12. Kapitel.
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In Pösen war es recht still.
Das junge Jeannettchen ging einher mit leidbeschwertem Gemüt. Der Bruder, an dem seine Seele hing, war fortgezogen und mit ihm der Freund. Die Schwester, die nach des Herzogs Begräbnis acht Tage in Pösen weilte, war so fremd, ach so fremd der Heimat geworden. Und die Eltern waren bedrückt. Sehr still zogen die Tage einher, wie Schiffe, die bei windlosem Wetter träge dahingleiten.
Jeannettchen tat ihre Arbeit im Hause und hatte keine Freude daran. Sie ging auch zu dem Magister Albertinus, den seine Hausfrau einen rechten Trostengel nannte. Ein wunderlicher Engel, man mußte schon seines Wesens milde Güte erkennen, um den dünnbeinigen hageren Mann just einen Engel zu nennen. Jeannette de Charreard saß in den Stunden, die sie bei ihm zubrachte, verträumt da und selbst der gute Magister, der so freundlich in jeglichem Urteil war, konnte ihr keinen besonderen Fleiß nachrühmen.
Einmal – die Sommerfäden spannen sich schon silbern von Ast zu Ast, ruhten auf den Wiesen und wehten Jeannette ins Gesicht, wenn sie zum Rabenhofe ging – fragte der Magister:
»Und wo hat die Jungfer die Gedanken gelassen?«
Da legte Jeannettchen den Kopf auf den mit Tintenflecken nicht sehr säuberlich gezierten Tisch und schluchzte laut. Ihr Herzeleid brauchte Tränen.
»Steht es so!« Der Magister nahm einen Bogen, tunkte den Gänsekiel in die schwarze Flüssigkeit und begann Linie um Linie zu ziehen. Dann tippte er das weinende Mädchen sacht an und forderte sie auf, seiner Linien krauses Gewirr zu schauen. »Da seht, Jungfer Johanne, hier sind wir, nun wandern wir am Leutrabach entlang, kommen an den Saalefluß, so, da drehen wir uns um, ziehen gen Franken, erst westwärts, dann nordwärts, und da, meine kleine Jungfer, ist eine Stadt in Geldern, am Waalefluß gelegen, Nymwegen wird sie genannt; dorten sitzen itzt viele hochweise Herren und beraten über den Frieden. Bald ist's aus mit dem Krieg, dann kommen die Junker und dieser Querkopf, dieser ganz törichte Feuerbrand, so sich Nikolaus Rabe benennet, heim. Sie werden sicher dem Herrn Kurfürsten von Brandenburg nicht weiter dienen. Und alles Leid hat dann ein Ende!«
»Wenn – wenn sie nun aber doch nicht Frieden schließen?«
»Wenn – wenn, liebwerteste Jungfer Bedenklichkeit, – wenn der Fisch Beine hätte, könnte er laufen, man muß nicht zu oft ›wenn‹ im Leben fragen.«
Jeannettchen wurde froh bei dieser Strafrede. Ihr Blick lief noch einmal den krausen Linien nach, ihre Gedanken überflogen die Weite zwischen Land und Land und sie dankte getröstet dem alten Magister. Ja, sobald Friede war, würden sie heimkommen. Der Brandenburger würde sie gar nicht mehr brauchen.
Doch ein hochgelehrter Herr Magister und eine junge Jungfrau zusammen können in Kriegsdingen irren. Die Ausgezogenen kamen nicht heim. Erst schloß der König Ludwig mit den Staaten, dann mit Spanien und als der Frühling nahte, mit Österreich Frieden, aber die drei Freunde und der alte Kriegsmann hatten es nun einmal vor, noch gegen die Türken zu ziehen, und sie tummelten sich weiter in der Fremde herum.
