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Herrn de Charreards deutsche Kinder

10. Kapitel.

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Beim Abschied von Pösen hatte die Herzogin Marie ein Wort gesagt, das Frau Sophia Christine nicht mehr aus dem sorgenden Sinn kam. Das Wort: »Wenn der Junker Anthoine größer ist, hole ich ihn mir, freilich, er muß noch etwas französische Politesse annehmen, mein lieber Monsieur de Charreard muß ihn für mich erziehen.«

Sophia Christine ahnte, ihrer Kinder bestes Glück ruhte in der Heimat, das Draußen würde sie friedlos und zwiespältig machen, wie es die kleine Louison schon war und noch mehr werden würde. Und seitdem kämpfte sie um das In-der-Heimat-Bleiben ihrer Kinder. Sie kämpfte mit Liebe und Zärtlichkeit, mit sanfter Strenge, sie kämpfte so treu und fest, wie dies nur eine Mutter tun kann.

Herr de Charreard merkte nichts von diesem stillen zähen Kampf seiner Frau um das innere Wesen ihrer Kinder. Er hatte reichliche Arbeit; Sorgen gesellten sich dazu. Den Besuch der Herzogin hatte er in böser Erinnerung. Ein paarmal ertappte er sich darauf, daß er der frischen Anmut Jeannettchens den Vorzug gab vor Louisons steifer Geziertheit. Er sagte sich dann freilich jedesmal, daß er der armen Louison Unrecht tue, und wenn er, was selten genug geschah, sie in Jena besuchte, war er gütig gegen die Kleine. Sonst freute er sich selbst jedesmal, wenn er von einem Hofritt heimkehrte und im Grunde das große feste Haus liegen sah.

Ein Jahr ging hin, Louison kam nicht heim, noch eins und noch eins, da ritt Herr Anthoine de Charreard eines Tages mit gefurchter Stirn von Jena zurück. Im Mantelsack brachte er als Basenerbe für seine Frau die zwei Silberleuchter mit, aber er hätte die und auch gern sein ganzes bescheidenes Schätzlein dazu gegeben, wenn er seiner Frau nicht die Botschaft der Herzogin hätte sagen müssen, daß diese den Junker Anthoine zum Pagen verlangte.

An diesem Tage ging gerade Frau Sophia Christine ihrem Gatten bis an die Linden entgegen, denn sie blühten wie am Tage des Einzugs. Die Frau ahnte etwas von dem Kummer, den ihr Mann heimbringen würde, und wie sie auf einer Grasbank unter den Linden saß, gesellte sich der Bauer Nikolaus Rabe zu ihr. Seit der alte Magister in seinem Hause wohnte, war die Freundschaft zwischen Rabenhof und Herrenhaus gewachsen, denn auch Herr de Charreard hatte längst seinen Groll gegen den Magister begraben. Der alte Mann, gutmütig und duldsam, trug dem Gutsherrn seine rasche Härte längst nicht mehr nach. Und der Bauer, der so viel in der Welt herumgetrieben worden war, geriet oft in ein sinnierliches Nachdenken über der Menschen wunderlich Tun und Wesen. Sophia Christine unterhielt sich gern mit ihm. Und als er jetzt kam, nicht mit Worten fragte, sondern seine hellen Augen forschen ließ, gab ihm die Gutsfrau Antwort und legte ihre Sorge vor ihn hin wie ein dunkles Tuch.

»Ob dahin oder dorthin, einmal wird der Junker schon hinaus müssen,« sagte der Bauer. »Dunderschlag ja, ein feiner Junker ist er, und den Wind muß er sich doch mal um die Nase wehen lassen. Schätze aber, unsern Junker drehen sie nit um und um wie das kleine Fräulein Louison.« Allemal, wenn Nikolaus diesen Namen nannte, kam ein weiches Tönen in seine rauhe Stimme. Louison blieb seines Herzens Liebling.

