Jockele und die Mädchen (continued 3)
Reading edition
»Gerne, wenn wir einen Weg dazu finden,« antwortete sie. »Ich komme von weit her – ich bin eine Sucherin nach herrlichen Schätzen, mein Herr – eine Schatzgräberin in des Wortes ursprünglichster Bedeutung: ich werde den Faust finden, von dem Goethe in seinen Tagebüchern redet als von dem ›Hauptgeschäft‹. Diese letzte Fassung ist der Welt noch vorenthalten; er selbst redet von einem Schelmenstück, das er damit beabsichtigte – bis ins Jahr 1775 zurück läßt sich das Vorhaben verfolgen, dies Werk den Augen der Menschen zu entziehen – und er ist hingegangen in den Garten Am Horn zu Weimar und hat während der letzten Jahre seines Lebens die Vorbereitungen getroffen. In jenem Garten, in den er seinen ewigen Tempel baute, hat er am 16. August 1831 die Handschrift vergraben.«
Das alles kam aus einem lodenen Fräulein und unter einem Jägerhütchen hervor und stürmte auf ihn ein mit kühn vorgehaltenem Fahnenschafte.
»Ah,« sagte er, »und wenn ich recht verstanden habe, so wollen Sie diese endgültige Fassung des ›Faust‹ im Garten des kleinen Hauses entdecken?«
»Ich werde sie entdecken!«
»Dann – dann müßten Sie aber wohl den ganzen Garten umwühlen?«
»Oh, ich werde die Stellen zu bezeichnen wissen!«
»Das ist ja ein Fund, der die Welt erschüttern wird!« stammelte Jakobus. »Ich fange an, die Hand einer gütigen Vorsehung zu erkennen,« sagte er, schon mit allen Sinnen hineingebettet in den schwärmerischen Ton des Fräuleins Erika Flucht – »mein Weg führt mich täglich an jenem Garten Goethes vorüber … Haben Sie ihn vorhin nicht den ewigen Tempel genannt? Auch ich wohne in einem Gartenhäuschen am Horn.«
»So seien Sie mir gegrüßt!« rief sie, reichte ihm die Hand und versprach, ihm noch an diesem Abend die Bezeichnung ›der ewige Tempel‹ zu erläutern. Dann erhob sie ihre Stimme und sprach, mit einer großen Geste nach Weimar:
»Gab die liebende Natur, Gab der Geist Euch Flügel, Folget meiner leichten Spur – Auf, zum Rosenhügel!«
Jakobus Sinsheimer ahnte eine Aufforderung zu sofortigem Aufbruche, und weil seine Augen dies Ahnen spiegelten, fragte sie: »Sie wissen wohl nicht, daß der Hang, an dem Goethes Gartenhaus liegt, der Rosenberg heißt?«
»Nein,« gestand er, »mir kommt es überhaupt vor, als wüßte ich gar nichts.«
»Sehen Sie – und die Stelle, die ich Ihnen soeben vorsprach – ist sie nicht ein Ruf des Meisters: ›Ihr, denen der Geist Flügel schenkte, folgt mir … unter dem von Geisterstimmen umraunten Rasen des Rosenhügels findet Ihr des Rätsels Lösung!‹ Aber seine Dichtungen sind voll von solchen Rufen und Lockungen nach dem Geheimnisse, das er schelmisch dort der Mutter Erde vertraute. Kommen Sie, sehen Sie mit Ihren Augen die Zauberkreise, die Goethes heitere Größe um das königliche Vermächtnis schlug!«
Es kam aus dieser seherischen Seele über ihn – noch zitterte der Rausch durch seine aufgewühlten Sinne, den die Frühlingsgaben Gwendolins hindurchgejauchzt hatten, nun ruderte er schon wieder mit schwunghafter Leichtherzigkeit hinein ins Himmelblau ohne Grenzen und fühlte: die fruchtatmende Erde geriet ins Wogen.
Als sie an dem Hause Gwendolins vorübergingen, rief er der Frau hinein, er werde das Malzeug in den nächsten Tagen holen lassen.
Dann fanden sie sich im Zwetschengarten des Gasthofs über einem verspäteten Mahle zueinander: das Glück, aus gerütteltem Ueberflusse Weisheit zu spenden, führte Erika Flucht – die Frage Dos: Was wissen Sie von Goethe? drängte ihn zu ihr … Aber er selbst war viel zu sehr bedrängt vom Erleben. Er hörte mit Atemlosigkeit des Herzens zu und kam sich vor wie das Kind, das den himmelblauen Frühlingswind fangen wollte; da rettete der sich vor den tappenden Händen in einen blühenden Kirschbaum und wirbelte einen Haufen Silberzindel herab – und der lange Mensch Jakobus stand mitten darin und ließ es schneien. Auch der gewärmte Kalbsbraten forderte ein Stück liebevolle Teilnahme.
Einmal hob er das Glas zum Trunke, aber es mußte auf halbem Wege warten; denn zwischen Lipp' und Kelchesrand warf Erika Fluchts stürmende Begeisterung den Peneios, den Olymp, Persephoneien und Orpheus und die ganze klassische Walpurgisnacht hindurch.
Das geschah an dem gleichen Tische, um den die Scherben der vor vier Stunden jäh zerbrochenen Liebe lagen.
Sollte er ihr gestehen, daß wenigstem Peneios und Persephoneia unentdeckte Welten für ihn waren? …
Nachdem der Kellner abgetragen hatte, legte Jockele die Arme um die Kante des Tisches, als wären auf der Platte tausend surrende Firlchen losgelassen – Knöpfe, die auf dem durchgesteckten Holze tanzen – und gebärdete sich, als dürfe von dem närrischen Schwarme keines hinabschnorren in den Sand. Aber das war ein eitles Beginnen. Darum sann er auf Rettung und sagte: »Verehrtes Fräulein, bitte, nehmen Sie eine Zigarette.«
Er hatte gerechnet: sie ist von ganz anderer Art als Gwendolin Vogelgesang, die oft sogar beim Malen rauchte, und gedachte nun Feuer mit Feuer zu dämpfen; auch Maria Reh hatte sich vom Rauchen so hinnehmen lassen als von einem mühseligen Geschäft – und mild lächelnd senkte sich die Ruhe über sie.
Als der rote Bronnen der Weisheit gestopft war, lenkte er das Gespräch nicht ungeschickt auf ein Nebengeleis – »Durch die Kronen der Bäume wehen Duftwogen aus der blütenbunten Stille des Schloßgartens,« sagte er, der Würde der Stunde entsprechend. Aber Erika Flucht warf sich gleich in diese Wogen hinein und sprach, als läse sie ihm vor: »In Ettersburg vollendete Stiller ›Maria Stuart‹, und hier wurde Goethes ›Iphigenie‹ zum erstenmal in geschlossenem Raum aufgeführt. Goethe spielte den Orest, und – wenn ich nicht irre – Karl August den Pylades.«
»So, so,« sagte Jockele aus seiner tiefen Zerschmetterung heraus und rang mit sich, ob er ihr erklären sollte, daß er für die nächste Stunde nicht mehr aufnahmefähig sei – wegen des Erlebnisses vom Vormittag, oder weil das Feld seines Geistes, auf dem sie mit beglücktem Fleiße baute, noch zu wenig vorbereitet wäre?
Er entschied sich für das letztere und erzählte ihr den Roman seines Lebens. Darüber traten sie die Wanderung nach Weimar an, und der Bericht war auf eine Meile verteilt.
Als es dämmerig wurde, traten sie unter dem Gewölbe der Sternbrücke heraus in den weimarischen Park. Ein später Nebel spann aus dem abendruhigen Spiegel der Ilm, ganz dünn und zauberisch und von leisem Glanz: er hatte an den Kahn des Mondes gestreift, der auf dem Wasser lag.
Sie gingen an der Sphinx vorüber, und Erika Flucht sprach unter dem Silberschleier hervor, der sich auf ihre Seele gelegt hatte, sprach ein paar Verse Goethes – »auch aus diesen Versen von der Sphinx ruft das Geheimnis von dem nahe verborgenen Schatze,« erläuterte sie.
Der Abend im Park war voll heimlicher Verheißungen. Und Jockele war gefaßt.
Auf dem Weg über den Stern nach Goethes Gartenhause fragte er: »Sie redeten von dem ewigen Tempel – wo ist er?«
»Später, später!« sagte sie. »Jetzt von der klassischen Walpurgisnacht – dies ist die Landschaft! Rechts die Ilm, die Goethe den Peneios nennt; links der Rosenberg oder das Horn, der ihm zum Olymp geworden. Und daß dies Reich in den ›Sand‹ versickert, ist ebenfalls dem Ilmtal entnommen; denn der Platz, in den dies Tal vor Oberweimar hinübermündet, hieß ›der Sand‹ und war ein Exerzierplatz. Sehen Sie – so führt der Dichter selbst alle jene, denen der Geist Flügel gab, zu dem Schatze seines letzten, des wahren Faust! Jetzt verstehen Sie die Landschaft und Sie verstehen die Mahnung:
In des Olympus hohlem Fuß Lauscht sie (Persephoneia) geheim verbotenem Gruß; Hier hab' ich einst den Orpheus eingeschwärzt; Benutz' es besser, frisch! beherzt!
Kann ein Dichter, der der Nachwelt ein Rätsel aufgeben wollte, unverschleierter andeuten, daß er die Handschrift, von der er als von dem ›Hauptgeschäfte‹ redet, in den Fuß dieses Hanges vergrub? Kann er klarer den Weg dazu weisen?«
Jakobus empfand ihre Worte wie liebevolle Umarmungen. Aber der Gedanke an den Reif, den der Herbstmorgen heut über die allzufreudige Hingabe seines Herzens gesprüht hatte, ließ seine Sinne steil und sein Herz lauschend werden, und er fragte aus leisem Zweifel heraus:
»Hat man diese letzte Niederschrift des Faust von Goethes Hand in der Tat nie gesehen?«
»Nie! Und doch ist sie beinahe in jeder Anmerkung seines Tagebuchs aus der Zeit kurz vor seinem Tode erwähnt.« Erika Flucht zitierte aus einem sicheren Gedächtnis alle Stellen dieses Tagebuchs mit den Daten. Sie hatte jede Zeile Goethes geprüft auf das Rätsel, dem sie in ahnender Erleuchtung nachzog.
Da waren sie an die untere Pforte des Gartens gelangt.
Erika Flucht öffnete sie und sagte: »Man hat mir den Schlüssel übergeben, damit ich des Traumes Deutung nachspüre, so oft mich der Geist ergreift. Sieben Stufen führen empor – eine geheiligte Zahl!« Das silberne Dämmerlicht sickerte um die hohen Säulen der Bäume. –
»Blick auf, hier steht bedeutend nah Im Mondenschein der ewige Tempel da!
Wir schreiten in diesem Augenblicke hinein! Und niemand erriet, was mir die Seele dieses Ortes offenbarte! Zuerst fand ich unter Moos dies Mosaik, und eingelegt in das Gestein das Zeichen des Pentagrammas. Goethe setzte dies Ausrufezeichen an die Schwelle des Tempels – aber die Menschen bedachten es nicht und schritten darüber …«
»Und warum nennen Sie diesen Teil des Gartens immer ›Tempel‹, Fräulein Flucht?«
»Meine Entdeckung, Herr Sinsheimer! Die Gartenanlage trägt die Grundform eines altchristlichen Heiligtums – dieser Weg nach Osten stellt das Hauptschiff dar, jener das Querschiff –, dort in der Verlängerung des Mittelschiffs sehen Sie den muschelförmigen Abschluß, Chor und Apsis, den Goethe durch die im Bogen gepflanzten Linden andeutete, und an der gleichen Stelle wie in der Basilika, der Hochaltar: das Allerheiligste mit dem Tisch aus Stein, um den Sie den welligen Saum des Altartuchs gemeißelt finden, und darüber das Altarbild, die Tafel mit den Versen:
Hier in Stille gedachte der liebende seiner Geliebten; Heiter sprach er zu mir: werde mir Zeuge, Du Stein!«
»Und der Faust?« fragte er erschüttert.
»Dieser wunderbare Naturtempel kann nichts anderes sein als die Folie zu dem tiefen, ernsten Vermächtnis – ›blick auf, er steht bedeutend nah!‹ ruft der Dichter der Menschheit ins Herz – aber sie versteht seine Mahnung nicht … Hier, mein Herr, hat Goethe die Urschrift zu seinem Faust vergraben.«
Erika hatte alles zusammengetragen an Daten und Veränderungen, die in dem unteren Garten während der letzten Lebensjahre Goethes vorgenommen worden waren. Sie ließ in den folgenden Tagen an Stellen des umrauschten Hanges graben, von denen sie vermutete, daß sie des Rätsels Lösung brächten – vergebens!
In Jakobus klang jedes ihrer Worte nach, als sie abgereist war.
Den Band Goethe ließ sie ihm zur Abschrift der Anmerkungen und sagte, wenn sie wiederkäme, würde sie der Enthüllung des Vermächtnisses, das ›in den Fuß des Olympus eingeschwärzt‹ sei, ein gut Stück näher sein. –
Seine Tage – die letzten im lichten Scheinen des Jahres, die es im Scheiden abbrennt als ein königliches Feuerwerk, zogen dahin in tapferer Feindschaft gegen Doris Rinkhaus. Das hatte Gwendolin Vogelgesang getan! Do und Jo gingen aneinander grußlos vorüber, wenn es einmal kam, daß sie nicht ausweichen konnten.
Da hing oft mitternächtige Finsternis um ihn, und er rief sich den Geist Dos wie einer Abgeschiedenen und sagte zu ihm: »Wie denken Sie über die vergrabene Handschrift zum Faust?« Es war komisch – er nannte das Bild mit den hellen Augen und der klaren Sichtigkeit des Märztages immer ›Sie‹. Und Do lehnte sich mit vor der Brust gekreuzten Armen rückwärts gegen das Fensterbrett, wie es ihre Gewohnheit war, wenn sie einen Angriff plante oder sich eine Stellung zu erfolgreicher Verteidigung eroberte –
»Hm,« sagte sie, »es wäre eine Roheit, diese wunderliche Idee vor der Welt ins Lächerliche zu ziehen. Da die Handschrift in der Tat fehlt und die Tagebuchaufzeichnungen Goethes den Schluß auf eine zurzeit verlorene Fassung des Dramas zulassen, so muß man wohl auch jeden Versuch, ihrer habhaft zu werden, achten. Aber ich halte die Kette der Schlüsse jenes Fräuleins doch für eine sehr phantastische Anreihung und glaube nicht, daß sie im Besitz der Wunderlampe ist, die zu dem Schatze leuchtet.«
Aber Jockele, der Dos Geist nun auf dies heimliche Zwiegespräch gefordert hatte, beschied sich damit nicht –
»Und warum sind Sie dieser Ansicht?«
»Ich sagte Ihnen ja schon, daß mir die Beweisführung zu phantastisch erscheint – vor allem aber: es gehört doch eine merkwürdige Auffassung von der Psyche eines ernsten und bedeutenden Mannes dazu, ihr ein derartiges Versteckspiel anzudichten, das ohne Zweifel kindsköpfisch aussieht.«
»Sie kennen die Beweisführung nicht in allen Stücken, Do!«
»Aber das Fundament ist für mich Luft! Es gehört der unbegreifliche Mut einer Frau dazu, darauf ein Gebäude zu errichten.«
Draußen ging ein langer spinnwebfeiner Septemberregen nieder.
