Zweites Buch.
Reading edition
Kurz nach der Heimkehr der Truppen hatte Anna Marie ihren blassen Liebling verlassen müssen. Ein anderer leidender Mensch hatte nach ihr gerufen, nach der lindernden Zartheit ihrer Hand, nach der innigen Teilnahme ihres Blickes.
Ein kranker Bruder war's. Sie pflegte ihn erst in Gleichenberg, dann in Kairo, blieb an seiner Seite, bis er sich die Seele aus dem Leibe herausgehustet hatte. Dann bestürmte die verheiratete Tochter ihres Tricktrackonkels sie, sich ihres Hausstandes anzunehmen – kurz, das und jenes kam; als sie wieder frei gewesen wäre, sich Kitty zu widmen, war ihr Platz im Hause des Herrn Wißmuth bereits ausgefüllt. Ein großer Jammer hatte die Familie heimgesucht, ein großer Jammer für alle anderen, für Kitty ein Trost.
Wie alle gebrochenen Menschen, in denen ein edler Kern steckt, vergaß sie ihren eigenen Schmerz erst, als sie den eines anderen auf sich lud.
Herr Sadis war seit dem Jahre 1870, wo er sich durch seine flink abwechselnde Hausse- und Baisse-Börsengymnastik ein Vermögen erspielt, ein so verwegener Spekulant geworden, daß er sich eines schönen Tages anläßlich einer besonders kühnen Unternehmung den Hals gebrochen hatte, das heißt, er hatte sich ihn abgeschnitten, um sich nicht bankerott erklären zu müssen.
Seine Witwe, die er völlig mittellos zurückließ, suchte mit ihren drei Kindern Schutz unter dem väterlichen Dach. Sie war wie erdrückt und verdammt von dem Schicksalsschlag, der sie, da sie von dem Stand der Geschäfte ihres Mannes nichts geahnt, wie ein Blitz aus heiterem Himmel getroffen hatte. Ihr Mut war gebrochen, ihre Gesundheit bedroht, dabei war sie durch ihren jahrelangen Wohlstand dermaßen verwöhnt, daß sie die Hände kaum mehr zu rühren vermochte und, anstatt selbst irgendwo zuzugreifen, mehr Bedienung brauchte und Umstände im Hauswesen verursachte, als ihre drei Kinder zusammen. Von früh bis abend that sie nichts, als sich über die Undankbarkeit ihrer Frankfurter Bekannten beklagen und Briefe an ein paar alte Schuldner ihres Mannes schreiben, welch letztere leider durchaus nicht gesonnen schienen, ihren Verpflichtungen nachzukommen, so daß Frau Sadis nie die Papier- und Postkosten dieser äußerst unfruchtbaren Korrespondenz herausschlug. Kitty sah das klar, aber sie ließ die Schwester gewähren. Mein Gott, dieses ewige Gekritzel war doch wenigstens eine kleine Zerstreuung, ein Sorgenableiter für die Tiefgebeugte. Wenn Bertha Sadis nicht Briefe schrieb, so weinte sie. In diesen beiden Beschäftigungen gipfelte ihre ganze Thätigkeit.
Entweder wird man von zu viel Weinen mager, oder man wird dick. Bertha Sadis gehörte zu denjenigen, welche dick wurden. Sie wurde unförmlich, was zu ihrer Unbeholfenheit noch beitrug. Die Mühe der Erziehung und Pflege der Kleinen lastete somit ausschließlich auf Kitty. Mit welchem Eifer sie sich derselben widmete! Die Kinder hingen bald an ihr wie die Kletten, und sie betete sie an. Sie waren übrigens reizend, alle drei. Merkwürdigerweise sahen sie weder Vater noch Mutter, sondern, und zwar recht auffallend, Kitty ähnlich. Zwei Jungen waren's und ein Mädchen. Das mittlere war ein Mädchen. Kitty zog die Knaben vor. Sie schrieb einmal anläßlich dessen an Anna Marie:
»Ja, du hast's erraten, ich hab die Jungen, oder wie du unverbesserliche Österreicherin sagen möchtest, die ›Buben‹ lieber als das Mädchen – wegen der allgemeinen Wehrpflicht, und weil sie's überhaupt schwerer haben im Leben, wenigstens Knaben in den Verhältnissen, in welchen meine armen, kleinen Schützlinge aufwachsen werden.
Es ist dies nicht die landläufige Ansicht, ich weiß wohl, aber es ist meine Ansicht. Männer müssen das Leben tiefer, ernster auffassen als wir Frauen, sie dürfen sich ihm gegenüber nicht in tröstliche Täuschungen einspinnen, sondern müssen seiner ganzen Häßlichkeit unerschrocken in die Augen sehen, sie müssen arbeiten, oft ohne Lust, manchmal mit versagender Kraft, damit die schwachen Geschöpfe, die von ihnen abhängen und deren Glück ihr Glück ausmacht, sorglos zu feiern vermögen; solche Männer, wie ich sie aus den zwei reizenden Knirpsen herauserziehen möchte, die Gott unter meine Hut gestellt hat.
Der älteste heißt Fritz; er ist, dessen solltest du dich übrigens besser erinnern als ich, die damals nicht mehr wußte, was um mich herum vorging, mitten im Feldzug von Anno 1870 geboren worden, und darum hat man ihn nach unserem wundervollen Kronprinzen getauft.
Er ist prächtig, so aufgeweckt und schneidig, mit schrecklich viel Lust zum Soldatenspielen, obgleich er erst vier Jahre zählt. Zuweilen geht mir's quer durchs Herz, wenn ich ihn, seinen kleinen Blechhelm auf dem Kopf, einen Kindersäbel in der Hand, Hurra schreiend eine Schanze nehmen seh, die manchmal aus einem alten Schiebkarren, am häufigsten bloß in seiner Einbildungskraft besteht. Aber ich möcht ihn doch nicht anders haben und will auch seinen kecken Mut nicht verstümmeln durch allzu ängstliche Zügelung und Überwachung, so schwer mir gerade das fällt.
Er soll so werden wie der, dessen Andenken für mich immer das Heiligste auf der Welt bleiben wird, genau so wie der, selbst wenn er so enden müßte – selbst dann!
Mein Liebling ist der jüngste, der kleine Hans. Es ist ein Zufall, daß er Hans heißt, aber mich freut's. Er ist auch der schönste von allen dreien, blond mit krausen Härchen, in die sich die Sonnenstrahlen verfangen, wenn ich mit ihm auf dem Arm durch den Garten geh, und mit so lieben, großen blauen Augen. Einmal hab ich mich mit ihm auf die alte Birkenbank gesetzt, unter dem Apfelbaum, du weißt, die Bank, auf der wir damals zusammengesessen haben, du, er und ich, an dem Frühlingstag, den du uns gegönnt hast. Und da sind mir plötzlich Gedanken gekommen – allerlei Gedanken, wie das alles hätte so werden können, und daß der Kleine da auf meinem Knie eigentlich mein eigenes Söhnchen hätte sein dürfen – und plötzlich hat mich das Schluchzen geschüttelt, ach so ein Schluchzen! Da hat sich der Kleine mit einem Händchen an meinem Halskragen angeklammert, um sich auf meinem Schoß aufzustellen, und hat mir alle meine Thränen weggeküßt. Seit der Zeit wein ich nicht mehr.
Aber glaub du nur ja nicht, daß ich darum weniger an meinen lieben Toten denke. Nein, das wird dasselbe bleiben mein lebenlang. Seinem Andenken geschieht kein Eintrag durch die neuen Interessen, an denen ich mich aufrichte, und ich glaube, er selbst würde sich freuen, daß mir dieser Trost beschieden ward, daß der Schatz an Liebe in meinem Herzen, von dem ich gar nichts wußte, ehe er ihn gehoben – denn früher war ich ein vergnügungssüchtig, oberflächlich Ding wie nur eine –, dieser große Reichtum, mit dem ich nichts mehr anzufangen wußte, seit ich ihn ihm nicht mehr geben konnte, und der mir die ganzen leeren Jahre lang das Herz abgedrückt hat – endlich, endlich jemandem zugute kommt.
Ich soll wieder hübsch geworden sein, sagt man mir, und ich bin wohler und heiterer, das fühl ich selbst. Vorige Woche hatte ich einen Heiratsantrag. Du kannst dir denken, wie mir dabei zu Mute war, und gestern blieb Herr Förster, dem ich in Frankfurt, wohin ich gefahren war, um eine Trommel für Hänschens ersten Geburtstag zu kaufen, begegnete, stehen, um mir nachzustarren. Ach du lieber Herrgott!
Hans, neben dessen Bett ich dies schreibe, während er sein Vormittagsschläfchen hält, ist aufgewacht, durch einen kleinen, kichernden Vogelschrei hat er mir's gemeldet. Soeben habe ich das Gitter seines Bettchens heruntergelassen. Er sitzt zwischen seinen Kissen, die goldenen Härchen zerzaust, die Wänglein rot vom Schlaf, und schaut mich aus runden, blauen Augen feierlich an. O dieser gerade, vertrauensvolle Kinderblick – der Blick, der in uns sein allmächtiges Schicksal sieht, seinen Gott, der ihm willkürlich Freud und Leid austeilt! Wenn man sich denkt, daß man seinem Flehen einmal nicht gerecht werden könnte, ihm antworten müßte, ich kann nicht, ich kann nicht!
Vorläufig kann ich noch alles, was er von mir will – lieber, dummer, hilfloser kleiner Hans! Er will, daß ich ihn ankleiden und ihm seine Suppe bringen soll. Ich freu mich schon darauf. Hätt's nicht geglaubt, daß ich's noch einmal lernen würde, mich an irgend etwas im Leben zu freuen!
Dein in alter, herzlicher Dankbarkeit
Kitty.«
Als Anna Marie dieses Schreiben erhielt, war ihr's, als ob man ihr eine Last vom Herzen genommen hätte, und sie sagte: »Gott sei Dank!« Sie sagte »Gott sei Dank« auch, als Kittys früher regelmäßig zweimal des Monats eintreffende Briefe seltener und seltener wurden, denn für sie war es ein Beweis, daß Kitty zufrieden und beschäftigt war und ihrer Teilnahme entraten konnte.
Dann aber machte sie eine Entdeckung, die sie betrübte. Wie alle Menschen, deren sich nach jahrelangem, quälendem Herzenshunger ein neues Interesse bemächtigt, ging Kitty vollständig auf in dieser neuen Empfindung – sah und fühlte nichts mehr, was nicht damit zusammenhing. Die Kinder füllten ihre ganze Existenz aus, sie beugte ihren Geist zu deren physischen Bedürfnissen und sich kaum entfaltendem Seelenleben nieder, ohne auch nur einen Gedanken mehr übrig zu behalten an das, was darüber hinausging. Sie wurde, so schien es Anna Marie, hausbacken, kleinlich, eng, und in Bezug auf alles, was nicht mit ihrem neuen Liebesfanatismus zusammenhing, sogar peinlich nüchtern.
Des alten Freundes erwähnte sie gar nicht mehr. Wenn sie von irgend etwas, das sich nicht auf ihre drei Schützlinge bezog, schrieb, so waren es allerhand häusliche Sorgen, die sie andeutete, ohne dieselben zu erklären. Wie hätte sie auch können, da es sich hauptsächlich um ihren Vater handelte.
Wie Anna Marie zwischen den Zeilen zu lesen glaubte, schien sich Herr Wißmuth auf seine alten Tage einem sehr unregelmäßigen Lebenswandel ergeben zu haben, das bißchen Vermögen, das ihm von seinem ehemaligen Wohlstand noch übrig geblieben, zerfloß dabei zwischen seinen Händen wie Wachs.
