Vierter Teil
Edgar Mesching translation
Erstes Kapitel
„Und Ihr glaubet, dass dieses Elixier den Flug der Zeit in unseren Zügen unsichtbar machen kann, dass mit vierzig Jahren unsre Augen glänzen, unsre Zähne schimmern, unsre Wangen blühen werden, unser Haar so üppig, unsere Stimme klangvoll sein wird, wie mit zwanzig Jahren?“ So sprach die kleine Prinzessin Amalia, während sie sich mit mir im Schlossparke unter den beschorenen Bäumen erging. Ich sah in ihr rundes, rötlich glänzendes kleines Gesichtchen, mit den runden hervorquellenden Augen, die so erschreckt-naiv in die Welt blickten, während das winzige Persönchen in einem grünlichen Kleide, das mit grell-rosa Buketts übersät war, hüpfenden Ganges über den Weg trippelte und den kleinen chinesischen Fächer bald auf- und bald zuklappte. Dann sagte ich:
„Glaubet mir, Prinzessin, dieser Wundertrank kann nicht bloss den Lauf der Zeit aufhalten, er kann die Zeit wiederbringen, dass die Rosen, die schon zu verschwinden begonnen, wieder auf den Wangen erblühen und das Feuer der Augen, das als schwacher Funke glimmte, wieder in fröhlichen Flammen zu spielen beginnt. Ihr sehet in mir selbst das anschauliche Beispiel dafür.“
Da wir durch eine abgelegene Allee zum See, auf dem Schwäne hinglitten, hinuntergingen, lehnte sich die Prinzessin zärtlich auf meinen Arm und flüsterte noch zärtlicher:
„So dass auch mir, die sich schon bereit macht, auf alles zu verzichten, noch Hoffnung lächeln kann?“
„Prinzessin!“ rief ich aus, „jeder wird bestätigen, dass das Elixier, zu dem Ihr ohne Ursache zu greifen Euch herabliesset, bereits begonnen hat, seine Wirkung auszuüben.“
„Ach, Ambrosius, teurer Meister, sprechet zu mir, als mein Freund und nicht, wie ein Hofmann meines Bruders . . .“ Und die Prinzessin begann sich darüber zu beklagen, dass die Herzogin sie, die unglückliche Amalia, auf alle Art in den Hintergrund dränge, sie verfolge und sie mit ihrem Bruder, dem Herzog, zu veruneinigen trachte, weil sie selbst unter dem Einflusse des alten Rates von Hohenschwitz stehe, der ein schlauer und heimtückischer Höfling sei. Dieser Bericht war mir nicht neu, ebensowenig, wie die leidenschaftlichen Blicke, die Amalia mir schenkte. Ich küsste ehrerbietig ihre Hand, versprach alles aufzubieten, was in meinen Kräften stehen würde, um die Eintracht in der herzoglichen Familie wiederherzustellen, und ohne den Kopf nach dem zweiten Handkusse zu erheben, sagte ich kaum hörbar:
„Wann werden wir uns wiedersehen, göttliche Gönnerin?“
„Mittwoch abend, im kleinen Pavillon,“ antwortete die Prinzessin erfreut und tänzelte, wie eine hinter die Kulissen abgehende Ballerina, in eine Seitenallee. In Gedanken versunken war ich fast bis ans Gitter des Parkes weiter gegangen, als ich weibliche Stimmen vernahm. Mir schien, dass über die herzogliche Familie gesprochen werde, deshalb blieb ich stehen, denn ich wollte mir die Unterhaltung zunutze machen.
