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Hann Klüth

Zweites Buch »Frau Welt«

Reading edition

I

Ich zweifle, ob ihr wißt, daß es noch Götter auf der Welt gibt. Aber ihr könnt es glauben, es ist so.

Mein Vetter Walter, der Student in Leipzig, hat dort eine Schenkmamsell entdeckt, die ihm vertraulich gestanden, daß sie in Wahrheit die alte Venus sei. Und als er ihr allerlei Bedenklichkeiten ausdrückte, da hat sie ihm einfach ihren Knaben gezeigt, einen kleinen, dreijährigen Strolch, der richtig mit einem Flitzbogen den Passanten des Salzgäßchens die Hüte vom Kopfe schoß.

Daraufhin hat der Vetter Walter alles eingesehen und sich über die Bekanntschaft sehr gefreut.

Dieses steht fest, das hat er mir eigenhändig geschrieben. Einen anderen, sehr interessanten Gott hab' ich selbst gekannt. Ich weiß nicht, ob er noch lebt. Aber als ich noch nicht seßhaft war, da habe ich ihn zwischen Greifswald und Moorluke getroffen, darauf will ich einen Eid leisten.

Ein Jahr war gerade im Abtröpfeln, ein Jahr, das ich wieder damit hingebracht, gesunde Glieder und eine warme Brust an den Dornen und Hecken wund zu reißen, hinter denen im Schlosse Phantasia das deutsche Dornröschen schlummert. Aber als des Jahres letzte Henkerstündlein schlugen, da hatte ich genug, da machte ich den Berliner Herren und Damen meine Verbeugung, packte mich in einen Eilzug und stand ein paar Stunden später auf einem dick verschneiten, abenddämmerigen Felde, über das ein Weg nach Moorluke führen sollte. Doch der Pfad mußte eine Frühlingssage bilden. Jetzt war er längst versunken. Inzwischen brach die Nacht ein — es war Silvester 1896 — ringsherum wirbelte dicker Schnee, über die toten Felder heulte der Wind, und das Eis unter meinen Tritten stöhnte und ächzte, als ob die Erde in ihrem Winterschlaf schwer träume, — da — täuschte ich mich? Nein, es knarrte aus der Schwärze ein langer ungefüger Wagen heran, ein Pferd wieherte, ein merkwürdiges rotes Licht zuckte auf, und gleich darauf wollten zwei mächtige Schimmel ihr Fuhrwerk an mir vorüberziehen. Da rief ich sie an: »Heda!«

Vorn auf dem hohen Bock regte sich etwas. Eine vermummte Gestalt im weißen Schafpelz, die eine Tüte mit einem Licht darin in der Hand hielt, leuchtete mir ins Gesicht.

»Fährst du schon lange, Alter?« fragte ich hinauf.

»Lange,« antwortete eine trockene, hüstelnde Stimme.

»Wohin?«

»Gradeaus.«

Das klang merkwürdig, und halb ohne Überlegung fragte ich, ob ich mit nach Moorluke fahren könne?

Der Schafpelz rückte wortlos zur Seite, und nachdem ich neben ihm Platz genommen, warf ich einen Blick hinter mich, um mich zu erkundigen, was der Alte für Ladung führe.

»Dung.«

Wieder beschlich mich ein seltsames Gefühl, aber wie ward mir erst, als jetzt beim Schein des Tütenlichtes der Mistkutscher mir sein Antlitz zukehrte. Aus tausend eingekerbten Furchen tränten zwei müde, schwarze Augen heraus, und bis unter die dürre ragende Hakennase über den zahnlosen Mund hinweg buschte sich ein verworrener, zottelweißer Bart, der sich erst unter dem Schnee, welcher den Schafpelz bedeckte, verlor. Der Mann war unbestimmbar alt. Und plötzlich überkam mich die schreckhafte Erinnerung, wie mein Freund, der Professor Asmus in Greifswald, welcher über seinem eigenen Werk »Die immanente Philosophie der Menschheit« verrückt geworden sein sollte, in einer geistreichen Spekulation nachgewiesen, daß sich zwischen Moorluke und der Stadt ein alter Mistkutscher herumtriebe, der jedoch in Wahrheit ein verschollener Gott wäre und eigentlich Chronos hieße.

»Chronos!« rief ich unwillkürlich laut heraus.

»Wat?« keuchte mein Gefährte und bewegte sein Licht.

Es war kein Zweifel, »oll Chronos«, der wiedergefundene Gott meines armen Freundes Asmus, saß neben mir. Eine Zeitlang blieb es still zwischen uns beiden. Geräuschvoll knirschte der Wagen durch den tiefen Schnee; der Alte hockte vor sich hin und hielt nur zuweilen in dürrer Hand seine Tüte in die Höhe, als ob er den Weg beleuchten wolle. Dann faßte ich mir ein Herz und fragte, ob er meine Freunde in Moorluke kenne, Hann und Line, oll Kusemann und die andern.

»Flocken,« murrte der Alte in sich hinein.

»Wie, oll Chronos?« forschte ich immer verwirrter.

»Was ist das für ein Nam'?« lachte der Mistkutscher so halb verächtlich und schlug mit der welken Hand in das Schneegewimmel, in das die leuchtende Tüte einen roten Lichtkreis warf. Und nachdem ihm ein neuer Hustenanfall beinah alle Glieder verkrümmt, keuchte er etwa folgendes hervor:

II

»Hör! Menschens! — Menschens — Wat sind Menschens? Auf die kommt es gar nicht an! Menschens sind dasselbe, was ich hier fahre. Dung. Sie blühen und sie verfaulen und werden Mist und machen wieder andere blühen! Ohne daß sie dat wissen, und ohne daß sie es wollen. In dem Dung, siehst du, liegt allein die Kraft dazu. Aberst wie sie dahinein kommt, das ist das Geheimnis. Aber eins bleibt merkwürdig. Die richtige Kraft steckt doch nur in dem Alleröbersten und in dem Alleruntersten. Der Mist treibt, und die Blüte oben, die zeugt, — was dazwischen liegt, Jünging, das wird Grummet und Spreu. Aber laß man, eins macht mich doch vor allen Dingen stolz, kuck, in diesen meinen Wagen hier kehrt doch zur Zeit alles zurück, was jetzt wer weiß wie weit verstreut liegt. Ich fahr mal die ganze Welt spazieren. Verstehst du das?«

»Hm,« murmelte ich.

»Du bist doch ein rechter Dummerjahn,« brummte der Alte. »Ihr seid überhaupt alle recht dämlich und bildet euch zuviel ein. Wozu fragst du nun nach Line und Hann, und Bruno und oll Kusemann, nach Siebenbrod und die anderen? Das kommt, weil ihr immer glaubt, jeder lebe nach seinem eigenen Kopf. Prost Mahlzeit, das haben euch bloß eure Büchermacher eingeredet, in Wahrheit verhält es sich ganz anders. Ich will es dir sagen, die Hauptsache sind die Jahren, — verstehst du das?«

»O ja,« versetzte ich bekümmert, obwohl es mir merkwürdig im Kopf summte, denn das Schneetreiben wurde so arg, daß mir die Ohren schon halb verstopft lagen und ich nur noch undeutlich vernahm, wie der Alte müde die Peitsche schwang.

»Also du verstehst mir, mein Jünging,« fuhr er fort, — »hüh, denn man weiter. Ja, also die Jahren bleiben die Hauptsache. Die Jahren kommen einfach zu die Menschens heran und holen sie ab. Zu allerlei Taten. Ob das Menschenkind will oder nicht, das is ganz gleich. Die Jahren wollen. Die sind nun eingeteilt, wie beim Kommiß die Soldaten. Weißt du, welche zuerst kommen?«

»Nein.«

»Zuerst kommen die Traumjahren.«

»Wie meinst du das, oll Chronos?«

Der Alte schüttelte das Haupt, als ob er den Namen nicht gern höre, dann fuhr er fort: »Na, also, die Spiel- oder Einbildungsjahren. Die laufen dir wie die lütten Kinder die Musikusse voran und hantieren dir mit Sonne, Mond und Sternen, ja, sogar mit dem lieben Gott selbst, als ob das Puppen wären. Aber dafür sind die Jahre auch die glücklichsten, denn eine Einbildung macht immer glücklich. — Begreifst du mir?«

Ich nickte. Mein Atem dampfte in dem Schneegewimmel. Es war bitterlich kalt.

Der Gott kroch tiefer in seinen Schafpelz.

»Siehst du,« hustete er, »die Einbildungsjahren hatten Hann und Line grade abgeholt, als du sie kanntest. Nu is das auch schon sieben Jahre her. — Nachher kommen dann die Lehrjahren. Die marschieren am besten, denn die werfen die Beine gewissermaßen noch so unter dem Kommando. Eins — zwei — eins — zwei. Da klappt noch alles. Sieh, bei Line und Hann freilich, da ging das damit schnurrig zu. Was sie war, die Dirn, die hatte den richtigen Heißhunger und auch den Kopf dazu. So kam es denn, daß der spaßige Pastor Witt, den sie damals darum bat, und der das Ding auch gern leiden mochte, ihr eine ganze Menge beigebracht hat. Natürlich alles man so im Vorbeigehn, verstehst du, aber sie weiß doch nun überall Bescheid, von dem alten Fritz und Luthern, und lauter solche Leute; und daß die Erde sich im Kreis rum küseln soll, worüber ich aber lache. —«

»Und Hann?«

»Je, mit dem stand das anders. Als der arme Jung so mit ansehn mußte, wie die Dirn zu Pasters lief, und was sie da alles hörte, und wie sie immer feiner wurde und beinah ein Fräulein, da setzte er sich das in den Kopf, Pastor Witt müßt ihm auch helfen. Dadurch betrieb er die Fischerei leider man recht nachlässig, saß ganze Nächt' in dem Boot wie im Traum da und hat von Siebenbrod, der allmählich ein recht geiziger Filz geworden ist, und der immer nur das Wort im Mund führt »sparen, sparen«, manchmal erbärmliche Hiebe mit dem Tauende bekommen. Aber glaubst du wohl, daß das was nützte? Nicht einen Happen. Der Jung wurd' bloß immer stiller und in sich gekehrter, und eines Sonntags, als er in der Kirche die Predigt mit angehört hatte und sie zu Ende war und der muntere Pastor Witt in die Sakristei ging, wo Küster Bollentin immer mit einem Glas Wein auf ihn warten muß, da ging er ihm nach. Und da stand er nun vor ihm und drehte an seiner Mütze und sagte endlich: >Herr Paster,< fragte er, >is es wahr, was Line sagt, daß sich die Erde dreht?<

»>Ja,< meinte Pastor Witt ein bißchen verwundert, >das hat sie so an sich.<

»Da fragte Hann weiter: >Herr Paster, wie muß ich das anstellen, daß ich von dem Drehen auch was merken tu'?<

»Da hat nun Pastor Witt recht laut und herzlich aufgelacht, was ich sehr unrecht von ihm find', und hat zu Küster Bollentin gesagt: >Kuck Er sich eins den Jungen an. Das ist ein Philosoph.< Und nachher hat er ihm so behaglich auf dem Kopf herumgetätschelt und hinzugefügt: >Hör eins, mein Jünging, ich will dir was sagen, das Drehen kannst du auf dreierlei Arten merken. Erstens, wenn du später auf einen Tanzboden gehst. Oder zweitens, wenn du mir mal helfen wolltest, wenn ich grad meinen Malagawein abzieh' — was? Küster Bollentin, dann merkt man's. — Und am allerbesten, sobald du dich mal in ein recht gelehrtes, unverständliches Buch vertiefst. Sieh, wenn du da nicht die Drähnung kriegst, dann hast du keine Anlage dazu. Aber laß man, ich mach bloß Spaß.<

»>Herr Paster,< hat nun Hann gerufen, und die Tränen traten dem Lümmel in die Augen, und er hielt den geistlichen Herrn ordentlich an seinem Talar fest, >darf ich nicht auch mal mitkommen, wenn Sie Line solche Bücher zeigen?<

»>Ja, warum nicht?< meinte Pastor Witt und kratzte sich ein bißchen verlegen im Haar. >Aber wozu willst du das?<

»>Oh, Herr Paster,< schluchzte Hann, >damit Line nicht so stolz wird, und damit ich wieder mit ihr sprechen kann, so wie früher.< Und dabei schüttelte es ihn durch alle Glieder.

»Sieh, da wurd' der dicke kleine Herr Pastor ganz stutzig und trat zurück und kuckte sich den heulenden Jungen aufmerksam von allen Seiten an und sagte endlich zu dem Küster, aber ganz leise: >Bollentin, weiß Er, was ein Roman is? — Ja? — Na also, hier steckt einer.< Und dann gab er Hann kurz die Erlaubnis und schob ihn sacht zur Sakristei hinaus.«

Hier machte der Mistkutscher eine Pause und horchte über das knackende Feld, über das ein merkwürdig hallender Ton hinwegzog. »Hörst du?« keuchte er und schlug, lang ausholend, auf seine beiden Schimmel ein. »Dort drüben meldet sich all die Dorfuhr. Es ist dreiviertel auf zwölf, und Silvester muß ich an Ort und Stelle sein, — hüh.«

Mit einem Ruck zogen die beiden Gäule stärker an, und der Dampf, der aus ihren Nüstern quoll, umlagerte uns wie eine schwebende Wolke. Rechts und links tauchten jetzt große Schneemassen auf, aus denen Lichter blickten. Das waren aber nur versunkene Häuschen, die aus ihrem Daunenbett herauslugten.

Oll Chronos wies mit seiner Peitsche auf sie: »Da drin brennen sie nun die Tannenbäume vom Weihnachtsabend ab. Ja, ja — allens hat seine Zeit. Anzünden und Auslöschen.«

Inzwischen erreichten wir den Fluß. Scharf fegte hier der Wind über die vereiste Bahn, und unten am Abhang heulte etwas, was wie der Folterschrei eines bösen Geistes klang.

Der Alte lachte: »Das is ein Fuchs,« murmelte er, »graul' dir nicht — das Biest hat Hunger.«

Erst als wir die große Biegung hinter uns hatten, wagte ich von neuem an meinen Gefährten die Frage, ob Hann bei Pastor Witt nun wirklich ein Philosoph geworden wäre.

