Erstes Buch. (continued 2)
Reading edition
Was sie allenfalls geleistet hätte, wenn sie als Mann auf die Welt gekommen wäre, wird bis in die Ewigkeit hinein eine offene Frage bleiben. Als Frau leistete sie nicht viel, sie war weichlich, stand spät auf, liebte das Wohlleben über alles und verausgabte alle ihre hervorragende Thatkraft im Konditional.
Draußen regnete es in Strömen.
»Ach, wenn ich nur ein Mann wäre!« schrie Fräulein von Mühlhausen ins Leere und rang ihre kleinen Hände. Sie war fest überzeugt, daß sich in diesem Falle die sämtlichen Vorzüge Bismarcks, Moltkes und des Königs in ihr vereinigt hätten.
Da klingelte es sehr scharf. »Um Gottes willen, wer kann denn das sein?« rief sie entsetzt und hielt die Falten ihres fleckigen, himmelblauen Morgenrocks über dem Magen zusammen. Es klingelte noch einmal, noch schärfer.
Hildegard erhob sich seufzend.
»Auguste!« rief sie in ihre Schlafstube hinein, wo ihr dienstbarer Geist beschäftigt war, »haben Sie nicht klingeln gehört?«
Auguste hatte nichts gehört, sie stand, den Kehrbesen und einen Staubfetzen in der Hand, beim Fenster und las Wallensteins Tod.
Auguste war ein Erziehungsresultat Hildegards, die sich ihrer von Jugend auf angenommen, wofür sich Auguste dadurch erkenntlich zeigte, daß sie Fräulein von Mühlhausen jetzt umsonst, das heißt für Kost, Wohnung und Kleidung bediente. Leider war sie um einen halben Kopf kleiner als Hildegard, dabei aber schönheitswidrig breiter, weshalb ihr die abgelegte Garderobe Fräulein von Mühlhausens sonderbar saß. Sie wischte den Staub nie auf und machte das Bett häufig erst nachmittags, aber alle ihre Mängel deckte sie in den Augen ihrer Herrin durch eine schwärmerische Vorliebe für Schiller. Daß sie neben dieser Vorliebe für Schiller eine ausgesprochene Vorliebe für Unteroffiziere besaß, ahnte Hildegard nicht.
»Machen Sie doch auf, es klingelt zum drittenmal,« rief Hildegard ärgerlich; »ich komme ja rein um die Ohren! Öffnen Sie doch!« Selber zu öffnen, wäre Fräulein von Mühlhausen als eine Entwürdigung erschienen. Die Möglichkeit war ihr vielleicht einfach noch nicht eingefallen.
Auguste öffnete. Draußen in der Küche, die zugleich als Vorzimmer diente, hörte man Säbelgeklirr. Die kriegerische Mühlhausen fuhr auf. Indem legte sich eine Hand auf die Klinke ihrer Thür. »Darf ich herein, Hilde?« fragte ziemlich schroff eine tiefe männliche Stimme. »Hans!« rief Hildegard sehr aufgeregt und trat ihm entgegen.
Trotz ihrer großen Verachtung des männlichen Geschlechts, einer Verachtung, die etwas schwer zusammenzureimen war mit ihrer schreienden Verzweiflung darüber, nicht als Mann auf die Welt gekommen zu sein, hatte Hildegard eine Schwäche für ihren Vetter von Altenried. Keiner, der ihn an diesem verregneten Julitag zu ihr hätte hereinstürmen sehen, hätte ihr das verübelt. Die Augen glänzten ihm aus dem Gesicht heraus, seine Wangen waren brauner, seine Brust schien breiter als im Frühjahr. »Grüß Gott, Hilde!« rief er munter, indem er seine vom Regen triefende Mütze auf den Tisch warf mitten zwischen ihren Homer und ihren kalten Kaffee. »Verzeih, daß ich dir so viel Wasser in die Wohnung mitbringe, mein Mantel richtet in der Küche draußen eine ganze Überschwemmung an. Na, wie geht's?«
»Wie's eben einem armen Geschöpf gehen kann, das verurteilt ist, hinter den Coulissen der Weltbühne einem glänzenden Schauspiel, bei dem ihm keine Rolle zugefallen ist, zusehen zu müssen!«
»Arme Hilde!« rief er etwas humoristisch aus.
»Ja, arme Hilde, fürwahr!« wiederholte die Mühlhausen tragisch. »Wie ich dich beneide, du spielst mit, du hast deine Rolle in dem Stück!«
»Eine kleinwinzige Rolle, aber endlich; auch die muß anständig durchgeführt werden!« rief Altenried, »ein jeder thut, was er kann!«
»Wenn's nur jeder thäte,« seufzte Hildegard elegisch, »an dir hatte ich keine Zweifel, du bist ein echter Altenried, und ein Altenried thut seine Pflicht.«
»Mach doch keine Phrasen über etwas, das sich von selbst versteht,« schnitt ihr der junge Offizier unwillig in ihren Redefluß hinein.
»Aber du freust dich doch auf den Krieg?« rief Hildegard zudringlich.
»Natürlich freu ich mich,« sagte er einfach, »das heißt« – er kraute sich hinter dem Ohr – »auf dem Gewissen möcht ich ihn nicht haben, den Krieg; aber ich freu mich, mitthun zu dürfen. Ein jeder freut sich, wenn er einmal die Gelegenheit findet zu zeigen, was allenfalls in ihm steckt. Und dann ist es ein großartiger, ein edler Krieg, man ist mit dem ganzen Herzen dabei. Nur um die arme Kitty ist mir leid!«
Er hatte sich in einen Lehnstuhl, ein spindelfüßiges Möbel, das noch aus der Zeit der französischen Invasion zu stammen schien, niedergelassen und legte die verschränkten Arme vor sich auf den Tisch.
