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Gesammelte Werke in drei Bänden (2/3)

Weib und Welt Ein Buch Gedichte Vierte Ausgabe

Reading edition

Erster Teil

*

Ins Weite

Die du mir näher bist, als Sinne ahnen können, meine Erfüllerin, schlummernde: o träume dich ein in meine schmachtenden Adern, und fühle mein Herz aus meinen Augen brennen, und sieh die Sterne sich über mir verdoppeln, und schmecke das Mannah dieser grenzenlosen Nacht, die Düfte der Sehnsucht von Wiese zu Wald zu Wolke, und höre den Weltraum mein heiliges Lied mitatmen, mein Echo du! —

Die Erweckung des Herrschers

Psychische Szene

Ein Geist im Schlaf:

Da thront sie wieder; thront, als ob sie warte. Was willst du, Traumbild, immer noch von mir mit deinem Gnadenblick? du bist doch tot! Zu oft bin ich von diesem Blick erwacht; ich fühls, ich träume nur! Was quälst du jetzt mit täuschender Erhörung meine Nächte und blicktest nie zuvor, zu keiner Stunde — o doch: in einer, einer Stunde doch: in deiner Sterbestunde — so mich an! Willst du den Mann, der ich in Schmerzen ward, durch deinen Hingang ward, noch büßen lassen, was dir der unbedachte Jüngling tat? Wars denn so schlechte Tat? Wars nicht Verehrung, daß ich mit meiner Lust an Ruhm und Rang auch Dir zu schmeicheln dachte? Warb ich nicht mit höchster Hoffahrt um dein stolzes Herz? Aus deiner stillen Welt, die mir nicht würdig genug für deine holde Würde schien, wollt ich ein klingend Sphärenspiel gestalten! Hab ich dich nicht gefeiert? Schmückt ich nicht dein jungfräuliches Haupt mit einer Krone? mit stetem Festglanz unsern Thron! Und gabst mir kaum eine Gunst dafür, kaum ganz ein Lächeln, nie einen vollen, seelenvollen Dank, nie —

Antwort einer Seele:

Ich liebte dich —

Der Geist:

Du? liebtest? mich? — Und zeigtest mir das nie?! Und ließest mich, wenn deine sanfte Hand sich meiner ungestümen streng entzog, mich, der zu Füßen dir getaumelt wäre für nur den scheuesten Wink, ließest mich haltlos mit falschen Freunden dann von Rausch zu Rausch die irren Wege meines Unmuts gehn! Mußt ich nicht meinen, du verabscheust mich, du seist enttäuscht, sinnst Rache? Bis ich endlich, so immer werbend, immer unbelohnt und immer wieder auf Erhörung pochend, endlich den einen einzigen Gnadenblick, mit dem dein Auge brach, empfing und nun vor deinem starr gewordnen Antlitz mich in grausigem Zweifel fragte: galt er mir? mir? oder sahst du Sterbende ein Wesen, das Du nur sahst, mit diesem Dankblick an, weil’s dich von mir befreite?! Sprachst du doch kein letztes Wort zu mir! O warum starbst du so stumm?

Die Seele:

Ich liebte dich —

Der Geist:

Und quälst mich immer noch?! O deute mirs, du Unfaßbare: was bedrängst du mich? Ich sinne selbst am hellen Tag dir nach; du weißt, ich will das nicht, will nicht mehr träumen, ich ward zu klar dazu, dank deiner Drangsal, ich litt genug an dir, ich will nicht leiden, mir ziemt die Tat, drum lernt ich mich beherrschen, und will auch Dich, auch Dich beherrschen, denn ich bin ein Herrscher — und das ist, du weißt es, ein schwacher Mensch, der tausend fremde Kräfte unter ein starkes Werk einsammeln soll. Was also störst du meinen kurzen Schlaf? was gönnst du mir nicht Rast, mich selbst zu sammeln? was stachelst du mich in dem Lichtstrahl noch, der Mittags in mein halbgeschlossenes Auge sich eindrängt und an deinen letzten Blick mich gemahnt?

Die Seele:

Ich liebe dich —

Der Geist:

Dann laß dich fassen! dann erhöre mich! bei deiner Seligkeit beschwor ich dich: laß mich vollkommen in dir ruhn! So will ich nicht mehr eitel mit dir ringen, will mein Gezweifel vollends niederzwingen, dir freudig deinen Willen tun! So wirst auch Du endlich zur Ruhe kommen, wirst stolz von meinen Kräften hingenommen erkennen, daß du mich nicht länger schreckst! So wird aus unserm Traumbund im Geheimen stark eine neue Seele keimen, durch die du mich schutzmütterlich zu immer stolzerem Tagwerk weckst, gern weckst — und so —

Die Seele:

So lieb’ ich dich — —

Der Geist des Herrschers erwachend:

Und lebst mir so — und wirst mir nie mehr sterben. Und all mein Volk wird unsre Liebe erben.