Der Tag ihres Auszuges jährte sich zum zweiten Male und in Pösen dachte man an die Hochzeit der schönen Louison mit dem Herrn de St. Laurent. Der Oberst war aus Frankreich zurückgekehrt, um seine junge Frau zu holen. In Straßburg, das deutsche Schwäche und Verrat an Frankreich ausgeliefert hatten, war sein Quartier bisher gewesen; nun sollte es Paris werden. Er umnebelte Louisons klares Denken so mit seinen wunderreichen Erzählungen von seines Heimatlandes Größe, daß das junge Ding meinte, es ginge durch diese Heirat schier in das Paradies. Die Hochzeit sollte in Stille und Einfachheit gefeiert werden. Die Herzogin lebte seit dem Tode ihres Gemahls in bedrückten Verhältnissen, wollte aber doch nicht darauf verzichten, die Hochzeit selbst auszurichten. Sie gestattete den Eltern nur gnädig, all das zu liefern, was in der herzoglichen Küche fehlte, und Sophia Christine sah eines Tages wehmütig die Vorratskammern durch, schrieb auf, was da war, und dachte trübe an des jungen Anthoines Taufe. Jetzt brauchte sie nicht mehr nach der Bäuerinnen Hilfe auszuschauen, knapp ging es zwar zu, doch reichte es immer, aber es schien ihr doch, als wäre ihr Glück damals größer gewesen. Ihre sorgenden Gedanken hingen sich an ein fürstliches Handschreiben, das vor kurzem der Bote gebracht hatte. Ihr Mann hatte es erbrochen, gelesen und war dann schweigend den Hausberg hinaufgegangen. Nun wußte sie, es war Schweres, was er erfahren hatte, und sie wartete lange auf sein Zurückkommen und seinen Bericht.
Jeannettchen hatte nichts von dieser aufziehenden Wolkenwand bemerkt. Die schritt am Leutrabach hin und ihre Gedanken umspannen Geschwister und Freunde, während sie sich von einem lauen Sommerwind umwehen ließ. In der Mühle war das elfte Kind geboren worden und Jeannettchen trug eine Gabe für die Frau im Korb. Die gab sie ab, sprach mit dem Müller, dessen Gesicht bei jedem Büblein oder Mädelchen, das in der buntbemalten Wiege lag, um ein Scheinchen heller wurde, dann rüstete sie sich zum Gehen. Bis zum Waldrand schritt sie noch, tiefer hinein wagte sie sich nie, obgleich man nie mehr ein Schauermärlein hörte, das im stillen Tal den Frieden gestört hätte.
Und wie Jeannettchen so unter einer der großen Tannen saß, vernahm sie auf einmal Pferdegetrappel. Wie damals, als Nikolaus Rabe heimkehrte. Sie blieb aber ruhig sitzen, dachte, es wird ein Bote von der Leuchtenburg sein, drüben lag ja die Mühle, die klapperte, der Bach lärmte, es herrschte nicht jene verwunschene Stille im Tal wie damals. Das Trappeln kam näher, und dann sprang Jeannettchen doch erschrocken auf, als sie von der Seite einen Reiter daherkommen sah, dem man das Kriegswesen ansah. Aber der Schreck war nur kurz. Die Augen des Mannes blickten froh, das rote Gesicht erstrahlte und Jeannettchen rief jubelnd des Jugendfreundes Namen: »Heinrich Wilhelm, Ihr!«
»Eia ja, da bin ich,« antwortete der behaglich. »Mademoiselle Jeannette hat mich beim Teufel rekonnässiert.«
Jeannettchen hörte an dem fremden Ton vorbei, ein Schatten flog über ihr Gesicht: »Allein?« fragte sie mit verhaltener Sorge.
