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In Stahlgewittern, aus dem Tagebuch eines Stoßtruppführers

Englische Vorstöße.

Reading edition

Am 4. Juni 1918 kam ich wieder beim Regiment an, das ganz in der Nähe des jetzt weit hinter der Front befindlichen Dorfes Vraucourt in Ruhe lag. Der neue Kommandeur, Major von Lüttichau, übergab mir die Führung meiner alten siebenten Kompagnie.

Als ich mich den Quartieren näherte, liefen mir die Leute entgegen, nahmen mir meine Sachen ab und empfingen mich im Triumph. Es war, als ob ich in den Kreis einer Familie zurückkehrte.

Wir bewohnten ein Häuflein von Wellblechbaracken inmitten einer verwilderten Wiesenlandschaft, aus deren Grün unzählige gelbe Blümchen schimmerten. Das wüste Gelände, das wir „Die Wallachei“ getauft hatten, war durch Herden weidender Pferde bevölkert. Trat man vor die Tür der Hütten, so empfand man jenes beängstigende Gefühl der Leere, von dem der Cowboy, der Beduine und jeder andere Einödbewohner zuweilen gepackt wird. Des Abends machten wir lange Spaziergänge im Umkreise der Baracken und suchten Rebhuhngelege oder im Rasen verborgenes Kriegsmaterial. Eines Nachmittags ritt ich nach dem vor zwei Monaten so hart umkämpften Hohlweg bei Vraucourt, dessen Ränder mit Grabkreuzen besät waren. Ich fand manchen bekannten Namen.

Bald bekam das Regiment Befehl, die vordere Linie der vorm Dorfe Puisieux-au-Mont liegenden Stellung zu besetzen. Wir machten auf Lastautomobilen eine Nachtfahrt bis Achiet-le-Grand. Oft mußten wir halten, wenn die Strahlenkegel der Fallschirm-Leuchtkugeln nächtlicher Bombenflieger das weiße Band der Straße aus dem Dunkel hoben. Nah oder fern wurde das vielfache Pfeifen der schweren Sprengpfeile von den rollenden Stößen der Einschläge verschlungen. Dann tasteten die unsicheren Arme der Scheinwerfer den dunklen Himmel nach den tückischen Nachtvögeln ab, Schrapnells zersprühten wie zierliches Spielzeug, und Leuchtgeschosse jagten in langer Kette gleich feurigen Wölfen hintereinander her.

Ein widriger Geruch nach Leichen lagerte über der eroberten Gegend, bald mehr, bald weniger intensiv, immer aber die Nerven erregend und in eine Stimmung phantastischer und ahnungsvoller Unheimlichkeit hüllend.

„Offensiv-Parfüm“ erscholl neben mir die Stimme eines cynischen alten Kriegers, als wir einige Minuten lang eine Allee von Massengräbern zu passieren schienen.

Von Achiet-le-Grand schritten wir an dem nach Bapaume führenden Bahndamm entlang und dann querbeet auf die Stellung zu. Der Feuerbetrieb war lebhaft. Als wir einen Augenblick rasteten, schlugen zwei mittlere Granaten neben uns ein. Die Erinnerung an die unvergeßliche Schreckensnacht des 19. März trieb uns vorwärts. Dicht hinter der vorderen Linie stand eine abgelöste, lärmende Kompagnie, an der uns das Fatum gerade vorüberführte, als ihr der Mund durch einige Dutzend Schrapnells gestopft wurde. Mit einem Hagel von Schimpfworten stürzten sich meine Leute kopfüber in den nächsten Laufgraben. Drei mußten blutend zum Sanitätsunterstand zurückkehren.

Um 3 Uhr kam ich völlig erschöpft in meinem Unterstande an, dessen drangsalsvolle Enge mir eine Reihe wenig genußreicher Tage in Aussicht stellte.

