Erstes Buch. Hochsommertag oder Die Kinder (continued 3)
Reading edition
„Nehmen Sie doch Platz“, bat Georg ein wenig verlegen, und der Fremdling ging mit leichter Bewegung durch die leere Zimmermitte zum Schreibtisch, wo er einen Augenblick durch das Fenster blickte, sagte: „Auch draußen, alles freundlich! Ein roter Hund kommt die Treppe hinab und geht über die Wiese ...“ und begann, einen Arm auf die Platte gestützt, in dem offen daliegenden Handschriftbuche zu lesen. — Ja, Verse waren wohl Allgemeingut ...
Der Maler trat unterweil näher zur Servante und besah stillschweigend die schwarzen Widderköpfe mit vergoldeten Hörnern an den oberen Ecken, danach auf den zwei Brettern übereinander die kleine Sammlung von ein paar Frankenthaler und Höchster Gruppen, römischen Perlmuttgläsern, Ludwigsburger und Meißener Figuren, einer Mündener Terrine und einer großen himmelblauen Perlbörse mit Silberfransen, dieweil Georg erklärte, das wären so Dinge, die er im Hause zusammengeräubert habe. Nachdem er dem Maler eine kleine Gemüseverkäuferin mit buntgeblümtem Rock in die Hand gegeben hatte, zog der sich in das Sofa zurück, die Figur vor sich auf die blanke Tischplatte stellend.
Georg holte eine Zigarettenschachtel hinter dem Rupfen hervor nebst Streichhölzern; er und Bogner begannen zu rauchen, der al Manach winkte lächelnd ab.
Noch immer war es still.
Um etwas zu äußern, sagte endlich Georg, an den Büchervorhang gelehnt mit dem Gefühl, al Manach sei nun der Eigentümer dieses Zimmers und er selber nur Gast darin, — sagte, gleichsam vor sich hin, in bezug auf die Sachen umher: „Es ist ja nichts Besonderes, gar nichts Besonderes.“
„Ererbte Dinge sind schön“, hörte er einen Augenblick später die sehr melodische Stimme. „Ist es nicht so? Die Gegenstände, solange sie jung sind, haben alle den mehr leiblichen Glanz des Gemachten, und Jahrzehnte des Gebrauches erst, des Geliebtseins und liebenden Betrachtetwerdens fördern langsam die liebliche Seele an die Oberfläche und breiten ihr edles Leuchten darüber aus. Sehr arm ist die alterslose Marktware; ihre Seele stirbt, ehe sie sich auswuchs, und oft ist die beklagenswerte in ihrer Gebrochenheit traurig zu sehn.“
So ruhig und völlig zufriedenstellend klang das Gesagte, daß Georg kein Wort darauf wußte.
„Und dann,“ fuhr die sachte Stimme fort, „dann giebt es wohl solche Augenblicke, wie den des Hereinkommens für mich, wo einem unvermutet und schön die Idee aufgeht und zuwinkt. Das schöne Wunder des Seins an sich — an all unsern Dingen —, das wir niemals ausbegreifen, und die einzelnen selber, die Ideen der Sachen, — auch Seelen dürfen Sie sagen —, stellen sich gern einmal dar, durchaus nicht zu reden von Kostbarkeiten, nein vom Gewöhnlichsten, von Fenster und Tisch, Sofa, Schrank und dem Bett. Von alledem wird ja niemals gesprochen, wer hätte es je bedacht, — und doch würde eine Naturgeschichte der Gegenstände soviel liebenswürdiger zu lesen sein als ein Cuvier oder Brehm. Das Wunder des Naturgewachsenen, nicht wahr, erklärt sich immer wieder als Wunder eben aus sich selbst, — die Dinge jedoch —, bedenken Sie gütigst: ein Tisch ... was mochte nötig sein vom ersten Beginn bis zu dem dort! War es nicht ein Baumstumpf zuerst, vom Blitz zersplittert, mühsam mit der Steinaxt geglättet? Und dann war es ein Klotz, ein plumper Würfel endlich, aber wo, ja wo war der edle Erfinder, der — wie jener andre aus der Scheibe des Rades die Speichen schnitt — den unsterblichen Gedanken erfaßte, das ganze Innere einfach wegzunehmen, die Beine der Herumsitzenden bequem und traulich unterhalb zu vereinen und deshalb den ganzen Tisch gleichsam fortzunehmen bis auf sein Äußerstes, Gehöhltes, die vierbeinige Platte! Bis dann ein feiner Spätling am Ende das Ganze verdrehte und jene glänzende Blume mit flach entfaltetem Kelch auf ihrem einzigen Stiel bildete ...“
„Ach“, sagte Georg und blickte betroffen seinen Tisch an. — Unangelehnt vor der graden Rückwand seines Sessels aufrecht sitzend, machte der Sprecher eine Pause, die Hände gefaltet um das eine, übergelegte Knie. Er hatte, dieweil er sprach, unablässig dahin und dorthin geschaut, auf die Wände, ein Bild, auf Georg und den Maler, ein wenig unruhvoll und doch unruhig eigentlich nicht, und Georg, der die Augen nicht von ihm wenden konnte, nicht von diesem verschwindend schmalen und zarten blaßroten Mund, der sich bewegte, — Georg hatte nun bemerkt, daß die außerordentliche Schwärze seiner Augen vor allem daher rührte, daß die Pupillen, fast wie bei Tieren übergroß, das Weiße im Auge nahezu verdeckten. Die sehr weiße Haut des Gesichts war gleichwohl nicht bleich, sondern in der, dem Licht zugewandten Wange schimmerte innerlich ein zartes Blut. Fein wie Seide war das schwarze, gescheitelte Haar über der schrecklich schweren, rund gebuckelten Stirn, wie nach vorn gehöhlt vom unablässigen Nagen anwogender Gedanken. Georg bemerkte noch, daß die schwarzen Beinkleider nicht wie sein eignes sich zum Knöchel hinunter verengten, sondern im Gegenteil weit auseinander fielen, vom Knie erst ab — Georg hatte es entdeckt, als al Manach durchs Zimmer ging —, so daß nun die weiten Trichter über den feinen Knöcheln und schwarzlackenen Halbschuhn sich wölbten. Unsommerlich war das alles und ging doch ein Hauch von Kühle fast erfrischend davon aus.
„Fahren Sie doch fort“, hörte er sich selber unbewußt sagen.
„Gewiß, gern“, war die lächelnde Antwort. „Von den Sachen, ja? wovon mögen Sie hören? Allein ich glaube, der Herr Maler kam, um Gedichte zu hören? Nun, wie Sie wollen, denn da ließe sich ja manches vom Fenster erzählen, oder wäre es nicht verwunderlich, daß höchste Kulturen kamen und gingen, die babylonische und ägyptische, die jüdische, griechische und die römische, ohne gewußt zu haben, daß man Öffnungen ins Haus zu anderm Zweck schneiden könne, als um das Licht hereinzulassen und Rauch hinaus? Und er sogar, der das gläserne Fenster, der das Geheimnis des Aus- und Einsehens entdeckte, was bewog ihn, warum trübte er künstlich die seelenvolle Scheidewand, als sei es verwehrt, das traute Heiligtum der Familie fremdem Außenblick auszusetzen oder die Vorübergehenden auf der Straße der Belästigung geheimer Augen im Haus? Wann lebte er, wo ward er geboren, der den Traum vom gläsernen Glase träumte, den Menschen die gebrechliche Wand vor das Antlitz setzte, die doch keine war für den Blick, er, der Augen gab, ja ein ganzes Antlitz dem blicklos umdüsterten Haus? Welch ein Beglücker, nicht wahr? — Und nun könnten wir ja vom Bett reden, auf das noch niemand die erhabene Epopöe dichtete, von jener sichersten aller Galeeren, jenem vorzüglich bewährten Tauchboot im gewaltigen Atlant unsrer Träume. Warum befragte noch niemand das Wunder dieser einzigen und wahren Herberge auf Erden, wo die einzig göttlichen Gäste uns aufsuchen, in Händen die drei Gastgaben tiefster Lebensvorgänge: Geburt, verhüllt und blutig und schön mit der noch unangezündeten Fackel, Tod, verhüllt und ernst mit der erloschenen, und Liebe, hüllenlos mit der brennenden neben dem Vorhang?“
„Ja, nun ist es wohl an der Zeit, in Versen zu reden“, sagte er nach einer kleinen Pause und begann zu des staunenden Georg erschrockenerem Staunen eines seiner Gedichte, das im Buch aufgeschlagene vermutlich, auswendig herzusagen:
Der Heilige
Er war schon der Vollendung fast ganz nah, Sein Blick entrückt und schon wie abgetan; Schon trugen Fluten ihn, und er war Schwan. Sie lauschten, wann sein Sterbesang geschah. Fast war er nur noch Lied. Sein Körper glich Der Fackel, die von innen sich verzehrt; Und sichtlich war er auch von Gott geehrt, Der Nägel Male duldend und den Stich. Dann, sagt man, sei sein Leib hinweggenommen Von Gott, denn daß ein Weib ihn nächtig stieß Von Ihrer Pforte, keiner wußte dies, Und daß sein Leichnam nach dem Meer geschwommen. Keiner gewahrte ja das rote Glühen Am letzten Tag im dunklen Fensterglas. Er sah allein im heiligen Gelaß In der Madonna Bild die Lippen blühen.
Georg war hingerissen, so wundervoll klang es, — nicht das Gedicht — Georg verstand, ja hörte nicht einmal ein einziges Wort, — sondern der Strom der Sprache, der unsäglich mühelos, ohne die leisesten Erhebungen, von zartester Melodik in sich selbst, dahinfloß und verhallte.
„Ja, aber,“ fragte er nun verstört, „woher können Sie das?“
„Mein Gedächtnis wünscht es so“, sagte al Manach ein wenig entschuldigend. „Ich las es vorhin, und nun — was ich auch lese, ich behalte es immer gleich auswendig, wenn Sie wollen auch andersherum,“ und er fing an: „Blühen Lippen die Bild Madonne der in Gelaß heiligen —“
„Um Gottes willen,“ schrie Georg, „das ist ja entsetzlich!“
„Nicht wahr? Und nun werde ich Ihren verwirrten Anmutston nicht eher wieder los als im Grabe.“
„Sie Ärmster!“ klagte Georg, „aber was heißt verwirrter Anmutston?“
„Das ist der Ton, in dem Sie dichten. Ihre Gedichte sind köstlich, allein man versteht sie nicht.“
Die Selbstverständlichkeit, mit der das gesagt wurde, verhinderte Georg, sich gekränkt zu fühlen; immerhin fragte er: „Verstehen Sies auch nicht, Herr Bogner?“
Ehe aber der in seiner wüsten Schweigsamkeit die Oase eines Sprüchleins entdeckt hatte, hörte Georg den al Manach wieder:
„Gewiß, Sie und ich, wir verstehens, aber — das ist ja nicht: man.“
Georg lächelte schwach. Dieser sanfte Türke war scharf wie die Damaszenerklinge Sultan Aladdins, mit der er vor den Augen des löwenherzigen Richard ein seidenes Kissen spaltete.
„Ich will ja gern zugeben,“ sagte er, „daß manches in diesem Gedicht anfangs dunkel bleibt, aber ...“
„Dunkel? Sollten Sie nicht: unklar meinen oder deutlicher: konfus? Sie können ja soviel! Die schmeichelnde Rilkeweis’, Hofmannsthals Schwermutston, und Georges Tempelton haben Sie auch gut gehört.“
„Ja, das Gedächtnis!“ seufzte Georg beschämt, „aber davon wissen Sie ja mehr als ich! Nein, sagen Sie mir, was verstehen denn Sie unter poetischer Dunkelheit, denn die ich meine, deckt sich eigentlich nicht mit Konfusion. Aber ich fürchte, Herrn Bogner wird das Theoretisieren kaum gefallen?“
„Theoretisieren ist schön“, sagte al Manach. „Theorien, nicht aufgestellt als richtende Götzen, sondern gezogen als Essenzen, formulierte Erfahrungen ...“
„Sie haben es gut ausgedrückt,“ sagte Georg eifrig, „ich meinte immer —“ Ein Blick der sanften Augen ließ ihn schweigen.
„Ich drücke alles gut aus“, sagte al Manach.
König, Dame, Aß und Bube
Es klopfte leise, Georg rief: „Herein!“ Anna stand in du Tür. Er hatte sie vergessen.
Mein Gott, wie sah sie aus! Sie hatte sich umgezogen, trug ein Kleid aus schilfgrünem Tüllüberwurf über Weißem, ein weißes Fichu über der Brust gekreuzt, und ihr rosiges Gesicht mit den dunkelbraunen Augen war erleuchtet von innerer Seligkeit.
„Verzeihen Sie, wenn ich störe“, sagte sie, zog dann ein wenig kurzsichtig die Augen zusammen und erkannte al Manach, der sich erhoben hatte. Da lächelte sie, tief errötend, und ging mit leicht befangenen Bewegungen der Arme auf ihn zu. Als sie vor ihm stand, fast größer als er, sah Georg, daß er ihre Augen mit den seinen ergriffen hatte, daß er durch die Augen mit ihr redete, überaus leise, ganz ernst. Sie legte beide Arme um seinen Nacken und die Stirn auf seine Schulter. Er lächelte still vor sich hin. Georg mußte sich räuspern und empfand Scheu.
„Nun,“ sagte al Manach, als sie sich sacht wieder von ihm entfernt hatte, von einem zum andern blickend, „da sind wir ja alle vier wie König, Dame, Aß und Bube im Kartenspiel.“
Georg zerbrach sich einen Augenblick den Kopf, wer nun hier König und wer der Bube war, denn al Manach — kein Zweifel — war das Aß, und zwar Treff, wie es Georg vorkam.
