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Helianth. Band 1

Erstes Buch. Hochsommertag oder Die Kinder (continued 2)

Reading edition

„Ich glaube,“ murmelte er, „es wäre mir und Anna lieber, wenn sie ein simples Dasein ohne Größe und Glorien haben könnte.“

Der Maler sah sich nach ihm um und lächelte sein bezauberndes Lächeln.

„Ich war Ihnen gleich gut, Prinz,“ sagte er freundlich, „dafür plage ich mich gern mit Ihnen. Nicht wahr, Sie glauben an die Dichter. Das ist wacker, bloß — es verdirbt ein wenig die Anschauung. Was die Dichter sagen, das glänzt, haben Sies nie bemerkt, und was sie glänzend machen, das lodert zum Himmel. Aber wie ich schon sagte: was hilft es der kleinen Chalybäus, ob ich und Sie an ihre Zigeunerin glauben, und was hilft es ihr, ob jemand anders ihre Taten groß und ihr Dasein glorreich sieht. Sie hat ihr Leben, wie ich meines habe, wie Ihr Vater, Ihre Mutter, Sie selber. Für die Zuschauer kommt es ja nun immer auf die Beleuchtung an, das ergiebt dann später Geschichte, und daraus schöpfen Ihre Dichter das Glänzende.“

Georg, dem es irgendwie schien, als wolle der Maler auf etwas noch andres hinaus, als was seine Worte angaben, unterbrach ihn.

„Ich verstehe ja, Sie sind ein Maler, Sie dozieren die malerische Ethik, nein, nein!“ rief er glühend und geängstet, „ich bitte Sie, sagen Sie mir, ob Sie selber dran glauben. Glauben Sie, daß ihr dies geschehen wird?“

„Da würde ich mich an Ihrer Stelle doch an die Tatsachen halten“, versetzte Bogner kühl.

„Warum weichen Sie mir aus?“

Bogner schwieg, zog einen kleinen Bleistift aus der Westentasche, schob ihn einmal in seiner gelbgegriffenen Blechhülse hin und her, steckte ihn wieder fort und schien frische Langmut geschöpft zu haben.

„Wer, liebe Durchlaucht,“ sagte er, „wer giebt Ihnen eigentlich das Recht, meine Gedanken gehört zu bekommen?“

War das grob? — — Nein, grob nicht, nur anders.

„Ich dachte nur,“ brachte Georg zögernd und bescheiden vor, „im Gespräch sagt man, was man denkt, oder man lügt. Sie aber, verzeihen Sie, wenn ich das sage, Sie — Sie sprechen eigentlich nicht, sondern Sie antworten, Sie sind ein Schweig—“

„Ja, sehen Sie,“ unterbrach Bogner ihn ganz erfreut, „ich sagte ja, Sie wüßten alles sehr gut!“ Georg wurde verlegen und froh, als er den Maler fortfahren hörte: „Ich meinte ja nur, es würde Ihnen nichts nützen, zu hören, was ich denke. Was ich wirklich denke, hören Sie ja doch nicht, sondern nur, was Sie gern wollen, daß ich denke. Das Wort ist insofern eine große Lügenbrücke.“

Georg war begeistert und gab ihm strahlend recht. „So ist es“, sagte er. „Ich drücke meine Gedanken in Worten aus, und Sie meine Worte wieder in Gedanken, dabei geht natürlich das meiste verloren, es ist sehr traurig.“

„Das Wort ist gut,“ entgegnete der Maler, „sagen Sie nichts gegen das Wort. Bedauerlich sind allenfalls die Menschen. Jeder will vom Andern hören, was er selber denkt; bekommt er das nicht, glaubt er, der andre will ihm seine Meinung aufreden, und das will der ja auch meist. Sie wollen einander überreden, dann zanken sie sich, und die Verständigung ist beim Teufel. Aber im Verkehr so untereinander, da entsteht ein halbes Begreifen, ein Mittelding zwischen Gesagtem und Gehörtem, das genügt.“

„Nein, das genügt mir freilich nicht“, seufzte Georg und dachte an Tasso. Es rührte ihn, sich mit Tasso, den Maler mit Antonio zu vergleichen. Ach, dachte er, Eleonore hat ihn auch nicht verstanden! Giebt es aber nicht wenigstens auserlesene Stunden, giebt es kein Zusammenfluten unter den Brücken? Muß man vielleicht schweigen lernen? Ah, das gäbe am Ende einen Schluß auf die Entstehung des Kusses! Meine süße Anna, dachte er betrübt, was ist mit dir? — Die Sehnsucht übermannte ihn, er dachte an ein süßgoldenes Verstehn und wurde trauriger, weil sie nicht ihm sich anvertraut hatte, sondern diesem Antonio. Da raffte er sich noch einmal auf.

„Aber Kunst,“ sagte er, „ist Kunst nicht auch eine Sprache? Sie sind ein Künstler, behaupten Sie nicht, diese seelenverkündende Sprache zu besitzen, zu ahnen, zu erraten, was in uns, was in allen Dingen vorgeht, was für ein Sinn darin ist oder so, achten Sie nicht auf die Ausdrücke! Die Seele, Art, Leid, was Sie wollen, — dies zu sagen, zu offenbaren?“

Der Maler schwieg eine Weile, wie es schien bedeutend nachsinnend.

„Nein“, sagte er endlich. Er winkte mit der Hand und wiederholte: „Nein, das ist nichts. Die Dilettanten sagen das immer, und alle, die über die Dinge nachdenken. Ich will damit nicht sagen, daß ich nicht auch ab und an etwas dächte, aber wissen Sie —“ Der Maler war augenscheinlich nicht nur um Worte, sondern um alles verlegen und schloß plötzlich kurz: „Man malt eben.“

Er lachte leise und innerlich und setzte dann hinzu:

„Es giebt so wenig Seelen; am besten sitzt man für sich allein und bastelt so herum. Manchmal wirds was, manchmal nicht.“

Das war ja schrecklich banal! Georg war tief enttäuscht, da alle Aufschlüsse ausblieben. Und dieser Mensch, der so klug, der geradezu verschlagen geredet hatte, — nun, wo er über seine Kunst, sein Innerstes reden konnte — —, oder tat er nur so? Wollte er nicht? Er mußte es noch einmal versuchen.

„Ich verstehe, wie Sie es meinen“, sagte er bescheidenlich. „Sie malen, wenn ich so sagen darf, Ihre Seele in Ihr Bild, und der Betrachter sieht die seine heraus, nicht wahr? Es ist genau wie mit der Sprache eben.“

„Ja,“ sagte dieser Mensch hocherfreut, „genau so ist es! Es ist ganz einfach, ich sagte es ja: man malt eben. Man kann etwas, das ist selbstverständlich; und man hat eine Seele, das ist auch selbstverständlich; nachher ist man denn Holbein oder vielleicht Vermeer. Andre wieder sind nachher vergessen. Was verstehen Sie übrigens unter Seele? Es geht etwas in einem vor, es bewegt sich, eine gewisse Neigung nach Ewigkeit, und für das, was einen bewegt, findet man in der Umwelt die Belege gewissermaßen, die Gleichnisse ...“

„Wir erkennen uns selber im Spiegel der Umwelt“, sagte Georg gedankenvoll.

„Oh!“ rief der Maler aufspringend und ans Fenster tretend, „wenn Ihnen mit Schlagworten gedient ist, weiß ich ein ausgezeichnetes, das ich mir selber ausgedacht hab, nämlich: Kunst ist zu scheinbarer Objektivität gesteigerte Subjektivität. — Praktisch ist natürlich alles umgekehrt.“

„Wieso?“ fragte Georg, verdutzt vom Stuhl an der Tür zu ihm aufsehend, der sich mit dem Rücken ins Fenster lehnte und die Ellbogen in die Hände nahm.

„Weil es da die Beispiele, die Belege draußen sind, an denen man sich selber zu erkennen glaubt; das geht so hin und her.“

„Ja,“ fuhr Georg verstehend fort, „alles ist Spiegel, alle Erscheinungen, und wir selber sind tausendfach gebrochene Spiegelbilder.“

„Und dies,“ hörte er den Maler langsam sagen, „dies sind denn wohl so die Dinge, von denen man reden kann.“

„Und die wirklichen, was wären die?“

„Ach, so viel“, sagte Bogner. „Eine Kontur, so ein Kobaltblau in der Dämmrung, oder die Kerbe eines Blattes, und der Ansatz am Stiel, oder eine Nasenwurzel, — ja, das sind schon Dinge, schon Dinge ...“ schloß er ganz nachdenklich.

„Eigentlich aber,“ sagte er, den Kopf hebend und den ebenfalls sehr nachdenklich gewordenen Georg voll anblickend, obgleich der, weil er gegen das Fenster sah, seine Augen nicht erkennen konnte, „eigentlich aber wollte ich Ihnen nicht dieses sagen.“ Er verstummte und sprach nach einer Pause sehr freundlich, fast liebevoll weiter.

„Es ist so schwer“, sagte er langsam. „Ich kann es Ihnen freilich sagen, denn Sie werden ja trotzdem tun, was Sie müssen, und sich um mich nicht kümmern. Es ist ja so schön, wie Sie alles, was um Sie her sich ereignet, in Angriff nehmen und durchdenken, aber — ich meine: es ist wie mit den griechischen und lateinischen Dichtern und mit Schiller in der Schule, an denen die grammatischen Regeln und der Aufsatz gelernt werden, wozu sie doch — eigentlich — nicht da sind. So benutzen Sie, wie alle guten jungen Leute, die Schicksale der Andern, um daran denken zu lernen.“

Er schwieg. Georg, ziemlich betroffen, sah ihn mit wagrechtem Finger sich unter der Nasenspitze reiben und hörte ihn fragen: „Kennen Sie Indien? Ich habe einmal gehört, daß die jungen Männer dort nicht in Schriftstellern und Algebra unterrichtet werden, sondern in — Lebensfertigkeit gewissermaßen, wenn auch die geistige Arbeit dortzuland sich wohl vorwiegend mit dem Leben nach, nicht mit dem vor dem Tode beschäftigt, aber nun — sie brauchen sich ja dort nicht vor Fahrplänen und elektrischen Bahnen in acht zu nehmen.“

Georg, in dem Glauben, daß noch etwas kommen solle, schwieg ehrfurchtsvoll und zugleich auf eine ihm schmeichelnde Weise gehoben, da der Maler zuletzt sich so viel ernsthafter gegeben zu haben schien, daß es ihm vorkam, als sei er selber älter geworden während ihres Gesprächs.

„Danke schön!“ sagte er nun aufspringend und lachte, „nun muß ich aber fort.“

„Wenn Sie meinen,“ sagte der Maler mitlachend und ihm die gereichte Hand drückend, „daß ich Ihnen jetzt doch meine Gedanken offenbart hätte, dann irren Sie sich. Es waren nur die von heute vormittag; die richtigen, die von voriger Woche, die hab ich für mich behalten.“

So ging denn Georg, nicht ohne starke Zweifel am zuletzt Gehörten, die er sich schuldig zu sein glaubte.

Schreibzimmer

Coeur de fleures — coeur sans peur ... Der Vers geriet im Augenblick, wo Georg die Tür hinter sich schloß, in sein Gedächtnis, während sich zugleich eine so heftige Beklemmung um seine Brust legte, daß er sich, gedankenlos den Flur in irgendeiner Richtung hinuntergehend, nach ihrem Grunde fragte und alsbald herausbekam, daß er Annas erschütterndes, vielleicht zu — sonderbares Erlebnis während der letzten halben Stunde vergessen hatte; vergessen, obgleich er nur deswegen geredet und so auf den Maler eingedrungen war. Er stieg die Treppe hinunter und fand sich gleich darauf im strömenden Regen. Er hätte trockenen Fußes durch das Haus gehen können, aber er gönnte es sich, naß zu werden, wie Jakobsens Fennymore sich den Schnee, als ihr Mann tot lag und der elende Lhyne übers Eis kam. Was hatte der Maler gesagt? Schiller und Herodot und dergleichen ... Hatte er recht? Gegen die wild heruntergießende Strömung ankämpfend, erinnerte ihn der Anblick des im Regen schattenhaften Turms auf der Ecke an seine Mutter, der nichts so wohl tat wie die elektrische Luft beim Gewitter, während ihr Herz eine regelrechte Behandlung mit elektrischen Strahlen nicht vertragen hatte, und dies erleichterte ihn wieder. Die leere Fläche der Terrasse, auf die er zuging, ohne Möbel und Sonnenzelt, lag bräunlich und schütternd wie eine Wasserfläche mit den Kreisen der tanzenden Regenjungfern bedeckt; es plätscherte über die Stufen, auf dem dunkelbraun gewordenen Wege darunter kreuzten sich hundert bewegliche Rinnsale und Schnellen; die kleinen, weißen, dunkel und rosaroten Wolken der Rosenstöcke schwammen in den Regenschleiern hin und her, aufgeregt wie die bunten Kinderballons im Winde; einzelne Blätter trieben flackernd davon und segelten auf den Regenbächen, während oben in den Steinurnen die roten Geraniumranken in sich geduckt geduldig stillehielten. Alles wie frisch, wie lebendig und kühlig, — ja, und nun mußte er obendrein vor der verschlossenen Tür stehn und warten, bis auf sein Klingeln ein Diener kommen würde. Sonderbar war der Anblick des dämmrigen Saals durch das nasse Glas, wo in den sechs deckenhohen Nischen auf vielen Konsolen übereinander die hundert kleinen Vogelfiguren aus Meißener Porzellan in ihren bunten Farben leise leuchteten, hier das satte Rot eines Dompfaffen, das Gelb eines Pirols, das Grün eines Zeisigs oder Wellensittichs, und wie still hockten sie alle!

Nasser geworden als vorhin im Teich, so kams ihm vor, konnte er endlich eintreten und ging, das Gesicht mit dem Taschentuch abtrocknend, links hinüber zur Tür, hinter der es von Schreibmaschinen klapperte. Er öffnete und trat, noch die Hände trocknend, durch die Spalte — schon wütend angerasselt vom wetteifernden Geklapper der beiden Maschinen — in den großen, hellen Raum mit drei Fenstern.

Das Mädchen am mittleren Fenster, das ihm den Rücken wandte, sah sich flüchtig um und fing an, auf ihrem Diktatblock zu lesen. Fern drüben am dritten Fenster bewegten sich fuchsrote Wellenscheitel in die Höhe, und dieses Wesen Fliddridd sah ihn blicklos an aus ihrem runden, weißen Gesicht. Sie kniff dabei die winzigen Augenschlitze zwischen dicken Lidern fast zu, während zwischen den Zähnen und leuchtend geraniumroten Lippen hervor langsam die Zungenspitze zum Vorschein kam, wieder von einem andern Rot, mehr bläulich, worüber Georg sich wunderte, auch über die Art, wie ihr ganzes Gesicht nun wie eine Seifenblase lautlos in Lachen zerplatzte.

