Regniéville.
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Am 4. Juli 1917 stiegen wir in dem berühmten Mars-la-tour aus. Die siebente und achte Kompagnie kam in Doncourt unter, wo wir einige Tage lang ein ganz beschauliches Leben führten. Nur brachten mich die knappen Verpflegungssätze in manchen Konflikt. Es war streng verboten, in den Feldern zu furagieren, trotzdem meldeten mir fast jeden Morgen die Feldgendarmen einige Leute, die sie beim nächtlichen Kartoffelroden angetroffen hatten und deren Bestrafung ich nicht umgehen konnte.
Am 9. wurde die Kompagnie durch den Divisionskommandeur, Generalmajor von Busse, besichtigt, der uns sein Lob für gutes Verhalten im Gefecht aussprach. Am nächsten Nachmittag wurden wir verladen und fuhren bis in die Nähe von Thiaucourt. Von dort marschierten wir gleich in unsere neue Stellung, die sich auf den waldreichen Höhen der Côte Lorraine gegenüber dem zerschossenen, aus manchem Tagesbefehl bekannten Dorfe Regniéville hinzog. Am ersten Morgen besah ich meinen Abschnitt, der mir reichlich lang für eine Kompagnie vorkam und aus einem unübersichtlichen Gewirre zum Teil halbverfallener Gräben bestand. Auch die vordere Linie war an vielen Stellen durch die in dieser Stellung üblichen schweren, dreibeinigen Flügelminen eingeebnet. Mein Stollen lag um 100 Meter zurück in dem sogen. Verkehrsgraben, nahe der aus Regniéville herausführenden Straße. Zum ersten Male seit langer Zeit lagen wir wieder Franzosen gegenüber.
Die Grabenwände bestanden aus Kalkstein, einem Material, das der Witterung bedeutend mehr widerstand als der gewohnte Lehmboden. Stellenweise war der Graben sogar sorgfältig ausgemauert und die Sohle auf lange Strecken betoniert, so daß selbst die stärksten Regenmassen leicht ablaufen konnten. Der rötlich-weiße Fels wimmelte von Fossilien. Jedesmal, wenn ich den Graben durchschritt, kam ich mit Taschen voll Muscheln, Seesternen und Ammonshörnern in den Unterstand zurück.
Mein Stollen war tief und tropfig. Er hatte eine Eigenschaft, die mir wenig Freude machte, trotzdem ich sonst leidenschaftlicher Entomologe bin. Es kamen nämlich in dieser Gegend statt der üblichen Läuse die viel beweglicheren Verwandten vor. Diese beiden Arten stehen anscheinend in demselben feindschaftlichen Verhältnis zueinander wie Wander- und Hausratte. Hier half nicht einmal der gewohnte Wäschewechsel, denn die sprunggewandten Schmarotzer lauerten tückisch im Stroh der Lagerstätte. Der zur Verzweiflung getriebene Schläfer riß endlich seine Decken heraus und konnte mit Mephisto sprechen:
Ich schüttle einmal noch den alten Flaus, Noch einer flattert hier und dort hinaus, Hinauf, umher in hunderttausend Ecken, Eilt Euch, ihr Liebchen zu verstecken.
Auch die Verpflegung ließ viel zu wünschen übrig. Außer der dünnen Mittagssuppe gab es nur ein Drittel Brot mit einer lächerlich kleinen Beilage, die meist aus halbverdorbener Marmelade bestand. Die Hälfte davon fraß mir jedesmal eine fette Ratte auf, der ich oft vergeblich nachstellte.