„Nun?“ wiederholte al Manach indessen schon, Magda anblickend, „wie war es denn?“
„Ach, himmlisch!“ Sie ging und lehnte sich wie Georg, der von seinem Rupfen nicht loskam, an den Vorhang. „Nein, Georg, das kann man nicht sagen! Nur mußte ich immer denken, daß du unten bleiben mußtest! (Georg hatte es ja immer gewußt, sie war ein Seraph!) und denk dir nur, als wir überm Wäldchen hinflogen, fuhr auf einmal der arme Artaxerxes daraus hervor, — er war doch nicht fortgekommen — und da traf ihn die Schraube und —“
„Also hatte ich doch recht gesehn!“ rief Georg, „was ist aus ihm geworden?“
„Ich weiß nicht; er stürzte, mehr konnt ich nicht sehn, und ich war so traurig, daß ich gar keine Lust mehr hatte, aber dann wars doch zu schön, und wir sind aufs Meer hinausgewesen, aber dann bat ich den Leutnant, zu landen. In der Nähe des Wäldchens in den Wiesen gingen wir nieder, ach das war eigentlich greulich, wie im Lift, weißt du, wenn man so durch seinen eigenen Leib herunterfällt ... Und dann hat er mir noch geholfen, Artaxerxes zu suchen, aber wir haben ihn nirgend mehr gesehn. Gewiß ist ein Flügel gebrochen, und Papa wird ihn erschießen, er kann ja nichts Krankes leiden ...“
Georg versprach, sich ins Mittel legen zu wollen. Wie hübsch sie nun in seiner Nähe stand, die Hände hinterm Rücken, genau wie er.
„Oh,“ sagte sie jetzt, das offene Gedichtbuch entdeckend, „hast du Gedichte gelesen? Und ich war nicht dabei ...“
Ihr Blick fiel ab, irrte am Boden, da schob sie den linken Fuß im weißen Schuh vor und rief: „Ach, Georg, mein Schuhband ist auf!“
Georg, jeden Zusammenhang glückselig erratend, war froh, für sein dunkles Erröten das lange Bücken beim Zubinden verschieben zu können, als er aber schließlich aufsah, stand die Anna und blickte dem wieder sitzenden al Manach tief und süß in die Augen. War sie nicht eine Teufelin?
Sie fragte al Manach, ob die Gedichte ihm gefallen hätten. — Eins, sagte er, könnte er auswendig, und das wäre herrlich schön. Ja, jedes Wort wäre ganz ausgezeichnet, und wie sie so alle zusammengeraten wären, das sei nun gar fabelhaft. — Jetzt mache er sich lustig über ihn, schalt Georg, er aber widersprach. Da sei Gott vor, er habe sich in seinem ganzen Leben noch niemals lustig gemacht, und Georg sah es ein.
„Ach,“ sagte er, „da fällt mir unser Tischgespräch ein, um von etwas andrem zu reden, — Sie können mich gewiß aufklären über etwas, worüber ...“
„Ja, das kann ich.“
„Reizend!“ lachte Georg bei solch engelhafter Zuversicht. „Wir sprachen nämlich von der Liebe, und Onkel Salm, unser, Annas und mein Kindheitsonkel, Papas Sekretär, war so ungehalten, daß die ganze Literatur bloß von ihr handle, was Papa — und auch ich — wieder für ganz berechtigt hielt, — nur weiß ich im Grunde nicht recht, warum.“
Der al Manach hub an.
„Giebt es denn etwas Andres als Liebe? Zwei Irrtümer, Durchlaucht. Ihr Hintergrund — wäre unser dualistisches Wesen, allein das führt zu weit. Die lesende Bevölkerung nun ist des Glaubens, der Dichter, der ihr etwas erzählen wolle, nehme einen Stoff, tue ihn als Inhalt in eine Form, die er sich herlange, und sie trinke ihn — lesend — wieder heraus. Dem Dichter dagegen handelt es sich um die Form allein, die nicht er hat, sondern von der er weiß, daß sie dem Stoff innewohnt, wie die Wärme etwa in der Kerze. Der Stoffe wiederum giebt es nicht soviel, dieweil sie alle beim Durchforschen in einen Grundstoff übergehen, nämlich das Leid, das die Erde ist. Die Glut endlich, die Flammenkraft, welche den Stoff verzehrt und im Verzehren schmilzt und seine Form herausschmilzt, die ist das Liebesempfinden. Ein Liebesempfinden, das im Daseinsganzen so ist wie das Blut in Ihrem Körper: wo Sie ihn auch ritzen mögen, tritt es hervor; als Kraft und im Wesen einzig, in Erscheinungen tausendfältig, ist es das Ursprüngliche, alles Erfüllende, bei allem Mitwirkende, alles Beherrschende, immer und immer wieder aber am wundervollsten kenntlich, wie die Winternacht am Orion, an den wandellosen Gestalten des Liebenden und der Geliebten.“
Er schien eine Pause zu machen. Georg sah Anna — und es verwunderte ihn — nicht mit Augen an dem redenden Munde haften, sondern still vor ihre Füße niederblicken, mit so gesammelten Zügen jedoch, daß sie ihm so von oben und von der Seite — da sie den Kopf gesenkt hielt — wie zusammengezogen schienen von innerer Gespanntheit.
Al Manach fuhr fort, von neuem, wie ein Zauberkünstler ein meilenlanges Band aus dem Ärmel, den unendlich scheinenden Faden sanft gleitender Rede aus der Brust hervorzuziehen.
„Sie, Durchlaucht, haben alles gelesen, haben daher, wenn Sie ‚die Welt‘, wie man zu sagen pflegt, betrachten, nicht die wirkliche vor sich, sondern die in der Literatur beschriebene, und zwar die Europas. Da leuchtet Ihnen nun die romanische Art oder Form besonders ins Auge, weil sie die der Sensation und Affekte, oder sagen wir, der Schreckungen und Erregtheiten ist, die der Gipfelungen, die theatralische, die in nichts einen so flammenden Ausdruck finden kann als in Liebesleidenschaft. Ja, da ist alles einmalig und abgeschlossen, diesseits nichts noch jenseits, das Leben spült nicht hindurch, sondern fängt damit an und endet. Romeo und Julia; Tristan und Isolde. Ja, wäre der Deutsche aber nicht der große Mannigfaltige? Dann könnte auch ihm die einzige Gestalt des Paolo-und-Francescischen, ewig umschlungen dahinwirbelnden Liebespaares genügen, aber das tut es freilich nicht, denn er weiß, dieser hundertfältige Deutsche, was ich bereits sagte: die Einzigkeit, aber Tausendförmigkeit unserer Liebe. Darum hat er auch die epische Art — wo nicht die lyrische — hat die Ebene, das Schweigen, das Unendliche. Dieser seltsame Hebbel, nicht wahr, dieser Ebenensohn, da mußte er nun seine gesteigerten Ideen in Griechen und Juden verkörpern, wir aber leben ja wohl wie die Menschen des geliebten Theodor Storm, einsam, schweigsam, immer unterdrückend, was uns am feurigsten zur Eröffnung treibt, nicht aufbrausend, sondern alternd, nicht erkämpfend, sondern verzichtend, — und immer geht es weiter, keine Welle erstarrt zur bleibenden Form, es sei denn Erinnerung, — ja, wir sind die Menschen der Erinnerung, das breite Volk, das wie ein Meergreis aus ungeheurer Sage stieg. Nun wächst es in der Ewigkeit langsam und blüht wie die Aloe einmal alle hundert Jahr. Ach, nichts hör ich doch so gern wie die einzigen süßen Zeilen des armen Schlemihl, der ein Deutscher sein wollte und nicht durfte: „Ich denk als Kind mich zurücke — Und schüttle mein greises Haupt ...“
Er schloß verhallend, ein wenig verwirrt, schien es Georg, schon gegen Ende seiner Rede, aber jetzt, während Georg innerlich an die Stelle von der Ebene in Bennos Brief geraten war, hörte er den al Manach wieder sprechen, hörte eine Weile zu und erschrak. Es war ein sinnloses Durcheinander von halben Sätzen und Worten, und er selbst saß schief da, der Kopf hing, die Augen starrten schräg an den Boden, die Lippen bewegten sich unaufhörlich. Anna trat vor und streckte die Arme aus. Er schien dies zu bemerken, fuhr mit einem Ruck in sich zusammen und empor, lallte etwas, sah lächelnd umher und sagte leise und ganz schnell, als ob es eile:
„Es war sehr töricht von mir, Gedichte zu lesen und Verse zu sagen, nun kommt das Zitieren, ja, ich habe das so, es kommt vom Gedächtnis, es ist ein Anfall, ein Katarrh, eine Cholera, es ist nicht so schlimm, es kommt zuweilen, dann will alles wieder heraus, wo soll es auch alles bleiben, bitte, haben Sie wohl ein Lexikon?“
Aussehend, als ob er niesen oder sich übergeben müsse, stand er auf, trat zur Bücherwand, raffte den Vorhang auf, nahm ein großes Buch unten heraus und sagte: „Das Homerlexikon von Seiler-Kapelle für den Schulgebrauch, das ist sehr gut, ich lerne es auswendig, wenden Sie sich später bitte an mich, wenn Sie es verlieren sollten“, und lief zur Tür. Klein, schwarz und geduckt stand er dort einen Augenblick, den Türgriff in der Hand, drehte sich um, kam auf Georg zu, krampfhaft beflissen, ohne aufzuschaun, faßte seinen obersten Westenknopf, und es war, als ob seine Augen aus ihren Höhlen kriechen und dort hinein wollten, während er eilfertig flüsterte:
„Poetische Dunkelheit, daß ichs nicht zu sagen unterlasse, sonst plagt es mich in die Ewigkeit, wird auch von sonst klugen Köpfen häufig mißverstanden, nämlich sie, die wirkliche, ruht hinter den dargestellten Dingen als der mystische Grund, die mißverstandene dagegen ist vor sie gehängt als verwirrender Schleier. Unter poetischer Dunkelheit also verstehe ich die Kunst, ahnen zu lassen, anstatt zu sagen, die Andeutung des Tieferen, Eigentlichen, die Kunst, den Schein zu setzen an Stelle —“
Georg, recht verzweifelt, suchte den Strom zu unterbrechen, indem er sagte: „Natürlich, natürlich, ich verstehe Sie recht gut, nur meine ich, grade das auch erreicht, ich meine bezweckt —“
„Nein, dann haben Sie mich nicht verstanden“, ging es unaufhaltsam weiter. „Sie haben die Absicht gehabt, den Leser im Ungewissen, im Halbklaren zu lassen, ihn selbst erraten zu lassen, was mit Ihren Heiligen geschieht, Sie mochten das nicht deutlich sagen, und das ist das Konfuse, denn das hätten Sie eben grade einfach erzählen sollen, und das wäre hier die Sache selbst gewesen, hinter der Sie das Geheimnis, das Mystische, die Seelenzustände, die Metaphysik, die Symbolik, die poetischen Schauer, die Ahnungen, die Ahnfrau und das Kloster von Sendomir hintenrum, postume, eheu fugaces!“ Er schluchzte jammervoll und schlich, die Knie gekrümmt, mit hängenden Armen und Kopf, das schwere Buch unten an der linken Hand hangen lassend, hinaus.
Magda stand und sah ihm nach. Einen Augenblick später begann sie heftig zu zittern, wandte sich von Georg, der die Arme hob, ab, warf die ihren hoch und gegen den Büchervorhang und legte das Gesicht dagegen. Selbst Bogner saß und betrachtete das bunte Figürchen in seiner Hand überm Tisch auf absonderlich vertiefte Art. Georg drehte sich um, trat an den Schreibtisch und sah hinaus. Niemand sprach.
Auf einmal sah er, zufällig sich überbeugend, den kleinen schwarzen Jason ganz rechts aus der hohen Glastür des Speisesaals im Winkel der Terrasse heraustreten, die Tür sorglich hinter sich schließen und — nicht anders zusammengesunken und hangend als eben durchs Zimmer — über die Steinfliesen zur Treppe und schräge hinunterschlürfen. Wie ein großer Affe sah er aus, ja, so grauenvoll war er, der wie ein zarter Cherub ins Zimmer getreten war, zurückverwandelt worden. Da war er ein Stück in den Rasen hineingelaufen, blieb, als dürfe er das nicht, plötzlich stehn, drehte um, ging zum Wege zurück und mitsamt seinem Schatten im Bogen unter dem Nordflügel her bis ans Ende, wo er um die Ecke verschwand.
Georg hörte Magdas Stimme hinter sich, sehr leise und innig verzweifelt:
„Wie ist das wohl zu verstehn? Als ich vor seinem Bett stand am Mittag, da dacht ich, es wäre ein Kind. Als ich vorhin hereinkam und er mich ansah, das war — als wenn er vor Jahrhunderten schon gelebt hätte ... Und — nun ist es aus ...“
Überdem war Jason die Wendeltreppe heraufgestiegen — Georg hatte seinen Schatten in der Fensterscharte wohl gesehn — und erschien nun, hinter dem ersten Fenster vorüberschleichend, hinter dem zweiten — — Georg atmete auf. Er hatte in sein Zimmer gefunden.
Musik
Georg zerbrach sich vergebens den Kopf, gleichzeitig um zu erfahren, was alles jetzt in Annas Innern vor sich gehn mochte, und etwas zu erfinden, um sie davon abzulösen und zu erleichtern. Alles mögliche kreuzte durch sein Hirn hin und her. Wie dichterisch dieser seltsame Eindringling doch zu Anfang gesprochen hatte und wie lehrhaft am Ende, Bennos Brief und die Worte vom himmeltragenden Atlas, Iris Runges überschlanke Erscheinung im Tanzkleid, Ballgetümmel, und auf einmal der Name Angelika, fern, fremdartig, dann der andre Jason al Manach, diese merkwürdige Mischung von türkisch und griechisch — während er selber doch von sich als Norddeutschem gesprochen hatte —, war es ein Pseudonym? — und jetzt sah er den Umschlag des dicken Romans Jettchen Gebert mit der Biedermeiergestalt der Henriette — ihr Onkel hieß ja doch Jason ... Ja, konnte denn Bogner nicht etwas sagen?
Als Georg endlich wagte, sich umzudrehn, sah er Anna erst gar nicht, dann hinter der Bücherwand einen Streif des lichtgrünen Kleiderrocks; sie war in den Rahmen der Tür zum Schlafzimmer zurückgewichen und blickte unbestimmt auf das Porzellanfigürchen, das Bogner noch immer in der Hand drehte und betrachtete.
Er sah aber jetzt auf, räusperte sich, stellte die Figur nieder, klopfte mit der rechten Hand gegen die Brusttasche und sagte:
„Ich möchte wohl, wenn es Ihnen recht wäre, Ihnen etwas vorlesen.“ Er lächelte. „Keine Gedichte, nein, nur einen —“ er holte seine Brieftasche hervor und schlug sie auf, „— einen Brief.“ Und er nahm einige bläuliche, zusammengelegte Bogen hervor, öffnete, sah hinein und legte sie vor sich.
