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Helianth. Band 1

Drittes Buch. Apriltag oder Verwirrung

Reading edition

Da am weg bricht ein schein fliegt ein bild Und der rausch mit der qual schüttelt wild. Der gebot weint und sinnt beugt sich gern „Du mir heil du mir ruhm du mir stern.“

Erstes Kapitel

Speisewagen

Unaufhörlich stampften die Achsen.

Georg, ein Stockwerk gleichsam über dem Rasseln, Klirren und Stoßen, hörte die Ringe zum Festhalten der Gläser und Flaschen unter den Fenstern des Speisewagens klappern, deutlich durch das übrige Getöse. Der Zug jagte mit allen Bremsen talwärts. Jedesmal wenn die offenen Flügeltüren fern drüben in ihrer Langmut hin und her wankten, so wurde das sachte Dehnen und Knirschen in den Lederfalten der Harmonikas vernehmlich, und da sich die Täler nun erleichtert öffneten nach dem Durchstoß des zornigen Kolosses von verketteten Wagen, der sich in die Ferne stürzte, so blickte Georg in die tiefe, grüne Heiterkeit der schon abendlichen Landschaft, vor deren Wiesen und Äckern und Wäldchen durchsichtige Stücke des Wagens schwammen, gläsern gespiegelt, auch die linke Hälfte von Maler Bogner, der ihm gegenüber saß, die Unterarme auf der Tischplatte, und manchmal erschien eine Andeutung seines Profils, sonderbar fremd wie eines Unbekannten, dort draußen.

Auf dieser Seite des Zuges war es hell; auf der andern waren die wachstuchenen Vorhänge gegen die tief stehende Abendsonne herabgelassen, und immer sah Georg beim Hinausblicken den Schatten des Zuges in rasender Eile mitgeschleift, in fegenden Wellenlinien über Böschungen oder Plankenzäune, über die Telegraphenpfähle, in Gräben tief hinunter, Anhöhen hinauf und in ungeheurem Sturze wieder hinunter in tiefes Wiesenland, über das der Bahndamm hoch oben den Zug hinwegführte wie einen fortsprengenden Hippogryph. Es war ein wenig aufregend anzusehn auf die Dauer. Georg erholte sich an der Dämmerung hinter den Wachstuchvorhängen, deren Stäbe unten hin und wieder mit leichtem Klappen gegen die Fensterleisten schlugen; sekundenlang hingen sie leblos, je nach der Neigung des Wagens. Alle Tische waren von Gästen leer; ein Kellner, lautlos, kam ab und zu heran, ordnete auf den weißen Tafeltüchern die Gläser in Gruppen, setzte Teller mit Nienburger Bärentatzen, in Pergament gewickelt, und kleine bunte Pakete mit Kakes darauf.

Es war so wohltuend alles; anzusehn alles und nichts dabei zu denken. Der Zug beruhigte sich ein wenig. Das dumpf donnernde Rollen der Räder sank langsam tiefer unter Georg, ein musikalisches Getöse, das die Fahrt eher zu begleiten schien, als daß es durch sie entstand, und der Zug wiegte sich gleichmäßig und zufrieden. Draußen zog die Landschaft, schön in weiten Tiefen zur Ansicht ausgebreitet, stark leuchtend, mit vielen und langen Schatten, Felder, Haidestrecken, kleine schwarze Baumschläge mit rot glühenden Stämmen, nahe Tümpel, Bachläufe, Rinder, schwarze und weiße, glühend in der Abendsonne mit ihren Schatten im glühenden Wiesengrün, ein Bahnwärterhäuschen, rot wie lebendige Glut, mit Gärtchen, Hund, Kind und Mann an der Fahne, grell beleuchtet über und über. Rosige Landstraßen mit ihren Reihen Obstbäumen oder Pappeln hielten sich lange Zeit unveränderlich in der Ferne, bogen sich langsam, näherten sich, schweiften plötzlich wie auf einen Wink in die Weite, oder sie kamen unvorsichtig heran und wurden jählings abgeschnitten. Dann war da ein kleines Bild zusammengestellt im Schatten des Zuges: eine Schranke, zu der Kinder heranliefen, oder es wartete ein bäuerliches Leiterwagengespann, und all das wiederholte sich mühelos, immer ein wenig anders. Einmal erschienen die weißen Rauchballen aus der Lokomotive, wie sie munter und sorglos über hellgrüne Saatfelder dahinsprangen, nun langsamer schwebten, zurückblieben, sich gestalten wollten, aber eh sie’s gedacht sich auflösten, erstaunt über ihr frühes Ende.

Georg, alles wahrnehmend obenhin — auch den richtigen Maler zuweilen gegenüber, nicht den gespiegelten, der wie er selber hinausschaute, als wärs eine Aufgabe; auch den grün und gelben Kopf Dostojewskis auf dem dicken Bande, der vor ihm lag, und noch dies und jenes —, hörte und sah es doch kaum, nach innen träumend, wo aus einer selbst handelnden Tiefe der haltlos schwebende Filmstreifen des Gedächtnisses Bilder emporschickte, so unordentlich und schlecht aneinandergereiht wie die von Träumen, immerfort auseinanderreißend wie aus Seidenpapier, dann unterbrochen von den gegenwärtigen Erscheinungen, erhellt, verdunkelt, beleuchtet, beschattet, Gesichter, Straßenteile, Bewegungen, Gruppen, Zimmer, Restaurants, Marmortische, rote Samtsofas, Säle, Galeriestücke und Gärten, — und die Augenlider senkten sich zuweilen, dem Unterdrücken von diesem oder jenem mit äußerlicher Bewegung nachzuhelfen; oder er wurde sich der Härte der Stuhllehne im Rücken bewußt und rutschte tiefer; oder er zog die weit ausgestreckten Beine an sich und legte das linke über das rechte, oder umgekehrt.

Georg hatte das dünne Gefühl einer unsicheren Behaglichkeit. Er sagte sichs mit diesen Worten und fragte sich daraufhin: Warum dünn? warum unsicher? Dünn ließ er fallen und untersuchte das Unsicher. Da fand er denn, es sei wie an einem dieser öden Sonntagnachmittage letzter Zeit in München, wenn in der Ferne die Glocken läuteten. Es ist still, es ist beunruhigend ruhig, es fehlen alle Wochentagsgeräusche, es ist warm und friedlich, aber die Öde, oh die Öde, wie sie mit lautloser Woge an den Wänden hochgeht und niederrieselt von oben! Daran schuld aber scheinen die Glocken. — Es läutet in meiner Tiefe, dachte Georg, meine Behaglichkeit ist bloß äußerlich, ich bin wohl schon entronnen — gottlob, ich bin entronnen! — aber irgendwo läuten noch immer diese beklemmenden Sonntagnachmittagglocken. Sind das wohl diese Erinnerungen? Ja, sie sind es. Sie taugen wohl nichts? Nein, sie taugen nicht das geringste! Allesamt? — Aber vor allem ist es das, daß sie bloß da sind, weiter nichts; sie sind so wertlos und so kraftlos wie jenes Geläut, das für irgendwelche Leute Bedeutung haben mochte, aber nicht für mich. Ich erinnere mich — und kann mich doch nicht erinnern. Der Saft ist heraus. Wie geisterhaft ist doch alles Gewesene! Kann man überhaupt etwas hören in der Erinnerung? —

Georg horchte. Um eine lange Tafel unter umqualmten Lampen saßen Gestalten, Mützen, blaue, auf den Köpfen und blau-weiß-schwarze Bänder um die Brust unterm Rock; am obern Ende stand einer, in schwarzer Pekesche, blauweißschwarzer Schärpe und Cerevis, der mit einem farbigen Schläger auf den Tisch hieb; aber Georg hörte den Knall nicht und hörte das Lied nicht — obgleich die Melodie —, das aber zweifellos rauh und mit Klavierbegleitung gesungen wurde. Eher vernehmbar schon war die kontormäßige Stille des riesigen Billardsaals, mit dem leis knackenden Aneinanderprallen der Bälle, den grünen, sanften und leuchtenden Rechteckflächen unter tief hängenden, dicht umschatteten Lampen. Daraus entfaltete sich alsbald, wie eine Handvoll Spielkarten gefächert, eine Bilderwand der Schackgalerie, Hafis am Brunnen ... und jene Römerin Feuerbachs mit der unbeschreiblichen Hand, und die kleinen, dämmerigen, klösterlichen Gewölbe mit Schwinds liebevollen, bezaubernden Bildchen. Nun, das war doch eine angenehme, eine fühlbare und eine wertvolle Erinnerung, — möglicherweise aber war es doch die einzige ihrer Art, das fiel ihm aufs Herz! Nein, siehe da, wie zart, wie unirdisch, diese rosenleichte und sanfte Alpenkette! Er selber freilich war unversehens auf jene brüllende Terrasse voller Menschen im Isartal geraten und ins Gedränge von langen Biertischen mit grauen Maßkrügen und gehäuften Brotkörben, von Münchener Spießern, Studenten und Kellnerinnen, alt und stämmig, — Pullach hieß es, und war eine Exkneipe in Zivil am Sonntag. Die Alpenkette schwebte unsäglich ferne darüber und lächelte abgewandt. Da kam sie ein wenig näher, da war der Starnberger See, der Herbstpark, an dieser Stelle brachten sie den toten König ans Land, und dort drüben war die Bretterwand vom Wellenbade. Weiter, — was noch? Nachtstunden, oh schauerliche Nachtstunden! Prostgeschrei, Lieder, Anödereien, Bierjungen und tiefe Betrunkenheit. Endlich die mitternächtigen Heimwege in künstlicher Haltung, wenn durch die halbe Bewußtlosigkeit plötzlich der Riesenschatten der Frauenkirche dunkelte, — und Schlaf, Schlaf und stumpfes, besinnungsloses Erwachen, halbes Ankleiden, schweißige Stunde auf dem Paukboden ... „Die Faust nach links! Höher! Noch höher! Links heraus! so! links heraus!“ Und es prasselte, klirrte und klappte dumpf von zwanzig Stellen des Schuppens, und irgendwo sprang gellend eine Klinge ... Jetzt der erste, eisig kalte Schluck beim Frühschoppen, die Promenade, Musik und auffliegende Taubenschwärme ums mistbesudelte Gesims der Theatinerkirche, und ach nun jene ödesten Stunden der niemals endenden Samstage auf dem Mensurboden — — entronnen, oh gottlob endlich entronnen.

Georg schlug zum Abschluß Dostojewskis ‚Jüngling‘ auf und las mit den Augen, innerlich unaufhaltsam weiterdenkend: Da bin ich doch auch in Nymphenburg gewesen, das war schön, der letzte Farbentag im November, die langen, schlichten Fronten, die großen, gemauerten Becken und der kleine wilde Teich im Park mit der einsamen bunten Ente. Dann war Cora, dies Wesen ... und Fliddridd, dies — ja, dies Wesen ...

Und Annas Briefe, ach mein Gott, hätte ich ihr doch nie geantwortet ...

Und der Karneval, eine lichterdurchblitzte Wolke von Staub und Konfettigestöber und Patschuligeruch, durchtobt von rosigen Beinen, nackten Schultern und Rücken, Fräcken, Hemdbrüsten, Riesenhüten und diesen entsetzlichen Pailettenkleidern, ein tanzendes Geheul, immer rundum, rundum um ein großes Himmelbett, in das sich ein ununterbrochener Regen von Gold- und Silberstücken senkt, während im Hintergrunde durchdringend ein uneheliches Kindergeschrei ertönt, — von wem stammte dies Wort? — Georg sah auf.

Ah, die Sonne! Der Zug fuhr mitten hinein. Georg sah ein Stück scharfen Goldes der gewaltigen Scheibe, der offene, gläserne Wagen glühte rot übergossen, der Maler gegenüber war farblos, doch sein Hinterhaar schön vergoldet. Wie alles blitzte! und der Zug schien freudiger und ruhmvoller dahinzurauschen.

Einen Augenblick versuchte Georg, im Gedanken an die Vergeudung eines halben Lebensjahres sich großartig vorzukommen. Einen Augenblick überlegte er, ob herzhafte Reue nicht angemessener sei. Aber das ist es nicht wert, dachte er wiederum und ertappte sich über dem Widerspruch, daß er die selbe Sache, auf deren Vergeudung er hatte stolz sein wollen, der Reue nicht für wert hielt. Flugs erschien ihm die Anna; sie stand vor einem Rosenstrauch und hielt ihm den Finger hin, an dem ein Blutstropfen hing, worauf er mit dem Verwischen des Tropfens die ganze Erscheinung auslöschte und bekümmert zu sich sagte: Das wird es sein, ja, daß all dieses, dies Biertrinken, Nichtstun, Tanzen, Fechten und die Herzensschlamperein — daß ich all das nicht mit Willen unternommen habe, nicht aus Lust, sondern nur, weil ich so hineingeriet, und ebensogut hätte ich es lassen können. Gelegenheit machte es, nicht ich, und darum kann ichs nicht bereun, noch überhaupt richtig empfinden, weil Tat so wertlos ist wie Traum, wenn Willen und Meinung fehlten. Ja, ist es nicht so: wenn ich nachtwandelnd vom Dachesrand stürze — wäre das Selbstmord? Wenn ich im Traum meinen Schlafgenossen erwürge, — wäre das Mord? Der Gedanke macht die Tat, — wie eigen, da doch ebenso gewiß der Gedanke die Tat nicht ist! Ja, und nun? Nun kann ich all das nur als geschehen betrachten, und das glaube ich, das ist an allem, was je war, das Häßlichste, wenn man hinterdrein sagen muß: Es kam so ...

Nun also eine andre Stadt, ein andres Leben. Jenes laß ich fallen, und was ich jetzt anfange — — ach, du lieber Gott, warum muß man sich denn nur über alles so entsetzlich klar sein! Zumal, setzte er beschwichtigend hinzu, da diese Klarheit immer bloß nachträglich ist, nichts bessert, gar nichts ändert, noch auslöscht, sondern höchstens den schwachen Bodensatz der Erinnerung ... Er verlor das Ende des Gedankens, indem er sich gezwungen fühlte, Maler Bogner zu fragen, ob er Dostojewski kenne.

„Übrigens, wie spät mags sein?“ setzte er hinzu.

Während der Maler seine Haltung löste, die Uhr zog und langsam sagte: „Bald acht, — noch eine Stunde ...“, sah Georg ihn mit einem Male im Billardzimmer in Trassenberg und mußte sich Gewalt antun, das an allen Gesichtsmuskeln zerrende Lachen zurückzuhalten, indem er sich erinnerte, wie dieser Bogner sich mitunter stundenlang mit dem Billard unterhielt. Er hatte keine Ahnung vom Spiel, wußte aber ungefähr, worauf es ankam, und so machte er hier und da einen nachdenklichen Stoß und verbrachte lange Minuten in tiefer Betrachtung darüber, wie das nun wohl zugegangen sei, daß die Bälle sich nicht so gelegt hatten, wie er sich das gedacht hatte. Dies sei fabelhaft fesselnd, hatte er gemeint. — Georg gelang es endlich, sich von diesem Bilde ab und zu den richtigen des Malers zu wenden, die er in Trassenberg gemalt hatte. Ja, welch ein Glanz im Schweigen, welch eine Riesenanspannung legendenhafter Kräfte, jedoch am Ende geäußert in so schlichter Form, wie wenn am letzten Kraftende eines Katarakts fünf dünne Sägen, langsam und sorgfältig, eine Fichte in Bretter zerlegen. — Das gelbe, traurige Bild seiner Mutter erschien, so überströmend von ihrem ganzen Lebensleid, eingeschlossen in ungeheure Stille, — o diese nun ewige, betrübte Vision gelber, verschwiegener Landschaft, in die der Frauenkopf sich hineinhob; verlangend und ergebungsvoll ... Ja, und — ach ja, Annas Bild, Annas, die er einen Sommertag lang geliebt hatte und ...