Das Ideal

Doch hab ich meine Sehnsucht stets gebüßt; ich ging nach Liebe aus auf allen Wegen, auf allen kam die Liebe mir entgegen, drum hab ich meine Sehnsucht stets gebüßt. Es stand ein Baum in einem Zaubergarten, mit tausend Blüten gab er Duft und Schein, und eine leuchtete vor allen rein; es stand ein Baum in einem Zaubergarten. Und aus den tausend pflückte ich die eine, sie war noch schöner mir in meinen Händen, sodaß ich kniete, Dank dem Baum zu spenden, von dem aus tausend ich gepflückt die eine. Ich hob die Augen zu dem Zauberbaume, und wieder schien vor allen Eine licht, und meine welkte schon — ich dankte nicht; ich hob die Augen zu dem Zauberbaume. Doch hab ich meine Sehnsucht nie verlernt; ich ging nach Liebe aus auf allen Wegen, auf jedem glänzte mir ein andrer Segen, drum hab ich meine Sehnsucht nie verlernt.

Beichtgang

Ich war der Herr der Welt vor dir, im Traum; wie eine Sonne warst du mir, im Traum. Ich schmückte dich mit allen guten Glücksehnsuchtsgluten in diesem Traum, und hieß dich leuchten, ließ dich schweben. Und habe mich in den Staub gebogen vor dir, im Traum, und dich belogen und betrogen im Staub, im Traum — komm, laß uns leben!

Narzissen

Weißt du noch, wie weiß, wie bleich in den Maiendämmerungen, wenn ich lag, von dir umschlungen, dir zu Füßen hingerissen, um uns schwankten die Narzissen? Weißt du noch, wie heiß, wie weich in den blauen Juninächten, wenn wir, müde von den Küssen, um uns flochten deine Flechten, Düfte hauchten die Narzissen? Wieder leuchten dir zu Füßen, wenn die Dämmerungen sinken, wenn die blauen Nächte blinken, wieder duften die Narzissen. Weißt du noch, wie heiß? wie bleich?

Drei Ringe

Elegie

Ihr Ringe, drei Ringe, um Einen Finger, und jeder ein toter, gebrochener Schwur; und seid mir so heilig, ihr flimmernden Dinger, seid mir ein treuer, still wachsender, neuer, einziger, willig gesprochener Schwur. Was glühst du, Rubin, von versunkenen Stunden? Was blickst du, Perle, so bleich im Gold? Du Reif dazwischen, schlicht gewunden, was schimmerst du so scheu und hold? Ach! immer die Treue treuwillig versprochen, und immer treuwillig die Treue gebrochen. So hat es das Leben, das Leben gewollt. Ihr Ringe, drei Ringe, an meiner Linken, und dennoch ein neuer dämmernder Schwur? O Abendsonne, wie trüb dein Blinken, und Nebel winken, bald wirst du sinken. Du blasse Perle, wie wars doch nur?

*

War wohl ein Morgen, frühlingsmild; die alte Kirche stand voll Glanz. Blaß flammte ums Erlöserbild der Osterkerzen weißer Kranz. Der Orgel Hallelujah quoll; uns war das Herz von Gott so voll, das Kinderherz, voll Bebens. O Schwur des Glaubens! O Gebot: nun seid getreu bis in den Tod, dann wird euch die Krone des Lebens, die ewige Krone des Lebens. Und mit der Mutter still durchs Feld; wie glänzte weit, wie glänzte grün und war ein Sonntag all die Welt! Die Weidenbüsche wollten blühn; ein Zweiglein brach der Knabe. Doch feierlich im leeren Land als wie ein Kreuz die Mühle stand; und sinnend weiter still feldein. O Försterhaus am Eichenhain! O Vaterwort-und-Gabe! O Gartenzaun am Eichenhain! da nahm mein Vater meine Hand und legte einen Ring hinein, der hatte einen schwarzen Stein, drin eine goldne Krone stand, und sprach zu seinem Sohne, und all sein Blick war Ein Gebot: Nun sei dir treu bis in den Tod, dann wird dir die Krone zum Lohne, des Lebens Siegeskrone!

*

Ihr Ringe, drei Ringe, an meiner Linken, und jeder ein neuer, ein toter Schwur; was wird so zitternd euer Blinken? — Du trübe Sonne, laß dein Winken. O weite Flur! Die Nebel gleißen wie blutende Wunden; ich habe die Freiheit, die Freiheit gewollt! O Sonnenblut. O gleißend Gold. Was glühst du, Rubin, von versunkenen Stunden?

*

Es war ein Mittag, frühlingswild. Von der Bergeskrone, rot zuckend, kroch die Wolkenschlange ins Gefild. Der Donner jagte von Joch zu Joch. Stürmisch weinte das Dunkel, ein stürzendes Meer. Triefend sausten die Bäume; und grell und spitz, Licht schleudernd, über uns, um uns her — mein bebendes Mädchen, weißt du noch? — flocht flatternde Netze Blitz auf Blitz. Und die Bäume bogen und schlugen sich, blendend nieder krachte der steile Strahl und warf im Taumel irr dich und mich zu Boden, glutschwer, ein flackernder Wall; und da lag im Taumel irr Brust an Brust, jung hing und glutschwer Mund an Mund und Auge in Auge im Moose, und rauschend schluchzte der Regen in unsre Lust, stumm lohte der feuergetaufte Bund. Und dann auf! Oh, standest du bleich und bang. Und da hab ich den Donner des Himmels bedroht, von der Faust mir peitschend das Wasser sprang, durch die sausenden Bäume mein Lachen klang: o lauter, mein Bruder, dein wild Gebot! Und riß mir vom Finger den Knabenring: ich bin mir selbst mein Herr und Gott! und nahm deine zitternde Hand, dran hing im Blitzlicht funkelnd der rote Rubin, und vom Himmel gebadet, vom Himmel umloht — ich fühlte dich weinen, ich sah dich glühn — schwur ich: gib her! sei treu! nimm hin!