Das rötliche Licht einer Kerze glühte inmitten einer unbeschreiblichen Dunstwolke. Ich stolperte über ein Gewirr von Beinen und brachte durch die Zauberformel „Ablösung!“ Leben in die Bude. Einem backofenförmigen Loch entstieg eine Kette von Flüchen, dann erschienen nach und nach ein unrasiertes Gesicht, ein Paar ramponierte Achselstücke, eine verwitterte Uniform und zwei Lehmklötze, in denen wahrscheinlich die Stiefel steckten. Wir setzten uns zusammen an den sogenannten Tisch und erledigten das Geschäft der Übergabe, bei dem jeder versuchte, den anderen um ein Dutzend eiserne Portionen und einige Leuchtpistolen zu prellen. Dann würgte sich mein Vorgänger durch den engen Stollenhals ins Freie mit der Prophezeiung, daß das Dreckloch keine drei Tage mehr stehen würde. Ich blieb zurück als neuer Kapitän des Abschnitts A.

Die Stellung, die ich am nächsten Morgen besichtigte, bot wenig Erfreuliches. Gleich vorm Unterstande kamen mir zwei blutende Kaffeeholer entgegen, die im Annäherungswege durch eine Schrapnellladung getroffen waren. Einige Schritte weiter meldete sich der Füsilier A. mit einem Prellschuß ab.

Wir hatten das Dorf Bucquoy vor uns und Puisieux-au-Mont im Rücken. Die Kompagnie lag ungestaffelt in der flachen, schmalen, vorderen Linie und war rechts vom Infanterie-Regiment 76 durch eine große, unbesetzte Lücke getrennt. Der linke Flügel des Regiments-Abschnitts schloß ein zerhacktes Gehölz, das Wäldchen 125, ein. Befehlsgemäß waren keine Stollen ausgeschachtet. Je zwei Mann hausten in kleinen Erdlöchern, die durch sogenannte Siegfriedbleche gestützt waren.

Da mein Unterstand hinter einem ganz anderen Abschnitt lag, suchte ich mir zunächst eine neue Behausung. Ein hüttenartiges Gebilde in einem verfallenen Grabenstück schien mir ganz geeignet, nachdem ich es durch zusammengeschleppte Mordinstrumente in einen verteidigungsfähigen Zustand versetzt hatte. Ich führte dort mit meinem Burschen zusammen ein Leben wie ein Einsiedler im Grünen, das nur zuweilen durch Meldegänger und Ordonnanzen gestört wurde, die den umständlichen Papierkrieg selbst in diese entlegene Höhle trugen. Kopfschüttelnd konnte man dann zwischen den Einschlägen zweier Granaten neben anderen wichtigen Sachen die Neuigkeit lesen, daß dem Ortskommandanten von X. ein schwarzgefleckter Terrier, auf den Namen Zippi hörend, entlaufen wäre; wenn man sich nicht gerade mit grimmigem Humor in die Alimentationsklage der Dienstmagd Makeben gegen den Gefreiten Meyer vertieft hatte. Auch sorgten Zeichnungen und häufige Terminmeldungen für die nötige Abwechslung. Stets hatte man soviel mit der inneren Organisation zu tun, daß man sich um die taktischen Kleinigkeiten kaum noch kümmern konnte. Man wurde auch wenig danach gefragt. Oft schien die fortgeworfene Patronenhülse weit wichtiger. Ich lief jedesmal, wenn mir ein revidierender Vorgesetzter angemeldet wurde, durch den Graben, las Papier und Hülsen auf und instruierte die Posten, wie sie zu melden und die Hacken zusammenzuklappen hätten. Auch daß sie nicht etwa das Verbrechen begingen, dabei das Gesicht vom feindlichen Graben abzuwenden, aus dem sich schon seit drei Monaten kein Nasenzipfel mehr gezeigt hatte, oder gar das Gewehr aus der Hand zu stellen. Dafür waren drei Tage Mittelarrest unbedingte Taxe.

Diese für uns typischen Dinge haben sehr geschadet. Die Form erstickte den Geist. Der Krieg wurde bürokratisiert. Indes hatte der Frontleutnant viel zu viel Disziplin in den Knochen, um das, worüber in jedem Zugführerunterstande vor und nach dem Besuchsschnaps in allen Tonarten geflucht wurde, zur Sprache zu bringen. Trotzdem war er der Berufene, den altpreußischen Geist mit den Formen des neuen Krieges zu verschmelzen.