Der Maler sagte, ordentlich antwortend wie stets, er habe die Karamasoffs, Raskolnikoff und das Totenhaus gelesen.

Georg blickte insgeheim in diese hellen Augen, die vor kristallisiertem Licht die Farbe entbehren zu können schienen. Und darin wars gewesen, diese tiefe, grüne Wiese, die das ganze Bild zudeckte von oben bis unten wie ein vom Himmel hängender Teppich, und davor das schwebende maihimmelblaue Kleid mit tanzenden, geschweiften Rocksäumen, und die schneeweißen, ausgestreckten Arme, und das flüchtige, vergehende, nach oben fort verlangende Antlitz unter der Last von gelben Rosen, die das Haar unsichtbar machten, — und im Gesicht die Stille der großen Augen, und elysische Vergessenheit im Blick ... Ich aber — habe ich diese Anna je gekannt? Geliebt habe ich sie nie, dachte Georg tief seufzend und folgte mit Augen dem Kellner, der die Rulos eines nach dem andern emporschnellen ließ, — bis auf eines, das durchaus nicht wollte, worauf der Kellner ab von ihm ließ, als wäre es ungezogen. Plötzlich befanden sie sich, der verschwindenden Sonne groß ausgesetzt, in dem offenen Glaskasten mitten in der Landschaft, durch die sie flogen.

Georg warf sich mit Heftigkeit ins Gespräch.

„Er schreibt den geschwindesten Stil in der Welt, nicht wahr?“ sagte er.

Der Maler nickte.

„Es ist wie Stromschnellen,“ fuhr Georg fort, „beiläufig, haben Sie je eine Stromschnelle gesehn? — Man wirbelt dahin, und diese Lebendigkeit, dies tausendfach atemlose, leidenschaftliche Leben, mit dem sie samt und sonders durcheinander taumeln, diese Figuren! Im Augenblick — nicht wahr — ist man mitten darunter.“

Der Maler lächelte beipflichtend.

„Dabei,“ sagte Georg, „fehlt eigentlich alle Glut, etwa jene Balzacs, sondern alles ist auf eine Weise nüchtern und — unabänderlich und notwendig, die es gleichsam abkühlt. Dann sind es ja auch Russen ...“

„Mir,“ sagte Bogner aus dem Fenster blickend bedächtig, „mir kam es, als ich den Raskolnikoff las, vor, als säße ich festgebunden auf einem Stuhl in einem dieser grausamen Zimmer ... Eine Kerze am Rand eines dünnen Tisches, und kein Fenster. Der Kalk fällt von den Wänden, und irgendwo raschelt Ungeziefer. Da kommen sie denn einer nach dem andern herein und sagen ihr Leben auf.“

„So ists! Und sie haben gar nichts Gemeinsames! Jeder ist wie mit Wänden abgeschlossen von den Andern, und sie stoßen nur aufeinander, nicht wahr, umschlingen sich, taumeln anderswohin, und es will ein jeder nur das Seine. Sie reißen sich ineinander herein, jetzt aus Haß, und jetzt in Anbetung, — und sie stoßen sich von sich, — es sind Tataren!“

„Ja den Städten!“ sagte Bogner und setzte langsam hinzu: „In den Dörfern hausen lauter Dienende und haben tiefe Gebärden. Seltsame Kinder Gottes ...“ Georg zuckte leicht zusammen, da der Maler ihn plötzlich ins Auge faßte, und hörte ihn sagen: „Übrigens ... sagte nicht Oscar Wilde, daß Hekuba einen so unübertrefflichen Gegenstand der Kunst abgebe, weil ihre Leiden niemanden etwas angingen? Mir sind diese Russen immer fremd geblieben — Dostojewskis —, und daher war das Lesen so angenehm. Auch moralisch steht man völlig abseit, man erstaunt wohl im Miterleben, aber da die moralische Beteiligung fehlt, so wird man auch nicht zum Urteilen, zum Bejahen oder Verneinen, zum Loben oder Tadeln gezwungen.“

Georg, während er Balzac erwähnte, der hingegen stets moralisch sei und noch mehr den Leser nötige, es zu sein, hörte den Maler seinen eigenen Worten hinzufügen, es sei im Grunde nur ein Irrtum ...

„Was?“

„Diese Fremdheit des russischen Charakters. Ursächlich sind wir nicht anders. Die Menschen hierzuland, aus Büchern geschaut — und wir kennen sie ja nur aus Büchern, im Leben haben wir doch nur Freunde oder solche, die wir verachten —, scheinen uns bloß entweder gut, oder aber — nicht böse meinetwegen, tätig schlecht, Böses ersinnend, und betreibend, sondern — nichtswürdig, unedel, niedrig denkend. So scheinen sie uns; der Russe dagegen scheint ein Gemisch von beidem, Engel und Teufel in eins, im Augenblick tiefedel, im Augenblick von lustmörderischer Niedertracht, weil er nämlich jedem Reiz zu diesem und jenem nachgibt. Wir aber —“

„Wir haben Hemmungen!“ fuhr Georg hinein. Bogner lächelte.

„Das ist das neue Wort. Schlagworte passen für den Augenblick.“

„Nun, und etwas noch vor allem,“ fuhr Georg eilfertig fort, um den Anschein der Oberflächlichkeit auszutilgen, „ein Wort, das der Held dieses Buches hier sagt: ‚Ich liebe es, mich vor mir selber schuldig zu fühlen.‘ Ist es nicht grauenhaft? Und das ist das Russische. Aus diesem Grunde begehen sie ihre Schändlichkeiten. Sie sind Lüstlinge der Reue, nicht wahr? — aber was wollten Sie sagen?“

„Ich wollte sagen ...“ Während dieser Worte sah Georg neben dem Hinterkopf des Zahlkellners in dem Spiegel der Tür die Gesichter von zwei Damen dicht übereinander, ein ältliches, schiefes und kränkliches unter einem schwarzen Hut, und ein sehr zartes, junges unter einem grünen Jagdhut, und irgend etwas war rot daran. Auch Bogner blickte dorthin, an Georg vorüber, der selber stracks unfrei geworden war, sich genötigt fühlte, im Stuhl aufzusitzen, unauffällig die Weste abzuklopfen und sie straff zu ziehn. Er hörte weibliche Stimmen hinter sich, der Spiegel war jetzt leer, — warum kommen sie nicht vorüber? Sie schienen in der Hälfte des Wagens hinter ihm sich niedergelassen zu haben. Georg sah den Blick des Malers von ihnen ab und zum Fenster hinaus gleiten, während er sagte:

„Ich wollte sagen, daß all das auch in uns sei als Keim, als Trieb, als Gedanke; wir können ja nichts denken, wir können immer nur wünschen oder befürchten, und so sind jene Art Russen Zerrbilder von uns, die das Unsrige übertrieben darstellen, — doch eigentlich nicht unwahrhaftig,“ schloß er.

Nein, wollte Georg sagen und widersprechen in der Erinnerung an seine eigene Überlegung vorhin über den Unterschied von Tat und Gedanke, aber da hörte er den Maler halblaut und wie zu sich selber sagen:

„Die Menschen sind alle gut. Es will sich nur niemand hindern lassen.“

Das Wort fuhr durch Georg hin mit großem Erschrecken, wie wenn ein Tier im Weg aufspringt und die Augen hineinreißt in seine vielgliedrige Flucht. Indem brauste der Zug, lärmte, die Bremsen schrien überlaut, und sie hielten gleich darauf in einem kleinen, offenen Bahnhof.

„Ungütig sind sie, Bogner,“ sagte Georg entschlossen. „Sie tun, diese Russen, das Edle nicht aus Güte — denn dann würden sie das Gemeine verachten und lassen — sondern weil es sie gerade dazu treibt, es zu tun, oder auch, um übles Tun wettzumachen. Güte aber,“ setzte er triumphierend hinzu, „Güte ist der Orgelpunkt der Kultur.“

Hiernach gab die Leistung seiner Rede ihm die Berechtigung, sich umzuwenden, und er traf mit seinen Augen voll gegen das jüngere Gesicht — sie saß in der gleichen Richtung wie er, nur einen Tisch zurück, an der andern Wagenseite — in dessen ungemein schönen und klaren Augen er las, daß sie ihn erkannte, — vermutlich nach einer seiner Photographien. Zudem hatte er nun die, aus Grün und dunklem Rot gemischte Aureole von Haar und grünen Falten des über die Stirne hochgeschobenen Schleiers gesehn, die ihm zuvor rätselhaft erschienen war. — Jetzt sich erinnernd, daß er ja einen Spiegel im Wagenfenster neben sich hatte, vollführte er einige Manöver, um darzutun, daß er unbequem säße, drehte seinen Stuhl gegen das Fenster und hatte zuerst den ärgerlichen Anblick seiner eigenen Person im Glase, dieweil er noch immer die verwünschte schwarze Wickelmütze über der Wundenkompresse auf dem Kopfe trug. Alsbald aber erschien in der blassen, von Abendhimmel und dämmriger Landschaft verworrenen Spiegelung der Hauch eines Widerscheins von Wangen, Hut und grünseidener Bluse, Bruchstücke, die sich hin und wieder lieblich veränderten, schwebten, hinter dunklem Wald, hinter einem Hause verschwanden, wieder näher kamen und greifbar wurden.

Schöne Frauen, dachte Georg, ziehen mich doch eigentümlich an, — aber Cora — trug sie nicht auch einen grünen Schleier — grüne Schleier sind selten —, als ich sie das erste Mal sah? Gute Cora!

Es dämmerte tiefer draußen, die Felder lagen schon schwarz; der schnurgerade, schwarze Himmelsrand war dunkel gerötet, schwarze Dächer, ein spitzer Turm und Baumkuppeln ragten in sanftes Gelb, und darin schwammen drei kleine, rosige Wolken mit Silberrändern und holden Schatten still und emsig hintereinander her. Gerade wollte Georg es dem Maler zeigen — wie Legendenengel auf der Reise fand ers —, als im Wagen die Lampen aufflammten, und statt der Dämmerung wurde nun draußen das ganze, hellerleuchtete Wageninnere sichtbar, die Fenster, Tische, der wartende Kellner unter der Gasflamme und die beiden Damen, die einander gegenüber saßen und Kaffeetassen und Kännchen vor sich stehen hatten. Allmählich jedoch wurden über dem stark leuchtenden Grün der Bluse hinter dem durchsichtig gewordenen Antlitz die drei Abendwölkchen wieder sichtbar, die sich langsam von ihm entfernten.

Georg blickte auf und sah in diesem Augenblick die junge Dame herantreten. Sie errötete leicht, nickte und sagte zu Bogner, er möchte verzeihen, aber sie hätten von drüben den Namen Bogner gehört, und da hätten ihre Mutter und sie sich gestritten, ob er der Sohn von Charlotte Bogner und dem Sanitätsrat wäre. „Nun will ich wissen, ob ich recht habe,“ sagte sie ruhig, während im Hintergrund ihre Mutter sich in Qualen der Beschämung und Entrüstung zu winden schien.

Der Maler sagte, er wäre es, glaubte sogar, die Mutter des gnädigen Fräuleins als eine Freundin seiner Mutter erkannt zu haben.

„Und mich?“ sagte sie fest und mit Laune, „wollen Sie mich nie haben Klavier spielen hören?“

Nun lachte der Maler und versicherte wie ein Weltmann, er erinnere sich an alles und würde untröstlich sein, wenn er nicht der Mutter des gnädigen Fräuleins vorgestellt würde.

„Frau, nicht Fräulein,“ sagte sie freundlich, nickte Georg zu und ging mit Bogner hinüber.

Frau, nicht Fräulein? dachte Georg, sich wieder hinsetzend, verwundert. Das werde ich nie im Leben glauben. Hierauf nahm er, sich verpflichtet fühlend, irgend etwas zu tun, Coras zwei letzte Briefe hervor, blätterte die, mit etwas kindlicher Lateinschrift auf mattlila Papier geschriebenen unlustig auf und zu, nachdenklich, weshalb er den letzten unbeantwortet gelassen hatte. Das Häuflein lila Papier zusammenraffend und wieder wegsteckend, dachte er dann: Solche Briefe — oder solch ein Menschengewächs — sind sie nun eigentlich abscheulich oder nicht? Ich glaube, unsereiner, ja die meisten Menschen überhaupt, werden durch Erziehung, schon von Vorfahren her, auf einen Grund von Menschentum gestellt, wo man vieles gar nicht empfindet; einen Grund, oder besser, in eine Luft, wo Gemeines nicht gemein, Gutes nicht gut ist, sondern nur eine gewisse Lässigkeit herrscht, die sich alles erlaubt und nichts für bedeutend hält. Eigentlich — ja nun! Wer hat das Wort eigentlich erfunden? Ein Teufelsmensch, denn dies ist das Wort des Nicht-tuns und doch nicht Lassens, das Wort, in dem eigentlich alles steckt. Eigentlich, sagt man, sollte ich das ja nicht sagen, — und dann sagt mans. Ja, also: eigentlich müßte ich dies alles greulich finden, aber ich — ja, ich tue es auch eigentlich, bloß ... es ist zu dumm! Wie entsetzlich schamlos doch eine Frau geworden ist, sobald sie nur vier Jahr verheiratet war. Die Ehe ist so eine Art Sinekure für seelische Schamlosigkeit ... dachte er noch und wandte sich leicht um, hörte sich von Bogner angerufen, ging hin, wurde vorgestellt und konnte sich nun vergewissern lassen, daß die Tochter ihn wirklich nach einer Photographie erkannt hatte. Die Mutter hörte er Frau Tregiorni nennen, den Namen der Tochter schien der Maler selbst nicht zu wissen.