*

Ihr Ringe, drei Ringe, um Einen Finger, und jeder ein doppelt gebrochener Schwur. Wie der Nebel raucht! ein brennender Zwinger vermauert die fliehende Sonnenspur. Noch glänzt ein stiller Streifen Gold; ich habe freiwillig die Freiheit verschworen. Was glimmst du schlichter Reif so hold? Die Freiheit verschworen, die Freiheit verloren. So hat es die Liebe, die Liebe gewollt.

*

Es kam ein Abend, frühlingsmild; bang steht, in Schleiern, bleich, die Braut. Ernst rauschen die Geigen; herb duftend schwillt der Myrte grünes, weißblühendes Kraut. Und Andacht wird, und Schweigen; nur durchs Fenster flüsterte der Mai. Und nun: nun will ich stolz und frei uns segnen — da: voll Bebens, horch, die Stimmen der Freunde — o Lied, o Schwur, o ihr rauschenden Geigen, o Gebot — blaß zuckten die Kerzen im Abendrot —: Nun seid getreu bis in den Tod, dann wird euch die Krone des Lebens! Da flocht ich ihr still vom Haupt den Kranz, still küßte ich ihr dunkles Haar; glutüberhaucht vom fernen Glanz hielt ihre Hand ein Rosenpaar, still zitterten die Blüten. Und hoch ins schweigende Gemach hob ich den goldnen Ring und sprach und sprach — wie war das Herz mir weit, von Glauben weit und Seligkeit —: Nun will ich Dein sein alle Zeit, Ein Leib, Eine Seele, in Glück und Leid dein Gott, meine Welt, dich hüten. Und draußen wiegte ein Lindenbaum goldgrün sein jung Gefieder; sanft glühte der Rosen rot schwellender Saum, und durch den Schimmer, den Duft, den Traum rauschten die Geigen wieder. Da gab sie mir an meine Hand, an meine Rechte zurück mein Pfand, den Ring mit der leuchtenden Krone. Stumm bat ihr Blick voll seliger Not: nun sei mir treu bis in den Tod, dann wird uns die Krone zum Lohne, des Lebens Friedenskrone.

*

Ihr Ringe, drei Ringe, an meiner Linken: was blickst du, Perle, so trüb im Gold? O Sonne, du müde, nun magst du sinken; o schwere Pflicht, wie schienst du hold! Gelb taucht ins Moor der letzte Funken, das Land wird fahl, der Nebel rollt. Ich habe die Wahrheit, Klarheit gewollt. Ich war der Liebe so satt — so trunken —

*

Und eine Nacht kam, frühlingswild, kam schwül. Ums Licht der Lampe lag, vom lauten Regen dunstverhüllt, das Dunkel dumpf und dufterfüllt; hohl scholl und hart das Laubendach Es klang so einsam, was ich sprach von meinem großen Überdruß; es klang so bang, als ob ich log, als ich mich flüsternd zu ihr bog. Und ich hielt ihre Hand. Weißt du wohl noch, du blasse Andre?! Wolltest du’s? Wie war die Hand von Arbeit rauh! Wie saßest du so scheu und still mit deinen Augen groß und grau, als horchtest du dem Tropfentau, der durch die Epheublätter fiel. Und ich hielt deine Hand. Und es war so schwül. Was ließest du es denn geschehn?! Ich wollte dir nur ins Innre sehn, in diese Augen stolz und stumm. Du aber —? Und wir sanken um. Die Epheublätter zitterten. Ich nahm dein einziges Eigentum. Und dann: im dunkeln Grase hing und flimmerte etwas wie Gold. Das war dein lieber Perlenring, der war dir in den Sand gerollt. Und da hast du trotzig aufgelacht, von deinem Vater war auch er; blaß langtest du ihn zu mir her, aus deinen Augen sah die Nacht, und nahmst meine Hand — besudelt glomm der Kronring dran — und während hohl der Regen rauschte wie ein Strom, sprachst du: vergiß! nimm! gieb! leb wohl!

*

Ihr Ringe, drei Ringe, und doch der neue, aus scheuer Seele bang dämmernde Schwur? Dahin der Glaube, dahin die Treue; o dunkle Flur. Starr durch die kahlen Pappeln schauen die Sterne ins verhüllte Feld. Klarheit?? Im Moor die Nebel brauen. O ja: die Erde ist voll Grauen. Doch — voll von Sonnen steht die Welt! Raum! Raum! brich Bahnen, wilde Brust! Ich fühls und staune jede Nacht, daß nicht blos Eine Sonne lacht; das Leben ist des Lebens Lust! Hinein, hinein mit blinden Händen, du hast noch nie das Ziel gewußt; zehntausend Sterne, aller Enden, zehntausend Sonnen stehn und spenden uns ihre Strahlen in die Brust! Uns in die Brust ... Was willst du, Schweigen, du graue Erde, immer noch? Und ich sehe die Krone, die eine, steigen — ihr Ringe, drei Ringe, wie war es doch? — die Krone steigen, die Krone sinken, wie eine Sonne sinken, winken: mir nach! nichts ist vergebens! fest steht mein flammendes Gebot: aus Abendrot wächst Morgenrot! dem bist du treu bis in den Tod, du trägst die Krone des Lebens: die Schöpferkrone des Lebens!