Magda glitt in die andre Ecke des Sofas neben der Tür, legte die Hände zwischen den Knien zusammen, die Arme fest andrückend, und sagte mit zusammengezogenem Munde leise: „Ach bitte!“
Georg hatte sich kaum in dem Lehnstuhl niedergelassen, als Bogner, Erklärungen augenscheinlich vergessend, zu lesen begann.
„Ich denke oft, für die Menschen, die keine Kunst hervorbringen, sondern nur empfangen können, ist die Musik soviel, wie der Himmel mit Wolken und Sternen, ein Vergleich, den ich heut einmal weiter ausführen möchte.
„Die verschiedenen Künste bauen uns, möcht ich sagen, eine wunderbare Stadt. Architektur natürlich baut die Häuser darin, legt Brücken, Alleen, die Plätze und Kanäle an. Der Bildhauer schmückt die Fassaden, die Plätze mit springenden Brunnen und nackten Statuen, fahrende Sänger ziehn durch die Tore ein und versammeln das Volk auf den Plätzen, in den Theatern dröhnen die Stimmen des tragischen Chors, die Malerei ziert Säle und Gemächer, und es ist Handel und Wandel, Schiffe legen an den Kais an, ein unaufhörliches, fruchtbares und eiferndes Getriebe herrscht, soviel Leben, köstliche Unrast, Genuß, Arbeit und tausend Freuden. Länder dienen der Stadt wie Fürsten, an den fernsten Küsten denkt man an sie, sehnt sich nach ihr, sie ist die Heimat. Sie ist im Ganzen eine richtige Menschenstadt, eine schöne wie Hamburg oder Kopenhagen oder Budapest. Eine Stadt aber ohne Himmel.
„Ach, es giebt keinen Himmel in Berlin, lieber Freund! Jetzt, wo ich ein paar Wochen heraus bin, weiß ich es ganz. Liebster, haben Sie je, wenn Sie in eine kleine Stadt irgendwo tief im Land gewandert waren, Lüneburg oder Braunschweig oder auch Maulbronn, haben Sie auch bemerkt, wie wundervoll es ist, in allen Fenstern den verdunkelten Widerschein des Himmels mit den Wolken zu sehn, entzückend, wie sie sich durch die Gardinen bewegen? weil die Häuser niedrig sind, die Straßen breiter scheinen. Und über allen Dächern sehn wir ihn ja stehn, den Himmel, und die Wolken sieht man, ohne erst den Kopf danach verdrehen zu müssen. Und bei Nacht, die kein Lichtergewimmel zu einem lügnerischen Tage macht, hat man in den Bäumen seines Gartens die wirklichen Sterne, die im Gezweige stehn und einem so gut gehören wie der liebe Baum. Dann geht man nur auf die Straße, so steht der Sternenhimmel mit allen vier Ecken auf der Erde — das ist die einzig wunderbare Kuppel der Musik, der göttliche Bau in ewig unbegreiflichen, in unbegreiflich ewigen Gesetzen.
„In einer solchen Stadt atmet sichs! Das Bewußtsein, daß der Himmel da ist, erwärmt das Blut, wir werden leicht. Ach, ich habe nie begriffen, was Kant damit will: die Gestirne über sich und — —. Nun, was kann da noch für irgendein Und kommen, wenn er schon das über sich hat!
„Schön, schön ist ja auch das Andre, Bilder — weiß ichs nicht, mein Freund? —, die uns nur staunen lassen, daß ein Mensch dies gemacht hat, aber dennoch meine ich — zürnen Sie mir nicht, es ist ja doch nur Armut, die das meint — die Musik macht uns schweben. Nicht schweben, es ist mehr, es ist — — denken Sie einmal an das, was sogar Sie rührte, an die ersten, aus der Ewigkeit fallenden Tropfen der letzten Symphonie! — sie sind ja wie der Beginn der Schöpfung. Nicht das: Es werde Licht! nein, viel früher, das erste, verträumte Aufwachen Gottes aus dem langen Schlaf, in dem er alles träumte, was werden sollte. Denken Sie daran, und sogar Sie werden fühlen: es ist, als ob die Erde unter uns wegsinkt, als würde der Boden sanft unter uns —“
„Ja, ja, um Gottes willen!“ schrie Magda auf, sich vorwerfend, „so wars! so war es, als wir flogen, ich konnt es ja nicht beschreiben! Bitte, lesen Sie weiter!“
„— als würde der Boden sanft unter uns, es weicht und giebt sich uns zugleich hin wie ein Frühling, es ist, als ob die alte harte Erde die Anziehungskraft leise wegnähme, so daß wir leicht werden wie die Tauben, als hätten wir Luft um alle Glieder gehüllt, und wir denken doch nicht an Fliegen, eher wir sinken, und alles, alles schmilzt.“
Magda saß mit gefalteten Händen, tief atmend, mit den Augen erregte Kreise ziehend auf der Platte des Tisches.
„Die beseligende Leichtigkeit verbreitet wunderbare Heiterkeit, in Unendlichkeit mögen Gut und Böse liegen und alle moralischen Begriffe, wir sehn unter uns ewige Länder in der Tiefe hinschwimmen, die schöne Stadt vielleicht in der Sonne, mit wandelnden Wolkenschatten bedeckt, das blaue Meer in Meilentiefe mit winzigen Segeln, bald nur noch marmornes Blau und der Gesang der Engel, die in Scharen durch alle Fernen ziehn.
„Verstehen Sie mich, lieber Freund: unendlichen Reichtum geben uns alle Künste, doch ist er noch schwer; wir müssen ihn tragen, wie der Herbst, wie alles Irdische getragen sein will. Der Himmel läßt sich nicht tragen, er hebt, er trägt uns. Leicht sein ist alles.“
„So weit“, sagte Bogner, faltete seine Briefblätter zusammen, nahm die Brieftasche wieder hervor, legte die Blätter hinein und steckte sie fort. Magda sah ihn dankbar an und wagte zu fragen, wer das geschrieben habe.
„Die mit dem Schatten des Falters — dort!“ sagte er, in der Richtung des Klaviersaals deutend. Dabei schien Magda, die eben den Mund öffnete, etwas einzufallen, sie erschrak leicht und fragte: „Bitte, wie spät ists, Georg! Deine Mama bat mich, gegen fünf etwas Harmonium zu spielen.“
Es sei eben fünf Uhr gewesen, sagte Georg, und sie stand auf und ging, jedem der beiden zulächelnd, schneller hinaus, als daß Georg hätte fragen können, ob sie nicht mitkommen dürften.
Nun war es noch stiller geworden. — Eine Frau hatte das geschrieben? Welch sonderbarer Geist! Nun saß sie für ewig dort und sah empor, wo der unsichtbare Falter flog. Aber wie dieser Bogner das wieder heilsam getroffen hatte mit seinem Vorlesen! — Überdem sah Georg, der sich im Sitzen nach dem Fenster, nach dem Klaviersaal hinübergewandt hatte, wo alle Vorhänge gegen die Sonne geschlossen waren, den äußersten linken sich bewegen, er teilte sich und glitt auseinander, Anna erschien, das Fenster aufriegelnd und draußen einhakend. Sie schwand, und gleich darauf wurde das Brausen des Harmoniums in der stillen Leere hörbar.
„Sie sind wohl nicht musikalisch?“ fragte Georg den Maler. Der verneinte, erklärte aber, Musik gern zu hören.
„Dann“, sagte Georg erleichtert, „können wir ja auch hinübergehn. Anna hat viel gelernt, und voraussichtlich wird es Bach sein; Mama liebt ihn besonders, er ordne ihre Gedanken, sagt sie, Sie wissen ja, wie krank sie ist.“
Bogner erwiderte nichts, und so gingen sie stillschweigend über Flure und Billardzimmer hinüber.
Siebentes Kapitel
Erzählung
Magda wandte, als sie den Saal betraten, den Kopf nach ihnen, lächelte und spielte weiter. Bogner setzte sich auf den Klaviersessel vor dem mittleren der drei Flügel drüben. Alle Türen zur Herzogin standen offen wie stets; in den verhangenen Gemächern herrschte goldener Schatten mit etwas einfallendem Sonnenlicht am Boden hier und da und güldenen Streifen Sonnenstaubes. Georg nahm einen Stuhl und setzte sich neben das geöffnete Fenster, wo es hell war, während die jenseitige Hälfte des Saals mit den Klavieren in der Dämmerung der goldgelben Vorhänge blieb.
Magda spielte eine kleine halbe Stunde mit geringen Pausen zwischen den einzelnen, sehr einfachen alten Stücken. Endlich nahm sie die Hände von den Tasten, und eine Weile herrschte Stille. Fern wurde eine Tür geschlossen.
Georg, Annas Augen folgend, die zu dem Bilde über ihr emporblickten, fragte, in unbestimmte Gedanken verloren, zum Maler hinüber:
„Warum sind Sie eigentlich nicht musikalisch?“
Eine törichte Frage! — Allein der Maler öffnete nach einer Weile den Mund und gab, ebenfalls zu seinem Bilde schauend, eine ganz richtige Antwort.
„Sie“, sagte er, „hat mich einmal genau so gefragt. Ich wußte es natürlich nicht, aber sie hat es mir dann selbst erklärt. Ich wäre zentripetal, sagte sie, und das wären alle Dichter. Die Musik und die Tondichter dagegen wären zentrifugal (Zentrifugalisch, verbesserte Georg im stillen.) Nämlich die andern Künste drängten den Menschen auf seinen Kern zusammen, die Musik dagegen löste auf. Sie fand es ja nun schön, daß ich unmusikalisch bin. Es wäre so reinlich, sagte sie. Dann klagte sie über sich selbst, daß sie von allen Künsten was verstehe, aber von keiner was Rechtes, und keine ausüben könne, abgesehn von ihrem bißchen Klavierspiel. Ihre Fertigkeit war ja nun glänzend, aber ihr Spiel ließ kalt. Die Leute sagten, es wäre sehr geistreich, aber sie hätte kein Gefühl. Sie hatte schon Gefühl, aber sie konnte es nicht anbringen, das wars.“
Bogner legte langsam ein Bein über das andre, faltete die Hände und stützte einen Ellbogen auf den Klavierdeckel, doch erwies sich der als zu hoch, da das alte Klavier bis vorn geschlossen war; er öffnete es, legte den Deckel leise zurück und nun den Ellbogen auf den vorderen Rand vor die vergilbten Tasten.
„Sah sie so aus wie auf diesem Bilde?“ fragte Magda, die sich mit dem Drehsessel umgewandt hatte.
Nein, die Ähnlichkeit wäre sehr gering, entgegnete der Maler zerstreut.
Eine Minute verging mit Schweigen. Im Augenblick dann, wo Georg dachte, nun würde er wohl anfangen, etwas zu erzählen, begann Bogner.
„Judith Österreicher hieß sie und war das einzige Kind eines verwitweten Bankiers in Berlin. Sie war schmal und mager, ihre Hand empfindsam und beweglich, nicht schön, zu dünn. Ihr Kinn stand vor. Es und die Stirn und die flach aufliegende Nase bildeten eine schräge Fläche. Im Profil sah sie besonders jüdisch aus. Die Augen lagen tief und waren grau, die Haut gelblich, die Brauen schwarz und hart, das Haar orientalisch schön, schwarz, fest und reich. So sah sie aus. Sie war fünfundzwanzig Jahre alt, als ich sie kennen lernte. Ich war etwas über zwanzig.
„Ihren Charakter kennen Sie ein wenig aus dem Brief. Sie hatte alles mögliche studiert, Kunstgeschichte, Bibliothekswissenschaft, Literatur, auch Sozialistisches, und Musik. Immer hörte sie Vorträge und Vorlesungen. Ins Theater ging sie nicht, außer zur großen Oper. Sie haßte das Theater. Sie haßte stark, zu lieben hatte sie nie viel. Dann wurde sie weicher, später. Ihr Verstand war unmäßig scharf, sie sagte nie etwas Unlogisches, im Gespräch blieb sie bei der Stange wie ein Mann, ihr Geist wurde durch nichts Weibliches beeinträchtigt. Oder gemildert. Sie war unweiblich. Zum Beispiel las sie nie Aufsätze und dergleichen, was über etwas handelt. Sie haßte Briefsammlungen und Biographien. Das läsen die Menschen nur aus einem idealischen Klatschbedürfnis. Ein Künstler war für sie kein Mensch. Der Mann ist tot, sagte sie, ihm ist nicht mehr zu helfen. Sein Leben war natürlich schwer, alle sind schwer, und großes Wachstum will harte Arbeit. Aber die innern Kämpfe waren schwerer als die äußern, sagte sie, und die lerne ich aus den Werken besser kennen, wo Schönheit und Klarheit daraus geworden ist. So etwas klang aber sanfter, wenn sie es sagte. Sie hatte eine schöne, melodische und tiefe Stimme. Am liebsten waren ihr Radierungen, Stiche, Schwarzweißsachen und Holzschnitte, in die sie sich mit der Lupe stundenlang, unermüdlich vertiefte. Dann die Japaner, die festen, gesparten Linien und die genährten, unumstößlichen Farben. Über einen schwarzen Flecken, ein schwarzes Kleid mitten in einer Teehausszene von Hieroshige oder Utamaro geriet sie außer sich vor Wonnen. Dann war sie wohl wie ein Kind, ganz ausgelassen. Sie beherrschte alle Fachausdrücke, sah einer Radierung von Vogeler an, der wievielte Abzug es sei, und einem Buch, wer die Type gezeichnet hatte. Ihre Kleider machte eine Schneiderin, und sie saßen, das war alles. Mit sich selbst wußte sie nichts anzufangen. Ihr Gehaben war so weiblich, wie der Verstand männisch. Sie war launisch, oft mißgelaunt, überschwänglich bald und bald kalt. Vor allem aber wußte sie selber immer und jeden Augenblick, wie sie war und was sie war, also, was sie nicht war. Immer sah sie sich im Spiegel und gefiel sich durchaus nicht. Von sich selber beobachtet Tag und Nacht, alles verstehend, alles zersetzend, auflösend, immer unzufrieden mit sich selbst, weil alles in Fetzen ging, zu weiblich, um es sammeln zu können, immer das Fehlende, das Negative sehend, sich selbst verachtend und doch sich selber liebend — das Leben ist ihr eine böse Qual gewesen.“
Bogner schwieg. Georg, ins Hören emsig verloren, die Augen auf den Wandstreifen zwischen den beiden Klavieren rechts geheftet, sah dort undeutlich die Gestalt der Fremden erscheinen; wie ihm schien, war es ein Samtkleid, was sie anhatte und das ihm sonderlicherweise deutlicher war als ihr Gesicht, denn da störten ihn die hellen Farben und die Undeutlichkeit der Züge auf dem Bilde. Die langsamen Worte des Malers, der eine Pause ließ hinter jedem seiner kurzen Sätze, banden ihn seltsam. Nun, da er schwieg, seinen Bleistift wieder aus der Westentasche holte und darauf niedersah, wie er ihn vorm Schoß in seiner Hülse hin und her schob, merkte Georg, daß er sprach, wie wenn er malte oder zeichnete: eine Linie zog — und einen Bogen daran setzte, eine andre Linie an ganz andrer Stelle des Blattes, und ganz von unten herauf eine dritte, langsam hin und her gebogene, und plötzlich alle drei noch zusammenhanglosen und unkenntlichen zusammengriff mit einer vierten, und absonderlich war aus drei und vier Unverständlichkeiten eine Klarheit, ein Bild und ein Sinn geworden; ja, ein Gesicht — auf einen Augenblitz erschien es Georg in seiner dunklen Abgeschlossenheit — ein Leben, Blick und Gebärde, und Erinnerung schon, Gewordensein und Vergangenheit. Georg sah deutlich das Blatt, auf dem der Maler zeichnete; es lag auf seinem rechten Knie, er sah darauf nieder und sprach und zeichnete gleichzeitig, und das war nun merkwürdig, daß seine Worte und seine Zeichnung aneinander hinliefen, unverbunden ... Georg, da der Maler noch immer schwieg, hätte gern den Mund geöffnet und gesagt, wenn er es hätte sagen können, wie ihm soeben klar geworden sei, daß alles Gedachte, aller Sinn gar nicht in den Worten bestehe, in denen er gefaßt wurde, sondern ganz fern dahinter sich selbst gestalte — denn diese Wahrnehmung schien ihm bedeutsam zu dem zu passen, was er vor Stunden mit dem Maler gesprochen hatte, weil das Bild, das der Maler im Innern hatte, und das, welches Georg sich selber herstellte aus des Malers Worten, gewiß einander ungemein fremd waren, lose zusammenhangend, o so lose nur in der Schilderung ...