Fahrtgespräche

Sie hatte die zarte Schönheit der Frauen mit rotem Haar, einen unberührten Mund von der schönsten Form mit weicher Unter-, voll gewölbter Oberlippe und herabgesenkten Winkeln. Das Paar der dunkelbraunen Brauen schwebte wie ein flügelhebender Sperber über Augen von undeutlicher Färbung und großer Klarheit. Georg war entzückt, und obendrein stellte sich nun heraus, daß sie schon von ihm gehört hatte, daß sie Magda Chalybäus kenne und eine Freundin von Renate Montfort sei. Die Anna nannte sie eine entzückende Libelle, — warum, wußte sie nicht zu sagen, aber Georg erklärte es ihr gleich. Deshalb nämlich, weil Annas innere Lebendigkeit, obgleich sie selber sich stille verhielt, ein glänzendes Zittern um sie wöbe gleich dem unsichtbaren Schwirren der vielen Flügel, wenn der Libellenleib unbeweglich in der Sommerluft schwebt, — ein beflügeltes Wesen sei sie, o ja. — Dies fand sie so hübsch, daß sie es flugs ihrer Mutter mitteilen mußte, die es auch hübsch fand und nunmehr begann, Georg alles zu erzählen. Nämlich, daß sie aus Graz kamen, wo sie Verwandte ihres verstorbenen Mannes besucht hätten, der in Altenrepen Kapellmeister gewesen sei, und sie selber war am Theater Sängerin gewesen, übrigens gebürtige Altenreperin und aus sehr guter Familie, während ihr Mann italienischer Österreicher aus dem Görzischen gewesen war. — Ihr Gesicht war ganz gelb und wirklich so schief wie der abnehmende Mond; sie fing nicht einen einzigen Satz an, ohne einen hülflosen, um Erlaubnis oder Beistimmung flehenden Blick auf ihre Tochter zu werfen. Diese aber schnitt ihr nun sachte aber bestimmt den Faden ab und sagte:

„Ich selber spiele Klavier, wie Sie gehört haben, und war beinahe ein Wunderkind; es ging aber vorüber. Wir waren also keine zufällige Familie.“

Georg stutzte, zauderte, riet in ihren Augen und fragte endlich: „Sind Sie Sherlock Holmes?“ Und da sie lachend verneinte: „Aber Sie zitieren doch ein Wort Dostojewskis aus seiner Vorrede zum ‚Jüngling‘, den ich da drüben liegen habe?“

Das hätte sie erstens nicht gesehn, und zweitens hätte sie den Ausdruck ‚zufällige Familie‘ ganz selbständig gemacht, — sie möchte aber nun wissen, was er bedeute.

Georg holte den Dostojewski, las nach und meinte: „Er spricht von russischen Familien, und ich verstehe kein Wort davon.“

Sie sah mit in das Buch, las ein wenig und sagte, sie verstünde es auch nicht. Georg, der es nun selber erklären sollte, fand keine Worte, fing aber schließlich an: „Ich kenne eigentlich gar keine Familien, nur in Altenrepen eine, die mir allerdings sehr zufällig vorkommt. Ich war dort in Pension, der Vater ist Oberlehrer, die Mutter stammt aus ganz kleinen Verhältnissen, ein Sohn ist Komponist ...“

„Ach, Benno Prager,“ meinte sie, „warum haben Sie das nicht gleich gesagt! Das ist eine zufällige Familie?“

„Jedenfalls zankten sie sich immer. Also Sie kennen den guten Benno? Ach, dann sind Sie wohl die dritte von den drei edlen Frauen, die zur Tür hereinkamen, nachdem er zwei Stunden im Dunkeln gewartet ...“

„Das scheine ich zu sein.“

„Nun kommen wir der Sache näher,“ meinte Georg. „Also eine Familie ohne Bindungen, nicht wahr, ohne Zusammenhang, — aber ich glaube, die giebt es erst seit kurzem und gabs in früheren Zeiten nicht, wie, Bogner?“

Bogner sagte, er seinerseits kenne nur holländische Familien, die auf alten Bildern dargestellt wären. Darauf seien eine Menge durchweg blasser oder durchweg rötlicher Gesichter zu sehn, die den Beschauer sämtlich anblicken. Links sitze der Vater, rechts die Mutter, und um einen Tisch zwischen ihnen seien viele Söhne und Töchter verteilt, alle mit dem gleichen Mühlsteinkragen über den schwarzbekleideten Schultern und alle mit dem gleichen Ausdruck in den dunklen Beerenaugen. Nein, das seien schlechterdings keine zufälligen Familien, schloß er.

„Ich glaube,“ sagte die Tochter — Georg, der sie hatte Ulle nennen hören, erwog, ob sie wohl Ulrike heiße, was ihm paßlicher schien —, „ich glaube, es war schöner, als es so aussieht, wie Sie es malen. Der Vater war das Oberhaupt, und die Familie bildete eine wohlgeordnete Gruppe der Ehrfurcht umher. So sollte es immer sein.“

„Wenn das Oberhaupt nur danach wäre,“ ließ Georg einfließen, während sie unbeirrt weitersprach:

„Er hatte sie ja gegründet, widmete ihr sein Leben, sorgte für sie und war stets ein Vorbild in Sitte und auch in Gesinnung.“

„Wenn er aber nun brüllt, tobt, ohrfeigt und die Türen knallt?“

„Wer tut denn so etwas?“ fragte sie spitz.

„Bennos Vater. Dabei ist er ein Gelehrter und ziemlich gebildet, nicht wahr? Im ganzen, scheint mir, ist er nur auf lärmigere Weise Tyrann als Ihr vorbildliches Oberhaupt. Und zudem, scheint mir, hatte Ihr Oberhaupt mehr Ehrfurcht vor seiner Frau, vor der Mutter seiner Kinder und dem Vorstand des Hauswesens, wie er andrerseits ihr Eheherr war, wie es hieß, dem sie Gehorsam schuldete, wie zuvor ihrem Vater. Es war jedenfalls ziemlich beschränkt.“

„Ach, Ulle, und so kalt kommt es mir vor!“ klagte die Mutter ängstlich und schaudernd. „Diese gräßlichen Mühlsteinkragen! Warum heirateten sie denn überhaupt?“

„Es war nicht kalt, Mutter, nicht kälter als heute, im Gegenteil, denn es herrschte eben die Gemeinsamkeit, von der wir sprachen. Es war eine Gemeinde, es gab Zucht und Gottesfurcht. Heute heiraten die Menschen, weil sie sich einbilden, sie hätten sich lieb, und weil es gerade so paßt, diesmal, denn jeder hat schon früher diesen oder diese liebgehabt, und da paßte es nicht und wurde nichts daraus, und das ist eben das Zufällige. Nachher sitzen sie dann wie eine Lerche und eine Krähe auf derselben Stange.“ Errötend, als habe sie in irgendeinem Betracht zu deutlich gesprochen, fuhr sie eilfertig fort: „Vielleicht liegt es an der Religion, die heute auch fehlt, und die damals alles war, Weltanschauung und —“

„Ach, Ulle, die Religion! Und dein Papa war solch ein frommer —“

„Liebste Mama, du gehst alle vierzehn Tage einmal zur Messe, Ostern zum Abendmahl und zur Beichte, und du bist noch katholisch obendrein. Früher war die Religion das goldne Seil, an dem jeder Tag ablief, nichts geschah ohne Gebet vorher, das Kleinste und das Größte war von Gott abhängig, — ist das kein Unterschied?“

Georg sagte: „Um es ganz einfach darzustellen: Adel — nicht wahr? — heiratete Adel und Handwerk Handwerk. Ferner hatte der Mann die Kenntnisse, war der Ernährer und galt deshalb als überlegen. Ferner wußte die Frau, die vom selben Stande war, was dazu nötig war, um seinen Beruf zu verstehn, während eine Kaufmannstochter, die einen Gelehrten heiratet, nur aus großer Liebe ein blindes Verständnis schöpfen kann. Ferner hatte auch sie ihre Überlegenheit, im Hauswesen, in der Erziehung der Kinder. So waren sie in allen gemeinsamen Angelegenheiten — nicht wahr? — einander gleich; wenn er überragte, so tat ers für sich allein, außer dem Hause gleichsam.“

Frau Tregiorni bestritt alles, denn alles sei heute genau so! Wenn sie an ihre Ehe denke, du lieber Gott! — und Georg pries sie glücklich.

„Ja, und warum brüllt er denn so?“ erkundigte sie sich zaghaft nach Bennos Vater.

„Das fragen wir uns ja auch, gnädigste Frau. Nun, Ursachen gab es natürlich. Schlechte Schulzeugnisse, Bennos ewige Verträumtheit und Vergeßlichkeit, dann vor allem das Essen, nicht wahr? und die Krankheit seiner Frau, — ja, nun ist sie ja tot.“

„Ist sie tot? Nein, so was lebt nicht!“ beteuerte die alte Dame unschuldig, während Ulrika: „Ach! also doch!“ sagte.

„Vor acht Tagen bekam ich die Anzeige,“ sagte Georg. „Mich wundert, was der Alte nun sagen wird; bisher war er überzeugt, daß sie nur so tat. Sehen Sie: Bennos Vater stammte aus nicht bessern Verhältnissen als sie, hatte aber studiert, war ein Gelehrter und vermutlich der Stolz der Familie gewesen, der es später dann zu nichts Rechtem brachte. Sie war, soviel ich weiß, seine filia hospitalis gewesen, in die er sich verliebte, nicht wahr? Nun dazu der gute Benno, dies Kuckucksei, mit seinem Komponieren. Keiner konnte ihn begreifen, keiner konnte ja vom andern begreifen, was er war, noch die Gegend schätzen, aus der er kam. So fehlte die Zuneigung.“

Das verstehe sie nicht, erklärte Frau Tregiorni.

„Die pflichtmäßige Zuneigung, gnädige Frau. Ehen wurden früher geschlossen, weil eine Familie zu gründen war. Es mußte alles stimmen, Stand, beiderseitiges Vermögen, nicht wahr? und es heiratete nicht ohne weiteres ein Mann ein Mädchen, sondern Familie in Familie, Anhang in Anhang. Es konnte nicht vorkommen, daß der Mann die Verwandten seiner Frau mißachtete, oder umgekehrt, und es schien jegliche Grundlage des Glücks ausgeschlossen bei einer Ehe, die mit der geringsten Gegensätzlichkeit begann, irgendwelcher Feindschaft womöglich, gar nicht zu reden von väterlichem Fluch.“ Mit dem Gedanken an Cora und ihren Mann sprach er weiter: „Es mußte ein Akkord sein, nicht wahr, von vielfältig abgestimmten Noten. Und dann eben, mit dem Augenblick des Eheschlusses, begann das Eingeborene zu wirken, nämlich diese pflichtmäßige Zuneigung der Gatten; des Mannes zur Mutter der kommenden Kinder, der Frau zum Eheherrn, auf den sie sich verließ. Pflichtmäßige Zuneigung, die sich ein Leben lang durchhalten ließ — vermöge natürlich der des Herzens — und die sich spontan auf die Kinder übertrug als Ehrfurcht, vor dem väterlichen Vorbilde, dem elterlichen Beispiel — nicht wahr — eines Wandels in Einmütigkeit; Zuneigung um des Bundes willen.“

Ulrika warf den Kopf auf, erklärte, er habe gut gesprochen, und es beweise gar nichts. „Benno Prager muß da unter den Seinen in der Verbannung von sich selber leben, und früher wurden die jüngeren Söhne aus dem Hause gejagt, wenn sie nicht freiwillig gingen, und konnten mit dem Schwert ihr Brot verdienen —“

„Beim Adel, gewiß, und es hatte wirtschaftliche Ursachen, und es schadete auch gar nichts, und außerdem wären wir ja froh, wenn Benno fortgejagt wäre, anstatt daß er nun in die Bank gehen muß.“

Sie blickte ihn an, lächelte und meinte, er habe freilich recht, sie möchte es nur nicht leiden, wenn von früher und heute geredet würde, als wäre die jetzige Zeit verdorben. „Du wirst unruhig, Mama, wollen wir gehn?“

Die Mutter, die nach der Uhr gesehn hatte, versicherte, es sei hohe Zeit, nur noch zwanzig Minuten bis zur Ankunft. So verabschiedeten sich die Damen, auch Bogner und Georg suchten ihr Abteil auf, wo sie allein waren.

Abteil

Georg, in der tiefen Dämmerung des von oben matt erhellten, dunkelroten Raumes sich in die Ecke neben der Gangtür niederlassend, betrachtete auf dem gesenkten Gesicht des Malers, der unter der Lampe stand, die Schattenschluchten und Lichtflächen, während er seine Pfeife aus dem Gummibeutel nachdenksam stopfte und in Brand setzte, worauf er eine Fensterecke Georg gegenüber einnahm. Der blasse Egon, sein kleiner Diener, erschien, in Zivil mit seinem schwarzen Haartuff in der Stirn wie ein Sekundaner aussehend, um höflich den Maler zu fragen, ob er am Bahnhof irgend etwas befehle, doch befahl er nichts, saß und rauchte und sog mit einem wunderlichen Ausdruck des Behagens am Kinn. Nach einer Weile blickte er Georg ernsthaft an, und schließlich sagte er etwas, zu Georgs Staunen ganz aus eigenem Antrieb; er sagte:

„Ein schönes Mädchen!“

Und:

„Ein kluges Mädchen.“

„Sie ist verheiratet,“ sagte Georg.

„Keine Spur,“ sagte Bogner, „das sieht man doch.“

„Mit einem Marineoffizier,“ trumpfte Georg auf.

Woher er das wisse.

„Sie hatte vergoldete Ankerknöpfe in den Ärmelaufschlägen.“

Da freute sich der Maler und meinte, er möchte Georgs Augen haben.

„Nun sagen Sie mir eins,“ platzte Georg unvermutet heraus, „können Sie mir das sagen: wann fühlen die Menschen eigentlich? Da haben wir unendlich tiefe Dinge geredet. Wir haben gedacht, nicht wahr. Sie hat gedacht, ich habe gedacht, Sie haben nichts gesagt, aber Sie haben auch gedacht, wir denken alle. Fortwährend denken wir. Den ganzen Tag ist der Mensch beschäftigt, im Beruf oder mit Zeitunglesen und so. Wann fühlen die Menschen? Vielleicht im Theater? Da kritisieren sie. Im Konzert? beim Spazierengehn? vor dem Einschlafen? Ich glaube, sie kritisieren auch da noch. Am Ende fühlen sie nur, wenn sie in Büchern von den Gefühlen andrer Menschen lesen. Oder tun sie’s, wenn sie unglücklich sind?“

Der Maler zog seinen kleinen Bleistift aus der Westentasche und rührte damit in seiner Pfeife wie in einem Milchtopf; dann ließ er etwas Asche in den Aschenbecher fließen.

„Ich weiß es nicht,“ bekannte er schließlich.

„Sie wissen gar nichts!“ rief Georg strahlend, „Bogner, Sie sind ein unbewußter Mensch! Ich möchte das auch können!“

Der Maler schob die Hand in die breite Lederschlinge, die neben ihm hing, und lachte freundlich mit. Georg holte Coras Briefe wieder hervor, um dem Maler eine Stelle zu zeigen. Als er sie gefunden hatte und aufsah, begegnete er Bogners Blick, der aus den großen Augenhöhlen — wie äffisch und vergrämt sie auf einmal aussahen — unbestimmt auf ihn gerichtet schien, so daß er zögerte, etwas zu sagen. Bogner sah wieder fort und zum Fenster hinaus in das Dunkel. Sein Gesicht wurde immer schwerer und ernster, während Georg das Getöse des Zuges plötzlich wieder wahrnahm, das gleichmäßig wiegende Stoßen und Schnaufen. Auf einmal hörte er den Maler sagen:

„Ich bewundere Sie, Georg! Sie haben eine so unerhörte Munterkeit und Willigkeit der Jugend, eine so wunderbare Teilnahme für jeden Menschen, daß Sie sofort bereit sind, sich in jede Unterhaltung über jeden Gegenstand zu werfen, nur um mit dem Andern ins Gemenge zu geraten. Ich kann da gar nicht mitkommen. Sie denken so rapid. Sie sind eine Stromschnelle.“

Er sah ihn an und lächelte kostbar. Georg sagte: „Da hab ichs!“

„Wie machen Sie das eigentlich?“ fuhr der Maler ganz ernst fort. „Ich glaube, Sie lesen in drei oder fünf Büchern von russischen Menschen, und schon haben Sie ‚den‘ Russen im Glashafen und lassen ihn steigen und sinken wie ein kartesianisches Männchen. Und —“

„Hab ichs denn falsch gemacht?“ unterbrach ihn Georg, nicht durchaus geschmeichelt.

