Noch einmal Flandern.
Reading edition
Am gleichen Tage, als ich von meinem vierzehntägigen Urlaub zurückkehrte, wurden wir vom bayerischen Reserve-Infanterie-Regiment Nr. 5 abgelöst und zunächst in dem nahegelegenen Dorfe Labry, einem der typischen Drecknester jener Gegend, untergebracht. Am meisten frappierte mich in diesen lothringischen Dörfern die vergebliche Suche nach einer verschwiegenen Örtlichkeit. Eine Badewanne schien zu den unbekannten Dingen zu gehören. In dieser Beziehung habe ich in Frankreich überhaupt eigentümliche Erfahrungen gemacht. Selbst in den prunkvollen Schlössern mußte man gewisse Schattenseiten mit diskretem Lächeln ignorieren. So sehr ich den Franzosen schätze, halte ich doch diese Seite seines Wesens für eine bezeichnende.
„Was schadet’s, wenn die Senkgrube hinten rinnt und stinkt, Wenn nur der Türknopf vorn blitzt und blinkt.“
Am 17. Oktober 1917 wurden wir verladen und betraten nach anderthalb Tagen wieder den Boden Flanderns, den wir erst vor zwei Monaten verlassen hatten. Wir übernachteten in dem Städtchen Iseghem und marschierten am nächsten Morgen nach Roulers oder, wie es flämisch heißt: Roselaire. Die Stadt befand sich im ersten Stadium der Zerstörung. Noch wurden in den Läden Waren feilgehalten, doch hauste die Bevölkerung schon in den Kellern, und die Bande des bürgerlichen Lebens waren durch häufige Beschießungen zerrissen. Ein Schaufenster mit Damenhüten gegenüber meinem Quartier machte auf mich in dem Kriegsgewühl einen merkwürdig deplacierten Eindruck. Nachts versuchten Plünderer, in die verlassenen Wohnungen einzubrechen.
In meinem in der Oststraat gelegenen Quartier war ich der einzige Bewohner der überirdischen Räume. Das Haus gehörte einem Tuchhändler, der zu Beginn des Krieges geflohen war und eine alte Wirtschafterin mit ihrer Tochter zur Bewachung zurückgelassen hatte. Die beiden sorgten für ein kleines, verwaistes Mädchen, das sie während unseres Vormarsches, von seinen Eltern verlassen, in den Straßen umherirrend aufgefunden hatten. Sie kannten nicht einmal Alter und Namen des Kindes. Sie hatten eine fabelhafte Angst vor Bomben und beschworen mich fast auf den Knien, oben kein Licht zu machen, um die bösen Flieger nicht anzulocken. Mir verging das Lachen allerdings auch, als, während ich neben Leutnant Reinhardt am Fenster stand und einen im Lichte der Scheinwerfer dicht über die Dächer fliegenden Engländer betrachtete, eine Riesenbombe in der Nähe des Hauses aufschlug und der Luftdruck uns die Splitter der Fensterscheiben um die Ohren warf.
Ich war für die bevorstehende Aktion zum Spähoffizier bestimmt und dem Regimentsstabe zugeteilt. Um mich zu orientieren, begab ich mich schon vor unserem Einsatz zum Gefechtsstand des bayerischen Reserve-Regiments 10, das wir ablösen sollten. Ich fand in dem Kommandeur einen sehr freundlichen Herrn vor, obgleich er zuerst beim Empfang etwas über mein „rotes Mützenbandl“ brummte. Ich legte damals schon längst keinen Wert mehr auf einen sortiert feldmäßigen Anzug. Am Fexentum erkennt man überall den Neuling.
Zwei Ordonnanzen führten mich zu dem sogenannten Meldekopf, der einen sehr guten Überblick bieten sollte. Wir hatten kaum den Gefechtsstand verlassen, als eine Granate bei uns einschlug. „Da bin ich schon, des Chaos vielgeliebter Sohn!“ Meine Führer wußten indes dem Feuer, das gegen Mittag in unaufhörliches Rollen überging, in dem durch zahlreiche kleine Pappelgehölze maskierten Gelände sehr geschickt auszuweichen.
