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Geschichten

Der Schatten der Phyllis

Edgar Mesching translation

I.

Als der alte Nektanebes, von einem scharfen und einsam durch die Abendkühle gellenden Schrei getroffen, die Augen von den ausgeworfenen Netzen erhob, sah er einen kleinen Nachen in der Lichtsäule der beim Untergehen sich im Wasser widerspiegelnden Sonne und einen Menschen, der vergebliche Anstrengungen machte ans Land zu schwimmen. Die Netze fahren lassen, zu jener Stelle hinüberrudern, wo der Ertrinkende zu sehen war, sich ins Wasser werfen und mit dem Geretteten auf den Armen wieder in sein Boot steigen — war das Werk weniger Minuten. Das Mädchen hatte das Bewusstsein verloren. Die natürliche Röte war von ihren Wangen gewichen und um so deutlicher sah man die Schminke in ihrem mageren länglichen Gesicht. Erst als der Alte sie behutsam auf die Bastmatten in seiner Hütte niedergelegt hatte — denn er war nichts mehr, als ein armer Fischer — schlug die Gerettete die Augen auf und seufzte, als erwachte sie aus tiefem Schlafe, wobei mit den ersten Lebenszeichen auch ihr Kummer wiederkehrte, denn reichliche Tränen entströmten unaufhaltsam ihren hellbraunen Augen und sie begann, wie in hitzigem Fieber, sich hin und her zu werfen und beklagte laut und bitter ihr Los. Aus ihren unzusammenhängenden Worten und Ausrufen erfuhr Nektanebes, dass sie eine reiche Erbin und Waise sei, die ein herzloser Jüngling verschmäht habe, und dass sie dann in einem Anfall von Verzweiflung den Versuch gemacht, ihr Leid in den Wassern des Flusses zu versenken. So erfuhr er auch, dass sie Phyllis hiess. Übrigens hätte er das auch ohne ihre Worte erraten können, denn das Haus ihrer Eltern, die jetzt schon tot waren, lag nicht weit vom Ufer des Flusses, wo Kähne zu Lustfahrten und anderem Gebrauch ihrer Besitzer angepflockt waren. Beim Sprechen weinte sie und umschlang mit ihren Armen den Hals des alten Fischers, sich an ihn schmiegend, wie ein Säugling sich an seine Amme schmiegt, er aber streichelte ihr Haar und tröstete sie, so gut er konnte.

II.

Der Morgen und ein tiefer Schlaf brachten die Beruhigung, welche die Trostworte nicht gebracht hatten. Im Köpfchen der zärtlichen Phyllis tauchten heiterere Gedanken und Pläne auf. Sie erklärte Nektanebes genau, wie er zum Hause des grausamen Pankratius gehen und die täuschende Nachricht erfinden solle, dass ihr Tod bereits eingetreten sei; dabei sollte er beobachten, um es ihr mitzuteilen, wie dessen schönes Gesicht mit dem unwandelbaren Hauche von Langeweile sich verändern werde, wenn er ihm zur Bestätigung seines Berichtes den angeblich in den Falten der Gewänder der Ertrunkenen gefundenen Zettel und den gestreiften Schleier übergeben werde. Sie klatschte in die Hände, als sie den Abschiedsbrief beendet hatte, und drängte voll Erregung und Freude den Alten zu Eile. Der Bote musste nicht wenig Strassen durchwandern, ehe er das kleine, aber wohleingerichtete Landhaus des Pankratius erreichte. Als man den alten Fischer zu ihm hineinführte, war der junge Herr des Hauses damit beschäftigt mit einem hochgewachsenen Knaben in himmelblauem leichtem Gewande Ball zu spielen. Als er hörte, dass der Brief von Phyllis komme, deren Garten sich zum Flusse hinabzieht, fragte er, ohne das Siegel zu erbrechen und seine dunklen eingelegten Locken ordnend: „Hat dich die Herrin selbst gesandt?“

„Nein, aber es war ihr Wunsch diesen Brief in deinen Händen zu sehen.“

„Es ist ohne Zweifel ihre Handschrift, lasset sehen, was dieses liebe Schreiben uns bringt.“

