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Geschichte von England seit der Thronbesteigung Jakob's des Zweiten. Siebenter Band

Dreizehntes Kapitel. Wilhelm und Marie. (continued 2)

Reading edition

Die veränderten Empfindungen, mit denen die Bewohner des Niederlandes die Scenerie des Hochlandes betrachteten, war eng verbunden mit einer nicht minder auffallenden Veränderung der Gesinnungen, mit denen sie den hochländischen Menschenschlag betrachteten. Es ist kein Wunder, wenn die wilden Schotten, wie man sie zuweilen nannte, im 17. Jahrhunderte von den Sachsen als bloße Wilde angesehen wurden. Sonderbar aber ist es gewiß, daß sie, obgleich sie als Wilde betrachtet wurden, nicht Gegenstände des Interesses und der Neugierde waren. Die Engländer studirten damals mit übergroßem Eifer die Sitten roher, durch große Continente und Meere von unsrer Insel getrennter Nationen. Es erschienen zahlreiche Bücher, welche die Gesetze, den Aberglauben, die Hütten, die Mahlzeiten, die Trachten, die Hochzeiten und Bestattungsgebräuche der Lappländer und Hottentotten, der Mohawks und Malayen beschrieben. Die Theaterstücke und Gedichte aus jener Zeit sind reich an Anspielungen auf die Gebräuche der afrikanischen Schwarzen und der amerikanischen Rothhäute. Der einzige Barbar, nach dessen näherer Kenntniß Niemanden verlangte, war der Hochländer. Fünf oder sechs Jahre nach der Revolution veröffentlichte ein unermüdlicher Angler ein Werk über Schottland. Er rühmte sich, im Laufe seiner Wanderungen von See zu See und von Bach zu Bach kaum einen Winkel des Königreichs unerforscht gelassen zu haben. Wenn wir aber seine Erzählung näher prüfen, so finden wir, daß er sich nicht über die äußersten Grenzen der celtischen Region hinausgewagt hat. Er sagt uns, daß er selbst von den Leuten, welche dicht bei den Gebirgspässen wohnten, über die gälische Bevölkerung nichts habe erfahren können. Wenige Engländer, schreibt er, hätten Inverary je gesehen, und jenseit Inverary sei Alles ein Chaos.[60] Unter der Regierung Georg’s I. erschien ein Werk, welches einen sehr genauen Bericht über Schottland zu geben behauptete und in diesem über dreihundert Seiten starken Werke waren zwei geringschätzende Paragraphen als für die Hochlande und die Hochländer genügend erachtet.[61] Wir dürfen wohl zweifeln, ob im Jahre 1689 ein einziger von den zwanzig der wohlbelesenen Gentlemen, welche Will’s Kaffeehaus besuchten, wußte, daß es innerhalb des Bereichs der vier Meere und in einer Entfernung von weniger als fünfhundert Meilen von London viele Miniaturhöfe gab, in deren jedem ein kleiner Fürst, umgeben von Leibgarden, Waffenträgern, Musikern, einem erblichen Redner und einem erblichen Hofpoeten, einen rohen Hofstaat unterhielt, eine rohe Justiz ausübte, Krieg führte und Verträge schloß. So lange die alten gälischen Institutionen in voller Kraft bestanden, war kein Bericht über sie von einem zur richtigen Beurtheilung derselben befähigten Beobachter erschienen. Hätte ein solcher Beobachter die Hochländer studirt, so würde er ohne Zweifel darin ein inniges Gemisch der guten und schlechten Eigenschaften einer uncivilisirten Nation gefunden haben. Er würde gefunden haben, daß das Volk weder sein Vaterland noch seinen König liebte, daß es keine Anhänglichkeit an ein größeres Gemeinwesen als den Clan, oder an eine höhere Behörde als den Häuptling hatte. Er würde gefunden haben, daß das dortige Leben durch ein Gesetzbuch der Moral und Ehre geregelt wurde, welches himmelweit verschieden war von dem in friedlichen und prosperirenden Gesellschaften geltenden. Er würde gelernt haben, daß ein Messerstich in den Rücken oder ein Schuß hinter einem Felsblocke hervor gebilligte Wege waren, um sich für Beleidigungen Satisfaction zu verschaffen. Er würde Leute mit Stolz haben erzählen hören, wie sie oder ihre Väter an Erbfeinden in einem benachbarten Thale eine Rache ausgeübt, über welche alte Soldaten des dreißigjährigen Kriegs geschaudert haben würden. Er würde gefunden haben, daß das Räuberhandwerk für einen nicht nur unschuldigen, sondern sogar ehrenvollen Beruf galt. Er würde allenthalben, wohin er den Blick wendete, die allen Wilden characteristische Abneigung gegen eine geregelte Thätigkeit, und die Geneigtheit, den schwersten Theil der Handarbeit auf das schwächere Geschlecht zu wälzen, gesehen haben. Er würde erstaunt sein über den Anblick athletischer Männer, die sich in der Sonne wärmten, Lachse angelten oder Birkhühner schossen, während ihre greisen Mütter, ihre schwangeren Frauen und ihre zarten Töchter die dürftige Haferernte einbrachten. Und die Weiber beklagten sich nicht über ihr hartes Loos. In ihren Augen war es ganz schicklich, daß ein Mann, besonders wenn er den aristokratischen Titel Duinhe Wassel führte und seine Mütze mit einer Adlerfeder schmückte, der Ruhe pflog, wenn er nicht focht, jagte oder plünderte. Den Namen eines solchen Mannes in Verbindung mit dem Handel oder mit einer mechanischen Beschäftigung zu nennen, war eine Beleidigung. Der Landbau war zwar minder verachtet, aber es war doch für einen hochgebornen Krieger eine viel angemessenere Beschäftigung, fremdes Land zu plündern, als sein eignes zu bestellen. Die Religion des größeren Theils der Hochlande war ein rohes Gemisch von Papismus und Heidenthum. Das Symbol der Erlösung war mit heidnischen Opfern und Beschwörungsformeln verbunden. Getaufte Menschen brachten dem einen Dämon Libationen von Ale und setzten für einen andren Trankopfer von Milch aus. Seher wickelten sich in Ochsenhäute und erwarteten so die Inspiration, welche die Zukunft enthüllen sollte. Selbst unter den Minstrels und Genealogen, deren erblicher Beruf es war, die Erinnerung vergangener Ereignisse zu bewahren, würde ein Forscher nur sehr wenige gefunden haben, welche lesen konnten. Er hätte in der That von einer Küste zur andren reisen können, ohne eine Seite gedrucktes oder geschriebenes Gälisch zu entdecken. Er würde seine Kenntniß des Landes theuer haben bezahlen müssen. Er würde eben so große Beschwerden zu ertragen gehabt haben, als wenn er sich unter den Eskimos oder Samojeden befunden hätte. Hier und da im Schlosse eines vornehmen Lords, der einen Sitz im Parlamente und im Geheimen Rathe hatte und der einen großen Theil seines Lebens in den Städten des Südens zuzubringen pflegte, würde er wohl Perrücken und gestickte Leibröcke, Silbergeschirr und feines Leinzeug, Spitzen und Juwelen, französische Speisen und französische Weine gefunden haben. In der Regel aber hätte er sich mit ganz anderen Quartieren begnügen müssen. In vielen Wohnungen würden die Möbeln, die Kost, die Kleidung, ja selbst das Haar und die Haut seiner Wirthe seine Philosophie auf eine harte Probe gestellt haben. Er würde sich zuweilen mit einer Hütte haben begnügen müssen, in der jeder Winkel von Ungeziefer wimmelte. Er würde eine mit Torfrauch geschwängerte und durch hunderterlei ekelhafte Dünste verpestete Luft eingeathmet haben. Zum Abendessen würde ihm Korn, das nur zu Pferdefutter taugte, nebst einem Napfe voll Blut von einer lebenden Kuh vorgesetzt worden sein. Einige seiner Tischgenossen würden mit Hautausschlägen bedeckt, andere mit Theer beschmiert gewesen sein wie die Schafe. Sein Lager würde der nackte Erdboden gewesen sein, trocken oder naß, je nach dem Wetter, und er würde sich von diesem Lager halb vergiftet durch den Gestank, halb blind vom Torfrauch und halb wahnsinnig vor Jucken erhoben haben.[62]

Dies ist gewiß kein anziehendes Bild. Und doch würde ein einsichtsvoller und vorurtheilsfreier Beobachter in dem Character und den Sitten dieses rohen Volks etwas gefunden haben, was wohl Bewunderung und gute Hoffnungen erwecken konnte. Sie besaßen einen Muth, der sich seitdem durch Heldenthaten in allen vier Welttheilen erprobt hat. Ihre treue Anhänglichkeit an ihren Stamm und an ihren Patriarchen war zwar vom politischen Gesichtspunkte ein großes Uebel, hatte aber doch etwas von dem Character einer Tugend. Das Gefühl war irregeleitet und regellos, aber es war dennoch heroisch. Es muß eine gewisse Seelengröße in einem Menschen wohnen, der die Gesellschaft, welcher er angehört und den Führer, dem er folgt, mit einer Zuneigung liebt, welche stärker ist als die Liebe zum Leben. Es ist wahr, der Hochländer machte sich kein Gewissen daraus, das Blut eines Feindes zu vergießen, aber nicht minder wahr ist es, daß er hohe Begriffe von der Pflicht der Treue gegen Bundesgenossen und der Gastfreundschaft gegen Gäste hatte. Seine räuberischen Gewohnheiten waren allerdings für das Gemeinwesen von großem Nachtheil; aber Diejenigen irrten sehr, die da glaubten, daß er irgend eine Aehnlichkeit mit den Schurken hatte, welche in reichen und wohlgeordneten Staaten vom Diebstahle leben. Wenn er die Heerden von Niederlandsfarmern vor sich her den Paß hinauf trieb, der in seine heimathliche Schlucht führte, hielt er sich eben so wenig für einen Dieb, wie ein Raleigh oder Drake sich für einen Dieb hielt, wenn er die Ladungen der spanischen Galeonen theilte. Er war ein Krieger, der die rechtmäßige Beute des Kriegs in Besitz nahm, eines Kriegs, der während der fünfunddreißig Generationen, welche vorübergegangen waren, seitdem die teutonischen Eroberer die Kinder des Bodens in die Gebirge getrieben hatten, niemals unterbrochen worden war. Daß er zum Schutze des friedlichen Gewerbfleißes mit der ganzen Strenge des Gesetzes bestraft wurde, wenn man ihn bei einem Raube nach solchen Grundsätzen ergriff, war vollkommen gerecht. Ungerecht aber war es, ihn in moralischer Beziehung in eine Kategorie mit den Taschendieben, welche im Drurylanetheater ihr Unwesen trieben, oder mit den Straßenräubern zu werfen, welche auf Blackheath die Reisewagen anfielen. Sein maßloser Geburtsstolz und seine Verachtung der Arbeit und des Handels waren zwar große Schwächen und hatten weit mehr als die Rauhheit des Klima’s und die Unfruchtbarkeit des Bodens dazu beigetragen sein Vaterland arm und uncultivirt zu erhalten. Doch auch dafür gab es einen Ersatz. Um gerecht zu sein, muß man anerkennen, daß die patrizischen Tugenden unter der Bevölkerung der Hochlande nicht minder weit verbreitet waren als die patrizischen Fehler. Wie es keinen andren Theil der Insel gab, wo die Leute trotz dürftiger Kleidung, Wohnung und Nahrung den müßigen Schlaraffengewohnheiten einer Aristokratie in einem so hohen Grade fröhnten, so gab es auch keinen Theil der Insel, wo diese Leute in einem so hohen Grade die besseren Eigenschaften einer Aristokratie, Anmuth und Würde des Benehmens, Selbstachtung und jenes edle Zartgefühl besaßen, welches die Entehrung mehr fürchtet als den Tod. Ein Gentleman dieser Art, dessen Kleider von jahrelangem Schmutze besudelt waren und in dessen Hütte es ärger roch als in einem englischen Schweinestall, machte häufig die Honneurs dieser Hütte mit einem vornehmen Anstande, welcher des glänzenden Hofzirkels von Versailles würdig gewesen wäre. Obwohl er eben so wenig Büchergelehrsamkeit besaß, wie der einfältigste Ackerknecht England’s, so würde es doch ein grober Irrthum gewesen sein, hätte man ihn auf eine Stufe der Intelligenz mit diesen Ackerknechten stellen wollen. Mit einer Wissenschaft kann der Mensch allerdings nur durch Lesen genau bekannt werden. Aber die Künste der Poesie und der Beredtsamkeit können in einem Zeitalter wo Bücher gänzlich oder doch fast gänzlich unbekannt sind, der absoluten Vollkommenheit nahe gebracht werden und einen großen Einfluß auf den Volksgeist ausüben. Der erste große Lebens- und Sittenmaler hat mit einer Lebendigkeit, welche keinen Zweifel zuließ, daß er die Natur treu copirte, den Eindruck geschildert, den Beredtsamkeit und Gesang auf Zuhörer machten, die nicht einmal das Alphabet kannten. Es ist wahrscheinlich, daß bei den Berathungen der Hochländer Männer, welche dem Amte eines Dorfgerichtsschreibers nicht gewachsen gewesen waren, Fragen über Krieg und Frieden, über Tribut und Huldigung mit einem eines Halifax und Caermarthen würdigen Scharfsinn erörterten, und daß bei den Banketen der Hochländer Minstrels, die nicht lesen konnten, zuweilen Rhapsodien vortrugen, in denen ein verständiger Kritiker Stellen gefunden haben würde, die ihn an die lieblichen Verse Otway’s oder an die kräftigen Strophen Dryden’s erinnert hätten.

Es gab daher schon damals Beweise genug für die Rechtfertigung des Glaubens, daß der Celte durch keine natürliche Inferiorität dem Sachsen weit nachstand. Man hätte mit Gewißheit voraussagen können, daß, wenn eine energische Polizei es dem Hochländer unmöglich gemacht hätte, ihm zugefügtes Unrecht durch Gewalt zu rächen und sich seine Bedürfnisse durch Raub zu verschaffen, wenn seine Anlagen durch den bildenden Einfluß der protestantischen Religion und der englischen Sprache entwickelt würden, wenn er die Zuneigung und Achtung, mit denen er sein kleines Gemeinwesen und seinen kleinen Fürsten betrachten gelernt hatte, auf sein Vaterland und dessen rechtmäßige Obrigkeit übertragen könnte, das Königreich einen großen Zuwachs an Kraft für alle Zwecke des Friedens wie des Kriegs erlangen würde.