Auf der Schwelle eines einsamen Gehöftes, das die Spuren frischer Einschläge aufwies, erblickten wir einen auf dem Bauch liegenden Toten. „Den hat’s a derwischt!“ äußerte der biedere Bayer. „Dicke Luft“, meinte der andere mit witterndem Umblick und schritt rasch weiter. Der Meldekopf lag jenseits der stark beschossenen Straße Paschendale—Westroosebeke und erwies sich als eine Meldesammelstelle, ähnlich der, die ich in Fresnoy geführt hatte. Er lag neben einem zum Schutthaufen zusammengeschossenen Hause und hatte so wenig Deckung, daß ihn der erste derbere Treffer vernichten mußte. Ich ließ mich von drei Offizieren, die dort ein geselliges Höhlendasein führten und über die baldige Ablösung sehr erfreut waren, über Feind, Stellung und Annäherung orientieren und ging dann über Roodkruis—Oostnieukerke nach Roulers zurück, wo ich dem Oberst Bericht erstattete.
Auf dem Wege durch die Straßen der Stadt las ich mit Vergnügen die gemütlichen Namen der zahlreichen kleinen Schenken, die so recht die flämische Behäbigkeit ausdrückten. Wer fühlt sich nicht angezogen durch ein Wirtschaftsschild, das den Titel „De Zalm“ (Salm), „De Reeper“ (Reiher), „De Nieuwe Trompette“, „De drie Koningen“ oder „Den Olifant“ führt? Klingt das nicht nach Teniers und De Coster? Schon der Empfang in der kräftigen unverwelschten Sprache mit dem traulichen Du versetzt in behagliche Stimmung. Gott gebe, daß dieses prächtige Land in seinem alten Wesen von den furchtbaren Wunden des Krieges wieder auferstehe.
Am Abend wurde die Stadt wieder mit Bomben beworfen. Ich stieg in den Keller, in dem sich die Frauen zitternd in eine Ecke gedrückt hatten und knipste meine Taschenlampe an, um das kleine Mädchen zu beruhigen, das im Dunkeln vor Angst schrie, da eine Explosion das Licht verlöscht hatte. Hier zeigte sich wieder, wie fest der Mensch mit seiner Heimat verwachsen ist. Trotz der gewaltigen Furcht, die diese Frauen vor der Gefahr hatten, klammerten sie sich fest an die Scholle, die jeden Augenblick zum Grabe werden konnte.
Am Morgen des 22. Oktober brach ich mit meinem Spähtrupp von vier Mann nach Kalve auf, wo der Regimentsstab im Laufe des Vormittags ablösen sollte. An der Front tobte ein gewaltiges Feuer, dessen Blitze dem Frühmorgennebel das Aussehen eines brodelnden, blutigroten Dampfes gaben. Am Eingange von Oostnieukerke stürzte neben uns ein Haus, von einer schweren Granate getroffen, krachend zusammen. Steintrümmer rollten über die Straße. Wir versuchten, den Ort zu umgehen, mußten aber doch hindurch, da wir die Richtung Roodkruis—Kalve nicht kannten. Im Vorbeieilen fragte ich einen bayerischen Unteroffizier, der im Eingange eines Kellers stand, nach dem Wege. Statt zu antworten, vergrub er seine Hände in die Taschen und zuckte die Achseln. Da ich infolge der dauernd einschlagenden Geschosse keine Zeit zu verlieren hatte, sprang ich auf dieses Produkt einer verfehlten militärischen Ausbildung zu und erzwang mir durch die ihm unter die Nase gehaltene Pistole Auskunft. Wenn der Mann inzwischen nicht gefallen oder desertiert ist, wird er sicher die Spartakusgruppe um ein würdiges Mitglied bereichert haben.