»Je.« Der Alte wiegte den Kopf und schüttelte sich ein wenig, um sich die Flocken abzustäuben: »I, was denkst du? Daraus wurd' ja nichts. Der Paster merkte ja gleich, daß mit richtige Bücher bei Hann nichts auszurichten wäre. Und darin geb' ich ihm auch Beifall. Denn sieh, als der Herr Paster das vortrug, was sie so Schöpfungsgeschichte nennen tun, da wollte Hann davon nichts wissen und kam so beiläufig damit heraus, die Schöpfungsgeschichte hätte einen Fehler. Nu nimm bloß mal an, einen Fehler, sagte der Bengel.«

»Na, und was gab der Herr Pastor hierauf zur Antwort?«

»I, der sah sich zuerst ganz düsig in der Stub' um und kuckte auf Line, die auch ganz rot vor Ärger dasaß, und fragte endlich bloß >wieso?< Na, und was glaubst du nu woll, womit der Lümmel zu Raum kam? — Es hatte sogar ordentlich einen Sinn: >Herr Paster, sagen Sie mich mal,< fing er an, >die Pferde arbeiten den ganzen Tag, und die Kühe geben Milch, und von den Schafen schert man Wolle; und dafür, daß sie das all tun, da haben die armen Kreturen keine Seele bekommen und sind doch auch etwas Lebendiges; aber der Mensch, der sie totschlägt und auffrißt, der hat eine. Herr Paster, ist das auch Güte?< Sieh, da wußt nu Paster Witt nichts drauf zu antworten, und sah bloß in sein Buch und machte den Finger naß und schlug heftig eine Seite nach der andern um, bis er endlich verdrießlich vorbrachte, daß sich über so was ein richtiger Christenmensch keine Gedanken zu machen habe.«

»Ein höllischer Jung,« warf ich dazwischen.

»Ja, Menschenkind, das meinst du woll,« sagte der Gott, »aber als sie nun in der biblischen Religion so allmählich bis zu die Geschicht' von Adam und Eva'n und den Sündenfall vorgerückt waren, sieh, da wollte Hann wieder durchaus nicht mit, indem er verstockt den Kopf schüttelte, so daß sich der kleine Paster jetzt schon ganz ungeduldig danach erkundigte, was denn nu all wieder los wäre. — Und daraufhin packte Hann seine dummen Gedanken in der Art aus, daß er sagte: >Herr Paster, nehmens nicht übel, die Geschichte mit der Rippe von Adamen, und daß daraus Eva geworden, das haben sich die Pastoren wohl bloß eingebildet, denn der Mann hat dabei nichts zu suchen, wir stammen alle von die Frauensleut ab.< Und weil der Bengel dabei nicht merkte, wie der Paster hier ganz erschrocken auf die kleine Line hinblickte, setzte er noch hinzu: >Und bei die Tiere ist das grad so! — Ich war erst neulich dabei, wie Nachbar Piepern seine weiße Kuh ein lüttes Kalb geworfen hat.<

»>Junge,< rief hier der geistliche Herr und stand heftig auf, indem er ihn derb zurechtweisen wollte, aber Hann war noch nicht fertig und fügte noch rasch bei: >Und, Herr Paster, wenn sie auch Adamen und Eva'n aus dem schönen Paradies rausgetrieben haben, wie kommt es, daß wir andern nicht wieder rein können? — Wir haben ja doch keine Äpfel gegessen? Ich mag überhaupt keine Äpfeln, ich ess' Plummen viel lieber. Und denn, Herr Paster, wegen so'n einzigen Appel. — Bei Schullehrer Tollen hängen lauter Äpfeln über den Zaun, und das sind noch dazu Rinetten; aber Herr Toll tut so, als ob er das Mausen von die Schulkinder gar nicht merke, und is doch man en Schullehrer und noch lange nich der liebe Gott.<«

»Ein ganz niederträchtiger Kujohn,« warf ich darein.

»Ja, das meinst du woll,« knurrte der Mistkutscher behaglich und wackelte mit dem Kopf.

»Na, und was wurd' nu draus?«

»Ja, das kannst du dir nicht denken. — Das kam anders, als mit Petrus und Paulussen. Gib Achtung. Zuerst saß der kleine Herr Pastor da und war ganz rot im Gesicht, und man wußte nicht, ob er ärgerlich war, oder ob er lachen wollt. Dann stand er auf und ging mehrmals in der Stub auf und ab, und endlich gab er Hann die Hand und forderte ihn auf, er möchte eins mit ihm mitkommen. Da standen sie nu beide draußen vor dem Pastorhaus, und es war so ein recht stiller, frischer Vorfrühlingstag; an allen Bäumen lag noch fußhoch der Schnee, und die Birken an dem Kirchhof trieben doch bereits ihren ersten grünen Schuß in die Höhe. Da sagte der geistliche Herr und strich Hann dabei gütig über die Backens: >So, mein Jung, nun kann ich dich nicht mehr länger unterrichten. Du gehörst zu ganz andern Lehrern.< Und als Hann mit großen Augen fragte, was das für welche wären, da zeigte Pastor Witt so unbestimmt umher, bald auf die liebe Sonn' und bald auf den Fluß, ja wahrhaftig sogar auf Coeur, seinen schwarzen Pudel, und erklärte endlich: >Ja, die mein' ich. Die können dir viel mehr sagen als ich. Und die verstehst du auch besser. So, mein Jünging, und nun laß dir von meiner Frau noch eine Pflaumenmusstulle geben. Und damit Gott befohlen und Adschö.<«

Als oll Chronos bis hierhin erzählt, krümmte er sich unter der Last des Schnees zusammen und schien in seine eigenen Gedanken versinken zu wollen. Wenigstens lallte er unverständliche Worte vor sich hin und hob öfter schief das Haupt gegen den eisigen Wind, wie wenn er lausche.

Von vorn kam dem Wagen eine dunkle Gestalt entgegen; die rief uns durch Nacht und Schneetreiben etwas zu:

»Prost Neujahr!«

Allein der Rosselenker schüttelte mißmutig den Kopf: »Is noch nich soweit, das weiß ich besser.«

Wir fuhren fürbaß. Die Tüte leuchtete matter und matter, das Licht zuckte im Verenden. Der Alte holte aus der Tasche ein neues hervor und besah es sich. »Wieder ein anderes,« murmelte er, »wird auch nicht besser brennen.« Mir aber war vor dem Mistkutscher jede Scheu so gewichen, daß er mir gar nicht mehr gespenstisch erschien. Und als die ersten Lichter von Moorluke vor uns aufblinkten, da hatte ich so ziemlich alles aus ihm herausgefragt.

Hann ist in den sieben Jahren ein Träumer geblieben. Das, was er nicht gelernt hat, und worauf er nun überall selbst kommt, das steckt ihm schwer in den Knochen, das hat ihn ungelenk und ungenießbar gemacht. Siebenbrod verwendet ihn meistens dazu, die Fremden auf dem Bodden spazieren zu fahren. Zu etwas anderem ist er nicht recht zu gebrauchen.

»Aber Line?«

»Ja, die is nu all seit zwei Jahren bei einer Cousine von Hollander in der Stadt. Dewitz, glaub' ich, heißt das olle Fräulein. Bei die ist sie ja woll so ein Stück Gesellschafterin, und die Alte soll ihr ja noch immer weiter unterrichten und hellisch fein machen.«

»Line muß doch bildschön geworden sein?«

»Schön?« Der Alte begann zu kauen und grinste. »Je, darin seid ihr alle ja so furchtbar dumm. Sie ist in den Brunstjahren.«

Hier unterbrach ich den Alten und fragte nach Bruno.

Der arbeitete bereits seit drei Jahren in einer Filiale des Konsuls in Hamburg. Aber jetzt mit dem neuen Jahr sollte er zurückkommen. »Das is en pikfeiner Bengel geworden. Mit Prinz-Albert-Rock und weite Hosen und braune Glacés!«

»Und Paul?«

Chronos schüttelte sich. Die Art mochte er nicht leiden. Der Kandidat hatte sich richtig mit Privatstunden durchs Examen gehungert. Von keinem hatte er etwas angenommen. Jetzt harrte er der Anstellung. »Ein richtiger Schwarzrock,« knurrte der Mistkutscher.

»Achtung!«

Wir kamen über die Moorluker Brücke. Und plötzlich legte mir der alte Gott seinen Arm um den Hals, daß eine niegefühlte Kälte durch meine Brust schnitt, und flüsterte mir ins Ohr, als gälte es ein Geheimnis: »Jünging, die Brunstjahren, vor die hüt dir, das sind die stärksten, da hab' ich meinen meisten Spaß dran. — Dann kommen die Schaffensjahren, und ganz zuletzt, zu allerletzt die Wartejahren. Weißt du, was die sind? Dann is es richtiger Winter, und ich komm' wieder angefahren und hol' dich ab, aber dahinten — kuck, hier.«

Er zeigte auf seine Ladung.

Ein Windzug löschte das Licht aus. Bim — bum hallte es verschlafen vom Moorluker Kirchturm.

»Zwölf,« sprach der Alte aus der Dunkelheit.

Wir hielten vor oll Kusemanns hell erleuchtetem Häuschen. Der Lügenlotse selbst stand im Hausflur, in der einen Hand hielt er seine Laterne hoch in die Nacht und schwang in der andern ein Bowlenglas: »Jünging, Jünging, Prost Neujahr — Prost Neujahr — komm rein, hier drin bei mir sitzen alle Professoren von der Universität. Und dich kann Alwining auf ihren Schoß nehmen, ich erlaub's.«

»Steig ab,« forderte der alte Gott.

»Und du?« fragte ich, nachdem ich herabgeklettert.

»Na, ich fahr noch ein Stück.«

Er trank ein Glas Bowle, das ihm oll Kusemann heraufreichte, entzündete an der Laterne des Lotsen sein neues Licht, und bald sah ich, wie der Wagen um die nächste Ecke bog.

Der Alte knallte mit der Peitsche.

III

»Die Hyazinthen blühen,« rief Line, während sie an dem dick vereisten Fenster die Gläser mit den aufbrechenden Knollen zurechtrückte: »Sehn Sie bloß, Fräulein, die letzte ist auch rot geworden. Jetzt haben wir nur rote und weiße.«

Es war Neujahrsmorgen.

In dem gemütlichen Stübchen lag heller Wintersonnenschein. Alles prangte in dem Altjungferzimmer von Sauberkeit; der braunlackierte Fußboden, die gelblackierten Korblehnstühle, der Mahagonitisch, welcher ebenfalls Lackglanz ausstrahlte, ja selbst die Fensterbretter redeten in ihrem weißen Schimmer davon, daß das alte Fräulein Dewitz die Eigentümlichkeit besaß, nach jedem Besuch den etwa entweihten Glanz ihres Schmuckkästchens durch eine allgemeine Lackierung wieder aufzufrischen.

Und nun erst die beiden Betten, die man nebenan aus dem Alkoven hervorschimmern sah. Es schien beinah unmöglich, daß sich an diesem schneeigen Weiß jemals Menschenhände vergriffen haben sollten.

Die allergrößte Sauberkeit jedoch, nein, förmlich eine Art Leuchtkraft der Reinlichkeit strahlte die Besitzerin dieser lackierten Räume selbst aus.

Da saß sie in ihrem Korblehnstuhl, in dessen gelbem Lack freundlich die Sonne widerglitzerte, trug eine blankgeputzte Brille auf dem Stumpfnäschen und las Neujahrsgratulationen, die auf ihrem Schoß unwillkürlich ein höheres Weiß angenommen hatten.

Lange murmelte sie so halblaut vor sich hin. Dann wurde sie gestört.

»Sehn Sie bloß, Fräulein,« rief Line noch einmal. »Diese schönen Farben und wie sie duften; das ganze Zimmer ist voll davon!«

»Du sollst nicht Fräulein sagen,« verwies die grauhaarige Dame und schüttelte zwei große Locken, die einen glatten Scheitel flankierten.

»Tante,« verbesserte sich Line.

»Gut — so klingt es liebevoller. — Zwar, wenn wir allein sind, dann höre ich es auch gern, wenn du mich >du< nennst. Vor Fremden freilich bleibt das >Sie< mehr am Platz. Denn bei der heutigen Jugend, meine ich, muß man auf Respekt halten. Das ist nötig.«

»Gewiß,« bestätigte Line, die gar nicht gehört hatte, jedoch der alten Dame nie widersprach. »Darin hast du ganz recht, Tante.«

»Ja, ja,« fuhr das gute Fräulein fort und befeuchtete sich ihre Unterlippe, was sie wohl in ihren langen Dienstjahren als Handarbeitslehrerin angenommen, »du bist nun die letzte, die ich erziehe. Gott ja, wenn ich so zurückdenke, — und am Neujahrsmorgen kommt einem das so unwillkürlich — dreißig Jahre hab' ich all die kleinen Mädchen vor mir sitzen gesehn und habe sie nähen, stricken und sticken gelehrt — jede hatte ihren eigenen Knäuel, den sie bei mir kaufen mußte — und ich rechnete genau dasselbe dafür, was er mich selbst kostete. — Lieber Gott, es ist wahr, manche stellte sich gar zu ungeschickt an; aber schließlich — lernen mußten sie es eben, denn damals wurde das nicht allein von der Familie, sondern auch vom Staat verlangt. — Ja, siehst du, mein Döchting, ich hab' oft darüber nachgedacht, damals legte man noch mehr Gewicht darauf, daß in den kleinen Dingern so allmählich eine rechte Stille und Ruhe groß würde, und dazu — das weiß ich gewiß — dazu war grade mein Fach so recht geeignet. Wenn sich die frischen Gesichter beim Häkeln herabbeugten und dabei zählen mußten: >Eins, zwei, drei — feste Masche — eins, zwei, drei — Stäbchen —,< siehst du, dann kam ordentlich etwas Hausmütterliches in sie hinein. Es war rührend anzusehn. Jetzt ist das alles anders.«

Illustration from Hann Klüth: Roman

Das alte Fräulein seufzte ein wenig, befeuchtete die dicke Unterlippe mit der Zunge und vertiefte sich in einen neuen Brief, den sie eben entfaltet hatte.

Eine Zeitlang hörte man nichts als das Murmeln von Fräulein Dewitz und das frische Knacken der Holzklötze, die in dem blankgescheuerten, weißen Ofen lustig brannten.

Dann klang ein halbes Kichern durch den Raum, und Line, die noch immer abgewandt am Fenster lehnte, reckte ihre schlanke Gestalt.

»Lachtest du?« fragte das alte Fräulein, erstaunt von ihrem Briefe aufsehend.

»Bewahre,« beteuerte Line, während sie mit ihrem Finger ein kleines Guckloch in die Eisscheiben malte.

»Aber es klang doch so.«

»Ich habe nur gehustet,« versetzte das junge Mädchen ganz ruhig, indem sie jetzt bereits durch den kleinen Kreis auf die Straße hinausblinzelte.