So würde ohne Zweifel der Ausspruch eines unterrichteten und unparteiischen Richters gelautet haben. Aber einen solchen Richter gab es damals nicht. Die von den gälischen Provinzen weit entfernt wohnenden Sachsen konnten nicht gut unterrichtet sein, und die in der Nähe dieser Provinzen wohnenden Sachsen konnten nicht unparteiisch sein. Zwischen Grenzbewohnern sind nationale Feindschaften jederzeit am heftigsten gewesen, und die Feindschaft zwischen den Grenzbewohnern des Hochlandes und denen des Niederlandes längs der ganzen Grenze war das Erzeugniß von Jahrhunderten und wurde durch beständige Reibungen immer frisch erhalten. Einmal wurden ganze Quadratmeilen Weideland von bewaffneten Räubern aus dem Gebirge verwüstet. Ein andermal hingen ein Dutzend Plaids in einer Reihe an den Galgen von Crieff oder Stirling. Es wurden zwar auf dem streitigen Gebiete Jahrmärkte zum nothwendigen Austausch von Waaren gehalten. Aber zu diesen Jahrmärkten kamen beide Theile kampfgerüstet, und der Tag endete oftmals mit Blutvergießen. So war der Hochländer ein Gegenstand des Hasses für seine sächsischen Nachbarn, und von seinen sächsischen Nachbarn erfuhren die weiter von ihm entfernt wohnenden Sachsen das Wenige, was sie über seine Sitten und Gewohnheiten zu erfahren wünschten. Wenn die Engländer sich einmal herabließen, an ihn zu denken — und dies geschah selten — so betrachteten sie ihn als einen schmutzigen, gemeinen Wilden, als einen Sklaven, einen Papisten, einen Halsabschneider und Räuber.[63]

Diese geringschätzende Abneigung erhielt sich bis zum Jahre 1745, worauf derselben für kurze Zeit eine heftige Furcht und Wuth folgte. Das ernstlich besorgte England bot seine ganze Macht auf und die Hochländer wurden rasch, vollständig und für immer unterworfen. Eine kurze Zeit lang schnaubte die englische Nation, noch erhitzt von dem neuerlichen Kampfe, nichts als Rache. Das Gemetzel auf dem Schlachtfelde und auf dem Schaffote genügte nicht, um den öffentlichen Blutdurst zu stillen. Der Anblick des Tartan reizte den Pöbel von London zu einem Hasse, der sich durch unmännliche Mißhandlungen an wehrlosen Gefangenen äußerte. Eine politische und sociale Umwälzung fand in der ganzen celtischen Region statt. Die Macht der Häuptlinge wurde gebrochen, das Volk entwaffnet, der Gebrauch der alten Nationaltracht verboten, den alten räuberischen Gewohnheiten wirksam Einhalt gethan, und kaum war diese Veränderung durchgeführt, so begann ein sonderbarer Umschwung der öffentlichen Meinung. Mitleid trat an die Stelle des Widerwillens. Die Nation verwünschte die an den Hochländern verübten Grausamkeiten und vergaß, daß sie selbst für diese Grausamkeiten verantwortlich war. Die nämlichen Londoner, welche, so lange der Marsch Derby’s noch in frischem Andenken war, die gefangenen Rebellen verhöhnt und mit Steinen geworfen hatten, gaben jetzt dem Fürsten, der den Aufstand niedergeworfen, den Spottnamen des „Schlächters“. Die barbarischen Institutionen und Gebräuche, die kein Sachse zur Zeit ihres Bestehens einer ernsten Prüfung werth gehalten und von denen er nie anders als mit Verachtung gesprochen, hatten nicht sobald aufgehört zu existiren, als sie Gegenstände der Neugierde, des Interesses und selbst der Bewunderung wurden. Kaum waren die Häuptlinge einfache Grundherren geworden, so begann man auch schon gehässige Vergleiche zwischen der Habgier des Grundherrn und der Nachsicht des Häuptlings anzustellen. Man schien vergessen zu haben, daß das alte gälische Staatswesen für unvereinbar mit der Autorität des Gesetzes befunden worden war, das Fortschreiten der Civilisation gehemmt und mehr als einmal den Fluch des Bürgerkriegs über das Land gebracht hatte. Wie man früher nur die abschreckende Seite dieses Staatswesens gesehen hatte, so sah man jetzt nur die anziehende Seite desselben. Das alte Band, sagte man, sei ein verwandtschaftliches gewesen, das neue sei ein rein commercielles. Könne es etwas Beklagenswertheres geben, als daß der Häuptling eines Stammes um eines geringfügigen Pachtrückstandes willen Pächter vertreibe, die sein eigen Fleisch und Blut seien und deren Vorfahren oftmals auf dem Schlachtfelde mit ihren Leibern seine Vorfahren gedeckt hätten? So lange es gälische Räuber gab, waren sie von der sächsischen Bevölkerung als hassenswerthes Ungeziefer betrachtet worden, das ohne Gnade vertilgt werden müsse. Sobald aber die Vertilgung bewerkstelligt, sobald das Vieh in den Engpässen von Perthshire eben so sicher war als auf dem Markte zu Smithfield, wurde der Freibeuter zu einem Romanhelden verherrlicht. So lange die gälische Tracht getragen wurde, hatten die Sachsen sie für häßlich, für lächerlich, ja sogar für höchst unanständig erklärt. Bald nachdem dieselbe verboten worden, machten sie die Entdeckung, daß sie das anmuthigste Gewand von Europa war. Die gälischen Bauwerke, die gälischen Gebräuche, der gälische Aberglaube, die gälischen Dichtungen, seit vielen Jahrhunderten geringschätzend vernachlässigt, begannen von dem Augenblicke an, wo die gälischen Eigenthümlichkeiten zu verschwinden anfingen, die Aufmerksamkeit der Gelehrten auf sich zu ziehen. Dieser Impuls war so stark, daß, wo die Hochlande im Spiele waren, einsichtsvolle Männer unbewiesenen Geschichten bereitwillig Glauben schenkten und Männer von Geschmack ganz werthlosen Compositionen einen überspannten Beifall zollten. Epische Gedichte, welche jeder geübte und vorurtheilsfreie Kritiker auf den ersten Blick als fast gänzlich modern erkannt haben würde und die, wenn sie als moderne Erzeugnisse veröffentlicht worden wären, sofort den ihnen gebührenden Platz neben Blackmore’s Alfred und Wilkie’s Epigoniad gefunden haben würden, wurden für funfzehnhundert Jahr alt erklärt und allen Ernstes der Iliade zur Seite gestellt. Schriftsteller von ganz andrer Art als die Betrüger, welche diese Fälschungen fabrizirten, sahen ein, welcher gewaltige Eindruck durch geschickte Schilderungen des früheren Hochlandlebens hervorgebracht werden könnte. Alles Widerwärtige wurde gemildert, alles Schöne und Edle mit besonderem Nachdruck hervorgehoben. Einige dieser Werke waren mit so bewundernswerthem Geschick abgefaßt, daß sie, wie die historischen Stücke Shakespeare’s, die Geschichte ersetzten. Die Phantasiegebilde des Dichters wurden für seine Leser zu Wirklichkeiten, die Orte, welche er beschrieb, wurden geheiligte Stätten und das Ziel von Tausenden von Pilgern. Bald war die Phantasie des Volks so ausschließend beschäftigt mit Plaids, Tartschen und Claymores, daß die meisten Engländer die Namen Schotte und Hochländer als gleichbedeutend betrachteten. Nur wenige schienen zu wissen, daß zu einer noch nicht fernen Zeit ein Macdonald oder ein Macgregor in seinem Tartan einem Bürger von Edinburg oder Glasgow das war, was ein indianischer Jäger in seinem Kriegsschmucke einem Bewohner von Philadelphia oder Boston ist. Künstler und Schauspieler stellten Bruce und Douglas in gestreiften kurzen Röcken dar. Eben so gut hätten sie Washington den Tomahawk schwingend und mit einer Reihe Skalpen umgürtet darstellen können. Endlich erreichte diese Mode einen Punkt, der nicht leicht überschritten werden konnte. Der letzte britische König, der in Holyrood residirte, glaubte keinen glänzenderen Beweis von seiner Achtung vor den Gebräuchen, welche vor der Union in Schottland geherrscht hatten, geben zu können, als indem er sich in einen Anzug kleidete, den vor der Union neun Schotten unter zehn für die Tracht eines Banditen erklärt haben würden.

So ist es gekommen, daß die alten gälischen Institutionen und Sitten nie in dem einfachen Lichte der Wahrheit dargestellt worden sind. Bis in die Mitte des vorigen Jahrhunderts wurden sie durch ein falsches Medium gesehen; seitdem sind sie durch ein andres gesehen worden. Früher schimmerten sie nur undeutlich durch den verdunkelnden und entstellenden Nebel des Vorurtheils, und dieser Nebel hatte sich kaum zerstreut, so erschienen sie glänzend in den reichsten Farben der Poesie. Die Zeit, wo ein vollkommen treues Bild hätte entworfen werden können, ist jetzt vorbei. Das Original ist längst verschwunden, eine authentische Copie existirt nicht und Alles was noch möglich, ist die Herstellung einer unvollkommenen Aehnlichkeit mit Hülfe zweier Portraits, von denen das eine eine plumpe Karrikatur, das andre ein Meisterstück der Schmeichelei ist.

Eigenthümlicher Character des Jakobitismus in den Hochlanden.

Unter den falschen Begriffen, die sich in Bezug auf die Geschichte und den Character der Hochländer allgemein verbreitet haben, muß namentlich einer berichtigt werden. Während des Jahrhunderts, das mit dem Feldzuge Montrose’s begann und mit dem Feldzuge des jungen Prätendenten schloß, wurde jede im Interesse des Hauses Stuart auf britischem Boden vollbrachte große kriegerische That durch die Tapferkeit gälischer Stämme vollbracht. Die Engländer haben daher ganz natürlich diesen Stämmen die Denkungsart englischer Cavaliere zugeschrieben: eine tiefe Ehrfurcht vor der königlichen Würde und eine begeisterte Anhänglichkeit an die königliche Familie. Eine nähere Untersuchung wird jedoch ergeben, daß die Stärke dieser Gefühle bei den celtischen Clans sehr überschätzt worden ist.

Wenn wir die Geschichte unserer bürgerlichen Zwistigkeiten studiren, dürfen wir nie vergessen, daß dieselben Namen, Kennzeichen und Kriegsrufe in verschiedenen Theilen der britischen Inseln eine ganz verschiedene Bedeutung hatten. Wir haben bereits gesehen, wie wenig der irische Jakobitismus und der englische Jakobitismus mit einander gemein hatten. Der Jakobitismus des schottischen Hochländers war, wenigstens im 17. Jahrhundert, eine dritte, von den beiden anderen ganz verschiedene Varietät. Die gälische Bevölkerung war in der That weit davon entfernt, die Prinzipien des passiven Gehorsams und des Nichtwiderstandes anzuerkennen. Das ganze alltägliche Leben dieser Bevölkerung war eigentlich aus Ungehorsam und Widerstand zusammengesetzt. Gerade einige von denjenigen Clans, die man allgemein als so enthusiastisch loyal zu schildern gewohnt war, daß sie bereit sein würden, bis zum Tode treu zu Jakob zu halten, selbst wenn er im Unrecht wäre, hatten, so lange er auf dem Throne saß, seiner Autorität nie die geringste Achtung gezollt, selbst wenn er offenbar im Rechte war. Es war ihre Gewohnheit, ihr Beruf gewesen, ihm ungehorsam zu sein und ihm zu trotzen. Einige von ihnen waren wegen des Verbrechens der Widerspenstigkeit gegen seine gesetzmäßigen Befehle wirklich unter Hörnerklang proscribirt worden und würden ohne Besinnen jeden seiner Beamten, der sich über die Gebirgspässe hinaus gewagt hätte, um seinen Befehl zu vollziehen, in Stücke zerrissen haben. Die englischen Whigs wurden von ihren Gegnern beschuldigt, daß sie bezüglich des dem Staatsoberhaupte gebührenden Gehorsams gefährlich lockeren Prinzipien huldigten. Indessen hat kein ehrenwerther englischer Whig jemals den Aufruhr vertheidigt, außer als ein seltenes und extremes Mittel gegen seltene und extreme Uebel. Aber unter den celtischen Häuptlingen, deren Loyalität das Thema so vieler feuriger Lobpreisungen gewesen ist, gab es mehrere, deren ganze Existenz vom Knabenalter an ein einziger langer Aufruhr war. Von solchen Männern durfte man offenbar nicht erwarten, daß sie die Revolution in dem Lichte betrachten würden, in welchem dieselbe einem oxforder Eidverweigerer erschien. Auf der andren Seite wurden sie nicht, wie die eingebornen Irländer, durch Widerwillen gegen die sächsische Oberherrschaft zur Ergreifung der Waffen gedrängt; der schottische Celte war dieser Herrschaft niemals unterworfen gewesen. Er bewohnte sein eignes wildes und unfruchtbares Gebiet und beobachtete seine eigenen nationalen Gebräuche. In seinem Verkehr mit den Sachsen war er eher der Bedrücker als der Bedrückte. Er erpreßte Räubertribut von ihnen, entführte ihre Schaf- und Rinderheerden, und selten wagten sie es, ihn in seine heimathliche Wildniß zu verfolgen. Sie hatten nie sein ödes Moos- und Kiesland unter sich vertheilt. Er hatte nie den Thurm seiner erblichen Häuptlinge von einem Usurpator in Besitz nehmen sehen, der nicht gälisch sprach und der auf Alle die es sprachen, wie auf rohes Sklavenvolk herabsah, auch waren seine nationalen und religiösen Gefühle nie durch die Macht und durch den Glanz einer Kirche beleidigt worden, die er als eine ausländische und zugleich ketzerische betrachtete.

Der wahre Grund der Bereitwilligkeit, mit der ein großer Theil der Bevölkerung der Hochlande im Laufe des 17. Jahrhunderts zweimal für die Stuarts das Schwert zog, ist in den inneren Zwistigkeiten zu suchen, welche die Republik der Clans spaltete. Denn es gab eine Republik der Clans, das verkleinerte Ebenbild der großen Republik der europäischen Nationen. In der kleineren von diesen beiden Republiken, wie in der größeren, gab es Kriege, Verträge, Alliancen, Streitigkeiten wegen Gebiet und Vorrang, ein System des öffentlichen Rechts und ein Gleichgewicht der Macht. Dabei existirte eine unerschöpfliche Quelle der Unzufriedenheit und Zwietracht. Einige Jahrhunderte früher war das Feudalsystem in das Gebirgsland eingeführt worden, hatte aber das patriarchalische System weder vernichtet, noch sich vollständig mit demselben amalgamirt. Gewöhnlich war Derjenige, der nach der normännischen Verfassung Lord war, auch Häuptling nach der celtischen Verfassung, und in diesem Falle war kein Streit. Waren aber die beiden Charactere getrennt, so concentrirte sich der ganze willige und loyale Gehorsam auf den Häuptling. Der Lord hatte nur das, was er durch Gewalt erlangen und behaupten konnte. Wenn er mit Hülfe seines eignen Stammes Pächter, die einem andren Stamme angehörten, sich unterthan zu erhalten vermochte, so herrschte eine Tyrannei von Clan gegen Clan, vielleicht die heftigste von allen Formen der Tyrannei.

Eifersucht auf den Einfluß der Campbells.