Bei Roodkruis, einem kleinen Gehöft an einer Straßengabel, wurde die Sache bedenklich. Protzen rasten über die beschossene Straße, Infanterietrupps schlängelten sich zu beiden Seiten durchs Gelände, und zahllose Verwundete schleppten sich von vorne zurück. Einem jungen Artilleristen, der uns begegnete, ragte ein langer, zackiger Splitter aus der Schulter. Wir bogen rechts von der Straße ab zum Regimentsgefechtsstand, der von einem starken Feuerkranze umgeben war. In der Nähe legten zwei Telephonisten Leitung über ein Kohlfeld. Unmittelbar neben dem einen schlug eine Granate ein; wir sahen ihn stürzen und hielten ihn für erledigt. Er erhob sich jedoch gleich wieder und zog seinen Draht mit anerkennenswerter Kaltblütigkeit weiter. Da der Gefechtsstand nur aus einem winzigen Betonblock bestand, der kaum für den Kommandeur mit Adjutanten und Ordonnanzoffizier Platz bot, mußte ich in der Nähe Unterkunft suchen. Ich zog mit dem Nachrichten-, Gasschutz- und Minenwerferoffizier in eine leichte Holzbaracke, die nicht gerade das Ideal einer bombensicheren Unterkunft darstellte.
Am Nachmittag ging ich in Stellung, da die Meldung eingelaufen war, daß der Feind am Morgen unsere fünfte Kompagnie angegriffen hätte. Mein Weg führte über den Meldekopf zum Nordhof, einem zur Unkenntlichkeit zerschossenen Gehöft, unter dessen Trümmern der Kommandeur des Bereitschaftsbataillons hauste. Von dort lief ein allerdings nur noch angedeuteter Pfad zum Kampftruppen-Kommandeur. Durch die starken Regenfälle der letzten Tage war das unübersehbare Trichterfeld in ein Meer von Schlamm verwandelt, das besonders im Paddebachgrunde eine lebensgefährliche Tiefe aufwies. Auf meinen Irrfahrten kam ich an manchem einsam oder vergessen liegenden Toten vorbei; oft ragte nur noch der Kopf oder eine Hand über den schmutzigen Spiegel der Trichter. Tausende schlummern so, ohne daß ein von Freundeshand errichtetes Kreuz die unbekannte Grabstätte schmückt.
Nach dem äußerst anstrengenden Überschreiten des Paddebaches, das nur durch einige von Granaten darübergeschleuderte Pappeln ermöglicht wurde, entdeckte ich in einem Riesentrichter den Führer der fünften Kompagnie, Leutnant Heins, inmitten eines Häufleins von Getreuen. Die Trichterstellung lag an einem Hange und konnte, da sie nicht völlig versoffen war, von anspruchslosen Frontsoldaten als bewohnbar bezeichnet werden. Heins erzählte mir, daß am Morgen eine englische Schützenlinie erschienen und auf Beschießung verschwunden wäre. Diese hatte wiederum einige verirrte 164er, die bei ihrer Annäherung fortgelaufen waren, erschossen. Sonst war alles in Ordnung; ich begab mich daher zum Gefechtsstand zurück, wo ich dem Oberst Bericht erstattete.
Am Tage darauf wurde unser Mittagessen in gröbster Weise durch einige uns vor die Tür gesetzte Granaten unterbrochen, deren Dreckfontänen in langsamem Wirbel auf unser Teerpappdach trommelten. Alles stürzte aus der Tür; ich flüchtete in ein nahes Gehöft, in das ich des Regens wegen hineinging. Am Abend wiederholte sich der Vorgang, nur blieb ich diesmal vor dem Hause stehen, da es trockenes Wetter war. Die nächste Granate schlug mitten in das zusammenbrechende Gebäude. So spielt der Zufall im Kriege. Mehr als anderswo gilt hier: „Kleine Ursachen, große Wirkungen.“ Sekunden und Millimeter entscheiden.
