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Geschichte von England seit der Thronbesteigung Jakob's des Zweiten. Siebenter Band

Vierzehntes Kapitel. Wilhelm und Marie.

Reading edition

Inhalt.

Seite

Zwistigkeiten im englischen Parlament 5

Russell’s Todesurtheil umgestoßen 5

Umstoßung anderer Verurtheilungen 7

Das Erkenntniß gegen Samuel Johnson 7

Das Erkenntniß gegen Devonshire 8

Das Erkenntniß gegen Oates 8

Rechtsbill 14

Streitigkeiten wegen einer Indemnitätsbill 16

Die letzten Tage Jeffreys’ 18

Die Whigs unzufrieden mit dem Könige 21

Maßlose Heftigkeit Howe’s 22

Angriff gegen Caermarthen 22

Angriff auf Halifax 23

Vorbereitungen zu einem Feldzuge in Irland 26

Schomberg 27

Unterbrechung der Parlamentssitzungen 28

Zustand Irland’s — Rath Avaux’ 28

Entlassung Melfort’s 32

Schomberg landet in Ulster 32

Carrickfergus genommen 32

Schomberg rückt weiter nach Leinster 33

Die englische und die irische Armee campiren nahe bei einander 33

Schomberg lehnt eine Schlacht ab 34

Betrügereien des englischen Kriegscommissariats 34

Verschwörung unter den in englischen Diensten stehenden französischen Truppen 36

Pestilenz in der englischen Armee 36

Die englische und die irische Armee beziehen ihre Winterquartiere 38

Verschiedene Meinungen über Schomberg’s Verfahren 39

Marineangelegenheiten 40

Torrington’s schlechte Verwaltung 41

Die festländischen Angelegenheiten 42

Gefecht bei Walcourt 43

Anschuldigungen gegen Marlborough 44

Alexander VIII. folgt Innocenz XI. auf dem päpstlichen Stuhle 45

Der Klerus der Hochkirche über die Angelegenheit der Eide gespalten 45

Argumente für Leistung der Eide 46

Argumente gegen die Eidesleistung 48

Die große Mehrheit des Klerus leistet die Eide 52

Die Eidverweigerer 53

Ken 54

Leslie 55

Sherlock 56

Hickes 57

Collier 58

Dodwell 59

Kettlewell. Fitzwilliam 60

Allgemeiner Character des eidverweigernden Klerus 61

Der Comprehensionsplan. Tillotson 64

Eine kirchliche Commission ernannt 65

Maßregeln der Commission 66

Die Convocation der Provinz Canterbury einberufen. Stimmung des Klerus 70

Die Geistlichkeit unzufrieden mit dem König 70

Der Klerus durch das Verhalten der schottischen Presbyterianer gegen die Dissenters erbittert 72

Einrichtung der Convocation 74

Wahl der Convocationsmitglieder 75

Verleihung geistlicher Aemter 75

Compton ist unzufrieden 76

Zusammentritt der Convocation 77

Die Hochkirchlichen im Unterhause der Convocation überwiegend 78

Meinungsverschiedenheit zwischen den beiden Häusern der Convocation 79

Das Unterhaus der Convocation erweist sich als unlenksam 80

Die Convocation prorogirt 81

Zwistigkeiten im englischen Parlament.

Vierundzwanzig Stunden vor dem Augenblicke, wo der Krieg in Schottland durch die Niederlage der celtischen Armee bei Dunkeld beendigt wurde, ging das Parlament zu Westminster auseinander. Die beiden Häuser waren seit dem Monat Januar ununterbrochen versammelt gewesen. Die in einen engen Raum eingepferchten Gemeinen hatten viel von der Hitze und Unbehaglichkeit zu leiden gehabt und die Gesundheit manches Mitgliedes war erschüttert worden. Das Ergebniß stand jedoch in keinem Verhältniß zu der gehabten Arbeit. Die letzten drei Monate der Session waren fast ganz mit Streitereien vergeudet worden, welche im Gesetzbuche keine Spur zurückgelassen haben. Das Fortschreiten heilsamer Gesetze war durch Häkeleien bald zwischen den Whigs und Tories, bald zwischen den Lords und den Gemeinen gehemmt worden.

Die Revolution war kaum vollbracht, so zeigte es sich auch schon, daß die Freunde der Ausschließungsbill ihre Leiden während des Uebergewichts ihrer Feinde nicht vergessen hatten und daß sie sowohl Genugthuung erlangen als Rache üben wollten. Schon vor der Wiederbesetzung des Thrones ernannten die Lords einen Ausschuß, um zu untersuchen, was an den grauenvollen Geschichten, welche über den Tod Essex’ circulirten, Wahres sei. Der aus eifrigen Whigs bestehende Ausschuß setzte seine Untersuchungen so lange fort, bis alle vernünftigen Männer die Ueberzeugung gewonnen hatten, daß er durch seine eigne Hand gefallen war, und bis seine Gattin, seine Brüder und seine intimsten Freunde die Nachforschungen nicht weitergeführt zu sehen wünschten.[1]

Russell’s Todesurtheil umgestoßen.

Das Gedächtniß und die Familien, einiger anderer Opfer, welche dem Bereiche menschlicher Macht entrückt waren, wurden ebenfalls, ohne Opposition von Seiten der Tories, rehabilitirt. Bald nachdem die Convention in ein Parlament verwandelt worden war, wurde den Peers eine Bill zur Umstoßung des Todesurtheils Lord Russell’s vorgelegt, rasch von ihnen angenommen, in’s Unterhaus geschickt und hier mit ungewöhnlichen Zeichen von Bewegung begrüßt. Viele von den Mitgliedern hatten mit Russel in dieser Kammer gesessen. Er hatte darin lange einen Einfluß ausgeübt, ähnlich dem, welchen der wackere und menschenfreundliche Althorpe, dessen sich Leute dieser Generation noch erinnerten, einst ausübte, einen Einfluß, der seinen Grund nicht in überlegener Gewandtheit in der Debatte oder im Vortrage, sondern in einer makellosen Rechtschaffenheit, in einem schlichten gesunden Verstande und in jener Freimüthigkeit, Einfachheit und Gutherzigkeit hatte, welche bei einem durch Geburt und Vermögen hoch über seinen Nebenmenschen stehenden Manne ganz besonders einnehmend und gewinnend sind. Die Whigs hatten in Russell ein Oberhaupt verehrt und seine politischen Gegner hatten zugegeben, daß er, wenn er nicht durch minder achtungswerthe und schlauere Genossen als er irregeleitet würde, ein so braver und gutherziger Gentleman sei wie irgend einer in England. Die männliche Festlichkeit und christliche Ergebung, womit er in den Tod gegangen war, die Trauer seines edlen Hauses, der Schmerz seines der Stütze beraubten Vaters, die vernichtete Zukunft seiner verwaisten Kinder,[2] und vor Allem der Verein von weiblicher Zärtlichkeit und engelgleicher Geduld in der Frau, die dem wackeren Dulder das Theuerste gewesen war, die vor den Schranken des Gerichts mit der Feder in der Hand an seiner Seite gesessen, die düstre Einsamkeit seines Kerkers erheitert und an seinem letzten Tage die Denkwürdigkeit des großen Opfers mit ihm getheilt, hatten die Herzen vieler gerührt, welche sonst nicht gewohnt waren, einen Gegner zu bemitleiden. Daß Russell viele gute Eigenschaften besessen, daß er den besten Willen gehabt hatte und daß man hart gegen ihn verfahren war, wurde jetzt selbst von höfischen Juristen, welche sein Blut hatten vergießen helfen, und von höfischen Theologen zugegeben, welche ihr Möglichstes gethan hatten, um seinen Ruf zu verunglimpfen. Als daher das Pergament, welches sein Todesurtheil annullirte, auf den Tisch der Versammlung gelegt wurde, in der noch vor acht Jahren seine Züge und seine Stimme so wohl bekannt gewesen, war die Aufregung groß. Ein bejahrtes whiggistisches Mitglied versuchte zu sprechen, wurde aber von seinen Gefühlen überwältigt. „Ich kann,“ sagte er, „den Namen Mylord Russell’s nicht aussprechen, ohne tief ergriffen zu werden. Es genügt ihn zu nennen. Mehr vermag ich nicht zu sagen.“ Viele Blicke richteten sich nach der Gegend des Saales, wo Finch saß. Die höchst ehrenwerthe Art und Weise, wie er ein einträgliches Amt niedergelegt, sobald er sich überzeugt hatte, daß er es nicht behalten konnte, ohne das Dispensationsrecht zu unterstützen, und die bedeutende Rolle, die er bei der Vertheidigung der Bischöfe gespielt, hatten viel dazu beigetragen, seine Fehler wieder gut zu machen. Doch an diesem Tage konnte man sich der Erinnerung nicht erwehren, daß er eifrig bemüht gewesen war als Kronanwalt das Urtheil auszuwirken, das jetzt feierlich widerrufen werden sollte. Er erhob sich und versuchte sein Verfahren zu rechtfertigen, aber weder sein juristischer Scharfsinn, noch der fließende und wohlklingende Vortrag, der eine erbliche Gabe in seiner Familie war und dessen sich kein Mitglied seiner Familie in reicherem Maße erfreute als er, halfen ihm bei dieser Gelegenheit etwas. Das Haus war nicht in der Stimmung ihn anzuhören und unterbrach ihn mehrmals mit dem Rufe „zur Ordnung.“ Er sei, sagte man ihm, mit großer Nachsicht behandelt und nicht in Anklagestand versetzt worden. Warum versuche er jetzt, unter dem Vorwande, sich zu rechtfertigen, entehrende Beschuldigungen auf einen berühmten Namen zu werfen und einen Justizmord zu entschuldigen? Er mußte sich wieder setzen, nachdem er erklärt hatte, daß er sich nur von der Anschuldigung habe reinigen wollen, die Grenzen seiner Amtspflicht überschritten zu haben, daß er jede Absicht, das Gedächtniß Lord Russell’s zu verunglimpfen, zurückweise, und daß ihn die Umstoßung des Urtels aufrichtig freuen werde. Ehe das Haus auseinanderging, wurde die Bill noch einmal verlesen, und sie würde auf der Stelle zum dritten Male verlesen und angenommen worden sein, wären nicht einige Zusätze und Auslassungen vorgeschlagen worden, von denen man glaubte, daß sie die Genugthuung vollständiger machen würden. Die Amendements wurden mit großer Eil entworfen, die Lords stimmten denselben bei, und der König gab mit Freuden seine Genehmigung.[3]

Umstoßung anderer Verurtheilungen.

Dieser Bill folgten bald drei andere, welche drei abscheuliche und empörende Todesurtheile annullirten: das Todesurtheil Sidney’s, das Todesurtheil Cornish’s und das Todesurtheil der Alice Lisle.[4]

Das Erkenntniß gegen Samuel Johnson.

Einige noch lebende Whigs erlangten ohne Mühe Genugthuung für Unbilden, die sie unter der vorigen Regierung erlitten hatten. So wurde das Erkenntniß gegen Samuel Johnson von den Gemeinen in Erwägung gezogen. Die Resolution lautete dahin, daß die ihm zuerkannte körperliche Züchtigung grausam sei und daß seine Degradation keine Rechtskraft habe. Der letztere Punkt konnte nicht bestritten werden, denn Johnson war durch die Prälaten degradirt worden, welche die Diöcese London während Compton’s Suspension verwaltet hatten. Compton aber war durch ein Decret der Hohen Commission suspendirt worden, und die Decrete der Hohen Commission wurden allgemein als ungültig anerkannt. Johnson war daher seines Priesterrocks durch Personen beraubt worden, welche keine Jurisdiction über ihn hatten. Die Gemeinen ersuchten den König, daß er den Dulder durch ein geistliches Amt entschädigen möchte.[5] Wilhelm überzeugte sich jedoch, daß er diesem Gesuche ohne große Inconvenienz nicht willfahren könne. Denn Johnson war, obgleich muthig, rechtschaffen und religiös, doch stets heftig, widersetzlich und streitsüchtig gewesen, und seitdem er um seiner Meinungen willen Qualen erduldet hatte, welche schrecklicher waren als der Tod, hatten sich die Schwächen seines Characters und seines Verstandes dergestalt verschlimmert, daß er den Niederkirchlichen eben so unangenehm war als den Hochkirchlichen. Gleich vielen anderen Menschen, welche durch Vergnügen, Gewinn oder Gefahr nicht vorn Pfade des Rechts abgebracht werden können, hielt er die Regungen seines Stolzes und seines Hasses irrig für die Mahnungen des Gewissens und betrog sich in den Glauben hinein, daß er, indem er Freunden wie Feinden ohne Unterschied mit Anmaßung und Bitterkeit begegnete, nur seinen christlichen Glauben und Muth beweise. Burnet machte ihn sich zum Todfeinde, weil er ihn zur Geduld und zum Vergeben von Ungerechtigkeiten ermahnte. „Sagt Sr. Lordschaft,“ antwortete der unbeugsame Priester, „er möge sich um seine Angelegenheiten kümmern und mich für die meinigen selbst sorgen lassen.[6]“ Man begann bald zu munkeln, daß Johnson den Verstand verloren habe. Er beschuldigte Burnet der Urheberschaft dieses Gerüchts und rächte sich durch Schmähschriften, deren maßlose Heftigkeit die Behauptung, die sie widerlegen sollten, nur bestätigten. Der König hielt es daher für besser, aus seiner Privatchatulle eine freigebige Entschädigung für das Unrecht zu bewilligen, von dem die Gemeinen ihn in Kenntniß gesetzt hatten, als einem überspannten und reizbaren Manne eine angesehene des öffentlichen Vertrauens bedürfende Stellung zu übertragen. Johnson erhielt ein Geschenk von tausend Pfund und eine jährliche Pension von dreihundert Pfund für sich und seinen nächsten Leibeserben. Sein Sohn wurde überdies im Dienste angestellt.[7]

Das Erkenntniß gegen Devonshire.

Während die Gemeinen das Urtheil Johnson’s in Erwägung zogen, untersuchten die Lords mit Strenge das Prozeßverfahren, welches unter der vorigen Regierung gegen ein Mitglied ihres eignen Standes, den Earl von Devonshire, eingeleitet worden war. Die Richter, welche über ihn abgeurtheilt hatten, wurden umständlich ausgefragt und eine Resolution angenommen, welche erklärte, daß in seinem Falle die Vorrechte der Pairie verletzt und daß der Gerichtshof der Kings Bench, indem er einen übereilten Schlag mit einer Geldbuße von dreißigtausend Pfund bestraft, der gemeinen Justiz und der großen Charte Gewalt angethan habe.[8]

Das Erkenntniß gegen Oates.