Verschiedene Stämme hatten sich zu verschiedenen Zeiten zu einem Ansehen erhoben, das allgemeine Furcht und Neid erweckt hatte. Die Macdonalds hatten früher einmal auf den Hebriden und in dem ganzen Gebirgslande von Argyleshire und Inverneßshire ein Uebergewicht besessen ähnlich dem, welches das Haus Oesterreich einst in der Christenheit besaß. Aber das Uebergewicht der Macdonalds war, wie das des Hauses Oesterreich, verschwunden, und die Campbell’s, die Kinder Diarmid’s, waren in den Hochlanden das geworden, was die Bourbons in Europa geworden waren. Der Vergleich könnte noch weiter fortgeführt werden. Aehnliche Beschuldigungen wie man sie der französischen Regierung zur Last zu legen pflegte, wurden den Campbells zur Last gelegt. Eine besondere Gewandtheit, ein besonderer äußerer Schein von Eleganz, eine besondere Verachtung aller eingegangenen Verpflichtungen wurden mit oder ohne Grund dem gefürchteten Stamme zugeschrieben. „Schön und falsch wie ein Campbell“ wurde ein Sprichwort. Es hieß, ein Mac Callum More nach dem andren habe mit unermüdlichem, gewissenlosem und unbeugsamem Ehrgeize Berg auf Berg und Insel auf Insel zu den ursprünglichen Besitzungen seines Hauses gehäuft. Einige Stämme waren aus ihrem Gebiet vertrieben, andere zur Zahlung eines Tributs gezwungen, noch andere den Eroberern einverleibt worden. So war endlich die Zahl der waffenfähigen Männer, welche den Namen Campbell führten, stark genug, um den vereinten Streitkräften aller übrigen weltlichen Clans im Felde die Spitze zu bieten.[64] Während der bürgerlichen Unruhen, welche im Jahre 1638 begannen, erreichte die Macht dieser ehrgeizigen Familie ihren Höhepunkt. Der Marquis von Argyle war ebensowohl das Oberhaupt einer Partei wie der Häuptling eines Stammes. Im Besitze zweier verschiedenen Arten von Autorität, bediente er sich jeder derselben in solcher Weise, daß er damit die andre erweiterte und verstärkte. Der notorische Umstand, daß er die Claymores von fünftausend halbheidnischen Gebirgsbewohnern ins Feld bringen konnte, vermehrte seinen Einfluß bei den strengen Presbyterianern, welche den Geheimen Rath und die Generalversammlung von Edinburg füllten, und sein Einfluß in Edinburg vermehrte wieder den Schrecken, den sein Name im Gebirge verbreitete. Von allen Fürsten der schottischen Hochlande, deren Geschichte uns näher bekannt ist, war er der mächtigste und gefürchtetste. Während seine Nachbarn die Zunahme seiner Macht mit einer Wuth beobachteten, welche die Furcht kaum niederzuhalten vermochte, rief Montrose sie zu den Waffen. Dem Aufrufe ward bereitwilligst Folge geleistet und eine mächtige Coalition von Clans zog in den Krieg, dem Namen nach für König Karl, in Wirklichkeit aber gegen Mac Callum More. Wer die Geschichte dieses Kampfes studirt hat, wird nicht leicht zweifeln können, daß, wenn Argyle die Sache der Monarchie unterstützt hätte, seine Nachbarn sich gegen dieselbe erklärt haben würden. Achtbare Schriftsteller erzählen von dem Siege, den die Royalisten bei Inverlochy über die Rebellen erfochten. Aber die in der Nähe des Ortes wohnenden Landleute stellen die Sache richtiger dar. Sie sprechen von der großen Schlacht, welche dort die Macdonalds gegen die Campbells gewannen.

Die Gesinnungen, welche die Koalition gegen den Marquis von Argyle hervorgerufen hatten, bestanden noch lange nach seinem Tode in ihrer ganzen Stärke fort. Sein Sohn, der Earl Archibald, erbte, obwohl er ein Mann von vielen ausgezeichneten Tugenden war, mit der Macht seiner Vorfahren zu gleicher Zeit auch die Unpopularität, die eine fast unausbleibliche Folge einer solchen Macht war. Im Jahre 1675 bildeten mehrere kriegslustige Stämme eine Conföderation gegen ihn, mußten sich aber der überlegenen Macht fügen, die ihm zu Gebote stand. Es herrschte daher von einer Meeresküste bis zur andren große Freude, als er im Jahre 1681 auf eine geringfügige Anschuldigung hin vor Gericht gestellt, zum Tode verurtheilt, ins Exil getrieben und seiner Titel beraubt wurde. Groß war der Schrecken, als er 1685 aus der Verbannung zurückkehrte und das feurige Kreuz aussandte, um seine Stammesgenossen unter seine Fahne zu rufen, und wieder war große Freude, als sein Unternehmen gescheitert, als seine Armee zusammengeschmolzen, als sein Kopf auf das Tolbooth von Edinburg gesteckt worden war und als die Häuptlinge, die ihn als einen Unterdrücker betrachtet, unter leichten Bedingungen von der Krone Erlassung alter Verbindlichkeiten und Verleihung neuer Titel erlangt hatten. Während England und Schottland allgemein Jakob’s Tyrannei verabscheuten, wurde er in Appin und Lochaber, in Glenroy und Glenmore als ein Befreier verehrt.[65] Der durch die Macht und den Ehrgeiz des Hauses Argyle erregte Haß war selbst dann noch nicht gekühlt, als das Oberhaupt dieses Hauses hingeopfert, als seine Kinder landesflüchtig waren, als fremde Truppen die Besatzung des Schlosses Inverary bildeten und als das ganze Ufer des Fynesees durch Feuer und Schwert verwüstet war. Man sagte, der schreckliche Präcedenzfall mit den Macgregors müsse wiederholt und es als ein Verbrechen erklärt werden, den verhaßten Namen Campbell zu tragen.

Da änderte sich plötzlich Alles. Die Revolution kam und der Erbe Argyle’s kehrte triumphirend zurück. Er war, wie seine Vorgänger es gewesen, das Oberhaupt nicht nur eines Stammes, sondern auch einer Partei. Der Richterspruch, der ihn seines Eigenthums und seiner Titel beraubt hatte, wurde von der Majorität der Convention für null und nichtig angesehen. Die Thüren des Parlamentshauses wurden ihm geöffnet, er wurde unter dem ganzen schottischen Hochadel dazu auserwählt, den neuen Soverainen den Amtseid abzunehmen, und dazu ermächtigt, auf seinen Besitzungen eine Armee für den Dienst der Krone auszuheben. Jetzt war er unzweifelhaft so mächtig wie der mächtigste seiner Vorfahren. Unterstützt durch die Kraft der Regierung, verlangte er nun gewiß die Entrichtung aller der langjährigen schweren Zins- und Tributrückstände, die seine Nachbarn ihm schuldeten und übte Rache für alle Beleidigungen und Schmähungen, die seine Familie erduldet hatte.

Die Stewarts und Macnaghtens.

Angst und Unruhe herrschte in den Schlössern von zwanzig Miniaturkönigen. Groß war die Besorgniß der Stewarts von Appin, deren Gebiet auf der einen Seite vom Meere und auf der andren vom Stamme Diarmid’s eingezwängt war. Noch größer war die Bestürzung bei den Macnaghtens. Sie waren einst die Herren der schönen Thäler gewesen, durch welche die Ara und die Shira dem Fynesee zuströmen. Aber die Campbells hatten die Oberhand behalten. Die Macnaghtens waren zur Unterwerfung gezwungen worden und hatten von Geschlecht zu Geschlecht mit Furcht und Abscheu zu dem benachbarten Schlosse Inverary emporgeblickt. Neuerdings war ihnen eine vollkommene Emancipation versprochen worden. Eine Urkunde, kraft welcher ihrem Häuptlinge seine Besitzungen als unmittelbares Kronlehen zugeschrieben wurden, war ausgefertigt und harrte nur noch der königlichen Siegel, als die Revolution plötzlich eine Hoffnung zertrümmerte, welche nahe an Gewißheit grenzte.[66]

Die Macleans.

Die Macleans erinnerten sich, daß die Campbells vor nicht mehr als vierzehn Jahren in ihr Gebiet eingefallen, den Stammsitz ihres Häuptlings genommen und eine Besatzung in denselben gelegt hatten.[67] Noch ehe Wilhelm und Marie in Edinburg proklamirt worden, war ein Maclean, ohne Zweifel vom Oberhaupte seines Stammes abgesandt, über das Meer nach Dublin gekommen und hatte Jakob versichert, daß, wenn einige Bataillone aus Irland in Argyleshire landen sollten, sich ihnen sofort viertausendvierhundert Claymores anschließen würden.[68]

Die Camerons; Lochiel.

Ein ähnlicher Geist beseelte die Camerons. Ihr Oberhaupt, Sir Ewan Cameron von Lochiel, mit dem Beinamen der Schwarze, hatte in Bezug auf persönliche Eigenschaften unter den celtischen Fürsten nicht seines Gleichen. Er war ein leutseliger Gebieter, ein zuverlässiger Bundesgenosse und ein furchtbarer Feind. Sein Gesicht und seine Haltung waren von seltenem Adel. Einige Personen, die in Versailles gewesen waren, darunter der kluge und beobachtende Simon Lord Lovat, meinten, daß in Bezug auf Persönlichkeit und Manieren eine auffallende Aehnlichkeit zwischen Ludwig XIV. und Lochiel stattfinde, und wer die Portraits Beider mit einander vergleicht, wird bemerken, daß in der That einige Aehnlichkeit vorhanden war. In der Statur war jedoch ein großer Unterschied. Ludwig erreichte trotz seiner Schuhe mit hohen Absätzen und trotz einer mächtig hohen Perrücke kaum die Mittelgröße. Lochiel war lang und kräftig gebaut. In Behendigkeit und Geschicklichkeit im Gebrauche der Waffen kamen ihm wenige unter den Gebirgsbewohnern gleich. Er hatte mehr als einmal im Einzelkampfe gesiegt und war ein weit und breit berühmter Jäger. Er führte einen energischen Krieg gegen die Wölfe, welche bis zu seiner Zeit das Hochwild der Grampians zerrissen, und von seiner Hand fiel der letzte des blutdürstigen Gezüchts, das bekanntermaßen über unsre ganze Insel verbreitet war. Auch zeichnete sich Lochiel nicht weniger durch geistige wie durch körperliche Kräfte aus. Einem gebildeten und vielgereisten Engländer, der in Westminster unter Busby und in Oxford unter Aldrich die Classiker studirt, der im Umgange mit Mitgliedern der königlichen Societät etwas von den Wissenschaften und in den Galerien von Florenz und Rom etwas von den schönen Künsten gelernt hatte, würde er allerdings wohl unwissend erschienen sein. Aber obwohl Lochiel wenig Bücherkenntnisse besaß, so war er doch ungemein verständig bei Berathungen, beredtsam in der Debatte, erfinderisch in Auskunftsmitteln und geschickt in der Leitung des menschlichen Characters. Sein Verstand bewahrte ihn vor den Thorheiten, zu denen sich seine Bruderhäuptlinge oftmals durch Stolz und Zorn hinreißen ließen. Daher nannten Viele, die seine Bruderhäuptlinge als bloße Barbaren betrachteten, seinen Namen mit Achtung. Selbst bei der holländischen Gesandtschaft am St. James Square sprach man von ihm als von einem Manne, der an Einsicht und Muth nicht leicht seines Gleichen finden dürfte. Als Beschützer der Literatur kann er dem freigebigen Dorset zur Seite gestellt werden. Wie Dorset aus seiner Tasche Dryden eine Pension aussetzte, die seinem Einkommen als Hofpoet gleichkam, so soll Lochiel einem berühmten Barden, der von Räubern ausgeplündert worden und der in einer rührenden gälischen Ode um Almosen bat, drei Kühe und die kaum glaubliche Summe von fünfzehn Pfund Sterling geschenkt haben. Der Character dieses großen Häuptlings war in der That schon zweitausendfünfhundert Jahre vor seiner Geburt geschildert worden, und zwar — so groß ist die Macht des Genies — mit Farben, welche eben so viele Jahre nach seinem Tode noch frisch sein werden. Er war der Ulysses der Hochlande.[69]

Er war Herr über ein großes Gebiet, bevölkert von einem Stamme, der keinen andren Gebieter, keinen andren Gott verehrte als ihn. Für dieses Gebiet war er jedoch dem Hause Argyle lehnspflichtig. Er war verpflichtet, seinem Lehnsherrn im Kriege beizustehen und ihm einen hohen Grundzins zu bezahlen. Diese Vasallenschaft hatte er allerdings schon in früher Jugend als erniedrigend und ungerecht betrachten gelernt. Während seiner Minderjährigkeit hatte er unter der Vormundschaft des klugen Marquis gestanden und war auf dem Schlosse Inverary erzogen worden. Mit dem achtzehnten Jahre aber riß sich der Knabe von der Autorität seines Vormundes los und focht tapfer für Karl I. wie für Karl II. Er wurde daher von den Engländern als ein Cavalier betrachtet, nach der Restauration in Whitehall gut aufgenommen und von Jakob’s Hand zum Ritter geschlagen. Das Compliment jedoch, welches ihm bei einem seiner Besuche am englischen Hofe gemacht wurde, würde einem Sachsen nicht sehr schmeichelhaft erschienen sein. „Nehmen Sie Ihre Taschen in Acht, Mylords,“ rief Se. Majestät, „hier kommt der König der Diebe.“ Die Loyalität Lochiel’s ist fast sprichwörtlich, aber sie war dem was man in England Loyalität nannte, ganz unähnlich. In den Protokollen des schottischen Parlaments war er zu den Zeiten Karl’s II. als ein gesetzloser und rebellischer Mann geschildert, der aus eigner Machtvollkommenheit und mit souverainer Verachtung der königlichen Autorität Ländereien besitze.[70] Einmal erhielt der Sheriff von Inverneßshire von König Jakob Befehl, in Lochaber einen Gerichtstag zu halten. Lochiel, eifersüchtig auf diese Einmischung in seinen patriarchalischen Despotismus, erschien bei der Gerichtsverhandlung an der Spitze von vierhundert bewaffneten Camerons. Er affectirte große Achtung vor dem königlichen Befehl, ließ aber einige Worte fallen, welche von den Pagen und Waffenträgern, die jeden seiner Blicke scharf beobachteten, vollkommen verstanden wurden. „Ist keiner meiner Burschen so gut, diesen Richter zum Teufel zu jagen? Ich habe sie schon Händel anfangen sehen, wo es weniger nöthig war.“ Im nächsten Augenblicke begann ein Zanken und Streiten unter der Menge, man wußte nicht wie oder wo. Hunderte von Dolchen blitzten, das Geschrei „Hülfe!“ und „Mörder!“ ertönte von allen Seiten, es kamen zahlreiche Verwundungen vor, zwei Menschen wurden getödtet, die Sitzung wurde in tumultuarischer Verwirrung aufgehoben und der geängstigte Sheriff mußte sich unter den Schutz des Häuptlings stellen, der ihn mit einem plausiblen Anschein von Achtung und Theilnahme sicher nach seiner Wohnung geleitete. Man muß lachen, wenn man daran denkt, daß der Mann, der diese That verübte, von Schriftstellern, welche Somers und Burnet als Verächter der legitimen Autorität der Landesherren tadeln, beständig als der zuverlässigste und pflichtgetreueste Unterthan gerühmt wird. Lochiel würde allerdings die Lehre vom Nichtwiderstande höhnend verlacht haben. Aber es gab kaum einen andren Häuptling in Inverneßshire, der durch den Sturz des Hauses Argyle mehr als er gewonnen oder triftigeren Grund gehabt hätte, die Restauration dieses Hauses zu fürchten. Die Maßnahmen der Convention konnten daher kaum einen andren Häuptling in Inverneßshire mehr beunruhigen und ärgern als ihn.

Die Macdonalds.