„Und es scheint ganz unwiderleglich, wollte ich sagen. Ich kann da gar nichts bestreiten. Wer kann all das wissen?“

Wieder verstummend, blickte er zum Fenster hinaus, fing aber nach einer Weile abermals an:

„Ja, eins fiel mir noch ein, — während Sie da über die zufällige Familie redeten. Ich sagte Ihnen ja, daß meiner Meinung nach wir Menschen nicht denken, sondern wünschen oder befürchten. Und nun nehmen Sie einmal an, da ist ein Mensch, der immerfort üble Dinge denkt — nur denkt, wie Sie es meinen —, also sagen wir: diebisch oder lüstern; irgendwie Boshaftes. Werden diese Gedanken sich niemals und in nichts äußern? Sich nie zu einer Handlung kristallisieren, oder jedenfalls einen Niederschlag finden in seinem Gehaben, seinem Verhalten gegen Andre? Oder stellen Sie sich einen guten Mann vor, einen, der nur Rechtliches denkt und Gütiges. Sollte daraus niemals eine gute Tat, die dann fortwirkt, sollte kein schönes und edles Gebahren daraus hervorgehn?“

„Das scheint mir so zu sein,“ sagte Georg, sich vorbeugend, um ihn besser verstehen zu können.

„Ja, und nun der Russe. Vielleicht ist er weniger zivilisiert, läßt sich eher — unter der Brücke des Gedankens gleichsam — vom Gefühl zur Handlung hinreißen, — mag alles sein, aber ...“

Er schwieg.

Georg saß lange Zeit in Gedanken verwickelt, die zu unbestimmt waren, um sich fassen zu lassen. Da hörte er wieder die Stimme Bogners und fand sich ernsthaft angesehn, während der Maler sagte:

„Und Sie, Prinz, Sie denken viel ...“

„Ja, gewiß ...“ sagte Georg zögernd. „Ja — und —?“

„Ja, und gesetzt, Sie dächten wirklich nur, immer so, wie Sie’s meinten —“

„Ich meine,“ fiel Georg ein, „wenn ich ein Mensch mit lebhafter Phantasie bin und mit beweglichen Gedanken, so muß ich eben hundert Dinge denken, einfach assoziativ, nicht wahr? weil ein Gedankenbild das andre hervorruft, ohne jedoch mich ernstlich zu beschäftigen, mein Wesen zu berühren.“

„Ja, jawohl. Ich meinte eben auch nur das Denken, das viele Denken. Jener Übeldenkende, von dem wir sprachen, unterläßt das Gute vielleicht. Und wer viel denkt, was unterläßt vielleicht der?“

Georg, die Antwort „das Handeln“ nur mit den Augen sagend, wollte eifrig widersprechen mit der Behauptung, daß eben die Gedankenarbeit die Vorbereitung und Schule des Handelns sein müsse, allein Bogner ließ ihn nicht zu Wort kommen.

„Und jetzt,“ sagte er, „sehen Sie wohl, jetzt denken Sie nicht, was ich gesagt habe, sondern nur, wie Sie mich widerlegen können, und daß Sie mich widerlegen müssen. Denken Sie also ohne Wunsch noch Befürchtung? Denken Sie, sagen wir, ungefärbt? in Reinkontur?“ Er lachte leicht vor sich hin. „Aber lassen wirs doch, es ist ja wunderschön. Da kommt so ein schönes Mädchen, und, gleichviel wo’s ist, im Eisenbahnwaggon, im Kaufladen, im Salon, im Lift, Sie werfen Ihre ganze Seele in die Wagschale, damit das schöne Mädchen die ihre hervorholt und dagegensetzt. Ich möchte das —“

— auch können, glaubte Georg zu verstehn, doch kreischten in diesem Augenblick die Bremsen, der Zug, laut brausend, fiel in langsamere Fahrt, immer langsamere, und am Ende blieben sie stehn. Der Maler wischte an der beschlagenen Scheibe, sah in die Dämmrung hinaus und sagte: „Warne.“ Es war die letzte kleine Station.

Georg, seine Briefe vom Sitz neben sich aufnehmend, hörte den Maler in die Stille hinein plötzlich mit beinahe dröhnender Stimme sagen: „Der Teufel hole alles mattlila Briefpapier!“

„Ja, warum denn?“ fragte Georg erschrocken.

„Ich kanns nicht leiden,“ versetzte er. Und über ein kleines wiederholte er: „Ich kanns nicht leiden!“

„Dies Briefpapier,“ sagte Georg, „ist von Ihrer Schwägerin Corinna, und da Sie sie nicht kennen, dachte ich, nicht wahr, eine Stelle daraus würde Sie interessieren. Es ist von ihrem Vater die Rede. Nein, sehen Sie mal —“ Georgs Blick war auf eine Seite in dem andern Brief gefallen — „sie hat manchmal eine nicht unwitzige Art, Situationen wiederzugeben. Der Umzug, schreibt sie, war fürchterlich. Jetzt sitze ich zwischen lauter Scherben, mehrere Fensterscheiben, die große Marmorplatte vom Waschtisch, die halbe venezianische Krone, Glaskannen liegen in Trümmern um mich herum. Und ich dazwischen mit dem vernichtenden Blick — wie in Karthago. Und meine goldene Hutnadel aus Brüssel und der weiße Gürtel mit dem Emailschloß — weg — verschwunden! Jetzt wird sich wohl die Braut von meinem Ziehkerl damit schmücken. Ich heule schon beinah.“

Georg reichte nun den Brief, den er Bogner zeigen wollte, ihm hinüber, die Stelle mit dem Finger bezeichnend; er selber las ein wenig im andern.

Ich bin sehr müde, lieber Georg ...

Für jetzt soll Ihnen verziehen sein um Ihres heutigen Briefes willen. ‚Weil ich Sie brauche.‘ Dies ist schön.

Ich möchte lieber auf einem weichen Sofa sitzen und mich von jemand streicheln lassen. Lieber Prinz, behalten Sie mich lieb.

Georg war hocherfreut über ihre Geschicklichkeit im Wechsel der Anreden. — Nun kam die Stelle vom Umzug. Die nun folgende letzte Seite des Briefes war ein Gewirr; von allen vier Rändern nach der Mitte zu und kreuz und quer war der Bogen beschrieben, nebst zwei großen Tintenklecksen. Am obern Rande fing Georg zu seinem Vergnügen noch einmal zu lesen an:

Herrgott, was hab ich da gemacht! Also dies schrieb ich Sonntag vor acht Tagen, als ich mich grad mit Herbert gezankt hatte. Sie sollten es eigentlich nicht haben —

Aha, eigentlich! dachte Georg.

— ich hatte den Bogen in einem Papierkasten aufgehoben und nun verkehrt herum hervorgeholt. Und auch grad an Sie hab ich darauf schreiben müssen — also, ich schreibe den ganzen Brief deshalb nicht noch mal ab — hab auch keine Zeit dazu. Sie kriegen ihn.

Am untern Rande stand:

Ich bin totmüde, heut geht alles verquer. Adieu! Trösten Sie mich bald wieder. Unsre Wohnung ist aber fein. Extra ein Plätzchen, elektrisch beleuchtet, wo Sie vor mir knieen können, wenn Sie einmal kommen. Ihre müde Cora.

Am Rande rechts stand:

Indem fallen mir noch diese Kleckse aufs Papier. Soll es doch nicht sein? Tant pis — ich tu’s doch.

Am Rande links:

Nun finden Sie sich zurecht, wie Sie können.

Georg drehte das Blatt herum und las die von unten nach oben — Sonntag vor acht Tagen — geschriebenen Zeilen:

In später, stiller Nacht sitze ich allein und lese Ihre Gedichte noch einmal. Alle. Was ist es, das aus ihnen zu mir spricht? Ist es ein künstliches Hineinsteigern in Gefühle, die in Wirklichkeit nicht da sind? Sind es nur die Sinne? Ist es die wahre Leidenschaft, die echte, große, erträumte? Ich kenne Sie nicht. Kennen Sie mich? Ich bin nicht immer leicht.

Dies schrieb ich in der Sonntagsnacht und weiß nicht, ob ich es Ihnen je vor Augen kommen lassen werde. Eben schlägt es zwölf. Denken Sie an mich? ‚Sehen wir im Traum — wieder Stern bei Stern ...‘ Gute Nacht.

Georg, die Briefe samt dem, vom Maler ihm stillschweigend zurückgereichten, zusammennehmend, war plötzlich gerührt. — Du armes Kind, dachte er, ‚die echte, große, erträumte Leidenschaft?‘ Mußt du noch davon träumen? Warum hast du denn geheiratet? ‚Denken Sie an mich?‘ Das klang doch so rührend! Und da war es aus, ich bekam es mit der Angst und schrieb keinen Brief weiter. Ja, das bist nun du, Cora. Du lügst nicht, oh, niemals lügst du, und das Sonntag nacht Geschriebene und der unbedacht hervorgeholte Bogen und die Kleckse, das ist alles so gewesen, obwohl man schwören möchte, daß es nicht so war. —

Auf einmal ward ihm heiß. ‚Ich bin nicht immer leicht.‘ Bei dieser Stelle ist mir immer heiß geworden, wenn ich sie wieder las, empfand er. ‚Ich kenne Sie nicht.‘ Ja, das ist die problematische Stelle, wo die wirkliche Leidenschaft beginnen möchte — oder die eingebildete aufhören. Als ich Anna das erste Mal küßte, sagte eine unbezweifelbare Stimme in mir — aber ich überhörte sie! —: Ich kenne dich ja gar nicht! — So sind wir nun. Große, geträumte Leidenschaft! Jede träumt davon, und alle heiraten. Sei du in Beuglenburg, ich in Altenrepen! Oh nein, für eine wirkliche Leidenschaft warst du doch viel zu amüsant! Amüsante Frauen liebt man nicht, das würde einen um das ganze Vergnügen bringen. Oh, wie muß doch so manche geborene Kokotte im seichten Gewässer der ehelichen Niederungen verkümmern! Ich bin so spitzfindig auf einmal! Damals aber sollte ich Anna vergessen, sie wollte es ja! Bogner mit seinem lila Briefpapier hat wieder einmal alles gewußt. Wenn ich nun zum Beispiel an den letzten Nachmittag denke ... Mein dumpfer Schädel, — der Verband hitzte und drückte, und dann hatte ich Annas Scheidebrief wieder hervorgeholt, — mir war so elend! Wir fahren ja wieder, dachte er, sich unterbrechend, da er das langsame Rollen des Zuges hörte und das Vorbeiziehen von Lichtern in der Dämmerung draußen sah. Die Luft war ganz violett, dahinter ferne der Himmel leuchtend grün.

Briefe, dachte er, sollte man um so eher verbrennen, je begieriger man sie las. Der Duft ist hin, und sie später wieder lesen, das ist wie an der Schale von gegessenen Früchten kauen.

Und übrigens weiß ich jetzt, was an dem Nachmittag in ihr vorging, als ich von Anna sprach. Es gelang ihr, das, was sie an Zuneigung für mich besaß, mit Hülfe des Unterschiedes im Alter in Mitleid und Mütterlichkeit umzusetzen. Einen Augenblick erst schien mirs doch, als sei sie hülflos geworden. Ja, nun sehe ich sie viel enttäuschter; damals beherrschte mein eignes Schicksal mich ja ganz, — als sie aufgestanden war und am Fenster lehnte, im Laternenlicht, das von draußen hereinstrahlte, ganz weiß im Gesicht unter dem riesigen schwarzen Hut. Vielleicht hatte sie doch viel von mir erhofft. Prinz ist man ... Wie mag wohl ihr Mann sein? Von unerschütterlicher Strebsamkeit nannte ihn Bogner. Solche Frauen haben solche Männer. Und einen Augenblick stand sie da, ihre bescheidene kleine Seele in der Hand, das bißchen echter und verkümmerter Sehnsucht.

Und dann auf einmal sah ich sie ganz verschwommen in der Dunkelheit, und sie stand bei mir, ihr Gesicht war nah über mir, der Hutschatten verdeckte das Fenster ganz. Ich nahm ihre Hände ... Warum wohl? Es kam so ...

Und dann küßte sie schonend meine Stirn, ja, und dann war sie hingeschmolzen in Tröstlichkeit und Mitwehmut, und die erlaubten ihr, auf meinen Knieen zu sitzen, und mir, sie zu halten, und ihr Kopf lag an meiner Schulter, ein Umstand, der zur Folge hatte, daß ich sie küßte, und wie wir so dasaßen, war irgend etwas uns gemeinsam.

Und dann kamen die Briefe, und aus irgendwelchem Gefühlskeim stiegen diese Gedichte auf, groß einher wandelnd wie Seifenblasen, Regenbogenkugeln mit Stickstoff gefüllt und deshalb mit so majestätischer Schwere durch die reineren Lüfte segelnd, — ich weiß alles, dachte Georg geknickt.

O Anna, ich hätte dich nicht vergessen sollen! Was wird nun werden? Ob sie noch länger in Altenrepen bleiben wird? Aber wahrscheinlich geriet ich auch in das Gefühl für sie nur hinein, weil sie da war, und weil ich fühlen mußte. Suchte ich dich? hätte ich lebenslang nach dir suchen und dich finden müssen? Wie hätte ich dich dann vergessen können, jemals? — Man schwimmt im Dasein, sieht nichts als den kleinen Wasserkreis um sich her und erfaßt, was hineintreibt. Aber da sitzt mir ja Bogner gegenüber ...

„Noch sieben Minuten,“ sagte der Maler.

Bald darauf erschienen in der Dämmerung zwischen dunklem Wirrwarr von Gebäuden die wohlbekannten Häuserflächen mit Plakaten von Cakes und von Tinte und der große Arm, dessen Faust einen Radreifen hochhielt. Dann stand auf einmal: Dunlop! groß im Finstern. Georg sah Fabrikessen, von unten beleuchtet, ihr Qualm glühte, Kirchtürme; gegen die andre Seite des Wagens drängte sich plötzlich der große Biergarten unter Bäumen und vielen kleinen Lichtern. Eine Straße erschien, abgelegen, ein Waldrand, ein erleuchteter Straßenbahnwagen, leer und stillestehend.