In den vorerwähnten Fällen scheinen alle Parteien in der Ansicht übereingestimmt zu haben, daß eine öffentliche Genugthuung angemessen sei. Bald aber wurden die heftigsten Leidenschaften der Whigs wie der Tories durch die geräuschvollen Ansprüche eines Schurken erregt, dessen Leiden, so hart sie auch scheinen mochten, im Vergleich mit seinen Verbrechen unbedeutend gewesen waren. Oates war zurückgekommen, wie ein Geist von der Richtstätte, um die Orte heimzusuchen, die er durch seine Verbrechen befleckt hatte. Die ersten vierthalb Jahre nach seiner Züchtigung hatte er in einer Zelle von Newgate zugebracht, die er nur verlassen, wenn er an den Jahrestagen seiner Meineide an den Pranger gestellt wurde. Viele Fanatiker sahen jedoch immer noch einen Märtyrer in ihm, und man sagte sie hätten seine Kerkermeister in so weit zu bestechen vermocht, daß seine Leiden, trotz der bestimmtesten Befehle von Seiten der Regierung, durch manche Begünstigungen gemildert worden seien. Während andere Gefangene, welche im Vergleich zu ihm unschuldig waren, bei der Gefängnißkost abmagerten, wurde sein Tisch mit Truthühnern und Lendenbraten, mit Kapaunen und Spanferkeln, mit Wildpasteten und Körben Claret, den Spenden eifriger Protestanten besetzt.[9] Als Jakob von Whitehall geflüchtet und London in Bestürzung war, wurde in dem Rathe der Lords, welche die Leitung der Geschäfte provisorisch übernommen hatten, die Freilassung des Oates beantragt. Der Antrag wurde verworfen,[10] aber die Kerkermeister, welche nicht wußten, wem sie in dieser Zeit der Anarchie gehorchen sollten und die es mit einem Manne nicht verderben wollten, der einst ein furchtbarer Feind gewesen war und es vielleicht wieder werden konnte, erlaubten ihrem Gefangenen, frei in der Stadt umherzugehen.[11] Seine mißgestalteten Beine und sein häßliches Gesicht, das durch den Verlust der abgeschnittenen Ohren noch mehr entstellt worden, waren jetzt wieder täglich in Westminsterhall und im Court of Requests zu sehen.[12] Er hing sich an seine alten Gönner und gab ihnen in der schleppenden Sprache, die er als ein Zeichen von Vornehmheit affectirte, die Geschichte seiner Leiden und seiner Hoffnungen. Es sei unmöglich, sagte er, daß jetzt, wo die gute Sache gesiegt habe, der Entdecker des Complots übergangen werden könne. „Karl gab mir neunhundert Pfund jährlich. Gewiß, Wilhelm wird mir mehr geben.“[13]

In wenigen Wochen brachte er sein Erkenntniß durch eine Nichtigkeitsbeschwerde in das Haus der Lords. Dies ist ein Appellationsact, welcher keine Thatbestandsfrage zur Erörterung bringt. Während die Lords über die Nichtigkeitsbeschwerde zu Gericht saßen, waren sie nicht berechtigt zu untersuchen, ob das Verdict, welches Oates für schuldig erklärte, den Beweisen entsprach oder nicht. Sie hatten nur zu erwägen, ob das Erkenntniß, angenommen auch, daß das Verdict den Beweisen entsprach, gesetzmäßig war. Aber es würde selbst einem aus altgedienten Magistratsbeamten bestehenden Tribunal schwer geworden sein, und war einer Versammlung von Edelleuten, die sich alle stark zu dieser oder jener Seite hinneigten und unter denen sich damals nicht ein einziger befand, dessen Geist durch das Studium der Jurisprudenz gebildet gewesen wäre, fast unmöglich, unverwandt auf den bloßen Rechtspunkt zu blicken und von den speciellen Umständen des Falles gänzlich zu abstrahiren. In den Augen einer Partei, die allerdings selbst unter den whiggistischen Peers wahrscheinlich eine Minorität bildete, war der Appellant ein Mann, der der Sache der Freiheit und der Religion unschätzbare Dienste geleistet und der dafür mit einer langjährigen Haft, mit entehrender Ausstellung und mit einer Tortur belohnt worden war, an die man nicht ohne Schaudern zurückdenken konnte. Die Majorität des Hauses betrachtete ihn jedoch richtiger als das falscheste, böswilligste und schamloseste Geschöpf, das je den Namen Mensch geschändet hatte. Bei dem Anblicke dieser frechen Stirn, bei dem Tone dieser lügnerischen Zunge verloren sie alle Selbstbeherrschung. Viele von ihnen erinnerten sich ohne Zweifel mit Beschämung und Reue, daß sie sich von ihm hatten täuschen lassen und daß er sie noch das letzte Mal wo er vor ihnen stand, durch einen Meineid bewogen hatte, das Blut eines Mitglieds ihres eigenen hohen Standes zu vergießen. Es ließ sich nicht erwarten, daß eine von solchen Gefühlen beseelte Versammlung von Gentlemen mit der kalten Unparteilichkeit eines Gerichtshofes verfahren werde. Ehe sie zu einer Entscheidung der Rechtsfrage kamen, welche Titus ihnen vorgelegt hatte, hingen sie ihm eine Reihe von Prozessen an. Er hatte eine Schrift drucken lassen, die seine Verdienste und seine Leiden verherrlichte. Die Lords fanden einen Vorwand, um diese Publikation eine Privilegiumsverletzung zu nennen und schickten ihn in das Marschallgefängniß. Er petitionirte um seine Freilassung, aber es wurde gegen sein Gesuch ein Einwurf geltend gemacht. Er hatte sich als Doctor der Theologie gerirt, und ihre Lordschaften wollten ihn als solchen nicht anerkennen. Er wurde vor ihre Schranken geführt und gefragt, wo er graduirt worden sei. Seine Antwort lautete: „Auf der Universität Salamanca.“ Dies war ein neues Beispiel von seiner Lügenhaftigkeit und Frechheit. Sein Salamanca-Doctortitel war viele Jahre lang ein Lieblingsthema für alle toryistischen Satyriker von Dryden abwärts, und selbst auf dem Festlande wurde der „Salamancadoctor“ ein allgemein gebräuchlicher Spottname.[14] Die Lords vergaßen in ihrem Hasse gegen Oates die Würde ihres Standes so weit, daß sie diese lächerliche Geschichte ernsthaft behandelten. Sie befahlen ihm, die Worte „Doctor der Theologie“ in seiner Petition zu streichen, er entgegnete darauf, daß er dies mit gutem Gewissen nicht thun könne, und in Folge dessen wurde er ins Gefängniß zurückgeschickt.[15]

Diese Präliminarien ließen unschwer errathen, welches Schicksal die Nichtigkeitsbeschwerde haben würde. Oates’ Vertheidiger war gehört worden, und es trat kein Advokat gegen ihn auf. Die Richter wurden aufgefordert, ihre Meinung abzugeben. Es waren neun von ihnen anwesend und unter diesen neun befanden sich die Präsidenten der drei Gerichtshöfe des gemeinen Rechts. Der einstimmige Ausspruch dieser erfahrenen, gelehrten und rechtschaffenen Magistratspersonen lautete dahin, daß der Gerichtshof der Kings Bench nicht befugt sei, einen Priester seines heiligen Amtes zu entsetzen oder auf lebenslängliche Haft zu erkennen und daß daher das Urtheil gegen Oates gesetzwidrig sei und umgestoßen werden müsse. Die Lords hätten sich unzweifelhaft durch diesen Ausspruch für gebunden erachten sollen. Daß sie Oates als den schlechtesten Menschen von der Welt kannten, that nichts zur Sache. Für sie, in ihrer Eigenschaft als Gerichtshof, mußte er ein Apellant sein wie jeder andre. Aber ihr Unwille war heftig erregt und ihre Gewohnheiten waren nicht von der Art, um sie zur Erfüllung richterlicher Pflichten tauglich zu machen. Die Debatte drehte sich fast ausschließlich um Dinge, welche gar nicht hatten erwähnt werden sollen. Nicht ein einziger Peer hatte den Muth zu behaupten, daß das Urtheil rechtskräftig sei; dagegen wurde viel von dem abscheulichen Character des Apellanten, von der frechen Beschuldigung, die er gegen Katharine von Braganza erhoben, und von den schlimmen Consequenzen gesprochen, welche daraus hervorgehen müßten, wenn ein so schlechter Mensch als Zeuge auftreten dürfe. „Es giebt nur eine Bedingung,“ sagte der Lordpräsident, „unter der ich mich dazu verstehen kann, das Urtel dieses Menschen umzustoßen. Er ist von Aldgate nach Tyburn gepeitscht worden: er muß von Tyburn nach Aldgate zurück gepeitscht werden.“ Die Fragen wurden gestellt. Zwanzig Peers stimmten für Umstoßung des Urtels, fünfunddreißig für Bestätigung desselben.[16]

Diese Entscheidung machte großes Aufsehen, und nicht ohne Grund. Jetzt wurde eine Frage erhoben, welche mit Recht die Besorgniß Jedermann’s im ganzen Königreiche erwecken mußte. Die Frage war die, ob es dem höchsten Tribunale, dem Tribunale, von welchem in letzter Instanz die werthvollsten Interessen jedes englischen Unterthanen abhingen, freistehe, Rechtsfragen nach anderen als Rechtsgründen zu entscheiden und einem Rechtsuchenden wegen der Verderbtheit seines moralischen Characters sein anerkanntes gesetzliches Recht vorzuenthalten. Daß dem höchsten Appellhofe nicht gestattet sein dürfe, unter den Formen einer ordentlichen Justiz eine willkürliche Gewalt auszuüben, das fühlten die talentvollsten Männer im Hause der Gemeinen tief, und Niemand tiefer als Somers. Ihm und Denen, welche wie er argumentirten, stimmten in diesem Falle eine Menge schwacher und hitzköpfiger Zeloten bei, welche Oates noch immer als einen Volkswohlthäter betrachteten und glaubten, die Existenz des papistischen Complots in Zweifel ziehen heiße eben so viel als die Wahrheit der protestantischen Religion in Zweifel ziehen. Noch denselben Morgen, nachdem die Peers ihre Entscheidung abgegeben hatten, hörte man im Hause der Gemeinen sehr nachdrückliche Aeußerungen über die Gerechtigkeit Ihrer Lordschaften. Drei Tage darauf wurde der Gegenstand durch ein whiggistisches Mitglied des Geheimrath, Sir Robert Howard, Abgeordneter für Castle Rising, zur Sprache gebracht. Er gehörte der Berkshirelinie seiner vornehmen Familie an, einer Linie, die sich damals der nicht beneidenswerthen Auszeichnung erfreute, ungemein fruchtbar an schlechten Versmachern zu sein. Die Poesie der Howards von Berkshire war der Spott dreier Generationen von Satyrikern. Der Spaß begann mit der ersten Aufführung der „Rehearsal“ und dauerte bis zur letzten Ausgabe der „Dunciade“.[17] Aber trotz seiner schlechten Verse und einiger Schwächen und Eitelkeiten, wegen denen er unter dem Namen Sir Positive Atall auf die Bühne gebracht wurde, besaß Sir Robert im Parlamente das Gewicht, das ein standhafter Parteimann von großem Vermögen, angesehenem Namen, gewandtem Vortrage und entschlossenem Geiste fast immer besitzt.[18] Als er sich erhob, um die Aufmerksamkeit der Gemeinen für den Rechtsfall Oates’ in Anspruch zu nehmen, begrüßten ihn einige Tories, die von den nämlichen Leidenschaften beseelt waren, welche in dem andren Hause vorherrschend gewesen, mit lautem Zischen. Trotz dieser höchst unparlamentarischen Beleidigung beharrte er in seinem Vorhaben, und es zeigte sich bald, daß er die Majorität für sich hatte. Einige Redner priesen Oates’ Patriotismus und Muth, andere sprachen ausführlich über ein umlaufendes Gerücht, daß die Anwälte, deren sich die Krone gegen ihn bedient, bedeutende Summen Geldes unter die Geschwornen vertheilt hätten. Dies waren jedoch Dinge, in Bezug auf welche große Meinungsverschiedenheit herrschte. Daß aber das Erkenntniß ungesetzlich war, ließ sich nicht bestreiten. Die ausgezeichnetsten Juristen im Hause der Gemeinen erklärten, daß sie in diesem Punkte mit dem Ausspruche, den die Richter im Hause der Lords abgegeben, vollkommen übereinstimmten. Die, welche gezischt hatten, als der Gegenstand zur Sprache gebracht wurde, waren so wirksam eingeschüchtert, daß sie nicht auf Abstimmung anzufragen wagten, und eine das Urtel annullirende Bill wurde ohne Opposition eingebracht.[19]

Die Lords befanden sich in einer kritischen Lage. Den Ausspruch zu widerrufen, wäre unangenehm gewesen, und sich in einen Streit mit dem Unterhause über einen Gegenstand einzulassen, bezüglich dessen dieses Haus klar im Rechte war und zu gleicher Zeit durch die Ansichten der Rechtskundigen wie durch die Leidenschaften des Pöbels unterstützt wurde, konnte gefährlich werden. Man hielt es daher für passend, einen Mittelweg einzuschlagen. Es wurde eine Adresse an den König gerichtet, die ihn ersuchte, Oates zu begnadigen.[20] Diese Concession aber machte das Uebel nur schlimmer. Titus hatte, wie jeder andre Mensch, Anspruch auf Gerechtigkeit, aber er war kein geeigneter Gegenstand für Gnade. War das gegen ihn gefällte Urtel gesetzwidrig, so mußte es umgestoßen werden; war es gesetzmäßig, so war kein Grund vorhanden, es irgendwie zu mildern. Die Gemeinen blieben geziemenderweise fest, nahmen ihre Bill an und schickten sie den Lords zu. Der einzige Theil dieser Bill, der einen Einwurf zuließ, war der Eingang, worin nicht allein behauptet war, daß das Urtel gesetzwidrig sei, eine Behauptung, die sich bei Einsicht der Acten als richtig ergab, sondern auch daß das Verdict durch Bestechung corrumpirt sei, eine Behauptung, die, mochte sie nun wahr oder falsch sein, durch gar nichts bewiesen war.

Die Lords waren in großer Verlegenheit. Sie wußten, daß sie Unrecht hatten, waren aber gleichwohl entschlossen, es in ihrer legislativen Eigenschaft nicht auszusprechen, daß sie sich in ihrer richterlichen Eigenschaft einer Ungerechtigkeit schuldig gemacht hätten. Sie versuchten abermals einen Mittelweg. Der Eingang wurde gemildert, eine Klausel hinzugesetzt, welche bestimmte, daß Oates auch fernerhin zur Zeugenschrift unfähig bleiben solle, und die so abgeänderte Bill den Gemeinen wieder zugesandt.

Die Gemeinen waren nicht befriedigt. Sie verwarfen die Amendements und verlangten eine freie Conferenz. Zwei ausgezeichnete Tories, Rochester und Nottingham, nahmen als Wortführer der Lords im „gemalten Zimmer“ ihre Sitze ein. Ihnen zur Seite stand Burnet, dessen wohlbekannter Haß gegen den Papismus dem was er bei einer solchen Gelegenheit sagen mochte, großes Gewicht zu geben verhieß. Somers war der Hauptsprecher auf der andren Seite, und seiner Feder verdanken wir einen ungemein klaren und interessanten Auszug aus der Debatte.

Die Lords gestanden offen zu, daß das Erkenntniß des Gerichtshofes der Kings Bench sich nicht vertheidigen lasse. Sie wüßten, daß es gesetzwidrig sei und hätten dies auch gewußt, als sie es bestätigten. Aber sie hätten die beste Absicht dabei gehabt. Sie beschuldigten Oates, eine schamlos falsche Anklage gegen die Königin Katharine erhoben zu haben, erwähnten noch andere Beispiele von seiner Schlechtigkeit und fragten ob ein solcher Mensch noch befugt sein dürfe, vor einem Gerichtshofe Zeugniß abzulegen. Die einzige Entschuldigung, welche ihrer Ansicht nach zu seinen Gunsten angeführt werden könne, sei die, daß er den Verstand verloren habe, und die unerhörte Frechheit und Albernheit seines Benehmens, als er das letzte Mal vor ihnen gestanden, scheine in der That die Annahme zu rechtfertigen, daß er geisteskrank sei und daß man ihm das Leben Anderer nicht anvertrauen könne. Die Lords könnten sich daher nicht durch ausdrückliche Zurücknahme dessen was sie gethan erniedrigen und eben so wenig sich entschließen, das Verdict auf keinen andren Beweis hin als ein allgemeines Gerücht, für corrumpirt zu erklären.