Am 25. wurden wir schon um 8 Uhr aus den Baracken getrieben, von denen die uns gegenüberliegende beim zweiten Schuß einen Volltreffer erhielt. Durch die Erfahrungen des vorigen Tages gewitzigt, suchte ich mir in dem großen Kohlfelde hinter dem Regimentsgefechtsstand einen einsamen, vertrauenerweckenden Granattrichter aus, von dem ich mich jedesmal erst nach einer angemessenen Sicherheitspause wieder trennte. Während dieses Tages bekam ich die mir sehr nahegehende Nachricht vom Tode des Leutnants Brecht, der als Spähoffizier der Division in dem Trichterfeld rechts vom Nordhof den Heldentod gefunden hatte. Ich hatte Brecht stets als Vorbild und lebenden Beweis des Spruches: „Fortes fortuna adjuvat“ bewundert. Er war einer der wenigen, die infolge ihres unermüdlichen Draufgängertums sogar in diesem prosaischsten aller Kriege von einem romantischen Nimbus umgeben waren.
Die Morgenstunden des 26. wurden durch ein Trommelfeuer von außergewöhnlicher Heftigkeit ausgefüllt. Auch unsere Artillerie verdoppelte auf die von vorn hochsteigenden Sperrfeuersignale hin ihre Wut. Jedes kleine Waldstück und jede Hecke war mit Geschützen gespickt, hinter denen halbtaube Kanoniere ihres Amtes walteten.
Da zurückkommende Verwundete unklare und übertriebene Angaben über einen englischen Angriff machten, wurde ich mit meinen vier Mann um 11 Uhr nach vorn geschickt, um dort Genaueres zu erkunden. Unser Weg führte durch scharfes Feuer. Zahlreiche Verwundete begegneten uns, darunter Leutnant Spitz, Führer der zwölften Kompagnie, mit einem Kinnschuß. Schon vor K. T. K. kamen wir in gezieltes Maschinengewehrfeuer, ein Beweis, daß der Feind unsere Linien eingedrückt haben mußte. Dieser Verdacht wurde mir durch den Major Dietlein, Führer des III. Bataillons bestätigt. Ich fand den alten Herrn gerade beschäftigt, aus dem Eingange seines dreiviertel unter Wasser stehenden Betonklotzes zu kriechen, eifrig nach seiner in den Schlamm gefallenen Meerschaumspitze fischend. Wenn doch jeder Deutsche sich ohne Rücksicht auf Alter und Gesundheit so eingesetzt hätte.
Der Feind war in die vordere Linie eingedrungen und hatte einen Höhenrücken genommen, von dem er den wichtigen Paddebachgrund, in dem der K. T. K. lag, unter Feuer nehmen konnte. Nachdem ich diese Veränderung der Lage mit einigen Blaustiftstrichen in meine Karte eingetragen hatte, setzte ich mit meinen Leuten zu neuem Dauerlauf durch den Schlamm an. Wir sprangen im schnellsten Tempo über die eingesehene Fläche bis hinter die nächste Bodenwelle, von dort langsamer zum Nordhof. Rechts und links schlugen Granaten in den Sumpf und schleuderten riesige, von unzähligen kleineren umgebene Schlammberge in die Höhe. Der Nordhof lag unter nervenerschütterndem Brisanzfeuer und mußte sprungweise überwunden werden. Ein Schrapnell warf seine Kugelladung mit vielfachem Klatschen zwischen uns. Einer meiner Begleiter wurde am hinteren Stahlhelmrand getroffen und zu Boden geschleudert. Nachdem er eine Zeitlang betäubt gelegen hatte, raffte er sich hoch und lief weiter. Das Gelände um den Nordhof war von einer Menge furchtbar zugerichteter Leichen bedeckt. Nachdem wir noch glücklich den stark beschossenen Grund hinter der Straße Paschendale—Westroosebeke durchschritten hatten, konnte ich dem Regiments-Kommandeur Meldung erstatten.