»Wir haben Marschbefehl bekommen, vor drei Tagen – in Homburg hatten wir heute sechs Stunden Rast – ich hab mich frei gemacht, um herüberzukommen. Du weißt, wie ich mit dem alten Wißmuth stehe – hast du etwas dagegen, daß ich die Kleine hier erwarte, um Abschied zu nehmen?«
Fräulein von Mühlhausen zog die Mundwinkel herunter; sie hatte sich der Täuschung hingegeben, ihr Vetter sei gekommen, um von ihr Abschied zu nehmen – davon erwähnte sie natürlich nichts – sie warf nur ihren zerzausten, heute noch nicht frisierten Kopf zurück und meinte: »Du weißt, ich bin nicht wie die sentimentale Hohleisen, ich habe kein Interesse an Liebesaffairen, und deine Verlobung mit der kleinen Wißmuth ist nicht nach meinem Geschmack – im übrigen ...«
Von neuem hörte man draußen klingeln. Ohne der Liebenswürdigkeit seiner Base weitere Aufmerksamkeit zu schenken, eilte Altenried hinaus. Kitty und Anna Marie standen in der kleinen, nach Seifenschaum, dumpfigem Holz und fettigen, ranzigen Überbleibseln riechenden Küche. Kitty war totenblaß, sie zitterte am ganzen Leibe. »Aber Kitty!« rief Altenried; anfänglich irrte sein Blick etwas unruhig an Hildegard und ihrem dienstbaren Geist herum, deren ihn aufmerksam beobachtende Gegenwart ihn einzuengen schien, dann sah er nichts mehr als Kitty. Er nahm sie in seine Arme und zog sie in das mit Disteln und Staub garnierte Wohnzimmer hinein. Hildegard wollte ihm folgen, Anna Marie aber packte sie beim Arm. »Haben Sie denn gar keine Barmherzigkeit in sich?« fuhr sie die kriegerische alte Jungfer an. Wenn es sich darum handelte, die Ruhe eines Kranken oder eines Unglücklichen zu hüten, zeigte sich Anna Marie energisch.
»Ist es denn passend?« rief Hildegard zimperlich.
Da aber maß sie Anna Marie vom Kopf bis zu den Füßen mit einem wahrhaft vernichtenden Blick, worauf Fräulein von Mühlhausen ein wenig errötete und ihre unanständige Prüderie momentan an den Nagel hing.
Sie blieben ungestört. Er hatte sie zu dem Sofa geführt, auf dem Hildegard gesessen – ein schmales, spindelbeiniges Ding, mit hartem Roßhaarstoff überzogen – offenbar in naher Verwandtschaft zu dem Lehnsessel stehend.
»Aber Kitty!« sprach er leise, fast vorwurfsvoll, »ist das eine Aufführung für eine Soldatenbraut?«
»O, ich weiß, es ist schlecht von mir,« erwiderte sie, sich mühsam fassend, »erbärmlich, dir so den Mut zu nehmen!«
»Mir den Mut zu nehmen? ... Aber Kitty, glaubst du, daß du das könntest?« rief er, die Stirne runzelnd, entschieden unzufrieden, fast streng.
Sie legte die Hand an die Stirn. »Mit mir darfst du nicht rechten,« sagte sie matt, als ob ihr von vielem Weinen schwindelte, »ich bin nicht mehr bei mir, wahrscheinlich red ich Unsinn – ich weiß nicht mehr, was ich gesagt habe.«
Die Luft in dem niedrigen Stübchen war dumpf und drückend. Altenried erhob sich, riß eins der morschen Fenster auf, ein Fenster, aus dessen Rahmen es durch tausend Ritzen hereinzog und an dem er doch mit Berserkerkraft rütteln mußte, ehe es aufging. Über eine Palissade von Kaktussen hinüber, die stachelig und plump den Sims verzierten – es waren die Lieblingsblumen Hildegards –, strich die Regenluft in das Zimmer, feucht und kühl.
»Kitty! sei vernünftig, bedenke, wie viele Frauen und Mädchen sich in deinem Fall befinden,« redete Altenried, sie enger an sich ziehend, in sie hinein.
Sie hob den Kopf. »Ja,« murmelte sie, indem sie mit starren entsetzten Augen vor sich hinblickte, »wie viele – Tausende – Hunderttausende – Hunderttausende – Hunderttausende!« Sie wiederholte mechanisch das eine Wort, obgleich es längst jeden Sinn für sie verloren hatte.
Es ging ihm kalt durch alle Glieder, zum erstenmal begriff er, was der Krieg eigentlich mit sich brachte.
»Es ist eine schwere Zeit, Kitty!« murmelte er etwas heiser, »gut, ich gesteh dir's zu – aber eben darum muß jeder seinen Teil tapfer tragen – du zu Haus so gut als wir anderen im Feld.«
»Hans, da predigst du umsonst,« rief sie, sich gerade aufrichtend, mit einer kurzen, abwehrenden Handbewegung, »laß es lieber bleiben. Die Tapferkeit, die darin besteht, hinter sicheren Mauern geborgen, die Hände in den Schoß zu legen und sich nicht zu fürchten um das Leben derer, die draußen im Kugelregen stehen, die wirst du mir nicht beibringen. Versuch's nicht!«
Da predigte er nicht mehr – aber er suchte sie hoffnungsvoll zu stimmen. Sie sollte sich freuen, daß ihm Gelegenheit geboten würde, sich auszuzeichnen – die Hindernisse, welche seiner Verbindung mit ihr im Wege standen, würden in sich zerfallen – er würde avancieren, man avanciert nur rasch im Krieg.