Dann kam die Nachricht von dem Tode Berthas, die nach qualvollen Leiden an der Wassersucht verschieden war, dann die Nachricht von Herrn Wißmuths Wiedervermählung und zwar mit einer untergeordneten Person, einer Kellnerin im Gasthaus zum Löwen in Lindenbergen, die bereits jahrelang seine Geliebte gewesen war. Dann folgte eine lange, lange Pause in dem einst so regelmäßigen Briefwechsel der beiden Freundinnen, und endlich eines Tages erhielt Anna ein paar Zeilen von Kitty, in welchen diese tief beschämt um ein kleines Darlehen bat.
Natürlich sandte ihr Anna äußerst bestürzt alles, worüber sie an barem Gelde augenblicklich verfügte.
Zu ihrem großen Erstaunen erhielt sie die Summe binnen wenigen Tagen zurück mit einem linkischen und sehr verlegenen Zettel Kittys. Dann schrieb Anna Marie mehrmal, ohne daß ihr eine Antwort zu teil wurde. Von jener Zeit ab stockte die Korrespondenz. Da, an einem leuchtenden Frühlingstag im Jahre 1880, erhielt Anna die gedruckte Anzeige der Vermählung Kittys mit Herrn Karl Förster. Das Blatt fiel Anna aus der Hand; als sie es wieder aufnahm, um den Tag der Vermählungsfeier festzustellen, bemerkte sie, daß diese um fast drei Wochen zurückdatierte. Die Anzeige zitterte in ihrer Hand. »Sie hat sich vor mir geschämt,« murmelte sie. »Kein Wunder!«
Es verletzte sie bis ins Innerste, daß Kitty, sei's auch aus dem herbsten Elend heraus, sich zu dieser Verbindung hatte erniedrigen können.
Sie faßte die Gratulation, mit welcher sie die Nachricht beantwortete, so kurz als möglich. Das durch jahrelange Trennung kaum gelockerte Band, welches sie so lange innig mit Kitty verknüpft, war mit einemmal zerrissen.
* * *
Als Anna Marie die Anzeige von Kittys Vermählung erhalten hatte, war der Frühling noch kaum gekommen; jetzt ist der Sommer beinah vorbei. Damals waren die rosigen Knospen an den Apfelbäumen noch fest geschlossen, jetzt sind die Blüten dahin, die Blätter fangen an zu fallen, erst vereinzelt, bald da eins, bald dort, und die Äste hängen voll bausbackiger runder Früchte, deren grüne Wangen sich rot zu färben beginnen. Es ist der letzte August – der letzte August 1880. Zehn Jahre sind verflossen, seitdem bei Sedan die zweite französische Kaiserkomödie ihren tragischen Abschluß gefunden hat – zehn Jahre, seitdem die alten Märchen lebendig geworden sind, seitdem das Deutsche Reich gewaltiger, weltbezwingender denn je, sein in langem Zauberschlaf versunkenes Haupt emporgehoben hat – zehn Jahre, seitdem der alte Barbarossa von Deutschlands Dichtern und Dichterlingen gnädig und etwas wehmütig zugleich aus dem Kyffhäuser entlassen worden ist.
Anna Maries Haar ist weiß, aber sie ist noch immer eine schöne alte Frau. Ihre Züge haben nichts von deren edlem Schnitt eingebüßt, ihre Haut ist noch immer frisch und ihr Blick ist teilnahmsvoller, ihr Lächeln sympathischer als je.
Sie sitzt in ihrem sehr kleinen, aber traulichen Absteigequartier in Wien beim Frühstück zwischen zwei gepackten Koffern, trinkt abwechselnd ihren Thee und schreibt in aller Eile einen letzten Brief vor ihrer Abreise; denn, wie es ja bereits die zwei gepackten Koffer verraten, soll sie abreisen und zwar, um ihre Cousine Gräfin Ruysbruck, geb. Nikoltschjany, nach England zu begleiten, auf die Insel Wight.
Da klingelte es draußen. »Der Briefträger,« murmelte Anna Marie, kaum den Kopf hebend, vor sich hin und schrieb weiter. Die Jungfer präsentierte ihr den Posteinlauf – mager genug, ungewöhnlich mager für Anna Marie – ein einziger dünner Brief, einer aber, der für Anna Marie eine große Bedeutung haben mußte. Sie wechselte die Farbe, als sie ihn erblickte. Er rührte von Kitty her.
Eilig erbrach sie ihn und las:
Meine liebe teure Anna,
mein lieber unvergeßlicher Schutzengel, komm zu mir!
Du lächelst gewiß traurig zu dem Worte Schutzengel. Das grenzenlose Elend, welches mich in meiner Jugend zermalmt, hast du freilich nicht von mir abwenden können; stärker als das Schicksal bist du nicht gewesen, aber doch stärker als ich. Du hättest mich aufrecht erhalten vor mir selbst, und hättest mich davor bewahrt, der bethörendsten aller Versuchungen zum Opfer zu fallen, einer Versuchung, die sich hinter einem falschen Pflichtgefühl versteckt.
Ich breche zusammen unter der Last, die ich in hochmütiger Überschätzung meiner Kraft auf mich genommen. Vielleicht kannst du mir helfen, sie zu tragen, kannst sie mir zum wenigsten derart zurechtlegen, daß ich im stande sein werde, sie weiter zu schleppen. Jedenfalls wird es mir ein Trost sein, dich neben mir zu haben.
Liebe Anna, ich brauche dich so notwendig. Das Leben ist entsetzlich.
Dein in alter dankbarer Liebe
Kitty.
Es überlief Anna Marie kalt, nicht kälter, als da sie die Anzeige von Kittys Vermählung erhalten. Das eine war die Folge des anderen; der Brief hatte kommen müssen nach der Anzeige.
Ein Weilchen saß sie still, am ganzen Körper vor Erregung zitternd, da. Dann öffnete sie ein Fach ihres Schreibtisches, in welchem sie ihre Reliquien aufzubewahren pflegte, und zog das Briefchen hervor, welches Kitty im Frühling 1870 an sie geschrieben.
Die Thränen traten ihr in die Augen, während sie dieselben auf den armen kleinen Zettel heftete, dessen Papier vergilbt, dessen Tinte verblaßt war. Sie las die noch in uncharakteristischer Kinderschrift geformten Worte halblaut vor sich hin:
Liebe, liebe Anna Marie!
Bitte, bitte, bitte, komm. Ich freu mich so schrecklich auf dich und ich brauche dich so. Wenn du nicht kommst, so bin ich unglücklich, und ich habe gar keine Lust, unglücklich zu sein, gerade jetzt nicht. Das Leben ist so schön! Ich bitte dich, komm. Ich küsse dich zweitausendmal und bleibe, dich bestimmt erwartend,
Kitty.
Anna Marie steckte die beiden Briefe, den alten und den neuen, zusammen in einen Umschlag, schrieb darauf »Kitty« und legte das Päckchen in ihren bescheidenen Reliquienschrein zurück.
Die Jungfer kam, um zu melden, daß sie einen Ausgang mache, und zu fragen, ob Anna keinen Brief zu bestellen habe.
Anna Marie hatte keinen Brief für die Post – derjenige, den sie zu schreiben im Begriff gewesen, galt nicht – aber zwei Telegramme wollte sie dem Mädchen mitgeben, eins an die Gräfin Ruysbruck, in dem sie sich ab-, und eins an Kitty, in dem sie sich anmeldete.
Kitty war nicht entgegengekommen auf die Bahn, sondern hatte ihr nur einen Wagen und einen schriftlichen Willkommengruß geschickt.
Anna Marie war ein wenig enttäuscht, sie begriff nicht recht, und während sie in den Kissen des sehr eleganten Viktoria, der sie in Hanau abgeholt hatte, denselben hübschen Weg entlang fuhr, den sie damals mit Kitty gefahren war, überließ sie sich allerhand Betrachtungen. Damals vor zehn Jahren – und heute ... Wie verschieden war alles! Damals war Frühling gewesen, jetzt war's Herbst, ein früher Herbst. Es hatte stark geregnet in der Nacht, ein süßer Duft von faulendem Holz und faulenden Blättern schwebte über die nasse Erde hin. Alles war still, nur ein leiser, wehmütiger Hauch seufzte in den Kronen der alten Linden, aus weiter Ferne hörte man das eintönige Wimmern einer Dampfdreschmaschine. Mit einemmal schnitt ein scharfer, harter Laut in die Stille hinein. Anna Marie fuhr auf, eins der Pferde begann sich zu bäumen, der Kutscher hatte Mühe, es zu beruhigen. Der Lakai wendete sich indessen, den Hut ans Ohr haltend, nach Anna Marie und bemerkte: »Es sind die Manöver, gnädige Frau!« Der Frauenrang verstand sich für ihn einer so würdigen und stattlichen Dame gegenüber von selbst.
Indem biegt der Wagen aus der Lindenallee in die Heerstraße, über die sich die Apfelbäume neigen. Zwischen den krummen, grauen Stämmen erblickt Anna Marie auf den Stoppelfeldern endlose Reihen von Soldaten platt auf dem Bauch ausgestreckt mit ausgespreizten Beinen und das Gewehr an der Wange; Offiziere zu Fuß, Offiziere zu Pferde mit lautem Kommando hin und her galoppierend über Stoppeln und Schollen; kleine, rote Fähnchen in den Boden eingerammelt, gegen den flachen Horizont zu im Sonnendunst blinkend etwas wie einen breiten Streifen von weißlichem und gelbem Metallglanz, der sich langsam zu zerteilen und zu verdunkeln scheint – ein heranmarschierendes Regiment, von dem man anfangs nichts als das Geblitz der Waffen und blanken Knöpfe gesehen hat; auf dem hohen Feldrain zahllose Zuschauer, ein oder der andere Gutsbesitzer aus der Umgebung zu Pferd, ein paar schäbige Kareten mit abgeschundenen Rädern und altersgrauem Lederzeug, bespannt mit tief eingesattelten Schindmähren, die sich mit den dünnen Schwänzen, so gut es geht, gegen die fetten blauen Herbstfliegen wehren, und angefüllt mit aufgeputzter, eroberungslustiger, kleinstädtischer weiblicher Schaugier; ein junger Forstgehilfe zu Pferd, mit einem ziegelroten Gesicht, sehr dick und vom Kopf bis zu den Füßen grün angezogen, so daß er aussieht, als ob er im Begriff stünde, sich langsam in einen Laubfrosch zu verwandeln; ein Marketenderkarren, an den ein wahnsinnig wimmernder und bellender Hund angebunden ist; große Haufen neugieriger Zerlumptheit rings herum; und etwas weiter in dem Feld, knapp neben der Aktion, so nah, als es überhaupt zulässig ist, ein Break und ein Landauer, beide dicht mit Menschen besetzt – auf dem Bock des Breaks eine elegante, üppige weibliche Gestalt, einen Operngucker in der Hand. »Ist das nicht Emma Becker?« fragt sich Anna Marie.
Da der Wagen, welcher sie von der Bahn geholt, einer ihm die Straße versperrenden Truppenbewegung halber halten muß, der Diener sich infolgedessen verpflichtet fühlt, Fräulein von Hohleisen zu unterhalten, wendet er sich nach ihr um und sagt, auf die beiden Equipagen im Manöverfeld deutend: »Das sind unsere Herrschaften, gnädige Frau.«
»Ist Frau Förster dabei?« fragt nicht ohne Aufregung Anna Marie.
Der Diener schüttelt den Kopf. »O nein!« sagt er betrübt, »die gnädige Frau hat keinen Sinn dafür, sie kann das Schießen nicht vertragen. Sie ist nicht so fürs Militär; aber die anderen Damen, du mein Gott! jeden Tag rücken sie aus mit der Truppe und bleiben draußen, solange noch ein Soldat auf dem Felde ist!«
Der Diener hat selbst noch bis vor einem halben Jahr und zwar bei den Ziethenhusaren gedient, daher seine ritterliche Besorgnis um Anna Maries Unterhaltung, sowie seine respektvolle Zutraulichkeit.