Ein Lächeln umspielte noch die Lippen des Jünglings, als er den letzten Brief des Mädchens zu lesen begann, aber allmählich verfinsterte sich seine Stirn, die Brauen hoben sich, die Lippen pressten sich zusammen und seine Stimme klang erregt und rauh, als er, den Brief in sein Gewand bergend, fragte: „Ist es Wahrheit was in diesem Briefe steht?“

„Ich weiss nicht, was die arme Herrin geschrieben hat, aber dieses, das habe ich mit eigenen Augen gesehen“ — und er liess jetzt den geschickt erfundenen, übrigens zur Hälfte der Wahrheit entsprechenden Bericht vom angeblichen Tode der Phyllis folgen. Der Schleier, von dem Pankratius bestimmt wusste, dass er dem Mädchen gehöre, überzeugte ihn vollends von der Wahrheit der traurigen Erfindung, und nachdem er den Fischer, reich belohnt, entlassen hatte, kehrte er zerstreut zum Ballspiel mit dem hochgewachsenen Knaben zurück, das ihn täglich zwischen Bad und Mahl zu beschäftigen pflegte.

Phyllis hatte sich hinter der niederen Tür versteckt und wartete lange auf die Rückkehr ihres Wirtes, während sie den Arbeiten in den Gemüsegärten zusah, bis die Sonne schon begann unterzugehen und die Schwalben schreiend ganz niedrig dahinschossen, dass sie mit den Flügeln fast das stille Wasser streiften. Endlich hörte sie das Geräusch der Kiesel, die unter den Füssen des bergansteigenden Alten hinunterrollten.

III.

Sieben- oder achtmal liess die verschmähte Phyllis sich die Einzelheiten der Begegnung mit Pankratius wiedererzählen. Sie wollte wissen, was er zuerst gesagt und was er darauf gesagt habe, und wie er gekleidet gewesen und wie er ausgesehen habe: ob er traurig oder gleichgültig, blass oder blühend gewesen, — und Nektanebes strengte vergeblich sein altes Gedächtnis an, um die hastigen und abgebrochenen Fragen des Mädchens zu beantworten.

Am nächsten Morgen sagte er: „Wie denkst du, Herrin? Du musst in dein Haus zurückkehren, da du doch unter den Lebenden weilst.“

„Nach Hause? Um nichts in der Welt! Dann erfahren ja alle, dass ich noch lebe; du vergissest, dass ich eine Tote bin!“

Und Phyllis lachte laut auf. Ihre lebensprühenden Augen und Wangen machten den Scherz ihrer Erfindung noch lustiger.

„Ich bleibe bei dir: am Tage, wenn du in die Stadt gehst, lege ich mich zwischen die Beete, und unter den reifen Melonen wird mich niemand gewahren, und am Abend wirst du mir erzählen, was du am Tage gesehen hast.“

Schliesslich bewog der Fischer die junge Herrin, ihrer alten Amme, die auf einem Landgute in der Nähe von Alexandria lebte, im geheimen ein Zeichen zu geben, ihr aufrichtig alles zu erzählen und dort abzuwarten, was Zeit und Schicksal bringen würden. Er selbst versprach, jeden Tag alles über Pankratius zu berichten, was mit Phyllis irgendwie in Zusammenhang stehen sollte.

„Wann soll ich denn dorthin fahren?“

„Ich setze dich selbst im Boote über.“

„Durch die ganze Stadt? Als lebendige Leiche?“

„Nein, du wirst am Boden liegen unter einem Gewebe.“

„Die Wächter werden dich für einen Dieb halten und dich verhaften.“

„Ich werde dich mit Bastmatten bedecken.“

Phyllis war Waise und konnte daher ihr Verschwinden leicht verhehlen und friedlich bei der alten Manto auf dem Landgute leben. Vom Morgen bis zum Abend konnte sie die Blumen befragen, ob der ferne Jüngling sie lieben werde. Bald zupfte sie die Blumenblätter einzeln aus den Kelchen, bald schlug sie mit den Blättern um sich, über eine ungünstige Antwort geärgert und freute sich kindlich über eine günstige. Da die Aufregungen der Liebe ihr die Esslust nicht geraubt hatten und das bescheidene Mahl des Landgutes ihrem vom Nichtstun launischen Geschmack nicht genügte, so wurde bald das Geheimnis ihres Lebens auch der Schaffnerin ihres Stadthauses bekannt, die ihr täglich mit dem alten Fischer bald süsses Ingwergebäck, bald lecker gebratenes Wild, bald Pasteten mit Hahnenkämmen, bald eine in zartem Honig abgekochte Melone sandte.