Gans! — Georg wandte sich ab und sah an der langen Wand der Aktenregale voller Ordnungsmappen den Doktor sitzen, breitbrüstig und stämmig vor seinen zusammengeschobenen, mit einem entsetzlichen Wirrwarr von Papieren beladenen Schreibtischen. Ach, was hatte der Mann doch für ein prächtiges Gesicht, so von der Seite besonders! Georg sah die vollen, gerundeten und geröteten Wangen, das starke Kinn, den hängenden braungrauen Schnurrbart, den mächtigen Uhuschnabel der Nase und den nachdenklichen Blick der feurigen, braunen Augen mit starken Tränensäcken unter hochgezogenen Brauen auf die schreibende Feder gerichtet, — und nun, da er sich umwandte, hatte er die volle Ansicht von vorn: den Nasenrücken grade und streng und lang, die kräftig roten Wangen und die majestätische Giebelung der Stirn mit den hochgeschwungenen Brauen, während er mit seinem, immer gleichsam königlich erstaunten Ausdruck und nicht ganz anwesenden Geistes gleichwohl sehr erfreut lächelte.

„No — Georg?“ fragte er, noch immer ausbleibenden Geistes, doch teilnehmend immerhin.

„Du siehst doch aus wie König Saul“, sagte Georg näher zu ihm tretend. Er zog die Brauen noch höher, wiegte den Kopf jüdisch und hob die Schultern, lachte und sagte, langsam zurückkehrenden Geistes, halb geschmeichelt, aber abwehrend: „Ich soll wissen, wie ich ausseh!“ worauf er mit der Hand in die Brusttasche griff, eine braunlederne Zigarrentasche mit Metallrändern hervorholte, öffnete und sie Georg hinhielt, indem er die Klappe mit der Hand zurückbog.

„No — o, du rauchst doch ’ne Zigarre, Georg?“ sagte er, und, da Georg sein Zigarettenrauchen vorschützte, „no — was das schon heißen soll!“ — er wiegte wieder, seiner Sache gewiß, den Kopf — „ich weiß doch, was ich weiß!“ und lachte, da Georg jetzt zugriff, verschleimt und heiser, hustete sich aus — „siehst du wohl!“ mit triumphierendem Kopfschütteln und lachte vor sich hin, indem er, auf der Suche nach irgendwas, Papiere und Aktendeckel aufwarf, über der Tischplatte tastete und schließlich eine Streichholzschachtel und eine abgeschliffene, gelbliche kleine Zigarrenschere zum Vorschein brachte, — allein nur äußerlich, innerlich längst wieder bei seinen Sachen. Während Georg seine lange Zigarre beschnitt, nahm er selber eine, entzündete sie beide mit einem Streichholz, setzte sich breit und rund im Armstuhl zurück und schlug die Beine übereinander.

Das Gesicht des Malers erschien Georg, seltsam anders gegen dies soviel prächtigere; und, woher, mußte er sich fragen, kommt wohl dieses? — Er sah an der Wand von Doktor Birnbaums Wohnzimmer in Trassenberg die große, graue Vergrößerung einer Photographie des Vaters Birnbaum, der Synagogenhüter gewesen war, aber sein Gesicht mit wallendem, lockigem Vollbart glich ungemein dem des Kaisers Friedrich: die Nase freilich würde von der Seite wohl den Haken gehabt haben, den Georg eben vor sich sah.

„No — Georg,“ fragte unterweil seine breite, etwas nasale Stimme, „was ist das mit Magda? Mir wird da gesagt — — was weiß ich?“ Er überließ seinen fragenden Augen das Ende des Satzes.

Georg wehrte ab, es sei gar nichts, jemand, ein Fremder, ein Bekannter des Malers, den er wohl gesehn habe, sei in den Teich —, Georg brach ab, da ein unsichtbares Telephon anzirpte. Doktor Birnbaum warf wieder alles mögliche zur Seite und übereinander, Aktenbogen, blaue und gelbe Mappen und offene Briefe, griff den Telephonhörer von der Gabel und sagte, den Ellbogen auf die Platte stützend, hinein: „Ja?“

„Immer sagt er bloß „ja“ ins Telephon“, bemerkte Georg halblaut zu Fliddridd hinüber, die lachte: „Nich wahr?“

„Flora?“ hörte Georg ihn weiter sprechen, „mit Magda? Ja, das frage ich ja eben.“

Er lachte, drehte sich im Hören zu Georg und redete, ihn mit seitwärts horchenden Augen anblickend, weiter, so daß Georg das Gefühl hatte, er und seine Frau drüben redeten gleichzeitig.

„Ja ... ja. Georg ist eben da. — — Ja. — — Ich frage ja eben, er sagt ... No, was wirds denn schon sein? Gar nichts wird es — — Was? Hineingeritten? No, er kann dirs ja selber ... Wie? ... Er kann dirs ja selber, sag ich ... No, also schon gut. Erkältung? Ach, wo wird sie sich gleich erkälten! Das Wasser — — — was? — — das Wasser ist ja ganz warm. Also — —“ Seine Stimme mit den breiten Altenrepener A-Lauten wurde allmählich kleiner, er sagte nur noch eine halbe Minute lang: „Ja — — ja — — ja — — ja — — ja — — ja — — ja — —“

Auf einmal legte er den Hörer hin, hatte sich aber kaum zu Georg zurückgewandt, der behaglich wie im Schauspiel den feinen Rauch seiner Zigarre schluckte, so flötete es wieder, er nahm den Hörer wieder, sagte sein: „Ja?“ und nach einer Weile schmolz sein ganzes Antlitz langsam in großen, verklärenden Glanz auseinander, sein ganzes, kräftiges Gesicht triumphierte, er lehnte sich breit zurück wie ein Bankdirektor und schrie, während Georg schon verging vor Wißbegier:

„Also wer — — also wer hat das gesagt? Was hab ich gesagt, Durchlaucht, was hab ich —?“ Er klopfte, aufgeregt Zeugnis ablegend, mit den Fingerspitzen der linken Hand auf den Rockaufschlag, so daß der Aschenklumpen von der Zigarre über den Handrücken fiel und zerstäubte, und, den Kopf in zufrieden gekränktem Triumphgefühl wiegend, redete er fort:

„Heute morgen, hab ich gesagt, würde er —“ Georg lauschte angespannt, um etwas zu erraten, „heute morgen, sagt ich,“ wiederholte er beschwörend, „würde er — — — also, no! Wer hat also recht gehabt?“ Er lachte nachgiebig: „Ich weiß doch, was ich weiß ...“ Und, nachdem er gehorcht hatte: „Ich weiß doch, was ich weiß, sag ich! Wann will er denn — —, ich meine, wann soll er — —, ist denn nichts vom — —“

Ja, da saß nun dieser Patriarch und konnte nicht einen einzigen Satz zustande bringen, so sehr waren diese Geschäftsleute gewohnt, sich mit Anschnitten zu begnügen, aus denen sich alles mögliche erraten ließ, was der andre nun grade wollte, und Georg, da er wieder abbrach, schrie wutentbrannt: „Was ist denn los, Onkel?“

„Georg will wissen, was — —“ schrie der Doktor in die Sprechmuschel, „wie beliebt? Ja, Georg ist eben da, er — — — soll er? — — — Er kommt selber zu Ihnen? Also schön! No, — no, — also ich gratu — wie? — — ich gratuliere, sag ich! Also ... Ja — — ja — — ja — — ja — —“ Es war zum Haarausraufen.

Georg stürzte zur Tür, aber als er neben Fliddridd vorbei wollte, fühlte er, wie sein Rock sich straffte; sie hielt ihn fest, ohne daß sie selber sich bewegte. Sich umdrehend sah er Onkel Salomon schon vertieft, mit beiden Händen tastend in seinen Papieren suchen.

„Was giebts denn?“ fragte er ungeduldig.

„Wann gehts denn fort, Durchlaucht?“ fragte sie, ohne ihn anzusehn.

„Herrgott, ich bin ja grade gekommen!“ rief er mit unterdrückter Stimme und setzte, da sie fortfuhr, still vor sich nieder zu blicken, achselzuckend hinzu: „Keine Ahnung!“

„Wo gehts denn hin?“ fragte sie wieder.

„Auch keine — das heißt — vielleicht nach München.“

Jetzt bekam er ein feuchtes Geglitzer aus den Augenschlitzen zugeblitzt, während sie fragte, ob er ihr eine Ansichtskarte schriebe. Georg sah das bleiche und trockne Mädchen gegenüber, die sich über ihren Diktatblock beugte, als sagte sie innerlich: Diese alberne Gans! —

„Natürlich! Zweie!“ versicherte er.

„Tchöh!“ sagte sie plötzlich, die linke Hand hinhaltend als spitzes hartes Dach mit angeklemmtem Daumen, aber ehe er ihre Fingerspitzen berührte, zuckte sie zurück, sie sprang auf, lief zur Flurtür, warf sich mit dem Rücken dagegen, lachte ihn hell an, steckte die Zunge heraus und wirbelte nach draußen, die Klinke mit dem Ellbogen herunterdrückend.

So Mädchen, dachte Georg, sich zur Tür wendend, so Mädchen sind doch zu merkwürdig! Warum sind sie wohl so? —

Damit öffnete er die Tür, die ledergepolsterte zweite dahinter und trat bei seinem Vater ein.

Viertes Kapitel

Vater und Sohn

Georg — seiner Zigarre nicht völlig sicher — zögerte an der Tür und schloß langsam, während er durch den großen, wie das Schreibzimmer dreifenstrigen Raum nach seinem Vater spähte, der in einem tiefen Sessel unter dem mächtigen grauen und wappengeschmückten Sandsteindach des Kamins saß, und zwischen den Fingern der von der Lehne hängenden linken Hand steckte ein dicker, träg qualmender Zigarrenstumpf. Die Rechte glättete ein Telegrammformular auf der dicken Lederpolsterung der andern Lehne, von dem der Herzog nun langsam aufsah und Georg anblickte, indem er langsam lächelte und die Zigarre zum Munde führte; Georg schien er trotzdem nicht — oder auf eine sehr fremde Weise zu sehn, so daß er langsam zum Drehstuhl vor dem riesigen, frei den Fenstern gegenüberstehenden Schreibtisch trat. Bläuliche Rauchschwaden schwammen wagerecht in der Luft und um die Zacken des geweihgeflochtenen Kronleuchters mit dem buntgemalten Hubertus. Es war sehr hell; der Raum wie eine offene Arkade, da die sehr hohen und rundgewölbten Fenster nur schmale Wandstreifen zwischen sich hatten. Georgs Blick glitt noch über die regelrechten Reihen von Bocksgehörnen an den Wänden, als sein Vater ihm nun das Telegramm hinstreckte und bemerkte: „Lies nur!“

„Erste Versuche günstig abgelaufen,“ las Georg, „steige wenn möglich noch mittags auf eintreffe nachmittags Helenenruh. Leutnant Kaspar. — Der Dreidecker, Papa? Das ist ja herrlich! Na da gratulier ich aber!“

Der Herzog ließ sich die Hand schütteln, wobei er ein wenig sarkastisch zu Georg auflächelte und bemerkte: „Keine Ursache!“ und: „Zimmermann hat das Verdienst, bitte, ich habe nur die Anregung ...“

„Schön, wie du willst, Papa!“ sagte Georg, innerlich besser überzeugt. „Ja, dann werden wir fliegen!“ setzte er fröhlich hinzu.

„Du meinst — die Menschheit?“ fragte sein Vater langsam.

„Keineswegs, Papa! Ich meinte vielmehr dich und mich.“

Sein Vater antwortete nicht, sog an seiner Zigarre und sah nach den Fenstern.

„Aber setz dich doch“, sagte er nach einer Weile erwachend und hastig. Georg drehte den Schreibtischsessel herum und setzte sich, zwischen den peinlich geordneten, mit marmorierten Felsbrocken oder geschliffenen, farbigen Steinplatten beschwerten Stapeln von Papieren und Mappen die schwere gläserne Aschenschale voller Zigarrenreste heranziehend, und plötzlich waren seine Gedanken bei seiner Mutter. Auf einmal wurde ihm erschreckend klar, daß, wenn er an sie dachte, dies viel mehr mit Kummer geschah als mit Liebe. Da ging sie auf ihrem schmalen Teppichstreifen hin und her an der Wand, im Dunkel, in Gefangenschaft, rastlos wie eine Pantherin, unfähig zu denken, sie, die doch die klügste Fürstin in Europa sein könnte und ein ganzes Land allein regiert hätte ... Ihre kalten Hände, — wann hatte nur der Schauder vor ihnen angefangen? Und wenn er ihrer gedachte, so spürte er ihren Kopfschmerz peinigend in der eigenen Stirn. Ach, und sie war genügsam, sie hatte wohl sein verheimlichtes Widerstreben gemerkt, wie sollte sie nicht, aber sie begnügte sich mit dem Zwischenraum, er wußte es längst, es schmerzte ihn, es war nicht zu ändern, dann ward es Gewohnheit. Und er war ja auf Schulen und selten zu Hause. — Wie geht es heute, Mutter? — Danke, besser, mein Junge. — Und sie glitt auf und ab, und er schlich hinaus.

Überdem fühlte Georg die kleinen, einander nahen und glühenden Augen seines Vaters von fern auf sich geheftet, errötete und erinnerte sich hastig der Worte, die er schon gehört hatte, während vor seinen Augen eine daliegende blanke Achatplatte mit schön gezogenen weißen und roten Ringen zu schweben begann. Ja, er würde morgen seinen achtzehnten Geburtstag begehn; es würden Leute kommen, eine kleine Feier, und darum, sagte der Herzog, habe er den heutigen Tag gewählt, um ihn vorm Beziehen der Universität einige Dinge vorzutragen und ans Herz zu legen.