Wieder unterbrach sie ihn. »Dein Trost ist bitter, Hans, man avanciert, weil die Kugeln Platz machen,« sagte sie. »Sprich nicht mehr davon!«
Und wie er sie hilflos und traurig ansah, da legte sie ihre beiden Arme um seinen Hals und flüsterte: »Sprich gar nichts mehr, es ist nichts mehr zu sagen, laß mich nur still neben dir bleiben und mich an dir freuen bis zum letzten Augenblick, das ist alles, was du für mich thun kannst. Wie viel Zeit hast du noch für mich?«
Er zog seine Uhr aus der Tasche und legte sie vor sich auf den Tisch, um die Zeit nicht zu versäumen, dann hielt er sie ruhig an sich und barg ihr Gesichtchen an seine Brust, wie eine zärtliche Mutter den Kopf ihres Kindes, das sich vor einem Gewitter fürchtet. Er sagte nichts Vernünftiges mehr, er flüsterte ihr nur mehr Liebesworte zu und küßte sie.
Es war schön, nichts als Liebe und Leid, sehr viele Thränen, und ein paar Küsse, aber schön, trotz allem, die schönste Stunde im Leben der beiden sollte es sein!
Draußen in der Küche saß Anna Marie mit Fräulein von Mühlhausen auf einer harten, steifbeinigen Küchenbank, Auguste stand daneben mit geballten Fäusten, verlegen teilnahmsvoll.
Hildegard versuchte mitunter etwas zu sagen, aber Anna Marie antwortete nicht. Sie hielt den Blick auf die grünlichen Scheiben des Küchenfensters geheftet, gegen das die Regentropfen laut klirrend anprallten, einer den anderen verwischend, und horchte auf das, was sich nebenan zutrug.
Erst hatte sie die beiden laut reden gehört, dann leiser, immer leiser – dann nur ein mühsam verhaltenes, röchelndes Schluchzen ...
Ein Säbel klirrte, ein Sessel wurde gerückt – die Abschiedsstunde hatte geschlagen. Einen Moment, einen kurzen Moment alles still, still, totenstill – ein leiser, süßer Laut – noch einer!
Es war vorüber. Altenried stand in der Küche und griff nach seinem Mantel. »Leb wohl, Hilde, ich danke dir für deine Gastfreundschaft,« sagte er, dann Anna bei beiden Händen fassend: »Anna, um Gottes willen, versprechen Sie mir, daß Sie bei ihr bleiben, bis alles ... vorüber ist, so oder so! Sie ist dieser Prüfung nicht gewachsen. Erzählen Sie ihr Märchen, pflegen Sie ihre Hoffnungen bis zum letzten Augenblick, wiegen Sie sie in den Schlaf, und wenn ich fallen sollte ...«
Aus dem anstoßenden Zimmer hörte man einen gräßlichen, halb unterdrückten Wehlaut. Der junge Offizier zuckte zusammen, zögerte, dann verschwand er noch einmal in dem Wohnstübchen. Einen Augenblick später schritt er durch die Küche kerzengerade, sich weder rechts noch links umsehend. Man hörte seinen Säbel laut gegen die Stufen rasseln, während er eilig die steile Treppe hinunterstürzte.
* * *
Die ganze Menschheit hält den Atem an. Die Weltgeschichte hat ein neues Blatt umgewendet! Eine neue Epoche ist hereingebrochen – ein neues Deutschland ist erstanden!
Ein Sieg folgt dem anderen, man kann sich die Namen der Siege nicht mehr merken; auf Weißenburg folgt Wörth und Spichern und Saarbrücken; die ganze feindliche Armee ist auf dem Rückzug begriffen; dann bei Metz wie viel Siege! man zählt sie nicht mehr! Ja, Deutschland kann den Kopf hoch halten über allen.
Wie ein träger Riese, der Jahrhunderte verschlafen hat, reckt und dehnt sich's, richtet sich empor immer größer und größer, bis es dem tapferen, übereilten, halt- und sittenlosen Feind endlich in seiner ganzen Mächtigkeit gegenübersteht, ernst, männlich, unüberwindlich!
Die an dem Kriege nicht beteiligten Völker staunen atemlos – man glaubt nicht – es ist nicht zu glauben, so kann es nicht weiter gehen, irgend ein Hindernis muß kommen und den neuerstandenen nationalen Koloß in seiner vorwärts stürmenden Laufbahn aufhalten! Aber nein! Weiter – immer weiter!
Ein taumelnder Jubel bemächtigt sich des weiten Deutschen Reiches, des Reiches, das der Stolz auf den ersten gemeinsamen Sieg geeinigt hat; jeder Bettler, der einem anderen Bettler über die Schulter sieht, um an einer Straßenecke das neueste Extrablatt zu lesen, kommt sich um einen Zoll gewachsen vor, nimmt etwas von dem sich immer weiter und leuchtender ausbreitenden Nationalglanz in Anspruch für sich.