„Pferdeturm,“ sagte der Maler vor sich hin. Gleich darauf: „Hier ist eine Kaserne gebaut.“ Darauf: „Hier ist alles anders geworden.“

Georg, um etwas zu sagen, meinte: „Sie waren doch neulich schon hier ...“

Bogner erwiderte, es sei nachts gegen Morgen gewesen. Plötzlich waren sie mitten in der Stadt, auf hohem Bahndamm zwischen den Häusern hindurchgerissen, es rauschte und donnerte, Fensterreihen, hunderte von kleinen Balkonen, das Innere von Zimmern, mit einer Hängelampe, einer Nähmaschine, flogen vorbei. Aus der Tiefe neben Georg fuhr jenes Gewimmel von Kette und Anordnungen roter, grüner und weißer Lämpchen herauf, lampengeschmückte Musikpavillons, eine Militärkapelle, Tisch und das Getümmel beleuchteter Menschen.

„Tivoli, genau wie damals,“ sagte der Maler und erhob sich.

Während sie ihre Mäntel überzogen, rauschten die Bremsen, stöhnten, quietschten, und der Zug stand in der leuchtenden Halle.

Zweites Kapitel

Nachtgang

Der Maler ging in seiner leichtlichen Rüstigkeit voran. Georg, in einem sonderlichen Gefühl von Heimkehr, mit der Ungewißheit der Erwartung, ob noch alles wie damals sei und was sich diesmal dahier mit ihm zutragen werde, folgte treppab, durch Menschengedränge, durch den Tunnel, stand eine Weile geduldig mit am Gepäcklager, wo der Maler seinen Zettel abgab, um sich den Koffer schicken zu lassen, und dann standen sie unter dem Überdach vor den Ausgängen. Georg sah das schwarze Reiterdenkmal wieder über Treppen und Blumenbeeten auf dem nassen, schwarzen Platz, hörte die elektrischen Bahnen in den Kurven kreischen, sah sie um die springenden Brunnen biegen, sah die breiten Straßen in der rötlichen Helle der Bogenlampen, hastig durchwimmelt von beschäftigten Menschen, die großen Hotelbauten im Umkreis und die Fluten verschiedenen Lichts aus den Spiegelscheiben der Auslagen im breiten Strom der Bahnhofstraße, alles so unendlich wohlbekannt, für den Hauch eines Augenblickes entfremdet, nun alles schon wieder wie vor einem Jahr, und er dachte dabei: Da bin ich nun in derselben Stadt wie Anna. Wenn sie mir doch gleich entgegenkommen wollte! Die Überraschung würde mich maskieren. Ob ich nicht vielleicht doch, wenn ich sie wiedersehe, mein verlorenes Gefühl wieder finde? Oh Gott, nein, betrügen kann ich sie nicht, und was sollte auch daraus werden?

„Ich möchte zu Fuß gehn,“ hörte er Bogner sagen, „meine Eltern wohnen in Waldhausen.“

Georg, unschlüssig was tun, da er ins Hotel immer noch früh genug kam, fragte, ob er durch die Wiesen gehn wolle, und da der Maler nickte, ob er ihn begleiten dürfte, — die Abendluft ...

Also sagte er dem blassen Egon Bescheid wegen des Hotels und der Koffer, und sie gingen schweigsam über den Platz, die Bahnhofstraße hinunter und weiter durch die Altstadt, wo Georg plötzlich in einer dunklen Seitenstraße den leuchtend grünen, jetzt schon in triefendes, tiefes Blau vergehenden Himmel wieder sah, in den der riesenhafte, breitschultrige Turm der Marktkirche hineinragte, schwarz wie aus Samt geschnitten.

Als sie auf die Allee des alten Friedrichswalls hinaustraten, blieb der Maler stehn. Rechts rauschten die vielen Wasserstrahlen des Zierbrunnens mit Krokodilen und Wassermännern in der Abendstille. Der Maler schüttelte den Kopf über ihn, blickte nach links gewandt die kleine Akazienallee hinunter, neben der auf dem glänzend nassen Fahrdamm die Straßenbahngeleise schimmerten, und schien der lang und dunkel hingestreckten Front des alten Rathauses mit dorischen Säulen und mächtigen Dreieckgiebeln zuzunicken. — Wie mag ihm zumute sein, dachte Georg teilnehmend, da er Alles wiedersieht nach so langer Zeit? — Indem sagte Bogner, in die dunklen Wiesenanlagen jenseits der Allee hinüberdeutend:

„Früher — ja, da reichten die Maschweiden bis hierher, und gleich da drüben stand der kleine Bretterkiosk, wo die Billette zur Schlittschuhbahn verkauft wurden, wenn im Winter die Wiesen unter Wasser standen. Für Jungens kostete es zwei Pfennig, es gab rote Zettel, und dann konnten wir uns gegen den Wind bis hinten zum Bahndamm hinausarbeiten. Auf dem Eis stand eine Bretterbude über Pfählen, wo es glühend roten ‚Kinderpunsch‘ gab für fünf Pfennige. Ja, zur Tür dieses Schuppens führte ein schräges Brückenbrett mit quergenagelten Leisten. Man sollte nicht glauben, daß man im Leben nicht so etwas vergißt wie diese mit Schnee und Schlamm bekrusteten Leisten, mit den Spuren der Schlittschuh, oder diese Mühsal, auf Schlittschuhen hinaufzukraxeln, immerfort angeklammert an die Andern, denn dort herrschte stets ein mächtiger Andrang. Drinnen dampfte alles, ein Kanonenofen war da ...“

Sie gingen wieder; überkreuzten die Allee, umwanderten den neuen kleinen Teich mit seinen Wiesenbuchten und Grotten von Bimsstein und Baumgruppen, gelangten an die Holzbrücke, die zu den großen Wipfelmassen von Bellavista hinüber führte, und wieder blieb der Maler stehn und erklärte, daß hier eine andre Brücke gewesen sei, damals, aus Eisen, mit so hohen Brüstungen, daß man als Junge sich auf die Zehen stellen mußte, um das Wasser sehen zu können und die Ruderboote im Fluß. Die Bootstation drüben war Georg wohlbekannt, aber ehe er etwas sagen konnte, sprang der Maler die Böschung hinunter in die weithin dunkel ausgebreitete Wiesenfläche, zur Linken von dem neuen, mächtig herumgeschwungenen Promenadendamm umarmt, wo Laternen brannten und erleuchtete Fenster in den Hinterhäusern der Stadt erglommen.

Sie folgten dem Wiesenpfad am Fluß hinunter, der braun und eilfertig, hier und da glucksend in der Hast, dahinzog. Mit dem Schweigsamen wanderten am andern Ufer die schweigenden Krüppelweiden, fabelhafte schwarze und verkrümmte Stammkörper mit einem mächtig gesträubten Haarwuchs dünner Ruten, durch die der trübrote Nachthimmel über der Fabrikstadt glühte. Sie gelangten an die Bismarcksäule, die mit einmal, ein dunkler Schatten, sich linker Hand aufrichtete, überstiegen die Anhöhe, die sie trug; Georg, in der Dunkelheit unsicher, zögerte, aber der Maler sprang schon wieder in die Wiesen hinunter, und nun gewahrte Georg fern drüben zur Linken die dunklen Festungsumrisse der Brauerei und weiter rechts in der Ferne die Zypressen und Mauern des Friedhofs, wo die dunklen Wiesenflächen uferten. Er erinnerte sich, daß der Bahndamm verlegt war, wandte sich und sah jenseits der ruhigen Flußbiegung ein stilles Volk von Fabrikschloten im Qualm des roten Städtehimmels stehn, daneben die Türme der Garnisonkirche und Gewipfel. Er hörte das Rauschen des unsichtbaren Wehrs zur Rechten, wo der Fluß sich teilte, und als jetzt die Nachtluft, lau, mit weichen, ungeschickten Stößen wie kindliche Küsse auf ihn eindrang, zitterte sein Herz in der wundervollen Bangnis des Frühlings.

Unten im Dunkel, ganz still, erhob sich der Schatten des Malers in seinem grauen Mantel; auch er bewegte sich nicht. Alles schien sich still zu verhalten auf einmal und zu warten. Wie feucht die Luft war, wie kühl nun wieder! Die Fläche des Flusses glänzte zwischen den Böschungen, sich verbreiternd, bevor er sich in die beiden Arme teilte; ununterbrochen rauschte das Wehr, heller als Meeresbrandung, doch zogen undeutliche Gedanken von See und Ebene durch Georgs Herz. Dann folgte er Bogner.

Der Weg über die Wiesen war nicht leicht, der nasse Grasboden höckerig und zerlöchert, zuweilen gelangten sie an sumpfige Stellen, die der Maler jedoch umkreiste, ohne sich zu besinnen; hier schien er jeden Fußbreit zu kennen. Nach einer Viertelstunde waren sie an einem Strebepfeiler der Friedhofsmauer angelangt und gingen unter den haushohen Bastionen und Türmchen einher, kamen an einen Zaun, einen Bach, einen Brückensteg, über den ein schiefes, halb offenes Stacketengitter gespannt war, gingen hindurch über eine kleine ansteigende Wiese neben einem schwarzen Graben, und — „Hier,“ sagte Bogner, „fingen wir Jungens Blutegel und Molche und Sticherlinge, oder wir stellten dahinten in den Kegelbahnen — das da ist der Biergarten vom Döhrener Turm! — Kegel auf für die hemdärmeligen Pfahlbürger. Da müssen wir hindurch. Übrigens — die erleuchteten Fenster da rechts unter den Bäumen gehören meines Wissens zur Güntherstraße.“

„Wo die Montforts wohnen?“ Georg erschrak. Im dunklen Gefühl, daß er mit der nächsten Minute Anna sehn werde, ging er hinter dem Maler her, der — suchend, wie es schien — sich in der Finsternis der Bäume verlor. Georg stolperte über Wurzeln; etwas, das wie ein Galgen aussah, stand plötzlich vor ihm; er erkannte das Balkengerüst einer an eisernen Stangen hängenden Schaukel, so groß, daß ein Dutzend Menschen darauf stehn konnte; er sah erleuchtete bunte Treppenhausfenster plötzlich ganz groß in der Dunkelheit schweben, und auf einmal kam ein gedämpftes, melodisches Brausen durch die Nacht geschwebt. Orgel ... Renates Orgel ... dachte Georg. Wo war denn Bogner? Er lauschte sekundenlang auf das schöne Rauschen und Quellen, das die Bäume friedlich überstieg; hellere Stimmen lösten sich freudig, stiegen, entwandelten feierlich. Es roch stark nach Erde, nasser Baumrinde, nach Knospen.

Aber wo war denn der Maler? Georg tat ein paar Schritte im Finstern und erblickte plötzlich sehr betroffen drei hohe und schmale, gotische Fenster, die sich in der Nacht aufgestellt hatten, erleuchtet, von einem sehr milden, bernsteinfarbenen Licht. Darüber erschienen alsbald die Schattenumrisse von Dach und Türmchen einer kleinen Kapelle.

So also sah dies alles aus? Und sieh, da stand der Maler; auf einmal sah er sein Profil, nach oben gerichtet, und da war auch ein Zaun und Buschwerk dahinter. Ängstlich und beklommen zu Bogner tretend, sah Georg hoch oben links ein helles Fenster weit offen, ein Stück weißer Zimmerdecke und ein Dienstmädchen mit weißer Tolle, das eine Steppdecke hochnahm und davontrug. Unten wurden Wege weißlich sichtbar, sodann ein roter Punkt, der sich bewegte, ein Raucher — die Orgel rauschte tief — daneben etwas Weißes, ein Kleid, und der rote Punkt glühte auf, und Georg erblickte deutlich und fast entsetzt in dem kleinen Lichtkreis Annas Gesicht und eine Hand, die am Halsausschnitt der dunklen Jacke lag. In diesem Augenblick, zurückfahrend, ließ er seinen Schirm fallen, der gegen den Zaun schlug, und aus dem Garten rief nach Sekunden eine männliche Stimme halblaut: „Ist da wer?“

Georg bückte sich nach seinem Schirm, fand ihn, da war alles still. Plötzlich erloschen die Fenster, gleich darauf knarrte eine Tür, er sah das dunkle Rechteck einen Fuß hoch über dem Erdboden, ein Schatten war darin, ein helles Gesicht; eine Gestalt, weiblich, die etwas Weißes in der Hand hatte, erschien auf einem Wege, der am Zaun vorüberführte, unverborgen durch das noch durchsichtige Strauchwerk, und Georg hörte die Männerstimme wieder, fragend: „Renate?“

Es war still. Der Name, durch die schweigende Nachtdämmerung gerufen, hallte ihm sonderbar durch das Herz. Er zauderte noch, dachte: Jetzt ists am besten! ermannte sich und sagte laut:

„Ich bin hier, Anna, Georg!“

Nun denkt sie freilich, ich habe sie überraschen wollen, dachte er zuckend. Das Buschwerk rauschte auf, teilte sich, Annas Gesicht erschien, er sah ihre Augen, ein wenig zusammengezogen aus Kurzsichtigkeit, er hörte sie atmen, sie schrie leise auf: „Wahrhaftig, Georg!“ und streckte die Hände aus. Rasch wieder loslassend, tastete sie am Zaun, eine Tür ging auf, sie stand atmend vor ihm, er sah ihre lieben, zarten Züge, die Augen, dunkel und groß offen, fühlte die Wärme ihrer Hände, war ganz glücklich. Er schloß aus einer Bewegung ihres Arms, daß sie ihn küssen wollte, und sagte hastig: „Hier ist noch jemand, Anna, erkennst du ihn?“

Da stand Maler Bogner. Sie jauchzte, lief auf ihn zu, packte ihn an den Schultern, wirbelte wieder herum, lief durchs Pförtchen, sich duckend unterm Gezweige, in den Garten, rief: „Renate! Renate! komm mal schnell her! hier ist wer!“ als könnte der Maler gleich wegrennen.

Sekunden später sah Georg sie wieder sich unter dem Strauchwerk bücken, eine weibliche Gestalt an der Hand mit sich ziehend, die sie nun losließ. Ein Frauenarm hob mit schöner Gebärde Zweigbogen empor, ein weißer Schal sank ihr vom Kopf auf die Schultern zurück, ein weißes, schmales Antlitz erschien mit gesenkten Lidern, die Lider hoben sich, und durch Georg, den zwei nächtige Augen anblickten, zuckte ein blendender Schmerz, der ihn erschütterte vom Kopf zu den Füßen, bis er langsam, taumelnd, begriff, daß es eine Seligkeit sein mußte und kein Schmerz.

Garten

Es war nun wie ein Traum oder ein Reigen.

Dunkel wars, wie immer in seinen Träumen, und wie in Träumen vollzog sich alles nur; er war dabei, er tat auch mit, aber es war alles ohne seinen Willen im Gange. Ein Reigen, ja, nach einer unhörbaren, ungeheuren Musik in den Lüften.