»Ja, es ist wohl gut, wenn er hinauskommt, aber –«

»An welchen Hof er kommt, ist gleich, schätze ich.« Der Bauer sah die Frau treuherzig an. »Viel Gutes ist wohl da und dort nicht zu lernen, aber der Junker hat's in sich, das Feste, das Treue, der fällt nit um.«

»Und es zieht ihn hinaus,« murmelte seine Mutter.

Es zog den jungen Anthoine freilich hinaus. Wie sehr, ahnte seine Mutter nicht einmal, die schaute nach dem letzten Wort versonnen über sich in die breitgedehnten blühenden Kronen, und über dem Summen und Schwirren darin überhörte sie das rasche leise Schreiten junger Füße, bis wie ein Quell ein Lachen hinter ihr aufsprang. Anthoine und Jeannettchen standen da und sie riefen froh des gelungenen Überfalls: »Wir haben die Frau Mutter überrascht.«

»Ich erwarte den Vater, um diese Zeit kommt er ja meist heim.«

»Der Herr Magister sagt, es wäre die schönste Zeit zum Heimkommen, wenn noch die Sonne schiene und schon der Abend seine Schwingen auszubreiten beginne.« Jeannettchens Stimme war weich wie der Abendwind.

»Der Herr Magister ist, denk ich mir, ein Dichter,« brummelte Nikolaus. »Er sagt manchmal was, das ich halt nit verstehe, ganz wunderlich klingt's.«

»Mit dem Heimkommen hat er recht. Ich komme auch einmal um diese Zeit heim, wenn ich erst draußen in der Fremde gewesen bin. Gelle, Frau Mutter, und Ihr wartet dann auch hier auf mich?«

»Möchtest du so gern in die Welt hinaus?«

»Ja, Frau Mutter. Hinaus, mich ordentlich draußen tummeln und heimkehren!«

»Aber Anthoine, fort aus unserem schönen Tal!« rief Jeannettchen empört.

»Ein Mann muß die Welt sehen, gelle, Niklas?« Anthoine krauste die Stirn.

»Freilich doch, gut ist's. Ich hab' freilich gar zu viel gesehen, könnte manches missen. Aber wenn der Junker Anton Kriegsdienste nimmt, dann geh ich noch mal mit. Ja, das tu ich, da hält mich nichts nit von ab.«

Anthoine sah einen Leidzug über das Gesicht der Mutter wehen und er rief rasch: »Doch mit dem Hinausziehen hat's noch gute Weile.«

»Ich schätze, lang währt's nit mehr.« Der Bauer horchte scharf in die Ferne. »Und jetzt kommt der gnädige Herr geritten.«

Nur das an manchem Wachtfeuer, in stillen einsamen Nächten vor dem Feinde geschärfte Ohr des Bauern hörte das ferne Reiten, den kurzen, scharfen Hufschlag. Die anderen lauschten, hörten erst nichts, bis auch sie den Klang vernahmen und dann den Gutsherrn oben in den Hohlweg einbiegen sahen. Sophia Christine stand auf, um dem Manne entgegenzugehen, Jeannettchen folgte rasch, Anthoine fühlte sich von dem Bauern festgehalten. »Wenn's mal in den Kampf geht, Junker, vergeßt mich nit. So eine alte Kriegsgurgel wie unsereins muß wieder mal Pulver riechen. Schockschwerebrett, schön ist das Tal hier, aber einmal will ich doch sehen, wie es jetzt in der Welt ausschaut.«

Sophia Christine sah ihrem Manne an, als der vor ihr hielt, was ihn bedrückte, und sie nahm mit all der Lindigkeit, die sie hatte, die Last von der Seele, fragte einfach: »Sie wollen wohl unsern Anthoine in Jena?«

Ja, sie wollten ihn. Die Frau Herzogin begehrte den Sohn zum Spiel. Mit heiterem Lachen hatte sie es gesagt: »Ich will einen Franzosen aus ihm machen.« Das sagte der Herr de Charreard seiner Frau nicht, er wollte sie nicht bekümmern, nur daß die Herzogin mit Louison selbst in drei Tagen zum Besuch kommen wollte, erzählte er.

