnt, an dem er die ›Gruppe aus dem Tartarus‹ gemalt hatte, und ließ die vielen Bilder lieben Zusammenlebens der beiden Jahre durch seine Seele gehen. Da merkte er: Doris Rinkhaus leuchtete über alle hinweg und stand als ein großer, schöner Stern an dem Himmel, an dem nun die Nacht des Vergessens heraufziehen sollte.

Da wurde ihm, als wäre alles Licht von ihr gekommen, und als hätte sein Herz keiner andern gehören können, weil sie es fest in ihren Händen hielt. Warum hatte er ihr dies nie sagen können? Es drängte ihn, ihr die Stunde, diese letzte Stunde im Baumwinkel, zu beschreiben und ihr zu sagen, wie er seine Arme nach ihr ausgebreitet hätte. Aber ihr blondes Königinnentum verbat sich das. Und er – – so zwischen den Schwellen! –

Es wachsen in dem Winkel, in dem der Zaun des Tartarus gegen den Grenzzaun nach dem Wall stößt, drei Kastanienstämme aus einer Wurzel.

Zu dem einen trat er hin und schnitt mit dem Messer ihren Namen in die Rinde: Do – groß und tief. Und durch das D grub er ein J. Wer nicht wußte, was diese Zeichen bedeuteten, der mochte lesen »Dio« – es waren ihre Namen, beide in einem.

Wenn Doris Rinkhaus wieder einmal auf der Schwelle zu dem Gartenhause stand und ihre Augen wandern ließ über die Stellen frohen Beisammensein aus den glücklichen Jahren, dann mußte sie die Zeichen im Stamm entdecken. Sie allein unter allen Menschen, die hierher kommen würden, verstand sie.

Das war der Brief, den er ihr schrieb – es war der erste, und sie sollte ihn finden, wenn sie je zurückkehrte. –

Danach zog er aus. Er übergab der Dienstfrau den Schlüssel und sagte: »Wenn ich wiederkäme, dann käm' ich wohl, um von neuem Maler zu werden.«

In Jena ging er zu Ernst Haeckel und ließ sich von ihm beraten, welche Vorlesungen er belegen sollte, und wurde Student. Er dachte nicht an die Matura – erst wollte er ein Stückchen hineinlaufen in die Wissenschaft.

Er mietete sich ein in einem nüchternen Hause der Stadt, aber er fand sich da nicht zu sich selber. Und um die Novembermitte, als er vier Wochen in Unbehagen in der steinernen Straße unter vermauertem Himmel gelebt hatte, jubilierte er in Flockentreiben und brüllendem Weststurm den Wall des alten Schießstands in Weimar entlang. Er konnte nicht durch die verschlossenen Schlüpfe im Zaun – da stieg er über und sprang hinein in den alten, einsamen Winkel, in dem noch die Dieme gespaltenen Holzes stand, der so wintertraurig und so voll von Leben war.

»Zigeuner!« jauchzte er und schlang seine Arme um den Stamm der Kastanie, in die er die Namen geschnitten. Er war Maler gewesen und war Student geworden, aber er hatte nicht leben gelernt in den steinernen Gassen; nun lief er ins Herrenhaus und jubelte die silberne Exzellenz an: »Lassen Sie mir mein Haus im Winkel wieder – ich kann nicht daheim werden unter fremden Menschen, nicht daheim werden in der anderen Stadt, nicht daheim werden in mir selber. Ich will an jedem Tage nach Jena reisen – was verficht's, ob ich dort wohne oder hier?«

Dann lebte er wieder an der alten Stätte und arbeitete sich in eine tiefe, ungeheure Freudigkeit hinein.

Es trat kein Mensch seine Stapfen in den Schnee und in die Einsamkeit, die um ihn waren.

Er wartete auf Doris Rinkhaus, aber sie kam nicht. Es wurde Frühling und Sommer.

In Stunden, in denen er die Naturwissenschaften vergessen durfte, suchte er Farben und Pinsel hervor und den grauen Malerkittel und malte den Garten von allen Ecken aus, er malte die Häuser – er malte sich Schätze der Erinnerung für die Zeit, in der dies sonnendurchschauerte Idyll doch endlich ein Märchen für ihn werden müßte. Er dachte an Do, für die er dies Bild bestimmte und jenes – und ob sie wohl einmal sagen würde, wenn sie seinen Namen darunter las: »Jakobus Sinsheimer – den hab' ich einst gekannt; wir waren damals beide jung!«

Doris Rinkhaus war den Frühling über in Bonn.