Der Junker von Dracksdorf sprang von seinem Pferde, schlang die Zügel um die Tanne und warf sich ins Gras; da setzte sich Jeannettchen wieder auf den bemoosten Stein und bat: »Erzählt.«
»Was gibt's da viel zu reportieren. Unser Oberst wollt' uns nicht loslassen, bei Trier liegt unser Fähnlein. Der Hauptmann meint, es ginge in Bälde gegen den König Ludwig und seine verdammten Reunionskammern los oder gegen den Türken, und der Anthoine sagt: So oder so, ihm wär's gleich. Ich bin persuadiert, er wird mal ein großer Kriegsmann, Euer Monsieur Bruder, so ein Draufgänger ist er. Der Adrian tut's ihm sachter nach, der Niklas ist aber wild darauf, gegen Franzosen oder Türken sein Pulver zu verschießen. Ich wär' wohl auch noch nicht heimgekommen und hätte meinen Abschied genommen, wenn der Herr Vormund nicht geschrieben hätte, es wäre nun Zeit, meine Güter zu übernehmen und eine Hausfrau heimzuführen.«
Hier tat der Junker von Dracksdorf einen erschrecklichen Seufzer und Jeannettchen wurde blutrot und wurde gleich wieder blaß, denn der Mann da neben ihr fing an zu erzählen, er wäre in Jena gewesen und hätte da Louison gesehen. »Zum Henker,« knurrte er, »die hätte mir besser als Madame de Dracksdorf gefallen als –«

»Wir wollen heimgehen!« Jeannettchen stand rasch auf, sie merkte es gar nicht, daß ihr ein paar helle Tränen über die rosigen Wangen liefen, so tief war ihr Herzeleid in diesem Augenblick. Aber der Junker von Dracksdorf, der schon mal in der Einfalt seines Gemütes einen Baum umrennen konnte, sah doch die Tränen, und er machte sich auch das rechte Verslein dazu. O lieber Himmel, da war ihm im stillen Tal die Blume Wunderhold erblüht, die er so himmelgern in Jena gepflückt hätte. »Ja,« sagte er und wurde in seiner Verlegenheit feierlich, »es ist wohl Zeit, den gnädigen Eltern der Mademoiselle meine Komplimente zu Füßen zu legen, ich bin persuadiert, sie werden meinen Rapport mit Ungeduld attendieren.«
In all ihrem Herzeleid mußte Jeannettchen lachen. Sie knixte tief und sagte mit der anmutigen Schelmerei, die ihr Muttererbe war: »Und ich bin persuadiert, den Herrn Magister trifft der Schlagfluß, so er des Herrn Junkers verwelschtes Gerede vernimmt.«
Potz Blitz, war das das stille, schüchterne Jeannettchen?
Der Junker riß Mund und Augen auf, war so verdutzt, daß er die lachende Jungfer erst davonlaufen ließ und ihr dann nach ein paar Minuten eilfertig und ziemlich beschämt nachrannte. Ihm war nämlich der Gedanke gekommen, daß die Tränlein vorhin der Schwester Heirat und nicht ihm gegolten hatten, und er schämte sich seiner Einbildung gewaltig. »Mademoiselle Jeannette,« stammelte er, als er die Enteilende eingeholt hatte, »wenn man sich um die Nase den Weltwind hat eine Weile soufflieren –«
»Redet deutsch, Junker von Dracksdorf,« unterbrach ihn Jeannettchen, »der Weltwind wird Euch hoffentlich nicht Eure guten deutschen Worte alle davongetragen haben. Und da kommt der Magister!«
Wirklich kam Magister Albertinus den beiden entgegen. Erst staunte er, dann erschrak er und dann schalt er, denn der Junker vergaß zu schnell Jeannettchens Mahnung, er rief: »Ich kann nur Gutes rapportieren von dem Sukzeß und der Honneur des –«
»Gutes was?« Der Magister sah den Junker an wie einen, der vom Mond gefallen ist, und Jeannettchen lachte dazu. Lachte die beiden verdutzten Männer aus, bis der aus der Welt Heimgekommene merkte, im stillen Leutratal redete man unverwelschtes Deutsch, und dem Magister ein Lichtlein aufging, daß draußen die Torheit, die deutsche Sprache mit fremden Flicken zu behängen, noch fortwucherte. »Na, Junker von Dracksdorf, wenn Ihr schon so redet, was werden erst die andern für verwelschte Mäuler haben,« brummte er. »Na, aber, ich gewöhn's ihnen ab.«
»Zum Teufel ja, und tausend Schuß will ich wetten, ich gewöhn's mir auch wieder ab,« antwortete Junker Heinrich Wilhelm. Da war der Friedensschluß fertig ohne so lange Verhandlungen wie in der Stadt Nymwegen. Die Raben-Bäuerin bekam Grüße, ein flandrisches Tuch und ein paar Dukaten von ihrem wanderlustigen Mann. Darüber weinte sie still und ging ins Haus, denn der Mann wäre ihr lieber gewesen als Tand und Gold.