Am nächsten Morgen wurde ich schon um 6 Uhr mit dem Auftrage, festzustellen, ob und wo das Regiment Anschluß hätte, nach vorn geschickt. Unterwegs traf ich den Feldwebel-Leutnant Ferchland, der der achten Kompagnie den Befehl überbringen mußte, auf Goudberg vorzugehen und, falls eine bestehen sollte, die Lücke zwischen uns und dem linken Nachbar-Regiment auszufüllen. Um meinen Auftrag so schnell wie möglich auszuführen, konnte ich nichts besseres tun, als mich anzuschließen. Wir fanden nach längerem Suchen den mir befreundeten Führer der achten Kompagnie, Leutnant Tebbe, in einem unwirtlichen Teile der Trichterlandschaft nahe dem Meldekopf. Er zeigte sich über den Auftrag, eine derartig auffällige Bewegung bei hellem Tage auszuführen, wenig erfreut. Wir steckten uns während unserer kargen, durch die unsägliche Nüchternheit des morgenbeschienenen Trichterfeldes bedrückten Konversation eine Zigarre an und warteten, bis sich die Kompagnie gesammelt hatte. Schon nach wenigen Schritten erhielten wir von den gegenüberliegenden Höhen gezieltes Infanteriefeuer und mußten einzeln von Trichter zu Trichter vorspringen. Beim Überschreiten des nächsten Hanges konzentrierte sich das Feuer so, daß Tebbe eine Trichterstellung beziehen ließ, um den Schutz der Nacht abzuwarten. Er ging, eine Zigarre rauchend, mit großer Kaltblütigkeit den ganzen Abschnitt ab, um seine Gruppen einzuteilen.
Ich beschloß, weiter vorzugehen, um die Größe der Lücke festzustellen und ruhte mich noch einen Augenblick in Tebbes Trichter aus. Schon begann die feindliche Artillerie zur Strafe für das kühne Vorgehen der Kompagnie sich auf den Geländestreifen einzuschießen. Ein auf den Rand unseres Zufluchtsortes wuchtendes Sprengstück, das Karte und Augen voll Lehm spritzte, mahnte mich zum Aufbruch. Ich verabschiedete mich von Tebbe und wünschte ihm viel Glück für die nächsten Stunden. Er rief hinter mir her: „Lieber Gott, laß Abend werden, Morgen wird’s von selber!“
Wir schritten vorsichtig durch den eingesehenen Paddebachgrund, uns hinter den Laubmassen umgeschossener Pappeln verbergend und ihre Stämme als Brücke benutzend. Ab und zu verschwand einer bis über die Hüften im Schlamm und wäre ohne die helfend hingestreckten Gewehrkolben der Kameraden unfehlbar ertrunken. Ich wählte als Marschrichtungspunkt eine Gruppe von Leuten, die einen Betonblock umstanden. Vor uns bewegte sich eine von vier Sanitätern geschleppte Bahre in derselben Richtung. Durch die Beobachtung, daß ein Verwundeter nach vorn geschleppt wurde, stutzig gemacht, sah ich durchs Glas und erblickte eine Reihe von khakifarbenen Gestalten mit flachen Stahlhelmen. In diesem Augenblick knallten auch schon die ersten Schüsse. Da Deckungnehmen unmöglich war, rannten wir zurück, während die Geschosse rings um uns in den Schlamm spritzten. Die Hetze durch den Morast war wahnsinnig anstrengend; doch als wir, völlig ausgepumpt, uns eine Weile den Engländern als Zielscheibe hinstellten, verlieh uns eine Gruppe Brisanz-Granaten wieder die alte Frische. Sie hatte immerhin das Gute, uns durch ihren Qualm der feindlichen Sicht zu entziehen. Das unangenehmste bei diesem Lauf war das Bewußtsein, durch eine Verwundung unfehlbar zur Moorleiche verwandelt zu werden. Blutige Rinnsale aus einzelnen Trichtern verrieten, daß hier schon mancher verschwunden war.
Zu Tode erschöpft, erreichten wir den Regiments-Gefechtsstand, wo ich meine Skizzen abgab und Bericht über die Lage erstattete.
Am 28. Oktober wurden wir wieder durch das bayerische Reserve-Regiment 10 abgelöst und, zu stetem Eingreifen bereit, in den Dörfern hinter der Front untergebracht. Der Stab zog nach Most.