Da wühlte sich Jakobus in dem sanft durchwärmten Gartenhäuschen tiefer in Goethe und die Gedankengänge Erika Fluchts hinein – bis zu selbstvergessender Forscherfreude. Der zweite Teil des Faust wurde auch für ihn ein mächtiger Bund von Schlüsseln. Er probierte jeden an den vielen Türen, die der Dichter vor dem ›großen Schelmenstück‹ seines Lebens aufgerichtet hatte. Zu dem dunklen Gange, der den Schatz bewahrte und zu Persephoneien führte, sah er Wegzeichen –: ›Von der Erde muß das Heil uns kommen!‹ stand da geschrieben, und er fand die Verse, die Goethe mit Bezug auf den Hügel seines Gartens gedichtet haben mußte, wenn in der griechischen Landschaft des Peneios das Ilmtal dargestellt war:
Sind Briten hier? Sie reisen sonst so viel, Schlachtfeldern nachzuspüren, Wasserfällen, Gestürzten Mauern, klassisch dumpfen Stellen – Das wäre hier für sie ein würdig Ziel!
Bei der Papiergeldszene, von der ihm Erika Flucht mit geheimnisreicher Inbrunst ihre Deutung gegeben, verweilte er lange. Ihre Fragen klangen ihm in den Ohren – Glocken, die am längsten läuten: »Was soll diese Szene, wenn sie nicht ein Hinweis auf die vergrabene Handschrift wäre?«
Er las:
Vom Estrich zwar ist es nicht aufzuraffen; Doch Weisheit weiß das Tiefste herzuschaffen. In Berges Adern, Mauergründen Ist Gold gemünzt und ungemünzt zu finden; Und fragt Ihr mich, wer es zutage schafft? Begabten Manns Natur- und Geisteskraft.
Und daneben stellte Goethe die anderen Worte des Mephistopheles:
Zwar ist es leicht, doch ist das Leichte schwer. Es liegt schon da, doch um es zu erlangen, Das ist die Kunst; wer weiß es anzufangen? Bedenkt doch nur: in jenen Schreckensläuften, Wo Menschenfluten Land und Volk ersäuften, Wie der und der, so sehr es ihn erschreckte, Sein Liebstes da- und dortwohin versteckte …
Aber durch jedes Fenster, das er aufschlug, um Licht durch die zähe Dämmerung fluten zu lassen, steckte Doris Rinkhaus den Kopf mit den unbarmherzig hellen Augen und sagte: »Ich höre doppelt, was er spricht – und dennoch überzeugt's mich nicht!«
Jockele hieß die Gelegenheit willkommen, mit dem ›Lichte von drüben‹ sich über den Fall auseinanderzusetzen – es war kurzweiliger, als immerfort Erika Flucht im Geiste reden zu hören, die die ganze Papiergeldgeschichte auswendig wußte. –
»Es steht hier ja mit nahezu unheimlicher Deutlichkeit, wie die Entdeckung des Schatzes vor sich gehen wird,« sagte er und pochte mit den Fingern auf die bedruckten Seiten, als gälte es, den Geist Dos, den stets verneinenden, für diesen Himmel zu gewinnen –
Doch kann ich nicht genug verkünden, Was überall besitzlos harrend liegt. Der Bauer, der die Furche pflügt, Hebt einen Goldtopf mit der Scholle, Salpeter hofft er von der Leimenwand Und findet golden-goldne Rolle, Erschreckt, erfreut, in kümmerlicher Hand … Nimm Hack' und Spaten, grabe selber, Die Bauernarbeit macht Dich groß, Und eine Herde goldner Kälber, Sie reißen sich vom Boden los.
Er las in unablässigem Wandelgange so laut, daß Do hätte aufhorchen müssen, wenn sie im Garten gewesen wäre. Aber der Nebel kroch draußen über das Gras, zog seine Netze von Stamm zu Stamm und fing darin schlafmüde Blätter.
So oft Jo sich Doris Rinkhaus in den Lehnstuhl am wärmelnden Ofen dachte, hatte sie immer die gleichen mitleidlosen Augen.
Dann kam ein Tag, da schritt er ohne Buch durch die trauliche niedere Stube und wußte die Szene auswendig wie Erika Flucht. Aber die Freudigkeit der Gefolgschaft hatte er verloren.
An diesem Tage schrieb er an die ferne Erika Flucht: »Manchmal fällt himmelfrohes Leuchten in mich und ich grüße Sie in Ihr beseligtes Suchen. Aber zuletzt steht doch stets der Zweifel – ich kann Ihnen nicht mehr helfen, verehrte Freundin; denn ich finde keinen Vers, der sich nicht viel müheloser anders deuten ließe als im Sinne Ihres wertvollen und interessanten Bemühens. Und doch: ich habe meinen Schatz gefunden, indem ich hinter dem Lichte wanderte, das Sie vor mir hertrugen – sehen Sie zu, daß auch Ihnen Ihre Sehnsucht Erfüllung werde!«
Zwei Jahre später erhielt er ein Buch, das sie über diese Dinge geschrieben hatte. Es trug den Titel: »Das Vermächtnis« und er erkannte daraus, daß sie ihres Traumes Deutung nicht näher gekommen war.
Ihr Name wurde später noch oft von Do und ihm genannt, aber sie lächelten doch zuletzt über ihn hin – ›im Finstern sind Mysterien zu Haus‹.
Leibhaftig gesehen hatte er Do nicht in diesen Tagen, die so schläfrig im Nebel herumliefen. Aber nun ging er des Mittags immer den breiten Gartenweg, und nicht mehr durch die Schlüpfe, und richtete seine Blicke bei jeder Heimkehr aus der Stadt gegen ihre Fenster.
Es lag immer die gleiche undurchdringliche Ruhe dort.
Da befiel ihn die Sorge, es könnte Do etwas zugestoßen sein. Er suchte vor der Tür in dem aufgeweichten Wege nach der Spur ihrer Füße und fand sie nicht. Er ging an einem Abend viermal hinaus und sah, ob Licht hinter den Fenstern ihres Zimmers wäre – das Haus war gestorben. Er riß an dem Klingelstrange, daß die Glocke drinnen jäh aus ihrem Schlafe schreckte und Sturm läutete – »Wenn sie jetzt kommt,« dachte er, »so sag' ich: ›ich wollte sie nur noch mehr ärgern, als dies schon geschehen ist‹ – und dann frier' ich zu bis auf den Grund.«
Aber sie kam nicht. Da lief er gegen seine Gewohnheit in die Stadt, um eine ihrer Bekannten zu treffen. Vor jedem Menschen hatte er die Frage auf den Lippen: »Kennen Sie Doris Rinkhaus? Wo ist sie hingekommen?«
Als er beim Kaisercafé um die Ecke in die Schillerstraße einbog, war der Bummel der Weimaraner schon im Einschlafen. Die Rathausuhr schlug acht. Die Laternen spannten gelbe Brücken auf die glitschigen Steige, und was da in Regenzeug mit hochgeschlagenen Rockkragen dahinstapfte, waren »die nach Ladenschluß«. Nur aus dem Fauserschen Blumengeschäft bei dem Gänsemännchen brach noch ein verspäteter Strom Licht in den Nebel – Gwendolin stand drinnen in Blüten und steckte sich gerade drei rote Nelken in den Gürtel!
Er hatte all die Zeit her nicht das leiseste Verlangen gespürt, sie über ihr Verhalten in Ettersburg zur Rede zu stellen. Nun, da nur die blanke Scheibe zwischen ihm und ihr war, prallte er zurück – aber: »Träf' ich Dich nicht heute, träf' ich Dich ein andermal,« dachte er, sprang die Stufe empor und stieß hart gegen die Glastür; sie war geschlossen.
Da öffnete ihm Gwendolin –
»Wissen Sie, wo Doris Rinkhaus hingekommen ist?« fragte er.
»Aber ja,« sagte sie, »sie ist in Ibenheim! Und Sie wissen das nicht?«
»Nein. Was soll denn das heißen? – Nun ja, wir haben doch noch vier Wochen Krieg miteinander.«
»Geschieht Ihnen recht. Halt, halt! Warten Sie, ich gehe mit Ihnen!«
Das war Gwendolin – sie hatte ihn schon wieder in beiden Händen.
»Ich gehe nach Hause,« sagte er.
»Ich gehe mit,« sagte sie. »Warum haben Sie sich in diesen vier Wochen eigentlich nicht sehen lassen?«
»Vor Ihnen?«
»Natürlich vor mir! Aber diese Sache machen wir daheim ab. Los!« kommandierte sie.
Sie gingen über den Markt und gingen über die Sternbrücke. Als sie in den dunklen Fußweg nach dem Horn einbogen, sprengte ihr ein Lachen den Mund – diesen Mund, der über seine rauchenden Sinne geblüht war wie die rote Seide des Feldmohns, wenn sie sich voll Sonne getrunken hat! Und Doris Rinkhaus in Ibenheim! Krieg auf Kündigung! Dazu Erika Flucht, die den Olympus durchwühlte, in den Goethe sein Vermächtnis eingeschwärzt hat … Und das alles auf einem kleinen Zirkel Zeit und Erde! … Jakobus Sinsheimer stand in der Mitte dieser verrückt gewordenen Drehscheibe, wirbelte sich um seine eigene Achse und bekam das wüste Sehen.
»Du,« sagte sie, »willst Du den ganzen Abend so zugenagelt sein? Rede!«
»Frage nur weiter,« sagte er – »vielleicht rat' ich mich dann aus meinem Staunen heraus.«
Sie lachte, daß ihm das Herz klang.
»Verrückte Geschichte!« sagte er. »Und nun kommt das auch noch, sagt ›Du‹ zu mir und stattet mir einen mitternächtigen Besuch ab. Nimm Dich in acht vor mir!«
»Fällt mir ja gar nicht ein!«
Teufel, wie das lachen konnte! … Jakobus Sinsheimer fing an, nachsichtig gegen sich selbst zu werden und dachte an vollkommene Verzeihung – »das heißt,« erläuterte er laut, als ob sie seine Gedanken gehört hätte – »ich selbst will mir verzeihen. Du bist hoffentlich vernünftig genug und verzichtest für Dich!«
Es knisterte und tropfte im Laubdache der Kastanien, und auf dem breiten Gartenwege lag mitternächtige Finsternis.
»Es ist schaurig einsam hier,« sagte Gwendolin und legte ihren Arm um den seinen; da fühlte sie, daß der von Holz war und ohne Bedürfnis, sich anzuschmiegen.
In der Türe des Hauses ließ er sie stehen und brannte die Lampe an, und Licht und Wärme nahmen ihr das Regencape ab –
»Ah,« sagte sie voll Rührung, »wie lieb hier alles ist! Und dahinein hast Du mich nicht ein einziges Mal gerufen?«
»Nein,« sagte er – »der Name Gwendolin Vogelgesang ringelt sich aus dem Mund als eine Schlange und zischt, ehe er noch ganz hervorgekrochen ist! … Ich weiß das leider erst seit diesem Augenblick.«
Sie setzte auch den braunen Hut ab, um den ein schmales Band aus schwarzem Glanztuch geschnallt war, und rückte sich den Lehnstuhl an den Tisch.
»Du, mach' eine Tasse Tee!« lockte sie.
Da holte er den Spirituskocher von dem Fensterbrett in der Kammer. Sie hörte, wie er draußen Wasser in einen Blechtopf goß, dann stellte er den ganzen Betrieb auf die Diele vor den Ofen und zündete an.
»Pfui, wie männermäßig und stimmungslos! Ich werde Dir morgen einen Samowar schicken, der kommt auf den Tisch, und Du läßt Dir des Abends etwas von ihm vorsingen, wenn ich nicht da bin.«
»Das klingt ja gerade, als wolltest Du wiederkommen?«
»Du lieber dummer Junge – selbstverständlich will ich wiederkommen!«
Da legte er das Kinn auf die gelbgemusterte Tischdecke und sagte: »Gwendolin Vogelgesang! Gwendolin Vogelgesang! So – jetzt kriechen zwei Schlangen auf dem Tische herum … Ich wollte, Du entsetztest Dich davor – vor Dir und Deinem Namen und vor Deiner bittersüßen Seele und vor Deinen Tollkirschenaugen.«
»Ich habe gar nicht gewußt, welch eine komplizierte Einrichtung ich bin,« sagte sie.
»Hm. Ich habe mir die Lippen abgewischt neulich in Ettersburg, weil ich auf dem Wege zu Dir Deine Küsse darauf gefühlt hatte.«
»Den Samowar kriegst Du aber doch; denn … Sie sind einfach süß in Ihrer Dummheit, Herr Sinsheimer!«
Aber sie lachte nun nicht mehr, und es wurde ihr schwer, ihn anzusehen; sein Mund, der so wild und süßschmerzlich küssen konnte, verzog sich in gallebitterem Widerwillen. Sie hatte in ihrer sonnenseitigen Art über den Graben hinwegsetzen wollen, den sie gerissen – nun war er breiter, als sie ahnen konnte, und Jockele stand drüben und reichte ihr keine helfende Hand.
Die kleine Uhr mit den Alabastersäulchen und dem gewölbten Glas über dem Zifferblatt rief mit heller Stimme neun – es war die gleiche Glocke, die schon in Tante Veronikas Jungmädchenträume geklungen hatte … Die mußten aus kleinen Rosen gewoben gewesen sein, aber die Gwendolins waren aus violettem Nachtschatten, der in jeder Dämmerung ein schwüles Leuchten anhebt und Perlen aus Granatrot und Gift trägt.
Jakobus nahm eine Tasse aus dem Schrank, füllte die kleine Meißener Kanne mit Tee und goß für Gwendolin ein. Da ging sie an den Schrank, nahm für ihn eine Tasse heraus und bediente ihn in der gleichen Weise.