Die Replik war vollkommen siegreich. „Oates bildet jetzt den kleinsten Theil der Frage. Eure Lordschaften sagen, er habe die Königin Wittwe und andere unschuldige Personen fälschlich angeklagt. Zugegeben. Diese Bill gewährt ihm keine Amnestie. Wir sind ganz dafür, daß er, wenn er schuldig ist, bestraft werden muß. Aber wir verlangen in seinem wie im Interesse aller Engländer, daß die Strafe durch das Gesetz und nicht durch die Willkür eines Tribunals bestimmt werde. Wir verlangen, daß, wenn Eure Lordschaften eine Appellation vorliegt, Sie den bekannten Gebräuchen und Gesetzen des Reichs gemäß Ihr Urtheil darüber abgeben. Wir leugnen, daß Sie in einem solchen Falle das mindeste Recht haben, auf den moralischen Character eines Klägers oder auf die politischen Folgen einer Entscheidung Rücksicht zu nehmen. Sie gestehen selbst zu, daß Sie lediglich deshalb, weil Sie eine nachtheilige Meinung von diesem Manne hatten, ein Erkenntniß bestätigten, von dem Sie wußten, daß es gesetzwidrig war. Gegen diese Anmaßung willkürlicher Gewalt protestiren die Gemeinen, und sie hoffen, daß Sie jetzt widerrufen werden, was Sie als einen Irrthum erkennen müssen. Eure Lordschaften sprechen die Vermuthung aus, daß Oates wahnsinnig sei. Wahnsinn kann jedoch ein sehr triftiger Grund sein, um einen Menschen gar nicht zu bestrafen. Wie aber der Wahnsinn ein Grund sein kann, um eine Strafe über ihn zu verhängen, die selbst wenn er gesund wäre, ungesetzlich sein würde, das begreifen die Gemeinen nicht. Eure Lordschaften meinen ferner, daß Sie es nicht verantworten könnten, ein Verdict corrumpirt zu nennen, von dem dies nicht juristisch bewiesen sei. Erlauben Sie uns, Sie daran zu erinnern, daß Sie zwei verschiedene Funktionen haben. Sie sind Richter und Sie sind Gesetzgeber. Wenn Sie richten, so ist es Ihre Pflicht, Sich streng an das Gesetz zu halten. Wenn Sie Gesetze geben, kann es zweckmäßig sein, auf allgemeine Gerüchte Rücksicht zu nehmen. Sie kehren diese Regel um. Sie sind am unrechten Orte lax und am unrechten Orte scrupulös. Als Richter verletzen Sie um einer vermeintlichen Convenienz willen das Gesetz. Als Gesetzgeber wollen Sie kein Factum ohne solche technische Beweise gelten lassen, wie sie Gesetzgeber nur selten erlangen können.[21]“

Auf dieses Raisonnement wurde nichts erwiedert und konnte nichts erwiedert werden. Die Gemeinen waren sichtlich stolz auf die Kraft ihrer Beweisführung und auf das Auftreten Somers’ im gemalten Zimmer. Sie beauftragten ihn insbesondere, dafür zu sorgen, daß der Bericht, den er von der Conferenz erstattet hatte, genau in die Protokolle aufgenommen werde. Die Lords dagegen unterließen wohlweislich, einen Bericht über eine Debatte, in der sie eine so vollständige Niederlage erlitten hatten, in ihre Protokolle einzuzeichnen. Aber obgleich sie ihren Fehler einsahen und sich desselben schämten, waren sie doch nicht dahin zu bringen, es öffentlich zu bekennen, indem sie im Eingange zu der Acte eingestanden, daß sie sich einer Ungerechtigkeit schuldig gemacht hätten. Die Minorität war indessen stark. Der Beschluß, beizutreten, wurde mit nur zwölf Stimmen durchgebracht, wovon zehn auf abwesende Mitglieder kamen, die ihre Stimmen Anderen übertragen hatten.[22] Einundzwanzig Peers protestirten und die Bill fiel. Zwei Beisitzer wurden abgeschickt, um die Gemeinen von dem definitiven Beschlusse der Peers in Kenntniß zu setzen. Die Gemeinen hielten dieses Verfahren in substantieller Hinsicht für unverantwortlich und in formeller Hinsicht für unhöflich. Sie beschlossen, dagegen zu demonstriren, und Somers entwarf ein vortreffliches Manifest, in welchem der verachtungswerthe Name des Oates kaum erwähnt war und worin das Oberhaus sehr ernst und eindringlich ermahnt wurde, richterliche Fragen richterlich zu behandeln und nicht eigenmächtig ein neues Recht zu machen unter dem Vorwande, das bestehende Recht anzuwenden.[23] Der Schurke, der jetzt zum zweiten Male die politische Welt in Aufregung gebracht hatte, wurde begnadigt und in Freiheit gesetzt. Seine Freunde im Unterhause beantragten nun eine Adresse an den Thron, welche darum ansuchte, daß ihm eine für seinen Unterhalt genügende Pension ausgesetzt werden möchte,[24] Es wurden ihm in Folge dessen etwa dreihundert Pfund Sterling jährlich bewilligt, eine Summe, die er unter seiner Würde hielt und die er nur mit der verbissenen Wuth getäuschter Habsucht annahm.

Rechtsbill.

Aus dem Streite über Oates entsprang ein andrer Streit, der sehr ernste Folgen hätte haben können. Die Urkunde welche Wilhelm und Marien zum König und zur Königin erklärten, war eine revolutionäre Urkunde. Sie war das Werk einer Versammlung, von der das ordentliche Gesetz nichts wußte, und hatte nie die königliche Sanction erhalten. Es war offenbar wünschenswerth, daß dieser hochwichtige Vertrag zwischen den Regierenden und den Regierten, dieses Dokument, kraft dessen der König seinen Thron und das Volk seine Freiheiten besaß, in eine streng regelrechte Form gebracht wurde. Die Rechtserklärung wurde deshalb in eine Rechtsbill verwandelt und die Rechtsbill von den Gemeinen ohne weiteres angenommen. Bei den Lords aber stieß sie auf Schwierigkeiten.

Die Rechtserklärung hatte die Krone zuerst Wilhelm und Marien gemeinschaftlich, dann dem Ueberlebenden von Beiden, dann Mariens Nachkommenschaft, und endlich auch der Nachkommenschaft Wilhelm’s von irgend einer andren Gemahlin als Marien zuerkannt. Die Bill war mit der Erklärung genau übereinstimmend abgefaßt. Wem aber der Thron zufallen sollte, wenn Marie, Anna und Wilhelm alle drei ohne Nachkommen starben, war in Ungewißheit gelassen. Dieser nicht vorgesehene Fall war indessen keineswegs unwahrscheinlich. Er lag sogar wirklich vor. Wilhelm hatte nie ein Kind gehabt. Anna war zwar mehrere Male Mutter gewesen, aber keines ihrer Kinder war mehr am Leben. Es wäre kein großes Wunder gewesen, wenn Krankheit, Krieg oder Verrath binnen wenigen Monaten sämmtliche Personen, welche zur Thronfolge befähigt waren, aus der Welt geschafft hätte. In welche Lage wäre das Land in diesem Falle gekommen? Wem sollte dann gehuldigt werden? Die Bill enthielt zwar eine Klausel, welche Papisten vom Throne ausschloß. Aber ersetzte eine solche Klausel eine den Nachfolger mit Namen bezeichnende Bestimmung? wie dann, wenn der nächste Thronerbe ein noch nicht drei Monat alter Prinz des Hauses Savoyen war? Es wäre absurd gewesen, ein solches Kind einen Papisten zu nennen. Sollte es also zum König proklamirt werden? Oder sollte die Krone so lange herrenlos bleiben, bis es ein Alter erreicht hatte, in welchem es befähigt war, sich eine Religion zu wählen? Konnten nicht auch die rechtschaffensten und verständigsten Männer in Zweifel sein, ob sie es als ihren Souverain betrachten dürften? Und wer sollte ihnen diesen Zweifel lösen? Ein Parlament würde es nicht geben, denn das Parlament würde mit dem Fürsten, der es zusammenberufen hatte, aufhören zu existiren. Es mußte eine vollständige Anarchie eintreten, eine Anarchie, welche mit der Vernichtung der Monarchie oder mit der Vernichtung der öffentlichen Freiheit enden konnte. Aus diesen gewichtigen Gründen schlug Burnet auf Wilhelm’s Veranlassung im Hause der Lords vor, daß die Krone in Ermangelung von Leibeserben Sr. Majestät, auf eine unbezweifelte Protestantin, Sophie, Herzogin von Braunschweig-Lüneburg, einer Enkelin Jakob’s I. und Tochter Elisabeth’s, Königin von Böhmen, übergehen solle.

Die Lords genehmigten dieses Amendement einstimmig, die Gemeinen aber verwarfen es einstimmig. Die Ursache der Verwerfung hat kein Schriftsteller der damaligen Zeit genügend erklärt. Ein whiggistischer Schriftsteller spricht von Machinationen der Republikaner, ein andrer von Machinationen der Jakobiten. Es steht jedoch fest, daß vier Fünftel der Vertreter des Volks weder Jakobiten noch Republikaner waren. Gleichwohl erhob sich im Unterhause nicht eine einzige Stimme zu Gunsten der Klausel, welche im Oberhause mit Acclamation angenommen worden war.[25] Die wahrscheinlichste Erklärung dürfte die sein, daß die grobe Ungerechtigkeit, welche in der Angelegenheit Oates’ begangen worden, die Gemeinen dergestalt gereizt hatte, daß sie mit Freuden eine Gelegenheit ergriffen, den Peers zu opponiren. Es wurde eine Conferenz gehalten, aber keine der beiden Versammlungen wollte nachgeben. Während der Streit am heftigsten war, trat ein Ereigniß ein, von dem man hätte denken sollen, daß es die Eintracht wiederherstellen werde. Anna gebar einen Sohn. Das Kind wurde mit großem Pomp und unter vielfachen öffentlichen Freudenbezeigungen in Hampton Court getauft. Wilhelm, war der eine Taufzeuge, der andre war der feingebildete Dorset, dessen Dach der Prinzessin in ihrem Unglück eine Zuflucht gewährt hatte. Der König gab dem Kinde seinen eignen Namen und kündigte dem um den Taufstein versammelten glänzenden Cirkel an, daß der kleine Wilhelm von diesem Augenblicke Herzog von Gloucester genannt werden solle.[26] Die Geburt dieses Prinzen hatte die Gefahr, gegen welche die Lords auf ihrer Hut zu sein für nöthig erachtet, sehr vermindert. Sie hätten daher jetzt mit Anstand widerrufen können. Aber ihr Stolz war durch die Strenge, mit der man ihre Entscheidung über Oates’ Nichtigkeitsbeschwerde im gemalten Zimmer getadelt hatte, verletzt worden. Man hatte ihnen geradezu ins Gesicht gesagt, daß sie ungerechte Richter seien, und diese Beschuldigung war nur um so kränkender, weil sie sich bewußt waren sie verdient zu haben. Sie verweigerten jede Concession und die Rechtsbill wurde fallen gelassen.[27]

Streitigkeiten wegen einer Indemnitätsbill.

Die aufregendste Frage dieser langen und stürmischen Session war jedoch die, welche Strafe den Männern zuerkannt werden solle, die in der Zeit zwischen der Auflösung des Oxforder Parlaments und der Revolution die Rathgeber oder Werkzeuge Karl’s und Jakob’s gewesen waren. Es war ein Glück für England, daß in dieser Krisis ein Fürst, der keiner der beiden Parteien angehörte, der keine von beiden weder liebte noch haßte und der zur Durchführung eines großen Planes beide zu benutzen wünschte, der Vermittler zwischen ihnen war.

Die beiden Parteien waren jetzt in einer ganz ähnlichen Lage wie vor achtundzwanzig Jahren. Zwar war die Partei, welche damals im Nachtheil gewesen, gegenwärtig im Vortheil, aber die Analogie zwischen den beiden Situationen ist eine der vollkommensten, die man in der Geschichte finden kann. Die Restauration wie die Revolution waren beide durch Coalitionen herbeigeführt worden. Bei der Restauration halfen diejenigen Politiker, welche der Freiheit besonders zugethan waren, die Monarchie wieder einsetzen; bei der Revolution halfen diejenigen Politiker, welche der Monarchie mit besonderem Eifer anhingen, die Freiheit vertheidigen. Der Cavalier hätte, bei der ersteren Gelegenheit, ohne den Beistand der Puritaner, welche für den Covenant gefochten, nichts ausrichten können; ebensowenig hätte der Whig bei der letzteren Gelegenheit der Willkürgewalt einen erfolgreichen Widerstand leisten können, wäre er nicht durch Männer unterstützt worden, die noch vor ganz kurzer Zeit den Widerstand gegen Willkürgewalt als eine Todsünde verdammt hatten. Die Bedeutendsten unter Denen, durch welche im Jahre 1660 die königliche Familie zurückgebracht wurde, waren Hollis, der in den Tagen der Tyrannei Karl’s I. den Sprecher mit offener Gewalt auf seinem Stuhle festhielt, während der schwarze Stab vergebens anklopfte, um Einlaß zu erlangen; Ingoldsby, dessen Name unter dem denkwürdigen Todesurtheile stand, und Prynne, dem Laud die Ohren abgeschnitten und der dafür den Hauptantheil an Laud’s Verurtheilung zum Tode gehabt hatte. Unter den Sieben, welche 1688 die Einladung an Wilhelm unterzeichneten, waren Campton, der lange die Pflicht eingeschärft hatte, einem Nero zu gehorchen, Danby, der angeklagt worden war, weil er den Militärdespotismus einzuführen versucht hatte, und Lumley, dessen Bluthunde Monmouth bis in seinen traurigen letzten Versteck im Walde verfolgt hatten. Sowohl 1660 als auch 1688 versprachen sich die beiden feindlichen Parteien, so lange das Geschick der Nation unentschieden war, gegenseitig Vergebung. Bei beiden Gelegenheiten erwies sich die Versöhnung, welche im Augenblicke der Gefahr aufrichtig geschienen hatte, im Augenblicke des Sieges als falsch und hohl. Sobald Karl II. wieder in Whitehall war, vergaß der Cavalier die Dienste, welche die Presbyterianer kürzlich geleistet, und erinnerte sich nur noch ihrer alten Beleidigungen. Sobald Wilhelm König war, begannen nur zu viele Whigs Rache zu fordern für Alles was sie in den Tagen des Ryehousecomplots von der Hand der Tories erduldet hatten. Bei beiden Gelegenheiten wurde es dem Souverain schwer, die besiegte Partei vor der Wuth seiner triumphirenden Anhänger zu schützen, und bei beiden Gelegenheiten murrten Die, deren Rache er vereitelt hatte, heftig gegen die Regierung, die so schwach und undankbar gewesen war, ihre Feinde gegen ihre Freunde in Schutz zu nehmen.

Schon am 25. März machte Wilhelm die Gemeinen auf die Zweckmäßigkeit der Maßregel aufmerksam, die öffentliche Meinung durch eine Amnestie zu beschwichtigen. Er sprach die Hoffnung aus, daß eine Bill für allgemeines Vergeben und Vergessen so bald als möglich ihm zur Genehmigung vorgelegt und daß keine anderen Ausnahmen gemacht werden würden, als die für die Aufrechthaltung der öffentlichen Gerechtigkeit und für die Sicherheit des Staats absolut nothwendig erschienen. Die Gemeinen waren einstimmig dafür, ihm für diesen Beweis seiner väterlichen Güte zu danken; allein sie ließen viele Wochen vergehen, ohne einen Schritt zur Erfüllung seines Wunsches zu thun. Als der Gegenstand endlich wieder zur Sprache gebracht wurde, geschah dies auf eine Art, welche deutlich bewies, daß die Majorität nicht den ernsten Willen hatte, der Ungewißheit ein Ende zu machen, welche allen denjenigen Tories, die sich bewußt waren, in ihrem Eifer für die Prärogative zuweilen die vom Gesetz gezogene strenge Grenze überschritten zu haben, das Leben verbitterte. Es wurden zwölf Kategorien gebildet, von denen einige so umfassend waren, daß sie Zehntausende von Delinquenten in sich schlossen, und das Haus beschloß, daß in jeder dieser Kategorien einige Ausnahmen gemacht werden sollten. Dann kam die Prüfung der einzelnen Fälle. Zahlreiche Angeklagte und Zeugen wurden vor die Schranken citirt. Die Debatten waren lang und heftig, und es stellte sich bald heraus, daß die Arbeit kein Ende nehmen werde. Der Sommer verging und der Herbst rückte heran; die Session konnte nicht viel länger dauern, und von den zwölf einzelnen Untersuchungen, welche die Gemeinen vorzunehmen beschlossen hatten, waren erst drei beendigt. Es war demnach nöthig, die Bill für dieses Jahr fallen zu lassen.[28]

Die letzten Tage Jeffreys’.