In diesem Augenblick hob Bogner das Gesicht, sein Blick traf auf Georgs Gesicht von ferne, glitt wie von einer leeren Fläche davon ab und zu dem Gemälde überm Harmonium, wo er einen Augenblick anhielt, und der Maler sprach weiter.
„Nun muß ich sagen, wie ich sie kennenlernte. Irgendwie war ich von Paris nach Berlin verschlagen — so — mein Vater war Sanitätsrat und ist es wohl noch; ich mußte mit siebzehn Jahren das Haus verlassen. Ein Freund unterstützte mich eine Weile, nun — das tut nichts zur Sache, jedenfalls — — es kam jener Winter in Berlin, wo ich Schnee geschippt habe. Ein gefallenes Pferd, dem wir aufhalfen, warf mich gegen einen Laternenpfahl. Mit Frühlingsanfang kam ich aus der Klinik und hatte nun nichts mehr. Nun ... Nun war ich sehr schwach, irgendwie vergingen noch ein paar Tage, an die ich mich nicht erinnern kann. Eines Tages bekam ich auf einer Bank im Tiergarten einen Schwächeanfall, und als ich erwachte, hatte ich zwei Taler in der Tasche. Der eine reichte eine Zeitlang für Essen, für den andern gab ich eine Anzeige auf, ganz dumm, eine Heiratsannonce. Junger Künstler, dicht am Verhungern. Wie man so ist. Ich bekam drei Briefe. Einer war Ulk, in einem war ein Hundertmarkschein, den dritten bringe ich wohl noch zusammen ... Ihre Annonce im Anzeiger ist so eigenartig, daß ich nicht weiß, ob ich mehr über sie staune oder über mich, die sie beantwortet. Sollte sie die Wahrheit enthalten, so scheint mir Eile das Notwendigste zu sein, das heißt, Ihnen muß geholfen werden. Ich bitte Sie deshalb, mir zu schreiben ... hier kam ein Postamt und eine Chiffre ... wo ich Sie kennenlernen kann. Drunten standen die Initialen Jot O und eine Nachschrift: Vielleicht eilt es wirklich, ich werde deshalb morgen vormittag um elf Uhr in der Nähe des Luisendenkmals im Tiergarten sein. Ich zweifle nicht, daß wir uns erkennen werden.
„Sie erkennen Judith Österreicher. Ich war ja nun ein Stockfisch, ich wollte mir nicht helfen lassen, ich wollte heiraten und das Vermögen der Frau mit Ruhm bezahlen, und nun hatte ich doch hundert Mark. Aber ich ging hin. Sie hatte ein braunes Samtkleid an, und ich erkannte sie gleich. Sie stand, auf ihren Sonnenschirm gestützt, vor einem Rhododendrongebüsch mit dicken Knospen. Welches Mädchen stellt sich wohl auf, wenn es bei einem Stelldichein wartet! Nun ging ich auf sie zu, nahm den Hut ab und sagte steif, ich wäre es, es wäre aber ein Irrtum, und ich wollte nun nicht mehr heiraten, wobei sie mich entgeistert anstarrte. Sie können sich ja vielleicht vorstellen, wie ich ausgesehn haben mag. Dann wurde sie aber wütend und sagte, ich sollte sofort still sein, sonst liefen die Leute zusammen, packte mich beim Schlafittchen, zog mich in eine Allee und fing an, dergestalt auf mich einzureden, daß ich weinte. Da tröstete sie mich.
„Ihr Vater war reich und sehr kunstliebend, ein kleiner, dicker, jüdischer Mann mit einer schönen hohen Stirn und schwermütigen Augen. Er besaß eine kleine Galerie mit damals unbeachteten Sachen von Leibl, Schuch und Hagemeister. Nun wurde mir ein Atelier eingerichtet, und sie erzog mich. Immer hatte ich übers Handwerk gegrübelt, über die neuen Wege, wie man tut, wenn man ganz jung ist. Nun bekam ich Bücher zu lesen, mußte meine Meinung von ihnen ausformen, womöglich schriftlich, wurde im allgemeinen wie ein Genesender und im besondern wie ein gutes Kind behandelt, das durch Krankheit geistig zurückgeblieben ist.
„Sie war nur gütig zu mir, hartnäckig im Verfolgen ihres Planes, aber milde und freundlich. Sie lehrte mich Erfahrungen erkennen und schrieb jeden Tag das große Warum auf die Tafel. Schwerfällig war ich sehr, ich konnte begreifen, aber nur langsam. Was ich dann hatte, hielt ich fest. Zum Beispiel Manieren, daraus machte ich mir gar nichts, aber sie bewies mir, daß jede einen kleinen feinen Sinn hatte, und das gefiel mir. Gemalt hab ich lange Zeit gar nicht. Also ich wurde gereinigt, gelüftet, leer geblasen und ordentlich ‚renoviert‘. Judith durchschaute mich vollständig, und alles, was sie tat, war richtig. So bin ich wohl einigermaßen ein Mensch geworden.
„Nun ... Nun, das übrige ist gleichgültig.
„Nun der Schluß.
„Ich weiß nicht, wer von uns dem Andern damals mehr gewesen ist. Da ich weniger war, werde ich ihr wohl mehr gewesen sein. Dies ist so. Früher war sie ein Mädchen gewesen, ihr Vater war ihr alles, hatte sie unterrichtet, erzogen und gebildet, sie hatte nie einen andern Freund gehabt als ihn. Ihm zuliebe wahrte sie die alten Gebräuche und liebte sie. An den Freitag Abenden brannten die Kerzen, lag das weiße Brot unter der roten Samtdecke, das Glas Wein ging herum, und ich habe keinen Freitag erlebt, an dem sie nicht zu Hause gewesen wäre.
„Nun bekam sie mich, wie einen Sohn, gewiß. Sie war ein weiblicher Hieronymus. Das dacht ich oft, wenn ich in ihr Zimmer kam, abends, wenn sie bei der Stehlampe saß, umschlossen von den beschatteten Wänden hoher Bücherregale. Ihr Leben war ohne Schmerz und ohne Sorge verlaufen, nie hatte es fremde Willkür gelenkt, sondern väterliche Zartheit und die eigne klare Absicht. Sie liebte es wie ein hübsches Kunstwerk, und sie haßte es, weil es unfruchtbar sei. Eine Zeitlang täuschte ich sie darüber hinweg, ich meine, es tröstete sie, mir geben zu können. Dann wurde sie mißtrauisch und fing davon zu reden an, daß ich über kurz oder lang meiner Wege gehn werde. Das war richtig, daran war nichts zu ändern. Der Tag mußte kommen, wo sie mir alles gegeben hatte. Sie hatte ja nur Wissen für mich. Freilich auch Güte, wie Mütter, aber immer wollen die Söhne allein gehn und suchen sich ihre Wege.
„Nun, vorläufig lebten wir miteinander wie Pallas Athene und Odysseus, und wenn sie einmal schlechte Reden führte, versprach ich ihr, sie zu malen als jenes Mädchen, das der Dulder im Phäakenlande am Brunnen traf und das ihm den Weg zeigte. Es war ein schöner Abend in den Wiesen, und sie trug den vollen Krug auf der Achsel, gab ihm zu trinken und wies ihm den Weg in die Stadt und zu den Männern, die ihn heimbrachten. — Ja, so wäre es, sagte sie, sie könnte mir den Weg nach Hause zeigen, aber sie käme nicht hinein.
„Ach, Kinder, sie war gut, sie war gut. Sie war bescheiden, sie lehrte mich und ließ es mich nicht merken, sie wußte es immer so darzustellen, als ob sie beschenkt würde, als ob sie alles erst durch mich recht von Grunde kennenlernte. Ich erinnere mich an schöne Abende bei der Lampe. Schon als Junge hatte ich Silhouettenschneiden geliebt, und sie stellte mir Aufgaben. Sie trennte beliebige Stücke, große und kleine, aus dem schwarzen Bogen, dachte sich etwas aus, und dann mußte ich es herausschneiden, damit ich lernte den Raum ausnutzen wie ein Japaner.
„Nun das Malen ...“
Bogner war still. Er schien nachzudenken; auf einmal holte er, vor sich hinblickend, seine Pfeife aus der Tasche, dazu einen Beutel aus rotem Gummi, stopfte sie langsam, tat den Beutel fort, nahm Streichhölzer und rauchte. Schließlich fing er an:
„Also ich wollte sie malen ...“
Georg kam es vor, als ob er etwas ganz andres, das er sich unterweil im stillen vorgesagt und das von ihm selber und der Malkunst handelte, verschwiege.
„Als wir eines Tages“, sagte er, „am geöffneten Fenster saßen — sie hatte einen Arm auf der Fensterbank und sprach zu mir ins Zimmer hinein und dann wieder zum Fenster hinaus —, hielt sie auf einmal inne und sagte: Da! indem sie den Kopf wandte, nach oben, so wie dort. Ich sah aber nur den Schatten des Schmetterlings auf der Fensterbank, ihn selber erst später, wie er im Garten herumschaukelte, ein weißes Stückchen. Ich weiß nun nicht, wie sehr ihr Wesen in dem gewesen sein muß, was sie grade sagte, so daß es dann plötzlich ganz in diese Bewegung hineinschlug, mit der sie sich unterbrach. Jedenfalls — dies blieb aber hängen, nur wurde lange Zeit gar nichts daraus. Es kam der Sommer, der zweite, seit wir uns kannten. Judith verreiste, sie mußte eine erkrankte Schwester ihres Vaters nach der Riviera bringen. Ich war einige Wochen auf Sylt, aber lange vor ihr wieder in Berlin.“
Der Maler hatte ein paar neue Briefbogen hervorgenommen. „In jener Zeit“, sagte er, „bekam ich den Brief, den ich Ihnen vorlas, und unter andern auch den folgenden:
„Heute möchte ich einen Rat von Ihnen, lieber Freund. Das heißt, es wird wohl darauf hinauskommen, daß ich mir Rat schreibe, statt ihn zu bekommen. Ich habe einen Brief erhalten von einem Mann in Transvaal, der mich zur Frau haben will. Schon vor einem Jahr, als er fortging, fragte er an, ich habe aber um Bedenkzeit gebeten bis jetzt. Er schreibt nun, seine Aufgabe — er ist Ingenieur — sei beendet, er habe es in der Hand, nach Europa zurückzukehren oder einen Bau in einem andern Weltteil zu leiten, was er von mir abhängig macht. Was schreibe ich ihm?
„Nein, Sie können mir natürlich nicht helfen. O wie traurig das macht, nicht zu wissen, was gut für uns sein wird! Wissen Sie, was mein Leben bisher gewesen ist? Gut war es, reich, liebevoll und angefüllt mit tausend schönen Dingen. Klingt es nicht lächerlich, zu sagen, daß ich oft sehr unglücklich bin und darbe? Mein Leben ist wie ein blaues Wässerlein hingeflossen, wohin rinnt es? Muß es nicht irgendwo hinlaufen, all seine kleinen Schätze zusammenraffen und sagen: Da!? — Niemals wird es das können. Ich habe ja nichts, ich habe alles ja nur für mich, es bleibt in mir und bringt weiter nichts hervor. Das bißchen Gutsein mit Uto (das bin ich) meinen Sie, das gilt? Nichts kann ich ordentlich. Ein bißchen zeichnen, ein bißchen malen, ein bißchen schreiben und ein bißchen Klavier spielen. Dafür weiß ich freilich entsetzlich viel, was hilft mir das? Ich bin doch eine Frau, und die will, was sie auch habe, immer nur drei Dinge, das Allereinfachste: einen Menschen liebhaben, für ihn sorgen — da hab ich ja nun Uto — und so viel Kinder haben, wie sie kriegen kann. Ich werde niemals Kinder haben können, weil ich als Mädchen einmal krank gewesen bin und operiert werden mußte. So hab ich denn mein Leben nur für mich allein. Mit keinem andern Leben kann ich es verbinden und weitergeben, ich kann hier nicht bleiben, wenn meine Zeit um ist, ich gehe ganz fort, wie ich allein gewesen bin. Nur die Erinnerung bleibt vielleicht eine Weile.