Doch zurück zu meinem Unterstand, dem ich den schönen Namen „Haus Wahnfried“ verliehen hatte. Den einzigen Kummer machte mir die Deckung, die nur als relativ bombensicher anzusprechen war, das heißt nur solange, wie kein Schuß daraufging. Jedoch tröstete ich mich mit dem Gedanken, in keiner besseren Lage als meine Leute zu sein. Jeden Mittag legte mein Bursche mir eine Decke in einen Riesentrichter, zu dem wir einen Gang gewühlt hatten, um ihn als Sonnenbad einzurichten. Öfters wurde meine Siesta allerdings durch in der Nähe einschlagende Granaten oder die herabsurrenden Sprengstücke von Fliegerbeschießungen gestört.

Die vordere Linie hatte unter feindlichem Feuer verhältnismäßig wenig zu leiden, sie wäre sonst auch bald unhaltbar geworden. Hauptsächlich lagen Puisieux und die benachbarten Mulden unter dauernder Beschießung, die sich in den Abendstunden zu Überfällen von außerordentlicher Dichte steigerte. Essenholen und Ablösung wurden dadurch sehr gefährdet.

Am 14. Juni wurde ich um 2 Uhr morgens von Kius, der auch zurückgekehrt war und die zweite Kompagnie führte, abgelöst. Wir verbrachten unsere Ruhezeit am Bahndamm bei Achiet-le-Grand, unter dessen Schutze unsere Baracken und Unterstände lagen. Der Engländer belegte uns häufig mit schwerem Flachbahnfeuer, dem unter anderen der etatsmäßige Feldwebel der dritten Kompagnie, Rackebrand, zum Opfer fiel. Einige Tage zuvor hatte sich bereits ein furchtbares Unglück ereignet. Ein Flieger hatte seine Bombe mitten in die von einem Zuhörerkranze umringte Kapelle des Infanterie-Regiments 76 geworfen. Unter den Getroffenen befanden sich auch viele 73er.

In der näheren Umgebung des Bahndammes lag eine Reihe zerschossener Tanks, die ich auf meinen Spaziergängen mit Interesse besichtigte. Sie trugen zum Teil spöttische, drohende oder glückbringende Namen und Kriegsbemalungen, waren aber alle übel zugerichtet. Der enge, von Geschossen zerschmetterte Panzerraum mit seinem Gewirr von Rohren, Stangen und Drähten mußte beim Sturm ein äußerst ungemütlicher Aufenthaltsort sein, wenn die Kolosse, um den Flammenschlägen der Artillerie zu entgehen, gleich unbeholfenen Riesenkäfern sich in Bogenlinien über die Walstatt wälzten. Ich dachte lebhaft an die Männer im feurigen Ofen.

Am Morgen des 18. Juni mußte die siebente Kompagnie der unsicheren Lage wegen schon wieder nach Puisieux, um dort dem K. T. K. zum Materialtragen und taktischer Verwendung zur Verfügung zu stehen. Wir bezogen am Ausgang nach Bucquoy liegende Keller und Stollen. Gerade als wir ankamen, hieb eine Gruppe schwerer Granaten in die umliegenden Gärten. Trotzdem ließ ich mich nicht abhalten, in einer kleinen Laube vorm Eingang meines Stollens zu frühstücken. Nach einer Weile brauste es wieder heran. Ich warf mich hin. Neben mir flammte es auf. Ein in der Nähe stehender Sanitäter meiner Kompagnie, der mit einigen Kochgeschirren voll Wasser vorbeikam, brach durch den Unterleib getroffen, zusammen. Wir verbanden ihn, während große Schweißtropfen auf seine Stirne traten. Als ich versuchte, ihn zu trösten, stöhnte er hervor: „Der Schuß ist tödlich, ich fühle es ganz genau.“ Trotz dieser Prophezeiung konnte ich ihm nach einem halben Jahre beim Einzuge in Hannover die Hand schütteln.

Am Nachmittage machte ich einen einsamen Spaziergang durch das völlig zerstörte Puisieux. Das Dorf war schon während der Sommeschlachten zu einem Trümmerhaufen zusammengehämmert. Trichter und Mauerreste waren mit dichtem Grün überzogen, aus dem überall die weißen Scheiben des ruinenfreundlichen Hollunders leuchteten. Zahlreiche frische Geschoßeinschläge hatten das hüllende Gewebe zerrissen und die schon so oft umgewühlte Erde der Gärten von neuem bloßgelegt.