Während er noch spricht, bemerkt Anna Marie zwei kleine Jungen auf allerliebsten schottischen Ponies, der eine etwa zehn, der andere kaum sieben Jahre alt, beide, jeder seinem Alter gemäß, sehr elegant herausgeputzt, beide gerade im Sattel sitzend und offenbar mit Leib und Seele dabei.
»Das sind unsere jungen Herren,« erzählt mit strahlendem Gesicht der Lakai; »wie aufmerksam die zusehen! Erst hatte nur der älteste ein Pferdchen, aber der kleinere gab keine Ruh, bis er sich auch eins ertrotzt hatte. Die gnädige Frau kann dem kleinen nichts abschlagen. Er sitzt übrigens besser als der ältere, 's wird mal ein schneidiger Offizier.«
Anna Marie hört nur mit halbem Ohr. Ihre Augen hängen an den Kindern.
Eine neue Musketensalve!
Ein Aufblitzen von kleinen Flämmchen die Reihe der Gewehrmündungen entlang, das gräßliche hagelartige Gepolter, dicke Streifen Rauch sich erst an der Erde entlang ziehend und in ihren dicken Nebel die platt auf dem Bauch ausgestreckten Soldaten einhüllend, dann sich in große Fetzen zerteilend, die ihrerseits in krause Löckchen zerflattern und langsam emporsteigend verschweben.
»Ich glaub, das war der Schluß,« sagt nach einem Weilchen der militärkundige Lakai.
»Sollen wir zufahren?« fragt der Kutscher. »Wenn wir jetzt nicht fahren, kommen wir mitten unter die Soldaten hinein.«
Anna Marie bittet ihn – sie bittet immer – zuzufahren.
Noch einmal blickt sie sich um. Das letzte, was ihr auf dem Manöverfeld in die Augen springt, ist der kleinere der beiden Jungen, der, mit seiner Reitgerte hoch zum Hieb ausholend, auf seinem ungeduldig die Mähne schüttelnden Shetland-Pony querfeldein einem höheren Offizier entgegensprengt, der ihn freundlich zu sich heranruft. Es läßt sich nicht leugnen, sie passen gut zusammen, der hübsche Junge und das mutige kleine Pferd.
* * *
Eine halbe Stunde später steht Anna Marie in der großen Halle Ulmenhofs, der Halle, die, quer durch den Mitteltrakt des Schlosses gehend, auf der einen Seite in das gegen die Straße zu gelegene schmale Vorgärtchen, auf der anderen in den endlosen Park mündet.
Anna Marie sieht sich um – sucht etwas. Ihr Auge gleitet über die seltenen Waffen und vielen alten Bilder, meist Familienporträts der Altenrieds, an der Wand hin, gleitet über einen sehr schönen, großen Kamin in roter Marmorverkleidung, der in die Mauer eingelassen ist und vor dem ein weißes Bärenfell liegt, über ein Klavier mit einer malerischen Decke aus altem Brokat, über allerhand schöne oder bequeme Möbel, schwere Tische und Stühle nach alten Renaissancemustern geschnitzt aus braungebeiztem Eichenholz, in freundlicher Gemeinschaft mit englischen Lehnstühlen aus Korbgeflecht und mit orientalischen Teppichen bedeckte niedrige Diwans. Überall erblickt Anna die Spuren einer geschmackvollen Hausfrau, die Hausfrau selber erblickt sie nicht. Ein Gefühl demütigender Enttäuschung und noch unklaren, aber um so drückenderen Mißbehagens bemächtigt sich ihrer. Daß Kitty es nicht über sich gebracht, quer durch das Manöver hindurch zu fahren, um sie auf der Bahn zu begrüßen, hat sie begriffen, daß aber Kitty nicht auf der Schwelle des Hauses steht, ungeduldig des Augenblicks harrend, wo sie sich ihr in die Arme stürzen kann, das begreift sie nicht. Die Thränen treten ihr in die Augen, sie nagt ungeduldig an ihrer Oberlippe, als eine Erscheinung, die ihr anfangs völlig fremd dünkt, eine schlanke, vornehme Erscheinung mit weich um sie hinfließendem blaßgrauem Morgenkleid die Treppe herunterkommt; ein kleines Mädchen mit schwarzen Strümpfen und einem gestickten weißen Schürzchen hüpft neben ihr her.
»Anna! Du liebe alte Anna!« Mit den Worten schließt die junge Frau Fräulein von Hohleisen in die Arme.
Ja, das ist Kitty, noch immer schön, schöner denn je, aber nicht zum Erkennen! Um einen halben Kopf gewachsen, das Gesicht länger und schmäler, die Augen größer, die Züge fester herausgemeißelt, das Haar dunkler. Und wie sie sich in den sie umgebenden Wohlstand hineingefunden hat! Nicht nur in ihrem Äußeren, sondern in ihrem ganzen Wesen ist etwas Fremdes, Unbefriedigendes; sie erwidert Annas Küsse zerstreut, befangen, wehrt sie fast von sich ab. »Das ist Käthe,« ruft sie, auf das kleine Mädchen zeigend, »meine kleine Nichte, mein Töchterchen auch, wie du's nimmst. Gieb doch der Tante einen Kuß, Käthchen, und dann spring hinunter zur Haushälterin, sag ihr, sie möge eine Tasse Bouillon zu Fräulein von Hohleisen hinaufschicken, sie weiß schon, welche Zimmer vorbereitet sind. Du nimmst doch eine Tasse Bouillon, Anna, vor dem Lunch. Das Lunch ist heute etwas später wegen des Manövers.«
»Ach, ich habe keinen Hunger,« erwidert Anna Marie gedrückt.
»L'appétit vient en mangeant,« versichert Kitty; dann dem geschäftig davonhüpfenden kleinen Mädchen nachsehend, murmelt sie: »Wie die läuft, sie ist selig, wenn ich ihr einen Auftrag gebe. Findest du sie nicht hübsch?«
»Sehr hübsch,« versichert Anna Marie, »sie sieht dir ähnlich ... so wie du warst.«
»Das sagt man mir allgemein,« ruft Kitty lebhaft aus, »alle drei sehen mir ähnlich. Hast du die beiden Jungen nicht bemerkt bei dem Manöver?«
»Ja, der Diener hat mich auf die jungen Herren aufmerksam gemacht.«
»Nicht wahr, sie sehen entzückend aus auf ihren Pferdchen, besonders der kleine? Ich freue mich schon so, dich näher mit ihm bekannt zu machen. Ach, was die drei Kinder hier vergnügt sind! 's ist, als ob sie in Ulmenhof geboren wären, so haben sie sich bereits hineingelebt! Sie waren schon recht matt und blaß, und jetzt ... drei frische Blumen, dafür kann ich nicht dankbar genug sein.«
Damit sind sie die Treppe hinaufgestiegen, sind einen langen Korridor entlang gegangen. Jetzt öffnet Kitty eine Thür und sagt: »Das ist dein Logis; ich hoffe, es gefällt dir, damit du lange bei uns bleibst.«
Wie hohl das alles klingt, wie eine auswendig gelernte Höflichkeitslektion, die man vor dem ersten besten hinplappert!
Die vorbereiteten Zimmer, ein Schlafzimmer und ein Salon, beide mit hellschattierter Crétonne tapeziert, sind so reizend und einladend als möglich, aber was liegt Anna Marie daran. Kaum ein Wort kann sie herausbringen als Erwiderung auf Kittys Phrasen – anders kann sie die Gemeinplätze der jungen Frau nicht bezeichnen.
Ein Diener in tadelloser Livree bringt den kleinen Imbiß herauf, den Kitty zur Stärkung der Freundin bestellt hat, aber Anna Marie kann nichts essen.
Kittys Augen werden glänzend, und dunkelrote Flecken treten auf ihre blassen Wangen heraus. Ihr Gesichtsausdruck ist nicht der einer wirklich vergnügten Person. »Sie überwindet sich offenbar,« denkt Anna Marie bei sich, »aber zu was die Komödie vor mir?«
»Ich hab mich so gefreut auf dich,« versichert die junge Frau, immer rascher und rascher sprechend; »daß du so bald kommen würdest, hab ich gar nicht erwartet.«
»Wirklich nicht?« ruft Anna Marie mit nicht mehr zu unterdrückender Bitterkeit aus, »dann thut es mir sehr leid, überhaupt gekommen zu sein. Ich war dumm, auf deinen Brief hin bildete ich mir wirklich ein, du brauchtest mich.«
Im nächsten Augenblick bereut sie ihre Heftigkeit. Kitty ist totenblaß geworden. Sie nimmt die Hand ihrer alten Freundin und drückt sie demütig an ihre Lippen. »Anna! ich bitte dich, sei nicht so böse,« ruft sie flehend, »und ... fahr mich nicht so an, ich kann's nicht aushalten! Ich bin wie ein Kartenhaus, man braucht mich nur anzurühren, so fall ich in mich zusammen. Wenn du wüßtest, wie schwer mir's ist ...! Aber es ist undankbar von mir, und schließlich, es ist ja alles nicht so arg ... nur meine Gesundheit ist ein wenig angegriffen – das alte Herzleiden – du weißt! Der Brief an dich ist auch in solch üblem Augenblick entstanden; kaum war er fort, so wär ich ihm am liebsten nachgelaufen. Was mußt du dir gedacht haben – und es ist alles nicht so, ich bin ganz zufrieden ...« Plötzlich bricht sie ab, ihr Gesicht nimmt einen horchenden Ausdruck an, der sich langsam in Abscheu und Schrecken verwandelt. Sie zittert an allen Gliedern.
Ein schwerer Tritt nähert sich dem Boudoir, dann klopft es an der Thür.
»Mein Mann!« sagt Kitty. Nie wird Anna den Ton ihrer Stimme vergessen!
Im nächsten Augenblick tritt er ein.
»Hoffentlich störe ich nicht,« beginnt er, worauf er sich ziemlich steif vor Anna Marie verbeugt und sie, an seine alte Bekanntschaft mit ihr anknüpfend, willkommen heißt. Er ist sich ziemlich gleich geblieben, nur ist seine Figur jetzt noch schwerfälliger und sein Gesicht stärker gerötet, auch tritt ein Ausdruck brutaler Sinnlichkeit deutlicher als früher darauf hervor.
Anna Marie reicht ihm die Hand und sagt etwas Höfliches; er achtet nicht darauf. Während sie spricht, blickt er auf Kitty.
»Ich hab's ja gewußt, du hast dich wieder aufgeregt,« bemerkt er gereizt; »du weißt, was der Arzt dir anbefohlen hat – vor allem keine Aufregung!«
»Ja, ja, Karl,« murmelt Kitty demütig, »aber ich versichere dir, die Aufregung hat mir nicht geschadet.«
»Das kennt man,« ereifert sich Herr Förster, »die Frauen sind alle so! Was ihnen angenehm ist, das schadet ihnen nie, wenn sie sich aber den geringsten Zwang anlegen sollen, dann schützen sie ihre Nerven vor und legen sich zu Bett.«
»Ich versichere dir, daß ich mich morgen nicht zu Bett legen werde,« erwidert Kitty hastig begütigend.
»Das hoff ich,« repliziert Herr Förster, »und drum bitte ich dich, deine Kräfte zu schonen, damit du mich nicht vor meinen Gästen beschämst!«
»Ich werde mein möglichstes thun, ich versprech's dir,« murmelt Kitty.