»Ja, ja, du mußt dich vor Zugluft in acht nehmen,« ermahnte die Tante. »Vom Zuge kommen alle Krankheiten. Viele meiner älteren Bekannten tragen dagegen auch stets ein paar Katzenhaare in der Tasche.«

Wieder setzte sie das Murmeln fort, und so merkte die alte Dame nichts mehr davon, wie sich das Mädchen geschmeidig vorbeugte, wie durch die angespannten Glieder ein kurzes, unterdrücktes Lachen bebte, und daß sich über das Gesicht jener seltsame belebende Zug verbreitete, ein Aufstrahlen, das die Lehrerin nun schon seit Jahren als unbegreiflich bei dem sonst folgsamen Geschöpf zu unterdrücken bemüht war.

Auf der anderen Seite der Straße wanderte zur selben Zeit eine untersetzte stämmige Gestalt auf und ab, ungelenk, in blauer Düffelschifferkleidung, einen ungeheuren grauen Schal um den Hals, und bis unter die blaue Mütze mit Sommersprossen bedeckt, die auch im Winter nicht abblaßten. Unter beiden Armen aber trug die Gestalt je einen mächtigen Korb, deren Deckel sie ab und zu lüftete, um dann, nach einem Seitenblick auf das wohlbekannte Blumenfenster, rasch wieder beschämt vorüberzutraben.

Das war Hann Klüth, der gegen den Widerspruch des geizigen Siebenbrod alljährlich am Neujahrsmorgen eine hochgepackte Sendung Blut- und Leberwürste sowie zwei schneeweiße, lebende Gänse in diesen Körben zu Fräulein Dewitz beförderte. Allein jedesmal bedurfte es größerer Energie, um ihn das schmale Holztreppchen hinaufzubringen. Bei Fräulein Dewitz war alles so vornehm, und wenn das alte Fräulein ihn mit wohlwollender Herablassung in einen ihrer gelben Lehnstühle niedernötigte und Line ihn lachend fragte, ob er die Gänse auch selbst gestopft hätte, oder wann er wieder einen Hecht unter dem Eise stechen würde, dann empfand Hann stets eine Unbehaglichkeit, eine innere Erniedrigung, die er sich selbst nicht gern eingestehen wollte.

Warum Line ihn wohl so fragte? — Und weshalb sie stets die Lippen zu solch eigenartigem Lächeln verzog, so oft sie seiner ansichtig wurde? Ja, ja, es war richtig, sie war bei Fräulein Dewitz eine wirkliche junge Dame geworden, die auf dem Kapitänsball und bei dem Studentenball getanzt und sehr viel gelernt hatte, aber er — Hann Klüth — das wußten alle andern man nich — und dabei lachte er während des Hintrabens wehmütig-stolz auf das schneebedeckte Trottoir hinab — er war auch gar nicht so dumm geblieben. Ja, das ahnten sie man alle nich, wieviel er ebenfalls sich herausgeklüstert hatte, während der langen Boddenfahrten bei Tage und bei Nacht. Er hatte so seine eigene Ansicht über das meiste, was man sehen und denken konnte. Sie brauchte zwar nicht die richtige zu sein, das nicht; aber er hatte doch eine. Und das Denken, — das von eins auf zwei kommen, und von da in die großen Zahlen hinein, das war nun mal sein einziges Vergnügen. Das hatte er gegen all die Püffe von Siebenbrod und die Tränen von Mudding und mit alleiniger Unterstützung des Lügenlotsen oll Kusemann durchgesetzt.

»O je — nehmens nich übel,« stotterte Hann aus seinen Gedanken heraus und starrte erschrocken auf den schlanken Studenten mit der blauen Korpsmütze, mit dem er eben während seines Trotts zusammengestoßen war.

»Donnerwetter — Mensch — nehmen Sie sich doch in acht,« schnauzte der junge Herr aufgebracht, denn es war ihm sofort klar, daß Line, welcher er gegenüber wohnte und der er um diese Zeit stets eine kleine Fensterpromenade schnitt, das lächerliche Zusammenprallen mit diesem Bauerntölpel bemerkt haben müsse.

»Nehmens nich übel,« entschuldigte sich Hann noch einmal, »ich habe Ihnen nich gesehn.«

Doch der Musensohn mußte den armen Fischer erst noch etwas gründlicher seine Überlegenheit fühlen lassen: »Was geht mich das an?« schimpfte er fort, während sein brauner Neufundländer wütend gegen Hann zu knurren begann, »soll ich Ihnen vielleicht zuerst ausweichen?«

»Je, wenn Sie mich zuerst sehen?« meinte Hann ehrlich.

»Dummkopf Sie,« schrie der Student, der es in der »natürlichen« Philosophie noch nicht so weit gebracht hatte, »wenn Sie nicht solch ein Schafskopf von einem Esel wären — — —«

»Ich weiß woll, studiert hab' ich nich,« sprach Hann gelassen dagegen, und nachdenklich setzte er hinzu, »ich dacht' mich bloß, die offenbare Straße wäre für jedwereinen da, denn wozu wäre sie sonst so breit? Und wenn ein feiner Herr von einem gewöhnlichen Mann nicht gestoßen werden möcht', daß es dann besser wär', er ging' ihm aus dem Weg.«

Das war nun eine Probe des gewundenen Denkens, das Hann sich angewöhnt hatte, für das aber ein Lehrstuhl an der kleinen Universität noch nicht existierte. Sein Gegner warf ihm deshalb auch nur einen einzigen wütenden Blick zu, und in dem Bewußtsein, die Gattung des Korbträgers jetzt erst felsenfest fixieren zu können, rief er noch verächtlich: »Kamel,« und stürzte triumphierend davon.

»Je, wieso?« sprach Hann in sich hinein und sah dem blauen jungen Mann zweifelnd nach. »Ein Kamel, als wie sie es damals in der Menagerie hier zeigten, das is ja doch ein Vieh, wie sie es in den großen Wüsten zum Transport gebrauchen, und was ja auch, wie oll Kusemann sagt, einen natürlichen Wassersack haben soll. Warum sie nun aber wohl so einen nützlichen Tiernamen als Schimpfwort anwenden? Das möcht ich wissen. — Auch >Hund< und — —« Aber weiter kam er nicht in seinem Hinsinnen. Denn oben an dem Blumenfenster öffnete sich ein Flügel und eine helle Stimme rief halblaut herunter: »Hann!«

Der Schiffer zuckte zusammen.

Diese Stimme hatte noch immer für ihn etwas Weckendes, Alarmierendes. Allerdings in den langen Jahren, in denen er nun schon von Line getrennt lebte, hatte er längst eingesehen, daß der Abstand zwischen ihnen beiden ein unermeßlicher geworden. Sie, eine Stadtdame, die bei Konsul Hollander zu Tisch aß — und er, der Bootsmann von Siebenbrod, der für eine Mark die Studenten auf dem Bodden spazieren fuhr. — Ne, ne, die Zeiten, wo sie seine Braut war, wo oll Kusemann sie beide im Abendnebel getraut, und wo sie Hann vor Angst zitternd geküßt hatte, die waren vorüber. Für immer. Bloß das Drandenken, das blieb schön. Und das tat er auch. Ohne daß einer es ahnte. An den langen Winterabenden, wenn Mudding, Siebenbrod und er neben dem Herde in der Küche saßen und Netze flickten und der scharfe Fischgeruch sich mit dem Torfbrodem mischte, dann sann er und sann. Und wenn dann eine Möwe an der Mauer mit scharfem Flügelschlag vorüberstrich, dann glaubte er, die flinke, kleine Line husche wieder durchs Haus; und wenn er die Reiher auf dem Eise tanzen sah, dann dachte er daran, wie Line tanzen konnte. Auch an den Tanz in der Schenke, ein paar Wochen nachdem der Vater gestorben, mußte er sich erinnern. Ja, ja, wie hübsch ihre Röcke damals wirbelten — hm —

»Hann,« rief die helle Stimme noch einmal. Hann fuhr zum zweiten Male empor und begann sich heftig zu schämen. Richtig, jetzt hatten ihn die »verfluchtigen Gedankens«, die so oft über ihn kamen, jetzt hatten sie ihn auf offener Straße in ihre Gewalt bekommen, so fest, daß er beinah vergessen hatte, weswegen eigentlich die Körbe an seinen Armen hingen. Nun half es nicht länger, jetzt mußte er hinauf. Ohne den Blick zu erheben, lüftete er die Mütze vor Line und stieg die schmale, gewundene Holztreppe in die Höhe.

»Oh,« rief Fräulein Dewitz, nachdem er mit einem Kompliment die Körbe vor ihr niedergesetzt, »Lining, sieh her, ich glaube gar, das ist ein Geschenk für uns. Was das wohl sein mag?«

Line antwortete nicht. Mit ihrem leisen verhaltenen Lächeln stand sie noch immer am Fenster und sah mit an, wie Hann ungeschickt in den Korb griff, um eine der Gänse am Halse in die Höhe zu bringen.

»Ei der Tausend — eine Gans,« verwunderte sich Fräulein Dewitz, obwohl dieser Transport in ihrem Haushalt schon lange vorher berechnet war. Aber die gute alte Dame glaubte den Spendern durch ihr jedesmaliges Erstaunen eine Freude bereiten zu müssen. »Und was mag wohl in dem andern Korb sein?« fuhr sie fort und leckte sich im Vorgeschmack die Lippen. »Das sind doch nicht etwa — — —?«

»Ja, Madamming,« unterbrach Hann, »Würste.«

»Nein, wie aufmerksam,« lobte die Handarbeitslehrerin, und dann machte sie mit ihrer gepflegten weißen Hand eine einladende Bewegung, damit sich Hann in den Korbstuhl ihr gegenüber niederlassen möchte.

Allein das war der gefürchtete Moment. Hann blieb stehen, versuchte wieder eine Verbeugung und begann davon zu sprechen, daß heute Neujahr sei, und daß er herzlich gratuliere.

»Ich danke Ihnen — ich danke Ihnen aufrichtig, lieber Herr Klüth,« sprach die alte Dame wohlwollend und vollführte nochmals ihre Handbewegung, die Hann jedoch nur von neuem erröten ließ.

Und bei alledem stand Line und lächelte. Mit der linken Hand hatte sie nach dem oberen Riegel des Fensters gegriffen und lehnte den dunklen Kopf an den Arm. So bot sie ein hübsches, anmutiges Bild. Ein paarmal hatte Hann nach ihr hinübergeblinzelt, jetzt erst wagte er die Augen aufzuschlagen. Er erstaunte. Nein, was sah sie doch schlank und vornehm aus in dem enganliegenden blauen Tuchkleid. — Wie groß war sie geworden, wie hatte sie sich entwickelt.

»Gratulierst du mir nicht auch?« fragte sie ein bißchen gönnerhaft.

»Ja, Lining — dir auch,« brachte er hervor. Das »du« wollte ihm gar nicht recht aus der Kehle.

»Dann gib mir doch die Hand,« forderte sie, wobei das Lächeln nicht von ihrem Antlitz weichen wollte.

Da machte Hann einen Schritt vor, und als sie nicht näher trat, noch einmal einen und streckte zögernd den Arm nach ihr aus: »Da, Lining.«

Mit einem mutwilligen Ausruf griff sie zu, heftig seine Hand schüttelnd: »Wie geht es der Mutter?« forschte sie rasch.

»Oh, bis auf die Füße is sie noch ganz gut zu Weg.«

»Und Siebenbrod?«

»I, der hat ja kurz vor Neujahr drei Schweine zu unseren dazu gekauft. Wir haben ordentlich den Koben ausbauen müssen.«

Wieder tönte von den Lippen des Mädchens ein kurzer, spöttischer Ton.

Aber die alte Dame wies sie zurecht. Dabei wäre nichts zu spotten. Siebenbrod sei nur zu achten, weil er so sparsam sei und die Wirtschaft vermehre.

»Ja, gewiß Tante,« lenkte Line sofort ein, die die alte Dame einen Moment vergessen hatte, und dann fragte sie in ihrer Eilfertigkeit Hann weiter, wie es ihm selbst ginge.

»Oh, so weit ja ganz gut, Lining, bloß —«

Er stockte.

»Nun, was denn?«

»Ich muß mich nämlich nun zu den Soldaten stellen.«

»Du?«

Mit einer plötzlichen Bewegung steifte sie ihren Arm und drehte Hann dabei etwas herum, als wünsche sie den künftigen Krieger von allen Seiten zu betrachten.

»Nun, darauf freuen Sie sich wohl schon sehr?« warf die Tante dazwischen. »Es ist doch eine Ehre, dem Vaterlande zu dienen — wie?«

Aber Hann schüttelte den Kopf und sah bekümmert auf den Fußboden: »Ne, Madamming, das tu' ich nich!«

»Nicht?« riefen beide Frauen nun wie aus einem Munde.

Hann erschrak und schlug seine hellen Augen nieder. Er merkte, daß hier etwas vorginge, was ganz gegen die Ansichten des alten Fräuleins verstoßen mochte. Anstatt jedoch nun seine Gedanken klarzulegen, wie er sie so oft bei sich selbst gehegt, etwa in der Art: »Soldaten? — Ne — werden die nicht extra dazu angelernt, wie man andere Leute ihre Kinder totschießt? Und dann — wenn ich in meinem Schifferrock einen umbring', dann werd' ich geköpft — aber in solch blau und rotem Rock krieg' ich dafür noch einen Orden. Da stimmt doch etwas nicht?«

Statt all dieser guten Gedanken brachte er nur scheu hervor: »Nein, ich möcht' lieber nich unter die Soldaten.«

Das alte Fräulein erhob sich: »So?« versetzte sie kühl. »Das ist ja sonderbar — hm —« Und mit den Worten: »Ich will nun doch mal nach der Küche sehn,« ging sie mit ihren langen, ehrbaren Schritten hinaus.

Die beiden Kinder von Moorluke blieben allein. Langsam kauerte sich Line in den verlassenen Korblehnstuhl nieder, lehnte sich zurück und ließ ihre Stiefelspitzen leise gegeneinander klappen. Dann glitt wieder einer ihrer taxierenden Blicke über den ungelenken Besuch fort, und plötzlich lud sie ihn mit einer bestimmten Bewegung ein, ihr gegenüber Platz zu nehmen.

Hann wagte es nicht. Er behielt seine Mütze in der Hand und blinzelte ehrerbietig zu ihr hinüber. Nein, wie überaus fein und zierlich er alles an ihr fand. Diese kleinen Halbschuhe, aus denen die schwarzen Strümpfe hervorlugten, und dann die schwarze Atlasschürze, die so glatt über den Hüften abschloß — — und wie sie sich jetzt kaum merklich hin und her wiegte, das schwarze Köpfchen seitlich an die Lehne gedrückt, während ihre dunklen Augen ab und zu zu ihm herüberblitzten, das erfüllte den großen Burschen schließlich mit solcher Freude, daß er immer wohlgefälliger mit dem plumpen Haupte nickte und mit der freien Hand wohlig am Knie auf und nieder fuhr.

