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Herrn de Charreards deutsche Kinder

15. Kapitel.

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So ganz schnell ging es mit dem Heimreiten nun freilich nicht. Es rann noch mancher Tag dahin, und der Frühling nahte sich schon. Die Brandenburger zogen freilich bald ab, aber der Oberst gab Nikolaus die Freiheit zu bleiben, und der blieb, bis Anthoine de Charreard soweit hergestellt war, daß man keine Gefahr mehr zu fürchten brauchte.

Dann ritt eines Tages Nikolaus Rabe heimwärts, in seinen Schutz gestellt war Louison de St. Laurent. Sie sollte bald heimkehren, wollten Bruder und Freund; und ihre Sehnsucht flog in das stille Tal.

Beim Abschiednehmen war es, da fiel dem Nikolaus noch rechtzeitig der kleinen Prinzessin Elisabeth Marie Brieflein ein. Das hatte eine lange Reise gemacht, Nikolaus hatte es mit in den Türkenkrieg genommen und es in all dem wilden Wesen, über Wiederfinden und Heimkehrfreude, beinahe vergessen. Jetzo kam es nun doch an den, an den es gerichtet war. Ein Hilferuf war es an den Jugendfreund, sie zu schützen vor der Ehe mit dem verhaßten Vetter, dem Herzog Wilhelm Ernst zu Weimar.

Anthoine war tief betroffen, dies flehende Kinderbriefchen, ungelenk geschrieben, enthüllte ihm die treue Liebe des armen verwaisten Fürstenkindes. Was war aus dem Prinzeßchen geworden, trug es schon die Brautkrone?

»Ich schätze ja,« brummelte Nikolaus, »denn als ich fortzog, haben sie gemeint, die Eheberedung solle zum Herbst stattfinden, und am ersten November die Kopulation!«

Armes Prinzeßchen!

Der Junker Anthoine las den Brief wieder und wieder. Heimatluft strömte er aus, das bittende Brieflein gab ihm erst die rechte Erkenntnis, daß er sein bestes Glück nur in der Heimat finden würde. Es zog ihn in das Tal der Kindheit. Doch hatte er sich zu längerem Dienst verpflichtet und mußte bleiben. Herr Adrian Rudolph blieb auch, er wollte sich noch den Doktorhut erwerben, ehe er heimkehrte. So ritten denn Nikolaus und Louison allein der Heimat zu. Louison als Bursche, erst in einem Ort nahe der Heimat wollte sie sich wieder in eine sittsame Frau verwandeln. In der Verkleidung war sie sicherer.

Über dem stillen Leutratal hing noch einmal der Winter, er wollte noch seine Herrschaft zeigen. Weiß wieder Felder und Wiesen, weiß der Wald, träge rauschte das kleine Bächlein dahin, als an einem Tag um die Mittagsstunde zwei von unten her in das Leutratal einritten. Die junge Frau im Witwengewand, der Mann in kriegerischer Tracht. An einer Wegbiegung hielt Nikolaus sein Pferd an und brummte vergnügt vor sich hin: »Hier war's!«

»Ja, hier hast du uns gefunden. O guter, treuer Niklas du, nun hast du mich gar heimgeholt aus der wilden Welt!«

Die schlanke Frau drängte ihr Pferd an das des treuen Beschützers, und so ritten sie zusammen schweigend bergabwärts, sahen zuerst die Mühle im Grunde liegen und dann den Rabenhof. Ein blaues Wölkchen stieg aus dessen Schornstein zum schneeverhangenen Himmel empor.

»Die Frau kocht Mittag. Schätze, sie wird sich wundern über den Gast, der da ankommt. Aber vorerst bringe ich Euch heim, wir reiten leise vorbei,« sagte der Nikolaus.

In Louison quoll da eine große Angst empor vor dem Wiedersehen, dem Wiederfinden der Eltern. »Wir halten ein paar Schritte vorher und dann läßt du mich gehen, Niklas. Deine Frau darf auch nicht länger warten, und ich kann niemand, niemand vorher sehen.«

Nikolaus nickte. Er spürte Louisons Bangen nach, bangte er doch selbst, freilich, der blaue Rauch war verheißungsvoll, aber trotzdem –.

Er half Louison vom Pferd. Die schritt rasch am Hause vorbei. Drinnen erhob sich lautes Rufen, denn ein Bursch, der der Frau half, hatte die ungewohnte Erscheinung erblickt. Er schrie das ganze Haus zusammen, selbst der Magister kam ein wenig mühsam an einem Stock dahergehumpelt, und als sie alle den bestürzten Burschen fragten, wissen wollten, was er gesehen hatte, stand plötzlich der Nikolaus vor der Tür.