»Was ich noch sagen wollte – die Offiziere speisen heute bei dem General in Ilmenau, sie fallen also diesen Abend weg beim Diner; morgen ist ein Liebesmahl in Hanau, an dem sie teilnehmen, doch haben sie mir versprochen, bei uns zu soupieren. Für zehn Uhr kannst du das Abendessen bestellen, Kitty!«
Kitty ist leichenblaß geworden, die unheimlichen roten Flecken unter ihren Augen abgerechnet, aber sie lächelt und erwidert nichts.
Indem hört man von neuem Schritte draußen, polternde, kleine Schritte diesmal, dann greift eine Hand an die Klinke, und ein frisches, zwitscherndes Stimmchen ruft atemlos: »Dürfen wir herein?«
Alle drei Kinder stürzen herein, der kleine Hans, in dunkelblauem Matrosenkostüm und roten Strümpfen, an der Spitze. Kaum daß man sie bewogen hat, die neue Tante mit gebührendem Respekt zu begrüßen, so drängen sie sich um Kitty herum. Hans, der schon ein ziemlich großer Bengel ist, springt ihr auf die Knie, umhalst und küßt sie und erzählt, zwischen jedem Wort nach Atem schnappend – so sehr hat er sich getummelt, ihr seine Nachrichten zu bringen –: »Es war wunderschön, Tante Kitty, so schade, daß du nicht dabei warst. Herr von Delormes hat uns dem General vorgestellt und der General hat lange mit uns geplaudert und er sagt, wenn wir groß sind, müssen wir beide Offiziere werden.«
Kittys Gesicht hat sich verändert, es strahlt vor Stolz und Freude, seitdem sich die kleine Schar um sie herum versammelt hat. Aber auch an Förster hat sich eine Wandlung vollzogen. Zum erstenmal erspäht Anna in seinem Blick eine Spur von Wohlwollen; offenbar teilt er bis zu einem gewissen Grad Kittys Gefallen an diesen lieblichen Kindern, betrachtet sie als sein Eigentum, ist stolz auf ihre Schönheit, auf ihren Freimut, auf ihre Zutraulichkeit im Verkehr mit großen Herren, die ihm sein lebenlang ein gewisses heiliges Grauen eingeflößt haben. Er streicht ihnen über das Haar und läßt sich von ihnen alle Einzelheiten ihrer Triumphe erzählen. Dann sich an Anna wendend, meint er: »Ich lasse Ihnen die drei Schreihälse hier zu Ihrer Unterhaltung, gnädiges Fräulein, werfen Sie dieselben nur hinaus, sobald sie Ihnen lästig geworden sind. Dich, Kitty, muß ich bitten, ein wenig mit mir auf mein Zimmer zu kommen, ich habe noch allerhand mit dir zu besprechen wegen morgen abend.«
»Ja, wegen des Festes,« murmelt Kitty, von neuem den Kopf senkend.
»Was für ein Fest?« fragt Anna Marie unruhig.
»Ich veranstalte alle Jahre eine kleine Privat-Sedanfeier,« erklärt Herr Förster, »und da ich heuer das Glück habe, mehrere unserer Helden unter meinem Dach zu beherbergen – sieben Offiziere liegen bei uns im Quartier –, so möchte ich alles daran wenden, die Feier dieses Jahr recht glänzend zu gestalten.«
Damit verschwinden er und Kitty. »Großer Gott!« ruft Anna Marie aus, wie sich die Thür hinter ihm geschlossen hat.
»Warum sagst du großer Gott?« fragt der kleine Hans, indem er altklug den blonden Kopf der linken Schulter zuneigt, »kannst du auch keine Offiziere leiden, wie Tante Kitty?«
»Kann Tante Kitty keine Offiziere leiden?« fragt Anna.
Der ältere Junge Fritz fällt seinem kleinen Bruder überlegen ins Wort: »Ach was, der versteht das ja noch nicht; gegen die Offiziere hat die Tante nichts, sie kann nur den Krieg nicht leiden, und die Offiziere regen sie auf, weil die sie an den Krieg erinnern!«
»Aber was bist du wieder einmal gescheit,« ereifert sich der kleine Hans, »der Krieg und die Offiziere, das gehört ja zusammen, die Offiziere sind doch nicht nur zum Anschauen. Wenn der Friede assekuriert wäre, da würde bald kein anständiger Mensch in der Armee dienen.«
»Das ist ja selbstredend, du plapperst doch nur nach, was ich dir neulich gesagt habe, du Grasaffe,« behauptet Fritz; »aber deswegen hab ich doch recht und die Tante hat nichts gegen Offiziere – nur gegen den Krieg. Aber der Krieg muß doch sein, wenn die Ehre des Vaterlandes ihn fordert.«
Trotz ihrer großen Verstimmung verbeißt Anna Marie ein Lächeln.
Indessen hat sich die kleine Käthe an sie herangeschlichen. »Ach, ich weiß es besser als die Jungen,« flüstert sie ihr ins Ohr, »die Tante hat einmal einen Offizier lieb gehabt und der ist bei Sedan gefallen – du weißt, die große Schlacht, wo wir die Franzosen geschlagen haben – und seitdem kann sie keine Uniformen sehen, das hat mir unsere alte Veronika erzählt; aber sag nichts davon, es kränkt die Tante, wenn man davon spricht, und den Onkel – o, vor dem dürftest du's schon gar nicht erzählen, den macht's wütend. Ich hab ihn einmal gefragt, ob's wahr ist, und da hat er mir eine Ohrfeige gegeben.«
»Dreizeh bei Tisch!«
Es ist Frau von Manz, welche diese mit einem abergläubischen Schauder verbundene Bemerkung macht, dieselbe korpulente Rheinweinkönigin, welche bei Anna Maries erstem Besuch Ulmenhofs den Hausherrn vor den dort umgehen sollenden Spukgespenstern gewarnt hat.
»Dreizehn bei Tisch!« Damit tritt sie von ihrer unbefugten Inspektion der Lunchtafel in die Halle, wo die sämtlichen vom Manöver zurückgekehrten Gäste versammelt sind.
Man wartet auf das Erscheinen der Hauswirte und Annas, um sich in den Speisesaal zu begeben, wartet nicht ohne eine gewisse Ungeduld, denn man hat einen tüchtigen Hunger vom Manöver mitgebracht. Frau von Manz zählt heute wie vor zehn Jahren zu den Löwinnen von Frankfurt, obgleich sie bereits einen erwachsenen Sohn hat. Sie ist noch stärker als früher, was sie nicht verhindert, rüstig bis in die höchsten Sprossen der socialen Leiter hinaufzuklimmen. Das ihr zur Wohlthätigkeit im größten Maßstabe einen weiten Spielraum eröffnende Feldzugsjahr hat ihr in dieser Richtung gewaltigen Vorschub geleistet; der greise Heldenkaiser hat sie seitdem bereits zweimal besucht, und sie ist mit dem Luisenorden ausgezeichnet worden.
»Dreizehn bei Tisch – mir ist das sehr unangenehm, es ist das eine Rücksichtslosigkeit der Hauswirte!« wiederholt sie verdrießlich.
»Wer von uns ist zu viel?« ruft gutmütig Frau Stutzmann, die Schwägerin der Rheinweinkönigin, eine noch immer sehr hübsche Witwe von einigen vierzig Jahren; »ich eß mit den Kindern am Katzentisch.«
»Ach, das nützt nichts,« ereifert sich Frau von Manz, »wenn einmal die Tafel für dreizeh gedeckt war, giebt's a Unglück; 's ist ohnehin nicht geheuer in Ulmehof. Es spukt ja hier, daß alles wettert. Meine Jungfer ist heute im tiefste Negligé heruntergelaufe gekomme aus ihrem Stübche zu mir mitte in der Nacht, weil sie's rings um sich wie Gespenster hat rausche gehört. Noch ein Minutche länger, und der junge Herr von Altenried wär ihr erschiene, behauptete sie.«
»Ihre Jungfer ist eine Person mit krankhaft aufgeregten Nerven,« bemerkt Fräulein von Mühlhausen. Wegen absoluter Unmöglichkeit, auf eigene Kosten allein weiter zu leben, und weil ihr dienstbarer Geist Auguste ihr mit einem Korporal untreu geworden ist, hat Hildegard im Laufe des Feldzugsjahres einen Gesellschafterinnenposten bei Frau von Manz angenommen. Das Wohlleben hat nichts dazu beigetragen, die noch immer latenten Keime ihrer Liebenswürdigkeit zu entwickeln. Sie ist unangenehm gegen jeden und reibt ihre erhabenen Weltanschauungen noch immer mit unverdrossener Energie allen ihren minder erhabenen Mitmenschen vor. Sie grämt sich auch noch immer darüber, kein Mann zu sein, was sie nicht verhindert, die geringen Vorteile ihrer weiblichen Position, wie z. B. das Recht, impertinente Bemerkungen zu machen, die niemand von einem Mann dulden würde, recht gründlich auszunützen.
»Wenn jemandem einer der verstorbenen Altenrieds erscheinen würde, so wär's mir,« erklärt sie jetzt großartig, »ich stehe ihnen unter allen hier Anwesenden am nächsten. Ich glaube nicht, daß einer meiner Vettern sich vergessen würde, in dem Zimmer einer Kammerjungfer umzugehen!«
Fräulein von Mühlhausen trägt ein himmelblaues Battistkleid und einen großen schwarzen Federhut, sie reckt das Kinn in die Höhe, während sie die soeben angeführten, inhaltsschweren Worte ausspricht, und sieht dabei außerordentlich erhaben und ein wenig unternehmend aus.
»Ich leg für keinen Mann die Hand ins Feuer, nicht einmal für sein Gespenst,« sagt gelassen Frau Stutzmann.
Hierauf erklärt Hildegard spitz: »Den Männern im allgemeinen gegenüber mögen Sie ja mehr Erfahrungen haben als ich, beste Frau Stutzmann, aber meine Vettern von Altenried dürfte ich doch etwas genauer kennen als Sie.«
Frau Stutzmann erwidert nichts, sie sagt nur so halb vor sich hin, halb zu Herrn von Manz, dem Sohn der Rheinweinkönigin, einem sehr hübschen jungen Mann mit braunem sympathischem Gesicht und offenbar viel Johannisberger in den Adern, der ihr über die Schultern guckt, während sie in einem Haufen alter Photographien kramt:
»Warum sich das Monopol der Moral immer in den Händen von so ausgesucht unangenehmen Persönlichkeiten befindet! Es schadet dem Vertrieb ungeheuer!«
»Und bringt den Artikel in Mißkredit,« flüstert Herr von Manz.
»Auf welche Art ware Sie denn eigentlich mit dem reizende Alteried verwandt, Fräulein von Mühlhause?« fragt jetzt Frau von Manz.
»Sein Vater und meine Mutter waren Geschwister,« erklärt Hildegard.
»So, wirklich, das ist höchst merkwürdig,« bemerkt sinnend Frau von Manz, »Familienähnlichkeit zwische ihm und Ihne besteht keine!«
»O ja, für den Kenner, aber man muß sich von Jugend an geübt haben, die übereinstimmenden Linien von Rassegesichtern zu beobachten, um es zu bemerken!« erklärt die Mühlhausen.
Solche Liebenswürdigkeiten wechseln die Rheinweinkönigin und das Fräulein von altem Adel alle Tage, dennoch ist die Mühlhausen die einzige Gesellschafterin, welche es längere Zeit hindurch bei Frau von Manz ausgehalten hat. Sie ist nämlich die einzige, welche es je gewagt, ihrer Prinzipalin deren Grobheiten zurückzugeben – das stellt das Gleichgewicht ihrer gegenseitigen Beziehungen her.