Mit einem Male beugte sich Line hastig vor, daß Hann beinah' einen Schrecken bekam, stützte die beiden Ellenbogen auf ihre Knie, wie sie es als Kind stets gepflegt, und über ihre Lippen kam es kurz und überlegen: »Sag', Hann, hast du schon eine Braut?«

Hann hielt den Atem an und starrte ihr grenzenlos verdutzt, ja bekümmert in das feine Antlitz. O je, wie sollte er wohl zu einer Braut kommen? Wußte sie denn gar nicht, daß er nicht auf so was ausging, ja, daß er alle Frauen ängstlich vermied, weil — ja weil — —

Er schüttelte mit einem wehen Zug um den groben Mund den Kopf und scheuerte wieder an seinem Knie auf und nieder.

»Lining — oh —«

»Na, was wär' denn dabei?«

Ihr schien die große Verlegenheit des armen Menschen Freude zu bereiten. Und dann — immer mit dem angelehnten schmalen Gesichtchen plauderte sie weiter, leise, flüsternd, damit es das gute Fräulein Dewitz in der Küche nebenan nicht vernehmen könnte. Oh, es war doch ein so lang entbehrter Genuß, endlich wieder einmal unbeobachtet, jung und frisch und ungeniert necken und schwatzen zu dürfen.

»Hann, da sind doch aber die beiden Töchter von Schullehrer Toll. Und die älteste, die hübsche, von der sie sagen, daß sie Krankenschwester werden will, die hat neulich hier erzählt, wie du mit ihr getanzt hast.«

Hann rückte hin und her.

»Lining — das wohl — ich konnt' mir auch nich anders helfen.«

»Aber die wär' doch was für dich,« fuhr sie fort. »Denk mal, wenn die nun bloß deinetwegen Krankenschwester werden wollte?« Und plötzlich faßte sie seine beiden Hände und brach in ein langes, fröhliches Lachen aus. Die Idee, Hann als Bräutigam der hübschen Schulmeisterstochter zu sehen, schien sie mit ungemeinem Behagen zu erfüllen. Merkte sie nicht, wie der arme Bursche immer blöder den Boden suchte, fühlte sie gar nicht, wie ihre Worte sich ihm immer enger und drückender ums Herz legten?

Endlich erhob er sich; er überwand sich und sagte mit gepreßter Stimme: »Lining, das alte Fräulein kommt wohl nicht wieder. Da wird es Zeit, daß ich geh'.«

Und wieder wagte er nicht, sie anzublicken, sondern stand und knöpfte langsam sein blaues Schifferwams zu.

Line erhob sich. Mit leichten Schritten ging sie um ihn herum, immer ihn messend, als wäre des Spaßes noch nicht genug. Plötzlich huschte sie dicht an seine Seite, hob ihm kräftig das Kinn auf und zwang ihn so, sie anzublicken. Seine blauen Augen sprachen förmlich von zurückgedrängtem Kummer.

»Sag' mal Hann,« begann sie, »wenn es Klara Toll nicht ist, dann möchtest du wohl lieber mich? Wie? — Weißt du noch, wie wir uns verlobt haben, und wie oll Kusemann uns eine Molle voll Goldstücke aus der untergegangenen Stadt zur Hochzeit schenken wollte?«

Ihre Hand strich an seiner Backe hin und her, etwa wie man einen großen, treuen Hund streichelt, aber als sie seinem ehrlichen, betrübten Blick begegnete, hielt sie inne.

»Na, laß gut sein, Hann,« brach sie schonend ab.

»Ja, Lining,« brachte er mit Anstrengung hervor, »wir waren eben noch Kinder und sehr dumm.«

»Ja, ja, Hann,« sagte sie stiller, und nach einer Weile setzte sie hinzu: »Aber die Molle voll Goldstücke, die wünsch' ich dir. Wenn du so die untergegangene Stadt finden könntest, dann —«

Ihre Augen vergrößerten sich, sie zeigte ihre spitzen Zähnchen. Dabei sah sie aus, als ob sie den Besitzer der untergegangenen Stadt mit ihren unermeßlichen Schätzen wohl liebhaben könnte. Doch Hann zerstörte den Traum.

»Kuck, Lining,« murmelte er achselzuckend, »das mit der Stadt, das is auch man so, wie alles andere. Sieh, als ich noch ganz klein war, und als du noch bei uns draußen wohntest, ja, da sah ich sie manchmal ganz deutlich unter dem Wasser. Zuweilen auch bei Nacht. Da zeigte mir oll Kusemann ordentlich erleuchtete Fenster und so was. Aber dann später, je älter man wird, desto weniger sieht man sie. Ich glaub', das is auch man so 'ne Kinderstadt —«

Damit wollte er ihr die Hand zum Abschied bieten, doch Line starrte ihn noch verwundert über seine letzten Worte an. Und achtungsvoller als sonst drang es endlich über ihre Lippen: »Hann, was du da sagtest, das war gar nicht so dumm.«

»O Lining,« wehrte er bescheiden ab, »ich dachte das bloß so — Und nun adschö.«

Er nickte, raffte die Körbe in die Höhe und wollte gehen.

Da faßte sie ihn noch einmal rasch bei der Hand und nahm gewandt einen der Briefe vom Tisch, die das alte Fräulein Dewitz uneröffnet hatte liegen lassen. »Hann,« flüsterte sie, »sieh den — weißt du, von wem der is?«

Hann schüttelte den Kopf. Wie konnte er das erraten? Der Brief war ja noch zu.

»Und die Schrift, kennst du die auch nicht?«

Hann betrachtete nochmals die feinen Schriftzüge und las den Poststempel, der Brief kam aus Hamburg. I, woll, der konnte von seinem Bruder Bruno stammen.

Eifrig nickte Line: »Ja, ja — und weißt du, was drin steht? Heute morgen erwartet ihn der Konsul schon. Er ist vielleicht bereits hier.«

»Bruno?«

Sie nickte, strich sich über die Haare und warf einen Blick in den Mahagonispiegel in der Ecke.

»Ja — aber woher weißt du denn den Inhalt?« fragte Hann ganz betroffen.

Line zuckte zusammen, blickte sich blitzschnell nach der Tür um und atmete endlich tief auf. Und während ihr das Blut die Wangen glühend färbte, bezwang sie sich und versuchte zu lachen: »Mußt es nicht weitersagen, Hann,« stotterte sie, — »ich — war so neugierig — du weißt ja — und da hab' ich den Brief in der Küche über dem Wasserdampf ein bißchen geöffnet — bloß ein bißchen. Dabei is doch nichts? Was? — Aber nicht weitersagen! — Hörst du?«

Allein Hann stand ganz niedergedonnert vor der lieblichen Verbrecherin. Er schämte sich derartig, daß er zitterte, als hätte er selbst das Unerhörte begangen.

»Aber Lining,« murmelte er, »wie konntest du das bloß — — wie —«

»O, das war doch nur Spaß.«

»Ja, aber wenn nu einer aus Spaß stehlen wollte?« sprach er in seiner philosophischen Methode weiter.

Jedoch Line war bereits wieder ganz getröstet. Sie versetzte ihm mit ihrer kleinen Faust einen neckischen Puff in die Seite, und während sie ihn lachend zur Tür hinausschob, rief sie ihm in ihrer gedämpften, kaum hörbaren Art über die Treppe nach: »I, du bist nicht klug, du dummer Junge. — Und nun grüß alle zu Haus. Auch Klara Toll. Und bring uns bald wieder was Gutes zu essen. Hörst du?«

»Ja, gern, Lining,« sprach der Schiffer vor sich hin, während er noch halb befangen die Treppen hinuntertappte. »Und wenn du mir's erlaubst, dann komm' ich auch bald wieder; aber — aber —«

Damit blieb er vor dem Hause stehen und sah noch lange bekümmert zu dem Fenster hinauf, an dessen Scheiben sich so silberne Eisblumen rankten und hinter welchem die Hyazinthen so süß geduftet hatten.

»Ja, ja,« seufzte er endlich aus seinem Traum tief auf: »Das is auch nichts anderes als so 'ne untergegangene Stadt aus den Kinderjahren. Ja, ja — aber will man nach Haus gehn.«

IV

Es war ein sehr einfaches, beinahe ärmliches Stübchen, in dem der Konsul Hollander an diesem Neujahrsmorgen seinem Hamburger Vertreter auf einem derben Holzstuhl gegenübersaß. Er selbst steckte noch in seinem weiten orientalischen Schlafrock, unter dem sich die weißen Unterhosenbänder lustig über ausgetretene grüne Pantoffeln herabschlängelten; auf dem Haupte trug er eine schwarzseidene Mütze, und von Zeit zu Zeit fuhr er sich verdrießlich über seine unrasierten, stoppeligen Wangen, als ob er sich heute ganz besonders unbehaglich fühle. Und doch hatte er nicht den geringsten Grund zu dieser üblen Laune. Befanden sich doch die Abrechnungen des jungen Herrn mit dem hübschen braunen Schnurrbart und der streng englischen Toilette in bester Ordnung. Und wenn auch die Reisespesen des Vertreters ungewöhnlich hoch waren — — — »Schockschwerenot — nobel, nobel,« murmelte der Konsul, während er heftiger seine Stoppeln rieb, so brachte er doch auf der anderen Seite Abschlüsse und Bestellungen für die Werft heim, wie sie der Chef schon so lange nicht mehr in Händen gehalten hatte.

»Sieh mal an! — Die asiatische Linie bestellt also doch den Sechstausend-Tonnen-Schraubendampfer? Hm — und die Holländische Heringskompanie zehn Fischerkutter!? Puh — schockschwerebrett.«

Dem Konsul träufelte das Auge. Er wischte es mit der Hand und sah wieder auf das Blatt. Aber die Bestätigungen der Abschlüsse blieben stehen; aufrecht, in der schönen, lateinischen Schrift Brunos verzeichnet.

»Merkwürdig.«

Und wieder blinzelte der Werftbesitzer über das Blatt fort auf seinen jungen Untergebenen, der ihm so frisch und adrett gegenübersaß, und wieder faßte ihn die Unbehaglichkeit so stark, daß er sich fast die Backe wund rieb.

»Akzeptable Preise,« murmelte er von neuem und spuckte aus. Dann warf er die Papiere auf den schmalen Klapptisch, der seinem Feldbett gegenüber an der Wand angebracht war, und fuhr seinen Angestellten mit voller Grobheit an.

Länger konnte er sich nicht mehr bändigen.

»Sagen Sie mal, wie machen Sie das eigentlich?«

»Wie ich das mache, Herr Konsul? Ich verstehe nicht recht.«

Um Brunos frische Lippen zuckte ein Lächeln. Hollander verzog die Stirn.

»Mir ist ganz ernsthaft zumute. Ich meine, wie alt sind Sie denn nun eigentlich mit der Wurzel?«

»Vierundzwanzig, Herr Konsul.«

»Nicht zu glauben — also ganze vierundzwanzig — So!? — Kuck mal an! Ja, hat sich denn im Ernst die Welt so verjüngt, oder sind Sie wirklich der Ausnahmemensch, für den Sie sich ja, wie ich Ihnen früher immer gesagt habe, heimlich halten?«

Bruno blieb ruhig sitzen, während der Konsul mit flatternden Hosenbändchen in der Stube auf und nieder schlurfte. Und doch färbten sich die Wangen des jungen Mannes glühend rot, seine Augen erhielten förmlich einen fieberischen Glanz, denn jetzt äußerte endlich, endlich, der grobe, massive Mann dort offen und ehrlich, was während Brunos langer Lehrzeit stets wie eine kalte Wolke zwischen ihnen gelagert hatte. Dieses stille, heimliche, lauernde Mißtrauen, das sich vergrößerte, je schneller und überraschender sich die spielende Tüchtigkeit des Lehrlings entfaltete, je mehr ihn die anderen Angestellten bewunderten und anstaunten. Aber warum? Warum? Das konnte sich Bruno, den es stets mit Gier, mit Unabwendbarkeit vorwärts gezogen, auch heute nicht entschleiern.

Glühend rot überzog es seine Wangen, mit zitternder Stimme und lächelndem Munde sagte er: »Herr Konsul, Sie sagen mir das in der ersten Stunde meiner Heimkehr von dem Posten, auf den Sie mich selbst gestellt. Ich muß also annehmen, daß ich niemals Ihre volle Zufriedenheit besessen habe und sie auch heute noch nicht besitze.«

Der Konsul blieb stehen, zupfte abgewandt an seinem Bett herum, klappte mit den Pantoffeln und schlug endlich ungeduldig auf das Kopfkissen. — — »I was, Zufriedenheit,« knurrte er barsch heraus. »Was brauchen Sie sich aus meiner Zufriedenheit zu machen? — Sie leisten ja das Ihrige. — Das ist es eben. — Na, ich muß mir mal Luft machen, Sie nehmen mir das nicht übel, oder, wenn Sie's tun, dann kann ich mir auch nicht helfen. — Also kurz und gut, Sie leisten genug, verstehen Sie, ich meine, was den Erfolg betrifft; diese beiden Abschlüsse zum Beispiel hier, besonders der aus Holland, an dem haben andere Angestellte von mir durchaus vergebens herumgedoktert; aber Sie? — Sie kommen einfach und haben so eine Art, den Leuten Geschichten vorzuerzählen, die Vorsichtigsten so zu blenden, daß — — —«

Bruno klopfte das Herz. Was er da von seinem Charakter vernahm, erschreckte ihn unwillkürlich: »Herr Konsul,« unterbrach er stockend, »Sie wollen mir doch nicht vorwerfen, daß ich Ihre Kunden durch lügenhafte Berichte täusche?« Seine Rechte schloß sich dabei krampfhaft um die Ledermappe.

»I bewahre, fällt mir gar nicht ein,« fuhr der Werftbesitzer fort, während er wieder auf das Kissen schlug — »Lügen!? — I wo, so dumm werden Sie doch nicht sein. Nein, aber Sie besitzen so eine Einbildungsgabe, so eine — na, wie drück' ich mich aus? — solch eine Kraft in Ihren Schilderungen, daß Sie einen ordentlich zwingen, alles das zu sehen, was Sie sich selbst dabei vorgestellt haben.«

»Und das wäre etwas so Schlimmes?« brachte Bruno staunend hervor.

Er wollte die Achsel zucken. Aber er vermochte es nicht. Immer enger und drückender legte sich ihm die Unruhe ums Herz, ein leises Frösteln überlief ihn. Er konnte sich durchaus nicht mehr zwingen, alles das kindisch zu finden, was der verbitterte Mann dort vorbrachte.