„. . . . nein, nein, das weiss man schon, die Mutter der seligen Herzogin, Therese Pauline und deren Mutter, Pauline Therese, und auch ihre Mutter, Ernestine Viktoria, bei allen, allen ist es, wie man sagt, so gewesen: das erste Kind ein Sohn, dann sechs Töchter. Und — denk an mein Wort! auch unsere Herzogin — Gott geb’ ihr eine leichte Geburt — wird als erstes Kind den Thronerben gebären.“
„Gäb’s Gott!“
„Und alle rothaarig, wie die Füchse . . .“
„Nun, dieser kann auch schwarze Haare bekommen.“
„Was willst du damit sagen, Barbara?“
„Hast du das Jugendbildnis des Rates gesehen, das in seinem Speisesaal hängt?“
„Dummheiten! Das geht uns nichts an! Ich glaub’s nimmer!“
„Gewiss, ich sag’s ja auch: meine Sache ist, dass die Kühe gefüttert werden, dass sie rein sind und gemelkt werden, ja, das ist meine Sache, aber was die herrschaftlichen Angelegenheiten anbetrifft, so bewahre mich der Herr davor, nicht wahr?“
Hier trat ich aus der Allee heraus, beantwortete den ehrerbietigen Gruss der beiden Viehmägde und ging langsam meinem Schlossflügel zu, an den Pfützen vom gestrigen Regen herum, in denen der grellrote Widerschein der vom Sonnenuntergang geröteten Wolken glühte.
Zweites Kapitel
Ich trat dem Diener nach eilig in das grosse rote Zimmer, in dem ich den Herzog Ernst Johann am offenen Fenster im Gespräch mit seinem jungen Bruder, Philipp Ludwig, antraf. Durch das Fenster sah man auf eine gerade, bereits gelb gewordene Weissbuchenallee. Mit weiten Schritten, irgendeinen König, den er sich zum Muster gemacht, nachahmend, kam der Herzog mir entgegen und drückte fest meine Hand. Dann fragte er mich nach dem Ergebnis meiner Beobachtungen und Berechnungen. Herzog Ernst Johann war hager, mittelgross von Wuchs, hatte eine lange Nase, ein skrophulöses Gesicht und schmale Schultern. Er ähnelte seinem Bruder Philipp Ludwig, der ein wenig frischer aussah mit dem etwas fieberhaften Rot auf den Backenknochen und den glänzenden hervortretenden Augen. Indem ich hier und da aufgegriffene Gerüchte in Einklang brachte, mich der Unterweisungen meines Lehrers, der aus magischen Büchern geschöpften Formeln und Verordnungen entsann, konnte ich, mehr oder weniger erfolgreich, die Zweifel meines Herrn lösen, Ratschläge in laufenden Angelegenheiten erteilen und Voraussetzungen über künftige Ereignisse machen. Der junge Herzog stand an den Fensterrahmen gelehnt und schien erleichtert die durch den Regen erfrischte Luft einzuatmen.
„Ew. Liebden werden einen Thronerben haben,“ sagte ich langsam, um dem Inhalt meiner Rede mehr Bedeutung zu geben: „Ew. Liebden werden einen Sohn haben, aber Eure Freude wird durch das Blut verstorbener Vorfahren und einen Knoten getrübt werden, der aus verschiedenen Fäden geknüpft, demjenigen Unheil droht, der ihn löst.“ Der Herzog hörte mir gespannt und errötend zu, drückte mir wieder die Hand und murmelte im Fortgehen:
„Ein Sohn, das ist das Erste, das andere wollen wir später in Erwägung ziehen.“
Ich hatte mich ehrerbietig verneigt und begleitete ihn zur Tür. Dann kehrte ich zu Philipp Ludwig zurück, dessen dunkle Gestalt sich noch immer scharf vom bereits erblassten Abendhimmel abhob.
„Also, mein junger Freund!“
Er wandte sich hastig zu mir und rief mit gerührter und begeisterter Stimme:
„Meister, Meister, ich neige mich vor Eurem Wissen, Eurer Wissenschaft, Eurer Person, ich verehre Euch, nehmet mich, lehret mich, leitet mich, sehet — ich bin ganz der Eure!“ Er warf sich an meine Brust und barg seinen Kopf an meiner Schulter.
