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Geschichten

Zweiter Teil

Edgar Mesching translation

Erstes Kapitel

O ihr birkenumrandeten Strassen, herbstlich klaren Fernen, neuen Gesichter, Begegnungen, spät abends die Ankunft, die Weiterreise am hellen Morgen, des Schwagers lustiges Horn, Dörfer, buschige bunte Haine, Klöster und den ganzen Tag und den Abend und die Nacht die sehen und hören, die mir das Teuerste war — welch ein Glück hätte das sein können, welch eine Freude, wenn ich nicht als ihr Diener mitgereist wäre, der die Pferde besorgte, in der Küche sein Abendbrot ass, im Stalle schlief, und nicht wagen durfte seine Louise zu küssen, zärtlich mit ihr zu plaudern. Ausserdem klagte sie während der ganzen Reise über Kopfschmerz. In Paris erwartete uns am Stadttor ein alter Mann mit Pferden und einer Karosse; er war augenscheinlich schon vorher benachrichtigt worden, denn er fragte uns, ob er die Ehre habe, Madame de Tombel gegenüberzustehen und stellte sich als Abgesandter des Grafen vor. Er führte uns in ein kleines Hotel, das in einem dichten Garten gelegen war. Mir wurde in der Mansarde ein Zimmer angewiesen, aus dem eine geheime Treppe gerade ins Schlafzimmer von Madame führte.

„Dieser Bauernjunge ist ganz dumm, ausserdem werde ich die Tür verschliessen und den Schlüssel an mich nehmen,“ warf Louise, den fragenden Blick des alten Dieners beantwortend, hin. „Aimé war unterwegs unersetzlich,“ fügte sie hinzu, während sie die Kerzen vor dem hohen Spiegel anzündete und uns ein Zeichen machte, hinauszugehen.

Wir fanden oft genug Gelegenheit mit Louise allein zu sein, aber ich war sehr erstaunt, als am Ende des Monats der Alte mir Geld gab, wobei er brummte:

„Der Graf sollte diesem Nichtsnutz, der den lieben langen Tag keinen Finger rührt, nicht noch Lohn zahlen.“

Ich schwieg und nahm das Geld, aber bei der ersten Gelegenheit bat ich Madame de Tombel mir dies alles zu erklären. Sie wurde etwas verlegen, sagte aber:

„Wir haben doch selbst abgemacht, dass es für dich, mein Aimé, praktischer ist, vor den Leuten als mein Diener zu gelten. Das hindert uns doch nicht, uns zu treffen, nicht wahr? Geld aber schadet niemals. Was das Brummen des Haushofmeisters anbetrifft, lohnt es sich darauf zu achten? Immerhin solltest du, um die Aufmerksamkeit abzulenken, dich mit irgend etwas beschäftigen.“

Zu fragen, wie der Graf dazu käme, mir Lohn zu zahlen, kam mir nicht in den Sinn, und bald wurde ich fast zu einem wirklichen Lakai, der sich mit den Dienern der Nachbarhäuser zankte, mit ihnen Karten spielte und in die Kneipen lief, gegen den Haushofmeister grob wurde, ohne dass mich das alles sonderlich bedrückt hätte.