»Heute gefällst Du mir,« lächelte sie so über ihn hin, »Du bist nicht nur dumm, Du bist auch tapfer.« Während sie die Teekanne abstellte, streifte sie ihm mit der Hand über das Haar – »Du,« sagte sie, »warum rauchst Du nicht auf – ich habe Dich nun schon dreimal dumm genannt!«
»Weil Du recht hast. Wär' ich sonst auf Dich hineingefallen?«
Auf dem Tische stand ein Strauß von Herbstgräsern. Den hatte die Aufwärterin zusammengetragen, und Gwendolin hatte ihre Nelken dazugefügt. Aus diesem Strauße zog er einen Halm Zittergras und tupfte ihr damit an die Lippen: »Walderdbeeren, die im Straßengraben wachsen,« sagte er.
Da wurde das hohe sonnige Mädchen leise, es gingen vier Lichter aus an dem siebenarmigen Leuchter ihrer Zuversicht. »Jockele,« sagte sie, »denkst Du, ich hätte Dir diesen Mund gegeben, wenn Du nicht voll Sehnsucht nach ihm gewesen wärst?« Sie zog mit dem Löffel das Muster der Decke nach und glitt sich sachte aus den Händen.
Er sprang auf und ging mit harten Schritten durch das Zimmer – »Du hättest mich nicht so stumpfherzig verleugnen sollen – dann wärest Du nicht so tief untergegangen für mich, Gwendolin,« sagte er; »denn Du bist nicht so arm, daß Du Dich selbst einem Bräutigam gegenüber nicht verteidigen könntest.«
Er ließ seine Augen nicht von ihr, denn sie war für ihn Komödie geworden. Aber sie schaute nicht auf. Dann sagte sie mit gesprungener Stimme: »Ich habe gedacht, es könnte Dir daran gelegen sein …«
»Daß Du mich vor einem Kellner zu einem Narren machst?«
Da erschrak sie und stand auf und legte ihre Arme um ihn. Er wehrte sie ab –
»Jetzt hast Du mir mitten aufs Herz getreten,« knirschte sie und setzte sich voll Bitternis in den Stuhl. »Ich habe Dich für jünger gehalten, als Du bist.«
Da lachte er gell auf – »Wär' ich älter, so hätt' ich Dich zur Dirne gemacht!« schrie er. »Aus! – Und nun sage mir: was weißt Du von Doris Rinkhaus? Ich werde von ihr das Leben erlernen müssen. Macht es Dich nicht nachdenklich, daß ich mich nicht an ihren Mund wagen würde? An diese hellen, kühlen, sauberen Lippen! Doris Rinkhaus hat einmal gesagt: Wer den Glauben an die Menschen nicht verlieren will, muß den Verkehr mit ihnen nach Möglichkeit einschränken. Warum denke ich nun daran, da ich Dich vor mir habe? Was weißt Du von ihr?«
»Daß sie nach Ibenheim gereist ist und in dem Hause wohnen wollte, in dem einst Maria Reh gewohnt hat. Sie wollte wohl auch wissen, wo Du daheim wärst, und wollte mit Tante Veronika zusammensein, die sie sehr schätzt.«
Das war so ohne Verhehlungen hingesagt, daß er ganz ruhig daran wurde. – Doris Rinkhaus hatte es sonst nicht leicht mit den Menschen, sie war hellsichtiger als alle ihres Alters, sie war fertig und selbstbewußt, und was ihr noch zu erleben blieb, nahm sie hin in der klaren Bewußtheit, mit der sie sich zu leben gewöhnt hatte. Sie machte sich ihre Tage selber.
Menschen solcher Art wachsen wenige und stehen fremd inmitten der zehntausend Schablonen, die um sie herumlaufen, und sie haben viele Feinde.
Gwendolin sagte: »Doris Rinkhaus ist eine kaltherzige Egoistin.«
»Nein,« sagte Jakobus, »sie ist blank und klar wie der volle Mond, der in der Hochnacht hängt.«
»Er wärmt nicht.«
»Das Bild war auch nicht klug gewählt,« sagte er – »manchmal kann ich mir denken, daß sie über ein dürres Feld schreitet, und es fängt um ihre Schuhe an zu blühen. Aber es ist richtig: sie redet oft mit Menschen und ist doch weit weg von ihnen. Alle Mädchen müßten so sein wie sie, so königlich und klar. Sie ist ein Quell voll Erfrischung. Ihr andern habt nur Kleider und Sinne, aber sie hat eine Krone. Oh, wenn Ihr wüßtet, wie Ihr Euch erniedrigt mit Eurer dürftigen Rechnung auf das andere Geschlecht!«
Gedanken, die Do auf ernsten Wanderungen in ihn geworfen hatte, wollten sich in Helligkeit ringen, aber sie fanden den Weg nicht; denn Gwendolins Augen stellten sich vor ihn hin und fragten: »Was verstehst Du von diesen Dingen?« Und ihre schwüle Art, ihn anzusehen, machte ihn wieder unsicher an sich selbst.
»Du wirst nach Hause gehen müssen,« sagte er – und sie: »Es ist schade, daß Du nicht zehn Jahre älter bist. Ich glaube, ich könnte Dich dann richtig lieb haben.«
Sie machte sich fertig, und er führte sie die Kastanienallee entlang und ging noch ein paar Schritte mit ihr draußen vor der Hecke.
»Du bist nun doch anders als andere, und ich hätte gegen Dich nicht so freigebig sein dürfen,« sagte sie. »Aber Du darfst mich deswegen nicht steinigen und meinen, ich allein trüge die Schuld. Vor solch einem feuerroten Aufblühen will ich mich aber in Zukunft hüten.«
Vom Tor aus sah er ihr noch einmal nach – die Nebel schlugen über ihrem Schatten zusammen.
Er trat hochaufgerichtet in sein Haus und dachte, sie wäre nach seiner Aufforderung ohne Säumen gegangen, weil er von Do zu ihr geredet hatte, und wie die so schön und hoheitsvoll sei; gegangen aber auch deshalb, weil sie seine ehrliche Bitternis gefühlt hatte.
Dann holte er die Gedichte Goethes mit den Anmerkungen der Erika Flucht vom Regale. Da fiel ihm ein, daß es viele Mädchen leicht hätten, neben den suchenden Sinnen der jungen Männer dahinzuleben – die heidegraue Norddeutsche mit dem Faustfimmel hatte keiner schön gefunden!
Es waren Gedanken, die er nie zuvor gehabt hatte; darüber ward sein Herz noch versöhnlicher gestimmt, und er fragte sich, ob er Gwendolin nicht unrecht getan hätte. »Nein – nur quitt sind wir geworden,« sagte er. Und am anderen Tage konnte er sich über den Samowar in helle Glückseligkeit freuen.
Sie hatte den Kessel ganz mit Blumen überdeckt, aber sie hatte kein Wort dazu geschrieben.
Da suchte er sie während der folgenden Tage in der Stadt zu treffen. Wie er sie sah, traten sie sich ernst und freundschaftlich gegenüber, und ehe sie auseinandergingen, sagte er:
»Ich glaube, wir sind gar nicht von so unterschiedlicher Art der Herzen. Ich weiß jetzt: die meisten jungen Männer und jungen Mädchen vertändeln sich aneinander – aber so zwei wie wir müssen darüber hinwegkommen. – Wann besuchst Du mich?«
»Morgen abend – wenn Du willst,« sagte sie.
Er hatte sich und sie besiegt.
Den Menschen in Weimar ist das Glücklichsein leichter gemacht als denen anderswo – nicht, als ob sich die Steuerlokalkommission weniger anmaßend gebärdete – o nein, sie hat genau so das Bewußtsein, daß sie zuletzt immer die Gefoppte sein könnte, und ist deshalb zur Vergeltung geneigt; genau so wie anderswo hat sie das Recht zum Pessimismus. Und nicht, als ob die Weimarer Bürger und Dichter, die den Hauptteil der Bevölkerung bilden, trockenen Fußes über die Straßen gehen dürften, wenn es schon seit zwei Wochen aufgehört hat zu regnen – o nein, o siebenmal nein! Für diese Fälle hat sich ein ebenso eigenartiges als lustiges Verfahren herausgebildet. Regnet es, und es beabsichtigt trotzdem jemand aus einer der grünen stillen Vorstadtstraßen einen Ausgang, so wendet er sich zuvor an den Gemeindevorstand mit einer Eingabe und fordert die Beschotterung des Weges. Darauf erläßt der Stadtbaumeister ein Rundschreiben an alle Anlieger der Straße, ob sie für die Kosten der Instandsetzung aufzukommen gedächten. Wenn diese zurückgeschrieben haben, daß sie zu wenig Humor besäßen, um ein so vergnügtes Ansinnen auch nur zu erwägen, dann ist seit mehreren Wochen so trockenes Wetter, daß die Entnahme von Wasser aus der städtischen Leitung bei Strafe verboten wird, der beabsichtigte Gang in die Stadt kann ohne Lebensgefahr vorgenommen werden, und über die Eingabe, die bis auf weiteres inaktuell ist, wird zur Tagesordnung übergegangen.
Trotz alledem – das Glücklichsein ist den Menschen in Weimar leichter als denen draußen; denn jeder treibt sich an dem andern rasch und fremd vorüber und fraget nicht nach seinem Schmerz. Es gibt keine aufdringlichen Nachbarn, und wer Neigung dazu verspürt, läßt sich leicht zu grußloser Begegnung bekehren. Man sieht sich in Weimar, aber man kennt sich nicht; und das ist ein Stück des Geheimnisses der Glückseligkeit. Man wohnt vergnügt wie in Ibenheim am Walde; denn Weimar ist die Stadt mit der unsterblichen Seele, und nicht nur, wenn der Mond Busch und Tal still mit Nebelglanz füllt, hält diese Seele ihre geheimnisreichen Umgänge und schauert um Herzen und Wege das Scheinen der Ewigkeit.
»Das Vermögen, in Einsamkeit glücklich zu sein, steht in geradem Verhältnisse zum inneren Reichtum eines Menschen,« hatte Doris Rinkhaus einmal zu Jockele gesagt. Das war zu einer Zeit gewesen, in der er noch nicht wußte, daß er zu denen gehörte, die Schmerz und Lust in Betrachtung übergehen lassen. Aber er hatte gefühlt: es war die Wegstelle, an der Tante Veronika und Do einander trafen.
Und nun war er längst zu der Erkenntnis gelangt, daß das Glück von Weimar sich ihm um so inniger ans Herz legte, je heimlicher er sich in die Stille dieser beseelten Gärten hineinlebte. Er war daheim wie in den himmelumdrängten Waldsäumen hinter dem Frühlingshause. Die Namen der Großen von Weimar blühten für ihn von allen Fenstersteinen, und er sah klingende Ewigkeit ranken um alle Giebel.
Er schaltete die Steinbrüche der Städte nicht einfach in das Dasein als Verirrungen verkümmerter Herzen und Geister, die das Bedürfnis haben, sich das Firmament der Sterne zu vermauern – wie er einmal von einem Dichter hatte sagen hören – aber er dachte: wie kann man seine Augen so der Sonne entwöhnen und seine Seele so dem jubilierenden Hochgesang der Erde! Wie kann man Gott absetzen und den Göttern der Gassen und Gossen dienen, solange noch Wälder ihre Arme lichtselig gen Himmel dehnen?
Ueber diese Erde ritt der Oktober in silbernem Rüstzeug mit goldenen Sporen. Er trug eine blaue Aster am Helm, und die Sonnenrosen lehnten sich über die Zäune und mußten seinen Weg bescheinen.
Doris Rinkhaus war wiedergekommen aus den bunten Wäldern der Berge und sah aus wie die Braut des silbernen Reiters: kriegsfroh und sieghaft – sah aus, als liefe sie unter dem Schellenbaume der Militärmusik. Sie machte keine abwesenden Augen mehr, wenn sie aneinander vorübergingen – sie wartete auf die rote Fahne, die Jockele aufzog, sobald sie in Sicht kam, und freute sich, wenn er als Feuersäule an ihr vorbeiloderte.
Er hatte nicht an Tante Veronika geschrieben, während Do in Ibenheim war. Und diese Tante war auch darin eine Ausnahme, daß sie von ihrem Jungen nicht einen Wochenbericht mit Speisenkarte und Wetteranzeige verlangte.
Am letzten Oktober abends war der Sturm in die spärlich belaubten Wipfel gestiegen und blies den Frieden über den Garten. Gwendolin war da, und während sie beim Tee saßen, brachte Maria Reh – noch im Reisekleide – die Einladung zum nächsten Morgenkaffee herüber aus dem Gartenhaus. Es war sehr lustig; denn Maria Reh hatte von den Dingen, die sich über Sommer zugetragen hatten, keine Ahnung. Und es wäre noch lustiger gewesen, wenn sie nicht den jungen Malschüler hätte begrüßen wollen, der für sie noch immer mitten in der Erinnerung des Waldspazierganges zum Berge der Frau Venus lebte – nun war aus ihm ein junger Mann geworden, der seine Erlebnisse hatte, und der auf dem Wege zu einer Weltanschauung war.
Aus dem anderen Morgen wurde ein Vormittag und aus dem Kaffee ein Mittagsmahl. Die Aufwärterin Jockeles wurde in die Küche gestellt; denn die Damen konnten nicht abkommen. Es hatte sich ein halbes Leben während dieses Krieges im Frieden durch ihn hindurch gelebt, und er stand schon wieder hoch darüber auf einer heiteren Höhe, von der er sich die Welt unter ihm mit Humor betrachtete.
Do hatte, als die Kriegserklärung erfolgte, noch die erste Nacht von Ettersburg auf seinen Lippen leuchten sehen – auf dem gleichen Munde, der sich zu dem begeisterungsvollen Ausspruche von der bevorstehenden Eheschließung mit Gwendolin hinreißen ließ.
Aber Doris Rinkhaus hatte keinen Verrat an ihm begangen, weder gegen die bunten Wälder von Ibenheim noch gegen Maria Reh; und auch er spielte nicht den Verräter; denn Gwendolin hatte sich Do an jenem Sonntag in Ettersburg nicht verborgen. Deshalb durfte er alle seine Erlebnisse berichten und schonte sich nicht.
Dieser erste November leitete Jakobus Sinsheimers wildes Jahr ein.