Die Fremde stand da, aufrecht. Sein Herz zuckte im Übermaß der Süße hin zu ihr, zu dieser hohen, unbeschreiblich schlanken Gestalt im weit gebreiteten, schwarz glänzenden Kleidrock; zu dieser schmalen Stirne, umrahmt vom Haar, dieser stolzesten Biegung der Nase, — aber sie sah ihn ja gar nicht an, sah vorüber an ihm in das Dunkel. Dort aber stand Bogner, und sie sagte mit einer heiligen Stimme einfach: „Ich bin Renate ...“

Bogner trat herzu, sie streckte den Arm aus; Bogner verneigte sich, faßte ihre Hand, und ihre Stimme machte sich wieder auf, machte die Luft süß um sich her und sagte: „Willkommen, lieber Freund.“

Ah, die Beiden kannten sich! Ja, so war das in Träumen. —

Nun verbeugte sich Georg, bekam eine federleichte Hand für den Hauch eines Herzschlags zu empfinden, und zu sehn, wie ein zartes Gesicht sich durch ein Lächeln der Mundwinkel und der Augen in solchen Liebreiz verwandelte, daß er hätte schluchzen mögen, und dennoch ertrug er den Blick dieser Augen, die so schwarz waren wie Winternächte. Auf einmal war er dann durch ein Dickicht in einen Garten gelangt.

In seinen Schläfen brannte es und sauste. Er glaubte blind zu sein und sah doch alles, nur alles sonderbar langsam und ohne es zu begreifen. Er gab auch mit leiser Stimme einige Erklärungen über sein Hiersein ab. Wem? Irgend jemand, der in der Nähe sein mußte, doch nun kam etwas dazwischen, ein gewaltig großer Unbekannter, schwarz, der glühende Augen und eine kleine Bartfliege am Kinn hatte und ihm die Hand gab und sagte: „Montfort.“

Annas Stimme schlug an sein Ohr, und er hörte die Worte:

„Hast du von meinem Papa gehört? Es geht ihm nicht gut! Ja, denke dir, er hat einen Schlaganfall gehabt, ganz leicht nur, aber — — und ich soll nicht kommen, er hat extra so telegraphieren lassen, was kann das bedeuten?“

Ja, was konnte das bedeuten? Papa? Was für ein Papa? — Immerhin sagte er irgend etwas und sah auf einmal Annas Hinterkopf mit aufgesteckten Flechten vor sich, der ihm sehr unbekannt vorkam. Sie sagte: „Siehst du nun?“

Plötzlich flammte in der Höhe über ihnen ein Licht so grell auf, daß er die Augen zukneifen mußte. Nun war es unglaubhaft hell.

„Richtig,“ sagte er, „der Mozartkopf ist ja weg!“ Darum sah sie wohl so verändert aus.

Ja, es war ein Garten. Buschwerk und hohe Bäume überall. Georg bemerkte, daß er auf einem Wege stand, der rund um einen großen, kreisförmigen Rasen führte. Drüben war das Haus, grau, mit einigen hellen Fenstern, davor eine Veranda mit breiter Treppe in der Mitte. Es war ganz still. In den Lüften oben rauschten Blätter.

Rechts dicht neben ihm stand wirklich Anna. Ihr Gesicht, wie er es nun von der Seite sah, schien schmaler, die Stirn dagegen breiter geworden, und etwas fehlte ganz gegen früher; was, wußte er nicht. Wohin sah sie denn? Ah, da standen die Beiden!

Ein paar Schritte voneinander entfernt standen sie Beide so, daß Georg sie fast von Rücken sah, Bogner etwas breitbeinig, die Hände hinter sich, das Gesicht leicht geneigt, als ob er zuhörte, auf die Erde blickend; Renate wuchs mit der schwarzen Glocke ihres Kleides aus dem Rasen empor, und über ihren Rücken hing das große weiße Dreieck eines glänzend bestickten Schulterschals mit langen Fransen herunter. Sprach sie denn? Nein, sie schwieg. Georg lächelte wunderbar zufrieden, denn nun konnte er sehen, daß sie eine Hand am Kinn hatte, den Ellbogen vermutlich in der andern, so wie er es einmal in einem Briefe gelesen hatte.

Und dort ganz links, am hohen Pfahl einer von oben hangenden elektrischen Lampe stand dieser Unbekannte mit der Bartfliege, eine Hand hoch über sich gegen den Stamm stützend, die Füße gekreuzt; die andre Hand hielt eine dicke Zigarrenhälfte, und seine Augen waren dunkel, fest und ruhig auf Renates Rücken eingestellt.

Ich bin Renate ... hörte Georg eine singende Stimme durch den Garten verhallen ...

Ja, jetzt sprach sie. Auf einmal zeigte sich ihr Profil, die Linie der Stirn, die stolze Biegung der Nasenspitze, der Mundwinkel, der sich redend bewegte, und die leise auf und nieder gehenden Wimpern des Auges, die in sanftem Wechsel den Blick zu Boden und zu Bogners Zügen emporlenkten. Georg verstand kein Wort, doch war es ein zauberhaftes, unsterbliches Spiel.

„Und Bennos Mama ist nun tot ...“, sagte Annas Stimme.

„Er war wohl sehr traurig?“ fragte Georg. „Ja, nun müssen wir wohl gehn,“ setzte er willenlos hinzu.

Renate und der Maler schritten schon nebeneinander über den Rasen. Ihr Kleid rauschte. Nun waren sie an der Veranda vorüber, da war die Hausecke, daneben ein Dämmergang; in den verschwanden sie. Jetzt war er selber in Bewegung, blieb aber wieder stehen, da jener Montfort seine Haltung löste, reichte ihm die Hand und preßte: „Guten Abend“ zwischen den Zähnen hervor. Anna neben sich begab er sich weiter. Sie kamen in den Gang zwischen Haus und gebüschverdeckter Gartenmauer, und nun wußte Georg, daß er etwas Liebevolles zu sagen habe, murmelte auch etwas derart und legte eine Hand um ihre Schulter.

Sie blieb stehn, sah ihn lange und durchdringend an und sagte: „Bist du’s denn, Georg?“

Er lächelte, verlegen im Innern, und antwortete besinnungslos: „Ja, siehst du nicht, daß ichs bin?“

Plötzlich dicht vor ihm stehend, zog sie sein Gesicht mit beiden Händen zu sich herunter, küßte es heftig, legte die Stirn gegen seine Schulter, atmete tief auf und sagte leise: „Gott sei Dank!“

Danach war sie verschwunden.

In einem dumpfen Gefühl der Wehmut ging Georg weiter den Gang hinab, wo ihm nun auf einem glänzenden Wege von Steinplatten durch einen Vorgarten die Gestalt Renates leis rauschend entgegenkam. Unfern dahinter stand Bogner vor einem hohen Gittertor im grünlichen Licht einer Straßenlaterne.

Noch glaubte Georg, zu Boden sinken zu müssen, auf die Knie, gleichviel was, nur liegen, unten sein, — als sie bereits vor ihm stand, die Hand ausstreckend, die er faßte.

Niemals loslassen! dachte er hülflos und sagte kaum hörbar: „Gute Nacht!“

„Gute Nacht!“ hörte er sagen. Duft entschwebte. Es rauschte. Schritte verhallten leicht, und er war allein.

Landstraße

Jedoch Bogner war noch zugegen. Sie gingen langsam nebeneinander die dunkle Gartenstraße unter Bäumen hinunter, deren zartes, grünes Laubwerk durchsichtig schimmerte im Licht der Laternen. Auch zarte Schatten, fedrige, waren auf den Weg gestreut, und wie zart erst war die Berührung der Luft, die um das Herz strich wie sonst um Stirne nur und Lippen. Allein sein! flehte Georg, oh nur erst allein sein! Die unerhörten Kleinodien, die er davontrug, von ihrer Hülle zu befrein, darüber sich zu werfen mit bloßem Herzen, Gold und Juwelen, Gold und Juwelen! — Er glaubte, jeden Augenblick in Tränen auszubrechen. Vielleicht waren das die Kleinodien, die er trug, nachwachsend noch immer wie ein Frühling, in seiner verwandelten Brust. Da fühlte er einen Tropfen auf der Oberlippe, aber der war kühl. Es regnete leise. Die Nacht, ach, sie hatte es gut, sie löste sich weich in Regen auf. Oder lag dort oben ein selig Weinender auf den Sternenbergen, schluchzend unhörbar durch die geheimnisvolle Nacht, und Wellenfrauen des Windes kamen und trugen seine tränende Glückseligkeit hinunter auf dankbares Land.

Bogner sagte etwas. Ob er es auch gemerkt habe —?

„Was?“ preßte Georg hervor, der kein Wort verstanden hatte.

„Es war etwas nicht in Ordnung in dem Hause.“

So, Bogner hatte es gemerkt. Er konnte etwas bemerken. Ein Stein war Bogner.

„Sie machte eine Andeutung,“ setzte er hinzu.

Georgs Gedanken fingen einen Veitstanz an. Andeutung, sagten sie, an Deutung, Deutung, Traumdeutung, reich an Deutung ...

Die Straße war zu Ende; sie standen vor dem breiten Damm der Chaussee, gegenüber der elektrischen Zentrale. Glimmende Gleisbündel waren von links und rechts in die matterleuchtete Halle hineingebogen, unter der leere Wagen standen, die einen hell, dunkel die andern, und vorne war ein hellglänzendes Zifferblatt, dessen Stunde Georg um keinen Preis der Welt abgelesen hätte. Die Augen ablösend, sah er rechts weit hinunter die Straße in eine waldige Halle davon ziehn, unten glimmend vom Stahl der Schienenstränge, oben von Laternen. Mitten auf dem Damm stand ein verlassener Anhängerwagen, dunkel und einsam. In ihm hätte Georg auf einem östlichen Gebirge sitzen mögen, still der Feuerrosse, die ihn entführen würden, wartend.

„Gute Nacht,“ sagte der Maler auf einmal, gab ihm die Hand und entfernte sich über den Damm in eine dunkle Waldstraße neben der Zentrale hinein.

Links hinab entrollte die Landstraße fernhin mit Bäumen und Laternen durch offenes Land. Ein paar rötliche Lichter waren fern drüben. Georg sah zu der Laterne auf, die neben ihm stand, nicht untröstlich, vielmehr schien sie eben angelangt zu sein und froh, ihn noch erreicht zu haben. Ihr Glühstrumpf brannte hell genug, obwohl unten ein Ring sich abgelöst hatte, und das Licht schwoll leise ab und an in dem zarten Gazegewirk, wie wenn ein kleiner Gott die Backen aufbliese, ganz atemlos vor Anstrengung des Leuchtens. Auch dieser sechseckige Glaskasten schien eine angenehme Homunkulusphiole; leise glitzernd wehte der Regenschleier um sie hernieder wie ein endloser Gestirnsnebel. Auf einmal stieg das Weinen in Georg auf, da schien ihm das unmännlich, er zerdrückte es schmerzhaft in der Kehle, — bis zum Munde, der fest blieb, gelangte es nicht, nur die Augen wurden feucht, ihre Winkel schmerzten, ein Stein marterte den Kehlkopf, er lächelte, schüttelte den Kopf und ging links hinunter der Stadt zu.

Und so trug er denn sein aufgeregtes Herz die nächtige Landstraße hinunter, ermuntert vom Takt seiner Füße, wandernd plötzlich kriegerischen Mutes, selber allein ein ganzer Heerbann, in Eilmärschen durch die letzte Nacht, um am Morgen mit allen Fahnen und riesigem Schrei in die Länder hinabzusteigen zur Eroberung. Renates Antlitz, weiß im Dunkel, ging ihm auf, wie es die Lider aufschlug gegen ihn, und ihre Blicke setzten sich wieder auf sein bloßes Herz wie Schmetterlinge, daß es ihn durchschauerte. Wogen seines Herzens, in denen er dahinging, schleppte er mit sich, hin und wieder stand eine auf vor ihm und schlug mit voller Kraft auf seine Brust, daß er ringsum erdröhnte, als sei er gepanzert. Goldene Wagen kamen ihm leuchtend entgegengestürmt; hergeschleift von gewaltigen Geistern über eisglatte Schienen, schaukelten sie vorbei, voll von fremden Menschen, die in ihrer Haltung saßen wie Sklaven, angefesselt und ohne Bestimmung. Wenn er den Kopf aufwarf, so erblickte er zwischen feuchtem Gewölk Sterne, die sich zitternd bewegten. Die Lüfte waren angefüllt mit Geräuschen des Frühlings, mit unsichtbaren Antlitzen, die sich lächelnd unterhielten im Vorbeiziehn, mit Musik, die aus dem Erdboden stieg wie aus Kratern voll elysischer Orchester und durch schaudernde Wipfel rollte. Sein gesalbter Blick öffnete das Erdreich, er sah die Wurzelwipfel der Bäume nach unten hangen, goldene Trauerweiden durch wolkiges, pelziges Schwarz, besetzt mit Tausenden roter Rubinaugen, die Licht saugten und grüne Speise aus dem erwärmten Dunkel. An einem Baum übermannte es ihn; freundschaftlich schien der borkige Stamm, er nahm den Hut ab, als trete er in ein Haus, lehnte die Stirn gegen seine Tür, bewegte die Lippen und brachte kein Wort hervor. Da ein feuchter Wind aufrauschte und schnellfüßig vorüberlief, fiel ihm ein, daß Frühling sei, und er ward froh. Da dachte er an Renates Brust, er hatte sie nicht gesehn, aber schon stand er, versunken in ihren marmornen Anblick, in einer roten Lohe, einer Flammenpappel, in der sich sein Wesen verzehrte, während er einen Pulsschlag lang nun unter sich ihr Gesicht sah, ihre Schultern, deren Bewegung ihm Atem und Sinne zerschnürte, ihre Arme und die Brust, alles aus den großen Augen voll rieselnder Zärtlichkeit schmachtend und widerstrebend, so daß er sich gern an die Erde geworfen hätte, um zu stammeln und zu weinen. — Einmal! sagte er sinnlos, Gott, nur einmal! —

Endlich ging er wieder, nun nur noch tönend von Gefühl, gleicherzeit hoffnungslos und erhaben, schwermutvoll und getröstet, gottesfürchtig und niedergeschlagen, so voll tosenden, innerlichen Lärms, als wäre seine Brust ein ehernes Paukenbecken, auf dem Dämonen trommelten, — all dem hingegeben mit Wollust der Bewußtlosigkeit, da Gedanken, sinnlos, wie Irrlichter, seitwärts über die Kartoffeläcker enthüpften, aber in den Straßen der Stadt nahm es langsam ein Ende, bis er sich vor etwas absonderlich Bekanntem fand, dem Kaffeehaus im Mittelpunkt, einer großen Anordnung von gläsernen Kästen mit erleuchteten, gelb verhangenen Spiegelscheiben um einen runden Mittelraum, mit eisernen Pilastern und Pavillondächern.

Hier war es nun aus. Es wimmelte auf dem Bürgersteig vor den Läden von gemächlich Spazierenden, Ladenmädchen in Frühjahrsblusen und Ladenjünglingen in Wintermänteln; es wimmelte auf dem schwarzglänzenden Fahrdamm von Asphalt, Straßenbahnwagen schoben sich unaufhörlich von beiden Seiten zusammen, es klingelte, kreischte, Automobile tuteten, Radglocken schrillten, und Georgs hülfloser Blick, nach rechts oben entgleitend, fand sich von einer gewaltig großen Mondsichel angezogen, die dort in der Nacht schwebte, überflattert von weißlichem und schwarzgrauem Gewölk.