Unter den vielen Verbrechern, deren Namen im Laufe dieser Untersuchung genannt wurden, befand sich einer, der an Schuld und Schande einzig und unerreicht dastand und den sowohl Whigs als Tories der äußersten Strenge des Gesetzes zu überlassen geneigt waren. An dem fürchterlichen Tage, auf den die Irische Nacht folgte, hatte das Wuthgebrüll einer um ihre Rache betrogenen großen Stadt Jeffreys bis an die Zugbrücke des Towers begleitet. Obwohl seine Einkerkerung nicht streng gesetzmäßig war, nahm er doch anfangs mit Dank und Segenswünschen den Schutz an, den diese düsteren, durch so viele Verbrechen und Leiden berüchtigten Mauern ihm vor der Wuth der Menge gewährten.[29] Bald kam er jedoch zu der Ueberzeugung, daß sein Leben noch immer sehr gefährdet sei. Eine Zeit lang schmeichelte er sich mit der Hoffnung, daß ein Habeascorpusbefehl ihn aus seiner Haft befreien und daß er im Stande sein werde, in ein fremdes Land zu entkommen und sich mit einem Theile seines übelerworbenen Reichthums vor dem Hasse der Menschheit zu verbergen. Aber bis zur Feststellung der Regierung gab es keinen Gerichtshof, der zur Ausstellung eines Habeascorpusbefehls befugt gewesen wäre, und sobald die Regierung festgestellt war, wurde die Habeascorpusacte suspendirt.[30] Ob Jeffreys des Mordes in legalem Sinne überführt werden konnte, steht zu bezweifeln. Moralisch aber war er so vieler Mordthaten schuldig, daß, wenn es kein andres Mittel gegeben hätte, seinem Leben beizukommen, die ganze Nation eine retrospective Verurtheilungsacte stürmisch gefordert haben würde. Die Neigung, über einen Gefallenen zu triumphiren, gehörte nie zu den vorwiegenden Untugenden der Engländer; aber der Haß gegen Jeffreys war ohne Beispiel in unsrer Geschichte und entsprach nur zu sehr dem Blutdurste seines eignen Characters. Das Volk war in Bezug auf ihn eben so grausam als er selbst und frohlockte über seinen Schmerz, wie er gewohnt gewesen war, über den Schmerz Verurtheilter, die ihr Todesurtheil anhörten, und trauernder Familien zu frohlocken. Der Pöbel versammelte sich vor seinem verödeten Hause in Duke Street und las unter schallendem Gelächter an seiner Thür die Anschläge, welche den Verkauf seines Eigenthums verkündeten. Selbst zarte Frauen, die für Straßenräuber und Diebe Thränen hatten, athmeten nichts als Rache gegen ihn. Die Spottlieder auf ihn, welche in der Stadt verkauft wurden, zeichneten sich durch eine selbst damals seltene Heftigkeit aus. Der Henkertod sei viel zu mild, ein Grab unter dem Galgen eine viel zu ehrenvolle Ruhestätte für ihn, er müsse an einen Karren angebunden und zu Tode gepeitscht, er müsse wie ein Indianer gemartert, er müsse lebendig verschlungen werden. Die Straßendichter zertheilten alle seine Glieder mit cannibalischer Grausamkeit und berechneten wie viel Pfund Fleisch von seinem wohlgenährten Corpus losgeschnitten werden könnten. Die Wuth seiner Feinde ging sogar soweit, daß sie in einer in England selten gehörten Sprache den Wunsch ausdrückten, er möge dahin gehen, wo Heulen und Zähnklappern sei, zu dem Wurme, der niemals stirbt, zu dem Feuer, das nimmer verlöscht. Sie riethen ihm, sich mittelst seiner Kniebänder aufzuhängen und sich mit seinem Rasirmesser den Hals abzuscheiden. Sie richteten das gräßliche Gebet zum Himmel, daß er der Reue unzugänglich sein und als der nämliche herzlose, nichtswürdige Jeffreys sterben möge, der er im Leben gewesen war.[31] Eben so feigherzig im Unglück wie übermüthig und unmenschlich im Glück, sank ihm unter der Last der öffentlichen Verachtung gänzlich der Muth. Seine von Haus aus schlechte und durch Unmäßigkeit sehr geschwächte Constitution wurde durch Verzweiflung und Angst völlig zerrüttet. Er wurde von einer schmerzhaften inneren Krankheit gepeinigt, welche selbst die geschicktesten Aerzte der damaligen Zeit selten zu heben vermochten. Nur ein Trost blieb ihm: der Branntwein. Selbst wenn er Untersuchungen zu leiten und Berathungen beizuwohnen hatte, ging er selten nüchtern zu Bett. Jetzt, wo er seinen Geist mit nichts als entsetzlichen Rückerinnerungen und entsetzlichen Ahnungen beschäftigen konnte, gab er sich rückhaltlos seinem Lieblingslaster hin. Viele glaubten, er wolle durch Unmäßigkeit sein Leben verkürzen. Er hielte es für besser, meinten sie, im Zustande der Trunkenheit aus der Welt zu gehen, als sich von Ketch zerhacken, oder vom Pöbel zerreißen zu lassen.

Einmal wurde er aus seiner jammervollen Verzagtheit durch eine angenehme Empfindung aufgerüttelt, der jedoch alsbald eine kränkende Enttäuschung folgte. Es war ein Packet für ihn im Tower abgegeben worden, das ein Fäßchen Colchesteraustern, sein Lieblingsgericht zu enthalten schien. Er war tief bewegt, denn es giebt Augenblicke, wo Diejenigen, welche am wenigsten Zuneigung verdienen, sich mit dem Gedanken schmeicheln, daß sie solche einflößen. „Gott sei Dank!“ rief er aus; „ich habe doch noch Freunde.“ Er öffnete das Fäßchen, und aus einem Haufen Austernschalen fiel ein starker Strick.[32]

Es scheint nicht, daß einer der Schmeichler oder Narren, die er mit dem geraubten Gute seiner Schlachtopfer bereichert hatte, ihn in der Zeit der Trübsal tröstete. Doch war er nicht gänzlich verlassen. Johann Tutchin, den er dazu verurtheilt hatte, sieben Jahre lang alle vierzehn Tage ausgepeitscht zu werden, machte sich auf den Weg nach dem Tower und besuchte den gestürzten Tyrannen. Der arme Jeffreys, obwohl bis in den Staub gedemüthigt, benahm sich mit verworfener Höflichkeit und bestellte Wein. „Ich freue mich, Sir,“ sagte er, „Sie bei mir zu sehen.“ — „Und ich,“ entgegnete der schadenfrohe Whig, „freue mich, Eure Lordschaft hier zu sehen.“ — „Ich diente meinem Herrn,“ versetzte Jeffreys, „dies war meine Gewissenspflicht.“ — „Wo hatten Sie Ihr Gewissen, als sie in Dorchester jenes Urtheil über mich verhängten?“ — „Meine Instructionen lauteten dahin,“ antwortete Jeffreys gleißnerisch, „daß ich gegen Männer wie Sie, Männer von Talent und Muth, keine Nachsicht üben sollte. Als ich an den Hof zurückkam, wurde ich wegen meiner Milde getadelt.[33]“ Selbst Tutchin scheint trotz der Heftigkeit seines Grolls und trotz der Größe der ihm widerfahrenen Unbilden durch das jammervolle Schauspiel, das er anfangs mit rachsüchtiger Schadenfreude betrachtete, ein wenig gerührt worden zu sein. Er leugnete stets die Wahrheit des Gerüchts, daß er Derjenige gewesen sei, der das Colchesterfaß in den Tower geschickt habe.

Außer diesem gewann ein menschenfreundlicher Mann, Johann Sharp, der vortreffliche Dechant von Norwich, es über sich, den Gefangenen zu besuchen. Es war eine peinliche Aufgabe, aber Sharp war in früheren Zeiten von Jeffreys so freundlich behandelt worden, wie Jeffreys überhaupt seinem Character nach Jemanden behandeln konnte, und es war ihm einige Male durch geduldiges Warten, bis der Sturm der Flüche und Verwünschungen ausgetobt hatte, und durch geschickte Benutzung eines Augenblicks guter Laune gelungen, für unglückliche Familien eine Linderung ihrer Leiden zu erwirken. Der Gefangene war erstaunt und erfreut. „Was wagen Sie mir jetzt noch zuzugestehen?“ sagte er. Der menschenfreundliche Geistliche bemühte sich jedoch vergebens, in diesem verstockten Gewissen einen heilsamen Schmerz zu wecken. Anstatt seine Schuld zu bekennen, ergoß sich Jeffreys in heftige Schmähungen gegen die Ungerechtigkeit der Menschen. „Die Leute nennen mich einen Mörder, weil ich das gethan, was Mancher, der jetzt hoch in Gunst steht, damals vollkommen billigte. Sie nennen mich einen Trunkenbold, weil ich Punsch trinke, um mir die Last meines Kummers zu erleichtern.“ Er wollte nicht zugeben, daß er als Präsident der Hohen Commission etwas Tadelnswerthes gethan habe. Seine Collegen, sagte er, seien die eigentlichen Schuldigen, und jetzt wälzten sie alle Schuld auf ihn. Mit besonderer Bitterkeit sprach er von Sprat, der unbestreitbar das humanste und gemäßigtste Mitglied der Behörde gewesen war.

Es zeigte sich bald klar und deutlich, daß der abscheuliche Richter der Last seiner körperlichen und geistigen Leiden rasch erliegen würde. Doctor Johann Scott, Präbendar von St. Paul, ein Geistlicher von großer Frömmigkeit und Verfasser des „Christian Life,“ eines einst weit und breit berühmten Buches, wurde wahrscheinlich auf Anrathen seines intimen Freundes Sharp, an’s Bett des Sterbenden gerufen. Doch umsonst sprach auch Scott, wie Sharp es bereits gethan, von den entsetzlichen Schlächtereien von Dorchester und Taunton. Jeffreys blieb bis zum letzten Augenblicke dabei, daß Die, welche ihn für blutdürstig hielten, seine damaligen Befehle nicht kennten, daß er eher Lob als Tadel verdiene und daß seine Milde ihm das höchste Mißfallen seines Gebieters zugezogen habe.[34]

Krankheit unterstützt durch starkes Trinken und durch tiefen Gram, vollendete bald ihr Werk. Der Magen des Kranken nahm keine Speise mehr an. Binnen wenigen Wochen magerte der stattliche und sogar corpulente Mann zu einem Gerippe ab. Am 18. April starb er im einundvierzigsten Jahre seines Lebens. Mit fünfunddreißig Jahren war er Oberrichter der Kings Bench, mit siebenunddreißig Lordkanzler gewesen. In der ganzen Geschichte der englischen Justizpflege findet sich kein zweites Beispiel von einem so raschen Emporsteigen oder einem so heftigen Sturze. Der abgezehrte Leichnam wurde in aller Stille neben der Asche Monmouth’s in der Kapelle des Tower beigesetzt.[35]

Der Sturz dieses einst so mächtigen und gefürchteten Mannes, der Abscheu, mit dem er von allen ehrenwerthen Mitgliedern seiner eignen Partei betrachtet wurde, die Art und Weise, wie die minder ehrenwerthen Mitglieder dieser Partei in seinem Unglück jede Gemeinschaft mit ihm von sich wiesen und die ganze Schuld der Verbrechen, zu denen sie ihn aufgemuntert hatten, auf ihn wälzte, hatten den maßlosen Freunden der Freiheit, welche nach einer neuen Proscription verlangten, zur Lehre dienen sollen. Allein es war eine Lehre, die nur zu viele von ihnen nicht beachteten.

Die Whigs unzufrieden mit dem Könige.

Der König hatte gleich beim Beginn seiner Regierung ihr Mißfallen erregt, indem er einige Tories und Trimmers zu hohen Aemtern berief und die durch diese Ernennungen erweckte Unzufriedenheit war durch sein Bemühen, eine allgemeine Amnestie für die Besiegten zu erlangen, noch verstärkt worden. Er war allerdings auch nicht der Mann, der sich bei den rachsüchtigen Zeloten irgend einer Partei hätte beliebt machen können. Denn zu den Eigenthümlichkeiten seines Characters gehörte eine gewisse schroffe Humanität, durch die er seine Feinde selten gewann und seine Freunde oftmals aufbrachte, in der er aber eigensinnig beharrte, ohne sich weder um die Undankbarkeit Derer, die er vom Untergange gerettet, noch um die Wuth Derer zu kümmern, deren Rachegelüste er vereitelt hatte. Einige Whigs sprachen jetzt ebenso hart über ihn, als sie je über einen seiner beiden Oheime gesprochen hatten. Er sei im Grunde auch ein Stuart und er sei dies nicht umsonst. Wie Alle dieses Stammes liebe auch er die Willkürherrschaft. In Holland sei es ihm gelungen, sich unter der Form einer republikanischen Staatseinrichtung zu einem kaum minder absoluten Herrscher zu machen, als es die erblichen Grafen gewesen seien. Durch eine sonderbare Verkettung von Umständen habe sein Interesse eine kurze Zeit lang dem Interesse des englischen Volks entsprochen, aber obgleich er zufällig ein Befreier geworden, sei er doch von Natur ein Despot. Er sympathisire nicht mit dem gerechten Zorne der Whigs. Er habe Zwecke im Auge, welche die Whigs keinen Souverain gutwillig erreichen lassen würden, und er wisse auch recht gut, daß er nur die Tories als Werkzeuge dazu benutzen könne. Daher habe er sie vom Augenblicke seiner Thronbesteigung an ungebührlich begünstigt. Jetzt wolle er den nämlichen Verbrechern, die er vor wenigen Monaten in seiner Erklärung als eine exemplarische Strafe verdienend bezeichnet habe, eine Amnestie erwirken. Im November habe er der Welt gesagt, daß die Verbrechen, an denen jene Männer Theil genommen, es Unterthanen zur Pflicht gemacht hätten, ihren Huldigungseid zu brechen, Soldaten, ihre Fahnen zu verlassen, Kinder, gegen ihre Eltern zu kämpfen. Mit welcher Consequenz könne er jetzt dazu rathen, diese Verbrechen mit dem Mantel allgemeiner Vergessenheit zu bedecken? und sei nicht nur zu triftiger Grund zu der Besorgniß vorhanden, daß er die Helfershelfer der Tyrannei vor dem verdienten Loose in der Hoffnung zu retten wünsche, daß sie ihm früher oder später einmal eben so gewissenslos dienen würden, wie sie seinem Schwiegervater gedient hätten?

Maßlose Heftigkeit Howe’s.

Unter den von diesen Gefühlen beseelten Mitgliedern des Hauses der Gemeinen war Howe der Heftigste und Kühnste. Er ging einmal so weit, daß eine Untersuchung der Maßnahmen des Parlaments von 1685 eingeleitet und daß allen Denen, die in diesem Parlament mit dem Hofe gestimmt hatten, irgend ein Brandmal aufgedrückt werden solle. Dieser eben so absurde als hämische Antrag wurde von allen ehrenwertheren Whigs gemißbilligt und von Birch und Maynard nachdrücklich bekämpft.[36] Howe mußte nachgeben, aber er war ein Mann, den kein Schlag niederwerfen konnte, und er wurde durch den Beifall vieler hitzköpfiger Mitglieder seiner Partei ermuthigt, welche nicht die entfernteste Ahnung hatten, daß er, nachdem er der hämischeste und characterloseste Whig gewesen, in nicht ferner Zeit der hämischeste und characterloseste Tory werden würde.

Angriff gegen Caermarthen.

