Jockele und die Mädchen (continued 2)
Reading edition
Danach stand er sehr ruhig auf und sagte: »Ich will in das Gartenhaus gehen und sehen, wie wir es machen können.«
Als es schon ganz dunkel geworden war, kam er wieder herein und sagte:
»Es ist nicht das, was Ihr denkt, daß es mich so hart getroffen habe! Daß eine Zigeunerin im Bergwinter verkommen ist, die ich nicht kenne, ist ein Jammer, und der Gedanke ist furchtbar, daß sie meine Mutter gewesen sein könnte. Aber ich habe sie nicht gekannt – sie hat auch gar nicht gewollt, daß ich sie kenne und liebhabe – aber sie zerreißen sich nun die Mäuler in der ganzen Gegend über mich. Vielleicht ist das auch nicht so schrecklich, wie es mir jetzt zu sein scheint; denn jetzt meine ich, ich könnte mich nicht mehr draußen sehen lassen, weil die Kinder hinter mir herschreien, was mir meine Mutter getan hat.«
Tante Veronika hörte ihn in Ruhe an, aber der alten Wirtschafterin wendete sich das Herz um, und sie kam mit Gründen einer landläufigen und gefühlsseligen Moral, daß es schlimm wäre, wenn ein Kind so von seiner Mutter rede.
»Und was hast Du Dir weiter gedacht?« fragte Veronika.
»Ich habe mir gedacht, es wäre am besten, ich ginge fort, schon morgen. Ich habe alle meine Zeichnungen zusammengesucht und will damit zu Maria Reh nach Weimar und möchte sie fragen, was sie zu der Sache meint. Wenn ich unter fremden Menschen bin und neue Pflichten habe, komme ich leichter über alles hinweg.«
»So ist es wohl am besten,« sagte Tante Veronika. »Ich kann Dir in jedem Monat hundert Mark schicken; wenn Du mit dieser kleinen Summe auskommst, so will ich Dich nicht zurückhalten. Und es wird wohl gehen; denn Maria Reh hat mir gesagt, daß sie auch mit so wenigem haushalten müßte.«
»Hundert Mark?« fragte Jakobus in großer Verwunderung.
»Du darfst darüber nicht erstaunt sein,« sagte Veronika, »es ist nicht viel – Du weißt das noch nicht. Aber ich denke, es läßt sich schon machen.«
Sie hütete sich auch in dieser finsteren Stunde vor schulmeisterlichen Lehren und dachte: wenn ich ihn falsch erzogen habe, so wird nun auch sein Leben falsch werden.
Dann stand sie auf und suchte mit dem Mädchen alles zusammen, was er mitnehmen sollte. Er trug aus dem Gartenhause herüber, was er für nötig hielt, und sie ließen noch etliches für den anderen Tag; denn es wurde bestimmt, daß er erst abends reisen sollte, um den peinlichen Augen der Leute von Ibenheim aus dem Wege zu gehen.
Als die Stunde gekommen und sein Gepäck schon vorausgeschickt war, begleiteten ihn Veronika und Mali bis auf die Schwelle des Hauses. Sie hatten alle aufrechte und stille Herzen, und Fräulein Sinsheimer sagte: »Ich habe mir das bis zuletzt aufgehoben: borge Dir von keinem Menschen Geld, wenn Du einmal nicht mit dem langen solltest, was ich Dir geben kann! Es würde mir sehr weh tun; denn Du würdest damit bezeigen, daß Du zu anderen mehr Vertrauen hast als zu der Frau, die mit all ihrer Treue und Liebe um Dich gewesen ist. Du hast mir viel Freude geschenkt, Jakobus, und ich habe die Pflicht und den Wunsch, Dir für dies Glück zu danken. Du wirst mich immer finden, so oft Du mich suchst. Und nun sei brav und tapfer – lebe wohl!«
Jakobus sagte: »Ich weiß seit gestern klarer denn seit je, daß ich Dir alles zu danken habe, was ich bin und wohl auch werde, liebe Tante Veronika, und ich werde es nie vergessen.«
Dann beugte sich seine hochgewachsene klare Jugend zu der kleinen feinen Frau hinab, und sie küßte ihn mit ihren schmalen Lippen auf die Stirn.
Die Glocke am Schwibbogen tat drei leise Schläge, als sich die Türe geschlossen hatte, und Veronika sagte zu Mali: »Wir sind heute ein großes Stück dem Ende zugelaufen. Man legt nicht jeden Tag als Maß an den Weg, aber in solch einem stehen gleich sieben Meilensteine.« –
Er kam nachts um elf Uhr nach Weimar. Am anderen Vormittage ging er in die stille Straße, die Am Horn heißt; denn Maria Reh wohnte seit einiger Zeit mit einer Freundin, die auch Malerin war, in dem sehr kleinen Gartenhause, das ganz versteckt in dem schönen Besitze des Generalintendanten von Vignau liegt.
Als er den breiten Fahrweg entlang schritt, der von dem eisernen Tor unter Kastanienbäumen zu dem Häuschen führt, kam er sich sehr tapfer und fast daheim vor; denn er war durch den alten Weimarer Park herübergegangen, und die Welt war voll Frühlingsahnungen und heimlich springenden Knospen wie der Buchenwald an den Hängen des Gebirges. Als seine Augen nun den Schritten voraufliefen und an den kleinen Fenstern suchten, ob sie Maria Reh sähen, wußte er: er würde den Damen alles erzählen, was ihn zu seinem raschen Entschlusse gebracht hatte. Er kannte all diese Menschen nicht, an denen er vorbeigelaufen war, und fühlte: denen wäre es ganz gleichgültig, woher er gekommen sei; und sein helläugiges Wesen bäumte sich auch dagegen auf, sich von den Malerinnen die Wege in das Leben führen zu lassen und ihnen dafür mit Unehrlichkeit zu begegnen. Barbara Laufer hatte wahrscheinlich längst von allerlei Vermutungen zu Maria Reh gesprochen …
Er stand vor der grauen Haustür und zog an dem Glockenstrange, der aus einer anderen Zeit kam … Da hatte ihn Maria Reh auch schon in den Händen, und ihre weiche tiefe Frauenstimme wollte sich überschlagen –
»Mensch!« rief sie, »Sie sind ja schon wieder eine Elle länger geworden und haben die Augen ganz voller Himmel – was will denn das werden?«
Sie zog ihn die schmale Holztreppe empor – – was war das für eine starke und frohmütige Art!
In der kleinen Stube nach dem Garten hin stand Doris Rinkhaus in einem hellblauen Morgenkleide – ein Frühlingstag, dachte Jakobus Sinsheimer; denn es war alles blau und golden an ihr, ihr Gesicht blühte wie ein Sonnenhang im März, und sie trug das lichte Haar wie die Mädchen auf den Bildern Defreggers.
Das stürzte alles so über ihn, und eine dunkle und eine helle Frauenstimme flatterten um ihn wie ein Trauermantel und ein Zitronenvogel, die in seinem jungen Lichte spielten. Maria Reh ergriff seine beiden Hände und legte sie in die von Doris Rinkhaus und sagte:
»Das ist der Junge aus dem grünen Lande! Gib acht, aus dem wird etwas – es weiß nur noch nicht, wohin es mit ihm will!«
Nun saßen sie sich seit drei Minuten gegenüber und kannten sich schon seit Anbeginn.
Auf dem Tische lag ein Wachstuch; das Geschirr vom Morgenkaffee stand noch darauf und daneben lagen viele Krumen. Auf einmal fiel es Doris Rinkhaus ein, sie müßten den Tisch abräumen, weil sie Besuch hätten. Da packten sie beide die vier Zipfel des Wachstuches, ließen das Geschirr durcheinanderklirren, schütteten ihr Lachen darüber und trippelten damit in die Küche. Dann rückten sie an Jakobus heran, daß die drei Paar Knie zusammenstießen, und Maria Reh sagte: »Schießen Sie los, junger Mann! Sie wissen, Sie haben sich einmal an mir in sieben rosenrote Himmel hineingeschwärmt, aus deren etlichen Sie jählings herausgefallen sind. Aber der Freundschaft tut das keinen Eintrag – und nun mal los: Hat die Tante Veronika einen Krach geblasen? Leiden Sie an einer unglücklichen Liebe, die ganz gewiß Ihre letzte sein wird? Haben Sie ein neues Schmetterlingsbuch verfaßt, oder wie ist das?«
»Du reißt ja mit einem Male alle Türen an Herrn Sinsheimer auf!« mahnte Doris Rinkhaus. »So laß ihn doch erst zu sich selbst kommen!«
Da tat Jockele einen tiefen Atemzug – es ging nun doch nicht so leicht, wie er nach dem klingenden Begrüßungsfeste gedacht hatte. Er begann tastend – ein Wanderer an einem steilen Hange, der fürchtet, die Steine unter ihm könnten ins Gleiten geraten. Er suchte zuerst auch in den Augen und Mienen der Mädchen, ob sich in ihnen über seine Rede eine heimliche Lustigkeit zeige. Aber sie hörten ihm mit Selbstvergessenheit zu. Einmal unterbrach er sich und sah Maria Reh an: »Wußten Sie schon, daß allerhand Gerüchte über mich in den Dörfern liefen?«
»Ja,« sagte sie, »ich habe es reden hören. Die Leute taten sehr geheimnisvoll; ihre Erzählungen hörten sich auch gar zu komisch-romantisch an – das Lachen kam einem ja, wenn man ihre stumpfen Gedanken und plumpen Münder an diesem Rätsel herumraten sah!«
»Ich dachte es mir, daß Sie es wüßten. Und Sie haben mir auf unseren Waldgängen nichts davon gesagt?«
»Warum sollte ich mich in Dinge drängen, die mich nichts angehen? Und wenn Sie selbst gar keine Ahnung gehabt hätten – warum sollte ich Ihnen denn einen so großen Schmerz bereiten?«
»Sie reden von einem großen Schmerz, Maria. Wollen Sie ganz ehrlich gegen mich sein?«
»Ja,« sagte sie, »ich gelobe es sogar!«
»So sagen Sie mir: was meinen Sie mit diesem großen Schmerz?«
»Ich habe gedacht, es müßte Ihnen sehr weh tun, daß Ihre Mutter Sie so lieblos in die Welt gesetzt hat …«
Darüber sprang Doris Rinkhaus auf und schritt ein paarmal durch die kleine Stube –
»Was meinst Du?« fragte Maria.
»Ich glaube gar nicht an den großen Schmerz,« sagte sie, »nein, ich kann es mir nicht denken!« Und es lag über ihren klugen Stirn und über ihrem leuchtenden Munde wie ein Märztag, den der Sturm blank geblasen hat. Sie sprach hart und klar: »Wenn ich mir überlege, meine Mutter hätte mich hilflos auf eine fremde Schwelle gesetzt und hätte sich nicht mehr um mich gekümmert, dann hätte sie ja gar keinen Anspruch auf meine Liebe …«
Danach erzählte Jockele die Geschichte zu Ende. Es kam ein fast wilder Mut in ihn, den Kampf mit dem Leben aufzunehmen, in das er nun hinausgestoßen war, ehe er daran gedacht hatte. Hinter jedem Worte stand sein kampfmutiges und kühnes junges Herz. Der blühende Märzenmund hatte zur Flamme geblasen, was Glut gewesen war …
»Man wird auch hier von dieser Geschichte reden; denn ich mag nicht immer um mich selbst herumlaufen wie der Fuchs um das Schlageisen, in dem er sich doch endlich fängt – nur sagen Sie es mir: wird man auch hier hinter mir herschreien und mich verachten, weil meine Mutter eine Zigeunerin war?«
»Ach Unsinn!« riefen die Mädchen wie aus einem Munde.
»Wenn Sie schon recht viel könnten, wären Sie mit einem Schlage berühmt!« Doris Rinkhaus fand alles ›rasend‹ interessant und warf die ›Donnerwetter‹ hinter ihre Worte als Ausrufezeichen. Manchmal wollten ihr Herz und Kopf davonlaufen, dann schlug sie sich übermütig vor den Mund und sagte: »Nur für Damen! Darüber will ich mit Maria reden, wenn wir allein sind!« Und Maria Reh faßte Jockele vorn an der Jacke und sagte: »Wissen Sie noch, wie weich und träumerisch und maigrün Sie um die Wachtelweizenblüte waren?«
Es flog ihm blutrot aus dem Herzen herauf – nun ja, auf dem Weg aus dem Sommerwalde durch den Bergwinter hatte auch viel Erkenntnis und Einsamkeit gelegen, dazu der Tag, in dem Tante Veronika sieben Meilensteine stehen sah! … Doris Rinkhaus sprang rettend dazwischen –
»Wie ich die Dinge beurteile,« sagte sie, »so müssen wir jetzt eine Bude für Sie suchen; denn hier geht das nicht, junger Mann!«
Jakobus Sinsheimer hätte am liebsten gesehen, wenn es hier gegangen wäre – nun jagten sie ihre Gedanken durch viele Straßen, und als nichts paßte, verfielen sie auf das Dienerhaus, das neben dem sehr kleinen Gartenhause stand und doch fast dreimal kleiner war als dieses. Weiß Gott, welcher Philosoph sich das einmal ins Grüne gedichtet hatte wie Vögel ihr Nest! Doris Rinkhaus sagte: es müsse ein ganz ungeheuer fröhlicher und gescheiter armer Mensch gewesen sein, und er sei über dem Gedanken sicher ins Singen geraten oder in ein welt- und himmelfröhliches Pfeifen.
Die Sache kam in Ordnung: Jakobus Sinsheimer, der angehende Kunstmaler, hatte zwei Stuben zu ebener Erde und über sich ein Dach. In der einen hatte mit knapper Not sein Bett Platz. Auf ein Atelier glaubte er aus vielerlei Gründen zunächst verzichten zu können. Er ließ sich also sein Gepäck herbefördern und fing an zu wohnen.