Drittes Kapitel
Die Herzogin Elisabeth Beatrix sass, im Hinblick auf ihre sich dem Ende nähernde Schwangerschaft, in weitem Gewande, in einen tiefen Sessel zurückgelehnt, da und blickte mit verschämtem Stolz auf ihren hinter den Armen des Sessels hervorragenden dicken Leib. Herzog Philipp Ludwig, der Rat und ich standen vor ihr und lauschten auf ihre leise, absichtlich noch leidender verstellte Stimme:
„Teurer Meister Ambrosius, Ihr handelt vielleicht nicht ganz überlegt, wenn Ihr Euch in unserem betrüblichen, freilich bloss leichten Familienzwist so offen gegen mich, gegen unseren ehrenwerten Freund, den verdienstvollen Rat, auf die Seite der Prinzessin Amalia stellet. Die krankhafte Einbildungskraft der armen Prinzessin und Eure Vertrauensseligkeit tragen allein die Schuld an alledem, teuerer Meister.“
„Ich bin überzeugt, dass der Meister sich, wie immer, nur von den edelsten Gefühlen hat leiten lassen,“ mischte sich Philipp Ludwig mit Leidenschaftlichkeit ein, indem er einen Schritt vortrat. Elisabeth Beatrix schlug ihre Augen zu dem Sprecher auf und senkte sie dann wieder auf ihre mageren Hände, die sie über dem Magen gefaltet hatte, worauf sie bemerkte:
„Ich habe auch gar nichts anderes gedacht, lieber Schwager!“
„Ew. Liebden, ich bin weit davon entfernt den Kreis meiner Befugnisse zu überschreiten und ich kann überhaupt nur ganz bescheiden zu handeln beginnen, wenn der gnädige Herzog sich selbst an mich um meinen ohnmächtigen Rat wenden sollte . . .“
Der Rat lächelte und bemerkte:
„Und deshalb, ehrenwerter Scalzarocca, wäre es uns erwünscht Euch mehr vom Wohle der Untertanen und der Förderung des Ansehens unseres guten Herzogs, als von den krankhaften Illusionen der unglücklichen Prinzessin geleitet zu sehen.“
„Ich bin überzeugt, dass der Meister immer von Gefühlen der Menschlichkeit und Gerechtigkeit geleitet wird,“ erhob der junge Herzog wieder seine Stimme.
„Ich habe die gleiche Überzeugung, aber häufig überwiegt die Empfindsamkeit des Augenblickes die Erwägungen des klaren Verstandes zum Schaden der Gerechtigkeit,“ bemerkte Hohenschwitz.
„Aber der Meister wird jetzt auch unserer unbedeutenden Persönlichkeiten bei den Beratungen gedenken, nicht wahr?“ fragte die Herzogin, die den Versuch machte ihr eingefallenes Gesicht zu einem freundlichen Lächeln zu verziehen.
Ich hielt die Audienz für beendet, verneigte mich schweigend und ging in die Antichambre hinaus, wo ein Livreediener vor einer träufelnden Kerze schlummerte. Es schlug dumpf elf Uhr, als ich eine Tür zufallen und die hohen Stiefelabsätze des herzoglichen Bruders klopfen hörte, der mir mit jugendlichem Schritte nachlief. Ich blieb, den Griff der Ausgangstür in der Hand, stehen.
Viertes Kapitel
Als Lieschen vor dem kleinen Pavillon stand, legte sie den Finger an den Mund und öffnete die Tür, aus der das Licht in langen Streifen auf den Gartenweg, das Beet und den Rasen fiel, um in den Berberizensträuchern zu verschwinden. Die Prinzessin sass in schmachtender Stellung auf dem Sofa und liess träge die Finger über die Saiten einer Laute an grünem Bande gleiten. Wenn das kurze Ritornell schloss, fing sie es von vorne an, ohne mit dem Gesang einzusetzen. Ich war eingetreten und blieb an der Tür stehen; Die Prinzessin tat, als errate sie an den im Zugwinde flackernden Kerzen, dass jemand hereingekommen sei und flüsterte:
„Bist du es, Lieschen?“
„Prinzessin,“ sagte ich leise.
„Ambrosius!“ rief Amalia aus, mir schnell ihr, im Kerzenschimmer noch mehr, als sonst, glänzendes rundes Gesicht zukehrend, wobei sie die Laute aus den Händen gleiten liess, dass sie dumpf auf den dicken Teppich unter dem Tische aufschlug.