Doch unter allen den Hochländern, welche die neueste Wendung des Geschicks mit peinlicher Besorgniß betrachteten, waren die Macdonalds die heftigsten und mächtigsten. Mehr als einer von den Magnaten, welche diesen weitverbreiteten Namen führten, machte Anspruch auf die Ehre, der rechtmäßige Nachfolger der Lords der Inseln zu sein, die noch im 15. Jahrhundert den Königen von Schottland den Vorrang streitig gemacht hatten. Dieser genealogische Streit, der bis auf unsre Zeit gewährt hat, verursachte viel Hader unter den Betheiligten. Alle aber stimmten darin überein, daß sie den früheren Glanz ihrer Dynastie zurückwünschten und das emporgekommene Geschlecht Campbell verabscheuten. Die alte Fehde hatte niemals geruht. Noch fortwährend wurde in Versen wie in Prosa wiederholt, daß der schönste Theil des den ehemaligen Oberhäuptern der gälischen Nation gehörenden Gebiets, Islay, wo sie mit königlicher Pracht gewohnt hatten, Jona, wo sie mit religiösem Pomp bestattet worden waren, die Berge von Jura, die reiche Halbinsel Kintyre, von den rechtmäßigen Besitzern auf den unersättlichen Mac Callum More übergegangen seien. Seit dem Sturze des Hauses Argyle konnten die Macdonalds, wenn sie auch ihre sonstige Macht nicht wiedererlangt hatten, sich wenigstens rühmen, daß gegenwärtig ihnen Niemand überlegen war. Von der Furcht vor ihrem mächtigen Feinde im Westen befreit, hatten sie ihre Waffen gegen schwächere Feinde im Osten, gegen den Clan Mackintosh und gegen die Stadt Inverneß gerichtet.

Fehde zwischen den Macdonalds und den Mackintoshs. Inverneß.

Der Clan Mackintosh, ein Zweig eines alten und berühmten Stammes, der seinen Namen und sein Wappen von der wilden Katze der Wälder entlehnte, hatte einen Streit mit den Macdonalds, der sich, wenn man der Tradition glauben darf, aus den finsteren Zeiten herschrieb, wo die dänischen Seeräuber die Küsten Schottland’s verwüsteten. Inverneß war eine sächsische Colonie unter den Celten, ein Bienenstock von Kaufleuten und Handwerkern inmitten einer Bevölkerung von Müßiggängern und Plünderern, ein einsamer Posten der Civilisation in einer Region von Barbaren. Obgleich die Gebäude nur einen kleinen Theil des Flächenraumes bedeckten, den sie gegenwärtig einnehmen; obgleich die Ankunft einer Brigg im Hafen ein seltenes Ereigniß war; obgleich die Börse den Mittelpunkt einer schmutzigen Straße bildete, in der ein Marktkreuz stand, das große Aehnlichkeit mit einem zerbrochenen Meilenzeiger hatte; obgleich die Sitzungen des Gemeinderaths in einem armseligen Gebäude mit schmucklosen Wänden gehalten wurden; obgleich die besten Häuser von der Art waren, daß sie jetzt bloße Hütten genannt werden würden; obgleich die besten Dächer von Stroh waren; obgleich die besten Zimmerdecken aus rohem Gebälk bestanden; obgleich die besten Fenster wegen mangelnder Scheiben bei schlechtem Wetter mit Läden verschlossen wurden; obgleich die geringeren Wohnungen bloße Erdhütten waren, in denen Fässer mit ausgeschlagenem Boden die Stelle der Kamine vertraten, so war doch diese Stadt in den Augen des Gebirgsbewohners der Grampians wie ein Babylon oder Tyrus. Nirgend anderwärts hatte er mehrere hundert Häuser, zwei Kirchen und ein Dutzend Malzdarren beisammengesehen. Nirgend anderwärts war er durch den Glanz von Budenreihen geblendet worden, wo Messer, Hornlöffel, zinnerne Kessel und bunte Bänder zum Verkauf ausgestellt waren. Nirgend anderwärts war er an Bord eines der gewaltigen Schiffe gewesen, welche Wein und Zucker aus Ländern brachten, die weit über die Grenzen seiner Geographie hinaus lagen.[71] Es kann nicht Wunder nehmen, daß die stolzen und kriegerischen Macdonalds, welche zwar die friedliche Industrie verachteten, denen aber nach den Früchten dieser Industrie gelüstete, mit den Bewohnern von Inverneß eine Reihe von Händeln anfingen. Unter der Regierung Karl’s II. hatte man gefürchtet, daß die Stadt von diesen rohen Nachbarn erstürmt und geplündert werden würde. Die Friedensbedingungen, welche sie anboten, bewiesen, wie wenig sie nach der Autorität des Fürsten und des Gesetzes fragten. Sie verlangten, daß ihnen ein schwerer Tribut bezahlt werden, daß die Municipalbehörden sich eidlich verpflichten sollten, jeden Bürger, der das Blut eines Macdonald vergösse, der Rache des Clans auszuliefern, und daß jeder Bürger, sobald er irgendwo Jemandem begegnete, der den Tartan der Macdonalds trüge, zum Zeichen seiner Unterwerfung die Waffen strecken solle. Nie hatte Ludwig XIV., selbst nicht als er zwischen Utrecht und Amsterdam lagerte, die Generalstaaten mit so despotischem Uebermuthe behandelt.[72] Durch die Vermittelung des schottischen Geheimraths kam ein Vergleich zu Stande; aber die alte Feindschaft verminderte sich nicht.

Inverneß wird von Macdonald von Keppoch bedroht.

Gemeinsame Feindschaften und gemeinsame Befürchtungen erzeugten ein gutes Einvernehmen zwischen der Stadt und dem Clan Mackintosh. Der Feind, den Beide am meisten haßten und fürchteten, war Colin Macdonald von Keppoch, ein Musterexemplar von ächtem hochländischen Jakobiten. Keppoch hatte Zeit seines Lebens die Autorität der Krone verhöhnt und sich derselben widersetzt. Er war zu wiederholten Malen bei seiner Unterthanenpflicht aufgefordert worden, von seinem gesetzwidrigen Treiben abzulassen, hatte aber jede solche Ermahnung mit Verachtung behandelt. Die Regierung wollte jedoch nicht zu extremen Maßregeln gegen ihn greifen, und er herrschte noch lange ungestört über die stürmischen Berggipfel von Coryarrick und über die gigantischen Terrassen, welche noch jetzt die Grenzen des einstigen Sees von Glenroy bezeichnen. Er war berühmt wegen seiner Kenntniß aller Schluchten und Höhlen dieser traurigen Gegend, und seine Geschicklichkeit, eine Viehheerde bis in die entlegensten Schlupfwinkel zu verfolgen, war so groß, daß man ihm den Beinamen „Coll der Kühe“ gegeben hatte.[73] Endlich zwangen seine frechen Verletzungen des Gesetzes den Geheimrath, energische Maßregeln gegen ihn zu ergreifen. Er wurde für einen Rebellen erklärt, Androhungen von Feuer und Schwert wurden unter dem Siegel Jakob’s gegen ihn erlassen, und wenige Wochen vor der Revolution rückte ein königliches Truppencorps, unterstützt durch die gesammte Streitmacht der Mackintoshs, in Keppoch’s Gebiet ein. Er lieferte den Eingedrungenen eine Schlacht und siegte. Die Truppen des Königs wurden in die Flucht geschlagen, ihr Anführer wurde getödtet, und zwar durch einen Helden, dessen Loyalität gegen den König viele Schriftsteller sehr wohlgefällig dem factiösen Ungestüm der Whigs gegenübergestellt haben.[74]

Wenn Keppoch jemals die geringste Ehrfurcht vor der Regierung gehabt hatte, so wurde dieses Gefühl durch die allgemeine Anarchie, welche auf die Revolution folgte, völlig in ihm erstickt. Er verwüstete das Gebiet Mackintosh’s, marschirte gegen Inverneß und drohte der Stadt mit Zerstörung. Die Gefahr war groß. Die Häuser waren nur von einer Mauer umgeben, auf welche Zeit und Wetter so verderblich eingewirkt hatten, daß sie bei jedem Sturme wankte. Dennoch zeigten die Einwohner einen kecken Trotz und ihr Muth wurde durch ihre Prediger angefeuert. Sonntag der 28. April war ein Tag der Angst und Verwirrung. Die Wilden streiften um die kleine sächsische Colonie herum wie eine Heerde hungriger Wölfe um eine Schafhürde. Keppoch drohte und bramarbasirte, er werde mit allen seinen Leuten in die Stadt dringen und sie plündern. Inzwischen versammelten sich die Bürger bewaffnet auf dem Marktplatze, um die Reden ihrer Geistlichen anzuhören. Der Tag verging, ohne daß ein Sturm erfolgte, und der Montag und Dienstag verstrichen unter großer Angst. Da erschien ein unerwarteter Vermittler.

Dundee erscheint in Keppoch’s Lager.

Dundee hatte sich nach seiner Flucht von Edinburg auf seinen Landsitz in dem Thale zurückgezogen, durch welches der Glamis dem ehemaligen Schlosse Macbeth’s zuströmt. Dort blieb er einige Zeit ruhig. Er betheuerte, daß er nicht die Absicht habe, sich der neuen Regierung zu widersetzen, er erklärte sich bereit nach Edinburg zurückzukehren, wenn er nur gewiß sein dürfe, gegen ungesetzliche Gewalt geschützt zu werden, und er erbot sich, sein Ehrenwort zu geben, oder, wenn dies nicht genüge, Caution zu erlegen, daß er sich ruhig verhalten wolle. Einige von seinen alten Soldaten hatten ihn begleitet und bildeten eine Besatzung von hinreichender Stärke, um sein Haus gegen die Presbyterianer der Umgegend zu beschützen. Hier hätte er möglicherweise unbehelligt und harmlos bleiben können, wenn nicht ein Vorfall, für den er nicht verantwortlich war, seine Feinde unversöhnlich gemacht und ihn zur Verzweiflung getrieben hätte.[75]

Ein Emissär Jakob’s war mit Briefen an Dundee und Balcarras von Irland nach Schottland hinübergefahren. Dies erweckte Verdacht. Der Bote wurde festgenommen, verhört und durchsucht und die Briefe bei ihm gefunden. Einige davon gingen von Melfort aus und waren seiner würdig. Jede Zeile verrieth die Eigenschaften, die ihn zu einem Gegenstande des Abscheus für sein Vaterland und zum Liebling seines Gebieters gemacht hatten. Er verkündete jubilirend den nahen Anbruch des Tages der Rache und der Beraubung, des Tages, an welchem das Eigenthum der Rebellen unter die Loyalen vertheilt und wo Viele, welche angesehen und reich gewesen, Verbannte und Bettler sein würden. Der König, sagte Melfort, sei entschlossen, Strenge zu üben. Die Erfahrung habe Seine Majestät endlich zu der Ueberzeugung gebracht, daß Milde Schwäche sein würde. Selbst die Jakobiten ersahen mit Entrüstung aus den Briefen, daß eine Restauration Confiscationen und Proscriptionen zur unmittelbaren Folge haben würde. Einige von ihnen nahmen keinen Anstand es auszusprechen, daß Melfort ein Schurke sei, daß er Dundee und Balcarras hasse, daß er sie verderben wolle und daß er zu dem Ende diese abscheulichen Depeschen geschrieben und sich eines Boten bedient habe, der es sehr geschickt einzurichten gewußt, daß er ergriffen wurde. Es ist jedoch ausgemacht, daß Melfort auch nach der Veröffentlichung dieser Papiere so hoch als je zuvor in Jakob’s Gunst stand. Daher kann es kaum einem Zweifel unterliegen, daß der Sekretär selbst in den Stellen, welche die eifrigen Vertheidiger des erblichen Rechts empörten, nur die Gesinnungen und Absichten seines Gebieters treulich wiedergab.[76] Hamilton befahl kraft der Vollmachten, welche die Stände vor ihrer Vertagung ihm ertheilt hatten, Balcarras und Dundee zu verhaften. Balcarras wurde festgenommen und zuerst in seinem eigenen Hause und dann in dem Tolbooth von Edinburg internirt. Aber Dundee’s habhaft zu werden war nicht so leicht. Sobald er erfuhr, daß Verhaftsbefehle gegen ihn erlassen waren, ging er mit seinen Anhängern über den Dee und blieb kurze Zeit auf den unwirthbaren Besitzungen des Hauses Gordon. Von hier aus setzte er sich mit den Macdonalds und Camerons wegen eines Aufstandes in Communication. Er scheint jedoch damals von den Hochländern wenig gewußt und sich wenig um sie gekümmert zu haben. Gegen ihren Nationalcharacter empfand er wahrscheinlich die Abneigung des Sachsen und gegen ihren militärischen Character die Geringschätzung des Soldaten von Profession. Er kehrte bald in das Niederland zurück und blieb dort bis er erfuhr, daß ein starkes Truppencorps ausgesandt war, um sich seiner zu bemächtigen.[77] Jetzt zog er sich in die Gebirgsgegend, als seine letzte Zufluchtsstätte, eilte nordwärts durch Strathdon und Strathbogie, ging über den Spey und kam am Morgen des 1. Mai mit einem kleinen Reitertrupp in Keppoch’s Lager vor Inverneß an.

Die neue Lage, in welche Dundee jetzt versetzt war, die neuen Aussichten, die sich ihm eröffneten, weckten in seinem erfinderischen und unternehmenden Kopfe natürlich neue Pläne. Die Hunderte von athletischen Celten, die er in ihrer nationalen Schlachtordnung sah, waren offenbar keine zu verachtenden Bundesgenossen. Wenn er eine große Koalition von Clans bilden, wenn er zehn- oder zwölftausend dieser entschlossenen Krieger unter eine Fahne bringen, wenn er sie überreden konnte, sich dem Zügel der Disciplin zu unterwerfen, welch’ eine Laufbahn stand ihm dann bevor!

Ein Patent von König Jakob war, selbst als König Jakob fest auf dem Throne saß, vom Coll der Kühe niemals sonderlich respectirt worden. Dieser Häuptling haßte jedoch die Campbells mit der ganzen Gluth eines Macdonald und erklärte sofort seinen Anschluß an die Sache des Hauses Stuart. Dundee nahm es auf sich, den Streit zwischen Keppoch und Inverneß zu schlichten. Die Stadt willigte ein, zweitausend Dollars zu bezahlen, eine Summe, die, so klein sie in den Augen der Goldschmiede von Lombard Street erscheinen mochte, wahrscheinlich jeden Schatz überstieg, der je in die Einöden von Coryarrick gebracht worden war. Die Hälfte der Summe wurde nicht ohne Mühe von den Einwohnern zusammengebracht und für den Rest soll Dundee sein Wort verpfändet haben.[78]

Er versuchte nun zunächst, die Macdonalds mit den Mackintoshs auszusöhnen und schmeichelte sich mit der Hoffnung, daß die beiden kriegerischen Stämme, welche noch unlängst einander feindlich gegenübergestanden hatten, geneigt sein würden, unter seinem Commando nebeneinander zu kämpfen. Doch er überzeugte sich bald, daß es kein leichtes Ding war, eine Fehde zwischen Hochländern zu schlichten. Von den Rechten der streitenden Könige wußte keiner der beiden Clans etwas, noch kümmerte er sich darum. Das Benehmen beider muß örtlichen Leidenschaften und Interessen zugeschrieben werden. Was Argyle für Keppoch war, das war Keppoch für die Mackintoshs. Die Mackintoshs blieben daher neutral, und ihrem Beispiele folgten die Macphersons, ein andrer Zweig des Stammes der wilden Katze. Dies war nicht Dundee’s einzige Enttäuschung. Die Mackenzies, die Frasers, die Grants, die Munros, die Mackays, die Macleods wohnten in großer Entfernung von dem Gebiete Mac Callum More’s. Sie lagen nicht im Streit mit ihm, schuldeten ihm nichts und hatten keinen Grund, die Vergrößerung seiner Macht zu fürchten. Daher sympathisirten sie nicht mit seinen beunruhigten und aufgebrachten Nachbarn und konnten nicht dazu bewegen werden, dem Bündnisse gegen ihn sich anzuschließen.[79]

Aufstand der den Campbells feindlichen Clans.