Die Reserve- und Ruhekompagnie hielten sich in tief im Walde versteckten, romantisch gelegenen Blockhaus-Siedlungen auf. Besonders gefiel mir mein Quartier in der Reservestellung, dem Stumpflager, das im toten Winkel an den Hang einer engen Waldschlucht geklebt war. Ich hauste dort in einer winzig kleinen, halb in den Hang eingebauten Hütte, die dicht von Haselnußsträuchern und Kornelkirschen umfaßt war. Das Fenster bot einen Ausblick auf den gegenüberliegenden bewaldeten Bergrücken und einen schmalen bachdurchflossenen Wiesenstreifen im Grunde. Eine an der Rückwand aufgestapelte Kollektion von Flaschen aller Sorten verriet, daß hier schon mancher Einsiedler beschauliche Stunden verbracht haben mußte, und auch ich bemühte mich, des Ortes ehrwürdigen Brauch nicht zu vernachlässigen. Wenn abends die Nebel aus dem Grunde stiegen, sich mit dem schweren, weißen Qualm meines Holzfeuers mischten, und ich bei offener Türe im ersten Dämmer zwischen der frischen Herbstluft und der Wärme des Feuers hockte, schien mir nur ein Getränk dazu passend: Rotwein mit Eierkognak zur Hälfte in einem bauchigen Glase. Diese intimen Feiern trösteten mich auch über die Tatsache, daß ein vom Ersatz-Bataillon gekommener, dienstälterer Herr meine Kompagnie übernommen hatte, und ich als Zugführer wieder den langweiligen Grabendienst verrichtete. Ich suchte die endlosen Wachen nach alter Gewohnheit durch häufige Patrouillen zu umgehen.
Am 24. August wurde der tapfere Rittmeister Böckelmann durch einen Granatsplitter verwundet, der dritte Bataillons-Kommandeur, den das Regiment innerhalb kurzer Zeit verlor. — Am 29. stattete ich mit dem Unteroffizier Kloppmann, dem tüchtigsten Angehörigen der siebenten Kompagnie, der feindlichen Linie einen Besuch ab.
Wir krochen auf eine Lücke des feindlichen Hindernisses zu, die Kloppmann in der Nacht vorher geschnitten hatte. Zu unserer unangenehmen Überraschung war der Draht geflickt; trotzdem durchschnitten wir ihn wieder mit ziemlichem Geräusch und stiegen in den Graben. Wir kauerten uns hinter der nächsten Schulterwehr nieder und lauschten. Nach einer viertelstündigen Lauerpause schlichen wir weiter, einen Telephondraht verfolgend, der bei einem in die Erde gesteckten Seitengewehr endigte. Wir fanden die Stellung mehrfach durch Draht und einmal durch eine gitterförmige Tür versperrt, doch unbesetzt. Nachdem wir alles genau angesehen hatten, gingen wir denselben Weg zurück und verspannen die Lücke wieder sorgfältig, um unseren Besuch nicht zu verraten.
Am nächsten Abend spionierte Kloppmann wieder um die Stelle herum, wurde jedoch mit Gewehrschüssen und zitronenförmigen Handgranaten, den sogen. „Enteneiern“, empfangen, deren eine dicht neben seinem in den Boden gepreßten Kopf niederfiel ohne zu krepieren. Er mußte schleunigst Fersengeld geben.
Am 10. September begab ich mich vom Stumpflager zum Regiments-Gefechtsstand, um Urlaub einzureichen. „Ich habe schon an Sie gedacht,“ erwiderte mir der Oberst von Oppen, „das Regiment muß jedoch eine gewaltsame Patrouille machen, deren Führung Sie übernehmen sollen. Suchen Sie sich die geeigneten Leute aus und üben Sie mit ihnen unten im Souloeuvre-Lager.“
Wir sollten an zwei Stellen in den feindlichen Graben eindringen und versuchen, Gefangene zu machen. Die Patrouille zweigte sich in drei Teile, zwei Stoßtrupps und eine Sicherheitsbesatzung, die die erste Linie besetzen und uns den Rücken decken sollte. Ich übernahm die Führung des linken Trupps, den rechten bekam der Leutnant v. Kienitz. Die Leute setzten sich nur aus Freiwilligen zusammen; einige Überzählige weinten fast, als ich sie zurückwies. Mein Trupp bestand, mich eingerechnet, aus 14 Mann, darunter der Fähnrich v. Zglinitzky, Unteroffizier Kloppmann, Unteroffizier Mevius, Unteroffizier Dujesiefken und zwei Pioniere. Die tollsten Draufgänger des zweiten Bataillons hatten sich zusammengefunden.
