Zweites Buch »Frau Welt« (continued 2)
Reading edition
Damit zog er die Kleine, die mit den roten Haaren, kräftig neben sich auf den Schemel, wo das Ding auch ungeniert und die weißen Zähne zeigend sitzen blieb.
Unterdessen hatte Hann die Größere, ein etwa zwanzigjähriges Mädchen, das ein wenig befangen am Eingang stehen geblieben war, ungelenk nach ihrem Begehr gefragt. Und mit Verlegenheit erhielt er die Antwort.
Die beiden Schwestern hatten gehofft, noch Mudding Klüth zu treffen. Zu Hause sei in den Waschkessel ein Loch gebrannt, und da wollten sie bitten, ob vielleicht — — —
»Selbstverständlich,« unterbrach oll Kusemann schmunzelnd. »Da steht ja so'n olles Geschütz. Und wie ich Hann kenne, wird er sich eine Ehre und eine Aufmerksamkeit daraus machen. — Was, Jünging?«
»Ja,« bestätigte Hann.
Nun trat eine Pause ein, während welcher Hann rasch das kupferne Gerät von seinem Riegel hob, als dächte er, solch eine Angelegenheit müsse schleunigst erledigt werden. Doch wieder fuhr oll Kusemann dazwischen. Er führte die wirklich bildhübsche Klara Toll mit der vollen, geschmeidigen Gestalt und den sanften, dunkelbraunen Augen erst an Hanns verlassenem Herdsitz, und nachdem er sie mit einer Verneigung niedergenötigt hatte, erkundigte er sich lauernd, es sei doch Damenwäsche, die man morgen kochen wolle. So hübsche Frauenhemden ohne Ärmel, und mit Krausens oben, und Höschen und schwarze Strümpfe, recht lang, die sähen besonders gut aus.
Da stand Hann mit rotem Kopf mitten in der Küche und sah voller Angst und Scham auf das Mädchen, das sein Antlitz dem Feuer zugewendet hielt, und um dessen rote Lippen soviel bezwungene Verlegenheit spielte.
Was war das? — Ein leichtes Zittern lief über den starken Nacken des Burschen.
»Oh — oll Kusemann,« bat er.
Und wieder streckte er die Hand nach dem Kessel aus, während Klara Toll sich bereitwillig zur Empfangnahme erhob.
»Aber ne,« wehrte oll Kusemann ganz energisch ab, wobei er Hann den Kessel mit Gewalt abnahm — »her damit — erst müssen die jungen Damens ein Glas Grog mit uns trinken. Erstens aus reiner Menschlichkeit, wegen der Kälte, und dann — hört, Kinnings —« er kredenzte jedem der Mädchen ein Glas —»weil dies ein Abschiedstrunk für Hann is. Der wird nämlich übermorgen zu den Karolinen verschickt, wo man so leicht totgeschossen wird, oder zu die Mohren, na, ihr wißt schon, wo die Weibers so schnurrig umlaufen.«
Bei dem Worte »Abschied« bemerkte Hann, wie Klara zusammenfuhr. Sie wandte den Kopf nach ihm. Ihre braunen Augen suchten offen die seinen. Und feucht und immer feuchter begannen sie zu schimmern, bis eine helle Träne hervorperlte. Die glänzte wie ein Leuchtkäferchen in dem Feuerschein. Ohne Scham ließ sie sie zur Erde fallen und griff dann lächelnd nach dem Grogglase.
»Worüber weinst du denn, mein süßes Kinding?« fragte oll Kusemann lauernd. »Er geht ja erst zum April.«
Da überzog wieder ein froher Schimmer das blühende Gesicht, sie trank und lächelte vor sich hin und meinte dann leichthin: »Was geht das mich auch an? — Zum April werde ich Krankenschwester.«
So plauderten und lachten die vier Menschen in der räucherigen Küche noch eine kleine Weile und tranken dazu. Der Lotse rückte enger an die kleine Rosa heran, legte den Arm um sie und sang:
»Gib ein Küßchen, rotes Röschen — setz dich zu mir auf mein Schößchen.«
Da lachte der Rotkopf und sagte sehr einfach: »Du Affe,« was oll Kusemann seinerseits wieder für Erlaubnis genug hielt, ihren roten Kopf in die Hand zu nehmen und seine wulstigen Lippen darauf zu drücken.
»Ja, wenn mein Alwining mal selig werden würd', wer weiß, was denn alles passierte. Aber noch is sie sehr gesund.«
Das Feuer auf dem Herd begann zu verlöschen. Da besannen sich die Schwestern darauf, daß sie heimkehren müßten. Zwar sträubten sie sich erst dagegen, daß Hann sowie der Lotse ihnen den umfangreichen Kessel tragen helfen wollten, aber als der Bursche, das schwere Metall unter dem Arm, wortlos in den Schneesturm hinaustrat, folgten ihm alle.
Jedes laute Wort erstarb vor der Wucht der anstäubenden Schneemassen. Tief versanken die Wanderer in den weichen, weißen Teppich, und gegen ihre Köpfe schleuderte die Windsbraut spitze, feste Körner. Hann und Klara trugen jetzt den Kessel gemeinschaftlich. Von den beiden Vorauftappenden gewahrten sie nur die dunklen Umrisse. Und schon waren sie bis in das Inner-Dorf gelangt, als Hann in der schneidenden Stille ein Wort fand: »Klara, nimm mir's nicht übel. Warum wirst du Krankenschwester?«
Nichts von ihren Zügen konnte er in der Dunkelheit erkennen, er hörte nur ihr flatterndes Kopftuch und die wirbelnden Röcke.
Sie atmete auf. Wohl wegen der andringenden Luft.
»Hann, ich weiß auch nicht. Aber man muß doch was haben, worum man sich kümmern kann.«
Da nickte Hann.
»Das is richtig, Klara, das liegt in manchem von uns tief drin. — Na, gute Nacht.«
Sie waren vor dem flachen Lehrerhäuschen angekommen.
Durch die Schwärze fiel von fernher ein Strahl des roten, drehbaren Leuchtturmlichtes und ließ auf den vereisten Mauern tausend zuckende Rubinen aufblitzen.
Auch Klaras Kopf trat einen Moment blendend und blutrot beleuchtet aus der Nacht hervor.
Hann erschrak.
Doch im nächsten Augenblick bot ihm seine Begleiterin, schon wieder in Finsternis gehüllt, die Hand.
»Gute Nacht, Hann, und viel Glück für übermorgen bei der Gestellung!« tönte ihre ruhige Stimme.
»Oh — es kommt alles so — als es soll, Klara,« gab er zurück.
Eine kleine Weile standen beide Hand in Hand. Dann tauchten zwei Schatten auf.
»Nu fixing, Kinnings,« trieb der hinzutretende Lotse und trennte sie.
VIII
Es war früh am Sonntag morgen, als Bruno mit der Bitte zu Fräulein Dewitz ins Zimmer trat, ob Line ihn nicht zu einem Besuch bei den Eltern in Moorluke begleiten dürfe. Sein Bruder Paul, an den er ebenfalls gedacht, wäre in der Kirche.
»Ja, ja,« schob Fräulein Dewitz beifällig dazwischen, »den Gottesdienst versäumt Ihr Herr Bruder nie.«
Und unten vor dem Hause, berichtete der junge Kaufmann weiter, warte bereits des Konsuls Schlitten, den ihm sein Chef, damit sich die Pferde einmal auslaufen könnten, zur Verfügung gestellt.
Im selben Augenblick hörte man wie zur Bekräftigung lautes Schellengeläute.
Line stand wie erstarrt.
Die Hände preßte sie gegen ihre Brust, wie wenn sie sich selbst zurückhalten, bezähmen wolle, damit sie dem hübschen, frischen Menschen nicht um den Hals falle.
In einem Schlitten — aus der Stadt heraus — entzogen der ewigen Obhut der Lehrerin, sich austummeln können, und zwar mit ihm, den sie so gern hatte!
Oh, vergessen, wie weggeweht war die Vernachlässigung, die er ihr so lange hatte angedeihen lassen — und wenn es auch nur ein Tag war — ein einziger — nur einmal fort aus dieser Unterordnung und Verstellung.
Unter ihrem hübschen, blauen Kleide klopfte ihr das Herz vor Aufregung. Abwechselnd rot und blaß erwartete sie die Entscheidung ihrer Herrin. Wenn die nun »nein« sagte? —

Fräulein Dewitz hatte inzwischen nachgerechnet. Aber sie vermochte trotz aller Regeln des kleinstädtischen Anstandes keinen Grund zur Weigerung zu finden. Es handelte sich ja am letzten Ende um Bruder und Schwester, und der Ausflug währte nur wenige Stunden, führte zudem in das Elternhaus, und vor allen Dingen: der Schlitten war extra von dem Konsul gestellt. Das entschied.
Einen Moment schoß es ihr zwar noch durch den Kopf, warum der wohlerzogene junge Mann nicht auch sie selbst zu dieser Fahrt invitiere, aber dann kam ihr der schmeichelhafte Gedanke, daß er wohl nur nicht wage, sie, das Fräulein Dewitz, in sein Elternhaus zu führen.
»Schön — schön.«
Mit gutmütigem Kopfnicken erteilte sie die Erlaubnis, reichte dem galanten jungen Herrn würdevoll die Finger zum Handkuß, freute sich an seiner tiefen Verbeugung, und nachdem sie ihn noch gebeten, ja nicht ihre Grüße an seine Mutter zu vergessen, schärfte sie ihm besonders ein, daß Line punkt neun Uhr zu Hause sein müßte.
»Nicht später — nicht wahr, Sie verstehen mich, mein lieber Herr Klüth?«
»Gewiß, vollkommen, gnädiges Fräulein.«
* * *
So saßen denn die Geschwister, dicht nebeneinander, wohlverpackt in dem leichten, eleganten Schlitten.
Strahlender Sonnenschein, blauer, heller Frost war dem Unwetter von gestern gefolgt.
Die beiden Rappen wieherten laut in die leuchtende Weiße hinein, pfeilschnell, schnurgerade schoß der Schlitten über die funkelnde Bahn der Chaussee, die auf einem Umweg über das Klosterdorf führte.
Da fiel es Bruno, über dem gleichfalls die ganze Glückseligkeit dieses Wintertages lag, auf, daß seine Begleiterin so mäuschenstill neben ihm verharre.
Verwundert blickte er auf sie hin.
Das war doch seltsam. Da saß sie, als wenn sie ihn, den Kutscher, den Schlitten, die beiden schnaubenden Rosse, alles Leben überhaupt ganz vergessen hätte. Den Kopf hielt sie vorgebeugt, die Lippen waren leicht geöffnet, als schlürfe sie die pfeifende Luft wonnetrunken ein, die Augen blitzten immer geradeaus auf die glitzernde Strecke, starr, erwartungsvoll, ein unerhörtes Wunder heischend.
Bruno wurde von dem Bild gefangen. Was konnte das bedeuten?
Er wußte nicht, daß diese sieben Jahre der Knechtschaft plötzlich von ihr abfielen, daß hier auf den stillen, freien Feldern ein freigewordenes, sich auf sich selbst besinnendes Weib neben ihm sitze.
»Line,« murmelte er erstaunt, da ihr Schweigen ihn immer mehr befremdete.
Da lächelte sie beinah unwillig und schüttelte den Kopf, wie wenn der Traum noch weiter klingen solle.
Seltsam.
Er konnte den Blick nicht von ihr abwenden, und dabei fiel ihm ein, daß dieses schlanke, so ganz eigenartige Geschöpf viele Jahre aus seinen Gedanken entschwunden gewesen, verdrängt von den sich jagenden Eindrücken der großen Stadt.
Was mochte wohl aus ihr geworden sein?
Er hatte sich nicht einmal Mühe gegeben, sich danach bei seinem älteren Bruder zu erkundigen. Allerdings, so sagte er sich, wie konnte sie sich auch sonderlich entwickelt haben? In ihrer abhängigen, fast dienenden Stellung bei einer alten Handarbeitslehrerin? Nein!
Aber elegant sah sie aus. Sehr vornehm. Und das schmeichelte seinem auf das Äußerliche stark gerichteten Sinn.
Wie voll und dabei doch schlank sie dies graue, weiche Pelzjäckchen erscheinen ließ.
Vorsichtig prüfend strichen seine behandschuhten Finger an dem Rauchwerke hinunter und fuhren zurück, als sie den runden, festen Frauenarm spürten.
Seine Nachbarin sah ihn im selben Moment an. Ein rascher Blick streifte sein Gesicht, dann rückte sie näher zu ihm und schaute wieder zu ihm auf.
Bruno stutzte.
Ihre roten Lippen schienen ihn verspotten zu wollen. Im nächsten Augenblick aber brauste plötzlich der ganze glückselige Rausch der Jugend in ihm empor.
Alle Bedenken, daß dies seine Pflegeschwester wäre, die sich ihm anvertraut, übersprang er.
Zuversichtlich zwirbelte er sich den Schnurrbart und legte, wie zufällig, seinen Arm um ihre Schultern.
»Nein,« sagte sie spöttisch und schob kräftig seine Hand zurück.
Das brachte Bruno zur Besinnung. Siedendheiß stieg es ihm in die Schläfe. Zur rechten Zeit fiel ihm ein, was er eben beinahe gewagt, und wie seltsam sich die Kleine dabei benommen hätte. Abwehrend, und doch — — —
Mein Gott, was mochte sich nur hinter dieser weißen, von schwarzen Haaren umringten Stirn abspielen?
Da schreckte sie ihn von neuem auf.
»Hast du Geld?«
»Ja, wozu?«
»Sieh — den Leierkastenmann da auf dem Prellstein — mit dem Stelzfuß — gib was.«
Er schüttelte sein Portemonnaie über ihrem Schoß aus.
Es waren lauter Talerstücke darin.
»Schenkst du mir was davon?« flüsterte sie in höchster Eile.
Er vermochte nur noch ein »Ja« zu stammeln.
Da hatte sie auch schon mit einem erstickten Jauchzen drei, vier der Münzen in den Händen, schüttelte sie, ließ sie klingen, und plötzlich hochaufgerichtet, schleuderte sie mit einer kräftigen Bewegung ein Silberstück nach dem Veteranen hin.
Die Leier kreischte auf.
»Danke,« scholl es herüber.
Und noch eins — und noch eins.
Der Stelzfuß schwenkte seine Mütze. — »Hurra,« verklang es.
»Ah — das war schön — das war schön!« sank Line in ihren Sitz zurück.
»Line,« stotterte Bruno. Aber seine Augen blitzten, die wilde Tollheit des Mädchens hatte ihn angesteckt. Krampfhaft drückte er ihr beide Hände unter der Decke.