»Ich kann Ihnen übrigens versichern,« fährt Hildegard zu Frau von Manz gewendet fort, »daß ich öfters gefragt worden bin, ob ich Hans von Altenrieds Schwester sei?«
»Seine Tante, meinen Sie vielleicht,« sagt phlegmatisch Frau von Manz.
Fräulein von Mühlhausen wird feuerrot und reißt sich mit einer heroischen Gebärde den Hut vom Kopf – »Gnädige Frau!« hebt sie an.
»Ja, auf was warten wir denn eigentlich?« bemerkt Frau Stutzmann, einer Scene vorbeugend.
»Auf was warten wir?« fragt Emma Becker. Sie heißt noch immer Becker, und ist noch immer darauf angewiesen, von einem Bekannten zum anderen zu reisen, und ihre Einkünfte an das Begleichen ihrer Schneiderrechnung zu wenden. Sie ist auch noch immer hübsch, aber ihr inneres Gleichgewicht scheint durch ihre lange Einsamkeit einigermaßen gelitten zu haben. Wenn sie keine Courmacher hat, so studiert sie Schopenhauer, und stellt Betrachtungen an über die Nichtigkeit des Daseins.
»Ja, auf was warten wir?« fragt sehr hungrig und etwas unzufrieden eine junge Cousine des Hausherrn, die indessen begonnen hat, mit dem Hofmeister des kleinen Fritz Federball zu spielen.
»Kitty ist doch nicht wieder unwohl geworden? Sie sah beim Frühstück recht elend aus, so blaß und hohlwangig,« bemerkt Emma und fährt sich mit Daumen und Zeigefinger über ihre eigenen runden, etwas zu stark gefärbten Backen. »Gar nicht mehr hübsch!«
»Hübsch wird sie bleiben bis zum letzten Augenblick,« behauptet Frau Stutzmann, »aber zum Erbarmen hat sie ausgesehen.«
»Zum Ins-Grab-Lege,« bekräftigt Frau von Manz und schüttelt sich. »Ach was, ich hab's dem Förster immer gesagt, ich hätt de Ulmehof nie gekauft. Er wird nicht lang drin bleibe. Die Alteried dulde's einmal net, daß der Ulmehof einem andre als ihne gehört. 's ist ein Unglückshaus, und den, de kei Gespenst heraustreibt, de treibt eine Leich hinaus!«
»Um Gottes willen, was meinst du?« ruft ganz entsetzt Frau Stutzmann.
»Wir habe deselbe Arzt,« fährt Frau von Manz gelassen fort, »die Kitty Förster und ich. Und der hat mir gesagt ...«
In dem Augenblick hört man das scharfe Klirren einer Glasvase, die zu Boden fällt. Frau von Manz hält inne, sieht auf ... Ihr Sohn hat sich nicht anders helfen können! Das ist so seine Art: wenn er ihren Redefluß plötzlich zu hemmen für nötig findet, wirft er etwas um.
Die Treppe herunter kommt Anna Marie, umgeben von den drei Kindern, etwas hinter ihr zeigen sich Herr Förster und Kitty.
* * *
Jetzt ist es Abend nach dem Diner. Wieder hat man sich in der großen Halle versammelt. Auf einem geschnitzten Eichentisch stehen noch die zierlichen Kaffeetassen, geschliffene Liqueurgläschen und Flaschen mit verschiedenfarbigem Schnaps, dazwischen ein paar eilig abgerissene Briefumschläge, aus denen ein betriebsamer Markensammler eine Ecke herausgezupft hat, und Zeitungen. Die Abendpost ist bereits eingelaufen und abgefertigt worden, die Gesellschaft hat sich in dem großen Raum zerstreut. Die Damen scheinen die Abwesenheit der Offiziere schmerzlich zu empfinden; Herr von Manz und der Hofmeister, ein strebsamer junger Gelehrter, der sich hauptsächlich Emma Becker widmet, thun ihr möglichstes, die abwesenden Krieger zu ersetzen, aber mit mäßigem Erfolg.
Am tiefsten scheint die erhabene Hildegard von der in den geselligen Kreis hineingerissenen Lücke ergriffen zu sein. Sie hat sich des Armes Anna Maries bemächtigt und durchwandelt jetzt mit ihr die verödeten unteren Empfangsräume des Schlosses.
»An diesem Tisch pflegen sie Whist zu spielen – hier trinken sie Cognak – hier saß ich gestern mit einem von ihnen beim Schach,« seufzt sie elegisch. »Ach, Sie können sich nicht vorstellen, wie öde und leer mir heute die Halle erscheint, das alte Soldatenblut rumort mir in den Adern, seitdem ich wieder Uniformen sehe. Man ist nicht umsonst eine Generalstochter.«
Anna Marie horcht zerstreut. Müde, innerlich wund von den peinlichen Eindrücken des Tages, wartet sie schon seit längerem eine Gelegenheit ab, sich unbemerkt zurückzuziehen. Wenn sie sich nur von der alten Schwätzerin losmachen könnte, denkt sie. Vorläufig ist keine Aussicht dazu. Hilfeflehend blickt sie über die Anwesenden hin. In den klugen, jungen Augen des Herrn von Manz scheint einiges Verständnis aufzudämmern.
Indes fährt Fräulein von Mühlhausen fort: »Sie haben doch die Liebesgeschichte Kittys mit erlebt, so gut wie ich. Sie erinnern sich, wie sie sich nach Eröffnung des Feldzuges gebärdet hat, wie eine Verrückte – und jetzt ... Begreifen Sie Ihre Heirat! ... Einen Herrn Förster heiraten, wenn man die Braut Hans von Altenrieds gewesen ist! Wenn ich mir nur um solchen Preis den Wohlstand hätte erkaufen können, wär ich mein Lebtag lang lieber arm geblieben wie ein Bettelmönch!«
Der Atem Anna Maries wird kurz, das Blut pocht ihr in den Schläfen, indessen fährt die Mühlhausen, sich immer noch an ihrem Arm festklammernd, fort: »Ich habe in dieser Hinsicht freilich eine geradezu legendäre Beständigkeit aufzuweisen. Ich war eines der umworbensten Mädchen, die es je gegeben hat – verstehen Sie mich recht – ich war umworben, gegen meinen Willen; bis zu einem direkten Heiratsantrag hab ich's nie kommen lassen, dazu braucht man es nicht kommen zu lassen, wenn es einem nicht darum zu thun ist; jedes Mädchen kann es sich so einrichten, ihren Verehrern die letzte Demütigung zu ersparen. Dies ist meine Ansicht – ich habe die Macht, die ich ohne mein Hinzuthun über die Männer ausübte, nie mißbraucht – aber ich habe mich auch nie darüber gefreut. Ich habe mich ein einziges Mal für einen Mann interessiert – ein junger Offizier war's, mit dem ich sechs Stunden lang in einer Postkutsche gefahren bin. Ich habe nie ein Wort mit ihm gesprochen, ich habe ihn seither nicht wiedergesehen, aber ...«
Immer hilfeflehender richten sich Anna Maries Augen auf den verständnisvollen Herrn von Manz. Er entschließt sich endlich, der Nächstenliebe ein großes Opfer zu bringen. Auf die beiden Damen zutretend, sagt er zu Hildegard: »Gnädiges Fräulein, ich hätte eine Bitte an Sie. Möchten Sie nicht eine Partie Bezique mit mir spielen? – bitte, bitte!«
»Vielleicht wird Fräulein von Hohleisen ...« wehrt sich die Mühlhausen sehr geschmeichelt.
Herr von Manz und Anna Marie wechseln Blicke. »Nein, nein, nein,« entgegnet energisch der junge Mann, »mein Flehen richtet sich an Sie und nicht an Fräulein von Hohleisen. Bitte ...« Er faltet die Hände wie ein Kind, das um Bonbons bettelt.
Mit einem Seufzer entschließt sich Hildegard, Anna Marie freizugeben; dann, während sie am Arm ihres hübschen jungen Ritters dem Spieltisch zuschreitet, sieht sie über ihre Schulter weg nach Anna Marie mit einem Blick, der deutlicher als Worte spricht: »Da sehen Sie's! Noch immer!!!«
Anna Marie seufzte auf, als sie sich endlich zurückziehen durfte. Mit großer Genugthuung schloß sie die Thür ihres kleinen Salons hinter sich zu. Eine Centnerlast lag ihr auf der Brust. Sie öffnete ein Fenster, die Nachtluft drang herein. Über dunklen Baumkronen sah sie ein großes Stück dicht mit Sternen besäeten Himmels, sonst nichts. Das erste Herbstseufzen rauschte durch die Blätter, die Flamme der Kerze, welche sie auf einen Tisch gestellt hatte, flackerte hin und her.
Da, hastig und heimlich näherte sich ein Schritt der Thür. Die Thür öffnete sich, Kitty trat ein.
»Ich bin nur heraufgekommen, um mich zu überzeugen, ob du nicht etwas brauchst,« murmelte sie.
»Nein, danke,« erwiderte Anna ziemlich kühl, »es ist alles in schönster Ordnung. Ich bin einen derartigen Luxus gar nicht gewohnt.«
»Ich hab mich bemüht, es dir recht hübsch zu machen,« sagte Kitty, demütig das Köpfchen senkend, mit dünner, klangloser Stimme.
»Ich bin dir sehr dankbar dafür,« erwiderte Anna förmlich. Die Knie zitterten unter ihr, sie setzte sich nieder, um ihre Aufregung besser zu beherrschen. Kitty schlug die Augen zu ihr auf. Was für Augen! so voll tiefer Beschämung und grenzenloser Seelenpein. Eine Minute verging; Kitty griff geistesabwesend nach einem Buch, das auf dem Tische lag – sie ließ das Buch fallen. Plötzlich wendete sie sich zur Thür, drehte den Schlüssel um, dann mit der Hast eines Verdurstenden, der auf eine Quelle losstürzt, eilte sie auf Anna Marie zu, und neben ihr zusammenbrechend, barg sie den Kopf in ihrem Schoß. Ein Weilchen schluchzte sie stumm, während Anna Marie tief erschüttert ihr weiches Haar streichelte. Endlich hob sie das Haupt, und noch immer am Boden kauernd, die Wange gegen das Knie der Freundin gestützt, stieß sie hervor: »Ich hab dir vorgelogen, den ganzen Tag, ich kann nicht mehr! Sieh mich nicht so an – ich kann's nicht aushalten. Immerfort ist mir's dabei, als ob du mich fragtest, wie ich das im stande war. Ja wie ... mein Gott!« Kitty grub sich beide Hände in ihr Haar und schrie es ganz schrill in die Nachtstille hinaus: »Wegen der Kinder hab ich's gethan! Das mußt du doch erraten haben – wenigstens das! Ich dachte an nichts mehr als an die Kinder. Eins von ihnen wurde krank. Du weißt nicht, was das ist, einen so zarten, hilflosen Wicht wimmern und sich krümmen und vor deinen Augen hinschwinden sehen, und weißt auch nicht, wie einem so ein Kind ans Herz wächst, wenn man es aus einer Todkrankheit herausgepflegt hat! Als der kleine Hans wieder gesund war, hatte ich vergessen, daß ein anderer so geheißen – ich dachte an nichts mehr als an die Kinder, und was nicht mit ihnen zusammenhing, fühlte ich nicht! Und als gar die abscheuliche Frau ins Haus kam und ich merkte, daß ... ach, ich konnt's nicht aushalten, die Kinder so verkümmern zu sehen – an Leib und Seele verkümmern! Ich verkaufte mich meinem Mann, ja ich verkaufte mich für eine Summe, die er auf mich schreiben ließ, um die Zukunft der Kinder zu decken, und dafür, daß er mir erlaubte, die Kinder unter sein Dach zu nehmen!«
Kitty schwieg. Anna Maries Herz klopfte stark und schnell. Sie heftete die Augen auf den blauen Himmel über den rauschenden schwarzen Baumkronen, auf den blauen Himmel, aus dem Milliarden von goldenen Sternen herausglitzerten – dieselben Sterne, die damals heruntergestrahlt hatten auf das Leichenfeld von Sedan. Wie unwesentlich erschien eine kleine Menschenexistenz gegen diese leuchtende Unendlichkeit, und doch, welche Fülle von Schmerz hatte Platz in so einem armseligen, der Fäulnis geweihten Menschenherzen!