Zehn Tage lang trainierten wir uns im Werfen von Handgranaten und führten unser Unternehmen an einem der Wirklichkeit nachgebildeten Sturmwerk aus. Es war ein Wunder, daß ich bei dem Übereifer meiner Leute nur drei schon vorher durch Splitter Verletzte hatte. Im übrigen taten wir keinen Dienst, so daß ich am Nachmittag des 22. Septembers als Meister einer verwilderten, aber brauchbaren Bande zur zweiten Stellung zog, in der wir für die Nacht untergebracht werden sollten.
Abends pilgerten v. Kienitz und ich durch den dunklen Wald zum Bataillons-Gefechtsstand, da wir vom Bataillons-Kommandeur, Rittmeister Schumacher, zu einer Henkersmahlzeit geladen waren. Dann legten wir uns in unserem Stollen schlafen. Es ist ein merkwürdiges Gefühl, wenn man weiß, daß man am nächsten Morgen einen Kampf auf Leben und Tod zu bestehen hat und vorm Einschlafen noch eine Zeit lang in sich hineinhorcht.
Um 3 Uhr wurden wir geweckt, standen auf, wuschen uns und ließen das Frühstück zurechtmachen. Ich hatte gleich einen tüchtigen Ärger, da mir mein Bursche die Spiegeleier, die ich mir zur Stärkung und Feier des Tages leisten wollte, vollkommen versalzen hatte.
Wir schoben die Teller zurück und sprachen zum hundertsten Male alle Einzelheiten durch, die uns begegnen konnten. Zwischendurch boten wir uns gegenseitig Cherry Brandies an, während v. Kienitz einige uralte Witze zum Besten gab. Zwanzig Minuten vor fünf nahmen wir die Leute zusammen und führten sie in die Bereitschaftsbunker der vorderen Linie. Es waren schon Lücken in den Draht geschnitten und lange, mit Kalkmehl gestreute Pfeile wiesen auf unsere Angriffspunkte. Wir trennten uns mit einem Händedruck und harrten der Dinge, die da kommen sollten.
Ich war vollkommen in Dreß: Vor der Brust zwei Sandsäcke mit je vier Stielhandgranaten, links mit Aufschlag-, rechts mit Brennzünder, in der rechten Rocktasche eine Pistole 08 am langen Bande, in der rechten Hosentasche eine kleine Mauserpistole, in der linken Rocktasche fünf Eier-Handgranaten, in der linken Hosentasche Leuchtkompaß und Trillerpfeife. Am Koppel Karabinerhaken zum Abreißen der Handgranaten, Dolch und Drahtschere. In der inneren Brusttasche steckte eine gefüllte Brieftasche und meine Heimatadresse, in der hinteren Rocktasche eine platte Flasche voll Cherry Brandy. Achselklappen und Gibraltarband hatten wir abgelegt, um dem Gegner keinen Aufschluß über unsere Herkunft zu geben. Als Erkennungszeichen trugen wir an jedem Arm eine weiße Binde.
Vier Minuten vor fünf setzte bei der linken Nachbardivision Ablenkungsfeuer ein. Punkt 5 Uhr brach schlagartig unser Artillerie- und Minenfeuer los. Ich stand mit dem Unteroffizier Kloppmann vorm Stolleneingang und rauchte eine letzte Zigarre; wir mußten jedoch wegen zahlreicher Kurzschüsse Deckung nehmen. Mit der Uhr in der Hand zählten wir die Minuten.
Punkt 5.05 Uhr ging es aus dem Stollen heraus und auf den vorbereiteten Wegen durchs Hindernis. Ich rannte, eine Handgranate hochhebend, voran und sah auch die rechte Patrouille in der ersten Dämmerung vorstürmen. Das feindliche Verhau war schwach; ich übersprang es in zwei Sätzen, stolperte aber über eine dahintergezogene Drahtwalze und stürzte in einen Trichter, aus dem mich die Unteroffiziere Kloppmann und Mevius hervorzogen. „Rin!“ Wir sprangen in die erste Linie, ohne auf Widerstand zu stoßen, während rechts ein krachender Handgranatenkampf begann. Ohne uns darum zu kümmern, setzten wir über die den nächsten Graben absperrende Sandsackbarrikade und sprangen von Trichter zu Trichter vor, bis wir zwei Reihen Spanischer Reiter erreichten, die uns von der zweiten Linie trennten. Da diese vollkommen zerstört war und keine Hoffnung auf Gefangene gab, eilten wir, ohne uns aufzuhalten, durch einen verbarrikadierten Laufgraben weiter vor.