Zweites Kapitel

Die wenig zahlreichen Gäste von Madame de Tombel bestanden aus älteren vornehmen Herren, die zu dieser jungen Schönen kamen, um mit ihr zu Mittag zu speisen, am Kamin zu plaudern oder eine Partie Karten zu spielen. Sie brachen immer zeitig auf. Madame de Tombel selbst fuhr selten, nur um Einkäufe zu machen, am Tage aus. Sehr selten, drei-, viermal im Monat, besuchte sie die Oper. Häufiger als die übrigen war nur der Graf de Chèvreville bei uns. Er war der einzige, der allein kam. Seine Besuche machte er zu verschiedenen Tageszeiten und er durfte auch das Schlafzimmer von Madame betreten. Ich bemerkte, dass Louise nach seinen Besuchen besonders zärtlich zu mir war, aber ich teilte diese Beobachtung aus Furcht vor ihrem Spott nicht mit ihr, wünschte nur im geheimen, dass die gräflichen Besuche häufiger wären. Einmal wurde ich mit Briefen zum Grafen und dem Herzog de Saucier gesandt, bei dem ich noch niemals gewesen war. Louise lud die beiden, glaube ich, zum Mittagessen ein. Ein alter Diener nahm meinen Brief und liess mich im grossen halbdunkeln Vorzimmer auf Antwort warten. Ich setzte mich auf eine hölzerne Truhe. Neben mir sass, in Gedanken versunken, ein blasser junger Mann in einem abgetragenen langen Rock. Er war blond und hatte eine lange Nase. Nachdem er eine Zeitlang so dagesessen hatte, wandte er sein Gesicht zu mir, als bemerke er mich erst jetzt. Dabei fielen mir seine tiefroten Lippen und seine scharfen und zerstreuten, durchdringenden und dabei doch nicht sehenden Augen auf. Er schien mir betrunken oder nicht ganz bei Sinnen zu sein.

Nach dem er mich flüchtig und doch aufmerksam betrachtet hatte, fragte er:

„Sie müssen wahrscheinlich bei diesem Regenwetter noch Briefe austragen?“

„Ja, es ist so, ich muss zum Grafen de Chèvreville.“

„So? . . . nun, wie stehen Sie sich denn mit Ihrem Herrn?“

„Wie soll ich mich mit ihm stehen? Und weshalb nennen Sie den Grafen meinen Herrn?“

„Natürlich macht Ihre Diskretion Ihnen Ehre, mein Lieber, aber unter guten Bekannten sollte es keine Geheimnisse geben und wir wissen doch ausgezeichnet, dass die bezaubernde Madame de Tombel sich, sozusagen, des Schutzes dieses guten Grafen erfreut . . .“

Der Lakai kam mit der Antwort zurück und unterbrach unser Gespräch. Zu Hause erfuhr ich von den Dienern, dass der junge Mann, der sich mit mir unterhalten hatte, ein Sohn des Herzogs, François de Saucier gewesen, den sein Vater für irgendwelche dummen Streiche und aus schmutzigem Geize mit dem Gesinde zusammen hielt. Durch meine Entdeckung erregt, konnte ich drei Nächte nicht Schlaf finden. Ich beschloss, ohne mich zu verraten, alles selbst zu erfahren.

Drittes Kapitel

Am Morgen suchte ich mit dem ganzen Hause den Schlüssel, den ich in meine eigene Tasche gesteckt hatte. Da am nächsten Tage der Schlosser gerufen werden sollte, so musste ich meinen Entschluss noch am selben Abend ausführen, was mir durch den Besuch des Grafen de Chèvreville erleichtert wurde. Als er sich, wie gewöhnlich, mit Madame de Tombel in ihr Schlafzimmer zurückgezogen hatte, wartete ich eine halbe Stunde und stieg die Treppe aus meinem Zimmer vor die bekannte Geheimtür hinunter. Neugierig sah ich durchs Schlüsselloch. Obgleich mein Herz zu springen drohte und es in meinen Ohren sauste, als ich Louise mit dem Grafen in zärtlicher Umarmung auf dem Sofa erblickte, obgleich ich ganz von Entrüstung und Bitterkeit erfüllt war, die durch die Hässlichkeit und das Alter des Grafen noch verschärft wurden, folgte ich dennoch schweigend den Bewegungen der beiden, und erst, als mir der Augenblick günstig schien, drehte ich den ins Schlüsselloch gesteckten und für verloren gehaltenen Schlüssel um.

„Treulose!“ rief ich, ins Zimmer tretend. Louise hatte sich so schnell von der Seite des Grafen entfernt und ihre Kleider in Ordnung gebracht, dass nur die Gründlichkeit meiner Beobachtungen mir nicht gestattete mich als Opfer eines Irrtums zu betrachten.

„Weder Schwüre, noch Versprechungen, noch Liebe!“ . . . begann ich.