Auf der Akademie hörte er auch Kunstgeschichte bei einem alten Herrn, der einmal Pastor gewesen war. Am ersten Tag erschien ihm die Sache prächtig; denn er trat an die neue Welt heran mit dem selbstverständlichen Willen, sie in allen Stücken vollkommen zu finden. Später saß er in diesen Vorlesungen mit grausamer Selbstentäußerung und ließ ihre mitleidlose Langweile über sich zusammenschlagen. Auf Akt und Landschaft warf er sich mit der fröhlichen Kunst der Jugend zum Glücklichsein. Es war ein frisches Zugreifen und herzhaftes Vorwärtskommen, aber nicht ohne Eigenwilligkeiten, wegen derer es zu Auseinandersetzungen zwischen ihm und seinen Lehrern kam. Wege suchen und Ziele finden, wenn es auch noch so mühsam war, machte ihn warm; der Regel und dem Schema stand er gefroren gegenüber. Um Menschen solcher Art bilden sich zweierlei Meinungen – die einen sagten: »Dieser Sinsheimer kann nichts und wird nichts!« Die anderen meinten: »Sinsheimer ist ein eigenwilliger Kopf, aber er ist aus dem Holze derer geschnitten, die durchkommen!«
Er hatte schon wenige Tage nach seiner Uebersiedlung viele Bekannte; denn ein Junge, dem Zigeunerblut in den Adern rollte und der berühmt war von dem Augenblick an, in dem ihn zum ersten Male die Sonne beschienen hatte – das war etwas! Dazu diese geschmeidigen Glieder, und dies Herz, voll bis zum Rande von der Kraft des Bergwalds, und die Augen voller Licht – »Donnerwetter!« schrieb Doris Rinkhaus hinter Jakob Sinsheimer. Nach vier Wochen wußte kaum einer mehr, daß er noch einen anderem Namen trüge als Jockele – und das kam ihm von Maria Reh.
In der Zeit zwischen März und Frühling geriet er in das Leben, das Doris Rinkhaus in der Klarheit, mit der sie alle Erscheinungen erfaßte, die ›Filiale von München-Schwabing‹ genannt hatte. Es ist ein Gemisch von Jugend, Sorglosigkeit, Uebermut, einem ganz geringen Zusatz ernster Arbeit und einem stärkeren von vermeintlicher Genialität. Zu den äußeren Kennzeichen rechnete Jockele, daß jeder, der in diesem Leben stand – sei es Jüngling oder Mädchen – die unverbrüchliche Verpflichtung eingegangen zu sein schien, in je fünf Minuten mindestens einmal die Worte genial, Genialität oder Genie zu gebrauchen. Darüber gelangte man zu der Annahme, die Genies wüchsen in der Welt wie gelber Löwenzahn, und binnen kurzem könnte sich die Erde nicht mehr vor ihnen retten.
Das war die Zeit, in der Jockele zu der peinlichen Erkenntnis kam, daß ein Monat zwanzig Tage länger sein kann als hundert Mark.
Ehe er dieses Maß nahm, hatte er sogar Geld ausgeliehen. Einmal machte er sich auf den Weg, die Schuld einzufordern. Da schloß ihn der Kunstschüler gerührt in die Arme und rief den Propheten Daniel zum Zeugen an, daß er alles bezahlen würde, wenn er berühmt wäre.
Mit diesem Troste zog Jakobus Sinsheimer seine Straße und war froh, daß er über den alten Schießstand unter den mächtigen Kastanienbäumen nach Hause gehen konnte, der hinter den Gartenzäunen langlief; denn er dachte, die Menschen müßten es ihm ansehen, daß er seit drei Tagen nur noch zwei rote Pfennige in der Tasche trüge. Weil der Magen gegen solche Behandlung knurrend Einspruch erhob, trat Jockele zuvor in den Hausgang einer Bäckerei und erstand für diese zwei Pfennig Weißbrot. Auf dem Walle des Schießstandes, um den Maienwind und Grün wirbelten, verschlang er die Semmel und sah dabei manchmal über die Gartenzäune, ob da wohl einer in sattem Wohlbefinden stand und ihn beobachte. Aber es war niemand da als der Frühling, und der hatte alle Hände voll zu tun; denn da warteten die tausendarmigen Leuchter der Kastanien und wollten angezündet sein.
Als Jakobus gerade den alten Wall hinabspazierte und durch die Schlüpfe des Gartenzauns in die grüngoldene Einsamkeit verschwinden wollte, setzte sich ein Mann im Gras auf. Ein stattlicher Herr mit einem blonden Vollbart und einer goldenen Brille. Unter seinen forschenden Blicken schritt Jockele auf die Pforte zu, und als er den Schlüssel hervorsuchte, erhob sich der andere und fragte: »Ah, Sie wohnen hier?«
»Zu dienen – in dem ganz kleinen Hause da.«
»Aha. Da sind Sie also der junge Maler Jakobus Sinsheimer. Ich heiße Fridolin Hartwig.«
»Angenehm. Auch Maler?«
»O nein, ich bin Schriftsteller. Darf ich Ihnen für wenige Augenblicke in das grüne Idyll folgen? Ich interessiere mich dafür – man kann Sie ja wohl darum beneiden.«
»Das wohl!« sagte Jockele. – Sie schritten über das Gras, das unter den schon schattenden Obstbäumen noch morgenfeucht war.
»Sie haben ja einen romantischen Einzug in die Welt gehalten,« begann Hartwig, »und wollen es im Leben zu etwas bringen, hm?«
»Ich hoffe.«
Sie waren eine halbe Stunde beisammen, und als sie wieder vor der Pforte im Zaune standen, kam Doris Rinkhaus den Gartenweg daher und ein Paar aufdringliche Männeraugen begegneten ihr.
»Was hatten Sie denn für einen Herrn in Ihrer Gesellschaft?« fragte sie später. Sie ließ es sich berichten …
»Er hat unehrliche Augen,« sagte sie – »solche, die gern um die Ecke gucken. Und wissen Sie, derartige Koketterien wie die dünne silberne Uhrkette um den Hals, die große Silbermünze mitten auf der Brust, und dies Spazierstöckchen neben so mächtigen Gliedern – so etwas wirkt auf mich einfach peinlich.«
»Aber liebes Fräulein Rinkhaus …«
Sie sprang mitten hinein in seine Rede –
»Ach, sagen Sie, was Sie wollen, so trägt sich ein Mann nicht, und wenn er sich noch so ernst gebärdet! Ich würde das nicht einmal einem halbwüchsigen Kunstschüler verzeihen.«
»Sie verschießen Ihre Worte ja wie vergiftete Pfeile,« lachte Jockele; aber es war nicht das fröhliche Draufgängertum der anderen Tage in ihm.
»Jawohl, Pfeile! Und ich wünsche, Sie würden getroffen! Ich glaube, es ist die höchste Zeit, Sie einmal auszuputzen. Sie laufen seit ein paar Tagen in der Welt herum und tragen den Kopf unter dem Arm. Kommen Sie mal gleich rein, da kann ich lauter reden!«
Sie faßte ihn am Jackenzipfel und zog ihn hinter sich her in das kleine Haus. Da hatte die Sonne tausend Goldstücke auf die Dielen gelegt – Jockele sah dies poesievolle Leuchten zum erstenmal aus dem nüchternen Gesichtswinkel geprägten Edelmetalls. Das ist ein kläglicher Standpunkt; die meisten Menschen sagen: er ist richtig, aber sie unterbinden sich damit das Herz, kriegen scheele Augen, puddeln sich darüber ins Grab und haben ihr Leben zuletzt doch um das bißchen Himmel betrogen.
Doris Rinkhaus schob die Staffelei und den Stuhl in den Winkel – es war weiter nichts da, das sie am Auffahren ihres Geschützes hinderte. Jockele suchte einen Stützpunkt und wählte sich dazu den Stuhl. Sie wollte gleich ein richtiges Maschinengewehrfeuer auf ihn eröffnen, da befiel sie ein letztes Mitleid – »Mensch, sind Sie krank?« fragte sie.
»Ja,« sagte er, »sehr! Ich habe kein Geld und habe seit drei Tagen eigentlich nichts mehr gegessen.«
»Was fällt Ihnen ein, – sehen Sie denn nicht, daß Sie mich damit einfach entwaffnen?«
»Das einzige Gute an diesem verzweifelten Zustande!« sagte Jockele. »Sehen Sie, ich habe mein Portemonnaie vor ein paar Tagen auseinandergezogen und in die alte Vase gesteckt, als Blume der Erinnerung an schöne Zeiten.«
Er trug vom Fensterbrett nebenan die Vase herüber, die er in einem Winkel des Schuppens gefunden hatte, und darin steckte die zerknüllte Geldtasche und machte eine schmerzensreiche Verbeugung vor Doris Rinkhaus. Die hatte über Jockele im besonderen und über die schiefe Stellung zum Leben reden wollen, in die er hineintrieb – nun aber sprach sie über die Männer im allgemeinen und teilte sie ein in Helden, Dummköpfe und Kinder. Die Helden kämen hier gar nicht in Frage; denn sie wüchsen spärlich wie Mohn im Winter. Die Dummköpfe müßten ausgeschaltet werden, weil sie in Riesenauflagen erschienen und von der fixen Idee befallen seien, sie wären als würdige Vertreter des starken Geschlechts in die Weltregierung eingesetzt und wären so etwas wie die Staatsminister des lieben Gottes. Und die dritte Sorte: die Kinder – aus denen in allen Fällen etwas würde, wenn sie beizeiten einer gescheiten Frau in die Hände fielen …
Jockele bekam eine Anwandlung verzweifelten Humors und sagte: »Darüber müssen Sie mal einen öffentlichen Vortrag halten.«
Da merkte sie, daß sie sich nun doch mäßig aneinander erbost hatten, und fragte ihn, wie es käme, daß sie nur zwei Jahre älter und dennoch um ein Menschenalter gescheiter wäre als er?
»Das ist wohl so etwas wie Notreife, die ich als peinliche Tatsache empfinde, bis ich wieder Geld habe,« sagte er.
»So kann ich bis dahin auch nicht mit Ihnen kämpfen! – Sie müssen also heute an Tante Veronika schreiben, ich bringe Ihnen Briefpapier und eine Marke.«
»Fällt mir ja gar nicht ein,« sagte Jockele, »denken Sie, ich mache mich auch dort lächerlich?«
Hinter diese Rede setzte Doris Rinkhaus ein Ausrufezeichen; sie ließ es ihn aber nicht merken.
»Es muß doch irgendetwas geschehen!«
»Natürlich – ich hungre die zwanzig Tage, und wenn es nicht mehr geht, fresse ich Gras.«
Da machte sie wieder ein Ausrufezeichen.
Sie dachte nicht, daß es bei dieser stumpfen Härte einen Zweck hätte, aber sie sagte dennoch: »Sie gehen augenblicklich mit zu mir hinüber und essen sich satt! Ich lade Sie für jeden Tag dieses Monats zu Mittag und Abend – zwischendurch gibt es nichts!«
»Diese Güte beschämt mich, Fräulein Rinkhaus! Aber es wird sich nicht anders machen lassen. Ein Trost ist, daß es zwischendurch nichts gibt, sonst würde ich für meine Eselei ja gar nicht gestraft werden.«
Doris Rinkhaus lachte hell auf, und er gab sich der klaren Ueberlegenheit ihres leuchtenden Frauentums mit ganzer Seele hin. Maria Reh war schon seit drei Tagen in ihre westfälische Heimat gereist und blieb über Pfingsten fort.
Als er gegessen hatte, fragte er: »Warum reisen Sie nicht auch?«
»Trotz!« sagte sie. »Wenn wir uns besser kennen, erzähl' ich Ihnen diese Geschichte. Ich bleibe dies ganze Jahr hier.«
»Auch ich kann ja nicht nach Hause gehen,« sagte er. »Ich muß erst weiter abrücken von den Dingen und Menschen, die dort um mich gewesen sind, seit ich vor der Tür aufgelesen wurde. Ich bin zwar fast immer allein geblieben, aber ich kenne diese Gesichter von Ibenheim zu gut, und ich kann Augen nicht leiden, die so an mir herumnagen.«
»Augen, die an einem herumnagen …,« wiederholte sie nachdenklich, – »jawohl, das ist das richtige Wort dafür; jener Herr Fridolin Hartwig hat auch solche Augen. Vielleicht nur Frauen gegenüber … Es gibt viele Männer, die uns auf diese Weise anfallen, und kommen sich dabei wohl auch tapfer vor.« Da merkte sie, daß sie damit auf ein Feld geraten war, auf dem die Jugend Jockeles noch nicht säete. Sie dachte auch, vielleicht wäre sie darin von zu großer Empfindlichkeit; denn Maria Reh hatte ihr einmal gesagt: »Du bäumst Dich da vor Dingen auf, die gar nicht so widerlich sind.« – Nun ja, Maria Reh, mit ihrem sachte rinnenden Blute und ihrer Hochsommerruhe! Maria Reh stand nicht mehr weit von der Schwelle der Dreißig.
»Es ist merkwürdig, daß Maria nirgend rechten Anschluß findet,« sagte sie dann, »sie hat hundert Bekannte und keinen Freund oder keine Freundin. So ist es auch mit ihrer Kunst – sie malt tausend Landschaften und kein Bild. Und so sind sie fast alle, diese ›Malerinnen‹; sie hungern nach Betätigung und werden doch nie satt an einer Sache, zu der sie von ihrem Geschmack, aber nicht von einem gewaltigen Willen und überzeugendem Talente geführt worden sind. Nun halten sie zwar erträglich damit Haus, aber sie finden sich darüber doch nicht zu einem Glücke des Lebens.«
»Und doch reden sie alle ganz anders,« sagte Jakobus.
»Reden! Natürlich reden sie; sie sind begriffen auf einer fortwährenden Selbstentschuldigung, oder nicht einmal das – sondern sie sind froh, daß sie ihr Leben wenigstens ohne die Langweile vertändeln können, die sie – sind sie Frauen – auch zu physischem Ruin führen.«
Jakobus merkte: es waren in diesem Mädchen ganz andere Kräfte lebendig, es war ein Licht in ihr in einer fast wilden, unbändigen Helligkeit, das nun in ihn hineinstürmte.
»Es hat noch niemand so mit mir gesprochen,« sagte er.
»Mit mir auch nicht!« lachte sie – »sonst wär' ich nicht so querköpfig geworden. Querköpfig daheim und querköpfig unter den Menschen. Ich ecke an, wo ich mich sehen lasse.«
»Mit Ihrer Kunst auch?« fragte Jockele.