»Und dann Anthoine mitnehmen.«

»Ja, sie wird ihn gleich haben wollen.«

In des Junkers frohes Bubengesicht stieg das Blut, als er von dem Beschlusse hörte. Hinaus wollte er schon, aber nicht ein Hofherr werden. Er rannte der Antwort aus dem Wege, saß dann im Abendschein vor der Türe des Rabenhauses und legte, wie es am Nachmittag seine Mutter getan hatte, seine Sorge vor die treuen Freunde seiner Jugend hin. Der Magister war traurig, noch eins von den Kindern des Hauses sollte am Hofe verderben. Er prüfte mit Blicken das reine Gesicht seines Schülers und murrte: »Wirst auch ein Franzose dort werden.«

»Ich schätze, das wird er nit. Und eine Weile ist's gut, wenn er sich schicken lernt; gleich ins Heer, da ist der Junker zu jung dazu,« murmelte der Bauer.

Illustration from Herrn de Charreards deutsche Kinder: Die Geschichte einer Familie

»Niklas, ich bin sechzehn Jahre gewesen,« rief Anthoine empört. »Wie alt warst denn du, als du ins Heer kamst?«

»Das kann der Junker nit vergleichen. Seht, an dem Grame von damals würg' ich noch heute. Arg schlimm war's, meiner Seel'!«

»Und willst doch mit mir ziehen, mich begleiten?«

»Ja, ja, Junker, das ist halt so. Hab' damals im Walde mein Herz an die Charreards gehängt und schätze, es ist besser, Ihr habt einen zur Seite, der all das Grausen kennt.«

»Niklas, du bist ein Querkopf,« rief der Magister empört. »Redest dem Junker immer zu, er soll hinausziehen, und dabei sitzt dir selbst noch das Grausen in den Knochen. Nun mache mir einen Vers darauf.«

»Dunderschlag ja, muß ich alte Kriegsgurgel einem hochgelehrten Herrn Magister noch sagen, daß jeder seine Erfahrungen allein machen muß. Wenn ich dem Junker abreden möchte und die gnädigen Eltern täten es auch und er bliebe hier im Tal, ich schätze, er verquerzelte sein Leben, wär' unzufrieden und wüßt' nit, warum. Das liegt im Blute, die Sehnsucht auszuziehen; das Heimkommen läßt dann erst recht die Heimat lieben.«

Anthoine hatte gar nicht auf das Zwiegespräch gehört. Seine Gedanken flogen, ließen das enge Tal hinter sich und sahen die weite, schöne Welt. Ungeduld brannte in ihm; freilich, der Hofdienst schien ihm bitter, aber er dachte keck: davon komme ich schon los. –

Er sprang auf und rief: »Muß heimgehen,« und dann lief er das Tälchen entlang, hatte heute aber keinen Sinn für seine heimlich-liebliche Schönheit.

Und drei Tage später rollten einmal wieder fürstliche Wagen durch das Dorf Bucha. Lockten da alle Leute aus den Häusern und der jetzt uralte Lemnitzer Karl brömmelte wieder etwas von den Schweden, die kämen, in seinen Ofenwinkel. Im ganzen aber sahen die Bauern scheel die Auffahrt der Wagen mit an. Sie liebten »die Fremde« nicht, ihre sanfte Gutsfrau war ihnen tausendmal lieber, und da die Kunde schon ihren Weg nach Bucha gefunden hatte, die Herzogin wolle den Junker mitnehmen, war die Bitterkeit groß. Von den Frauen, die Sophia Christine zu der Geburt des Erben ihre Glückwünsche dargebracht hatten, waren die meisten noch am Leben. Denen war es zumute, als würde in ihre Rechte eingegriffen. Ihr Grüßen war darum unwirsch und ihre Mienen finster, und die Frau Herzogin Marie verglich die Leute mit ihren Landsleuten und lachte über des Obersten St. Laurent spottende Worte. Auch ein feines, sehr junges Fräulein lachte, sie sah an der Merfin vorbei, bei der sie so manchmal eingekehrt war, sie erkannte die Anne-Marie Schurksin nicht, von deren Obst sie oft gegessen hatte. Louison de Charreard hatte viel, sehr viel von der Heimat vergessen. Einen aber erkannte sie, der wieder in seiner alten Kriegsmannstracht am Hohlweg stand, um die kleine Louison zu grüßen.