Zuerst verlor er Gwendolin. Sie kam noch ein paarmal, dann stürzte er sich in ein ausgelassenes Malen. An einem verschneiten Tage betraf ihn Maria Reh dabei, wie er Stöße bemalter Leinewand in den Schuppen hinter dem Hause trug – um die Holzdieme im Zwetschengarten hatten sich Sturm und Winter gejagt, und die Schuppentüre lag hinter einer Schneelast. Da wühlte er sich Bahn und warf alle Landschaften der anderen Zeit zu Staub und Moder. Dann verfiel er in einen unwirschen Fleiß und verlernte darüber zu lachen und zu reden. Er sah die Freundinnen aus dem Gartenhause tagelang nicht, wußte nicht, was sie trieben, und es kümmerte ihn nicht, ob sie daheim oder verreist waren. Er verbrachte Wochen in der Akademie, er verbrachte lange Tage in der Büchereinsamkeit seines Hauses. Es gingen alte und junge männliche Modelle darin ein und aus, und es kam auch ein ganz junges blondes Mädchen der Armut mit einem Madonnengesichte. Die hatte ihm die Aufwärterin zugeführt.
Danach entließ er die Frau und hatte die jungen sechzehn Jahre der Husch um sich; die behauptete, sie wäre auf diesen Namen getauft.
Er gebot über ihre junge unterwürfige Jugend wie er wollte. An ihrer sanften Schönheit sannen sich seine Augen in Träume wie vor dem Bilde des Mondes; und die Kümmernis ihrer Jugend erbarmte ihn. Sie lebte sich in ihn und das kleine Haus hinein als in ein fremdes schönes Glück und litt an der Ahnung, der Märchenglanz werde vergehen, wenn der Schatten von Menschen darüberfiele.
Da geriet sie in eine eifersüchtige Wachsamkeit und haßte Doris Rinkhaus, daß sie zitterte, wenn ihr Name von ihm genannt wurde, und daß sie in Tränen ausbrach, wenn Jakobus drüben im Gartenhause war.
Einmal hatte er mit Do verabredet, Husch sollte für die Damen und ihn in der Küche drüben die Mahlzeiten bereiten, aber sie war nicht dazu zu bringen – »Fordere, daß ich in den Winternächten an der Erde vor Deinem Bette schlafe oder draußen beim Holz,« flehte sie, »aber beschütze Dich und mich vor jener!«
Da machte sie aus dem kleinen Schuppen eine armselige Küche und wirtschaftete darin und aß dort, wenn er nicht daheim war. Des Abends ging sie über den Wall nach Hause, sie bewohnte mit ihrer Mutter eine Mansarde in der Musäusstraße, und war früh vor Tag wieder da und wartete, daß er über sie befahl. Sie waltete in dem Häuschen mit blumenhafter Stille und Hingabe an die Sonne, die darin für sie schien, und dachte: »Wenn diese Sonne untergeht, muß ich sterben.«
Einmal hatte sie ein Märchen von einer Fee gelesen, die in eine Blume verzaubert war. Aus dieser Blume durfte sie um die Mitternacht herausschreiten. Da schlief der Mann, der die Blume in einen Scherben gepflanzt hatte, nebenan in dem Kämmerchen, die Fee aber fegte die Stube und wischte den Staub und trug Wasser herzu und war so leise wie der Sonnenschein, der über die Diele schreitet. Dann zündete sie Feuer unter dem Herde und setzte das Essen daran, daß es sich bis zum Morgen koche; denn sie mußte wieder zur Blume werden, ehe der erste Sonnenstrahl kam – sonst war es um sie geschehen.
Dies Märchen erzählte Husch eines Tages dem Jakobus und ward traurig und sagte:
»Dieser erste Sonnenstrahl – ich muß dabei an etwas ganz anderes denken … davor fürchte ich mich!«
Er fragte sie, was es wäre, aber sie schüttelte mit dem Kopfe und schwieg. Dann sagte sie:
»Ich werde es Dir nie verraten. Aber wissen wirst Du es doch, wenn dieser Sonnenstrahl gekommen ist; denn dann ist es um mich geschehen.«
In der ersten Zeit war ihr sehr bange, sie könnte nicht alle Dinge in der Stube wieder an den richtigen Platz und in die Stellung bringen, die sie zuvor gehabt hatten, weil ihre Hände und Augen nicht dazu geschickt wären. –
Ihre Mutter hatte sie am Rande eines wilden und schönen Mädchentages aufgelesen und wohnte noch immer in dem gleichen Dachstübchen, in dem ihrem Schoße die weiße Rose entblüht war. Das Fenster lag nach Norden, und man konnte die Sonne von dort aus nur sehen, wenn sie in fremden Gärten und in den Stuben der anderen Leute lag.
Das Schauen nach fremder Sonne hatte einen Zug tiefer Schmerzen in das junge Gesicht getragen. Eines Tages saß sie am Fenster – es war ein frostheller Januartag, und der Ostwind klirrte durch das Geäst. Sie dachte an die Zeit, in der das liebe Licht dieses kleinen Hauses nicht mehr um sie wäre, und blickte empor zu den kahlen Zweigen, die vom Winde geschlagen wurden.
Da wandte sich Jakobus ihr zu und sah ihr schmerzvolles Gesicht. Aber sie merkte es nicht. Es schien ihm, als wandele sie in einem tiefen, öden Felsentale, das auf allen Seiten verschlossen war, und sie ging dahin und sah die Abendsonne ihren Königspurpur um die hohen Zinnen legen.
Du hieß er sie ihre Kleider ausziehen und ihr langes, blondes Haar lösen, wie sie das schon oft vor ihm getan.
Er hatte sie dann gezeichnet als ein schönes, schlankes Kind, das in erdenfernen Gärten schritt – einmal auch als die Fee in dem Märchen, die sich aus der Blume befreite – da wob sie sich aus sanften Linien, die zuvor Blütenodem gewesen waren, zu einer holdseligen Frauengestalt. Oder sie wandelte über Stufen des Himmels den Engeln entgegen, die dort auf den lieben Gott warteten.
Aber an diesem Tage wurde sie ihm zum ersten Male zu dem schmerzensvollen Erdenmädchen.
Er hatte eine Eingebung gehabt, sie so in ein großes Bild zu stellen, das er ›Gruppe aus dem Tartarus‹ nennen wollte. Wenn die hohen Bäume wieder Frühling über sich warfen und nur verirrtes Licht durch die Wogen der Wipfel brach, sollte es draußen vollendet werden.
Zuerst hatten sich seine Sinne an dem scheuen Frühling dieses Mädchenleibes in einen blutroten Taumel gesungen, und er hatte ihr die Augen verbinden müssen.
Nun gab sie sich ihm längst ohne Scheu, es war, als durchleuchtete die Seligkeit ihrer Seele den jungen Leib, so oft er sie rief. An diesem Tage sagte er ihr, daß sie mit dem vorigen Gedanken sehnsüchtigen Schmerzes dastehen müßte und mit erhobenen Armen, die den beglückenden Traum der Sonne nur ein einziges Mal fühlen möchten …
Sie war ohne Grenzen in ihrer Demut, und sie war ohne Grenzen in ihrer Kraft, wenn er ihr gesagt hatte: »Du sollst …«
Er wußte nicht, woher dieser zarten Schlankheit solche Kraft kam. Sie wurzelte in den Stein, der unter ihren Füßen war, wenn er es ihr gebot; und sie litt Qualen einer Zeit, vor der sie bangte als vor dem namenlosen Jammer, an dem sie sich in das Grab siechen mußte – sie litt es; denn er hatte es gefordert. Und sie dehnte die Arme – nicht nach der Sonne, sie dehnte sie nach dem Saume der Berge, über die sie ihn schreiten sah, und mit jedem Schritte zog er weiter von ihr fort …
Da rief sie seinen Namen aus den Tiefen ihres Schmerzes herauf und brach in die Knie und verbarg ihr Gesicht in den Händen.
Und weil sie schluchzte und nicht fühlte, daß er seine Hand auf ihr Haar legte, und nicht hörte, daß er da war und mit ihr redete, nahm er sie auf die Arme und trug sie auf sein Bett. –
Jakobus Sinsheimer war keine Einsiedlernatur, aber Abstammung und Erziehung hatten es ihm zur beglückenden Gewohnheit werden lassen, sich nicht in die Märkte und Gassen hineinzudrängen, auf denen die Menschen ihre Jahrmarktsherzen und sich selbst als Kleiderstöcke ausstellen. Wer der Ansicht ist, daß ausschließlich solche Menschen vorhanden wären, der ist gar sehr im Irrtum; denn es ist zu schätzen, daß es an nahezu fünf Prozent aller neuzeitlichen Kulturstätten annähernd ein Prozent immer noch ganz vernünftige Leute geben mag.
In Weimar sind deren mehr, was schon daraus zu ersehen ist, daß dort sehr viele Dichter leben.
Nein, Einsiedlerneigungen hatte Jakobus Sinsheimer keineswegs, aber er legte um das Bild jeden Tages einen Rahmen von Sonne und Grün. Und wenn beides nicht zu haben war, weil die Sonne in den Gärten der Engel und das Grün in den Bettlein der Elfen zu tun hatten, so nahm er mit freiem Weltenlicht und mit Himmel vorlieb.
Es setzte ihn auch schon lange nicht mehr allzuviel in Erstaunen. Nur darüber – dachte er – würde er sich bis in die goldene Ewigkeit hinein wundern, daß die Menschen mit dem Himmel fast gar nichts mehr anzufangen wüßten.
So gewöhnte er sich, davon immer ein Stück in den Händen zu halten. Und das war gut; denn damit findet sich der Mensch durch Nacht und Licht und findet sich auf die Sonnenraine, die auch mitten durch die lautesten Märkte des Lebens führen, und auf denen immerfort ein bißchen Glück blüht.
Uebrigens erfüllte ihn das neue robuste Schaffen dieses Vorstadtwinters mit einer ungekannten Freude.
Er wußte, daß der Wandel, der seine Vorliebe für landschaftliche Motive verdrängt hatte, ihm aus dem Eifer gediehen war, mit dem er sich den Dichtern gewidmet – auf einmal waren seine Gedanken bei Doris Rinkhaus. Von allen Menschen, die ihm nahegetreten waren, hatte er an Do den geringsten Anteil gehabt. Aber sie redete doch immer dazwischen. Sie erklärte ihm den Krieg und guckte ihm über die Achsel in jedes Buch; sie verreiste und blieb doch bei ihm. Sie stand in ihm als eine brennende Kerze, und er nannte sie, wenn er sich über sie ärgert, die ewige Lampe.
Aber in dieser Zeit begann er sich gegen sie zu wehren – es war das wilde Jahr!
In diesem Jahre halten junge Männer ihre Väter gemeinhin für altmodische Tröpfe und ihre Mütter für abgestandene Frauen, die aus ihrem späten Leben in das Land der Jugend und neuen Zeit herüberreden möchten und sich darin nicht zurechtfinden. In diesem Jahre reckt sich eine Kraft, die für den, der sie spürt, aussieht wie der Riese Goliath, und für den, der daneben steht, wie ein Embryo, an dem schon alles da ist, aber das Maul ist aus seiner Natur heraus am größten. In diesem Jahre hält der junge Mann von Begabung die Mädchen und die Ellbogen für die vornehmsten Einrichtungen und hat niederreißende Gelüste. Wenn man ihn gewähren ließe, würde er auf den Thron Gottes steigen und der Welt zeigen, was Allwissenheit ist. Und so weiter.
Das kommt daher, daß sich über der reckenden Kraft alle Gesichtswinkel verschieben – auf einmal sieht die Welt aus wie vor den Toren im November: vor den Toren sind die Schrebergärten mit den tausend Lauben, die Begeisterung und Ungeschick gezimmert haben; beides wird im abgeblühten Jahr offenbarer.
Und über diese Welt stürmt die Kraft des wilden Jahres dahin, gerät in Sand und Nebel und wird besinnlich und gibt dem lieben Gott eine Gnadenfrist … Das Sinnbild des wilden Jahres sind die Hörner. –
Daran dachte Jockele aber nicht, als er im Lehnstuhl am Ofen saß. Er hatte die Tür zu dem Kämmerchen nur angelehnt und horchte manchmal hinaus, was es mit Husch wäre.
»Ich habe ein mächtiges Unheil in ihr angerichtet,« dachte er.
Do und Maria Reh sollten nichts davon erfahren. Er kannte die Reden der beiden zur Genüge: Maria Reh sagte, so etwas wäre ›überhaupt‹ nichts, und ließ sich auf Erklärungen ihres himmel- und erdenumfassenden ›Ueberhaupt‹ nicht ein. Und Doris Rinkhaus war in solchen Fällen von einer Kälte, die ihm unter die Nägel kam.
Er legte das Ohr an den Türspalt und hörte an ihrem regelmäßiggehenden Atem, daß sie eingeschlafen war.
Dann hatte er mancherlei Einfälle; der einer in nahe Zeit gerückten Eheschließung war diesmal nicht dabei, aber auch nicht die Absicht einer sanften Entwöhnung. Vielleicht würde es besser mit ihr, wenn der Frühling in diesem kühlen Baumwinkel über sie kam! Dann sollte sie draußen um ihn sein, wenn er die ›Gruppe aus dem Tartarus‹ schuf …
Natürlich lief er gleich hinaus, zu sehen, wie diese große Sache am besten zu machen wäre. Gegen den Zaun kam die Leinwand, der er beiläufig zehn Geviertmeter Fläche gab – und er mußte das von der Leiter aus malen. Der Gedanke hatte etwas Berauschendes … so hoch da droben mit dem Pinsel: Prometheus, der der Erde das Feuer bringt!
Da blinkte eine Flocke Weiß aus dem grauen Grase hervor – wahrhaftig, in den vergangenen drei Tagen, in denen ein Weststurm den Schnee zusammengekehrt hatte, war schon das Wecken in die Erde geklungen, und ein Schneeglöckchen hatte sich aus der Scholle gedrängt, und hing doch noch tiefe Winternacht ringsum. So war dies Fünklein Licht aus dem Frühling herübergeweht, und Jakobus, der gleich alle Engel im Himmel die silbernen Glocken suchen sah, kriegte das Laufen, stülpte den Hut auf und eilte in die Stadt. Er brauchte noch drei Modelle: einen Mann auf der Höhe des Lebens und einen, der ganz voll war von dem Klange der Erlösung, die sich aus dem dumpfen Schalle der Hufe trinken läßt, wenn der Tod über die letzte Brücke reitet. Und ein Weib.
Da ging er zu Huschs Mutter und fand sie in dem Vorderstübchen. Sie stickte und hatte die Füße auf einem Backstein, den sie so oft gegen den anderen auf dem eisernen Oeflein auswechselte, als er kalt wurde. Der Ostwind spielte draußen auf den Dachziegeln ein gefrorenes Lied.