Nun also war alles, was ihm zu tun blieb, daß er sich in eine stille Kaffeehausecke setzte, anstatt in eine große Dreschtenne mit kauenden Leuten, denn essen mußte auch er. Der Hunger äußerte sich in einem Verlangen nach natürlicher Speise, gekochten Eiern im Glase mit Butterschnitten, das wars.

Er zauderte. Er wußte, daß er ein Ende machte, wenn er drüben eintrat, in jene kleinen Zimmer, die er so wohl kannte aus Ballnächten, Ballmorgenden, mit den zerknitterten und zerzausten Bürgermädchen und ihren schrecklich zukunftallegorischen Müttern, unter Gewitzel und Gekicher, mit dem rotblonden, naseweis aussehenden Kellner Gustav und Frithjof dem ältlichen, mit dem runden und blassen, niemals rasierten Gesicht und dem hängenden rechten Augenlid, der so gern vom Weib und den Kindern erzählte. Ach, nicht dieses wars, nicht etwa diese kindischen Erinnerungen warens, sondern — das Ende, ja, das Ende, das kam, der Übergang ins Gewohnte, in ein Andres, und daß sich — oh mein Gott, daß sich niemals herauskommen ließ aus der unendlichen und unzerreißlichen Kette der Vorgänge. Daß es doch ein Mal einen Stillstand gäbe, einen Halt am Abgrund, wo zitternd im Rollen das Herz stillehält unter den Füßen der flüchtigen Stunde, die selber nichts tut als Ausschau halten über die Abgrundswelt und im Ausschaun unvermerkt hinüberschmilzt in die ernste Gestalt der Unendlichkeit. Welcher der Götter hält denn den Becher der Ewigkeit bereit, wenn nicht dieser ihn hat, Eros, dem doch die Posaune des Jüngsten Tags an die Lippen gesetzt ist?

Drittes Kapitel

Kaffeehaus

Fast alle Räume waren von Gästen leer. Hier und dort stand ein Kellner und las die Zeitung, und richtig, als Georg durch die große Glaswand den Mittelraum betrat, stand in der offenen Türe links Frithjof in schöner Attitüde, einen Fuß überm andern, den Ellbogen gegen den Rahmen gestemmt, die Hand am Hinterkopf, gesenkten Blicks verloren in Betrachtung. Doch zog er bei Georgs Anblick erstaunt und doch achtungsvoll die Lider empor, machte sich aus sich los und kam auf seinen Plattfüßen eifrig und wackelnd herbei, den Mund wie stets in Falten ungeheuren Ernstes verzogen.

„Durchlaucht,“ flüsterte er, Georg Schirm und Mantel abnehmend, „wieder zurück?“ Und als Georg auf der rotsamtenen Sichel des Ecksofas Platz genommen hatte, beugte er sich zart und vertraulich über den runden Marmortisch und raunte: „Zu Hause ists doch immer am besten!“ Er lächelte. „Was sag ich?“ Er lehnte sich triumphierend zurück und lachte voll Stolz. „Na, is es nich so?“ Und da Georg nickte und lachte, schloß er befriedigt ab: „So ist es!“ völlig mit Georg in Übereinstimmung.

„Was solls denn sein, Durchlaucht? Pilsner, Münchener, Kulmbacher?“

Georg bestellte drei Eier im Glase, Butterschnitten und ein Kulmbacher. — Merkwürdig übrigens, dachte er, wie man am Gewohnten hängt. Ich hätte im Hotel ganz einsam essen können, — freilich, aus welcher Fremde komm ich! ja, das spür ich erst nun, wo dies hier mich so heimatlich berührt! Herztröstlich klang ihm da Frithjofs alte Stimme nebenan, der an der Theke: „Ein Kulm!“ sagte. — Er griff nach einer daliegenden Zeitung, stellte sie sich mit dem Griff in den Schoß, blätterte sie auf, ließ sie gegen die Tischplatte sinken und glitt durch sein eigenes aufblühendes Lächeln wie durch ein zitterndes Gewebe von Süße hinunter ins Dunkel seiner Seele, wo in einem Kranze von Abenteuern Renate lieblich stand, eine verzauberte Säule, eine Karyatide, eine Galatee ...

Danach aß er und trank, unbekümmert wieder, versöhnt mit den äußeren Geschicken, künftiger Entzückungen gewiß. Nahe vor ihm sah er die roten Fische im grünen Wasserdickicht des großen Aquariums an den Glaswänden auftauchen und wieder verschwinden. Der sechseckige Riesenkasten stand auf einem, von kleinen roten Sofas umringten Unterbau, die jedes einen ganz kleinen Marmortisch, oval, wie mächtige Eier, und gegenüber zwei Stühle vor sich hatten, und aus einer, im Wasser halb verborgenen Pyramide von Tuffsteinen stieg ein feiner Wasserstrahl. Diese ganze Üppigkeit städtischen Wesens erfüllte Georg mit Beruhigung. Springbrunnen, Wasserwildnis, Fische, Marmor und roter Plüsch — das war so viel für das Gemüt, das arme Wesen, das er recht deutlich auf der untersten Stufe seines riesigen Seelentempels sitzen sah, so klein, daß eine einzige Stufe für es höher war als ein ganzes Haus, und dort hockte es in seiner Dürftigkeit und Unbestimmlichkeit, da nicht im entferntesten zu erkennen war, ob es eigentlich einen Hund vorstellte, einen Zwerg, einen Frosch oder einen Zaunkönig.

Aber war dies nicht jener Montfort? Da kam er hinter dem Aquarium zum Vorschein, seltsam anzusehn in einem kurzen sandfarbigen Mäntelchen mit hochgeschlagenem Kragen, einen steifen schwarzen Hut tief in die Stirn gerückt, die Ellenbogen eng an den Hüften mit etwas gezierter Haltung, einen dicken braunen Stock von knotiger Bambusart unter den Arm geklemmt. Nach einem Platz unendlich hoffärtig umherspähend, übersah er Georg, trat links in die offene Tür und verschwand, während nun hinter dem Aquarium etwas Anderes, weitaus Prächtigeres zum Vorschein kam: den unteren Saum eines scharlachroten Mantels über die linke Schulter geschlagen; auf leichten Füßen, sehr schlank, auch groß, — sehr frei und beweglich im Hierhin- und Dahinschaun den kleinen Kopf mit glattschwarzem, von Stirne und Schläfen straff zurückgespanntem Haar drehend, — groß-, braun-, klugäugig, — ein Mädchen, wie es schien. Aber das schönste war, daß dieser leichte Kopf über dem Scharlachtuch sich von einem groß hinter ihm stehenden, schwarzen und goldbestickten Stuartkragen abhob. Wenn sie zu diesem Montfort gehört, dachte Georg, so hat er das entzückend gemacht.

Montfort kehrte indessen zurück, erkannte Georg, zog den Hut und trat heran, um Erlaubnis bittend, sich niederlassen zu dürfen. Richtig: Georgs Wunsch erfüllte sich, sie gehörte zu ihm, er wurde ihr vorgestellt, konnte ihr beim Mantelablegen behülflich sein, ein schönes Kleid von matterer Farbe unter dem fallenden Scharlach hervorkommen sehn, schließlich die Biegung des Sofas mit ihr teilen. Auch sah er nun, während sie sich lächelnd und mit einer gewissen Bereitwilligkeit zurechtrückte, die kindliche Rundung ihrer Stirn, die übervolle Schwellung der Lippen in der Mitte, deren obere ein wenig emporstand, und vor allem die außerordentliche — ja, die höchst erstaunliche Rundheit ihrer Brauen und Augen, die, in ihrer wundersamen Offenheit dasitzend, dem ganzen Gesicht das eigentümlichste Aussehn verliehen, und sie erinnerten ihn — — schnell, woran erinnerten sie denn? Jawohl, jawohl: an den Hund in Andersens Märchen vom Feuerzeug mit den Augen so groß wie Teetassen.

Montfort, kaum ihnen gegenübersitzend, auf eine unerhört nichtachtende Art umherschauend, die Streichhölzer an sich ziehend, um eine große Zigarre zu entzünden, sagte:

„Was meinst du zu kleinen Hunden, Käthe, die ins Wasser geworfen werden?“

Er blies einen Dampfstrudel, schob Georgs ‚Jüngling‘, den der bis hierher geschleppt hatte, von sich, lehnte sich zurück, als habe niemand etwas gesagt, am wenigsten er selber, und schlug die Beine übereinander. — Nein, dieser Hundevergleich, dachte Georg, war doch gar nicht passend, denn wie weich war das Fleisch ihrer Wangen unter sehr zarter und klarer Haut. Ein erstauntes Waldwesen, ein langhaariger Windgeist, eine Dryade — ja, das schien sie zu sein.

„Hunde, Josef?“ erwiderte sie, bei großer Bereitwilligkeit leise besorgt, während Georg sich plötzlich in ungemeiner Heiterkeit befand. Frithjof stand, mit ernster Würde auf Montfort herunterblickend, den Mund in Falten, als ob er daran kaute, und nur das eine Augenlid schlief teilnahmslos und unbeweglich.

„Was solls denn sein, Herr Baron?“

„Pilsener, und eine Melange, nicht wahr?“

Sie nickte. „Ein Mellansch,“ wiederholte Frithjof und watschelte davon mit Gravität.

„Hunde,“ sagte Montfort, Georg ins Auge fassend, „die von ihren Herren zum Schwimmen ins Wasser geworfen werden. Man sieht sie an Sommerabenden um die Teiche stehn, groß und dick, diese Männer, Hausbesitzer mit Uhrketten auf dem Bauch, und die Hunde sind klein, weiß und unmäßig eifrig. Sie schwimmen atemlos nach einem unsichtbaren Gegenstand, sie klettern heraus, schütteln sich und stürzen auf Befehl wieder ins Nasse. Schamlose Gesellen sind das!“

Die Bereitwillige sagte: „Es sieht doch aber so niedlich aus, wenn sie —“

„Genau deine Worte brauchte meine elfjährige Muhme Elsbeth, als mein damaliger Hund einen andern bestieg und ich dazwischenfuhr,“ sagte er eiskalt. Sie senkte geschlagen den Kopf und setzte sich zurück, dieweil er, seitwärts blickend, eine alte Blumenfrau gewahrte, die ihm eine Hand voll gelber Tulpen hinhielt. Er ergriff sie sorglos, legte sie vor seine Dame auf den Tisch, griff in die Hosentasche, holte etwas heraus, das er der Blumenfrau in die Hand drückte, saß und lächelte leise und gütevoll auf seine Zigarre hinunter. Sie legte langsam eine Hand auf die Blumen; Georg sah, daß sie zitterte. Hier, dachte er, hier ist nun sicher etwas nicht in Ordnung.

„Erzählen Sie mehr von Hunden!“ sagte er mit Entschlossenheit.

Daraufhin, herzlicher lächelnd, blickte der Andre ihn an und begann, leichtherzig loszureden.

„Ist es Ihnen niemals folgendermaßen ergangen?“ fragte er. „Sie setzen sich um einen Tisch, zu Dreien oder zu Fünfen, und nun? Nun muß was geredet werden. Das Karussell muß in Gang, wer, ist die Frage, holt jetzt den sicheren Haken aus der Tasche? Auf einmal ist er da. Hat Sie’s nie geekelt vor dieser Verläßlichkeit des Sinnlosen? Also, da es völlig sicher war, daß Einer von uns Beiden hier diese Geschichte von den zufälligen Familien ergriffen hätte, worauf zweifelsohne, da Frau Ring beim Theater gewesen ist und eben aus dem Theater kommt — (Frau? dachte Georg. Beim zweiten Mal ists immer gelogen!) —, das Gespräch auf die hiesigen Theaterverhältnisse gekommen und von dort über Schnitzlers gerade gegebenen Anatol auf seine übrigen Werke und so weiter mit vollen Segeln in den Ozean der Literatur hinausgefahren wäre — so habe ich im Gegenteil von Hunden angefangen.“

„Und nun, — wars der Mühe wert?“ fragte Georg belustigt, allein Montfort hörte es gar nicht, legte die Hand zu ihm hin über die Marmorplatte und fuhr lebhafter fort:

„Dabei giebt es die köstlichsten Dinge, von denen zu reden wäre, liebliche, verborgene, kleine, erfreuliche Sachen, die aber jeder für sich behält, als könnte man sie ihm beim Vorzeigen entwenden, denn wir sind ja schamhaftig und haben alle kein Herz voreinander. So kommt es dann, wenn das Herz einmal mit einem rechten Ungewitter zusammenstoßen und gebraucht werden soll, daß ein jeder hülflos dasteht und fragt, wie mans verwendet. Ich habe eine alte Tante,“ sagte er, immer herzlicher lächelnd, „eine ganz entsetzliche Person, die zu nichts auf der Welt je gut war, und wir zanken uns, sobald wir uns zu sehn bekommen, jedoch in den geschliffensten Umgangsformen. Aber eines Abends sind wir uns in den Anlagen begegnet, wir sahen uns schon von fern, und da wir grüßend aneinander vorübergingen, so lachten wir uns Beide freundlich an und sagten: Sieh! und: Kuckeinmal! und es war uns Beiden erfreulich.“ Er endete, legte die offene Hand auf die Stirn und strich kräftig mit ihr über das Gesicht bis zur Oberlippe hinunter, so daß es faltig und gehagert zum Vorschein kam.

Georg in seiner steigenden Heiterkeit hatte derweilen schon von weitem Frithjof daherschaukeln sehn, einen riesigen Kuchenaufsatz mit drei Schalen übereinander auf der linken Hand, während er, Daumen und Zeigefinger der rechten um das Bierglas krallend, es mitsamt seinem Untersatz auf einem kleinen Nickeltablett festklemmte, auf dessen anderm Ende das Glas Milchkaffee sein Zuckerschälchen als Deckel trug, und dazwischen war tiefen Ernstes das würdige Gesicht mit seinem stoppelschwarzen, fest gegen die Brust herabgedrückten Kinn. Sonderbare Tätigkeiten verübten die Menschen doch allen Ernstes ... Aber Georg, der Montforts Freundin darauf aufmerksam machen wollte, bemerkte erschreckt, daß sie zurückgelehnt dasaß, das Gesicht ganz zur Seite von ihm abgewandt und in sich versteift; doch rollte nach einer Weile eine Träne aus dem, Georg sichtbaren Auge über die Wange und fiel auf ihre Brust. Ihre Hand auf der Tischplatte war so fest um die schilfgrünen Blätter und Stiele der Blumen gekrampft, daß die Knöchel weiß hervortraten.

Unwillkürlich fiel Georg, der sich hastig fortwandte, Anna ein und im Augenblick danach Renate; dies war, als erhielte er einen Paukenschlag mitten auf die Brust. Es flimmerte vor seinen Augen. Langsam erschien dann der Kopf des Dostojewski auf dem Buche unter ihm, und er fing an zu sprechen, willenlos:

„Da Sie von zufälligen Familien sprachen —“

„Also doch, Durchlaucht, muß es denn sein?“ fragte Montfort trüb und verdunkelt. Georg brauchte Sekunden, bis er begriff, daß Montfort ja gerade nicht von dem Buche hatte anfangen wollen, lächelte verlegen und sagte:

„Sie sehen eben: auch im Kleinsten läßt die Welt sich nicht regieren. Herr Bogner und ich sprachen in der Bahn mit einer Dame über Familienzufälligkeit. Wir kamen dabei —, Sie kennen vielleicht auch meinen Freund Prager?“

„Prager?“ Josef erinnerte sich mit leiser Erheiterung. „So — ist das eine zufällige Familie? Ja, es giebt ja tausend heute.“

Er schien nun bereit, einzuschlafen. Georg aber hielt ihn wach, es vermeidend, Frau Ring anzusehn, zu der Josef, hinter der Tischplatte zusammensinkend, hin und wieder einen ernsten, nicht ungütigen Blick hinüberschickte.