Entrückung

O nein, mir wird es nicht zur Qual, so sehr es Dich und Andre quält, wenn du ins Grenzenlose blickst; ich bin wie du ein schlanker Stahl, und der sich immer strahlender stählt, je mehr du ihn durch Kämpfe schickst. Aus deines Auges innerm Ring flimmert ein sternglutweißes Licht durch Schwarz und Grau, du arge Frau; dies Licht, das mich seit je umfing, sieh, das entrückt mir dein Gesicht in mein geliebtes ewiges Blau.

Himmelfahrt

Schwebst du nieder aus den Weiten, Nacht mit deinem Silberkranz? Hebt in deine Ewigkeiten mich des Dunkels milder Glanz? Als ob Augen liebend winken: alle Liebe sei enthüllt! als ob Arme sehnend sinken: alle Sehnsucht sei erfüllt — strahlt ein Stern mir aus den Weiten, alle Ängste fallen ab, seligste Versunkenheiten, strahlt und strahlt und will herab. Und es treiben mich Gewalten ihm entgegen, und er sinkt — und ein Quellen, ein Entfalten seines Scheines nimmt und bringt und erlöst mich in die Zeiten, da noch keine Menschen sahn, wie durch Nächte Sterne gleiten, wie den Seelen Rätsel nahn.

Der Stieglitz

Die Sonne sticht; ein Distelfeld blitzt durch die stille Mittagswelt. Im starrgezackten Blättermeer glühn purpurlockig kreuz und quer die Blütenköpfe. Und durch den eisengrauen Busch: ein bunter Vogel, hupp, hup husch, hüpft durch das wilde Staudenheer, als ob es ohne Stacheln wär: ein junger Stieglitz. Wie wirr! wie wunderlich geschweift! Ein leichtes Lüftchen kommt und greift von Blütenspeer zu Blütenspeer und wirft die Schatten hin und her; weg ist der Stieglitz. Nun will ich stille weitergehn und mir die sonnige Welt besehn, und durch das Leben kreuz und quer, als ob es ohne Stacheln wär; das liebe Leben.

Sinnige Fahrt

An kleinen ruhigen Dörfern vorbei, durch eilende Felder und Leutegeschrei. Die Axen dröhnen; ich denke still an Eine, die mir treu sein will. Sie denkt wohl auch: was wohl die Welt so im stillen zusammenhält? Und plötzlich seh ich zwei Schafe stehn, die dem rollenden Zug nachsehn.

So im Wandern

Ein silbern klein Herze, von Gold einen Ring, die gab sie mir, als ich wandern ging, und tat in das Herze ihr Bild hinein; so einsam der Morgen, bin nicht allein. Arme Padde im Gleise, zerquetscht liegst du! Ich wandre meine Straße und wandre immer zu. Schon teilt sich der Nebel, nun schimmert die Welt; im Sonnenschein glitzert das Ährenfeld. Die Hummeln summen, die Lerchen klingen; die Birken wehen, die Zweige schwingen. Die Pappeln, die schütteln die Blätter im Wind; sie flüstern mir Grüße, die voll Erinnrung sind. Das Herzelein nehm ich vom seidenen Band und leg’s in das Ringlein in meiner Hand, so schreit ich und schau als ein Zeichen mir’s an: so will ich in Treuen ohne Ende Dich umfahn! — Was rennst, Meister Lampe? heut jag’ich nicht. Ich wandre, ich schreite; die Sonne sticht. In Dorfes Mitten, wo sich der Friedhof hebt: wie wirds gar kühl sich ruhen, wenn man mich einst begräbt: zwei weiße Rosen biegen ums Grabkreuz die Äst, drauf steht mein Nam geschrieben, bis der Regen ihn löscht. Hinterm Kirchlein die Schenke heißt „Zu den drei Linden“; da wird sich wohl auch noch ein Ruheplätzchen finden. Ei Tausend, mein Schätzchen, so schmuck, und allein? Ei komm doch, rück näher; trink mit, schenk ein! Es sitzen zwei Spatzen im Lindenbaum; sie schnäbeln, sie schwatzen, es ist wie Traum. Auf’m Kirchhof stehn Kreuze, mehr als hundert, schwarz und weiß; aber Du hast zwei Lippen, die sind rot und heiß! Na Mädel, was weinst denn? Ja, die Welt ist hohl. Die Welt ist ein Weinfaß: trink aus — leb wohl! — Was wackelt der Pfahl da? der ist wohl betrunken! Ich wandre, ich schreite, in Sinnen versunken. Sie saß ja so alleine; und die Liebste wohnt weit! Ich will ihr Alles schreiben, bis sie mir verzeiht. Und am End meiner Reise steht mein elterlich Haus, da schaut mein lieb Mutterherz am Fenster nach mir aus; und drinnen sitzt mein Vater, wie’n König auf sei’m Thron, und wills nicht verraten, daß er wart’t auf sein’n Sohn. Nun will ich nicht sinnen, ob man glücklich kann werden; der Himmel ist hoch, und wir leben auf Erden! Sela! —