„Hier,“ sagte der Maler, „legte ich damals den Brief fort. Ich hatte inzwischen das Bild dort angefangen und saß davor, als ich den Brief las, und an dieser Stelle fing ich wieder an zu malen, als ob irgend etwas mich antriebe, fertigzumachen. Ich arbeitete auch einige Tage, mußte aber wieder aufhören, weil ...“
Er unterbrach sich: „Ich will eben zu Ende lesen.“
„Nun, schreibt sie, bin ich also bei diesem Briefe aus Afrika angelangt. Mein Vater ist ja so reich, daß schon früher, so unglaublich es scheint, Leute gekommen sind, die mich mit in Kauf nehmen wollten. Als Juden waren sie aber patriarchalisch gesinnt, wollten also Erben haben, und wenn mein Vater ihnen in meinem Auftrage sagte, daß sie darauf bei mir nicht zu hoffen hätten, gingen sie wieder. Ich glaube auch, daß kein ordentlicher Mann, der eben nicht eine Frau über alles liebt, sie heiraten wird bei der Gewißheit, daß die Ehe kinderlos bleiben wird. Nur dieser Christ hier ist standhaft geblieben. Er ist ein guter, ernster, tüchtiger Mensch, er teilt auch meine Neigungen in seiner Art, wir würden uns gewiß vertragen.
„Denken Sie, mein guter Junge, das ist nun das erstemal, daß man mich vor einen Entschluß gestellt hat. Ja, und hier, wo es einmal aufs Leben ankommt, habe ich also nichts gelernt. Was werde ich ihm schreiben? Noch nie habe ich einem Menschen etwas geschrieben, das ihn traurig machen konnte. Es muß aber wohl sein ... Nun und so weiter.“
Der Maler faltete den Brief, steckte ihn ein und schwieg.
Überdem ward Georg inne, daß seine Gedanken, wie seine Augen, schon seit geraumer Zeit an Anna hafteten. Ob sie wohl ganz verstand, was der Maler gelesen hatte, ob sie es empfunden hatte? — Er sah ihren am Boden stehenden linken Fuß im weißen Schuh und das sichtbare Stück des sanft gerundeten weißen Beins, wie es im hellen Schatten des Rockes verschwand, und er fröstelte leicht, auf einmal, da seine Augen höher gingen, im Unsichtbaren, denn er konnte sich keine rechte Vorstellung machen von dem Bein und seiner Bekleidung, nur daß dort alles süß und süßer und atembeklemmend wurde, empfand er. Abgleitend, verwirrt, sah er mit kälterem Schauder ihr liebliches Gesicht, gesenkt, Schatten der Lider unter den unsichtbaren Augen, den blassen, zarten Mund und das seltsam lebendige Haar, in dem ein Hauch, ein Gold und ein Wesen war, das Sehnsucht erregte, das es so anders machte als jedes andre Haar, als sein eignes vor allem, dergestalt daß es sinnlos schien, es mit ein und demselben Namen zu nennen. War nicht — ja, war nicht seines nur gewachsen, um den Kopf zu bedecken, — aber das ihre war Verlockung über und über. Seine Haut im Nacken krauste sich, es durchloderte ihn, sie an sich zu drücken, ganz und gar, ihren Leib zusammenzudrücken, alles zu wissen, alles ... Und sie? dachte er, dies abschüttelnd. Ach, was dachte sie, was dachte sie nun? Flog sie vielleicht — nur scheinbar, nur mit ihrer Haltung lauschend — über Meer und Inseln, Wolken zu, von Wolken beschattet, unbegreiflich hoch über der festen Erde? Dachte sie an ihn? fühlte sie ihn? —
Magda hob langsam die Lider, langsam das Gesicht, und plötzlich waren da ihre Augen, dunkel und fremd, auf ihn gerichtet — und dann lächelte sie — und wurde wieder ernst — und jetzt — jetzt errötete sie ganz langsam, aber immer tiefer ...
Georg hörte die Stimme des Malers, zwang sich fortzusehn und zu hören, erinnerte sich der Judith, sah einen fernen, unbestimmten Frauenkopf in einer Dämmrung, — was hatte sie geschrieben? „... mich in Kauf nehmen wollten, so unglaublich es scheint ...“ O, das war hart wie eine Stahlfeder! — Der Maler sagte:
„Nun also das Ende. Ende September ... So, ich muß erst noch sagen, daß ich inzwischen ein Atelier in der Nähe von Judiths Wohnung bezogen hatte. Ende September also schrieb sie mir den Tag ihrer Ankunft aus München. Am Tage vor dem für ihr Kommen angesetzten wurde ich durch einen Boten zu ihr gerufen. Sie war schon da, war zwei Tage eher gekommen. Nun war ein Unglück geschehn, sie war überfahren worden, sie lag im Sterben.
„Wie das zugegangen war, klärte sich eigentümlich auf. Ein Augenzeuge des Unfalls war ein Bekannter des Hauses. Er hatte, besonders von weitem, eine gewisse Ähnlichkeit mit mir in Gang und Haltung. Judith war kurzsichtig. Nun hatte dieser Herr Judith an einer Straßenkreuzung auf dem jenseitigen Gehsteig herankommen sehn — zwischen ihrer und meiner Wohnung. Er hatte gesehn, daß sie ihn bemerkte und ihm lebhaft zuwinkte, was ihn verwunderte — es galt aber mir —, und sie war dann, ohne achtzugeben, über den Damm gelaufen und von einer Straßenbahn zu Boden geschleudert.
„Sie konnte noch ein paar Tage leben. Am Morgen des folgenden Tages kam sie zu Bewußtsein, sprach mit ihrem Vater, schickte ihn hinaus und blieb mit mir allein. Sie wußte, wie es mit ihr stand, und sprach ruhig davon. Ich habe Papa beauftragt, dafür zu sorgen, daß du nie wieder Mangel leidest, sagte sie. Es fiel uns nicht auf, daß sie mich du nannte. Dann kam ein Augenblick der Schwäche, wo sie die Hand über die Augen legte, etwas weinte und gestand, das Sterben sei so bitter. Nun sterbe ich aber doch durch eine gute Torheit, sagte sie, ich, die ich so viel nichtsnutzige Klugheiten konnte. Um deinetwillen bin ich auf einen fremden Menschen zugelaufen, aber wir laufen immer auf fremde Menschen zu, und dann liegen wir unter den Rädern. Sonderbar geht es zu im Leben ... Und sie fand es sehr gut, daß ich noch viel törichter gewesen sei und nicht gemerkt hatte, daß eine Frau einen Mann über alles lieben muß, für den sie das tut, was sie für mich getan hatte. Sie wußte alles, und alles —“ Bogner lächelte fremdartig vor sich hin — „alles konnte sie ausdrücken wie der al Manach. — —
„Was sie sonst sagte, war nur für mich.
„Nun fragte sie nach ihrem Bilde. Als ich sagte, es sei unterlegt, verlangte sie, daß ich es fertig machte. Sie wollte vor ihrem Tode noch wissen, sagte sie, daß doch ein Hauch von ihr hier oben bliebe, wo es hell und warm sei. — Ihr Schlafzimmer war groß und licht, das Bild wurde hereingeschafft, ich fing auch gleich an ...
„Aber vorwärts kam ich nicht. Das Fenster war offen, ich hörte die Bienen und Käfer unter den Kronen der Bäume summen und konnte nichts sehn, bis ich fühlte, wie die Zeit fortrann. Vom Bett her hörte ich sie mehrmals etwas sagen, — ich sollte doch rauchen, sonst würde es wohl nie etwas werden. So ward es denn alltäglicher.
„Sie starb, aber daran durfte nicht gedacht werden. Nicht gedacht, das ist es. Aber das Sterben war im Zimmer, es war in meinen Augen und meiner Hand, und es ist auf die Leinwand gekommen, und — und so sieht es nun aus. — —
„Die Nacht wurde schlimm, nun — alles das braucht nicht gesagt zu werden. Ich begann zu malen am andern Morgen, als sie noch schlief, malte bis zum Nachmittag, und dann wurde ich lahm. Nur ihr Gesicht fehlte. Ich konnte es nicht mehr finden. Das war schlimm.
„Sie selbst war schon sehr verändert, ihr Gesicht sah kindlicher aus und ganz klein, die Augen wollten sich nicht mehr öffnen. Nebenan hörte ich ihren Vater über den Teppichen auf und ab laufen. Wenn ich ihr Gesicht in der Dämmrung hinter den Bambusrohren und fliegenden Reihern ihres japanischen Wandschirms betrachtete, konnte ich sehn, wie das Leben gleich dünnen Schalen davon weggenommen wurde. Als sollte überhaupt nichts übrigbleiben. Einmal faßte ich mir ein Herz und redete sie an, in der Hoffnung, sie möchte noch einmal die Augen öffnen, aber sie konnte nicht. Die Zeit verging, und dann half es ja nichts, ich ging zur Staffelei und öffnete ihre Augen.
„Das wurde es, was Sie da sehn. Sie ist es nicht. Ich weiß nicht, was es ist. Es ist das, was ich gemacht habe.
„Gegen Abend wars fertig. Ich trug es in die Nähe ihres Bettes, sie erwachte, sagte, es sei so bunt, — und schlief noch einmal für eine Stunde ein.
„Später sprach sie noch mit uns, aber — — nun, das reichte für viele Jahre. Sie schwieg, wir warteten noch auf ein letztes Wort, aber es kam nur das langsame Kaltwerden.“
Der Maler war still. Es war dunkler geworden, und Georg sah, daß die Sonne hinter einem riesigen Gemäuer von weiß und grauem Gewölke stand, gerade in der Öffnung der Allee durch das Wäldchen. Magda hatte sich mit ihrem Stuhl wieder herumgedreht und sah zu dem Bilde auf. Bogner erhob sich, kam langsam durch den Saal bis zu Georgs Fenster und klopfte seine Pfeife aus auf dem äußeren Sims. Eine Weile später sagte er, hinausschauend:
„Sie war so dunkel und traurig innen. Aber das Bild, das von ihr gemalt wurde, ist Sonne, Wärme und kein Schatten als der eines Falters, der vorüberfliegt. Ich habe es nicht gemalt; durch mich wurde es gemalt. Sie war der Gottheit lieb. Ihr Sterbliches liegt auf irgendeinem Friedhof bei irgendeiner wilden Stadt. Es ist eine schmerzliche Frömmigkeit in der Welt, — sie hat keinen Namen. Sie war in ihr und in dem, der dies gemacht hat. Das genügt.“
Georg hatte vor verdunkelten Augen undeutlich die Schrift auf dem Bilderrahmen, und es zog ihm, seltsam einschnürend, durch die Brust: Liebe vergeht, doch es bleibt, was der Liebende schuf ... Vorgebeugt sah er von weitem einen Schein des Gemalten. Es leuchtete selbsteigen und zeigte geheimnisvoll sein unsterbliches Eigentum, den Schmelz von Dauer und Vergängnis auf einem Gesicht, das die goldene Luft berührt.
Augenblicke später merkte er, daß ein überstarker Seufzer seine Brust anfüllte, er mußte sich zurücklehnen und ihn langsam und vorsichtig entlassen, damit er nicht hörbar würde.
Im gleichen Augenblick gewahrte er, daß der Maler neben ihm sich zusammenraffte, einen Schritt zurücktrat und sich tief verbeugte. Georg wandte sich. Seine Mutter stand in der Tür.
Die Herzogin
Für Georg ging von der Erscheinung seiner Mutter ein Licht aus — Schreck und Staunen —, das er im ersten Augenblick kaum begriff. Sie stand da, voll in einem tiefen Sonnenglanz, gekleidet in ein gelbliches Gewölk, das an ihr rieselte, schlank, unverhofft groß, jedoch zierlich, und über dem sehr schlanken, freien Halse schwebte das schmale und zarte, hagre Gesicht mit gebogener Nase, zu deren Seiten, unter starken, schmerzlichen Brauen, die unbeschreiblich klugen und dunklen, braunen Augen leuchteten, — und aus dem dunkelbraunen Haupt kurzgeschnittener Locken fiel hinter der linken Ohrmuschel hervor die eine, kostbar lang und schwer gewundene bis hinunter am Hals in den Ausschnitt des Kleides. Ja, so stand sie, schwebend; Georg erinnerte sich nicht, sie je so gesehen zu haben, — freilich — wie oft hatte er sie gesehn in den letzten Jahren? keine sechsmal, und das letzte war Monate her. — Überdem streckte sie nun lächelnd den rechten Arm nach Bogner hin aus, und während der sich zum Kuß auf diese plötzlich erschienene kleine Anmutslinie, diese Welle von Fingern, Fingergliedern und Knöcheln, Handrücken, Handgelenk und Arm beugte, eilte Magda von der Seite heran, um an ihrer linken Hand zusammenzusinken, die vom leicht und schräg emporgestützten Unterarm so leicht herabwehte wie ein Blatt, worauf sie das Mädchen an sich zog, mütterlich mit dem Arm umschloß und küßte.
„Wie schön, Herr Bogner, daß ich Sie gleich zuerst treffe!“ sagte sie, „nicht wahr, Sie sind der Maler?“ Und, wieder zu Magda gewandt: „Nun, mein Kleines, was giebt es denn Gutes?“
„Ach, Tante Helene, etwas Herrliches! Ich bin geflogen, denke dir, mit einem Flugapparat, den Onkel Woldemar erfunden hat, er ist hier, ja, du kannst ihn sehn, wenn du magst, er steht gleich hinterm Wäldchen auf der Wiese!“
„Aber natürlich, den muß ich sehn. Stiefeln wir los!“ sagte sie munter, „ist noch Zeit vor dem Abendessen?“
Georg blickte auf die Uhr, fand, daß es halb acht war, und sagte, es sei noch eine halbe Stunde. Seine Mutter nahm Magdas Arm und wandte sich zum Gehn, indem sie, den Maler mit einem zweiten, womöglich noch köstlicheren Lächeln beschenkend, zu ihm sagte, sie liebe sein Bild sehr, weil auf ihm das Allervergänglichste zu so viel Stille und Ruhe geworden sei; immer sei es wie der tröstliche Wink eines holden Geistes, sooft sie daran vorübergehe.