Da war das Verwundern groß, der Bursche aber flüsterte der Magd zu: »Ein Gespenst ist vor dem Bauern hergegangen.«

Nun war dieser junge Hannes aber noch in einem Alter, in dem die Stimme mal hell und tief klingt und ihrem Besitzer wie ein wild gewordener Gaul ausbricht, dies geschah hier, und klatsch hatte der Bursche eine Maulschelle, so ein rechtes kräftiges Mitbringsel aus dem Türkenkriege war's. »Dummer Bube, unsere Frau Louison ist niemalen ein Gespenst.«

»Die – oh du lieber Gott!« Die Frau schlug die Hände zusammen und der Magister sah drein, als hätte der Nikolaus einen Sack voll Fremdwörter ausgepackt.

»Der Herr Oberst de St. Laurent ist im Türkenkriege gefallen, hab's mit meinen eigenen Augen gesehen,« knurrte Nikolaus, »und da verlangt es seiner Frau Witwe, heimzukehren. Na, was ist nun?« Patsch, war aller Klatsch von dem Kriegsmann totgetreten. Der aber nahm jetzt sein Weib in die Arme, sagte: »Freust dich nit? Und ist's ein Mädel oder ein Bube, was inzwischen angekommen ist?«

Es war ein Mädel, und freuen tat sich die Frau so recht, als sie begriff, der Mann wollte dableiben, daß sie laut weinte. Und danach besann sie sich und rief: Es gäbe leider, ach leider nur Klöße.

»Ist gut. Meinst du, die vermaledeiten Türken haben uns viel Zeit zum Klößekochen gelassen? Frau, Frau, nun bleib ich daheim, nun zieh ich nimmer aus. Schockschwerenot, mein Wort darauf!«

Während in dem kleinen Bauernhaus die Freude laut und kräftig ihre Stimme erhob, ging Louison de St. Laurent langsam dem Herrenhause zu. Sie sah es auftauchen im feinen Schneedunst, sah auch ein kleines Rauchwölkchen dem Schornstein entquellen, sah alle Fenster entlang, hörte Hundegebell, und langsamer, immer langsamer wurde ihr Schritt.

Illustration from Herrn de Charreards deutsche Kinder: Die Geschichte einer Familie

Lauter schlugen die beiden Hofhunde an. Da tat sich die Türe auf und ein ganz verhutzeltes, altes Weiblein steckte den Kopf heraus und sah da langsam eine den steilen Berg hinanschreiten – eine fremde Frau! –

Die alte Röse hatte schwache Augen bekommen, aber eine Charreard erkannte sie doch noch, und auf einmal kam ihr die Jugendschnelle in die alten Füße zurück. Sie rannte den Berg hinab und keuchte: »Louison, oh du mein grundgütiger Heiland, es ist unsere Louison!«

Und der Freudenton, den die alte Röse anschlug, der klang durch das ganze Haus. Da hielt Frau Sophia Christine ihr heimgekehrtes Kind umschlungen und Herr Anthoine de Charreard, der längst kein feiner, müder Hofherr mehr war, sondern ein stattlicher, luftgebräunter Landmann, nahm die zierliche Frau und die zarte Tochter gleich beide in seine Arme. Er sah auch das Witwenkleid der Tochter mit der Mutter zugleich und beider Augen fragten: »Der Oberst de St. Laurent ist tot?« Weil Louison nicht die Schwere seiner Schuld wußte, klang ihre Stimme mild, sie dachte versöhnt an den Toten.

Und Anthoine, wo blieb der Sohn?

Louison erzählte, und in Frau Sophia Christines Herzen begann sacht die Freudenglocke zu schwingen.

Ein Kind heimgekehrt aus dem Weltgetriebe. Eins hatte die Heimat wiedergefunden, und des Sohnes Seele suchte sie.

Es war etwas wie im Evangelium des verlorenen Sohnes. Louisons Heimkehr war ein Fest, und als Jeannette nach drei Tagen kam, erregte ihr Besuch nur die stille immer gleiche Freude. Doch Jeannette von Dracksdorf spürte keine Eifersucht, ihre Freude jauchzte laut durch das Haus, und zum erstenmal in seiner Ehe wurde Heinrich Wilhelm ein wenig in den Winkel gestellt. Freilich um dann vorgeholt und ganz glänzend herausgestrichen zu werden vor der Schwester. –

Es dachte niemand daran, Louison de St. Laurent ob ihrer Flucht aus des Gatten Haus in Verhaft zu nehmen, und die Leute im Tal bürdeten der schönen Tochter der Charreards keine Schuld auf. Über das Tal hinaus aber ging Louisons Wünschen nicht. Nur als sie in Begleitung der Eltern dem alten Amtsschossen Rudolph auf der Leuchtenburg einen Besuch abstattete, um selbst Grüße und Botschaft Adrians zu überbringen, dachte sie mit einem leisen Schwingen ihrer jungen Seele: es müßte sich gut hausen auf der Burg.