»Ah — das war schön — das war schön,« wiederholte sie wie berauscht und schloß die Augen. Gleich darauf entzog sie ihm hastig ihre Finger. »Laß das,« verbot sie ihm herb, und zwischen ihren Augenbrauen erschien eine Falte. »Wozu soll das?«
Da hielt der Schlitten.
Mehrere Gefährte, die auf der Landstraße vor einem schmucken Krug hielten, sperrten den Weg.
»Wollen wir auch einen Augenblick da hinein, Kleine?« fragte Bruno, wie wenn er sich auf andere Gedanken bringen wollte, »denn Vater Siebenbrod wird uns doch gewiß vor dem Mittag nichts Warmes vorsetzen,« und als Line erfreut mit einem Ruck hochsprang, half er ihr aus dem Gefährt herab.
Er nahm noch wahr, wie fein und schmal ihr Fuß sei, als sie die Röcke ein wenig schürzte.
»Ein prachtvolles Mädel,« dachte er, »um einen toll zu machen. Aber sachte, sachte.«
Bald saßen sie in dem Krugzimmer an einem Tisch am Fenster.
Es war ein kahler, lichtblauer Raum. Nicht ein Bild hing an den Wänden, nur im Sonnenschein konnte man eine Herde Winterfliegen bemerken, die unbeweglich ihren langen Schlaf hielten.
Aus der Ecke feuerte ein eiserner Ofen rotglühende Hitze. Aus dem Nebensaal drang das Gemurmel zechender Menschen.
Erst schauten die beiden schweigend eine Weile auf die schneeweiße Landstraße hinaus, wo ihre Schlittenpferde unter den Decken dampften, dann brachte eine halbwüchsige Wirtstochter Glühwein, und die beiden jungen Leute stießen miteinander an. Sie blickten sich dabei in die Augen, der junge Mann herausfordernd, als ob er auf des jungen Mädchens Gesundheit tränke, was sie nur schnippisch und mit einem Achselzucken aufnahm. Wohlig strömte das heiße Getränk ihnen durch die Glieder. Line reckte sich, ihre Wangen, auf denen im Sonnenlicht ein feiner Flaum zitterte, färbten sich dunkler. Mit einer raschen Bewegung zog sie den Handschuh von der einen Hand und klatschte ihrem Begleiter damit leicht auf die Finger.
»Du,« forderte sie, indem sie sich ein wenig über den Tisch bog, »eh' es langweilig wird, erzähl' was. Von dir.«
»Von mir?«
»Ja, weißt du noch, wie wir damals, bevor du zu Hollander gingst, zusammen auf der Mauer im Hain saßen, und was du mir da alles erzähltest? Sag' mal, ist davon schon etwas in Erfüllung gegangen? — Hast du Hoffnung, bald reich zu werden?«
Bruno warf sich in die Brust und drehte überlegen an seinen goldenen Ringen.
»Ich habe vorläufig viertausend Mark Gehalt,« warf er stolz hin, während er sich unternehmend durch sein Gelock fuhr.
»Das ist nicht viel,« äußerte sie bestimmt.
Er wurde eifrig.
»Aber in wenig Wochen schon werd' ich Prokurist.«
»Bekommst du dann mehr?«
»Viel mehr.«
»Gut — das ist recht — und dann —« sie lehnte sich hintenüber, hielt ihren Kopf mit beiden Händen und blinzelte ihn spöttisch an, »dann heiratest du Dina Hollander.«
Bestürzt fuhr er zurück, glühend rot vor Ärger darüber, weil ihn dieses merkwürdige Wesen durchschauen wollte, und daneben schmeichelte es ihm doch nicht wenig, daß sein Name mit dem der Konsulstochter überhaupt in eine Verbindung gebracht werden konnte.
»Woher willst du das wissen?« fragte er nichtsdestoweniger von oben herab »Das werde ich doch nicht jedem auf die Nase binden!«
Sie maß ihn mit einem halb mitleidigen Lächeln.
»Du glaubst doch wohl nicht, Bruno, daß man dir das damals bei Hollanders nicht anmerken konnte? Dann, laß dir sagen, ich habe es auf den ersten Blick gesehen!«
»Du?«
»Ich — jawohl.«
»Donnerwetter,« entfuhr es ihm unwillkürlich, und er starrte auf die schwarze, kleine Hexe ganz fassungslos, die sich bedächtig auf ihrem Stuhl schaukelte, heimlich sich an seiner Verblüffung weidend.
Herrgott, Herrgott, was war nur aus ihr geworden.
»Mädel, wie alt bist du denn eigentlich?« stammelte er zuletzt.
»Einundzwanzig.«
»Dein Wohlsein,« fuhr sie fort, indem sie, wie im Hohn, das Glas gegen ihn hob und ihn durch die scharfgeschliffenen Ränder mit einem zugekniffenen Auge anblinzelte. »Ah, das macht warm.«
Damit dehnte sie ihre Glieder, erhob sich und schritt ein paarmal mit ihrem leicht wiegenden Gang im Zimmer umher.
Immer gefolgt von seinen Blicken, die sich an ihren Bewegungen entzündeten.
»Ein schönes — schönes Mädel,« dachte er wieder. —
Plötzlich klingelte Musik durch seine Gedanken. Klirrend und klimpernd begann der Musikautomat aus der Ecke eine Melodie abzuschnurren.
Mit vorgebeugtem Leib, den Kopf nach ihrem Gefährten gewendet und den Finger leicht gegen die roten Lippen gelehnt, während die andere Hand noch an der Öffnung weilte, durch die sie eben die kleine Münze geschoben, so sah Bruno das zierliche Mädchen lauschen.
»Line.«
»Pst — der Faustwalzer.«
Mit einer raschen Gebärde schürzte sie den Rock und machte ein paar Tanzschritte. Er sah die reizenden kleinen Füße sich drehen, da hielt er sich nicht länger. Mit einem lauten Freudenruf eilte er auf sie zu, wollte ihr als Tänzer seinen Arm um ihre Hüfte schlingen, — allein da stockte sie, wurzelte unbeweglich fest und schickte einen finsteren Blick zu ihm empor. »Du,« sprach sie scharf, »ich verbat mir das schon einmal.«
Und da steckte auch schon Friedrich, der Kutscher, seinen Kopf in die Stube hinein.
»Na?« fragte er wartend.
»Jawohl, wir kommen,« versetzte Line, und ihrem Begleiter die Bezahlung überlassend, schritt sie aufgerichtet auf die Landstraße hinaus, ohne auch nur den Kopf nach dem Verlassenen zurückzuwenden.
IX
Das war ein langweiliges, hinschleichendes Mittagbrot, das da in der großen guten Stube des Lotsenhäuschens eingenommen wurde, und die beiden Kinder, Bruno und Line, atmeten heimlich auf, als Mudding endlich sagte: »So, Siebenbrod, jetzt sagst du wohl gesegnete Mahlzeit.«
Das tat der Zesnerfischer auch mit merklicher Erleichterung, denn diese beiden feingekleideten Menschen waren ihm so unbehaglich, als irgend möglich. Vor allen Dingen, weil er sich genierte, vor ihnen zu essen, so daß er auch heute im stillen einen gewaltigen Hunger spürte.
»Na, sie werden woll so bald nich wiederkommen,« dachte er.
Auch Mudding, die sich doch im Herzen so sehr über ihren Heimgekehrten freute, sprach niemals viel, und heute wurde ihr Geist noch besonders oft durch die Frage abgelenkt, ob auch alles, was ihr Bruno von sich mitgeteilt, recht und billig wäre, und ob sich seine kühnen Hoffnungen wohl erfüllen könnten.
»Ach lieber Gott — laß mich das noch erleben,« dachte sie innerlich und faltete wie von ungefähr die Hände, obwohl sich in ihrem unbewegten Gesicht nichts regte. So hatte am Tisch eine steife Gezwungenheit geherrscht, denn Hann in seinem blauen Sonntagswams vermochte gleichfalls nur, seinen Geschwistern von Zeit zu Zeit die Schüssel zu reichen, oder die Bierflaschen zu entkorken, die Siebenbrod heute extra »spendiert« hatte. In ihre Gespräche jedoch, die sie ausschließlich für sich allein führten, wagte er sich nicht zu mischen. Da klang ihm ein zu fremder, zu hoher Ton hindurch, und so saß er nachdenklich da und überlegte, wie gut die beiden zueinander paßten.
Ja, das waren frohe, lebendige Leute; die kamen in der feinen Welt zurecht, und über Bruno lachte auch Line nicht, wie stets über Hann.
Das wenigstens hatte er gleich gemerkt.
Ja, ja, so war das wohl auch alles recht gut.
Nach Tisch machte Line den Vorschlag, ein bißchen im Dorf herumzuwandern. Und als Bruno, ganz erlöst, beigepflichtet hatte, schloß sich auch Hann an.
Er hatte kaum bemerkt, daß gar keine Aufforderung dazu an ihn ergangen war.
Draußen war es noch hell.
Vom Kirchturm schlug es gerade drei, als sie sich nebeneinander auf den Weg machten.
Nichts gleicht der Feiertagsruhe eines Ostseedorfes um die Winterzeit, wenn die Sonne im blauen Luftmeer bereits blasser wird, und der Wind auf den silberblitzenden, niedrigen Dächern eingeschlafen scheint. Eine wohlige Ruhe und Stille überall. — Man hört die Schneeflocke fallen, die sich zuweilen von einer vorspringenden Schindel löst.
Als die drei in die einzige Gasse einbogen, die auf beiden Seiten von kleinen Fischerkaten besetzt ist und, lang verlaufend, bis zum Kirchhof führt, berührte Hann den Arm seines Bruders.
»Hör',« fragte er wichtig, »willst du vielleicht Vatings Grab sehen?«
Dar war doch nun wieder ein ganz dummer Einfall des Tölpels. Verstimmt blieb Bruno stehen und blickte voll Verlegenheit zu Line hinüber, die Hann mit ganz erschrockenen Augen maß: — Jetzt — an diesem einzigen freien Nachmittag unter Grabkreuzen?
Aber da fragte der junge Kaufmann bereits, ob der Kirchhof nicht doch zu dick verschneit sei, und Hann lenkte sofort schwerfällig nickend ein: »Ja, ja mit euren Stiefeln ist da wohl nicht durchzukommen — wollen's lieber lassen.«
Line atmete tief auf, sah aber doch noch öfter furchtsam auf den Friedhof hin. Weiter schritten sie, aber für die nächsten Minuten war doch die Stimmung gestört. Sie unterbrachen das Schweigen erst wieder, als unvermutet zweistimmiger Gesang auftönte, und jetzt erkannten die Spaziergänger auch, wie vor der Dorfschule zwei junge Mädchen auf und nieder wanderten, beide Arm in Arm, und eifrig, wenn auch mit halber Stimme, singend.
»Das tun sie hier öfters Sonntags nachmittags,« erklärte Hann.
Noch kehrten die beiden Frauengestalten den Ankömmlingen den Rücken, doch unterschied man bereits deutlich den Text des Liedes, der nicht gerade aufheiternd und munter klang:
»Morgenrot, Leuchtest mir zum frühen Tod? Bald wird die Trompete blasen, Dann ich muß mein Leben lassen, Ich und mancher Kamerad.«
»Ja,« sagte Hann sehr befriedigt, nachdem er andächtig gelauscht hatte, »Klara und Rosa Toll haben hier die schönsten Stimmen. Wenn sie im Kirchenchor singen, dann geh' ich jedesmal hin.«
Und in seinem inneren Vergnügen nickte er noch ein paarmal bekräftigend und übersah dabei, wie Line ihren Begleiter mit dem Ellbogen in die Seite stieß, und als der sie verwundert anblickte, wie sie mit den Augen heimlich nach dem größeren der beiden Mädchen hinüberzwinkerte.
Da mußte Bruno auflachen.
Nun begrüßte man sich gegenseitig, die Schulmeisterstöchter knicksten vor den feinen Städtern, und Line klopfte der schönen Klara Toll so mütterlich die Wange, daß die also Behandelte, die ein wenig größer als Line war, verlegen ihren Blick auf den Boden lenkte.
Darauf erkundigte sich Bruno, warum die Mädchen ein so trauriges Soldatenlied gesungen, und während die Ältere nicht mit der Sprache herauswollte, und nur ein tiefes Rot langsam in ihre Wangen stieg, begann der Rotkopf ungeniert zu plaudern: Hann Klüth hätte ihnen gestern abend davon erzählt, daß er sich morgen in der Stadt zum Militär stellen müsse, und nun hätten die beiden Schwestern gerade davon gesprochen, und mit einmal hätte Klara angefangen, das Lied zu singen. Sie aber wäre nur so zur Begleitung eingefallen.
»O — nicht doch,« stammelte Hann und machte eine Bewegung, als wolle er nach der Hand der Größeren greifen, besann sich jedoch und steckte seine Rechte plump in die Tasche.
Da schlug vom Kirchturm die Uhr, und die beiden Parteien trennten sich.
Die Sperlinge, die auf der Dorfstraße und auf den Ästen der weißen Pappeln saßen, schrien matter, der Schnee begann sich blauviolett zu färben.
»Sieh,« sagte Line zu Bruno, da sie auf die öden, knackenden Wiesen traten, die sich bis an die zugefrorene See hinabgezogen. »Da drüben.«
Da glühte im roten Licht die Klosterruine, die für die beiden jungen Menschen so viele Erinnerungen barg, herüber, von ihren Schneemassen rann purpurnes Feuer herab, wie ein ungeheurer, weißer Korallenwald standen die kahlen Eichengerippe um das Mauerwerk herum.
»Da,« sprach Line noch einmal und sah ihren Gefährten von damals mit einem flüchtigen Blicke an.
Bruno stutzte.
Plötzlich begann ihm das Herz wild zu klopfen, die Erinnerung stieg in ihm auf. Jetzt, ja jetzt hätte er die lockende Gestalt in dem grauen Pelzjackett wild an sein Herz gerissen, wenn — ja, wenn nicht dieser störende Tölpel neben ihnen gestanden, der sie beide immer so nachdenklich betrachtete.
Aus der eben verlassenen Dorfstraße trug dazu der Wind eine neue Liedstrophe herüber. Die beiden Lehrerstöchter fuhren wohl in ihrem stillen Sonntagsvergnügen fort:
»Kaum gedacht, Ward der Lust ein End' gemacht. Gestern noch auf stolzen Rossen, Heute durch die Brust geschossen, Morgen in das kühle Grab!«
— — — — — — — — — — — — — — — —
»Pst! Für'n Sechser Ruhe!« rief eine heisere Stimme ärgerlich dazwischen.