„Und nun,“ sagte sie, über die Schulter den Kopf zu dem Bilde hinwendend und wieder zurück, „nun müssen Sie mir gleich etwas erklären. Wie ist das mit der Kontur? Darüber wird doch heut so viel gestritten, und die einen sagen, es gebe gar keine ...“
So ist sie nun ... dachte Georg. Einmal alle hundert Jahr kommt sie zum Vorschein und weiß alles —, aber was sagte denn dieser Maler da, dieser unglaubliche Mensch?
„Hoheit,“ sagte der Maler, „wenn ich bei meiner Malerei je einen Grundsatz befolgt habe, so weiß ich von diesem Augenblick an, daß er recht war ...“
„Ach,“ meinte sie lächelnd, „von diesem Augenblick? das ist reizend! Und nun den Grundsatz!“
„Alles, was lebt, Hoheit, leuchtet — wie es beleuchtet von außen wird — von innen, und wo das äußere Licht mit dem inneren sich mischt, da ist die Kontur. Sie ist sehr flüchtig, sie ist der Augenblick, in dem Gegenwart aus Vergangenheit und Zukunft besteht, die Ruhe auf der Flucht. Bin ich zu verstehn, Hoheit? Die Linie, wo das äußere Licht Seele wird und die innere Seele zu Licht, das ist die Kontur.“
Sie sah ihn ernsthaft an. „— wo das äußere Licht Seele wird?“ antwortete sie. „Aber wie wird es Seele?“
„Ja,“ sagte er nicht minder ernst, „und wie wird die innere Seele zu Licht?“
„Das war eine schöne Antwort“, nickte sie, im langsamen Vorwärtsgehn mittlerweil an der Saaltüre angelangt, die der Maler öffnete. Georg wollte folgen, als ihn plötzlich ein Zufallsblick auf Bogners Gemälde zurückhielt. Er ging rasch darauf zu, trat darunter und spähte angestrengt zu ihm empor.
Nein, sagte er bei sich selber, sie sieht doch nicht wie Mama aus, wie kam ich nur darauf?
Ihm war auf einmal sonderbar ängstlich zumut. Er suchte, weshalb das so war; vor seinen wieder gesenkten Augen flimmerten die auf dem Tapet liegenden Noten, er setzte sich auf den Drehstuhl, drückte gefühlsverloren eine Taste nieder, und minutenlang verging ihm alles in Leere.
Ja, nun weiß ich schon, sagte er aufschreckend und aufatmend. Hoheit, sagte er, und sie war nur ein Freifräulein aus Schleswig, und wie hatte er doch recht! Einen Tropfen königlichen Abenzerragenbluts soll sie freilich haben, ja einen Hauch womöglich von Boabdil el Chico her, aber —, den Zusammenhang einen Augenblick über phantastischen Vorstellungen versunkener, alhambrischer Herrlichkeiten verlierend, glühte er wieder auf. So sieht sie aus, so tritt sie hervor aus ihrem Dunkel, und dies Dunkel ist ihr Leben, da muß sie begraben sein, und es ist kaum einer, der es weiß und danach fragt. Ein Tier kann sich klaglos verkriechen und untergehn, aber mit ihr — — es ist doch —, ja, sollte man nicht meinen, daß mit dem Augenblick ihres Untergangs ein ganzer Hofstaat mit Damen und Rittern und Trabanten und Sklaven versinken sollte? Aber wie komm ich darauf? Ach! Boabdil el Chico, er zog ja wohl mit dem Untergang seines Reiches in den Berg ein, wo sie alle mit ihm schlafen, um in Mondnächten einmal zu geisterhaftem Leben zu erwachen ...
Wieder emporsehend aus seiner Beklemmung, gewahrte er noch immer und unwandelbar die leuchtende Fremde über sich sitzen.
Ja und du, sprach er vor sich hin, dich hatten wir gleich wieder vergessen, und ich weiß nicht einmal: ist das, was er von dir erzählte, wirklich gewesen oder nur erfunden, als könnte ich es in einem Buch gelesen haben? Nein, nein, es ist nur so mit dir: sprechen kann man nicht mehr von dir, kein noch so gutes Wort macht dich lebendig, alles, was von dir übrigblieb und lebt, das bist du dort oben. Wäre das dein Leben gewesen, was er erzählte? Begriffe warens doch, Auszüge, erklärende Exzerpte aus dem Lebensbuch, nicht das Leben selbst. Nicht Feuer des Auges und Luft beim Gang und Eintreten ins Zimmer, nicht die schlaflosen Nächte selbst und das Ankleiden am Morgen, wenn alles fremd scheint, und man weiß nicht, wozu. Die Stimme nicht, nur ein paar Gedanken, eine Flaumfeder des Daseins, — es war ja nur Bogners Stimme, war nur sein Ohr, sein Auge und Herz, die von alledem einen Abdruck genommen hatten und uns nun fühlen ließen mit schlecht empfindendem Finger. Was fehlte nicht alles an Wirklichkeit! All das unwichtig Scheinende grade, das doch das Allerwichtigste ist! — daß — ja was? Man vergißt es ja, so leicht ist es, aber daß, wenn sie sagte: Wir wollen zum Garten gehn, — sie eben davon nichts sagte, oder etwas sagte, das gar nichts galt, denn da war die Gebärde, in der schon der Garten war, an der man schon erriet, was sie wollte, eine Wendung des Halses, zu der sie vielleicht sagte: Wie wärs ... Oder: es ist ganz klar geworden, wir können am Ende ... Ach, und so war ihr Hauch fern an ihm vorübergezogen, lebend und sterbend, aber ihr Leben und ihr Sterben, die hatten ihn nicht getroffen, die waren ja lange abgetan, sondern daß der Maler sagte: Es ist eine schmerzliche Frömmigkeit ... Nein, nicht einmal das, sondern: Das genügt ... Oder — auch dies nicht, sondern wie er es sagte, wie er die Pfeife ausklopfte und dann dastand und aus dem Fenster sah, und wie zu fühlen war, daß wieder in ihm lebte, was er einst getan und litt, und wie er das nun am Ende alles, alles zusammengriff und knotete in diese zwei Worte: Das genügt ... Und dann? Ja dann stand Mama in der Tür ... Lieber Gott, wie furchtbar, wie seltsam ist nur das Leben ...
Plötzlich fiel Georg ein, daß er sich ja zum Essen anzukleiden hatte, er schrak zusammen und lief hinaus.
Wie er aber den Flur hinunter am Treppenhaus vorübereilte, gewahrte er plötzlich unterhalb, in der ersten Biegung des Geländers Maler Bogner, der sein Skizzenbuch darauf gelegt hatte und darin zeichnete. Georg trat einen Schritt näher und blieb stehn, gleich darauf hob der Maler unten den Kopf, sagte: „Sie sinds“, machte wieder einen Strich und rief auf einmal, erwacht und emporsehend: „Achtunddreißig Jahre, nicht wahr, Durchlaucht?“
„Wie?“ fragte Georg unverstehend.
Der Maler richtete sich auf, schlug sich mit der Hand auf die Stirn und sagte: „Welch abscheuliche Taktlosigkeit! Ich fragte nach dem Alter der Herzogin.“
Georg lachte. „Ja, das kann stimmen, sie ist drei oder vier Jahre jünger als Papa, und der ist im Februar —“
„Ich wußte es ja“, sagte Bogner, der ganz heiß und rot aussah, wie Georg jetzt entdeckte. „Eine Frau von achtunddreißig Jahren, wenn sie schön ist, ist der Inbegriff.“
„Ist Mama denn schön?“ fragte Georg, nicht weil er es nicht glaubte, sondern um es zu hören. Der Maler zog die Brauen hoch und lächelte.
„Dummheiten“, sagte er. „Schönheit ist das einzige, was es nie gegeben hat!“
„Nanu?“ — Ihre Stimmen hallten im Treppenhaus. „Was ist denn Schönheit, bitte?“
„Sie giebts ja nicht, sag ich doch. Oder — — ich will Ihnen sagen — — es steht im Faust. Wissen Sie die Stelle? Wie fängt es gleich an?
Wie alles sich zum Ganzen webt, Eins in dem andern wirkt und lebt ...
„Hören Sie wohl, junger Mensch? Eins in dem andern wirkt und lebt!
Wie Himmelskräfte auf und nieder steigen Und sich die goldnen Eimer reichen! Mit segenduftenden Schwingen Harmonisch all das All durchklingen!
„Harmonisch, haben Sie es gehört? Vollendung in sich selbst, Ordnung, Harmonie, etwas andres hat es nie gegeben. Warum giebt es uns denn, Maler, Dichter und so weiter? Damit wir sie herstellen. Wir sehen sie, und wir stellen sie her, indem wir das eine weglassen und das andre betonen, jene Teile betonen, welche die Harmonie ergeben. Wir breiten das Kleid der Muttergottes und ordnen die Engel herum, wir ziehen aus einem Bündel Suppenkraut, einem Tontopf und einer gewürgten Ente drei Tupfen von erlauchtem Grün, und da fühlen Sie sich wohlgetan an Ihrer plötzlich sehenden Seele! Was aber schön ist, leuchtet aus ihm selbst! Haben Sie das nie gelesen? Unglaublich! Achtunddreißig Jahre alt und die Mutter dieses Knaben!“
Er lachte, aber merkwürdig verwirrt. Georg lachte mit, an seiner ganzen Seele geschmeichelt und getröstet, daß die Mama einen solchen Feuerbrand in diesen Maler geworfen, vielmehr Wasser aus dem Felsen geschlagen hatte, denn wie strahlte er auf einmal von Beredsamkeit. Jetzt, da er sich schon zum Tiefersteigen gewendet hatte, kam der Maler hingegen die zehn Stufen heraufgelaufen, blieb unter Georg stehn und sagte:
„Haben Sie das eigentlich gesehn? Die rechte Hand, mit dem Arm, wie ich sie bekam, und wie das floß! Und die linke erst, wie der Oberarm nach unten ging, und der Unterarm wieder nach oben, und dann die Hand und die Finger herabflatterten wie ein Weinblatt, und wie all das floß aus der Gestalt und wieder zurück, und dann die Locke, haben Sie vielleicht die Locke überhaupt gesehn? Ach, sieh an, waren Sie das nicht, der mich heut fragte, was eine Seele wäre? Haben Sie sie nun gesehn, diese Seele eines Armes und einer Hand? Herzogtümer!“ rief er, „und ich werde es malen!“
„Wenn sie nicht so leidend wäre ...“ sagte Georg traurig und leise.
„Ach,“ meinte Bogner, der sich um das Leiden nicht zu kümmern schien, „es brauchten ja keine endlosen Sitzungen sein! Eine gute Photographie täte es auch, und wenn ich die Herzogin nur noch dreimal, nur noch einmal sehn könnte ...“
Georg nickte lebhaft. „Bitten jedenfalls müssen Sie darum! Es wird sie ja so freuen! Wir müssen uns hinter Papa stecken, wissen Sie! Er muß sich das Bild als Geschenk ausbitten, aber es wird höchste Zeit, wir sind beide noch nicht im Frack, entschuldigen Sie, und auf Wiedersehn!“
Aufgeregt und entzückt und beklommen entlief er.
Nach dem Waschen, nötiger Befriedigung sonstiger Bedürfnisse und dem Ankleiden, womit er, vom Diener unterstützt, in Minuten fertig wurde, fand Georg, daß seine Erregtheit einen hohen Grad von Kälte und seltsamer Starrheit angenommen hatte. Er mußte die Brust dehnen und tief atmen, allein es half nichts, die Pressung, die Atemnot blieb, die Hände, obwohl blank und trocken, schienen ihm feucht, seine Gedanken irrten, er dachte fortwährend, in solchen Bruchstücken jedoch, daß ihm selber nichts mehr bewußt wurde, doch dachte er an Anna. Die Uhr einsteckend, bemerkte er, daß noch ein paar Minuten an acht fehlten, und trat, um sich zu sammeln, noch einmal in sein Zimmer und am Schreibtisch vorüber vor das rechte Fenster, das er öffnete. Die Hände flogen ihm plötzlich dabei, sein ganzer Oberkörper zitterte nach, in heftigster Angst neigte er sich vor, um nach ihr zu sehn ...
Aus den vielen Schatten umher war unterweil alles Schatten und Abend geworden. Ringsum standen die Wipfel in schöner Glut, die sie von Westen durchbrach; das Geräusch des Meers war in der Ferne hörbar, die Luft war kaum bewegt und schon kühl. Auf der Terrasse war der Abendtisch gedeckt. An der Brüstung lehnte Onkel Salomon mit einer Zeitung und las. Egloffstein, alt, rasiert und gebückt, ging lautlos um die Tafel, rückte an den Stühlen und drückte eine gefaltete Serviette zusammen; plötzlich glänzte der Atlas seiner Kniehosen ganz rot auf der einen Seite. — Sonst war niemand zu sehn.
Wie einsam bin ich auf einmal! dachte Georg. Ja — bin ich es nicht immer, wir alle? Aber der Abend! Es ist so fremd und verworren alles, aber der Abend dringt so einfach und so sanft in das Blut. — Wieder von innerem Frost geschüttelt, grub er sich heftiger ins Gedachte. — Das Wirkliche, ja — wie ist es immer so fern und wie verschollen, unbegreiflich wie die Toten und ihre Erinnerung, wie diese Judith, die gewiß allen glücklich schien, — so wie Mama, wenn sie einmal erscheint, — und die lebte, damit ihre scheidende Seele in die Farbe eines glückseligen Bildes schmelze, ach, eines Bildes, das tröstet und belebt, wie Mama doch sagte. So über alle Maßen stark ist das einfach Sichtbare und das Leuchtende, das Schöne! —
Georg sah die rote Sonnenscheibe plötzlich durch die alten Baumwipfel glühn. Gereinigt lag alles da, atmete sanften Eifers und ward dunkel.