»Ich hatte ihn geheiratet aus Verzweiflung,« hub Kitty von neuem an; ihre Stimme klang matt und heiser, sie schleppte die Worte mühsam über ihre vom Fieber heißen Lippen. »Alles in mir war starr – davon, was ich auf mich genommen, hatte ich mir keine rechte Vorstellung gemacht, ich war zu stumpf, zu elend dazu, und – die Erinnerung war tot, ich glaubte es zum wenigsten ... ach!«
Mit einemmal richtete sich Kitty auf. Ihr Haar aus dem Gesicht streichend, stand sie vor Anna Marie, mit weit aufgerissenen Augen, totenbleich. »Aber jetzt lebt die Erinnerung in mir – kannst du dir das vorstellen? – das Grauen hat sie lebendig gemacht, das Grauen vor meinem Mann! Du hast keine Ahnung, was das für ein Grauen ist – und zu gleicher Zeit ...« Kitty stützte sich mit einer Hand auf die Platte des Tisches, neben dem sie stand, und schloß die Augen – »jetzt wandelt er neben mir Tag und Nacht, er, den ich vergessen hatte; ich höre seine Stimme, ich fühle seinen Kuß, und mitten aus dem Grauen, ja mitten aus dem Grauen heraus, kommt mir ein Durst nach Glück! Ich denke mir, wie das so gewesen wäre! ... Wenn ich wenigstens ruhig träumen dürfte, ich hielte alles aus; aber so ... nicht eine Minute in den vierundzwanzig Stunden von einem Sonnenaufgang zum anderen frei sein, nicht eine Stunde allein sein dürfen, wenn's meinem Mann nicht beliebt! Es giebt keine Gefangenschaft wie die! Was soll ich thun – was soll ich thun! Anna, hilf mir!«
Eine lange Pause folgte; draußen seufzte der Nachtwind in den Bäumen, und die Sterne über ihnen funkelten aus dem Himmel heraus.
Nach einigem Nachdenken sagte Anna: »Eine Trennung von deinem Manne müßte zu erreichen sein; wenn du dich vor dem Aufruhr, den die Sache veranlassen würde, nicht scheust, so laß alles liegen und stehen und komm zu mir. Ich will dich mit Freuden bei mir behalten und dich vor deiner Qual schützen, so gut ich kann.«
»Ach du Gute, du Liebe!« Mit einem jubelnden Ausruf stürzte Kitty auf Anna zu, die sich aufgerichtet hatte und die Arme nach ihr ausstreckte. Plötzlich blieb sie stehen, griff sich an die Stirn – »Aber die Kinder!« murmelte sie vor sich hin, ohne Anna anzuschauen.
»Nimm sie mit, wir beide zusammen werden es noch fertig bringen, sie zu ernähren, sie vor Kälte und Hunger zu schützen und zu anständigen Menschen zu erziehen.«
»Ja, ja,« murmelte Kitty – »du bist engelsgut. – Ernähren, vor Kälte und Hunger schützen ... aber die Zukunft – die Summe, welche ich von ihm genommen hab für die Kinder, um ihre Zukunft zu sichern – die ... die ...!«
»Gieb sie zurück,« sagte Anna Marie, ohne einen Augenblick zu zögern.
»Wie kann ich sie zurückgeben,« ächzte Kitty, »ich hab mich ja verkauft um der Kinder willen! Ja, früher – früher wär ich wohl auf deinen Vorschlag eingegangen; jetzt aber – ich kann nicht mehr! Verachte mich, Anna! aber die Kinder fühlen sich wohl in dem neuen Reichtum, sie freuen sich daran, ich könnte sie nicht mehr darben sehen; und wenn ich noch einmal zu wählen hätte, ich nähme die ganze Marter noch einmal auf mich um der Kinder willen!«
»Kitty!« rief Anna Marie entsetzt, ihr voll in die Augen sehend; aber Kitty wich ihrem Blick aus, und den Kopf abwendend, murmelte sie, mit den Achseln zuckend, fast trotzig: »Es ist so!«
Anna Marie maß sie vom Kopf bis zu den Füßen kalt und streng. »Und wenn es so ist,« sagte sie, »wenn es so ist, so beklage dich nicht; unter den Umständen hast du kein Recht dazu.«
»Anna!« rief Kitty flehentlich, die kleinen Hände ausstreckend. Aber Anna Marie wendete sich ab.
Da seufzte Kitty tief, senkte den Kopf und verließ das Zimmer.
* * *
Die Nacht, welche auf diese Auseinandersetzung folgte, verbrachte Anna Marie schlaflos. Anfänglich kochte noch die Empörung über Kittys Schwäche in ihr. »Wie hat sie das thun können! Eher hätte sie sich umbringen sollen – es wäre alles besser gewesen als das!« wiederholte sie sich unaufhörlich.
Für Anna Marie, so wie sie nun einmal beschaffen war und ihre vollen fünfzig Jahre lang in romantischer Überspanntheit neben dem Leben hinexistiert hatte, ohne sich auch nur ein einzigmal praktisch hineinzumischen, gab es nichts Demütigenderes, Beschämenderes auf der Welt als gerade das. »Das« bedeutete: eine Ehe wie die, in welche sich Kitty hineingefügt. Trotz ihrer unendlichen Güte war Anna Marie doch ein wenig erstarrt in der unbeirrten, schroffen Reinheit, die ihr Lebenselement ausgemacht hatte.
Nach einem Weilchen verflüchtigte sich ihr Zorn gegen Kitty. Das Mitleid gewann die Oberhand. Sie machte sich nun Vorwürfe darob, das blasse zitternde Geschöpf so hart angelassen zu haben. Wie hatte sie, deren Edelmut stets frei und unbehindert seine geraden, vom Schicksal fein säuberlich geebneten Pfade entlang gewandelt war, sich erkühnen dürfen, ein armes Ding zu verurteilen, das sich in einer so verwickelten Lage befand wie Kitty!
Mein Gott, seinen geraden Weg gehen auf Kosten eigener Entbehrung, das war ja nichts – aber ihn gehen quer über die neu erblühte Freude von drei zarten Geschöpfchen, an denen man mit jeder Herzensfaser hängt, das war freilich ein ander Ding.
»Arme Kitty! arme süße, kleine Kitty!« murmelte sie einmal um das andere, »sehr stark war sie ja nie, sie hatte immer mehr Herz als Verstand. Solche Geschöpfe begehen manchmal ein Verbrechen aus Liebe.«
Mit einemmal schlich sich ein neues Mißbehagen kalt und beklemmend um ihr Herz. Sie dachte an die von Herrn Förster geplante Sedanfeier.
Ein Feuerwerk, Lärm, Militärmusik – sie setzte sich im Bett auf, ein kalter Schweiß trat ihr auf die Stirn. Wie sollte Kitty das überstehen. Sie hätte alles in der Welt geben mögen, um ihr die Qual zu ersparen, und fühlte doch, daß sie gegen Herrn Försters Eigensinn hilflos war. Seine Eifersucht war offenbar wach geworden, wie sollte man von ihm verlangen, daß er Rücksichten zeigen sollte gegen Kittys Liebeserinnerungen. Es hieße seine Grausamkeit reizen, nur daran zu rühren.
Anna Marie konnte nicht helfen – sie konnte nur die Hände ringen und schluchzen.
* * *
Die Tafel ist gedeckt. Mit einer Art Andacht blickt Bernhard, der alte Kammerdiener, auf die geschmackvolle Ausstattung derselben nieder; der lange Tisch ist in ein Blumenbeet verwandelt, aus dem die flachen, mit wundervollem Obst besetzten silbernen Schüsseln hervorglänzen. Es steht weniger Silber auf dem Tisch als zu Herrn Försters Junggesellenzeit, und das wenige ist anderer Art.
Rosa Wachskerzen in schweren silbernen Armleuchtern, jede Kerze mit einem kleinen Lichtschirm versehen, werfen ihr liebkosendes Geflimmer über die Blumen und Schüsseln, über die Reihen von scharf geschliffenen Krystallgläsern, über die goldverschnörkelten, mit Blumensträußen bemalten Teller. Kitty selbst hat das Decken der Tafel überwacht. Es ist seltsam genug, daß sie, für welche die ganze Welt momentan in Trümmern liegt, sie, die keinen Atemzug schöpfen kann, ohne Schmerz zu empfinden, noch darauf hält, daß der Tisch in ihrem Hause ordentlich aussehen möge.
Jetzt steht sie mit Anna Marie in der Halle und stellt ihr die soeben eingetretenen Offiziere vor – sieben an der Zahl – ein Oberst, ein Oberstlieutenant, zwei Majore, ein Hauptmann, zwei Lieutenants; der Oberst blond, schön, ritterlich (der Prinzessinnentänzer heißt er unter seinen Kameraden), französischer Abstammung, leichtblütig, gutmütig, nicht ohne Anlage zu phantastischen Übertreibungen, immer beflissen, sich populär zu machen, unglücklich, wenn sich unter den Anwesenden ein einziges Geschöpf, und sei's auch nur ein Hund, befindet, dessen Gunst er sich noch nicht zu erwerben vermocht hat; – der Oberstlieutenant, ein Bürgerlicher im Gegensatz zu seinem aristokratischen Obersten, nicht ganz zufrieden damit und mit Vorliebe von den Familienpapieren erzählend, die vor drei Generationen bei der Belagerung von Danzig verloren gegangen sind, im übrigen von allem läppischen Strebertum frei, ungemein schneidig, sehr beliebt trotz seiner burschikosen Manieren, gutmütig wie ein Kind, lebenslustig, diensteifrig, ehrgeizig; – der erste Major, ein echter pommerscher Junker aus sehr gutem Hause, mit dem weißen Malteserkreuz um den Hals, starken markigen Zügen, kleinen, nüchtern und scharf in das Leben hineinblinzelnden Äuglein und vollen Lippen unter einem kurzgestutzten grauen Schnurrbart, äußerlich verbindlich gegen einen jeden, von einem Frankfurter bis zu einem Hottentotten, innerlich fest von der absoluten Superiorität des preußischen Junkertums dem Rest des Weltalls gegenüber überzeugt, aber unbeugsam, pflichttreu, verläßlich, ehrentüchtig durch Erziehung, Standeshochmut und ererbte Naturanlage, nicht unanregend in der Konversation, wenn man ihn nämlich auf sein Lieblingsthema zu bringen weiß, d. i. die langsame und stetige Entwickelung von Preußens Größe, und allezeit bereit, darüber einen kleinen historischen Vortrag zu halten; – der zweite Major, ein geborener Levantiner, der nur durch Zufall in die preußische Armee hineingeraten zu sein scheint und der mit seiner fatalistischen Gleichgültigkeit und seinen ironisch die Wichtigkeit des Lebens verspöttelnden großen, traurigen Augen in seltsamem Gegensatz zu der Strammheit der anderen drei Herren steht, die den Dienst und das Leben so ernst nehmen; – der Hauptmann gedrückt wegen zu langsamen Avancements, die Lieutenants jung, heiter und sehr mager.
Kitty hat für jeden von ihnen ein freundliches Wort; Förster, welcher unterdessen eingetreten ist, beobachtet sie genau.