Diejenigen Häuptlinge hingegen, welche näher bei Inverary wohnten und die den Namen Campbell seit langer Zeit fürchteten und haßten, hießen Dundee freudig willkommen und versprachen, am 18. Mai an der Spitze ihrer Leute zu ihm zu stoßen. Während der letzten zwei Wochen vor diesem Tage durchzog er Badenoch und Athol und forderte die Bewohner dieser Districte zur bewaffneten Erhebung auf. Dann stürmte er mit seinen Reitern in das Niederland hinab, überrumpelte Perth und führte einige Whiggentlemen als Gefangene mit sich ins Gebirge. Unterdessen waren die Feuerkreuze von Ort zu Ort über alle Haiden und Berge dreißig Meilen im Umkreise von Ben Nevis gewandert, und als er den Sammelplatz in Lochaber erreichte, sah er, daß der Zuzug bereits begonnen hatte. Das Hauptquartier war nahe bei Lochiel’s Hause aufgeschlagen, einem großen, ganz aus Tannenholz gezimmerten Gebäude, das in den Hochlanden für einen prächtigen Palast galt. Hier empfing Lochiel, umgeben von sechshundert Kriegern, seine Gäste. Macnaghten von Macnaghten und Stewart von Appin hatten sich mit ihren kleinen Clans eingefunden. Macdonald von Keppoch führte die Krieger, welche einige Monate vorher unter seinem Commando die Musketiere König Jakob’s in die Flucht geschlagen hatten. Macdonald von Clanronald stand noch in zartem Alter, aber sein Oheim, der während seiner Minderjährigkeit die Regentschaft führte, hatte ihn ins Lager gebracht. Der Jüngling war von einer auserlesenen Leibgarde begleitet, bestehend aus seinen Vettern, lauter stattlichen Leuten und kräftigen Fäusten. Macdonald von Glengarry, der sich durch seine dunklen Brauen und durch seine hohe Gestalt auszeichnete, kam aus dem großen Thale, wo eine Kette von Seen, welche außerhalb des Landes damals noch unbekannt und auf keiner Karte angegeben waren, gegenwärtig die tägliche Straße für die Dampfschiffe bildet, die zwischen dem atlantischen und dem deutschen Ocean hin und her fahren. Keiner von den Beherrschern der Berge hatte eine höhere Meinung von seiner persönlichen Wichtigkeit und lag häufiger mit anderen Häuptlingen in Streit als dieser. Er pflegte in seinen Manieren und in seinem Hauswesen eine Rohheit zur Schau zu tragen, welche die seiner rohen Nachbarn noch übertraf, und erklärte, daß er die wenigen Luxusgegenstände, welche aus den civilisirten Theilen der Erde ihren Weg in die Hochlande gefunden, als Zeichen der Verweichlichung und Entartung der gälischen Race betrachte. Diesmal hatte er es für gut befunden, den Glanz der sächsischen Krieger nachzuahmen, denn er ritt an der Spitze seiner vierhundert mit Plaids bekleideten Clansleute in einem stählernen Küraß und einem mit Gold gestickten Rocke. Ein andrer Macdonald, der ein beklagenswerthes und entsetzliches Ende nehmen sollte, hatte einen Trupp verwegener Freibeuter aus dem traurigen Gebirgspasse Glencoe herbeigeführt. Etwas später kamen die großen Potentaten von den Hebriden. Macdonald von Sleat, der reichste und mächtigste von allen Großen, welche auf den hohen Titel des Lords der Inseln Anspruch machten, kam von Sky an der Spitze von siebenhundert Streitern. Eine Flotte von langen Böten brachte fünfhundert Macleans von Mull unter dem Commando ihres Häuptlings Sir Johann von Duart. In alten Zeiten hatte eine weit stärkere Streitmacht seine Vorfahren in die Schlacht begleitet. Aber die Macht, wenn auch nicht der Muth des Clans war durch die Arglist und durch die Waffen der Campbells gebrochen worden. Eine andre Schaar Macleans kam unter einem tapferen Anführer, der sich nach dem Lochbuy nannte, was so viel heißt als gelber See.[80]

Tarbet’s Rath für die Regierung.

Es scheint nicht, daß ein einziger Häuptling, der keinen speciellen Grund hatte, das Haus Argyle zu fürchten und zu hassen, Dundee’s Aufruf Folge leistete. Man hat sogar starken Grund zu glauben, daß selbst die Häuptlinge, welche kamen, ruhig zu Haus geblieben sein würden, wenn die Regierung die Politik der Hochlande verstanden hätte. Nur ein talentvoller und erfahrener Staatsmann, welcher der vornehmen hochländischen Familie der Mackenzie entsprossen war, der Viscount Tarbet, verstand diese Politik gründlich. Er setzte damals Melville brieflich und Mackay mündlich nicht nur die Ursachen der krankhaften Zustände auseinander, welche die Calamitäten des Bürgerkriegs über Schottland zu bringen drohten, sondern gab auch die Heilmittel dagegen an. Die Gälen, sagt Tarbet, seien keineswegs allgemein für einen Aufstand eingenommen. Selbst von denjenigen papistischen Clans, welche keinen Grund hätten, die Unterwerfung unter das Joch der Campbells zu fürchten, sei wenig zu besorgen. Es sei notorisch, daß auch die talentvollsten und rührigsten unter den mißvergnügten Häuptlingen sich um die zwischen den Whigs und Tories obschwebenden Streitfragen gar nicht kümmerten. Lochiel insbesondere, den seine ausgezeichneten persönlichen Eigenschaften zu dem bedeutendsten Manne unter den Gebirgsbewohnern machten, frage nach Jakob eben so wenig etwas wie nach Wilhelm. Wenn die Camerons, die Macdonalds und die Macleans überzeugt werden könnten, daß ihre Güter und Ehrenstellen ihnen unter der neuen Regierung gesichert blieben, wenn Mac Callum More einige Zugeständnisse mache und Ihre Majestäten die Bezahlung einiger Pachtrückstände übernähmen, so würde Dundee die Clans mit wenig Erfolg zu den Waffen rufen. Fünftausend Pfund Sterling, meinte Tarbet, würden hinreichen, um alle celtischen Magnaten zu beschwichtigen, und in der That, obgleich diese Summe den Politikern von Westminster lächerlich klein vorkommen mochte, obgleich sie nicht größer war als der jährliche Gehalt des Oberkammerherrn oder des Kriegszahlmeisters, war sie doch enorm für einen rohen Potentaten, der zwar über Hunderte von Quadratmeilen herrschte und Hunderte von Kriegern ins Feld stellen konnte, aber vielleicht niemals fünfzig Guineen auf einmal in seiner Geldkasse gehabt hatte.[81]

Obwohl Tarbet von den schottischen Ministern der neuen Souveraine für einen sehr zweifelhaften Freund gehalten wurde, so verschmähte man seinen Rath doch nicht ganz. Es wurde beschlossen, den Mißvergnügten Propositionen zu machen, welche er angerathen hatte. Viel hing dabei von der Wahl eines Agenten ab, und leider bewies die getroffene Wahl, wie wenig die Vorurtheile der wilden Gebirgsstämme in Edinburg verstanden wurden. Ein Campbell wurde dazu ausersehen, für die Sache des Königs Wilhelm Männer zu gewinnen, deren Groll gegen den König Wilhelm einzig und allein den Grund hatte, daß er die Campbells begünstigte. Anerbietungen, welche durch eine solche Mittelsperson gemacht wurden, mußten natürlich als Schlinge und zugleich als Beleidigungen betrachtet werden. Unter solchen Umständen war es unnütz, daß Tarbet an Lochiel und Mackay an Glengarry schrieb. Lochiel antwortete Tarbet gar nicht, und Glengarry gab Mackay eine zwar artige, aber kalte Antwort, in welcher er dem General rieth, das Beispiel Monk’s nachzuahmen.[82]

Unentschiedener Feldzug in den Hochlanden.

Inzwischen vergeudete Mackay einige Wochen mit Märschen, Contremärschen und unentschiedenen Scharmützeln. Späterhin gestand er ehrlich ein, daß die Kenntnisse, die er sich während seiner dreißigjährigen Militärdienste auf dem Continent erworben, ihm in seiner damaligen neuen Stellung nichts nützten. Es war schwer, in einem solchen Lande den Feind zu verfolgen, und unmöglich war es, ihn dahin zu bringen, daß er eine offene Schlacht annahm. Nahrung für ein Invasionsheer war in der waldigen und steinigen Wildniß nicht zu finden; eben so wenig konnten Lebensmittel für viele Tage weit über weiche Sümpfe und steile Anhöhen transportirt werden. Der General überzeugte sich, daß er seine Leute und ihre Pferde fast zu Tode ermüdet und doch nichts erreicht hatte. Hochländische Hülfstruppen würden ihm von großem Nutzen gewesen sein; allein er hatte wenig solche Hülfstruppen. Der Häuptling der Grants, den die vorige Regierung verfolgt und der Conspiration mit dem unglücklichen Earl von Argyle angeklagt hatte, war zwar ein warmer Freund der Revolution. Zweihundert Mackay’s kamen, wahrscheinlich unter dem Einflusse von verwandtschaftlichen Gefühlen, aus dem äußersten Norden unsrer Insel, wo es in der Mitte des Sommers keine Nacht giebt, um unter einem Anführer ihres Namens zu kämpfen; im Allgemeinen aber erwarteten die Clans, die sich nicht an dem Aufstande betheiligten, den Ausgang mit kalter Gleichgültigkeit und schmeichelten sich mit der Hoffnung, daß es ihnen leicht werden würde, sich mit den Siegern auszusöhnen und daß sie an der Plünderung der Besiegten würden Theil nehmen dürfen.

Eine Erfahrung von wenig mehr als einem Monat überzeugte Mackay, daß es nur ein Mittel gab, durch welches die Hochlande unterworfen werden konnten. Es war nutzlos, die Gebirgsbewohner Berg auf Berg ab zu verfolgen. Eine Reihe von Festungen mußte an den wichtigsten Punkten errichtet und mit starken Besatzungen versehen werden. Der Ort, mit dem der General vorschlug den Anfang zu machen, war Inverlochy, wo die gewaltigen Ueberreste eines alten Schlosse standen und noch stehen. Dieser Posten lag nahe an einem Meeresarme und im Herzen des von den mißvergnügten Clans bewohnten Landes. Ein dort stationirtes und nöthigenfalls durch Kriegsschiffe unterstütztes starkes Truppencorps hätte zu gleicher Zeit die Macdonalds, die Camerons und die Macleans wirksam in Schach halten können.[83]

Während Mackay in seinen Briefen an den Staatsrath zu Edinburg die Nothwendigkeit vorstellte, auf diesen Plan einzugehen, hatte Dundee mit Schwierigkeiten zu kämpfen, welche all’ seine Energie und Geschicklichkeit nicht völlig zu bewältigen vermochte.

Militärischer Character der Hochländer.

So lange die Hochländer noch eine Nation waren, die ihre eigenthümliche Verfassung hatte, waren sie in einem Sinne brauchbarer und in einem andren Sinne unbrauchbarer für militärische Zwecke als irgend eine andre Nation in Europa. Der Celte als Individuum eignete sich moralisch und physisch trefflich für den Krieg, und ganz besonders für den Krieg in einem so wilden und rauhen Lande wie das seine. Er war unerschrocken, kräftig, leichtfüßig und ertrug ohne Murren Kälte, Hunger und Anstrengungen. Ueber steile Felsen und verrätherische Sümpfe bewegte er sich eben so leicht wie die französischen Haustruppen auf der Straße von Versailles nach Marly. Er war an den Gebrauch der Waffen und an den Anblick des Blutes gewöhnt; er war ein geübter Fechter und Schütze, und bevor er jemals in Reih’ und Glied gestanden, war er schon mehr als ein halber Soldat.

Wie der einzelne Celte leicht in einen Soldaten zu verwandeln war, ebenso war ein ganzer Stamm von Celten leicht in ein Bataillon Soldaten zu verwandeln. Es bedurfte dazu nichts weiter, als daß die militärische Organisation mit der patriarchalischen Organisation in Einklang gebracht wurde. Der Häuptling mußte Oberst, sein Oheim oder sein Bruder mußte Major, die Pächter, welche gleichsam die Peerschaft des kleinen Staates bildeten, mußten die Hauptleute sein und die Compagnie jedes Hauptmanns mußte aus denjenigen Bauern bestehen, die auf seinem Grund und Boden wohnten und deren Namen, Gesichter, Verwandten und Charactere er genau kannte; die Unteroffiziere mußten aus den auf die Adlerfeder stolzen Duinhe Wassels gewählt sein, der Waffenträger war eine vortreffliche Ordonnanz, der Erbpfeifer und seine Söhne bildeten die Musikbande, und der Clan wurde so mit einem Male ein Regiment. In einem solchen Regiment herrschte vom ersten Augenblicke an die strenge Ordnung und der pünktliche Gehorsam, worin die Stärke regulärer Armeen besteht. Jeder Mann, vom Höchsten bis zum Niedrigsten, war an seinem geeigneten Platze und kannte diesen Platz vollkommen. Es war nicht nöthig, den neueingerichteten Truppen erst durch Drohungen oder Strafen die Pflicht einzuschärfen, den Mann als ihr Oberhaupt zu betrachten, den sie von jeher, so lange sie denken konnten, als ihr Oberhaupt betrachtet hatten. Jeder Gemeine hatte von Kindheit an seinen Korporal sehr, seinen Hauptmann noch mehr geachtet und seinen Obersten fast angebetet. An Meuterei war daher nicht zu denken, ebenso wenig an Desertion, denn gerade diejenigen Gefühle, welche andere Soldaten am mächtigsten antreiben zu desertiren, hielten den Hochländer bei seiner Fahne. Wohin sollte er gehen, wenn er sie verließ? Alle seine Verwandten, alle seine Freunde waren um dieselbe versammelt. Trennte er sich also von ihr, so trennte er sich zugleich für immer von seiner Familie und brachte den ganzen Jammer des Heimwehs über sich, das in regulären Armeen so viele Rekruten antreibt, auf die Gefahr von körperlicher Züchtigung und Tod hin zu entlaufen. Wenn man diese Umstände erwägt, wird man sich nicht darüber wundern, daß die hochländischen Clans zuweilen große Kriegsthaten vollbracht haben.