»Ach Unsinn – oder besser: leider nein; denn was ich schaffe, schaff ich für mich, zu einem Mehr reicht's nicht aus.«
»Und sind mit solcher Erkenntnis Kunstgewerblerin geworden?«
»Nein, lieber Jakobus Sinsheimer! Ich bin nur dazu gegangen, damit ich aus Verhältnissen herauskam, die mich in ein paar Jahren auch um das betrogen hätten, was mich heute noch apart – oder sagen Sie: so fröhlich eigenwillig macht. Mein alter Herr ist Fabrikbesitzer in Bonn, er ist ein reicher Mann – na, was soll ich Ihnen sagen: da fliegen die heiratslustigen jungen Männer ins Haus, daß es eine Art hat! Natürlich – ich will heiraten – aber ich will heiraten … Sie verstehen ja davon nichts! Sehen Sie, wenn es nach mir gegangen wäre, hätt' ich studiert – Kunstgeschichte meinetwegen oder Germanistik, oder auch Staatswissenschaften, und hätte promoviert – aus purem Eigenwillen, wissen Sie. Aber dazu fehlen mir die Zeugnisse. Und so in die Vorlesungen laufen, ohne das Ziel eines Abschlusses mit dem Dr. phil., ist ganz und gar nicht nach meinem Geschmack. Da hab ich mich nach Weimar gesetzt. Ich liebe diese Stadt, sie ist voll berauschenden Lebens – die meisten laufen daran vorbei mit ihren müßigen Seelen und schwätzen von dem ›Odem einer großen Vergangenheit‹, unter dem ihr kärgliche Licht manchmal ein bißchen ins Wackeln kommt. Ich bin hier, weil ich mir hier selbst gehöre! Alles andere ist Nebensache, und den Titel einer angehenden Künstlerin verbitt' ich mir ein für allemal … Das war eine lange Rede. Ich hätte sie Ihnen erst halten sollen, wenn Sie mal Weltschmerz haben – vielleicht hätte ich Sie dann wieder aufgebaut. Na, Hunger und Weltschmerz sind ja wohl Geschwister. Heut abend um sieben kommen Sie zum Nachtmahl. Und nun fangen Sie wieder an zu arbeiten. Adieu.«
Sie nahm eine Kunstgeschichte vom Regal, setzte sich vor den Tisch am Fenster, und Jockele ging hinüber in seinen Malraum; er ging wortlos und dachte, was das mit ihm wäre? Er hatte dem weichen Frauentum Maria Rehs gegenüber vor einem Jahre die gleiche Willfährigkeit gezeigt wie jetzt dieser leuchtenden Mädchenjugend. Es waren Schauer wollüstiger Ergebenheit, zu beiden Malen, die ihn ganz untergehen ließen in der anderen Art – dort ein weiches frauliches Hinnehmen, das hatte sanfte Hände, denen er sich einst mit geschlossenen Augen ergab … und diese schöne klare Doris Rinkhaus kam über ihn als ein jauchzender Sieg.
Es war eine Sache, die ihm wohl eines Gedankens wert schien, aber er zerbrach sich nicht den Kopf, weder darüber, ob es so in Ordnung sei, noch darüber, ob es daher käme, daß er vom ersten Tage ab nur Frauen um sich gehabt hatte. Auch was in seiner Stellung zum Leben und zu seinem Schaffen etwa auf Rechnung dieser Erziehung zu setzen wäre, fiel ihm nicht ein, zu erwägen – für jeden Menschen ist der Weg siebenmal um die Erde viel kürzer als der in sein eigen Herz. Und zwischen diesem Herzen und den Augen, die ihm am nächsten sind, liegt neunfältige Nacht. Die Tür zu dem Herzen aber ist so fest zu, daß ein großes Glück, welches mit Leichtigkeit den Himmel samt allen Sternen in die Arme schließt, kaum mehr an ihr vermag, als durch das Schlüsselloch zu gucken, ob es dahinter auch wirklich hell ist. Ein großes Leid aber bescheidet sich nicht mit dem Schlüsselloch – ein großes Leid tritt die Tür ein; denn es hat eiserne Füße und Fäuste von Stein.
Auf derlei Gleichnisse verfiel Jockele aber nicht. Und das war gut; sonst hätte seine Jugend ausgesehen wie einer, der in Kniehosen und hohem Glanzhut durch die Welt läuft. – Er steckte noch bis über die Ohren in der landläufigen Weisheit, daß der Mensch zum Arbeiten da sei – eine Sache, die auch der vor seinen Mitmenschen als selbstverständlich anzusehen hat, der da weiß: das ganze Menschengeschlecht wird erst dann in die sehnsüchtig erträumte Gotteskindschaft hineinwachsen, wenn ihm Arbeit und Leben eine fröhliche Gemeinsamkeit geworden sind.
Tante Veronika hatte sich mit dieser Ansicht so viel Himmel erobert, als sich denken läßt; aber wie sie ihre Weisheit dem Jungen beibringen sollte, ohne die heillosesten Verwirrungen in ihm anzurichten, das war ihr dunkel geblieben. Darum hatte sie niemals an diese Dinge gerührt.
Von den jungen Männern, die Jakobus kennen gelernt, erweckte keiner den Wunsch nach engerem Zusammenschlusse in ihm – ein Erbe aus dem Frühlingshause; und an die älteren unter den Akademikern, die schon nahe daran waren, etwas zu sein, hatte ihm die Gelegenheit gefehlt, heranzukommen. Er arbeitete in diesem Sommer mit immer wachsender Zähigkeit. Ein über das andere Mal ging ihm das Vertrauen zu sich selbst in Scherben; dann mußten ihn die Damen aus dem Gartenhause wieder zusammensuchen. Aber raten konnten sie ihm nicht; denn Doris Rinkhaus stand diesen Erscheinungen fremd gegenüber, und in Maria Reh traten sie zutage als Verstimmungen leichterer Art; sie hatte sich schon bescheiden gelernt, als sie mit dem Pinsel an ihre erste Leinwand geriet.
In solchen Zeiten war Jakobus Sinsheimer für Gott und die Welt verloren, und Doris Rinkhaus allein durfte es unter Beobachtung aller Vorsicht wagen, ihm über den Weg zu laufen. »Sie sind selbst da noch ein ganz passabler Mensch,« sagte sie und hielt still, wenn ihn einmal ein blitzeschleuderndes Gewitter durchtobte. Maria Reh aber wurde bei solchen Gelegenheiten stets drei Tage unsichtbar für ihn und ließ sich nur langsam wieder finden. Er hielt auch diese Entladungen für ganz in der Ordnung und wurde in seiner Annahme bestärkt, als er einem Zusammenstoße zwischen Maria und Doris beigewohnt hatte, in dem Fräulein Rinkhaus seine Partei ergriff: »In einem jungen Manne, der so allein steht und sich seine Stellung in der Welt zu erkämpfen hat, sammelt sich allerlei Zündstoff – wo will er denn hin damit?« sagte Doris Rinkhaus. Aber Maria Reh redete von ungezogenen Stunden. Sie hatte sich über manche geheiligte Form und Regel des Kleinbürgertum hinweggesetzt, aber sie war doch ohne jene königliche Beschwingtheit der Seele, die der anderen ihren leuchtenden und freien Flug sicherte. So stand Jakobus zwischen den beiden Mädchen, deren gegensätzliche Art den friedlichen Verein der Drei niemals ernstlich in Gefahr brachte – das Barometer maß Tief und Hoch und zeigte so häufig himmelblaue Beständigkeit, als sie von Menschenherzen ohne Schaden ertragen werden kann. Der Wetterwechsel war nicht immer willkommen, aber man schlug seinetwegen den lieben Gott nicht tot.
Dies ganze Jahr war für Jakobus Sinsheimer Kampf, aber es war nirgend Sieg.
Hinter dem kleinen Hause lag ein Gartenwinkel mit Fruchtbäumen, der nach zwei Seiten durch die Gebäude, nach den anderen beiden durch Hecken und Zäune begrenzt wurde, und hinter der einen Hecke erhob sich der Wall mit den herrlichen alten Kastanien. Von dort her durch die Schlüpfe betrat Fridolin Hartwig den Apfelgarten während des Sommers häufig. Er kam immer mit dem leisen Tritt und der tiefen Ruhe des auf ein schönes inneres Gleichmaß gestimmten Menschen und erzählte von einigen Verlagshäusern, von denen er reichliche Einnahmen beziehe. Er war auch nie aufdringlich, suchte sich einen Platz in dem sachte durchsonnten Grase nahe der Staffelei Jockeles, redete dabei von nicht allzu tiefen und nicht allzu gleichgültigen Dingen und lebte sich durch die grüne Sommerstille als ein Mann, der auf Gedanken zu einem tüchtigen Werke wartet. Manchmal sprach er mit Respekt von sich selber, oder er brachte seinem jungen Freunde das Heft einer Zeitschrift, in der sich ein Artikel oder die Fortsetzung eines Romans aus seiner Feder befand, dann sagte er: »Das müssen Sie lesen.« – Wenn es geschah, daß Doris Rinkhaus in dem schlichten blauen Morgenkleide aus dem jenseitigen Gartenteil in ihr Haus schlüpfte, befiel sein besinnliches Wesen eine Bestürzung, und er raffte sich zusammen wie einer, der eine Attacke reiten will. Er war ihr schon vorgestellt worden, aber Doris Rinkhaus hatte ihr Urteil über ihn nicht geändert; nun ließ sie sich zwar sehen, so oft er da war, aber sie setzte ihn auf einen stummen Gruß und wußte: ›die nagenden Augen‹ liefen hinter ihr her, bis der blaue Schein ihres Kleides darin verlöschte – oder auch noch länger.
Jockele begann dieses Verhalten zu belustigen. Einmal sagte Hartwig: »Sie, Herr Jockele, ich glaube, Fräulein Rinkhaus ist eifersüchtig auf mich, oder sie ist hochmütig.«
»Sie ist keins von beiden,« sagte Jockele, »sie ist nur eigenwillig!«
»Hat sie einmal mit Ihnen von mir gesprochen?«
»Ja. Als Sie das erste Mal hier waren, seitdem nie wieder – sie fragte damals die gleichgültigen Fragen. Aber das ist ja natürlich; denn wir drei gehören nun doch zusammen; jetzt sind wir aber nur zwei; Fräulein Reh kehrt erst im September zurück.«
Der Anfang des Augustmonats war regnerisch, da besuchte Jakobus Fridolin Hartwig mehrmals; denn die Bilder, die im Sonnenschatten des Apfelgartens begonnen waren, konnten in dieser Zeit nicht gefördert werden. Einmal fiel ihm die Stille der Wohnung auf, und als er nach den drei Kindern fragte, sagte Hartwig: »Ich habe sie in ein Kloster gegeben. Ich arbeite zuviel, wissen Sie, und sie störten mich häufig. Außerdem konnten wir uns der Erziehung nicht in dem Maße widmen, das wir für wünschenswert hielten.«
Als sie noch redeten, klopfte es an der Tür, und Hartwig ging hinaus. Er sprach da mit einem Manne, der sich nicht abweisen zu lassen schien, und kam nach geraumer Zeit herein und sagte: »Pardon, Herr Jockele – haben Sie vielleicht sechzig Mark bei sich? Es ist mir eine Zahlung ausgeblieben. Ich erstatte Ihnen das Geld in den allernächsten Tagen zurück … Nicht? Das ist peinlich! Sie ahnen nicht, mit welchen Widerwärtigkeiten ein ringender starker Geist zu kämpfen hat!« Dann ließ er den Gerichtsvollzieher eintreten, der im Auftrage des Buchhändlers die Pfändungsmarke an das eichene Regal mit der Prachtausgabe eines Konversationslexikons klebte. … »Guten Morgen, Herr Hartwig.« – »Guten Morgen, Herr Hucke –« Die beiden kannten sich offenbar schon von früher. Und da war die Sache geschehen.
»Brauchten Sie denn zwei Lexika?« fragte Jockele. »Sie haben ja da noch den Herder.«
»Ach, wissen Sie, der enthielt mir zu wenig bibliographische Angaben, und da hab' ich mir noch den Meyer zugelegt – auf Raten, na, und die hab' ich ein paarmal vergessen … das ist doch menschlich, nicht? Wer soll denn solche Lappalien immer im Kopfe behalten?« Hartwig reichte Jockele das Zigarettenetui: »Da,« sagte er, »setzen wir uns einen Dämpfer auf!«
Aber Jakobus Sinsheimer war die Sache auf die Sprache gefallen – – drei Kinder im Kloster, Gerichtsvollzieher, und dabei das großmännische Behaben … Es war von diesen Gedanken und dem sachten Gruseln, das sie Jockele verursachten, nur ein Schritt bis zu Doris Rinkhaus. Er gab sich auch gar keine Mühe, Teilnahme zu heucheln oder sein Befremden zu verbergen, sondern verabschiedete sich und fiel wenige Minuten später in die Ecke des Sofas von Doris Rinkhaus.
Es war für ihn ein ungeheures Erlebnis und brannte ihn, daß er übergekocht wäre. Aber das Rätsel Mensch war in dieser Stunde in einer so fremden Erscheinung vor ihn hingetreten, daß er sich nun vorkam wie in einem nächtlichen Walde. Vor der Ahnungslosigkeit, mit der er diesem Manne gegenübergestanden hatte, bäumten sich alle seine Sinne auf, und er begriff nicht, wie Doris Rinkhaus zu ihrer Hellsichtigkeit kam. Er berichtete mit einer Stimme aus verstürmtem Herzen, und Fräulein Rinkhaus lehnte in ihrem Stuhle wie eine Siegerin und sagte:
»Was wollen Sie, er ist einer von vielen!«
In der Woche danach, als von allen Bäumen wieder die goldenen Flaggen des hohen Sommers wehten, malte Jockele im Apfelgarten. Rings lag bienendurchsummtes Mittagslicht voll Traum und Stille. Da klangen Frauenstimmen auf dem breiten Wege, der von dem eisernen Tore herläuft – und der Pinsel, der das Grün der Baumkronen so besinnlich vor den Himmel auf die Leinwand tupfte, blieb plötzlich auf halbem Wege stehen … »Na!« – Dann ging Jockele bis an die Hausecke und lugte durch die goldgrüne Stille. Wahrhaftig, da wandelte Tante Veronika neben dem blauen Morgenkleide den breiten Weg unter den Kastanien daher – den Kapotthut auf dem weißen Haare, die violetten Seidenbänder unter dem Kinne leicht verschlungen. Der schwarze Spitzenumhang fiel so zier um die kleine feine Person, und die schritt so klar und sauber daher wie ihre Sprache; der gelbe Krückstock stabte immer eine Spanne vor ihrem rechten Fuße – das kam alles stracks heraus aus einer anderen Zeit, es flog ein sachter Lavendelduft darum, und war doch gar nicht altmodisch.