Bei der Einmündung in die dritte Linie fiel vor mir ein glimmendes Zigarettenende zu Boden. Ich gab meinen Leuten ein Zeichen, faßte die Handgranate fester und schlich vorsichtig durch den gut ausgebauten Graben vor, an dessen Wänden zahlreiche verlassene Gewehre lehnten. In solchen Situationen registriert das Gedächtnis unbewußt auch das Nebensächlichste. So prägte sich mir an dem Grabenkreuz das Bild eines Kochgeschirres ein, in dem ein Löffel stand. Diese Beobachtung rettete mir 20 Minuten später das Leben.
Plötzlich verschwanden vor uns schattenhafte Gestalten. Wir rannten hinter ihnen her und gerieten in eine Sackgasse, in deren Wand ein Stolleneingang gebohrt war. Ich stellte mich davor und schrie: „Montez!“ Eine herausgeschleuderte Handgranate war die Antwort. Sie explodierte in Höhe meines Kopfes an der gegenüberliegenden Wand, zerfetzte meine seidene Mütze, verwundete meine linke Hand mehrfach und schlug mir die Kuppe des kleinen Fingers weg. Dem neben mir stehenden Pionier-Unteroffizier wurde die Nase durchbohrt. Wir zogen uns einige Schritte zurück und bombardierten den gefährlichen Platz mit Handgranaten. Ein übereifriger schleuderte eine Brandröhre in den Eingang und machte dadurch jeden weiteren Angriff unmöglich. Wir machten kehrt und verfolgten die dritte Linie in entgegengesetzter Richtung, um endlich einen Gegner zu fassen. Überall lagen fortgeworfene Waffen und Ausrüstungsstücke. Die Frage: „Wo mögen nur die Leute zu diesen vielen Gewehren sein?“ stieg immer unheimlicher in uns empor, doch hasteten wir entschlossen mit fertiger Handgranate und vorgehaltener Pistole weiter durch die öden, pulverdampfverhangenen Gräben.
Unser Weg von da an ist mir erst bei späterem Nachdenken klar geworden. Ohne es zu bemerken, bogen wir in einen dritten Laufgraben ein und näherten uns, bereits mitten im eigenen Absperrungsfeuer, der vierten Linie. Ab und zu rissen wir einen der in die Wände eingebauten Kästen auf und steckten uns zum Andenken eine Handgranate in die Tasche.
Nachdem wir einige Male durch Kreuz- und Quergräben gelaufen waren, wußte niemand mehr, wo wir uns befanden und in welcher Richtung die deutschen Stellungen lagen. Allmählich wurden alle aufgeregt. Die Nadeln der Leuchtkompasse tanzten in den fliegenden Händen, und beim Suchen des Polarsternes ließ uns in der Erregung unsere ganze Schulweisheit im Stich. Stimmengewirr in nahen Gräben verriet, daß der Gegner sich von der ersten Überraschung erholt hatte. Er mußte unsere Lage bald erraten.