Ach, da gehen die Beiden! — Hinausgebeugt sah Georg weit zur Linken ein paar ganz goldene Stämme am Rande des Hains, ein Busch daneben stand in feurig roter Lohe, unbegreiflich stille brennend und unverzehrt. Wohl von der äußeren Allee her, die Georg nicht mehr sehen konnte, kamen die beiden Frauengestalten langsam Arm in Arm, auf den Busch zu und vorüber, die weißlichgelbe und die lichtgrüne, und jetzt, da sie vor die Lichtung der Mittelallee gekommen waren und stehenblieben, flammten sie, glutübergossen, rötlich und golden auf; dann bewegten sie sich wieder, erloschen und wanderten im Bogen um den riesigen grünen Platz unter dem Nordflügel einher, so daß Georg nun auch die Gesichter sehen konnte. Hoch darüber, in seliger Lautlosigkeit brannte ein feuerdurchronnener Wipfel. Der Himmel war nun weit aufgetan und nur Licht. Georg hörte die Tauben auf dem Dache unsichtbar, dort, wo es noch ganz hell war; unten der Schatten ... Geliebte und Mutter, beide wie fremd, wie schön, wie verzaubert! Da schien ihm der Garten unten ein magischer Garten, eine Gegend, wo Abgeschiedene sich ergehn, die mehr still als glücklich sind, obgleich von vieler Schwere befreit. Er, oben darüber, konnte nicht hinein, — und wollte er vielleicht?
Ach, das war der Schein, das war der Abend! Nun war sie für eine Stunde von den gröbsten Qualen befreit, für eine Stunde ... Du lieber Gott, es gab ja viel Ärmere, immer noch Ärmere! solche, die unter Brückenbogen schliefen, und Zuchthäusler und Sibirien und entsetzliches Menschendasein, zu Dutzenden in einem Zimmer, mit allem Schmutz und allen Verrichtungen zusammengepfercht, und dies war der Grund der Welt, abgründig in immer tieferes Leiden hinunter, und er hier oben, nach Thronen und Kronen lüstern, wie rechtlos!
Da erinnerte er sich. Ja, habe ich das denn ganz vergessen? fragte er sich fast entsetzt. Warum vergaß ich denn das so? — Überdem aber erschien ihm das Gesicht seines Vaters während der letzten Minute ihres Beisammenseins, erschien ihm Zug um Zug, wie eingebrannt in die Luft, und plötzlich mußte er denken: Aber wie sonderbar, daß er immer nur von mir sprach! Das bedachte ich ja gar nicht! Von meiner Großjährigkeit sprach er, und daß dann die Jahrhundertfrist abgelaufen sein würde, — und übrigens, warum lächelte er fortwährend so geheimnisvoll? Und warum will er selber, er ist doch kein alter Mann, warum also will er selber nicht zur Regierung? Er hielt ja freilich vom Ganzen nicht viel, aber mich wollte er doch, scheints, dazu haben! Seine Lahmheit? Oder ist es der Kummer um Mama, die an nichts mehr teilnehmen kann? Ja, würde es anders sein, wenn er, wenn sie Beide gesund wären — —?
Indem erschienen der große Chalybäus und Baschkirtseff vom Verwalterhause her und trafen mit den Frauen, die sich umgewandt hatten, zusammen. Der Mime verneigte sich vielmals. Er wird sie belustigen, dachte Georg, und sie wird ihn am Halfter haben wie ein Maultier. Jetzt wurde in der weit offenen Tür zum Vogelsaal der Herzog sichtbar, wankte, mit den Stöcken vorausfußend, eilig zum Tisch und setzte sich; Egloffstein trug die Stöcke ins Haus.
Georg, Anna mit einem Blick streifend, mußte plötzlich die Augen schließen. Es brandete rot, grüne Kreise erschienen, und während sie sich vor und zurück dehnten, zwang er Anna, zu erscheinen, sie kam, nein, sie lag an ihm, er spürte ihren ganzen Leib, Brust und Knie, ihr Kopf lag an seiner Schulter, von übermäßigem Durst erfüllt, beugte er sich darauf, es zerging ...
Der Leutnant, grün und rot in Jägeruniform, kam mit Bogner um die Ecke des Nordflügels, Magda ging ihnen entgegen, Georgs Mutter stieg eben die Terrasse hinauf; an Doktor Birnbaum, ihm zunickend, vorüber ging sie um den Tisch zu ihrem Mann und küßte seine Stirn, während er sich halb erhob. Nun haben sie Beide Mitleid miteinander, dachte Georg und konnte sich, verschwimmenden Auges, nicht losreißen vom Hinsehn. Ist das Leid, fragte er sich, vielleicht noch trauriger, wenn es so schön ist? — Ach, du, du, du, herrschte er sich an, du siehst ja immer nur zu, und was zum Teufel liegt daran, wie etwas aussieht, oder was es bedeutet, da doch ganz blind ist, wer leidet, und nichts sieht als die Qual, tage- und jahrelang!
So entschloß er sich, aufzustehen, und ging hinaus.
Abendtisch
Also darum? Merkwürdig! dachte Georg, als er, anstatt durch das Haus zu gehn und vom Vogelsaal her die Terrasse zu betreten, um die Ecke des Flügels kommend, Magda allein zur Seite der Treppe bei den Rosenstöcken stehn sah, in der Absicht scheinbar, eine zu pflücken, derweil oben über der Brüstung eben die Andern sich um den Tisch niederließen, so daß von ihnen alles verschwand, während Georg näher ging, bis auf Köpfe und Schultern. Eiskalt, von Schaudern Zitterns innerlich mehr als äußerlich fortwährend überlaufen, klopfte ihm stärker das Herz bei dem Gedanken, daß sie und er jetzt von keinem gesehen wurden. Als er den Weg von der Seite her auf sie zuging, blickte sie um, errötete sonderbar und lächelte. Georg, nach einem Einfalle jagend für eine Verabredung nach dem Essen, fand nichts und sagte schließlich stockend, auch von einer plötzlichen und süßen Reue ergriffen: „Du mußt mir noch von deinem Fluge erzählen, ja?“
Da hatte sie sich wieder dem weißen Rosenstock zugewandt, der etwas niedriger war als die andern; das Gras um ihn her war wie bei den andern mit abgefallenen Blättern bedeckt, und von den Blüten am Strauch waren nur wenige noch vollkommen, auch diese, weit offen, zeigten ihre gelben Staubgefäße. Er sah das alles, neben ihr stehend, während sie nur leise, ohne zu antworten, den Kopf hin und her bewegte, dann, vom Wege sich etwas überbeugend, den Stamm erfaßte und leicht schüttelte, so daß noch Regentropfen und eine Menge Blätter abflatterten; gleichzeitig, als ob sie allein wäre, sah sie nach oben, wo Stimmengewirr und Gelächter tönte und ganz rechts der Kopf von Georgs Vater im Profil sichtbar war, links von ihm Kopf und grüner Rücken des Leutnants. — Sie wollte nun eine noch halb geschlossene Rose ablösen, aber der Stiel war zäh, Georg sah versunken zu, wie sie heftiger zerrte, — Blätter über Blätter entflatterten beständig, er dachte, sie macht Schmetterlinge ... endlich hatte sie die weiße Blüte in der Hand, nahm sie in die andre, bemerkte einen roten Tropfen am Mittelfinger der rechten, drehte sich langsam zu Georg und streckte ihm lächelnd den Finger entgegen, sanft damit über seine Lippen streichend, so daß der Tropfen sich vermischte. Ihr Kopf sank allgemach auf die Brust ...
„Anna! — Ist dir etwas? — Anna!“ brachte er heiser hervor.
Sie sah verwirrt auf, schien plötzlich zu begreifen, wo sie war, lachte hell auf.
„Nachher! Nachher!“ rief sie ihm zu, während sie den Weg hinab, um die Ecke und die Treppe hinauflief. Georg begriff nichts und sprang hinterdrein; die letzten Stufen ersteigend, sah er, wie sie die Rose, um den Tisch laufend, vor Bogner auf den Teller warf. Georgs Mutter neben ihm sah auf, lächelte und nickte erst Magda, dann ihm selber zu, und er setzte sich auf den freien Stuhl ihr gegenüber zwischen den Leutnant und Magdas Vater. Noch sah er, wie sie, links von seiner Mutter sich setzend, sich vorneigte, um dem Maler zuzunicken, dann glitt ihr Blick zu ihm herüber, und als er ihn traf, versüßte ihr ganzes Gesicht mit einem innern Erschrecken sich dergestalt, daß ihm das Herz stillstand. Sie schlug die Augen nieder. Nun wußte er alles, alles! Einen Augenblick war alle Angst verflogen, das Süße, das er bekommen hatte, durchsickerte ihn, langsam kehrte die Angst, und heftiger nur, zurück, aber nun lauerten Ahnungen, überwältigend schon von fern, in der Tiefe, Triumphe, von denen er den Blick wegwenden mußte, um alles aufzusparen, und so saß er denn in sich selbst wie in einem schütteren Gehäus von Gluten und Frost, aß derweil, nahm von Schüsseln und Platten, die links von ihm erschienen, und aß Salat, oder Mayonnaise, kalten Braten, oder was es nun war, saß und brauste, und war umbraust von vor- und rückwärts bewegten Gesichtern, Augen, die ihn streiften, lachenden Mündern, Gabeln, die auf und nieder gingen, Gläsern, sah dazwischen plötzlich das Gesicht von Franz, der, eine Schüssel reichend, mit unerschüttertem Ernst und teilnahmslos darauf niederblickte, und schon war alles vergangen, eine Wasserfläche schien vor ihm zu sein, in die beständig kleine Steine geworfen wurden, so daß es Ringe gab, die sich ausdehnten, einander kreuzten, aufhörten und wieder begannen, bis das Wasser schaukelte und Wellen schlug. Tief unten darin war vielleicht Annas Gesicht oder ein Rosenstrauch und ein durchdringendes Auge in ihm.
Einmal hörte er lauter Gelächter aus dem Wirrwarr, jedes einzeln, Annas leichtes, reines, Baschkirtseffs prächtiges, schön abgedämpftes Bühnengelächter und das helle, ehrliche des Leutnants. Einmal war da Bogners Gesicht, einsam, irgendwie dunkler als die andern und wie aus Erz. Einmal dachte er, sie schössen unablässig mit kleinen Pfeilen aufeinander über den Tisch, und eine Weile später merkte er, dies Pfeileschießen war die Unterhaltung. Richtig, wie Federbälle, ungefährlicher als Pfeile, flogen die Reden hin und her, wurden aufgefangen und zurückgeschlagen, wobei der Auffangende sich mitunter weit hintenüberlegen mußte, und übrigens schienen mehr Bälle im Spiel zu sein, als verwandt werden konnten, denn nicht selten kam es vor, daß einer ganz unbeachtet blieb und irgendwo auf die Tischkante fiel und hinunter, wobei nur der, welcher ihn geschlagen hatte, ihm nichtssagend nachlachte. Ja, was war das nun eigentlich?
Da sah er sie alle um den Tisch sitzen, aus der ganzen Windrose schienen sie zusammengeweht: Leutnant und Mime, junges Mädchen und Maler, Papa, Mama, Onkel Salomon und der große Chalybäus, und doch war dies ein schönes und glattes Hin und Her, und war ein Wetteifer dabei, so wars der, möglichst sicher zu werfen, nicht zu gewinnen, sondern im Gegenteil es dem Mitspieler leicht zu machen, aber wie brachten sie das fertig bei ihrer Verschiedenartigkeit, und wie hatten sie sich mittags gestritten, wo es doch noch weniger waren?
„Warum so still, mein Junge?“ hörte er indem seine Mutter sagen und sah sie auf einmal zu ihm herübernicken.
Freilich, natürlich! Sie war das Ganze. Mittags waren es ja lauter Männer gewesen — unter denen Anna kaum gelten konnte. Dies aber war ein Gewebe, und seine Mutter war die Meisterin davon. Sie hatte den Aufzug unsichtbar bereitet, sie hielt alle Fäden des Einschlags in der Hand und ließ sie hineingleiten, ohne daß jemand es merkte, als hätte sie sich in alle verteilt und lenkte sie von innen, in jedem erratend, was paßte, und mochte sie sich einmal geirrt haben, so war sie es wieder, die es mit unmerklichem Griff veränderte, so daß es paßte und im Gewebe verschwand. Sogar der Baschkirtseff hatte alle Selbständigkeit aufgegeben; zwar glaubte Georg sich zu erinnern, daß er eine Schnurre von Kainz und ihm selber erzählt hatte, aber sie war ganz klein, und ein Anekdotenerzähler mit Maßen durfte in einer richtigen Gesellschaft ja so wenig fehlen wie der Narr im mittelalterlichen Hofstaat. — Und bei alledem hatte sie es noch fertiggebracht, seine Schweigsamkeit zu bemerken ...
„Mein Sohn Georg“, sagte sie jetzt, „war gewiß sehr traurig, daß er nicht mit Ihnen fliegen konnte, Herr Leutnant! Meine kleine Magda war ja außer sich vor Entzücken. War denn das aber nicht zu gefährlich, auf die See hinaus ...“
„Ach,“ sagte der Leutnant, „das Meer war immer vorne, weil ich aber doch mit geistigem Auge immer hinter mir war, hab ichs gar nicht gesehn.“
„So, sie saß hinter Ihnen“, bemerkte die Herzogin leicht, wie zur Erklärung für sich selber, während der Leutnant Magda anlachte, die dunkelrot wurde, aber tapfer erwiderte, davon hätte sie nichts gemerkt, er hätte ihr bloß die Aussicht weggenommen mit seinem Lederrücken und außerdem ihren Schwan überfahren.
„O, war das Ihrer, Gnädigste? Ich lasse sofort einen neuen kommen. Wo bekommt man die?“
Die Herzogin wies ihn an Doktor Birnbaum, der wisse alles, und er sagte gleich: „No — in Alfeld, oder jedenfalls bei Hagenbeck.“
„Hagenbeck?“ sagte der Baschkirtseff, von der Herzogin angesehn, „der hat ja bloß Apen und Boren, und auf einem Pappfelsen hat er einen Kondor angebunden, ich hab mal ’n Plakat —“
„Wer war bei Hagenbeck?“ fragte die Herzogin. „Ich muß wissen, ob er Pinguine hat. Die sollen ja die klügsten Tiere sein, und seit mein Mann das Buch von Anatol France gelesen hat, wünscht er sich immer Pinguine zu Weihnachten.“
Sie blickte auf Chalybäus, und richtig, der hatte sie gesehn. Sie gingen hin und her, sagte er, und wackelten mit dem Kopf. Sie sähen wie Dekane aus und könnten nicht mal fliegen.