Dieser scharfsinnige, ruchlose und boshafte Politiker hielt sich, obgleich er selbst ein einträgliches Amt im königlichen Hofstaat bekleidete, tagtäglich über die Art der Besetzung der hohen Staatsämter auf und seine Declamationen wurden, wenn auch etwas weniger scharf und heftig, von anderen Rednern wiederholt. Keiner, sagten sie, der ein Minister Karl’s oder Jakob’s gewesen sei, dürfe ein Minister Wilhelm’s sein. Der erste Angriff wurde gegen den Lordpräsidenten Caermarthen gerichtet. Howe stellte den Antrag, daß dem Könige eine Adresse überreicht werden solle, die ihn ersuchte, alle Diejenigen, welche je einmal von den Gemeinen angeklagt worden seien, aus Sr. Majestät Staatsrath und Angesicht, zu entfernen. Die Debatte über diesen Antrag wurde zu wiederholten Malen vertagt. Während der Ausgang noch zweifelhaft war, schickte Wilhelm Dykvelt an Howe ab, um ihn zur Rede zu setzen. Howe war unbeugsam. Er war was man im gewöhnlichen Leben einen uneigennützigen Menschen nennt, das heißt, er legte auf das Geld weniger Werth als auf das Vergnügen, seiner üblen Laune Luft zu machen und Aufsehen zu erregen. „Ich erweise dem König einen Dienst,“ sagte er; „ich befreie ihn von falschen Freunden, und meine Stellung wird mich nie abhalten, meine Gedanken auszusprechen.“ Der Antrag wurde gestellt, scheiterte aber gänzlich. Der Satz, daß eine bloße Anklage, ohne Ueberführung, als ein entscheidender Beweis von Schuld betrachtet werden solle, widerstritt in der That der natürlichen Gerechtigkeit. Caermarthen hatte allerdings große Fehler begangen, aber sie waren durch Parteigeist übertrieben, durch harte Leiden gesühnt und durch neuerliche ausgezeichnete Dienste wiedergutgemacht worden. Zu der Zeit als er die große Grafschaft York gegen Papismus und Tyrannei zu den Waffen rief, hatten ihm einige der ausgezeichnetsten Whigs versichert, daß aller alte Zwist vergessen sei. Howe behauptete zwar, daß die Artigkeiten, welche im Augenblicke der Gefahr erzeigt worden seien, nichts bedeuteten. „Wenn ich eine Viper in der Hand habe,“ sagte er, „gehe ich sehr subtil mit ihr um; sobald ich sie aber am Boden habe, zertrete ich sie.“ Aber der Lordpräsident wurde so kräftig unterstützt, daß nach einer dreitägigen Discussion seine Feinde es nicht wagten, über den gegen ihn gerichteten Antrag die Meinung des Hauses zu sondiren. Im Laufe der Debatte wurde beiläufig eine wichtige Verfassungsfrage in Anregung gebracht. Die Frage war, ob eine Begnadigung vor einer parlamentarischen Anklage schützen könne. Die Gemeinen resolvirten ohne Abstimmung, daß eine Begnadigung nicht davor schützen könne.[37]

Angriff auf Halifax.

Der nächste Angriff galt Halifax. Er nahm eine viel verhaßtere Stellung ein als Caermarthen, der sich unter dem Vorgeben, daß seine Gesundheit angegriffen sei, fast gänzlich von den Geschäften zurückgezogen hatte. Halifax wurde allgemein als der erste Rathgeber der Krone betrachtet und für alle in Bezug auf Irland begangenen Fehler speciell verantwortlich gemacht. Die Uebel, sagte man, welche dieses Königreich zu Grunde gerichtet, hätten durch rechtzeitige Vorsicht verhütet oder durch kräftige Anstrengung wiedergutgemacht werden können. Die Regierung aber habe nichts vorgesehen; sie habe wenig gethan, und dieses Wenige sei weder zur rechten Zeit noch in der rechten Weise geschehen. Zu einer Zeit, wo einige wenige Truppen genügt haben würden, habe man Unterhandlungen anstatt Truppen angewendet. Als viele Truppen nöthig gewesen seien, habe man wenige geschickt, und diese wenigen seien schlecht ausgerüstet und schlecht commandirt gewesen. Dies, riefen die heftigen Whigs, seien die natürlichen Früchte des großen Fehlers, den König Wilhelm am ersten Tage seiner Regierung begangen habe. Er habe zu Tories und Trimmers ein Vertrauen gehabt, das sie nicht verdienten. Insbesondere habe er die Leitung der irischen Angelegenheiten dem Trimmer der Trimmers anvertraut, einem Manne, dessen Talent Niemand bestreite, der aber der neuen Regierung nicht treu ergeben, der überhaupt gar nicht fähig sei, irgend einer Regierung treu ergeben zu sein, der stets zwischen zwei Meinungen geschwankt und bis zum Augenblicke der Flucht Jakob’s die Hoffnung nicht aufgegeben habe, daß die Unzufriedenheit der Nation ohne einen Dynastiewechsel beschwichtigt werden könnte. Howe bezeichnete bei zwanzig Gelegenheiten Halifax als die Ursache aller Calamitäten des Landes. Eine ähnliche Sprache führte Monmouth im Hause der Lords. Obgleich erster Lord des Schatzes, schenkte er doch den Finanzgeschäften, für die er übrigens ganz untauglich war und deren er bald überdrüssig geworden, seine Theilnahme. Seine ganze Thätigkeit widmete er der Verfolgung der Tories. Er sagte dem Könige rund heraus, daß Niemand, der nicht ein Whig sei, im Staatsdienste angestellt werden solle. Wilhelm’s Antwort war kalt und entschieden. „Ich habe so viel für Ihre Freunde gethan, als ich ohne Gefahr für den Staat thun kann, mehr aber werde ich nicht thun.[38]“ Die einzige Wirkung dieses Verweises war, daß Monmouth factiöser wurde als je. Besonders gegen Halifax intriguirte und haranguirte er mit unermüdlicher Animosität. Die anderen whiggistischen Lords des Schatzes, Delamere und Capel, waren kaum weniger eifrig bestrebt, den Lordsiegelbewahrer aus dem Amte zu vertreiben, und persönliche Eifersucht und Antipathie bewogen den Lordpräsidenten, mit seinen eignen Anklägern gegen seinen Nebenbuhler zu conspiriren.

In wie weit die Beschuldigungen, welche damals gegen Halifax, erhoben wurden, begründet gewesen sein mögen, läßt sich jetzt nicht mehr mit Gewißheit ermitteln. Obwohl seine Feinde zahlreiche Zeugen befragten und obgleich sie von Wilhelm die ungern gegebene Erlaubniß erlangten, die Protokolle des Geheimen Raths einzusehen, konnten sie doch keinen Beweis entdecken, auf den sie eine bestimmte Anklage hätten stützen können.[39] Es war indessen unleugbar, daß der Lordsiegelbewahrer als Minister für Irland fungirt hatte und daß Irland fast verloren war. Unnöthig und sogar widersinnig ist die Annahme vieler Whigs, daß seine Verwaltung deshalb unersprießlich gewesen sei, weil er nicht gewollt habe, daß sie ersprießlich sein solle. Das Wahre ist, daß die Schwierigkeiten seiner Stellung groß waren und daß er bei all’ seiner Genialität und Beredtsamkeit diesen Schwierigkeiten nicht gewachsen war. Die ganze Regierungsmaschine war aus den Fugen, und er war nicht der Mann, der sie wieder in Gang bringen konnte. Dazu gehörte nicht das was er in so reichem Maße besaß: Geist, Geschmack, glänzende Fassungskraft und scharfe Unterscheidungsgabe, sondern das was ihm fehlte: rasches Entscheiden, unermüdliche Energie und unerschütterliche Entschlossenheit. Sein Gemüth war im Grunde zu weich für eine Arbeit, wie sie jetzt auf ihm lastete und es war neuerdings durch harte Schicksalsschläge noch weicher gestimmt worden. Er hatte in Zeit von nicht ganz einem Jahre zwei Söhne verloren. Es existirt noch ein Brief, in welchem er damals gegen seine hochverehrte Freundin, Lady Russell, über die Verödung seines Herdes und über die herzlose Undankbarkeit der Whigs klagt. Ebenso besitzen wir noch die Antwort darauf, worin sie ihn freundlich ermahnt, da Trost zu suchen, wo sie denselben unter nicht minder harten Prüfungen gefunden habe.[40]

Der erste Angriff auf ihn erfolgte im Oberhause. Einige whiggistische Lords, unter denen sich der launenhafte und ruchlose erste Lord des Schatzes besonders hervorthat, schlugen vor, den König zu ersuchen, daß er einen neuen Sprecher ernenne. Halifax Freunde beantragten die vorläufige Frage und brachten sie durch.[41] Ungefähr drei Wochen später beantragten seine Feinde in einem Comité des ganzen Hauses der Gemeinen eine Resolution, die ihm keine specielle Unterlassungs- oder Begehungssünde zur Last legte, sondern es einfach für rathsam erklärte, daß er aus dem Dienste der Krone entlassen werde. Die Debatte war heiß. Die gemäßigten Politiker beider Parteien waren nicht geneigt, einem zwar nicht fehlerfreien, aber durch Talent und Liebenswürdigkeit gleich ausgezeichneten Mann ein Brandmal aufzudrücken. Als seine Ankläger sahen, daß sie ihren Zweck nicht erreichen konnten, suchten sie sich einer Entscheidung, welche gewiß ungünstig für sie gelautet haben würde, dadurch zu entziehen, daß sie beantragten, der Vorsitzende solle die Sache vertagen. Aber ihre Taktik wurde durch das umsichtige und muthige Benehmen Lord Eland’s, des Marquis’ einzigem noch lebenden Sohne, vereitelt. „Mein Vater hat es nicht verdient,“ sprach der junge Edelmann, „daß man solches Spiel mit ihm treibt. Wenn Sie ihn für strafbar halten, so sagen Sie es, und er wird sich ohne weiteres Ihrem Urtheile unterwerfen. Entlassung vom Hofe hat nichts Schreckliches für ihn. Gottes Güte hat ihn der Nothwendigkeit überhoben, die Mittel zur Aufrechthaltung seines Ranges in einem Amte zu suchen.“ Das Comité stimmte ab und Halifax wurde mit einer Majorität von vierzehn Stimmen freigesprochen.[42]

Vorbereitungen zu einem Feldzuge in Irland.

Wäre die Abstimmung um einige Stunden verschoben worden, so würde die Majorität wahrscheinlich viel bedeutender gewesen sein. Die Gemeinen stimmten unter dem Einflusse der Meinung, daß Londonderry gefallen und ganz Irland verloren sei. Kaum war das Haus auseinandergegangen, so traf ein Courier mit der Nachricht ein, daß der Sperrbaum im Foyle durchbrochen sei. Ihm folgte bald ein zweiter, der die Aufhebung der Belagerung meldete, und ein dritter, der die Nachricht von der Schlacht bei Newton Butler brachte. Hoffnung und Jubel folgten auf Mißmuth und Besorgniß.[43] Ulster war gerettet, und man erwartete zuversichtlich, daß Schomberg sehr bald auch Leinster, Connaught und Munster wiedererobern werde. Er war jetzt bereit zum Aufbruch. Der Hafen von Chester war der Punkt, von wo er abgehen sollte. Die seinem Commando unterstellte Armee hatte sich dort versammelt, und der Dee wimmelte von Kriegs- und Transportschiffen. Leider waren fast alle kriegserfahrene englische Soldaten nach Flandern geschickt worden, und die große Mehrzahl der nach Irland bestimmten Truppen bestand daher aus Leuten, welche eben vom Pfluge und von der Dreschtenne kamen. Es war indessen eine vortreffliche holländische Brigade unter dem Commando eines erfahrnen Offiziers, des Grafen von Solms darunter. Außerdem waren vier Regimenter, ein Cavallerieregiment und drei Infanterieregimenter, aus den französischen Flüchtlingen gebildet worden, von denen viele mit Auszeichnung gedient hatten. Niemand that mehr für die Aushebung dieser Regimenter als der Marquis von Ruvigny. Er war viele Jahre ein außerordentlich treuer und nützlicher Diener der französischen Regierung gewesen, und man schätzte in Versailles seine Verdienste so hoch, daß man ihn gebeten hatte, Begünstigungen anzunehmen, welche kaum ein andrer Ketzer durch noch so dringende Bitten erlangt haben würde. Hätte er sich entschlossen in seinem Vaterlande zu bleiben, so würde man ihm und seinen Angehörigen gestattet haben, privatim Gott auf ihre eigne Art zu verehren. Aber Ruvigny wies alle Anerbietungen zurück, theilte das Loos seiner Glaubensbrüder und vertauschte in einem Alter von mehr als achtzig Jahren Versailles, wo er noch immer ein Günstling hätte bleiben können, mit einer bescheidenen Wohnung in Greenwich. Diese Wohnung war während der letzten Monate seines Lebens der Sammelplatz aller ausgezeichneten Persönlichkeiten unter seinen Mitverbannten. Seine Talente, seine Erfahrung und seine freigebige Herzensgüte machten ihn zum unbestrittenen Oberhaupte der Refugiés. Zu gleicher Zeit war er ein halber Engländer, denn seine Schwester war eine Gräfin von Southampton gewesen und er war der Oheim von Lady Russell. Die Zeit des selbstthätigen Handelns war für ihn längst vorüber; aber seine beiden Söhne, beides Männer von ausgezeichnetem Muthe, widmeten ihre Degen dem Dienste Wilhelm’s. Der jüngere Sohn, der den Namen Caillemote führte, wurde zum Obersten eines der hugenottischen Infanterieregimenter ernannt. Die beiden anderen Infanterieregimenter wurden von La Melloniere und Cambon, Offizieren von glänzendem Rufe, befehligt. Das Cavallerieregiment war von Schomberg selbst errichtet und führte seinen Namen. Ruvigny lebte gerade noch lange genug, um diese Rüstungen vollendet zu sehen.[44]

Schomberg.

Dem General, dem man die Oberleitung des Feldzugs gegen Irland übertragen hatte, war es in seltenem Grade gelungen, sich die Zuneigung und Achtung der englischen Nation zu erwerben. Er war zum Herzoge, zum Ritter des Hosenbandordens und zum Feldzeugmeister ernannt worden, er stand jetzt an der Spitze einer Armee, und doch erweckte seine Erhebung nichts von dem Neide, der sich jedesmal kundgab, so oft Bentinck, Zulestein oder Auverquerque ein Zeichen königlicher Gunst zu Theil ward. Schomberg’s militärische Tüchtigkeit war allgemein anerkannt. Er wurde von allen Protestanten als ein Bekenner betrachtet, der für die Wahrheit Alles erduldet hatte, den Märtyrertod ausgenommen. Um seines Glaubens willen hatte er einem glänzenden Einkommen entsagt, hatte den französischen Marschallsstab niedergelegt und hatte, in einem Alter von beinahe achtzig Jahren, als ein armer Soldat des Zufalls seine Laufbahn noch einmal von vorn angefangen. Da er in keiner Connection mit den Vereinigten Provinzen stand und niemals dem kleinen Hofe im Haag angehört hatte, so wurde der ihm vor englischen Anführern gegebene Vorzug mit Recht nicht nationaler oder persönlicher Parteilichkeit, sondern lediglich seinen Tugenden und Fähigkeiten zugeschrieben. Sein Benehmen war weit verschieden von dem der anderen Ausländer, welche so eben zu englischen Peers creirt worden waren. Diese waren bei vielen ehrenwerthen Eigenschaften in Geschmack, Sitten und Neigungen Holländer und konnten den Ton der Gesellschaft, in die sie versetzt worden, nicht treffen. Er war ein Weltbürger, hatte ganz Europa durchwandert, hatte an der Maas, am Ebro und am Tajo Armeen commandirt, hatte sich in dem glänzenden Cirkel von Versailles bewegt und hatte am Berliner Hofe in hoher Gunst gestanden. Französische Edelleute hatten ihn oft für einen französischen Edelmann gehalten. Er hatte einige Zeit in England zugebracht, sprach sehr gut englisch, fand sich leicht in die englischen Sitten und wurde oft in Begleitung von Engländern im Parke gesehen. In seiner Jugend hatte er mäßig gelebt, und seine Mäßigkeit genoß jetzt den ihr gebührenden Lohn: ein ungemein rüstiges und kräftiges Alter. Als achtzigjähriger Greis, hatte er noch Sinn für unschuldige Vergnügungen, seine Conversation war außerordentlich elegant und lebhaft, man konnte nichts Geschmackvolleres sehen als seine Equipagen und seine Tafel, und jeder Cavalleriecornet beneidete die Anmuth und den würdevollen Anstand, womit der Veteran an der Spitze seines Regiments auf seinem Schlachtrosse in Hydepark erschien.[45] Das Haus der Gemeinen hatte ihn mit allgemeiner Zustimmung durch ein Geschenk von hunderttausend Pfund Sterling für seine Verluste entschädigt und für seine geleisteten Dienste belohnt. Vor seinem Abgange nach Irland bat er um die Erlaubniß, für dieses großmüthige Geschenk seinen Dank aussprechen zu dürfen. Es ward ein Stuhl für ihn innerhalb der Schranke bereitgestellt. Er nahm, mit dem Scepter zu seiner Rechten, auf demselben Platz, erhob sich dann, sprach in kurzen freundlichen Worten seinen Dank aus und nahm Abschied von der Versammlung. Der Sprecher erwiederte darauf, daß die Gemeinen die Verpflichtungen, welche sie schon gegen Se. Gnaden hätten, nie vergessen würden, daß sie ihn mit Vergnügen an der Spitze der englischen Armee sähen, daß sie volles Vertrauen in seinen Eifer und seine Geschicklichkeit setzten und daß sie sich seiner stets mit besonderer Fürsorge annehmen würden. Das bei dieser interessanten Gelegenheit gegebene Beispiel wurde hundertundfünfundzwanzig Jahre später bei einer noch interessanteren Gelegenheit mit strengster Genauigkeit nachgeahmt. Genau auf derselben Stelle, wo Schomberg im Juli 1689 die Freigebigkeit der Nation dankend anerkannt, stand im Juli 1814 ein Stuhl für einen noch berühmteren Krieger, der gekommen war, um sich für ein noch glänzenderes Zeichen der öffentlichen Anerkennung zu bedanken. Wenige Dinge bezeichnen treffender den eigenthümlichen Character der englischen Verfassung und Nation als der Umstand, daß das Haus der Gemeinen, eine aus dem Volke hervorgegangene Versammlung, selbst in einem Augenblicke freudiger Begeisterung mit der ängstlichen Gewissenhaftigkeit eines Wappencollegiums an althergebrachten Formen festhielt; daß das Niedersetzen und Aufstehen, das Bedecktbleiben und das Entblößen des Hauptes im 19. Jahrhundert noch genau nach der nämlichen Etikette regulirt war wie im 17., und daß das nämliche Scepter, welches zur Rechten Schomberg’s gehalten worden war, in gleicher Stellung zur Rechten Wellington’s gehalten wurde.[46]