Was aber diese Institutionen, welche einen Stamm von Hochländern, die alle dieselben Namen führten und alle demselben Oberhaupte unterthan waren, im Kampfe so furchtbar machten, machte die Nation ungeeignet für den Krieg im Großen. Nichts war leichter als Clans in tüchtige Regimenter zu verwandeln; aber nichts war schwieriger als diese Regimenter dergestalt zu vereinigen, daß sie eine tüchtige Armee bildeten. Von den Schäfern und Hirten, welche in den Reihen fochten, bis hinauf zu den Häuptlingen war Alles Harmonie und Ordnung. Jeder Mann blickte empor zu seinem unmittelbaren Vorgesetzten und Alle blickten empor zu dem gemeinsamen Oberhaupte. Aber mit dem Häuptling schloß diese Subordinationskette. Er verstand nur zu gebieten und hatte nicht gelernt zu gehorchen. Selbst königlichen Erlassen, selbst Parlamentsedicten pflegte er nur dann Gehorsam zu bezeigen, wenn sie in vollkommenem Einklang mit seinen Neigungen standen. Man durfte nicht erwarten, daß er einer delegirten Autorität eine Achtung zollen werde, die er der höchsten Autorität zu verweigern gewohnt war. Er hielt sich für berechtigt, über die Zweckmäßigkeit jedes ihm zukommenden Befehls zu entscheiden. Von seinen Bruderhäuptlingen waren einige seine Feinde, andere seine Nebenbuhler. Es war kaum möglich, ihn abzuhalten, sie zu beleidigen, oder ihn zu überzeugen, daß sie ihn nicht beleidigten. Alle seine Untergebenen sympathisirten mit allen seinen Animositäten, betrachteten seine Ehre wie ihre eigene und waren bereit auf seinen Ruf sich um ihn gegen den Oberbefehlshaber zu schaaren. Es war daher sehr wenig Aussicht, daß durch irgend welche Mittel fünf Clans bewogen werden konnten, während eines langen Feldzugs herzlich mit einander zu cooperiren. Die meiste Hoffnung dazu war noch in dem Falle, wenn sie von einem Sachsen angeführt wurden. Es ist bemerkenswerth, daß keine der großen Thaten, welche die Hochländer während unserer Bürgerkriege vollbrachten, unter dem Commando eines Hochländers vollbracht wurde. Einige Schriftsteller haben es als einen Beweis für das außerordentliche Genie Montrose’s und Dundee’s erwähnt, daß diese Feldherren, obgleich nicht gälischen Stammes oder gälischer Sprache, im Stande gewesen waren, Bündnisse gälischer Stämme zu bilden und zu leiten. Aber gerade weil Montrose und Dundee keine Hochländer waren, vermochten sie Armeen anzuführen, welche aus hochländischen Clans zusammengesetzt waren. Wäre Montrose Häuptling der Camerons gewesen, so würden die Macdonalds sich niemals seiner Autorität gefügt haben. Wäre Dundee Häuptling des Clanronald gewesen, so würde der Glengarry ihm nie gehorcht haben. Stolze und empfindliche Männer, welche kaum den König als ihren Vorgesetzten anerkannten, würden niemals die Superiorität eines Nachbarn, eines von ihres Gleichen, eines Nebenbuhlers, ertragen haben. Viel leichter konnten sie die Obergewalt eines ausgezeichneten Fremden ertragen. Doch selbst einem solchen Fremden gestanden sie nur eine sehr beschränkte und sehr prekäre Autorität zu. Einen Häuptling vor ein Kriegsgericht zu stellen, ihn zu erschießen, ihn zu cassiren, ihn zu degradiren, ihm öffentlich einen Verweis zu geben, war unmöglich. Macdonald von Keppoch oder Maclean von Duart würde jeden Offizier todtgeschlagen haben, der ihm sein Schwert abverlangt und ihm gesagt hätte, daß er sich als Arrestanten zu betrachten habe, und Hunderte von Claymores würden augenblicklich aufgebrochen sein, um den Mörder zu beschützen. Es blieb dem Befehlshaber, unter dem diese Potentaten zu dienen sich herabließen, nichts Andres übrig als mit ihnen zu berathschlagen, sie zu bitten, ihnen zu schmeicheln, sie zu bestechen, und selbst durch diese Mittel vermochte menschliche Geschicklichkeit nur auf kurze Zeit die Eintracht zu erhalten. Denn jeder Häuptling glaubte Anspruch auf besondere Berücksichtigung zu haben, und man durfte daher keinem besondere Artigkeit erweisen, ohne die anderen zu verletzen. Der General war nichts weiter als der Präsident eines Congresses kleiner Könige. Er wurde beständig aufgefordert, Streitigkeiten wegen Stammbäumen, wegen Vorrang, oder wegen Theilung von Beute anzuhören und zu schlichten. Mochte sein Ausspruch lauten wie er wollte, Jemand mußte dadurch verletzt werden. Jeden Augenblick konnte er erfahren, daß sein rechter Flügel in Folge eines zweihundert Jahre alten Streites auf sein Centrum gefeuert habe, oder daß ein ganzes Bataillon nach seinem heimathlichen Thale zurückgekehrt sei, weil ein andres Bataillon auf den Ehrenposten gestellt worden war. Ein hochländischer Barde würde in der Geschichte des Jahres 1689 leicht Sujets gefunden haben, ganz ähnlich denen, welche der trojanische Krieg den großen Dichtern des Alterthums lieferte. Heute ist Achilles mißmuthig, hütet sein Zelt und kündigt die Absicht an, mit allen seinen Leuten abzuziehen. Morgen stürmt Ajax im Lager umher und droht dem Ulysses den Hals abzuschneiden.

Daher kam es, daß, obgleich die Hochländer in den Bürgerkriegen des 17. Jahrhunderts einige große Thaten vollbrachten, diese Thaten keine nach wenigen Wochen noch erkennbare Spuren hinterließen. Siege von seltenem und fast ungeheuerlichem Glanze zogen alle Folgen einer Niederlage nach sich. Kriegsveteranen und Soldaten waren ganz erstaunt über diese plötzlichen Glückswechsel. Es war unglaublich, daß undisciplinirte Leute solche Waffenthaten vollbracht haben sollten. Eben so unglaublich war es, daß solchen Waffenthaten, nachdem sie vollbracht waren, der Triumph der Besiegten und die Unterwerfung der Sieger auf dem Fuße gefolgt sein sollte. Nachdem Montrose rasch hintereinander Sieg auf Sieg erfochten, sah er sich mitten auf der Bahn des Glücks plötzlich von seinen Untergebenen verlassen. Lokale Eifersüchteleien und lokale Interessen hatten seine Armee zusammengebracht. Lokale Eifersüchteleien und lokale Interessen lösten sie auf. Die Gordons verließen ihn, weil sie sich gegen die Macdonalds zurückgesetzt glaubten. Die Macdonalds verließen ihn, weil sie die Campbells plündern wollten. Die Streitmacht, die man früher für stark genug gehalten hatte, um das Schicksal eines Königreichs zu entscheiden, schmolz binnen wenigen Tagen zusammen, und auf die Siege von Tippermuir und Kilsyth folgte die Niederlage von Philiphaugh. Dundee lebte nicht lange genug, um einen ähnlichen Glücksumschlag zu erfahren, aber man hat allen Grund zu glauben, daß, wenn er nur vierzehn Tage länger gelebt hätte, seine Geschichte ein Seitenstück zu der Geschichte Montrose’s gewesen sein würde.

Bald nachdem die Clans sich in Lochaber gesammelt hatten, machte Dundee einen Versuch sie zu überreden, daß sie sich der Disciplin einer regulären Armee unterwarfen. Er berief einen Kriegsrath zusammen, um diese Frage zu erörtern. Seine Ansicht wurde von allen denjenigen Offizieren unterstützt, welche aus dem Niederlande zu ihm gestoßen waren. Unter ihnen zeichneten sich Jakob Seton, Earl von Dunfermline, und Jakob Galloway, Lord Dunkeld, aus. Die celtischen Häuptlinge vertraten die entgegengesetzte Meinung. Lochiel, der talentvollste unter ihnen, war ihr Wortführer und verfocht die Sache mit großem Scharfsinn und natürlicher Beredtsamkeit. „Unser System,“ — so lautete der Hauptinhalt seines Raisonnements — „mag nicht das beste sein; aber wir sind von Kindheit auf dazu erzogen worden, wir verstehen es vollkommen und es steht mit unseren eigenthümlichen Institutionen, Gefühlen und Sitten im Einklange. Wenn wir auf unsre Art Krieg führen, so haben wir die Erfahrung und die Kaltblütigkeit von Veteranen. Führen wir auf andre Art Krieg, so werden wir rohe und unbeholfene Rekruten sein. Soldaten aus uns zu machen, wie die eines Cromwell und Turenne waren, dazu würden Jahre gehören, und wir haben nicht Wochen übrig. Wir haben hinreichend Zeit, unsre Disciplin zu verlernen, aber nicht Zeit genug, die eurige zu erlernen.“ Dundee erklärte sich unter großen Schmeicheleien für Lochiel überzeugt, und er war es vielleicht auch, denn die Gründe des verständigen alten Häuptlings waren durchaus nicht ohne Gewicht.[84]

Zwistigkeiten in der hochländischen Armee.

Einige celtische Kriegsgebräuche waren jedoch von der Art, daß Dundee sie nicht dulden konnte. So grausam er auch war, seine Grausamkeit hatte immer eine Methode und einen Zweck. Er hoffte noch immer, daß es ihm gelingen werde, einige neutral gebliebene Häuptlinge zu gewinnen und er vermied daher sorgfältig Alles was sie zu offener Feindseligkeit hätte aufstacheln können. Dies war allerdings ein Verfahren, von dem sich erwarten ließ, daß es dem Interesse Jakob’s förderlich sein würde; aber Jakob’s Interesse war den wilden Räubern, welche einzig und allein zu dem Zwecke ersprießliche Raubzüge unternehmen und alten Groll rächen zu können, seinen Namen gebrauchten und sich um sein Banner schaarten, sehr gleichgültig. Keppoch insbesondere, der die Mackintoshs weit mehr haßte, als er die Stuarts liebte, plünderte das Gebiet seiner Feinde nicht nur, sondern verbrannte auch Alles was er nicht mit fortnehmen konnte. Dundee gerieth beim Anblick der brennenden Wohnungen in heftigen Zorn. „Lieber möchte ich,“ sagte er, „in einem anständigen Regiment die Muskete tragen, als Anführer einer solchen Räuberbande sein.“ Von Bestrafung war natürlich keine Rede. Es darf in der That schon als ein auffallender Beweis von dem Einflusse des Generals angesehen werden, daß der Coll der Kühe es der Mühe werth hielt, sich wegen eines Benehmens zu entschuldigen, um dessentwillen er in einer wohldisciplinirten Armee erschossen worden wäre.[85]

Da die Grants für den König Wilhelm die Waffen ergriffen hatten, so wurde ihr Eigenthum als gute Prise betrachtet. Eine Abtheilung der Camerons fiel in ihr Gebiet ein, es kam zu einem Gefecht, es floß etwas Blut, und eine Menge Vieh wurde in Dundee’s Lager getrieben, wo man Lebensmittel sehr gut brauchen konnte. Dieser Streifzug gab Anlaß zu einem Streite, dessen Geschichte den Character einer Armee von Hochländern im richtigsten Lichte zeigt. Unter Denen, welche im Kampfe mit den Camerons fielen, befand sich ein Macdonald von der Seitenlinie der Glengarries, der lange unter den Grants gelebt hatte, in Gesinnungen und Ansichten ein Grant geworden und beim Aufgebot seines Stammes nicht erschienen war. Obgleich er sich gegen den gälischen Codex der Ehre und Moral schwer vergangen hatte, erinnerten sich doch seine Stammesgenossen der geheiligten Bande, die er vergessen. Mochte er gut oder schlecht sein, er war von ihrem Fleisch und Blut und er hätte daher ihrer Justiz aufgespart werden sollen. Der Name, den er trug, das Blut der Lords von den Inseln hätte ihn schützen sollen. Glengarry begab sich wüthend zu Dundee und verlangte Rache an Lochiel und dem ganzen Geschlecht Cameron. Dundee erwiederte, der unglückliche Gentleman, der gefallen sei, habe den Clan wie auch den König verrathen. Sei es im Kriege wohl erhört, daß die Person eines Feindes, eines unter den Waffen Kämpfenden wegen eines Namens und seiner Abkunft für unantastbar gehalten werden müsse? Und selbst wenn ein Unrecht geschehen sei, wie solle es wieder gut gemacht werden? Die halbe Armee müsse erst die andre Hälfte erschlagen, ehe Lochiel ein Haar gekrümmt werden könne. Glengarry entfernte sich wieder, tobend wie ein Besessener. Da seine Klagen von Denen, die ihm Recht verschaffen sollten, nicht beachtet würden, so wolle er sich selbst Recht verschaffen; er wolle seine Leute aufbieten und mit dem Schwert in der Hand über die Mörder seines Vetters herfallen. Eine Zeit lang wollte er auf keine Vorstellungen hören. Als man ihm zu bedenken gab, daß Lochiel’s Anhänger den Glengarryleuten an Zahl um das Doppelte überlegen seien, rief er aus: „Das thut nichts; ein Glengarry ist soviel werth als zwei Camerons.“ Wäre Lochiel eben so heftig und großsprecherisch gewesen, so ist es wahrscheinlich, daß die hochländische Insurrection der Regierung wenig mehr zu schaffen gemacht und daß die Rebellen ohne viel Aufhebens einander gegenseitig in ihren Wildnissen erschlagen haben würden. Aber die Natur hatte ihm in reichem Maße die Eigenschaften eines Staatsmannes verliehen, obwohl das Schicksal diese Eigenschaften in einem unbekannten Winkel der Erde verborgen hatte. Er sah ein, daß jetzt keine Zeit zur Zwietracht sei; sein Muth war längst anerkannt und sein Temperament verstand er vollkommen zu beherrschen. Glengarry’s Wuth, durch keine neuen Provokationen gereizt, legte sich bald. Allerdings vermutheten Manche, daß er niemals ganz so kampflustig gewesen sei, als er sich gestellt habe und daß er mit seinem Toben nichts weiter beabsichtigt habe, als sein eignes Ansehen in den Augen seiner Anhänger aufrecht zu erhalten. Wie dem auch sein möge, der Streit wurde geschlichtet und die beiden Häuptlinge begrüßten sich mit dem äußeren Schein von Artigkeit an der Tafel des Generals.[86]

Dundee sucht bei Jakob um Unterstützung nach.

Die Erfahrungen, welche Dundee an seinen celtischen Bundesgenossen machte, mußten es ihm wünschenswerth erscheinen lassen, in seiner Armee einige Truppen zu haben, auf deren Gehorsam er sich verlassen konnte und welche nicht auf einen Wink von ihrem Obersten die Waffen gegen ihren General und ihren König kehren würden. In Folge dessen schrieb er während der Monate Mai und Juni mehrere Briefe nach Dublin, worin er dringend um Beistand bat. Wenn sechstausend, viertausend, dreitausend reguläre Soldaten jetzt nach Lochaber geschickt würden, könne Se. Majestät darauf rechnen, daß er bald in Holyrood ein Hoflager halten werde. Daß ein solches Truppencorps entbehrlich war, unterlag kaum einem Zweifel. Jakob’s Autorität war damals in allen Theilen Irland’s anerkannt, außer an den Ufern des Ernesees und hinter den Mauern von Londonderry. Er hatte in diesem Königreiche eine Armee von vierzigtausend Mann. Ein Achtel von dieser Armee wäre dort kaum vermißt worden und hätte in Verbindung mit den aufständischen Clans in Schottland große Dinge ausrichten können.

Die Antworten, welche Dundee auf seine Ansuchen erhielt, berechtigten ihn zu der Hoffnung, daß ihm bald ein starkes und wohlausgerüstetes Corps aus Ulster zugeschickt werden würde. Vor der Ankunft dieser Verstärkungen wollte er nicht das Glück einer Schlacht versuchen.[87] Mackay auf der andren Seite war es müde, in einer Wildniß umherzumarschiren. Seine Leute waren erschöpft und entmuthigt; er hielt es für wünschenswerth, daß sie die Gebirgsgegend verließen, und Wilhelm war der nämlichen Meinung.

Unterbrechung des Kriegs in den Hochlanden.