Die Dorfstraße war mit dem Kriegsschutt des zum Stillstand gekommenen Vormarsches besäumt. Zerschossene Wagen, weggeworfene Munition, Nahkampfmittel und die Umrisse halbverwester Pferde, von blitzenden Fliegenwolken umbraust, verkündeten die Nichtigkeit aller Dinge im Kampfe ums Leben. Die auf dem höchsten Punkt ragende Kirche bestand nur noch aus einem wüsten Steinhaufen. Während ich einen Strauß wundervoller verwilderter Rosen pflückte, mahnten mich einschlagende Granaten zur Vorsicht auf diesem Tanzplatz des Todes.

Nach einigen Tagen lösten wir die neunte Kompagnie in der Hauptwiderstandslinie, die ungefähr 500 Meter hinter der vorderen lag, ab. Dabei wurden drei Leute meiner Kompagnie verwundet. Am folgenden Morgen wurde in der Nähe meines Unterstandes der Hauptmann von Ledebour durch eine Schrapnellkugel am Fuß verletzt. Obwohl schwer lungenkrank, fühlte er doch im Kampfe seine Bestimmung. So mußte er der geringen Wunde erliegen. Er starb kurze Zeit darauf im Lazarett. Am 28. wurde der Führer meiner Essenholer durch einen Granatsplitter getroffen. Dies war der neunte Verlust in der Kompagnie binnen kurzer Zeit.

Nachdem wir eine Woche in vorderer Linie gelegen hatten, mußten wir nochmals die Hauptwiderstandslinie besetzen, da unser Ablösungsbataillon durch die spanische Krankheit fast aufgelöst war. Auch von unseren Leuten meldeten sich täglich mehrere krank. Bei der Nachbardivision wütete die Grippe so stark, daß ein feindlicher Flieger Zettel abwarf, auf denen stand, daß der Engländer die Ablösung übernehmen würde, wenn die Truppe nicht bald zurückgezogen würde. Doch erfuhren wir, daß sich die Seuche auch auf der Gegenseite mehr und mehr ausbreitete. Bei uns traten noch verschärfend die schlechten Verpflegungsverhältnisse hinzu. Dabei standen wir dauernd in höchster Gefechtsbereitschaft, da das Wäldchen 125 durch fortwährende Höchstbeschießung dauernd bedroht war. Infolge der Explosionsgase war dort ein Teil der sechsten Kompagnie an Kohlenoxydvergiftung erkrankt. Wir mußten viele Leute mit Sauerstoffapparaten herausholen.

Eines Nachmittags fand ich beim Durchschreiten meines Abschnittes mehrere vergrabene Kästen voll englischer Munition und sprengte mir in meinem Leichtsinn beim Auseinandernehmen einer Gewehrgranate die Kuppe des rechten Zeigefingers ab. Am selben Abend platzte, als ich mit dem Leutnant Sprenger auf der Deckung meines Unterstandes stand, eine schwere Granate in der Nähe. Wir stritten uns über die Entfernung, die Sprenger auf 10, ich auf 30 Meter schätzte. Um zu sehen, wie weit ich meinen Angaben in dieser Beziehung trauen könnte, maß ich nach und fand den Trichter 22 Meter von unserem Standorte entfernt. Man ist leicht geneigt, die Entfernung zu unterschätzen.

Am 20. Juli lag ich mit meiner Kompagnie wieder in Puisieux. Den ganzen Nachmittag stand ich auf einem Mauerrest und beobachtete das Gefechtsbild, das einen sehr verdächtigen Eindruck machte.

Das Wäldchen 125 wurde oft durch mächtige Feuerstöße in dichten Qualm gehüllt, während grüne und rote Leuchtkugeln auf- und niederstiegen. Manchmal schwieg das Artilleriefeuer, dann hörte man das Tacken einiger Maschinengewehre und den matten Knall entfernter Handgranaten. Das Ganze sah sich von meinem Standorte fast wie ein zierliches Spiel an. Es fehlte das Gewaltige des Großkampfes, und doch spürte man das erbitterte Ringen zwischen zwei ehernen Kräften. . . . . .