Ein Jahr glitt dahin in stillem Frieden. Als es zum zweitenmal Frühling wurde, fuhr eines Tages eine in das Tor von Pösen ein, die nicht in das strenge Urteil der Hofgesellschaft über Louison de St. Laurent einstimmte. Es war die kleine Prinzessin Elisabeth Marie. Da saß die, um derentwillen Louison einst das Elternhaus hatte verlassen müssen, und schüttete vor der älteren Freundin ihres Herzens großes Leid aus. Die arme, kleine Prinzessin war so unglücklich wie es Louison einst gewesen.

Wer konnte helfen? Anthoine? Der war noch immer fern, und einer Schwester zu helfen ist leichter als einer Prinzessin.

Elisabeth reiste ab, getröstet und doch leidbeschwert. Anthoine blieb noch immer fern. Doch als die Linden blühten, ritten wieder zwei Heimkehrer durch das Leutratal, sie kamen von der Leuchtenburg, der ersten Rast in der Heimat. Der eine hatte sich noch in Wien den Doktorhut errungen, der andere war des Krieges müde und er trug schwer an dem Grausen, das er gesehen hatte.

Als sie beide am Rabenhaus anlangten, stand Nikolaus vor der Türe; breitbeinig, wohlhäbig, er hatte den Kriegsmann nun ganz in die Tiefe versenkt, war nur noch Familienvater und Bauer. Er erhob seine Stimme laut, als er die beiden sah. Wie Siegesruf klang es durch das stille Tal, und der Magister Albertinus, der im Hausgärtchen seinen Mittagsschlummer hielt, schrak zusammen. Aber bald verstand er das Freudenrufen und er kam so schnell er konnte herbei. Sein gutes, altes Gesicht strahlte. Anthoine war heimgekehrt, der, an dem sein Herz wie an einend Sohne hing.

»Der Herr Magister!« Anthoine sprang vom Pferd und begrüßte den alten Lehrer ehrfurchtsvoll, und der sagte still: »Nun kann mich der Herr zu sich nehmen, nun ich dich – Euch –«

»Aber Magister, lieber, guter Herr Magister!«

»Dich gesehen habe.« Und dann drehte sich der Alte zu seinem treuen Hauswirt um und sagte strafend: »Hör' nur, Nikolaus, der Anton kommt heim und bringt kein verwelschtes Maul mit, wie du es alleweil getan hast.«

»Parbleu – jemine, na ja Dunderwetter, ich gewöhn's mir ja noch ab.«

»Und wie geht's in Pösen?« Den beiden Freunden waren in diesem Augenblick alle Fremdwörter gleich, sie strebten dem Herrenhause zu, sie mußten aber langsam reiten, denn der Magister ging mit. Nikolaus folgte auch, und so langten sie auf dem Gut an. Ganz eingehüllt in Lindenduft war es, war sommerschön, war Heimat.

Beide Kinder wieder unversehrt zurück aus dem Weltgetriebe. –

Voller tönte die Freudenglocke in Sophia Christines Herzen.

Freilich, sie sah das Leid in des Sohnes Augen stehen, das war nicht mehr ihr Anthoine, wie er einst ausgezogen war. Lebenswund kam er heim, er war zu lange im Wirrsal der Welt gewesen.

Ein paar Wochen später führte Adrian Louison de St. Laurent als Ehefrau heim. Eine stille Hochzeit nur wurde in dem alten Gutshause gefeiert. Es herbstete schon, als die drei Geschwister, nun endlich einmal wieder vereint, mit Heinrich Wilhelm und Adrian unter den Linden dahin gingen. Die Eltern, der Amtsschosse Rudolph und der Magister folgten langsamer. Es fielen Blätter wie Gold auf die Häupter der Jugendfreunde nieder.

Die redeten von vergangenen Tagen und Heinrich Wilhelm erzählte dabei von dem unglücklichen, liebeleeren Leben der kleinen Prinzessin, da sagte Anthoine schlicht: »Ich sah sie vorige Woche, nun hat sie wenigstens einen Freund in der Nähe.«

»Für immer nahe?« fragte der Schwager, der noch an Anthoines Daheimbleiben zweifelte.

»Für immer,« antwortete der junge Anthoine. »Ich habe viel von der Welt gesehen und keine Heimat gefunden, die dieser gleichen könnte!«

Und hinter ihnen sagte eben Herr Anthoine de Charreard zu seiner Frau Sophia Christine: »Heute kannst du es machen wie damals bei unserem Einzug, als du die Küchlein schirmtest.«

»Wenn sie doch alle blieben,« antwortete die Frau, die ihren ältesten Enkelsohn an der Hand führte. »Sie gehen und kommen, aber ich weiß es, die Heimat ruht ihnen im Herzen, unsere Kinder finden immer zurück, du lieber Mann.«

Und Herr Anthoine de Charreard dachte nicht mehr an das Schloß an der Loire; in dem festgefügten Haus im stillen Tal lebte sein Glück.

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