Herr Wißmuth hat's gänzlich vergessen, daß er eigentlich aus Holland stammt, es genügt ihm jetzt vollkommen, daß er ein Deutscher ist. Selbst Herr Sadis legt augenblicklich weniger Wert darauf, ein »Frankfurter« zu sein! Er hat sich mit seiner jungen Gattin für ein paar Augustwochen unter dem Dache seines Schwiegervaters in Lindenbergen einquartiert, und während sie ihre Zeit hauptsächlich in immer loseren Gewändern auf einer Chaiselongue zubringt, belustigt Herr Sadis sich daran, mit Herrn Wißmuth um die Wette den Kriegsschauplatz zu studieren, und zwar auf einer umfangreichen Generalstabskarte, welche Herr Wißmuth sich zu dem Zweck angeschafft hat und die tagaus, tagein auf dem größten Tische, über den Herr Wißmuth in seiner Wohnung verfügt, aufgeschlagen liegt, und auf welcher Schwiegervater und Schwiegersohn mit bunten Papierfähnchen die Stellungen der verschiedentlichen Armeen bezeichnen.
Ganz Lindenbergen steht auf dem Kopfe vor Siegesfreude, helle Kerzlein brennen in den Fenstern fast jede Nacht – Extrablätter fliegen von Frankfurt herüber, fast jeden Tag – und daß auch in diesem kleinen Städtchen schon mehr als eine Gestalt in tiefer Trauer durch die Straßen schleicht, thut der Stimmung keinen Eintrag. Derart hat bereits das Kriegsfieber alle Herzen ergriffen, daß selbst in den Augen derjenigen, die den Tod ihrer nächsten Lieben betrauern, die Triumphfackel leuchtet.
Ja, es war eine großartige, wundervolle Zeit – eine grausige, entsetzliche Zeit!
Und Kitty! ... Die Siegeskrankheit, von der ganz Lindenbergen angesteckt war, hatte sie nicht berührt. Sie freute sich an keinem Sieg, sie dachte immer nur daran, wie viel Menschenleben er verschlungen haben mochte. Wenn draußen vor ihren Fenstern die Marktschreier aus Frankfurt mit ihren von neuem Ruhm berichtenden Extrablättern die Straßen durchplärrten, so steckte sie sich die Finger in die Ohren, und wenn des Abends auf höheren Befehl ihres Vaters, des würdigen Bürgermeisters von Lindenbergen, die hellen Kerzen in ihren Fenstern standen – da flüchtete sie in das Zimmer Anna Maries, das auf den Garten hinausblickte und von wo sie die hellen Kerzen nicht sah. O, diese beleuchteten Fenster! Sie hatte ein Grauen vor diesen beleuchteten Fenstern! Und Herr Wißmuth hatte die fixe Idee des Illuminierens – Lindenbergen kam aus dem Illuminieren nicht heraus. Kitty magerte ab bis zum Skelett, sie nahm an nichts mehr teil, schleppte sich durch ihre Existenz wie ein vom Leben losgetrenntes Gespenst. Sie aß nichts, sie schlief nicht. Einmal trat Anna Marie in ihr Stübchen hinein im ersten Morgengrauen; da sah sie das junge Mädchen in ihrem Bette aufrecht sitzend mit unheimlich horchenden Augen, den Kopf dem Fenster zugekehrt.
»Kitty, Kitty! schläfst du denn wieder nicht?« rief Anna Marie vorwurfsvoll und besorgt.
»Wie sollt ich,« erwiderte Kitty, mit den Achseln zuckend, bitter.
»Aber mein Gott, Kind, was wird denn daraus werden? Wenn er eine Ahnung davon hätte!«
»Er!« Kittys Stimmchen klang hart und heiser. »Wie weißt du, daß er noch lebt. Vielleicht ist er längst tot, während ich mich hier noch um ihn ängstige – tot, und sie haben seinen Leichnam in die Erde hineingestampft mit Hunderten von anderen unter ein bißchen Kalk und Geröll, weil nicht Zeit war, ihn ordentlich zu begraben!«
»Aber Kitty, wie kannst du dich bei solch häßlichen Vorstellungen aufhalten! Wenn ihm etwas geschehen wäre, wüßtest du's längst. Es hat kein neues Gefecht gegeben seit dem letzten, von dem du Nachricht hast.«
»Wer kann sagen, was morgen in der Zeitung stehen wird,« entgegnete Kitty herb und trostlos.
»Kitty! Etwas mußt du auch dem Allmächtigen überlassen. Vertraue auf Gott!«
Da aber merkte Anna Marie, daß sie einen falschen Ton angeschlagen.
»Auf Gott vertrauen!« rief Kitty außer sich. »Ich möchte doch wissen, ob die Angehörigen der tausend und abertausend Toten, die jeder unserer Siege« – sie sprach das Wort mit unsagbarem Haß aus – »der Menschheit kostet, alle auf Gott vertraut haben!«
»Kitty! unser Erdenleben ist nicht das Höchste in der Welt,« ermahnte Anna Marie sanft; sie war fromm, gläubig fromm, wenngleich ohne Frömmelei.