Er begann darauf mit einem Rückblick über die letzten Lebens- und Lernjahre Georgs, hervorhebend, wie er von Anfang an, indem er ihn schon in die Dorfschule geschickt hatte, bestrebt gewesen sei, ihn mit der Welt der Andern in Verbindung zu halten, jenen Andern, die durch Sitte und Gewohnheit als unter ihm stehend betrachtet würden, die aber jeder Verständige — es gäbe nicht viel davon — als ebenbürtig mit seiner eigenen, des Herzogs Stellung ansehn müsse, ausgenommen die Faulenzer, — und der Herzog streifte sein Prinzip von der Gleichheit durch Leistung. Jeder, der das volle Maß der ihm verliehenen Kräfte und Möglichkeiten erschöpfe, habe vollen Menschenwert. Es gäbe Standesunterschiede, allerdings, durch Erziehung, Geburt und so weiter, sichtbar in äußerer Gestaltung und Gehaben, das sei gut so, ebenso wie die Kultur, die innere, ererbte des Einzelnen. Das aber seis gewesen, was sein Sohn habe erkennen sollen: den Einzelnen, den Überall, den Unklassifizierten. „Masse“, sagte er, „ist ein Begriff, wie Staat, Gesellschaft, Religion und dergleichen. Fassen lassen sie sich nur durch Erkenntnis des Gegenständlichen, des Lebendigen, des einzelnen Menschen. Es ist deine Aufgabe, sie zu finden, sie kommen nicht von selber.“

Sein Vater erinnerte ihn nun an jene Lebenserinnerungen seines Ahnherrn gleichen Namens, die er ihm seinerzeit als Konfirmationsgeschenk habe drucken lassen, und aus denen er sich erinnern werde — Georg tat es schwach —, daß jener Georg der Siebente, letzter regierender Herzog der Landschaft Trassenberg, trotz außerordentlicher und sonderbarer Beziehungen zu Napoleon, aus einem verborgenen Grunde — wie denn der eigentliche Charakter des „Astrologen“ niemals enträtselt wurde — dem Rheinbund nicht beigetreten sei; daß also damals Trassenberg an das, zum Großherzogtum aufrückende kleinere Beuglenburg kam, daß der Herzog nur die Titulatur mit dem „in“ Trassenberg bewahrte, daß schließlich hieran bei der Wiederherstellung der alten Reichsordnung auf dem Wiener Kongreß scheinbar nichts geändert wurde. Nun hätten seitdem die Nachfahren eine andre, friedliche Eroberung des eigenen Landes begonnen, indem sie durch Vermögen und durch Verwandtschaftung, als Fürsten von Diemarck, Grafen von Fichtel, Rosenstein ältere Linie, Siberndorf und Flanau, Freiherren und Herren auf Dannel-Biebereck, Trahndorf, Lesum und Kochel und so weiter die gesamte Landschaft bis auf kleine Ausnahmen wieder in ihren Sitz brachten, Städte, Dörfer, Flecken und Weiler, teils, wie schon gesagt, mit Hülfe des Kapitals, durch Ausgleich ihrer ursprünglichen Besitzungen mit der Erwerbung von Dörfern, Landsitzen, Mühlen, Marschen, Wäldern und Äckern, teils durch Industrie, teils, freilich auch hier mit Kapitalskräften, durch Teilnahme am technischen Fortschritt der Zeit, indem sie anlegten: Straßen, Brücken, Eisenbahnen und Kanäle, Werften und Docks, Hafen, Maschinenfabriken ... Georg hörte eine ganze Zeitlang Namen und Bezeichnungen von seines Vaters Lippen tropfen, deren Gegenstände sich wie ein großer Reichtum um ihn her zu häufen begannen: neuer Auftrieb oder Erschließung von Bergwerken, Silber, vor allem Kohlenminen, Aktiengesellschaften zur Ausbeutung der Erdschätze, Salinen, Bohrtürme, Steinbrüche und Tongruben, samt deren Verarbeitung in Fabriken; Genossenschaften, Moor- und Heidekulturen, Torfgewinnung, Urbarmachung versumpfter Strecken und Berieselungen. Fabriken wurden gegründet, Industrien ins Leben gerufen, als da sind: Zucker, Spiritus, Majolika, Leder, Porzellan, Pumpen und Wagen, Chemikalien, Zelluloid, Spinnereien und hundert andre Verwertungsarten der gleichen Stoffe, wie Steinkohle in Gas, Koks, Teer, Antimon und so weiter; ferner Glashütten, Sägewerke, dann: Druckereien — Zeitungen — Gasanstalten, Überlandzentralen und dergleichen mehr. Sie hatten saniert, hatten Spitäler, Irren- und Armenhäuser, Badeanstalten, Waisenhäuser, Krippen, Kliniken, Bibliotheken und Theater erbaut oder aus ihren Schatullen unterhalten, ebenso wie die Universität, die Handels-, Tierarznei- und technische Hochschule, wie zahlreiche andre Forschungsanstalten und Institute nur durch ihre Schenkungen aufgeblüht und die damit verbundenen Rechte tatsächlich ihr Eigentum wurden. Und sie hatten Straßen gepflastert, die Städte erweitert, Arbeiterviertel und Schmuckplätze, Erholungsheime, Fürsorgeanstalten, Schulen und Gemeindehäuser gebaut oder angelegt, und sie waren wahre Industrieritter, Diplomaten, Abgeordnete, Ökonomen, Züchter, Reeder, Plantagenbesitzer in andern Erdteilen, Gelehrte, mit einem guten und schlichten Wort: Arbeiter geworden, — warens noch heute.

Georg saß im Überfluß und staunte. Wenn er auch immer gewußt hatte, daß dies so war, und daß all das ihnen gehörte, so begann es doch zum erstenmal lebendigen Ausdruck dadurch zu gewinnen, daß er plötzlich sah: dies war nicht von Ewigkeit gewesen, sondern war geworden, nein, es war vielmehr gemacht. Gemacht von seinen Vätern oder, wie es ihm augenblicks schien, durch diesen seinen dasitzenden Vater allein, von dem ja so viel wenigstens feststand, daß er es gewesen war, der den jahrhundertalten Besitz aus seiner Zerstreutheit und Verworrenheit zu einer gewaltigen Masse, zu dieser einzigen, riesenhaften, Geld unerschöpflich hervorsprudelnden Maschine zusammengeschlossen hatte, aufgebaut aus zehntausend Teilchen, Kolben, Rädern, Riemen und Pumpen, eine ungeheure Fruchtbarkeitsanlage, die aus dem, in dampfender Tätigkeit brausenden Lande Kraft sog und wieder hinabregnen ließ. Da sah er es, da fing es an sich zu entfalten vor seinen ergriffenen Augen. Langsam fühlte er sich erhöht, unendliche Aussicht eröffnete sich, unter glorreicher Sonne gewaltiges, schönes Menschenland, von einer ungeheuren Betriebsamkeit erfüllt. Die Ebene schwoll hoch auf, die Marschen, die Fennen, von Hunderten von Knicks durchzogen, belebt von Trinkgruben und dem weidenden Vieh, von Windmühlen, Gehöften und unzähligen, silbernen Wasseradern bis an den dunstig schimmernden Geist des Meers. Jenseits dort blühten die farbigen Segel, wehten die Rauchfahnen der Dampfer, schimmerten die sonnigen Mauern der Kais, die leise schaukelnden Mastenwälder der Häfen, — diesseits, drinnen im Land, tauchten Städte über den Himmelsrand, grüne Türme und Kathedralen, die Straßen liefen daraus hervor ins Land, friedfertige Pilgerzeilen der Pappeln oder Obstbäume, bevölkert mit Reisenden, Wandrern, Wagen und Automobilen, von den schnurgeraden Dämmen der Bahnlinien geleitet oder überkreuzt, und die tausendfältigen Geräusche des Verkehrs schollen gedämpft, dann mit dem Einzug in die Städte dumpfbrausend wie Meeresbrandung zu ihm herauf. Da, eine brennende Fabrik! Schwarze Rauchsäulen, darin die Riesenessen, und eine, sauber und säulenschlank für Augenblicke aus dem Qualm erscheinend, öffnete sich plötzlich lautlos in der Mitte wie aus Sand, und die obre Hälfte stürzte wie ein Körper von oben in die Tiefe. Gestalten erschienen, Redner vor grünüberzogenen Tischen im Kreise lauschender Charakterköpfe, das Getümmel der Fraktionen im Wandelgang, und ein Bronzedenkmal glitt aus der Hülle, fremdartig kupfern und dunkel, die Menge schrie, Hüte flogen, Uniformen und schöngekleidete Frauen schritten Stufen empor im Gespräch mit Bürgermeistern und Weißbärten in Fräcken und Ordensbändern, die lächelten, alle lächelten. Karossen fuhren vor, Heiducken und Jäger mit Mänteln und Decken sprangen ab, da stand der Kaiser und lachte, es erschienen Vestibüle und Terrassen, schweigsame Gänge zwischen Glaskästen der Museen und Gemäldegalerien. Säle der Kliniken lagen da, blitzende Küchen der Bewahrungsanstalten, Lehrsäle, getünchte, dämmrige Korridore, die kleinen, zierlichen Höfe mit langsam umhergehenden Gestalten in blauweißgestreiften Anzügen. Der ungeheure lampenübersäte Kronleuchter eines Theaters schien von oben zu stürzen, indes er aufglomm und in den erhellten Rängen und Logen hundert Gesichter wahrnehmbar wurden, befiederte, große Hüte, lange Handschuh, Juwelen und Abendmäntel. Schon flogen Werkstätten, Maschinenhallen scharenweise dahin, und da war sein alter Schulhof mit den kleinen Kugelakazien; Sekundaner standen um einen langen Menschen, der einen flachen Stein nach einem Baum jenseit des Flusses schleuderte, eine schwarze Krähenwolke wirbelte daraus empor. Er stand in einer der Galerien im Schlosse Trassenberg, oder Rosenstein. Die Gesichter der Ahnen sahen aus dem Düster herab, durch einen Schwertgriff, ein Pergament, einen Hut, eine Krause, einen Spitzenkragen kenntlich nach ihrer Zeit. Die Nesseln wucherten unter den Eichen im trocknen Graben um den alten Pallas; es war still, Käfer summten, der Park rauschte, eine uralte Stimme sagte: 1645. Allein wieder brodelten die Kessel der Städte, tauchten, wie von Scheinwerfern aus erst bodenloser Finsternis heraufgesaugt, erleuchtete Nachtplätze auf, mit schwankenden Bogenlampen, blitzend die Spiegelscheiben der Restaurants, grau und verschwiegen die Rolläden vor den Auslagen, hoch schwebend die gelb leuchtenden Riesenlettern: Bahlsen Keks; Automobilkutschen, innen erleuchtet, kleine Kabinette, kreuzten rasselnd und schwankend die Gleise der Straßenbahn, und plötzlich wimmelte Charing Croß mit hundert umliegenden Straßen von Hamsons nach Theaterschluß, — nein, bloß weg aus diesem London! — Aus einem Kaffeehaus ertönte Streichmusik, und ein Herr, der heraustrat, Doktor Bödeker, führte Georg durch viele dunkle, laternenerleuchtete Straßen in das stille Zimmer des Nachtredakteurs über den bodenlosen Höfen, doch schimmerte aus der Tiefe noch ein Lichtschein aus dem Setzersaal. Es ward Tag, die Ungetüme der Rotationspressen schwangen unsichtbar ihre Räder, schlangen durch den ganzen Körper den meilenlangen Papierstreifen, kleine, gefaltete Zeitungen regneten ihnen unaufhörlich aus dem Maul. Ein Fabriktor, draußen vor der Stadt, ward aufgeschlagen, und der staubige Feldweg bedeckte sich mit eitlem Gewimmel von Radfahrern, von Männern mit blauen Blechflaschen, Frauen mit gestreiften Schürzen, barhaupt in gefransten Umschlagetüchern, alle mit unschönen, durch Sorge, schlechte Luft, enge Wohnungen, durch Leidenschaft oder Unlust oder Gehässigkeit entstellten Gesichtern, und hoch über ihnen durch die gläsern scheinende Abendluft fegten die Schreie der großen Pfeifen ... Fünfundvierzig Fabrikessen standen jenseit des Flusses fern, und von allen fünfundvierzig strichen die Rauchwolken wagerecht nach Südosten, so feierlich und gelassen, daß nichts zu ahnen war vom ohrbetäubenden Getümmel in den Hallen der Maschinen und in den Arbeitssälen zu ihren Füßen. Das war die Arbeit! die Arbeit.

Vater und Sohn (Fortsetzung)

Georg legte die bitter schmeckende Hälfte seiner Zigarre in die Glasschale und faltete, halb zu den Fenstern hinübergedreht, die Hände um das übergeschlagene rechte Knie. Der Regen hatte aufgehört. Hervorbrechende Sonnenstrahlen vergoldeten Terrasse und Wiese, umdampft standen die Urnen, fern glitzerten die Wipfel, unter dem Fenster rauchte die Nässe von der Steinfläche empor. Georg, noch in Blitz und Donner seiner Phantasien gehüllt, hörte deutlicher wieder die Stimme seines Vaters, der ihm, ohne daß er ihn ansah, jählings erschreckend riesenhaft erschien, so klein er dort saß, Herrscher, der er war, über diese Riesenmasse von Betriebsamkeit. Überdem merkte er, daß sein Vater irgend etwas Sonderbares sagte, wandte sich träumerisch nach ihm um, begegnete einem, ja — einem geheimnisvollen Lächeln, wurde wach und staunte. Sein Vater hatte gesagt: Es sei nun also so weit, daß dies Trassenbergsche Geschlecht sozusagen alles wieder besitze, was es einst aufgab. Von allen Schlössern oder Landsitzen blicke es wieder über eigenen Boden; diese Schlösser oder Landsitze bärgen gleichsam unterirdische Brunnen, von denen aus ein unendliches Netz kluger Kanäle das Land durchwässere, es fruchtbar und deshalb ihnen leibeigen machte. Möglich sei es deshalb, durch einen äußerlichen Akt die tatsächliche Herrschaft wieder anzutreten, wie es nämlich ein gewisses Geheimschriftstück ermöglichte, das Georg der Siebente hinterließ und das jedem Erstgeborenen bei der Mündigkeitserklärung vorgelegt sei und noch werde, nämlich: Geheimvertrag zwischen dem Astrologen und Beuglenburg aus dem Jahre Achtzehnhundertundsechs, wonach die Zugehörigkeit Trassenbergs zum Großherzogtum nach hundert Jahren auf den Tag — erlösche. Er lasse aus einem privaten Grunde seinen Sohn schon heute davon wissen; wissen, daß der Astrolog — Georgs Vater lächelte vor sich hin — vielleicht? — in bewußter Absicht das Eroberungswerk begonnen habe, welches nun — möglicherweise — ein einziger Federstrich beschließen könne, derjenige nämlich, der das „in“ vor dem Trassenberg wieder in das alte „von“ verwandle. Der Herzog schwieg.

Das war ja sehr sonderbar! Was bedeutete das?

Georg sah sich in einem offenen Fenster stehn. Ja, das war im alten Pallas der Stammburg; zur Linken streckte sich der Südflügel, hoch auf Felsen liegend, über den alten Wipfeln des Waldes mit zwei, in der Abendsonne tiefrot glühenden und goldblitzenden Fensterreihn. Unter ihm brauste das grüne, rötlich umrauchte Meer der Eichen und Buchenkronen; er war ein Knabe, wie es schien, es dunkelte, der Himmel über dem Westen ward blaß, er hörte hinter sich im verdunkelten Zimmer die alten Bilder schweigen, die vorher so unerschütterlich ernst zu den Geschichten dreingeblickt hatten, welche die sanftmütige Kinderfrau aus dem alten Buche vorlas, alte, süße und blutige, gespenstische und mörderische Begebnisse; von Weissagungen und Verfluchungen, von Gebeten, vom Kampfgeschrei, von Trompeten, vom Knirschen der Hörigen, vom Stampfen der Streithengste, Rasseln der Zugbrücken, vom sanfteren Tritt der Frauenzelter, von Kinderliedern, Mönchsgesängen, Trinkliedern, Glocken, Orgeln und Bränden tönende Geschichten. Ja, damals gab es wohl bloß Schwert und Becher, aber die Frauen hielten immer eine kleine Blume in der Hand, sahen so fremd aus und sprachen mit dienender Stimme. Später lagen sie in Stein oder Eisen auf ihren Sarkophagen, die spitzen Eisenschuh der Ritter standen unerbittlich nach oben, zwischen ihren Schenkeln streckte sich das Schwert, die Hände der Frauen waren spitz wie kleine gotische Bögen gegeneinandergestellt, die Gesichter waren wie die Gesichter von Früchten, so gerundet und wenig geformt und innen süß. An ihnen glitt alles vorüber, wie Mama waren sie nicht, sie waren nur geduldig, ihnen wuchsen die vielen Söhne schlankweg über das Haar, schnell wie Pappeln, die Töchter gingen früh aus dem Haus, selten kam eine heim, verweint und verschleiert, um bald für immer hinter Mauern, hinter Gittern zu verschwinden, und das war eine der wenigen Wonnen, vorm Altar zu liegen und bei der Segnung des geschmückten, goldenen Priesters bei sich zu flüstern: Mein Sohn — der mir den Segen spendet! O verschwenderische Zeit! Ein Wort ward mit dem Leben billig genug bezahlt, der Mord ging gleichgültig aus und ein, saß an allen Tischen mit, spie in die Becher, blies in das Licht, blies in die Wiege, Licht aus, Augen aus. Dörfer brannten leer, Kirchen stürzten ein. Sie bauten wie für die Ewigkeit und schlugen es andern Tages in Trümmer, sie wußten nicht, was Zeit ist, der Himmel war nah, das Leben wie neun Monde im Mutterleib, dann kam das wirkliche, das ewige Leben.