In der Linken die Palette, in der Rechten den Pinsel, und den ein wenig verdrückten Panama weit ins Genick geschoben, so lief er den Damen entgegen und wagte bei Tante Veronika eine Umarmung, die er in gefälligerer Form zu wiederholen versicherte, wenn er das Malzeug los wäre.
»Na!« dachte auch Tante Veronika, als die Sonne dieser freien Augen über sie fiel. Aber wenn sie sich nichts merken lassen wollte, war sie undurchsichtig wie ein Dachziegel. Und jetzt wollte sie sich nichts merken lassen.
Doris Rinkhaus beteuerte: als das große Tor vor Tante Veronika aufgegangen wäre, hätte sie sie schon erkannt. Sie hatte im Liegestuhl unter den Bäumen eine Geschichte von Fridolin Hartwig gelesen – die sie überdies nicht im mindesten berührt hatte –, da war das alte Fräulein an der Treppe des Herrenhauses vorübergeschritten, und der Gedanke war ihr voraufgelaufen: dort hinten, wo die Bäume das flitternde Gold herniederschütteten, dort müßte es sein! Da flatterte ihr das blaue Kleid schon entgegen … »Ich werde Sie doch kennen – sind Sie denn nicht jeden Tag einmal mitten unter uns?«
Aber Tante Veronika wartete mit allem ein bißchen, was sie sagte.
Doris Rinkhaus dachte: »So machen es die alten Damen alle.« Und Jockele meinte: er müßte wohl einen Schritt zurücktreten und sie einmal ordentlich ins Auge fassen; denn Tante Veronika schien ihm nicht mehr ganz richtig zu gehen.
Vor dem Hause blieb das blaue Kleid stehen und sagte: »Es ist nicht sehr wohnlich in der Werkstatt Jockeles – bitte, treten Sie bei mir ein, wenn Sie sich ausruhen wollen; ich werde indes an eine Erfrischung denken.« Und als sie dann durch das Häuschen gingen, lächerte es Fräulein Sinsheimer ein wenig – »Ich wußte schon seit Deinem ersten Brief alles auswendig,« sagte sie; »ich wußte auch, daß diese Studien unten an den Wänden liegen und daß etliche so herumhängen.« Da gestand er ihr, daß ihm die Hobelbank aus der Gartenhütte fehle, und daß er manchmal eine heiße Sehnsucht nach dem ›Laboratorium‹ habe. Tante Veronika sagte: »Wenn Du nach allem noch länger hier bleiben willst, läßt sich das ja wohl auch machen …«
Es guckte aus diesen Worten schon wieder das Warten; sie sah ihm dabei ins Herz, aber sie fand keinen Schatten. Da fing sie in Gedanken gleich an einzurichten – hier könnte ein Tisch stehen, da die Hobelbank doch besser im Gartenhause bliebe, und hier ein Schrank und ein Regal; dazu nähmen sie vielleicht das aus der oberen Giebelstube. … Die ganze Freude, die in der Sorge um den Jungen das späte Glück ihres Lebens geworden war, hatte wieder ihre himmelseligen Schwingen bekommen. Dann faßte sie Jockele unter, wählte noch drei Studien aus, die sie sehen sollte, und führte sie hinüber zu Fräulein Rinkhaus. Vor der Türe wurde ihre Stimme noch einmal vorsichtig: »Kann man denn vor dem Fräulein alles reden, was Dich angeht?«
»Alles!« lachte Jockele aus seinem sommerhellen Gewissen heraus. Und als Tante Veronika in der sicheren Sofaecke die Lippen mit einem Himbeerwasser angefeuchtet hatte, ritt sie geradeaus zur Attacke.
»Es ist gar nichts in Dir in Unordnung geraten?« fragte sie. Da sah sie in zwei Paar erstaunte junge Augen. »Und Du hast auch keinen Boten zu mir gesandt, der mir etwas ausrichten sollte?«
»Boten? Ich? Nein! Womit denn?«
»Nun, eben mit jener Nachricht, daß man über ein paar Verschiebungen leicht wieder ins Gleichgewicht kommen könnte – mehr als hundert Mark seien dazu nicht nötig …«
»Ja, aber liebe Tante Veronika!! Du redest da immer an etwas herum – siehst Du denn nicht, daß Du uns beide peinigst?«
»Verstehen Sie mich, Fräulein Rinkhaus?«
»Auch ich nicht!« sagte Doris, und ihre Augen richteten sich starr und weit offen auf die alte Dame.
»Mein guter Junge,« sagte die und geriet ganz nahe ans Lachen, »es scheint, die alte Tante Veronika ist wieder einmal sehr klug gewesen!« Sie begann, die crèmefarbenen Glacéhandschuhe abzustreifen. – »Ich sehe, Sie haben alle beide keine Ahnung! So lassen Sie mich also erzählen – doch halt: noch eine Frage: Hast Du mich für heute nicht erwartet?«
»Nicht einmal im Traum wäre mir das eingefallen!«
Tante Veronika war nun mitten darin in ihrer lachenden Genugtuung: »Und ich dachte, das Fräulein Rinkhaus hätte mich da vorn in Empfang genommen, weil meinem Jungen am Gerichtstag das Herz ein wenig ins Rutschen gekommen wäre! Nun, es wird ja gleich Tag werden! Es ist da vorgestern ein Herr in Ibenheim erschienen, mit blondem Vollbart und goldener Brille; er schickte seine Karte herein, und ich habe eine Stunde mit ihm geplaudert, die noch netter gewesen wäre, wenn er nicht zuletzt mit der Nachricht aufgewartet hätte, es wäre Dir mit Deinem Geld ein kleines Malheur passiert … ein paar Schulden …«
So erzählte sie. Und dann hatte sich der Herr angeboten, den jungen Mann zu rangieren, und Tante Veronika solle ihm nur gleich die hundert Mark mitgeben … Das hatte sie ihm aber verweigert und war nun selbst gekommen, zu sehen, wie es um ihren Jungen stand.
So hatte sich Fridolin Hartwig einen Weg gesucht, den Zehrpfennig für eine letzte Sommerfahrt zu erlangen, die ihn bis an die Pforte des Vergessens führen sollte! Er hatte das Vertrauen der alten Dame zu dem Jungen als Spieleinsatz darangewagt, und hatte sich nicht gescheut, sich diesen sträflichen Abgang aus dem Leben zu sichern, mit dem er niemals fertig geworden war; denn am Tage darauf, während Veronika schon längst wieder in ihrem Waldhäuslein saß, stürmte Doris Rinkhaus auf die Malwiese Jockeles und stieß einen Indianerschrei aus – Herr Fridolin Hartwig wäre verschwunden und hätte seiner Frau einen Brief zurückgelassen, darin stand:
»Ich bin des aussichtslosen Kampfes mit der Welt müde – in der Stille eines Klosters hoffe ich Rast und Sühne zu finden.«
Jockele besann sich in seiner Bestürzung auf kein Wort, das er ihr sagen sollte. Er legte sein Malzeug ins Gras und ging in das kleine Haus, das noch ganz voll war von dem hellen Scheine, den Tante Veronika gestern hindurchgeschienen hatte. Er setzte sich auf den Stuhl wie ein Reiter in den Sattel, kreuzte die Arme über der Lehne und legte das Kinn darauf. Er machte sich schwere Bedenken über die Menschen, mit denen er in diesen Monaten zusammengetroffen war. Darüber wurde es ganz finster in ihm, und in der Finsternis standen zwei sehr helle Sterne, die hießen Veronika und Doris; und es glimmten noch zwei kleinere in weiter Ferne herauf: das Zinzilein und Matthias Prinz.
Zum ersten Male kam ihm der Gedanke, der heimliche Friede des Frühlingshauses könnte daran schuld sein, und sein Leben wäre zu weit abgerückt gewesen von dem der anderen. Er saß eine Stunde und sann sich brunnentief in den Gedanken: er wäre wohl ein Mensch, der nicht zu anderen paßte; denn in Doris Rinkhaus war über der wilden Geschichte mit Hartwig nicht eine einzige Kerze verlöscht von den vielen, die in ihr leuchteten. Und in ihm sah es aus, als wäre er in ein Burgverließ gestoßen worden.
Da ging er wieder hinaus und nahm sein Malzeug auf und setzte einen Farbenfleck neben den andern. Aber es kam nichts zustande; denn seine Gedanken flogen umher wie Tauben, die sich nicht mehr zu ihrem Schlage finden.
Doris Rinkhaus kam, und er sagte zu ihr: »Es ist eine verrückte Sache, und ich bin darüber ganz von mir selber gekommen. Haben Sie Lust? Ich möchte mit Ihnen in die Welt laufen – vielleicht entdecke ich da den Jockele Sinsheimer in irgendeinem Waldwinkel; denn der jetzt mit Ihnen redet, heißt etwa Emil Meyer.«
Da machten sie sich fertig und gingen durch die Pforte im Zaun über die Raine und kamen in den Kastanienwald, der an der Viehleite nach Oberweimar liegt.
»Warum sind wir eigentlich noch nie so miteinander gegangen?« fragte er. »Es sind doch Ferien, und es ist Sommer in der Welt.«
»Weil Sie immer fleißig gewesen sind und auch gar keine Wünsche hatten.«
»Es ist richtig – ich habe kaum gemerkt, daß ich bis zum Rande voll Glück war. Aber durch die mancherlei Erlebnisse ist darüber vieles in den Sand geronnen.«
»Oder Sie waren von unnahbarer Unzufriedenheit; dann haben Sie menschenfresserische Gelüste. Aber die soll man Ihnen gern lassen; denn auch damit hat es bei Ihnen seine Richtigkeit!« neckte Doris Rinkhaus.
So stiegen sie hinein in späte Aehrenfelder und Sommerlicht, und dieser Tag ward ein Meilenstein am Weg ihres Lebens, und sie wußten es nicht. Doris Rinkhaus hatte gedacht: »Ich will ihm alle Schatten hinweglachen,« aber nun, da sie erkannte, daß er in eifriger Arbeit an sich selber war, blieb sie bei ihm, wie er sie haben wollte. Einmal schritten sie zwischen hohem Hafer; es war ganz still, nur der Sang einer Sommerlerche war noch da und sehr viel Sonne. Da lachte Doris Rinkhaus und sagte: »Ich dachte daran, daß junge Männer in der Regel neben jungen Mädchen herlaufen wie Hunde, die ihnen die Zeit vertreiben; es sieht aus, als wollten sie immer etwas apportieren, was ihnen die Laune auf den Weg wirft; dann werden sie müde aneinander und langweilen sich heimwärts.« Sie wanderten danach ein Stück durch das Wäldchen, das das Webicht heißt – »Hoffmann von Fallersleben hat in den Erinnerungen aus seinem Leben manches hübsche dichterische Bild aus diesem Walde aufbewahrt,« sagte sie, »es müssen zu jener Zeit hier noch Schneeglöckchen gewachsen sein; denn er sagt einmal: ›Diese sprossenden Frühlingskinder strecken im Webicht dem besiegten Winter schon die Zünglein heraus.‹ Und Musäus hat auf seinen Gängen hier Märchen blühen sehen …«
»Das wissen Sie alles?«
»Hm,« sagte sie, »ich bin in diesen zwei Jahren ja fast stets allein mit mir selber gewesen, da hab' ich mir dann immer einen Dichter zur Begleitung gebeten.«
»Und wollen Sie nun alle diese Schätze für mich aufbauen?«
»Wenn es Ihnen Vergnügen macht, so oft und so viel Sie wollen.«
Sie kamen nach Tiefurt und gingen durch das alte Schloß, das einst ein Bauernhaus gewesen ist, und gelangten in schauerndem Erleben hinein in die Tage, da sich in diesen Räumen der Teekreis mit Goethe, Herder und Wieland, mit Anna Amalia, der Göchhausen und Corona Schröter bildete, der zu einem Zauberringe geworden ist, in dem Lust, Genie und Freundschaft vermoderter Zeiten neu werden jedem sehenden Auge und sich hinüberleben aus einem Jahrhundert in das andere.
Es war um diese Mittagszeit niemand auf den Wegen des Parks, auf denen sonst die Allzuvielen dahinwandeln in der Ahnungslosigkeit ihres Schauens und meinen, was sie mit ihren Augen sehen, das wäre es. Aber Weimar – das Unsichtbare – ist tiefe, tiefe Ewigkeit, und Ewigkeit ist lebendig, und darum ist Weimar die Seele Deutschlands. Vielleicht ist es die Seele der Welt.
»Ich bin einmal durchgelaufen, wie die Neugier hier durchläuft,« sagte Jakobus, »und ich habe damals einige Scherze Goethes gesehen, wie sie die Neugier sich ansieht.«
»Dachten Sie dabei nicht, was es wäre, das selbst diese Scherze auf die Schwelle der Unsterblichkeit versetzt hat?« fragte sie.