Am Abend saßen wir schon wieder äußerst vergnügt im Zimmer einer verlassenen Schenke beim Wein und feierten die Beförderung und Verlobung des Leutnants Zürn, der gerade vom Urlaub zurückgekommen war. Zur Strafe für diesen Leichtsinn wurden wir am folgenden Morgen durch ein Riesentrommelfeuer geweckt, das trotz der Entfernung noch meine Fensterscheiben sprengte. Gleich darauf wurde alarmiert. Es ging das Gerücht, daß der Gegner bei der immer noch bestehenden Lücke links der Regimentsstellung eingedrungen wäre. Ich verbrachte den Tag, auf Befehle wartend, beim Beobachtungsstande des A. O. K., dessen Umgebung unter schwachem Streufeuer lag. Eine leichte Granate fuhr durch das Fenster eines Häuschens, aus dem drei ziegelmehlbestäubte verwundete Artilleristen hervorstürzten. Drei andere lagen als Leichen unter den Trümmern.
Am Morgen darauf bekam ich von dem bayerischen Kommandeur folgenden Gefechtsauftrag: „Durch abermaligen Vorstoß des Gegners ist die Stellung des linken Nachbarregiments noch mehr zurückgedrängt und die Lücke zwischen beiden Regimentern sehr vergrößert. Da Gefahr bestand, daß die Stellung des Regiments von links umgangen wurde, trat gestern abend das I. Bataillon des Füsilier-Regiments Nr. 73 zum Gegenstoß an, wurde aber anscheinend vom Sperrfeuer zerfledert und kam nicht an den Feind. Heute morgen wurde das II. Bataillon gegen die Lücke vorgeschickt. Nachricht ist bislang nicht eingetroffen. Es ist die Stellung des I. und II. Bataillons zu erkunden.“
Ich machte mich auf den Weg und begegnete schon beim Nordhof dem Hauptmann von Brixen, Kommandeur des II. Bataillons, der die Aufstellungsskizze bereits in der Tasche hatte. Ich zeichnete sie ab und hatte meinen Auftrag damit eigentlich erledigt, begab mich jedoch noch zum Betonblock des K. T. K. um einen persönlichen Überblick zu gewinnen. Auf dem Wege lag eine Menge frischer Leichen, deren blasse Gesichter aus wassergefüllten Trichtern starrten oder bereits so von Schlamm überzogen waren, daß man die menschliche Gestalt kaum erkennen konnte. Leider leuchtete von den Ärmeln der meisten das blaue Gibraltarband. Kampftruppen-Kommandeur war der bayerische Hauptmann Rademeyer. Dieser äußerst energische Offizier teilte mir ausführlich mit, was mir der Hauptmann von Brixen bereits hastig erzählt hatte. Unser II. Bataillon hatte große Verluste erlitten, u. a. waren der Bataillons-Adjutant und der Führer der braven siebenten Kompagnie gefallen. Das Schicksal des Adjutanten, Leutnants Lemière, war besonders tragisch, da sein Bruder erst im April dieses Jahres bei Fresnoy als Führer der achten Kompagnie den Tod gefunden hatte. Die beiden Brüder waren Liechtensteinsche Staatsangehörige, trotzdem aus Begeisterung für die deutsche Sache in die Armee eingetreten. Es ist nicht gut, zwei Söhne im selben Regiment in den Krieg zu schicken. Wir hatten im Offizierkorps vier Brüderpaare. Von diesen acht jungen Leuten fielen fünf, und zwei, darunter mein Bruder, brachten schwere Schäden mit nach Hause. Ich bin der einzige, der einigermaßen heil herausgekommen ist. Dies kleine Beispiel illustriert die Verluste des Füsilier-Regiments.
Der Hauptmann zeigte auf einen Betonblock 200 Meter vor dem unsrigen, der gestern besonders heldenhaft verteidigt war. Kurz nach dem Angriff sah der Kommandant der kleinen Feste, ein Feldwebel, einen Engländer, der drei Deutsche abtransportierte. Er schoß den Engländer heraus und verstärkte mit den drei Leuten seine Besatzung. Helden schien er dem Vaterlande freilich nicht erhalten zu haben. Als sie ihre Munition verschossen hatten, setzten sie einen gut verbundenen Engländer als friedliches Aushängeschild vor die Tür, konnten sich jedoch nach Einbruch der Dunkelheit noch unbemerkt zurückziehen.