Jeannettchen drängte zum Heimgehen. Der Magister schloß sich an. Als die drei am Hause anlangten, sahen sie Herrn de Charreard und seine Frau unter der Linde sitzen, und es war wohl zu merken, sie redeten von einer gemeinsamen Sorge.
»Herr Vater, Frau Mutter, Nachricht vom Bruder!« rief Jeannettchen. Sie lief mit so leichtfüßiger Anmut vor dem etwas schwerfälligen Junker einher, daß der über dem Bewundern beinahe den Willkommengruß vergaß. Und dann machten ihn des Jeannettchens strahlende Augen ganz verwirrt, und er kauderwelschte verlegen, er schätze es für einen heureusen Augenblick, selbst den agreablen Rapport von des Freundes Santé geben zu können, der –
Da vergaß der gute Magister alle höfliche Form, brummte unwirsch, dieses wär nun seiner Meinung nach ein saudummes Gewäsch; es hörte aber niemand auf sein Schelten. Endlich lief er zornig davon.
Der arme Junker geriet durch Jeannettchens Lachen wieder in eine sehr unangenehme Beklemmung, und er suchte sich herauszuhelfen durch Grüße, die er aus Jena brachte. Da trübten sich aber die eben noch so hellen Gesichter der Charreards. Jeannettchen kamen aus unbewußter Eifersucht heraus Tränen. Frau Sophia Christine aber rief schmerzlich: »Ach, die Frau Herzogin will uns gar kein Kind lassen, nun soll auch noch unser Jeannettchen als Hofjungfer nach Weimar kommen.«
»Ich – Frau Mutter, ich – Hofjungfer!«
Wäre das ganze stattliche Wohnhaus just in dem Augenblick zusammengepurzelt, das Jeannettchen hätte nicht entsetzter dreinschauen können. Und dann brach der Schmerz des guten Kindes so jäh hervor, wie der kleine Bach unten es tat, wenn Tauwind über die Berge raste. Jeannettchen sank vor ihrer Mutter nieder und in deren Herzen klang das Leid ihres Kindes schmerzlich wieder. Und sie konnte doch nicht helfen.
Der Junker von Dracksdorf schaute auf das weinende Mädchen und alle Gedanken an Louison vergingen ihm, nur an Jeannettchen dachte er, und wie er wohl helfen könnte. Weil er nun wohl etwas schwerfällig war, es ihm aber keineswegs an hellem Verstande mangelte, überlegte er bedachtsam allerlei Wege zur Hilfe und Rettung des bedrängten Kindes. Flucht war abenteuerlich, aber bei einer Heirat, wenn sie just beschlossen war, würde man in Weimar von der Forderung abstehen. Er räusperte sich laut, trat von einem Bein auf das andere und platzte etwas plötzlich heraus: »Ich habe die Intention, daß für das Fräulein der agreabelste Ausweg aus dieser fatalen Situation eine gute Mariage wäre, und da ich das Fräulein von Kindheit an adoriert habe, bin ich persuadiert, es – es – es –« Der Redefluß des guten Junkers stockte, aber Jeannette de Charreard hatte genug gehört, und sie hatte auch alle Fremdwörter fein richtig verstanden, nahm auch keinerlei Anstoß daran, sondern ihr Schluchzen wandelte sich sachte in ein heiteres, leises Lachen, sie stammelte fest an die Mutter gelehnt: »Wenn – wenn Er mich liebt, dann – dann –«
Von seiner großen Amour wollte der Junker gerade sprechen, da fuhr ihm das Wörtlein Liebe unversehens dazwischen und er sagte ganz einfach: »Ich liebe die Jungfer Jeannette, bei Gott, über alles in der Welt. Hab's just erst gemerkt, wie sehr sie mir ans Herz gewachsen ist. Man muß wohl in die Welt ziehen, um das Einfachste zu verstehen.«
In dem Herzen der Mutter sang und schwang wieder die große Feiertagsglocke. Die an ihrem Einzugstage zuerst getönt und allemal wieder ihre Stimme erhoben hatte, wenn ihr ein neugeborenes Kind im Arme lag. Ihre tränenfeuchten Augen suchten die des Mannes, und Herr Anthoine de Charreard beugte sich über seine Frau und sagte leise: »Wenn unser Jeannettchen wird wie du, dann kann der Junker von Dracksdorf diese Stunde segnen.«
Herr de Charreard schrieb an diesem Tage mit solcher Freude im Herzen an die Herzogin Marie, wie er es seit Jahren nicht getan hatte. Er durfte ihr eine wohlbegründete Absage geben, denn daß die künftige Frau von Dracksdorf nun noch eifrig im Hause lernen mußte, das verstand auch die Herzogin.