IV.

Die alten Füsse des Nektanebes konnten kaum den schnellen und jungen Schritten des Pankratius und seines Begleiters folgen. Es war schon Abend, vom Meere drang der Geruch von Salz und Tang herüber, in den Herbergen wurden grosse Laternen angezündet und man hörte Musik, Matrosen gingen, zu vieren und mehr einander unter die Arme gefasst, über die Strasse und unsere Wanderer kamen immer weiter in dunkle leer gewordene Stadtteile. Endlich betraten sie, den Vorhang aus geflochtenem Rohr zurückschlagend, ein Haus, das wie ein Lupanar oder eine Schenke für den Hafenpöbel aussah. Nektanebes folgte ihnen nicht gleich, um nicht ihre Aufmerksamkeit zu erregen, und wartete auf andere Gäste, um unbemerkt hineinzukommen. Schliesslich gewahrte er fünf Matrosen, von denen der jüngste sagte: „. . . und sie legte ihm einen Schwamm an Stelle des Herzens in den Leib; am Morgen fing er an zu trinken, der Schwamm fiel heraus und da starb er.“

Der Fischer, der mit ihnen zugleich hineingegangen war, konnte sich zuerst, durch seine Armut und sein Alter vom Besuche solcher Orte entwöhnt, nicht zurechtfinden. Lärm, Rufe, das Klirren der Lehmkannen, Gesang und das Klappern einer Handtrommel erschütterten die stickige, dicke Luft. Sängerinnen sassen, sich mit den Händen den Schweiss und die herunterfliessende Schminke aus dem Gesichte wischend, vor dem Vorhang. Auf dem Tische tanzte zwischen Weinkrügen ein nacktes, zehnjähriges Nubiermädchen, in geschickten Schlangenwindungen ihren Kopf zur Ferse herabbeugend. Ein dressierter Hund, der mit Hilfe von grob aus Holz geschnittenen Zahlen die Summe des Geldes in den Beuteln der Gäste erriet, erregte lauten Beifall. Pankratius sass, seine Caracalla noch tiefer ins Gesicht gezogen, was seine Augen fremd und glänzend machte, mit seinem Begleiter am Ausgang. Er hielt den Alten an und sagte: „Hör mal, bist du es, der mir die Nachricht vom Tode der unglücklichen Phyllis gebracht hat? Ich habe dich gesucht, ich, der Redner Pankratius, aber still . . . . Komme morgen nach dem Mittag zu mir; ich habe dir etwas zu sagen: die Verstorbene raubt mir meine Ruhe.“ Er sprach flüsternd, war blass und seine Augen sahen unter der Kapuze fremd aus und sie glänzten.

V.

Phyllis sass auf der Schwelle des Hauses und las die Papyrusrollen, die Nektanebes eben gebracht hatte, und auf denen von der Hand des Schreibers aufgezeichnet stand: „Elegie der Phyllis, der unglücklichen Tochter des Palemon“. Sie sass gebeugt da und hörte nicht, wie die Sklaven mit Zubern voll frischgemolkener Milch vorübergingen, wie der Gärtner die Blumen beschnitt, wie das Hündchen, einen hüpfenden Frosch verfolgend, bellte, und wie in der Ferne die Schnitterinnen ein wehmütiges Lied sangen. Die Zeilen zogen an ihrem Auge vorüber und die Erinnerung an ihre vergangenen Qualen legte sich wiederum, wie Nebel, auf ihre sorglosen Augen.

Eltern, liebe Eltern, Vater und Mutter mein, viel habt ihr mir hinterlassen: bunte Gewänder, weisse Pferde, gewundene Spangen, — aber lieber, als alles, hab ich den grellroten Schleier mit den singenden Phönixen.