So wurde im Juni der Bürgerkrieg wie auf Verabredung zwischen den beiderseitigen Generälen völlig eingestellt. Dundee blieb in ungeduldiger Erwartung der Truppen und Zufuhren aus Irland in Lochaber. Es war ihm indessen unmöglich, seine Hochländer in einem Zustande der Unthätigkeit beisammenzuhalten, denn es bedurfte eines großen Gebiets von Sumpf- und Gebirgsland, um eine so zahlreiche Mannschaft zu unterhalten. Die Clans kehrten daher in ihre Schluchten zurück, nachdem sie versprochen hatten, sich auf den ersten Aufruf wieder zu sammeln.

Inzwischen erholten sich die durch harte Strapatzen und Entbehrungen erschöpften Soldaten Mackay’s in Quartieren, welche über das ganze Niederland von Aberdeen bis Stirling zerstreut waren. Mackay selbst war in Edinburg und drang in die dortigen Minister, ihm die Mittel zur Errichtung einer Fortifikationskette in den Grampians zu bewilligen. Die Minister hatten sich, wie es scheint, in ihren militärischen Hülfsmitteln verrechnet. Man hatte erwartet, daß die Campbells eine Streitmacht ins Feld stellen würden, welche hinreichend war, um die ganze Stärke der unter Dundee marschirenden Clans aufzuwiegen. Ebenso hatte man erwartet, daß die westlichen Covenanters sich beeilen würden, die Reihen der Armee König Wilhelm’s zu verstärken. Beide Erwartungen wurden getäuscht. Argyle hatte sein Fürstenthum verwüstet und seinen Stamm entwaffnet und desorganisirt gefunden. Es mußte eine beträchtliche Zeit darüber hingehen, ehe sein Banner von einer Streitmacht umgeben sein würde, wie seine Väter sie in den Kampf geführt hatten.

Bedenklichkeiten der Covenanters, für König Wilhelm die Waffen zu ergreifen.

Die Covenanters des Westens waren im allgemeinen nicht geneigt, sich einreihen zu lassen. An Muth fehlte es ihnen sicherlich nicht, und sie haßten Dundee mit tödtlicher Erbitterung. Seine Grausamkeit war in ihrem Theile des Landes noch in frischem Andenken. Jedes Dorf hatte seine blutige Geschichte. In dem einen Hause fehlte der greise Vater, in dem andren der hoffnungsvolle Sohn. Man erinnerte sich nur zu gut, wie die Dragoner in die Hütte des Landmanns eingedrungen waren, bei jedem Worte ihn, sich selbst und Einer den Andren verfluchend und verwünschend, wie sie die achtzigjährige Großmutter hinter dem warmen Ofen hervorgerissen und mit roher Hand den Busen seiner sechzehnjährigen Tochter betastet hatten; wie ihm die Abschwörungsformel vorgehalten worden war, wie er die Arme über der Brust gekreuzt und gesagt hatte: „der Wille Gottes geschehe;“ wie der Oberst ein Piket mit geladenen Gewehren herbeigerufen und wie drei Minuten später der brave Hausvater vor seiner eigenen Thür in einer Blutlache gelegen hatte. Der Platz des Märtyrers am Herde war noch leer und jedes Kind konnte seinen noch grünen Grabhügel auf der Haide zeigen. Wenn die Leute dieser Gegend ihren Unterdrücker einen Diener des Teufels nannten, so sprachen sie nicht in bildlichem Sinne; sie glaubten wirklich, daß zwischen dem bösen Menschen und dem bösen Geiste ein enges Bündniß mit bestimmten Bedingungen bestehe, daß Dundee sich verpflichtet habe, das Werk der Hölle auf Erden zu verrichten und daß die Hölle zu höheren Zwecken ihren Sklaven beschützen dürfe, bis das Maß seiner Schuld voll sein würde. Aber so gründlich diese Leute auch Dundee verabscheuten, so erhoben doch die meisten von ihnen Bedenken dagegen, für Wilhelm das Schwert zu ziehen. Es wurde in der Pfarrkirche zu Douglas ein großes Meeting gehalten und die Frage vorgelegt, ob es zu einer Zeit, wo Krieg im Lande wüthe und eine irische Invasion erwartet werde, nicht Pflicht sei, zu den Waffen zu greifen. Die Debatte war heftig und tumultuarisch. Die Redner der einen Seite beschworen ihre Brüder, nicht den Fluch auf sich zu laden, der gegen die Bewohner von Meros geschleudert worden, weil sie dem Herrn nicht gegen den Mächtigen zu Hülfe kamen. Die Redner der andren Seite donnerten gegen sündige Bündnisse. Es seien Schlechtgesinnte in Wilhelm’s Heere, Mackay’s eigne Rechtgläubigkeit sei problematisch; mit solchen Kameraden und unter einem solchen General Kriegsdienste zu leisten, würde ein sündiges Bündniß sein. Nach langem Hin- und Herstreiten und unter großer Verwirrung wurde endlich eine Abstimmung vorgenommen und die Majorität erklärte sich dahin, das es ein sündiges Bündniß sein würde, Kriegsdienste zu nehmen.

Aushebung des Cameron’schen Regiments.

Es gab jedoch eine starke Minorität und aus den Mitgliedern dieser Minorität gelang es dem Earl von Angus ein Infanteriecorps zu bilden, das noch heute, nach Verlauf von mehr als hundertsechzig Jahren, unter dem Namen des Cameron’schen Regiments bekannt ist. Der erste Oberstleutnant desselben war Cleland, der unerbittliche Bluträcher, der Dundee aus der Convention getrieben hatte. Es machte keine geringe Schwierigkeit, die Reihen zu füllen, denn viele westländische Whigs, die es nicht für absolut sündhaft hielten, einzutreten, stellten Bedingungen, welche alle militärische Disciplin untergraben mußten. Einige wollten nicht unter einem Obersten, Major, Hauptmann, Sergeanten oder Korporal dienen, der nicht bereit sei, den Covenant zu unterschreiben. Andere bestanden darauf, daß, wenn es durchaus nöthig befunden würde, den und jenen Offizier anzustellen, welcher die unter der vorigen Regierung vorgeschriebenen Testeide geleistet habe, er sich wenigstens durch öffentliches Eingeständniß seiner Sünde vor der Fronte des Regiments zum Commando qualificiren sollte. Die Mehrzahl der Enthusiasten, welche diese Bedingungen gestellt hatten, wurde durch geschickte Bearbeitung bewogen, ihre Forderungen bedeutend herabzustimmen. Doch hatte das Regiment immerhin einen ganz eigenthümlichen Character. Die Soldaten waren sämmtlich strenge Puritaner. Einer ihrer ersten Schritte war eine Petition an das Parlament, daß alle Trunksucht, Ausschweifung und Gottlosigkeit streng bestraft werden möchte. Ihr eignes Verhalten muß musterhaft gewesen sein, denn das schlimmste Verbrechen, das die überspannteste Bigotterie ihnen zur Last legen konnte, bestand darin, daß sie dem Könige zu seinem Geburtstage Hurrahs brachten. Man hatte ursprünglich beabsichtigt, mit der militärischen Organisation des Corps die Organisation einer presbyterianischen Gemeinde zu verweben. Jede Compagnie sollte einen Aeltesten liefern und die Aeltesten sollten mit dem Kaplan ein geistliches Tribunal zur Unterdrückung der Unsittlichkeit und Ketzerei bilden. Es wurden indeß keine Aeltesten ernannt; aber ein angesehener Bergprediger, Alexander Shields, wurde zu dem Amte eines Kaplans berufen. Es läßt sich schwer denken, daß der Fanatismus eine höhere Gluth erreichen könnte, als er aus den Schriften Shields’ hervorleuchtet. Nach seinen Ansichten würde es die erste Pflicht jedes christlichen Herrschers sein, jeden heterodoxen Unterthan bis zum Tode zu verfolgen, und ebenso die erste Pflicht jedes christlichen Unterthanen, einen heterodoxen Fürsten zu ermorden. Doch es herrschte damals in Schottland eine fanatische Begeisterung, im Vergleich zu welcher selbst die Begeisterung dieses Mannes noch lau war. Die extremen Covenanters protestirten gegen seinen Abfall eben so heftig als sie gegen die Schwarze Indulgenz und gegen den Suprematseid protestirt hatten und erklärten Jeden, der in Angus’ Regiment eintrat, eines ruchlosen Bündnisses mit Uebelgesinnten schuldig.[88]

Uebergabe des Schlosses von Edinburg.

Mittlerweile war das Edinburger Schloß gefallen, nachdem es sich länger als zwei Monate gehalten hatte. Die Vertheidigung sowohl wie der Angriff waren sehr lau betrieben worden. Der Herzog von Gordon, der keine Lust hatte, sich den tödtlichen Haß Derer zuzuziehen, in deren Gewalt seine Besitzungen und sein Leben bald sein konnten, fand es nicht für gerathen, die Stadt zu beschießen. Auf der andren Seite betrieben die Belagerer ihre Operationen mit so wenig Energie und Umsicht, daß die Jakobiten in der Citadelle mit den draußen befindlichen Jakobiten in fortwährender Communication standen. Man erzählte sich sonderbare Geschichten von den artigen und kurzweiligen Botschaften, welche zwischen den Belagerten und den Belagerern gewechselt wurden. Einmal ließ Gordon den städtischen Behörden sagen, daß er wegen einiger ihm aus Irland zugekommenen Nachrichten eine Geschützsalve geben werde, daß aber die gute Stadt sich nicht zu beunruhigen brauche, denn er werde seine Kanonen nicht mit Kugeln laden. Ein andermal wirbelten seine Trommeln das Zeichen zum Parlamentiren; die weiße Fahne wurde ausgesteckt, es fand eine Unterredung statt und er benachrichtigte den Feind ganz ernsthaft, daß alle seine Spielkarten bis zum Zerfallen abgegriffen seien und daß er ihm doch einige frische Packete zukommen lassen möchte. Seine Freunde errichteten einen Telegraphen, vermittelst dessen sie sich über die Linien der Schildwachen hinweg mit ihm unterhielten. An einem Fenster im obersten Stock eines der höchsten der gigantischen Häuser, von denen noch jetzt einige wenige High Street verdunkeln, wurde, wenn Alles gut ging, ein weißes Tuch, und wenn die Sachen schlecht standen, ein schwarzes Tuch ausgehangen. Hatte man ausführlichere Meldungen zu machen, so wurde eine Tafel emporgehalten, auf der die Nachricht mit so großen Buchstaben geschrieben stand, daß sie mit Hülfe eines Fernrohrs von den Wällen der Citadelle aus gelesen werden konnte. Boten mit Briefen und frischen Lebensmitteln gelangten in verschiedenen Verkleidungen und durch mannichfache Kunstgriffe über den Wassergraben, der sich damals auf der Nordseite der Festung befand, und erklommen den steilen Abhang. Der Knall einer Muskete auf einem bestimmten Außenwerke war das Signal, welches den Freunden des Hauses Stuart anzeigte, daß wieder einer ihrer Emissäre glücklich den Felsen erklettert hatte. Endlich aber waren die Vorräthe erschöpft und man mußte kapituliren. Vortheilhafte Bedingungen wurden bereitwillig zugestanden, die Garnison zog ab und die Schlüssel wurden unter den Acclamationen einer großen Menge Bürger übergeben.[89]

Parlamentssession in Edinburg.

Doch die Regierung hatte im Parlamentshause viel erbittertere und hartnäckigere Feinde als im Schlosse. Als die Stände nach ihrer Vertagung wieder zusammentraten, wurden die Krone und das Scepter Schottland’s als Symbole des abwesenden Souverains mit gewohntem Pomp im Saale ausgestellt. Hamilton ritt als Lord Obercommissar mit großem Gepränge von Holyrood aus durch High Street, und Crawford nahm seinen Sitz als Präsident ein. Zwei Edicte, von denen das eine die Convention in ein Parlament verwandelte, das andre Wilhelm und Marien als König und Königin anerkannte, wurden rasch angenommen und mit dem Scepter berührt, und nun begann der Kampf der Parteien.[90]

Einfluß des Clubs.

Es zeigte sich bald, daß die von Montgomery organisirte Opposition unüberwindlich stark war. Obgleich aus vielen heterogenen Elementen, aus Republikanern, Whigs, Tories, eifrigen Presbyterianern und bigotten Prälatisten zusammengesetzt, agirte sie eine Zeit lang wie ein Mann und zog eine Menge jener unbedeutenden und kleinmüthigen Politiker an sich, welche sich naturgemäß zu der stärkeren Partei hinneigen. Die Freunde der Regierung waren gering an Zahl und nicht verbunden. Hamilton ging nur mit halbem Herzen an die Erfüllung seiner Pflichten. Unbeständig war er jederzeit gewesen; jetzt war er auch noch unzufrieden. Er bekleidete zwar den höchsten Posten, den ein Unterthan erreichen konnte; aber er bildete sich ein, daß er nur den Schein der Macht habe, während Andere die wirkliche Macht besäßen, und es war ihm daher nicht unlieb, wenn er Diejenigen, auf die er eifersüchtig war, belästigt und beunruhigt sah. Er hinterging den Fürsten, den er repräsentirte, nicht geradezu, aber er intriguirte zuweilen mit den Führern des Clubs und spielte Denen, die ihm im Dienste der Krone zur Seite standen, mitunter arglistige Streiche.

Seine Instructionen schrieben ihm vor, Gesetze zur Milderung oder Beseitigung zahlreicher Mißstände und besonders einem die Macht des Artikelausschusses beschränkenden und die Verfassung desselben reformirenden Gesetze, sowie ferner einem das presbyterianische Kirchenregiment einführenden Gesetze die königliche Genehmigung zu ertheilen.[91] Doch es war gleichgültig, wie seine Instructionen lauteten. Die Führer des Clubs legten es darauf an, eine Ursache zur Uneinigkeit zu finden. Die Vorschläge der Regierung bezüglich der Artikellords wurden verächtlich zurückgewiesen. Hamilton schrieb um neue Instructionen nach London und bald wurde ihm ein zweiter Plan, welcher dem einst despotischen Ausschusse nicht viel mehr als den Namen ließ, zugeschickt. Aber auch dieser zweite Plan theilte das Schicksal des ersten, obgleich er von der Art war, daß er vernünftige und gemäßigte Reformers hätte befriedigen können. Unterdessen legten die Oberhäupter des Clubs ein Gesetz vor, welches dem Könige verbot, jemals irgend Jemanden in einem öffentlichen Amte anzustellen, der an irgend einer mit der Rechtsforderung unverträglichen Maßregel Antheil gehabt oder irgend einem guten Plan der Stände hindernd oder verzögernd entgegengetreten sei. Dieses Gesetz, das in einem sehr kleinen Rahmen fast alle Fehler vereinigte, die ein Gesetz nur haben kann, war, wie man sehr wohl wußte, auf den neuen Lordpräsidenten des Court of Session und auf seinen Sohn, den neuen Lord Advokaten, abgesehen. Ihr Glück und ihre Macht hatte ihnen den Neid jedes in seinen Hoffnungen getäuschten Amtscandidaten zugezogen. Daß sie Neulinge waren, die Ersten ihres Geschlechts, die sich zur Auszeichnung emporgeschwungen, und daß sie dessenungeachtet lediglich durch die Kraft der Befähigung eben so wichtige Personen im Staate geworden waren wie der Herzog von Hamilton oder der Earl von Argyle, war ein Gedanke, der vielen bedürftigen und stolzen Patriziern das Herz zernagte. In den Augen der schottischen Whigs waren die Dalrymple das was Halifax und Caermarthen in den Augen der englischen Whigs waren. Weder die Verbannung Sir Jakob’s, noch der Eifer, mit dem Sir Johann die Revolution unterstützt hatte, wurden als eine Sühne für alte Vergehen angenommen. Sie hatten Beide dem blutdürstigen und götzendienerischen Hause gedient. Sie hatten Beide das Volk Gottes unterdrückt. Ihre späte Reue konnte ihnen vielleicht einen billigen Anspruch auf Verzeihung geben, gab ihnen aber gewiß kein Recht auf Ehren und Belohnungen.