Jeannettchen war glückselig. Bei der Hochzeit ihrer Schwester Louison überstrahlte sie sogar die schönere Schwester im Glanz ihres jungen Glückes. Ein leiser Wiederschein davon ruhte auf dem Gesicht ihrer Mutter. Das Glück der Jüngeren ließ sie auch an das Glück der Älteren glauben, obgleich ein Widerwillen gegen deren Mann immer in ihr lebte. Übrigens sah niemand weniger strahlend aus als der Oberst de St. Laurent. Er hatte ein Bündel getäuschter Hoffnungen mitgebracht. Man war ihm als Hugenotten mit Mißtrauen begegnet, und er hatte wohl gesehen, daß die Hilfe, auf die die Hugenotten in Frankreich gerechnet hatten, ihnen nie von König Ludwig kommen würde.
Bald nach der Hochzeit verließ Louison die Heimat. Sie war nicht mehr in Pösen gewesen, das stille Tal lag wie ein Traumland hinter ihr, sie dachte nur an Paris, wohin ihre Reise ging. Der Oberst de St. Laurent hoffte dort durch einflußreiche Verwandte und Freunde eine glänzende Stellung zu erhalten. Ungern sah ihn die Herzogin scheiden, aber die Verhältnisse waren für sie sehr drückend geworden. Sie verlebte ihre Zeit viel auf ihrem Gute Porstendorf. Sie war müde geworden und kränkelte viel, hatte etwas die Lust verloren, mit dem Schicksal anderer Fangeball zu spielen. Freilich, ihre Umgebung hatte viel unter ihren bitterbösen Launen zu leiden.

Auch in Pösen sollte es noch stiller werden. Zwei Jahre nach Louisons Hochzeit wollte Heinrich Wilhelm von Dracksdorf sein Jeannettchen heimführen. Der junge Gutsherr hatte jegliche Lust zum Ausziehen in die Weite verloren, er hatte auch seine schönen Fremdwörter alle wieder vergessen, und der alte Magister Albertinus brauchte nicht mehr zu mahnen, die fremden Unkräutlein nicht zu schlimm wuchern zu lassen.
Anthoine de Charreard hatte sein Kommen zu der Schwester Hochzeit zugesagt. Wenige Wochen vorher war es, im September sollte die Hochzeit stattfinden, da ritt einer allein durch das Tal, der nun meinte, es wäre auch eine Heimkehr für immer. Es war der Nikolaus Rabe, der kam heim, weil ihm das Warten auf den Türkenkrieg draußen zu lang geworden war. Er hatte sich noch tüchtig in der Welt herumgetummelt und zuletzt seinem Junker nach Paris das Geleite gegeben, nachdem er seinen Abschied genommen hatte. Dort hatte der Junker Schwester und Schwager getroffen, und der Nikolaus Rabe konnte nur berichten, es gehe ihm gut.
Als der alte Kriegsmann vor seinem Bauernhof ein strammes Bübchen spielen sah und ein wenig ernst und bedrückt seine junge Frau still auf dem Felde werken fand, da stieg's ihm heiß zu Kopfe, und er hielt sich selbst, noch abseits vom Hause, eine tüchtige Standrede. Die lautete: Niklas, alter horndummer Mistesel du, konntest alleweil auch was Gescheiteres tun, als in der Welt herumzuziehen. Läßt Weib, Kind, Haus, Hof im Stich und bist weder richtig an die Franzosen, noch ein bißchen an die Türken herangekommen. Hol dich der Teufel, ein Stück Holz ist klüger als du. Und nach dieser feierlichen Ansprache an sein eigenes Ich betrat Nikolaus Rabe das Haus, das Bübchen war davongelaufen, und der Magister Albertinus war der erste, der dem Heimkehrenden entgegentrat.