„Man wird es ihnen beibringen“, erklärte der Leutnant Georg großmütig, während seine Mutter sagte:
„Ich fürchte, Woldemar, Herr Leutnant Kaspar wird beim Fortfliegen noch die Wetterfahne von Helenenruh mitnehmen oder ...“
„Die Wetterfahne, Helene? Ein Leutnant und Wetterfahnen? So was mußt du nicht sagen. Wenn noch —“ Georg hörte den Baschkirtseff einen Vers aufsagen, in dem sich Mensch auf wetterwendsch und „äußerst wenig vaterländsch“ reimte, während der Herzog zu Ende sprach: „— der alte Stechlin lebte, der sammelte ja welche, da könnte er sie hinbringen.“
„Also, Chalybäus, da müssen Sie aufpassen!“ mahnte die Herzogin.
„Ums Himmels willen, Durchlaucht! Ich habe eine erwachsene Tochter, man wird sie mir über Nacht entführen, samt Wetterfahne und allem!“
„Was für Zeiten!“ klagte sie. „Früher kamen Götter in Schwanengestalt, heute werden Schwäne überfahren, wobei mir die Leda von Klinger einfällt. Hat er nicht jetzt ein Wandbild in Leipzig gemalt? Kennen Sie es, Herr Bogner?“
Bogner war seines Wissens nie in Leipzig gewesen.
Dann mußte Georg es wissen, und, von seiner Mutter lächelnd angeblickt, merkte er sich schon den Mund öffnen und erklären, es wäre eigentlich kein Bild, sondern mehr eine große Illustration.
„Was für einen klugen Sohn ich doch habe“, sagte seine Mutter und hob die Tafel auf. — —
Zu Georg sagte sie dann, als er zum Handkuß zu ihr kam, er dürfe jetzt einmal eine Weile verschwinden, sie habe mit seinem Papa ein paar Worte zu reden, und er merkte an ihrem Lächeln tief gerührt, daß es sich um seinen Geburtstag handle, — auch daran dachte sie. Anna, die plötzlich neben ihm stand, meinte leichthin, sie könnten vielleicht noch ein Stückchen gegen den Deich gehn, zu Lornsens Mühle, und sehn, wie der Mond aufginge.
„Schieß Mäuse! Georg!“ rief sein Vater, „bleibt aber nicht zu lange, sonst trinken wir die Bowle allein!“
Georg nickte und lachte, sich erinnernd, daß von einer „Pelikanbowle“ die Rede gewesen war, und hörte im Enteilen noch seine Mutter ihm nachrufen, er solle Stiefel anziehn, da es gewiß noch naß in den Wiesen sei.
Über Treppen und Flure gestürmt, schöpfte Georg Atem auf einem Stuhl im Ankleidezimmer. Jetzt kam es, jetzt, jetzt! Alles stand in ihm still, Leere war, furchtbare Beklommenheit, die selig machte. Aufspringend, wühlte er sich in den Kleiderschrank und fand einen pfefferundsalzfarbenen Rock mit Taschen, Klappen, Riegeln und Hornknöpfen, den er anzog, während er mit dem Fuß die Türen zum Stiefelschrank öffnete. Eine Minute später stand er völlig besinnungslos auf dem Flur und suchte in allen Abgründen seines Gedächtnisses, was er vergessen hatte. Endlich fiel ihm das Teschin ein, er lief die Treppe hinab und durchs Billardzimmer in die Gewehrkammer, wo er sich dreimal im Kreise drehte, ahnungslos, was er hier wollte, das kleine Jagdgewehr in der Ecke stehn sah, einen Schrank aufriß, eine Handvoll Schrotpatronen heraus, und sie in die Tasche stopfte. Den Flur ging er langsam hinunter, jetzt in großer Furcht. Er merkte, daß er, das Gewehr in der Linken, eine Patrone in der Rechten, beständig beide miteinander verglich, ohne ihren Zusammenhang zu erraten, doch ging er ihm nun auf, er schob die Patrone in den Lauf, sicherte und hörte sich halblaut und zitternd murmeln, was er innerlich schon die ganze Zeit gemurmelt hatte: „Warum gabst du uns die tiefen Blicke ...“
Achtes Kapitel
Sonnenuntergang
In der Haustür am Ende des Flügels blieb Georg stehn; er mußte Atem schöpfen. Sieh, es dämmerte schon ... Still zog von rechts, vom Rasen her, der Sandweg vorüber, nach links zu den leeren Wiesen mit wenigen Baumgruppen hin. Gegenüber lag das Wäldchen stille und dämmrig; im Innern dunkelte es und wurde schon farblos. Hoch oben grünten noch die Wipfel, umrieselt, selbst verrieselnd, vom Licht. Georg ging nun vorsichtig um die Büsche und den Rasenstreif am Haus nach rechts, sah Annas lichtes Kleid drüben in der Dämmerung der Gebüsche, und von der Terrasse her den Maler über den Rasen kommen. Also tat Georg, als habe er es überaus eilig und fragte den Maler, vor ihm vorüberlaufend, zu seinem eignen Entsetzen, ob er auch mitwolle; er hörte ihn etwas von Kühen und „im Dunkeln ansehn“ murmeln, rief ihm albernerweise zu, er möchte die Kühe von ihm grüßen, und lief weiter, doch hatte ihn durch diesen seinen Zuruf eine bodenlose Lustigkeit und ein teufelsmäßiger Mut überfallen, die ganze Welt zu umarmen, — was verschlug darin ein kleines Mädchen wie Anna! — Die sagte, als er herankam: „Da kommt der Mäusemörder!“ und war scheinbar ebenso fidel wie er.
Während sie nun Seite an Seite die Allee hinabschlenderten, zerbrach Georg sich den Kopf, wie er es anstellen könne, sie — so ganz unauffällig, aus irgendeinem triftigen Grunde — beim Arm oder unterzufassen. Er mußte so tun, als ob irgendein Einfall ihn dergestalt erregte, daß er ihn herausschleudern und sie dabei zu fassen kriegen mußte, wie man so tut im Eifer des Gefechts, aber aus dem Nachdenken geriet er nur an die Frage, wie wunderlich das sei, daß er heute und jetzt einen Grund brauche, sie anzurühren, während früher ... Da riß er sich zusammen, wollte eben hervorstoßen — und ihren linken Ellbogen, der schon fast seine Brust berührte, so dicht ging er hinter ihr, erfassen —: Weißt du eigentlich, Anna, daß ich Herzog werden kann? Allein, im letzten Augenblick noch besann er sich und dachte, er behalte es besser für sich, bis sie ihm ganz gehöre, — und außerdem — dies alles schien ihm im Augenblick so unglaubhaft, so entlegen und auch so nebensächlich, daß er schwieg.
„Warum hast du denn eigentlich diesem Maler eine Rose geschenkt, he?“ fragte er plötzlich zu seinem eigenen Erstaunen. Welch verfängliche Frage!
Sie blieb stehn und sah ihn an. Den Ausdruck ihres Gesichts verstand er nicht. Er schien so, als sei er nicht fertig geworden, Ansatz nur zu allem möglichen, liebevoller Vorwurf vielleicht, oder auch Spott ... Sie schwieg aber, warf die Schultern ein wenig und ging weiter, ja — und nun war der Frost und die Angst, — alles war wieder da.
„Hast du ihn denn nicht auch gern?“ hörte er sie jetzt fragen und erschrak süß über die Verschleiertheit ihrer Stimme, über die Abbitte darin und die Demut, — was alles ihn anduftete aus ihrem unsichtbaren Gesicht, das sie abgewandt hatte von ihm, ohne es dabei aus seiner graden Richtung nach vorn zu bewegen ...
„Gern?“ fragte er mit rauher Stimme. „Ach Anna —“
Jetzt, da wars! Er packte ihren Ellenbogen, den sie augenblicks krümmte, um die Hand an den Halsausschnitt zu legen, so daß sie im selben Nu untergefaßt gingen, während er eifrig und erregt redete:
„Weißt du, Anna, was ich an Bogner gelernt habe? Sag, hast du ihn wohl lächeln gesehn? Ja, aber hast du auch gesehn, daß er zwei Lächeln hat?“ Sie schüttelte sacht den Kopf. „Eins mit dem Munde und eins mit den Augen, und das eine ist für die Leute, das andre für — also für seine eigene Seele, wenn sie lächeln muß, aber wie schön das ist, das hast du doch gesehn?“ Sie nickte.
Da waren sie am Gatter und blieben stehn. Vor ihnen lagen die ansteigenden Wiesen dunkel, ergraut, im Zwielicht, hinter dem der durchsichtige goldene Westhimmel stand, höher in brennendes Weiß und Gelb und langsam über Weiß und himmlisches Grün in lichtes Blau überschmelzend, und Georg sahs und trank den Geruch der feuchten Wiesen und Blumen, während er weiterhastete mit Worten, Leib und Seele durchströmt vom Gefühl ihres Beieinanderstehns in der Einsamkeit und Enge des Wiesenlandes, in dessen breites Fenster diese sanfte Unsterblichkeit verglühender Farben hingelagert war.
„Nun höre“, sagte er. „Ja Jensens — Johannes Vau, nicht Wilhelm! — also in Jensens Gletscher kommt das vor, wie der Mensch, der Urmensch zum ersten Mal lächelt. Er jagt eine Frau — sie sind noch ganz wild, weißt du, und fressen sich — und wie er sie niederwirft und schon den Mund aufreißt, sie zu beißen, da läßt er den Mund offen stehn, weil er auf einmal sieht, daß sie ein Weib ist und so schön, — und das, sagt Jensen, war das erste Lächeln, das dann beibehalten wurde: er zeigt die Zähne, zum Zeichen, daß er nicht beißt, nicht beißt, verstehst du, ungefähr so, wie man sagt: Hunde, die bellen, beißen nicht ...“
Da ging ihm der Atem aus. Hätte er nicht den Mund geschlossen, würden die Zähne aufeinander geschlagen sein, und auch von dem, was er noch sagen wollte, war keine Spur mehr zugegen, nur eine eisige Leere im Gehirn, während er merkte, daß sie sich von ihm losmachte, an das Gatter trat und die Arme darauf legte. Er wußte nichts, als ebenso zu tun, und konnte nach einer Weile fortfahren.
„Und siehst du nun, dies erste Lächeln, dies mit den Zähnen, das ist — sagen wir Zivilisation, der erste Anfang des Menschen. Das Lächeln in den Augen aber, das ja nicht er allein hat, sondern wir alle, — wir sind ja nur gewohnt, auch gleichzeitig mit dem Munde zu lächeln, ja —“ er trat näher zu ihr, — wie duftete auf einmal ihr Haar! — „ja, denke einmal nach, versuche einmal, wirklich zu lächeln, etwas Schönes zu denken und zu lächeln, dann tust du nicht wie auf der Straße, wenn jemand grüßt, der dich nichts angeht, daß du die Zähne zeigst, sondern es fängt in den Augen an, und sie ziehn sich zusammen, tus mal, tus doch mal ...“
Sie wandte langsam den Kopf herum, sah ihn an und lächelte. Ihre Lider zitterten, nun hoben sich bebend die Mundwinkel, schon wollte er sich darüber herstürzen, als sie plötzlich in helles Lachen ausbrach.
„Ja, du kannst bloß lachen!“ sagte er trotzig, warf die Flinte am Riemen von der Schulter und hängte sie mit Nachdruck über den Pfosten, indem er sich von Anna abwandte. Und so blieb er stehn.
„Bist du böse?“ hörte er sie nach einer Weile leise bitten. Erbarmungswürdiges Mitleid schnürte ihm die Kehle zu, aber er schwieg. Das Herz klopfte ihm im Halse. Was sie jetzt sagte, darauf kams an! — noch konnte er nicht, noch konnte er ...
„Soll sie da hängenbleiben?“ hörte er sie nach einer endlosen Minute mit gewöhnlicher Stimme fragen.
„Ja!“ sagte er.
„Ist sie geladen?“
„Ja!“
„Wenn sie nun wer findet, und sie geht los? Nein, nimm sie mal gefälligst mit!“ befahl sie und schrie im selben Augenblick leicht auf: „Hu, da kommt schon was!“
Georg fuhr herum. Aus dem Buschwerk, links vom Wege kroch raschelnd ein schwarzes Untier hervor, eine schwarze Kröte, groß wie ein Hund, und schleppte sich mühselig, von einem Fuß sich auf den andern werfend, dahin, — Artaxerxes, der schwarze Schwan; der eine Flügel schleifte am Boden nach.
„Ach Gott, ach Gott, das arme Tier!“ jammerte Anna und näherte sich ihm, aber er reckte sich sofort auf, blähte sich, schlug mit dem gesunden Flügel, sperrte den blutroten Schnabel auf und fauchte.
„Früher fraß er mir aus der Hand,“ klagte sie, „wenn die Leute krank werden, werden sie bösartig, Tante Irmintrut war auch so. Meinst du, daß er am Leben bleiben kann? Er wird sich doch erholen, und Futter bekommt er ja von uns. Versprich mir, Georg, daß er leben bleibt!“
Georg tat es gern, dem unseligen Tier nachblickend, das inzwischen weitergewatschelt war, hin und wieder zornig nach dem herunterhängenden Flügel hackend, wobei er dann vornüberfiel, bis er die Allee überquert hatte und ins Dickicht eintauchte und rauschend verschwand.
„Komm, laß uns gehn“, flüsterte Magda. Er nahm schweigsam seine Flinte wieder, öffnete das Gatter, und sie gingen wortlos durch das hohe Gras bis ans nächste Knicktor, einem aufrechten Brett über drei Stufen. Georg half ihr die schmale Treppe empor; oben blieb sie stehn, noch auf seine Hand gestützt, und rief: „O, ich kann die Sonne noch sehn! Gleich verschwindet sie im Dunst! Ach, welch herrliche Farben!“
Georg, emporblickend, sah ihren Kopf, der allein in das Licht ragte, hell gerötet Antlitz und Haar unter einer feinen Aureole goldener Härchen.
„Ach, Georg!“ seufzte sie nach einer Weile aus tiefstem Herzen, „es ist himmlisch!“
„Was denn, mein Kind?“ fragte er väterlich aus seiner Schattentiefe nach oben.