»Nein,« sagte er, »ich hatte damals noch nicht gelernt, vor dem Ewigen zu erschauern; denn ich dachte, es gäbe keine Rede, die nicht mit den Ohren zu hören wäre. Aber vorhin, als ich Sie ganz vergessen hatte, wie wir so zwischen dem kleinen Gartentempel der Anna Amalia und dem Ufer der Ilm dahinschritten – vorhin hab' ich einer Aufführung der ›Fischerin‹ beigewohnt – ich danke Ihnen viele tausend Mal, Fräulein Rinkhaus!«
Da machte sie wieder ihre Siegeraugen und sagte: »Kommen Sie, jetzt müssen wir zu Tisch.« Sie waren auch da allein und so voll freudiger Weihe, daß Doris Rinkhaus den Platz mit ihm wechselte. »Sie müssen in den Gutshof gucken,« sagte sie, »sonst kommen Sie mir abhanden. – So haben Sie heute also doch noch den Namen Goethes leuchten sehen, den der Genius an jenem Abend in die Wolken schrieb und um den Minerva ihre Kränze flocht – ob man damals ahnte, daß er für Deutschland ein Flammenzeichen würde? Es war ein Spiel und hieß ›Minervens Geburt, Leben und Taten‹. – Seckendorff hatte Reime und Musik geschrieben und Karl August stellte den Vulkan dar.« Doris Rinkhaus sprach das alles von der Pforte der Unsterblichkeit herüber, das Herz leuchtete ihr dabei in die Augen. Aber so oft sie merkte, daß sie über ihn hinwegwuchs, pflanzte sie ein Wort fröhlichen Mutwillens daneben … »Hätschelhans!« sagte sie jetzt – »so hat die Herzogin Anna Amalia in einem Brief an seine Mutter Goethen genannt, als sie ihr berichtete, daß das Tiefurter Journal immer noch in Blüte stehe. Vielleicht ist ihr der Gedanke, es zu gründen, an dieser Stelle eingefallen … Jawohl, Hätschelhans – ich bin Ihnen nicht einmal diesen Schnipp mit Daumen und Zeigefinger schuldig, und tue doch gerade, als wär' ich dazu auf die Welt gekommen, Sie weise zu machen. Was gehen Sie mich eigentlich an? … Hätschelhans ist eine feine Bezeichnung für Sie … Erst das Fräulein Sinsheimer, dann das Zinzilein, dann die Doris Rinkhaus, dann … und dann … na, und dann … Die Gurke ist einfach erhaben die müssen Sie probieren!« Dabei schaute sie sich aber schon wieder in ihr Herz: »Vielleicht bin ich Ihnen doch etwas schuldig geworden,« und legte gleich einen neuen Pfeil auf, den wollte sie verschießen, wenn er sich einfallen ließ, zu fragen, was das heißen solle. Aber er fragte nicht, sondern sagte: »Wohin gehen wir morgen?« – »Auf die Entdeckung Weimars!« lachte sie. Und weil sie nun lustig waren, sagte er: »Mit Ihnen wag' ich mich auch nach Ibenheim.«
Abends saß er allein auf der Wildenbruchbank, die am Ende des Walles vom alten Schießstande steht, und sah den Tag über dem Silberblick in sein blutrotes Sterben sinken und erkannte, daß er das nun ganz anders sah als damals, da er mit seiner neuentdeckten Seele aus dem ›Laboratorium‹ in die Gefilde Walhalls flog. Da wuchtete, meermäßig, aber unverstürmt, eine korpulente Dame den Wall daher, den Panama romantisch aufgestülpt … »Die sieht stets aus, als regnete es,« dachte er und lachte so in sich hinein; denn es fiel ihm ein, daß er sich bei ihrem Anblick immer auf dem gleichen Gedanken ertappte. Er kannte sie nicht. Sie redete mit ihm, und ihre Stimme und ihre Worte waren auf einem behaglichen Selbstbewußtsein erbaut … »Was wissen Sie von Wildenbruch?« fragte sie im Laufe der Unterhaltung. Diese Frage fiel ihn ein bißchen an, aber er hatte eine Erleuchtung und sagte: »Daß er dem deutschen Volke zwanzig Jahre zu früh gestorben ist.«
Diesen langen Sommertag hindurch hatte das Leben an ihm herumgefragt – zuerst: Was wissen Sie von den Menschen? Was wissen Sie von Goethe, Herder, Wieland, was von Weimar und was von Wildenbruch? Er ging noch einmal unter den Fenstern des Gartenhauses vorüber, zu sehen, ob Do noch in der Weinlaube säße. Da rief sie von oben: »Was treiben Sie denn da, Jo?« – »Ich ästimiere mein Gehirn für die Wüste Sahara,« sagte er. – »Da suchen Sie gleich mal nach einer Oase!« – »Die einzige, die da ist, hab' ich schon gefunden,« sagte er aus unverhohlener Bitternis, »sie ist voll von Versteinerungen, Kräutern, Moosen und Schmetterlingen, wie sie in Ibenheim im Thüringer Walde wachsen. Aber lassen Sie mir doch eine Kerze und ein Stück Wildenbruch an einem Faden herunter – ich will mich bilden!«
Nicht lange danach pendelte ein Pack durch die sammetweiche Dunkelheit, und Do's Augen leuchteten ihr Vergnügen darauf hernieder. »Es sind die Gedichte, und es ist die ›Rabensteinerin‹,« sagte sie. »Sie sollen nicht gleich in die Königsdramen springen, und die Romane dürfen Sie sich ganz schenken.« Weil der Faden nicht lang genug war und der Pack vor der Mitte des Fensters in neckische Schwingungen geriet, mußte Jockele ein paarmal danach springen. Da scherzte Doris Rinkhaus: »Sehen Sie, jetzt malen Sie nicht und haben doch eine Illustration geliefert: ›Jakobus Sinsheimer und die deutsche Dichtung‹.«
Sie hatten über dem Mittagsmahle von Tiefurt beschlossen, sich der Kürze halber Do und Jo zu nennen. Das Fenster ging wieder zu. Fräulein Rinkhaus ließ sich nie auf abendliche Gartengespräche mit ihm ein, und auf geflüstertes Fensterln nun mal gar nicht. Seit sie allein war, rückte sie mit Eintritt der Dämmerung für Jakobus in befremdende Fernen.
Aber nun setzte er sich doch in Dos Weinlaube, träufelte Stearin auf die Tischplatte, stellt die Kerze hinein und las sich über der ›Rabensteinerin‹ ein fliegendes Herz. Manchmal stolperte er und rückte mit dem Schnitt des Buches ganz dicht unter das Licht … »Es liegen Feldsteine in dieser Sprache,« dachte er und wunderte sich über diese holprige Absichtlichkeit und konnte sie sich nicht erklären. Als er das Buch zugeklappt hatte, griff er nach den Gedichten – es war nur noch ein winziger Stumpf Stearin da – und fand das ›Hexenlied‹ und ließ die heißen leuchtenden Verse über sich kommen wie ein Gewitter, das auf dürstende Sommerwiesen fällt. Und wie ein Gebet. Er fühlte das Blut schäumen in seinen Adern und hielt den Band in den Händen, daß er in den Heften knarrte, und seine Sinne gerieten darüber in eine heilige Not. Er atmete über die Seiten wie heiße Nacht und las laut in die dunkelblaue Einsamkeit und wußte es nicht. Da fiel der Docht in den flüssigen Talg, und er ließ sich von der Benzinflamme seiner Feuermaschine leuchten.
Doris Rinkhaus, die schon im Bett gewesen war, öffnete droben ganz leise das Fenster und hörte, daß er mit sich allein sprach. Dann versickerte auch das kleine Licht, da lief er in das Gras unter den Bäumen und wunderte sich, daß nun doch gar kein Sturm in den Kronen flog. Die Sterne hingen darin, und aus dem Herrenhause zog weich und sehnsüchtig das Spiel einer Geige. Er wußte von Do: es war eine Frauenhand, die diese Fülle klarer Schönheit aus den Saiten strich, und die silberne Exzellenz saß am Flügel und begleitete. Verspätete Leuchtkäfer zogen zwischen den klingenden Bändern der Geige ihre goldene Bahn.
Als alles in dunkelblaue Finsternis versickert war, dachte er: »Ich weiß auch von Klavier und Geige nicht mehr, als daß sie da sind. Sahara! Sie sagen: die Zigeuner geigen sich aus dem Mutterleib hinein in ihr Leben, und ihr Herz ist ein Saitenspiel, das zu klingen beginnt, wenn man es in Wind oder Sonne stellt … Warum hab ich nicht solch ein Herz? … Oha,« lachte er ingrimmig – »wenn das Mädchen Mali in der Sandkuhle zu singen anhub, da war es, als probiere sie einen Kieselstein auf einem Reibeisen, und das nannte sie dann Musik. Darüber ist alles, was in mir klingen konnte, zuschanden gesungen worden.«
Auf einmal stand im Fenster des Gartenhauses ein Licht und war, als ob es ihn riefe.
Da ging er hin. Aber der blaue Vorhang war fest geschlossen, es war der Schein einer Laterne, der sich durch die Hecke und das weite Dunkel des Gartens gefunden hatte und sich nun im Fenster brach.
Es war aber ein wilder Wille in ihm, Doris Rinkhaus in dieser Stunde bei sich zu haben – wenn sie jetzt da wäre, würde er ihr alle Türen seines Herzens aufreißen, und es müßten brausende Ströme von Gold über sie schießen … Morgen früh? Ach, morgen früh ist das schöne wilde Feuer darnieder!
Da lief er an den Schuppen, nahm die Leiter herab, und lehnte sie an die Mauer unter Dos Fenster und stieg empor. Das Feuerzeug raffte sich noch auf zu einem halbverlorenen Flämmlein – er schrieb auf ein Stück Papier:
»Do – wenn Sie wüßten, wie ich brenne, Sie könnten nicht schlafen! Ich bin voll Licht wie blühende Kastanien im Frühling – nein: ich bin voller Sterne wie die Sommernacht, der der Mond aus den Händen gefallen ist.«
Dann steckte er den Zettel mit zwei Nadeln an den Rahmen, damit sie ihn lesen mußte, wenn sie morgens den Vorhang aufzog. Er kletterte die Leiter wieder hinab und wunderte sich, daß er nicht sprang.
Früh war er aber doch noch voll nachzitternder Erinnerungen und kam sich nicht entfernt vor wie eine Brandstätte.
Er hatte vor dem Gange mit Doris Rinkhaus noch ein paar Besorgungen in der Stadt machen wollen, und weil es ein Markttag war, war die Luft in der Nähe der Sternbrücke auch schon voll von Umgegend, und das andere Leben plätscherte bis über die Ilm. Als er die Straße Am Horn herabkam, sah er an der Quelle, die in sanftem Wall den Spiegel des flachen Beckens zerbricht, den Musikstudierenden Erich Meyer. Er hatte ihn gleich in den ersten Wochen seines Weimarer Aufenthaltes kennen gelernt; er war der ärmste aller Akademiker, ein vorgeschrittenes Semester und von durchschnittlichem Talente. Von diesen dreien sind Armut und mäßiges Alter hinwegzusingen oder zu vergeigen, aber das Teufelsgeschenk einer Durchschnittsbegabung kann es fertigbringen, den Betroffenen um Leben, Ehr' und Seligkeit zu betrügen. Zu allem besaß Erich Meyer noch ein Herz von Gold in kaum je dagewesener Echtheit. So war seine Begabung auch nach der rein menschlichen Seite hin fast lebensgefährlich.
Als Jakobus Sinsheimer ihn da unten in sinnender Betrachtung entdeckt hatte, sprang er gleich den Hang hinab und setzte über die Leutra und erfuhr, daß Erich Meyer in dieser Zeit aus irgendeinem Weltwinkel ein bescheidenes Stipendium erhalten hatte – dreihundert Mark, die ihm von einer mitleidigen Fürsprache unter dreifachem Hinweis auf seine Entsagungs- und Gemütskraft ausgewirkt worden waren. Nun stand Erich Meyer mit dem goldenen Herzen zwischen Sphinx und Brunnen, und Jockele sagte zu ihm: »Sie sehen aus, als setzten Sie flackerndes Sonnenlicht im Spiele mit den Wassern in Töne um!«
»Fällt mir ja gar nicht ein,« lachte der blonde Erich, »sondern ich freute mich gerade darüber, daß ich über jene dreihundert Mark mit einer Genialität verfügt habe, die mir die Frage nahelegt, ob ich nicht doch noch umsattele und mich dem Bankfache widme.«
»Es wäre zu erwägen,« sagte Jockele mit komischem Ernst.
Darüber spähten sie nach dem Wege aus, den sie nehmen wollten, und kamen ins Wippen. Der lange Meyer wandelte mit vorgeschobenen Knien, weil die Rockschöße Platz haben mußten, hinter ihm herzuläuten. Und während diese Partie seines Menschen sich für den Pendelschlag von vorn nach hinten entschieden hatte, schwangen die langen, stracken, blonden Haare über dem Rockkragen von links und rechts. Meyer hatte einmal eine unmöblierte Stube bei Hartwig innegehabt und besaß außer einem Bett und dem, was er auf dem Leibe trug, kaum etwas. Eine leere Kiste, von der er behauptete, er brauche sie zu Umzügen, benutzte er als Tisch, und einen Stuhl hatte er nicht. Sie gingen an der Ilm entlang und über die Kegelbrücke zur Stadt. In dem Brückenhäuschen, um das immerwährendes Rauschen des Wassers und der Bäume ist, hatte er eine Stube ermietet, und die fünf hellhaarigen Mädel des Brückenmannes waren seine treuen Gesellen durch die Mühsal seiner Tage, von der er aber keine richtige Ahnung hatte. Die älteste bereitete er für die Musikschule vor, natürlich umsonst, und war nun in eine Gesprächigkeit verfallen, die seinem Wesen ganz fremd war. Er sagte, er hätte in diesen Tagen alle seine Rechnungen beglichen, auch die des Schneiders, und das Mittagessen hatte er sogar auf sechs Wochen im voraus bezahlt. Das war die Hauptursache seines hochgehenden Glücks. »Und jetzt hab' ich noch zehn Mark und gehe, einen Stuhl zu erstehen! So wird meine Einrichtung allmählich komplett, und es wird ganz unbeschreiblich wohnlich werden. Kommen Sie, helfen Sie mir beim Einkauf!«
Als sie aus der Vorwerksgasse auf den Herderplatz schritten, kreuzte eine Frau mit versorgtem Gesicht ihren Weg. Es war Therese Hartwig. Niedergegangenes Weinen hatte Gräben um ihren Mund gewaschen, und was in diesem Gesicht vor Jahren in Blüte gestanden, war von den Gewittern des Lebens zerschlagen. Es war alles hausmachen an ihr. Sie fing gleich an, ihr Klagelied zu singen; denn sie hatte sich Erich Meyer schon in besseren Tagen anvertraut, und sein Herz geriet darüber in mitleidvolles Schwingen. Als sie durch die Rittergasse auf den stillen Zeughof gekommen waren, läutete es so feierlich, daß er in die rechte Westentasche griff und darin etwas losmachte. »Es fällt mir eben ein,« sagte er – »Fridolin Hartwig hat mir vor langer Zeit zehn Mark geliehen. Ich konnte ihm das Geld nicht zurückgeben. So nehmen Sie es als seine Hinterlassenschaft.« Als sie wieder allein waren, sagte Meyer: »Alle diese Leute haben kein Geschick zum Glücklichsein. Erst ist sie die Frau eines anderen gewesen und hat Kinder gehabt. Dann ist sie jenem mit Fridolin Hartwig davongelaufen – und nun hat ihr der Mann auch diese Kinder genommen und hat sie sitzen lassen.«
Jockele aber sagte: »Ich denke, Sie haben weiter gar nichts besessen als diese zehn Mark?«
»Natürlich nicht.«
»Und am Ende sind sie jenem Hartwig gar nichts schuldig geworden?«
»Ach Unsinn! Niemals einen Pfennig! Aber die Frau ist damals doch immer so freundlich zu mir gewesen, und solch eine tiefe Not kann ich nicht mitansehen.«
»Den Plan mit dem Finanzminister geben Sie mal auf,« sagte Jockele, »ich glaube, Sie passen nicht recht für einen solchen Posten. Was soll denn nun mit Ihnen werden?«
»Ach, der liebe Gott und meine fünf Brückenmädel lassen mich nicht verderben.«
Vor dem Theater gingen sie auseinander, und als Jakobus einige Tuben Farben erstanden, eilte er nach Hause. Doris Rinkhaus sah ihn den hohen Wall des Schießstands daherkommen –
»Sie haben die Augen schon wieder voll Erlebnisse!« sagte sie.