„Nicht übel,“ unterbrach mich Louise, die bereits ihre Haltung wiedergewonnen hatte. „Das ist, glaub ich, aus Rotrou? Sie verwenden Ihre Mussestunden mit Nutzen, indem Sie Tiraden aus Tragödien auswendig lernen, jetzt sollen Sie noch mehr freie Zeit dazu haben, da Sie schon morgen mein Hôtel verlassen werden.“

„Sie sind in der Tat viel zu nachsichtig gegen alle diese Leute, teure Madame de Tombel,“ sagte der alte Graf.

„Ja, und Sie sehen, wie ich bestraft werde!“ antwortete Louise lebhaft. „Aber es ist das letztemal. Weshalb aber sind Sie hier?“

Jetzt wandte ich mich an de Chèvreville. Ich erzählte ihm von meinen Beziehungen zu Louise in der Absicht ihn durch Eifersucht von diesem Weihe abzustossen. Sie hörte stumm mit einem boshaften Lächeln zu. Und ihre Augenbraue, über der ein Schönheitspflästerchen in Gestalt eines Schmetterlings angeklebt war, zuckte.

„Sie täuschen sich, mein Lieber, wenn Sie glauben, dass ich für Ihre Geschichten ein besonderes Interesse habe,“ bemerkte der Graf.

„Kein Wort davon ist wahr,“ flüsterte Louise.

„Als ob ich das nicht wüsste,“ meinte der Graf, ihre Hand drückend.

Verzweifelt fiel ich mitten im Zimmer auf die Knie.

„Louise, Louise, und mein Schlaf, als ich Sie erwartete? Und das wundervolle Erwachen? Und die alte Marguerite? Und die Reise nach Paris? Und das Muttermal auf dem linken Bein?“

Der Graf lächelte. Madame de Tombel hatte sich erhoben und sagte.

„Sie tun mir leid, Aimé, aber wirklich, Sie sind nicht bei Troste.“

„Beruhigen Sie sich, teure Madame de Tombel,“ sagte der alte Graf und küsste ihre Hand.

„Kanaille!“ stiess ich, aufspringend, hervor, „heute noch verlasse ich dein widerliches Haus!“

„Um so besser. Apropos, vergessen Sie nur nicht den gestohlenen Schlüssel abzugeben,“ warf Louise hin.

Viertes Kapitel

Ich weiss nicht, wie ich auf die Brücke gelangte; es war augenscheinlich schon spät, denn die Lichter in den Buden am Kai waren verlöscht und niemand kam vorüber. Müde vom Umherirren durch unbekannte Strassen, von Liebe, Eifersucht und Wut zerrissen, ohne mir sagen zu können wohin ich meine Schritte lenken solle, lehnte ich mich ans Brückengeländer und begann in den schwarzen Fluss hinunterzustarren, auf dessen vom Winde gekräuseltem Wasser der Widerschein einiger weniger Sterne zitterte. Der Gedanke an Selbstmord lockte und schreckte mich zugleich. Die Hauptsache war, dass man dann nicht an die Zukunft zu denken brauchte. Aber das Wasser ist so dunkel, wahrscheinlich sehr kalt; beim Ertrinken steht so viel unwillkürlicher Kampf mit dem Tode bevor, es ist dann schon besser sich zu erhängen, das kann man auch am Tage tun, wenn alles viel heiterer ist. Unter solchen Gedanken hatte ich nicht bemerkt, dass ein Häuflein Menschen mit einer Laterne die Brücke betreten hatte; alle waren der Kälte wegen in ihre Mäntel eingewickelt, den Stimmen nach konnte man annehmen, dass die Gesellschaft aus zwei Frauen und vier Männern bestand. Als die Leute an mich herangekommen waren, leuchtete der Laternenträger mir ins Gesicht und sagte mit grober Stimme:

„Was ist das für ein Kerl? Ein Selbstmordkandidat?“

„Ha! ein bekanntes Gesicht,“ kam es aus der Gruppe, „ist das nicht gar das Küken von Madame de Tombel, der bezaubernden Louise?“

„Ein Aas — diese Dame,“ sagte eine heisere Frauenstimme.