Schutzengel

Nicht vom Kirchhof will ich Epheu pflücken, glänzt das ganze Dörfchen doch von Epheu; davon will ich pflücken für mein Kämmerchen! spricht der junge, junge Jägersmann. Guten Tag, du schönes, schönes Mädchen, gieb mir doch dein liebes, liebes Händchen! Weißt, ich suche Epheu für mein Kämmerchen; darf ich wohl von deinem Epheu pflücken? Komm herein, du schöner, schöner Jäger; will dir vielen, vielen Epheu geben. Hinten um mein Fenster, um mein Kämmerchen, schlingt sich dicht der dunkle, dunkle Epheu. Kommt das kleine Brüderchen gelaufen: Schwesterchen, was will der große Jäger?! Und ich küßt es auf die scheue Stirne und ging still nach Hause in mein Kämmerchen — ich, der junge, junge Jägersmann.

Begegnung

Ich sah dich schon. Im Sonnenschein beim Roggenfeld am Wiesenrain stand wilder Mohn; die Kelche blühten blutrot breit, den Schooß voll blauer Dunkelheit, und jäh aus einer Knospe quoll ihr glühendes Seelchen, unruhvoll. So sah ich Dich, du knospiges Kind, erglühn, gestern im Feld am stillen Fichtenhain, als im Vorübergehn mein Blick dich küßte; mit allen Adern schienst du aufzublühn, so scheu und rein, als ob ich um Verzeihung bitten müßte. War’s ein Erglühn? War’s nur ein Widerschein? das Rot des roten Sommerkleids um dich? das Abendrot, das fern verglomm im Tann? War’s ein Erglühn, das erste war es dann, das deine jungen Schläfen so beschlich; so bang, so schwer sahst du mich an, so fast voll Angst zurück nach mir, als du verschwandest sacht im dichten Gewühl der silbergrünen Fichten. Doch meine Seele folgte dir, dein blautief Auge blieb in mir. Ich sah dich schon, du flüchtendes Kind: heiß durch den Roggen strich der Wind und bebend neigte sich der Mohn. Ich hab eine rote Blüte verwehn, zwischen den Halmen zerflattern sehn, und habe den Blättern nachgeträumt; und immer ist mir noch, ich schaue in ihren Kelch, der glutumsäumt sich jäh vertieft ins Dunkle, Blaue ...

Unterm jungen Birnbaum

Unterm jungen Birnbaum standest du. An die ersten kleinen grünen Früchte rührtest du entzückt mit zartem Finger; letzte Blüten wehten um dich nieder. Unterm jungen Birnbaum stand auch ich. Meine harten Hände rührten nicht an die kleinen grünen ersten Früchte; letzte Blüten wehten um mich nieder.

Emporsturz

Einmal, Erde, wollt ich dich küssen: ein Weib in Armen, jach Schooß an Schooß, zu Boden stürzend in rasendem Tanz. Da winkte ein Mädchen mir zum Reigen, einen weißen Mantel um die Hüften, in den tiefblauen Augen einsamen Glanz. Glanz aus fern aufsteigenden Räumen, Glanz aus längst versunkener Zeit, Glanz des Mondes im stillen Meere, Glanz der Sterne über der Wüste: Lauterkeit. Und da lag ich im Staub und hüllte meine grauen Haare in ihr Gewand, wie einst Josef hin vor Miriam kniete, als er den heiligen Geist empfand.

Verkündigung

Du tatest mir die Tür auf, ernstes Kind. Ich sah mich um in deinem kleinen Himmel, lächelnde Jungfrau. Du sollst einst einen großen Himmel hüten, Mutter mit dem Kind. Ich tu die Tür mit ernstem Lächeln zu.

Einst

Ich ruhe; helle Wolken fliehn; mein Herz rauscht wie das weite Feld. Flügel leuchten — und über die Wolken steigt ein Lied: Einst brauchst du keinen Menschen mehr, du Herz der Welt! —

Stimme des Abends

Die Flur will ruhn. In Halmen, Zweigen ein leises Neigen. Dir ist, als hörst du die Nebel steigen. Du horchst — und nun: dir wird, als störst du mit deinen Schuhn ihr Schweigen.

Feierabend

Geh nur, lieber Tag, freue dich der Nacht. Nichts bleibt unvollbracht; deines Lichtes Macht keimt im dunkeln Grund. Einst wird alles kund, hell von Mund zu Mund, was uns heut im Traum erst dämmern mag.

Manche Nacht

Wenn die Felder sich verdunkeln, fühl ich, wird mein Auge heller; schon versucht ein Stern zu funkeln, und die Grillen wispern schneller. Jeder Laut wird bilderreicher, das Gewohnte sonderbarer, hinterm Wald der Himmel bleicher, jeder Wipfel hebt sich klarer. Und du merkst es nicht im Schreiten, wie das Licht verhundertfältigt sich entringt den Dunkelheiten. Plötzlich stehst du überwältigt.