„Prinzessin . . .“ sagte ich noch leiser.
„Ambrosius!“ rief Amalia schmachtend und liess sich wieder aufs Sofa gleiten.
„Prinzessin,“ flüsterte ich fast, liess mich vor ihr aufs Knie sinken und bedeckte ihre Hand mit Küssen.
„Ambrosius,“ seufzte Amalia zwischen meinen Küssen. Beim Aufstehen stiess ich mit dem Fuss an die Laute, die einen schwachen Ton von sich gab. Durch das Fenster sah man grosse Sterne. Die Prinzessin sass verwirrt, mit gerötetem Gesicht in Erwartung meiner Rückkehr da. Plötzlich wurde laut an die Tür geklopft. Ich ordnete meine Perücke und öffnete dem erregten Lieschen die Tür.
„Der Herzog . . . verlangt . . . die Herzogin ist von einem Sohne entbunden worden,“ murmelte das Mädchen.
„Von einem Sohne?“ fragte ich zerstreut.
„Ambrosius!“ rief mir die Prinzessin zu, die sich mit süssem Lächeln etwas vom Sofa erhoben hatte.
„Prinzessin,“ antwortete ich und winkte der zurückbleibenden Dame einen Abschiedsgruss zu.
Die Sterne flimmerten grell über den Sträuchern beim Boskett. Ein im allgemeinen Trubel vergessener Springbrunnen plätscherte leise. Im Korridor traf ich den Bruder des Herzogs, der mich beim Mantel ergriff und mich abgebrochen und erregt ansprach:
„Meister, Meister, sehet, Eure Voraussagung ist eingetroffen, Euer Stern steigt, Euer Weg ist hell und strahlend: wie ich Euch liebe!“
Im Gehen ihn mit einem Arm umfassend, sagte ich:
„Ja, mein Freund, mit der Geburt dieses Kindes beginnt etwas Neues.“
Von der Treppe oben kam ein Diener mit einer Kerze geeilt:
„Meister, der Herzog bittet Euch unverzüglich ins Eckzimmer.“
Ich betrat einen dunklen Gang, aus dessen Tiefe, hinter verschlossenen Türen hervor, Kindergeschrei ertönte.
Fünftes Kapitel
Ein glückliches Lächeln hinter affektierter Wichtigkeit verbergend, unterhielt sich Herzog Ernst Johann mit mir über Regierungsgeschäfte, während der Rat dastand und über unsere Vertraulichkeit lächelte, die seinen Einfluss zu verringern drohte. Die Paare gingen im Schritte der Polonaise an der seit kurzem wiederhergestellten Herzogin vorüber, die in einem Lehnstuhl unter einem hohen an der Marmorsäule angebrachten Kandelaber sass; sie war magerer und etwas hübscher geworden, und zum Takte der lauten Musik, die von den Galerien erschallte, machten die Tanzenden ihre Verbeugungen vor ihr. Diener reichten Früchte umher und Philipp Ludwig stand in roter Uniform, hohen Kanonenstiefeln und weissen hirschledernen Hosen, einem Porträt Moritz’ von Sachsen etwas ähnlich, an der gegenüberliegenden Tür und sah, die Arme über der Brust gekreuzt, mit leuchtenden Augen zu uns herüber. Trompetenstösse kündeten im Garten den Beginn des Feuerwerkes an. Die erste Rakete war schon aufgestiegen und zerstäubte in buntfarbigem Regen, als wir mit Philipp Ludwig, nachdem ich das Gespräch mit dem Herzog beendet hatte, den glänzend illuminierten Park betraten. Als wir die Grotte mit dem „Raube der Sabinerinnen“ erreicht hatten, liessen wir uns auf einer Steinbank nieder. Das grüne Licht der Laternen, die man auf die Terrassen des künstlichen Wasserfalles gestellt hatte, beleuchtete uns phantastisch. Eine Zeitlang sassen wir schweigend da und sahen einander bedeutungsvoll an.