„Aber was macht dieser kleine Adonis hier? Warum steckt er nicht im Bette seiner Herrin, sondern steht auf der Seinebrücke herum?“ fragte ein Mann von niederem Wuchse mit seiner Fistelstimme.

„In der Tat, wohin gehen Sie allein, ohne Mantel, zu dieser Stunde? Das ist durchaus nicht so ungefährlich!“ meinte, mich beiseite nehmend, François de Saucier (ich erkannte ihn jetzt an Augen und Nase). Ich erzählte ihm kurz, aber ziemlich verwirrt, meine Geschichte. Er lächelte und sagte ernst:

„Wunderschön, aber ich sehe bloss, dass Sie sehr naiv sind, und dass Sie kein Obdach haben. Diese Nacht verbringen Sie am besten mit uns. Wir überlegen dann was weiter zu tun sein wird. Über Nacht kommt Rat, nicht wahr?“ Dann schloss er sich wieder der Gesellschaft an und erklärte laut:

„Freunde, Mademoiselle Colette, für heute vergrössert sich unsere Gesellschaft um diesen reizenden Jüngling, er heisst Aimé, wer hat etwas dagegen? Als Herrin des Hauses hast du das erste Wort, Colette.“

„Er ist der Siebente und läuft Gefahr ohne Anschluss zu bleiben,“ sagte ein hochgewachsenes Frauenzimmer, das Colette angeredet wurde.

„Oder noch schlimmer, er raubt jemand von uns seinen Anschluss.“

„Zum Teufel, so rührt euch doch, auf der Brücke bläst ein Höllenwind und das Licht in der Laterne geht zu Ende! Zu Hause werden wir uns schon verteilen,“ rief der Laternenträger.

Fünftes Kapitel

„Colette, Colette, So kommt es, ich wett’: Keinen Gruss mehr, Keinen Kuss mehr, Vergessen die Eide. In dürftigem Kleide Naht das Alter auf Krücken, Um dich niederzudrücken Ins letzte schmale Bett, Colette, Colette!“

So sang ein Mann in langem rotem Gilet, ein Bein über das andere geschlagen, die Gitarre aufs Knie gestützt, den Kopf mit dem roten dicken Gesicht zurückgeworfen. Colette spielte mit dem Marquis Karten, wobei sie den Sänger wütend von der Seite ansah. Die kleine Ninon tanzte, ganz bei der Sache, ein Menuett ohne Kavalier, der Schauspieler deklamierte mit seinem hohen Tenor:

„O Herrscher, wenn deine Wünsche sich Mit des Volkes Vorteil deckten, Wenn auch der letzte Bauer noch Vermöchte Schutz beim Thron zu finden!“

Mir gegenüber sass, sich zu de Saucier haltend, ein junger Mann, den alle „Durchlaucht“ anredeten. Er trug einen bescheidenen Anzug, hatte aber äusserst kostbare Ringe von seltener Schönheit an den Fingern. Seine Augen hatten etwas, was sie den Augen des Marquis eigenartig ähnlich machten. Später begriff ich, dass es die Verbindung von Aufmerksamkeit und Zerstreutheit, von Schärfe und Blindheit war, was sie gemeinsam hatten. Der Hund unter dem Tische kratzte sich, mit der Pfote klopfend, die Flöhe aus dem Fell; wenn Colette ihm einen Fusstritt gab, heulte er auf.

„Das ist unter Freunden unehrenhaft: Du hast eine Volte geschlagen.“

„Liebe Colette, Sie haben sich versehen!“

„Was? Glaubst du vielleicht, dass ich blind bin?“

„Nein, es scheint, dass Mademoiselle unrecht hat,“ bemerkte leise der Mann mit den Ringen.