»Nicht,« murmelte Kitty, »vielleicht nicht, aber es ist schön, es kann wenigstens schön sein – ich wünsche mir nichts Schöneres im Himmel als den Tag, den du uns gegönnt hast damals, gleich nach unserer Verlobung – weißt du noch, wie wir unter dem Apfelbaum gesessen haben, du und wir zwei – bis tief in den Abend hinein, bis die Sonne untergegangen war und die Sterne im Himmel funkelten und der Tau fiel – er hielt mich in seinem Arm und wir sprachen von der Zukunft.« Mit einemmal verstummte Kitty. Sie wendete den Kopf dem Fenster zu, durch welches das erste Morgenlicht nüchtern und weißlich hereinschlich. »Hörst du!« rief sie, indem sie Anna Marie beim Handgelenk packte. Anna Marie horchte auf. Durch das ruhig ausatmende Schweigen des sich langsam entschleiernden Augustmorgens schlich etwas Seltsames, Beunruhigendes. Erst war's nur ein leises Zittern des Erdreichs, aus dem Zittern wurde ein Laut, es klang wie ferner Hagel, der noch in den Wolken steckt – stärker, immer stärker – es kam an den Fenstern vorbei – die Schritte eines vorübermarschierenden Regiments waren's.
»Die gehen auch in den Krieg hinaus,« murmelte Kitty, »ich hör sie oft im Morgengrauen – mehr, immer mehr, mir ist's jedesmal, als zöge ein Begräbnis an meinem Fenster vorbei. Wie viel Leichen – mein Gott – wie viele Leichen!«
Arme Kitty!
Ihre ganze Existenz war eine beständig gespannte, auf Nachricht harrende, sich vor Nachricht ängstigende Qual. Eine Stunde voraus stand sie am Fenster und lauschte dem Postboten entgegen, der die Zeitung und die Briefe brachte, und wenn sie ihn kommen sah, lief sie in ihr Zimmer hinauf, warf sich, an allen Gliedern zitternd, auf ihr Bett und versteckte den Kopf in ihr Kissen. Wenn Herr Wißmuth mit leuchtenden Augen und erhobener Stimme den jüngsten Siegesbericht vorlas, so schlich sie sich aus der Stube, dann heimlich bemächtigte sie sich der Zeitung, schloß sich damit in ihr Zimmer ein und grübelte über jedes Wort. Bei den Siegen hielt sie sich nicht lange auf, um so länger bei der Beschreibung der Greuel, die auf die Siege folgten.
Das dauerte bis Ende August. Aber über einen gewissen Grad reicht unser Vermögen, den Schmerz zu empfinden, nicht aus. Als Altenried vier-, fünfmal im Feuer gestanden, ohne daß ihn eine Kugel gestreift, regte sich in Kitty der vermessene Gedanke, er trüge vielleicht ein gegen den Kugelregen gefeites Leben in sich wie jene großen Helden, die, nachdem sie ihre Zeit damit verbracht, die Gefahr in jeder Form herauszufordern, schließlich ruhig in ihrem Bett gestorben waren.
Sie hatte ein paar Briefe von ihm erhalten durch die Feldpost – Briefe voll junger, ungestümer Zärtlichkeit, voll junger, ungestümer Siegesbegeisterung, grenzenlosem Pflichteifer und unbefangenen, fast unbewußten Heldenmuts. Bescheiden erwähnte er der Anerkennung seiner Vorgesetzten. Nicht, daß er seinen kleinen Triumphen große Wichtigkeit beimaß – aber ... »Du freust dich doch immer, wenn man mich herausstreicht, Kitty,« schrieb er, »und du bist ein so armer Narr jetzt, daß ich dich nicht um ein bißchen Vergnügen bringen darf aus feiger Angst, für einen Prahlhans zu gelten. So renommiere ich denn vor dir in Gottes Namen drauf los!«
Sein letzter Brief datierte vom einundzwanzigsten August. Er war avanciert und mit dem eisernen Kreuze ausgezeichnet worden, man hatte ihn dem Kronprinzen vorgestellt, der Kronprinz hatte ihm die Hand gereicht. Dann folgte eine Beschreibung des herrlichen Kronprinzen. Welche Zukunft breitete sich vor ihm aus!
Kittys Wangen hatten von neuem begonnen sich zu färben, ihr Gang gewann etwas von seiner alten, hüpfenden Elasticität.
In den ersten zwei Tagen des Septembers erfaßte die gräßliche Angst sie jedoch von neuem und in gesteigertem Maße. Sie konnte es nirgends aushalten, nicht da, nicht dort – Nahrung zu sich nehmen, war ein Ding der Unmöglichkeit, und jeder Atemzug that ihr weh.
Sie behauptete, daß sie den Kanonendonner höre – einen schrecklichen Donner, etwas wie Donner, in den sich Hagelschlag mischte. Sie begriff nicht, daß es die anderen nicht hörten.
* * *
Zur selben Zeit lag in einem Straßengraben mitten zwischen den grünen Triften zu Füßen der Hügel, auf denen das Fort von Sedan sich erhob, Hans von Altenried schwer verwundet, über ihm eine leuchtende Sonne in einem blauen Himmel – in der Ferne Hurrageschrei, rings um ihn Sterbende und Leichen.
Nicht einen Schluck Wasser, nicht einen Atemzug reiner Luft – alles verpestet von Pulverdampf, von dem faulen, süßlichen Geruch geronnenen Blutes, von dem scheußlichen Gestank der in der warmen Sonne in Verwesung übergehenden zerrissenen Menschenleiber.
Sein ganzes bißchen rasch hinschwindendes Leben war nichts mehr als eine unaussprechliche Pein, die an jeder Fiber seines Körpers herumriß. Im Kopf stach's ihn wie mit glühenden Messern, Schwindel und Übelkeit lähmten ihm Leib und Seele und seine Wunden brannten.