In den langen Sommerferien reiste er nach Ibenheim.

Tante Veronika tat freudig geheimnisvoll, und eines Tages ging sie mit ihm zur Haltestelle der Bahn – so ganz von ungefähr, und war stolz auf ihren glücklichen, langen Studenten, der voll von grausam gelehrter Weltbetrachtung war.

Da lief der Zug ein, und Doris Rinkhaus stieg heraus und stürzte der alten gütigen Frau ans Herz.

Und weil Jakobus zur Salzsäule geworden war, da er auf das leuchtende Wunder hinschaute, sagte sie: »Na, Jockele?«

Da zersprang er – »Do! Do!«

Die Welt ging unter, und er hatte gerade noch Zeit, Doris Rinkhaus zu retten, und trug sie auf seinen glückseligen Armen über den Bahnsteig und in seinem Herzen, in seinen Augen hinauf auf den Berg ins Frühlingshaus.

Da hatte er sein zweites Examen bestanden – summa cum laude. Es dauerte viele Tage, aber das Zeugnis bekam er schon am ersten.

Wie Do und Jo ›Du‹ zueinander sagten, und er längst keine Scheu mehr vor ihrem Königinnentum hatte, ließ sich auch Tante Veronika das Gelöbnis der Verschwiegenheit zurückgeben. Es war eine schöne und helle Stunde, in der sie ihm ihr Herz aufschloß – diese Stunde sah aus wie Doris Rinkhaus. Aber Do war hinausgegangen; denn Jockele war in allen Stücken gewachsen, seit er mit Gwendolin das lebende Bild in der Fasanerie gestellt hatte. Sie ahnte, was käme, und wollte dazu ganz allein mit ihm sein.

Danach fing er an, Hochzeit zu feiern, und sagte: das Gartenhaus am Horn riefe nach ihr, und er malte es ihr mit Worten von Herrlichkeit und Sehnsucht. Aber Doris Rinkhaus sagte: »Ich werde auch wieder einmal in dem Gartenhause wohnen – da nehm' ich Tante Veronika mit, und es wird sehr fein.«

Wieder verging ein Jahr, wieder hatten Do und Tante Veronika den Winter im Frühling des Südens verbracht, und wieder saßen Do und Jo in den Sommerferien vor dem thüringischen Buchenwalde. Da erzählte ihr Jockele viel von der ›Entwicklung der Organismen aus eigener Kraft durch die physikalische und chemische Energie der lebendigen Substanz‹, viel von ›plastischem Distanzgefühl‹ und wie die Natur die wundervollsten Kunstgebilde schaffe. Er erzählte ihr, daß er diesen Kunstgebilden nachginge, und just wie einst male er, was er sehe; und er schreibe dazu, was er erkannt hätte. Und daß dies eine Förderung der Wissenschaft bedeutete. Noch ein Jahr wollte er daran arbeiten, dann wollte er das Werk einreichen und damit zum Doktor promovieren. Es wurde fertig und hieß ›Der Kunsttrieb der Natur‹.

Von dem ›Schmetterlingsbuche mit Illustrationen‹, das der Dorfjunge in der Gartenhütte von Ibenheim verfaßt hatte, bis zu diesem war ein weiter Weg.

Sein väterlicher Freund Haeckel las es, und er klopfte ihm auf die Schulter und sagte: »Ein rechter Kerl geht nicht unter – auch ohne Matura; deutsche Hochschulprofessoren sind keine Philister, und aus einem Zigeuner wird durch die kluge Sorge seiner alten Tante ein gelehrter Doktor.«

Da bestand er sein drittes Examen – diesmal cum laude.

Danach reisten sie nach Bonn – Do und der Doktor und Tante Veronika und das Mädchen Mali; denn Veronikas neunundsechzig Jahre mochten die Hilfe der alten Dienerin auch auf der Reise nicht mehr entbehren.

Damit ist die symmetrische Geschichte mit den drei Prüfungen zu Ende.

Die Gartenhäuser am Horn in Weimar liegen wieder einsam. Aber unter den Sommerbäumen schreiten schöne, lichte Gestalten, gaukeln liebe und bunte Träume. Und wer am Kastanienstamm beim Zaun die eingeschnittenen Namen betrachtet, für den erwachen die Träume zum Dasein; denn um Sieger leben die Vergangenheiten.

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