Unterbrechung der Parlamentssitzungen.

Am 20. August ging das Parlament, nachdem es sieben Monate lang in ununterbrochener Thätigkeit gewesen war, auf königlichen Befehl für kurze Zeit auseinander. Dieselbe Nummer der Gazette, welche die Ankündigung enthielt, daß die beiden Häuser ihre Sitzungen eingestellt, brachte auch die Mittheilung, daß Schomberg in Irland gelandet sei.[47]

Zustand Irland’s — Rath Avaux’.

Während der drei Wochen vor seiner Landung hatte im Schlosse von Dublin die größte Angst und Bestürzung geherrscht. Schlag auf Schlag waren einander so rasch gefolgt, daß Jakob’s nie sehr starker Muth völlig gebrochen worden war. Zuerst hatte er erfahren, daß Londonderry erlöst war; dann, daß eine seiner Armeen von den Enniskillenern geschlagen worden; hierauf, daß eine andere von seinen Armeen stark zusammengeschmolzen und entmuthigt sich aus Ulster zurückzog oder vielmehr floh; und endlich, daß Sligo, der Schlüssel von Connaught, den Engländern preisgegeben worden war. Er hatte sich von der Unmöglichkeit überzeugt, die Colonisten zu unterwerfen, selbst als sie fast ganz ohne fremde Hülfe waren. Daher konnte er wohl zweifeln, ob es ihm möglich sein würde, gegen sie zu kämpfen, wenn sie durch eine englische Armee unter den Befehlen des größten lebenden Feldherrn unterstützt wurden. Der unglückliche Fürst schien seit einigen Tagen der Verzweiflung gänzlich anheimgefallen. Auf Avaux machte die Gefahr einen ganz andren Eindruck. Jetzt, dachte er, sei es Zeit, den Krieg zwischen den Engländern und Irländern in einen Vertilgungskrieg zu verwandeln und jede Vereinigung der beiden Nationen unter eine Regierung für immer unmöglich zu machen. In diesem Sinne unterbreitete er kaltblütig dem Könige einen Vorschlag von fast unglaublicher Abscheulichkeit. Er sagte, es müsse eine zweite Bartholomäusnacht veranstaltet werden. Ein Vorwand dazu werde sich leicht finden lassen. Schomberg’s Ankunft in Irland werde ohne Zweifel in denjenigen südlichen Städten, deren Bevölkerung überwiegend englisch sei, einige Aufregung hervorrufen, und jede Ruhestörung, wo immer sie stattfinden möge, werde einen Entschuldigungsgrund für eine allgemeine Niedermetzelung der Protestanten von Leinster, Munster und Connaught darbieten.[48] Da der König im ersten Augenblicke keinen Abscheu vor diesem Rathe an den Tag legte,[49] so kam der Gesandte einige Tage später auf den Gegenstand zurück und drang in Se. Majestät, die nöthigen Befehle zu erlassen. Jetzt aber erklärte Jakob mit einer Entschiedenheit, die ihm zur Ehre gereichte, daß nichts ihn vermögen werde, ein solches Verbrechen zu begehen. „Diese Leute sind meine Unterthanen, und ich kann nicht so grausam sein, sie zu ermorden, während sie friedlich unter meiner Regierung leben.“ — „Es liegt nichts Grausames in meinem Vorschlage,“ entgegnete der gefühllose Diplomat. „Eure Majestät sollte bedenken, daß Milde gegen die Protestanten Grausamkeit gegen die Katholiken ist.“ Doch Jakob war nicht zu bewegen, und Avaux entfernte sich in sehr übler Laune. Er war der Meinung, daß die Humanitätsäußerungen des Königs erheuchelt seien und daß Se. Majestät den Befehl zum allgemeinen Gemetzel nur deshalb nicht gebe, weil er überzeugt sei, die Katholiken im ganzen Lande würden auch ohne einen solchen Befehl über die Protestanten herfallen.[50] Avaux irrte sich indeß vollständig. Daß er Jakob für eben so unmoralisch hielt als er selbst war, kann nicht Wunder nehmen. Unbegreiflich aber ist es, wie ein so kluger Mann vergessen konnte, daß Jakob und er ganz verschiedene Zwecke verfolgten. Das Ziel der Politik des Gesandten war, England und Irland für alle Zeiten zu trennen. Das Ziel der Politik des Königs war die Vereinigung England’s und Irland’s unter seinem Scepter, und er mußte nothwendig einsehen, daß wenn in drei Provinzen ein allgemeines Niedermetzeln der Protestanten stattfände und er in den Verdacht käme, es autorisirt, oder nur stillschweigend geduldet zu haben, binnen vierzehn Tagen selbst in Oxford kein Jakobit mehr am Leben sein würde.[51]

Gerade in diesem Augenblicke begann der Horizont Jakob’s, welcher hoffnungslos trübe geschienen hatte, sich aufzuhellen. Die Gefahr, die ihn zu Boden drückte, hatte das irische Volk aufgerüttelt. Es hatte sich sechs Monate früher wie ein Mann gegen die Sachsen erhoben. Die Armee, welche Tyrconnel ins Leben gerufen, war im Verhältniß zu der Bevölkerung, der sie entnommen war, die größte, welche Europa je gesehen. Aber diese Armee hatte eine lange Reihe von Niederlagen und Unfällen erlitten, die durch keine einzige glänzende Waffenthat aufgewogen wurden. In England wie auf dem Continent war man gewohnt, diese Niederlagen und Unfälle der Zaghaftigkeit des irischen Volksstammes zuzuschreiben.[52] Daß dies aber ein großer Irrthum war, wird durch die Geschichte jedes Krieges, der seit fünf Generationen in irgend einem Theile der Christenheit geführt worden ist, genugsam bewiesen. Das rohe Material, aus dem eine gute Armee gebildet werden kann, war unter den Irländern in reichem Maße vorhanden. Avaux schrieb seiner Regierung, daß sie ein auffallend schöner, großer und wohlgebauter Menschenschlag seien, daß sie persönlich tapfer, der Sache, für die sie kämpften, aufrichtig zugethan und gegen die Colonisten heftig erbittert seien. Nachdem er ihre Kraft und ihren Muth gepriesen, erklärte er, wie es zugehe, daß sie bei all ihrer Kraft und ihrem Muthe doch beständig geschlagen wurden. Es sei ganz falsch, sagte er, wenn man glaube, daß persönliche Tapferkeit, physischer Muth oder patriotische Begeisterung am Tage der Schlacht die Disciplin ersetzen könne. Die Infanterie sei schlecht bewaffnet und schlecht eingeübt, man ließe sie allenthalben wohin sie komme plündern, und so habe sie alle Gewohnheiten von Banditen angenommen. Es befinde sich kaum ein einziger Offizier darunter, der fähig wäre, sie ihre Pflicht zu lehren. Ihre Obersten seien zwar im allgemeinen Leute aus guter Familie, aber ohne militärische Erfahrung. Die Hauptleute seien Metzger, Schneider oder Schuhmacher, und nicht einer unter ihnen kümmere sich um den Comfort, die Ausrüstung und Einübung der Leute, denen er vorgesetzt sei. Die Dragoner seien nicht viel besser als die Infanterie. Nur die Reiter seien, mit wenigen Ausnahmen, vortrefflich. Fast alle irischen Gentlemen, die einige militärische Erfahrung besäßen, bekleideten Offiziersstellen in der Cavallerie, und durch die Bemühungen dieser Offiziere seien einige Regimenter gebildet und einexercirt worden, welche Avaux allen, die er je gesehen, gleichstellte. Es liege daher auf der Hand, daß die Untüchtigkeit der Fußsoldaten und der Dragoner nicht den Fehlern des irischen Characters, sondern den Mängeln der irischen Verwaltung zugeschrieben werden müsse.[53]

Die Ereignisse, welche im Herbst des Jahres 1689 eintraten, bewiesen zur Genüge, daß der vom Unglück verfolgte Volksstamm, den seine Feinde wie seine Bundesgenossen allgemein mit ungerechter Geringschätzung betrachteten, mit den von Armuth, Unwissenheit und Aberglauben unzertrennlichen Fehlern einige vortreffliche Eigenschaften verband, die man auch bei blühenderen und civilisirteren Nationen nicht immer findet. Die schlimmen Nachrichten, welche Jakob in Angst und Verzweiflung stürzten, rüttelten die ganze Bevölkerung der südlichen Provinzen auf wie der Ton der Schlachttrompete. Von allen Altären von dreiundzwanzig Grafschaften wurde dem Volke verkündet, daß Ulster verloren sei, daß die Engländer kämen und daß der Kampf auf Leben und Tod zwischen den beiden feindlichen Nationen bevorstehe. Es sei nur noch eine Hoffnung, und wenn diese fehlschlüge, bleibe nichts mehr übrig als die despotische, erbarmungslose Herrschaft der sächsischen Colonie und der ketzerischen Kirche. Der katholische Priester, der eben erst Pfarrhaus und Kanzel in Besitz genommen, der katholische Squire, der so eben auf den Schultern seiner jubelnden Pächter in die Halle seiner Väter getragen worden sei, würden vertrieben werden, um von dem Almosen zu leben, das die selbst unterdrückten und verarmten Landleute ihnen gewähren könnten. Eine neue Vermögensconfiscation würde das Werk der Ansiedlungsacte vollenden und die Anhänger Wilhelm’s würden Alles wegnehmen, was die Anhänger Cromwell’s verschont hätten. Diese Befürchtungen riefen einen Ausbruch patriotischer und religiöser Begeisterung hervor, welcher den unvermeidlichen Augenblick der Unterjochung auf einige Zeit hinausschob. Avaux war erstaunt über die Energie, welche die Irländer unter so niederdrückenden Verhältnissen an den Tag legten. Es war allerdings die wilde und unbeständige Energie eines halbbarbarischen Volks; sie war vorübergehend und oft irregeleitet; aber wenn auch vorübergehend und irregeleitet, that sie doch Wunder. Der französische Gesandte mußte bekennen, daß die Offiziere, über deren Unbrauchbarkeit und Unthätigkeit er so oft geklagt, ihre Lethargie plötzlich abgeschüttelt hätten. Die Rekruten strömten zu Tausenden herbei, und die unter den Mauern von Londonderry gelichteten Reihen waren bald wieder übervoll. Es wurden große Anstrengungen gemacht, um die Truppen zu bewaffnen und einzukleiden, und nach dem kurzen Zeitraum von vierzehn Tagen bot Alles einen neuen und erfreulichen Anblick dar.[54]

Entlassung Melfort’s.

Die Irländer verlangten vom Könige zum Lohn für die energischen Anstrengungen in seinem Interesse ein Zugeständniß, das ihm durchaus nicht angenehm war. Melfort’s Unpopularität hatte in einem solchen Grade zugenommen, daß er kaum noch seines Lebens sicher war, und er besaß keinen Freund, der ein Wort zu seinen Gunsten hätte sprechen können. Die Franzosen haßten ihn. In jedem Briefe, der aus England oder Schottland in Dublin ankam, wurde er als der böse Genius des Hauses Stuart bezeichnet. Es war um seiner selbst willen nothwendig ihn zu entlassen. Man fand einen ehrenvollen Ausweg. Er erhielt Befehl, sich nach Versailles zu begeben, den Stand der Dinge in Irland dort darzulegen und die französische Regierung um schleunige Zusendung eines Hülfscorps von sechs- bis siebentausend Mann gedienter Infanterie zu bitten. Er legte die Siegel nieder und sie wurden zur großen Freude der Irländer den Händen eines Irländers Sir Richard Nagle anvertraut, der sich als Generalfiskal und als Sprecher des Hauses der Gemeinen hervorgethan hatte. Melfort reiste unter dem Schutze der Dunkelheit ab, denn die Wuth des Volks gegen ihn war so groß, daß er sich am Tage nicht ohne Gefahr in den Straßen von Dublin zeigen konnte. Am andren Morgen verließ Jakob seine Hauptstadt in entgegengesetzter Richtung, um Schomberg entgegenzurücken.[55]

Schomberg landet in Ulster.

Schomberg war in Antrim gelandet. Die Streitmacht, die er mitbrachte, überstieg nicht zehntausend Mann. Aber er erwartete, daß die bewaffneten Colonisten und die von Kirke commandirten Regimenter zu ihm stoßen würden. Die Kaffeehauspolitiker von London waren fest überzeugt, daß ein solcher General mit einer solchen Armee die Insel rasch wiedererobern werde. Leider aber zeigte es sich bald, daß die ihm gewährten Mittel für das Werk, das er durchzuführen hatte, bei weitem nicht hinreichten; den größeren Theil dieser Mittel verlor er bald durch eine Reihe unvorhergesehener Unfälle, und der ganze Feldzug war nichts als ein langer Kampf seiner Klugheit und Entschlossenheit gegen die äußerste Tücke des Schicksals.

Carrickfergus genommen.