Das Hurraschreien in der Ferne mehrte sich. Mitten aus seiner Qual heraus meldete sich die Neugier, er hätte gern gewußt, weshalb sie schrien; so laut hatte er sie noch nicht schreien gehört. So laut noch nie!
Mühsam hob er den schmerzenden Kopf und spähte und horchte – dann wurde ihm mit einemmal alles gleichgültig, alles zum Ekel. Er ließ den Kopf sinken.
Mit welcher Begeisterung war er heute ausgegangen – den Säbel in der Hand an der Spitze des kleinen Häufleins, das er befehligte. Er war sich wichtig vorgekommen, er hatte etwas leisten wollen. Und jetzt ... Kein Mensch kümmerte sich um ihn, kein Mensch vermißte ihn. Er brachte es nicht einmal mehr fertig, stolz zu sein darauf, daß er heute ein Atom gebildet hatte in dem großen, seine Ziele verfolgenden Ganzen. Mitten in seine Schmerzen hinein schlich sich ein demütigendes Gefühl seiner elenden Unwesentlichkeit.
Er dachte an Kitty – die Thränen traten ihm in die Augen.
Große Wolken von fetten blauen Fliegen schwirrten über die Leichen – ein paar setzten sich ihm aufs Gesicht, er wollte die rechte Hand heben, um sie zu verscheuchen – er konnte nicht – von seinem rechten Arm war nichts übrig als ein zerfetzter Stummel, an dem ein Klumpen schwarzen Blutes hing.
Knapp neben ihm hin flatterte mit schwerfällig humpligem Flügelschlag ein Rabe. Er schrie auf, der Rabe flog weiter, setzte sich einem toten Soldaten auf die Brust und fing an, ihm die Augen auszupicken. Ein maßloses Grauen überkam ihn, er schloß die Augen. So lag er da, sterbend – den fernen Siegesjubel in den Ohren, rings um ihn Leichen, über ihm der endlose blaue Himmel, aus dem die Sonne schien.
Einen Tag später hatte sich der Siegesjubel über ganz Deutschland ausgedehnt. Das französische Heer gefangen, und mit ihm der Kaiser der Franzosen! Das Wort Sedan flog von Mund zu Mund, und wieder standen Kerzen in allen Fenstern, viel größere und schönere als bisher – in der Kirche wurde ein Gottesdienst gehalten und ein Tedeum gesungen und ganz Lindenbergen war beflaggt. Anna Marie war es indessen, als würge sie eine eiskalte Hand an der Kehle. An Kitty hatte sich im Gegenteil eine merkwürdige Veränderung vollzogen. Nach der letzten gräßlichen Panik hatte sie sich vollständig beruhigt. Ihr Angstgefühl hatte sich abgestumpft, oder vielmehr hatten ihre bereits früher geschwächten Nerven nachgegeben und hatten es als eine zu schwere Last von sich abgeworfen. Sie gab sich einer kindischen, geschwätzigen Hoffnungsseligkeit hin. Sie wurde zornig, weil Anna es nicht über sich brachte, in ihre blinde Zuversichtlichkeit mit einzustimmen.
Und zwei, drei, vier Tage waren vergangen, sie hatte nichts gehört vom Schlachtfeld, es mußte alles gut sein!
* * *
»Nein, unter Paris thu ich's nicht!« erklärt Herr Wißmuth großartig. Er will nichts vom Frieden wissen, den einzelne, weniger ausschweifend siegeslustige Gemüter als er nach der Katastrophe von Sedan in Vorschlag gebracht haben.
»Wir müssen einmarschieren unter dem arc de triomphe!« Und dabei blähte er seine Brust auf, als habe er alle Schlachten mit durchgefochten oder vielmehr, als sei er an der Spitze sämtlicher Truppen gestanden.
»Aber mein Gott, es sind doch schon Menschenleben genug zu Grunde gegangen! Seid doch zufrieden mit dem, was ihr errungen habt!« rief Anna Marie fast zornig.
»Du bist eine Österreicherin, du kannst dich in unsere Gefühle nicht hineinversetzen!« entgegnete ihr Herr Wißmuth. »Als ob's auf ein Menschenleben mehr oder weniger ankäme, wenn sich's um das Vaterland handelt. Zu große Friedensliebe wirkt immer erschlaffend, erniedrigend – das point d'honneur der Nation muß gewahrt werden!«
Im Grunde genommen stand Herr Wißmuth zum point d'honneur in einem sehr platonischen Verhältnis – aber das nur nebenbei. Die Tapferkeit ging ihm über alles, und auf das bißchen Blutvergießen kam's ihm nicht an – was ja ganz natürlich war, da er vor so und so viel Jahren als zum Militärdienst untauglich erklärt worden war – wegen Plattfüßen.
Die heftigsten Chauvinisten sind immer die Männer, denen die Militärfähigkeit fehlt.
Herr Sadis legte ein gutes Wort ein für den Frieden. Er spekulierte letzterer Zeit auf die Hausse.
Die beiden Herren befanden sich mit Anna Marie und Frau Sadis in dem großen Wohnzimmer, in dem das Vesperbrot genommen zu werden pflegte – einem luftigen Raum mit tiefen Fensternischen in blaßblau gemalten Wänden und sehr wenigen altväterischen Möbeln. In einer Ecke vor einem schwarzen Roßhaarsofa stand ein freundlich gedeckter Tisch mit blau und weißen Porzellantassen, Gebäck und Obstschüsseln besetzt – man wartete nur auf den Kaffee, um sich niederzusetzen.