Jakobus erzählte ihr, wie es mit Husch gegangen wäre, und daß sie nun in seinem Bette läge und schliefe.
Da sagte die Frau: »Oh, schicken Sie sie nicht fort! Sie ist schon viel freudiger geworden, seit sie um Sie sein darf. Es ist schlimm mit einem so wunderlichen Mädchen in solcher Zeit – die Husch hat eine grausame Lust, leiden zu können. Aber es muß aus dem Glück zu einem anderen Menschen geschehen, dann wird sie gesünder und weiß es nicht. Sie ist über einer ewigen Selbstopferung, und Leiden ist ihr Freude. Aber wenn sie hier unter dem Dache kümmern muß, fällt sie mir aus und stirbt.«
Da dachte Jockele an das Kind der Bauersleute, das dem aussätzigen Ritter Heinrich sein Herzblut opfern will. Er hatte in dem Gedichte des Hartmann von der Aue am Morgen gelesen, wie der Arzt von Salern zu ihr sagt:
Ich muß Dich ausziehn nackt und bloß; Ist das nicht Not genug, so groß, Daß Du mit Recht vor Scham vergehst, Wenn Du so nackend vor mir stehst? An Beinen bind' ich Dich und Armen; Fühlst Du mit Deinem Leib Erbarmen, Bedenke, Mädchen, diese Schmerzen! Ich schneide Dich bis tief zum Herzen Und brech' es, wenn Du lebst, aus Dir …
Nun schenkte ihm die Stunde eine Reihe von Bildern, die gleich in seinem Geiste standen als leuchtende Erfüllung.
Er gab sich dem Reichtum des Augenblicks in gesegnetem Vergessen hin. Das sah die Frau, und weil sie es sich nicht anders deuten konnte, sagte sie: »Sie sind nun doch gekommen, um mir zu sagen, daß ich Husch nicht mehr schicken soll!«
»Oh, ich brauche sie – ich brauche sie vielleicht den ganzen Sommer über!« rief er und sah, wie froh die bleiche Stickerin an seinen Worten wurde.
Dann schickte er sie zu Husch und sagte ihr, wo der Schlüssel wäre, und ging in einem wilden Glücke davon.
Auf dem Wege den Kasernenberg hinab über die Sternbrücke in die Wagnergasse, wo er das Modell zum Armen Heinrich wußte, dachte er an Husch und wie er ihr Leben richten sollte. Man wartete auf ihn, und er war in dieser Stunde zu Sein oder Nichtsein für zwei Frauen geworden, die auf den Dächern lebten und sich nicht herabfanden auf die Erde. Er war ein Mann und eine beglückende Hoffnung! Da brauste Frühlingssturm in ihm.
Als er in der Dämmerung nach Hause kam, war Husch aufgestanden.
Er fragte sie, warum sie nicht mit ihrer Mutter nach Hause gegangen wäre.
Sie lachte, aber sie sagte ihm nicht, daß sie noch alles hätte um ihn bereiten wollen, was ihre Pflicht wäre. Sie ließ sich auch nicht heimschicken und wurde ganz ängstlich, weil sie fühlte, daß er sie schonen wollte. Da litt er es, aber er sagte: »Du machst mir damit große Sorge, daß Du mir mehr geben willst, als in Deiner Kraft ist. Wenn ich mich und Dich über dem Malen vergesse wie heute, so mußt Du es mir sagen.«
»Ich bin ganz allein daran schuld gewesen,« sprach sie – »ich habe Dich so weit fortgehen sehen …«
Im Gartenhause nebenan bildete diese Sache den Gegenstand einer Auseinandersetzung zwischen Maria Reh und Do. Maria hatte mit Huschs Mutter gesprochen und von ihr erfahren, warum sie da war und nun forderte Maria, sie müßten diesem Zusammenleben der beiden ein Ende machen.
Sie stellte sich dabei auf den Standpunkt einer Fürsorge, der Doris Rinkhaus aufs höchste befremdete.
»Es ist eine Modellgeschichte,« sagte Do, »und was geht sie uns an?«
»Es ist eine Herzensgeschichte, die für beide ein Unglück werden kann,« sagte Maria – »und überhaupt, wie läßt sich so etwas billigen?«
»Billigen oder nicht – darauf kommt es gar nicht an! An irgend einem Mädchen muß ein Junge zum Manne werden! Möchtest Du Dich vielleicht dazu hergeben? Das läßt sich dann nicht immer über den Spießerleisten schlagen, und ich finde es sehr sonderbar, daß gerade Du Dir dabei eine Rettungsmedaille verdienen willst.«
»Weißt Du denn, wie sich Tante Veronika dazu stellen würde?« fragte Maria Reh.
»Das ist nicht Deine Sache! Aber so viel weiß ich, sie hat Vertrauen zu Jo. Und ich habe es auch. Ich denke: sie würde nicht die Dritte im Bunde sein wollen; aber wenn ihr das Frühlingshaus als der richtige Platz für ihn erschienen wäre, so hätte sie ihn ja wohl daheim behalten. Es ist am besten, wir sehen und hören nichts von allem. Jedenfalls taugt Dein Schürzenschutz nichts für ihn, und wenn ich Jo wäre, so würde ich jeden sehr unsanft hinauskomplimentieren, der mir in meine Tage reden wollte. Basta! Du darfst nicht vergessen, daß die meisten jungen Männer auf dem gesicherten Geleise einer Familientradition hineinfahren ins Leben – Jo aber ist auf eine Schwelle gesetzt und steht noch heute darauf. Ich kann nicht sehen, daß er töricht ist oder mit blinden Augen dahintappt.«
Draußen schloß um diese Zeit Husch die Schlüpfe im Gartenzaun hinter sich zu.
Jockele saß noch eine Stunde bei der Lampe und blätterte in Goethes Gedichten mit den Anmerkungen. Aber die Bilder dieses Tages drängten sich zu laut um ihn. Er dachte: er wollte Husch dreißig Mark Monatsgeld geben und sechzig Mark für den Haushalt – darüber verfiel er in ein mühsames Rechnen und erkannte, so ging das nicht. Aber Tante Veronika wollte er nicht helfen lassen. Er hatte den Plan mit Husch ohne sie erwogen, so sollte er auch ohne sie ausgeführt werden! Er mußte in den Bildern zum Armen Heinrich etwas Ordentliches schaffen, etwas, das sich zu Gelde machen ließ! Zum ersten Male erhellte ihn der Gedanke, und Gwendolin tauchte wieder auf, die geschäftskundige.
Da ging er ins Kaisercafé und saß mit einigen Kunstschülern an einem Tische, die voller Pläne für einen großen Faschingszug waren, der im nächsten Monate abgebrannt werden sollte. »Prinz Karneval vermählt sich mit der Muse Weimars« hieß die Idee, auf der sich die Sache aufbaute; und Jockele mußte dabei helfen.
Da wurden die Zahlen, die er vor einer halben Stunde im winterlichen Baumgarten am Horn aufgeschrieben, riesenwüchsig – die Dreier und Zweier wurden zu Schlangen und die Einser und Vierer zu Keulen und rückten gegen ihn an zu einem wüsten Kampfe.
Aber seit jenem langen Frühlingsmonate, in dem er zwanzig Tage niederschmetternde Gastfreundschaft bei Do genossen, war er ein gut Stück in die Lebenskunst gewachsen. Nun saß er in einem Kreise junger Leute, bei denen das Exempel in der Regel nach dem Vergnügen ausgerechnet wurde – da brachte auch er den Armen Heinrich, die Gruppe aus dem Tartarus, die männliche Fürsorge für Husch und den Prinzen Karneval zusammen, und gelobte, den Faschingszug als Spitzenreiter mitzumachen.
Am anderen Tage griff er sich Gwendolin vor der Kunstschule und verwickelte die Ueberraschte in ein besinnliches Gespräch.
Wie ihn Gwendolin so reden hörte, sagte sie: »Immer hast Du Dir einen neuen Turm aufgesetzt, wenn man Dich mal acht Tage nicht gesehen hat,« und sie legte einen Respekt in ihre Worte, den er von ihr nicht gewöhnt war.
Als er ihr von Husch erzähle und wie es mit ihr geworden wäre, sagte sie: »Du faßt alle kleinen Dinge gleich mit beiden Händen und mit dem Herzen an und stellst Dich zu jedem, als müßtest Du Dich mit ihm verheiraten. Wenn Du das Dein ganzes Leben hindurch so machen willst, kommst Du aus der Grundsuppe gar nicht heraus.«
»Es liegt das wohl so in meiner Art,« sagte Jockele.
»Ja, aber ich halte diese Art für schwerblütig und gefährlich.«
Auf dem Heimwege blieb die Rede Gwendolins um ihn, aber er vergrübelte sich daran nicht in Hoffnungsödigkeit, wie ihm das vordem geschehen war, sondern dachte: »Wenn ich mit dieser Art nicht mehr weiterkomme, muß ich ihr aufkündigen. Gwendolin hat mit ihrer anderen frühzeitig auf eigenen Füßen gestanden, aber sie bleibt auch immer dieselbe. Bei einem Mann ist das eine ganz andere Sache.«
Er hatte sich das genialische Treiben seiner Bekannten zu genau besehen und wußte, daß er nicht mit ihnen gehen konnte. Aber er wußte nicht, was er Do in diesem Jahre schuldig geworden war, die ihn mit ihrer sichtigen Klugheit auf klare Wege geleitet hatte. Nun hielt ihn das eigene und ein gut Teil eigenwillige Wesen fest, und er pendelte nicht zwischen Moden und Manieren, die sich als Schimmel oder als wildes Rankenwerk über eine jugendliche Kraft legen und sie ersticken. –
Husch hatte das Häufen so mit ihrem heimlichen Glücke durchleuchtet, daß er gleich alles bereitete, um an dem Armen Heinrich zu beginnen. Er erzählte ihr die Fabel der Dichtung, und sie lebte sich in das seelenverwandte Mädchen mit der grenzenlosen Innigkeit hinein, deren sie fähig war. Das sentimentalste und rühmlichste Preislied der Jungfrauenliebe, das die Erde kennt, gewann da zum anderen Male Gestalt.
Sie sah in dem Kleide der alten Zeit und dem zierlichen Kopfputze sehr lieblich aus, und er versank in das süße Weh ihrer Augen. Sie saß auf einem Fußschemel und hob das Gesicht voller Hingabe zu dem empor, der nicht da war, und verfiel ganz in den Traum ihres seligen Schmerzes.
Jakobus hatte ihr gesagt: »Du mußt jetzt denken, daß er Dir Ringe für Deine Hände und goldene Bänder für Dein Haar geschenkt hat, und nun sitzt er Dir gegenüber und erzählt, daß er nicht von seinem qualvollen Leiden erlöst werden könnte, weil nur das in Liebe geopferte Herzblut eines schuldlosen Mädchens dies Wunder vollbrächte …« Da trat der große Schmerz vor sie hin und legte ihr die Hände auf die Lider. Und sie schlief einen wachen Schlaf und ward zu atmendem Marmor.
Als er mit der Zeichnung zufrieden war, nahm er Farben und eine Tafel, machte mit Kohle eine rasche Skizze und begann zu malen.
Sie erwachte nicht und saß bis in den Nachmittag. Das Licht wurde müde, aber Husch ahnte es nicht. Da hob er sie auf und streifte ihr das fremde Kleid ab und legte sie zu einem langen Schlafe auf sein Bett.
Diese Erscheinung hatte für ihn nun schon wesentlich an Tragik verloren. Wenn es auch ein Rausch des Schmerzes war, so war es doch ein Rausch, und der mußte verschlafen werden. Mochte der Trank für Husch süß oder bitter sein, ganz rein war er jedenfalls nicht. Aber die Sache fing an, ihm peinlich zu werden, und er fühlte wieder die Scheu vor der Klatschsucht der Menschen; denn seine Jugend hatte über aller Klatschsucht noch nicht Zeit gehabt zu der Erkenntnis, daß der Sieg über sich selbst auch den Sieg über jedes unerlaubte Maul bedeutet.
Deshalb ließ er das Modell für den Armen Heinrich zu einer Zeit kommen, in der er Husch zu einer Besorgung in die Stadt geschickt hatte, oder in der sie in ihrem ekstatischen Schlummer lag.
Das zweite Bild stellte die Szene dar, in der das Mädchen ihren Eltern offenbart, sie wolle für Herrn Heinrich sterben; das dritte die Unterredung mit dem Arzte von Salerno, der sie nicht wankend machen kann in ihrem Entschlusse. Das wurde das beste von allen; denn der verzückte Opfermut durchschauerte ihre Seele als ein unirdisches Licht, und sie versank in das qualvolle Glück des Martyriums. –
Zuletzt stellte er sie dar, wie sie vor Heinrich kniete, als der die Heilung durch die Gnade Gottes empfangen. Aber dazu gebrach ihr die Kraft des Einfühlens, es fehlte ihr der Glaube an die hohe Sonne. Was sie beseligen konnte, lag in Bitternis und Dämmerung.
An diesem Stück saß er vier Tage, und all sein Wille reichte nicht aus, sie zu bekehren, und weder sein Stift noch sein Pinsel fand, was blühender Traum in ihm gewesen war.
Husch lag schlafen. Da ergriff er in der Freude am Gelingen die Zeichnungen und Tafeln und lief mit Erobererschritten zu Do und Maria. Sie waren beide überrascht bis zur Betroffenheit. Maria Reh lobte nach Frauenart im Ueberfluß, Do war froh und kritisch und sagte: »Es ist alles famos, Jo! Aber nun kommen Sie mal her und lassen Sie sich angucken.« Sie rückte ihn ins Licht. – »Na ja! Warum machen Sie sich so gewaltsam krank, Sie waldgesunder Zigeuner?«
Maria Reh trat dazwischen und sagte: »Sie sieht in den Künstler hinein, was er seinem Stoff entnahm! Sie gedachte es böse mit Ihnen zu machen und lobt Sie!«
Da bliesen sie zu einem lustigen Kriege, und Maria Reh jubelte:
»Verehrungswürdiger Jo, ich möchte wieder Ihren Kopf zwischen diese Hände nehmen und in den schwarzen Ringeln Ihrer Haare wühlen – aber es geht nicht mehr. Donnerwetter, wie erwachsen sind Sie!«
Von der andren Seite ritt Do zur Attacke: »Lassen Sie sich nicht von ihr in einen gefährlichen Uebermut hineinloben! Ich klatsche Ihnen von Herzen Beifall, aber Ihre gesunden Sinne sind nicht frei dabei gewesen – haben Sie die Luft Ihres Hauses mit Heliotrop geschwängert, wie Sie das malten?«
»Nein.«
»Haben Sie dabei eine Toga aus Zindel getragen und sich Sandalen aus Rauschgold unter die Füße gebunden?«
»Unsinn! Meine Kniehosen hab' ich angehabt und die Bergsteigstiefel!«
»Natürlich,« sagte Do, »aber ich schwöre Ihnen: in vier Wochen sind Sie hysterisch, wenn Sie diese Husch als Modell behalten.«
»Nein, in vier Wochen reit' ich im Faschingszug,« sagte Jockele. Aber er strich sich über Stirn und Augen, als läge da das leise Gewebe einer Müdigkeit. Er reckte sich empor, daß seine Gelenke knackten, und er hätte in diesem Augenblick den Schleier des fremden Wesens vielleicht auch zerstoßen, wenn Maria Reh in Schweigen geblieben wäre. Aber sie erfaßte die Gelegenheit und führte neben Dos blankes Reiten drei spießig gesattelte ›Ueberhaupt‹. Die sahen aus wie Esel und malten die Wirkung des schneidigen Angriffs zuschanden.