»Schlimmes?« wiederholte Hollander ärgerlich, wandte sich nach ihm um und ließ sich schwerfällig vor dem jungen Mann auf den Holzstuhl nieder. »Ja, das weiß ich auch nicht. — Es ist vielleicht nur der Anfang. Ich will Ihnen, lieber Klüth, mal ganz reinen Wein einschenken. Während Ihrer ganzen Lehrzeit hab' ich Sie beobachtet. Das wissen Sie. Und da frage ich Sie: Haben Sie jemals ordentlich gearbeitet? — Nein! War auch nicht nötig. Ihnen ist alles angeflogen. Warenkenntnisse, technische Erfahrung, Handelsrecht, Sprachen und so weiter! Alles so im Handumdrehen! Von einem Posten zum anderen sind Sie aufgerückt. So im Flug — wenn auch heimlich gegen meinen Willen. — Aber ich konnte nicht recht was Stichhaltiges dagegen einwenden. Und nun kommen Sie nach der Hamburger Vertretung, die auch gut ausgefallen ist — sehr gut sogar, in mein Geschäft zurück, und wenn mich nicht alles trügt, dann haben Sie es jetzt auf die Prokura abgesehen. Sie möchten also jetzt mein Vertreter werden, dessen Unterschrift gilt wie die meinige. — Nicht wahr, Sie wollen jetzt auch unterzeichnen: >Johann Christian Hollander<? Sagen Sie mal aufrichtig, Klüth — ist es nicht so?«

Bruno sprang auf. Er fühlte, daß er an sich halten müßte, daß nur kalte, geschäftliche Nüchternheit hier zum Ziele führen könnte, allein die verletzende Art des Mannes, sein unverhohlenes Mißtrauen, das den Jüngeren all die langen Jahre hindurch immer und immer wieder aus diesen grauen Augen umlauert hatte, das ließ ihn jetzt alle Mäßigung vergessen. Was hatte er auch zu fürchten? Was sich vorzuwerfen? Waren nicht alle seine Gedanken stets auf den Vorteil dieses alten Sonderlings und seines Geschäftes gerichtet gewesen?

Illustration from Hann Klüth: Roman

Mit vollem Feuer, mit blitzenden Augen sprang er auf, und lauter und kräftiger, als wohl je ein Angestellter dem alten Hollander eine Antwort zu erteilen gewagt, rief er mit heißer, zorniger Stimme: »Ja, Herr Konsul, da wir nun einmal so weit halten, so sind mir die möglichen Folgen auch gleichgültig. Jetzt sollen Sie es wenigstens erfahren. Ja, die besten Jahre meiner Entwicklung haben Sie mir verbittert. Sie allein. — Nie ein Wort der Anerkennung, immer dieses Herumspähen, als hätte ich keinen anderen Gedanken, als gelegentlich einmal Ihre Kasse auszuplündern — — —«

»Klüth,« rief der Alte dazwischen, doch der andere achtete nicht darauf.

»Ich kann Ihnen nur sagen: daß ich darüber nicht wirklich schlecht, nachlässig und ein Duckmäuser geworden« — hier erhob sich die Stimme des Heimgekehrten höher, und er trat heftig einen Schritt auf den Werftbesitzer zu, der unbeweglich, mit vorgebeugtem Haupt vor ihm verharrte, »daß ich darüber nicht wirklich ein Duckmäuser geworden, wahrhaftig, das habe ich einzig und allein meiner von Ihnen so geschmähten guten Laune zu verdanken. Sie aber, Sie haben alles getan, um diese Fröhlichkeit zu unterdrücken. Oder glauben Sie, es wäre mir leicht gefallen, wenn Sie mich die ganze Zeit über, die ich in Ihrem Hause lebte, wie einen lästigen Freiesser in meinem Stübchen im Hinterhaus sitzen ließen, während die meisten meiner Kollegen zu den großen und kleinen Festlichkeiten in Ihrer Familie hinzugezogen wurden? Wie oft hab' ich Tanzmusik gehört und hab' allein gesessen. Das hat mich heiße Tränen gekostet. Heute können Sie es erfahren. Das vergaß ich Ihnen nicht, Herr Konsul.«

Die Stimme des Aufgeregten zitterte, seine Brust hob und senkte sich, und der Prinzipal konnte wahrnehmen, wie Tränen in seinen Augen aufstiegen.

Der Alte knurrte etwas, das wie »Dummheiten« klang, doch man sah, daß er noch mehr hören wollte. Eine Weile herrschte Ruhe in dem kleinen Raum. Beide musterten sich. Endlich hob der Werftbesitzer schief das Ohr, plinkerte mit den Augen und fragte scharf und halb spöttisch: »Na, und was nun weiter?«

»Was weiter? — Oh, mir bleibt nur die Frage: ob Sie mir jetzt den Grund angeben wollen, warum Sie mir den Prokuristenposten, der mir gebührt, vorenthalten? Oder ob es nicht überhaupt besser wäre, wenn wir diesem unleidlichen Verhältnis lieber gleich ein Ende bereiteten?«

Der Konsul zog die Augenbrauen in die Höhe: »Sie wollen gehn?«

»Ja.«

»Hm!«

Er wandte sich, zog mit den schlängelnden Hosenbändchen zum Fenster und kehrte ihm dort den Rücken. Leise trommelte er an die Scheiben. Nicht lange, dann hörte er hinter sich ein seltsames Geräusch, ein tiefes Atmen, ein Schlucken, schließlich ein gewaltsam gebändigtes Schluchzen. Überrascht kehrte sich Hollander zu seinem Besuch zurück. Doch wenn er die aufflammende Natur seines Lehrlings, die ebenso leicht zu unmäßigen Ausbrüchen der Freude, wie zu wild hervorbrechenden Klagen neigte, nicht von früher gekannt hätte, so würde er nur an den bebenden Lippen Brunos erraten haben, was durch die Seele des jungen Mannes stürmte.

Denn äußerlich stand die feine Gestalt unverändert da, nur die braunen Augen flammten noch, wie vorher, vor innerer Erregung.

Wieder verzog der Alte die Stirn. Dann ging er langsam auf seinen Besuch zu, und wie in fernen Gedanken nahm er den Jüngeren an einem Rockknopf, an dem er ihn während des Folgenden energisch hin und her zupfte: »Na, nun wollen wir's gut sein lassen, Klüth, nun beruhigen Sie sich man vorläufig, Sie — verstehen Sie?« — Und während er ihn noch energischer bewegte, fuhr er brummig fort: »Daß Sie heute mal ausnahmsweise nicht lauter Zucker und Sirup von sich gegeben, daß Sie mir sogar ordentlich Grobheiten ins Gesicht geworfen haben, na, nehmens mir nicht übel, junger Herr, das hat mir bis jetzt am allerbesten von Ihnen gefallen! — Wahrhaftig! — Vielleicht, na, hm — bloß das Pistol auf die Brust setzen kann ich nun mal nicht leiden. Nun passen Sie auf. Ich sag' Ihnen die Prokura nicht ab — nur Zeit zum Überlegen will ich haben. Verstanden? Das muß ich. Zwingen lasse ich mich nicht.«

Ohne eine Antwort abzuwarten, schritt er wieder an das Fenster, um von neuem an die gefrorenen Scheiben zu pochen. Er schien mit sich zu kämpfen, dann fiel es noch so über seine Lippen, seine Tochter Dina würde heute abend ein paar Bekannte zum Tee bei sich sehen, und daß es ihn, den Konsul, freuen würde, wenn Bruno sich dazu einstellen möchte. Fräulein Dewitz und das kleine Ding, wie heißt sie noch? —

»Line.«

Jawohl, die wären auch da. Auch der ältere Bruder von Bruno, der Predigtamtskandidat.

»Na, kommen Sie nun?« fuhr der Werftbesitzer plötzlich auf, als sein Angestellter noch immer schwieg.

Da bewegte sich der Angeredete und fragte mit fester Stimme, wann er das Definitive über seine Stellung hören würde.

Diese Zähigkeit, dieses kaufmännische Festhalten schienen dem Konsul zu imponieren. Mehrmals nickte er nachsinnend mit dem Kopf, dann schlurfte er auf Bruno zu und klopfte ihm eifrig auf den Arm: »Na gut — sehr schön — sich nicht durch Nebendinge aufhalten lassen — ganz richtig. In vierzehn Tagen bescheide ich Sie. Aber nun machen Sie auch, daß Sie fortkommen, Klüth, ich will nun doch in meine Büxen hinein! — Morjen, ja, ja, schon gut — hol' Sie der Deuwel, Adieu!«

V

Am Vormittag desselben Tages brachte der Diener des Konsuls die Teeeinladung an Fräulein Dewitz. Hinten auf der englischen Karte stand in der schönen, klaren Schrift Dina Hollanders geschrieben: »Fräulein Line kommt natürlich mit.«

»Hörst du, wie nett sie schreibt?« fragte Fräulein Dewitz wohlgefällig, als sie sich in der Küche die Brille abputzte. »Sie ist wirklich ein sehr wohlerzogenes Mädchen. Du mußt ein bißchen auf ihre Manieren aufpassen, denn in diesen Schweizer Pensionaten lernt man das auf das feinste. — Und nun bind' dir die Schürze um, mein Kinding, damit das schöne, blaue Kleid nicht fleckig wird.«

Und während sich die Handarbeitslehrerin in der halbdunklen Ritze umsah, die »Küche« benannt wurde, weil auf einem sehr weißgescheuerten Tische ein Petroleumofen stand, leckte sie sich wieder befriedigt die Lippen und äußerte endlich halb fragend: »Sollen wir nicht die schönen Schnitzel bis morgen aufheben? Bei Hollanders gibt es immer so viel zu essen. — Und man sollte sich vorher den Magen nicht überladen. Was meinst du? — Ja, und was ich noch fragen wollte, was ziehst du dir denn an?«

»Oh,« entgegnete Line wegwerfend, »für wen sollte ich mich da wohl besonders fein machen?«

Die Lehrerin wiegte zweifelnd das Haupt. Allein sie widersprach nicht. Auch ihr war es immer ein heimliches und behagliches Gefühl, die guten Kleider recht lange geschont im Schrank zu wissen.

* * *

Zwischen drei und vier hielt das alte Fräulein im Alkoven ihr Mittagsschläfchen.

Dann herrschte sabbatliche Stille in den blankgescheuerten Räumen. Das Rouleau mit den blauen Bildern war herabgelassen, und hindurch strömte beruhigende Dämmerung. In dieser Stunde schlich Line stets auf Zehen umher, und man hörte nichts, als höchstens einmal das feine Läuten eines Schlittens, der vom Lande durch die Straße klingelte, dazwischen das ruhige Atmen der alten Dame.

Aber, weiß der Himmel, wieso ihr Schlummer heute immer wieder unterbrochen wurde. War es die Aussicht auf den Teeabend im vornehmen Hause des Konsuls, die sie erregte, oder raschelte und rauschte es wirklich so vernehmlich nebenan? Resigniert erhob sie sich nach einer Viertelstunde und öffnete die Tür zum Nebenzimmer.

Verdutzt blieb sie an der Schwelle.

Da bog sich Line vor dem alten Mahagonispiegel hin und her, neben dem sie ein Licht entzündet hatte, um ihre schlanke Gestalt in dem englischen, schwarzen Gewande, das knapp bis an den Hals schloß, besser betrachten zu können. Langsam strichen ihre Hände an der Taille herunter, dann ließ sie weich das Haupt nach hinten sinken. Ihre Brust dehnte sich, ihre Augen schlossen sich, es mußte ein wohliger Traum sein, der das junge Geschöpf entführte.

Fräulein Dewitz tastete nach ihrer Brille, aber sie fand sie nicht. Mein Gott, betrog sie denn der flackernde Lichtschein, oder vollführte Line wirklich dort solch merkwürdige Bewegungen? Der Kopf der alten Dame begann vor Erstaunen leicht zu zittern. »Mein Gott, Lining,« brachte sie endlich hervor, »was machst du denn da?«

Auf den Anruf ging ein unmerkliches Erschrecken durch die Glieder des Mädchens, dann wandte sie sich und um ihre Lippen spielte ihr kindliches, halb verlegenes Lächeln.

»O Tanting, ich wollt' ja nur einmal nachsehn, ob mir das Kleid nicht zu eng geworden. Du meintest doch selbst, daß es bei Hollanders heute so fein zugehn würde.«

»Ja, ja, das wohl.« Fräulein Dewitz schüttelte das Haupt und mußte wieder an die üppigen Bewegungen denken. »Ja, aber ein junges Mädchen sollte doch nicht so eitel sein, ich habe das nicht gern.«

Jetzt flog Line auf sie zu und schlug den Arm um sie: »Tanting, ich wollte dir doch nur einen Gefallen erweisen. Weißt du das nicht?«

»Mir?« Fräulein Dewitz sah ihrer Schutzbefohlenen in das schmale, lebhafte Gesichtchen und wurde versöhnt. Freilich, das war etwas anderes. »Na, denn geh hinaus, mein Kind,« entschied sie endlich, »und mach den Kaffee für uns beide. Nicht zu stark. Aber zuerst puste hier das Licht aus. Das wäre doch wirklich eine Verschwendung.«

* * *

In einem kleinen Stübchen in der Rakowerstraße bei der Drechslermeisterswitwe Wilhelmi wurde gleichfalls über die Einladung zum Konsul Hollander nachgedacht. Da stand der älteste Sohn der Klüths, der Predigtamtskandidat Paul, an dem Fenster und blickte auf die enge, krumme Gasse hinaus.

Draußen schwarzgraue Dämmerung, Schneegewimmel, kein Fußtritt hörbar, nur manchmal tickten härtere Flocken gegen die Scheiben, und vom Fluß stöhnte einmal ein Windzug herauf.

Hinter dem hageren Manne mit den verarbeiteten Zügen saß bei einer einfachen Stehlampe ein elfjähriger Junge am Tisch und schrieb mit kritzelnder Feder emsig aus einem Buch etwas ab. Das war einer der vielen Schüler des Theologen, deren Beaufsichtigung ihm das kärgliche Brot für seine Existenz gewährt hatte.

Jahraus, jahrein immer dasselbe. Es war kein Wunder, daß Paul nicht fröhlicher und umgänglicher bei dieser Lebensweise geworden.

An der Wand raschelte etwas an der Kuckucksuhr. Der hölzerne Vogel sprang heraus und rief seinen fröhlichen Ruf: Sechs Uhr.

Um neun war der junge Geistliche zum Konsul gebeten.

Paul verzog die Stirn.

War es nicht seltsam, daß er erst dort mit seinem zurückgekehrten Bruder zusammentreffen sollte? Daß es nicht Bruno, den einzigen, der ihm aus seiner Familie an Bildung nahestand, vorher allein, vertraulich und brüderlich zu ihm gezogen?