Nachdem wir wieder einmal kehrt gemacht hatten, ging ich als Letzter und sah plötzlich vor mir über einer Sandsackschulterwehr die Mündung eines Maschinengewehres hin- und herpendeln. Ich sprang, über eine französische Leiche stolpernd, darauf zu und erblickte den Unteroffizier Kloppmann und den Fähnrich v. Zglinitzky, die sich mit dem Gewehre beschäftigten, während der Füsilier Haller mit blutbeschmutzten Händen einen zerfetzten Körper nach Papieren durchwühlte. Wir hantierten, ohne uns um die Umgebung zu kümmern, in fieberhafter Eile an der Waffe herum, um wenigstens eine Beute mitzubringen. Ich versuchte, die Halteschrauben zu lösen; ein anderer kniff mit der Drahtschere den Ladestreifen ab; endlich packten wir das auf einem Dreifuß stehende Ding, um es unzerlegt mitzunehmen. In diesem Augenblick ertönte aus einem Parallelgraben in der Richtung, in der wir unseren Graben vermuteten, eine Stimme: „Qu’est ce qu’il y a“ und ein schwarzer Ball flog, sich undeutlich vom dämmernden Himmel abhebend, auf uns zu. „Achtung!“ Zwischen Mevius und mir blitzte es auf; ein Splitter fuhr Mevius in die Hand. Wir stoben nach allen Seiten auseinander, uns immer tiefer in das Grabengewirre verstrickend. Bei mir befand sich nur noch der Pionier-Unteroffizier und Mevius. Unser Glück war nur die Angst der Franzosen, die sich immer noch nicht aus ihren Löchern herauswagten. Es konnte sich indes nur noch um Minuten handeln, bis wir auf eine stärkere Abteilung stoßen mußten, die uns mit Vergnügen den Garaus gemacht hätte. Pardonstimmung lag nicht in der Luft.
Als ich schon jede Hoffnung aufgegeben hatte, wieder heil aus diesem Kessel herauszukommen, entfuhr mir plötzlich ein Freudenschrei. Mein Blick war auf das Kochgeschirr mit dem Löffel gefallen; nun war ich orientiert. Da es schon ganz hell geworden war, hatten wir keine Sekunde zu verlieren. Wir sprangen über freies Gelände, von den ersten Gewehrkugeln umpfiffen, den eigenen Linien zu. Im vorderen französischen Graben stießen wir auf die Patrouille des Leutnants v. Kienitz. Als uns der Ruf „Lüttje Lage!“ entgegentönte, wußten wir, daß wir das Gröbste hinter uns hatten. Ich fiel von oben leider gerade auf einen schwer Blessierten, den sie zwischen sich liegen hatten. Kienitz erzählte mir hastig, daß er französische Schanzer im ersten Graben durch Handgranaten vertrieben und beim weiteren Vorgehen gleich zu Anfang durch eigene Artillerie Tote und Verwundete gehabt hätte.
Nach längerem Warten erschienen noch zwei meiner Leute, der Unteroffizier Dujesiefken und der Füsilier Haller, der mir wenigstens einen kleinen Trost mitbrachte. Er war beim Umherirren allein in einen kleinen Stichgraben geraten und hatte dort drei verlassene MG. entdeckt, von denen er eins vom Gestell geschraubt und mitgenommen hatte. Da es immer heller wurde, hasteten wir über das Niemandsland in unsere vordere Linie.
Von den vierzehn Mann, die mit mir ausgezogen waren, kamen nur vier zurück, und auch die Patrouille Kienitz hatte schwere Verluste. Meine Niedergeschlagenheit wurde etwas erhellt durch die Worte des biederen Oldenburgers Dujesiefken, der, als ich mir im Stollen die Hand verbinden ließ, vorm Eingang seinen Kameraden die Ereignisse berichtete und mit dem Satze schloß: „Vor Leutnant Jünger habe ich jetzt aber Respekt; Junge, Junge, der flitzte dich man so über die Barrikaden!“
Anschließend marschierten wir durch den Wald zum Regiments-Gefechtsstand. Der Oberst von Oppen begrüßte uns und ließ uns Kaffee einschenken. Er war zwar sehr betrübt über unseren Mißerfolg, sprach uns jedoch seine ganze Anerkennung über das Geleistete aus. Dann wurde ich in ein Auto gepackt und fuhr zur Division, die genauen Bericht haben wollte. Vor wenigen Stunden noch im wüsten Handgranatenkampf durch zerschossene Gräben stürmend, genoß ich in vollen Zügen die Wohltat, zurückgelehnt in schnellem Fluge über die Landstraße zu brausen.