Darüber ward Jakobus Sinsheimer rebellisch und forderte Sachlichkeit; denn nach der Erlaubnis, sich dieses oder jenes Modell wählen zu dürfen, hatte er nicht gefragt.
Do machte der Maria ihr Siegergesicht, und Jockele nahm sein Werk unter den Arm und empfahl sich höflich und aufrecht. Abends lernte er reiten.
Gwendolin, die er am nächsten Tage besuchte, fragte nicht nach Krankheit oder Gesundheit – sie fragte: »Kann das einem Menschen gefallen und kann man es zu Gelde machen?« Sie lief vor und zurück und lief hin und her, verfiel in ein leises Pfeifen und sagte: »Machen wir!« Sie lobte mit keinem Worte, aber sie war entschlossen. Da schickte sie Jakobus Sinsheimers ›Armen Heinrich‹ nach München zu ihrem Kunsthändler. Und er ging nach Hause und stieg in den Tartarus. –
Als im Februar die Sonne schon auf der frischblauen Himmelswiese spazierte und die kleinen Engel um sie herum in Scharen Purzelbäume schossen, wurde die Leinwand zu der ›Gruppe‹ am Zaun im Baumwinkel aufgestellt. Es wurde auch eine Vorrichtung getroffen, daß sie des Nachts an der rückwärtigen Hauswand lehnen konnte, ohne den Unbilden des ungeschickten Vorjahres ausgesetzt zu sein, das noch nicht mit der Sonne umzugehen weiß.
Und das Schicksal nahm seinen Gang.
Alle Studien zu der Gruppe aus dem Tartarus waren gemacht. Es sollten fünf Figuren in dem Bilde stehen: Husch und ihre Mutter, ein nackter Jüngling, ein Mann und ein Greis. Husch lehnte dem Alten zu Füßen; ein schwarzer Schleier fiel vom Scheitel über sie, der ließ ihr nach unten gerichtetes Gesicht sehen und den verleuchtenden Frühling ihrer Glieder ahnen. Die anderen starrten oder schrien oder hoben ihre sehnenden Arme nach dem Lichte des Himmels, das über tote Felsen herniederbrach.
Um diese Zeit redete Jockele zu Do und Maria von der Gruppe nur noch als von seinem ›Monumentalgemälde‹ oder von dem ›Galeriestück‹, oder in sonstigen Vollwörtern, die sich mit gewaltigen Armen um die Vorstellung warfen, welche er damit verband.
Als er zum erstenmal im wehenden Malerkittel auf der Leiter stand und die Figuren mit Kohle umriß, verbat er sich von den beiden Freundinnen alles kritische Dreinreden – er sicherte ihnen dazu drei Sommertage.
Da lugte von draußen schon das Leben in Gestalt eines maienhaften kleinen Mädchens durch die Zinzeln des Zaunes, stocherte mit einem blühenden Mandelzweig hindurch und lachte darüber hinweg, daß es wie gemünztes Gold in das lichtahnende Gras fiel … Aber Jockele hörte es nicht.
Dann kam der Fastnachtsdienstag, und er war Spitzenreiter vorm Faschingszug.
Es war eine feine Sache. Er trug blanke hohe Stiefel und enganliegende weiße Lederhosen, einen feuerroten Reitrock, Perücke und Dreimaster. Und die schwarze Stute unter ihm spiegelte den hellen Tag und war voll Verständnis für ihre Sendung, aber ohne Humor.
Faschingszüge sehen einander ähnlich, selbst dann, wenn junge Leute ihren Witz auf die verblüffte Menge loslassen, die ihren künftigen Ruhm verbrieft in der Rocktasche tragen. Aber ein weimarisches Narrenfest hat seine geistigen Besonderheiten; denn nicht nur was irdisch und schier allzu sterblich ist, sondern auch die ewige Seele der Stadt schmunzelte ihr wärmendes Lächeln darüber, wie Froriep in violettem Professorentalar mit einer Miene, die der Würde der Sache entsprach, das Problem des Schillerschädels aufrollte. Natürlich redete er nicht, damit er den Spaß nicht verderbe. Und Goethe, Schiller, Liszt, Cranach traten aus den Pforten der historischen Häuser, begrüßten mit Humor und Behagen das närrische Treiben ihrer Stadt und reihten sich fahrend in den Zug ein. Der Genius fehlte bei keinem; er postierte sich hinter jeden auf den Wagen.
Gleich beim ersten Halten, dort, wo die Belvedereallee in die Marienstraße mündet und um das Liszthaus der weiche, grüne Traum weht, der zu klingen anhebt für den, der mit der Seele hinhorcht – gleich beim ersten Halten guckte das Schicksal für Jockele dort aus dem Fenster.
Liszt schritt durch das eiserne Pförtchen seines Gartens – das lange Totsein hatte ihm nicht geschadet, und just so, wie er durch das Gedächtnis der Nachwelt wandelt, stand er leibhaftig in ihr und grüßte die Menge mit der Feierlichkeit eines frühen Sonntagsmorgens, der voll ist von den waldfernen Fanfaren eines Kaisermarsches.
Aber solche Dinge sind vorbereitet, und wer nicht zu der staunenden Masse gehört, darf einmal daran vorüberschauen.
In überlegenem Stolze faßt Jugend solcherlei Gelegenheit beim Schopfe; denn wer hat eine Ahnung, wie putzig und liebenswert die Welt aussieht, wenn sie betrachtet wird in rotem Reitrock und Stulpenstiefeln und von einer tänzelnden Rappstute herab, die hin und wieder durch die Nüstern bläst und ins Zaumzeug knirscht, als wäre sie eins der blanken Sonnenpferde?
Der rote Spitzenreiter hielt just vor dem Fenster, aus dem des Herrn Franz Liszt »dreißigjährige« Schaffnerin Pauline herausschaute und ihr Glück über das Volk lächelte, das draußen ihrem großen Herrn wieder einmal Palmen streute. Da ließ sie sich in dankbarer Rührung gleich selbst ein bißchen huldigen, und es schien, als sähe sie in Augen, die ihr ein helles Hurra von den Steigen emporriefen; denn dieser Franz Liszt von heute war bei aller Aehnlichkeit und Würde, die ihm ein trefflicher Darsteller lieh, doch nur ein Spiel – sie aber war noch die echte, die ihm mit ihren Händen die Nadel in die Krawatte gesteckt und die Krücken der Spazierstöcke mit dem seidenen Tuche gewischt hatte (wiewohl er keinen je in Gebrauch nahm), während er im Vorplatz den Glanzhut auf dem Aermel bürstete für den Ausgang …
Wo hat aus einem Blumentopf voll Erde die Sonne so strahlende Menschenblüten hervorgelockt wie in Weimar?
Wo bescheint die Seele des Himmels die Welt, wie in diesen warmen Winkeln zwischen den bemoosten Dächern und kleinen Fenstern?
Und wo sonst ist Ewigkeit in so fühlbarem Fluge, daß sie sich um die Stirnen schmiegt wie atmender Duft des Hochwalds? – – – – – –
Aber des Herrn Franz Liszt treues Schlüsselfräulein war es nicht, für das Jockele die Raketen seiner Blicke abbrannte. Das Feuerwerk galt dem jungen Mädchen, das der Frühling daneben ins Fenster gestellt hatte. Er hatte sich da etwas ausgesucht, das im zeitigen Jahre schon über und über in Blüte stand, und wollte zeigen, daß er auch schon um die Mitte des Hornung, wenn er gerade die Stare losgelassen, etwas Rechtschaffenes zuwege brächte.
Dieses Dokument seiner königlichen Herrlichkeit hatte die Haare voll Sonnenschein auf den Ohren zu goldenen Schnecken gedreht. Das ganze Röckchen und die rosa Crêpe-de-chine-Bluse steckte voll Frühling. Das silberne Glöckchen, das sie an einem Kettlein auf dem Halsausschnitt trug, läutete mit inbrünstiger Heftigkeit.
Ohren, Augen und Herzen der tausend Menschen ringsum hatten alle Hände voll zu tun, um von dem eben begonnenen Ereignisse kein Korn bunten Glücks fallen zu lassen. Da wurde aus den Köpfen und Leibern und Schellen und Farben und Fahnen und Trompeten ein brandendes Meer, das wogte um den Frühling neben Paulinen und um Jockele auf der Rappstute als wohlige Einsamkeit. Und die zwei Paar blauen Augen fingen an, sich über das Meer hinweg zu unterhalten und verstanden jedes Wort. Die unter dem Dreimaster standen hoch und hell im Tage und taten, als müßten sie zwei Löcher in die rosa Bluse brennen. Sie sagten:
»Was bist Du für eine märchensüße, kleine Frühlingsprinzessin! Warum hab' ich Dich zuvor nie in Weimar gesehen?«
Da sagten die Augen hinter den blühenden Mandeln: »Oh, ich kenn' Dich! Du bist der Maler aus dem Baumwinkel am Horn. Was bist Du für ein ranker, feiner Junge! Ich habe Dich schon durch die Zaunzinzeln gesehen und habe Dich ausgelacht, wie Du auf der Jakobsleiter standest. Aber Du nahmst Dich so wichtig, als müßtest Du den lieben Gott malen, und sahst mich nicht.«
Weil sie Miene machte, ihm den Mandelbuschen herüberzuwerfen, ließ er die Stute ein wenig seitlich treten, und er fing den Strauß …
Drüben aus einem Fenster der Kunstschule guckte Gwendolin und sah das und sagte zu ihrer Nachbarin: »Jakobus Sinsheimer ist dabei, sich wieder zu verheiraten.«
Hinter ihm hatte Liszt indes sein Volk begrüßt, und es begann, vorwärtszudrängen. Da legte Jockele die Hand an den Hut – natürlich für den Frühling, und der Frühling wedelte mit Herz und Händen. Und Jockele stieß den rechten Zeigefinger gegen die Brust und dann dreimal deutend halb nach unten gegen das Fenster, und malte mit den Augen ein mächtiges Fragezeichen in die Luft.
Der Frühling mit den goldenen Schnecken verstand das und geriet in ein beifälliges Nicken: »Ich warte, bis Du kommst, und wär' es bis übermorgen!« Und vorn der Jockele dachte, er wäre Kapellmeister geworden, und schlug mit dem Mandelblütenbusche der Narrenmusik einen flotteren Takt in das Blaszeug; denn sein Herz wollte mit der Musik Schritt halten.
So wurde die Sache, die eben noch feierlich gewesen war, lustig. Von oben herab zischten die Papierschlangen, wirbelten die zitternden Konfetti, und Weimars Ewigkeit schwang sich ein bißchen darüber hinaus aus dem Staube und flog an den hohen stillen Fenstern dahin.
Aber schließlich hat ja auch ein Fastnachtszug sein Ziel. Es war kurzweilig, die Welt in so feuerroter äußerer und innerer Aufmachung zu durchschreiten, aber manchmal stahl Jockele sich doch eine Minute aus den vielen, vielen, die da an bunten Papierstreifen herumhingen, und drückte sie in seiner sattelhohen Einsamkeit voll Inbrunst ans Herz, damit sie ganz ihm gehöre.
Darüber fiel ihm ein, welchen Namen die Kleine im Liszthause wohl hätte?
Er nannte alle Mädchennamen, aber es wollte keiner passen. Er verfaßte in träumendem Reiten durch dies Chaos der Lust eine ganze Spalte Familiennachrichten und stellte darin Vermutungen auf: himmelblaue über Vater, Mutter und Geschwister; gelbe über die Frage, ob so etwas Morgenblütiges und voll von Ostertau noch ohne Bräutigam wäre; sehr grüne über ihre allgemeinen Fähigkeiten zu lieben und über ihre besonderen, ihm die Treue zu halten …
Diese peinigten ihn ein wenig, und als er die Läden über die Augen schlug, um klarer sehen zu können, stand sie noch immer im Fenster des dunkelgelben Eckhauses am Park, aber sie hatte nun auch den anderen Buschen Mandelblüten verschenkt und hatte in jeder Hand einen langen Stengel Diclytra, die sie in Weimar fliegende Herzen nennen, und die vielen, vielen Herzen baumelten über den Köpfen der jungen Männer, die unter dem Fenster vorübergingen, und jeder konnte eines haben, wenn er gut danach hüpfen konnte.
Seit Gwendolin war er dem Gedanken nicht mehr nachgegangen, daß ein Frauenherz eine Einrichtung mit beliebig auswechselbarer Liebe und Treue sei, und der Sitz in dem behaglich knirschenden Sattel wurde ihm unbequem.
Manchmal war es ihm, das Hurrarufen wäre tief, tief unter ihm, und die Leute stünden alle auf dem Kopfe und schrien ihre Begeisterung über das Straßenpflaster. Zuletzt aber setzte sich das ganze Ringsum in ein wohliges Schaukeln, und er trieb segelsachte darüberhin in eine pfirsichrote Crêpe-de-chine-Beleuchtung.
Als ihm eine schöne Hand am Schillerhause einen Becher Sekt in den Sattel reichte, und Schiller unter die Menge trat und eine erstaunte Rede hielt, die mit den denkwürdig-pathetischen Worten begann: »Was rennt das Volk, was wälzt sich hier vom Kaisercafé bis zu mir?« tat Jockele, als grüße er mit dem Schaumwein die lächelnde Spenderin. Aber er beging damit einen schändlichen Verrat und trank auf den Frühling im Liszthause. Und darüber kam ihm die Erlösung: der Name Frühling, der sich ihm gar nicht so recht an die Lippen legen wollte, ward auf einmal zu Minchen Herzlieb, und »Hurra Minchen Herzlieb« tirilierte sein Herz, und er brach in göttlicher Gebelaune einen Zweig aus den rosa Blüten Minchen Herzliebs und reichte ihn mit dem silbernen Becher hinab.