Aus dem leeren, weiten Gelände starren die Augen tausend Verborgener nach dem kleinen Waldstück, aus dem in wechselndem Reigen braune Erdbrunnen die Gipfel der stürzenden Eichbäume umtanzen. In der Tiefe des Umkreises staffeln in Gräben, Trichtern, Höhlen und Ruinen Menschen und Material, des Einsatzes gegen das von zerhackten Strünken bedeckte Stück Erde harrend.

Weit hinten an zwei Gegenpolen sitzen zwei Generale an kartenverdeckten Tischen. Eine Meldung, ein kurzer Vortrag, einige Sätze an einen Ordonnanzoffizier, ein Telephongespräch. Eine Stunde später umflammen die Blitze eines neuen Feuerstoßes die alten Trichter, eine frische Menschenhekatombe verblutet in stickigem Qualm. . . . . .

Gegen Abend wurde ich zum Bereitschaftskommandeur berufen, wo ich erfuhr, daß der Gegner am linken Flügel in unser Grabensystem eingedrungen wäre. Um uns wieder etwas Vorfeld zu schaffen, war befohlen, daß der Leutnant Petersen mit der Sturmkompagnie den Heckengraben, ich mit meinen Leuten einen ihm in einer Mulde parallel laufenden Annäherungsweg aufräumen sollte. Wir zogen im Morgengrauen los, bekamen aber schon in unserer Sturmausgangsstellung so starkes Infanteriefeuer, daß wir vorläufig auf die Ausführung verzichteten. Ich ließ den Elbinger Weg besetzen und holte in einem riesigen Höhlenstollen den versäumten Nachtschlaf nach. Um 11 Uhr vormittags weckte mich Handgranatenkrachen vom linken Flügel, wo wir eine Barrikade besetzt hielten. Ich eilte hin und fand das übliche Bild des Barrikadenkampfes. Bei der Verschanzung wirbelten weiße Handgranatenwolken, einige Schulterwehren zurück rasselte auf jeder Seite ein Maschinengewehr. Dazwischen Leute geduckt vor und zurückspringend. Der kleine Handstreich der Engländer war bereits abgeschlagen, hatte uns jedoch einen Mann gekostet, der, von Handgranatensplittern zerrissen, hinter der Barrikade lag.

Gegen Abend bekam ich Befehl, die Kompagnie nach Puisieux zurückzuführen, wo ich bei der Ankunft die Order vorfand, mich am nächsten Morgen mit zwei Gruppen an dem Aufrollen des Grabens in der Mulde zu beteiligen. Um 3.40 Uhr brachen wir, das heißt der Leutnant Voigt von der Sturmkompagnie mit einem Stoßtrupp und ich mit meinen beiden Gruppen zur Ausgangsstellung auf. Wir hatten Befehl, den Graben nach einer fünfminutigen Artillerie- und Minenvorbereitung vom Rotpunkt K bis zum Rotpunkt Z1 aufzuteilen.

Ich darf nicht verschweigen, daß wir beide die Feuervorbereitung und überhaupt das Nehmen und Besetzen des tief in der Mulde liegenden, von allen Seiten eingesehenen Grabens für unnötig und verkehrt hielten. Der entscheidende Punkt war der Heckengraben; wollte man angreifen, so mußte man ihn nehmen und war dann auch im Besitze der Mulde. Ich hegte den bestimmten Verdacht, daß der Angriff von hinten nach der Karte befohlen war, denn wer das Gelände vor Augen hatte, konnte keine derartigen Anordnungen treffen.

Nach der Vorbereitung, bei der einer unserer Leute verwundet wurde, traten wir an und rollten den Graben auf. Kurz vor Z1 stießen wir auf Widerstand, der durch Handgranaten gebrochen wurde. Da wir unser Ziel erreicht hatten und auf weiteren Kampf nicht erpicht waren, bauten wir eine Barrikade und ließen eine Gruppe mit einem Maschinengewehr dahinter zurück.

Das einzige Vergnügen an der Sache bereitete mir das Benehmen der Leute vom Sturmtrupp, die mich lebhaft an Grimmelshausens Simplizissimus erinnerten. Diese jungen Krieger mit gewaltigen Haarschöpfen und Wickelgamaschen gerieten 20 Meter vorm Feinde in einen heftigen Streit, weil einer den anderen Schlappsack geschimpft hatte und fluchten dabei wie die Landsknechte. „Mensch, alle haben doch nicht so’n Schiß wie du!“, schrie zuletzt einer und rollte allein noch 50 Meter Graben auf.