„Warum meinen Sie?“ fragte er. Josef ermunterte sich.

„Es wird am Besitz liegen, denk ich. Oder am Nichtbesitz. Es fehlt die Haltung.“

Georg, innerlich etwas beschämt, zitierte sich selbst:

„Besitz verleiht Sicherheit, meinen Sie, und Sicherheit Haltung ...“

„Ja, gewiß. Sie haben ja alle nur Geld —“

„Den einzigen Nichtbesitz ...“

„— von dem aber alle abhängig sind. Alle sind abhängig, alle Väter. Der Anwalt von den Klienten, der Beamte von den Vorgesetzten, der Kaufmann von der Kundschaft. Nur die Ärzte haben, wohl vom starken Verkehr mit dem Tode, ein wenig Haltung und umgängliches Wesen bekommen. Und der Kaufmann ist immer nur Zwischenhändler, vertreibt Lebensmittel oder Maschinengefertigtes, ohne es handgreiflich besessen, also ohne es be- oder verarbeitet zu haben. Also fehlt Zusammenhang und die Ehrfurcht vor sich selber. Es muß einmal Ideal eines Sohnes gewesen sein, zu werden, innerlich und äußerlich, was sein Vater ist. Heut ist es das Ideal aller Väter, daß ihre Söhne was Besseres werden. Mütter sitzen unselig dazwischen und müssen vermitteln von früh bis spät. Nun, darüber könnte man stundenlang reden.“ Montfort gähnte geheim mit geschlossenem Munde.

Georg sagte leise, während Josefs Freundin aufstand und hinausging:

„Die Frauen sind so viel besser als die Männer ...“

Sie schwiegen. Montfort saß zurückgelehnt in äußerst dekorativer Attitüde, warf aber nun plötzlich den Rest seiner Zigarre in den Aschenbecher, ließ das Gesicht auf sein geleertes Bierglas herabhängen und sagte, unterm Tisch eine Zigarette hervorzaubernd:

„Ahnen Sie wohl, wie recht Sie haben? Frauen sind immer gut. Alle haben sie die Bereitwilligkeit in sich, gut und nur gut zu sein.“ Dies sagte er ernst und mitleidig, lenkte aber nun auflächelnd ab und sagte: „Jetzt sind sie ja nun in diese merkwürdige Behinderung geraten.“

„Ach,“ meinte Georg leichtherzig, „das wird vorübergehn, nicht wahr? Gewisse Verhältnisse, nicht wahr, mehr sozialer als humaner Art, haben sich zu schnell geändert —“

„Und die Frau, meinen Sie, hat es nun einmal an sich, überall zu spät zu kommen ...“

„Natürlich! Und nun stehn sie da ratlos zwischen Altem und Neuem, sehen auf einmal Widerstände überall, übertreiben es alles, wie sie ja immer gern tun, und nun sollen sie ja auch kämpfen, nicht wahr, sie, die bisher immer nur beschwichtigt haben. Da weiß keine, wie man das macht.“

„Die Ritterlichkeit, ja, die einmal zum Kämpfen gehört ... die haben sie immer nur erfahren und niemals selbst angewandt. Sie haben ein gutes Herz, Prinz, woher wissen Sie das alles?“ fragte er plötzlich. „Zur Belohnung,“ fuhr er ernsthaft fort, „sollen Sie einen Spruch geschenkt haben, den besten, den ich weiß.“

„Nun?“ fragte Georg, leise geschmeichelt.

Montfort sah ihn durchdringend an.

„Erhalte dir dein Herz, sagt Salomo, denn aus ihm kommt das Leben.“ Darauf erhob er sich, die Hände vor sich aufstützend, und ging langsam hinaus.

Georg suchte fiebernd nach Renates Augen in seltsam verschleierten Tiefen. Der starke Honigduft in der Büchse seines Herzens war sehr flüchtig geworden. Dann kehrte Frau Ring, leicht auf federnden Füßen, zurück, setzte sich und fragte heiter: „Nun, haben Sie von mir gesprochen?“

„Nein, mein Kind,“ sagte Montfort, hinter ihr an den Tisch tretend, „wir sprachen vom Überhandnehmen der Kinos wegen der geistigen Faulheit der Männer.“

„Ach, bitte,“ bat sie ängstlich, „nicht vom Kino, Josef, du weißt doch, ich kanns nicht —“

„Sie kommt vom Theater,“ erläuterte Montfort friedlich, „daher die Voreingenonmenheit. Durchlaucht, was denken Sie vom Kulturwert des Kien—“

Frithjof brachte ein großes Wasserglas herbei, und alle drei sahen zu, wie das Mädchen die schönen, eirunden und eigelben Blumen mit den schilfgrünen Stielen hineinstellte. Frithjof entfernte sich zufrieden.

„Eigentlich,“ sagte Georg unschlüssig, „habe ich nie über diese Frage nachgedacht ...“

„Dann erlauben Sie mir, Durchlaucht, Sie zu bewundern!“

Schon wieder einer, dachte Georg.

„Ein Deutscher,“ redete Montfort heiter fort, „der über eine nationale Frage noch nicht nachgedacht hat. Wundervoll und außerordentlich. Würde ein jeder so tun, hätten wir auch nicht das subalterne Gesicht, das nur hierzulande zu sehn ist.“ Er blickte sich nach allen Seiten um, wo jetzt an den kleinen Tischen ringsum lesende Männer mit Zeitungen, auch ganze Familien mit Töchtern und Schwiegersöhnen saßen, für Georg so plötzlich vorhanden, als wären sie, oder als wäre er aus dem Boden dazwischen gezaubert.

„Meinen Sie, daß es daher kommt?“ fragte er gedankenlos.

„Nun, oder von was andrem. Ich hatte nur die Bemerkung anbringen wollen,“ versetzte Montfort gleichmütig.

Georgs Blick glitt langsam von ihm ab; niemand sagte etwas. Die Luft im Raum war nun dick von Tabaksrauch und schwirrend von Stimmen und Gelächter, die Kellner liefen geschäftig, Frithjof erschien, schwerbeladen, in jeder Hand schulterhoch einen ganzen Fächer von belasteten Tabletts, deren einen er schwingend in einen runden Familienkreis hineinschlittern ließ.

Oh Gott, dachte Georg gequält, so ist das nun! Warum sitze ich hier? Da hocken wir beisammen im Kaffeehaus. Der eine sagt, was er meint, der andre sagt, was er meint. Das Ganze ist ein Gespräch. Und alles hat diese gräßliche Blankheit von Nickelgeschirr. Ach, und eine sitzt daneben, das Herz bis zum Rande voll Tränen! — Dieser Montfort, da saß er, die Ellbogen auf der Marmorplatte, die Zigarre am Munde, an der er saugte. Georg, voll Haßverlangens, ihm etwas Heftiges anzuwerfen, und um wenigstens den Trumpf zu haben, daß er selber es sei, der die Gesprächekarre wieder in Gang brachte, fand auf der Suche nach irgendetwas endlich, daß es ihm schien, Montfort habe Deutschland beleidigt und er müßte es verteidigen. Also warf er, unwirsch wie ein zu geringes Trinkgeld, die Worte auf den Tisch:

„Sagen Sie nichts gegen Deutschland! Am Ende ist es doch das einzige Land, wo man leben und sterben möchte.“

Montfort wich plötzlich vor einer träg aufsteigenden Qualmwolke, die Augen zukneifend, zurück, wedelte mit der Hand, rieb sich das eine Lid und sagte:

„Leben? — das wäre die Frage. Sterben? — darüber ließe sich reden.“

Langsam, nachdem er seine Haltung wieder eingenommen, ließ er jetzt die Augen zu seiner Freundin hinübergleiten, so daß es Georg vorkam, als hätte er etwas gesagt, das für sie einen besonderen Sinn habe ... Gleichzeitig ergrimmt über Vorgänge des Herzens, die ihm verheimlicht wurden, und voll eifrigen Mitleids mit einem von diesen empfindsameren, weiblichen Geschöpfen, wagte Georg nicht, sie anzusehn, blickte auf Dostojewskis verschwommenen Kopf und sah trotzdem an seiner Seite das stille Gesicht des Mädchens, das vorgebeugt dasaß, die Arme auf der Tischplatte, eine Hand am Glas, mit der andern diesen und jenen Blumenstiel anzupfend und anders feststeckend.

„Nur die landschaftlichen Sachen,“ sagte sie getrost aufblickend, „die mag ich hier und da recht gern ...“

Georg hätte sie in die Arme schließen mögen. Die reine Seele, da stieg sie nun aus ihrem Leid und brachte sich obendrein zum Opfer, bloß weil ein Gespräch wieder ins Fahrwasser kommen mußte, und fing richtig vom Kinematographen an, den sie nicht leiden konnte. Er selber dabei, er konnte sie nicht streicheln noch ihre Hand ergreifen, er konnte weiter nichts als sich zu ihr neigen und brüderlich lachend und scherzhaft rufen:

„Ha! daran glaube ich nimmermehr! Alle reden davon, und alle wollen sie die Detektivschlager sehn!“

Welch einen Unsinn er redete! Aber nun — sie verstand ihn doch und schüttelte nur lächelnd den Kopf. Montfort sagte:

„Sie, Durchlaucht, gehören, hoff ich, nicht auch zu den Leuten, die der Bevölkerung die Hintertreppe wegnehmen wollen. Was verbleibt am Ende dem gemeinen Mann? Zur Vordertreppe lassen Sie ihn doch nicht heran, wie? Ach, teure Cornelia, als Frau möchtest du natürlich alles schön und fortschrittlich und heilsam haben, und den Gegenstand für die Verbesserungen findest du natürlich in den Kreisen, die sich seit alters haben alles gefallen lassen müssen. Der begüterte Mann hat hundert Arten, sich zu ruinieren, geistig und körperlich, Kaffeehäuser und Kabaretts, Absynth, Pferderennen, Automobilunfälle, Luftschiffe, Haschisch und Nackttänzerinnen. Selbst der Gewöhnlichste hat noch Pilsener Bier. Das Volk hingegen hat gar nichts, es soll nur immer belehrt werden. Nun soll es schon kein Bier und keinen Schnaps mehr trinken, was außer dem Kindermachen seine letzte Freude ist. Fang doch oben an, Herz, wenn du bessern möchtest, ihnen aber gönn ihre Mordsgeschichten, damit wenigstens ein halb Prozent als anständige Schwerverbrecher zum Galgen rennt, wo neunundneunzig ein halb Prozent als halbe Lüstlinge, halbe Wüstlinge, halbe Säufer, halbe Arbeiter — — überhaupt flau, flau, flau — die Welt ist so gottserbärmlich flau, süßsauer und abgestanden wie kalter Kohl. Gott sei Dank, da kommt der Maler Bogner.“

Ja, Gott sei Dank! Georg atmete auf, als er den Maler wie einen lange entbehrten Herzensfreund um das Aquarium kommen sah.

Traumdeutung

Bogner mußte sich an den Tisch setzen und Pilsener Bier trinken. Josef Montfort lud alle dazu ein. Georg, um nur gleich durch gewechselte Rede dem Maler noch näher zu kommen, fragte, ob er von Chalybäus’ Schlaganfall gehört habe. Augenblicks erschien ihm zwar Anna, aber der Gedanke: Renate! spülte sie hinweg wie ein gläserner Katarakt voll Visionen.

Das sei zu erwarten gewesen, erklärte Bogner. Er habe einen Grog nach dem andern getrunken, während al Manach ihm Geschichten erzählte, und Georg, der ihn nie hatte leiden können, bekräftigte das Gesagte mit Andeutungen über seine liederliche Wirtschaftsführung. „Seine Frau war eine Art Freundin von Mama, und so kam das Ganze.“

„Fuhr nach Böhne,“ sagte Bogner, „lehrte die Honoratioren das Pokern und kam betrunken heim, aber von Januar ab blieb er in Helenenruh und trank Grog. Seine Tochter tut mir leid, sie hat genug durchmachen müssen.“

„Meinen Sie?“ fragte Georg ratlos und sah Frithjof an, der unterm hängenden Lide prüfend auf Bogner hinabblickte.

„Was solls denn sein, Herr?“ sagte Frithjof.

Montfort bestellte sein Pilsener für alle. Georg sah auf einmal Anna im Wiesendunkel an der Erde liegen und gleich darauf in einem gläsernen Sarge. Das mußte er geträumt haben ... Indem fiel ihm jener Morgen und das kinematographische Stück seines Traumes ein und so lebhaft, daß er sagte:

„Erinnern Sie sich noch, Bogner, an die Nacht, wo wir zusammen die Bowle austranken? Da wir eben vom Kinematographen sprachen, so fällt mir ein, daß ich gegen Morgen die sonderbarsten Dinge träumte. Nun hab ich das meiste vergessen, aber das Letzte weiß ich noch. Ich stand in einem Theaterparkett — nicht wahr — in der Finsternis unter vielen Menschen, und über mir in dem grellen Lichtstreifen aus dem Projektionsapparat fuhren meine gespreizten Hände hin und her, ungeheuer groß und als wären es hundert. Und vorher, das weiß ich noch, erklärte Papas Sekretär — ja, nun hab ichs doch vergessen, — aber dann sagte ich: Ich komme nicht hinein! Ich wußte, glaub ich, im Traum, daß hinter der durchsichtigen Leinwand ein richtiger Festzug war, und daß ich dazu gehörte ...“

Montfort bog sich über den Tisch, sah ihn durchdringend an und sagte, den Traum wollte er ihm auslegen. Ja, er wäre so ein komischer Mensch, hätte Ahnungen und so, — mit einem Wort: Kassandra! —

„Also bitte!“

Er schloß die Augen, bog sich zurück wie ein Scharlatan, stemmte die Hände gegen die Tischplatte, formte das Gesicht zu einer Art tragischen Maske, öffnete pythisch den Mund, plötzlich auch die Augen und verkündete: Jawohl, Georg käme nicht hinein.

„Sie scheinen nicht zufrieden?“ sagte er dann, da Georg unverstehend lächelte. „Dann also weiter. Bitte, erzählen Sie Ihren Traum.“

Er nahm Frithjof, der mit den Gläsern dastand, eines aus der Hand, half die andern über den Tisch verteilen, hieß Frithjof das Kaffeegeschirr seiner Freundin wegräumen, die nichts vor sich behielt als ihre Tulpen, schaffte in jeder Beziehung Ordnung und Raum, — dieweil Georg gestand, wie schon gesagt, sei dies alles, was er wisse: ein Festzug, und Doktor Birnbaum, nein vielmehr Chalybäus, der ihn am Arme festgehalten habe ... Anna im Glassarge glaubte er unterschlagen zu müssen.

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