Friedrich von Schiller hatte mittlerweile eine Salve knatternder Jamben auf das Volk abgefeuert – Jockele wollte wetten, es wäre ein Akrostichon auf Minchen Herzlieb gewesen. Die Sache nahm ihren Lauf: seitdem das Mädel einen Namen hatte, kuschte es sich ihm ins Herz wie ein Vöglein in sein Nest. Und das Herz war aus Mandelblüten.
Während er so dahinritt und immer dachte, es müßte nun alle sein, sang er leis und laut in die Musik. Das Lied setzte sich nur aus den zwei Worten Minchen und Herzlieb zusammen, und es war doch alles darin, was ein junger Mann zu einem gewissen Wohlbefinden braucht, über das sich die himmlischen Englein wundern müßten, wenn sie so etwas schmecken könnten.
Wie er den Zug doch endlich vor den Armbrustsaal in der Schützengasse geleitet hatte und den Knecht sah, der dort auf die Rappstute wartete, glitt er aus dem Sattel, warf dem Jungen die Zügel zu und versickerte in die jubelnde Unendlichkeit. Als er drüben wieder herauskam, warf er sich in ein Auto, und am Fenster des Liszthauses stand Minchen Herzlieb als süße Treuhalterin, hatte die langen Stengel mit den vielen, vielen Herzen gar nicht in den Händen, sondern biß sich ein wenig leuchtende Verlegenheit in die Lippe und dachte: »Teufel, da hab' ich wieder mal was angerichtet!«
Sein Herz schlug wie ein Triangulum, weil er sie noch an der gleichen Stelle fand, und er läutete sich gleich mit allen Glocken in sie hinein –
»Erstens habe ich Dich auf dem drei Stunden langen Ritte siebentausendmal ›Du‹ genannt,« jubilierte er, »und zweitens ist Fasching, das ist das große Verbrüderungsfest der Menschheit – guten Tag, Minchen Herzlieb!«
Da schlug sie beide Hände vor das Gesicht, und das Tirilieren kam auch über sie –
»Ich heiße ja gar nicht Minchen Herzlieb, ich heiße ja Sibylle Bach!«
»Auch ganz schön,« sagte er – »Sibylle Bach … das geht in den Mund wie Knickebein, aber Minchen Herzlieb läuft ins Herz wie der blühende Frühling! Guten Tag, Minchen Herzlieb! Und nun mach' die Tür auf und laß mich hinein!«
Frau Pauline stand zu einem Ausgange gerüstet. Sie hatte es aus ihrem ahnungsvollen Frauenherzen heraus so eingerichtet und stattete damit einem Manne, der schon längst seine ehrsame Mansarde im Himmel bezogen hatte, eine liebe Dankesschuld ab.
Dieser Mann war der Großvater Minchen Herzliebs und hatte sechzig Jahre zuvor eine blutjunge Geschichte mit Paulinen erlebt; das wirkte nun über Zeit und Leben hinaus und verschaffte Minchen das Recht, zu festlichen Gelegenheiten aus dem Fenster des Liszthauses jungen Männern die Köpfe zu verdrehen. Aber es muß zu Minchens Ehre gesagt werden, daß sie auch zu anderen Zeiten und Gelegenheiten dieser kurzweiligen Beschäftigung nachging.
So oft sie in Paulinens blankes Stübchen trat, in dem die weißen Fensterbehänge mit den roten Geranien Feste feierten, verfiel die alte Dame zuerst in ein hingebungsvolles Schweigen. Minchen Herzlieb verhielt sich dann abwartend, bis Tante Pauline mit den Fingern auf der Kante des Nähtisches zu trommeln begann. Dieser sanfte Wirbel, auf dem ein Dämpfer von sechzig Jahren saß, lief immer den gleichen Worten voraus – »Ja ja, Dein Großvater hat mich einmal heiraten wollen, Sibyllchen, aber es ist hernach nichts daraus geworden …«
Es ist wahr: die guten Taten der Väter werden an den Kindern heimgesucht durch viele Glieder. Jockele widmete dem alten Herrn im Himmel ein paar rührende Worte des Dankes. Daraus erkannte die greise Schließerin, daß der junge Mann, der vorhin so schön zu Roß gesessen, auch ein sehr guter Mensch wäre, und sie machte sich voll gütigen Verständnisses auf den Weg.
Es war ein so liebes Scheinen in dieser Stube wie in den Räumen des Hauses am Buchenwalde zu Ibenheim; aus allen Winkeln atmete die alte Zeit, und draußen auf der Straße spielte ein sachter Wind Fasching und tanzte mit den bunten Konfetti einen altmodischen Walzer.
Minchen Herzlieb fragte Jockele gleich, ob er Tango könnte.
»Nein,« sagte er. Aber es fiel ihm ein, daß ein junger Mann mit vielen Mädchenbekanntschaften universale Kenntnisse besitzen müsse – was wissen Sie von Goethe, von Wieland, von Wildenbruch, von dem ›Hauptgeschäft‹, vom Peneios, von Persephoneia, von Hysterie, von Tango? – Die einzige, die nichts weiter von ihm hatte wissen wollen als das Küssen, war Gwendolin. Er hatte ihr längst verziehen, daß sie so übel mit ihm verfahren war, und manchmal in diesen Winternächten im Baumwinkel waren ihm die Lippen im Feuer der Sehnsucht nach ihren verzehrenden Küssen heiß geworden.
Viel, viel später dachte er einmal: Es wäre gescheit, wenn die jungen Männer auf die ersten Fragen warteten, die ihnen von einem Mädchen vorgelegt würden. Diese ersten Fragen lassen sie ausfliegen, damit sie ihnen Botschaft bringen, wie es in der Welt aussieht, an deren Strand sie segeln. Und wer hinhorcht, der weiß, wonach diese Tauben vor allem Ausschau halten.
Jetzt aber hatte er zu derlei Betrachtungen keine Zeit. Es war ihm schon zur belustigenden Gewißheit geworden, daß Minchen Herzlieb gar nicht ahnte, daß er sie zur Trägerin eines berühmten Namens gemacht hatte. Sie nahm die Herzensgeschichten vergangener Herren nicht entfernt so wichtig wie ihre eigenen. Darum sagte er ihr, daß sie furchtbar nett aussähe, hütete sich vor dichterischen Vergleichen und hielt sich an das Greifbare. Das Sofa mit dem Kirschbaumrahmen, durch den sich zierliche Einlagen schlängelten, sagte zwar ein verwundertes ›Na!‹; denn es war von Tante Pauline her an ruhevollere Behandlung gewöhnt, aber es dauerte nicht lange, so war doch wieder nur der kleine fixe Schlag der Pendule hörbar, und die Geranien am Fenster waren die Fackelträger.
An Gwendolin dachte Jockele nicht, wiewohl sich Minchen Herzlieb viel weicher und ergebungsvoller benahm. Die Liebesstunden mit Gwendolin waren ein Flammentanz, ein Taumel durch alle Brände der Hölle, ein Vergehen in feuerroter Seligkeit, waren ein ungeheueres Verschwenden gewesen.
Minchen Herzlieb dagegen blieb bei sich selber und verabscheute die Tiefen. Sie fiel in ihre Sinne wie die Lerche in die jungen Halme, voll Lütütü und hellgrünem Pfingsten. Aber in Gwendolin Vogelgesang entluden sich alle Mächte des Himmels und der Erde. Gwendolin sprang in eine Liebesstunde vom Turme – Minchen Herzlieb dachte daran, ob er hernach wohl mit ihr zum Faschingsball gehen werde. Wenn er diesen famosen Einfall hatte, durfte sie keine Knitter bekommen; denn sie wollte für die ganze Welt immer frisch aufgeblüht erscheinen. Dem Gedanken, nur einem zu gefallen, stand sie mit lachendem Unverstande gegenüber, aber es war doch eine schauerliche Süßigkeit, mit der er über sie kam. Und als er die Perücke ganz nebenher in Sicherheit bringen wollte, weil er dachte, Minchen Herzlieb wäre so hoch im Himmel, daß sie davon nichts merkte, brachte sie durch ihr Lachen die Stimmung in ein gefährliches Schwanken.
Dann fielen ein paar Fäden Dämmerung durch die Fenster, und draußen in der blauen Küche bekam Frau Pauline Apel einen diskreten Husten und läutete mit zwei Tellern Feierabend.
Da machten sie sich fertig und gingen in die Armbrust zum Faschingsball, und seit diesem Balle hieß sie in der ganzen Stadt Minchen Herzlieb.
Sie blühte auch da unter aller Buntheit hindurch und schwamm in Weltfeiertagsfröhlichkeit, aber wenn Jockele die vorige Stunde in ihren Augen suchte, stand sie doch noch darin. Gwendolin dagegen konnte zwischen zwei Minuten eine sternenweite Vergessenheit aufrichten – die Augen, die in der einen gesagt hatten: »Du trinkst mir mit Deinen Küssen die Seele aus,« schwuren in der nächsten: »Ich kenne diesen Menschen nicht.«
Wenn er mit Minchen Herzlieb tanzte, fiel alle Erdenschwere von ihm ab samt Armem Heinrich und Tartarus und Huschs Anfällen; denn das Mädchen lag ihm im Arme wie eine hineingewehte Blüte; und so führte er sie in einer Nachmitternachtsstunde nach Hause. Sie gewährte ihm noch eine kleine Nachfeier in der Gartenlaube. Der Wind, der durch die Windmühlenstraße am Silberblick hinauf in die Felder lief, tat die vorjährigen Blätter der Clematis auseinander und wollte ein bißchen gucken, konnte aber nichts sehen.
Da vereinbarten sie einen Katerbummel, der so lang und leichtsinnig sein sollte wie das schöne Wetter. Er dauerte drei Vormittage. Der erste Morgen in den Stadtratstannen und Buchfart war ein wenig müde, und Jockele war zu Betrachtungen geneigt; der zweite war voll Ueberstrom an Licht und Liebe, und als sie vor der kleinen Brunnengruppe des Herkules und Antäos in Belvedere standen – in jenem Gartenteile, in dem der alte Kaiser Wilhelm als Prinz von Preußen die Eiche gepflanzt – nahm er sie auf den Arm und trug sie in klingender Siegerfreude den Parkweg entlang bis hinab an den Fichtensaum im Tale.
Dort lag die Sonne in zehntausend Anemonen und Veilchen und hatte sich den Frühling hinbestellt. Da spielten sie zu Vieren Küssen.
Nach einiger Zeit erklangen junge Stimmen auf dem Grashange gegenüber, und wie die vier himmelfreudigen Spieler die Zweige der Jungfichte auseinanderbogen, sahen sie die kleine Prinzessin Sophie und den noch kleineren Erbgroßherzog Wilhelm Ernst. Die Kleine kauerte vor einer Röhre, die unter dem Parkwege hindurchführte, und hatte das Tirilieren wie Minchen Herzlieb; denn Flipp, der stichelhaarige Dackel, war von seinem Forschertriebe in die Röhre getrieben worden und suchte da nach Wundern. Und das Kleine wollte ihn am Schwanze herausziehen. Wilhelm Ernst der Jüngere aber hatte sich von einer Parkfrau den Rechen geben lassen, der älter war als er selber, und versuchte sich damit am Ernste des Lebens.
Da lief die Sonne hin und faßte das Vorfrühlingsidyll mit den Fürstenkindern und Flipp dem Dackel in einen goldenen Rahmen. –
Am dritten Tage waren sie in der Fasanerie im Webicht. Es waren da schon viele Lichter ausgelöscht in der Welt, und was sich an verfrühten Blumengesichtern aus dem vorjährigen Laube hob, hatte die Augen zu, und der Wald trauerte um den leuchtenden Irrtum der letzten zwei Tage.
Es war wieder Februar geworden.
In der niederen Stube der Fasanerie waren sie allein, um sie ein bißchen verblichene Weidmannsfreude des abseitigen Jägerhauses an den Wänden – auf einmal war Jockele im Forsthaus an der Hörsel, und das Zinzilein stand in der Stube und schaukelte ein kleines Mädchen auf dem Arme …
Gott, das Zinzilein! Wo war es gewesen all die Zeit her!
Es hatte genau solche goldenen Haare und solche Maifestaugen wie Minchen Herzlieb. Aber es war kaum der Schule entlaufen, da hatte es schon ausgesehen wie ein durchsonntes stilles Waldwasser, aus dem die weißen Sterne des Hahnenfußes aufgehen und die silbernen Kronen der Teichrosen. Es blühte an ihm alles so von innen heraus; wo es seine Augen hatte, ward's hell, und wo seine liebe Stimme erklang, ward's warm … Nun war ein schlankes, junges Mütterchen aus ihr geworden!
Die Sehnsucht faßte Jockele an – heißer, träumerischer Hochsommermittag, in dem alle Düfte Farben bekommen und Säulen von Gold in den thüringischen Buchenwäldern stehen. Und seine Seele schwamm darin mit breiten Schwingen …
»Du bist heute langweilig,« sagte Minchen Herzlieb und riß ihm einen seiner schönen bunten Flügel aus … »Ich gefalle Dir nicht in Blau, gelt?«
»Himmel, es gibt doch auch noch wichtigere Dinge auf der Welt als Frauenkleider!«
»Wichtigere Dinge? Wie meinst Du das?« fragte sie und wurde steil.
Da sprang draußen eine Stimme auf die Haustürschwelle, die packte die Frage Minchens und schnickte sie unter den Tisch.
Dann ging die Tür auf –
»Da haben wir ihn! Kommen Sie, Husch! … Sie, Jakobus Sinsheimer, ich hab' Ihren ›Armen Heinrich‹ verkauft! Und Sie sitzen mit einer Ihrer zahllosen Bräute beim Frühschoppen, den Sie aus einer Ewigkeit in die andere verlängern! Reden Sie nicht, ich weiß alles! Diese Dame heißt Minchen Herzlieb, und Sie haben sich mit ihr im Sattel vor dem Liszthause verheiratet.«
Einen Schwung hatte Gwendolin, einen Schwung voller Erlösung und seelenerstürmenden Jubels – Jockele dachte gar nicht mehr an den abgerissenen Flügel, er breitete seine Arme weit aus und riß das lange Mädel an sein Herz. In sie wurden weder Knitter, noch ging daran etwas in Stücke –
»Gwendolin, Krone der Weiber, Königin des Himmels und der Erde! Gwendolin, Du ungeheures Licht, Du Zauberin!« Und dann geriet er über ihre Lippen, und die beiden ranken jungen Menschen schossen durcheinander wie zwei Waldbäume und verflochten sich mit Wurzeln und Aesten.