Der Oberst St. Laurent, der neben dem Wagen ritt, lachte. »Ein Überrest aus der Schwedenzeit,« spottete er. »Der Mann scheint ausgestopft zu sein.«

Da wehte just der Wind über die Linden hin und der schöne Sommerduft hüllte das Fräulein Louison de Charreard ganz ein und da war es ihr, als ginge sie wieder mit Bruder und Schwester durch den Wald und einer nahm sie alle drei auf sein Pferd, einer, der grimmig aussah und doch so gute Augen hatte. »Es ist der Niklas,« sagte sie plötzlich, neigte sich vor und grüßte den Bauern mit so holdseliger Anmut, daß der vor Staunen wie ein Pfahl stand. So schön war Louison geworden, er meinte schier, ein schöneres Frauenwesen könne es auf der ganzen Welt nicht geben.

Einen Bauern zu grüßen! Der Oberst de St. Laurent krauste die Stirn. Solche törichten, bürgerlichen Sentimentalitäten mußte sich seine Frau abgewöhnen, das war lächerlich, und um Himmelswillen nichts Lächerliches tun. Wenigstens nichts, was die Hofgesellschaft lächerlich fand. –

Ja, schön war Louison de Charreard geworden. Sie fanden es in der Heimat alle. Jeannettchen sah wie ein Kind gegen die doch nur ein Jahr ältere Schwester aus. Sie tat noch weniger als sonst ihren Mund auf, und als der Herzogin prüfender Blick über sie hinging, dachte die Dame: »Diese nicht, sie paßt zu wenig an den Hof.«

Frau Sophia Christine sah den abwägenden Blick, der ihr sanftes Kind so rasch geringschätzig freigab, und sie wußte, jetzt hatte die Herzogin ihr das letzte Kind nehmen wollen. Jetzt hatte sie damit ihr Glück bezahlen sollen. Und sie freute sich der ganz bescheidenen Anmut dieser Tochter. Aber da erklang schon das Wort, das ihr auch diese Freude trübte. Die Herzogin sprach von dem jungen Dracksdorf, der als Hofjunker in Bälde nach Weimar kommen würde, und sie sprach von ihrem Patenkind, einer jungen Hugenottin, die sie dem Junker zu vermählen gedachte.

Jeannettchen öffnete die Augen weit. Ihr treuer Freund Heinrich Wilhelm sollte auch ein Hofherr werden. Tränen trübten ihr den klaren Blick, und sie glitt leise aus dem Saal, nur die Mutter merkte es, als die Herzogin dahin sah, wo Jeannettchen gestanden hatte, war der Platz leer, und auf das spöttische Fragen, wo denn das Fräulein sei, gab Frau Sophia Christine die gelassene Antwort, es zieme sich für die Haustochter, in der Küche nach dem rechten zu sehen, wenn so hochfürstliche Gäste dem Hause die Ehre höchstihres Besuches schenkten.

Herr de Charreard sah seine Frau erstaunt an. Sie war doch einstmals nur die schüchterne Jungfer Riesin gewesen, war alle diese Jahre kaum aus dem stillen Tal herausgekommen und sprach, als hätte sie just gestern ein Fest am Hofe des Königs Ludwig mit gefeiert. Daß die tiefgekränkte Mutterliebe der Frau die Kraft gab, sich so aufrecht zu halten, ahnte er nicht, es war aber ein ehrliches Bewundern in seinem Herzen. Und wenn die Herzogin Marie, die wieder die neueste Pariser Modetorheit, eine Fontange, trug, die sich ungeheuer auf ihrem Haupte aufbaute, nach der Schönsten im Land gefragt hätte, der Herr de Charreard hätte unbedingt seiner sanften Frau den Preis zuerkannt.