Herr Wißmuth studierte wie gewöhnlich den Kriegsschauplatz, Frau Sadis lag in einem großen Lehnstuhl und rang nach Atem. Anna Marie häkelte an irgend einem sehr kleinen Gegenstand, und Herr Sadis hielt einen freien Vortrag über die politische Situation. Durch das offene Fenster drang die regengekühlte Septemberluft mit einem Duft von Rosen und nasser Erde und mit dem Geruch der ersten, in den Sommer hineinbrechenden Herbstfäulnis. Zu gleicher Zeit tönte ein von einem süßen Waldvogelstimmchen gesummtes Lied bis hinauf. Es war Kitty. Sie sang zum erstenmal seit der Kriegserklärung und zum erstenmal beschäftigte sie sich wieder damit, ein paar Rosen abzuschneiden zur Ausschmückung der Zimmer.
»Ist der Postbote noch nicht gekommen?« fragte Herr Sadis.
»Es ist noch nicht seine Zeit,« sagte Anna Marie.
Noch immer klang das Liedchen herauf mit dem Duft der Rosen und dem der leise hereinbrechenden Herbstverwesung – nur ferner, schwächer.
Da öffnete sich die Thür, das Mädchen brachte die mächtigen Kaffee- und Rahmkannen auf einem Plateau und zugleich die Ergebnisse der Nachmittagspost.
Ein Haufen von Zeitungen und ein einziger Brief – ein Feldpostbrief für Anna Marie – dick und in einer Schrift adressiert, die sie nicht kannte. Sie wurde leichenblaß. – – Aus dem Garten tönte noch immer das süße singende Stimmchen.
Schwiegervater und Schwiegersohn griffen eiligst jeder nach einer anderen Zeitung. Herr Wißmuth suchte begierig nach einem neuen Sieg, Herr Sadis sah nach dem Börsenbericht. Als er damit fertig geworden war, blätterte er die Zeitung durch. »Ach, die Verlustlisten!« bemerkte er, »ich muß doch sehen, ob irgend ein Bekannter darunter ist – zum Glück haben wir niemand im Felde, der uns nahe steht.«
»Setzt euch doch zum Kaffee!« ruft jetzt etwas ärgerlich mahnend Frau Sadis. »Ja, wo ist denn Anna Marie?«
»Sie ist den Augenblick verschwunden,« erklärte Herr Sadis, noch immer in das Studium der Verlustlisten vertieft.
»Ich kann diese Unpünktlichkeit nicht leiden,« beklagte sich Frau Sadis. »Und Kitty, wo ist Kitty?«
»Im Garten unten,« sagte Herr Wißmuth, der bereits an dem Kaffeetisch saß und ein Stück Streuselkuchen in die umfangreiche Tasse – seine Privattasse – tauchte, die ihm seine älteste Tochter soeben mit Kaffee gefüllt. »Ich habe sie noch vor einem Augenblick unten zwitschern gehört.«
»Ruf sie doch, Walter,« bat Frau Sadis ihren Mann, da sie sich dieser Anstrengung nicht gewachsen fühlte.
Noch immer die Zeitung in der Hand, trat Herr Sadis ans Fenster und rief: »Kitty, Kitty, der Kaffee wird kalt.«
Dann vertiefte er sich von neuem in sein Studium. »Schwerverwundete: von Erhardt, Max, Lieutenant beim x Füsilierregiment; Müller, Friedrich, Premierlieutenant – ich glaube, den haben wir gekannt – erinnerst du dich nicht, Bertha, in Bonn bei Frau von Lüdersheim.«
»Ich erinnere mich nicht,« erwidert Frau Sadis.
»Aber du mußt dich doch erinnern – ein kleiner, dicker mit einem roten Schnurrbart, seine Mutter war eine geborene von Rosterwitz.«
»Aber was dir einfällt, der ist ja schon sechsundsechzig an der Cholera gestorben,« erklärt Frau Sadis, indem sie nach dem dritten Stück Streuselkuchen langt.
»Ja richtig,« giebt Herr Sadis zu und fährt fort, die Verlustlisten zu prüfen. Es hat fast den Anschein, als ob er es übel nähme, daß er keinen Bekannten darin entdecken kann. Plötzlich sieht er auf – »Altenried?« bemerkt er fragend – »ob das wohl der ist, der in Ulmenhof mit uns diniert hat; dessen erinnerst du dich doch?«
»Ja, er war ein wenig in Kitty verliebt, glaub ich, ein bildschöner Mensch; 's wär mir leid, wenn dem was zugestoßen wäre!« sagt Frau Sadis und taucht ihre Lippen in die Kaffeetasse. »Vielleicht ist's ein anderer, es dienen so viele Altenrieds.«
Ein leichter Schritt hat sich der Thür genähert – Kitty tritt ein, die Hände voll Rosen und in den Augen einen glücklichen Traum.
»Hans von Altenried,« sagt Herr Sadis, seinen Kneifer aufsetzend. Kitty ist stehen geblieben, wie angewurzelt, niemand hat ihr Eintreten bemerkt.
»Tot oder verwundet?« fragt Frau Sadis.
»Tot!«
Ein gräßlicher Schrei tönt durch das Zimmer! Die Rosen fallen Kitty aus der Hand, ihre Augen heften sich darauf; dann stürzt sie bewußtlos zu Boden.