„Nun,“ unterbrach Philipp Ludwig das Schweigen, „wir können zufrieden sein, mein teurer Lehrer: wir stehen am Tore zu Grösse, Reichtum, Einfluss!“
In der Stimme des jungen Mannes schienen mir feindselige Noten mitzuklingen, weshalb ich mich beeilte ihn so zu unterbrechen:
„Mein lieber und teurer Freund, Ihr täuschet Euch, wenn Ihr glaubet, dass Einfluss, Reichtum und Ansehen mich so unwiderstehlich anziehen. Nur die Möglichkeit mehr Gutes zu tun freut mich bei der Erhöhung meiner Stellung. Und glaubet mir, ich lege mehr Wert auf Eure Zuneigung zu mir als auf das Aufsteigen meiner Ehrenämter.“
Wie man beim Schein der Laternen hinter dem Wasser sehen konnte, war das Gesicht Philipp Ludwigs traurig. Ich wollte ihn trösten, denn der arme Jüngling tat mir wirklich leid, obgleich ich den Grund seiner Trauer bloss vermutete, ohne ihn genau zu kennen, deshalb begann ich von seinen bevorstehenden wissenschaftlichen Beschäftigungen zu sprechen, aber das Gesicht des herzoglichen Bruders klärte sich kaum auf und nur ein fast nicht bemerkbares Lächeln spielte um seine Lippen. Nachdem er meine Worte angehört hatte, sagte er unerwartet:
„Meister, Ihr seid ein reiner Mensch, Ihr kennet die Liebe nicht, das Weib ist Euch fremd, deshalb liegt die Zukunft offen vor Eurem Blick und Ihr fürchtet Euch nicht Geheimnissen auf den Grund zu sehen. Und darum liebe ich Euch!
Und bevor ich noch Zeit gefunden mich zu besinnen, hatte er sich gebeugt und schnell meine Hand geküsst. Verlegen rief ich aus: „Was ist Euch, Prinz?!“ Und ich küsste seine Stirn.
„Nichts, ich bitte Euch, achtet nicht darauf,“ erwiderte tonlos Philipp Ludwig.
„Und dann könnet Ihr Euch in bezug auf meine Person irren; und wenn Ihr mich dann so erblicken werdet, wie ich wirklich bin, so wird Eure Unzufriedenheit mit mir wegen der Euch bereiteten Enttäuschung eine nur um so grössere sein.“
„Nein, Meister, nein, mein Teurer, redet nicht schlecht von Euch, ich kenne Euch besser, als Ihr selbst,“ sagte der Prinz zärtlich und lehnte, wie in Sehnsucht, seinen Kopf an meine Schulter.
Sechstes Kapitel
Es war zum erstenmal, dass die Prinzessin es wagte zu einem Stelldichein zu mir auf mein Zimmer zu kommen. Wenn es auch gefährlicher war mich aufzusuchen, als mich in ihren Gemächern zu erwarten, so wurde das Wagnis doch durch die vollkommene Ungestörtheit während des Beisammenseins selbst reichlich belohnt. Ich hatte einen Geschäftsbrief beendigt und sass vor meinem Pult, auf dem eine Kerze brannte, in einen Stuhl zurückgelehnt. Ich bemühte mich nicht an die nahe Stunde des Stelldicheins zu denken. Ich war weit davon entfemt die Prinzessin zu lieben oder sie zu begehren, durch meine Stellung und eine gewisse am herzoglichen Hofe herrschende Strenge war ich genötigt mich mehr zu zügeln, als ich es gewohnt war, und ich hatte eine gewisse Sehnsucht nach dem freien Leben in Italien und unwillkürlich kehrte ich in Gedanken immer wieder zum Bruder des Herzogs zurück, dessen zärtliche, fast verliebte Ergebenheit mich aufrichtig rührte. Nachdem ich meinen Brief versiegelt hatte, versank ich, den Kopf auf die Hand gestützt, in die bewegungslose Flamme der Kerze starrend, in Nachdenken. Von einem leisen Klopfen an die Tür geweckt, liess ich eine kleine Gestalt in einem dunkellila Mantel, der vom Regen fast schwarz geworden war, ins Zimmer. Es war Prinzessin Amalia. Ich beeilte mich sie an das brennende Kaminfeuer zu setzen und goss ihr ein Glas Wein ein. Glücklich lächelnd, reichte die Prinzessin mir, ohne ein Wort zu sprechen, die Hand, welche ich ehrerbietig an meine Lippen zog. Dann legte ich meinen Arm auf die Lehne des Stuhles, in dem Amalia sass. Sie schmiegte sich an mich und blickte zärtlich und glücklich zu mir auf. Der Wind rüttelte an den Fensterrahmen, über den Mond jagten Wolken, der Regen schien aufgehört zu haben. Es klopfte wieder an die Tür, dieses Mal schnell und fest; Amalia sprang erbleichend auf.