Aus seiner bretternen Wachthütte, die eigentlich eine Badezelle gewesen, streckte oll Kusemann seinen geölten und frisierten Kopf heraus und legte noch den Finger an die Lippen, um auch pantomimisch anzudeuten, daß er einer Beschäftigung obliege, bei der er keine Störung vertragen könne.
»Oll Kusemann, was machst du hier am Sonntag? Und noch dazu, wo der Bodden zugefroren is und gar kein Schiff in Sicht kommen kann?« fragte Hann nähertretend und steckte seinen Kopf in den engen Spalt der Tür, die oll Kusemann ihm eben brummig vor der Nase zuschlagen wollte. »Und wozu hast du die beiden Flintens da in der Ecke?«
»I, die beöl' ich mir 'n bischen,« brummte der Lotse ausweichend und beäugelte mit seinem schiefen Blick die beiden Städter. »Für die Dinger is Öl dasselbe, was für uns Lebendige Rotspohn is.«
»Oll Kusemann,« fuhr Hann strafend fort, »auf Ludwigsburg drüben ist Jagd, und du lauerst hier bloß darauf, daß sich über das Eis fort wieder was zu dir verlaufen soll. Hast du nicht vorigen Monat erst deswegen vor Gericht gestanden?«
»Ja, aber ich bin freigesprochen,« triumphierte oll Kusemann, indem er sich schmunzelnd seinen spitzen Kinnbart strich, »und der Präsident hat mir noch eine Zigarre dafür geschenkt, weil ich so'n oller nützlicher Mitbürger wär', der die fatalen Seehunde hier wegputzt.«
Aber ehe sich noch ein anderer in das Gespräch mischen konnte, winkte der Lotse plötzlich lebhaft mit Händen und Beinen ab, sprang in die Ecke, ergriff eine der Flinten, pflanzte sich in die Türöffnung und starrte aufgeregt über das Eis des Boddens.
Über die graue Fläche fuhr im rasenden Lauf ein schwarzer Punkt.
»Das ist doch kein Seehund?« rief Hann zornig und wollte nach dem Lauf der Büchse greifen, aber der Lotse schüttelte verächtlich den Kopf: »Was sonst? — Das is einer, wie er leibt und lebt!«
Nun kam die Jagdlust über die kleine Schar. Immer gespannter verfolgten sie den sich nähernden Farbenfleck.
»Jetzt,« murmelte der Lotse und hob das Gewehr.
Da schwankte zu seiner Verwunderung ein zweiter Lauf neben dem seinen.
Line war unvermutet in die Hütte gesprungen, riß jetzt die Waffe an ihre Wange und stammelte mit blitzenden Augen: »Ich auch, ich auch.«
»Kannst du denn zielen?« stieß Bruno hervor.
»Weiß nicht.«
»Dann laß mich visieren, — so.«
Er beugte seinen Kopf dicht hinter ihren Nacken und stützte mit der linken Hand den Kolben. Ohne daß sie darauf zu achten schien, lehnte sie so voll in seinen Armen, daß sein Mund, wenn er es gewagt hätte, die Haut ihres Nackens hätte berühren können.
Oll Kusemann schmunzelte: »Wer trifft, kriegt von dem schönen Fräulein ein Küssing. — Ich treffe, bautz.«
Der Schnee stäubte auf, der Farbenfleck fuhr seitwärts; »kuck«, brummte der Lotse verblüfft und schob sich die Mütze in den Nacken.
Da krachte der zweite Schuß.
»Liegt — liegt,« schrien plötzlich Hann und oll Kusemann gleich zwei Besessenen, und im Wettlauf stürmten sie auf die beschneite Fläche, weil jeder den toten »Seehund« für seine Partei zu requirieren gedachte.
In der Hütte blieben die beiden Sieger allein. Bruno faßte sich an die hämmernde Schläfe. Ob er sich jetzt seinen Schützenlohn holte? Sachte, indem er glaubte, Line bemerke es nicht, zog er die Tür hinter sich zu, so daß das Rotlicht der scheidenden Wintersonne nur noch durch das kleine Guckfenster fallen konnte. Dann zögerte er wieder — einen Schritt kaum von ihm getrennt, stellte das Mädchen ihr Gewehr in die Ecke. Deutlich sah er die schöne Rundung ihrer Glieder, als sie sich bückte. Da kam seine kecke Wagelaune über ihn. Tausend Nerven prickelten ihm in den Armen, kaum wußte er noch, was er tat; tief aufatmend drängte er sich an ihre Seite.
Doch dieser Atemzug verriet ihn. Kräftig raffte sie sich auf und sah ihn groß an. »Weshalb hast du die Tür geschlossen?« fragte sie rauh.
Er schüttelte den Kopf und blieb wirr und unentschlossen vor ihr stehen.
Mit dem Fuß stieß sie die Tür auf.
»Ich hab's nicht gern im Dunkeln,« sagte sie mit einem feindseligen Blick, und wieder schoß ihr der Gedanke an Dina widerwärtig durch den Kopf; dann lachte sie kurz und trocken auf: »Da bringen sie den Seehund.«
Sehr demütig und kleinlaut schlich oll Kusemann heran, obwohl er seinem ungelenken Gefährten bei der Ergreifung des Seeungeheuers zuvorgekommen war. Aus seinem Wams guckte ein langohriges Köpfchen heraus.
»Verfluchtet Pech,« wimmerte er, »'s richtig wieder ein Hase. Da kann man nun die besten Absichten haben, die allerreellsten, aber gegen Mallöhr is nich aufzukommen. Na adjüssing.«
So schlich er mit dem unwillkommenen Braten betrübt seinem Häuschen zu, ehrwürdig, als »oller nützlicher Mitbürger.«
* * *
In tiefer Dunkelheit fuhren Line und Bruno in einem geschlossenen Schlittenkasten heim, den man sich erst vom Krugwirt hatte borgen müssen, da ihr eigenes Gefährt auf Wunsch des Konsuls noch bei Tageshelle den Heimweg angetreten.
So hockte denn Hann, der sich willig dazu erboten, in seinem zottigen Schifferpelz auf dem Bock und schwang die Peitsche. Von drinnen hörte er undeutlich die Stimmen seiner Passagiere, doch er wendete sich nicht um: »Nich horchen,« dachte er, »das paßt sich nich.«
Aber was er sich selbst nicht verbieten konnte, das waren seine Gedanken, die immer wieder zu seinen Mitfahrenden in den klappernden Schlitten hineinstiegen.
»Passen gut zusammen,« dachte er. »Was kann er gut mit Reden fort und sie — so hübsch, und gewachsen wie so'n schieres, glattes Füllen — ja, ja, man möcht' ordentlich eins überstreichen.«
Hier stockte er, erschrak und schämte sich.
Ach, es war ja das Unglück dieses nachdenklichen Bauern, daß ein schlichter, tiefer Schönheitssinn in ihm lebte, und daß er dieses junge, blühende Mädchen da drinnen von seiner Jugend an als das Übermaß weiblicher Vollendung zu verehren gewohnt war.
»Und wie sie sich in den Hüften dreht,« dachte er bewundernd weiter.
»Hüh,« schrie er wütend dazwischen. Aber im nächsten Moment kehrten seine Gedanken in Wasserstiefeln schon wieder zurück. »Ob Bruno ihr aber auch gut is? Ja, ja, das ist 'ne verfluchte Geschichte, und ob er es auch ganz treu und ehrlich meint?«
»Hüh,« schrie er wieder, und der Schlitten klingelte weiter durch Dunkelheit und Mondschein.
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Drinnen sprach derweil die schwarzbraune Hexe ihren Zauberspruch.
Es klapperten die Scheiben, es quietschten die Lederhüllen und ließen die kalte Luft fast ungehindert herein. Line hauchte ein paarmal vor sich hin, um im vorüberhuschenden Mondlicht ihren Atem dampfen zu sehen, dann fröstelte sie zusammen, bis sie sich endlich, Wärme suchend, in sich selbst einkauerte, ohne bemerken zu wollen, wie ihr Gefährte fast atemlos neben ihr saß, betört und bezaubert von dieser widerspenstigen Schönheit. Mit Gewalt suchte er sich von seinen schlechten Gedanken abzubringen.
»Bist du müde?« fragte er.
»Ja.«
Er berührte zaghaft ihren Arm.
Ärgerlich zuckte sie den Ellbogen zur Höhe: »Was willst du?«
»Ich wollte dich nur einmal fragen, was du eigentlich in diesen sieben Jahren getrieben hast? — Es interessiert mich so.«
»Gott, gelernt und gelesen hab' ich, das merkst du doch wohl, und tu's auch heute noch.«
»Und zu welchem Zweck?«
»Wie du auch fragst?« lachte sie und warf die Lippen auf. »Damit ich in die Höhe kommen kann. Das ist doch selbstverständlich. Paß mal auf, so wie dir, wird's mir auch glücken. Ich bin ja nicht häßlich.«
»Nein, bei Gott, das ist sie nicht,« schoß es Bruno durch die erregten Sinne, nur wild, widerspenstig und berechnend, wie es ihm scheinen wollte, und sich näher zu ihr vorbeugend, drängte er weiter: »Willst du denn irgendeinen Beruf ergreifen?« Da traf ihn schon wieder solch ein feindseliger Blick.
»Wenn ich nicht durch eine Heirat mein Glück mache, dann gewiß. Bei Fräulein Dewitz bleibe ich nicht länger. Das kann mir keiner verdenken. Aber weißt du was?« — Sie schmiegte sich plötzlich an ihn und senkte das Köpfchen auf die Brust, als gälte es ein Geheimnis. Und es bedeutete auch wirklich eines.

»Da waren neulich die Hofschauspieler aus Schwerin im Voglerschen Saal — du, und da war eine dabei, die war nicht älter wie ich, aber so ausgelassen, und wild, und gab lauter solche Rollen, wo man die Männer anführt. Weißt du, ich glaub', das könnt' ich auch. Und wie sie im letzten Akt auftrat, da flogen aus der Offiziersloge lauter Buketts auf sie zu, bis sie endlich eine Kußhand warf. Immerfort — lauter Kußhände. Ah — das hätt' ich auch tun mögen. Wahrhaftig.«
Sie verzog den Mund und nickte wie zur Bekräftigung mehrmals vor sich hin.
Da war es heraus, das Innerlichste von ihr, jenes Abenteuernde, Irrlichtierende, das Bruno nur dunkel geahnt hatte, das ihn jetzt aber mit solcher Macht fing, daß er, halb seiner selbst beraubt, die Hände gegen die Augen preßte, um sich zurückzuhalten, sich zu zähmen.
»Hast du was?« fragte sie.
Er verneinte. »Kopfschmerzen.«
»Ja, ja, es ist auch kalt,« brach sie ab. »Wollen schlafen, ich bin müde.«
Damit lehnte sie sich in das Leder zurück, und bald verkündeten ihre regelmäßigen Atemzüge, daß ihrem Willen auch der Schlummer dienstbar wäre.
Bruno rieb sich die Stirn und sah neugierig auf sie hin.
Ob sie wirklich schlief? — Oder ob die raffinierte kleine Person ihm nur zeigen wollte, wie lieblich sie aussah, wenn das Mondlicht über sie huschte, und wie weiß die Zähne hinter den halbgeöffneten Lippen hervorblitzen konnten.
Nein — nein, er wandte sich ab, er blickte auf die Chaussee hinaus, auf deren Schneedecke die Pappeln schwarze Schatten warfen, wie lange Schlangen, die auf das Gefährt zukriechen wollten.
Aber auch dieser Anblick zerstreute ihn nicht.
Nein, nein.
Die Schläferin rührte sich. Sie saß jetzt aufgerichtet, nur der Kopf war hintenübergesunken, während die Brust sich leise hob und senkte.
Ob sie wirklich schlief?
Schon nahten die ersten Häuser der Stadt.
Da hatte Bruno ausgekämpft. Die kleine, schwarze Hexe neben ihm war stärker als er.
Ziemlich unsanft, beinahe rüttelnd fuhr er über ihren Arm.
Gegen sich selbst wollte er sie bewahren. »Wach auf, wach auf!« schrie es in ihm.
Aber die Schläferin sank, der Bewegung folgend, in voller Schlaftrunkenheit gegen die Schultern des Mannes.
Oh, wie weich rundeten sich ihre Lippen.
Er hob ihr Kinn, ruhig atmete sie fort, selbst die Grübchen in ihren Wangen konnte er bei dem trüben Lampenlicht gewahren, und leise, leise, wie ein vorsichtiger Dieb, stahl er ihr von den kostbaren Früchten.
Da gab es einen Stoß. Ruckartig hielten sie.
Ob Hann zurückgeblickt hatte?
Wie taumelnd sprang der grobkörnige Geselle von dem Schlitten herab, dann öffnete er den Schlag und grollte: »Wir sind da.«
»Schon?« gab Bruno atmend zurück, und auf Line deutend, setzte er hinzu: »Fest eingeschlafen.«
Hann starrte in dumpfem Staunen auf sie hin.
Und erst nach geraumer Zeit gelang es den beiden, das Mädchen zu wecken.
Verwundert blickte sie sich um, dehnte sich, und dann lachte sie und meinte gleichgültig: »Ah — das war geschlafen. Aber seht da oben, da lauert schon die Alte auf mich. Sie brennt noch Licht. Na, kommt gut nach Hause.«
Durch die klingelnde Haustür sprang sie die Stufen hinauf, nickte nocheinmal zurück und verschwand.
Als Hann nach einer Weile im Schritt zurückkutschierte, da hielt er in seinem Fausthandschuh ein Zehnmarkstück. Das hatte ihm Bruno beim Abschied in die Hand gedrückt, halb als Geschenk, halb als Trinkgeld. Und der unbeholfene Bursche besah es sich beim Sternenlicht, kratzte sich hinter dem Ohr und seufzte tief auf.
»Hüh, Schimmels!«
X
Zwei Tage später — bei Sonnenaufgang — da fand der einzige, goldige Strahl, der durch das hochangebrachte Traillengitter hindurchdringen konnte, den Moorluker Philosophen fröstelnd und mit blödem Haupt auf der Pritsche des Militärgefängnisses hingestreckt und mit dumpfem, verwundertem Ausdruck an den grauen Mauern hinaufstarren.
»Nee,« stellte er fest, indem er erwartete, Siebenbrod müsse ihn ja zuletzt mit einem Fußtritt aus dem schweren Traum erwecken, hielt sich den Kopf und schloß die Augen. Aber der liebe, erlösende Tritt Siebenbrods blieb aus, und das einzige, was zu ihm drang, war vom Hof aus ein Kommandoruf, dem ein hartes, klirrendes Geräusch folgte, wie wenn Gewehre taktmäßig auf das Pflaster gestoßen werden.