Aus banger Brust

Die Rosen leuchten immer noch, die dunkeln Blätter zittern sacht; ich bin im Grase aufgewacht, o kämst du doch, es ist so tiefe Mitternacht. Den Mond verdeckt das Gartentor, sein Licht fließt über in den See, die Weiden schwellen still empor, mein Nacken wühlt im feuchten Klee; so liebt ich dich noch nie zuvor! So hab ich es noch nie gewußt, so oft ich deinen Hals umschloß und blind dein Innerstes genoß, warum du so aus banger Brust aufstöhntest, wenn ich überfloß. O jetzt, o hättest du gesehn, wie dort das Glühwurmpärchen kroch! Ich will nie wieder von dir gehn! O kämst du doch! Die Rosen leuchten immer noch.

Helle Nacht

Weich küßt die Zweige der weiße Mond. Ein Flüstern wohnt im Laub, als neige, als schweige sich der Hain zur Ruh: Geliebte du — Der Weiher ruht, und die Weide schimmert. Ihr Schatten flimmert in seiner Flut, und der Wind weint in den Bäumen: wir träumen — träumen — Die Weiten leuchten Beruhigung. Die Niederung hebt bleich den feuchten Schleier hin zum Himmelssaum: o hin — o Traum — —

Aufstieg

Als Engel durch die Finsternis, so wollten wir zu höhern Sonnen; doch hab ich dich erst ganz gewonnen, als Gott uns aus dem Traume riß. Blau fuhr sein Blitzstrahl durch die Weiten und zwang uns zur Hinunterschau; da lag die Erde grell und grau mit allen ihren Wirklichkeiten. Wie lachte Satan auf zu mir, als du mich zu verlieren meintest. Wie schrie er selig, als du weintest: Sie träumt nicht mehr, sie lebt mit dir!

Drückende Luft

Der Himmel dunkelte noch immer; ich fühlte tief bis in mein Zimmer der fahlen Wolken vollen Schooß. Die Esche drüben drehte schwer die hohe Krone um sich her; zwei Blätter trieben wirbelnd los. Laut tickte durch die schwüle Stube, wie durch die stille Totengrube der Holzwurm ticken mag, die Uhr. Und durch die Türe hinter mir klang dünn und schüchtern ein Klavier über den Flur. Der Himmel lastete wie Schiefer; ihr Spiel klang immer trauertiefer, ich sah sie wohl. Dumpf rang der Wind im Eschenlaub, die Luft war grau von Glut und Staub und seufzte hohl. Und blasser tönten durch die Wände die tastenden verweinten Hände, sie saß und sang; sang sich das Lied, in sich gebückt, mit dem sie mich als Braut entzückt; ich fühlte, wie ihr Atem rang. Die Wolken wurden immer dumpfer, die wunden Töne immer stumpfer, wie Messer stumpf, wie Messer spitz; und aus dem alten Liebeslied klagten zwei Kinderstimmen mit — da fiel der erste Blitz.

Aufblick

Über unsre Liebe hängt eine tiefe Trauerweide. Nacht und Schatten um uns beide. Unsre Stirnen sind gesenkt. Wortlos sitzen wir im Dunkeln. Einstmals rauschte hier ein Strom, einstmals sahn wir Sterne funkeln. Ist denn Alles tot und trübe? Horch —: ein ferner Mund —: vom Dom —: Glockenchöre ... Nacht ... Und Liebe ...

Stiller Gang

Der Abend graut; Herbstfeuer brennen. Über den Stoppeln geht der Rauch entzwei. Kaum ist mein Weg noch zu erkennen. Bald kommt die Nacht; ich muß mich trennen. Ein Käfer surrt an meinem Ohr vorbei. Vorbei.

Ein Grab

Das sind die Abende, die bleich verfrühten. Die Georginen, die im Sonnenscheine wie rot und gelbe letzte Rosen glühten, stehn fahl, Rosetten aus verfärbtem Steine. Der Nebel klebt an unsern Hüten. Komm, Schwester. Dort der Zaun von Erz umgittert Eine, die zu früh verblich. Komm heim; mich friert. Sie liebte mich. Sie hatte nichts vom Leben als ihr Herz; still tat sie wohl, still litt sie Schmerz.

Klage

In diesen welken Tagen, wo Alles bald zu Ende ist, sturmzerfetzte Sonnenblumen über dunkle Zäune ragen, Wolken jagen und den Boden flammenfarbne Blätterstürze schlagen: da müssen wir nun tragen, was wir uns mußten sagen in diesen welken Tagen.

Einst im Herbst

Durch den Wald, den ernsten alten Wald, sprangen drei Mädchenrangen; hatten Flammen von Abendglanz im Haar, schwangen Zweige mit rotem Herbstlaub, ließen sie prangen, ja prangen. Kam ein Herr, ein ernster alter Herr, durch den Glanz gegangen; bot ihm eine lachend ein Zweiglein dar, schönes rotes Herbstlaubzweiglein, lachend mit blutjungen Wangen. Stand er lächelnd, lächelnd im ernsten Wald, während sie weitersprangen; schwang sein rostrot Zweiglein im Abendglanz, sah die ihren drei flammengolden fern noch prangen, ja prangen.

Der gesunde Mann

Meine Frau ist krank, sie wird wohl bald sterben; dann kann ich lachen, dann werd’ich was erben. O, wie lieb mir das Leben im Leibe schlägt, wenn ihr Husten mir das Herz zersägt; hilf Gott. Da sitzt sie am Ofen und lächelt ins Feuer; die Flammen röcheln so ungeheuer. Es kocht die Glut, ein Scheit zerspringt, und eine ferne Glocke klingt: hilf Gott.