Er marschirte zuerst nach Carrickfergus. Diese Stadt wurde durch zwei Regimenter Infanterie für König Jakob vertheidigt. Schomberg beschoß die Mauern, und nachdem die Irländer sich eine Woche gehalten hatten, capitulirten sie. Er versprach sie ungehindert abziehen zu lassen; aber es wurde ihm nicht leicht, sein Wort zu halten. Die Bewohner der Stadt und Umgegend waren größtentheils Protestanten schottischer Abkunft. Sie hatten während des kurzen Uebergewichts des eingebornen Stammes viel zu leiden gehabt und brannten vor Begierde, für die erduldeten Leiden Rache zu üben. Sie rotteten sich zu zahlreichen Haufen zusammen und riefen, daß sie sich an die Capitulation nicht kehrten, sondern gerächt sein wollten. Von Worten gingen sie bald zu Schlägen über. Die entwaffneten, ausgezogenen und hin und her gestoßenen Irländer suchten Schutz bei den englischen Offizieren und Soldaten. Mit Mühe gelang es Schomberg, dem Blutvergießen vorzubeugen, indem er mit dem Pistol in der Hand durch die Haufen der wüthenden Colonisten sprengte.[56]

Von Carrickfergus marschirte Schomberg weiter nach Lisburn und von da durch gänzlich verlassene Städte und über Ebenen, auf denen weder eine Kuh, noch ein Schaf, noch ein Getreidefehm zu sehen war, nach Loughbrickland. Hier stießen drei Regimenter Enniskillener zu ihm, deren Kleidung, Pferde und Waffen einem an den Glanz von Revuen gewohnten Auge wunderlich vorkamen, die aber an natürlichem Muthe keinen Truppen der Welt nachstanden und die sich während mehrerer Monate beständigen Wachtdienstes und Scharmützelns viele wesentliche Eigenschaften regulärer Soldaten erworben hatten.[57]

Schomberg rückt weiter nach Leinster.

Schomberg setzte seinen Marsch durch eine Wüste gegen Dublin fort. Die wenigen noch im Süden von Ulster befindlichen irischen Truppen zogen sich vor ihm zurück, indem sie Alles auf ihrem Wege zerstörten. Newry, einst ein hübsch gebauter und wohlhabender protestantischer Flecken, fand er als einen Haufen rauchender Trümmer. Carlingford war ebenfalls zerstört. Die Stelle, wo die Stadt einst gestanden, war nur noch durch die massiven Ruinen des alten normännischen Schlosses bezeichnet. Diejenigen, welche es wagten, Ausflüge aus dem Lager zu machen, berichteten, daß die Gegend, soweit sie dieselbe durchstreift hätten, eine Wildniß sei. Es gäbe wohl Hütten, aber sie seien unbewohnt; es gebe üppige Weiden, aber weder Rinder- noch Schafherden; es gebe Getreidefelder, aber die Ernte liege, vom Regen durchnäßt, auf dem Boden.[58]

Die englische und die irische Armee campiren nahe bei einander.

Während Schomberg durch eine unabsehbare Einöde vorrückte, sammelten sich die irischen Truppen rasch von allen Seiten. Am 10. September wurde das königliche Banner Jakob’s auf dem Thurme von Drogheda entfaltet, und unter demselben waren bald zwanzigtausend kampffähige Männer versammelt, die Infanterie im allgemeinen schlecht, die Cavallerie im allgemeinen gut, beide aber voll Eifers für ihr Vaterland und ihre Religion.[59] Die Armee war wie gewöhnlich von einem zahlreichen Troß Landvolk begleitet, das mit Sensen, Halbpiken und Skeans bewaffnet war. Inzwischen hatte Schomberg Dundalk erreicht. Die Entfernung zwischen beiden Heeren betrug jetzt nicht mehr als einen starken Tagemarsch, und man erwartete daher allgemein, daß das Schicksal der Insel unverzüglich durch eine offene Schlacht entschieden werden würde.

In beiden Lagern wünschten Alle, die vom Kriege nichts verstanden, sehnlichst loszuschlagen, und die Wenigen, die sich eines hohen Rufes militärischer Tüchtigkeit erfreuten, waren in beiden Lagern gegen eine Schlacht. Weder Rosen noch Schomberg wollten Alles auf einen Wurf setzen. Beide kannten die Mängel ihrer Armee genau und keiner von ihnen war über die Mängel der Armee des Andren vollständig unterrichtet. Rosen wußte sehr gut, daß die irische Infanterie schlechter ausgerüstet, mit schlechteren Offizieren versehen und schlechter eingeübt war, als irgend eine Infanterie, die er vom bothnischen Meerbusen bis zum atlantischen Ocean je gesehen, und er vermuthete, daß die englischen Truppen gut einexercirt und, was sie allerdings hätten sein sollen, mit allem zu einer erfolgreichen Thätigkeit Nöthigem wohl versehen seien. Eine numerische Uebermacht, urtheilte er sehr richtig, würde gegen eine große Ueberlegenheit in der Waffenführung und Disciplin wenig nützen. Er rieth daher Jakob sich zurückzuziehen und lieber Dublin selbst dem Feinde preiszugeben als eine Schlacht zu wagen, mit deren Verlust Alles verloren sein würde. Athlone sei der beste Platz im Königreiche zu einem entschlossenen Widerstande. Der Uebergang über den Shannon könne so lange vertheidigt werden, bis der Succurs, um den Melfort bitten solle, aus Frankreich anlange, und dieser Succurs werde den ganzen Character des Kriegs ändern. Aber die Irländer, mit Tyrconnel an der Spitze, waren einmüthig gegen den Rückzug. Das Blut der ganzen Nation war in Gährung. Jakob freute sich über die Begeisterung seiner Unterthanen und erklärte auf das Bestimmteste, daß er nicht die Schmach auf sich laden werde, seine Hauptstadt dem Feinde ohne Schwertstreich zu überlassen.[60]

Schomberg lehnt eine Schlacht ab.

Binnen wenigen Tagen zeigte es sich klar, daß Schomberg beschlossen hatte, nicht loszuschlagen, und seine Gründe waren gewichtig. Er hatte zwar einige gute holländische und französische Truppen, und auch die Enniskillener, die sich ihm angeschlossen, hatten eine militärische Lehrzeit bestanden, wenn auch nicht in der regelrechtesten Weise. Die große Masse seiner Armee aber bestand aus englischen Landleuten, welche eben erst aus ihren Hütten kamen. Seine Musketiere hatten noch zu lernen, wie sie ihre Gewehre laden mußten, seine Dragoner hatten noch zu lernen, wie sie mit ihren Pferden umgehen mußten, und diese unerfahrenen Soldaten waren zum größten Theil von Offizieren befehligt, welche eben so unerfahren waren als sie selbst. Seine Truppen waren daher im allgemeinen den irischen in der Disciplin nicht überlegen, und standen ihnen an Zahl weit nach. Ja er überzeugte sich sogar, daß seine Soldaten eben so schlecht bewaffnet, eben so schlecht logirt und eben so schlecht gekleidet waren, als die ihnen gegenüberstehenden Celten.

Betrügereien des englischen Kriegscommissariats.

Der Reichthum der englischen Nation und die freigebigen Beschlüsse des englischen Parlaments hatten ihn zu der Erwartung berechtigt, daß er mit allem Kriegsbedarf reichlich versehen werden würde. Aber er sah sich bitter getäuscht. Die Verwaltung war seit Oliver’s Tode fortwährend unvernünftiger und verderbter geworden, und jetzt erntete die Revolution was die Restauration gesäet hatte. Ein Heer nachlässiger oder habsüchtiger Beamter, unter Karl und Jakob gebildet, plünderte die Armeen und die Flotten Wilhelm’s aus, ließ sie darben und vergiftete sie. Der Erste unter diesen Leuten war Heinrich Shales, der unter der vorigen Regierung Generalcommissar des Lagers bei Hounslow gewesen war. Man kann die neue Regierung kaum tadeln, daß sie ihn auf seinem Posten ließ, denn seine Erfahrung in dem ihm anvertrauten Verwaltungszweige übertraf bei weitem die jedes andren Engländers. Leider aber hatte er, in der nämlichen Schule, in der er seine Erfahrungen gesammelt, auch die ganze Kunst des Veruntreuens erlernt. Das Rindfleisch und der Branntwein, welche er lieferte, waren so schlecht, daß die Soldaten sich davor ekelten; die Zelte waren verfault, die Bekleidung unzureichend, die Musketen zerbrachen beim Gebrauch. Große Massen Schuhe waren der Regierung in Rechnung gestellt, aber zwei Monate nachdem der Schatz sie bezahlt, waren sie noch nicht in Irland angekommen. Mittel zum Transport des Gepäcks und der Artillerie fehlten fast ganz. Eine große Menge Pferde waren mit öffentlichem Gelde in England angekauft und an die Ufer des Dee geschickt worden. Aber Shales hatte sie zur Erntearbeit an die Landwirthe von Cheshire vermiethet, hatte den Miethertrag in seine Tasche gesteckt, und hatte es den Truppen in Ulster überlassen sich fortzuhelfen so gut sie konnten.[61] Schomberg war der Meinung, daß, wenn er mit einer schlecht disciplinirten und schlecht ausgerüsteten Armee eine Schlacht wagte, er nicht unwahrscheinlich geschlagen werden würde, und er wußte, daß eine Niederlage den Verlust eines Königreichs, vielleicht den Verlust dreier Königreiche nach sich ziehen konnte. Er beschloß daher, in der Defensive zu verharren, bis seine Leute eingeübt und Verstärkungen und Zufuhren angelangt sein würden.

Er verschanzte sich bei Dundalk dergestalt, daß er nicht gezwungen werden konnte, gegen seinen Willen zu kämpfen. Jakob, ermuthigt durch die Zurückhaltung seines Gegners, rückte, die Rathschläge Rosen’s nicht beachtend, gegen Ardee vor, erschien an der Spitze der ganzen irischen Armee vor den englischen Linien, stellte Reiterei, Fußvolk und Artillerie in Schlachtordnung auf, und entfaltete sein Banner. Die Engländer hätten gar zu gern losgeschlagen. Aber der Entschluß ihres Generals stand fest und konnte weder durch das prahlerische Gebahren des Feindes, noch durch das Murren seiner eignen Soldaten erschüttert werden. So blieb er einige Wochen sicher hinter seinen Schutzwällen, während die Irländer wenige Meilen davon lagen. Er sorgte nun eifrig für Einübung der Rekruten, aus denen seine Armee zum größten Theil bestand. Seine Musketiere mußten sich beständig im Schießen üben, bald nach der Scheibe, bald in Pelotons, und die Art und Weise, wie sie sich anfangs dabei benahmen, bewies deutlich, daß er sehr wohl daran gethan, sie nicht zum Kampfe zu führen. Es stellte sich heraus, daß von vier englischen Soldaten noch nicht einer sein Gewehr ordentlich zu behandeln verstand, und wenn es gelang, dasselbe aufs Gerathewohl abzufeuern, glaubte Wunder was er Großes vollbracht habe.

Verschwörung unter den in englischen Diensten stehenden französischen Truppen.

Während der Herzog so seine Zeit anwendete, gafften die Irländer sein Lager an, ohne einen Angriff auf dasselbe zu wagen. Bald aber tauchten in diesem Lager zwei Uebel auf, welche gefährlicher waren als der Feind: Verrath und Krankheit. Zu den besten Truppen, die er commandirte, gehörten die französischen Verbannten. Jetzt entstanden sehr ernste Zweifel an ihrer Treue. Den wirklichen hugenottischen Refugiés konnte allerdings unbedingtes Vertrauen geschenkt werden. Der Widerwille, mit dem der eifrigste englische Protestant das Haus Bourbon und die römische Kirche betrachtete, war ein laues Gefühl im Vergleich zu dem unauslöschlichen Hasse, der in der Brust des verfolgten, mit Einquartierung gequälten, aus seinem Vaterlande vertriebenen Calvinisten des Languedoc glühte. Die Irländer hatten schon bemerkt, daß die französischen Ketzer niemals Pardon weder gaben noch annahmen.[62] Jetzt aber zeigte es sich, daß mit diesen Emigranten, die dem reformirten Glauben Alles aufgeopfert hatten, Emigranten ganz andrer Art vermischt waren, Deserteurs, welche in den Niederlanden ihrer Fahne entlaufen waren und ihr Verbrechen dadurch bemäntelt hatten, daß sie vorgaben, sie seien Protestanten und ihr Gewissen gestatte ihnen nicht, für den Verfolger ihrer Kirche zu kämpfen. Einige von diesen Leuten setzten sich in der Hoffnung, durch einen zweiten Verrath Verzeihung und zugleich Belohnung zu erlangen, mit Avaux in Correspondenz. Die Briefe wurden jedoch aufgefangen und ein furchtbares Complot ans Licht gebracht. Es stellte sich heraus, daß, wenn Schomberg schwach genug gewesen wäre, dem Andringen Derer, welche eine offene Schlacht wünschten, nachzugeben, mehrere französische Compagnien in der Hitze des Gefechts auf die Engländer gefeuert haben und zum Feinde übergegangen sein würden. Ein solcher Abfall würde auch in einer besseren Armee als die bei Dundalk lagernde, einen allgemeinen Schrecken hervorgerufen haben. Hier mußte mit Strenge verfahren werden. Sechs von den Verschwörern wurden aufgehängt, und zweihundert ihrer Mitschuldigen in Eisen nach England zurückgeschickt. Selbst nach dieser Ausmerzung wurden die Refugiés von der übrigen Armee noch lange mit zwar ungerechtem, aber nicht unnatürlichem Argwohn betrachtet. Einige Tage lang hatte man sogar allen Grund zu fürchten, der Feind werde mit dem Schauspiele eines blutigen Kampfes zwischen den englischen Soldaten und ihren französischen Verbündeten unterhalten werden.[63]

Pestilenz in der englischen Armee.

Einige Stunden vor der Hinrichtung der Haupträdelsführer wurde eine allgemeine Musterung der Armee vorgenommen, und man sah, daß die Reihen der englischen Bataillone stark gelichtet waren. Viel Kranke hatte es vom ersten Tage des Feldzugs an unter den Rekruten gegeben, aber erst zur Zeit des Aequinoctiums nahm die Sterblichkeit in beunruhigendem Maße zu. Die Herbstregen sind in Irland gewöhnlich stark, dieses Jahr aber waren sie stärker als sonst, das ganze Land war überschwemmt, und das Lager des Herzogs wurde ein förmlicher Sumpf. Die Enniskillener waren an das Klima gewöhnt, und die Holländer waren gewohnt in einem Lande zu leben, das, wie ein Witzling der damaligen Zeit sagte, funfzig Fuß Wasser zieht. Sie hielten ihre Lagerhütten trocken und reinlich und sie hatten erfahrene, aufmerksame Offiziere, welche die Unterlassung keiner Vorsicht duldeten. Die Landleute von Yorkshire und Derbyshire aber hatten weder Constitutionen, welche dem verderblichen Einflusse zu widerstehen vermochten, noch verstanden sie es, sich gegen denselben zu schützen. Die schlechten Lebensmittel, welche das Commissariat lieferte, verschlimmerte die durch die klimatischen Verhältnisse erzeugten Krankheiten. An Heilmitteln fehlte es fast ganz, Aerzte waren nur wenige vorhanden, und die Arzneikästen enthielten nicht viel mehr als Charpie und Wundpflaster. Die Engländer erkrankten und starben zu Hunderten. Selbst Diejenigen, welche nicht von der Seuche ergriffen wurden, waren entkräftet und muthlos und erwarteten, anstatt die Energie zu entfalten, welche das Erbtheil unsrer Nation ist, mit der hülflosen Apathie von Asiaten ihr Schicksal. Umsonst versuchte Schomberg sie zu lehren, wie sie ihre Quartiere verbessern und den feuchten Erdboden, auf dem sie lagen, mit einem dicken Teppich von Farrnkräutern bedecken konnten. Körperliche Anstrengung war ihnen noch schrecklicher geworden als selbst der Tod. Es stand nicht zu erwarten, daß Leute, die sich selbst nicht helfen konnten, einander gegenseitig helfen würden. Niemand beanspruchte und Niemand bezeigte Theilnahme. Die Vertrautheit mit grauenvollen Scenen erzeugte eine Gefühllosigkeit und eine verzweifelte Gottlosigkeit, die selbst in der Geschichte ansteckender Krankheiten so leicht nicht ihres Gleichen haben dürften. Das Schmerzensgestöhn der Kranken wurde durch die Flüche und unzüchtigen Reden ihrer Kameraden übertäubt. Zuweilen konnte man auf dem Leichname eines am Morgen gestorbenen Unglücklichen einen andren Unglücklichen sitzen sehen, der die kommende Nacht nicht mehr erleben konnte und der fluchend und Schandlieder singend auf die Gesundheit des Teufels Branntwein trank. Wenn die Leichen weggetragen wurden, um begraben zu werden, murrten die Ueberlebenden. Ein Todter, sagten sie, sei eine gute Decke und ein guter Stuhl. Warum sollten die Leute, wenn ein so reichlicher Vorrath eines so nützlichen Möbels vorhanden sei, der kalten Luft ausgesetzt und genöthigt sein, sich auf die nasse Erde zu legen?[64]

Viele Kranke wurden von den englischen Schiffen, welche nahe der Küste lagen, nach Belfast gebracht, wo ein großes Hospital errichtet war. Aber kaum die Hälfte von ihnen erlebte das Ende der Reise. Mehr als ein Schiff lag lange in der Bai von Carrickfergus, angefüllt mit Leichen und den Geruch des Todes ausströmend, ohne ein lebendes, Wesen an Bord.[65]

Die irländische Armee hatte viel weniger zu leiden. Der Kerne von Munster oder Connaught befand sich im Lager ganz eben so wohl als wäre er in seiner eignen Lehmhütte gewesen und hätte die Dünste seines heimathlichen Sumpfes eingeathmet. Natürlich freute er sich über das Elend der sächsischen Ketzer und hoffte, daß sie ohne einen Schwertstreich zu Grunde gehen würden. Mit Entzücken hörte er den ganzen Tag die Salven, welche über den Gräbern der englischen Offiziere knatterten, bis endlich die Begräbnisse zu zahlreich wurden, als daß sie noch mit militärischem Pomp hätten begangen werden können, und auf die schauerlichen Töne ein noch schauerlicheres Schweigen folgte.