Sie steht noch im Begriff, Anna Marie die Namen der Herren zu nennen, als es von dem ersten Treppenabsatz in die Halle heruntertönt:
A–ach, wie freuen wir uns, Da–aß zum Feste hier U–uns so froh vereint Dieser Jubeltag!
Kitty hebt die Augen – es ist ein Stück achtzehntes Jahrhundert, das dort auf der Treppe steht. Man hat die Rumpelkammer ausgeplündert, um sich zu kostümieren, alle sind kostümiert, die Damen frisiert und gepudert, die Herren – Herr von Manz und der Hofmeister – in weißseidenen Strümpfen, in Atlaskniehosen und gestickten Röcken und Westen, Herr Wißmuth, der in Ulmenhof natürlich nur ohne seine Frau empfangen wird, hat seine gewöhnliche Tracht anbehalten und steht, energisch dirigierend, mitten unter dem phantastischen Häuflein. »Leise, sehr leise,« hat er von ihnen verlangt –
Ach, wie freuen wir uns, Daß zum Feste hier Uns so froh vereint Dieser Jubeltag.
Es ist wie ein Reigen von Gespenstern, die sich ungebeten an ein Menschenfest herandrängen.
Die Offiziere applaudieren frenetisch, da die Sänger jetzt die Treppe herabtänzeln. Kitty hält die Hände auf eine Stuhllehne gestützt.
»Was hat unsere schöne Hausfrau nur heute?« fragt der Oberstlieutenant den türkischen Major. »Haben Sie je solche Augen gesehen?«
»Ja, einmal zum Schluß einer Parforcejagd bei einem Hirsch, als er, von den Hunden müdgehetzt, zusammenbrach. Ich habe seit der Zeit nie mehr eine Parforcejagd mitreiten wollen. Brr! Das Nachlaufen ist lustig genug – aber das Einholen ist ein gruseliges Vergnügen!« Der Major ist ein nervöser weichlicher Mensch, obgleich er sich tapfer geschlagen hat.
Der Kammerdiener meldet, daß angerichtet ist. Herr Förster hat Frau von Manz seinen Arm geboten, Kitty beschließt mit dem Obersten den Zug. Natürlich sitzen Kitty und der Hausherr einander gegenüber in der Mitte der beiden langen Seiten des Tisches.
»Welch wundervolle Blumen!« sagt der Oberst.
Frau von Manz bemerkt über den Tisch hinüber: »Ich laß meine Tafel immer kahl, mich erinnere diese Blumebeete unter Wachskerzeschimmer an eine Katafalk. Mir verdirbt's jedesmal de Appetit!«
»Ich habe, Gott sei Dank, keine so schwachen Nerven,« wirft Fräulein von Mühlhausen ein, deren energische Unausstehlichkeit ihr immer einen guten Platz an der Tafel sichert, sie sitzt an der rechten Seite des Obersten.
Anna Marie neben dem Oberstlieutenant, dessen Platz links von Kitty ist.
Die Mühlhausen setzt alles daran, den Obersten gänzlich zu monopolisieren, sie hat so viel mehr Verständnis für das Militär als Kitty. »Haben Sie die Schlacht von Sedan mitgemacht, Herr von Delormes?« fragt sie den Obersten.
»Ja, gnädiges Fräulein, alle vier waren wir mit dabei, der Oberstlieutenant, meine beiden Majore und ich.«
»Ach, wie ich Sie beneide!« schwärmt das Fräulein.
»Schade, daß das Vaterland momentan für eine Jeanne d'Arc keine Verwendung hat!« bemerkt der an der rechten Seite der Mühlhausen sitzende türkische Major mit seiner schläfrigen Ironie, »da könnten Sie sofort einspringen, gnädiges Fräulein!«
»Die Trommel gerührt, das Pfeifchen gespielet,« summt Fräulein von Mühlhausen unternehmend vor sich hin.
»O hätt ich ein Wämslein und Hosen und Hut!« flüstert leise der ironische Türk, und die Mühlhausen wiederholt, den Kopf hin und her wiegend, mit nur mühsam an sich gehaltener Begeisterung: »O hätt ich ein Wämslein und Hosen und Hut.«
»Denken Sie sich Fräulein von Mühlhausen als Füsilier,« flüstert Herr von Manz Frau Stutzmann zu. Beide lachen.
»Nun, vielleicht haben Sie noch binnen kurzem Gelegenheit, Ihrer Kriegslust Rechenschaft zu tragen, gnädiges Fräulein,« sagt der Oberstlieutenant; »es türmen sich wieder sehr böse Wolken am politischen Horizont.«
»Entsetzlich!« ruft Frau Stutzmann aus, »ich habe zwei Söhne bei den Husaren.«
»Wie kann man so kleinlich sein!« entrüstet sich Fräulein von Mühlhausen.
»Sie erfreuen sich offenbar starker Nerven, gnädiges Fräulein,« sagt der türkische Major, »allen Respekt!«
»Der Krieg ist immer eine Barbarei,« bemerkt Emma Becker. Sie fängt an, sehr weise zu werden aus Verzweiflung, wie die meisten Damen, wenn ihre Schönheit auf der Neige ist.
»Der Gedanke an die vielen geopferten Menschenleben ist gräßlich. Für die Angehörigen der Kämpfenden muß so ein Feldzug allerdings qualvoll sein. Doch stumpft sich auch die Angst ab mit der Zeit.«
»Das ist sehr individuell,« wirft der Oberst lebhaft ein. »Meine Frau versicherte mir, die Todesangst sei für sie, ein paar vorübergehende Fluktuationen abgerechnet, vom ersten bis zum letzten Augenblick dieselbe gewesen!«
»Die Arme!« ruft Kitty, sich zum erstenmal lebhaft in das Gespräch hineinmischend, aus, »ich würde mich sehr freuen, Frau von Delormes kennen zu lernen.«
»Meine Frau ist tot,« erwidert der Oberst.
»Tot!« wiederholt Kitty.
»Ja! vierzehn Tage nach meiner Heimkehr aus dem Feldzug ist sie gestorben; ein akutes Nervenfieber hat sie dahingerafft. Der Arzt sagte mir, ihr Nervensystem sei einfach verbraucht gewesen von den Aufregungen des Kriegsjahres.«
Bei diesen Worten heftet der Oberst die Augen auf Fräulein von Mühlhausen. Diese aber wirft ihren gepuderten Kopf – sie ist als Werthers Lotte kostümiert – unternehmend in den Nacken und sagt: »Sie war eben keine echte Soldatenfrau!«
Der Oberst beugt sich über seinen Teller – kein Mensch findet auf diesen verblüffenden Ausspruch eine Erwiderung.
»Haben Sie je einen Angehörigen im Felde gehabt?« fragt der Oberst nach einem Weilchen.
»Zwei Vettern und drei Onkel auf einmal,« versichert die Mühlhausen überlegen, »meine Familie hat immer massenhaft in der Armee gedient.«
»Nun, dann müssen Ihre zwei Vettern und drei Onkel Ihrem Herzen nicht sehr nahe gestanden sein,« entscheidet der Oberst trocken.
»Sie begreifen meinen Standpunkt nicht,« erklärt die Mühlhausen und blickt auf den Obersten herunter wie von einem Turm. »Ich wüßte niemanden, der mir in meinem Leben näher gestanden wäre als Hans von Altenried; als das Vaterland jedoch das Opfer seines Lebens forderte, grollte ich nicht. Das muß man so mitnehmen!«
»Hm! ich hätte wirklich große Lust, einmal Gelegenheit zu haben, Sie im Kugelregen zu beobachten,« bemerkt der türkische Major.
»Ich würde mich tapfer behaupten, davon können Sie überzeugt sein,« renommiert die Mühlhausen. »Das immer mehr überhand nehmende empfindsame Entsetzen vor dem Krieg, welches die moderne Gesellschaft auszeichnet, kenne ich einfach nicht. Ich für mein Teil hätte lieber sieben Kugeln im Leib als die Sticheleien einer Freundin nach einem Cotillontriumph. Lieber einen Feldzug als eine Ballsaison! Ich kann mir nichts Schöneres denken, als so vorwärts zu stürmen mitten im Kugelregen und Siegesjubel!«
Die Blicke der sämtlichen anwesenden Männer richten sich jetzt auf die dürre verkümmerte Figur der kriegslustigen alten Jungfer. Um die kleinen, runden Augen des breitschulterigen Junker Majors (von Teufelsegg heißt er) zuckt es spöttisch, und seine starken Lippen nehmen einen strengen Ausdruck an, indem er sagt: »Nur gemach, gnädiges Fräulein! Gegen das Vorwärtsstürmen im Krieg hab ich nichts. Wenn einmal der erste Moment vorüber ist, hat's was für sich. 's ist das Umsehen, das mir unbehaglich ist. Es ist nicht der Tag der Schlacht, an den ich mich ungern erinnere, aber der Tag, der darauf folgt!«
»Da haben Sie recht, Teufelsegg,« bekräftigt der Oberstlieutenant. »Wenn ich so an ein paar Episoden nach Sedan gedenke, so ... besonders die eine Geschichte ...!« Er schüttelt sich ein wenig!
»Welche Geschichte?« fragt plötzlich Kitty mit harter herrischer Stimme.
»Ich hatte einen Kameraden fallen sehen neben mir, meinen besten Freund. Gott! ist mir's damals quer durchs Herz gegangen, daß ich mich nicht einmal neben ihm habe aufhalten können, um ihm beizustehen!« Er hält inne, blickt sich verlegen um, macht sich offenbar Vorwürfe darüber, bei dieser festlichen Gelegenheit seiner Umgebung mit einem traurigen Eindruck zur Last zu fallen.
»Nun?« fragt Kitty über die Blumen hinüber.
Der Oberstlieutenant berichtet weiter: »Es ließ mir keine Ruhe, noch an demselben Abend erkundigte ich mich nach ihm, suchte ihn. Ich kam in eine erbärmliche Hütte, die mit Verwundeten vollgepfropft war. Ersparen Sie mir die Beschreibung, ich werde krank, wenn ich der Stickluft gedenke. Zu achten lagen sie da nebeneinander auf dem Stroh; zwei Leichen mitten unter den anderen. Ich trachtete natürlich unseren tapferen Märtyrern, so gut ich's vermochte, beizustehen. In einer Ecke lag einer, welcher meine besondere Teilnahme erweckte. Ein schöner blonder Mensch war's, groß, schlank, und mit einem sehr vornehmen Gesicht, kaum in der Mitte der zwanzig. Er war gräßlich zugerichtet, der rechte Arm knapp an der Schulter abgerissen, der Körper zerschossen. Es gewährte mir Trost, zu sehen, daß er bereits im Hinüberziehen war. Zugleich merkte ich an der Art, wie er mit den Schultern arbeitete und den Kopf zu heben versuchte, daß ihn noch eine letzte Unruhe quälte. Dann riß er mit der Linken an sich herum, konnte aber nichts mehr fest anfassen. Ich beugte mich zu ihm und zog ein kleines Medaillon aus seiner Brust. Armer Narr! aufmachen konnte er's nicht mehr. Ich öffnete es für ihn und hielt's ihm unter die Augen. Ob er es noch deutlich hat sehen können, weiß ich nicht, aber den Blick hat er darauf geheftet. Dann hat er danach gegriffen, die Hand folgte nicht mehr, er tastete daneben. Endlich mühsam brachte er's bis an seine Lippen. Dann wendete er den Kopf von mir ab gegen die Wand, seufzte ein einziges Mal, aber so, wie ich's nie vergessen werde. Ein paar Minuten darauf war's mit ihm vorbei. Das Weiterleben war ihm unter den Umständen nicht zu wünschen. In die Heimat zurückkehren und seine Braut nicht einmal in die Arme schließen können, muß gräßlich sein!«
»War die Braut hübsch?« fragt Emma Becker neugierig.