»Mir begegnet auf allen Wegen ein Wunder! Dieser Erich Meyer ist ein Genie des Herzens … Hören Sie!« Und als sie gehört hatte, sagte sie: »Genie des Herzens! Er liegt unter den Rädern des Lebens und macht aus seinem Dasein ein Fastnachtsspiel! Aber ein Mann muß Stahl im Herzen haben.«
Dann gingen sie um die Stadt herum und wanderten nach dem Ettersberg. Erich Meyers gigantische Gemütskraft in ihrem Verhältnis zum Dasein wurde erörtert und schlug heftige Reden aus ihnen.
Jockele hatte das heilige Feuer der vorigen Nacht darüber fast vergessen. Auf einmal waren sie im Walde, und das sachte Rauschen der hohen Fichten lag um sie wie schwarzer Samt.
»Was hatte das Hexenlied in der Nacht für eine Verwirrung in Ihnen angerichtet?« fragte Do.
Es schoß eine heiße, heiße Welle Blutes in seine Stirn, aber er jauchzte sich darüber hinweg und breitete die Arme weit aus:
»Ich bin zu einem neuen Lande gefahren – warum waren Sie nicht bei mir?«
Sie hatte sich vorgenommen, dies neue Land auszukundschaften, und zog alle Segel hoch –
»Nun, und wenn ich dagewesen wäre?«
»Dann – – ich glaube, es wäre für Sie sehr gefährlich geworden!«
»Donnerwetter!« lachte sie, »das heißt, Sie hätten mir eine Vorlesung über Wildenbruch gehalten?«
»Nein, nein – ich hatte eine Sehnsucht … Es war alles wild geworden in mir, ich dachte, ich müßte die Zähne in blühende Frühlingsgaben schlagen!«
»Das klingt allerdings genau wie der Zettel,« sagte sie ein bißchen verächtlich und merkte, daß sie den Ton getroffen hatte, nach dem sie suchen gegangen war.
»Sagen Sie mir die Worte – sagen Sie sie mir!« bat er und stand schon wieder in hohem Feuer.
»Ich weiß sie nicht mehr, und den Zettel hab' ich in den Ofen gesteckt. So kleine Entgleisungen muß eine Freundschaft vergessen können.«
Das klang sehr wohltemperiert.
»Ach,« jubilierte er, »nennen Sie es tausendmal eine Entgleisung – es war doch fein, und ich war voll purpurnem Lichte wie der Abendhimmel!«
»So etwas ist wahrscheinlich immer am feinsten allein,« sagte sie unwissend.
Aber er fragte fürwitzig: »Ist es Ihnen auch schon so ergangen?«
Da wäre sie am liebsten davongeflogen wie ein kleiner roter Luftballon. Sie strich sich mit beiden Händen über das Gesicht und sagte, die Sonne hätte sie verbrannt … »Sie hören wohl nicht gut?« schalt sie, weil sie sich so in Not sah. »Ich sagte, wahrscheinlich!«
Da zwang er sie, in die dunklen Brunnen seiner Augen zu schauen und sie merkte: es standen Sterne darin, die vorher nicht dagewesen waren. Und sie versuchte ihre Siegeraugen; es war mühevoll und kam nicht weit über den Vorsatz hinaus. Aber sie war froh, daß ihm das Leben aufging, und daß sie nun auf einer Wacht sein mußte, die sie die Zeit her lächelnd für unnötig gehalten hatte. Frauen spielen gern mit Feuer und fangen an zu blasen, wenn sie eine Glut vermuten. Und als Doris Rinkhaus fühlte, daß ihre Bedrängnis fort war, blies sie ein bißchen.
Sie schritten nun auf dem Ettersberge an dem schönen Waldsaum nach dem Bismarck-Denkmale dahin. Rings lag die Erde in breiten, bunten Erntefarben, die im Tale zwischen den Häusern mit den funkelnden Fenstern versickerten.
Auf einmal stand ein gelbes Kleid im Walde hinter einer Staffelei, und obendarauf war ein breiter Sonnenhut mit einem Kranz aus wilden Rosen. Wilde Rosen waren auch über das Kleid gestreut.
»Jakobus Sinsheimer,« sagte Do und ging im Hinschauen unter, »das ist Gwendolin Vogelgesang, eine Böhmin, und sehr jung! Kennen Sie die?«
»Nein,« sagte er, »aber sie scheint so lang zu sein wie ihr Name.«
»Die Männer finden sie hübsch, und sie kann etwas.«
»Einstweilen sieht man noch gar nicht, was unter dem Wildrosenhute steckt!«
»Kommen Sie, die führ' ich Ihnen vor!«
Sie hatte da ein Waldinneres mit breitem Pinsel etwas pastos auf die Leinwand gestrichen und ihm eine ganz wundervolle Durchleuchtung gegeben. Während sie mit Doris Rinkhaus redete, sah sich Jakobus an dem Bild in ein Sonnenglück hinein, das er gleich in lautem Lob über sie ausschüttete. Da hörte er, daß sie solches Malen förmlich mit auf die Welt gebracht hätte, daß sie aber am liebsten mit der kalten Nadel arbeitete und derlei Leinwanden nur zum Verkaufe bemalte. Sie hatte in Frankfurt und München Kunsthändler, die ihr diese Sachen bescheiden bezahlten, aber sie verkaufte und brachte sich mit dem Ertrage gut durchs Leben.
Sie stellten das Malzeug im Dorfe ein, streiften bis Abends im Walde herum und fanden nicht, daß der Spruch: ›Two is company, three is none‹ in allen Fällen wahr wäre. Einmal lagerten sie sich auf einem Anger, der ganz voll hoher Spätsommerblumen war, darüber schwammen die Schmetterlinge in breiten Flügen, und Jockele dachte, er möchte mit diesem langen, leuchtenden Mädchen auch in der Folge zusammensein. Darum sagte er:
»Gwendolin, wir wollen den Anger malen – beide das gleiche Bild.«
»Warum?« fragte sie.
»Ich will sehen, wie viel weniger ich kann als Sie,« sagte er sehr ernsthaft, und Doris Rinkhaus saß dabei und bekam weite und kalte Augen.
Am anderen Tag, als Jockele daheim auszog, lief ihm das blaue Morgenkleid über den Weg zur Schlüpfe im Zaun – Do ertappte sich auf dem mädchenhaften Gedanken, er hätte sie doch wenigstens auffordern können, mitzugehen. Aber es war morgendlich um ihn, und er sagte: »Ich werde mir heute eine Niederlage holen.« Da nahm sie ein herbes Wort in den Mund, ließ es aber nicht fliegen und sagte ohne Bitterkeit und ohne Teilnahme: »Es ist wahrscheinlich. Mag es nun so oder so kommen – das Spiel wird nicht ohne Gewinn für Sie sein.«
Er hatte die Gedichte Wildenbruchs in der Tasche, und über dem weiten Wanderwege wurde ihm das Malzeug lästig. Da dachte er: »Ich hätte Do sagen können, daß ich heute vielleicht in Ettersburg schlafe …« Mit diesem Gedanken lief er seine Straße, und es blühten um ihn noch andere blutrote heiße Blumen: Gwendolin hatte all die Tage her schon in Ettersburg gewohnt; er wollte ihr das Hexenlied vorlesen, wenn die Schatten auf den Anger traten wie die äugenden Rehe. Das mußte schön sein, so im Lichte der Blumen, die ihre schmeichelnden Seelen in den müden Tag strömten.
Ob Gwendolin auch wie Do nach Hause drängen würde, wenn die sachten Netze der Nacht fielen? Und ob ihre Augen auch Sterne würden, die immer als die ersten in der Nacht stünden wie die Augen Dos? Und ob ihre Stimme dann weicher würde und so sehnsüchtig, wie Dos Stimme einmal gewesen war, nur ein einziges Mal? Und ob sie wieder das Kleid mit den winden Rosen trüge? Auf einmal summte er das Heideröslein grausam unmusikalisch vor sich hin und kam auf den Anger und war enttäuscht, weil sie noch nicht da war.
Natürlich war sie noch nicht da; denn die Hälfte der Blumenwiese lag noch im Schatten. Ein paar Samenfahnen der ersten Weidenröschen schwebten als weiße, stille Flugzeuge vorüber.
Er stellte seine Staffelei aber nicht auf; denn er wollte Gwendolin ihren Platz zuerst wählen lassen. Da setzte er sich an den Waldgrund und las in den Gedichten. Er geriet wieder an das Hexenlied, und sein Herz blühte daran auf wie in der anderen Nacht.
Gwendolin kam mit den Schmetterlingen; sie hatte das Wildrosenkleid an und trug den Sonnenhut von gestern, und sah gerade so brünett und heiß aus wie gestern – so an der Sonnenseite gewachsen. Aber sie redete genau so morgenkühl wie Do und fragte, ob er sich etwas zu essen mitgebracht hätte.
»Nein. Ich dachte, wir äßen gemeinsam im Dorfe.«
»Wahrscheinlich kommen wir vor drei Uhr nicht dazu – es ist um Mittag so köstlich und leuchtend hier, daß einem das Ultramarin von der Palette läuft. Aber jetzt los!« sagte sie. Da ging es ans Malen. Es hing eine Waldstille ringsum, daß man die Pinsel streichen hörte, und der Himmel war über die Wipfel gestülpt wie eine Glocke aus blauem Glas, durch die die Welt von draußen hereinschauen mochte, wenn sie Lust hatte.
Da vergaßen sie, daß sie zwei junge Menschen waren, die sich beim ersten Sehen gefallen hatten, und schwiegen sich in eine tiefe Farbenfreude hinein und sagten sich bei drei Stunden kein Wort und hatten kaum einmal einen Blick. Anfangs dachte Jakobus: »Ich spiele da ein gefährliches Spiel mit mir selber. Es ist sehr ungeschickt gewesen, daß ich mich einem Vergleiche ausgesetzt habe, dem ich doch nicht standhalten kann.« Dann vergaß er auch das und vergaß, daß er in klingenden Farben alles so breit und voll hinstreichen wollte, wie er es gestern bei ihr gesehen hatte. Er malte, wie es ihm die Stunde gab, aus der strahlenden Beschwingtheit seiner Seele heraus, die dunkelrot vom Scheine des Feuers aus dem Hexenlied überglüht war. Sie hatten sich alle Neugier verbeten, hörten die Mittagsglocke aus dem Dorfe läuten, sahen, wie die Luft flimmrig wurde, als tropfe flüssiges Silber hindurch, und schwiegen.
Einmal legte Gwendolin die Palette in den Kasten und warf den Deckel zu und trat mit einem Pack raschelnder Papiere in den Schatten des Waldes. Als ihr Jakobus nachging, sagte sie: »Wenn sie nicht essen müssen, so arbeiten Sie. Ich lasse für Sie genug übrig. Natürlich habe ich gewußt, daß Sie auf alles vergessen, was der Mensch außer Pinsel und Farben nötig hat!« Dieses ›auf alles vergessen‹ klang österreichisch lustig in ihn hinein; es war viel Sonne in ihrer Stimme. Und er sagte: »Ich freue mich auf die Stunde, in der wir fertig sind; dann will ich Sie immer reden hören.«
»Ich bin fertig,« lachte sie. Da sprang er auf und lief zu ihrer Staffelei … »Es ist ein grausames Bild,« sagte er; »es ist herrisch, und es kann dagegen kein anderes aufkommen. Aber es ist doch königlich.«
»Nun ja, es ist königlich. Sie mögen es immer so nennen. Wenn Sie mich einmal nicht leiden mögen, sagen Sie: es ist Theater! Dieses Wort hat mir die Freude an den Farben verdorben. Aber was kann ich dafür, daß sie mir so in die Augen stürzen, wohin ich sehe?«
»Es kommt auf das Herz an,« sagte er. »Sie streichen das in einer wilden Lichtlust daraus hervor, und jedes Ding stellt sich dagegen, wie sich die Wolken stellen gegen die Feuerfanfaren, die der Himmel über das Sterben des Tages bläst. Mir ist bange gewesen vor Ihnen, aber ich schäme mich nun nicht – wenn Sie Wasser sehen, malen Sie Perlen, und wenn Sie Licht sehen, malen Sie Jauchzen. Ein Feld voll Blumen wird auf dem Wege durch Ihr Herz zu einem taumelnden Märchen oder zu einem himmlischen Farbenrausche. Aber ich male die Erde …« So redete er sich in Flammen.
Gwendolin sagte: »Meine Bilder sind Lügen für jeden, der die Wirklichkeit nimmt und damit ein zentimetermäßiges Messen an ihnen beginnt. Aber für mich ist es Wahrhaftigkeit; denn es ist künstlerisches Erleben.«
Dann traten sie zur Staffelei Jockeles. Es stand ein Idyll darauf, das versickerte – letzte Blütenfreude des Sommers – in dunkelgrüne kühle Waldestiefe.
»Ich kann das nicht,« sagte sie – »Sie suchen die Seele einer Handvoll Welt, und ich blase eine hinein, die mir gerade paßt.«
Da nahmen sie ihr Malzeug auf und trugen es ins Dorf, saßen in dem Baumgarten des Gasthofs und aßen Pflaumenkuchen.
»Wann gehen Sie?« fragte sie.
»Heute nicht,« sagte er und bestellte ein Zimmer für die Nacht.
»Das ist fein. Da machen wir eine Waldstreife. Also los!«
Den Band Gedichte nahm er mit. Im Ettersburger Schloßgarten fiel das Blühen über sie. »Ich kann mir denken, daß Ihre Lichtfreude hier wohnen muß, Gwendolin!« sagte er voll Innigkeit. Ueber die blaue Weltenwiese jauchzt die Sonne im goldenen Sechsergespann, aber im Garten von Ettersburg geht sie spazieren; draußen ist sie das große Licht, hier ist sie sanftes Leuchten; draußen ist sie Sieg, hier ist sie Liebe; und die Menschen werden leise auf diesen Wegen. Die Tage liegen darauf wie Falter mit breiten Schwingen – der Schloßgarten von Ettersburg ist ein ewiges Ostern der Herzen … Darüber gerieten Gwendolin und Jakobus immer tiefer in sich hinein.
Es war, als wären sie allein auf der Welt.
Sie gingen nun unter den hohen Buchen, die sich so sachte mit Himmel zudecken lassen. Aber unter den Wurzeln heraus atmete die Erde den berauschenden Herbstodem, der voll Traum heißer Auferstehungsfeste ist, und sie bekamen Augen wie der Hochwald, voll heimlicher Dämmerungen. Augen wie junge Menschen, die herumirren in den Rätseln ihres Frühlings. Augen wie junge Menschen, die über und über in Blüte stehen und die Seligkeit ihrer Seelen dahinströmen wie die Blumen und ihre klingende Helligkeit ineinandergießen wie die Quellen, wenn die Erde birst unter dem Jauchzen des Himmels.
An einem Hange, an dem die Sonne gelegen hatte, umarmte sie die heiße Dämmerung. Da sanken sie hinein, und das Moos war voll vom Dufte später Veilchen.
Gwendolin saß neben ihm.
»So war es schon einmal,« sagte er – »damals mit Maria Reh! Da war ich ein kleiner Junge und hatte Sehnsucht nach ihren Händen.«
Da setzte sie den Hut ab und legte ihn über den Band Gedichte.
»Wie war das mit Maria Reh?« fragte sie und stemmte ihre Ellenbogen auf seine Brust.
»Rosenrot!« sagte er. Und ihre Augen waren einander nahe und kamen sich immer näher –
»Und jetzt?« fragte sie.
»Dunkelblau mit Sternen!« sagte er. »Aber was ist das für ein verrücktes Reden! Komm doch!«
»Komm doch!« lockte sie.
Da faßte er in ihr lose geschlungenes Haar und ergriff ihren roten, roten Mund mit den Zähnen – der Vorhang im Tempel zerriß, und sie fanden sich mit geschlossenen Augen in das Allerheiligste des Lebens.
Dann fing sie an, den pressenden Armen zu trotzen, und wand sich über ihm und bekam ihre Lippen los aus der schmerzenden heißen Verheißung seines Mundes. »Du bist zu wild!« sagte sie.
»Ich habe zu lange gedürstet! Warum bist Du so heiß und schön geworden – nun mußt Du das leiden.«
Da litt sie es. Sie küßten sich drei Meilen tief hinein in die kobaltblaue Spätsommernacht, und als einmal die Dorfuhr über die Sternenstraße rief, war den Glocken anzumerken, daß sie noch ganz allein wach wären. Im Walde lag eine schwere Finsternis. Da tasteten sie sich hindurch, und als sie vor dem kleinen Hause standen, in dem Gwendolin wohnte, wartete die Frau des Arbeiters drinnen bei dem Licht. Gwendolin fing an, sich das Haar noch einmal zu stecken, aber weil sie in der mitternächtigen Dunkelheit unter Küssen und Zwetschenbäumen doch nicht damit zurechtkam, sagte sie: »Es ist mir ganz egal! Doch morgen mußt Du warten, bis ich komme und Dich hole.«
Der Hausknecht ließ ihn ein, und er fiel gleich in einen abgrundtiefen Schlaf. Aber früh ärgerte er sich, daß er nicht mehr an Gwendolin gedacht hatte, und die Nüchternheit des fremden Zimmers verstimmte ihn. Gwendolin kam, als er drunten im Garten beim Morgenkaffee saß; ein Fink war auf seinen Tisch geflogen und pickte die Krumen auf.
Am vierten Tage malten sie wieder, und am vierten Tage kam Doris Rinkhaus. Sie hatte vormittags den Wald nach ihnen durchsucht, sagte das aber nicht, sondern spazierte zur Essenszeit wie von ungefähr durch den Garten des Gasthofs und setzte sich zu ihnen. Sie merkte den großen Wandel an Jakobus, aber sie war unbefangen und klug und klar wie der Tag. Deshalb ging er am Spätnachmittag mit ihr heim, aber das Malzeug ließ er bei Gwendolin. Sie machten einen weiten Umweg über das Rödchen und gelangten auf abgeernteten Feldern zu der großen Eiche, die im Webicht, nahe dem Goethe-Schiller-Archiv, steht. Es war schon Abend geworden. Doris hatte es auf dem langen Gange vermieden, an sein Verhältnis zu Gwendolin zu rühren. Sie hatten von der Sendung der Tante Veronika zu reden gehabt, die inzwischen für Jockele eingetroffen war – »Die freundliche alte Dame überschüttet Sie in der Tat mit einer ganz unverdienten Güte –« sagte sie … und da war der Stein durch das sorglich gehütete Fenster geflogen!
Er faßte ihre Worte gleich fest an: »Wenn Sie damit auf Gwendolin zielen, so finde ich das unbeschreiblich komisch: erst haben Sie mich auf sie losgelassen, und jetzt drohen Sie mir gouvernantenhaft mit dem Finger und spielen würdig die Mama gegen mich aus! Do, Do, fühlen Sie wirklich nicht, daß Sie da nach einer Rolle gegriffen haben, die Ihnen ganz und gar nicht auf den Leib geschrieben ist?«
Jawohl, sie fühlte das und pries ihre Klugheit, die sie damit hatte warten lassen, bis die Nacht um sie hing. Das Buschwerk zu beiden Seiten des Weges von der großen Eiche herauf half bei der gütigen Finsternis.
Darüber fand sie den gewohnten Ton wieder – »So ist das gar nicht gemeint gewesen. Ich hätte wohl besser gesagt: Sie sind sehr keck geworden in diesen vier Tagen.« Sie suchte nach einer Schlüpfe, durch die sie in ihn hinein kommen konnte; der lange Weg, den sie berechnend gewählt, hatte ihn zu keinem Verrat an sich selbst geführt. Wollte er Gwendolin schonen? War er wieder in eine rosenrote Anbetung versunken wie damals vor Maria Reh, die noch heute lustig davon berichtete? … Sie fing also an zu klopfen. – »Ich meine, Sie gehen so aufgeblüht daher! So jungmänniglich, tapfer und weltumarmend!«
Nun schlug er alle Türen weit auf und trat heraus und sagte: »Es war fein! Gwendolin ist ein süßes, heißes Mädel.« Er wollte mit vollem Atem das Lied vom ersten Liebesrausche blasen, aber die Worte lagen neben dem Erleben wie welke Blüten. Da sagte er: »Ich will Gwendolin heiraten!« und hatte damit einen Heiterkeitserfolg. Es war schrecklich – bei dem dramatischen Höhepunkte, bei der Stelle, die er mit wahrer Heldengröße herausgeschleudert hatte, bekam Doris Rinkhaus das ungeheure Lachen! Und der Vorhang mußte heruntergehen. Sie lachte sich auch durch die Pforte im Zaun und sagte: »Sie sind heute abend zu ulkig! Sie dürfen deshalb ausnahmsweise noch eine Stunde zu mir herüberkommen. Ich muß Ihnen eine Kerze geben; denn es sieht in Ihrer Wohnung aus wie in einem Lagerhause.«
Sie bereitete in der Küche das Nachtmahl; Jockele entzog ihr seine Mitarbeit und dachte in der dunklen Stube darüber nach, wie sich das Spiel für ihn gewinnen ließe.
Als sie gegessen hatten und der Samowar summte, setzte sie sich wieder in den vorigen Gang. »Haben Sie schon Bestimmungen über die Hochzeit getroffen?«
Da schwieg er sie gekränkt an; sie aber nahm noch mehr überhand. »Mein lieber Junge Jo, wenn Sie nicht so grausam lächerlich aus diesen ersten verliebten Stunden hervorgegangen wären, würde ich sagen: Mein werter Herr Jakobus Sinsheimer – es senkt sich zwar schon der sachte Schatten eines Bartes auf Ihren verräterischen roten Mund, aber mit dem Gewaffen holder siebzehn Sommer läßt sich ein leidlich befestigtes Mädchen nicht fürs Leben erobern! Sind Sie denn wirklich so einfältig, zu meinen, eine Kette angereihter Küsse hielte über ein paar Meilen Zeit? Und glauben Sie, Sie wären der erste, der Gwendolin Vogelgesang hübsch findet? Und das ›süße heiße Mädel‹ hätten Sie entdeckt? Meinetwegen küssen Sie sie ab, soviel sie es verdient – aber geraten Sie darüber nicht in Unordnung und reden Sie nicht ein tragisches Pathos übers Land.«
Er kreuzte die Arme vor der Brust, und auf seiner Stirne stand kalter Schweiß. »Was geht Sie denn das alles an, daß Sie so in Harnisch geraten?«
»Es täte mir leid, wenn Sie vor sich selbst lächerlich würden,« sagte sie. »Sehen Sie, wie Sie neulich aus dem wildgewordenen Herzen mit feurigen Buchstaben etwas von ihrem Frühlingssturm auf ein Stück Papier schrieben und es mir vors Fenster hingen, das war jung und gesund. Und jung und gesund ist es auch, wenn Sie mal über die lange Gwendolin kommen – aber daß Sie jede Seifenblase für eine Weltkugel halten und den Eroberer spielen, das ist Ihr hartnäckiges Mißgeschick.« Sie steckte eine Kerze an und gab sie ihm in die Hand: »So, und nun leuchten Sie sich mal nach Hause.«
Da sagte er: »Wenn ich Sie nicht bis zu dieser Stunde für einen Ausbund von Klugheit gehalten und nicht allerlei Ursache zur Dankbarkeit gegen Sie hätte, würden wir uns morgen kaum noch kennen, Fräulein Rinkhaus!«
»Sie, das ist ein famoser Einfall,« lachte sie – »betrachten wir diese Stunde als Mobilmachung zu einem achtwöchigen Kriege! Am ersten November wird Friede geschlossen.«
»Und wenn ich dann noch Krieg will?«
»Mir auch recht!« lachte Do.
»Ich gebe mein erlösendes Einverständnis. Gute Nacht.«
Sie drehte den Schlüssel schon feindlich im Schloß herum.
»Do hat ihre giftiggelbe Eifersucht vor mir verbergen wollen, und damit ich es nicht merkte, hat sie Esel zu mir gesagt,« dachte er. Aber nun, da er durch das Stück dunkelblaue Spätsommernacht stieg und die Linke vor das kärgliche Fünkchen Licht hielt, kam er sich wirklich sehr komisch vor – diese Rolle mit der Hand vor dem bißchen Flamme hatte er den ganzen Abend gespielt. Und gestern – vorgestern sicherlich! – hatte er geglaubt, es wäre so etwas wie der große Brand in ihm, den der Sommer des Abends vor den Toren der Welt für Himmel und Erde aufführt.
Er leuchtete sich in einen mäßigen Schmerz hinein, der sich über dem Haufen mit Latten verschlagener Möbelstücke zu einer tiefen Verstimmung auswuchs. Die Liebe, mit welcher Tante Veronika und Mali diese Dinge ausgewählt und verpackt hatten, wollte sich heimlich an sein Herz schmeicheln, aber sie war ihm peinlich: die treuen alten Mädchen hatten das im Frühlingshause mit der Sonne ihres Vertrauens für ihn umschienen – vielleicht in der gleichen Stunde, in der er sich draußen am Waldrande gewälzt hatte wie ein jähriger Hirsch …
Er fuhr in ein Land tiefen Nebels hinein und verbiesterte sich …
»Was ist das wieder mal für eine Sache, die Du da aufgemacht hast, Jakobus Sinsheimer! Es ist der niederträchtigste Vertrauensbruch, der einem Menschen je Scham auf die Stirn getrieben hat. Du kommst Deiner Tage zu nichts – gib's auf, Jakobus Sinsheimer, Du bist ein Zigeuner. Wie ein Zigeuner hast Du den Wald zum Nachtquartier gemacht …«
Er nahm wieder einmal Seifenblasen für Weltkugeln! Da schlug er mit der flachen Hand auf das Zünglein Licht und warf sich aufs Bett und wühlte sich in eine wilde Selbstverachtung hinein. Auf einmal hüpfte Gwendolin aus dem zähen Nebel und war vergnügt wie der Frühling. Das Wildrosenkleid war längst ausgeplättet, ihr Mund blühte wie roter Mohn, und die ganze Nacht wurde zu tausend feuerroten Blumen. Er lag mitten darin und schlief ein.
Am Morgen, als er sich in den Kleidern auf dem Bette fand, fiel ihn der Jammer an. Aber er raffte sich zusammen, zog andere Wäsche und Kleider an und begann auszupacken.
Tante Veronika und Mali, manchmal auch das Zinzilein, waren dabei immer um ihn, und er werkte sich in eine vergessende Freude.
Als er allen Unrat hinausgetragen hatte in den Schuppen, schloß er die Schubfächer des Schrankes auf und fand darin Vorhänge für drei Fenster, und in dem Kleiderschrank die drei Leisten dazu – es war auch ein Kästchen mit Stecknadeln darangebunden; als er das erkannte, schauerte ihm die ferne sorgende Liebe durchs Herz, daß ihm ganz bange wurde.
Er wäre nun am liebsten zu Do geflogen und hätte mit allen Glocken Frieden geläutet – nein, diesmal sollte sie gewiß nicht triumphieren! Wenn sie ihm jetzt ihre Siegeraugen gemacht hätte, jetzt hätte er sie gerne ertragen; aber am Ende sagte sie: »Lassen Sie sich das nur von Gwendolin machen.«
Da überlegte er sich, wie Mali dabei zu Werke gegangen war, damals, als er ihr die Stecknadeln gereicht hatte.
Er drehte eine der Leisten ein paarmal in den Händen und gewahrte die Bänder, die da angenagelt waren. Dann pfiff er seine Entdeckerfreude sachte vor sich hin und kam auch mit den Vorhängen zustande.
So ordnete sich jedes Ding an seinen Platz. Es war alles durch viele Jahre in einer schönen Sonne gewesen – das ganze kleine Haus schien sich nun daran heimlich voll Gold bis zum Rande. Tante Veronika hatte ihm auch eine Erhöhung des Monatsgehalts von zehn Mark gewährt, dafür sollte er eine Frau bezahlen, die ihm die Wohnung säuberte. Ueber allem hatte er sich wieder zu sich selber gefunden, und weil er den Ueberschuß an Seligkeit merkte, packte er ihn in einen Brief und schickte ihn nach Ibenheim.
Da war der erste Tag nach der Mobilmachung herum, und als sein Verglimmen durch die neuen Vorhänge sickerte, gab er sich der Wohligkeit des Daheimseins hin. Es war, als legte die sorgte alte Tante Veronika ihre reinen Hände an seine Wangen und sagte wie einst: »Mein braver, lieber Junge.« Er saß zum ersten Mal bei der abendlichen Lampe in dem kleinen Haus; die warf die goldenen Fächer ihres Lichts über die bunte Tischdecke, und aus dem Bücherschranke blinzelten ihn die Aufschriften der Bücherrücken so traulich an wie in der anderen Zeit. Veronika hatte ihm alles geschickt, was sie an gedruckter Weisheit besaß – die zweihundert Bände umfaßten die Welt; und es lag in der Uebergabe dieses Schatzes eine rührende Erklärung der Liebe …
Wie ihm Fridolin Hartwig in den Weg gelaufen war, und wie dessen großsprecherische Schwächlichkeit strandete an einer Insel der Weltflucht, hatte er dies als ein Erlebnis erkannt; die Nacht im Jägerhaus am Hörselberg stand in seiner Jugend als eine bunte Lichtkugel, nach der er gern einmal zurückschaute, denn sie leuchtete noch immer; das Glück von Ettersburg war ein kristallener Becher, von dem er meinte, er wäre reich genug, sein ganzes Leben mit Glanz zu erfüllen … So standen viele Tage in der vergangenen Zeit, von denen er sagte: ich werde sie immer sehen. Aber dies Heute, in dem ein Stück seiner waldherrlichen Knabenzeit sich wieder zu ihm gefunden hatte – dies Heute erkannte er nicht. Es war für ihn eine liebe freundliche Begegnung von jener lächelnden Innigkeit, die ihn über dem Kommen Tante Veronikas berührte, als der gelbe Krückstock neben dem blauen Morgenkleide den breiten Gartenweg daherspaziert war. Und doch war dieser Tag eine Weiche, über die das Leben Jakobus Sinsheimers auf das Geleise lief, das er sich selbst in Spiel und Ernst seiner Frühlingsjahre gelegt hatte. Und er wußte es nicht; denn die Sinne der Jugend sind vorwitzig: sie sehen den Schaum als Trank, sie fühlen den Rausch als Glück, sie schmecken die Erde als Himmel, sie halten Dasein für Ewigkeit.
Am nächsten Morgen spazierte er sehr früh nach Ettersburg, äußerlich angetan wie ein junger Kavalier. Er wollte an diesem Tage nicht malen, aber er wollte sich auch gegen zigeunermäßiges Waldstreifen verwahren. Zudem war es am Anfange des Monats, und hundert Mark im Portemonnaie geben einem jungen Menschen Haltung.
Am Häuschen Gwendolins erfuhr er, sie habe Besuch, und die Herrschaften seien wahrscheinlich im Baumgarten des Gasthofs beim Frühstück.
Da fragte er sich ein wenig an der Frau zurecht, aber er wandelte noch auf Wegen aus Himmelblau seinen heißen Wünschen nach.
Als er das Wildrosenkleid und den blühenden Sonnenhut sah, ward er beschwingter Sommerwind und flog ihr entgegen. Der Herr, der mit Gwendolin an dem übersonnten Tische saß, nestelte ihr aus einem schäkernden Besitzrecht heraus an dem goldenen Halskettlein. Und als der lustige Sommerwind dazwischenflog, blies ihn eine morgenkühle Gleichgültigkeit an. Gwendolin tat sehr überrascht, den Herrn Sinsheimer zu sehen, und stellte ihn vor als einen Malschüler, mit dem sie gelegentlich eine Stunde da oben am Waldrande zusammen eine Farbenskizze gemacht habe.
»Und Sie wollen Ihre Staffelei holen?« fragte sie.
»Eigentlich nicht,« antwortete er und setzte sich steil in eine Art von Fassung.
Da kam der Kellner und meldete, der Wagen sei da.
»Wir fahren nach Belvedere,« sagte Gwendolin. »Wenn Sie Ihr Malzeug heute mitnehmen wollen – meine Mietsfrau kennt Sie ja und wird Ihnen willig alles einhändigen. Adieu, Herr Sinsheimer.«
Sie legte die Spitzen ihrer Finger in seine Hand, und nach einer förmlichen Verbeugung ihres Begleiters hüpften die beiden durch den Sonnenschatten der Zwetschenbäume in klingender Unbekümmertheit dahin.
Der Kellner klemmte seine Serviette unter den Arm, und während der Kavalier Jockele sich erhob und zu einem entfernten Tische schritt, starrten sie einander an – Jockele als Hypnotiseur, der Kellner als zweifelndes Medium zwischen Lächeln und sachtem Verkommen des Bewußtseins. Am Gefrierpunkte der Sinne bäumte er sich auf.
»Ich dachte immer, Fräulein Vogelgesang wäre Ihre Braut …«
»Das dachte ich auch,« sagte Jakobus; »aber nun bringen Sie mir mal schnell drei Zigaretten und eine Tasse Kaffee.«
»Sehr wohl, drei Zigaretten und 'ne Selters.«
»Kaffee!« brüllte Jockele. – »Halt, kommen Sie mal her. Sie sind ein unverschämter Mensch! Da – zwanzig Pfennig für die Beleidigung! Adieu!«
Er zog das Etui aus der Tasche, brannte sich eine Zigarette an und wirbelte sich hinter seinem zwischen den Fingern drehenden Spazierstock aus dem Gesichtskreise.
Die Sonne roch nach dem Staube, der unter dem enteilenden Wagen hervorbrach; der goldene Septemberwind machte sich ein billiges Vergnügen daraus, mit dem Geräusche rollender Räder und klapperndem Hufschlag die Dorfstraße entlangzuschlendern und Jockele zu fragen, ob er das hübsch finde; und der Himmel stand über dieser Erde, durchsichtig vor leuchtender Ahnungslosigkeit, und ein paar Engel guckten zum Fenster heraus und flatterten mit den Flügeln.
Jockele verfiel in ein stürmisches Dahinschreiten. Er dachte, er müsse mit erhobenen Armen und einem ungeheueren fanfarenden Schreien das Licht zerreißen. Aber es schoben sich da und dort Frauenköpfe mit neugierigen Augen durch niedere Fenster; es standen schwätzende Weiber hinter den Zäunen und sahen ihm nach; und wie die Gattertür vor der Auffahrt zum Schloßgarten hinter ihm zuschlug und Falterstille, mit großen stummen Augen auf den Schwingen, um ihn schwebte, schlug sich der Drang zu dem ungeheueren himmelzerreißenden Schrei nieder in Bitternis und Schweigen.
Er hatte den Rausch der vier Tage in windigen Kniehosen und in einer Gürteljoppe bestanden und hatte ausgesehen wie Samstag. Nun schmiegte sich freudiger Sommerstoff um ihn. Er hatte eine blaue Krawatte umgetan, die an Daseinslust mit der Seide des Himmels wetteiferte, und seine Augen liefen an der gepflegten Bügelfalte hinab, die in den Aufschlag der Hose versickerte; dazu hatte er chamoisfarbene Gamaschen über die gelben Schule gestreift – – die sehr frühe Stunde fiel ihm ein, in der er den langen Menschen Jakobus mit beseligter Hingabe für Gwendolin Vogelgesang bereitet hatte …
Er suchte nach dem Winkel in seinem Herzen, in dem eine annähernd höllische Teufelei aufgehen könnte, und fand ihn nicht.
Oder war das Benehmen Gwendolins von der Verzweiflung des Augenblicks geboren? War es Verwirrung gewesen, die der Ueberfall angerichtet hatte? Oder war es die mädchenhafte Scheu, sich zu verraten?
Vielleicht, wenn er ihr morgen entgegenlief, breitete sie die Arme weit aus wie ein Sommertag, wenn er die Sonne kommen sieht!
Ueber diesem Gedanken stieß er alle Türen und Fenster seines Herzens weit auf – aber der liebe glockenklare Morgenwind lief nicht hinein.
Da hatte er nun diese Lippen hingenommen wie der Frühling eine erwachende Blume! Und als Do ihren wissenden Finger erhob, der da fragte: »Sie denken wohl …?« hatte er seine Empörung gegen diesen Finger geblasen.
Nun waren die Küsse der vier Tage, die ihm auf dem morgendlichen Waldgange erdbeerfrisch noch auf dem Munde gelegen hatten, am Wegrande gewachsen!
Er wischte sie mit dem Taschentuche fort und dachte: ein Mädchenmund voll so staubiger Süßigkeiten müßte von Rechts wegen gekennzeichnet sein – und nörgelte eine Stunde lang an der Weltordnung herum.
Es tauchten da und dort morgenlichte Kleider auf, und es blühten da und dort auf umschatteten Wegen junge Stimmen. Da setzte er sich auf eine Bank und saß bis an den Mittag und warf seine Blicke auf jeden Frauenmund – ob er sich an ihm vorüberlachte in der Freude am Licht, ob er voll sehnsüchtigem oder besinnlichem oder dankbarem Traum am Glück sei, oder ob er blühe wie ein Mohnfeld, lichterloh und in seelenzehrendem Brand …
Es war ein qualvolles Studium, und der Teufel half ihm die Küsse zählen, die verschwenderisch auf diese roten Blumen hingedrückt worden, und rieb sich die Hände.
So ließ er an dem Grab, an dem er stand, ›die Schmerzen in Betrachtung übergehn‹ … Er wußte nicht, daß er damit heimlich in die Gärten Goethes getreten war, der also dichtend überwand, was Bitternis auf seine Sonnenwege schattete. Aber nur ein paar Schritte weiter am Wege durch den Schloßgarten wartete ein Erlebnis auf ihn.
Der Traum des Mittags war aufgestanden und wandelte mit erhobenen Händen, unter denen es sonnenstill wird. Die goldenen Netze der Luft fielen über das Atmen der Blumen; helle Menschensinne begegnen in dieser Stunde den Seelen der Bäume …
Als die Dame, mit der Jakobus an diesem Tag in ein Gespräch kam, solche Worte aus einer seherischen Erschütterung ihres Herzens zu ihm redete, wunderte er sich; denn es war eine fremde Art. Die Frauen, die seither um ihn gewesen waren, begriffen die Welt in heiterer Sinnlichkeit – vor allem Gwendolin die Sonnenseitige. Und Doris Rinkhaus war oktoberklar, oder sie war voll Märzenlicht … Er lächelte sich in ein heimliches Vergleichen hinein und merkte, daß Do ihm ihre Siegeraugen machte. Aber sie lachte nicht das Lachen, in dem die Engel Feste feierten und grüne Gläser mit sachte spritzendem Moselwein aneinanderklangen, sondern sie sagte: »Na, Herr Jakobus Sinsheimer?« Damit verbriefte sie ihm ihr Recht, wenn er ihr einmal unter die Füße gekommen war. Aber er dachte, jener unter die Füße zu kommen wäre besser, als der Gwendolin unter die Lippen – zwar …
Dies Zwar war eine Schwelle. Seine Gedanken stolperten darüber und stolperten zu einem gelben Buch, das auf der Bank unter der Hängebuche lag. Es lag auf der Nase und Jockele setzte sich daneben und las so von oben herunter: ›Reclams Klassikerausgaben. Gedichte von Wolfgang von Goethe.‹
Er ließ die Seiten durch seine Finger laufen – der ganze zwanzig Bogen umfassende Band, von der ›Zueignung‹ bis zu den Noten am Schluß, war Zeile für Zeile grüblerisch durchgearbeitet. Unbeirrbare Sehnsucht, alles zu wissen, war hier am Werke gewesen. Schon hinter der ersten Ueberschrift »Zueignung« stand geschrieben: ›August 1784 auf einer Reise nach Braunschweig, ursprüngl. f. d. Geheimnisse‹. Die zweite Strophe des Gedichts beginnt: »Und wie ich stieg, zog von dem Fluß der Wiesen ein Nebel sich in Streifen sacht hervor,« daneben in Blei und emsig schülerhaft: ›Goethe interessierte sich sehr für Wolken.‹ Vor allem waren die Beziehungen zu Faust zweiter Teil mit beharrlichem Bemühen gesucht und vermerkt – gleich zu Anfang der dritten Strophe der Zueignung: »Auf einmal schien die Sonne durchzudringen, im Nebel ließ sich eine Klarheit sehn …,« war notiert: ›Faust II, 1: Im Dämmerschein liegt schon die Welt erschlossen.‹
War das ein Philologe, der so nach Dichterschätzen grub?
Wieder hörte er die graue Frage: »Was wissen Sie von Goethe, Herr Jo?« hinter der damals im Tiefurter Park seine Jugend in so beängstigender Finsternis gestanden hatte. Es war ihm, als wäre von unsichtbaren Händen ein Tor angelweit aufgeschlagen worden – und nun sollte er nicht eintreten dürfen in dies Licht, das über ihn fiel? Ein unersetzbarer Schatz!
Er schaute um sich … rings waren die schirmenden Aeste der Buche … vielleicht hatte einer den Band zum Finden dahingelegt … ›Zigeuner!‹ sagte er laut und bitter.
Aber fortgehen konnte er nicht. Er ergriff es abermals, las sich das Herz heiß und dachte: »Ich will es dem Kastellan bringen und will mein Besitzrecht geltend machen für den Fall, daß sich der Verlierer nicht meldet. Oder – ich will mir die gleiche Ausgabe kaufen und will jeden Tag herausgehen und diese Anmerkungen abschreiben …« Er dachte sich ganz wirbelig, und dann schritt er den Gartenweg entlang.
Da begegnete ihm eine Dame –
»Verzeihung,« sagte sie, »Sie haben meinen Band Goethe auf der Bank unter jener Buche gefunden …«
»Jawohl,« sagte er verbindlich und hielt den Hut dabei in der Hand, »ich wollte ihn dem Kastellan übergeben; denn ich sah, daß der Eigentümer den Verlust sehr schmerzlich empfinden würde.«
»Ich danke Ihnen tausendmal,« sagte das ältliche Fräulein mit jenem norddeutschen Ausdrucke, den er selbst von Tante Veronika angenommen hatte. Da faßte er Mut –
»Darf ich mir als Finderlohn die Erlaubnis ausbitten, alle Anmerkungen in einen eigenen Band zu übertragen?«