„Was ist das?“ flüsterte sie.
„Seid ruhig, fürchtet Euch nicht,“ flüsterte ich, sie wieder in den Stuhl drückend, den ich mit seiner hohen Lehne zur Tür kehrte, nachdem ich über die Prinzessin einen grossen orientalischen Schal geworfen hatte. Man fuhr fort, immer stärker an die Tür zu klopfen und die Stimme Philipp Ludwigs wurde laut:
„Meister, Meister, ich bin’s, Prinz Philipp, machet auf!“
Die leuchtenden Augen des Jünglings, sein erregtes, ungleich gerötetes Gesicht, seine bebenden Hände, zeugten davon, dass sein Zustand ein aussergewöhnlicher sei.
„Was ist mit Euch, mein Freund?“ sagte ich, ein wenig zurücktretend.
„Ich habe mich entschlossen . . . ich bin entschlossen . . . und hier bin ich, um es Euch zu sagen . . .“ stiess der Prinz, der in seiner Erregung fast schön war, mit Unterbrechungen hervor.
„Beruhiget Euch, vielleicht wird es Euch gelegener sein, mir später das mitzuteilen, was Ihr auf dem Herzen habet?“
„Nein, nein! Jetzt! Gleich, o Meister! Höret, ich habe mich entschlossen. Ich schütte mein Herz vor Euch aus . . .“ rief der Prinz, und noch ehe ich die Möglichkeit hatte, irgend etwas zu tun, warf er sich in den Lehnstuhl, auf dem die versteckte Amalia sass.
Ein zwiefacher Schrei gellte durch das Zimmer: der Prinz hatte den Schal von Amalia, die, in eine Ecke des Stuhles gedrückt, ihre Augen zusammenkniff, heruntergerissen und starrte sie an wie einen Basilisk.
„Meister, ich hasse Euch . . .!“ zischte er, als er mir sein in Tränen gebadetes Gesicht zukehrte, und lief, die Tür hinter sich zuschlagend, aus dem Zimmer.
Siebentes Kapitel
Zum kleinen Souper waren, ausser mir, noch der Rat von Hohenschwitz und die lustige Kammerfrau, Bertha von Liebkosenfeld, geladen; Prinz Philipp war nicht erschienen, er hatte sich krank gemeldet, Prinzessin Amalia und die Herzogin Elisabeth Beatrix, beide in Kleidern mit chinesischem Muster, sassen zu beiden Seiten des Herzogs, den Rat und mich zu Tischnachbarn, während die Liebkosenfeld Ernst Johann gegenübersass und mit ihrer vollen rosigen Gestalt unseren Kreis abschloss. Das Orchester spielte aus „Dardanus“, die Diener (der grösseren Intimität wegen waren ihrer nur zwei befohlen) schenkten Wein ein, und der Herzog unterhielt sich, um die Etikette aufzuheben, über den Tisch laut mit der lustigen Bertha, die ihm mit einem Lachen antwortete, das zwei Reihen blendendweisser Zähne sehen liess.
„Ew. Liebden haben recht mit der Annahme, dass das Herz, so unter meinem linken Auge angeklebet, kein Zufall sei. Ich bin bis zum Wahnsinn verliebt, allein der Gegenstand meiner Verehrung ist allzu hoch und unerreichbar,“ sagte Bertha, ihre grossen blauen Kuhaugen senkend. Hohenschwitz hustete laut, nahm eine Prise, nieste und putzte seine Nase mit einem grünseidenen Tuche.