»Entzückend!« versichert ihr der Oberstlieutenant mit Begeisterung. »Ich habe nie etwas Hübscheres gesehen. Ein Kindergesichtchen mit großen zärtlichen Augen, die Haare in langen Locken um die Schultern, mit einem breiten Band zurückgebunden, das oberhalb der Stirn in eine Schleife verknüpft war; allerliebst – und sehr jung, die Verlobung konnte auch nicht weit zurückdatieren, denn auf dem Medaillon waren die Worte eingraviert: Zur Erinnerung an den 5. Mai 1870.«
»Der fünfte Mai – komisch, das ist ja der Tag deiner Hauseinweihung, Förster,« bemerkt humoristisch und unbefangen Herr Wißmuth. »Erinnerst du dich nicht mehr an das erste Fest, das du uns in Ulmenhof gegeben hast?«
Aber Herr Förster thut nichts dergleichen, er erhebt sich und bringt einen Toast aus auf den Kaiser und die Armee.
Es werden sehr viele Toaste ausgebracht und sehr viele Champagnergläser geleert.
Immer schwüler wird der Duft der Blumen, die Gläser klingen hell durcheinander, hell und schrill.
Sobald die Tafel aufgehoben ist, sieht sich Anna Marie nach Kitty um. Wenn sie erwartet, etwas Vergrämtes, Blasses zu sehen, so irrt sie sich. Auf ihren Wangen sind die Röslein erblüht, und in ihren sonst so starren, dunklen Augen schimmert ein zärtlicher Glanz.
»Kitty!« flüstert Anna Marie, indem sie den Arm um sie legt. Recht zu finden, was Kitty gethan hat, dazu vermag sie sich auch heute nicht zu bringen, aber böse sein kann sie ihr nicht mehr. Kitty schmiegt sich an sie wie in der alten Zeit. »Meine Anna!« murmelt sie und drückt die Hand der Freundin an ihre Lippen.
»Sie wollen tanzen, ich soll ihnen aufspielen dazu,« flüstert Anna Marie, »ist dir's nicht unangenehm?«
»Ach nein, spiel nur, die alten Walzer spiel, ich höre sie noch manchmal im Traum!« murmelt Kitty. »Spiel nur!« Dann küßt sie Anna Marie und flüstert: »Sei mir nicht bös!« und Anna Marie drückt sie an sich.
Jetzt tanzen sie alle zu schmachtend leichtsinnigen Walzern von Strauß, die Anna Marie ihnen spielt, unermüdlich mit dem verteufelten Rhythmus, der jedem richtigen Österreicher im Blute steckt. Kitty tanzt nicht, ihr Herzleiden enthebt sie dieser Verpflichtung.
Etwas vereinsamt sitzt sie in einem Winkel der großen Halle und hört zu. Es sind dieselben Walzer, die Anna Marie vor zehn Jahren gespielt hat, in dieser selben Halle, sie kann keine neuen, die »Geschichten aus dem Wiener Wald« sind's und die »Dorfschwalben«, und andere altmodische Tanzweisen, bei denen sich eine selige Schwermut mitten in den wirbelnden Reigen der leichtsinnigen Walzermelodie mischt.
So sieht sie Anna Marie sitzen, wenn sie von ihrer gutmütigen und geräuschvollen Beschäftigung aufblickt. Sie fragt sich, was in ihr vorgeht.
Nach einer Weile steht Kitty auf und blickt hinaus. Am Himmel flimmert Stern an Stern über den schwarzen Bäumen, aus dem Boden dringt ein süßer, weicher Hauch, 's ist wie ein Frühlingshauch mit Veilchenduft geschwängert – der Atem der langsam hereinbrechenden Verwesung ist's. Kitty wird sich nicht klar darüber, der süße Hauch mischt sich in ihre Träume und ihre Träume tragen sie in den Frühling zurück. Wie das alles aus ihrer Seele auftaucht, jedes Wort, jeder Blick, jeder Kuß! Und heute ist es zehn Jahre her, daß er zum letztenmal an sie gedacht hat! Durch ihre Adern schleicht sich eine Sehnsucht nach dem Frühling ihres Lebens, nach ihm, nach dem, was hätte sein können. Immer neue Bilder tauchen in ihr auf voll lockender Schönheit, ein wahnsinniges Verlangen rüttelt an ihrem Herzen. Ach, ihn noch einmal sehen, noch einmal in den Armen halten und dann sterben! Sie denkt an den thörichten Gespensterglauben, der mit Ulmenhof zusammenhängt. Es zittert ihr in allen Fibern. Wenn es möglich wäre!
Tiefer, immer tiefer geht sie in den Park hinein, der schwermütige Leichtsinn der Tanzmusik klingt schwächer in das Rauschen der großartigen, kantig verstutzten Lindenkronen.
»Was sagen Sie denn zu der Episode während des Soupers?« fragt Frau Stutzmann ihren jungen Vetter Manz in den Pausen eines Walzers.
»Ich verstand nicht ganz, aber ich denke, es handelte sich um Altenried,« meint Herr von Manz. »Zum Glück hat Frau Förster die Sache noch gut aufgenommen.«
»Der Oberstlieutenant hat mich heut übertroffe; was, Willy?« meint Frau von Manz, an ihren Sohn herantretend. »Ihr sprecht doch von der Geschichte mit dem Medaillon?«
»Ja.«
»Es war schauerlich,« meint Frau Stutzmann, »besonders wenn man bedenkt, daß die arme Förster im höchsten Grade herzleidend ist, von einem Augenblick zum anderen kann's aus sein mit ihr.«
»Ich hab meine Sterne gedankt, daß alles noch so gut abgelaufe ist,« sagt Frau von Manz. »Nein, wenn etwas passiert wäre bei Tisch! Schrecklicher Gedanke! Ich hätt mich nie davon erholt!«
Mit einemmal zieht Anna Marie die Hände vom Klavier, wendet den Kopf und horcht ... Was ist das? ... Tram-tam ... erst klingt's dumpf und unheimlich, wie ferner Hagel, der noch in den Wolken steckt, dann wird der Schall rhythmischer, deutlicher – tram – tam, tram – tam ... Wie oft hat Anna Marie diesen Laut gehört im Morgengrauen oder bei hellem Sonnenschein. Die Schritte eines heranmarschierenden Regiments.
Der alte Kammerdiener öffnet die auf den Park hinausmündenden Flügelthüren der Halle weit und teilt den Herrschaften mit, daß das Feuerwerk beginnen werde.
Sie eilen alle hinaus, die Damen und die Herren, in den Park, in dem bereits die ganze Einwohnerschaft der Umgebung des zu erhoffenden Schauspiels harrend versammelt steht. Man sieht sie, ein groteskes Gedränge von dummstarrenden, grobklotzigen Gesichtern, über das ein verzerrender, gelbroter Lichtschein zuckt. Ksch! ... eine Rakete schwirrt zum Himmel hinauf – noch eine.
Die Militärmusik schmettert einen grellen Marsch dazu. Eine Beängstigung, deren sie nicht Herr werden kann, hat sich Anna Maries bemächtigt. Wo ist Kitty? Sie eilt in Kittys Zimmer – nichts. In das Zimmer der Kinder eilt sie. Die Kinder sind alle aus ihren Betten herausgekrochen und starren, eilig von der Kinderfrau in warme Hüllen verpackt, aus dem Fenster, um das Feuerwerk zu sehen. Aber von der Tante Kitty wissen sie nichts, die Tante war den ganzen Abend nicht bei ihnen, »nicht einmal, um uns gute Nacht zu sagen und Bonbons zu bringen,« beklagt sich der kleine Hans.
Ksch ... Immer noch sprühen die Raketen, immer noch schmettert die Musik.
Anna Marie eilt hinunter. Es ist ja gräßlich – das kann Kitty nicht aushalten, sagt sie sich. Wenn sie ihrer nur habhaft werden könnte, um Kittys Kopf in ihren Schoß zu bergen, damit sie diesen schrecklichen Lärm nicht hört!
In der Halle begegnet sie Herrn Förster, ungeduldig herumstampfend mit einem sehr finsteren Gesicht. »Ist Kitty oben, versteckt sie sich?« fährt er Anna Marie an.
»Sie ist nicht oben, ich suchte sie vergebens.«
»Aber sie muß doch erscheinen, um den Obersten zu beglückwünschen zum Schluß des Feuerwerks!« ruft Förster. »Wo könnte sie sein?«
Plötzlich zuckt's auf in Anna Marie. Mein Gott! – ja dort ... Tief eilt sie in den Schatten hinein, von Zeit zu Zeit durchflammt ihn das Licht einer aufstrebenden Feuergarbe.
Weiter ... weiter ...
Ein lauter Schrei, ein Schrei jubelnder Volksbewunderung tönt durch den Park, ein schrill durcheinander klingendes Ah – ah in allen Tonarten.
Da – was ist das ...
Mitten in dem Lärm hört Anna Marie etwas wie das Aufrauschen einer geknickten Blüte, die zu Boden fällt. Noch ein paar Schritte macht sie – dann –
Dort neben der steinernen Gartenbank, wo sich die Delphine in dem versiegten Bassin herumkrümmen im Sand, halb an den Sitz der Bank gelehnt, liegt etwas Weißes.
Kitty!
Anna Marie beugt sich über sie.
»Großer Gott! Kitty, was ist dir?« ruft sie. Aber Kitty antwortet nicht.
Anna Marie versucht sie aufzurichten; wie schwer und steif sie ist.
Immer lauter, schriller wird das Geschrei der Menge. Der ganze Park erschauert von Jubelrufen.
Da hebt Kitty mühsam den Kopf – blickt auf –
Dort zwischen den Sternen steht es in Flammenschrift, ein kurzes, großmächtiges Wort:
Sedan!
»Sedan!« murmelt Kitty kaum hörbar, zuckt zusammen, ringt nach Atem, ihr Kopf sinkt auf Anna Maries Knie, schwer, leblos.
»Sedan!« schreit die Menge hundertstimmig. »Sedan, Sedan! Vivat hoch!« und die Kapelle spielt:
Heil dir im Siegerkranz!
Die Wiederbelebungsversuche blieben vergeblich. Als der Arzt kam, sagte er, man möge sich nicht mehr mit der Leiche herumquälen, alle Mühe und Sorge sei umsonst.
Anna Marie wachte neben der Toten, die ihr altes liebes Kindergesicht zurückgewonnen hatte und mit kalten Lippen lächelte.
Der Arzt hatte dem Todesanlaß Kittys einen gelehrten, griechisch klingenden Namen gegeben; in der ganzen Umgebung aber hieß es, daß Hans von Altenried der jungen Frau erschienen war, um ihr das Todesurteil zu künden.
Fräulein von Mühlhausen setzte ihre ganze Dialektik daran, dieses Gerücht zu widerlegen, Frau von Manz schenkte ihm jedoch unbedingten Glauben.
»Ich hab's Ihne ja immer gesagt,« behauptete sie, »die Alterieds dulde's nit, daß ein Fremder ihre Besitz entweiht.«
Nach dem Begräbnis Kittys hatte Herr Förster mit Anna Marie eine lange Unterredung, von der er mit rotgeweinten Augen zurückkehrte.
Er bestand darauf, für die drei Lieblinge Kittys sorgen zu dürfen, als ob Kitty noch am Leben wäre.
Die beiden Jungen wurden in einer Kadettenschule untergebracht, das Mädchen nahm Anna Marie zu sich.
Der Ulmenhof steht leer.
Man spricht davon, das schöne, alte Schloß einem wohlthätigen Zweck zu widmen.
Druck von George Westermann in Braunschweig.