Seine dröhnenden Worte hatten in der Küche eingeschlagen. Die Wirtin sprang hinein und wollte retten, was zu retten wäre. Aber schon in der Türe kriegte sie die Verklärung, schrieb unter das Bild in Lebensgröße: »Ein Wiedersehen nach langen Jahren« und versank in Rührung.
Minchen Herzlieb saß auf einem weißglühenden Stuhle und dachte: »Scheidungsgrund!«
Husch war an einen abseitigen Tisch gesunken – es glitt ihr nichts aus den Händen; denn sie hatte sich gehütet, etwas zu halten; darum setzte sie sich nun neben das Leben und wartete, ob für sie etwas am Rande liegen bliebe.
»So – nun laß mich los! Mensch, Du bist ja immer noch – waldwild wie damals – und tollwüchsig – und – – Hilfe!! Es sind bloß dreihundert Mark – Du küßt ja für fünfhundert!«
Da wurde Jockele barmherzig, aber er schwur, daß es erst hätte angehen sollen.
»Geschenkt! Geschenkt!« keuchte sie.
Da ließ er sie los, und Minchen Herzlieb quittierte ihren Aerger und sagte zu Gwendolin: »Ich kenne das!«
»Ach nein? Wirklich?« sagte Gwendolin, aber sie tröpfelte ein bißchen Gift darauf. Da merkte das Kleine, daß es renommiert hätte, und Gwendolin führte Husch an den Tisch, warf ein paar Hände voll Frohmut über sie und ließ sich das Hütchen mit der Spielhahnfeder zurechtschieben, das ihr obenauf saß wie ein hingeschmettertes Juchtrala.
Minchen Herzlieb konnte inzwischen den Gedanken nicht loswerden, die Sache mit dem Armen Heinrich wäre nur eine Finte, und die lange Gwendolin hätte den Hieb geschlagen, um ihr – dem Minchen – eine blutige Abfuhr zu bereiten. Darum fragte sie, wo denn das Geld wäre, und es entstand eine elektrische Schwüle, die der armen Husch auf die Nerven fiel.
Aber Jockele rettete die Situation mit einer Flasche Sekt und einem Frühstück. – Ein Münchener Verleger hatte die Zeichnungen für eine neue Uebertragung des Gedichts vom Armen Heinrich erstanden, und der Kunsthändler hatte dafür – natürlich samt den vier Tafeln in Oel – den Betrag geboten; die Verhandlungen waren zwischen ihm und Gwendolin durch den Draht gepflogen worden.
So war alles sternenwunderbar und märchenhaft, und ein gewöhnlicher Mensch konnte darüber den Verstand verlieren. Jockele aber ging nur über die Baumwipfel nach Hause, und Gwendolin scherzte: »Ich wußte, daß ich einen schweren Gang tat, darum hab' ich mir die Husch mitgenommen.«
Sie spazierten über die Felder und Gleise hinter dem Luftbad und setzten Husch an der Schlüpfe im Zaun ab; dann ging Gwendolin, die in der Kurthstraße wohnte, und die allen Bitten Jockeles, den Umweg über den Silberblick zu machen, kein Gehör gab.
So lieferte sie ihn Minchen Herzliebs Zorn aus, und die knatterte auch gleich los, als hätte es kein Verbrüderungsfest auf dem Sofa Paulinens und kein Vorfrühlingsglück im Park zu Belvedere gegeben –
Er wäre wohl mit allen Mädchen auf Du und Du in Weimar? Und ob er sich einbilde, daß sie gerade auf ihn gewartet hätte? Und was das für ein unsauberes Küssen gewesen wäre mit dieser Gwendolin Vogelgesang – pfui tausend! Und warum er ihr verschwiegen hätte, daß die Husch sogar bei ihm im Hause wohne – oh!
Sie ging mit ihm die Windmühlenstraße hin bis in das Wäldchen um Hases Ruhe und hatte sich in eine rauchende, allgemein menschliche Entrüstung hineingeredet. Darüber konnte er noch lange nicht zu Worte kommen. Zuletzt wartete sie mit einem Platzregen von Tränen auf.
Aber Jockele hätte nicht an einer Wegscheide stehen dürfen – wiewohl er sie längst noch nicht klar zu sehen vermochte – und er hätte nicht das schöne fremde Scheinen des blauen Geldes ums Herz tragen müssen! Die Rede ging Minchen Herzlieb aus dem Munde wie Gift und Oel und war voll weiheloser Empörung, aber sie trat keine Türen ein.
Sie schritten hundertmal den kleinen Weg durch das ausgeholzte Wäldchen, grauer Alltag stand ringsherum, und dem Jockele gefror das Herz vor dieser Millionenschablone bis auf den Grund.
»Minchen Herzlieb, Du warst eine Faschingsdummheit!« sagte er.
Darüber verlor sie die schöne Sicherheit, mit der sie ihm den Tisch voll bittere Mandeln getragen hatte, und die Sache bekam eine neue Wendung; denn Minchen befand sich nicht zum ersten Male in solcher Lage, aber vordem hatte so etwas wenigstens drei Wochen gedauert, nun war es gar auf drei Tage zusammengeschrumpft.
Und sie verfiel in eine grausame Selbstquälerei … »Warum bist Du erst gekommen, wenn Du mich nicht liebgehabt hast?«
»Natürlich hab ich Dich liebgehabt.«
»Gehabt!«
Er zog die Achseln und redete wie aus tausendjähriger Erfahrung: »Es steht schlimm um die meisten Mädchen – entweder können sie das Feuer nicht anblasen, oder sie können es nicht unterhalten.«
»Anblasen …,« sagte sie schokiert.
»Oh, anblasen kannst Du, aber es fehlt das Oel auf der Lampe. Ihr habt die pudelnärrische Ansicht, ein Mann sei ein Ding wie ein Spiegel, der Ja sagt, so oft ihr hineinguckt. Der Spiegel gehorcht sieben Jahre, der Mann ist des Schauspiels am siebenten Tage müde …«
Sie bekam das Zittern ins Herz und schwur sich, sie wollte zuhören bis zum Abend. Das ›Oel auf der Lampe‹ quälte sie – – wenn man einen Mund hat so voller Blühen und den besten Willen zum Küssen und siebzehn Blusen und vier Kostüme und drei Kästen bunte Schleifen … ist das kein Oel? Aber sie sagte das nicht, sondern wartete, was er meinte.
Die Stunden in diesem Wäldchen vor dem Südtore der Stadt gehörten zu denen, die in seinem Leben stehenblieben – nicht, weil er da zwei Tage einer Liebe begrub, die vormärzlich und sonnenfieberisch gewesen war, und die ihn betrogen hatte, sondern weil er in diesen Stunden in die Tiefen des wilden Jahres schritt, in denen ihn das Leben jählings zerriß.
Die stille und klare Feierlichkeit des Hauses am Buchenwalde schien aus Fernen in sein Herz, die er verloren gab. Aber das Licht von den ersten Blumensteigen des Daseins leuchtet bis auf die andere Seite, und kein Leben kommt darüber hinweg.
Nun erfüllte das leidsüchtige Wesen der Husch sein Schaffen …
Doris Rinkhaus hatte den Finger gehoben – er verstand ihn nicht. Und nun hatte er sein Herz an ein junges Gesicht vertrödelt, weil es lustig lachen konnte! Dies Herz hatte Sehnsucht nach einer kindhaften Fröhlichkeit gehabt, wie sie das Zinzilein ausgestrahlt hatte. Aber nach drei Tagen war der perlende Trunk abgestanden, und Huschs Veilchenstille, die an dem bißchen Schimmer blühte, der in die Winkel fiel – ach nein, die lockte ihn nicht, aber er war ihr dankbar.
So vergrübelte er sich und lief seiner Sehnsucht nach, und Minchen Herzlieb war ihm ganz aus den Gedanken gekommen. Da fing sie ihn sich wieder –
»Ach ja,« sagte er, »ich glaube, die meisten von Euch halten die Männer für Narren.«
»Vielleicht haben wir ein Recht dazu,« sagte sie schnippisch.
»Ihr macht Euch zu Blumen fürs Knopfloch. Es fehlt das eine, das nottut.«
Damit hatte er einen großen Stein vor sich auf den Weg gewälzt und mühte sich eine lange Rede hindurch damit herum. Er sprach von breiter, schöner Menschlichkeit, in die ein Mädchen schon hineinwachsen müßte, während der junge Mann auf dem Bauplatze für seinen künftigen Beruf Kärrnerarbeit verrichtet. Er redete von früherwachender Sinnlichkeit, die in Putzsucht geriete und zu der jämmerlichen Frauenhalbheit führe, die ebenso arrogant wie unfruchtbar wäre. Aber der Stein im Wege wollte nicht weichen, und der Herr Jakobus Sinsheimer, der sich so männlich-kraftvoll gebärdete, schritt doch immer nur mit einer mehr oder weniger höflichen Verbeugung um ihn herum.
Das merkte Minchen Herzlieb natürlich und sagte: »Du hast da eine wirre Sache auf mich losgelassen, mit der Du selbst nichts anzufangen weißt! Wenn Du mich wieder einmal sehen willst, so wirst Du mich ja wohl finden. Jetzt geh ich nach Hause; denn ich habe Hunger.«
Und das war eine ganz vernünftige Lösung. Der Glaube an ihre brauchbare Art war ihr nicht erschüttert worden – warum auch?
Sie ahnte, daß es in einem jungen Künstlerherzen so aussehen könnte. Es war das etwas anderes als bei einem Menschen, der mit dem Reisekoffer hineinfährt ins Leben, den ihm die Alten daheim gepackt haben. Aber die Verwirrung, die Jockele angerichtet hatte, blieb auch für sie undurchsichtig. Es kam ihr vor, als hätte sie sich an den Rand eines Abgrunds gewagt, an dem nicht spazieren zu gehen war nach der Mädchenweise:
Hüpft's Herz hinterm Mieder, Wird's inwendig heiß. Und Küsse sind Lieder, Die man auswendig weiß.
Schon der Wanderweg durch das Webicht und das Wäldchen um Hases Ruhe war eine Strapaze gewesen, wie jene Viertelstunde auf dem Pferde, auf dem sie einmal im Zuckeltrab über einen Acker geritten war. Aber für solche Reisen ins Land der Liebe dankte sie ein- für allemal – dieser Jockele hatte zuletzt Dinge geredet, die genau so aussahen, als mute er seinem Mädchen zu, daß es ihm im Kampfe gegen das Leben beistehen sollte … Dabei packte er dies Leben an ganz anderen Zipfeln an und tat, als ob es sich nach der zufriedenen und hergebrachten Art nicht anständig leben ließe. Er hatte seine Augen immer in Gegenden, in denen die netten Kleider und die tausend interessanten Dinge, die in der Stadt passieren, gar keiner Rede wert waren.
So dachte sie sich in eine lustig-wehmütige Befreiung hinein und daß sie nachmittags zur Anprobe bestellt wäre.
Für Jockele war sie Vergangenheit geworden. In tiefer Dankbarkeit gegen diesen Tag ging er hin und kaufte einen silbernen Armring. Den brachte er Husch mit.
Es war ein unbändiger Drang zur Klarheit in ihm. Er hatte mit Husch nie ein Wort von Liebe gesprochen, nie ein Wort über Gwendolin und Minchen Herzlieb. Das Gefühl, daß er ihr wunderlich ergebungsvolles Herz schonen müßte, hatte ihn gegen seine Art verschwiegen gemacht. Aber nun waren die Mädchen zu dritt um ihn gewesen, und die Freundschaft hatte die Liebe in der Narrenkappe aus dem Lande gejagt.
An diesem Tag schloß er Husch alle Türen und Fenster seines Herzens auf. Wenn einmal die Unordnung über ihn hereinbrach, daß er aus dem Hause floh – Huschs Hände vermochten Wunder zu tun; und so oft er heimkam, umarmte ihn wieder die liebe Stille und sonnige Sauberkeit. Sie sollte ihm auch über sein ungeratenes Herz hinweghelfen.
Es war ihm nicht katerjämmerlich zumute, aber er fühlte, daß er sich eine moralische Schlappe beigebracht hatte, und litt wieder einmal an sich selbst. Doch ging er aufrecht in der Kraft, die im Haus am Walde von Tante Veronikas Treue in heiliger Bewußtheit in ihn gepflanzt war, und sagte: »Wie kann sich ein so langer und tapferer Mensch so verplempern!«
Er ließ Wind und Feldfrische durch sein Herz laufen, atmete über dem großen Lüftungsfeste auf und sagte: »Es ist nicht zu glauben, wie einem ein so kleines, blankes Mädel das Haus verstauben kann!«
Darüber mußte auch Husch lachen. Sie teilte sich ihr bißchen laute Freude ein und lachte in jedem Monat einmal.
Erst hatte sie gedacht, dem Minchen wäre die alleswissende Gwendolin im Wege gewesen, und es hätte deshalb ein Zerwürfnis gegeben, das sie schon auf dem Heimgang ahnte, und sie war froh, daß sie nicht dabei zu sein brauchte. Nun erkannte sie aber: das war es nicht, und wunderte sich über die Maßen, daß er des frischen Mädchens mit den trällernden Augen so bald überdrüssig geworden war.
Er wunderte sich darüber eigentlich auch und deutete vor Husch immer wieder in grausamer Selbstentblößung auf den ›langen und tapferen Menschen‹, der so eigenwillig in seinem Schaffen und seinen Tagen stand und doch immer so auf das erste beste hinliebte, was ihm den Weg kreuzte.
Gleich Maria Reh, die eine kleine Ewigkeit älter war als er, war keine glückliche Wahl gewesen. Und so weiter. Aber zuletzt erteilte er seinem irrenden Herzen in Husch's Beisein eine lustige Generalabsolution und fand für jeden Irrtum eine Entschuldigung: Maria Reh war schon damals voll schöner Sommerreife gewesen, die nun in Ausdehnungen und Behaglichkeit hineinwuchs; Gwendolin hatte Stunden, in denen sie den lieben Gott besiegen konnte, aber sie litt an kurzem Gedächtnis; vor Erika Flucht war er nur bis zu einer dankerfüllten Verehrung gelangt – sie suchte nach Blumen auf späteren Feldern und liebte bis auf weiteres über das Zeitliche dahin. Aber sie hatte ihn doch ein großes Stück Weges geführt …