Warum sah er das alles im Abendrot, in den brennenden Fenstern, im frauenblassen Himmel, im Dunkel unter den Bäumen? Sahs, selber schwank und kümmerlich sich dabei vorkommend, kleine, gefiederte Pflanze über dem ungeheuren Grabe seines Geschlechts. Darum sah ers; er gehörte ja dazu! Auf einmal begriff ers. Er war aus diesem gewachsen, unbekannt und unbegreiflich wie, gewachsen, mit dünnen Wurzelfäden hebend und saugend aus hundertfältig dahingestürmtem, dahingestürztem, abgestorbenem Leben, aus vergossenem Blut, aus geopfertem Blut, aus vieler Schuld, aus Trägheit, aus Sünde, aus Süße, mehr Haß als Barmherzigkeit, aus einem sonderbaren Christentum, aus Gewaltsamkeit, aus Schlaf. Bald, erschauernd, fühlte er die unterirdischen Ströme des Blutes sich verzweigen und in seinen Adern sich feiner und feiner verästeln, fühlte seinen riesenhaften Zusammenhang und den Brodem der Toten. Ihm, einem schlanken, behenden Sprößling, mit den schmalen Füßen und geschmeidigen Händen der Spätlinge, aber der breiten Stirn und dem anmutigen Mund seines Geschlechts — nur ohne die Nase —, ihm war es verliehen, all dies hinter sich zu haben, viel Hände zu fassen, viel Gestalt aus sich kommen oder in sich schwinden zu sehn. Da verwandelten sich die Trassenbergischen Eichenwipfel, unter ihm rauschend, in eine unruhige Volksmenge, die wartete. Wartete — auf ihn, doch er selber? Auf eine zarte, weiße Gestalt, die aus dem Dunkel hinter ihm an seine Seite treten würde, sanft und gütevoll, aber doch unähnlich den Frauen der alten Bilder, klüger, beweglicher als sie, nicht so fremd, so abseits vom Leben, so ängstlich. Dann würden sie Beide sich dem wartenden Volke zeigen, über Fackeln und aufsteigendem Gesang, unter Glocken, über Fahnen, Herzog und Herzogin von — ah, wie romantisch das war und herzschaudernd schön! Jawohl, dies war sein Schicksal, seine Bestimmung — achtzehnhundert bis neunzehnhundert — war eine rechte Vorhersagung, keine sinnlose und alberne wie die der Zigeunerin. Zu vollenden, was einer vor Jahrhunderten ihm dadurch aufgetragen, daß er begann im Vertrauen auf die, seinem Stamme innewohnenden Kräfte, im Vertrauen auf mehr als ein Lebensschicksal, — gab es Außerordentlicheres, Stolzeres, Beschwingteres? Nun dem längst Verstorbenen die Hand hinüberzureichen, den Ring zu schließen, — Georg wünschte sehr, jener tote Ahn möge an jenem Tage aufstehn und ihn dem Volke vorführen, und da der fragliche Ahn sich vor kaum einem Jahrhundert zur Ruhe begeben, so dünkte es Georg paßlicher, daß einer von den granitenen oder gußeisernen Herzögen sich erhebe und herwandle, auf den Zweihänder gestützt, steif in Harnischplatten rasselnd, mit den dolchspitzen Eisenschuhn, den Topfhelm im Arm, — und siehe da Anna, die den Topfhelm aus vollen Händen mit gelben Primeln füllte, so daß ihm das Herz hüpfte, wie die gelben Schlüssel durch die Einschnitte für Nase und Augen herausquollen und zu Boden fielen.

Unterweil aber saß dort sein Vater und war eigentlich derjenige, der all das gemacht und den Ring geschlossen hatte, und der jetzt ziemlich unteilnehmend bemerkte, er habe ihm dies gesagt, weil er es ihm habe sagen wollen; übrigens möchte er es getrost vergessen, mit alledem seis nicht weit her, und Georg glaube ja wohl nicht, bisher etwas vollbracht zu haben, was ihn berechtige ...

Georg errötete. Nein, bei Gott, er hatte nichts getan. Ja, nun sollte er wohl drei Jahre Zeit haben, um ... Nein, meistens hatte er sich nur oberflächlich präpariert, auf die Sauarbeit geschimpft, sich auf den Vordermann verlassen und die Gleichungen mit fünf Unbekannten von Rauscher abgeschrieben — da sank ihm das Herz. Lieber Gott, unermeßlich war die Welt, was tun, wo eingreifen? Nun, dies wiederum war vorgeschrieben, es würde sich zeigen. Freilich, über dem Volk zu stehen, das war berauschend und erhebend wie Beethovens Fünfte oder die Zweite Ungarische, aber unterm Volk, ja gleichsam durch das Volk, Gedanken, Pläne, Werke zu erzeugen ... und überhaupt kannte er eigentlich doch nur die Mitschüler und im übrigen einige Mädchen, Oberlehrer, zwei Könige, einen Großherzog, sehr flüchtig den Kaiser, Tante Henriette und den Kellner Frithjof — ja, der fiel ihm grade noch ein. Wie war ihm jählings alles unbekannt! Da waren die Kreise des Lebens wie hier die roten und weißen auf der Achatplatte. Man mußte wohl, wollte man was leisten, heraus aus dem seinen und so quer hindurch, aber wie herauskommen aus dem ewigen Rundherum und Ineinander?

„Mein Sohn,“ sagte der Herzog, „alles das ist ein großer Unsinn. Das sind alte Namen, alte Grenzen, alte Schmucksachen. Schön, aber mehr zum Ansehn. Sie nennen mich, wie du weißt, in meinen Kreisen den Genossen Trassenberg. Das ist ein nettes Schmuckstück, so aus einer neuen Legierung, die nicht viel wert ist, aber irgendwie macht mirs Spaß. Heut nachmittag kommt der Leutnant mit dem Pelikan, und was heißt das? Wir fliegen. Ich nicht, wir. Da lehrt uns die Vogelschau, daß die Erde ungemein flach ist und die Türme sie nicht höher machen und die Throne auch nicht. Es wird lange nicht mehr geherrscht, es wird nur noch, wie in Urzeiten, geordnet, und im übrigen: besessen. Von dem, was ich hier für mich allein brauche an Leibesbedürfnissen, davon kann ich kein Siebentel im eigenen Lande hervorbringen, aber, wie wir von aller Herren Länder, von aller Hände Arbeit abhängig sind, so besitzen wirs auch, denn wir sind Geist. Die Staaten und Fraktionen gehen meines Willens dahin, wohin die Religionen und die Aberglauben voraufgingen: in die Tradition. Man muß sie gehabt haben.“

Nein, herzlich gern gewiß, aber so schnell konnte Georg sich nicht bekehren. Er versuchte es redlich, das Segel umzuwerfen und gegen den Wind zu kreuzen, aber es mißlang, er hockte beschämt und gedankenlos am Steuer, während die Leinwand gegen den Baum schlug und der Anblick der vor seinen Augen langsam verschwimmenden rot und weißen Wellenringe ihn immer tiefer in eine angenehme Leere hinabzog.

„Eigentum“, hörte er seinen Vater sagen, „ist ein gutes Wort. Bedenke, daß du ein riesiges Erbe vor dir hast und ein riesiges Vermögen. Das weißt du, das sagt dir zweierlei. Das eine, das Erbe: daß du tausendmal mehr als die andern zu arbeiten hast, um einigermaßen ein Gleichgewicht in dir herzustellen — gegen dein Erbe. Das andre, das Geld, das heißt die äußere Erleichterung: daß du tausendmal mehr als die Andern innerlich zu arbeiten, zu forschen, zu lernen und — zu leiden hast, — weil dir das so leicht gemacht ist. Wir haben das Land fruchtbar gemacht, es dankt uns. Laß uns nun stolzer sein auf das Selbsterworbene als auf Angestammtes, auf diese Namen. Die Welt teilt falsche Namen wie Orden mit vollen Händen aus. Uns nennt sie die ‚in‘ Trassenberg, und das ist nun zufällig richtig. Das ‚in‘ ist richtig, denn es bezeichnet den Kern, und die Herzöge sind richtig. Wie unsre Ahnen vor dem Heerbann einherzogen, so laß uns Führer sein in der Zeit, Neuerer, Eroberer schöner, ewiger Bezirke, vorn auf der Lokomotive.“

Georg fühlte mit zitterndem Kinn, daß ihm plötzlich Tränen in die Augen traten. „Uns“ hatte er gesagt, dieser herrliche Mensch, „laß uns Führer“ sein, — und Georg wandte den verschleierten Blick von jenem dunklen, geliebten, bärtigen Gesicht ab, dessen nahstehende Augen ihn durchglühten, und ihm erschien das gläserne Zifferblatt der Standuhr, undeutlich Zeiger und Ziffern, doch erkannte er nun, daß es erst zwischen halb und dreiviertel drei war, und — und ja, ein ganzes Gewitter, ein andres als jenes wirkliche draußen, war um ihn niedergegangen in dieser halben Stunde. Liebe und Segen und ...

„Ich wünsche keine Antwort von dir,“ sagte sein Vater, da er eine Bewegung machte und den Mund sprachlos öffnete, „ich wünsche, daß du eine gute Erinnerung an diese Stunde behältst. Hier ist eine alte Ausgabe des Benvenuto Cellini —“ Der Herzog holte zwei kleine Bände neben sich aus dem Sitz hervor, stieß sie ihm in die Hand, während Georg aufsprang, und fuhr fort: „die dich auch äußerlich freuen wird. Lies darin die Geschichte von der Ohrfeige, die der alte Cellini dem jungen gab, damit er sich an ein bedeutendes Ereignis erinnere. Setz dich, ich schenke sie dir, die Ohrfeige, du bekommst noch genug. Du hast noch alles vor dir, nimmst dir alles vor, du bist ja herrlich jung. Versuche aber, zu denken, daß alles Zinsen trägt, was du nützest, alles Zinsen von dir fordert, was du vergeudest, — allerdings scheinst du dich ja mit allem Mathematischen nicht in wünschenswerter Weise beschäftigt zu haben, der Durchfall war unnötig, immerhin habe ich auch darüber meine besonderen Gedanken.“ Er lächelte.

Georg setzte sich, die beiden Bände verlegen auf- und wieder zuklappend, wieder in den Drehstuhl und behielt sie im Schoß. Sein Vater sprach weiter:

„Nachdem du ... Ich habe dir Gelegenheit gegeben, ein wenig von der Welt zu sehn. Du hast Landschaft, Leute und Sitten, hast Gastlichkeit und Freundschaft, Autorität und — vermutlich — ihr Widerpart, Schönheit, Wissen und Aufgeblasenheit und Schablone im Klassenzimmer kennengelernt, im ganzen ein kleines und oberflächliches Abbild der großen Welt. Nun habe ich dir ein paar Monate Zeit gegeben, gründlich zu faulenzen, meinetwegen zu vergessen, zu reisen, Ballast abzuwerfen, Verse zu machen. Außerdem riet ich dir, dich um die Gutswirtschaft zu bekümmern, und ich hoffe, du hast wenigstens so viel begriffen, daß nicht so wenig dazu gehört, nur ein kleines Gut instand zu halten das Jahr über, geschweige ein Herzogtum. Ich habe nun die Absicht, dich auf meine diesjährige Aufsichtsreise mitzunehmen, mit der ich wie stets Anfang August beginnen werde. Dann kommt so langsam das Semester heran. Bist du einverstanden?“

Georg dachte: Anna — Abschied — Briefschreiben — Heimweh — Wiederkommen — und dankte lebhaft aus gepreßtem Herzen. Sein Vater erklärte, die Reise würde die allgemeinen Kenntnisse Georgs erweitern, dann wäre über die Universität zu reden. Übrigens wisse er ja, daß Fakultät oder Disziplin ihm gleich sei; ein bestimmter, einfacher Weg aber sei nötig, sonst gebe es Zersplitterungen. Ein Examen brauche er nicht zu machen, es handle sich um die Sache. Titel und Würden seien für Alberne, und zu weiter sei ein Examen in diesem Falle ja nichts nütze. Er würde sehen. — Der Herzog blickte auf die Uhr und sagte:

„In einer Viertelstunde wird gegessen, und du mußt dich noch anziehn. Noch eins zum Abschied.

„Daß ich einen tüchtigen Menschen an dir haben will, versteht sich von selbst. Aber ich möchte, daß du einsiehst, was die Menschen treibt, erhält und stürzt, und ich möchte deshalb, daß du dir deinen Umgang nicht unter den Müßiggängern und Sorglosen suchst, sondern unter denen, die sich bemühn. Schwer haben wirs alle; die Kunst ist, oder vielmehr verlangt wird: es sich schwer zu machen.“

Der Herzog nahm seine Stöcke, die neben ihm lehnten, und stand auf, ergriff dann beide Stöcke mit der Linken, winkte Georg zu sich, ergriff dessen Rechte und sagte, aufgestützt und ein wenig gebückt über ihm stehend und ihn fest anblickend:

„Mein letztes Wort ist: Begieb dich in Gefahr. Das Gegenteil im Sprüchwort hat deinen Vätern und deinem Vater nie gefallen. Begieb dich wissend in Gefahr, du entgehst ihr doch nicht. Wahrhaftigen Gott, es ist mir auch lieber, du kommst eines Tages zerbrochen und entsetzt nach Hause, als daß du über alles hinwegsäuselst, nicht weißt, was gut und böse ist, nur verekelt bist und fürs ganze Treiben kein andres Wort weißt, als: alles ist käuflich. Nichts ist käuflich, Junge, ich werde dich doch noch ohrfeigen müssen. Nichts von Wert war je käuflich, außer für Schweiß und Blut. Wenn dein Vater selber irgend etwas auf der Welt besitzt, so bedenke, daß ers zuvor bezahlte mit zwei zerschmetterten Füßen. Das Leben ist keine Hure und keine rollende Kugel, das Leben ist die Gefahr. Das Leben — es giebt das gar nicht, Begriffe sind das, es giebt nur: dich. Du bist das Leben und bist die Gefahr. Nun hole dich der Teufel, wenn du dir die Syphilis holst. Von der Liebe mag ich nichts reden, du wirst das alles selber sehn, sie ist ein Teil vom Ganzen, der schönste, kostbarste, wenn du willst; nicht das Ganze. Leidenschaft ist zu allen Dingen das Tor, den Hüter kennst du noch nicht, der heißt Selbstzucht; er ist genau so schwer, wie er auszusprechen ist, denn immer wird Selbstsucht daraus. Solltest du ihn verfehlen, giebt es Frauen. Weiber kenne ich nicht. Das Dasein ist kein Heiligtum und kein Ballhaus, aber es giebt Heilige so gut darin wie Zuhälter. Ich sagte schon im Anfang: gieb acht auf den Einzelnen! Es giebt nur Einzelne. Denk an deinen Vater, der —“ Der Herzog, der zuletzt mit fürchterlichen Augen geschrien hatte, verstummte, stieß noch keuchend hervor: „Mit Gott, mein Sohn, feire fröhlich und sorglos deinen Geburtstag. Ich hatte keinen Vater, der — — schau, daß d’ weiterkimmst!“ drehte ihn herum und schob ihn weg.