Ein anderer Betonklotz, den ein Leutnant kommandierte, wurde durch einen englischen Offizier zur Ergebung aufgefordert; statt einer Antwort sprang der Deutsche heraus, packte den Engländer und zog ihn vor den Augen seiner verdutzten Leute hinein.
An diesem Tage sah ich das einzige Mal im Kriege kleine Trupps von Krankenträgern mit erhobenen Roten-Kreuzflaggen sich offen in der Zone des Infanteriefeuers bewegen, ohne daß ein Schuß gegen sie fiel. Solche Bilder zeigten sich dem Frontkämpfer in diesem unterirdischen Kriege nur, wenn die Not bis zur Unerträglichkeit gestiegen war. Trotzdem erfuhr ich später, daß verborgene englische Schützen einige unserer Krankenträger niedergeschossen hatten.
Viele Leser werden diese Tat für den Gipfel der Vertierung halten, und doch kann ich mir erklären, daß schwache Naturen dem atavistischen Triebe, zu vernichten, erliegen, der den einödgewohnten Grabenkämpfer packt, wenn drüben Menschen erscheinen. Ich habe ihn selbst nur zu oft empfunden.
Mein Rückweg wurde durch unangenehmes, nach faulen Äpfeln riechendes Reizgas englischer Granaten, das sich im Boden festgesogen hatte und die Augen tränen machte, erschwert. Gleich darauf sollte ich einen schmerzlicheren Grund zum Vergießen von Tränen bekommen. Nachdem ich im Gefechtsstande meine Meldung erstattet hatte, begegnete ich kurz vorm Verbandsplatze Kalve den Bahren zweier befreundeter, schwer verwundeter Offiziere. Der eine war Leutnant Zürn, den wir zwei Abende zuvor in fröhlichem Kreise gefeiert hatten. Jetzt lag er, halb entkleidet, mit jener wachsgelben Gesichtsfarbe, die ein sicheres Vorzeichen des Todes ist, auf einer losgerissenen Tür und sah mich mit stieren Augen an, als ich herantrat, um ihm die Hand zu drücken. Dem anderen, Leutnant Haverkamp, waren Arm- und Beinknochen durch Granatsplitter so zerschmettert, daß eine Amputation sehr wahrscheinlich war. Er lag totenblaß mit in Fatalismus versteinerten Zügen auf seiner Bahre und rauchte eine Zigarette.
Wir hatten in diesen Tagen wieder erschreckende Verluste an jungen Offizieren aufzuweisen. Jedesmal, wenn ich heute das abfällige Urteil der Masse über den Kriegsleutnant höre, muß ich an diese Männer denken, die den alten Preußengeist von Pflicht und Ehre, den Geist von Kolin, hinaustrugen in Blut und Schlamm, aufrecht bis zum bitteren Ende.
Am 3. November wurden wir in dem uns von den ersten Flanderntagen her wohlbekannten Bahnhof Gits verladen. Wir konstatierten, daß die beiden Fläminnen nicht mehr die alte Frische zeigten. Auch sie schienen inzwischen manchen Groß-Kampftag erlebt zu haben.
Wir kamen für einige Tage nach Tourcoing, einer ansehnlichen Schwesterstadt von Lille, in Ruhe. Das erste und letzte Mal im Kriege schlief hier jeder Mann der siebenten Kompagnie in einem Federbett. Ich bewohnte ein prachtvoll eingerichtetes Zimmer im Hause eines Industriebarons in der Rue de Lille. Mit unsäglichem Behagen genoß ich den ersten Abend in einem Klubsessel vorm Feuer des unvermeidlichen Marmorkamins.
Die wenigen Tage wurden von allen benutzt, sich des hart errungenen Daseins zu freuen. Noch konnte man es kaum fassen, daß man dem Tode entronnen war. Man fühlte den Zwang, sich des Lebens zu vergewissern, es in all’ seinen Formen zu genießen.