Der Generalstabsoffizier empfing mich in seinem Arbeitszimmer und versuchte vergeblich, mir zu beweisen, daß ich durch übereiltes Vorgehen den Verlust meiner Leute verschuldet hätte. Ich dachte: „Du kannst mir hier, zwanzig Kilometer hinter dem vorderen Graben, viel erzählen,“ und gab zu verstehen, daß ich in der feindlichen Linie weder einen grünen Tisch, noch die Stöße von Karten darauf gehabt hätte. Außerdem hatte ich nur die Ehre des Kampfes gehabt, der Plan, an dem ich manches auszusetzen gefunden, war mir fertig in die Hand gedrückt worden. Ich hatte vorher gebeten, den Angriffspunkt an die markante Linie der Chaussee zu verlegen oder wenigstens farbige Leuchtkugeln aus dem eigenen Graben hochzuschießen, um den Verirrten den Weg zu weisen. Man hatte mir bedeutet, daß dadurch das feindliche Feuer angezogen würde. Zum Teufel, was schiert mich das feindliche Feuer? Das bin ich gewohnt. Aber ich bin keine Eule, die ihren Weg im Dunkeln findet!
Der Divisions-Kommandeur begrüßte mich sehr liebenswürdig und verscheuchte bald meine Mißstimmung. Beim Mittagessen saß ich im verschlissenen Feldrocke mit verbundener Hand neben ihm und bemühte mich, nach dem Worte: „Nur die Lumpe sind bescheiden!“ unsere Taten vom Morgen in das richtige Licht zu stellen.
Am nächsten Tage besichtigte der Oberst von Oppen die Patrouille noch einmal, verteilte Eiserne Kreuze und gab jedem Teilnehmer vierzehn Tage Urlaub. Am Nachmittag wurden die Gefallenen, deren Zurückschaffung gelungen war, auf dem Soldatenfriedhof Thiaucourt begraben. Zwischen den Gräbern dieses Krieges ruhten dort auch Kämpfer von 1870/71. Eins dieser alten Gräber schmückte ein bemooster Stein mit der schlichten Inschrift: „Dem Auge fern, dem Herzen ewig nah!“ In eine große Steintafel war gemeißelt:
„Heldentaten, Heldengräber reihen neu sich an die alten, Künden wie das Reich erstanden, künden wie das Reich erhalten.“
Abends las ich im französischen Heeresbericht: „Ein deutsches Unternehmen bei Regniéville mißglückte; wir machten Gefangene.“ Daß die Gefangenen nur gemacht waren, weil unsere Leute sich bei der Suche nach dem ausgerissenen Gegner verirrt hatten, war nicht hinzugesetzt. Hätten die Franzosen ihre Gräben verteidigt, wie mutige Soldaten zu tun pflegen, so wäre es wohl anders gekommen.
Einige Monate später erhielt ich einen Brief von einem der Vermißten, dem Füsilier Meyer, der dort im Handgranatenkampfe ein Bein verloren hatte; er war mit drei Kameraden nach langem Umherirren in einen Kampf verwickelt und schwer verwundet gefangen genommen worden, nachdem die anderen, darunter auch der brave Unteroffizier Kloppmann, gefallen waren.
Ich habe im Kriege manches Abenteuer bestanden, doch keins war unheimlicher. Noch immer gerate ich in eine beklommene Stimmung, wenn ich an unseren Irrweg durch die unbekannten, vom kalten Frühlicht erhellten Gräben denke.
Einige Tage darauf sprangen die Leutnants Domeyer und Zürn mit mehreren Begleitern nach einigen Schrapnellschüssen in die erste französische Linie. Domeyer stieß auf einen französischen Landwehrmann mit mächtigem Vollbart, der seine Aufforderung: „Rendez-vous!“ mit grimmigem „Ah non!“ erwiderte und sich auf ihn stürzte. Im Verlauf eines erbitterten Ringkampfes schoß Domeyer ihn mit der Pistole durch den Hals und mußte wie ich ohne Gefangenen zurückkehren. Nur war bei meinem Unternehmen eine Artilleriemunition verpulvert, die 1870 für eine ganze Schlacht ausgereicht hätte.