Aber wieder brach die Herzogin früher auf, als sie es sich vorgenommen hatte. Sie sah in Louisons Blick ein trauriges Nachsinnen aufdämmern und hörte ihre Tochter das stille Tal voll Entzücken preisen. Das vertrug sie nicht.

Sie verlangte des jungen Anthoine Mitkommen. Aber da fand sie wieder einen freilich sanften, aber doch festen Widerstand bei der Hausfrau. Die meinte, der Sohn müsse wohl ausgerüstet werden, dazu sei die Zeit zu kurz gewesen.

»Ei,« rief die Herzogin, »da muß ich den Junker doch selbst fragen, ob seine Lust nicht größer ist als seiner gnädigen Frau Mama Bedenklichkeit.«

Auf diese Frage erhielt nun freilich die stolze Frau eine Antwort, die ihr ein verächtliches Lächeln entlockte. Der junge Anthoine fügte zu den Erwägungen seiner Mutter noch die hinzu, er habe in den Dörfern Bucha und Schorba noch nicht Abschied genommen, wie es sich gebühre.

»Bauersleute, pah! Ich fürchte, ein rechter Hofmann wird Euer Sohn nicht, Monsieur de Charreard!« Die Herzogin sah an der Hausfrau vorbei, ihre Stimme spottete, ihre Augen blitzten böse. In Sophia Christines Herzen aber erwuchs in dieser Stunde ganz fest die Zuversicht, der Sohn werde der Heimat treu bleiben.

Aber war im Grunde die schöne Louison nicht auch treu! In ihre Augen war ein Sehnsuchtsblick gekommen, und Sophia Christine zog zum Abschied die Tochter fest an sich: »Hier ist dir immer Heimat, mein Kind. Immer, was auch geschehe!«

Dann rollten die Wagen wieder den Hohlweg hinauf. Zum letztenmal, dachte die Herzogin, der Sohn soll die Heimat vergessen, wie Louison sie vergessen wird. Und sie neigte sich vor, rief den Oberst de St. Laurent an ihren Wagen und redete mit ihm von seiner künftigen Heirat mit Louison de Charreard.

Zwei Tage später verließ Anthoine das Elternhaus und in dem großen Hause wurde es einsam. Der Vater gab dem Sohn das Geleit, und Mutter und Tochter sahen den beiden nach, lange, lange, bis der Hufschlag verklang. Sophia Christine stieg dann in die Kapelle hinab, ihre Tochter ging in den Garten. Sie ging durch ihn hindurch, sah die Blumen sommerlich blühen und ihr junges Herz war ganz erfüllt von Mitleid mit den Geschwistern. Ihr war die Heimat der Inbegriff alles Schönen, kein Gedanke ging von ihr weg, nur bis zu der Leuchtenburg wagte sich manchmal ihr Sinnen und ein Stückchen weiter zu Heinrich Wilhelms Erbgut, aber schon dies dünkte ihr fern zu sein.

Während sie still-versonnen den Garten durchwanderte, hinaus ging bis zu dem kleinen Wald, der die Quelle umgab und in dem alljährlich die ersten Schneeglöckchen erblühten, gab Herr de Charreard seinem Sohne gute Lehren, wie er sich bei Hofe zu verhalten habe. Man war schon über Bucha hinausgeritten, als der junge Anthoine das erste Gegenwort wagte: »Ich hoffe, es dauert nicht lang mit dem Hofdienst, Herr Vater, gegen die Türken möchte ich ziehen dürfen, so es dem Herrn Vater recht ist.«

Anthoine de Charreard sah seinen Sohn etwas verdutzt an. Was war da in aller Stille aufgewachsen, war das noch ein Knabe? Er sah des Buben Augen blitzen, sah seine Hand stark das Pferd meistern, ganz fremd kam ihm der Junge vor. Doch rasch gefaßt redete er davon, daß Kriegsdienste nehmen so übel nicht sei für einen jungen Mann aus gutem Hause. Nur, es müßte die rechte Stelle gewählt werden, und wenn es nach einiger Zeit noch des Sohnes Meinung sei, so würde es wohl gelingen, ihn im französischen Heere unterzubringen. Freilich, die Hoffnungen, die die Hugenotten an die Regierung des vierzehnten Ludwig geknüpft, hätten sich noch nicht erfüllt, immerhin wäre man im Heere duldsam und –