»Je — je —«
Hann riß abermals die Augen weit auf.
Halb zerschlagen kroch er von dem harten Marterlager herunter, um von neuem kopfschüttelnd um sich herum zu stieren.
Da in der Ecke die Pritsche mit der Wolldecke, an der anderen Seite ein Kasten, der häßlich roch und beinahe aussah, als ob man seine Notdurft darein verrichten sollte. Sonst nichts.
Kein Stuhl — kein Tisch. Auf vier Seiten lang und breit nur kahle, graue Mauern, und eine niedrige, braune Tür, die von innen keine Klinke bot.
Hann strich sich die Haare aus der Stirn und schüttelte sich.
Darauf schlich er zur Tür, um sie doch wenigstens einmal zu untersuchen, als an dem Holz in Manneshöhe eine Klappe herabsank, während ganz dicht etwas polterte.
Nun, das war doch gewiß ein gutes Zeichen, hoffnungsfroh steckte Hann die Hand durch die Öffnung, da erhielt er mit einem harten Gegenstand einen Hieb auf die Finger, daß er schreiend zurückfuhr, und zu gleicher Zeit wurde die Klappe durch ein bärtiges Gesicht ausgefüllt.
»Nicht so hitzig, Patron,« knasterte eine Stimme, die sehr geschäftsmäßig und keineswegs wohlmeinend klang. »'s kommt schon.«
Ein irdener Wasserkrug wurde hereingereicht, ein halbes Kommißbrot, und der Verschluß hob sich wieder.
»Halt,« schrie Hann in aufsteigender Verzweiflung. »Männing, weswegen — — —«
»Jawoll,« knasterte die barsche Stimme, und der Eingeschlossene hörte, wie die Klappe eilig wieder verriegelt wurde.
Ja, da sollte doch Gott den Deuwel totschlagen? — Was war denn nun?
Erschöpft, mit ängstlich klopfendem Herzen, sank Hann von neuem auf die Pritsche und starrte auf den Krug und das Brot.
Fi — das war ja nicht einmal etwas Warmes, wie es ihm Mudding doch täglich gab, und dabei fröstelte ihn, daß ihm die kalten Schauer die Brust zusammenschnürten.
»Präsentiert das — Gewehrrr!« scholl es schrill von unten. Darauf ein klirrender Schlag.
Je, ja, waren das nicht Soldaten? — Hann erschrak so sehr, daß ihm beinahe der Krug entglitten wäre, — Bilder, lauter fremde Bilder zuckten plötzlich durch seine langsame Vorstellung. — Ein Gasthofszimmer, Uniformen, nackte Menschen! —
Wo war er denn gestern gewesen?
Mit Gewalt schob er sich plötzlich den Kasten zurecht, kletterte hinauf, und nun konnte er durch die Eisengitter hinuntersehen.
Ein weiter, schneebedeckter Hof, eingeschlossen von einer roten Ziegelmauer, vor deren einzigem Tor ein Soldat im grauen Mantel mit geschultertem Gewehr ruhig auf und ab wanderte. An der Seite, beinahe unter ihm, zwei Reihen Infanteristen, die unter Leitung eines Unteroffiziers mit roten Händen und roten Gesichtern Griffe übten. Unbeweglich, nur die Arme lebendig, immer Schlag auf Schlag.
»Das Gewehrrr über — Gewehrrr ab. — Das Gewehr über!«
»Also doch!«
Schwerfällig stieg Hann herab. Nun wußte er genug. Und nachdem er auf seiner Pritsche einen tiefen Zug aus der Kanne getan, schlug er sich mit der Faust auf die Stirn.
Ja — ja — er hatte es also doch erlebt. — Wie war's doch?
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Ein lärmender Zug junger Fischer- und Bauernsöhne vor dem Voglerschen Gasthof, und immer zehn werden zugleich hineingeführt.
Unter der ersten Abteilung befindet sich — Hann.
Er hört noch die Stimme oll Kusemanns, der zur Feier des Tages mit in die Stadt gekommen.
»Immer an den großen Zeh denken. Das hilft.«
Ein kleines quadratisches Vorzimmer, weiß getüncht, mit einigen Kleiderrechen und Stühlen. Drinnen ein Unteroffizier — richtig, Hoffmann hieß der Brave — der sich unternehmend einen mächtigen, starrenden Schnauzbart dreht und, nachdem er mit einem überlegenen Blick die Schar gemustert, das Kommando erteilt: »Ausziehen!«
Die Burschen entkleiden sich.
»Den Rock auch?« fragt Hann Herrn Hoffmann, nachdem er sich seines Überziehers entledigt.
»Selbstverständlich — wie Gott euch geschaffen hat, Kerls,« befehlt der Unteroffizier, martialisch im Zimmer auf und nieder schreitend.
Hann streicht sich über die nackte Brust. Sein Herz klopft, als er so auf die anderen schielt.
»Die Büxen auch?« hält Hann nach einer Weile von neuem inne.
»Donnerwetter — Mensch — was sind das für Reden?« wettert der Aufseher.
»Aber es is ja man wegen der Schanierlichkeit.«
»Aha, ich weiß schon, Sie sind wahrscheinlich auch so einer.«
Ein verdächtiger Blick streift ihn, während Hoffmann rasch in seinem Notizbuch etwas revidiert.
Aber Hanns methodischem Sinn ist diese Andeutung nicht verständlich genug. »Was für einer?« will er sich eben vorsichtig erkundigen, da erhält er einen Stoß gegen die Schulter, daß die streitigen Hosen ihm von selbst abfliegen, und eine wütende Stimme zischt dicht an seinem Ohr: »Maul halten — vorwärts — das weitere wird sich finden.«
— — — Die zehn nackten Menschen stehen plötzlich in einem niedrigen, weiten Gasthofszimmer, vor einem schmalen, langen Tisch, hinter dem mehrere Offiziere und einige Herren in Zivil sitzen. An einem Nebentische schreiben zwei Unteroffiziere.
»Heinrich Kagelmacher,« ruft es nach einigem Murmeln und Vergleichen von da.
»Hier,« meldet eine Stimme neben Hann.
»Stand?«
»Fischer!«
»Woher?«
»Aus Hermsmühl.«
»Geboren — Konfession?«
»21. Oktober 1877. — Evangelisch.«
»Kagelmacher, Heinrich,« murmelt daneben der zweite kontrollierende Beamte. »Stimmt.«
»Kagelmacher,« fordert der Unteroffizier Hoffmann und leitet den eben Aufgerufenen unter eine Art Galgen, wo die Länge und das Maß festgestellt werden.
Der Querbalken senkt sich.
»1,70,« meldet Hoffmann.
»Kagelmacher, Heinrich — 1,70,« murmeln beide Schreiber.
»Gut, na, nu kommen Sie mal her,« tönt jetzt eine bierfette, gemütliche Stimme, und ein beleibter Mann mit rotem Gesicht, dicken, wulstigen Lippen und weißen, pudligen Haaren erhebt sich und steht nun auf etwas zu kurz geratenen Beinen und mit offenem Uniformrock da, während er mit seinem schwarzen Auskultationsrohr winkt.
»Das muß woll so eine Art Doktor sein,« denkt sich Hann Klüth, während sein Nebenmann untersucht wird. Der ist jedoch ein großer, kräftiger Kerl, daher dauert das Beklopfen und Behorchen nur kurze Zeit. Der Oberstabsarzt, der von dem Bücken noch röter geworden, streicht Kagelmacher wohlwollend über die nackte Brust und blinzelt ihn schlau an: »Na, klagen Sie vielleicht über was?«
Jetzt wird der Bursche blutrot: »Herzklopfen,« bringt er zögernd hervor.
Kaum ist das Wort gefallen, da schickt der Untersuchende einen merkwürdig schlauen Blick zu dem stattlichen Oberst mit dem Habichtskopf hinüber, der in der Mitte der Tafel sitzt, und in demselben Moment erhebt sich dieser, schiebt seinen Stuhl wie empört zurück und wandert, leise Verwünschungen ausstoßend und säbelrasselnd, im Zimmer auf und ab, während er im vollen Zorn mehrmals auf ein Blatt Papier schlägt, das er in der Hand hält.
Mit einem Male bleibt er »baff« vor einem eleganten, jungen Herrn stehen, der, ein Monokle im Auge, die Begebenheit, weit über den Tisch gebeugt, verfolgt.
»Na, was sagen Sie zu der Bescherung, Herr Landrat?«
Der Angeredete erhebt sich und flüstert dem Oberst etwas zu. Darauf zuckt der die Achseln, nickt aber, und beide lassen sich wieder auf ihre Plätze nieder.
Unterdessen hat der Oberstabsarzt, immer mit seinem schlauen Lächeln, bei Kachelmacher tatsächlich starkes Herzklopfen konstatiert. »Na, da wird wohl nicht viel zu machen sein — treten Sie mal vorläufig zurück, Mann.«
Der Nächste.
Er ist gleichfalls aus Hermsmühl und klagt über dieselbe Beschwerde.
Der Oberstabsarzt bemerkt gegen den Landrat, daß dieses Hermsmühl in seinem Kreise doch ein höchst ungesundes Loch sein müsse.
Als aber auch bei den nächsten drei Hermsmühlern, die zwar verschüchtert über nichts zu klagen haben, unter großer Zufriedenheit des Untersuchenden »starkes Herzklopfen« festgestellt wird, pfeift der Oberstabsarzt eine kleine Tonleiter, und von irgendwoher fällt ein unterdrückter Fluch: »Die Bande.«
Inzwischen ist es sehr still im Zimmer geworden. Die Hermsmühler stehen in einer Ecke zusammengepfercht wie ein Häuflein nackter Sünder, das auf den Henker lauert.
Hann perlt der Schweiß von der Stirn, obwohl sein entkleideter Körper vor Kälte zittert.
Er merkt, daß hier »nicht alles richtig« ist.
Da —
»Johann Klüth,« ruft es von dem Unteroffizierstisch. Er stottert etwas, wird von seinem Freund Hoffmann unter den Galgen befördert, der Querbaum fällt ihm nicht gerade sanft auf den Kopf, und eine geringschätzige Stimme meldet: »1,65.«
»Klüth — Johann — 1,65,« rapportieren die beiden monotonen Echos gleichgültig.
Was nun kommt, gleitet wie ein Traum vorüber. Er befindet sich unter den Händen des dicken Herrn, es wird etwas von einem gesunden Herzen gesprochen.
Hierauf allerlei unverständliche Bemerkungen, und dann das bedauernde Wort, daß es sehr schade wäre, aber der Mann hätte linksseitig einen kürzeren Fuß.
»Ersatzreserve ohne Dienstpflicht.«
»O je — o je — Hurra,« stößt er hervor.
Was das bedeutet, das hat oll Kusemann Hann bereits vorher erklärt. Das wäre das Beste, das Allerbeste, Hanning, ja, wenn das dich so passieren könnte — — — —
Und über Hanns Gesicht verbreitet sich ein Leuchten, er lacht vor Vergnügen und will eben, nackt wie er ist, eine Art Dankverneigung machen, da bemerkt er mit Schrecken, wie sich der Oberst mit beiden Fäusten auf den Tisch stemmt und schreit, als ob der Kalk von den Wänden fallen sollte. Warum er sich so aufregt, das versteht Hann nicht. Er hört bloß verschwimmend: »Frechheit — hier Freude Ausdruck geben — Drückeberger von Kaisers Diensten — Exempel gegen solche Sozialdemokraten statuieren — stehen zum Glück am heutigen Tage alle unter den Kriegsartikeln — die Hermsmühler Bande noch besonders vornehmen —«
Und als er sich halbwegs auf sich selbst besinnen kann, da sieht er mit dumpfem Erstaunen, wie ihn zwei Soldaten in die Mitte nehmen, um ihn nach einem Marsch durch die Stadt hinter der roten Mauer abzuliefern.
Es ist Spätnachmittag, und noch immer hält er das Brot und den Krug in der Rechten und der Linken.
Was is denn nu?
Is das Kaisers Dienst??
Und von unten schallt es herauf, es werden Monturstücke geklopft, und eine frische Stimme summt dazu:
»Wer will unter die Soldaten, Der muß haben ein Gewehr, Der muß haben ein Gewehr, Das muß er mit Pulver laden Und mit einer Kugel schwer.«
XI
Da ward aus Abend und Morgen der andere Tag.
Der Mittelarrest hatte, wie alles Leid auf der Welt, auch sein Gutes. Hann fand, daß er noch niemals so ungestört hätte nachdenken können wie hier. Denn immer wurde er in Moorluke davon aufgescheucht, einmal von Siebenbrod, oder von Mudding, am meisten jedoch durch oll Kusemanns unzeitige Späße.
Hier aber, ja hier hatte man solche Leute woll ordentlich lieb. Draußen auf dem Gange patrouillierte sogar direkt ein Aufseher auf und nieder, damit nur alles hübsch still bliebe, und nichts ihn störe.
Ja, ja, für die Gedanken war das doch eigentlich ein wunderhübscher Raum. Man brauchte nichts zu arbeiten, und wie pünktlich dabei noch für einen gesorgt wurde.
Da stand schon wieder der Krug mit frischem Wasser und daneben ein neues halbes Kommißbrot, und der Gefangene streifte sie mit einem dankbaren Blick.
Nur etwas kalt war es ja, den Ofen hatte man wahrscheinlich vergessen, allein dafür blieb ihm schließlich die wollene Schlafdecke. Und er schlug sie um sich und hockte nun, bis zur Nasenspitze eingehüllt, auf der Pritsche und sah aufmerksam in die eine graue Ecke, wo sich eine Spinne ein dickes Gewebe gebaut hatte.
Langsam, langsam, wie Wanderer, die mühsam über ungepflasterte Landstraße dahertappen, kamen und gingen die Gedanken.
Was da allmählich für schnurrige Gestalten vorbeizogen. Der liebe Gott und oll Kusemann, der Kaiser und Line, Malljohann und die Spinne.
Und Hann saß da und nickte nachdenklich hinter ihnen her, und während von unten wieder die Kommandorufe: »Das Gewehrrr über — Gewehrrr ab — das Gewehrrr über!« herauftönten, da merkte der Einsame gar nicht, wie er im Grunde schwere Arbeit verrichtete, eine, die sehr selten geworden, nämlich das Hauptbuch des Lebens umblättern und addieren und subtrahieren und schließlich zu einem Resultate gelangen. Zu einem wirklichen Fazit, das dann wieder ins Leben umgesetzt wird.
Freilich, das kann nicht jeder, es fehlen den meisten ein paar unumgängliche Posten dabei, nämlich Wahrheit und Bescheidenheit.
Aber der eingesperrte »Sozialdemokrat« Hann Klüth, der hatte das Glück, diese friedensstille Zelle zu finden, die sein Vorhaben so sehr begünstigte.
Und so vermochte er's.
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Jetzt is man so alt geworden, und doch is meistens allens schiefgegangen, was man sich in die Kinderjahren und auch später noch vorgenommen und vorgeträumt hat.
Erst hat man sich's im Elternhaus so recht mollig sein lassen wollen, ja, prost Mahlzeit, da is Dietrich Siebenbrod dazwischen gestiegen — nachher hat man doch für sich selbst so'n bißchen was ins Trockne bringen mögen — aber, allens Dummheiten, wie kann ein abhängiger Bootsmann was aufs Trockne bringen? — Zuletzt hat dann das dumme Herz noch was abkriegen sollen, da hat es sich aber zu hoch verstiegen und muß zusehen, wie ein anderer die »sie« im Schlitten abküßt, wenn auch man im Schlaf. — Nee, das muß nun alles hinter einen liegen, einmal muß man doch Schluß machen und vernünftig werden, und jedes Ende hat auch was, so recht was Beruhigendes. Da kann einen nichts mehr irrig machen, denn das Ende is eben — das Ende.
Na ... aber was soll man dann hinterher?
I, Jünging, das is doch ganz einfach — der Mensch muß ebend nach seinem Glück aussehn.
Ja, aber — hum — was is denn nu eigentlich das Glück?
I, das muß doch rauszukriegen sein, was soll es denn groß vorstellen?
Kuck — ich hab's all, dagegen wird keiner was anreden: das Glück is ein großer Haufe Talerstücke.
Jawoll, das is sicher, wer auf so'n mächtigen Haufen sitzt, der sitzt auf einem verdeuwelt hohen Berg, von dem aus er über die ganze Welt fortgucken kann, wenn's ihm Spaß macht. Und wer weiß, ob der Berg, auf den der Deuwel einst unsern lieben Heiland geführt hat, nich auch so ein Haufe Geld war, denn wer das hat, das is doch klar, der hat das Glück einfach so in Wispelsäcke stehen und —
Halt, Jünging — stopp, nich so fix — alles kann man sich schließlich auch nich kaufen. Zum Beispiel die Gesundheit und dann einen anschlägigen Kopf und dann — Liebe. Nein, das is wahr. Die sackermentsche Liebe besonders nich. Wenn ich auch auf einem Wispelsack mit Talerstücken säß, so hoch wie Hollandern sein Speicher, Line würd mich deswegen doch nich lieber haben. — Und dann, was sagen woll die alten, weisen Sprichwörter dazu? »Reichtum macht nich glücklich.« — Kuck, da haben wir's ja. Ich werd' doch nich so dumm sein, gegen ein Sprichwort anlaufen zu wollen. Ne!
Aber, was nu weiter?
Das Glück muß also doch wo anders stecken. Na, wollen eins sehen. — — —
Da fällt mich so ein, wo kommt überhaupt der Reichtum her? Sieh, das is doch 'ne schnurrige Frag'. Der Reichtum is doch nich von Anfang an dagewesen, bei den sechs Tagewerken kommt er nich vor. Er muß also doch erst so allmählich in die Welt gekommen sein, als der liebe Gott die Menschens zur Arbeit verflucht hat, was ja eigentlich gar nich väterlich von ihm war — — — Holl eins an — — — die Arbeit, stopp, Kinding, stopp, das is mir denn doch ganz einleuchtend, daß aus der Arbeit sich eigentlich erst all der Reichtum herschreibt. Und wenn Konsul Hollander so viel Säck' mit Talerstücken stehn hat, wie er hat, dann hat er eigentlich lauter Säcke mit Arbeit dastehen, mit unsre Arbeit, mit fremde Arbeit. Ja, überleg dich mal, darf denn das der Mensch? Darf einer, und wenn er dreist Konsul is, die Arbeit vom andern wegnehmen und auf seinen Speicher stellen? — Pfui, ich würd's nich tun. Ne, mit dem Reichtum bleib mir einer vom Leibe.
Aber nun vielleicht mit der Arbeit?
Vielleicht steckt's darin.
Denn, daß der liebe Gott mit ihr eine Strafe gegen das menschliche Geschlecht hat ausüben wollen, i, das mag ja auch woll bloß so ein Läuschen[1] vorstellen; ich frag man, wozu hätt' der liebe Gott sonst am Anfang von alle Geschicht selbst so hart geschuftet, daß er ja eigentlich richtig als der erste Wochenarbeiter gelten kann. Ne, die Sache muß ihm doch höllischen Spaß gemacht haben, und deshalb wollte er den Menschens vielleicht auch von der Art Spaß was zukommen lassen.
Na, und is es nun nich möglich, daß in der Freud' an dem Spaß das Glück stecken tut? — —
Hier sah Hann, wie in der grauen Ecke das Spinngewebe erzitterte, und daß die Bewohnerin, einen langen Faden ziehend, hin und her lief. Er schüttelte das Haupt.
Ne, Hanning, was redst und redst du auch heute. Kuck doch erst eins hin. Was arbeitet da das Biest? Eine Bettstell' baut es sich und frißt's dann wieder auf, wenn Not an'n Mann is. Und was arbeit't der Mensch? — Nun, er baut ein Haus, damit er drin wohnt, und er zimmert einen Tisch, damit er dran ißt, und er haut Holz, damit er sein Essen daran kocht, und er fängt Fisch', wie ich, damit auch was zum Kochen da is. Also der Mensch arbeitet bloß um das gewöhnliche, gemeine Leben. Um weiter nichts. Aber daß den Maurer das Hausbauen und den Fischer das Fischfangen so besonders glücklich macht, das hätt' ich auch noch nich erlebt. Wenigstens bei uns in Moorluke is das nich so.
Zwar die Pasters sagen, daß Arbeit besser machen soll. Spaß. — Ich frag man: bünn ich denn so'n Musterspiegel, weil ich alle Tag' ein paar Wall von arme Heringen aus'm Wasser zieh' und sie um mich herum krepieren seh'? — Und für wen is denn schließlich all die Rackerei? Doch bloß für den Schwamm und den Wurm. Denn was nich verfault, das zermürbt. Ne, das seh ich woll, das Glück von die Arbeit is auch bloß solch ein Trostmittel vor die Menschheit. Wollen uns doch lieber nach was anderem umkucken!
Aber zuerst will ich nu schlafen! —
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Da ward aus Abend und Morgen der dritte Tag.
Als Hann seiner Spinne freundschaftlich »Guten Morgen« geboten und nun feierlich auf seiner Pritsche thronte, da wurde auf dem Hof ein helles Signal geblasen. Fröhlich schmetterte es ringsum, die starken Luftschwingungen stießen sich förmlich an den Mauern.
»Was is?« fragte Hann unwillig über die Störung.
»Rataplan — Ratatata —«, wirbelten ein paar Trommeln zur Antwort. »Ratatata.«
»Was nu? — Nu kommt woll der Kaiser?«
Aber bald hörte der Eingesperrte an den dröhnenden, klappernden Tritten, daß nur eine Truppenabteilung zum Tor hinausmarschieren müßte.
»Man gut, daß sie fort sind,« dachte Hann, der dies Trommeln und Blasen für einen Eingriff in seine Rechte betrachtete. »Man gut.«
Alles war wieder still, Hanns Gedanken jedoch waren ehrfürchtig neben dem Kaiser stehengeblieben. In seinem Geist nahm er den Hut ab.
»Ja, das is noch was,« sagte er. »Das nenn' ich noch 'ne Stellung.«
Er bedeckte sich wieder.
Ne, bei uns Niederen, da steckt es nich, aber bei solch einem Herrn, der die Macht hat, da is woll's Glück zu Hause. — Ich kann mir man denken, so einer pfeift — hüh — und dann gleich zehn Dieners schmieren ein Butterbrot, — und pfeift wieder, und — hast du nich gesehn — zehn andere ziehen ihm die Stiebeln aus. Ja, das laß ich mir noch gefallen — Aber — hm — ne, wie is das denn mit den Attentaten? Ich besinn' mich doch, wie oll Kusemann einst vorlas, mit den russ'schen Kaiser? Da soll es so 'ne Sorte geben, die es für ehrenvoll halten, so 'nen hohen Herrn mit allerlei Mordwerkzeuge auf den Leib zu rücken? Ich trink 'ne Tasse Kaffee, und dann is da Gift drin, ich drück' jemandem freundschaftlich die Hand, und die Karnallge stößt mir zur Antwort ein Brotmesser ins Genick. Pfui Deibel, mir könnten sie ja solche Kaiserstellung umsonst anbieten. Und was so 'ne arme Kaiserfrau zu Hause woll vor Angst aushalten muß — Ne, das wär ja rein zum Verzagen.
Aberst, das merk ich schon, mit allens, was unsre menschlichen Augen rund um sich herum sehen können, da bin ich nu durch. Is aber überall das Glück nich dabei gewesen. Na aber — daß mir das zuletzt noch einfallen muß — vielleicht verhält sich das mit dem Glücke nich anders wie mit dem lieben Gott; — es is unsichtbar. —
Hier schlug er vor Freude über den Einfall schallend auf die Pritsche, daß das Spinngewebe in der Ecke erzitterte. Und da er grade beim »lieben Gott« angelangt war, so fuhr er fort: Ja, es mag wohl in den innerlichen Geschichten liegen, vor allen Dingen in der Frömmigkeit. Wer fromm is, dem sind ja alle Seligkeiten versprochen.

>Selig ist — — —<, na, ich hab das auch nicht mehr so im Kopf, aber das is wahr, wer so recht fest an oben hängt, der kommt sich wohl zum Schluß vor, als ob ihm an Händen und Beinen ein langer Faden angebunden wär', wie bei die Hampelmänner auf dem Weihnachtsmarkt, und oben wird nun bei jedem Schritt gezogen, so daß man am Ende gar nich fehl gehen kann. Wahrhaftig, das wär doch recht sicher! — Und is das nicht auch beinah' so, wie bei den neumodischen Feuerversicherungen? Da heißt's: >Laßt ruhig zu Haus brennen, die Feuerversicherung Phönix zahlt nachher doch.< Sieh, dies Stück könnt' mir eigentlich gefallen.
Na ja, wenn bloß der lahme Krischan nicht hinterher hinkte.
Wer nämlich so eine himmlische Versicherung hat, wird sich der nich fix auf die faule Seite legen? — Und dann — gegen die Bettelei haben sie Vereine gegründet; wird jeder gleich eingesperrt. Zu dem lieben Gott aber gehen dieselben Vereine hin und betteln da ganz ausverschämt. — Denn was is Beten anders als Betteln? Und um was für Dinge belästigen sie nun den lieben Gott? Der eine wegen sein krankes Schwein, der andere um eine Nacht bei einer hübschen Dirn', und Bauer Haberkorn auf Poggenpfuhl hat den liefen Gott ganz andächtig gebeten, ob er seine Frau nich an einem giftigen Pilz draufgehn lassen wollt'. Und wenn nun der erste am selbigten Tag um Regen und der zweite um Sonnenschein bittet, was soll der Herr da anfangen? — Da is gar keine Menschenmöglichkeit.
Ne, mich is das grad'zu entgegen, wenn ich so die vielen Menschen wie Spitzbuben in die Kirch' schleichen seh', um den lieben Gott was aus der Tasch' zu ziehen. Ich hab' mich immer gedacht, hinbringen müßten sie was, hinbringen, und wenn's die lumpigste gute Tat wär', zum Beispiel einen Betrunkenen nach Haus tragen, damit er kein Elend anricht't. Und nich immer bloß die off'nen Bettlerhänd' hinhalten. Denn was muß das auf den lieben Gott woll auf die Dauer für einen Eindruck machen? — Ne, wenn ich Er wär', ich hätt' all längst das Schild >gegen Bettelei< an der Kirch' anschlagen lassen.
Ja, aber nun überhaupt mit dem lieben Gott —
Diesen Satz beendete Hann Klüth jedoch nicht, sondern erschrak und zog scheu die wollene Decke enger um sich, denn die Abenddämmerung war bereits niedergesunken.
Er fröstelte zusammen.
Oll Kusemann meint ja, man könne gar nich wissen, ob — — hm — — — ne, ne, oll Kusemann, den lieben Gott laß ich mir nich ausreden, man braucht ja bloß die Augen zuzumachen oder in eine recht wüste Gegend zu gehen, dann fühlt man ja ordentlich, wie nah er is.
Aber — aber ich sagte doch von Wissen.
Ob das ganz genaue Wissen von allen Dingen, wie es hier die Professors in der Stadt haben, ob das die Leut' nu wohl sehr glücklich macht?
Darüber muß ich nu direkt lachen. Denn die Studentens, die ich auf dem Bodden spazieren fahr', die sagen doch immer, was der eine von die Professors weiß, davon weiß der andere just immer das Gegenteil. Und wenn der eine rausklüstert, alles Leben käm' aus der Luft, dann find't der andere, es käm' aus dem Wasser — und Professor Römer sagt, es käm' aus dem alten Testament. Und wie düsig muß wohl den Studentens zumute werden, wenn die drei ihnen das so hintereinander einremsen.
Ne, vor so'n Elend bewahr' mich der liebe Himmel —
»Maul halten!« schrie auf dem Gange der Wachthabende und klopfte an die Tür. Und Hann mußte sich auf seinem Lager ausstrecken, während sein Atem regelmäßig in der Kälte ausdampfte.
* * *
Da ward aus Abend und Morgen der vierte Tag. — — »Nun wird mich das aber mit der Zeit recht ungemütlich,« sprach Hann Klüth. »Ich frier hier ja, wie ein Schneider, und all' meine Glieder werden mir lahm. Soll ich denn nu fürs Vaterland auf immer hier eingesperrt bleiben? Das halt' ich wohl gar nicht mehr lange aus. Und das Kommißbrot liegt mir auch schon wie Steine in'n Magen. Dazu das kalte Wasser, das schuddert mich durch den ganzen Leib.
»Ich hab' ja eigentlich gar nichts getan? Weshalb ist man bloß so streng zu mir?«
Er erhob sich schwerfällig und schlurfte mit steifen Beinen in die Ecke zu seiner Freundin im Spinnenhaus. Aber wie erschrak er, als er das Tierchen mit eingezogenen Füßen, erstarrt, eine Art Krümel, vorfand.
»Herr im hohen Himmel,« stotterte er. »Die is also auch bereits so weit? Erfroren? Und bei mir kann's auch jeden Moment kommen, denn mir is all recht elend.« Ganz zerschlagen wankte er wieder auf seine Pritsche, dort sank ihm sein Kopf schwer auf die Brust, und die Kälte senkte immer größere Müdigkeit und Erstarrung auf ihn.
»Merkwürdig, ganz merkwürdig,« murmelte er, »weshalb eigentlich die Menschen so schlecht zueinander sind? Und dabei gibt es doch nichts Besseres, als wenn man jemanden recht lieb haben kann.
»Aber was geht mich das an? — Ich werd' keine mehr lieb haben, und mich wird auch keiner mehr lieb haben, denn ich leg' mich nu hin, wie die Spinne, und steh nich wieder auf.«
Damit bettete er die graue Decke über sich, richtete die blauen Augen nichtssagend auf das Traillengitter, durch das der frostige Tag gleichgültig hereinsah, und lag regungslos.
Da erhob sich ein Gepolter an der Tür. Das bärtige Gesicht erschien wieder in der Klappenöffnung und schrie, Hann möchte ihm den Topf abnehmen, er sei sehr heiß. »Extraration,« setzte er erklärend hinzu, »vierter Tag. Um ein Uhr Ausgang.«
Da saß nun Hann, lachte über das ganze Gesicht und atmete neubelebt den Dampf ein, der ihm aus dem heißen Napf entgegenquoll.
I, das waren ja Bohnen und Schweinefleisch, na, nu sieh bloß mal, und wie warm, wie schön warm.
Und nachdem er heißhungrig sein Mahl längst beendet, saß er noch immer und streichelte dankbar den Napf.
»Kuck,« sprach er zu dem Topf, »zu Haus, bei Mudding, eß ich so was aus verschiedenen Gründen, die ich hier aus Anstand nich anführen will, gar nich gern. Aber hier? — hm! Wenn ich mir überleg', wie leicht, wie kindsleicht hat es nich ein Mensch, gegen andere Menschen gut zu sein. Mitunter tut's sogar, wie hier, ein Topf mit heiße Bohnen.
Pfui Deibel, — aber gut war's doch.
Ja, aber nun hab' ich solang über das menschliche Glück nachgedacht, und dieser Topp mit Bohnen belehrt mir nu, daß ein bißchen Liebe doch eigentlich das Hauptstück bleibt. Und wenn einem so'n Bohnentopp nun noch von eine liebe Hand gereicht wird und nich bloß von so'n Schweinigel, dessen Geschäft das is, ja, ich glaub', das hätt' solche Wirkung, daß man sich beinah einbilden könnt', es wär eigentlich Kartoffelsupp' mit Wurscht, was ich so sehr gern ess'.
Ja aber, wen soll man nun lieb haben?
Den lieben Gott?
I, das wär ja so selbstverständlich, als wie die eignen Eltern, und wär woll trotz alledem nich das eigentliche. Denn zu einer richtigen Liebe, mit Aussprache und Umarmung kommt's da doch nich. Dazu ist zuviel Respekt.
Und alle andern lieben, wie's unser Herr Jesus Christ von uns verlangt hat? sieh, das würd' ich nun für mein Leben gern tun, aber sie meinen ja jetzt, wie ich man neulich von oll Kusemann gehört hab', dann wär man ein verfluchter Sozialdemokrat, und man vernachlässigte auch sein Eigens zu sehr dabei, wenn man allen anderen in die Töpfe kucken wollt'. — Ne!
Was bleibt also übrig?
Na, Hanning, du schämst dich ja bloß, nu sag's doch, es bleibt eben das übrig, wovon Line das Allerschönste is — die Frauensleut.«
Hier seufzte er tief auf.
»Ja, ja, die müssen wohl zuletzt doch das Glück sein, denn man steht ja allerwegen, wie man zuletzt doch nach ihnen greifen tut. Und aus welchem andern Grund hätte sonst wohl Müller Pökel in Moorluke bereits die fünfte, als deshalb, weil man ohne so was nun mal nich leben kann. Nu is aber die Frage: besteht mit die Frauensleute das Glück einfach in dem Kinderkriegen, wie oll Kusemann meint? Oh, das wär' woll zu wenig. Oder in dem Immerzusammensein mit ihnen? Ne, dagegen sagt wieder das Sprichwort: >Allzuviel is ungesund<.
Das kann es also auch nich sein.
Ich glaub' man, es geht wohl den meisten damit so, wie es mir geht; es is die Sehnsucht, ja, die Sehnsucht nach einer; das is wohl das Schönste, das is wohl das Glück.«
Hier seufzte er wieder zum Erbarmen tief und schwer in sich hinein. Denn wohin seine Sehnsucht bereits in der Kindheit gezogen, das wußte er wohl. Und ebenso fest stand es, daß dieses Gefühl überwunden werden müßte, wollte er nicht dulden, daß man ihn verspottete oder gar verlache.
»Ne, ne,« ermannte er sich bekümmert, »Klara Toll — Klara Toll, ich sag's noch mal, damit ich mich den Namen recht fest ins Herz schreib', Klara Toll, die is für mich, und ich bin für sie! Die is still und ruhig, und mit der wird meine Sehnsucht woll allmählich auch still und ruhig werden. Ja — ja, und in der Meinung hab' ich schon ordentliche Sehnsucht nach Klara Toll.«
Und er murmelte noch mehrmals wie einer, der etwas auswendig lernt: »Klara Toll — Klara Toll.«
Und damit glaubte er am Ende seiner Einsicht zu stehen.
XII
Es dämmerte sacht, als ein Unteroffizier in Hanns Zelle trat, um ihm mitzuteilen, daß sein Arrest abgelaufen sei. Hann wurde über den Hof geführt, der Posten am Tor wechselte mit seinem Begleiter ein paar heimliche Worte, dann ächzte das schwere Holz, und der Befreite befand sich auf der dunklen Straße. Ein tiefer Atemzug, dann faßte er sich an den Kopf. »Ja, ja, er hatte doch manches da drinnen erlebt. Was war noch das Letzte gewesen? — Ach richtig, die Frauensleut', und besonders Klara Toll; ja, ja die besonders.«
Da legte sich eine Hand auf seine Schulter.
Als er sich überrascht umwandte, stand sein Bruder Paul vor ihm; und hinter jenem — ja, wer war denn das schlanke Mädchen mit dem Tuch über den Haaren und dem Körbchen am Arm? Das war doch nicht etwa? — Hann wollte das Herz klopfen, doch als die Gestalt näher trat, erkannte er, daß es die Schulmeisterstochter wäre.
Er senkte das Haupt.
Das waren also die beiden einzigen, die an seinem Schicksal Anteil genommen.
Der Kandidat sah ernst aus. Nichtsdestoweniger klopfte er Hann leicht auf den Rücken, während er davon anfing, daß der Gefangene es hinter den Mauern wohl nicht besonders gut gehabt hätte.
Es sollte ein Scherz sein, der dem Fischer über die Befangenheit forthelfen sollte, die der Theologe bei ihm voraussetzte; da Hann jedoch gutmütig lachend beistimmte, zog der Kandidat verletzt seine Hand zurück. So scherzhaft faßte er den Zwischenfall nicht auf: »Es ist für uns nicht besonders ehrenvoll,« sagte er, »daß die Sache mit dir so abgelaufen ist, aber, hm —« er sah seines Bruders unschuldiges, bekümmertes Antlitz und lenkte sofort wieder ein, »aber es ist eben jedem nicht so gegeben. Na, nun gib mir die Hand. Ich wollte mich nur davon überzeugen, daß du dir's nicht zu Herzen nimmst. Und nun adieu, Hann.«
Damit nickte er ihm mit seinem hageren Gesicht aufmunternd zu und verschwand um die nächste Ecke.
Hann befand sich mit dem Mädchen an der Kasernenmauer allein.
Drinnen übte auf seiner Kammer ein Hornist Signale: »Zum Ausschwärmen.«
Tarattata — tarattata.
Leise verschwommen klang es heraus, auf sie herab fielen wenige, müde Schneeflocken, die Luft war milder geworden, und es dunkelte stark.
Hann kratzte sich hinter dem Ohr: »Ja, ja, Klara,« begann er endlich, »daran hab' ich noch gar nicht gedacht, es is nich ehrenvoll für mich.«
Leichtfüßig trat sie ihm näher, ihre dunklen Augen standen voll Tränen. »Oh, Hann, laß das doch, bei uns draußen fragt da kein Mensch nach.«
»Das is wohl wahr. Das tun hier bloß die Gebildeten, Bruno und — Line.«
»Na, laß sie.«
»Ja.«
Und nach einigem Nachsinnen fügte er hinzu: »Wollen wir fortgehen, Klara.«
Langsam ausschreitend ließen sie das Gemäuer hinter sich. Es sank in die Dunkelheit zurück, und damit wich auch etwas von der Bedrückung, die den Burschen gefangen hielt.
Die Schulmeisterstochter stieß ihn sanft mit dem Körbchen in die Seite. Sie hatte ihm mit Wurst belegte Semmeln mitgebracht, und ein kleines Fläschchen Kognak.
»Weil ich meinte, du müßtest sehr hungrig sein, Hann.«
»Oh, Klara, du bist doch gut.«
»Na, da nimm.«
Die Semmeln mundeten ausgezeichnet, und der Kognak machte ihn warm und mutig.
Langsam streichelte er während des Hinschreitens an ihrem Arm herunter: »Klara, du bist doch sehr gut,« wiederholte er.
Sie nickte ihm zu und sah zu Boden.
»Also, du machst dir nichts draus, daß sie mich eingespunnt haben?« fing er wieder an.
»Nicht das mindeste,« erwiderte sie, »besonders, seit ich von oll Kusemann weiß, daß du nun frei bist.«
»Ja, das bin ich,« bestätigte Hann und warf sich in die Brust. »Ein Fuß von mir is kürzer.«
»Und daß sie dich nicht nach Afrika schicken.«
»Bewahre, ich bleib' nun hier.«
»Ja, jetzt bleibst du,« sagte sie zufrieden.
Sie versuchten, sich anzublicken, doch sie konnten in der Dunkelheit nur wenig voneinander entdecken.
»Klara Toll!« murmelte er plötzlich.
Es war, wie wenn er sich an etwas erinnere.
»Was sagst du da?« forschte sie.
»O nichts — ich will hier bloß, eh' wir mit der Hafenbahn nach Haus fahren, was in Ordnung bringen. Gib mir deine Hand, Klara.«
»Hier, Hann.«
Sie standen vor dem kleinen, schmalen, trüb erleuchteten Schaufenster eines Goldarbeiters der Hafenstadt.
Der Philosoph besah sich die Hand angelegentlich und nickte dann mehrfach bekräftigend: »'s is recht — aber nun — —«
Er wühlte in seiner Tasche herum, schien nichts zu finden und wurde unsicher.
»Zu dumm, aber darauf war ich nich vorbereitet; aber sag mal, Klara, könntest du mir vielleicht ein paar Taler leihen?«
»I, gern,« bejahte sie mit Hast, »hier ist ein Goldstück, das ich immer bei mir trag. Ist's auch genug?«
»Je, ich hab' keine Erfahrung in solche Sachen, aber der Mann wird ja nich unbescheiden sein. Und nun wart' hier eins einen Augenblick.«
Damit trat er unsicher in den Laden, und als er nach einiger Zeit wieder zurückkehrte, glühte Aufregung in seinem Gesicht, und Klara bemerkte, wie er eine kleine Schachtel zwischen den Fingern drehte.
»Du erhältst noch zwei Mark zurück,« stotterte er atemlos, »hier — und nun komm.«
»Ja, aber Hann, was — — —?«
»Ne, ne, nich hier; wenn wir allein sind.«
In Eile zog er sie fort; auch ihr begann das Herz zu hämmern, sie wußte nicht warum, bis sie an der offnen, vereisten Bahn des kleinen Flusses angelangt waren.
Ein kalter Wind wehte ihnen hier entgegen, aber Hann achtete nicht darauf, sondern drängte seine Gefährtin über die Geleise der Hafenbahn fort, hin nach der einzigen Pfahllaterne, die von einem hohen Rinnsteinbord aus eine kümmerliche, zuckende Helle verbreitete.
Hier mußte man warten.
»Die Hafenbahn ist noch nicht da,« sagte Klara Toll, der allmählich ängstlich zumute wurde.
»Ja, aber man hört sie schon läuten,« gab Hann verwirrt wieder, » — hörst sie?«
»Ja.«
»Nun is sie keine fünf Minuten mehr weit,« fuhr er fort.
Sie nickte.
Hann hielt sich an dem Laternenpfahl fest, seine Zähne klapperten gegeneinander, es war ihm, als ob er auf einem schaukelnden Boot stände. Mit einem Mal griff er nach Klaras Hand.
»Herr Gott,« schreckte sie auf, »was is?«
»Nichts — nichts — ich wollt' bloß sagen, jetzt sieht man schon die Lichter,« stammelte Hann.
»Ja, das sind sie.«
»Klara?«
»Ja?«
»Wer weiß, wie viel Menschen in dem Waggon sitzen? Und nachher — willst — willst dir nich mal ansehen, was hier in der Schachtel liegt?«
Er streckte ihr mit schwankender Hand die Hülle hin, und sie warf einen halben Blick darauf. In dem zuckenden Licht sprühte ihr ein rotgoldener Funke entgegen.
»Herr des Himmels!« rief sie und schlug die Hände zusammen.
Er klammerte sich fester an die Laterne und murmelte: »Ich würd' sehr froh sein, wenn du ihn von mir annähmst — und — und es is auch gleich Zeit zum Einsteigen.«
Jetzt griff auch das Mädchen nach dem Pfahl, und da standen sie nun, wie Kinder, die Ringelreihen spielen wollen.
»Hann,« flüsterte sie mit ihrer wohllautenden Stimme, »sag' die Wahrheit, hast du mich lieb?«
Der Bursche stockte, er setzte zweimal an, bevor er das Wort fand: »Ich bin dir sehr gut, sehr gut, Klara, weil, ja weil du selbst so gut und ruhig bist — Und du?«
»Ich?« —
Nun errötete sie und zupfte an ihrem Korb. »Ich hab' dich auch sehr lieb, weil du's so treu und ehrlich meinst, Hann.«
»Oh, — Klara, das is schön von dir — das — das hätt' ich wirklich nich geglaubt, weil ich doch noch gar nichts bin, aber von jetzt an will ich mir Mühe geben, so, und nun nimm auch den Ring — nein, nich umarmen, das is unpäßlich auf der Straße; und hier kommt auch schon der Zug.«
Und als er sie unbeholfen mit einem ritterlichen Versuch in den Waggon gehoben, und als das Abteil ganz leer war, und der Zug polternd durch die Dunkelheit weiterrollte, da beugte er sich zu ihr und sagte feierlich und ernst: »Nu küss' ich dich als dein Bräut'jam, Klara.«
Leise zitternd hob sie ihre Lippen zu ihm empor.
Beide schwiegen.
Und erst nach geraumer Zeit ermannte sich Hann zu dem Satz: »Und im ganzen bin ich dir nun achtzehn Mark schuldig.«
Da suchte sie verstohlen nach seiner Hand, aber er sah nicht ihre roten, bebenden Lippen, noch das liebliche, erhobene Gesicht, nein, aus seinem philosophischen Gemüt sprach es nachdenklich heraus: »Es is mir doch heil komisch, daß du jetzt meine Braut bist, Klara.«
»O Hann.«
Er fuhr auf.
»Ja — ja — willst du was von mir? Ich meinte nur so. Und da hält auch unser Zug. Komm, Klara, der Schnee ist hier zu tief, ich heb' dich runter.«
XIII
Rastlos knarrten die Räder.
Oll Chronos hatte Schnee und Winter in seinem Wagen von dannen gefahren; und eines schönen Tages kam er wieder und hatte Maien an seinen Karren gebunden.
»Nu is Frühling,« murmelte der alte Mistkutscher dabei in sich hinein; »kuck, was sich die Menschheit freut, grad, als wenn ich das erste Mal solch grünen Plunder zur Stadt brächt'; dummes Volk, die Hauptsache bleiben die Jahren.«
Der Konsul Hollander merkte das Grünen und Blühen daran, daß sein neuer Prokurist Bruno in einem hellgrauen, eleganten Frühjahrsanzug in dem Bureau erschien.
»Menschenskind,« rief Hollander süß-sauer, »was haben Sie da wieder für ein schönes Gebäude. Ist das nach Ihrer eigenen Zeichnung entworfen? — Die Adresse von dem Schneider müssen Sie mir geben.«
Auch bei Fräulein Dewitz meldete sich die milde Jahreszeit freundlich an.
Der Bursche des Weinhändlers Kroll stellte sich nämlich in der Küche der Lehrerin ein und übergab dem erstaunten Fräulein zehn Flaschen Maibowle, die Bruno aus spezieller Verehrung für die alte Dame gesandt hatte.
Auf einer beigefügten Karte stand außerdem zu lesen: »Daß der Spender, wenn er nicht fürchten müsse, das hochverehrte Fräulein zu stören, sich gern erlauben würde, den Abend des ersten Mai in ihrer gemütlichen guten Stube zu verleben, als letzten Ausklang der von dem Fräulein während des Winters so umsichtig geleiteten Leseabende.«
»Sieh — sieh,« räusperte sich die Handarbeitslehrerin nach der Lektüre dankbar und wohlwollend und warf noch einen raschen Blick auf die in Reih' und Glied aufgestellten Flaschen, ob es auch wirklich zehn wären, »sieh — sieh — ja, es stimmt — nein, dieser Herr Bruno ist wirklich — Gott, wie sag' ich — wie solch ein Kavalier aus dem ancien régime. Und, ja, ich kann mich gar nicht genug darüber verwundern, Lining, wie du darauf verfällst, gerade ihn so schlecht zu behandeln. Mir kam es manchmal vor, als legtest du es absichtlich darauf an, ihn zu kränken. Und dabei war er es doch, der dich darauf brachte, wie schön du zu lesen verstündest, und der, anstatt wie andere junge Leute sich leichteren Vergnügungen hinzugeben, diese anregenden und bildenden Leseabende mit uns abhielt. Ich wenigstens, ja ich muß mich noch immer an euch beide als Luise und Ferdinand erinnern, wie du vorlasest: >Der Himmel und Ferdinand reißen an meiner Seele< — sieh, da hast du mich wirklich direkt gerührt.«
Line hörte der guten Dame regungslos zu und nickte, aber um ihre Lippen spielte ein vieldeutiges Lächeln. — —
Oh, sie war klug, sie dachte selbst oft, eigentlich wäre sie wohl solch schwarze, kleine Hexe, die es den Männern mit einem gemurmelten Spruch antun könnte. Und wie ihr das wohltat, wie es ihr alle Glieder mit Wohlbehagen durchlief. Oh, sie wußte ja besser, was den hübschen Bruno so oft, so beharrlich die engen Treppen zu Fräulein Dewitz hinauftrieb. — Der Kuß — dieser eine brennende Kuß — und sie lächelte hinterlistig — den sie geleugnet hätte, würde man sie daran erinnert haben, denn er war ihr ja im Schlafe gestohlen, er, ja er allein war das flammende Zaubersiegel, das dem flatterhaften Menschen aufgedrückt war, und das sich nun weiterfressen mußte bis ins Hirn, bis ins Herz, bis alle seine Gedanken nichts mehr kannten als ihren Namen. Line, Line — und niemals Dina. Ah, das war ihre Todfeindin. — Nur sachte, sachte, sie wußte schon, wie Netze gelegt werden müßten, nicht umsonst war sie eine Fischertochter — und die andre, was war sie weiter als eine kalte, dummstolze Geldprinzessin —? Nein, die konnte keinen Mann behexen, ihn nicht zu allerlei Tollheiten verführen und ihn quälen und wieder glücklich machen und wieder quälen, ganz wie es geschehen mußte, bis man seiner völlig sicher war. Und hatte sie ihn nicht bereits halb und halb im Besitz?
Oh, wenn Dina, ja, wenn selbst Fräulein Dewitz geahnt hätte, zu welchen Tollheiten sie Bruno schon gebracht. Aber leise — leise — still, daß ja keiner hört! Da lagen in den Kästen ihrer Kommode, tief unten versteckt, allerlei Ringe und Armbänder und Halsketten von roten Granaten, die sie sogar schon einmal des Nachts vor dem Spiegel auf ihrer weißen Haut schimmern gesehen, und Gürtel mit bunten Steinen, und das allerschönste war ein winziges Glasdöschen voll mit Goldstücken, es konnten gewiß fünfzehn sein, die sie manchmal, wenn sie allein war, verstohlen durch die Hand laufen ließ.
Das alles hatte er heimlich, Stück für Stück gebracht, grade wenn sie recht unartig gegen ihn gewesen, recht schnippisch, recht verständnislos gegen das, was ihn nicht mehr zur Ruhe kommen ließ, und dem sie auswich, glatt wie eine huschende Schlange.
Ja, ihr Hexenmittel würde schon wirken — bald — bald. — —
— — — — — — — — — — — — — — — —
Auch in Moorluke wollte man trotz Frühlingsanfang in Liebesdingen sichergehen. Ein paar Monate nach Hanns Gestellung — man fuhr bereits wieder fleißig zum Fischfang — hatte Siebenbrod eines Sonntags vormittags, während er sich ein Paar neue Wasserstiefel aufmerksam eintrante, in der Küche folgendes Gespräch mit seiner Frau, die ihr Gesangbuch auf dem Schoß liegen hatte, weil sie ihrer geschwollenen Füße wegen die Kirche nicht mehr besuchen konnte: »Mudding, weißt was? — Mit Hann stimmt was nich.«
Die kleine Frau ließ ihr Buch sinken.
»Wieso, Siebenbrod?«
»Es is was mit Liebe,« fuhr Siebenbrod fort, wobei er eine große Portion Tran auf das Leder goß — »er singt.«
»Hann? — Was singt er denn?«
»Trauriges — solche Lieder, wie: Ich weiß nich, was soll es bedeuten! und andere Dinger. Aber dann is es soweit. Das kenn' ich.«
»Lieber Gott, aber wen glaubst du wohl?«
»Je, 's muß eine von den Schulmeisterdirns sein. Welche, weiß ich nich. Is mir auch egal. Aber ich merke es daran, daß Lehrer Toll seit einiger Zeit mich beim Bier immer was spendiert, und daß er dich 'ne Kruke Honig geschickt hat; ganz umsonst — und daß ich der einzigste bin, den er noch nich wegen seiner neuen Hagelversicherung rankriegen wollte. — Na, Mudding, in die Sache hab' ich aber auch noch ein Wörtchen mitzureden.«
»Du?«
Mudding erschrak und blickte mit ihrem bewegungslosen Antlitz den Fischer starr an, der ungestört und ruhig an seinem Stiefel weiterbürstete.
»Jawoll, Mudding,« brummte er endlich, wobei er behaglich an dem Leder roch; »kuck mich nich so verwundert an. Jetzt haben wir doch ein bißchen was, und da denkt sich Lehrer Toll, der so'n alter Siebenkluger is, da werd' ich eine von meine Dirns fein los! — Aber Essig! — Wenn er Hann nich ein paar Hundert Taler mitgibt, daß ich davon ein Motorboot bauen kann, dann tret' ich Hann keinen von meine Zesner ab, und von die Liebe allein kann er nich leben. Was, Mudding? Von die Liebe allein haben wir auch nich gelebt. Nich so?«
Von diesen äußeren Anfechtungen ahnte das Moorluker Pärchen freilich kaum etwas, und dennoch vollzog sich die innerliche Annäherung der beiden auch ohne dies nur außerordentlich tastend und zagend. Denn Hann war ein gar zu schwerfälliger Liebhaber. Mochte er der ruhigen Schönheit des Mädchens und ihrem sichtbaren Verlangen gegenüber, sich ihm zärtlich anzuschließen, noch eine zu große Schüchternheit empfinden, oder drückte ihn sonst etwas Unausgesprochenes, er sah sie manchmal, wenn sie des Abends in der Dämmerung am Bollwerk zusammenstanden, mit solch erstauntem, suchenden Ausdruck an, als wundere er sich immer von neuem darüber, daß das Schicksal sie beide zusammengeführt. Selten wagte er, ihre Hand zu streicheln, von einer Liebkosung hatte er, seit jenem Verlobungsabend, überhaupt abgesehen, und doch umgab beide, wenn sie so nebeneinander auf dem Bollwerk hockten oder in der Dunkelheit an den nebeldünstenden Seewiesen wandelten, eine so stille, friedliche Ruhe, daß sich alle Wünsche und Hoffnungen wie in wohltätigen Schlummer eingesungen fanden.
Manchmal standen sie in der Dämmerung, denn am Tage wagten sie noch nicht, sich miteinander zu zeigen, auf der äußersten Spitze der Mole und blickten auf die unter den Abendschleiern erzitternde Flut, in die der Mond Millionen zappelnder Goldfischchen geworfen hatte.
Dann konnte Klara Toll mit ihren sinnenden Augen hinausstarren, weit, weit, bis dahin, wo sich Dunkelheit und Meer verschlangen, und halb im Traum vor sich hinsagen: »Sieh, Hann, da hinter dem Wasser sieht man nichts mehr. Und doch liegt da noch Land. So ist's wohl auch mit unserm Leben.«
Das war nun so dunkel, daß es dem Philosophen mächtig behagen mußte.
Leise drückte er ihre Hand, und während der Westwind anhob zu summen, lehnte Klara ihr Haupt ein wenig an seine Schulter.
Es geschah das erste Mal und Hann stand regungslos.
Aber dunkler nur und schützender sank die Nacht, Hanns alter Freund, der Mond, lachte dazu gerade auf beide herunter.
Da holte der Fischer tief Atem und versuchte, mit seinen plumpen Fingern ganz zaghaft über die Haare des Mädchens zu streicheln.
In dem unsicheren Mondlichte blickte sie zu ihm auf, ihr Mund verzog sich zu einem stillen Lächeln.

»Klara,« begann Hann während des Streichelns und wälzte sich etwas von der Seele, was ihn schon lange mit Scham erfüllt hatte, »nun sag' ich endlich unsern Eltern, was mit uns is, denn dies Verschweigen is für dich nich gut.«
Das Wort schien ihr wohlzutun, und doch schüttelte sie langsam das Haupt.
»Nein, tu's nicht,« entschied sie endlich und streichelte ihm sacht die Wange. »Noch nicht.«
»Aber warum nich?«
Wieder zögerte sie und strich ein paarmal über seine Hand.
»Weil — weil es noch nicht gut ist — nur noch eine kurze Zeit. Hörst du?«
Diese Weigerung, die Klara schon öfter vorgebracht, vermochte er nicht zu begreifen: »Ja, aber,« stammelte er, »willst du mir denn nie erklären, warum — —?«
Er unterbrach sich, denn das Mädchen hatte wiederum ihren Kopf an seine Schulter gelehnt und hielt ihm die Hand vor den Mund, damit er nicht weiterforschen sollte.
»Ich erklär's dir schon mal,« beschwichtigte sie ihn, »vielleicht bald — — vielleicht sehr bald.«
Das war ihm nun unfaßlich und nicht im entferntesten ahnte er, welch feiner Regung der Entschluß seiner Verlobten entsprang. Sie war überhaupt ein nachdenkliches Wesen.
Davon erhielt er manchmal sonderliche Proben.
Inzwischen war Pfingsten herangekommen. Die Seewiesen funkelten von Tautropfen und gelben Marienblumen. Der Landwind führte Heideduft über das atmende Meer. Als Hann am ersten Feiertagsmorgen durch das wogende, tiefe Gras schritt, da entdeckte er an einer zum Bodden abfallenden Stelle zwischen Strandsteinen und Heideblumen einen braunen Kopf hervorlugen.
Den kannte er. Er hielt inne.
Sie saß ihm abgekehrt, plätscherte mit nackten Füßen in dem anspielenden Wasser, und während ihre Hände ruhig auf dem Schoß ruhten, summte sie, halb gedankenlos, ein paar Liedstrophen:
»In einem kühlen Grunde, Da geht ein Mühlenrad; Mein Liebchen ist verschwunden, Das dort gewohnet hat.«
Die Binsen hinter ihr neigten sich und sangen in ihrer Weise mit.
»Merkwürdig,« dachte Hann. Dicht bei dieser Stelle hatte er auch oftmals mit Line gesessen; aber ein herabrollender Kiesel verriet ihn.
Die Sängerin erhob sich und schritt langsam auf ihn zu. Sie schien gar nicht daran zu denken, daß sie auf nackten Füßen ginge.
Beide streckten sich still die Hände entgegen.
Als sie sich so grüßten, erhob sich vom Kirchturm ein Klingen. Die Pfingstglocken begannen zu läuten. Und so feierlich zog es durch die sonnige Morgenluft und über die stille See, daß jedes Wort eine Störung gewesen wäre.
Das fühlten auch die beiden Naturkinder. Wortlos hielten sie sich an den Händen. Eine lange Zeit. Als aber die Glockentöne immer heller und klingender wurden, da geschah etwas Wunderbares.
Mit einer schweren Bewegung schlang Klara ihre Arme um den Hals des Burschen, er sah ihre roten Lippen immer näher den seinen, und dann fühlte er einen langen, langen Kuß.
Seltsam träumerisch war ihm zumute, so ganz anders als sonst. Das Glück, dem er so lange nachgesonnen, schien über ihm zu sein.
So merkte er erst geraume Zeit später, wie ernst das Mädchen ihn dabei anblickte. So tief, so — —
»Klara,« sagte er rasch, »du siehst mich so an?«
»Ja, Hann, ich möchte einmal was wissen.«
Er nickte.
»Hast du mit einem andern Mädchen auch schon so schön getan?«
Der Gefragte duckte sich und mußte auf die Stelle sehen, wo er schon einmal mit Line gelegen.
Er beugte nur kurz das Haupt.
»Line?«
Wieder nickte er plump.
Sie sah ihn noch immer an, dann hob sie sich auf den Zehen und bot ihm von neuem den Mund.
Das war alles so weich und sanft.
»Klara,« stammelte er wie beschämt.
»Nun muß ich in die Kirche,« verabschiedete sie sich, und sie nickte noch immer, während sie langsam von dannen schritt.
Er sah ihr nach.
Erst als die weißen, glänzenden Füße längst in dem Grase verschwunden waren, legte er sich an ihren verlassenen Platz, stützte nachdenklich den Kopf und horchte auf das Surren und Säuseln des Windes. Die Seeschwalben, die an ihm vorbeistrichen, zirpten laut; und er mußte unwillkürlich das Lied seiner Braut wieder aufnehmen: Wie war's doch?
»Hör' ich das Mühlrad gehen, Ich weiß nicht, was ich will — Ich möcht' am liebsten sterben, Da wär's auf einmal still.«
»Hör' ich das Mühlrad gehen — — —«
Sonderbar. Er ließ den Kopf in beide Hände sinken.
»Was is woll das Glück?«
Und über ihm klangen die Pfingstglocken fort.
XIV
Es war dieselbe Gedankenreihe, an der Bruno an diesem Pfingstmorgen herumrechnete, nur erregter, mit glühenden Wangen und kühneren Plänen, während er in einem der heute leeren Bureaus des Konsuls saß, um die eingegangenen Briefe zu revidieren.
Solch ein weites, verlassenes Zimmer hat für den Einsamen stets etwas Fremdes, Ablenkendes, und bei dem jungen Prokuristen bedurfte es nicht einmal solch starken Anlasses, um seine Phantasie zu verlocken.
Da hatte er eben den Bericht eines amerikanischen Agenten des Hauses gelesen, eines Mannes, der nicht viel älter war, als er selber, der ebenfalls aus Hollanders Geschäft hervorgegangen, später in Neuyork reich geheiratet und jetzt auf seine Weise dort drüben selbständig arbeitete. Aber welch enorme Summen dieser Amerikaner nun für sich selbst berechnen konnte. Dem Prokuristen wirbelten die Zahlen wirr durch den Kopf, mit glänzenden Augen starrte er ins Weite, um plötzlich laut aufzuseufzen.
Er erschrak, als er das Echo in dem verlassenen Raume hörte, aber seine Gedanken drangen vorwärts.
Und er?
Der Konsul hatte ihm, trotz seiner Rangerhöhung nicht viel zugelegt, und mit der Summe, über die er verfügte — nein, nein, er mußte sich die Wahrheit, vor der er immer floh, in dieser einsamen Stunde eingestehen, — er kam nicht aus, seine Ausgaben überschritten bereits seine Einkünfte. Das Bild des Lebens, das ihm vorschwebte, stimmte sicher nicht mit der Wirklichkeit überein. Wenn der Konsul das geahnt hätte!
Oder wenn er den Grund je erfahren würde, diesen wahnsinnigen, tollen Grund, der seinen Vertrauensmann zu knabenhaften Streichen hinriß. Aber waren es denn nur Streiche, solche, die man verübt und wieder vergißt?
Bruno sprang auf, stellte sich ans Fenster, sah auf die Vorübergehenden und versuchte, eine Coupletmelodie vor sich hinzuträllern, allein das Bild, das ihm vor die Seele getreten war, dieses schwarzbraune Hexenbild, das ihn mit dunklen, spöttischen Augen und kirschroten Lippen maß, es ließ sich nicht so leicht wieder verscheuchen.
Sein Herz begann heftig zu hämmern, gerade so wild, wie stets, wenn er ihr gegenübertrat. Gerechter Gott, was wollte er denn von ihr? Er zuckte zusammen, wenn er daran dachte, es war ja wie Wahnsinn über ihn gekommen, ein einziger, schlimmer Wunsch beherrschte ihn, trieb ihn vor sich her und machte ihn elend.
»Solche Schlechtigkeit — solche Schlechtigkeit,« murmelte er vor sich hin und griff sich an die Schläfen. Oh, es war ja so namenloses Glück, daß ihm dieses Ding wie eine Schlange unter den Händen entwischte, daß sie klug war, und daß er niemals sein böses Ziel erreichen würde. Denn schlimm war es, er war ja trotz allem so fest, so felsenfest entschlossen, seine Zukunft nicht zu verspielen, vielmehr groß zu werden und immer größer, ein Industrieller, wie ihn diese nordische Provinz nur einmal in den glorreichen Gründerjahren gesehen. Und wenn erst einmal der goldne Boden da war, wer weiß, was ihm dann für blütenschwere Zauberbäume entsprießen könnten, vielleicht auch das Weib, jene schlanke, lockende Katze, deren Schnurren ihm die Gedanken erhitzte, deren bloßer Name ihn wie ein aufreizender Schlag durchfuhr, und für deren schwarze begehrliche Augen er all die heimlichen Aufwendungen gemacht, die seine Existenz jetzt schon ins Schwanken brachten.
Nein, nein, er mußte sich diese aufreibende Leidenschaft aus dem Kopf schlagen, die zu nichts führte, die nur namenloses Unglück heraufbeschwören konnte, und mit der plötzlichen Energie phantastischer Naturen setzte er sich rasch in dem Armstuhl vor seinen Schreibtisch zurecht und war fest entschlossen, die engen Treppen und die lackierte gute Stube von Fräulein Dewitz vor Monaten nicht wiederzusehen.
Wie kam er wohl am schnellsten aus den Verpflichtungen heraus, die er bereits bei einigen Juwelieren der Stadt eingegangen war, um Lines Freude an goldglänzendem Tand zu frönen?
Welch kindlich-gieriges Lächeln dabei über ihr Gesicht ging, wenn sie dergleichen erhielt!
Da schmeichelten seine Gedanken schon wieder um sie herum.
In heller Verzweiflung entfaltete er ein großes Handelsblatt und begann mit Hast die Kurse zu überfliegen. Spekulationen?
Er stutzte.
Wie mancher war nicht in wenigen Tagen an der Hamburger Börse ein steinreicher Mann geworden, manchmal skrupellose Burschen, die am Tage vorher noch keinen Heller besessen.
Wieder schlug ihm das Herz. Seine Einbildungskraft war gefangen. Aber leider — leider, der Weg war für ihn nicht gangbar. Erstens seine eigene Mittellosigkeit und dann das ehrbare Haus Hollander. Freilich, nur die Kühnen gewannen, und hatten nicht seine scharfsinnigen Schlüsse bereits die Hamburger Freunde, die seine Einfälle befolgt hatten, in Erstaunen gesetzt?
Aber nein, nein, die spießbürgerliche Ehrbarkeit des Hauses drückte auf ihn; von diesem Gedanken mußte er Abschied nehmen.
Während er sich hoffnungslos an den Zahlenreihen festsaugte, hörte er unten einen Wagen vorfahren. Drin saß Dina, die seit einigen Tagen um diese Zeit ihre Spazierfahrt unternahm.
Sie warf keinen Blick nach seinem Fenster.
Ja, ja, es war töricht, daß er diesen ganzen Winter über die stolze Erbin so vernachlässigt hatte, rein behext von seinem ungestillten Verlangen. — Aber das ließ sich nachholen. Wie gern hatte sich Dina mit ihm nicht über literarische Neuerscheinungen unterhalten? Ja, ja, er wollte sich Bücher besorgen, er wollte — —
Nebenan in dem Privatkontor des Konsuls tönten Schritte, der Einsame unterschied die Stimmen seines Chefs und diejenige von dessen Jugendfreund, des Steuerrats Knabe.
Das war doch seltsam. Heute, am Feiertage? Und welch fröhliche Unterhaltung die beiden dort drinnen zu führen schienen? Bruno hörte deutlich das grobkörnige Lachen Hollanders und das feine Kichern des alten Junggesellen. Dann wurde geklingelt, ein Diener erschien, ging, kam wieder, und der näherrückende Prokurist hörte jetzt, wie die Freunde drinnen wisperten, dann — ein Knall, wie er nur von einer entkorkten Champagnerflasche herrühren konnte; und nun entdeckte der Horcher, daß hinter dem Milchglase der Nebentür der dicke Kopf des Werftbesitzers sich abdunkelte, als wollte Hollander nach seinem Untergebenen ausspähen.
Was sollte das?
Eine heftig bohrende Unruhe befiel Bruno, er schalt sich töricht, aber ihm war es, als ob das Lachen dort drinnen und das Gläserklingen und das Wispern ganz allein ihm gelte, als ob es ihm direkt zum Hohn veranstaltet wäre.
Fahrende Röte stieg ihm ins Gesicht, halb mechanisch beugte er sich über seinen Schreibtisch und warf allerlei wirre Zahlen auf ein Blatt Papier.
»Klüthchen,« sagte der Konsul, der plötzlich mit seinem Champagnerkelche hinter ihm stand, »sind doch ein fleißiger Kerl, alle Achtung, — aber hier — nun nehmen Sie mal —« und damit reichte er ihm das volle Glas — »sind doch ein Liebhaber von so was —Röderer carte blanche — sagt Ihnen zu? was? So, nu passen Sie aber auf, ich frage Sie hier ausdrücklich vor unserm Herrn Steuerrat: Was halten Sie von Harder u. Co. in Hamburg?«
Bruno sah zu Boden und suchte seine Gedanken zu sammeln, aber er vermochte durchaus nicht zu begreifen, worauf der hinterhältige alte Mann lossteuerte. Er stammelte also nur etwas davon, daß dieses Haus gewiß eine der ersten Reederfirmen Deutschlands wäre und im Moment des Konsuls gefährlichster Konkurrent.
»Siehst du, Julius,« wandte sich Hollander sehr befriedigt zu seinem Jugendfreund zurück, während er seinem Prokuristen wohlwollend auf die Achsel klopfte, »Klüth und ich, wir sind immer derselben Ansicht.« Und plötzlich stürzte er ein Glas Champagner hinunter, puffte seinen Untergebenen kordial in die Seite und flüsterte ihm augenzwinkernd zu: »Halten's noch geheim, Klüth. Seit acht Tagen befindet sich der junge Harder bereits in unsrer Stadt, im deutschen Haus, verstehen Sie, und gestern abend hat sich meine Tochter Dina mit ihm verlobt. Na, was sagen Sie, Herzenskinding? Gut geschoben, wie?«
Und laut rief er zu dem Steuerrat hinein: »Nu kuck bloß unsern Klüth an. Is er nich ganz blaß geworden über diese Fusion? — Ja, ja, is ein großer Bewunderer von mir. Nu trinken Sie aber, Klüthchen, nu trinken Sie auch!«
— — — — — — — — — — — — — — — —
Wie und wann er die Bureaus verlassen, dessen entsann er sich nicht mehr. Erst, als ihm laute Militärmusik entgegenschallte, entdeckte er zu seiner Verwunderung, daß er in seinem Hingrübeln auf den großen Markt gelangt wäre, wo um die Mittagsstunde die Bataillonskapelle konzertierte. Und um ihn herum — auf allen vier Seiten des Platzes, flanierten Scharen hellgekleideter, junger Mädchen, gefolgt von langen Zügen buntmütziger Korpsstudenten, Offizieren, junger Kaufleute; kurz, diese eine, flüchtige Sonntagsstunde war es, wo die ehrbare, alte Schwedenstadt eine leichtsinnige Laune zeigte. Aber dem hübschen, jungen Menschen, den mancher Mädchenblick streifte, schien der fröhliche Trompetenschall, schien all das bunte Fluten weh zu tun.
Immer wieder stach es ihm durch den Sinn, der noch nicht ganz freigeworden von dörflichem Aberglauben, daß irgend eine feindliche Macht ihn augenscheinlich am Emporstreben hindern wolle, daß er zu dem goldnen Glück nicht bestimmt wäre.
Was konnte das aber sein? Das durfte ja nicht wahr werden.
Dicht neben sich vernahm er unwillkürlich ein sonderbares Raunen und Wispern.
Als er aufmerksam wurde, bemerkte er, wie eine Gruppe junger Rotmützen wie bezaubert auf zwei vorübergehende Damen sahen, in denen Bruno sofort Fräulein Dewitz und Line erkannte.
Einen vorüberhuschenden Moment fühlte er, wie Lines Augen aufblitzten, dann hatte er sich, einer starken Eingebung folgend, zum nächsten Schaufenster abgewandt, und schattenhaft, nur in den blanken Scheiben abgespiegelt, wandelte nun ihre Gestalt im Bilde vorüber, auch da noch allerliebst in dem einfachen, roten Kattunkleid, das sie wieder ganz fremdartig unter all diesen Bürgermädchen erscheinen ließ.
Bruno blickte ihnen nach.
Da wandte sie nochmals den Kopf nach ihm. Sie schien ihn zu verspotten und die Achsel zu zucken.
War das sein Schicksal?
Lauter und lauter schmetterte die Musik ihren Walzer, und jetzt erst entdeckte Bruno, daß er gerade vor den Auslagen desjenigen Juweliers halt gemacht hatte, dem er schon so sehr verpflichtet war. Er wollte rasch weiter eilen, da sprach ihn der Besitzer, der dem Konzert von der offenen Ladentür aus folgte, höflich an und forderte ihn auf, näher zu treten.
»Ja — aber — —«
Er solle ja auch nichts kaufen, aber es wären da ein paar russische Muster fertig geworden, und da Herr Klüth sich ja so sehr für dergleichen interessiere — —
Den jungen Kaufmann beschlich die häßliche Empfindung, der Ladenbesitzer sei vielleicht bereits mißtrauisch geworden, und in dem Wahn aller schwankenden Existenzen, sein Ansehen zu erhalten, trat er mit möglichst gleichgültiger, sicherer Miene in den Laden.
Noch während ihm in seiner halben Betäubung allerlei goldene Schmucksachen durch die Hände glitten, beherrschte ihn der Entschluß, daß ihm all die funkelnden Spielereien nicht gefallen dürften, ja, daß jeder fernere Einkauf bereits einen halben Betrug bedeute.