Die Freunde der Regierung versuchten es vergebens, die Aufmerksamkeit des Parlaments von der Verfolgung der Familie Dalrymple auf die wichtige und dringliche Frage der Kirchenverfassung zu lenken. Sie sagten, das alte System sei abgeschafft, es sei noch kein andres System an dessen Stelle gesetzt, man wisse nicht mehr, welches eigentlich die Staatsreligion des Landes sei, und es sei die erste Pflicht der Legislatur, einer Anarchie ein Ende zu machen, welche täglich Unheil und Verbrechen hervorrufe. Die Führer des Clubs ließen sich damit nicht von ihrem Ziele abbringen. Es wurde beantragt und beschlossen, daß die Inbetrachtnahme der kirchlichen Angelegenheiten so lange aufgeschoben werden solle, bis die weltlichen Angelegenheiten geordnet seien. Die ungerechte und absurde Incapacitätsacte wurde mit vierundsiebzig gegen vierundzwanzig Stimmen angenommen. Ein andrer noch augenscheinlicher auf das Haus Stair abzielender Beschluß folgte unmittelbar darauf. Das Parlament machte Anspruch auf ein Veto bei der Ernennung von Richtern und maßte sich die Befugniß an, die Untersiegelung zu verhindern, mit anderen Worten, die ganze Justizverwaltung zu suspendiren, bis dieser Anspruch zugestanden wäre. Aus dem Verlaufe der Debatte ging klar hervor, daß, wenn die Führer des Clubs auch mit dem Court of Session begonnen hatten, sie nicht damit aufzuhören gedachten. Die von Sir Patrick Hume und Anderen angeführten Argumente führten direct zu dem Schlusse, daß dem Könige die Ernennung keines wichtigen Staatsbeamten zustehen solle. Sir Patrick sprach in der That in Rede wie in Schrift seine Meinung dahin aus, daß das ganze Ernennungsrecht im Reiche von der Krone auf die Stände übertragen werden sollte. Wenn die Stelle des Schatzmeisters, des Kanzlers, des Sekretärs erledigt sei, müsse das Parlament Sr. Majestät einige Namen vorlegen, und Se. Majestät solle verbunden sein von diesen Namen einen zu wählen.[92]

Während dieser ganzen Zeit verweigerten die Stände beharrlich jede Geldbewilligung, bis ihre Acte mit dem Scepter berührt sein würden. Der Lord Obercommissar ward endlich über ihre Verkehrtheit so aufgebracht, daß er nach langem Temporisiren selbst solche Acte zu berühren verweigerte, gegen die an sich nichts einzuwenden war, und welche zu genehmigen ihn seine Instructionen ermächtigten. Dieser Stand der Dinge würde mit einer großen Erschütterung geendigt haben, wenn der König von Schottland nicht zugleich König eines viel größeren und reicheren Landes gewesen wäre. Karl I. hatte nie irgend ein Parlament zu Westminster unlenksamer gefunden, als Wilhelm während dieser Session das Parlament zu Edinburg fand. Aber es lag nicht in der Macht des Parlaments von Edinburg, einen solchen Zwang auf Wilhelm auszuüben, wie das Parlament von Westminster ihn auf Karl ausgeübt hatte. Eine Verweigerung von Geldern war zu Westminster eine ernsthafte Sache und ließ dem Souverain keine andre Wahl als nachzugeben, oder durch verfassungswidrige Mittel Geld zu erheben. In Edinburg brachte ihn eine derartige Verweigerung in kein solches Dilemma. Die größte Summe, die er aus Schottland in einem Jahre zu erhalten hoffen konnte, betrug weniger, als was er aus England alle vierzehn Tage bezog. Er hatte sich daher nur in die Grenzen seiner unbestreitbaren Prärogative einzuschließen und hier in der Defensive zu verharren, bis eine günstige Conjunctur eintrat.[93]

Unruhen in Athol.

Während diese Dinge im Parlamentshause vorgingen, brach der Bürgerkrieg in den Hochlanden, der einige Wochen unterbrochen gewesen war, heftiger als zuvor wieder aus. Seit der Glanz des Hauses Argyle verblichen war, konnte kein gälischer Häuptling an Macht sich mit dem Marquis von Athol messen. Der Bezirk, von dem er seinen Titel herleitete und dessen Souverain er fast genannt werden konnte, war an Flächenraum größer als eine gewöhnliche Grafschaft, und war fruchtbarer, besser angebaut und dichter bevölkert als der größere Theil der Hochlande. Die Männer, die seinem Banner folgten, wurden für nicht minder zahlreich gehalten als sämmtliche Macdonalds und Macleans zusammengenommen, und standen an Kraft und Muth keinem Stamme im Gebirge nach. Aber der Clan war durch die Unbedeutendheit des Häuptlings unbedeutend gemacht worden. Der Marquis war der falscheste, unbeständigste, kleinmüthigste Mensch von der Welt. In dem kurzen Zeitraum von sechs Monaten war er bereits mehrere Male ein Jakobit und mehrere Male Wilhelmit gewesen. Sowohl Jakobiten als Wilhelmiten betrachteten ihn mit Verachtung und Mißtrauen, welche sie nur aus Respect vor seiner ungeheuren Macht nicht rückhaltlos äußerten. Nachdem er zu wiederholten Malen beiden Parteien Treue gelobt und zu wiederholten Malen Beide verrathen hatte, begann er zu überlegen, daß er am besten für seine Sicherheit sorgen werde, wenn er sowohl die Functionen eines Peers, als die eines Häuptlings niederlegte, wenn er sich sowohl von dem Parlamentshause zu Edinburg, als von seinem Schlosse im Gebirge fern hielte, und wenn er das Land verließe an das er gerade bei dem Wendepunkte seines Geschickes durch alle Bande der Pflicht und der Ehre gekettet war. Während ganz Schottland mit Ungeduld und ängstlicher Spannung zu sehen erwartete, in welches Heer seine zahlreichen Anhänger eintreten würden, schlich er sich fort nach England, nahm seinen Aufenthalt in Bath und gab vor die dortige Kur zu brauchen.[94] Sein Fürstenthum, somit ohne Oberhaupt, war gegen sich selbst gespalten. Die Leute von Athol waren im allgemeinen König Jakob zugethan. Denn er hatte sich ihrer noch vor vier Jahren als Diener seiner Rache gegen das Haus Argyle bedient. Sie hatten Inverary besetzt; sie hatten Lorn verwüstet; sie hatten Häuser demolirt, Obstbäume umgehauen, Fischerböte verbrannt, Mühlsteine zerschlagen, Campbells aufgehängt, und es war daher nicht zu erwarten, daß sie sich über die Aussicht auf Mac Callum More’s Restauration freuen würden. Ein Wort von dem Marquis würde zweitausend Claymores ins jakobitische Lager gesendet haben. Dieses Wort aber wollte er nicht aussprechen, und in Folge dessen war die Haltung seiner Anhänger ebenso unentschlossen und inconsequent wie seine eigene.

Während sie auf eine Andeutung seiner Wünsche warteten, wurden sie gleichzeitig von zwei Führern zu den Waffen gerufen, von denen jeder mit einem Schein von Grund darauf Anspruch machen konnte, als Repräsentant des abwesenden Häuptlings betrachtet zu werden. Lord Murray, des Marquis ältester Sohn, der mit einer Tochter des Herzogs von Hamilton vermählt war, erklärte sich für König Wilhelm. Stewart von Ballenach, der vertraute Agent des Marquis, erklärte sich für König Jakob. Das Volk wußte nicht, welcher Aufforderung es folgen sollte. Der, dessen Autorität die höchste Achtung gezollt worden sein würde, hatte beiden Parteien sein Wort verpfändet, und war dann aus Furcht sich einer von beiden anschließen zu müssen davongelaufen; auch war es nicht leicht zu sagen, ob der Platz, den er leer gelassen, seinem Haushofmeister oder seinem muthmaßlichen Erben gebührte.

Der wichtigste militärische Posten in Athol war Blair Castle. Das Haus, welches gegenwärtig diesen Namen führt, unterscheidet sich durch nichts Auffallendes von anderen Landsitzen der Aristokratie. Das alte Gebäude war ein hoher Thurm von roher Bauart, der ein vom Garry bewässertes Thal beherrschte. Die Mauern würden einer Geschützbatterie nicht lange widerstanden haben, waren aber vollkommen stark genug, um die Hirten der Grampians in Schach zu halten. Ungefähr fünf Meilen südlich von dieser Veste verengerte sich das Thal des Garry zu der berühmten Schlucht von Killiecrankie. Gegenwärtig führt eine Heerstraße so eben wie irgend eine Straße in Middlesex in sanfter Steigung aus dem Niederlande zu dem Gipfel des Gebirgspasses hinauf. Weiße Villas blicken durch den Birkenwald, und an einem schönen Sommertage giebt es kaum eine Krümmung des Passes, wo man nicht einen Angler, der seine Fliege in den Schaum des Flusses wirft, einen Künstler, der eine Felsenspitze zeichnet, oder eine auf einer Landpartie begriffene Gesellschaft sähe, die auf dem Rasen in Schatten und Sonnenschein schmauset. Zu den Zeiten Wilhelm’s III. aber wurde Killiecrankie von den friedlichen und betriebsamen Bewohnern des Niederlands von Perthshire nur mit Schaudern genannt. Sie galt für die gefährlichste der finsteren Schluchten, durch welche die Räuber aus dem Gebirge hervorzustürzen pflegten. Das für moderne Ohren so wohlklingende Rauschen des an den bemoosten Felsen und über die glatten Kiesel dahin strömenden Flusses, die des Pinsel’s eines Wilson würdigen dunklen Fels- und Laubmassen, die phantastischen Bergspitzen, bei Sonnenauf- und Untergang in ein Meer von Licht gebadet, wie es auf Claude’s Bildern glüht, erweckten in unseren Vorfahren nur Gedanken von mörderischen Hinterhalten und von ausgeplünderten, verstümmelten und den Raubvögeln preisgegebenen Leichnamen. Der einzige Pfad war schmal und rauh; nur mit Mühe konnte ein Pferd hinaufgeführt werden; zwei Menschen konnten kaum neben einander gehen, und an einigen Stellen lief der Weg so dicht am Abhange hin, daß der Reisende eines sicheren Auges und Fußes dringend bedurfte. Viele Jahre später erbaute der erste Herzog von Athol eine Straße, die eben gut genug war, damit er sie mit seinem Wagen befahren konnte. Aber selbst diese Straße war so steil und so schmal, daß eine Handvoll entschlossener Männer sie gegen eine Armee hätte vertheidigen können.[95] Kein Sachse betrachtete denn auch einen Besuch in Killiecrankie als ein Vergnügen, bis die Erfahrung die englische Regierung gelehrt hatte, daß die Spitzhacke und der Spaten diejenigen Waffen waren, durch welche die Hochländer am wirksamsten unterworfen werden konnten.

Der Krieg bricht in den Hochlanden wieder aus.

Die Gegend, welche gerade über diesem Passe lag, war jetzt der Schauplatz eines Krieges, wie ihn die Hochlande nicht häufig gesehen hatten. Männer, die den nämlichen Tartan trugen und dem nämlichen Herrn unterthan waren, standen einander gegenüber. Der Name des abwesenden Häuptlings wurde, mit einem Anschein von Grund, auf beiden Seiten gebraucht. Ballenach hielt an der Spitze einer Anzahl Vasallen, die ihn als den Vertreter des Marquis betrachteten, Blair Castle besetzt. Murray erschien mit zwölfhundert Mann vor den Mauern und verlangte, in das Schloß seiner Familie, das Schloß, das dereinst sein Eigen werden sollte, eingelassen zu werden. Die Besatzung weigerte sich die Thore zu öffnen. Die Belagerer sandten Boten nach Edinburg, die Belagerten nach Lochaber.[96] An beiden Orten rief die Nachricht große Aufregung hervor. Mackay und Dundee waren beide der Ansicht, daß die Krisis rasches und kräftiges Einschreiten erfordere. Von dem Schicksal von Blair Castle hing wahrscheinlich das Schicksal von ganz Athol ab, und von dem Schicksal Athol’s konnte das Schicksal Schottland’s abhängen. Mackay eilte nach dem Norden und befahl seinen Truppen, sich in dem Niederlande von Perthshire zu sammeln. Einige von ihnen lagen an so entfernten Orten, daß sie nicht zeitig genug anlangten. Er hatte jedoch bald die drei schottischen Regimenter bei sich, welche in Holland gedient hatten und die Namen ihrer Obersten, Mackay’s selbst, Balfour’s und Ramsay’s, führten. Auch ein tapferes Infanterieregiment aus England war da, welches damals das Regiment Hastings hieß, aber jetzt als das dreizehnte der Linie bekannt ist. Zu diesen alten Truppen kamen dann noch zwei im Niederlande neu angeworbene Regimenter. Das eine davon wurde von Lord Kenmore, das andre, das im Grenzlande ausgehoben worden und das noch jetzt des Königs Leibgrenzer genannt wird, von Lord Leven befehligt. Zwei Reitertrupps, commandirt von Lord Annandale und Lord Belhaven, brachten die Armee wahrscheinlich auf die Zahl von über dreitausend Mann. Belhaven ritt an der Spitze seines Trupps; aber Annandale, der factiöseste von allen Anhängern Montgomery’s, zog den Club und das Parlamentshaus dem Felde vor.[97]

Dundee hatte mittlerweile alle Clans, die seine Ernennung anerkannten, aufgefordert, sich zu einer Expedition nach Athol zu versammeln. Seine Bemühungen wurden von Lochiel kräftig unterstützt. Die Feuerkreuze wurden wieder in aller Eile durch Appin und Ardnamurchan, nach Glenmore hinauf und den Levensee entlang ausgesandt. Aber der Aufruf kam so unerwartet und die verstattete Frist war so kurz, daß das Aufgebot kein ganz vollständiges war. Die ganze Streitmacht scheint nicht dreitausend Mann stark gewesen zu sein. Mit diesem Corps rückte Dundee aus. Auf seinem Marsche zog er Verstärkungen an sich, die eben aus Ulster angekommen waren. Sie bestanden aus wenig mehr als dreihundert schlecht bewaffneten, schlecht gekleideten und schlecht disciplinirten irischen Fußsoldaten. Ihr Anführer war ein Offizier, Namens Cannon, der in den Niederlanden gedient hatte und der vielleicht auf einem untergeordneten Posten und in einer regulären Armee an seinem Platze gewesen sein würde, aber der ihm jetzt übertragenen Rolle durchaus nicht gewachsen war.[98] Er hatte sich bereits so lange zwischen den Hebriden aufgehalten, daß einige mit ihm zugleich abgeschickte und mit Vorräthen befrachtete Schiffe von englischen Kreuzern genommen worden waren. Er und seine Soldaten waren mit Mühe dem nämlichen Schicksale entgangen. Trotz dieses Mangels an Befähigung bekleidete er eine Stelle, die ihm in Schottland den höchsten militärischen Rang nächst Dundee einräumte.

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