Georg, noch von seinen Händen umklammert, blieb stehn und wiederholte willenlos noch einmal, was er die ganze letzte Minute lang bei jedem Absatz geflüstert hatte: „Ja, Papa! Ja, Papa!“ Er hatte, während die Sätze an sein Ohr schlugen, Satzglieder, Wortbilder, Gestalten erschienen und verschwanden vor neuen, die sich in aber neue wandelten, doch nichts gehört, sondern allein gesehen. Gesehen nahe über ihm das aufgeregte, mühsam gebändigte Gesicht, so nahe und genau zu erkennen wie vielleicht nie zuvor. Und haftend, hineingeflochten mit beiden Blicken seiner Augen in die auf ihn niederglimmenden Blicke der dunkelbraunen Pupillen, gewahrte er doch mit unablässigen, geringsten Schwankungen und Kreiswindungen des Schauns all das Kleine und Kleinste umher. Er gewahrte den beweglichen Adamsapfel unten im Schatten des Kinns, in der weiten Öffnung des Kragens, und dessen breit umgeschlagene Klappen, und eine winzige weiße Faser an einer der Klappen; den blaugrünen Knoten des Schlipses und das Schillern in den Falten, den helleren Glanz der besonnten dunkelblauen Schultern und das beschattete rechte Ohr; den Bartzapfen am Kinn, der mit ihm auf und nieder ging, und das eine weiße Haar darin, die auseinandergesträubten dicken Haare des Schnurrbarts und unter ihnen die innerlich gedrehten, die an Lockenhaarnadeln erinnerten, und die grauen darunter und jenes, das an der Wurzel schwarz war und dann weiß wurde. Und er sah die Umrißlinien des geschwungenen Mundes, und wie sie sich bewegten, und durch die Barthaare die beschattete Haut; die Haut am Kinn, wo sie schwärzlich war vom Wegrasierten, und wo sie rötlich war, und braun, und heller, und die schief hängende Nase, den glänzenden Höcker und die Poren, und das bräunliche Mal an der linken Nüster; sah die goldenen Tupfe und Linien im Braun der Pupillen, ihre bläulichen Ränder so genau, und im gelblichen Weiß die gesprungenen roten Adernäste, und das bläulich Verschleierte der schwarzen Mittelpunkte, und sah in diesem und in jenem Auge winzig und gebogen sein eigenes Spiegelbild. Sah die Falten der Stirn, die Einsenkungen der Schläfen, die Runzeln, die sich bewegten, die Haare der Brauen, schwarze und graue, krumme und grade borstige, das Haar ... Und nicht dies im einzelnen, nein, sondern immer auf einmal alles, und er sah es nicht, o nein, er fühlte, er fühlte es, fühlte, daß es alles zitterte und sich bewegte und zusammengerissen war von einer unsichtbaren Gewalt im Inneren dieses fremden Körpers vor ihm, und daß diese Gewalt ihn anströmte, sich über ihn ergoß, Leben, Leben immerfort, Atem und Blick und Bewegung und Wort, und doch nicht dieses, nein, sondern zusammen all dieses und mehr: Unsichtbares, Fühlbares, immer Lebendigkeit, die außerhalb seiner selbst war, aber an der er hing, die ihn fesselte, ihn umflutete, und aus der immer wieder, um noch einmal, noch deutlicher sich kenntlich zu machen, daß ers nicht vergaß, dies Einzelne auftauchte gleich Wellen und Tropfen der Welle, Perlen und Blasen, Durchsichtigkeit und Glanz und Farbe und Tiefe und Kontur einer Welle: Augapfel und Braue, Kinn und Barthaar, Mund —, und jählings wieder dieser ganze, ihm zugewandte, wie ein Bild vor seine Augen gedrängte Kopf eines Reiterführers aus dem Dreißigjährigen Kriege, — welcher Ausdruck, den nicht er erfunden, sich ihm zeigte und öfters hervorwinkte aus allem übrigen des Sichtbaren und Fühlbaren, dem er auf eine Minute ausgesetzt war wie einem stetig sausenden Sturm ...

„Ja, Papa!“ sagte Georg, aufs tiefste und höchste verwirrt, entzückt und gedemütigt, küßte ihm hastig die Hand und ging hinaus.

Spiegel

Leer lag der weite Flur, und Georg konnte sich das Übermaß seiner Wonne durch eine Geste erleichtern, indem er die Arme von sich stieß, sich auf die Zehenspitzen erhob und nach ungeheurem Dehnen vornüber zusammensinken ließ, wobei ihm einer der reizenden kleinen Cellinibände entfiel, so daß ein halb Dutzend Eselsohren in die Seiten kamen. Indem er ihn beschämt aufhob, sah und fühlte er plötzlich die Befreitheit seiner rechten Hand vom väterlichen Griff, und indem er sie verwirrt anblickte und die roten und weißen Striemen daran vom krampfhaften Druck gewahrte, erschien ihm das Antlitz seines Vaters, so daß es ihm war, als habe er während der letzten Minute das Gesicht gar nicht gesehn, sondern nur es gefühlt durch die Hand, um die sich die andre Hand und mit ihr ihr ganzes Dasein, sein Wille und Leben gepreßt hatten. Und jetzt erst wußte er, was dies alles bedeutet hatte. Daß es Liebe gewesen war, ja daß er an einen gewaltigen Starkstrom von Liebe angeschlossen gewesen war, der noch nachzuckte in ihm und ihn betäubte, so daß er im selben Augenblick, wo er selig und verträumt den Kopf hängen lassen wollte, im Gegenteil davonlief, wie ein Tertianer mit der Palme von Marathon, am Treppenhaus vorüber den Flur hinab durch das Billardzimmer im Turm, und wieder ein Stück Flur hinunter in sein Schlafzimmer.

Der Diener wartete, hatte glücklicherweise schon den Schoßrock zurechtgelegt, auch einen Schlips dazu, der aber Georg nicht gefiel, und er fand einen lavendelblauen von hinreißender Schönheit und Paßlichkeit zu der sahnefarbenen Weste, schickte den Diener fort, zog sich aus, stand minutenlang in Unterhosen, sich besinnend, was in aller Welt nun vor sich gehen solle, kam endlich auf den Einfall: Waschen! tats, fand lange kein Handtuch, zog Hosen, Weste, Stiefel, Rock an, und nun hatte er Kragen und Schlips vergessen, zog alles wieder aus, Hose aus, einen Stiefel aus, es war unerhört, er dachte an tausend Dinge, aber das mit dem Wiederausziehn wie zum Schlafengehn, das war symbolisch, denn:

„Wir aber wollen uns zur Ruh Hinlegen, dieser unser Tag ist voll —“

sagte Vollmöller im — nein, nicht im Parzival, da stand vielmehr: „Meine Mutter heißt Herzeleide ...“ Tränen traten ihm plötzlich in die Augen, aber er beherrschte sich, da er vor den Spiegel trat, um den Schlips zu knüpfen, und auf einmal sah er sein Gesicht.

Über einem männlichen Körper in graugestreiften Beinkleidern mit Hosenträgern überm weißen Hemde sahen ihn fremde Augen so absonderlich bestimmt und bedeutsam an, daß er, um ihrem Blick zu entgehn, sich näher zum Spiegelglas beugte, um das ganze Gesicht zu sehn, mit dem Gedanken, es auf seine Verwandtschaft mit dem väterlichen zu prüfen, aber er fand es so anders, daß es ihm beklagenswert schien. Es war schmal und noch ganz zart und erschreckend bartlos — obwohl er nie einen Bart zu tragen gedachte — die Augen blaugrau, das linke um einen Hauch kleiner als das rechte, die Brauen kaum erst angedeutet, die Stirne rund, das gescheitelte Haar, wohl von Mama, braun und ein wenig glänzend, nur der Mund — er verzog ihn ein wenig — war wohl dem des Vaters ähnlich, und die Nase — sie war völlig entartet, da sie — zu schweigen von Schiefe und Krummheit — vielmehr einfältig herunter und am Ende eher ein wenig nach oben ging, und das Ganze ... Versstücke Rilkes fielen ihm ein:

... als Zusammenhang nur erst geahnt ... ... als wäre mit zerstreuten Dingen Von fern ein Ernstes, Wirkliches geplant ...

so hieß es ja wohl, und so war es. Da fühlte er wieder den eigenen Blick auf sich geheftet, prüfend und auf eine unbegreifliche Weise völlig unverständlich, — ein fremder Mensch, von dem er nicht wußte, was er wollte, und der nichts äußerte, sondern ihn einfach ansah, und schwieg, und jetzt anfing zu lächeln, und die ganze Zeit mit zwei Händen unterm Kinn zwei blaue Schlipsstreifen übereinanderhielt. Noch einen Augenblick wie gelähmt, als wolle ers drauf ankommen lassen, was der im Spiegel jetzt anfinge, halb entschlossen, nicht mitzutun, schüttelte er die Hände, knotete eilfertig und an sich vorbeisehend und wandte sich ab.

Ans Fenster tretend, sah er lange hinaus, ohne etwas zu gewahren, und sammelte einige Gedanken.

Wird es wirklich so schwer sein? dachte er bescheiden. Schuld an allem ist, fürcht ich, nur der Größenwahn und die Begrifflichkeit. Ja, wie Vater sagte: das Leben sagt man und: die Welt, und man denkt, man hätte die Alpen und alle Millionen Europas und Asiens vor und gegen sich, und all die riesenhaften und blendenden Vorbilder, deren jedem man etwas nachtun möchte — wie soll man da sich selber finden, sich und den kleinen, schmalen Weg, den man in Wirklichkeit zur Verfügung hat! Und dabei begegnet uns ein halbes Hundert Menschen auf der ganzen Strecke, und Dreien oder Vieren davon kommt man ein wenig näher, vielleicht bis ans Herz, ach, nur Einem ans Herz. Warum also solche Furcht, solche Anspannungen, so ungeheuerliche Erwartungen? Die erzeugten nur diese Enttäuschungen, die verbittern, erzeugten diese Menschen wie Annas Vater und seine alten Lehrer und Professor Prager. Der arme Benno, ob heute endlich der Brief kam? Und wie gut waren sie doch alle zu ihm! Der Maler hatte ordentlich zu reden angefangen, dieser Schweigsame, dieser Unbekümmerte, was ging er den an? Zwar war er nicht verschwiegen mit Absicht, — er war mehr sparsam, wörtlich: wort-karg, — ob ich das auch einmal werde? — — Dies schien ihm erstrebenswert, und so ging er hinunter.

Fünftes Kapitel

Mittagstafel

Beim Betreten des Speisezimmers stand Georg einen Augenblick geblendet vom Licht, sah bei zusammengekniffenen Lidern die hohe Glastür drüben stehn, empfand die Schönheit des gerundeten, großen Raums mit den matten Färbungen und Figuren seiner gewebten Wandmalereien und sah nun, daß die runde Tafel bis auf zwei Stühle schon besetzt war. Aber sieh, gegenüber, in der zum Vogelsaal führenden Tür stand Anna, und von ihrem blaßroten Leinenkleid schien das sonderbare Licht auszugehn, ihre Gestalt leuchtete über und über, ihr Gesicht war völlig beruhigt, die Augen schimmerten dunkel wie gebadete Juwelen. Nun gewahrte er auch, durch die Glastür blickend, durch die man im Winkel auf die Terrasse hinaustrat, die Wetterwand überm Park, von der das Sonnenlicht grell und flammend abprallte und den Raum so stark erfüllte; von allem Farbigen wurde es, von Magdas Kleid, den Gesichtern, dem Tafeltuch und Silber, dem Grün und Gelb und Rot des Fruchtaufsatzes fest eingesogen, und alles schien zu leuchten von innen.

Überdem sah er Magdas Vater und einen mittelgroßen Fremden im Frack mit breitem, rasiertem Gesicht aufstehn und auf sich zukommen; er reichte ihm die Hand; der große Chalybäus sagte vorstellend: Oberregisseur und einen russisch klingenden Namen. — So, das war der Besuch, den sein Vater, gastlich wie immer, eingeladen hatte. — Georg saß nun zwischen ihm und dem Maler, an den sich der Herzog anschloß, und weiterhin Anna neben ihrem beiderseitigen Nennonkel Salomon, dem sie im Niedersitzen leicht einen Arm um die Schulter gleiten ließ, worauf er mit seinem königlich staunenden Lächeln sich herumwandte, zuletzt ihr Vater wieder neben seinem Freund. Ihm gefielen sie im Augenblick alle, um so mehr, da er Anna gegenüber und abgewandt vom Licht saß, darin sie thronte wie das Glück. Während sie den Tafelaufsatz ein wenig nach links, eine Kristallvase mit gelben Rosen ein wenig nach rechts rückte, um ihm durch die Lücke himmlisch zuzunicken, hörte er den Mimen sagen:

„Mit gnädigster Erlaubnis, Durchlaucht und schönstes Fräulein, fahre ich fort, ich —“

„Basch, Theurer,“ unterbrach der große Chalybäus, reizend mit Augen und Zähnen umherlächelnd, seinen Freund mit nachsichtiger aber tönender Stimme, „du bist ja grade angekommen!“ Worauf über alle Gesichter im Kreise sich jenes Lächeln bewegte, das Georg an seinen Gesichtsmuskeln zerren fühlte, und das sich merkwürdigerweise nicht abschütteln ließ, sondern — wie überall — eine Weile stehenblieb.