Befreit

Du wirst nicht weinen. Leise, leise wirst du lächeln; und wie zur Reise geb ich dir Blick und Kuß zurück. Unsre lieben vier Wände! Du hast sie bereitet, ich habe sie dir zur Welt geweitet — o Glück! Dann wirst du heiß meine Hände fassen und wirst mir deine Seele lassen, läßt unsern Kindern mich zurück. Du schenktest mir dein ganzes Leben, ich will es ihnen wiedergeben — o Glück! Es wird sehr bald sein, wir wissen’s Beide. Wir haben einander befreit vom Leide; so geb’ich dich der Welt zurück. Dann wirst du mir nur noch im Traum erscheinen und mich segnen und mit mir weinen — o Glück!

Trost

Du sahst eine Sternschnuppe fallen; was hebst du scheu die Hand? Sieh, kein Stern verschwand: alle leuchten noch allen.

Wunder

Niemals war es mir ein Wunder, daß die Bäume, wenn die Blätter fallen, all schon wieder voller Knospen stehn. Immer wird nun, wenn die Blätter fallen, deine Frage mich bewegen: Kann man traurig auf dies Wunder sehn?

Kalte Frage

Wo bist du nun? Die Täler sind verschneit; es starrt der Fluß, der gestern noch sich regte. Ich staune in die bleiche Dunkelheit wie dort das Licht, das ferne, unbewegte.

Winterwärme

Mit brennenden Lippen, unter eisblauem Himmel, durch den glitzernden Morgen hin, in meinem Garten, hauch ich, kalte Sonne, dir ein Lied. Alle Bäume scheinen zu blühen; von den reifrauhen Zweigen streift dein Frühwind schimmernde Flöckchen nieder, gleichsam Frühlingsblendwerk; habe Dank! An meiner Dachkante hängt Eiszapfen neben Zapfen, starr; die fangen zu schmelzen an. Tropfen auf Tropfen blitzt, jeder dem andern unvergleichlich, mir ins Herz.

Kein Bleiben

Immer dichter flüchtet der Schnee. Ich steh und seh die Flocken treiben, um Straßenlichter, stumme Gesichter, immer dichter. Nur nicht bleiben: weiter, weiter, einsamer Schreiter!

Heimweh in die Welt

O wie lange litt ich’s nun, wie stumm! soll ich denn mein Herz, mein Herz noch töten? War doch dein, nur dein, in Glut und Nöten; weißt warum? Weil mein Herz so wild, weil es Meere braucht, wenn der Sturm ins Blut mir taucht, weil es deine Tiefen so gefühlt! Doch wenn nun der Frühling wieder sprießt — o, ich fühls, ich fühls, so stumm ich blieb — und im warmen Sturm der junge Trieb schwillt und schießt: wird mein Herz so wild, weil es Meere braucht, wenn der Sturm ins Blut mir taucht, weil es so in alle Weiten fühlt! Hast es doch gewußt. Damals im Mai: als uns auf der Bergwand der Blitz umlohte, als ich jauchzte und dem Donner drohte, adlerfrei: gabst mir deine Hand, mein in Glut und Schmerz, sankest mir ans wilde Herz, unten glänzte fern das deutsche Land. Und wenn nun der Frühling blühen will und die herrlichen Blitze wieder glühn und im Sturm die Meere wieder sprühn: dann — oh still — gieb mir deine Hand, Einmal noch ein Schmerz, Einmal noch ein deutsches Herz, dann leb wohl, mein Weib, mein Vaterland!

Über frei Feld

Über frei Feld, mein Hund und ich; die Frühlingsluft ist dunkel. Fern staut sich ein Gewitterstrich; mein Teckel knurrt, er fürchtet sich. Komm, Teckel. Er will nicht sehn die Himmelswand, die Sonne sticht durch Wolken; blendende Streifen ziehn durchs Land, ein Scherben blitzt wie Diamant. Komm, Teckel. Am Saum der Saat, von Stiel zu Stiel, schleicht ungewiß sein Schatten; ein Regen sprüht wie Mückenspiel, die Tropfen flimmern ohne Ziel. Komm, Teckel. Da: jäh am Horizont hin zuckt der erste Blitz im Jahre. Ein kurz entschlossner Donner ruckt; mein Teckel hat sich scheu geduckt. Hundsseele!

Zweiter Teil

*

Der Frühlingskasper

Weil nun wieder Frühling ist, Leute, streu ich butterblumengelber Kasper lachend lauter lilablaue Asternblüten hei ins helle Feld! Lilablaue Astern, liebe Leute, Astern blühn im deutschen Vaterland bekanntlich blos im Herbst. Aber Ich, ich butterblumengelber Kasper, streue, weil nun wieder heller Frühling ist, tanzend tausend dunkelblaue Asternblüten hei in alle Welt!