„Es ist kein Wunder, dass Sie für François Partei ergreifen.“

„Um dich niederzudrücken Ins letzte schmale Bett, Colette, Colette . . .“

„Mich macht dieses Gesinge wild! Jacques, hör’ auf!“

„Wie werde ich dann mein Menuett tanzen?“

„Und himmelwärts erhöbe sich das Stimmenmeer Von dir, befreiter, freier Bürger . . .“

Colette trank mit einem Zuge ihren Wein aus. Mir war es, als träumte ich. Der Streit wurde immer hitziger. François beugte sich zu Colette und sagte:

„Nun, küssen Sie mich, meine liebe Colette, mein Engel, meine Seele.“

„Würde mir grad noch fehlen jeden Schmutzfinken, jeden Herumtreiber zu küssen! Was, weiss ich etwa nicht woher du dein Geld hast? Vom herzoglichen Papa natürlich? Was genierst du dich? Wir sind hier unter uns und ich speie dir ins Gesicht, wenn du noch zu mir kriechst. Du weisst selbst, was du weisst!“

„Ihre Worte beleidigen auch mich, Madame,“ sagte, sich erhebend, der junge Mann mit den eigenartigen Augen.

„Ach, fühle sich beleidigt, wer mag. Ihr seid mir alle bis zum Halse! Und was schleppt ihr euch hierher, wenn ihr uns nicht braucht?“

„Wer beleidigt? Wer wagt Frauen zu beleidigen?“ brüllte der im roten Gilet und warf seine Gitarre fort.

„So kommt es, ich wett’, Colette, Colette . . .“

sang die kleine Ninon, ihr Menuett tanzend, weiter.

François hatte seinen Degen gezogen und drang auf den parierenden Schauspieler ein. Colette kreischte:

„Geoffroi! Geoffroi! . . . .“

Der Hund hellte.

„Ich bin verwundet,“ rief der Schauspieler und sank auf einen Stuhl.

„Gehen wir!“ rief François’ Freund mir zu und zog ihn, der auch etwas schrie, am Rockärmel mit auf die Strasse hinaus. Draussen war es schon fast hell.

Sechstes Kapitel

Der Dienst beim Herzog de Saucier war natürlich schwerer, als das Leben bei Madame de Tombel. Für die Besorgung des ganzen, wenn auch zur Hälfte vernagelten, aber immerhin grossen Hauses gab es ausser mir nur noch den verschlafenen, gefrässigen, faulen Maturin, der geradewegs vom Dorfe kam, und obgleich der alte Herzog nicht besonders auf Sauberkeit erpicht war, und der junge Hausherr uns half, gab es übergenug zu tun. Zu essen gab’s knapp, die Kleider, die wir bekamen, waren alt und von anderen Leuten abgetragen. Wir schliefen von elf Uhr abends bis Sonnenaufgang. Ich war jung, mir fiel das nicht besonders schwer, um so weniger, als auch der Marquis, mit dem ich mich, trotzdem sein Vater knurrte, immer mehr befreundete, unser Leben in jeder Hinsicht teilte. Und wir gingen oft zusammen aus, um uns in ihm bekannten Spelunken herumzutreiben, wo wir spielend und zechend so lange zu sitzen pflegten, bis es Zeit war, nach Hause zu gehen, um die Zimmer aufzuräumen. Er war mit mir aufrichtig, besonders, wenn er betrunken war, aber ich verstand nicht alles von seinen Bekenntnissen, obgleich sie mich mit Furcht und Neugier erfüllten. Aber François ausführlich ausfragen, um mir Klarheit zu verschaffen, wollte ich nicht aus Feigheit und Angst, ich könnte aufhören ihn zu lieben. Wir waren wiederholt auch bei Mademoiselle Colette, die François des Streites wegen nicht mehr grollte, und an anderen Orten, fast immer in Begleitung des jungen Mannes, dessen Namen ich nicht kannte, und den alle „Durchlaucht“ anredeten. Ich wusste, dass François häufig von ihm Geld nahm, und einmal, als wir die Treppen zu Ninon hinaufstiegen, hörte ich diese zu Colette sagen:

„Dieser dumme Geliebte des kleinen Marquis ist heute gründlich hereingefallen!“ . . . .