Eltern, liebe Eltern, Vater und Mutter mein, viel habt ihr mir hinterlassen: Land und Vieh: starkfüssige Ziegen, starkstirnige Schafe, steilhörnige Kühe, Mäuler und Stiere, aber lieber, als alle, ist mir mein weisser Tauber mit dem schwarzbraunen Fleck: ich nannt’ ihn „Katamitos“.

Eltern, liebe Eltern, Vater und Mutter mein, viel habt ihr mir hinterlassen: treue Diener: Gemüse- und Blumengärtner, Weber und Spinner, Metbrauer und Bäcker, Narren und Flötenspieler, aber lieber, als alle, hab ich die Alte, meine liebe Amme.

Lieb hab ich die Amme, lieb ist der Tauber mir, lieb auch mein Schleier, aber mehr noch lieb ich den Garten.

Er zieht sich, er zieht sich zum Fluss hinab, unser Garten, flussaufwärts, flussaufwärts, da wohnt hoch am Ufer mein Freund. Ich kann ihm nicht senden, kann ihm nicht senden ein Blümlein von mir, es bringen meinen Gruss ihm, meinen Gruss ihm die Fergen hinauf.

Und weiter stand geschrieben:

Am Morgen sprach die Amme zu mir: — was willst du’s der Alten verhehlen — den ganzen Tag zerpflückst du fragend die Blumen, Quitten unterscheidest du von Äpfeln nicht mehr, Du nähst nicht, du stickst nicht, küssest zärtlich den bunten Tauber und nachts hör ich dich flüstern: „Pankratius“.

Und weiter stand geschrieben:

Was soll ich erwählen, liebe Gespielinnen: soll ich dem grausamen Freunde noch einmal mein Lieben gestehen, oder soll ich in den schnellfliessenden Bach mich stürzen? Gleich schwer ist jeder der Wege, aber schwerer ist der erste — wie werd’ ich erröten müssen und stammeln.

Und weiter stand geschrieben:

Am Morgen steht die Purpursonne auf und du gehst an dein Tagwerk, wer dich daherkommen sieht, der denkt sich: „stolzer Pankratius“ — und die bleiche Phyllis ist nicht mehr!

In den Baumgängen wirst du lustwandeln, mit den Freunden wirst du im Philo lesen, Diskus werfen wirst du und Wettlaufen — alle sagen: „schöner Pankratius“ — und die bleiche Phyllis ist nicht mehr!

Du kehrst zurück in dein kühles Haus, badest dich in duftigen Wassern, mit dem Knaben spielst du dann Ball, und schläfst ruhig ein bis zum Morgen und denkst: „glücklicher Pankratius“ — und die bleiche Phyllis ist nicht mehr!

Und es stand noch viel geschrieben, so dass das Mädchen, seufzend und über seine eigenen Worte Tränen vergiessend, bis zum späten Abend las.

VI.

Jetzt spielte Pankratius nicht mehr mit dem Knaben Ball, er las nicht mehr und hatte keine Lust zu essen, sondern ging im inneren kleinen Garten an den Levkoien auf und ab und sah aus, wie ein von Unruhe gequälter Mensch. Gleich nach der Begrüssung begann er: „Das gestorbene Mädchen raubt mir meine Ruhe: ich sehe sie im Traume und sie mich; sie lockt mich irgendwohin, ein Lächeln im bleichen Antlitz.“

Der Alte, der Phyllis unter den Lebenden wusste, meinte:

„Es gibt trügerische Träume, o Herr, mögen sie dich nicht beunruhigen.“

„Sie können nicht anders, als mich beunruhigen, vielleicht bin ich dennoch die unschuldige Ursache ihres Unterganges.“

„Halte sie für lebend, wenn dir das deine Ruhe wiedergibt.“

„Aber sie ist doch gestorben?“

„Tot ist das, was wir für tot halten, und das, was wir für lebend halten — lebt.“

„Du willst, scheint es, darauf hinaus, wovon ich mit dir reden wollte. Gelobe mir, das Geheimnis zu bewahren.“