Immer schwärzer sank die Dunkelheit in das enge Gäßchen. Und tiefer und bohrender grübelte Paul in sich hinein. Ja, ja, das war gerade das Merkwürdige in seiner eigenen Natur. Ganz deutlich empfand er, wie fremd seinem Innersten eigentlich all die Mitglieder seiner Familie geworden, dieser lebhafte, phantastische Bruno, diese zierliche, unberechenbare Line, aus der er nicht klug wurde; ja selbst Hann, mit dessen Unbeholfenheit er nur ein heißes Mitleid fühlte, und dennoch — ja, das war es — etwas Tiefes, Zwingendes, Angeborenes trieb, nein, geißelte ihn dazu, in jeder Stunde und mit allen seinen Gedanken unaufhörlich an dieser Familie zu haften, sie zu beobachten, zu warnen, zu fördern, und immer wieder zu erscheinen, um ihre Angelegenheiten zu den seinen zu machen.

So hatte er in all den Jahren trotz seines Widerwillens gegen den grobkörnigen Siebenbrod jede Woche einen Abend in Moorluke bei der Mutter zugebracht, so war er während Brunos Lehrzeit fast täglich mit dem Jüngeren zusammengetroffen, und auch in der blanklackierten guten Stube von Fräulein Dewitz hatte er sich — ein von der Lehrerin besonders geschätzter Gast — häufig eingestellt.

Seine Gedanken irrten weiter.

Warum Bruno wohl nicht kam? — Ob er in der reichen Handelsstadt sich nun völlig dem flotten, eleganten Leben hingegeben, das Paul stets mit Mißbehagen an dem Jüngeren bekämpft hatte? Vielleicht war es dem Heimgekehrten überhaupt peinlich, sich den ewigen Vorhaltungen seines ernsteren Bruders auszusetzen?

Oh, wenn das möglich wäre? — Paul biß sich auf die Lippen, während er immer finsterer in die graue, wirbelnde Dunkelheit starrte — nein, es war vielleicht doch unrecht von ihm, daß er sich nicht gleich aufmachte, um zu ergründen, was aus dem Jüngeren geworden. Er wollte — — — — — — — — — — —

Hinter ihm stockte das Kritzeln der Feder.

Der kleine Quartaner, der bis dahin öfter sehnsüchtige Blicke auf die Wanduhr geworfen, stützte schwermütig den Kopf auf, dann bezeichnete er mit dem Finger eine Stelle in seinem Buche und fragte endlich: »Herr Klüth, ist Semiramis masculinum oder femininum?«

Paul fuhr auf.

»Was? — Was? — Ob die Königin Semiramis —?«

»Ja, denn im Ostermann steht, Semiramis lebte völlig als ein Mann, und da dachte ich — — —«

»Semiramis ist eine Frau,« schnitt der Lehrer, dem der Sinn für Humor abging, kurz ab und stellte sich wieder an das Fenster. Allein, die Kette der Gedanken war gerissen. Wilder stäubte der Schnee durch die Straße, deutlicher stöhnte der Wind um die Ecke, und mißtönend kreischte die Feder, die der Quartaner nun — beruhigt über das Geschlecht der Semiramis — wieder emsig über das Papier führte.

Da wurde kurz an die Tür geklopft.

»Herein!«

Und auf der Schwelle stand ein junger Herr in elegantem Pelz und Zylinder.

Paul erkannte ihn nicht. Er wollte auf den Fremden zugehen und nach dessen Begehr fragen, als eine wohlbekannte Stimme an sein Ohr schlug.

»Na, Jünging, wie geht's?«

»Bruno? Du?«

»Ich, Herr Pastor.«

Das klang so jugendlich, so frisch, daß in Pauls sorgendes Herz für einen Augenblick helle Freude einzog. Ohne seine schwere Eckigkeit, ja, mit einer Hast, die er sonst nicht kannte, stürmte er auf den Heimgekehrten zu, als wolle er ihn in die Arme schließen. Doch unmittelbar vor dem feinen Pelzwerk mußte ihn sein starrer Sinn anders belehren. Nur nach der Hand des Bruders griff er, aber hastig, ungestüm, beinahe sehnsüchtig, und es wurde ihm ordentlich warm, als der andere sie mit voller Lebhaftigkeit schüttelte.

»Bruno,« brachte er stammelnd hervor, »lieber Bruder!«

»Ja, ja, altes Haus,« lachte der andere, »jetzt freu' dich mal.«

»Ja, ich freue mich, — ich freue mich.«

Er sah im Moment nicht mehr die elegante Hülle des Jüngeren, die ihn anfangs befremdet hatte, er erkannte nur die gesunden, ihm so lieben Züge des Bruders und zog ihn weiter ins Zimmer.

Der Ankömmling blickte sich verwundert um. Die Kahlheit des Raumes, der Tabaksgeruch und die derben Möbel schienen ihm wenig zu gefallen.

»Wohnst du noch immer so häßlich?« fragte er ein wenig mitleidig, während er dem Theologen gutmütig die Wange streichelte.

Der andere entzog sich der Liebkosung. Dergleichen schien ihm vor seinem Schüler unpassend.

»Häßlich?« fragte er. — »Es ist doch hier alles recht bequem?«

»Na ja, dagegen will ich nichts einwenden,« lenkte Bruno ein und setzte sich auf den Stuhl am Fenster. Ohne den Zylinder abzunehmen, zeichnete er mit seinem Ebenholzstock ungeduldig auf dem Estrich herum. Es sah ganz aus, als wolle er nur wenige Minuten bleiben.

Paul blickte ihn bekümmert an: »Willst du denn nicht ablegen?«

»Natürlich — gewiß — bloß ich dachte —« er deutete auf den Quartaner, der die Ohren spitzte.

»Oh, ich kann ja auch gehen,« stimmte der Pennäler sehr vergnügt zu und begann seine Hefte zusammenzuraffen. Jedoch eine solche Versäumnis widersprach Pauls Pflichtgefühl. Mit ernster Miene bedeutete er seinen Bruder, daß der Schüler unmittelbar vor der Versetzung stehe und daß das tägliche Pensum nicht unterbrochen werden dürfte. Bruno möchte eine kurze Weile entschuldigen. Dann beugten sich Lehrer und Knabe gemeinsam über den Ostermann, und lächelnd vernahm der junge Kaufmann ihr erregtes Murmeln; längst entwöhnte lateinische Brocken schlugen an sein Ohr, und erst als die Thronstreitigkeiten der Semiramis gänzlich entschieden waren und der Kuckuck »sieben« schrie, da durfte Walter Müller nach Hause eilen.

Er verbeugte sich feierlich vor Pauls Bruder, bevor er sich rückwärts aus der Tür zurückzog.

»Gottlob!« atmete Bruno auf, der sich inzwischen seines Pelzes entledigt hatte und sich nun leicht in eine Ecke des Sofas warf. »Gottlob, daß wir diese Pennälerjahre hinter uns haben.«

»Du bist also jetzt zufriedener?« forschte der Theologe, der sich dem Heimgekehrten gegenüber auf einem Stuhl niedergelassen und jetzt die Lampe beiseite schob, um den Anblick des lange Entbehrten voll zu genießen.

»Zufriedener? Gewiß. Was waren das aber auch für magere Jahre, Paul. Denk' bloß mal nach — wenn wir einen Braten zu Hause rochen, das war ja schon ein Festtag.«

»Hm — daran erinnere ich mich kaum.«

»Ja du — und dann bei dem alten Hollander das Gedrücktsein, diese schreckliche Abhängigkeit, nein, gottlob, etwas weiter haben wir es doch gebracht.« —

Dabei streichelte er beinahe liebkosend das Fell des Pelzes, der neben ihm auf der Sofalehne ruhte. Dann strich er sich das Haar zurück und fuhr lebhaft fort: »Paß mal auf — jetzt kommen wir auch einmal an die Reihe.«

»Wieso? Was heißt das, Bruno?«

»Menschenskind, mach' doch nicht solch erstauntes Gesicht — rauchst du?«

Dabei bot er ihm ein feines, schmales Silberetui.

Aber der Kandidat verneinte. Er rauche nur Pfeife.

»Fi!« Bruno verzog die Nase. — »Sieh, das hier sind russische Zigaretten. Die haben das feinste Aroma. So! — Riech' mal bloß, Kerlchen — diese blauen Wolken! Fein! — Was? Ja, und was ich sagen wollte — — weshalb sollen wir jetzt nicht mal in die Höhe kommen? Das ist doch ein bekannter Prozeß, die Oberen sterben ab, und die Unteren drängen sich an ihre Stelle.«

Als er das sagte, breitete er die Arme aus, so daß sich seine Brust hob, und die ganze Gestalt reckte sich.

Der Theologe stützte den Kopf in beide Hände und sah den Jüngeren immer forschender an. Noch konnte er sich durchaus nicht in das Wesen des andern hineindenken.

»Erzähl' mir, wie du in Hamburg gelebt hast,« bat er.

Das tat der junge Kaufmann.

Und während er sich immer eine Zigarette nach der anderen entzündete, und während er große Wolken blies, die er dann mit der flachen Hand zerteilte, begann er sich an der eigenen Schilderung zu erwärmen.

Da zog es an dem ängstlich aufhorchenden Bruder in bunten, schillernden Bildern vorüber, das Leben und Walten der großen Stadt, das Getriebe der Börse, die Schiffahrt, die nervenspannende Tätigkeit bei Spekulationen und überseeischen Geschäften, und alles, alles klang aus in den einen Jubelruf, daß der Erzähler jetzt selbst bereits ein Einkommen habe, daß es aber größer werden müßte, und immer größer, und wie er dann seine Familie heben wolle, alle, alle — und daß Geld eine Macht sei, ein Zauberstab, der beleben und töten könne.

»Oh, du sollst mal sehn — du sollst mal sehn.«

Da saß er wieder — ja, es war derselbe, der mit dem fieberhaft erregten Kinde auf der Ruinenmauer gehockt und ihm all seine tollen Worte ins Ohr geflüstert, die wie klirrende Goldstücke geklungen.

Und der Ältere blickte auf ihn hin, schweigend, erschrocken, seine Augen vergrößerten sich immer mehr, und er wußte selbst nicht, warum ihm das Herz so drohend und schmerzlich gegen die Brust zu hämmern begann.

VI

»Zum Tee geladen, und dann vier Gänge — warm —. Und zum Schluß Eis,« flüsterte Fräulein Dewitz Line anerkennend zu, als sie sich endlich vom Tisch des Konsuls erhoben, um sich in das Musikzimmer zu begeben. »Und hast du auf die Selleriestauden geachtet? — Dein Bruder Paul fragte mich, wozu man diese brauche? — Mein Gott — aber dein Bruder Bruno — wirklich, er hat recht ansprechende Manieren, es tut ordentlich wohl, wie gut er zu essen versteht. — Ja, ja, daran erkennt man gleich die Lebensart. Und nun gib dem Konsul die Hand, Lining — und sei nicht so still; das bist du doch sonst nicht.«

* * *

Man hatte während des Mahls über den Text des Yankee doodle gestritten, von dem Bruno in drolliger Weise berichtet hatte, daß ihn die jungen Damen der ersten Hamburger Kreise seit kurzem auf eine merkwürdige Art zu tanzen pflegten. Der Konsul, der am unteren Ende der Tafel gesessen, neben Fräulein Dewitz, der er stets in überaus höflicher Weise die Honneurs erwies, war über diese neue Torheit der Zeit entrüstet gewesen.

»Werden wohl demnächst Negertänze aufführen — —« hatte er der Handarbeitslehrerin brummig zugeflüstert. Und das alte Fräulein mußte erwidern: »Ja, ja, zu unserer Zeit wurde Menuett getanzt, und höchstens mal ein Schottischer — ach Gott, und es war doch auch schön.«

»Recht — ich besinne mich noch,« pflichtete Hollander bei. »Sie hatten damals einen lütten, zierlichen Fuß.«

»Hm.«

Fräulein Dewitz schluckte an ihrem süßen Wein und begann noch heute ehrlich zu erröten, und der Steuerrat Knabe, der als Schulfreund des Konsuls und alter Junggeselle der einzige Fremde an der Tafel gewesen und Line zu Tisch geführt hatte, räusperte sich und äußerte zum erstenmal ein Wort: »Ja, ich besinne mich auch noch ganz gut.« Und dann zupfte er an seiner altertümlichen schwarzen Halsbinde, zwinkerte in sein Glas hinein und lachte still in den spiegelnden Rheinwein hinunter.

* * *

An einem großen amerikanischen Flügel fanden sich die Jüngeren zusammen.

Der Konsul und sein Jugendfreund hatten sich in dem anstoßenden Herrenzimmer ihre Zigarren entzündet, Tante Mathilde, die Schwester des Konsuls, die seinem Hauswesen vorstand, trippelte hin und her, und Dina Hollander lehnte in der Beugung des Flügels und blätterte in einem Stoß Noten. »Nichts —« entschied sie endlich, »in diesem Heft nationaler Lieder fehlt der Yankee doodle.«

In ihrer Stimme lebte etwas Ruhiges, Sicheres, Überlegtes. Wie sie so dastand in dem einfachen weißen Gewand mit ihrem leuchtenden, blonden Haar und der großen, schlanken Gestalt, gleichsam von einem Duft der Reinheit umweht, da erhöhte sich bei Bruno, der ihr Nachbar bei Tisch gewesen, von neuem der Eindruck, daß er vor der Klarheit dieses Mädchens eine Scheu empfinde, ja, daß in der gleichmäßigen Ruhe ihrer Augen eine Art Beleidigung für ihn läge. Es war ein toller Gedanke, aber er hielt ihn von ihr fern, um ihn dann ganz unvermittelt wieder anzutreiben, diese Gleichgültigkeit zu mildern, zu überwinden, oder wenigstens zu entdecken, ob etwa das Mißtrauen des Vaters von diesem auf die Tochter übertragen worden sei.

Aber warum? — Warum?

Ohne daß er es wußte, war dadurch in sein Benehmen eine Art Zwiespältigkeit gedrungen; erst eine Scheu, ein ängstliches Achten auf sich selbst, und dann wieder eine aufspringende Lebhaftigkeit, der Wunsch, mit sich fortzureißen, zu gefallen. Und durch alles hindurch bohrte das Gefühl, daß er unausgesetzt und heimlich von den grauen, unbestechlichen Augen des Konsuls beobachtet würde.

Nein, diese Familie war nicht zu gewinnen.

Während des ganzen Abends empfand er nur eine einzige Unbehaglichkeit, die er gern bannen wollte, und die ihn doch immer wieder zu neuen Versuchen zwang.