„Ohne jemand kränken zu wollen, frei von Parteilichkeit, einzig um das Wohl des Landes besorgt, ernennen wir Euch, lieber Scalzarocca, zu unserem Rat und ersten Minister. Der Bitte Gehör schenkend, welche der unserem gerechten Herzen nicht weniger nahestehende von Hohenschwitz kürzlich äusserte, gewähren wir ihm die Möglichkeit, in Ruhe und Frieden die ihm in so reichem Masse verliehenen philosophischen Fähigkeiten zu entwickeln.“
Die Herzogin war etwas blass geworden, gab dem Diener das Zeichen, die bereits vorher gefüllten Schaumweinkelche zu reichen. Sie wählte selbst den Kelch, den sie dem Herzog gab, dann reichte sie zum Zeichen besonderer Huld jedem von uns den seinen mit eigener Hand. Von Hohenschwitz hustete angestrengt.
Bertha von Liebkosenfeld lachte laut auf, als der Herzog über eine kleine Unpässlichkeit klagte und sich in seine Gemächer zurückzog.
Achtes Kapitel
Vor mir stand ein junger Mann, fast noch ein Knabe, ohne Perücke, in bescheidenem schwarzem Kamisol, blass, mit glänzenden Augen und spitzem Kinn und entwickelte mir utopistische Ideen von Gleichheit, Freiheit, Brüderlichkeit, sprach von grossen Ereignissen, welche angeblich herannahten, von Welterschütterung und neuer Sintflut. Ich fragte ihn:
„Ihr seid Engländer?“
„Nein, ich bin Franzose und habe mich an Euch, als an meinen Landsmann, um Förderung gewandt.“
„Ja, ich kenne Eure Angelegenheit, sie wird geordnet werden, aber Eure Worte interessieren mich auf das lebhafteste; Ihr saget, dass diese Schwärmereien eine ganze Masse von Leuten beseelen, welche nicht nur um der eigenen Befreiung willen zu handeln bereit sind?“
„Wir werden die Welt befreien!“
„Befreien? Wovon befreien? Von mir zum Beispiel?“
„Von den Tyrannen!“ rief der Knabe, dessen Gesicht rot geworden war.
„Aber Vorurteile, Sitten, unsere Gefühle schliesslich, sind grausamere Tyrannen, als die gekrönten Häupter. Es heisst doch ganz mit Recht:
„Tyrannin ist die Liebe, herrscht über königliche Macht, Den stolzen Simson selbst hat sie zu Fall gebracht . . .“
Ein Diener überreichte mir einen Zettel, auf dem mit Bleistift geschrieben stand:
„Freund, rettet Euch, der Herzog ist nach dem gestrigen Souper an den Blattern gestorben. Eure wütendsten Feinde haben die Macht in Händen. Im besten Falle droht Euch die Verbannung. Nützet die Zeit. Euer Freund.“
Ich sah den Jüngling an, der bereit war seine Rede fortzusetzen, und sagte:
„Euer Anliegen wird, meinen Worten entsprechend, erledigt werden,“ und beantwortete mit einem wohlwollenden Lächeln seine ehrerbietige, wenn auch würdige Verbeugung. Als ich allein geblieben war, sah ich durch das Fenster lange in den feinen Regen hinaus, der in eine Pfütze tröpfelte, dann klingelte ich nach meinen Kleidern.
Neuntes Kapitel
Im Saal, in dem schon die Kandelaber angesteckt waren, befand sich nur Bertha von Liebkosenfeld. Sie stand mitten im Zimmer und las einen Zettel. Ihr rosiger feuchter Mund lächelte. Als sie mich bemerkte, winkte sie mich zu sich heran, legte ihre Hand auf meine Schulter und sagte:
„Meister, nur im Unglück erkennet man seine wahren Freunde. Glaubet mir, dass ich . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .