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Hann Klüth

Drittes Buch Philosophie und Liebe

Reading edition

I

Der Bodden lag in fauler Ruhe, wie ein träger Junge, der hinter der Schule eingeschlafen. Wenn das Boot, das an der Hafenmauer angeschlossen lag, ein wenig knarrte, dann war es, als ob die See in der prallen Sonnenhitze schnarche.

Der Lügenlotse und Hann saßen an der Molenspitze und angelten. Und alle Augenblicke zog oll Kusemann unter schlauem Augenblinzeln ein zappelndes Barschlein aus der Flut und barg es sorglich in einem Wassereimer, der hinter ihm stand.

»Föfteihn,« schmunzelte er.

Nun wußte Hann zwar ganz gut, daß es nur zehn wären, doch er ließ seinen alten Kumpan gewähren.

»Wie machst du das?« fragte er nur nach einiger Zeit, während der er nachdenklich auf die funkelnde Scheibe gestarrt hatte.

»Hörst nicht?« erwiderte oll Kusemann stolz, »ich pfeif'.«

Er gab einen zischenden Laut durch die Zähne, so daß Hann lächeln mußte.

»Und darauf beißen sie an?« fragte er langsam.

»I woll, darauf sind sie dich ganz versessen. Aber 's gehört Kunst dazu. Pass' eins auf.«

Er befestigte einen frischen Wurm an dem Haken, spuckte darauf, und nachdem er von neuem ausgeworfen, harrte er, bis der Kork ein wenig zu zittern begann.

Jetzt pfiff er und zog im selben Augenblick einen stattlichen Dreipfünder aus der See.

»Wat sagst nu, Flesch?« fragte er triumphierend und klopfte seinen Gefährten herablassend auf die Achsel.

Und wieder mußte Hann über die harmlose Tücke des Alten den Mund verziehen.

»Schön,« lobte er.

»Na, siehst,« brummte oll Kusemann sehr befriedigt.

Aber das Gespräch wollte nicht weitergehen.

War es die Glut, die ordentlich summend über das Wasser schlich, oder hing Hann anderen Gedanken nach, jedenfalls gewahrte der Lügenlotse mit Mißbehagen, wie sein Freund allmählich die Angel unter das Knie schob, um dann seine Augen unverwandt auf eine volle weiße Wolke zu richten, die zackig und blendend an dem blauen Horizont emporstieg. Aber diese Gleichgültigkeit verletzte oll Kusemann im Innersten, denn Nichtangeln erschien ihm direkt als ein Charakterfehler. So hustete er denn ein paarmal, spuckte ins Wasser, rückte hin und her und brummte endlich, als alle Versuche mißlangen, in sich hinein: »'s is nichts mehr los mit Hann. So macht er es all öfter. Na wart eins, mein Jünging.« Plötzlich schwenkte er aus Leibeskräften seine Mütze: »Line,« schrie er, wie besessen.

»Wer? — ja — wo?« fuhr der Träumer erschreckt herum.

»Je, ich meinte man,« sagte der Lotse stillglücklich über die gelungene List, »sie wär' ein hübsch' Mäten.«

Hann sah ihn an, wurde blutrot, senkte den Kopf und kehrte sich wieder seiner Wolke zu.

»Da soll doch ein Donner reinschlagen,« dachte oll Kusemann, als das Schweigen wieder anhob, »aberst ich weiß ja, er is ein Phi — und so weiter, ich muß ihm woll näher aufs Fell rücken.«

»Hanning,« fing er bedächtig an, während er sich ein Stück Priemtabak schnitt, »ich kenn einen, den du auch kennst, der das Pfeifen noch viel feiner versteht, als ich. Weißt, wer das is?«

»Nein,« warf der Gefragte achtlos hin.

»Dein Bruder Bruno.«

Und der Lotse, der unter seinen gesenkten Lidern nach dem Burschen hinschielte, hatte die Genugtuung, daß sein Genosse unmerklich zusammenzuckte.

»Wieso?« fragte er plump.

»Ja, mein Jünging, ich wundre mich, daß du das nich weißt,« fuhr der Alte mit großer Behaglichkeit fort, »ich dacht mich nämlich, du müßtest das wissen, wie fein der angeln kann, solche hübschen, schlanken zappligen Dinger. Na, aber, wenn du dich nich mehr erinnern kannst, dann will ich dich gern draufbringen. — Hm, ja, siehst du, — es mag ja jetzt wohl so ein Stückener acht Wochen her sein, so ein paar Tag' nach Pfingsten, da war ich gegen Abend in der Stadt bei meinem Swager Bönhase, der die Kneipe am Rick hat. Na, und du weißt, ich bin ein Gutmütiger und kann Zureden, noch dazu von Verwandte, man swach widerstehen. Da hab ich denn en paar Glas mehr getrunken, — aus purer Gutmütigkeit — und weil mich mein Alwining das später immer anriechen tut, so bin ich nachher ein bischen auf den Wall spazieren gegangen, um mich die Geschichte auszulaufen.«

»Mach rasch,« murmelte Hann dazwischen, dessen Augen immer größer und ängstlicher auf dem andern ruhten.

»Kommt allens,« beruhigte oll Kusemann und rückte erst sorglich an seiner Angel. »Ümmer eins nach dem andern, sagte der Voß, als er die Küken auffraß — na also, als ich da so in der Dunkelheit unter den Bäumen geh, denn die Kastanien machen da hellisch duster, potztausend, da seh' ich auf einmal auf einer Bank — —«

»Bruno und Line,« stammelte Hann, dessen Gesicht kupferbraun geworden war.

»Sieh, wie fein du das raten kannst,« gab der Lotse schmunzelnd zu, spitzte den Mund und schmatzte in der Luft umher, als ob er unsichtbare Küßchen austeile, »aber sie hatten es damit gar zu eilig, denn sonst müßten sie mir und noch jemanden andern bemerkt haben, der da in dem Gestrüpp an der alten Mauer stand und mit langem Hals nach den beiden rüberkuckte. — Weißt, wer das war?«

Die Angel von Hann fiel hinunter und oll Kusemann mußte zugreifen, um sie noch im letzten Augenblick zu fangen.

»Das weißt du auch?« quoll es erschreckt aus dem Burschen heraus, während er die Mütze abnahm, um sich den Schweiß zu wischen.

»Ja,« entgegnete der andere und zerriß umständlich einen allzulangen Wurm, »wenn du wieder eins an solche Stellen gehst, Hanning, dann mußt du dich nich die Mütze mit den goldnen Tressen aufsetzen. Ich hab' Erfahrungen, die Dingers sünd zu verräterisch.«

Hann glotzte den Erzähler an, dann blickte er wieder verdüstert in die Flut hinunter, durch welche die feinen Furchen des gelben Sandes deutlich hinausschimmerten, und versuchte endlich vor dem Aufhorchenden eine Erklärung zu stottern.

Er wäre an jenem Abend in der Räucherei in der Stadt gewesen, Heringe abzuliefern, und da habe er das Paar plötzlich in größerer Entfernung vor sich gesehen. Nur um sie einzuholen, wäre er ihnen nachgegangen, und als sie sich später auf dem Wall befunden, da wäre alles so gekommen, wie es oll Kusemann eben vorgebracht. Er selbst — Hann — sei dann unbemerkt wieder die Böschung des Walles hinuntergestiegen.

»Je, dann sind sie woll verlobt?« fragte der Lotse lauernd.

Aber Hann wagte nichts zu entgegnen, sondern starrte verlegen in das Wasser, in dem die kleinen Stichlinge in Scharen hin und her huschten.

Jedoch oll Kusemann ließ nicht so leicht locker.

»Jünging, ich mein', er hat doch deine Eltern von seine Absichten in Kenntnis gesetzt? Was?«

»Ja,« murmelte Hann beinah unverständlich und wischte sich wieder Schweiß. Aber die Lüge stand ihm auf dem Gesicht geschrieben.

»So — so,« meinte oll Kusemann gedehnt, wobei er seine schiefgestellten Augen nachdenklich zukniff, um sich dann langsam den spitzen Kinnbart zu streichen. — Und blinzelnd fuhr er fort: »Ja, ja, bei diesen ollen, lütten, nüdlichen Liebschaften hat jeder seine eignen Moden. Da hält der eine so'n Dings gern auf'n Schoß und der andere versteckt sich vor ihr hinter Fischnetze. — Aber laß — da beißt gerade wieder solch ein Biest.«

Er wollte den zappelnden Barsch in den Eimer werfen, doch ohne Übergang fühlte er sich von Hanns starker Hand fest am Arm gepackt.

»Oll Kusemann?«

»Was?«

»Das letzte.«

»Hanning — laß mich los.«

»Nein — erst sag'.«

»Herr Gott, was is denn? — Du drückst mich ja. — Ich habe eben Augen, die sehen, wenn eine Mücke ins Wasser spuckt; und wenn ein paar Tag' nach der vorigen Geschicht' Klara Toll hier vorübergeht und du auf der Wiese sitzt, dich aber vor ihr hinter den Stellnetzen versteckst, so daß sie ruhig wieder nach Hause gehn muß, dann soll ich das nich sehen?«

In der dicken, sengenden Glut fühlte Hann, wie ihm etwas Kaltes über den Rücken rann. Dann stöhnte er plötzlich qualvoll auf und nahm den Kopf in beide Hände: »Ja, ja, das hab' ich getan.«

»Na, was denn?«

»Daß ich ihr aus'm Wege geh'. Es is sehr unrecht — aber ich muß in dieser Zeit in meinem Sinn immer an die beiden andern denken. Ich kann nicht dafür. Oll Kusemann, weißt du, woran das liegt?«

»I, ja, Hanning, du büst eben ein Phi — — und so weiter.«

Eine Weile blieb es still zwischen den beiden.

Leise summend platzten die Wasserblasen in der glasigen Hitze, der Seetang strömte einen immer strengeren Geruch aus, und immer zackiger türmte sich hinten am Horizont das Wolkengebirge empor. Und da, begann nicht ganz fern und verschwommen schon etwas zu rollen?

»Gewitter,« meinte der Lotse und roch nach dem Regenduft in der Luft aus. Jedoch in demselben Augenblick griff Hann krampfhaft von neuem mit beiden Händen nach dem Arm des Alten.

»Mußt mich was versprechen.«

»I, gern.«

»Nich drüber reden, was wir heut hier erzählt haben.«

»I, wo werd' ich? — Aber sieh, Hann« — und der Lügenlotse streichelte halb zärtlich, halb verschämt über das Knie des Burschen — »da hat eure kleine Spitzhündin neulich geworfen, — und sieh, wenn du mich so einen von die lütten Spitze geben würdest, ja, dann würd' ich noch einmal so gut dran denken, denn ich bin sehr vergeßlich.«

Hinter den Wassern murrte es deutlicher.

»Das wird tüchtig,« meinte oll Kusemann, als die beiden Angler sich erhoben, um die Schnuren aufzuwickeln. »Na, kann ich mich den lütten Spitz holen?« — Und als Hann wortlos genickt hatte, da faßte der Lügenlotse den jüngeren zufrieden unter den Arm und knurrte: »Ich tu' es eigentlich bloß zu deinem Vorteil, Hann, denn sieh, es is gut, wenn der Mensch ein Erinnerungszeichen hat. Aber nu komm, es wird tüchtig.«

— — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — —

Und es wurde tüchtig.

Über der Stadt, ganz dicht auf den Dächern hatten sich die Wetterschlangen ihr schwarz-blaues Nest gebaut. Und nun fuhren die roten Nattern herab, lustig, tänzelnd, schlängelnd, und wenn sie an den Fenstern der Städter vorbeizuckten, dann wisperten sie ihnen mit tückisch-glühenden Augen etwas zu: »Kuck, Dirning,« zischelte eine, während sie vor dem Fenster tanzte, hinter dem Fräulein Dewitz und Line saßen, »da unten geht er, an den du denkst. — Aber mußt es ihm sagen — sagen — sagen —. Wissen werden es doch bald alle, wissen — wissen. — Mach schnell — zisch!«

Da schlug es ein.

Ein lang anhaltendes Knattern lief durch die Straße, die Häuser bebten.

Line wurde schneebleich, doch ihre Augen behielten den trotzigen Glanz, als sie jetzt ihr dunkles Köpfchen wandte, um dem jungen Manne unmerklich zuzuwinken, der auf der andern Seite der Straße trotz des prasselnden Regens im Vorbeieilen zweimal den Hut schwang. — Bedeutungsvoll fast, wie ein Zeichen.

»Sieh,« sprach Fräulein Dewitz mit zitternder Stimme, wobei sie um alles in der Welt nicht die ängstlich gefalteten Hände gerührt hätte, »er ist und bleibt doch ein wohlerzogener junger Mann. Selbst in diesem Wetter hat er jede von uns besonders begrüßt. Das ist Anstand, Kind. Mein Gott, wenn es doch nur bald vorüber wäre.«

Es war ein wildes, fast unmutiges Lächeln, das bei diesen Worten der Handarbeitslehrerin um Lines Lippen ging. Sie hätte sich ja über dieses verabredete Zeichen des Vorübereilenden freuen müssen, denn es bedeutete, daß irgend einer der Pläne Brunos zum glücklichen Ziele gelangt sei.

Aber — aber — — —

Was er wohl treiben mochte?

Sie konnte es nicht ergründen. So oft sie auch fragte. Aber er hielt fest an ihr. Er hatte es ihr ja damals geschworen, und sie fühlte auch selbst, wie groß ihre Macht über ihn war. Das blieb doch die Hauptsache.

Zudem gab er sich auch sonst fast immer so froh und hoffnungsvoll, und so waren es wohl nur die vielen Pläne, welche die Zukunft von ihnen beiden sicherstellen sollten, die ihn manchmal zerstreut und unrastig erscheinen ließen.

Aber gottlob, er hatte ihr ja geschworen, und bald, bald hatte sich wohl alles gefügt; und was sich jetzt mit solcher Schwere auf sie senkte, das war wohl nur diese dumpfe Schwüle, denn Fräulein Dewitz litt nicht, daß das Fenster geöffnet würde.

Es prasselte und zischte um die Scheiben.

Und da zuckte auch schon wieder solch rote Schlange und äugelte unter dem Regen nach ihr hin: »Mußt es ihm sagen — sagen, eh' sie es alle wissen — wissen! — Zisch!«

»Was ist dir, Lining?« erkundigte sich die alte Dame.

»Mir? nichts — Es ist nur die Schwüle.«

»Ja, ja, wenn das Wetter nur erst vorüber wäre.«

— — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — —

Aber das Wetter wollte nicht.

Es war, als ob es wüßte, daß es heute etwas Entscheidendes zu erfüllen gäbe.

Die Wetterhexe in ihrem Wolkenrock, mit Regenruten in der knochigen Faust, lief über den Bodden und peitschte auf die kleinen Hafenwellen ein, die herausgekommen waren, um auf dem Plan mit weißen Kränzen im Haar Ringelkranz — Rosentanz zu spielen.

»Töwt ji Marjellen, willt ji woll to Hus[2].«

Da stürzten die Kleinen schreiend nach Hause, aber am Hafeneingang da stand der Donner-Alte, der schrie, daß es fürchterlich über das Land hallte: »Hier vörbie — hier vörbie, ick fret juch up[3].«

Da gab's kein Halten mehr.

Schreiend, heulend, halb ohnmächtig vor Angst, drängten und stießen sich die kleinen Wellen vorbei, ballten sich zusammen, traten sich gegenseitig unter die Füße, rissen ihre weißen Kleidchen in Fetzen und kreischten in Todesfurcht: »Mudding, Mudding, to Hülp.«[4]

Illustration from Hann Klüth: Roman

»Töwt, ick ward juch helpen,«[5] dröhnte der Alte, und schleuderte mit voller Wucht einen Blitz gegen die Brücke, unter der sich die Kleinen gerade verbargen.

»To Hülp — to Hülp.«[6]

»Krach,« ächzte das morsche Holz und stürzte bis auf ein paar Balken kopfüber in den gischtigen Strom.

Die Wetterhexe kreischte laut auf vor Vergnügen.

»Dat's recht — dat's recht.«

»Kiek,« sagte der Donner-Alte, »wat ick oll Mann noch bi Kräften bünn — aberst nu kumm, Ollsching, nu willen wie mal 'n recht schönen Schottischen danzen.«[7]

Und damit hopsten die beiden Alten wieder auf dem Bodden herum.

— — — — — — — — — — — — — — — —

Am Bollwerk standen die Moorluker und redeten darüber, daß es nach dem Einsturz der alten Brücke keine Verbindung mehr zwischen Moorluke und dem gegenüberliegenden Dorfe gäbe.

In Strömen prasselte der Regen dabei hernieder, und über Fluß und Land leuchtete es an diesem Nachmittag blau und schwefelgelb.

»Dat's slimm,« meinte der wassersüchtige Lotse Pagels mit dem verschnürten Bein.

»Wieso?« fragte Siebenbrod und stellte in seinem Kopf bereits eine Rechnung an. »Da kann jetzt einer mit einer Fähre ein schönes Geschäft machen.«

»Schön — schön, das kommt alles davon her,« fuhr der spindeldürre, lange Lehrer Toll dazwischen, »daß das olle Ding nicht versichert war, denn bei Versicherten schlägt's nie ein. — Noch kein Fall dagewesen, Herrschaften. — Na, also.«

Aber ehe diese Anspielung noch recht verstanden wurde, quiekten plötzlich durch den aufklatschenden Regen und das Heulen des Windes Harmonikamelodien hindurch. Es war, wie wenn die Weise aus dem Fluß dränge.

Was war das?

Alles schwieg.

»Herr Gott, Kinder, es wird doch nicht etwa Malljohann sein?« fragte oll Kusemann. »Sein Schiff liegt hier.«

Und durch den Haufen drängte sich ein großes, starkknochiges Weib. — Frau Dörthe Petersen, der weibliche Kapitän.

»Herrgott, was wollt's nich — was wollt's nich,« jammerte sie und rang die Hände. »Bei Gewitter schleicht er sich immer auf die Brücke und sagt, er müsse gegen den Donner aufspielen. — Was kann da einer für?«

»Malljohann — Malljohann!« riefen drei, vier Stimmen, um ihn anzulocken.

»Der Mann hatt' doch nu mal solche Gedanken in seinen Kopf,« klagte das Weib weiter und beugte sich über das Bollwerk verzweifelt gegen die zerrissene Brücke vor: »Huch,« kreischte sie plötzlich, »kiekt — oh, kiekt da — da sitzt was, wie sein Gespenst — o Gott, o Gott, wie ich mich fürcht'.«

Alle drängten sich um sie, alle starrten mit den seegeübten Augen durch Dünste, Gewitterwolken und den Regen hindurch, der wie ein graues Fischernetz alles umwob.

Richtig, da — mitten im Fluß — auf den drei einzelnen, stehengebliebenen Balken, da regte sich etwas Braunes — und jetzt, wo der Donner wieder über die vernebelten Wiesen knatterte, da unterschieden sie von neuem ein schwaches Getön.

»O je — o je,« heulte Frau Dörthe, »hört bloß — hört bloß, jetzt spielt er: Wer nur den lieben Gott läßt walten — Und wie spielt er.«

Nun drängte und schrie alles durcheinander.

Man müsse Bretter bis zu den Balken legen. Aber die würden nicht anhaften. Vielleicht einen Strick hinüberwerfen, allein der Verrückte rührte sich ja gar nicht. Oder ob man es trotz des weißen Strudels mit einem Boot versuchte? —

»Ich würd's tun,« erbot sich oll Kusemann. »Ich hab' all vier Menschen gerettet.«

»Ja woll, oll Kusemann — oll Kusemann,« stimmte alles zu.

»Aberst ich hab' heut grad meinen lahmen Tag,« kam der Lotse hinterher.

»Den wird er wunderbar erhalten,« quiekte die Harmonika durch den Regen.

»Hört bloß — hört bloß,« heulte wieder die Frau.

»Hanning?« rief der Lügenlotse durch den Lärm, »wo is Hann Klüth?«

»Hier — was soll er? — da steht er neben der Frau,« antworteten einige.

Oll Kusemann legte dem Burschen, der tiefsinnig auf das zertrümmerte Brückenwerk hinübersah, salbungsvoll die Hand auf die Schulter.

»Hanning, der Mensch soll für seine Mitmenschen was tun. Nich so?«

Aber der lange Lehrer Toll, der für seinen künftigen Eidam fürchtete, drängte sich aufgeregt und gestikulierend dazwischen: »Schön, Herrschaften, aber das ist ja der reine Unsinn. Es ist doch man einer, der seinen Verstand nicht voll hat.«

»Seinen Verstand nich? Wieso?« sprach Hann Klüth, indem er immer noch nachdenklich zu Boden sah. »Ich frag man, hat er sich nich auf den einzigen Balken gesetzt, der noch steht? Und spielt er nich mitten in den Tod ein geistliches Lied? Wenn er das mit einem kranken Verstand tut, was würd' er erst mit einem gesunden tun? Ne, ich hab' mich all ümmer gedacht, wir verstehen ihn bloß nich. — Um den wär's schad'.«

Mit einer schnellen Bewegung ließ er sich über das Bollwerk gleiten, in ein Boot hinab, das bereits halb voll Regenwasser stand.

Ihm nach kletterte noch eine zweite herkulische Gestalt, der taubstumme Riese Muchow, dem die Sache großen Spaß zu bereiten schien: »Hü — hü,« schrie er erregt und zeigte auf das Pfahlwerk.

Und kaum war das Boot losgebunden, so ward es von der Wucht des Stromes in einer Sekunde gegen den aufragenden Balken geworfen, so daß alle Rippen krachten. Im nächsten Augenblick jedoch umklammerte Hann bereits den Pfahl, zog den Musikanten, der gleichgültig alle Vorbereitungen mitangesehen, an den Beinen in das Fahrzeug und stieß darauf mit so gewaltiger Kraft von dem Balken wieder ab, daß der Nachen knirschend auf den Ufersand schoß.

»Hurra!« schrien die Moorluker entzückt.

Der Taubstumme umklammerte den Harmonikaspieler, hob ihn in die Höhe und warf seine Ladung gleichmütig wie einen Sack ans Land.

Dann sprang er selbst unter allen Anzeichen der Freude heraus. »Hü — hü,« gurgelte er, »Eierkauken.«

»Hurra,« schrien die Moorluker von neuem. »Nun Hann noch.«

Aber was war das? Ein vielstimmiger Ausruf des Entsetzens.

Eine einzige, wütende Woge war es, die das erleichterte Schifflein hoch in die Höhe hob, um es dann mit der Breitseite krachend gegen das Ufer zu schleudern. Hann flog kopfüber hinaus, hieb mit der Stirn gegen den Zacken eines eisernen Ankers, und in seinem letzten Augenblick war es ihm, als ob die Sonne glühend und blutrot vor ihm unterginge.

»Line,« stöhnte er.

»Hann — Hanning — Hann Klüth.«

»Das kommt davon,« sagte Siebenbrod, »der Bengel is immer solch ein Dämlack gewesen. Nu muß ich auch noch die Doktorkosten bezahlen.«

— — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — —

Es war gegen Abend.

In seiner Bodenkammer hatten sie ihn auf den engen Wandschragen gebettet.

Zwei Frauen saßen bei ihm.

Mudding, die von Siebenbrod mit ihrem Stuhl hinaufgetragen war, und die nun hilflos zusehen mußte, wie Klara Toll neben dem Hingestreckten saß, um ihm unausgesetzt kühlende Umschläge auf den Kopf zu legen.

Sie konnte so gar nichts helfen, das arme, alte Mudding mit ihren geschwollenen Füßen, aber stets wenn das schweigsame Mädchen dort in die Schüssel langte, dann streichelte die Alte langsam über ihre nasse Hand und murmelte: »Lieb's Döchting.«

Es war beängstigend still in dem schmalen, dämmrigen Raum. Nur zuweilen hörte man das Plätschern des Wassers und Klaras tiefe, zurückgepreßte Atemzüge.

Das Fenster stand offen.

Draußen hatte das Gewitter ausgetobt, ein ganz feiner rieselnder Regen fiel noch, aber hinten über den dampfenden Wiesen sah man die Sonne glühendrot hinter blaugrauen Schleiern untergehen. Ein leichter Wind schüttelte die nassen Pappeln vor dem Häuschen, und von überall her erhoben sich die erquickenden See- und Heudüfte.

So mochte wohl eine Stunde vergangen sein.

Hann lag mit starren, offenen Augen, ohne sich zu bewegen, er rührte sich auch nicht, als Klara Toll sich leise über ihn beugte, um ohne Furcht und Scheu vor der alten Frau ihren Mund auf seine Stirn zu pressen.

»Lieb's Döchting,« murmelte die Alte wieder und langte nach der Hand des Mädchens. »Lieb's Döchting.«

Klara Toll wandte sich und sah Hanns Mutter an. Dann streichelte sie behutsam über das schlichte Haar der Matrone. Die Alte schlang ihren zitternden Arm um die Hüfte der vor ihr Stehenden und drückte sie an sich.

»Du bist die Rechte,« sagte sie dann nach einiger Zeit.

Dunkler und dunkler war es inzwischen geworden. In einem weiten Dunstkreis erschien der Mond am Himmel und leuchtete verschwommen durch die nassen Pappelzweige.

Aus dem Garten rief stark und kräftig eine Schwarzdrossel.

»Mudding?« flüsterte Klara.

»Was?«

»Sieh.«

Hann hatte sich aufgerichtet, sah auf die flirrenden Mondlichter, die auf der Wand tanzten, und langte dann nach den beiden dunklen Gestalten.

Hoffnungsvoll gab ihm Klara die Hand.

Erstaunt und lange musterte der Kranke das Mädchen. Dann begann er: »Bist du nun da, Lining?«

»Hann,« rief Mudding erschreckt.

»Still,« verwies Klara, setzte sich zu dem Kranken auf den Bettrand und strich ihm die nassen Haare von der Stirn. Die Berührung schien dem Kranken wohl zu tun. Wenigstens hielt er die Finger des Mädchens fest umspannt.

»So,« äußerte er endlich nach einiger Zeit, »so ist's gut.«

Dann wurde er wieder unruhig.

»Lining,« hob er von neuem an, »ich krieg das nich aus'm Kopf, ich muß immerzu daran denken. Immerzu. Das mit Bruno, Lining« — seine Stimme nahm einen flehenden Klang an: »Es ist doch allens recht und in Ordnung mit ihm? — Ich kann gar nicht mehr schlafen — denk', ich geh Klara Toll immer aus'm Weg — oll Kusemann weiß es auch all — — Ach Lining, wenn du doch immer hier im Haus geblieben wärst.«

»Klara,« rief Mudding erschrocken und beschämt, »er is nich bei Verstand.«

»Ja, er fiebert,« sprach das Mädchen, ohne sich zu rühren und ohne aufzuhören, die Finger auf des Leidenden Stirn zu legen.

»Und wie du getanzt hast, Lining — weißt noch?

»Und die Molle voll Goldstücke aus der untergesunkenen Stadt — Und im Gefängnis, da hab' ich auch immer an dich gedacht — ich krieg dich nicht aus'm Kopf. — Aber die Angst — die Angst —«

Die kleine Frau wand sich in der Dunkelheit in ihrem Stuhle hin und her und rief endlich nach Licht. Man solle Licht anstecken. Es müßte hell werden.

Klara folgte. Nach kurzer Zeit brannte auf dem Stuhl neben dem Lager ein Talglicht. Dessen Flämmchen zuckte vor der einströmenden Luft hin und her. — Wie die Seele des Kranken.

Er sah sich in der unsicheren Helle ungewiß um.

»Klara,« murmelte er endlich.

»Ja, Hann — kennst du mich?«

»Ja, ja — was wollt ich nicht? — Aber — aber war noch jemand hier?«

»Nur Mudding.«

»Mudding — ich dacht' man,« flüsterte Hann und sank zurück, und noch einmal kam es ganz leise: »Ich dacht' man — —«

Dann ward es still.

— — — — — — — — — — — — — — — —

Es war beinah gegen Mitternacht, da saß auf der Bank vor dem Lehrerhaus, vor dem die blühenden Fliederbäume ihre Düfte in die Nacht hauchten, ein Mädchen und hatte das Haupt in beiden Händen verborgen, als sollte es noch dunkler um sie werden, und dachte nach und sann und sann.

Von fernher strich ein Windzug über das einsame Meer, der stieß an die Kirchturmglocke.

Es war, als ob die Nacht über ihre Verlassenheit seufzte. Und das Mädchen stand auf und tastete umher, wie wenn sie etwas suche, was sie nicht finden könnte, und schüttelte den Kopf und sann und sann.

II

Inzwischen zog der Sommer ins Land.

Der Konsul war mit seiner Tochter und ihrem Verlobten in das vornehme belgische Seebad gereist und die Geschäfte ruhten fast ausschließlich in den Händen mehrerer alter erprobter Prokuristen, sowie des unternehmenden Bruno. Und die Zeit forderte gerade in diesem Sommer die Unternehmungslust der Reedereien heraus.

Jenseits des Ozeans, vor Kuba, waren eines Morgens die amerikanischen Kanonen von selbst losgegangen und hatten mit ihrem Donner auch die deutschen Philister aus den Betten gejagt, die kleinen Rentner, die einen Teil ihres Ersparten in spanischen Werten angelegt hatten.

Aber noch lag ein spanisches Geschwader unversehrt in einem Küstenwinkel der Neuen Welt — man wußte nur nicht genau, wo. — Diese Flotte konnte hervorbrechen, konnte den Admiral Dewey überraschen, konnte — — — — die Spekulanten fieberten, die Depeschen flogen. — —

Für Bruno war dies eine gute Zeit. So angespannt, erregt und voll froher Laune hatte er sich noch nie befunden.

Ja, ja, Herzdame war für ihn eine gute Karte. Sie schlug.

Sie schlug wirklich. Er hatte jetzt stets das Portemonnaie voller Goldstücke und die Brieftasche gefüllt mit Scheinen. Zu Mittag, in der vornehmen Weinhandlung von Kroll, trank er jetzt beständig eine halbe Flasche Champagner, und für Line ersann er die zierlichsten Überraschungen.

Ach, was war doch Line für ein reizendes Liebchen. Wie wild, wie selbstvergessen hing sie an ihm, wie unberechenbar und wechselnd waren ihre Launen, die sie doch in seinen Augen nur begehrenswerter erscheinen ließen. Und dann — er merkte es deutlich — in der letzten Zeit war dieses kratzende Kätzchen bereits zahmer geworden, fügsamer; ihr Trotz verschwand. Denn nur so konnte er es sich auslegen, daß sie häufig in den knappen Augenblicken, wo sie sich beide unbelauscht zusammenfinden konnten, kaum die Augen erhob, so schweigsam war und zu dem meisten Beifall nickte.

Nur, wenn er, was er so gerne tat, von der Zukunft sprach, dann konnte sie ihn mit dem feinen Gesicht, das jetzt manchmal so blaß aussah, so dringend, so fordernd ansehen, daß er oft ganz betreten wurde.

Was konnte das bedeuten?

Ja, ja — sie wünschte wohl das Ende, ihre Gedanken hatten sich gewiß in dem langen, wehenden Brautschleier verfangen; und der sollte auch bald um ihr Haupt fließen — aber ihre kleinen Füße mußten dann in goldenen Schuhen wandern, denn in solch kleine Beamtenexistenz würde sich ja dieses lebenshungrige Geschöpf nicht fügen; dazu hatte er ihr die Zukunft schon zu herrlich ausgemalt — und auch er ertrug solche Beschränkung nicht, er sicher nicht; das durfte nicht das Ende sein.

Schließlich gehörte ja nur ein einziger harter Entschluß dazu, den mußte er eben fassen. Alle kleinen Versuche waren ja bereits geglückt!

Und doch!

Wenn er so des Morgens durch die alten Bureaus ging und den leeren Platz des Konsuls mit dem durchgedrückten Lederkissen sah, die abgeschabten verbrauchten Pulte, den erblindeten alten Koloß von Geldschrank, dann befiel ihn Zaghaftigkeit, dann starrte er vor sich hin und seine Kollegen mußten mehrmals fragen, bevor er Antwort erteilte.

Und eines Morgens erhielt er doch in diesem Schwanken eine Nachricht, die ihn hätte alarmieren müssen.

Ein jüngerer Beamter trat vor ihn.

»Wissen Sie schon?«

Keine Antwort.

»Die amerikanischen Schiffe sollen durch feindliche Minen total vernichtet sein —«

»Was? — was sagen Sie?«

»Hier — Depesche aus London.«

Bruno taumelte auf.

Da war es! — Da war der Moment, der ergriffen werden mußte.

Aber er stand und sah mit zitternden Händen auf die Gesichter der Beamten, sah auf die alte verräucherte Tapete, hörte auf das Knarren der Drehböcke und richtete seinen Blick verwundert auf den Verschlag, hinter dem der Kassierer, ein gebücktes, zitterndes Männchen mit blauer Brille, seit Jahrzehnten die Häufchen der Kassenscheine schichtete und den Abgang mit Kreide auf den Zähltisch schrieb.

Langsam sanken ihm die erhobenen Hände, die Depesche flatterte zu Boden, ein leises Stöhnen entrang sich der gequälten Brust.

Das um ihn herum, das Alte, Solide hatte noch einmal seine Macht geübt. Der Brauch, die Gewohnheit erwies sich noch einmal als der Stärkere.

Er stand und lauschte ängstlich auf das Kritzeln der Federn, das Rauschen der Folioseiten und das Ächzen des alten Geldschrankes, als sollten ihm alle diese etwas Tröstliches sagen. Und von dem Platz des Konsuls schien eine spöttische Stimme zu dringen: »Na, Klüthchen, wieder mal so tief in Gedanken?«

— — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — —

»Lining,« sagte Fräulein Dewitz an demselben Nachmittag, »du gehst so viel hin und her, mein Kind, ohne recht eine Arbeit anzufassen; die Strümpfe zum Beispiel, die du für mich stricken sollst, liegen nun schon seit ein paar Tagen unberührt auf dem Nähtisch; was ist dir denn? — Du siehst auch so bleich aus und lachst gar nicht mehr, wie früher.« — Sie rückte sich ihre Brille zurecht und blickte das Mädchen forschend an: »Fehlt dir etwas?«

Die Gefragte blieb stehen und verzog den Mund zu ihrem alten Lächeln: »Nichts,« erwiderte sie gleichgültig, und doch ballten sich ihre Hände fast krampfhaft und öffneten sich wieder, ohne daß sie es selbst fühlte.

Die Handarbeitslehrerin, die auf dem Tritt am Fenster saß, um beim Kaffeetrinken durch den Fensterspiegel die Vorübergehenden zu beobachten, setzte ihre Tasse nieder und wollte ihre Pflegebefohlene auf andere Gedanken bringen.

»Was ich dir noch sagen wollte, Lining,« sprach sie, »heute vormittag, als du auf dem Markt warst, da war dieser alte schnurrige Lotse aus Moorluke wieder hier, der sollte uns nämlich einen Gruß von deiner Mutter bestellen und erzählte, daß es deinem Bruder Hann schon seit langem wieder besser ginge. Darüber freute ich mich sehr, und da behauptete der Lotse, er werde Hann die Rettungsmedaille verschaffen, denn, wie er sagte, wäre er ein genauer Freund von unserem Landrat, worüber ich wieder herzlich lachen mußte. Aber —« die alte Dame schob sich die Brille auf die Stirn, »Lining, was ist denn das? du hörst ja gar nicht zu?«

Line stand vor ihr und wurde bald blaß, bald rot.

»Ich weiß auch nicht,« stieß sie plötzlich entschlossen hervor, »ich möchte ein bißchen an die Luft.«

Die gute alte Dame wurde wirklich besorgt.

»Ja, ja, Lining, tu das und bringe mir gleich etwas aus der Bibliothek mit. Am liebsten wieder einen historischen Roman. Etwas, was unterhaltend und belehrend zugleich ist. Weißt du, wie neulich diese Christenverfolgungen. Daran habe ich mich sehr erbaut. Nun sput dich aber, mein Kind, daß du zum Abendbrot wieder zurück bist.« — —

Kurz nach Bureauschluß stieg Bruno die engen Treppen des Hinterhauses hinauf, in dem er, sowie einige höhere Beamte Hollanders wohnten.

In seiner Hand hielt er die Morgenausgabe der »Stralsundischen Zeitung«, in der ebenfalls die Gerüchte über den großen spanischen Seesieg genau verzeichnet standen.

»Wenn man das sicher wüßte,« dachte er, während die Stufen unter ihm ächzten, »aber die Gefahr, diese fürchterliche Gefahr.«

Und ihm fiel das kleine Lotsenhaus in Moorluke ein, und die Angst senkte sich wieder auf seinen Nacken, als hätte er eine überschwere Last die Treppen hinaufgetragen.

»Wer da einen Weg wüßte?«

Schwerfällig wie nie, zerrüttet von seinen eigenen Gedanken, betrat er sein kleines Zimmer, das noch in Dunkelheit lag.

Er schritt an den Tisch und wollte nach Zündhölzern suchen; da knisterte etwas.

Bruno hielt inne.

Von dem Stuhl am Fenster erhob sich eine Gestalt, die rasch auf ihn zueilte, um ihm die Hand auf den Arm zu legen, als wolle sie ihn hindern, den Raum zu erleuchten.

Die Hand zitterte.

»Bruno.«

»Herrgott, Line. Wie kannst du hierher kommen? Wenn dich jemand gesehen hätte?«

»Darauf kann ich jetzt keine Rücksicht nehmen. Du mußt mich anhören.«

»Lining; was hast du denn? — Soll ich nicht Licht machen?«

»Nein.«

Und dann trat sie ihm noch näher, ihre Finger umspannten seinen Arm fester und fester, und mit heiserem Flüstern teilte sie ihm ihr Geheimnis mit.

Allmählich erstarb das Raunen, Ruhe trat ein; es waren zwei schreckensbleiche Gesichter, die sich jetzt in der Dunkelheit ratlos anstarrten.

Aber dann — sie hatte sich nicht geirrt. Erschüttert, wie er war, fiel er vor ihr nieder, umklammerte sie in der Dunkelheit, und unter hervorbrechenden Tränen, zerschmettert in seiner nachgiebigen Natur, küßte er ihre Füße, ihre Hände, und zwischen tausend Schwüren und Bitten suchte er ihr ihre Angst auszureden, während sein eigenes Herz zitterte.

Zukunftsbilder, rosig, leuchtend, bestrahlt von seiner augenblicklichen Erregung, kamen ihm wieder wie von selbst in den Mund; aber sie ließ sich nicht mehr irre machen: »Also acht Tage noch,« drängte sie »dann kommst du zu Fräulein Dewitz?«

»Gewiß — gewiß — wie kannst du nur fragen?«

»Und auch zu den Unseren nach Moorluke.«

Auch das beteuerte er, und tief aufatmend, erleichtert, bot sie ihm den Mund.

»Weißt du,« sagte sie, wie zu sich selbst, »ich glaube, wenn du schlecht gewesen wärst, ich hätt' mit einem Messer nach dir gestochen.«

»Line,« stammelte er.

»Nein, nein.«

Und wieder reichte sie ihm die Lippen und war im nächsten Moment die Treppen hinuntergehuscht.

Er blieb allein und blickte auf die Stelle, wo sie gestanden. Dabei wunderte er sich, daß vor dem Ereignis die Qual seiner Gedanken plötzlich von ihm genommen war, er konnte überhaupt nicht mehr nachsinnen, sondern stand und horchte halb teilnahmlos auf das Klopfen seines eigenen Herzens.

Wie das hämmerte!

Ob das Angst war?

Angst? Wovor?

Wovor?

Und plötzlich war das jagende Entsetzen wieder da. Unheimlich sausende Bilder blitzten an seinem geistigen Auge vorbei, immer schneller und folgerichtiger, der Atem in seiner Brust schien stillzustehen.

Was nun?

Nun kam eben die Arbeit, die Arbeit für Weib und Kind, die ewig gleiche Mühe eines kleinen Beamten. Morgens — mittags — abends, immer würde der Drehbock vor seinem Pulte knarren, immer fühlbarer das Abhängigkeitsverhältnis werden, immer mehr die Freuden schwinden, nach denen er gehungert. Denn ein kleiner Beamter spart.

Kein Vergnügen, kein Luxus, keine Reisen mehr. Sparen — sparen.

Zornig warf er die Hand vor, als wollte er nach dem Worte schlagen, das ihm in seiner Jugend bereits so viel Pein verursacht, aber die Bewegung brachte ihn nur noch mehr in die Gegenwart zurück.

Lieber Gott im Himmel, es mußte ja sein, sofort, schnell, überstürzt, ehe die Katastrophe da war, — denn ein Zögern, ein Entrinnen gab es nicht mehr.

Oder doch? — Oder doch?

Mitten in der kleinen dunklen Stube wurzelte er plötzlich fest. Mit blendender Deutlichkeit, farbenprächtig, als ob er herrliche Lichtbilder sähe, flog es an ihm vorüber.

Was war das?

Wogende See, Schlachtflotten, Kanonendonner, und dann wieder das Drängen und Wogen erregter Menschen an der Hamburger Börse. An den schwarzen Kurstafeln erscheinen und schwinden die Zahlen — — Freudenrufe werden laut. — Nein, nein, nicht daran denken.

Nur diesem einen Gedanken nicht weiter folgen, der das Leben so leicht, so mühelos machen könnte, der — —

Rastlos auf dem Drehbock sitzen, schreiben, schreiben, bis die Finger krumm werden, einrosten und sich von Hollander höhnen und abkanzeln lassen — — und — und —

»Licht.«

Wer hatte ihm die kleine grüne Lampe entzündet? Er weiß es nicht.

Wer gab ihm die Worte, die er dort auf das Papier warf?

Als der letzte Buchstabe stand, überfiel ihn eine lähmende Ermattung.

Mit stumpfer Gleichgültigkeit steckte er das Papier zu sich, nahm seinen Hut und schritt in den Sommerabend hinab.

So verfolgte er seinen Weg, ohne den Kopf zu erheben, matt und seelenlos, bis er die große, neuerbaute Postanstalt am Markt erreicht hatte.

An einem Seiteneingang leuchtete hier ein rotes Transparent: »Telegraphenamt«.

Das war sein Ziel.

Er trat an den Schalter, der Beamte las und fragte: »Nach Hamburg?«

»Ja, nach Hamburg,« antwortete er gleichgültig, »Bankier Solmsen.«

Dann zahlte er und trat wieder in den Sommerabend hinaus.

Merkwürdig, der Platz war wie ausgestorben, auch die anstoßenden Straßen schienen leer. Bruno hatte plötzlich das Gefühl, als ob er gar nicht hierher gehöre, sondern ausgestoßen, an einem unbekannten Orte weile.

Dort die roten gotischen Häuser, um die die Abendschatten webten, er blickte zu ihnen hinüber, befremdet, als sähe er sie zum erstenmal.

Wohin nun?

Nach Haus — natürlich, nur zurück in das kleine Zimmer, und dann schlafen und alles vergessen.

Als er das Geschäftshaus wieder erreicht hatte, da stand ein Schreiber unter dem Torweg. Der trat dem Prokuristen ehrerbietig näher und teilte ihm mit, daß oben auf dem Zimmer des jungen Herrn ein Fremder auf Herrn Klüth warte.

Bruno stutzte einen Moment, dann stieg er teilnahmlos und ohne Neugierde die Stufen hinauf.

In dem Zimmer brannte noch die kleine grüne Lampe. Und als der junge Kaufmann öffnete, da sah er mitten in dem Stübchen einen schwarzgekleideten Mann, der ihm den Rücken kehrte und sich jetzt rasch wandte.

Es war sein Bruder Paul.

»Du?« fragte der Ankömmling enttäuscht und zugleich etwas erschreckt, denn das Erscheinen des Geistlichen versetzte ihn, seitdem er soviel vor dem Älteren zu verbergen hatte, stets in Angst und Unruhe.

Heute sollte ihm jedoch beides erspart bleiben.

In des Theologen eckigen Zügen arbeitete eine Verklärung, wie man sie sonst fast niemals an ihm wahrnehmen konnte, und als er jetzt auf den Jüngeren zuschritt, um dem Bruder, der sich vor Müdigkeit und Erschöpfung auf einen Stuhl niedergelassen, die Hand zu schütteln, da leuchtete soviel Freude aus seinen Augen, daß es dem Sitzenden trotz seiner Gebrochenheit auffiel.

»Paul, was ist dir?«

»Was Gutes.«

»Aber was?«

»Ich bin zum Pastor gewählt — zum Strandpastor auf dem Walsin, Junge.«

Die Stimme des Sprechenden zitterte vor Bewegung, und dann setzte er noch hinzu, jetzt wäre also das Ziel erreicht, das dem alten Lotsen Klüth während seines ganzen Lebens vorgeschwebt. Wenn der das noch gesehen hätte, »und dich, Bruno, der du doch auch auf dem Wege bist.«

Der neue Pastor stockte, denn er gab sich nicht gern solch weichen Erinnerungen hin, aber noch immer hielt er die Hand des anderen, und so merkte er wohl kaum, daß sich das Haupt des Sitzenden tiefer und immer tiefer neigte, bis die Stirn fast die Finger des Geistlichen berührte. Aber ehe Paul noch ein Wort des Befremdens hervorbringen konnte, sprang der Jüngere unvermittelt auf und riß den Strandpastor stürmisch an seine Brust. Paul mußte über das aufbrausende Temperament des jungen Kaufmanns lächeln. Und doch tat dem Harten eine solche Liebkosung wohl.

Illustration from Hann Klüth: Roman

Dann folgten rasche, heftige Fragen.

»Wissen's die Unsrigen schon?«

»Ja, von Line komme ich eben.«

Bruno schlug die Augen nieder.

»Merkwürdig,« fuhr der Ältere fort, während er nachdenklich an der Lampe schraubte. »Als ich ihr's erzählte, tat sie etwas, was ich ihr gar nicht zugetraut hätte. Sie weinte und war gar nicht zu beruhigen. Ich glaube, die Stadt bekommt ihr nicht recht.«

Bruno rückte seinen Stuhl.

»Und unsre Mutter?« fragte er beklommen.

»Zu der fahre ich eben mit der Hafenbahn. Du solltest mich begleiten, Bruno; denke doch, wie sich Mudding freuen würde.«

Aber der Jüngere lehnte dies ab. Er hätte noch zu korrespondieren — die aufgeregte Zeit — und seine eigene Müdigkeit. — Und so kam es, daß nach einiger Weile Paul allein die Stufen hinabstieg. —

Als er über den Hof schritt, stand Bruno am Fenster und blickte auf die dunkle Gestalt hinab, die sich in ihrem schwarzen Rock kaum von der Nacht löste.

Laut und fest tönten ihre Tritte auf dem Pflaster, und dem Zurückbleibenden war es, als müßte er sich an diese weichende schwarze Gestalt klammern und sie zurückhalten, um jeden Preis. — Als er aufblickte, stieg der Mond gerade über das Gehöft. Alle Zacken und Spitzen ränderte er silbern, und langsam rollte sich ein Lichtteppich über den Hof. »Natürlich,« sprach Bruno zu sich selbst, »es muß ja wieder hell werden.« Und in dem Augenblick war er getröstet.

— — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — —

Das war ein Sonntag, den die Klüths nie vergaßen. Solange sie lebten.

Als längst alles zerschlagen war, kein Stück mehr auf dem anderen stand, Särge in den Gräbern schon morsch geworden, und nur der heulende Wind hinüber und herüber bangen, sehnsüchtigen Herzen Kunde trug, da dachten die einzelnen noch immer an diesen Tag und stückelten ihre Erinnerungen zusammen. — —

Die Sommersonne guckte so friedlich an jenem Morgen in das Altjungfernstübchen, als wollte sie selbst noch einmal jeden Lackstuhl besonders polieren.

»Blank — blank — blank,« summten ihre Strahlen. Und Fräulein Dewitz selbst sah so sauber aus, wie kaum jemals zuvor und niemals wieder nachher.

Sie las aus der Zeitung vor.

Und Line stand vor dem Spiegel und steckte sich eine rote Schleife an. Froh wie selten in den letzten Tagen. Sie beobachtete sich selbst mit Erstaunen. Sie wurde immer hübscher. Sie drehte und wandte sich. —

»Höre, Lining,« las die Handarbeitslehrerin kopfschüttelnd: »Ganz fett gedruckt steht es hier. Die Amerikaner haben dem spanischen Admiral Cervera alle Schiffe in den Grund gebohrt. Er selbst ist ins Wasser gesprungen, aber sein Sohn hat ihn gerettet. Das muß doch ein tugendhafter junger Mann sein. Aber wie gesagt, ich mag die Amerikaner einmal nicht leiden. Solche Republikaner halte ich für ein sehr wildes Volk.« Hier wurde sie unterbrochen, denn es klingelte.

Bruno trat ein.

Es war für die beiden Damen eine Freude, zu sehen, wie elegant und adrett der junge Mann sich wieder in seinem grauen Sommeranzug ausnahm. Er küßte dem alten Fräulein die Hand, sagte ihr allerlei Angenehmes über ihr Aussehen, erzählte, daß der Konsul gegen Mittag zurückerwartet werde, und schloß endlich mit der Bitte, ob ihn Line nicht nach Moorluke begleiten dürfe. Er möchte sich wieder einmal nach den Seinen umsehen.

Diese Erlaubnis konnte nun leider nicht erteilt werden, wenn auch Fräulein Dewitz die Familienanhänglichkeit der beiden jungen Leute nicht genug rühmen zu können glaubte, indessen das alte Fräulein schickte sich eben an, den Konsul und Dina von der Bahn abzuholen, und Line müsse sie begleiten. Dinas wegen. Das sei so in der Ordnung. Aber in den nächsten Tagen. Gerne — sehr gerne.

Bruno schien durch diese Abweisung etwas betreten zu werden, er plauderte noch ein Weilchen und wurde dann von Line hinausbegleitet.

Hinter der Glastür hielt sie ihn noch einen Augenblick fest.

Später blieb es ihr unbegreiflich, wie leicht und unauffällig sich alles abgewickelt hatte. Aber die großen Momente des Lebens pfeifen vorüber wie die kleinen, wie dieses selber! — Was bleibt?

Sie legte ihm leicht die Hand auf die Schulter und schmiegte sich an ihn.

»Bruno,« fragte sie, indem sie ihre schwarzen Augen drängend zu ihm erhob, »es bleibt doch bei unserer Verabredung?«

»Bei unserer?« — Er warf rasch ein »Ja — ja« hin und schien es sehr eilig zu haben.

»Übermorgen kommst du also zu Fräulein Dewitz — nicht so?« fuhr sie fort.

Er nickte, zeichnete mit dem Stock allerlei Figuren auf den Boden der Diele und griff dann fest nach ihrer Hand.

»Line, du sollst doch mit mir kommen.«

»Du hörst ja, ich darf wieder mal nicht. Außerdem bin ich auch noch nicht ordentlich angezogen.«

»Wie du hier stehst.«

»Wieso? — es ist doch nicht etwa was Schlimmes geschehen?«

Sie starrte ihn an.

Er erschrak. »Nein, nein, was denkst du? Durchaus nicht.«

Da lächelte sie wieder, und er war bereits die erste Stufe hinab, als sie die Lust anwandelte, mit dem Finger leicht nach seinem Nacken zu schnippen.

Da sprang er plötzlich zurück, zog die Überraschte an sich, und ein rascher, verstohlener Kuß brannte auf ihren Lippen.

Doch das Gescharr, das durch den feinen Streusand zu ihren Füßen erregt wurde, erschreckte Line.

Sie bog sich zurück.

»Du,« flüsterte sie warnend.

Da streichelte er noch einmal ihre Wange und glitt mit wenigen Sätzen die Treppe hinunter. Line aber huschte zu Fräulein Dewitz zurück, und als sie wieder an dem Spiegel vorüber mußte, da schwellte sie das stolze Gefühl, wie unüberwindlich doch die Macht der Schönheit wäre, und sie huschte wieder hin und her und schnurrte vor sich hin, genau so, wie sie es als Kind getan hatte.

— — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — —

Später erinnerten sich die in Moorluke ebenfalls ganz genau daran und wunderten sich, daß sie es erst so spät verstanden hätten.

Und es war doch so einfach.

An dem Sonntag Nachmittag, zu jener Tagesstunde, wo die Fischer in Gruppen am Bollwerk hocken, um sich etwas zu erzählen, und wo die Mädchen Arm in Arm vorüberwandern, da hatte auch Bruno nach seinem Besuch im Elternhause mit dem Philosophen Hann am Rick gestanden, hatte nachlässig ins Wasser gesehen und den Bruder so teilnehmend nach allem gefragt, wie noch nie.

Woher er die rote Narbe über der Stirn empfangen, und ob es wahr sei, was oll Kusemann ihm im Vorübergehen zugeraunt, daß Hann jetzt heiraten wolle — und wer denn die Erwählte wäre, und schließlich müsse sich Hann doch ein hübsches Sümmchen erspart haben, wenn er an einen eigenen Herd denke?

Aber Hann hatte nur zu allem bedächtig den Kopf geschüttelt und dann war herausgekommen, daß er bis jetzt nur für Siebenbrod geschafft habe, und daß er auch ferner bei dem Stiefvater in Wochenlohn bleiben wolle. Denn sicher sei sicher.

»Ja aber, Siebenbrod — der,« raunte oll Kusemann wieder im Vorbeiflitschen. »Auf der Sparkass' nennen sie ihn all ümmer >Lütt-Rotschild<.«

Später besann sich Siebenbrod, daß sich der feine Bruno, kurz bevor er die Rückfahrt in die Stadt angetreten, auch zu ihm gesellt hätte.

Der ehemalige Bootsmann saß gerade auf der Bank vor dem Teil des Häuschens, der gegen den Fluß gelegen war.

Siebenbrod hielt die Hände gefaltet und sonnte seine Hakennase.

Da entspann sich zwischen den beiden folgendes Gespräch:

»Wie hübsch bei Ihnen alles imstande ist, lieber Siebenbrod. Sie sind doch ein fleißiger Mann.«

Der Zesnerfischer drehte weiter an seinen Fingern: »Je, man hat weiter nichts gelernt.«

»Mir scheint, seit dem Tode meines Vaters müssen Sie unser Besitztum recht vermehrt haben.«

»Je,« sagte der Bootsmann und besah sich seine wollenen Strümpfe, die aus den Holzpantoffeln hervorguckten, »die Leute sind hier all so schlecht, sie sagen einen lauter solch dumm' Zeug nach.«

»Aber aus den zwei Kühen sind doch jetzt fünf geworden.«

»Je, das sag' ich man,« nickte Siebenbrod Beifall, »sie fressen mich rein auf. Wenn Ihre Mutter nich so viel frische Milch haben müßt', ich hätt' die Küh' all längst wieder abgeschafft — aber Krankheit — Krankheit. Ja, ja, wie sagt noch's Sprichwort? Hast du 'ne kranke Frau im Haus — so trägt man bald den Tisch heraus — na, ja, das konnt keiner wissen.«

Damit erhob er sich und töffelte in den Flur.

Bruno starrte ihm nach.

Das war der letzte.

Und wieder stand er und wunderte sich, daß ihm weder leicht noch schwer war. Nur so furchtbar hohl, dumpf und öde, als wandle sein Geist nicht mehr mit seinem Körper zusammen.

Er verabschiedete sich kurz und fuhr mit dem nächsten Dampfer in die Stadt.

— — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — —

»Kusch, Sultan!« sagte der alte Johann zu dem Pudel des Konsuls, mit dem er zur Abendstunde auf dem Hofe des Geschäftshauses saß. »Kusch!«

Doch als sich der Lichtschein in einem der hinteren Kontore wieder zeigte, da knurrte der Pudel von neuem, und Johann stieg auf eine Kiste, um durch die Eisenstäbe in das Bureau zu sehen.

Gleich darauf kletterte er wieder hinunter.

»Kusching,« sagte er, »es is bloß Herr Klüth — das tut nichts.«

III

Die erste, die es erfuhr, war Line.

Fräulein Dewitz kehrte von einem Vormittagsbesuch aus dem Hause des Konsuls zurück, schloß die Tür hinter sich zu, zwei-, dreimal, als ob sie sich von einem Polizeibeamten verfolgt wähne, und sank im Hut und Mantel schreckensblaß auf dem Sofa zusammen.

»Wer hätte das gedacht,« vermochte sie nur geistesabwesend vor sich hinzumurmeln; »wer hätte das gedacht?«

Und so seltsam mutete das Bild in seiner bizarren Feierlichkeit an, daß Line in einer jener widerspruchsvollen Launen ein Lachen nicht unterdrücken konnte, während ihr doch bereits das Herz still stand.

»Lach' nicht,« flüsterte die Handarbeitslehrerin, in Tränen ausbrechend, und winkte mit der Hand, »es ist zu schrecklich. Ich hätt' auf ihn geschworen.«

Jetzt lachte das Mädchen nicht mehr.

»Auf wen? — sag' doch — auf wen, Tante?« klang es plötzlich so schrill, so kreischend, daß das alte Fräulein entsetzt in die Höhe fuhr. Aber sie hatte sich wohl getäuscht, denn das Mädchen stand schon wieder ganz ruhig vor ihr, nur die Hände wanden sich in ewiger, unruhiger Drehung umeinander.

»Wen meinst du denn, Tante? Du sagtest doch vorhin — —«

Und nun begann die alte Dame wie verzweifelt an ihren Handschuhen herumzuknöpfen und brachte zitternd und verwirrt hervor, was sie eben erfahren. Unzusammenhängend Bruchstücke. Der Konsul hätte einen Brief erhalten — »denke dir, als er noch gar nicht rasiert war, ja, ja, noch nicht einmal rasiert,« aber das Zimmer Brunos sei bereits leer gewesen, auch der Koffer verschwunden. — Und gerade als das alte Fräulein eingetreten, wären Siebenbrod und Paul gerufen worden. Der neue Herr Pastor — ja, wohin sei er doch gewählt? Auf den Walsin oder auf den Swensin? Ach, es ist ja ganz gleich. — Und der erste, der es merkte, wäre der alte Johann gewesen, als er am Abend einen Lichtschein in dem Kassenzimmer wahrgenommen. Freilich, wer hätte auch glauben sollen, daß dieser feine, gebildete junge Mann ein Betrüger werden könnte. — Gott verzeih es einem, man möge das Wort ja gar nicht aussprechen! Und denke dir, Lining, fünfundzwanzigtausend Mark soll er auf den Namen des Konsuls an der Börse verspielt haben, und warum? Am Ganzen, sagen sie, seien die Amerikaner schuld. »Ja, ja, du kannst es mir glauben, es ist nicht gut, wenn Republiken so groß werden. — Ich sagte es ja.«

So sprach und hastete die alte Dame vor sich hin und knöpfte erregt ihre Handschuhe auf und wieder zu und merkte es gar nicht, wie ihr eine große Träne die Wange hinunterlief, denn im Herzen trauerte sie um ihren Liebling, der ihr stets so formvollendet die Fingerspitzen geküßt hatte.

Wie war's doch? Ein cavalier d'ancien régime. Ach, du lieber Gott, und jetzt ein Betrüger; aber wer kann aus dieser jungen Welt klug werden? Damit raffte sie sich zusammen, schloß die Tür auf und, einem bezwingenden Triebe folgend, gedachte sie wieder in das Haus Hollanders zu eilen, um abermals zu hören, zu ratschlagen und wieder von dannen zu flattern, als ihr plötzlich auffiel, daß Line sich noch gar nicht geäußert hätte.

Sie warf einen raschen Blick auf ihre Pflegebefohlene.

Da saß sie auf dem Tritt, auf dem die Lehrerin sonst selbst immer rastete, und zupfte mit einem verstörten Lächeln an den Fransen des Fensterkissens herum. Fräulein Dewitz stutzte. Wie merkwürdig zuckten die Lippen in diesem blassen Gesicht, wie krampfhaft gespreizt hielt sie ihre Finger, und wie unnatürlich wogte die Brust, als ob sie nur mit großer Qual laute, wilde Rufe unterdrücke.

»Lieber Gott!«

Fräulein Dewitz erschrak so über diesen Anblick, daß ihr alles andere nebensächlich wurde und ihre Hand auf der Türklinke zitterte.

»Herrgott, Lining,« stotterte sie.

Doch die Angerufene zupfte weiter. In ihren Zügen fuhr es hin und wieder. Endlich schien sie ein Wort gefunden zu haben: »Weiß man nicht,« stieß sie atemlos hervor, »wohin er gegangen ist?«

»Wohin?«

Die alte Dame besann sich. Hatte sie das in der Eile etwa vergessen? »Nach Amerika natürlich, nach Amerika war er geflüchtet, jenseits des Wassers, wie es alle diese Leichtsinnigen tun, die ihre Ehre verloren haben, und — —«

Die Hast der Erzählerin hatte sie bereits wieder zu weit geführt. Von neuem mußte sie sich unterbrechen, denn Line stand langsam auf.

»Mein Gott, mein Gott,« dachte das alte Fräulein, »wie wenn ihr die Glieder nicht mehr gehorchen wollen. Der Schreck muß sie wohl versteinert haben.«

»Lining,« stammelte sie ängstlich. »Was ist dir?« Da stieß das Mädchen endlich, endlich einen Schrei aus. Kurz, rücksichtslos, durchdringend, und fortan fiel alles Erzwungene, Anerzogene von ihr ab, als wenn sie niemals auf Zehen durch diese Räume gehuscht wäre.

Sie stürzte auf die alte Dame zu und rüttelte diese am Arm, als hätte das gute Fräulein ein Verbrechen gegen sie begangen.

»Hat er nichts für mich hinterlassen?« schrie sie und ballte die Fäuste. »Ich will wissen, ob er für mich nichts hinterlassen hat?«

»Für dich?« wiederholte Fräulein Dewitz vor Schreck starr und gänzlich verständnislos.

»Hat er nichts für mich hinterlassen?« tobte die Verzweiflung noch einmal aus dem Mädchen. Und als die Handarbeitslehrerin gänzlich erschüttert hervorbrachte, warum der Entflohene denn gerade an sie, an Line — über sein Vorhaben etwas berichtet haben sollte, da lachte die Entfesselte auf, jenes schrille, tolle Lachen, welches über die Beschränktheit höhnt, die das Natürliche nicht sehen will, und warf sich vor ihrer Kommode nieder und begann sie auszuräumen.

Alles klirrte und rollte auf der Erde herum, der alten Dame, die ihren Augen nicht traute, gerade vor die Füße.

»Da — und da — und da.«

»Herrgott, was soll das?«

Dem armen alten Fräulein begannen die Hände zu zittern, vor ihren Augen flimmerte es, sie mußte sich an der Klinke festhalten, sonst wäre sie gefallen.

»Lining — barmherziger Himmel — woher dast du das alles?«

»Das? — das?«

Das wußte die Rasende im Moment nicht, woher sollte sie das wissen? Darauf konnte sie sich nicht besinnen. Sie zerrte an den Ketten und Ringen herum und schlug mit den Fäusten darauf, und dann — dann brachte sie eine Photographie Brunos hervor, um sie in Stücke zu reißen, und die Fetzen im nächsten Moment wieder an die Lippen zu pressen und sie wieder wie entsetzt von sich zu schleudern.

Ach, und die gute, alte Dame!

In ihrem Altjungferngemüt dämmerte durch all ihr Entsetzen die einzige Erklärung auf, die einzige Hoffnung, die der frommen Beschränktheit möglich erschien: »Lining,« stotterte sie vor Furcht und Überraschung beinahe gelähmt. »Du hast ihn wohl am Ende gar lieb gehabt?«

»Ja — nein — ja.«

»Lining, willst du mir denn nichts davon erzählen?«

»Nein.« — Das Mädchen erhob sich plötzlich von den Knien, sah sich wirr um und raffte ihren Schmuck zusammen: »Ich will hier fort.«

»Fort? Fort? — Doch nicht von mir? — Warum denn?«

»Weil ich hier nichts mehr zu suchen hab'. Weil ich nicht weggejagt werden will — weil ich hier nichts mehr hören und sehen mag!« rief sie wie in heftigem Zorn, und ohne der alten Dame, die sie als Kind aufgenommen, die Hand gereicht zu haben, ja ohne ein Wort des Dankes, nur mit einem einzigen rollenden Blick, in dem die ganze Abneigung glühte, die diese fromme Engnis jahrelang in ihr aufgespeichert, so lief Line von dannen, barhäuptig, mit flatterndem Kleide, ähnlich, wie sie einstmals gekommen.

Die Handarbeitslehrerin aber saß auf ihrem Sofa und knöpfte die Handschuhe auf und zu und faßte sich an die Stirn und wollte ihrer Pflegetochter nach und sank wieder zusammen und dachte Anfang und Ende zu verknüpfen und sann und sann und rang die Hände: Wie war denn das? Und die gute Erziehung nützte gegen die Sünde nichts mehr? Und Dankbarkeit gab es auch nicht mehr? — Kein Wort des Dankes? Und all die guten Lehren waren umsonst? Und das enge, abgeschlossene Haus hütete nicht sicher? Und die kleinen Wirtschaftssorgen ließen noch etwas anderes zu? — Mein Gott, und Dankbarkeit gab es in der Tat nicht mehr? Wie ist denn das? — Junge Welt — alte Welt — wie ist denn das?

— — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — —

Unterdessen lief Line durch die Straßen, mit dem kleinen Bündel in der Hand und barhäuptig, denn dieser übergewaltige Stoß hatte sie die junge Dame vergessen lassen, sie war wieder die Lotsentochter, die Fischerdirne, die da meinte, daß die Welt sich an ihr versündigt habe, daß sie bitteres Unrecht leide, und zwischen Wut und Scham schoß es ihr zuweilen unklar durch den Sinn, sie müsse sich rächen.

An wem?

Das wußte sie nicht, aber sie fühlte doch diesen heißen, brennenden Zorn, diese jagende Wut, die sie vorwärts trieben und die ihr vorläufig noch das Gefühl ungebändigter Kraft liehen. Und während sie am Fluß entlang auf Moorluke zueilte, da entlud sie sich in tausend wilden Schwüren, unaufhörlich murmelte sie es vor sich hin: Oh, sie wollte sich schon forthelfen, wenn sie auch alle anderen verließen, sie würde schon triumphieren, sie würde — — — Und stürmisch eilte sie weiter, dem pfeifenden Winde entgegen, der vom Meere hereinstieß. Sie sah nicht, wie grau und fahl sich der Himmel umzogen hatte, sie hörte nicht das Rauschen der Binsen an den Ufern, sie merkte nicht das Knistern der Staubwolken, die an ihr vorüberjagten, nur vorwärts rannte sie, ohne zu wissen, zu wem, denn sie wollte weder zu Mudding noch zu Hann, noch zu sonst jemand anderem, willenlos wurde sie vorwärts getrieben, bis sie plötzlich dunkle Bäume sich erheben sah, und darüber aufragend von ferne die Klosterruinen, ebenfalls in einem fahlen, wechselnden Licht.

Als sie das rote, kalte Mauerwerk auftauchen sah, da stand sie still.

Da duckte sie sich, wie geschlagen. Ein Blitz durchzuckte sie, schmerzhaft, stechend; zum erstenmal in all dieser Zeit überkam sie die Erinnerung an den Menschen, mit dem sie schon einmal unter den Ruinen gesessen, damals, als sie sich als kleines Mädchen auf seinem Schoß in den Schlaf einwiegte, als alles seinen Anfang nahm.

Ja, ja, dort drüben war es gewesen.

Sie hob den Arm und schüttelte die Faust nach den Ruinen, und der Wind zauste in ihren Haaren. Jämmerlicher Kerl! — Erst sie in Schande gestürzt — in Schande — Schande, und dann fortgelaufen und sie unter den höhnischen Gesichtern im Stich gelassen, sie und — —

Ja, ja, das war es; der erhobene Arm sank ihr, wirr blickte sie um sich, und in diesem Augenblick achtete sie zuerst darauf, wie ihr der Wind durch das Jäckchen fuhr, und wie die Binsen sich rauschend bis zu dem schwarzen, unheimlichen Wasser neigten. Wie das gurgelte, und wie weltverlassen sie hier stand. Außer ein paar weidenden Kühen jenseits des Flusses nichts Lebendiges ringsum.

Sie fröstelte und raufte eine der Binsen aus. Wenn doch ein Mensch gekommen wäre, aber nichts regte sich. Die Einsamkeit umschattete sie. Brennende Angst wuchs in ihr groß.

So — ja, so würde sie gemieden sein, denn die Leute hier fürchteten sich vor der Schande, oh, sie verkrochen sich davor; Line dachte daran, wie Fräulein Dewitz sich oft davor gesegnet und bekreuzigt hatte, und die Schande versperrte ihr ja auch anderwärts für die nächste Zeit Pfad und Unterkommen. Gewiß — sicherlich, das hatte sie noch gar nicht ins Auge gefaßt. Sie kaute an dem Binsenhalm, und, nachdem sie ihn fortgeworfen, trat sie in ihrer Verwirrung laut weinend mit den Füßen darauf herum, um schließlich wieder die Faust gegen die Ruinen zu richten: »Jämmerlicher Mensch!«

Aber was war das?

Durch den pfeifenden Wind hindurch antwortete von jenseits des Wassers ein langgezogener, heulender Ton, der hatte etwas Wildes, Markerschütterndes. Line war zu aufgeregt, um sich zu sagen, daß der Laut von einem der weidenden Tiere herrühren müsse, nein, sie stand und starrte mit weit aufgerissenen Augen über das Wasser auf die fahle Ebene.

Wie lautete doch ihr letztes Wort? — Jämmerlicher Mensch? — Nein, nein, das war ja nicht die Wahrheit. Sie — sie allein trug ja alle Schuld. Sie hatte ja Hexenmittel angewandt, um ihn anzulocken.

Ihre Sinne mußten sich wohl verwirren. Wie spielend schritt sie über das moorige Ufer, das unter ihr einsank, bis das schwarze Wasser über ihren Fuß kroch.

Hu, das war eisig.

Ruckartig zuckte sie zurück und stürzte wieder auf den Weg.

Dort drüben, wenige Schritte von ihr, ragte der Moorluker Turm, ganz dicht ihr zur Seite starrten die Brückenreste aus dem Fluß, und da — da bei den Stümpfen, da besorgten verschiedene Fischer einstweilen die Fähre, und unter ihnen glaubte sie jetzt auch die plumpe Gestalt von Hann zu erkennen.

Und jetzt? — Rief da nicht etwas »Lining«?

Nein, nein, nur nicht zu dieser plumpen Ehrlichkeit, das war das Schlimmste von allem, gerade dagegen empfand sie solchen Widerwillen, davor solche Furcht. Und jetzt rief es wieder: »Lining!«

Mehr hörte sie nicht. Mit wirbelnden Röcken lief sie den Landweg zurück, immer vor sich hinsagend: »Nicht Hann — nicht Hann.«

Vor ihr türmte sich im fahlen, blauen Schein die Stadt auf.

In einer halben Stunde würde sie wieder dort einziehen, von wo sie vor einiger Zeit gekommen. Wie lange war das wohl her? Und wohin? Zu wem lief sie jetzt? In ihrer Ratlosigkeit begann sie wild und heftig zu schluchzen. Ob sie nicht doch zu Fräulein Dewitz gehen und alles bekennen sollte? — Nein, nein, lieber zurück in das schwarze Wasser. Aber plötzlich war ihr das Ziel eingefallen. Paul.

Der neue Pastor. Warum gerade der, darüber vermochte sie sich in ihrer Aufregung keine Rechenschaft abzulegen, sie fühlte nur, er sei der Rechte, auf seinem Namen läge Ruhe.

Um die Mittagsstunde trat sie in sein Zimmer. Alles leer. Doch da die Wirtin meinte, Paul müsse bald zurückkehren, er sei nur von einem Diener des Konsuls abgerufen worden, so beschloß Line zu warten.

Todmüde sank sie auf einem Stuhl zusammen, und das Bündel, das sie bis jetzt geistesabwesend getragen, klirrte neben ihr zur Erde.

Sie wunderte sich zwar über den Klang, aber sie rührte sich nicht mehr. Regungslos, mit festgeschlossenen Augen hockte sie auf dem Sitz, traumhaft umflossen von dem Gedanken »wie ruhig — wie ruhig.«

Stunde auf Stunde verging, sie hatte kein Verlangen, sich zu erheben, nur wenn sie einmal den Kopf hob, dann fiel ihr Blick regelmäßig auf eine kleine, weiße Christusstatuette, die mit den gastlich geöffneten Armen auf der Birkenholzkommode stand und sie anzusehen schien.

Wohl fielen ihr die Augen wieder zu, aber immer wieder erhob sich die weiße Gestalt vor ihrem Blick, und plötzlich mußte sie daran denken, daß dies die Stellung wäre, in der Er gesprochen: »Lasset die Kindlein zu mir kommen.«

Wie merkwürdig das Wort: »Lasset die Kindlein zu mir kommen.«

Und wie seltsam, daß sich ihr im gleichen Moment die Vorstellung aufdrängte, wie garstig es gewesen, als das schwarze Moor unter ihren Füßen nachgegeben. Und war es nicht wieder, als ob sie sinke, tiefer und tiefer in diese weiche, schwarze Masse? Alle Erdengeräusche verschwanden, und allmählich nahm die Ruhe des Zimmers die Erschöpfte völlig hinüber.

— — — — — — — — — — — — — — — —

Durch ihren Traum schritt eine schwarze Gestalt, vor der sie Furcht empfand, weil der Fremde sie mit so starren Blicken maß, und als sie seine knochige Hand am Arm spürte, schrie sie laut auf.

Sie taumelte in die Höhe. In der Stube war es beinahe finster geworden, vor ihr stand Paul.

»Du?« stammelte sie, ohne sich recht besinnen zu können, und stieß mit ihrem Fuß an das Bündel, so daß es klirrte, »bist du endlich da?«

Er sah verwundert auf sie herab, schien sich jedoch ihre Anwesenheit erklären zu können, denn er äußerte nur rasch, ob Fräulein Dewitz ebenfalls bereits von allem unterrichtet wäre, und als Line wortlos genickt hatte, setzte er sich an den Tisch und bedeckte beide Augen mit der Hand. Jedoch einen Augenblick nur, dann sprang er wieder in die Höhe und durchmaß mit langen, schweren Schritten das dunkle Stübchen, immer gefolgt von den Blicken des Mädchens, das in seiner Erschöpfung noch immer ohne klare Gedanken dasaß.

Und wieder blieb der neue Pastor vor ihr stehen. Ihre Gegenwart und dieses gänzliche Zerschlagensein, als ob sie nun für immer auf seinem Stuhl hocken bleiben wolle, begannen ihm allmählich aufzufallen.

»Line, sag' mir, weshalb bist du zu mir gekommen?« fragte er, und seine Stimme klang dabei so rauh und gepreßt, daß Line merkte, wie sehr er sich zusammennehmen müsse, um so zu sprechen, wie er jetzt redete.

Allem ihre Gedanken flogen nicht mehr so rasch.

»Zu dir,« entgegnete sie müde, »ja — zu dir.«

Sie nickte wieder und sank von neuem auf dem Stuhl zusammen.

Paul verzog die Stirn, seine Augen suchten die Dunkelheit zu durchdringen, jedoch die Ermattete bewegte sich nicht weiter.

Der Theologe wurde unsicher.

Was bedeutete dieses schwächliche Gebaren, noch dazu von Line, deren Lebensmut nie zu unterdrücken gewesen? War dieses Gebrochensein allein durch das Unglück der Familie bedingt? Prüfend blickte er wieder auf die Erschöpfte. Und ohne daß er es selbst ahnte, begann sich bei ihm gegen das Mädchen dasselbe Mißtrauen zu regen, das seit dem ungeahnten Vertrauensbruch Brunos alle seine Empfindungen beschlich.

»Weshalb bist du in einem solchen Moment nicht zu den Unseren nach Moorluke hinausgefahren?« drängte er von neuem.

»Zu den Unseren?« wiederholte sie verwundert, und wie wenn die Dunkelheit sowie die Stille nur noch den einen Wunsch nach Ruhe in ihr übrig gelassen hätte, fügte sie schläfrig hinzu: »Laß mich.«

»Laß mich?« Langsam stieg der Zorn in dem Geistlichen auf: »Weißt du denn nicht, was geschehen ist?« fragte er heftiger, allein seine Worte mußten wohl an ihr vorüberhallen, denn sie streckte sich aus, ihr Kopf sank hintenüber, und wenn ihr Fuß nicht wiederum das Bündel berührt hätte, so hätte der Schlaf die Todmüde von neuem entführt, so aber schreckte das klirrende Geräusch sie auf. Hastig zuckte sie zusammen, dieser Goldton brachte sie endlich zur Besinnung.

Und nun flogen Rede und Gegenrede scharf zwischen den Geschwistern hin und her.

»Was hast du da?« fragte Paul, der ebenfalls das Klingen gehört hatte.

»Das? — o — — nichts.«

»Ich rate dir gut. Fahre zur Mutter hinaus. Du wirst unser Haus nicht mehr oft betreten!«

»Ich?«

Der Schreck lähmte sie beinahe, langsam erhob sie sich: »Warum gerade ich nicht?«

»Weil es verkauft wird, ebenso wie unsere Boote und das Vieh und meine Bücher, kurz alles. Von unserer Heimat bleibt nichts übrig.«

Er blieb mitten in der immer dunkler werdenden Stube stehen und legte sich die verschränkten Hände gegen das Haupt. Wieder klang ein leises Stöhnen durch den Raum. Aber Line achtete nicht mehr darauf.

»Wird er verfolgt?« forschte sie heiser. Sie sah, wie den andern die Frage durchfuhr.

»Das weiß ich nicht,« gab er widerwillig zurück, und dann ging er abermals im Zimmer umher, und eine lange Erzählung drang an ihr Ohr von Siebenbrod und dem Konsul, und wie er mit den beiden gerungen, und wie Mudding endlich draußen in Moorluke den Streit entschieden; aber Line hörte teilnahmlos zu, denn seit Paul während einer Pause die kleine Stehlampe entzündet hatte, seitdem traulicher Lichtschein die Stube durchdämmerte, da war die rasende, treibende Angst wieder in ihr aufgestiegen: Wohin? Wo ein Ruheplatz? — Wo ein Kissen für die Nacht? Wo ein Versteck vor der Schande?

»Weißt du, wo er sich aufhält?« stieß sie endlich hervor und fingerte in Hast mit den Nägeln auf der Tischplatte herum.

Aber der Gefragte konnte sich nicht mehr beherrschen: »Der Dieb?« schrie er dunkelrot und voller Abscheu, »der Halunke, der seine Mutter aus dem Hause treibt, während er selbst allerlei schlechtes Frauengesindel mit Armbändern und goldenen Ketten behängt? Oh, wenn ich nur wüßte, wo er zu treffen wäre, wenn ich ihn nur einmal noch vor mir hätte!«

Dabei nahm er einen Stuhl und stieß ihn in ohnmächtigem Zorn auf den Boden, daß die Füße zitterten. Line starrte ihn an.

Ganz weiß war sie geworden, langsam bückte sie sich und hob ihr Bündel auf, denn jetzt wußte sie, hier war ihres Bleibens nicht länger, und als sie sich aufrichtete, fiel ihr Blick auf die kleine, weiße Statue.

»Lasset die Kindlein zu mir kommen,« sprach sie, wie geistesverloren vor sich hin. Aber sie war so matt, daß sie keinen Schritt machte, sondern mit hängenden Armen stehen blieb.

Gleich darauf fühlte sie sich hart am Arm ergriffen, umkrallt, so daß sie hätte schreien mögen; ganz nahe blitzten die finsteren, mißtrauischen Männeraugen in die ihren.

»Wozu sagst du das?« hörte sie seine vor Aufregung heisere Stimme, »überhaupt du warst stets so viel mit ihm zusammen; ohne Umschweife, ich traue dir nicht. Und was trägst du da im Bündel? Ich will es jetzt wissen.«

Er streckte die Hand danach aus, aber sie hob ihre Schätze hoch in die Höhe.

Dann begann sie plötzlich aufzulachen, höhnisch und verzweiflungsvoll, und als sie sich zur Seite wandte, gewahrte sie, daß zum Fenster bereits schwarze Nacht hereinsah.

Unterdessen drang der Strandpastor zum zweitenmal auf sie ein. Noch drohender als vorhin.

Ja, sie merkte es, es war alles verloren, alles stürzte zusammen, hier war ihre Ruhestätte nicht.

Aber draußen lugte die Nacht herein und rief und rief.

Da streckte sie ihm mit einer wilden Bewegung ihr Tuch entgegen.

»Was in dem Bündel steckt?« schrie sie und wühlte alles hastig auf, daß der Inhalt hervorquoll. »Hier, sieh, Ketten und Armbänder und Ringe — ganz teure, die sind was wert — und alle für mich — alle für mich — die verkauf — hörst du — hier — hier.«

Damit raffte die Rasende einzelne Stücke heraus, schleuderte sie ihrem Bedränger mit aller Kraft vor die Füße, warf das ganze Bündel hinterher, und nachdem sie ihn noch einmal verächtlich angelacht hatte, wie sich weidend an seiner Betäubung, lief sie, gleich einem Hunde, der Schläge fürchtet, zur Türe hinaus. Paul hörte sie die Treppe hinunterspringen, vernahm einen heulenden Ruf, er hörte die Haustür klingeln, aber er regte sich nicht, er stand und starrte mit kaltem Entsetzen auf die Schmucksachen, die sich wie Ringe einer goldenen Schlange zu seinen Füßen wanden; in großen gleißenden Ringeln — die ewige Versucherin der Menschheit.

IV

Unterdessen saß Dietrich Siebenbrod gerade unter der breitschirmigen Petroleumhängelampe des Moorluker Kruges, den er seit seiner Hochzeit nicht mehr betreten hatte, und vor ihm stand ein großes Glas Branntwein, was ebenfalls ganz gegen seinen Pakt verstieß.

Aber sein Pakt war aufgehoben, war »intzwei« gegangen, wie er schon mehrfach vor sich hingestöhnt hatte, »es war allens intzwei gegangen, die lange Arbeit, und de fiv Küh, und das Haus und die Sparkassenbüchers, ja, ja und die fiv Küh.«

Aberst warum? — Warum?

Mit dumpfem Grollen schob der Fischer die langen Beine weit von sich unter den Tisch, und nachdem er seinen Branntwein hinuntergestürzt, strich er sich über das erhitzte Gesicht, denn er konnte die Spirituosen nicht mehr vertragen.

»Smeckt nich mehr, der lütte Kirsch,« seufzte er und steckte beide Daumen in den Mund und biß darauf und schüttelte sich und fuhr sich durch die Haare und warf sich auf seinem Stuhl herum, als ob er die richtige Lage nicht finden könnte. Und so war es auch, denn wie er sich drehte, immer sah er durch die Tür, die der Schwüle wegen weit offen geblieben war und durch den Garten, in welchem die Blätter herumwirbelten, auf sein eigenes Haus, »up sin Hüsing«, das nun ein fremder Barbier kriegen sollte.

Ja, ja, wie er sich um dies Haus Müh gegeben hatte, all damals, als der selige Herr Klüth noch lebte, denn, weiß der Deuwel, es war ihm immer so vorgekommen, als ob er der nächste Erbe des alten Lotsen sein würde.

Und nu? Intzwei — ganz intzwei.

Ja, ja, das kommt davon, wenn man in 'ne vornehme Familie heiratet.

Und dieser Pastor, der gar keine Ahnung von das praktische Leben hatte, der gar nicht wußte, was eigentlich ein Klüwer bedeutete oder gar Ballast und der keinen Hering von einer Rotauge unterscheiden konnte, wodurch doch erst all das schöne liebe Geld in die Sparkassenbücher reingekommen war; der konnte nu ganz einfach kommen und alles fortschenken, das Haus und die Sparkassenbücher und die Küh? — I, das stritt doch gegen jede Menschlichkeit. Ne, ne, bloß nichts mehr hören und sehen, hol alles der Deuwel, bloß alles der Deuwel. Denn, wenn man da dran dachte — »Möller noch ein Glas, sehr schön dein Kirsch — kannst mir gleich die ganze Flasche bringen, ich bleib heut lange, aus Schabernack, aus purem Schabernack, prost.«

Ja, das war heut morgen gewesen, in aller Früh, er hatte gerade nach der langen Nachtfahrt sich auf den Schemel hinter dem Herd gesetzt, um noch ein paar Augen voll zu nehmen, und Mudding, die neben ihm saß, hatte ihm eben den Kaffeetopf aus der Hand gewunden, damit der nicht auf die roten Ziegelsteine stürze, da war der Hafenmeister in die Küche getreten, mit der Meldung, der Herr Konsul Hollander hätte eben selbst heraustelefoniert, Siebenbrod möchte eiligst in das Kontor kommen. —

»Möller, Möller, noch ein Glas — —«

Darauf das verwunderte Reden von Mudding.

»Siebenbrod, sollst sehn, da stimmt was nicht.«

»Ja, Mudding, das hab' ich mir all lang gedacht.«

»Du auch? — Du meinst doch nicht etwa gar wegen Bruno?«

»Ja, kuck, Mudding, wenn man bunte Oberhemden trägt und enge Hosen, dann — —«

»Was? — ach du lieber Gott — was meinst du, Siebenbrod?«

»Je, ich mein, dazu muß man geboren sein, Mudding. Und dann — —«

»So sag' doch —«

»Hat mich auch gestern so viel über unsere paar Groschen ausgefragt, und über unsere Küh, sieh Mudding, dabei hab' ich immer ein ungemütliches Gefühl. Von so verschwiegenen Dingen spricht man doch nich.«

»Geh rasch!« rief die kleine Frau und rang aus ihrem Stuhl die Hände. »Geh bloß.«

»Ja, ja, Mudding, ich geh ja all — aber das sag' ich man, was Gutes wird das nich.«

In dem Kontor war er dann mit dem neuen Pastor zusammengetroffen. Es war das kleine Privatkabinett des Konsuls, und ehe Stiefvater und Sohn noch ihre Verwunderung über das Zusammentreffen hatten austauschen können, da war der Konsul bereits eingetreten, hatte sich auf das Ledersofa geworfen, um mit niedergeschlagenen Augen, und als wenn er von sich die größte Dummheit erzähle, seinen Besuchern das Vergehen und das Verschwinden Brunos auseinanderzusetzen. Dabei war es für den Fischer, den das Ereignis nicht gerade sonderlich umzuwerfen schien, obwohl er es dennoch für familiär und passend hielt, eine bedenkliche Miene aufzusetzen, dabei war es für ihn doch »heil komisch« gewesen, zu betrachten, wie sich Hollander bei seiner Erzählung zwar entrüstet das Knie rieb, anderseits aber schmerzlich-behaglich schmunzelte, wie jemand, der zuletzt doch recht behält.

»Na ja, war 'ne riesige Dummheit von mir, hatte mich zum Schluß wahrhaftig ebenfalls sicher machen lassen, kostet mich viel Geld die Erfahrung — aber schließlich, — was habe ich gleich gesagt? Unsicherer Kantonist, das Kerlchen! — Na also, Herr Pastor, nun möchte ich mit Ihnen noch eine Kleinigkeit besprechen, eine ganze Kleinigkeit. Kommen Sie.«

Damit waren die beiden in das leere Kassenzimmer getreten und hatten den Fischer ruhig draußen sitzen lassen, als wenn er an der Angelegenheit nicht weiter beteiligt wäre.

Als der Zechende bei diesem Teil seiner Erinnerungen angelangt war, schien ihn die Wut von neuem zu übermannen. Er stieß mit den Füßen gegen die Tischbeine, daß es krachte, und rief beinahe schmerzlich: »Einen Seidel und einen Schnaps zugleich, Möller — und mach' die Tür zu, die verfluchte Tür, damit ich nich mehr mein Haus sehen kann, — mein Hüsing. — Mak de Dör tau, Kirl. Prächtig — gut der Schnaps — gut das Bier.«

Da waren der Pastor und Hollander eine lange Weile in dem kleinen Verschlag geblieben, und als sie endlich heraustraten, da hatte Paul verweinte Augen gehabt, und dann war der Strandpastor schweigend mit dem Fischer an den Hafen geschritten, von wo sie mit einem der kleinen Flußdampfer nach Moorluke zurückfuhren.

Aber diese Begleitung und das brütende Schweigen des stillen, wortkargen Menschen, dem noch jetzt von Zeit zu Zeit ein Tropfen über die Wange lief, waren Siebenbrod allmählich drückend geworden: »Willst du — — wollen Sie denn zu meiner Frau?« hatte er gefragt, während sie beide neben dem Schornstein des Dampfers standen und in das aufwogende Hafenwasser sahen.

»Ja.«

»Was wollen Sie da?«

»Da will ich uns wieder ehrlich machen.«

»Was?«

Der Fischer steckte beide Hände in die Taschen und schlug ein grobes Gelächter auf: »Was! — Ich will Ihnen eins was sagen, Herr Pastor, ich hab' keinem was gestohlen, und deshalb bin ich auch keinem was schuldig, verstehen Sie mich, Herr Pastor?«

Der Hagere sah ihn an, verständnislos, als habe er gar nicht auf die Worte des anderen geachtet, nickte und beugte sich wieder über Bord, um die ganze Fahrt in das schwarze, strudelnde Wasser zu starren.

Den Fischer beachtete er nicht mehr, sprach kein Wort mit ihm, erkannte ihn wohl auch nicht einmal, wenn sein Auge zufällig auf ihn fiel.

Ja, ja, wenn man bloß ein Fischer mit Transtiefeln an den Füßen war.

»Möller — Möller — bring' mich noch mehr. — Nun seh ich mein Hüsing nich mehr. — Hurra, nun seh ich wenigstens nichts mehr — das Haus nich und den Pastor nich, und die alte Frau nich — hol alle der Deuwel.«

Und dann zu Hause.

Wie die alte Frau in Ohnmacht lag, und wie Hann ihre Hände in kaltes Wasser tauchen mußte, und wie sie immer nach dem Spitzbuben rief. Und dann wollte sie auch mit ihrem Ältesten allein bleiben, und ebenso, wie beim Konsul, saß der Mann auf der Bank am Fluß und hielt die Hände in den Taschen und besah sich seine Pantoffeln, und dachte gemütlich: »Wie das woll wird?«

Aber dann kam's.

Dann kam's.

»Halunken, studierte Menschen, verrückte Weibsbilder, wollt ihr mich woll vom Leibe bleiben! Möller, Möller, zu trinken. — Was? — Nu sieh doch. Ihr wollt dem alten, lungrigen Fuchs, dem Hollander, sein Verlorenes wiedergeben? Hör ich auch noch richtig? — Möller, Möller, hast's auch gehört? Sie wollen fünfundzwanzigtausend Mark bezahlen? Ha — ha. Spaß, Spaß, das is ja bloß zum Lachen. Nein? Ihr habt keine ruhige Minute mehr? Und ihr meint das alles im Ernst? — Da soll ja der Satan — aber was schert mich das alles? Meinetwegen. Wenn ihr soviel Geld übrig habt. Immer zu. Mir ist allens recht. Mudding hat vielleicht soviel im Strumpf versteckt. Das nich? — Sondern meine Spar — kassen — bücher? Und — ah — das Haus?«

Die Luft blieb dem Manne aus, der mit kupferrotem Angesicht in dem einsamen Krugzimmer saß. In toller Wut schmetterte er ein Seidel auf das andere, daß die Scherben herumspritzten, und schleuderte das nächste gegen die Wand.

»Was? — was? — Mein Haus, mein Hüsing, — meine Bücher? Ihr seid woll mall? Ich hab' nichts — und ich geb' nichts. — Acht Jahr gearbeitet — im Wasser gelegen — und nu? — Und nu? — Bleibt mir vom Leibe, weg — weg.«

— — Wieder schrie er nach Bier.

Aber was geschah nun?

Er stierte vor sich hin. Er sah es noch einmal, ganz deutlich. Aus dem Stuhl, in dem sie so viele Jahre gesessen, richtete sich die gelähmte Frau auf, langsam, ganz langsam. Und sachte, ganz sachte, streckte sie die weiße Hand gegen ihn aus.

»Siebenbrod, ich hab' dir das Haus und das Geld so lange gelassen, — aber nu will ich es wieder haben.«

»Mudding — du willst — mich — mein Geld nehmen?«

»Siebenbrod, ich muß.«

»Mudding, überleg dich, wem gehört das alles?«

»Mir gehört es. Ich habe alles zugebracht, und das Haus und die Sparkassenbücher sind auf meinen Namen geschrieben.«

»Das wohl — das wohl, aber Mudding, das mit den Sparkassenbüchern hab' ich doch nur aus Vorsicht getan. Ich bitt' dich, um Gottes seiner Barmherzigkeit, du willst mir doch nich meine paar Groschen nehmen? Das einzige, was ich hab'?«

Ihr stürzten die Tränen aus den Augen. Sie sah aus, als ob sie sterben wolle: »Ich muß!«

»Nun dann — dann hol' euch alle zusammen der Deuwel« — heulte er auf, »dann weiß ich ja, mit wem ich's so lang zu tun gehabt hab' — hier — hier —«

Er war auf einen Schub zugewankt, und nun flogen ein paar Bücher auf die Erde, daß die Fetzen herumflattern — »hier, Pastor, hier hast du's — is 'ne ganze Masse — und das Haus auch, das wollte ja immer schon der Barbier haben. — Und die Küh — Herrgott, Herrgott, die Küh auch. Aber was geht mich das an? Ich sag' weiter nichts, als hol' euch alle zusammen der Deuwel, alle in einem Wagen. Ich hab' hier nichts mehr zu suchen.«

Und jetzt saß er in dem einsamen Krugzimmer, und draußen wirbelten die Blätter, und es wurde dunkler und nächtiger.

»Prost, Möller — prost. Wie dunkel das draußen geworden is. Schmeckt wunderschön, dein Bier. Aber wer kommt da? Is das nich oll Kusemann, der da reinkommt? Richtig, setz' dich hierher, oll Kusemann. Hab' dich früher nich leiden mögen, aberst heut bezahl ich alles. Hm, was sagst du?«

»Je, ich bin nich neugierig, Siebenbrod, aberst is es wahr, was mich Hann erzählt hat, daß du dein Haus — —?«

»Ja, ja, wird verkauft.«

»Huch — und das Vieh und die Boote auch?«

»Allens.«

»Herrje, man erschrickt sich ja förmlich, aber was machst du denn später?«

»Ich? — Ich? Oll Kusemann, warum hast du auf einmal vier Augen und zwei Nasen? Ich schlag dir eins ins Genick, wenn du das noch mal machst. Oder ich häng dich hier an den Türpfosten auf. Aber sag' eins, du bist ja ein kluger Kopf, wie is das eigentlich mit dem Aufhängen? —«

»Das? — das? Ne feine Sache soll das sein. Da hört man Musik, wie auf einem Tanzboden, aber du wirst doch nich —«

»Schnack. Oh, das Leben is mal recht dämlich. Als ich klein war, da hab' ich mich immer ne Spieldos gewünscht, und nu — aber wollen trinken. — Die Geschicht mit der Musik gefällt mir — das lügst du doch auch nich? — Wollen trinken — immer mehr — immer mehr. Pfui, das Leben riecht wie ein fauler Hering. — Pfui, pfui!«

— — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — —

In das kleine Lotsenhaus war gegen Abend neue Verwirrung eingedrungen, als Paul zum zweitenmal erschienen war, um, wie er vorgab, sich nochmals nach der Mutter zu erkundigen, in Wahrheit aber, um Hann beiseite zu ziehen und ihm allerlei wirre Andeutungen über Line zu geben. Der junge Geistliche war ganz gebrochen. Und als die beiden Brüder in der Dunkelheit auf dem Flur standen, dort miteinander flüsternd, damit in der Stube die Mutter, die ohnehin leise vor sich hinweinte, nichts bemerke, da mußte der Pastor sich an dem Holz der Haustür festhalten.

»Daß sie so sinken konnte,« murmelte er vor sich hin und rüttelte beinahe an der Klinke, »daß sie so schlecht werden konnte.«

Hann stand neben ihm, in seinen blauen Drillichhosen und mit der offenen Schifferjacke, das plumpe Haupt, auf dem die strohblonden Haare bereits spärlicher herunterfielen, war ihm tief auf die Brust gesunken. Er mußte sich mehrfach räuspern, ehe er antworten konnte. Auch so klangen seine Worte noch gepreßt genug.

»Ja,« entgegnete er mühsam, »sie wird ihn wohl sehr lieb gehabt haben.«

Der Strandgeistliche atmete hörbar: »Aber sie hat ihn zu Schlechtigkeiten verführt, sie hat gehandelt wie eine — — —«

Hier stöhnte er laut auf.

»Ja,« sagte Hann vor sich hin, »mich dünkt, die eine Liebe is heiß und die andere kalt — die eine will in Seide gehn und die andere in Pantoffeln. Es kommt allens so, als es kommt.«

»Aber wir müssen unsere Natur bezwingen.«

»Ja,« schüttelte Hann traurig das Haupt, »das sagt ihr so. Ich hab' immer gedacht, um viele Naturen wär' es dabei doch schad. Kuck, Line zum Beispiel war mich immer gerade so recht.«

Der Pastor sah den Schiffer zweifelhaft an, dann lenkte er rasch ab, und indem er die Flurtür öffnete, durch die bereits die Dunkelheit hereinsah, klagte er: »Nacht. Wie sollen wir sie jetzt finden?«

»Müssen sie eben suchen,« versetzte Hann halblaut, obwohl seine Stimme stark zitterte. Dabei bückte er sich und hob von der Diele eine große Stallaterne empor, die er ansteckte.

Ein wunderliches, verschwommenes Licht fiel nun über den rotgepflasterten, langen Gang.

»Wenn sie sich ein Leid angetan hätte,« fuhr der Pastor fort, und wieder zitterte die Tür, als ob er an ihr gerüttelt hätte.

Hann fuhr zusammen. Die Laterne baumelte in seiner Hand hin und her. Dann dachte er nach.

»Nein,« schloß er endlich und strich sich die Haare aus der Stirn. »Line hat das Leben lieb; daher kommt woll auch alles.«

Wieder traf ihn ein verwunderter Blick des Bruders, dann aber trat Paul auf ihn zu und drückte krampfhaft die Hand des Fischers. Alle geistige Überlegenheit schien weggewischt.

»Wie soll es hier nur werden?« fragte er und drängte sich immer mehr an die Seite des Bruders. »Sieh, ich — ich trete am ersten Juli meine Stelle auf dem Walsin an, und die Hälfte von meinem Gehalt, die gehört euch natürlich. Aber die Pfründen eines Strandgeistlichen sind knapp, mehr würde ich bei allem guten Willen nicht erübrigen können. Aber du, Hann, du armer Junge, wie wirst du hier alles zusammenhalten können? Und noch dazu bei diesen Vorwürfen von Siebenbrod, wenn das Haus erst verkauft wird und das Vieh? Er ist ja auch tief zu bedauern, der arme Mann. Aber dann — was wird dann?«

»Oh,« sagte Hann und suchte in seinem Geiste nach etwas, was den schwer Bedrängten trösten könnte, wobei er schief in seine Laterne hinunterblinzelte: »Sieh, Paul, eins von den drei Booten bleibt uns ja, und wenn Siebenbrod auch nicht mehr mithalten will, mit dem Boot werd' ich schon wieder von vorn anfangen. Es wird schon gehen. Und dann, ich weiß hier eine Stube und eine Küche, wo auch ein Fenster auf die See zugeht, damit Mudding dran sitzen kann. Die mieten wir uns. Weißt du, bei Klaus Muchow, bei dem Taubstummen, du kennst ihn ja. Und da richten wir uns ein, so gut es eben gehn will.«

Es klang soviel Gutherzigkeit aus den einfachen Worten, daß Paul sein Gefühl nicht länger unterdrücken konnte, sondern mit einer krampfhaften Bewegung die Wange des plumpen Burschen zu streicheln begann.

»Aber hast du auch bedacht, lieber Bruder,« stammelte er, »daß du mit diesem Vorsatz dein ganzes Leben unserer Familie zum Opfer bringst? Hast du das auch bedacht?«

»Ja, wenn es aber nun nich anders einzurichten geht?«

»Lieber Junge —« und er legte ihm schwer die Hand auf die Schulter, »aber deine Braut? — Denkst du auch daran? — Klara Toll? Was wirst du der sagen?«

Hier senkte Hann tiefer und tiefer sein Haupt und ließ die Laterne schaukeln, als wenn der Wind sie triebe. »Ja,« kam es endlich schwer aus ihm heraus, »das arme Mädchen — hätt' ihr auch was Besseres gewünscht. Aber,« seufzte er hinterher, »sie verliert woll nich viel an mir.«

Als sie so sprachen, fuhr durch die Tür ein Windzug, der heulte durch das Haus und ließ die Bodenklappen zittern und löschte Hanns Laterne aus.

»Line,« rief der unwillkürlich, denn ihm fiel ein, daß die Unglückliche noch immer unterwegs sein könnte, und während er seine Leuchte mit tappender Hand von neuem entzündete, warf er hastig die Frage hin: »Und Lining? — Was wird aus der?«

Der Pastor murmelte etwas. Dann schlug er den Mantelkragen in die Höhe, und nachdem er auf die Straße hinausgetreten war, hörte Hann, der an seiner Seite geblieben war, wie der Geistliche in Aufregung hervorstieß: »Wenn ich sie doch nicht von mir gelassen hätte. Wenn ich sie doch gehalten hätte, wie es meine Pflicht war. Aber sobald wir sie wieder haben, und es kann mit Ehren geschehen, dann nehme ich sie mit mir — — bei mir — — —«

Das übrige verwehte der Wind.

Dann gingen sie weiter, sie zu suchen.

* * *

Durch die sternenlose Nacht heulte ununterbrochen der Wind. Der Fluß wälzte rastlos schwarze Wellen zur Mündung, rascher, immer rascher; aber draußen, dem großen Wasser, dem nimmersatten, konnte es nicht genug werden, und es erhob sich wie ein Geizhals, wie ein Gläubiger, der eintreiben will, und schrie: »Mehr — mehr!«

Hei, wie zauste und wühlte jetzt der Wind in den Binsengebüschen, wie trieb er den Fluß stoßend gegen sie an, und wie murmelte und gurgelte es dann zwischen den Gräsern.

Nun wurde wieder ein Stück festen Landes mürbe, nun bullerten kleine Blasen in die Höhe, und der Fuß, der dort stand, sank ins Feuchte.

Und dort stand wirklich jemand, ein junges Weib, dem die Haare um das Haupt wehten, dem die Röcke vor dem brausenden Sturm um den Leib wirbelten, es stand und hielt sich an den hochgewachsenen Stauden fest und lugte bald zu den kleinen Lichtern hinüber, die aus den Moorluker Häuschen herausdämmerten, bald kehrte es sich zu dem Kreuzweg zurück, wo die Fänge der alten Windmühle in rasender Eile im Kreise schwirrten.

Es sah aus, als ob dort über dem Kreuzweg eine dicke, zerzauste Fledermaus in der Nacht hocke, die mit den Flügeln schlug, und wenn sie von Zeit zu Zeit ihr: »Rah-rah« schrie, dann ging ein halb wildes, halb irres Lächeln über das Gesicht des Weibes, und es wand sich hin und her, als wüßte es keinen Entschluß zu fassen.

Ja, dort drüben hinter dem struppigen Garten, da schimmerte Licht aus dem Lotsenhäuschen. Da saß gewiß noch Mudding und strickte an dem ewigen Strumpf. Sie saß sicher ganz allein; denn Siebenbrod war wohl trotz des Sturmes auf See gefahren, und Hann hatte sie ja soeben mit einer Laterne den Landweg entlang wandern sehen. Oh, wie gespenstisch hatte es sich gemacht, als der rote Lichtstrahl langsam zwischen den Binsen durchgekrochen kam, um dann zuckend über das Wasser zu spiegeln. Aber als das Mädchen der oben vorübertappenden Gestalt mit den Blicken gefolgt war, da hatte die Einsame trotz aller Verlassenheit ein kurzes, hämisches Gelächter ausstoßen müssen.

Freilich, leise — leise, damit der oben es ja nicht höre, denn sie wollte sich nicht aufstöbern lassen.

Ha, ha, wie plump der Bauer doch dort oben dahintappte, die Laterne in dem steifen Arm weit vorgereckt, damit er den Weg nicht fehle. Und — da — jetzt stolpert er. — Sie lachte boshaft.

Und dort drüben in das verräucherte Häuschen wollte sie wirklich wieder einkehren, wollte alles beichten und sich dann anstarren lassen von den vorwurfsvollen, dummen Augen dieses Hann? Und dann die anderen Dörfler? Oll Kusemann, wie der wohl ihre Schande erzählen würde von Tür zu Tür? — Und die rohen Scherze von Siebenbrod —?

»Rah-rah,« schrie die Fledermaus dazwischen.

»Nein.«

Das junge Weib schlug mit der Hand auf die Binsen und zog die Röcke enger um sich zusammen. Jetzt stand es bei ihr fest. Zu diesen dummen, beschränkten Tröpfen ließ sie sich nicht herab. Zu Fräulein Dewitz auch nicht. Alles kleinliche, spießbürgerliche Menschen. Und dann — und dann — sie bog die Binsen auseinander und lugte wieder forschend über die vorüberwallende Flut —, sie wollte überhaupt nichts abbitten, nichts beichten. Was sie getan hatte, was ging es die anderen an? — Namentlich jetzt, wo sie es zu Ende bringen wollte? — Ihr schien, sie hätte nichts zu bereuen, und sie wollte auch nicht bereuen. Nein, nein, immer trotziger leuchtete es durch ihren Sinn, daß es doch eine wilde, freudige Stunde gewesen, damals, als in dem engen Stübchen die Schuld über sie gekommen war, und im Grunde ihres Herzens konnte sie auch dem Fernen, den die anderen Verbrecher nannten, nicht zürnen; sie hatte ja alles so gewollt — und jetzt, jetzt sollten die anderen, die Dummen, sie in Frieden lassen, sie war einmal so gewesen und wollte jetzt Ruhe haben, Ruhe und Stille. Sie machte einen raschen Schritt vorwärts, der moorige Boden gab nach, eiskalt schoß es an ihr vorüber.

Noch einen Schritt; sie taumelte, über die Knie bereits stieg diese furchtbare, bezwingende Lähmung.

»Rah — rah,« schrie die Fledermaus auf dem Kreuzweg und schlug wie toll mit den Flügeln durch die Nacht.

Aber warum klammerte sich Line in Todesangst an die schwanken Binsen, warum griff sie immer nach neuen hinter sich, sobald sie einen Büschel abgerissen hatte, warum arbeitete sie sich zurück und lief, wie gehetzt, fast bis unter die Windmühle zurück?

Dort stand sie mit rasend klopfendem Herzen still. So war sie am Vormittag schon einmal geflohen, aber jetzt, warum jetzt wieder? In einen verzweifelten Schrei brach sie aus und preßte die Hände gegen die Schläfen. Noch suchte sie sich in ihrer Umnachtung zu überreden, es wäre nur der Ort, der ihrem Vorhaben nicht günstig wirke. Ja, ja, weiter oben, wo das Ufer schroffer, wo die Steinmauern sich dehnten — — —

Wieder trieb sie es, nach der bezeichneten Stelle zu rennen, aber ihre Füße wurzelten gegen ihren Willen fest, und während sie wie ein furchtgeschüttelter, schwacher Mensch aufheulte, klammerte sie sich halb besinnungslos an die Unterbalken der Mühle an, als wollte sie sich selbst verhindern, noch einen einzigen Schritt weiter nach der Mündung hin zu richten.

Nein, sie wollte nicht, sie wollte nicht, sie war noch so jung, es mußte noch einen Weg geben, sie war ja stark und trotzig, und sie hatte das Leben so lieb, so lieb — — —

»Ich will nicht,« stammelte sie in ohnmächtiger Auflehnung, »ich will nicht.«

Über den Landweg irrlichterierte schwankend hin und her — ein großer, leuchtender Funke. Manchmal verglimmte er, dann sprang er wieder empor, wackelte langsam näher und begann eine Lichtbahn vor sich her zu werfen.

Die traf auf das Fachwerk der Windmühlenflügel, dann kletterten die Strahlen über die Unterbalken, und nun huschten sie über das Haupt und die zerzausten Haare des jungen Weibes.

Als sie das Licht merkte, richtete sie sich gierig auf, auch der Leuchtkäfer hielt inne, in beträchtlicher Entfernung, wie erschreckt.

Illustration from Hann Klüth: Roman

In der unwegsamen Nacht, bei dem heulenden Winde, der Stoß auf Stoß gegen die Mühle fegte, starrten die beiden Menschen zueinander herüber, beide das Licht segnend, das tröstliche, göttliche, ohne das sie sich nicht gefunden hätten. Aber es war nur der erste Augenblick, der in dem gejagten, jungen Geschöpf friedlichere Gefühle wecken konnte, dann stemmte sie sich mit beiden Armen über den Balken, auf dem sie lehnte, und ohne auf ihre triefenden Röcke zu achten, rief sie zu ihrem Retter hinüber, in einem Ton, der deutlich erkennen ließ, daß sie jedes Einmischen in ihr Leben mit Feindseligkeit zurückweisen würde: »Hann, was willst du hier?«

»Lining, bist du's?«

»Du siehst ja.«

Ein Atemzug der Erleichterung kam von Hann.

Der Leuchtkäfer kroch wieder einen Schritt näher, seine Strahlen trafen die Füße des jungen Weibes und ihre Röcke, von denen das Wasser herableckte.

Hann zuckte zusammen, als ob ihm etwas wehe täte, und seinem natürlichen Sinn leuchtete sofort ein, was er hier etwa verhindert haben könnte.

Schwerfällig hob er die Laterne und gedachte auch das Gesicht der früheren Hausgenossin, die er bewußt oder unbewußt so lange entbehrt hatte, zu erhellen, da rief sie wieder, nur schärfer, erbitterter und ganz in dem Gefühl, daß sie sich gegen das Mitleid dieses Bauern zu wehren hätte: »Hann, wie kommst du um diese Zeit auf die Landstraße? — Was machst du hier?«

»Ich? — O Lining — —«

Und der Fischer, der nie log, empfand sofort, daß er ihr jetzt um keinen Preis gestehen dürfe, wie sehr er nach ihr gespäht habe.

»Oh — Lining,« brachte er hervor, indem er trotz alledem die Wahrheit sagte, »ich hatt' hier was verloren.«

»Du?« Sie bog sich weiter über ihren Balken vor, der sich wie zum Schutz zwischen ihnen reckte, und schüttelte wild das Haupt.

»Das war wohl was sehr Kostbares?« höhnte sie rauh. Oh, und dabei tat es ihr heimlich doch wohl, mit einem Wesen von Fleisch und Bein reden zu können, wenn es auch nur Hann war.

»War es etwas sehr Kostbares?« rief sie nochmals und stampfte mit dem Fuß, denn es quälte sie, daß man drüben in dem Häuschen ihre Schande wahrscheinlich schon kannte, und daß dieser Tölpel sie mit einer Laterne gesucht haben sollte.

»Was Kostbares?« fragte Hann schwerfällig dagegen und starrte wieder durch die Nacht auf ihren wasserschweren Rock, von dem die Feuchtigkeit unaufhaltsam herabrieselte. »Lining, es will keiner gern was verlieren. — Aber du — —« in seiner Einfalt beschloß er, sie von ihrem Verdacht abzubringen, und das stellte er so an: »Aber es is gut, daß ich dich grad hier treff', denn du wolltest doch gewiß zu uns rüber.«

Die ehrliche Haut vergaß, daß es eben vom Moorluker Kirchturm elf geschlagen hatte, und daß man in dieser Sturmnacht nicht die Hand vor Augen sehen konnte.

Notes in this chapter

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