»Schade,« äußerte Tante Mathilde, die gerade wieder mit kleinen Mokkatassen hereintrippelte, »ich hätte den amerikanischen Gassenhauer ganz gern einmal gehört. Denn, nicht wahr, in der Familie schadet das doch nichts, liebes Fräulein Dewitz?«

»Wenn Sie gestatten, dann möchte ich Ihnen gern die Melodie vorspielen,« erbot sich unerwartet Bruno, während er der Tante eine leichte Verbeugung machte, jedoch gleichzeitig halb ängstlich wieder auf die Tochter seines Chefs blicken mußte.

Man war allgemein erstaunt. Der Theologe, der in einem unmodernen, schwarzen Rock unter der Gardine des Fensters lehnte, rückte besorgt hin und her. Von musikalischen Fähigkeiten seines Bruders hatte er bis dahin nichts gewußt.

»Spielen Sie denn?« fragte Tante Mathilde nicht unfreundlich.

»Ja — ein wenig nach dem Gehör.«

»Sieh — sieh,« meinte der Konsul, der einen Augenblick durch die Tür lugte. »Das ist ja interessant.« Er winkte seiner Tochter jovial mit der Hand zu und ließ sich wieder bei seinem Jugendfreund nieder, von wo die beiden Alten trotz eifrigen Rauchens aufmerksam auf das Folgende zu lauschen schienen.

Und Bruno löste seine Aufgabe meisterhaft.

Ein frischer, fröhlicher Klang quoll unter seinen Fingern hervor, seine Hände flogen, voll und melodiös, mit rauschender Begleitung, tönte der pikante Gassenhauer durch das Zimmer.

»Yankee doodle went to town.«

Da teilte sich allen die innere Fröhlichkeit mit. Selbst Dina wandte sich langsam und blickte den Spielenden erstaunt an; und der kleine Funke, der ihr Auge vorüberhuschend durchblitzte, feuerte Bruno an, noch mehr zu wagen.

Oh, er mußte diese schweigende Abneigung, die hier gegen ihn wirkte, endlich besiegen, er war doch ein Kind des Glücks, ihm flogen ja sonst die Herzen zu, und hier sollte — — — er begann plötzlich mit seiner hellen Stimme den Text des Liedes zu singen.

»Oh, wie nett,« flüsterte Tante Mathilde, wobei sie Fräulein Dewitz bezeichnend auf die Schulter tippte; auch der Konsul erschien wieder an der Tür, scheuerte sich ein wenig am Kinn und kehrte darauf von neuem zu dem Steuerrat zurück; Dina aber öffnete leise den Mund, und an ihrem flüchtigen Lächeln erkannte Bruno, daß er der Schweigsamen jetzt besser gefalle.

Weiter — weiter, er mußte sich hier Sympathien erringen. Das Gefühl verließ ihn nicht mehr, als ob er um sein ganzes ferneres Leben kämpfe.

Line saß hinter dem Fauteuil der Handarbeitslehrerin und hatte ihr feines Köpfchen so vorgebeugt, daß ihr Kinn fast auf der Lehne des Sessels ruhte. Durch das enge, schwarze Kleid hindurch hätte Bruno, wenn er einen Blick für sie gehabt, das rasche Atmen der jungen Brust wahrnehmen, er hätte schauen können, wie feucht ihre Augen schimmerten, und wie dennoch die kleinen, schmalen Füße, unbewußt einem mächtigen Trieb folgend, nach seiner Melodie auf und nieder zuckten.

Allein Bruno war von seiner eigenen Erregung bereits hingerissen, und nur der Theologe, der noch immer, halb von der Gardine verborgen, schweigend verharrte, beobachtete es allein, und er sah auch, welch ein schneller, dunkler Blick aus diesen Augen gegen die Tochter des Hauses züngelte, die immer ahnungsloser und erfreuter vor sich hin lächelte.

* * *

Im Herrenzimmer beugte sich der Konsul zu seinem Jugendfreund heran und raunte ihm etwas ins Ohr.

Daraufhin musterte der Steuerrat sehr ernsthaft die Gruppe am Flügel, dann zog er einen schwarzen Hornkneifer hervor, und nachdem er ihn sorgfältig geputzt, sah er eine Zeitlang angestrengt auf den hübschen, jungen Menschen, der die anderen dort drin augenscheinlich so angenehm unterhielt.

»Na, Julius, was meinst du?« forschte Hollander, indem er sich, beinahe wie ratlos, hinter dem Ohr kraute.

»Ja, Kindchen, was ist da viel zu meinen?« entgegnete der alte Herr leise. Über sein glattrasiertes, feingepudertes Junggesellenantlitz zog ein schlaues Schmunzeln. Das kannte der Konsul. In seinen langen Dienstjahren bei dem Hafenzollamt hatte sich sein Freund daran gewöhnt, den Dingen durch die Emballage zu blicken. Ein durchdringender Menschenkenner.

»Na?«

»Gott, scheinbar ein sehr talentvoller junger Herr.«

»Schön, aber?«

»Was, aber?«

»Menschenskind, ich meinte — gefällt er dir denn?«

Der Steuerrat lachte leise in sich hinein. Die Frage schien ihn zu ergötzen. Dann legte er seinem Schulkameraden sacht die Hand auf das Knie, und mit gutmütigem Spott kam es heraus: »Will ich ihn denn heiraten? Aber sieh dir mal die beiden jungen Damen an. Kuck. Die eine lacht und die andere weint.«

»I, das wäre ja — —« Der Konsul sprang auf und warf seine Zigarre fort.

»Mir gefällt er im übrigen sehr gut,« schloß der alte Junggeselle, ironisch blinzelnd.

* * *

Der Konsul schritt in das Musikzimmer und stellte sich breitbeinig an das Instrument, an dem Bruno gerade unter großem Beifall geendet hatte.

Illustration from Hann Klüth: Roman

»Bravo — Bravo!« klatschte der Werftbesitzer schallend in die Hände.

Bruno stutzte. Die lärmende Anerkennung seines Chefs machte ihn betroffen. Man konnte aus diesem wunderlichen alten Manne nie so recht klug werden. Hatte Hollander seinen Gesang vielleicht unpassend gefunden? Blitzschnell blickte er sich um, um aus den Gesichtern der anderen möglicherweise die Wahrheit zu erspähen. Allein ringsum herrschte nichts als Zufriedenheit.

»Wie frisch und wohllautend Ihre Stimme klingt,« unterbrach Dina die Stille. »Vielen Dank, Herr Klüth.« Sie wollte ihm die Hand reichen, allein ihr Vater schob sich wie unbeabsichtigt dazwischen.

»Schön — schön — ausgezeichnet, lieber Klüth — hätte nicht geglaubt, daß Sie das auch verstehen — na also —« er klopfte ihm auf die Schulter — »Nun wollen wir aber mal den jungen Damen das Feld räumen. Wie —?« Damit schlurfte er auf die kleine Line zu, mit der er stets seinen brummigen Spaß trieb, faßte ihre beiden Hände und zog sie empor. »Na, wie wär's, Sie kleiner Racker? Da über dem Klavier hängen noch die beiden Klappern — Tarantella — wissen Sie noch? Zu meinem Geburtstag — he?«

»Herr Konsul!« stotterte Line.

»Na, weshalb weinen Sie denn, Sie kleine Balletteuse?«

»Ich weine nicht.«

Unmutig schleuderte sie den hellen Tropfen, der ihr noch an den Wimpern hing, fort. Dann eilte sie an das Instrument und nahm hastig das Paar Kastagnetten von der Wand, lehnte sich in die Beugung des Flügels, und ihre Augen suchten Bruno, als harre sie nur auf ein Zeichen von ihm, um den schnellen, schlangenhaften Tanz, den sie vor etwa Jahresfrist gelernt, zu beginnen.

Sie sah keinen anderen mehr in dem Kreis, nur vor ihm, der so oft ihre Gedanken beschäftigt, wollte sie aus gekränkter Eitelkeit ihre Künste zeigen.

»Sieh — sieh,« schmunzelte der Steuerrat, der voller Erstaunen in das Zimmer getreten war, »das wird ja hübsch.«

»Line,« rief Fräulein Dewitz nun strafend, die an den Ernst der Situation nicht glauben wollte, während sie sich langsam aus ihrem Fauteuil erhob. Inzwischen war auch Paul aus seiner Verborgenheit besorgt zu der Pflegeschwester getreten. Deutlich hatte er die merkwürdigen Blicke des Steuerrats und des Konsuls gesehen, sowie das verwunderte, ein wenig überlegene Lächeln Dinas, und wie von ferne hatte er das Gefühl, als ob diese reichen Leute aus seiner Familie eine Schar Gaukler zu machen gedächten.

»Line,« sagte er herb, »der Herr Konsul treibt nur Scherz mit dir.«

»Es ist überhaupt Zeit, daß wir jetzt gehen,« fügte die Handarbeitslehrerin bestimmt hinzu und stopfte ihr Taschentuch in das Gesellschaftstäschchen.

»Schau? Schau?« bedauerte der Konsul und klopfte Bruno auf den Rücken. »Hätte Sie gern noch länger bei uns gesehen. Na, aber ein andermal, lieber Klüth —. Nicht wahr, ein andermal?«

Allgemein brach man auf.

Nur Line verharrte noch einen Moment an dem Flügel und legte langsam, wie im Traum, die Kastagnetten auf die Platte.

»Line!« rief Fräulein Dewitz ungeduldig.

Da schreckte sie auf, flog hinter den anderen her und half dem alten Fräulein, dienstbeflissen wie immer, in den altmodischen Pelzumhang hinein.

Der Steuerrat, der einen vornehmen, grauen Zylinder trug, bot Fräulein Dewitz den Arm.

Da drängte sich in der letzten Minute noch der Konsul in den Flur und händigte Line verstohlen ein kleines Paketchen ein.

»Pst!« bemerkte er und klopfte ihr auf die Backen. »Zum Andenken —« und mit einer plumpen Verbeugung setzte er für alle laut hinzu: »Gut Nacht — gut Nachting — kommen Sie gut nach Hause.«

* * *

Paul und Bruno hatten die beiden Damen bis an die Haustür geleitet.

Jetzt schritten sie über den dicken, weichen Schnee ihren Weg wieder zurück. Langsam und schwer fielen die Flocken um sie her. In den engen Gäßchen hallte kein Laut, neblige Schwärze überall, und nur ganz vereinzelt brach gespensterhaft das trübe Licht einer Petroleumlampe durch die dunklen Schleier hindurch.

»Du,« sagte Bruno endlich, der seinen Arm unter den des Älteren geschoben, »wollen wir nicht noch in die Weinstube zu Kroll gehen?«

Jedoch der Kandidat schlug kurz ab. Das sei in der kleinen Stadt nicht Sitte. Er bat auch den Bruder, solche Vergnügungen künftig nicht auf eigene Faust zu unternehmen.

Der andere atmete kurz und nickte dann. Ja, ja, jetzt hieß es ja wieder: »Strecken nach den Decken.«

Zu dumm — wirklich.

Wieder wanderten sie fürbaß.

Der Theologe mit schweren Gedanken darüber, ob sich Bruno bei dem ersten Besuch im Hause seines Chefs nicht zu ungeniert, zu aufdringlich benommen, und dann auch von der Erinnerung bedrückt, warum wohl der Konsul die kleine Line zu dem wilden Tanz animiert habe. Ob er seiner Tochter gegenüber ebenfalls auf diesen Einfall geraten wäre?

Immer tiefer bohrte er sich in diese ihn verletzende Vorstellung hinein.

Bei dem Heimgekehrten hingegen hatte sich der Mißmut über die aufgegebene Weinkneiperei längst wieder verloren. Immer heller wurden seine Mienen, immer freundlicher seine Gedanken, leise begann er den Yankee doodle vor sich hinzusummen.

»Du,« sprach er plötzlich aus seinem Sinnen heraus, »doch eine schöne Erscheinung, diese Dina, was?«

Der Theologe verzog die Stirn. »Ja,« entgegnete er langsam, »sie hat viel innere Vornehmheit.«

Allein der junge Kaufmann überhörte diese Abwehr. Wohlig schüttelte er sich in seinem Pelze und stäubte den Schnee von seinen Füßen ab. »Überhaupt scheint der Konsul ganz in sie vernarrt zu sein. Meinst du nicht auch?«

Ungeduldig bewegte der Theologe den Kopf und zog rasch seinen Arm von dem Bruder fort: »Hier bist du zu Hause,« versetzte er, ohne direkt zu antworten, »schließ leise auf, damit du nicht störst.«

»Ach, richtig, solche Nachtexzesse liebt ja der Alte nicht.«

Nachdem er den Schlüssel in dem alten Holztor umgedreht hatte, reichte er dem Bruder warm die Hand. Dabei fiel ihm im Zurücktreten ein Licht auf, das oben aus einem Seitenfenster rötlich durch den Vorhang dämmerte. Interessiert starrte Bruno hinauf, dann stieß er seinen Begleiter leicht in die Seite.

»Da oben schläft sie.«

Immer peinlicher wurde dem Kandidaten dieses Gespräch.

»Geh du nun zu Bett, Bruno —« ermahnte er, »aber leise, hörst du?«

»Ja — ja — auf Zehenspitzen — War doch heute ein hübscher Abend. — Was? — Na, gute Nacht.«

* * *

Einsilbig war auch Fräulein Dewitz in ihr Bett gezogen. Auch ihr wollte die Aufforderung, welche Hollander an ihre Pflegebefohlene gerichtet hatte, nicht aus dem Sinn, und ohne daß sie es selbst wußte, grollte sie der kleinen Line dafür, weil so etwas überhaupt geschehen konnte.

Sie mußte in Zukunft wohl doch besser auf das Mädchen acht geben. Ja, ja, die Kleine wurde jetzt älter, und die Welt war nach der Ansicht aller verständigen Leute seit den Jugendtagen des Fräulein Dewitz erheblich schlechter geworden.

»Ja, ja, also besser Obacht geben!«

Damit faltete sie die Hände, rückte ihr schneeweißes Häubchen zurecht, sprach ihr umständliches Nachtgebet und entschlief.

Kaum hörte Line das leichte Näseln, so schlich sie in die Küche, um die Kleider der Lehrerin zum Reinigen hinzuhängen. Mit wenigen Bewegungen warf sie auch ihr eigenes Gewand ab, dann zog sie rasch das Päckchen aus der Tasche, das ihr Hollander so heimlich zugesteckt.

Noch ein rasches Aufhorchen nach der Schlafstube hin, und dann —

Ah —

Die beiden Kastagnetten.

Ein heißer Funke begann in Lines schwarzen Augen aufzuglimmen. Im ersten Moment fingen die hölzernen Dinger ihre Seele. Unbewußt fast nahm sie das Spielzeug kunstgerecht zwischen die Finger, und ihre rasche Einbildungskraft trug das Mädchen wieder an den feinen amerikanischen Flügel des Konsuls, an den Ort, an dem es sich so gern vor dem Einen hatte zeigen wollen.