Der Mime indessen war perplex. Niemals sah Georg eine solche Perplexität. Eben noch über seine Suppe geneigt, sah er jetzt den großen Chalybäus von unten an, und sein kahles Gesicht war eine Platte geworden, aus der die Nase einsam vorsprang wie ein stehengebliebener Springer auf dem Brett, dieweil die Augen dasaßen wie zwei blindgeborene Hunde, hülflos miefzend in sich selbst gerollt, und was völlig verschwunden war zwischen zwei Granitblöcken von Kinn und Oberlippe, das war der Mund. Nun aber entfaltete er sich wie eine Qualle, aufblühend zu nicht endenwollender Größe, formte sich zu einer feinsinnigen Spitze, öffnete sich wieder und, jählings zwei durchbohrende Blickblitze in Georgs Augen schleudernd — baff! — raunte er geheimnisvoll:

„Auch ich, Durchlaucht, beginne von vorn.“

Georg, verwirrt wie in der Tragödie, stammelte etwas, auf das hin der Mime sich verneigte, hastig einen Löffel Suppe verschluckte und begann:

„Ich erzählte, Durchlaucht, von Matkowsky eine kleine Schnurre ...“

Dieser Oberregisseur steckte wahrhaftig voll von kleinen, feinen Überraschungen. Schnurre — dies mußte das geheimnisvollste Wort von der Welt sein; Georg klang es, als habe er es nie gehört, so beladen war es mit seiner Bedeutung, wie denn niemand gerechter gegen die deutsche Sprache verfahren konnte, als dieser ihr Oberregisseur. Dies war ein Diphthong, habt acht: kloine ... dieses dagegen ein Vokal, ein e, ein gerechtes, unverfälschtes e, nicht ä wie in ‚erzählte‘, was ein völlig neuer Begriff ist, die Konsonanten aber waren in preußischen Kasernenstuben gedrillt und so akkurat wie ein Präsentiergriff vor Majestät über die Regimentsfront. Georg hatte nie so etwas gesehn; es schien ihm erstaunlich.

Matkowsky also sollte als Gast an einer kleinen Provinzbühne den Kean spielen und nahm vorm Beginn den Darsteller eines gewissen vorkommenden Barbiers beiseite, um ihm zu erklären, an einer Stelle im Stück, da habe er, Matkowsky, eine kleine Nuance ...

Der große Chalybäus bemerkte hier kaltlächelnd, dies wäre eine uralte Geschichte, es wäre aber nicht Matkowsky, sondern Döring, der berühmte Schauspieler Döring gewesen und dessen Kollege Pape, übrigens nicht Kean, sondern Othello und Jago. Daraufhin legte der Schauspieler, der unterweil hurtig seine Suppe verschlungen hatte, den Löffel hin, ergriff sein Rotweinglas, trank daraus und bemerkte sorglos: „Chlupp, erzähl du!“

Sie führen zusammen etwas auf, dachte Georg und versuchte Annas Augen zu erhaschen, die indes hingerissen am Munde des Mimen hingen. Dieser sprang nach der Unterbrechung kaltblütig mitten in die Szene hinein.

„Da nehme er nämlich, sagte Mattkoffskü, den Barbier beim Kragen und werfe ihn über die dastehende Chaiselongue in die nächste Kulisse hinein. — Sehr wohl, Herr Mattkowffskü, erwiderte darauf jener Barbier, das ist enne äußerst feine Nüangse. Nun sähn Se, da will ich Sie nur gleich sagen, da hab ich Sie nemlich ooch enne gleene Nüangse. Da gomm ich neemlich wieder herein aus der Gulisse und —“ Pause — „und —“ weitausholend — „und haue Ihnen eene herunder!“ — — Schluß, Tableau, große Apotheke, sagte der Erzähler und trank aus. Deutlich rauschte ringsum der innere Beifall.

Der Oberregisseur begann lebhaft den Untergang des alten echten Komödiantentumes zu beklagen. Wo gebe es noch richtige Komödiantennaturen, wo sei die entzückende Zeit geblieben, wo die Frauen im Dorf, wenn der Thespiskarren auftauchte, einander zuschrien: Nehmt die Wäsche weg, die Komödianten kommen! — „Heutzutage“, sagte er, „ist jeder ein Hausbesitzer, Steuerzahler und Familienvater, mit Ausnahme allerdings der zwanzigtausend im Deutschen Reich, die brotlos sind.“

Die Zahl erregte Verblüffung.

„Sehen Sie,“ flüsterte Georg Bogner zu, „das hier ist Ihre gesteigerte Subjektivität, da haben wirs, ja prost die Mahlzeit!“

Bogner lächelte, und zwar, deutlich zu bemerken, mit dem Munde und nicht mit den Augen, und gerührt dachte Georg: Er hat zwei Lächeln, eins auf Verlangen und eins für seine liebe Seele, und das erinnerte — woran erinnerte es nur? — an etwas Blühendes, ja, an eine schöne atmende Meduse in einem sonnigen Aquarium, — so quoll und dehnte sichs aus den lichten Augentiefen, während sich hundert Fältchen ringsum zusammenzogen. Indem hob der Schauspieler sein Glas gegen ihn und sagte fein:

„Durchlaucht konnten meinen Namen nicht verstehn, das bekümmert mich. Er lautet: Baschkirtseff!“ Herr du meines Lebens, wie das pfiff und schmetterte! „Früher“, fuhr Herr Baschkirtseff fort, „hatte ich zwar einen andern, auch sehr guten Namen, aber den hat jetzt mein Vater.“

Was das wohl bedeute, fragte Anna, worauf Baschkirtseff melancholisch wurde und erzählte, wie er sich durch Ausziehn des schönen Beuglenburgischen Dragonerkollers den Fluch seines Vaters und den Verlust des Namens zugezogen habe. — War das Schwindel? Nein, Chalybäus selber war Königsulan und Schauspieler gewesen. Baschkirtseff wollte nunmehr zu vertrauteren Familienszenen übergehen, ließ sich jedoch vom Herzog auf kinematographisches Gebiet hinüberziehn und begann sogleich, sich, soweit es ging, zum Herzog hinüberlegend, so daß seine vereinsamte weiße Frackhemdbrust krachte, ihm zu erklären, er habe eine entzückende Idee für einen Film, das heißt, gehabt habe er sie schon lange, jetzt aber beim Anblick dieses reizvollen Landsitzes habe sie Gestalt gewonnen, — ja, ob es wohl möglich sei, vom Herzog die Erlaubnis zu erlangen, diese Gegend für den Film, der eine Vollkommenheit der Illusion gestatten ...

„No!“ schnob, weit aufrecht zurück sich lehnend, der König Saul, feurige Blicke des nicht begreifenden Staunens schießend, „Vollkommenheit der Illusion, was das schon heißen soll. Ich nenne das — verzeihen Sie meine Spracharmut — aber ich nenne das einen großen Schwindel fürs Publikum, jawohl, so nenne ich es, und ich hoffe, Sie pflichten mir bei.“ Onkel Salm hatte immer naive Vorstellungen von der Nachgiebigkeit der Menschen.

„Nanu?“ sagte Baschkirtseff, in einem Ansatz zur Perplexität verbindlich steckenbleibend.

„Soll ichs Ihnen beweisen? — Photographieren Sie doch mal ein kleines Zimmer von der Tür aus, was wirds? Ein Saal wirds. Photographieren Sie einen Platz, wird er meilenlang, und ich verpflichte mich, jawohl —“ er schoß empörte und beteuernde Blicke auf den Herzog, „ich verpflichte mich, von dem kleinen Weiher im Park zwanzig verschiedene Aufnahmen zu machen, so daß Sie denken, es wären zwanzig Seen in allen Erdteilen und die reinste Urwaldvegetation — no — ich kenn doch die Welt! Mit einem Stück Binsenwald und Artaxerxes allein erzeuge ich Ihnen ganz Australien — ich weiß doch, was ich —“

Während dem unterbrechenden Baschkirtseff erklärt wurde, was Artaxerxes sei, war Georg zusammengefahren und suchte heimlich Annas Gesicht. Richtig, sie war blaß geworden und führte mechanisch die Gabel zum Munde, vergaß dann das Kauen. Georg, für Augenblicke gedankenstarr, hörte langsam die Stimme des Mimen näher kommen und verständlich werden.

„... und das eben ist der Kniff! Mit den geringsten Mitteln die fabelhafteste Illusion, und ich sehe mich nun genötigt, meine Filmidee zu entwickeln oder vielmehr die kleine Anekdote mitzuteilen, die ich zugrunde legen möchte.“ Dann erzählte er mit angenehmer Schlichtheit:

„Dr. Young, ein englischer Geistlicher, der berühmte Verfasser der ‚Nachtgedanken‘, spielte vortrefflich auf der Flöte. Als er einmal mit einigen Damen, die er ins Vauxhall führen wollte, über die Themse fuhr, wurde er wegen seines schönen Spieles von einem andern Fahrzeug, das voller junger Offiziere war, verfolgt. Es war ihm peinlich, und er steckte seine Flöte wieder ein. Einer von den jungen Leuten fragte ihn darauf: ‚Warum hören Sie zu spielen auf?‘ — ‚Aus eben der Ursache,‘ antwortete Young, ‚warum ich zu spielen anfing.‘ — ‚Und welche war das?‘ — ‚Weil es mir so gefiel.‘ ‚Gut denn,‘ antwortete der Offizier, ‚spielen Sie fort, oder ich werfe Sie in die Themse.‘ Young gab nach, verlor seinen Beleidiger aber nicht aus den Augen, und da er ihn abends in einer Allee allein fand, so stellte er ihn in einem festen und ruhigen Tone: ‚Mein Herr, aus Furcht, Ihre und meine Gesellschaft zu beunruhigen, habe ich Ihrer Impertinenz nachgegeben; aber um Ihnen zu beweisen, daß Herzhaftigkeit ebensogut unter einem schwarzen wie unter einem roten Kleide wohnen können, ersuche ich Sie, sich morgen vormittag um zehn Uhr im Hydepark einzufinden. Sekundanten brauchen wir nicht, der Streit geht bloß uns an, und es wäre unnötig, Fremde hineinzumischen. Da wollen wir uns auf den Degen schlagen.‘ Der junge Kriegsmann nahm die Forderung an. Sie fanden sich beide zur bestimmten Stunde ein. Der Offizier zog seinen Degen und setzte sich in Positur, Young aber setzte ihm eine Pistole auf die Brust. ‚Wollen Sie mich umbringen?‘ schrie der Offizier. ‚Nein,‘ antwortete Young ganz kalt, ‚aber Sie müssen so gütig sein, Ihren Degen auf der Stelle einzustecken! Dann sollen Sie ein Menuett tanzen, oder Sie sind auf der Stelle des Todes.‘ Der Offizier machte einige Umstände, aber die Kaltblütigkeit und der Ton seines Gegners wirkten, so daß er gehorchte. Nach beendigtem Menuett sagte Young: ‚Sie zwangen mich gestern wider meinen Willen Flöte zu spielen, ich habe Sie heute wider Ihren Willen tanzen lassen, wir sind quitt. Sind Sie indessen noch nicht zufrieden, so will ich Ihnen alle Genugtuung geben, die Sie verlangen.‘ Statt aller Antwort fiel ihm der Offizier um den Hals und bat um seine Freundschaft.“

„Sehr fein!“ lobte der Herzog, „sehr amüsant und vollkommen. Darf ich auf Ihr Wohlsein —“ Auch Georg hob sein Glas, alle, sogar König Saul, wieder versöhnt, tranken dem nach allen Seiten verbindlich dankenden Erzähler zu, während Georg es endlich glückte, Annas Augen zu erhaschen. Sie nickte und winkte mit ihrem Glase, und unterweil hörte er den Mimen:

„Und daraus,“ sagte er, „daraus mache ich den Herrschaften die entzückendste Idylle. Ich verlege den Schauplatz von der Themse auf einen englischen Landsitz, das heißt — mit Erlaubnis — hierher. Nun fehlt natürlich die Hauptsache ...“

Onkel Salomon schnaubte. „Gott soll mich bewahren, Herr, wenn Sie an dieser Geschichte etwas ändern, begehen Sie ein Verbrechen. Sie hat so was — no — so was Mustergültiges möcht ich sagen, nicht wahr, Georg, nicht wahr, Magda? Diese Sparsamkeit, diese — — beinah grandios ist ja das! Ich weiß doch —“

„Natürlich fehlt etwas“, sagte Magda hinterlistig. „Eine Dame.“

„Selbstverständlich!“ schloß der Baschkirtseff kurz ab. „Das ist ja klar. Es fehlt das belebende Element. Es fehlt ein Ingredienz der Luft, ohne welches das Publikum sie nicht atmen kann. Es fehlt das erotische —“

„Die Kientoppluft“, sagte Onkel Salomon. Nach dem kleinen Gelächter der Andern setzte der Schauspieler in die Stille hinein mit Nachdruck die Worte:

„Wenn Sie glauben, daß ich eine Type bin, dann irren Sie sich.“

„Ich?“ schrie der Doktor tief empört. „Ich glaube Ihnen überhaupt nichts!“

Die Bratenteller verschwanden, die Diener reichten Butter und Käse. Der große Chalybäus sagte mit leiser sittlicher Entrüstung gegen seinen Freund gespitzt, er finde es doch zu merkwürdig, daß es nie und nirgend ohne Liebe abginge. Onkel Salomon ereiferte sich. Chalybäus läse zu viel Romane. Im wirklichen Leben spiele diese Liebe nicht im entferntesten die Rolle wie in Ullsteinbüchern und so. Es werde alles gräßlich übertrieben ...

„Lieber Doktor,“ meinte der Herzog zu Georgs Staunen, „da muß ich Ihnen widersprechen. Ich finde, grade weil die Liebe im Lebensgefüge und zumal unter den kleinen Menschen im Werkeltag das einzige Wunder ist, das Seltene, das so unbegreiflich ist und insofern nur mit dem Tode zu vergleichen und ein Gegengewicht gegen ihn, deshalb haben die Poeten sie mit Recht sich — wie soll ich sagen — als die Flamme ausgesucht, die Sonne ist wohl der richtigste Ausdruck, in deren Schein alles andre erst sichtbar wird und Schatten, Leben und Wirklichkeit bek—“

„Aber gern, gnädiger Herr, sollen sie ja, sollen sie! Bloß — in Romanen ist sie leider nicht das Einmalige, Besondere, Seltene, sondern ist das Ganze von Anfang bis Ende und — wie soll man das sagen? — No, ich meine eben: immer und immer das ewige Liebesgequassel, es ist ja zu langweilig ist es ja, seit Jahrhunderten nun schon!“

Georg suchte Annas Augen, bekam sie aber nicht. Der Baschkirtseff meinte, der Doktor sei bloß ein öder Misogyne. Der große Chalybäus stieß mit ihm an und meinte, mit einmal völlig andern Sinnes als zuvor, er sei total übergeschnappt. Magda verspottete ihn: das solle Tante Flora hören.

„Shakespeare und Dickens“, sagte er funkelnd wie ein Löwe, „behandelten sie nach Gebühr.“

„Romeo und Julia“, sagte Magda leise.