Die Ueberlegenheit an Streitkräften war jetzt so entschieden auf Seiten Jakob’s, daß er es unbedenklich wagen konnte, fünf Regimenter von seiner Armee zu detachiren und nach Connaught zu senden. Sarsfield befehligte dieselben. Er stand allerdings nicht so hoch in der Achtung des Königs, als er es verdiente. Der König erklärte ihn mit einer Miene geistiger Ueberlegenheit, welche Avaux und Rosen ein spöttisches Lächeln abgezwungen haben muß, für einen wackeren Burschen, der aber sehr stiefmütterlich mit Verstand bedacht sei. Nur mit großer Mühe bewog der Gesandte Se. Majestät dazu, den besten Offizier der irischen Armee zum Range eines Brigadiers zu befördern. Sarsfield rechtfertigte jetzt vollkommen die vortheilhafte Meinung, die sich seine französischen Gönner von ihm gebildet hatten. Er vertrieb die Engländer aus Sligo und sicherte mit gutem Erfolg Galway, das in ernster Gefahr gewesen war.[66]

Auf die englischen Verschanzungen vor Dundalk wurde jedoch kein Angriff gemacht. Inmitten der sich stündlich mehrenden Schwierigkeiten und Unfälle zeigten sich die glänzenden Eigenschaften Schomberg’s immer deutlicher. Nicht im vollen Strome des Glücks, nicht auf dem Schlachtfelde von Montes Claros, nicht unter den Mauern von Mastricht hatte er die Bewunderung der Menschheit so wohl verdient. Seine Entschlossenheit wankte nie; seine Umsicht schlummerte nie; trotz vielfacher Verdrüßlichkeiten und Provocationen war er stets froher und heiterer Laune. Der Effectivbestand seiner Mannschaften, selbst wenn man alle die, welche nicht am Fieber darnieder lagen, als effectiv mitrechnete, überstieg jetzt nicht mehr fünftausend. Diese waren kaum noch dem gewöhnlichen Dienste gewachsen, und sie mußten jetzt zu doppelten Dienstleistungen angetrieben werden. Dessenungeachtet traf der alte Mann seine Dispositionen so meisterhaft, daß er mit diesen geringen Streitkräften mehrere Wochen lang einer von einer Menge bewaffneter Banditen begleiteten Truppenmacht von zwanzigtausend Mann die Spitze bot.

Die englische und die irische Armee beziehen ihre Winterquartiere.

Zu Anfang des November zerstreuten sich endlich die Irländer und begaben sich in ihre Winterquartiere. Der Herzog brach nun ebenfalls sein Lager ab und zog sich nach Ulster zurück. In dem Augenblicke als die letzten Reste seiner Armee sich in Bewegung setzen sollten, verbreitete sich das Gerücht, daß der Feind in bedeutender Stärke heranrücke. Hätte dieses Gerücht auf Wahrheit beruht, so wäre die Gefahr sehr groß gewesen. Obgleich aber die englischen Regimenter auf den dritten Theil ihrer Vollzähligkeit zusammengeschmolzen waren und obgleich die Leute, die sich noch am wohlsten befanden, kaum das Gewehr zu schultern vermochten, so legten sie doch bei der Aussicht auf eine Schlacht eine außerordentliche Freude und Munterkeit an den Tag und schwuren, daß die Papisten für alles Elend der letzten Monate bezahlen sollten. „Wir Engländer,“ sagte Schomberg, sich heiter mit der Nation des Landes, das ihn adoptirt hatte, identificirend, „wir Engländer sind immer kampflustig; schade daß wir nicht eben so viel Lust zu einigen anderen Zweigen des Soldatenhandwerks haben.“

Der Alarm erwies sich als grundlos. Die Armee des Herzogs zog unbelästigt ab, aber die Straße, auf der sie dahin marschirte, bot einen eben so beklagenswerthen als abschreckenden Anblick dar. Ein langer Zug von mit Kranken beladener Wagen bewegte sich langsam über das holprige Pflaster. Bei jedem Stoße gab ein Unglücklicher den Geist auf und der Leichnam wurde hinausgeworfen und unbeerdigt den Füchsen und Krähen preisgegeben. Die Gesammtzahl Derer, welche im Lager vor Dundalk, im Hospital von Belfast, auf der Straße und auf der See starben, belief sich auf mehr als sechstausend Mann. Die Ueberlebenden wurden für den Winter in den Städten und Dörfern von Ulster untergebracht. Der General nahm sein Hauptquartier in Lisburn.[67]

Verschiedene Meinungen über Schomberg’s Verfahren.

Sein Verfahren wurde verschieden beurteilt. Einsichtsvolle und aufrichtige Männer sagten, er habe sich selbst übertroffen und es gebe keinen zweiten Feldherrn in Europa, der, mit ungeübten Truppen, unwissenden Offizieren und spärlichen Vorräthen, zu gleicher Zeit gegen ein feindliches Heer von großer Uebermacht, gegen ein betrügerisches Commissariat, gegen ein Nest von Verräthern im eignen Lager und gegen eine Krankheit, mörderischer als das Schwert, ankämpfend, den Feldzug ohne Verlust einer Fahne oder einer Kanone zu Ende geführt haben würde. Auf der andren Seite murrten viele von den neuernannten Majors und Hauptleuten, deren Unerfahrenheit seine Verlegenheiten vermehrt hatte und die keine andre Qualification für ihren Posten besaßen als persönliche Tapferkeit, über die Geschicklichkeit und Geduld, die sie vom Untergang gerettet. Ihre Beschwerden fanden jenseit des St. Georgskanals Wiederhall. Zum Theil war das Murren, wenn auch ungerecht, doch zu entschuldigen. Den Eltern, die einen tapfern Sohn in seiner ersten Uniform geschickt hatten, damit er sich den Weg zum Ruhm erkämpfe, konnte man es wohl verzeihen, wenn ihr Schmerz sie zur Heftigkeit und Unbilligkeit hinriß, als sie erfuhren, daß der unglückliche Jüngling auf einem Bund Stroh ohne ärztlichen Beistand gestorben und ohne religiöse oder militärische Ceremonie in einem Sumpfe begraben worden war. Aber in den Weheruf verwaister Familien mischte sich ein andres minder achtungswerthes Geschrei. Alle Die, welche gern Neuigkeiten hörten und wiedererzählten, schmähten den General, der ihnen so wenig Neuigkeiten zu hören und zu erzählen gab. Diese Art Leute haben eine solche Sucht nach Aufregung, daß sie viel eher einem Feldherrn verzeihen, der eine Schlacht verliert, als einem, der eine Schlacht ablehnt. Die Politiker, welche ihre Orakelsprüche im dicksten Tabaksrauche bei Garroway von sich gaben, fragten, ohne weder vom Kriege im allgemeinen noch von dem irischen Kriege im besondern das Geringste zu verstehen, sehr ernsthaft, warum Schomberg denn nicht losschlage. Daß er sein Handwerk nicht verstehe, wagten sie nicht zu sagen. Er sei ohne Zweifel ein vortrefflicher Offizier, aber er sei sehr alt. Er trage die Last seiner Jahre zwar mit Ehren, aber seine Geisteskräfte seien nicht mehr das was sie früher gewesen; sein Gedächtniß werde schwach und Jedermann wisse, daß er zuweilen am Nachmittag vergessen habe, was er am Vormittag gethan. Es dürfte wohl schwerlich je einen Menschen gegeben haben, dessen Geist im achtzigsten Lebensjahre noch eben so frisch und lebendig gewesen wäre als im vierzigsten; daß aber Schomberg’s Geisteskräfte durch die Jahre wenig geschwächt waren, das beweisen zur Genüge seine Depeschen, welche noch existiren und Muster von officieller Schreibweise sind: abgerundet, klar, voll bedeutender Facta und gewichtiger Gründe und in die möglichst geringe Wortzahl zusammengedrängt. In diesen Depeschen spielt er zuweilen, nicht hämisch, sondern mit ruhiger Verachtung, auf den Tadel an, den sein Verhalten von Seiten hohler Schwätzer, die in ihrem Leben keine wichtigere militärische Operation als das Ablösen der Wache in Whitehall gesehen und die sich einbildeten, es sei nichts leichter als in jeder Lage und gegen jede Uebermacht große Siege zu erkämpfen, sowie von Seiten vierschrötiger Patrioten erfahren, welche überzeugt seien, daß ein einziger englischer Fuhrmann oder Drescher, der noch nicht gelernt habe, ein Gewehr zu laden oder eine Pike zu tragen, es mit fünf Musketieren von König Ludwig’s Haustruppen aufnehmen könne.[68]

Marineangelegenheiten.

So unbefriedigend die Resultate des Feldzugs in Irland gewesen waren, die Ergebnisse der Seeoperationen dieses Jahres waren noch weniger befriedigend. Man hatte zuversichtlich erwartet, daß zur See England im Bunde mit Holland der Macht Ludwig’s mehr als ebenbürtig sein werde; allein es ging Alles unglücklich. Herbert war nach dem unbedeutenden Scharmützel in der Bantrybai mit seinem Geschwader nach Portsmouth zurückgekehrt. Hier sah er, daß er die gute Meinung weder des Publikums noch der Regierung verloren hatte. Das Haus der Gemeinen dankte ihm für seine Dienste und er erhielt sprechende Beweise von der Gunst der Krone. Er war nicht bei der Krönung gewesen und hatte daher keinen Theil an den Belohnungen gehabt, welche bei Gelegenheit dieser Feierlichkeit unter die Hauptactoren der Revolution vertheilt worden waren. Dies wurde jetzt nachgeholt und er zum Earl von Torrington erhoben. Der König begab sich nach Portsmouth, speiste an Bord des Admiralschiffes, sprach sein vollstes Vertrauen zu der Tapferkeit und Loyalität der Flotte aus, schlug zwei tüchtige Kapitains, Cloudesley Shovel und Johann Ashby, zu Rittern und ließ ein Geschenk unter die Mannschaften vertheilen.[69]

Torrington’s schlechte Verwaltung.

Wir können Wilhelm keinen begründeten Vorwurf deshalb machen, daß er eine hohe Meinung von Torrington hatte, denn Torrington galt allgemein für einen der tapfersten und geschicktesten Offiziere der Flotte. Jakob, der die Marineangelegenheiten besser verstand als irgend etwas Andres, hatte ihn zum Contreadmiral von England befördert. Diesen Posten, wie noch andere einträgliche Stellen hatte Torrington aufgegeben, als er sah, daß er sie nur behalten konnte, wenn er sich zum Werkzeug der jesuitischen Cabale hergab. Niemand hatte eine thätigere, gewagtere und nützlichere Rolle in der Revolution gespielt als er. Daher schien Niemand gegründeteren Anspruch darauf zu haben, an die Spitze der Marineverwaltung gestellt zu werden. Und doch eignete sich Niemand weniger für einen solchen Posten. Seine Moralität war stets locker, ja so locker gewesen, daß die Festigkeit, mit der er unter der vorigen Regierung seinem Glauben treu blieb, großes Erstaunen erregt hatte. Seine ruhmvolle Ungnade schien zwar einen heilsamen Einfluß auf seinen Character ausgeübt zu haben, denn in seiner Armuth und Verbannung erhob sich der Wüstling zu einem Helden. Sobald aber das Glück wiederkehrte, sank der Held wieder zum Wüstling herab, und dieser Fall war tief und hoffnungslos. Die Fäden seines Geistes, welche auf kurze Zeit straffer angespannt gewesen, waren jetzt durch das Laster dermaßen erschlafft, daß er zur Selbstverleugnung oder zu einer angestrengten Thätigkeit vollkommen unfähig war. Den rohen Muth des Seemanns besaß er wohl noch, aber als Admiral wie als erster Lord der Admiralität war er durchaus ungenügend. Monat auf Monat lag die Flotte, welche der Schrecken der Meere hätte sein sollen, unthätig im Hafen, während er sich in London amüsirte. Die Matrosen gaben ihm in spöttelnder Anspielung auf seinen neuen Titel den Namen Tarry-in-town.[70] Als er endlich an Bord kam, war er von einem Schwarme von Courtisanen begleitet. Es gab kaum eine Stunde des Tages wie der Nacht, wo er frei von den Dünsten des Claret gewesen wäre. Sein unersättlicher Hang zum Vergnügen machte ihn naturgemäß auch unersättlich nach Reichthum. Doch liebte er die Schmeichelei fast eben so sehr als Reichthum und Vergnügen. Er war seit langer Zeit gewohnt, von seinen Untergebenen die kriechendsten Huldigungen zu verlangen. Sein Admiralschiff war ein kleines Versailles. Er erwartete, daß seine Kapitains sich sowohl des Abends, wenn er zu Bett ging, als auch des Morgens beim Aufstehen in seiner Kajüte versammelten; ja er ließ sich sogar von ihnen ankleiden. Der Eine kämmte ihm seine wallende Perrücke, ein Andrer stand mit dem gestickten Rocke bereit. Unter einem solchen Befehlshaber konnte von Disciplin nicht die Rede sein. Seine Theerjacken verbrachten ihre Zeit in Saus und Braus unter dem Pöbel von Portsmouth, und diejenigen Offiziere, die sich durch Servilität und Speichelleckerei seine Gunst erworben hatten, erhielten leicht Urlaub und blieben wochenlang in London, wo sie in den Wirthshäusern schwelgten, durch die Straßen schlenderten oder den maskirten Damen im Theater den Hof machten. Die Proviantlieferanten merkten bald, mit wem sie es zu thun hatten und schickten der Flotte Fässer Fleisch, das kein Hund angerührt haben würde, und Tonnen Bier, das schlimmer roch als fauliges Wasser. Währenddem war der britische Kanal den französischen Seeräubern preisgegeben. Unsere Kauffahrteischiffe wurden angesichts der Wälle von Plymouth gekapert; die Zuckerflotte aus Westindien verlor sieben Schiffe. Der Gesammtwerth der Prisen, welche in unmittelbarer Nähe unsrer Insel von den Kreuzern des Feindes weggenommen wurden, während Torrington sich mit seiner Flasche und seinem Harem beschäftigte, wurde auf sechsmalhunderttausend Pfund Sterling geschätzt. Das Geleit eines Kriegsschiffes war, außer wenn man große Summen auf Bestechung verwendete, so schwer zu erlangen, daß unsere Kaufleute sich gezwungen sahen, zu diesem Zwecke holländische Kaper zu miethen, die sie weit nützlicher und minder geldgierig fanden, als die Offiziere unsrer eignen königlichen Flotte.[71]

Notes in this chapter

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