Mir schien, dass sie François und dessen Freund meinte. Ich sagte ihm nichts wieder, aber diese Worte gruben sich tief in mein Gedächtnis. Einmal — wir hatten den Fürsten lange nicht gesehen — kam François spät nach Hause, er war wütend, betrunken, verstimmt.

„Was ist Ihnen, François?“ fragte ich, ohne von meinem Rock aufzusehen, den ich bei einer Kerze flickte.

Ohne zu antworten, seufzte François noch tiefer auf und legte sich, mit dem Gesicht zur Wand, aufs Bett.

Mir schien es, dass er weine.

„Was ist mit Ihnen, François? Sagen Sie es mir. Sie wissen es doch, dass ausser dem Fürsten, niemand Sie so liebt, wie ich. Nun, sprechen wir von Ihrem Freunde, wollen Sie?“ fügte ich hinzu, als François keine Antwort gab.

François wandte mir sein Gesicht mit den verweinten Augen zu:

„Wenn Sie verstehen würden, Aimé! . . . Aber Sie sind ja ein unwissender Knabe, wenn Sie mich vielleicht auch liebhaben.“

„Nun, sprechen wir dann von Ihrem Freunde.“

„Warum quälen Sie mich? Wir werden ihn niemals mehr wiedersehen, er ist nicht mehr.“

„Ist er ermordet, gestorben?“ rief ich aus.

„Nein, er lebt — er hat vorgestern geheiratet,“ sagte François, der, ohne sich zu bewegen, die Oberlage anstarrte.

Ich schwieg, obgleich ich nicht begriff, weshalb die Heirat des Fürsten ihn uns raube.

Aus den Augen François’, die offen und gerade vor sich hinstarrten, flossen Tränen, ohne dass sich sein Gesicht verzog, das fast zu lächeln schien. Nachdem ich das Licht geputzt hatte, setzte ich mich wieder aufs Bett.

„Sie sind darüber sehr traurig?“

François nickte schweigend mit dem Kopfe.

„Alles geht vorüber, alles vergisst man, man findet Neues; ich hatte Louise und habe sie verloren, ich weine nicht, und doch fesselt die Liebe fester aneinander, als die Freundschaft.“

„Du verstehst nichts,“ presste der Marquis hervor, und kehrte sich wieder zur Wand.

Die Uhr schlug zwölf. Ich musste irgend etwas tun. Ich fasste die Hand de Sauciers, der noch immer zur Wand gekehrt dalag, und begann sie zu küssen, während mir selbst die Tränen aus den Augen flossen.

„Lösch die Kerze aus, der Alte wird schimpfen. Und ich tu dir wirklich leid?“ flüsterte François und umarmte mich in der Dunkelheit.

Siebentes Kapitel

François war verstimmt, er hatte aufgehört zu trinken, wurde noch frömmer, als er es schon immer gewesen, lag oft im Bett, und unsere freundschaftlichen Gespräche, vor denen ich die Angst verloren hatte, während die Neugier immer lebhafter wurde, schienen ihn nur wenig zu zerstreuen. Mit zärtlicher Sorge suchte ich sein Leid zu mildern. Einmal stieg ich, um etwas zu holen, in das obere Stockwerk und fand François auf dem Treppenfenster sitzen. Die Kleiderbürste lag neben ihm, er war in Gedanken versunken und schien die Landschaft nicht zu sehen, auf die seine Augen gerichtet waren. Aus dem Fenster konnte man die roten Dächer der niedrigeren Gebäude überschauen, ein Stückchen der Seine schimmerte in der Ferne, über ihr blaues Wasser schossen Boote mit vom starken Winde geschwellten Segeln vorüber, am anderen grünen Ufer stand eine Reihe grauer Häuser, Vogelschwärme zogen unter dem wolkenlosen Himmel dahin. Ich rief François an.

„Bist du müde?“ fragte ich, in sein blasses Gesicht blickend.

„Ja, ich kann nicht mehr länger so leben! . . . Und ich wollte dir das schon längst sagen, Aimé, der du jetzt mein einziger Freund und Genosse bist: weisst du woran ich die ganze Zeit denke, was mich beunruhigt und mich immer bleicher werden lässt?“

„Vielleicht bist du jetzt erregt und sagst es mir lieber hernach?“

„Nein, es ist einerlei, ich habe beinahe schon meinen Entschluss gefasst. Siehst du,“ der Marquis machte eine Pause und fuhr schneller und im Flüsterton fort. „Ich bin der einzige und legitime Sohn des Herzogs — er ist reich, aber du siehst wie er mich behandelt, schlechter, als einen Lakai. Später wird das Geld, sowieso, mir gehören, wenn ich es vielleicht nicht brauchen werde. Das Leben meines Vaters wird sich in nichts ändern, wenn er nicht mehr dieses mir bestimmte Geld bewachen wird. Und so habe ich denn beschlossen es selbst schon jetzt zu nehmen.“

„Du willst deinen Vater bestehlen?“ rief ich aus.

„Wenn du willst — ja!“ und er begann wieder darüber zu reden und bat mich, ihm behilflich zu sein.

„Dann werden wir fliehen müssen?“

„Wir müssen fliehen; wie ich dir dankbar bin für dieses ‚wir‘!“ sagte er lebhaft und wurde rot.

Erregt liess ich mich auf den Stufen der Treppe nieder und hörte seinen Plänen von einer Flucht nach Italien zu.

„Aber zuerst muss man zu Suzanne Bache, das kann morgen am Abend oder am Tage, nach der Messe, geschehen. Ich werde dem heiligen Christophore eine Kerze stiften, damit alles glatt ausgeht.“

„Wird es Ihnen nicht leid tun, Ihren Vater zu verlassen?“ fragte ich, aufstehend, um nach unten zu gehen.

„Leid tun? Nein, mir ist jetzt alles gleichgültig, so kann ich nicht leben; ausserdem werden Sie ja mit mir sein?“

„Gewiss!“ sagte ich und stieg die Treppe hinunter.

Achtes Kapitel

Als wir das zweite Stockwerk des kleinen Hauses betraten, sahen wir eine Frau, die, über einen Trog gebeugt, Wäsche wusch. Das Zimmer war mit warmem Dampf gefüllt, man hörte nur das Plätschern des Wassers und das Klatschen der Leinwand. Wir blieben auf der Schwelle stehen und die Frau fragte uns:

„Wen suchen Sie?“

„Madame Suzanne Bache,“ antwortete François.

„Ich glaube, sie ist zu Hause und allein — treten Sie näher,“ sagte die Frau, ohne ihre Arbeit zu unterbrechen.

„Sind Sie es, de Saucier? Treten Sie ein,“ ertönte eine Stimme aus dem Nebenzimmer. In einer kleinen Kammer, in der eine Menge Kleider herumlag, stand am Fenster auf einer Erhöhung ein Tisch und ein Stuhl; dort sass, einen Haufen von Lumpen durchsuchend, eine etwa dreissigjährige Frau mit nichtssagendem blassem Gesicht. Sie trug ein dunkles Kleid. Nachdem sie uns begrüsst hatte, fragte sie nach einigem Schweigen:

„Womit kann ich dienen, teurer Marquis?“

„Sie wissen selbst, was wir brauchen, Suzanne.“

„Ist das Ihr Freund? Weiss er?“ wies sie mit dem Kopf auf mich.

„Ja, wir brauchen beide deine Prophezeiung vor einem wichtigen, sehr wichtigen Schritt,“ sagte François und liess sich auf eine Truhe nieder, nachdem er die darauf liegenden Bündel auseinander geschoben hatte.

„Vor einem wichtigen, sehr wichtigen Schritt,“ wiederholte die Bache nachdenklich, nahm die Karten, breitete sie auf dem Tisch auseinander, mischte sie darauf, legte sie wieder auf den Tisch und begann, nachdem sie sie ungemischt zum drittenmal auseinander gelegt hatte, mit tonloser Stimme:

„Was ihr zu tun vorhabt, das tut. Es wird Geld geben. Eine Reise. Weiter gehen die Schicksale auseinander. Dir, François de Saucier, droht Krankheit und vielleicht der Tod. Dein Freund wird noch lange den gefahrvollen Weg des Reichtums weiter gehen und ich sehe nicht das Ende dieses Weges. Nimm dich vor Karossen, rothaarigen Weibern und Menschen in acht, deren Namen mit ‚G‘ beginnt. Dir droht Gefahr von Wasser, aber du wirst sie überstehen. Der Ältere geht früher in den Tod, als der Jüngere, viel, viel früher.“

Sie schwieg in Gedanken versunken, als sei sie eingeschlafen.

„Ist das alles?“ fragte de Saucier, sich erhebend, leise.

„Alles,“ antwortete Suzanne tonlos, wie vorher.

„Ich danke Ihnen, Sie haben uns einen guten Dienst geleistet,“ sagte François, legte Geld auf den Tisch vor die noch immer regungslos dasitzende Frau und trat mit mir auf die Strasse hinaus.

Neuntes Kapitel

Ich wollte unten, in François’ Zimmer, warten, um aufzupassen, ob nicht jemand komme, und nach oben laufen, wenn meine Hilfe nötig werden sollte.

Als de Saucier fortging, steckte er ein Messer in die Tasche, küsste mich und sagte:

„Genossen auf Leben und Tod?“

„Auf Leben und Tod,“ antwortete ich, vor Kälte zitternd. Seine Schritte waren verklungen; eine unter den Tisch gestellte Kerze beleuchtete nur spärlich das Zimmer, den Tisch, eine Flasche und zwei halbgeleerte Gläser mit Montrachet. Die Zeit verstrich unglaublich langsam; ich fürchtete mich, im Zimmer auf und ab zu gehen, um nicht den schlafenden Maturin zu wecken, deshalb sass ich am Tisch und betrachtete, den Kopf auf die Hand gestützt, mechanisch die Bank, das Bett des Marquis, den Sack, den wir für die Flucht vorbereitet hatten, das Gebetbuch und den Rosenkranz, den de Saucier nach der Kirche fortzuräumen vergessen hatte. Jemand kam die Treppe herunter, ich horchte auf: de Saucier trat bleich, mit einer Schatulle in der Hand, ins Zimmer. Das Messer fiel aus seiner Hosentasche. Er stellte die Schatulle auf den Tisch, füllte das Weinglas und schlürfte gierig den im Lichte der wieder hervorgeholten Kerze goldig schimmernden Wein.

„Schlief er?“ fragte ich. François nickte mit dem Kopfe.

„Alles?“ fragte ich wieder, auf die Schatulle deutend. Er nickte wieder stumm und streckte sich plötzlich mit unter dem Kopfe verschränkten Armen aufs Bett aus.

„Was ist dir? Wir müssen doch fliehen! Der Herzog kann jeden Augenblick erwachen, er kann es bemerken. Haben wir nicht ausgemacht bei Jacques zu übernachten, um morgen abzureisen?“

„Lass; ich bin müde,“ antwortete François und schlief ein. Ich steckte die Schatulle in den Sack, wartete eine Zeitlang und begann wieder François zu wecken. Ich sah das Messer am Boden liegen, hob es auf, und besah ob es nicht blutig sei, aber es war rein. Die Kerze war zu Ende gebrannt und begann knisternd zu verlöschen. François sprang plötzlich auf, drängte mich zu Eile und begann in der Dunkelheit nach dem Haustürschlüssel zu suchen. Wir sprachen flüsternd und traten geräuschlos auf. Endlich gingen wir durch den Korridor zur kleinen Haustür, die auf eine Nebenstrasse führte, auf die wir glücklich, ohne von einem der Hausbewohner bemerkt worden zu sein, hinausgelangten. Den Sack schleppte ich. Der Mond schien noch, obgleich es schon hell wurde, und ich atmete erleichtert die kalte Luft ein. So verliessen wir Paris, um unser Glück im fernen und gesegneten Italien zu suchen. Ich war damals achtzehn Jahre alt.

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