Sanft bog sie die Arme, in einem scharfen Schlag knackten die Hölzer gegeneinander.

Line taumelte auf.

Spurlos war der Traum zerstoben.

Dann lauschte sie wieder.

Nein, gottlob, noch drangen die näselnden Töne aus dem gemeinsamen Alkoven.

Mit einem entschlossenen Griff packte sie das Geschenk zusammen, öffnete lautlos das Küchenfenster und warf die Hölzer mit einem kräftigen Schwung in den tiefen Schnee des Nachbargartens.

Einen Augenblick weilte sie dann noch vor dem Fensterspalt. Ihr war es, als ob aus der Ferne eine frische, schmeichelnde Männerstimme herüberlocke. Über ihre junge Brust schnitt die draußen wehende Kälte, Schauer rieselten ihr über den Rücken. Vom Kopf bis zu den Füßen begann sie zu zittern.

VII

»N'abend auch,« wünschte oll Kusemann, als er mit einem höflichen Schwung seines rechten Beines an einem der folgenden kalten Winterabende in die ziegelsteingepflasterte Küche der Klüths trat.

Draußen heulte der Schneesturm und drückte eine Wolke von Kienrauch herab.

Um den Herd, auf dem unter einem Messingkessel ein kräftiges Holzfeuer fauchte, saß die Familie Klüth und flickte eifrig an blauseidenen Stellnetzen herum, die eine ganz besondere Aufmerksamkeit verlangten.

Mudding war viel älter geworden. Ihre Haare hatten sich vermindert und silberweiß gefärbt. Unter ihren Füßen brauchte sie jetzt einen Hüker, denn Muddings Beine schwollen abendlich an und bereiteten ihr Schmerzen.

Siebenbrod dagegen hatte seine Hagerkeit abgelegt. Als Hausbesitzer war er voll und rund geworden; nur seine Hakennase in ihrer roten Pracht erinnerte noch an die Vergangenheit.

»N'abend auch,« wünschte oll Kusemann, während er etwas weiter in die düstere, halberleuchtete Küche hinkte, an deren Ziegelsteinwänden merkwürdig rote Schatten hinaufkletterten. »Ich soll hier auch einen schönen Gruß bestellen.«

Der Lügenlotse zog dabei die Augenbrauen in die Höhe und pfiff, wie wenn er den hohen Rang seines Auftraggebers andeuten wolle. Dann schüttelte er von seinem Lotsenmantel eine dicke Lage Schnee ab und ließ sich prustend und ohne eine Einladung abzuwarten auf einen Schemel nieder.

Eine Weile blieb es ruhig in dem roten Raum. Man hörte das Holz unter dem Kessel platzen und vernahm das Geklapper der Netznadeln.

Oll Kusemann sah verwundert von einem zum andern. Da aber alle still bei ihrer Arbeit blieben, zog er einen Tonstummel aus dem Mantel, klopfte die Pfeife vorsichtig an dem Schemel aus, stopfte neuen Tabak, den er frei aus der Tasche zog, hinein und begann recht zufrieden zu schmauchen.

»Jawolling,« äußerte er endlich behaglich, »einen Gruß.«

»Von wem?« fragte Siebenbrod, der gerade nach einer neuen Spule griff.

Als oll Kusemann sich nach so langer Zeit gefragt sah, stieß er ein befriedigtes Knurren aus und pfiff leise.

»Von einem feinen, feinen Herrn,« gab er wichtig zurück und tat, als ob er ein großes Geheimnis auspacken könnte. »Ich traf ihn auf dem Werftbüro.«

»Wohl unsern Bruno?« warf Mudding rasch dazwischen, ohne daß sich jedoch ihr unbewegliches Gesicht irgendwie verändert hätte.

»Nein, beim Vornamen,« meinte der Lotse wichtig, »würd' ich ihn doch nich mehr so ohne weiteres nennen. Dazu is er mich nun doch zu fein. — Ja —« er hustete, blies ein paar künstliche Ringe und blinzelte durch die Kreise hindurch Siebenbrod verstohlen an. »Ja, was ich sagen wollt', in den verschiedentlichen Büros erzählen sie nämlich, daß er nun bald einer von Hollandern seine Stellvertreter werden wird. — Ja, ja, so was kommt vor. Und dann — — —« Er schluckte und suchte mit seinen schiefgestellten Augen zu ergründen, ob die Klüths nicht doch einmal neugierig werden könnten. Aber die Familie flickte gleichmütig fort.

»Und dann — hm — da is ja noch eine Tochter. Na, die Leute sagen woll bloß so — aberst so was kommt doch auch vor. Nicht so?«

Auch diese Nachricht fing nicht. Alle blieben lautlos bei ihrem Werk. Nur Siebenbrod rührte sich, rückte an dem Kessel und lauschte dann nach draußen, von wo durch den Sturm hindurch Schweinegrunzen laut wurde.

Dann fragte er: »Mudding, haben sie all?« womit er das Futter meinte, und nachdem die kleine Frau bejahend genickt hatte, hörte man wieder nichts als das Klappern der Nadeln.

»Na, wenn sie nicht wollen,« dachte der Lügenlotse gleichmütig, streckte die Beine von sich und fing an, unter mächtigem Dampfblasen für sich allein zu erzählen.

»I, warum sollt' so was nicht passieren? — Ich hab' da man in meine Jugend gelesen — von die Kaiserin Katharina; die hat ja woll — hm — na, ihren Kutscher geheiratet — Und als sie den über hatte, dann alle paar Monat einen andern Kosaken. Weißt woll noch, Hann? — Die so viel Flöh' haben?«

In diesem Augenblick stieß ein mächtiger Windzug in den Schornstein, das Feuer flackerte nach allen Seiten auseinander, und eine ätzende Rauchwolke schlug durch den Raum.

»Puh,« hustete oll Kusemann. »Nu müßt' man einen Grog für die Kehl' haben.«

Auf diese Andeutung blickte Hann schnell zu seiner Mutter hinüber. Doch die kleine Frau schlug ängstlich die Augen nieder, und Siebenbrod hob sein Haupt und zählte.

Nebenan knarrte die Uhr.

Sieben — acht — neun.

»'s wird Zeit ins Bett, Mudding.«

»Ja — ja —«

»Aber der richtige Augenblick wär's für so einen kleinen Schlummerpunsch,« faßte der Lotse nach.

Siebenbrod erhob sich. Dann gähnte er. Er hatte durchaus nicht die Absicht, diesen ewig durstigen Lügner, der ihn mit seiner Sparsamkeit aufzog, zu tränken.

»Ja, oll Kusemann, ich gäb' ihn dir herzlich gern — aber sieh, wir haben so was gar nicht. Was, Mudding?«

Hann zuckte in seiner Ecke zusammen, sprach aber nichts.

»Na, was steht denn aber in der Delikatessenkiste, die euer feiner Sohn aus der Stadt geschickt hat, wie er mir heute erzählte?« fragte oll Kusemann und lachte über das ganze Gesicht vor Freude darüber, daß seine Frechheit durch nichts zu verblüffen war.

»Was darin steht?«

Und Siebenbrod, der noch immer sehr jähzornig war, bekam wirklich seinen roten Kopf.

»Die Kist' is noch zu,« knurrte er. — »Was, Mudding?« Und als die kleine Frau nicht gleich auf ihn zu hören schien, sondern nur Hann ein Zeichen gab, ihr die Fußbank fortzunehmen, weil sie aufstehen wollte, da fuhr er sie heftig an: »Na, Mudding, nu sag' doch was! — Nu tu doch eins den Mund auf — damit er nicht glaubt, ich gäb's ihm bloß nicht gern —. Nu sag' doch, is die Kist' zu oder is sie nicht zu?«

Da warf die kleine Frau auf den Lügenlotsen einen einzigen Blick. Der war so flehend, daß er selbst oll Kusemann betroffen machte und seine Phantasie veranlaßte, schnell auf ein anderes Gebiet zu springen: »Ja, und morgen kommt der feine Herr zu euch zu Besuch,« lenkte er unerschüttert ab. »Morgen — zum Sonntag — hat's mir selbst gesagt. — Na, da würd' ich morgen die Kist' aufmachen. — Is'n Gedanke, wie? Is er denn schon mal bei euch gewesen?«

»Ne,« knurrte Siebenbrod, während er einen schiefen Seitenblick auf seine Frau warf, die eben das Licht genommen hatte, um zu leuchten.

»Also kommt zum erstenmal?«

»Ja,« murrte der Fischer.

»Da freut ihr euch woll sehr?«

»Ja,« schrie Siebenbrod und riß den Leuchter an sich. »Komm, Mudding, wir müssen morgen früh wieder raus. Und du, Hann, paß auf, bis das Feuer aus is. Wir sind nich hoch in die Versicherung. — Fix, Mudding, nicht so langsam.«

»Gut' Nacht auch,« wünschte oll Kusemann, wobei er sich höflich verbeugte.

»Nacht.«

Die kleine Frau schlich auf ihren schmerzenden Füßen voran, ihr Mann klapperte auf seinen Holzpantoffeln hinterher. Dann hörte man die beiden die Treppe hinaufziehen.

»Is eigentlich 'n netter Mann, dein Stiefvater,« meinte oll Kusemann im ernsten Ton. Er schlug die Knie übereinander und schaukelte sich auf seinem Schemel hin und her.

Aber wie erstaunte er, als Hann sich erhob, um an ein kleines Eckspind zu treten, aus dem er eine Flasche hervorzog. In dem Glase schaukelte goldgelbe Flüssigkeit.

»Rum?« forschte oll Kusemann, während er die Lippen zum Pfeifen spitzte.

Wortlos goß Hann aus dem Kessel warmes Wasser in ein Bierglas, warf Zucker hinein und setzte dann das Ganze als steifen Grog vor seinen alten Freund nieder.

»Gott's Blitz —« lobte der und stürzte das Paßglas auf einmal hinunter und hielt es wieder zum Füllen hin. »Das ist ein Nümmerchen, — so — gut — Hann, bist doch ein anschlägiger Kopf — prost — wirst immer klüger. Ja, was ich sagen wollt' — weshalb, meinst woll, daß ich heut' hierherkomme?«

»Wohl wegen meiner Gestellungsgeschichte? Übermorgen muß ich hin,« meinte Hann, der sich inzwischen auf den Stuhl am Herd niedergelassen hatte, wo er sich über den Flammen die Hände wärmte.

»Jawoll,« versicherte oll Kusemann nachdenklich, »das is 'ne böse Geschicht', Jung. Paß auf — dich nehmen sie. Und dann wirst du nach Kiel geschickt, als Matros', und wenn dir dann die wilden Völker im Ozean — Karolinen heißen sie ja woll — nich hinterrücks kaput geschossen haben, denn schneiden dir doch die Mohren in Kamerun ganz sicher den Kopf ab. Anders is das nich.«

»Ja, denn laß das so.«

»Je, Menschenkind — — aber gib mich erst noch so'n lütten Grog — danke — ja, hast du denn das menschliche Leben gar nicht lieb?«

»Oll Kusemann,« sagte Hann und sah mit seinem plumpen Kopf träumerisch in die Flammen, die kleiner und winziger wurden; »ich hab dich all längst eins fragen wollen — aber nu sprich auch ernsthaft — wozu lebt man eigentlich?«

Der Lotse ließ langsam sein Glas sinken und kraute sich dann zweifelhaft hinter dem Ohr. Endlich spuckte er energisch aus, und als wenn ihm etwas einfiele, hob er langsam an: »Je — kuck — das weiß ich ganz genau. Der Mensch lebt, damit er kleine Kinder machen soll.«

»Dazu also bloß?«

»Ja, Hann, kannst mir's glauben, das is seine nobelste Bestimmung.«

Der Angeredete nahm einen kleinen Blasebalg und blies damit in das ersterbende Feuer hinein. Düsterrot zuckte es in der Küche auf.

Dann starrte er von neuem auf die aufspringenden Funken.

»Ich glaub', du hast recht, oll Kusemann,« fing er geheimnisvoll an. »Menschen müssen sein, die dürfen nicht aussterben. Kuck, als ich neulich so in der Kirch' saß und wie ich all die vielen Beter da drinnen so gebückt sitzen sah, da fiel mir das mit einmal ein. — Da dacht' ich, wenn die Menschens nich wären, dann wär' am Ende auch der liebe Gott nicht da. Und all das andere Schöne wär' auch nicht da.«

Allein den Lotsen schien dies feierliche Gespräch ernstlich zu langweilen. Mit lautem Ruf forderte er Grog, und nachdem er mit Genuß genippt, bemerkte er schlürfend: »Hann, weißt was? — Pastor Witt sagt, du bist ein — Phi — —«

» — losoph,« ergänzte Hann, »ja, ich weiß.«

»Na, und wenn sich das so verhält, wie du sagst, denn müssen also ümmer mehr Menschens auf die Welt kommen, das is klar, damit der liebe Gott nicht ausstirbt, sondern recht lange bei uns bleibt — und deshalb, mein' ich, Hann — prost Hann — sehr fein, dein Rum — wie is das nu mit eine Braut? Wie? — Na, wozu sitzt du als Trumpfas und duckst dich unter den Kessel? Eine muß doch hier sein, die en bißchen weinen tut, wenn du zu die Karolinen gehst — oder zu die Mohren? Und auf die kleine Line rechnest du doch woll nicht mehr? Jung, das wäre ja genau so, wie ich vorhin sagte: Die Kaiserin Katharina und ein Kosak mit Flöh'. — Und das willst du doch nicht sein? Na, prost Hann.«

Da schlug draußen auf dem verschneiten Hof der Hund an.

Erst ein wildes Bellen, dann ein kurzes Kläffen, wie wenn er einen bekannten Tritt spüre. Darauf hörte man deutlich das Rasseln der Kette, als das Tier beruhigt wieder in seine Hütte zurückkroch.

»Da kommt wer,« meldete Hann.

Oll Kusemann mußte lachen: »Ganz richtig, aber, um das zu merken, dazu braucht man nicht grad' ein Phi — na, du weißt ja — zu sein.«

An die Tür wurde lebhaft geklopft. Und auf des Lotsen »Herein« lugten zwei Mädchenköpfe durch den Spalt — ein brauner und ein roter. Über die Haare hatten sie dunkle Tücher gezogen, und ihre Röcke wirbelten vor dem nachbrausenden Sturm.

»Huching,« rief der Lotse erfreut. »Hann — sieh, Schulmeister Tollen seine beiden Damens. Na, man immer rein, Kindings — ihr seid gewiß en bißchen hinter mir hergelaufen, weil ich so'n hübscher strammer Kerl bün — komm, Dirning.«

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