Wie Kitty die Zeit, die nun folgte, überstand! – Daß sie sie überstand, war Anna Marie ein Rätsel.
Ihre Verzweiflung war etwas, das keiner mitansehen konnte, von dem die Teilnehmendsten sich abwendeten. Nur Anna Marie hielt's neben ihr aus.
Die ersten zwei Tage blieb Kitty thränenlos, man fürchtete um ihren Verstand und Anna Marie gönnte ihr den Tod.
Aber der Tod kam nicht. Am dritten Tage zog eine Truppenabteilung durch die Stadt mit fliegender Fahne und klingendem Spiel. Es schmetterte laut durch die Straße »Heil dir im Siegerkranz«, und ganz Lindenbergen war an den Fenstern, um den Helden, die dem Kriegsschauplatz zueilten, nachzuschauen.
Der schrille Ton der Trompeten weckte Kitty. Als Anna Marie an das offene Fenster eilte, um es zu schließen und hierdurch den Schall zu dämpfen, merkte sie plötzlich, daß Kitty, die bisher nicht zu bewegen gewesen war, aus der dunklen Ecke herauszukommen, in der sie Stunde für Stunde gekauert hatte, herausgeschlichen war. Ihre Starrheit wich – alles begann an ihr zu zittern, ihr blasses Gesicht verzerrte sich, die Thränen stürzten ihr aus den Augen und sie hielt sich mit beiden abgemagerten Händen die Ohren zu.
Ja, die Thränen waren gekommen, aber irgend eine Erleichterung noch lange nicht! ... die Verzweiflung Kittys war nicht milder, geduldiger Natur, nein, es war eine entrüstete Auflehnung gegen das Schicksal, das ihr alles genommen. Es kamen Zeiten, wo sie sich die Kleider vom Leibe herunterriß und sich endlich auf ihr Bett warf und das Gesicht in die Polster versteckte, um nicht laut zu schreien. Manchmal gab ihr bißchen Selbstbeherrschung nach, und sie schrie; wenn Anna Marie sich ihr näherte, um sie zu beruhigen, so schlug sie nach ihr – dann löste sich dieser Zustand in einen Strom von Thränen, und wenn sie sich müde geweint, dann kroch sie an Anna Marie heran, zitternd und demütig, kniete neben ihr nieder, küßte ihr die Hände und legte ihr den Kopf auf die Knie. Eines Tages sank sie um, als sie ihr Bett verlassen wollte.
Der Doktor wurde gerufen. Er konstatierte ein Nervenfieber. Drei Monate war Kitty todkrank, drei Monate, während deren Anna Marie Tag und Nacht nicht von ihrem Lager wich. Plötzlich wendete sich's zum Bessern mit ihr, sie genas.
Und ein Tag kam, wo Anna Marie sie mit der Zartheit einer Mutter, die ihr Kind aus der Wiege hebt, ankleidete und an ihrem Arm langsam das erste Mal aus ihrem Krankenzimmer in die anstoßende Stube führte. Sie erholte sich verhältnismäßig rasch, es kam die Zeit, wo sie ihren täglichen Beschäftigungen nachging wie früher. Sie war wieder hübsch, trotz der übergroßen Augen und der krankheitshalber kurz gestutzten Haare; aber die alte Kitty war's nicht mehr. Das Haar war dunkler geworden, das tanzende Licht in den Augen war fort. Der Sonnenstrahl, der sich ehemals in das kleine Persönchen versteckt zu haben schien und aus allen Ecken und Enden ihres liebenswürdigen Wesens herauszuckte, war erloschen. Das Beste, Schönste, Wärmste in ihr war tot! Was in ihr übrig blieb, war das, was von einem Baum übrig bleibt, von dem der Hagel im Frühling die Blüten heruntergeschlagen.
Und die Tage reihten sich an die Tage, die Monate an die Monate.
Ein Sieg folgte dem anderen – die alten Märchen wurden lebendig – die Einigung Deutschlands war vollzogen, ein neuer Deutscher Kaiser war erstanden! Barbarossa war erlöst!
Der Feind war hinter den Rhein zurückgedrängt, und die kriegslustigen Politiker, die bei einem Glase Bier und über ein Schachbrett hinüber die Geschicke der Welt im Kaffeehaus zurechtschnitten, gaben sich mit den Errungenschaften »ihrer Armee« zufrieden.
Nur Herr Wißmuth war nicht einverstanden mit dem von Deutschland geschlossenen Frieden, seiner Ansicht nach hätte Deutschland entschieden das ganze französische Reich annektieren müssen.
Und der Frühling kam, und die Truppen, was von ihnen übrig war, kehrten ins Vaterland zurück. Und ganz Lindenbergen war beflaggt, und die Häuser waren grün von Blumengewinden und bunt von Teppichen, die Fenster standen voll Menschen, welche den Siegern zujubelten.
Unter diesen Menschen waren viele in schwarzen Trauerkleidern, und auch diese jubelten, mit Thränen in den Augen jubelten sie.
Nur Kitty, Kitty, die nicht einmal ein schwarzes Trauerkleid tragen durfte, die jubelte nicht! Während es durch die Straßen schallte, ein Hurraschreien ohne Ende, und mit schmetternden Trompeten »Heil dir im Siegerkranz« erklang, kniete Kitty hinter verschlossenen, verdunkelten Fenstern im stillsten Winkelchen des Hauses vor Anna Marie, den Kopf in ihrem Schoß.