Schon am Nachmittag kam die Barrikadengruppe zurück. Sie hatte Verluste gehabt und sich nicht länger halten können. Ich hatte die Leute bereits aufgegeben und wunderte mich, daß überhaupt jemand lebend bei Licht den langen Schlauch des Muldengrabens hatte passieren können. Das sind die Folgen des Papierkrieges.

Trotz unserer Gegenstöße saß der Feind fest im linken Flügel unserer vorderen Linie und in den verbarrikadierten Verbindungswegen, die Hauptwiderstandslinie bedrohend.

Am 24. Juli begab ich mich zur Orientierung in den neuen Abschnitt C der Hauptwiderstandslinie, den ich am nächsten Tage übernehmen sollte. Ich ließ mir von dem Kompagnieführer, Leutnant Gipkens, die Barrikade am Heckengraben zeigen und setzte mich neben ihn auf einen Postenstand. Plötzlich packte mich Gipkens und riß mich zur Seite. Im nächsten Augenblick spritzte ein Geschoß auf dem Sand meines Sitzplatzes auseinander. Durch einen glücklichen Zufall hatte er beobachtet, wie ein Gewehr langsam aus einer Schießscharte der 40 Meter entfernten feindlichen Barrikade geschoben wurde und mir so durch seine scharfen Künstleraugen das Leben gerettet. Wie mir nachher erzählt wurde, waren an dieser so harmlos aussehenden Stelle schon drei Mann der neunten Kompagnie durch Kopfschuß gefallen. Am Nachmittag wurde ich durch eine nicht sonderlich starke Schießerei aus meinem Bunker gelockt, in dem ich gerade gemütlich lesend am Kaffeetische saß. Vorn stiegen beständig Sperrfeuerzeichen hoch. Zurückhumpelnde Verwundete erzählten, daß die Engländer in den Abschnitten B und C in die Hauptwiderstandslinie, in A ins Vorfeld eingedrungen wären. Gleich darauf kam die Unglücksbotschaft, daß die Leutnants Vorbeck und Grieshaber bei der Verteidigung ihrer Abschnitte gefallen, Leutnant Kastner schwer verwundet wäre. Um 8 Uhr kam auch der Leutnant Sprenger, der stellvertretend die fünfte Kompagnie geführt hatte, mit einem Splitter im Rücken in meinen Unterstand, kräftigte sich durch einen „Blick in die Röhre“ und begab sich mit dem Zitat: „Rückwärts, rückwärts, Don Rodrigo“ zum Verbandplatze. Ihm folgte sein Freund, Leutnant Domeyer, mit blutender Hand.

Am nächsten Morgen lösten wir die Besatzung des Abschnittes C ab, der inzwischen wieder vom Feinde geräumt war. Ich fand dort Pioniere Boje und Kius mit einem Teile der zweiten, Gipkens mit den Resten der neunten Kompagnie vor. Im Graben lagen acht tote Deutsche und zwei Engländer (Mützenschild: South-Africa, Otago-Rifles). Alle waren durch Handgranatentreffer übel zugerichtet. Ihre angstverzerrten Gesichter wiesen furchtbare Verletzungen auf. Zweien waren beide Augen ausgeschossen.

Als ich mich mit Boje und Kius in unserem gewöhnlichen pessimistisch-ironischen Ton begrüßte, fühlte ich die entsetzten Augen eines meiner Rekruten, eines Seminaristen, auf mir ruhen. Ich durchschaute seinen Gedankengang und erschrak zum erstenmale über die abstumpfende Wirkung des Krieges. Man kam dazu, den Menschen nur noch als Sache zu betrachten.