»Wenn es dem Herrn Vater recht ist, zieh ich mit gegen die Türken, so sie wieder anfangen. Das erscheint mir wichtiger,« sprach der Sohn in ein sinnendes Nachdenken des Vaters hinein. Der schwieg, krauste die Stirn, das Neinsagen erschien ihm Unrecht, das Jasagen brachte er nicht fertig, endlich gab er zurück: »Es ist am besten, einen solchen Schritt weislich und klug zu überlegen.«

»Aber dagegen, daß ich Kriegsdienste nehme, ist der Herr Vater nicht.«

»Bewahre, nur –« Der Herr de Charreard kam nicht dazu, den Satz zu enden, denn einer ritt beiden, Vater und Sohn, entgegen, an den sich gleich des Sohnes Widerwillen hing. Es war der Oberst de St. Laurent. Der lächelte freundlich, aber seine Freundlichkeit schien dem jungen Anthoine wie die Schlehbeeren am heimischen Gartenzaun zu sein. Sie lockten und schienen süß und waren doch herber als Essig.

Kurz vor Jena kreuzte noch einer den Weg der Charreards. Der Oberst de St. Laurent sah ihn mißlaunig an, der Herr de Charreard grüßte ihn kühl, aber der junge Anthoine meinte, zu dem kurbrandenburgischen Feldhauptmann Balthasar von Hünefeld könnte er wohl Zutrauen haben. Den schien der unfreundliche Gruß, den die andern ihm boten, nicht zu kümmern, laut begrüßte er sie, schlug dem jungen Anthoine auf die Schulter und rief: »Das wäre ein Junker, wie ich ihn brauchen könnte. Was gilt's, laßt Ihr Euch anwerben, Junker? Es geht sicher bald mal gegen die Türken, eine gute Klinge gilt da was und meines besonderen Schutzes dürftet Ihr gewiß sein.«

»Ein Charreard,« und der Name zischte messerscharf zwischen des Obersten de St. Laurent Lippen hervor, »sucht wohl seine Fortune besser in des Königs von Frankreich Heer. Ich erachte, er erwirbt dort größere Honneurs als einfacher Reiter wie als Fahnenjunker im –«

»Halloh, Herr, ist ihm seine lose Zunge lieb, dann stecke er sie ein, sonst bei meiner Seel möchte sie ihm bald gespalten zum frechen Maule heraushängen.«

»Um Himmelswillen!« Herr Anthoine de Charreard drängte sein Pferd zwischen die beiden, unbekümmert um die zuckenden Klingen. Er sprach liebenswürdig zu dem einen, freundlich zu dem andern, sagte, sein Sohn solle in den Hofdienst –

»Und wenn es ihm da nicht gefällt, zu wem schlägt er sich da?« Herr de St. Laurent spottete, er erwartete keine andere Antwort als die »auf Frankreichs Seite«, aber Herr Anthoine de Charreard hatte zu lange Hofdienst getan, als daß er es nicht verstanden hätte, einer Wage Zünglein in der Schwebe zu halten. »Dann mag mein Sohn selbst nach Herz und Neigung entscheiden, ich gebe ihm die Wahl frei,« antwortete er und hegte in seinem Herzen die gleiche Zuversicht, wie der Oberst. Wie konnte ein Charreard anders wählen!

»Ein Mann, ein Wort, Ihr habt Euerm Sohn freie Wahl gegeben, Monsieur de Charreard. Bin neugierig, auf welche Seite sich der Junker einst schlägt.« Der stahlgrauen Augen Blick umfing den jungen Anthoine klar und zwingend, und dann ritt der Herr Balthasar von Hünefeld weiter. Er war in Petersberg bei seinen Verwandten zu Gaste.

Der Oberst de St. Laurent hielt ihm eine üble Nachrede und je schlimmer die klang, je fest umrissener trat das Bild des Geschmähten vor die Seele des jungen Anthoine. –

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