»Kruzitürken,« schrie Nikolaus, »das nenne ich Fortune haben, von so einem gelehrten Monsieur an der Türe salviert zu werden!«
»Schafskopf,« schrie der alte Magister, »macht Er die gleiche Dummheit wie der Junker von Dracksdorf! Hat Er, weiß der Himmel, nichts anderes draußen gelernt als sein Maul mit welschen Brocken zu füllen? Jemine, so kommt er nun heim! Ein Querkopf zog aus, ein Strohkopf kehrt zurück!«
»Dunderwetter, das hat wohlgetan!« Der Nikolaus lachte über das ganze Gesicht. »Mehr, Herr Magister, mehr! Solche Sprüchlein tun wohl. Parbleu – wollte sagen Coup de Tonnär, ih niche doch, zum Teufel noch mal, ich hab's verdient. Und nune potz Blitz, wo sind Weib und Kind?«
Die kamen beide angerannt, erst erschrocken vor dem fremden, fluchenden Mann, dann hing ihm das junge Weib am Hals und rief: »Endlich, Niklas, endlich. Als du fortzogst, konnte der da noch niche recht reden und itze pappert er's Blaue vom Himmel runter.«
»Ja, und unser Jeannettchen war ein Kind, und in drei Wochen wird sie Frau von Dracksdorf,« redete der Magister besinnlich in den lauten Jubel der Frau hinein.
»Na, Gott sei Dank, denn die Louison ist Madame de St. Laurent und tut, als hätte sie in Paris ihren ersten Schrei getan. Dunderwetter, kaum angesehen hat sie mich. Und unsern Junker Anthoine haben sie eingesponnen wie eine arme Fliege.«
»Und der junge Herr Adrian?« fragte der Magister.
»Der ist nach Wien gezogen auf die hohe Schule, hat seinen Abschied genommen, weil's doch nichts mehr zu kämpfen gab. Akkurat nach Wien, ich persuadier –«
»Daß Ihm gleich sein Dach auf den Dämelkopf fällt!«
»Dunderwetter ja! Der Herr Magister kann's fluchen fast besser als der Herr von Hünefeld, und der hat arg gewettert, als wir so Woche um Woche gelegen haben und nix zu sehen kriegten vom Feind. Und hernach der vermaledeite Friede und jetzund der, den der arme Herr Kurfürst von Brandenburg hat unterschreiben müssen. Sie sollen ihm alle seine wohlverdiente Siegesbeute genommen haben, und ich habe die Opinion, daß –«
»Was hat Er noch? Glauben tut Er, und was glaubt Er?«
»Daß, daß – es der Herr Adrian mit den Wissenschaften hält,« stotterte Nikolaus, der durch des Magisters heftigen Anruf ganz aus der Fassung gekommen war. Er vergaß es, den Faden des Weltgeschehens weiterzuspinnen, war wieder im engen Tal der Heimat und hätte nun gern etwas von Haus und Hof gehört. Doch der Magister war damit nicht zufrieden, dessen Gedanken gingen dem Schicksal der drei Freunde nach. Er brummelte: »So, so, mit den Wissenschaften hält's der Junker Adrian. Alleweile, da hat er den besten Teil von allen dreien erwählt. Heirat und Kriegsdienst sind nicht viel wert, die Wissenschaften sind am besten.«
Aber da redete die Frau flink hinein, die bis dahin geschwiegen hatte. »Das meine ich nun eben niche. Der Junker von Dracksdorf, der unser Jeannettchen bekommt, der kann lachen. Der Herr Magister sind zwar ein hochgelehrter Herr, aber vom heiligen Ehestand versteht er doch kein linschen.«
»Potz Blitz, Frau, das war recht gesprochen, und eine gute Mariage –«
»Ja potz Blitz, den heiligen Ehestand in Ehren, aber in deutschen Ehren für uns, Er verwelschter Dummkopf,« schrie der Magister. »Und nun kommt, wir gehen und melden, daß der Junker Anton zur Hochzeit kommt, so ist es doch richtig?«
»Ich meine halt, nein,« murmelte Nikolaus. »Er kommt nit, hat in der großen Stadt Paris unser stilles Tal vergessen!« –