Ich ließ die Barrikade besetzen und den Graben aufräumen. Um 11.45 Uhr eröffnete, ohne daß wir zuvor benachrichtigt wurden, die eigene Artillerie ein wildes Feuer auf die vor uns liegende Stellung, bei dem wir jedoch mehr Treffer bekamen als die Engländer. Das Unglück ließ nicht lange auf sich warten. Der Ruf „Sanitäter!“ flog von links durch den Graben. Hineilend, fand ich vor der Barrikade im Heckengraben eine unförmliche Leichenmasse, die Überreste meines besten Zugführers. Er hatte den Volltreffer einer eignen Granate mitten ins Kreuz bekommen. Uniform- und Wäschefetzen, die ihm der Druck der Explosion vom Leibe gerissen hatte, hingen über ihm im zerhackten Gezweig einer Weißdornhecke. Ich ließ eine Zeltbahn über ihn werfen, um den Leuten den Anblick zu ersparen. Gleich darauf wurden an derselben Stelle noch drei Mann verwundet, einem von ihnen beide Hände am Gelenk durchschlagen. Er taumelte mit totbleichem Gesicht, die Arme auf die Schultern einen Krankenträgers gelegt, blutüberspritzt zurück. Der Gefreite Ehlers wand sich, vom Luftdruck betäubt, auf der Erde.

Ich sandte einen Protest nach dem andern an die Befehlsstellen und forderte dringend Einstellung des Feuers oder die Anwesenheit von Artillerieoffizieren im Graben. Statt aller Antwort setzte noch ein schwerer Minenwerfer ein und machte mir den Graben vollends zur Fleischbank. Überall lagen Blut, Hirn und Fleischfetzen, auf denen sich Schwärme von Fliegen sammelten.

Um 7.15 Uhr (!) bekam ich einen Befehl, demzufolge 7.30 Uhr starkes Artilleriefeuer einsetzen und um 8 Uhr zwei Gruppen der Sturmkompagnie unter Leutnant Voigt über die Barrikade des Heckengrabens vorbrechen sollten, um bis zum Rotpunkt A aufzurollen und nach rechts Verbindung mit einer parallel vorgehenden Stoßtruppe herzustellen. Zwei Gruppen meiner Kompagnie sollten zur Besetzung des eroberten Grabenstückes folgen.

Ich traf in aller Eile, während schon das Artilleriefeuer einsetzte, die nötigen Anordnungen, bestimmte zwei Gruppen und sprach kurz mit dem Leutnant Voigt, der einige Minuten später befehlsgemäß vorging. Ich hielt die Sache mehr für einen Abendspaziergang und schlenderte in Mütze, eine Stielhandgranate unterm Arm, hinter meinen beiden Gruppen her. Im Augenblick des Angriffs richteten sich die Gewehre der ganzen Gegend auf den Heckengraben. Wir sprangen gebückt von Schulterwehr zu Schulterwehr. Es ging sehr schön vorwärts, die Engländer flüchteten unter Zurücklassung eines Toten in eine rückwärtige Linie.

Ich hatte als Letzter gerade die Einmündung eines links abzweigenden Grabens passiert, als mein Vordermann, ein Unteroffizier, einen Schrei höchster Erregung ausstieß und mir am Kopf vorbei nach links schoß. Da ich mir sein Benehmen nicht erklären konnte, ging ich einige Schritt zurück und stand plötzlich einem athletisch gebauten Engländer in dem Augenblick, als er dem fliehenden Unteroffizier eine Handgranate nachschleuderte, gegenüber. Gleichzeitig ertönte von allen Seiten das Angriffsgeschrei anderer, die über Deckung heranstürmten, um uns abzuschneiden. Ich zog die Handgranate, meine einzige Waffe, ab und schleuderte sie in kurzem Zirkel dem Tommy vor die Füße. Dann gab ich, von Handgranaten umkracht, Fersengeld in der Richtung auf unseren Graben. Ein einziger, der kleine Wilzek von meiner Kompagnie, hatte die Besonnenheit, hinter mir herzulaufen. Ein uns nachgeworfenes Eisenei zerriß ihm Koppel und Hosenboden, ohne ihn weiter zu verletzen.

Voigt und die anderen Leute, die nach vorn ausgewichen waren, schienen umringt und verloren. Kampfgeschrei und zahlreiche Explosionen kündeten, daß sie ihr Leben teuer verkauften.

Um ihnen zu Hilfe zu kommen, führte ich die Gruppe des Fahnenjunker-Unteroffiziers Mohrmann durch den Heckengraben vor. Wir mußten indes vor einer Sperre hageldicht einschlagender Flaschenminen Halt machen. Ein Splitter flog mir gegen die Brust und wurde von der Hosenträgerschnalle abgefangen. Außerdem brach schlagartig ein Artilleriefeuer von gewaltiger Stärke los.