„Also no! da haben wirs, mein Kind! Als der Engländer einmal ein großes Lied von ihr singen wollte, verlegte er den Schauplatz in den Süden, in romanisches Gebiet. Das Feuer, dessen er bedurfte, gab es in England denn doch nicht. Übrigens halte ich mich nach wie vor an die Pick—“

„Nu redt er vom Feuer,“ sagte der Baschkirtseff hoch erstaunt, „und eben behauptet’ er, es wär eine Tranfunzel!“

Onkel Salomon lachte verlegen. Georg dachte: Dennoch! Wo ist das allumfassende Gefühl, das mich fühlen macht, fühlen die Sonne und die Sterne, die Ebene und die Brandung und — — Überdem fing er einen Blick Annas auf, sah sie zögernd ihr Glas heben — es war nichts darin —, ihm zulächeln und die Neige trinken, während ihre Blicke in den seinen haften blieben und sie langsam errötete. Der Herzog sagte leise: „Nun, Magda?“

Sie verstand und hob verwirrt und anmutig die Tafel auf.

Pelikan

Georg war ungestüm entschlossen, irgend etwas Einsames mit Anna zu verabreden; während sie aber in den Vogelsaal voranging, um sich dort mit dem Kaffee zu beschäftigen, mußte er als letzter zurückbleiben und betrübt, hinter seinem Vater gehend, dessen kraftlos und kümmerlich nach oben stehende Füße — wie Entenfüße — sehn, während die Stöcke sich unter der Last des schweren Mannes bogen. Die Sonne war inzwischen in Fülle hervorgekommen, die Wetterwand verschwunden, der Saal schwamm in reichem Nachmittagslicht, die hundert bunten Flügel in den Nischen glitzerten und auf den kleinen Tischen das Silber der Kannen, Likörflaschen und Kuchenkörbe. Die Diener verschwanden. Wie sie alle umherstanden — nur der Herzog saß am nächsten Fenster — in ihren Schoßröcken, fühlte Georg sich für einen Augenblick nach Somerset versetzt und wunderte sich, daß Magda umherging, um den Herren kleine Tassen zu überreichen, anstatt daß im Gegenteil sie bedient wurde. Zuletzt kam sie zu ihm, aber nun hatte er natürlich seine eigenen Pflichten vergessen, denn da stand der Maler und betrachtete die Zigarettenkästen. Baschkirtseff nahm eine lange Zigarre; in seinem, allzusehr mit seidenen Aufschlägen und Samtkragen strahlenden Frack sah er aus, als ob er etwas deklamieren sollte. Georg nahm eine Zigarre für seinen Vater, schnitt die Spitze ab und brachte sie ihm, der leise mit dem neben ihm stehenden Sekretär etwas besprach. Nun saß Anna auf einem Stuhl, und der Baschkirtseff, zierlich über die Lehne geneigt, setzte ihr auseinander, wie er die Dame in seine Filmidee hineinpraktiziere, das heißt natürlich da, wo das Menuett getanzt würde. Dazwischen hörte Georg den großen Chalybäus bedeutsam „die grüne“ sagen und sah ihn riesig über den Maler ragend, in der linken Hand eine Kristallflasche mit gelber, in der rechten eine mit grüner Chartreuse, die er mit strahlenden blauen Augen verglich.

„Und nun kommt es natürlich darauf an,“ raunte der Baschkirtseff, als ob er mit Magda über die Schlafzimmereinrichtung in ihrem demnächst zu begründenden Haushalt spräche, „ob die Geschichte komisch oder tragisch werden soll. Nehmen wir eine Frau des Pfarrers oder eine Tochter, das ist die Frage.“ Er blickte sie, prüfend ins Tiefste ihres Gewissens, von oben an.

Indem sah Georg, jetzt schläfrig vom Weingenuß und der reichlichen Mahlzeit, daß Egloffstein sich drüben ihm gegenüber in wartender Haltung aufgestellt hatte, dessen eine schwarzseidene Hosenseite, den Fenstern zugekehrt, weiß glänzte, und daneben blitzte ein silbernes Brettchen, das er nun, auf Georgs Augenwink herantretend, ihm hinhielt. Richtig, ein Brief mit Bennos Handschrift. Georg sah sich um, ob er wohl beiseitetreten dürfe, und gewahrte Anna, die in eigentümlicher Weise, aufrecht stehend, durch das Fenster nach oben blickte.

„O seht mal, was ist das?“ rief sie im nächsten Augenblick. Ein Schatten glitt von oben über das Zimmer, und Georg sah hinaus. Siehe da, auf dem weiten Rasenoval hatte sich ein weißes Ungetüm aufgestellt, es hüpfte noch vorwärts und stand, — riesenhafte Leinwandflächen in Stockwerken übereinander, zwischen denen es schattig war, viele Schnüre und Metallgestänge, vorn eine mächtige, braunhölzerne Schiffsschraube, dahinter ein gewaltiger schwarzer Stern von Motorzylindern. Eine schwarzlederne Gestalt erhob sich jetzt im schattigen Innern, und ein Arm schwenkte eine lederne Mütze. Das Ganze stand auf dünnen Beinen wie eine Wasserspinne; kleine Räder waren darunter.

„Tausend!“ sagte der Herzog in das schweigsame Staunen der andern, die sich alle den Fenstern zugewandt hatten, „tausend, das ist mein Pelikan!“ nahm seine Stöcke und humpelte, so schnell er konnte, auf die Terrasse hinaus. Georg, dicht hinter ihm, besorgt, ihn im Notfall zu stützen, verlor für Augenblicke alle Schläfrigkeit aus den Gliedern, trotz Hirn und Augen blendender Mittagsglut, die sich hinter dem Gewitter geschlossen hatte, als sei es nicht gewesen.

Während sie allesamt die Treppe hinuntergingen, kletterten zwei Lederne aus dem Flugzeug heraus, von denen der eine über die Wiese heransprang.

„Glatt gelandet, Durchlaucht!“ rief er, „wunderbare Überfahrt, einmal mitten durchs Gewitter, aber schnell wieder jetrocknet!“

Nun gab es einen Wirrwarr von Beglückwünschungen. Der Leutnant stand wie ein heruntergefallener Mondbewohner, überschlank und völlig von Leder, im Kreise der andern, lachte mit blitzenden Raffzähnen, hatte eine hakige Nase, langes Kinn und lange Oberlippe, beide schwarzblau vom Rasieren, schien also mit Onkel Salomon und doch auch wieder mit dem Herzog verwandt. Das ist so eine moderne Mischung, dachte Georg und erinnerte sich an seines Vaters „neue Legierung“. Der Leutnant führte nun die Gesellschaft um den Apparat und erklärte alles. Bescheiden, ganz still und blaß abseit, der Techniker bekam eine Handvoll Gold vom Herzog und sagte vor Schreck kein Wort.

Ja, nun sollte geflogen werden. Der Apparat war für große Lasten bestimmt, dafür aber noch nicht geprüft, doch konnte an Stelle des Monteurs jemand mitfahren. Georg zuckte, aber ein stilles Lächeln und wehmütiges Kopfschütteln seines Vaters erinnerte ihn an die Mutter und an sein eigenes Schweigen, eine Stunde zuvor im Arbeitszimmer, nachdem er gesagt hatte: „Die Menschheit?“ und bezwang sich. Der Leutnant verbürgte sich großmütig für unbedingte Sicherheit. „Überhaupt,“ sagte er, „man bindet einen Motor unter eine alte Küchentür und fliegt, gar nichts zu machen, meine Herrn!“ — Allein der Baschkirtseff fragte, ob er sich auch für das Fortkommen seiner Witwe und Waisen verbürgte, und das wollte der Leutnant nicht. Der große Chalybäus trug seinen Riesenleib staunend immer im Kreise um den Apparat. Bogner war gern bereit, wenn kein andrer sich melde. Georg sah Anna dastehn und ihren Vater mit den Augen verfolgen, die Stirn runzelnd, als ob sie erwarte, daß er ihr die Fahrt schenke. Dann entlief sie plötzlich in der Richtung des Verwalterhauses.

Der Herzog, Chalybäus und Baschkirtseff mit Onkel Salomon stiegen die Treppe wieder hinauf, um die Abfahrt von oben zu genießen; der Gärtner und ein paar Knechte, die sich in der Nähe aufgestellt hatten, wurden herangerufen und mußten helfen, den Pelikan umzudrehn und dicht an die Terrasse zu schieben, damit der Anlauf groß genug würde. Pelikan, dachte Georg faul und fast schon wieder zufrieden, unten bleiben zu müssen, Pelikan ist ein schöner Name für dies Ungetüm, — und gähnte heftig, indem er sich in den Schatten des Giganten stellte; der Leutnant holte ihm einen kleinen Koffer aus dem Magen.

Schon saß der Maler, mit Lederjoppe und Mütze des Monteurs bekleidet, hinter dem Leutnant, als Magda über die Wiese gelaufen kam, mit den Ärmeln eines Mantels kämpfend, den sie im Laufen anzog, ein Tuch fest um den Kopf gewickelt. Bogner mußte wieder heraus, sie beschwor ihn flehentlich, sie käme im ganzen Leben nicht wieder dazu, und er sollte bloß schnell machen, damit ihr Vater es nicht zu früh merkte. Der kam mit Baschkirtseff und frischen Zigarren aus dem Saal, grade als sie im Apparat verschwunden war, aber der Herzog, der auf der Terrasse saß, verriet nichts.

Der Monteur warf die Schraube an. Sie flog ein paarmal schwankend im Kreis und war verschwunden.

„Deubel,“ sagte Georg, „wo ist die Schraube hingeflogen?“ worauf der Monteur sanft lachte und von der ungeheuren Geschwindigkeit der Drehung sprach, was Georg inzwischen selber eingefallen war, auch wurde ein Glitzern sichtbar, und am Boden wehten und verbogen sich die Halme tief und in heftiger Aufregung. Da brauste der Motor stürmisch auf, die Männer sprangen weit zurück, langsam rollte der weiße Kasten über die grüne Wiese, schien ins Wäldchen zu wollen, erhob sich jedoch unvermerkt und — ein wenig nach links geneigt — schwang er sich mit plötzlichem Willen über die Wipfel empor, steuerte der Ferne zu, beschrieb einen langen Bogen, so schön und leichtgemut sich umlegend, daß Georgs Zwerchfell zitterte und er lachen mußte, nach oben blinzelnd mit geblendeten Augen, — kehrte zurück, schwebte drohend und riesenhaft über den unten Stehenden, senkte sich, zog einen Kreis von wunderbarster Ruhe und Genauigkeit über Dach und Türmen von Helenenruh, prächtig donnerte der Motor, — stieg in langen, herrlichen Schraubengängen höher, plötzlich blitzte der ganze Kasten von der Sonne getroffen auf, eine mächtige, schneeweiße Masse, schwenkte wieder herum, erlosch und zog von neuem dicht über den Parkwipfeln hin, dann in schnurgerader Bahn, schräg gegen den strahlend blauen Himmel hinan, schimmernd und seelenvoll dem Unendlichen zu. Als er über den Baumkronen fortgeglitten war, hatte es Georg geschienen, als ob eine schwarze Gestalt daraus emporgetaumelt und von der Schraube zurückgeworfen sei, ein paar Dohlen wohl.

Ja — — nun — —, da war sie fortgeflogen. An ihn, der unten bleiben mußte, hatte sie nicht gedacht, ihm nicht einmal zugenickt, oder hätte die Zeit wirklich nicht dazu gereicht? Nein, das war keine Liebe, sicherlich nicht! Ein Kind war sie, spielte bloß und tat, was ihr einfiel, und vielleicht fiel es ihr ab und zu ein, daß sie ihn liebte, das heißt, wenn sie jemand haben wollte, um ihn verführerisch anzulächeln. Und sein Gedicht, was war aus seinem Gedicht geworden? Sie machte sich wohl doch nichts daraus. Das war ein herber Schmerz, eine giftige Enttäuschung, und Georg beeilte sich, sein ganzes Wesen damit zu tränken, bis es überfloß, bis die Welt im Trüben schwamm und er ein Märtyrer wurde, der mit Wonne zu leiden begann. Sollte er auf sie warten? In dieser unangenehmen Sonnenhitze? — Nein, sagte er, ich werde Bogner Gedichte vorlesen und ihr nicht. Lieber wäre er freilich einsam gewesen, um sich ganz seiner Galle zu überlassen, — und am liebsten hätte er sich irgendwo in den Schatten gelegt, um zu schlafen — aber dies war noch herber, und also fragte er den Maler, der gern bereit war, nur noch einmal nach al Manach sehen wollte, worauf sie denn verabredeten — da Georg plötzlich Bennos Brief einfiel —, daß der Maler in einer halben Stunde auf Georgs Zimmer kommen wolle. Georg überlegte noch, ob er den Gärtner beauftragen solle, dem Pelikan aufzupassen und Anna Bescheid zu sagen, wo er wäre, unterließ es aber aus Bosheit.

Auf dem Wege in sein Zimmer tauchte wieder und wieder Annas Gesicht vor ihm auf, wie er es sah, als sie sich im Flugzeug zurechtsetzte und voraus blickte, absonderlich ernst, erregt und entschlossen. Vorher war es ihm ein süßer, goldener Spiegel gewesen; jetzt war er plötzlich daraus fort, und sie spiegelte Land und Meer selig aus der Vogelschau. Freilich, sollte er ihr das nicht gönnen? — Angst preßte jählings seinen Brustkasten zusammen —, ja, hatte er denn alles vergessen, was mit ihr war? Das Gespräch mit seinem Vater, ja, diese brennende Stunde hatte alles verzehrt, was vorher war. Und doch — war seine Liebe nicht gewachsen unterweil, sie, die keiner Zuführung bedurfte, die eigenwillig war und ... vielleicht steckte sein Gedicht doch noch im Schuh. Oder hatte sie es beim Anziehn der weißen Schuh an ihrer Brust verborgen? Welch himmlischer Gedanke! Aber wie war er doch verlassen! Wie war alles öde auf einmal und abgeblaßt! Und die Zeit — die Zeit stand entsetzlich still.

Ein Brief

In seinem zweifenstrigen kleinen Zimmer angelangt, ergriff Georg vom Schreibtisch unter den Fenstern das elfenbeinene Briefmesser und setzte sich im Winkel neben dem Schreibtisch in den alten, großväterlichen Wangenstuhl mit Roßhaarbezug und Säumen weißer Knopfreihen, nachdem er den darauf liegenden Band des Grünen Heinrich aufgenommen und auf den Schreibtisch gelegt hatte. Dann saß er minutenlang mit geschlossenen Augen, innerlich rieselnd von Schlaf, bis er sich wieder ermunterte, die Augen aufriß, sich gähnend reckte, den Brief öffnete und las:

Altenrepen, am 29. Juli

Mein lieber Georg:

Die drei Wochen Frist, die Deine liebevolle Weisheit mir ließ, sind verstrichen, und ich zweifle fast, daß ich Dir geschrieben hätte, wenn nicht —

Also nichts! schnob Georg. Es ist ein Elend, ein Elend! — Die rechte Hand geballt, las er verbissen weiter:

— wenn nicht heute auf dem Mittagsheimweg Iris Runge mir in der Langenlaube begegnet wäre und sich sofort — hocherrötend, des darfst Du gewiß sein! —

Georg, inmitten seiner Erzürntheit leise geschmeichelt, dachte unwirsch: Ach, was geht mich Iris Runge und die ganze Altenrepener Sippschaft an! —

— gewiß sein! — auf mich gestürzt hätte mit Fragen: „Wo ist Georg? Ist er wieder in Deutschland? Haben Sie Nachricht? Wann?“ usw. — Ja, Georg, Du hasts doch gut! Hätte sichs um einen von uns gehandelt, da würde ihre Mädchenscheu sich wohl gehütet haben, nur eine Andeutung von Wißbegier sichtbar werden zu lassen, Du aber genießest diese schöne Vogelfreiheit, daß jeder sich von Herzen mit Dir beschäftigen darf, und ich sonne mich bescheiden in diesem Glanz, der oft genug die Menschen mit ihren zutraulichen und unschuldigen Fragen an mich lockt ...