„Du hast mein Versprechen.“

„Kennst du nicht einen Magier, der mir den Schatten der Phyllis beschwören könnte?“

„Wie das, den Schatten der Phyllis?“

„Nun ja, den Schatten der verstorbenen Phyllis. Scheint dir das so sonderbar?“

Nektanebes antwortete, nachdem er die Beherrschung wiedergewonnen hatte:

„Nein, das scheint mir nicht sonderbar und ich kenne sogar einen Magier, wie du ihn brauchst, aber glaubst du auch selbst an die Kraft der Magie?“

„Weshalb hätte ich dich wohl sonst gefragt? Und was hat das mit meinem Glauben zu tun?“

„Er wohnt nicht weit von mir und ich kann mit ihm verabreden, wann das Wiedersehen stattfinden soll.“

„Ich bitte dich darum. Du hast mir viel geholfen mit deinen Worten: tot ist das, was wir für tot halten, und umgekehrt.“

„Lass es gut sein, o Herr, das sind leere Worte, die ein ungebildeter alter Fischer, wie ich, ohne zu denken hat fallen lassen.“

„Du selbst begreifst nicht die ganze Bedeutung dieser Worte. Es ist mir, als sei Phyllis am Leben. Richte schneller aus, was du weisst!“

Der Jüngling gab dem Fischer Geld und der Alte war auf dem weiten Wege zum Landgute mit vielen und verschiedenartigen Gedanken beschäftigt, die zu einem klareren, freudigen Gedanken führten, so dass Phyllis, die nicht schlief und ihm selbst die Gartenpforte öffnete, ihn lächeln sah, als bringe er glückliche Nachrichten.

VII.

Das Mädchen hörte Nektanebes’ Plan mit erstaunten Ausrufen.

„Du glaubst? Ist das denn möglich? Wird das nicht Gotteslästerung sein? Bedenke doch: die magischen Beschwörungen haben die Kraft, die Seelen Verstorbener heraufzurufen, — wie werde ich, die Lebende, den täuschen, den ich liebe? Und wird die hundsköpfige Göttin mich nicht strafen?“

„Wir entweihen den Ritus nicht, du bist keine Tote und bist niemals eine solche gewesen, wir werden uns nur die äussere Form der Beschwörungen zunutze machen, um den gequälten Geist des Pankratius zu beruhigen.“

„Er liebt mich jetzt und will mich sehen?“

„Ja.“

„Die Tote, die Tote!“

„Aber du wirst lebendig sein.“

„Man wird mir Totengewänder anlegen, den Totenkranz der verstorbenen Frauen! Ich werde durch Schwefeldämpfe reden, die mein Gesicht totenähnlich machen werden!“

„Ich weiss nicht in welcher Gestalt du den Geist darzustellen haben wirst. Wenn du es nicht wünschest, so lässt es sich vermeiden.“

„Wodurch?“

„Durch Verzicht auf die Beschwörung.“

„Ihn nicht sehen? Nein, nein!“

„Man könnte sagen, dass der Magier das Mondviertel für ungünstig halte.“

„Und dann?“

„Dann wird Pankratius sich selbst beruhigen und er wird vergessen.“

„Er wird sich beruhigen, sagst du? Wann kommt Parrhasius, um die Verabredung zu treffen und mich zu lehren was ich zu tun habe?“

„Wann du willst: morgen, übermorgen.“

„Heute noch. Einverstanden?“

Als Phyllis allein geblieben war, sass sie lange regungslos da, dann zerpflückte sie eine Blume und wollte lächeln, als sie auf ihre ständige Frage ein „Ja“ zur Antwort erhielt, aber sie erbleichte gleich wieder und flüsterte: „Nicht als Lebende hast du das Glück der Liebe gewonnen, arme Phyllis!“ Aber die Morgensonne und das Zirpen der Grillen im Tau, und der stille Fluss, und die Erinnerung an die wenigen verlebten Jahre, und die Träume von Pankratius, der sie jetzt liebte, riefen bald wieder das Lächeln auf die roten Lippen der lustigen und treuen Phyllis zurück.

VIII.