Rings spritzten Erdstrahlen aus farbigen Dämpfen, metallisches Geschmetter durchschrie das dumpfe Dröhnen schwerer Schläge, Eisenblöcke brausten in unheimlicher Kürze heran, dazwischen sangen und schwirrten Wolken von Splittern. Da ein Angriff zu befürchten stand, setzte ich mir einen herumliegenden Stahlhelm auf und eilte mit einigen Begleitern in den Kampfgraben zurück.

Drüben tauchten Gestalten auf. Wir legten uns auf die zerwalzte Grabenwand und schossen. Neben mir fingerte ein ganz junger Krieger mit fiebernden Händen am Ladehebel seines Maschinengewehres, ohne einen Schuß aus dem Lauf zu bekommen. Einige Engländer klappten um, die andern verschwanden im Graben, während das Feuer immer toller wurde. Die eigene Artillerie schien keine Parteien mehr zu kennen.

Als ich, von einer Gefechtsordonnanz gefolgt, zu meinem Bunker schritt, schlug irgend etwas zwischen uns in die Wand, riß mir mit enormer Wucht den Stahlhelm vom Kopf und schleuderte ihn weit weg. Ich glaubte, eine ganze Schrapnell-Ladung erhalten zu haben, und legte mich halb betäubt in mein Fuchsloch, auf dessen Rand einige Sekunden später eine Granate schlug, den kleinen Raum mit dichtem Qualen füllend. Ein langer Splitter zerschmetterte eine Büchse voll Gurken, die neben meinen Füßen lag. Um nicht verschüttet zu werden, kroch ich wieder in den Graben und spornte die beiden Gefechtsordonnanzen und meinen Burschen zur Wachsamkeit an.

Es war eine wirklich unangenehme halbe Stunde, während deren die Kompagnie viele Verluste hatte. Nachdem die Feuerwelle verebbt war, ging ich durch den Graben, besah den Schaden und stellte fest, wieviel Leute mir noch zur Verfügung standen. Da die Kopfzahl von 15 Mann zur Linearverteidigung zu gering war, übertrug ich dem Fahnenjunker Mohrmann und drei Leuten die Verteidigung der Barrikade, zog die Trümmer zu einem Schützenigel in einem Riesentrichter hinter der eigenen Linie zusammen und ließ alle Handgranaten dort anhäufen. Mein Plan war, den angreifenden Gegner ruhig in den Graben kommen zu lassen, um ihn dann auf einen Pfiff von oben her zusammenzuknallen. Jedoch beschränkte sich die Kampftätigkeit auf ein fortwährendes Geplänkel mit leichten Minen, Gewehr- und Handgranaten.

Am 27. Juli wurden wir durch eine Kompagnie des Infanterie-Regiments 164 abgelöst. Wir waren auch restlos ausgepumpt. Der Führer dieser Kompagnie wurde schon beim Anmarsch schwer verwundet; einige Tage später wurde mein Bunker eingeschossen und begrub seinen Nachfolger. Wir atmeten alle erleichtert auf, als wir das vom heraufziehenden Gewitter der großen Endoffensive umgrollte Puisieux im Rücken hatten.

* * *

111. Inf. Division.

Div. Gef. Stand, 12. 8. 18.

Divisionstagesbefehl.

Das Füsilier-Regt. 73 hat seinen hohen Ruf als tapfere, kampferprobte Truppe in den harten Kämpfen am 25. 7. gegen einen an Zahl weit überlegenen Gegner erneut aufs glänzendste in Verteidigung und Gegenstößen bewiesen. Ich erkenne das um so lieber an, als ich wohl weiß, welch hohe Anforderungen an die Truppen der Division bei dem langen Einsatz an schwieriger Front an Ausdauer und Pflichttreue gestellt werden müssen für unser geliebtes Vaterland.

Insbesondere verdient Leutnant Jünger, schon sechsmal verwundet und diesmal wie immer ein leuchtendes Vorbild für Offiziere und Mannschaften, erneute Anerkennung.

v. Busse, Generalmajor und Divisions-Kommandeur.

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