Guter Benno, welch holde Seele bist du doch!

Und nun — muß ich nach diesem Eingang erst wirklich noch von mir sprechen, Gründe, die alten Gründe — denn was sollte sich verändert haben in diesem halben Jahr? — von neuem aufzählen? Ich bin doch recht müde von diesem letzten Kampf, er war schlimm. Nicht, daß ich zu meinen Eltern noch einmal ein Wort geäußert hätte, wozu? Der letzte Kampf war der, ob ich gegen ihren Willen handeln sollte und — ich habe gesiegt. Nun bin ich freilich müde.

Wir müssen die Menschen verstehen, Georg. Wenn Vater selber das Geld hätte, glaubst Du, er würde mir nicht meine Musik lassen? Ja, wenn ers mit doppelter Arbeit und mit noch mehr Entbehrung schaffen könnte, daß er nicht alles auf sich nehmen würde? Er hat einmal in seinem Leben ein Opfer gebracht, einmal im Leben gezeigt, daß Stolz und Festigkeit ihm mehr galten als Vorgesetzte, Amt und Brot. Die Folge war das jahrzehntelange Elend des kleinen Beamten, Sorgen und Sorgen, dann Zerwürfnisse mit Mama, Feindschaft und all die Unerträglichkeit, die Du zum Teil mit erlebtest, dazu die langsame Verknöcherung, Verbitterung, und nun, von aller einstigen Mannhaftigkeit nun als letzter Rest der Stolz, daß der Sohn eines beuglenburgschen Beamten nicht auf fremder Menschen Kosten, nein, warum den Ton auf Kosten legen? — durch fremder Menschen Güte das bekommen soll, was er selber ihm nicht schaffen kann. Er glaubt ja an nichts mehr, wie soll er an die Zukunft einer so unsicheren und obendrein ihm innerst so fremden Sache wie meine musikalische Begabung glauben? Er denkt, Dein Vater wird sein Geld an mich wegwerfen, und auch das läßt sein Stolz nicht zu ...

Georg knirschte. Stolz und immer Stolz, und der demütige Benno, der ihn und alles immer begreift! Daß die Dummheit der Aufgeblasenen auch immer die Dummheit der Edelmütigen neben sich haben muß, an der sie sich auslassen können! Ja, wenns sich doch um Vernageltheit handelte, um pure Boshaftigkeit eines verrückten und vertrockneten Alten, dann solltest du mir mal kommen, mein Benno! Aber überall nur Schwachheit und Schwächlichkeit hüben und drüben, die zu einem elenden Brei zusammenfließt. Der eine läßt aus Schwächlichkeit das Böse zu, der andre unterläßt aus Schwäche das Gute. Nun wird er mir noch einen langen Sermon schreiben über seine arme Mama, die natürlich auch liebend gerne den größten Kapellmeister in ihm sehn würde, die aber keinen eigenen Willen hat, und die krank ist, so daß er ihr nicht das Leid antun darf, gegen ihren vermeintlichen, das heißt gegen den Willen ihres Mannes zu handeln. Und daß dieser ein elender Tyrann ist, der jenes einstige Opfer längst durch Knechtung und Erstickung alles Blühenden und Zarten und Liebevollen um sich herum längst doppelt und dreifach wettgemacht hat, davon natürlich kein Wort! Ja, was hilft mir denn nun mein riesenhaftes Erbe und alle Ahnen und alle Fabriken des Herzogtums, was hilft einem denn das Geld, wenn man der Dummheit nicht mit ihm den Schlund stopfen kann! Es ist nicht zu sagen, nicht zu sagen ist es ja!

Georg war aufgesprungen, lief mit schwingenden Armen und mächtigen Schritten im Zimmer hin und her und blieb mit plötzlicher Rührung vor der, über dem Lehnstuhl schwebenden kleinen Alabasterschale mit goldgrünem Mispelkranz, an einem Dreieck von Ketten hängend, stehen. Armer Benno, dachte er, so schwebt deine zarte, blasse, durchscheinende Seele mit ihrem immer grünen Kranz in ... Die Fortsetzung des Gleichnisses blieb ihm aus, er bückte sich, hob den zu Boden gefallenen Brief auf, zauderte, ob er weiterlesen solle, legte den ersten Bogen auf den Schreibtisch und begann den zweiten.

So hab Dank, Georg, noch einmal innigsten Dank Dir und Deinem edlen Vater für diesen letzten Versuch, und haltet mich nicht für undankbar, bitte nur das nicht!

Ja, auch das noch! murrte Georg. Er trieft natürlich von Seele und Edelmut. Immer am unrechten Platze. Undankbarkeit! Der Alte ist ein undankbarer Schurke! Warum hab ich denn vier Jahre das Gejammer und Geunke und die Nörgeleien und Streitereien ausgehalten? Laß sehen, schrieb er nicht davon auch was? — Georg nahm den ersten Bogen wieder vor, suchte und fand die noch nicht gelesene Stelle:

Für ihn wars nur ein Zeichen seiner Verlorenheit vorm Schicksal, daß mit dem Augenblick, wo durch Dich endlich ein wenig Erleichterung des Lebens und Aufhören der schlimmsten Geldsorgen ins Haus kommen sollte, Mama sich mit der Krankheit niederlegen mußte, die alles Überschüssige wieder einschlang, — ach auch das weißt Du ja alles, aber weil ich Dich bitten möchte, gerecht zu sein, sage ich es Dir noch einmal.

Freilich weiß ichs, knurrte Georg, und ich habe durch die Wand und halbe Türen oft genug die Vorwürfe und die schlecht unterdrückten Anspielungen auf die Last dieser offenbar halb geheuchelten Krankheit gehört, — ach, was für Menschen es giebt, was für Menschen! — Seufzend griff Georg wieder nach dem zweiten Bogen und las weiter:

Es ist ja auch noch nicht alles verloren. Sowie ich ausgelernt hab in der Bank — zu studieren in Altenrepen hatte ja wirklich keinen Zweck, da mir an keiner Art Studien etwas liegt, und ich so auf die erste Weise zur Brotstellung komme — dann darf ich ja wohl wieder auf die Güte Deines Vaters rechnen, der mir eine Stellung wird verschaffen können, die mir Zeit für mich läßt. Daran laß uns denken und hoffen.

Schöne Hoffnungen! Bis mittags um drei Diskonto- und Lombardgeschäft und dann Kontrapunkt und Harmonielehre und was weiß ich in der Hochschule, und außerdem vier bis sieben Stunden Klavierüben am Tag und die halbe Nacht Komponieren, — ja, es wird reizend werden!

Die Tage sind ja nun so wunderbar, und für was tröstet nicht die Natur zumal im Sommer! Leider bin ich ja kein guter Mensch, ich bin voll von gemeinen und schwarzen Gedanken, und Blume, Wolke und Vogel müssen ihre ganze übernatürliche Langmut und Süße manchmal aufwenden, um nur einen Tropfen Honig in die Galle gelangen zu lassen. Ich bin viel gewandert an allen freien Tagen, in die Haide hinaus, die schon linde anfängt, sich zu färben, in die grüne und gelbe Ebene, und ich glaube, ich habe ihn gesehn, den alten Atlas, wie er mit riesigen, erdenen Schultern das Himmelsgewölbe trägt. O die Ebene, Georg, die Ebene! Sie ist doch der Inbegriff, die große Mütterlichkeit, Schoß und Reichtum, und o ich liebe sie, diese norddeutsche Tiefebene, so daß schon diese beiden Worte einen delphischen Brodem um mich aushauchen können, ich fange an, Noten zu lallen, es tönt ... Eine Symphonie soll es werden, Georg — da ist es verraten! — und sie wird: die Ebene heißen, — keine Programmusik natürlich mit Waldesrauschen und Grillengezirp, sondern es wird die Ebene sein, wie — sit venia verbo! — die Eroica ein Heldenleben ist. Ja, der schönen Pläne sind viel! Ich habe die alte F-Dur-Sonate wieder vorgenommen — erinnerst Du das langsame Thema mit dem Schluchzen? und die alten Bruchstücke klirrten metallisch süß und leise, — bald sollen sie mir wieder schmelzen. Dann sind auch Deine Lieder, ich höre oft die allerzartesten Stimmen wie ein Geflüster von Wolken in unendlicher Bläue einsam, — halten ließ sich noch nichts. Genug davon!

Die Jungens sind nun alle in den ersten Ferien wieder hier, Löbell schon mit Schmissen, Barkhausen, Veit, Spiegelberg, Haman, alle fragten nach Dir, und ob Du nicht zum Schulfest im August herüber kämest. Auch Fräulein Runge fragte natürlich!

Ich schließe, meine Grüße durch die ihren beflügelnd. Empfiehl mich von Herzen Deinem Vater! Das Beste in meinem Leben war und wird doch immer die Freundschaft mit Dir bleiben, und ihrer gedenkend fühlt sich — wie wäre er sonst schlecht! — beglückt und im Frieden Dein alter

Benno Prager.

Das Ende klingt wie Abschied vom Leben, seufzte Georg gerührt, legte den Bogen zusammen, saß einen Augenblick trübsinnig nach vorn gebeugt, erhob sich und legte den Brief auf den Schreibtisch, der auf seiner grünüberzogenen Fläche nur eine Schreibunterlage mit Löschpapier, ein altes messingnes Tintenzeug, eine viereckige Aschenschale aus Kristall und ein gerahmtes Bild von Stefan George trug. Dastehend, die Hände auf der Platte, sah Georg zum linken Fenster hinaus, und der Anblick des Himmels erinnerte ihn mit leisem Schmerz an eine Entflogene.

Ganz rein war der Himmel und leuchtete. Das tiefe und starke Nachmittagslicht ergoß sich nun schräg von oben; stärker grünte der erfrischte Rasen, von dessen gewaltigem Oval Georg nicht mehr als den letzten Rundabschnitt sehen konnte. Gegenüber schimmerte mit Läden und Fensterreihen die weiße Wand des Nordflügels, altersschwarzes Dach und die flachen Vorwölbungen der Ochsenaugen, links daneben die Gesträuche und Bäume, die das Verwalterhaus teilweise verdeckten. Aber nun wurde von rechts, von der unsichtbaren Terrasse her, die Rückseite des, wie ein Schirm hochaufgespannten weißen Pfauenschweifs sichtbar, die Beinkeulen darunter, aufgeregt hoch und nieder und rückwärts tretend, und Georg gewahrte, sich vorbeugend, oben auf der Treppenbreite eine kleine schwarze Katze, in sich zusammengeduckt, den Kopf hin und her wendend, als sei der Vogel unten gar nicht vorhanden. Georg hörte ihn aufschreien, während er das Fenster öffnete, — die langen und biegsamen Federn schwankten, die Katze war plötzlich auf der Brüstung, strich flachangedrückt darüberhin, verschwand hinterm grünen und roten Gerank einer Urne und kam nicht wieder zum Vorschein. Alsbald drehte der Pfau sich langsam um und zeigte, über den Rasen davongehend, die kostbare Majestät seiner Vorderseite, schön verjüngten Hals und gekrönten kleinen Kopf im Riesenrad der schimmernd weißen Augen, darauf in eleganter Verwandlung mit dem langsamen Sinkenlassen des zusammenrauschenden Schweifs das neue Bild des ruhigen Vogels, der, ein wenig töricht, mit kleinen pickenden Schrittrucken, die wagerecht hingestreckte Schleppe zierlich und würdig davontrug.

Lau und süß und weich in die Lungen flutete die Nachmittagsluft. Weißes blitzte oben in der Bläue, eine weiße Taube schwang sich ausgebreitet zum First des Daches und nahm hastig ihr rundliches und albumhaftes Taubenaussehen an, während sie auf den scharfumrissenen, mit langer schwarzer Spitze auf der Ecke des Gebäudes stehenden weißgetünchten Turm zuschritt. Das goldene Licht triefte, alles war still und leer, ein wenig öde wie Sonntagnachmittag und mit einem Hauch von Bangigkeit. Georg fielen plötzlich die Augen zu. Er zog die Mittellade auf, nahm sein, in schweres, schöngemasertes Leder gebundenes Versbuch heraus, blätterte eine Weile darin, ließ es, da die Lider wieder sanken, offen liegen und sich selbst mit einer trägen Drehung wieder in den Ohrensessel fallen.

Sechstes Kapitel

Al Manach

Georg erwachte. Ohne gleich zu wissen, was war, konnte er doch stracks und munter die Augen öffnen, fand sich erquickt vom kurzen Trunk traumlosen Schlafs, erinnerte sich aber jetzt, daß es geklopft hatte. Indem ertönte das Pochen wieder von der Tür her, Georg, sich erhebend, rief: „Herein!“ die Tür öffnete sich, und es stand eine Gestalt von eben mittlerer Größe unerwartet darin, in einem feinen schwarzen Anzug; fast erschreckend aber war im ungemein zarten und weißen kleinen Antlitz die Erscheinung zweier Augen von tiefstem Kohlschwarz, deren Blick Georg erst Sekunden später auf sich ruhen fühlte, — linde, kam es ihm vor, überaus linde. Dahinter sah er nun auch den Maler.

„Ah Herr al Manach,“ rief Georg erfreut und verwirrt, „wie schön von Ihnen! Treten Sie näher!“

Selber vorgehend, streckte er die Hand aus, fühlte sie von einer merklich kleinen, sehr glatten und weichen Hand kaum einen Augenblick ergriffen und fest umschlossen, und im nächsten schon sich selbst zurückgedrängt, ganz wie er war, auf fast unbegreifliche Weise unkörperlich, gleich als habe sein Wesen vom ganzen Wesen des Fremden einen magischen Druck erhalten, der ihn zurückwies.

„Welch angenehmer Aufenthalt!“ erklang es jetzt melodisch. Der al Manach blickte sich freundlich um. „So schöne Gegenstände!“ sagte er und umfaßte mit rundem, gleitendem Blick alles umher von der Alabasterschale hinter Georg über den grauen Rupfenvorhang der Bücherwand rechts zum kleinen Rundtisch, dicht neben dem Eingetretenen, — von gelber Kirsche mit eingelegtem Stern — vor dem breiten Mahagonisofa mit grüner Ripsbespannung, und wieder links hinüber zur Servante zwischen den beiden schwarzgoldenen, mit rötlichen Stricken umknoteten japanischen Reisekoffern am Boden. Und diese Dinge — Georg zu gewohnt, als daß er sie noch zu sehen pflegte — richteten sich nacheinander vor ihm auf und präsentierten sich freundlich und frisch.

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