Als die Harfe, die magischen Formeln beantwortend, erklang und ein undeutlicher Schatten auf dem Vorhang erschien, erkannte Pankratius Phyllis nicht; ihre Augen waren geschlossen, die Wangen blass, die Lippen zusammengepresst, die über der Brust gekreuzten mit Bändern umwundenen Arme steigerten die Ähnlichkeit mit einer Toten. Als sie die Augen aufschlagend, die lose zusammengebundenen Arme erhoben, stehenblieb, wandte sich Pankratius, nachdem er den Magier um Erlaubnis gefragt hatte, auf die Knie sinkend, mit folgenden Worten an sie:

„Bist du der Schatten der Phyllis?“

„Ich bin Phyllis selbst,“ war die Antwort.

„Vergibst du mir?“

„Wir werden alle vom Schicksal geleitet; du konntest nicht anders handeln, als du gehandelt hast.“

„Bist du gern auf die Erde zurückgekehrt?“

„Ich konnte nicht anders, als den Beschwörungen gehorchen.“

„Liebst du mich?“

„Ich liebte dich.“

„Du siehst jetzt meine Liebe, ich habe mich zu fürchterlicher, vielleicht verbrecherischer Tat entschlossen, als ich dich heraufbeschwor. Glaubst du mir, dass ich dich liebe?“

„Die Tote?“

„Ja. Kannst du dich mir nähern? Mir deine Hand reichen? Meine Küsse erwidern? Ich will dich erwärmen und dein Herz wieder schlagen machen!“

„Ich kann mich dir nähern, dir die Hand reichen, deine Küsse erwidern. Ich bin dazu zu dir gekommen.“

Sie trat ihm, der auf sie zugestürzt war, einen Schritt entgegen; er merkte nicht, dass ihre Hände wärmer waren, als seine eigenen, wie ihr Herz an seinem fast erstarrten Herzen schlug, wie ihre Augen glänzten, als sein trübe gewordener Blick sie traf. Phyllis wehrte ihm und sagte:

„Ich bin eifersüchtig.“

„Auf wen?“ flüsterte er, vergehend:

„Auf die lebende Phyllis. Sie liebtest, mich duldest du.“

„Ach, ich weiss nicht, frage nicht, nur du, du allein, dich liebe ich!“

Phyllis sagte nichts mehr, sie erwiderte seine Küsse nicht und zog sich zurück; schliesslich, als er in Verzweiflung sich zu Boden warf und wie ein Knabe weinend, rief: „Du liebst mich nicht!“ kam es langsam von ihren Lippen:

„Du weisst selbst noch nicht was ich getan habe,“ und an ihn herantretend, umarmte sie ihn fest und begann jetzt selbst leidenschaftlich und süss seine Lippen zu küssen. Pankratius war immer zärtlicher geworden und hatte nicht bemerkt, wie das Mädchen immer schwächer wurde, und plötzlich liess er sie mit dem Schreckensruf: „Phyllis, was ist dir?“ aus seinen Armen gleiten und lautlos sank sie ihm zu Füssen. Er staunte nicht, dass ihre Hände kalt waren, dass ihr Herz nicht schlug, aber das Schweigen, das plötzlich den Raum beherrschte, erfüllte ihn mit unerklärlichem Grauen. Er schrie auf, und die eintretenden Sklaven und der Magier erblickten beim Schein der Fackeln das Mädchen in den verwirrten Leichengewändern tot daliegen, die Bänder und der Totenkranz aus dünnen Goldblättchen lagen fortgeworfen auf dem Boden. Pankratius schrie noch einmal laut auf, als er die leblos vor sich sah, die eben noch seine Liebkosungen erwidert hatte, und zur Tür zurückweichend, flüsterte er entsetzt:

„Sehet: die Spuren von drei Wochen Verwesung in ihrem Antlitz! Oh! Oh!“

Der hinzugetretene Magier sagte:

„Die der Magie gewährte Frist ist verflossen und der Tod hat wieder von der zeitweilig dem Leben Zurückgegebenen Besitz ergriffen,“ und er gab den Sklaven das Zeichen den Leichnam der bleichen Phyllis, der Tochter des Palemon, hinauszutragen.

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