Entladung

Ich kam mit meinem Alpenstocke und offner Brust vom Berg geschlendert; begegnet mir im Ordensrocke ein Zug von Nonnen, grau bebändert, zehn schwarze Paare. Den Blick zu Boden, steif und stumm, so kamen sie dahergestiegen; ich seh die Täler ringsherum in leichenhaftem Glanze liegen, Gewitter drohte. Fern unten, wo noch Sonne gährte, zog durch den wolkendunkeln See ein Dampfschiff seine blanke Fährte, und Tücher winken hell Ade; ich schau nach Oben. Wie sieht die Bergwand düster aus! Ein greller Kirchturm steht davor und fordert frech den Blitz heraus; die Tannen sträuben sich empor wie Warnungszeichen. Und herrisch kommt der Wind gesaust, die Straße her, mit Staub und Frische, und nimmt die Birken in die Faust und schüttelt sie wie Flederwische; es donnert schon. Die strengen Ordensröcke stieben; nur rasch vorbei, ihr armen Schwestern! ihr dürft nur tote Heilige lieben. Rasch! Eure stumpfen Blicke lästern Natur und Leben. Ah: wie die Gletscherkanten glühn! Vom Dampfer hör ich Juchzer klingen; der Regen klatscht ins wilde Grün, und mit dem Wirbelwinde ringen vierzig Nonnenwaden. Da hob ich meine Alpenstange und schlug ein Kreuz auf ihren Trott, und lachte laut und lachte lange, und herzlich herzlos, wie ein Gott — sie hörten’s.

Anbetung

Letzter Schritt, und hoch mit mir strebt der Turm ins Licht; und vom Steigen auf zu Dir bebt mein heiß Gesicht. Hier, wo keine Menschen sind, sieh mich niederknien! Ums Gesimse saust dein Wind, und ich fühle ihn, wie er an das Steingerüst seine Hände legt und es schüttelt und es küßt und mein Haar durchfegt. Durch die Glocken unter mir rauscht sein Atemstrom. Sonne, Sonne, Schöpferin, Dir bebt der ganze Dom, den o Dein Dom überblaut, und den schaffensbang einst ein Mensch wie Ich gebaut, Mensch im Überschwang!

Ausblick

Jetzt einen Schritt, dann stürzt vom Rande mein Leben in die Schlucht hinab. Wie hängt die Sonne tief im Lande! Ich recke mich auf meinem Stande, und alle Sehnsucht fällt mir ab. Denn dort aus Wald-und-Wolkenkränzen ragt mir erreichbar Firn an Firn. Die Wirklichkeit ist ohne Grenzen! Wie nah die fernen Dörfer glänzen, der Strom dazwischen wie ein Zwirn! Ich lehne mich zurück mit Grauen: was ist hier groß, was ist hier klein. Da blüht ein Enzian: nun schauen zwei Menschenaugen in den blauen, einsamen, winzigen Kelch hinein. In gelben Pollen reift der Samen, Unendlichkeiten ahnen mir; und selig ruf ich einen Namen — du Mutter meiner Kinder, Amen, mein Leben blüht, ich danke dir!

Ideale Landschaft

Du hattest einen Glanz auf deiner Stirn, und eine hohe Abendklarheit war, und sahst nur immer weg von mir, ins Licht, ins Licht — und fern verscholl das Echo meines Aufschreis.

Auf See

Doch hatte niemals tiefere Macht dein Blick, als da du, Abschied fühlend, still am Ufer standest, schwandest. Nur der Blick noch blieb und bebte über den Wassern. Dunkel folgte der Schein den leuchtenden Furchen. Und ich sah den Schaum der tiefen Flut, sah dein weißes Kleid zerfließen: du Seele — Seele — —

Gesang vor Nacht

Im großen Glanz der Abendsonne schauert die See; sacht steigt die Flut. Im großen Glanz der Abendsonne ergreift auch mich die weite Glut. Im großen Glanz der Abendsonne braust immer feuriger mein Blut: Noch steigt die Flut — im großen Glanz der Abendsonne.

Klarer Tag

Der Himmel leuchtet aus dem Meer; ich geh und leuchte still wie er. Und viele Menschen gehn wie ich, sie leuchten alle still für sich. Zuweilen scheint nur Licht zu gehn und durch die Stille hinzuwehn. Ein Lüftchen haucht den Strand entlang: o wundervoller Müßiggang.

Dunkle Gewalt

Wieder! Da kommt sie durchs Gewimmel. An ihrem Busen, in der Rechten, wie Nachtgewölke ruhn am Himmel, die aufgerafften dunklen Flechten — bestricken meinen Blick wie Schlangen, mir träumt von Paradiesesnächten — Was ziehst du plötzlich so voll Bangen den Mantel, Weib, vor deine Flechten?

Ballade von der wilden Welt

Schöne stille Seele hatte einen Garten, rings um den Dornheckenwerk und Urwalddickicht starrten, einen Blumengarten. Schöne stille Seele saß in ihrem Zelt, bebte vor den Häßlichkeiten oh der wilden Welt, in ihrem seidnen Zelt. Schöne stille Seele sah gern Kolibris durch die Blütenbüsche huschen überm warmen Kies, die goldnen Kolibris. Und die bunten Schmetterlinge, und die blanken Schlangen; schöne stille Seele sah sie gern im Dickicht prangen, die sonneblanken Schlangen. Sah auch gern die blauen Blitze über den Wäldern jagen und die fernen schneebedeckten Kraterberge ragen; schöne stille Seele! Schöne stille Seele erschrak auf einmal sehr: durch das Dornwerk drang ein hoher wilder Fremdling her. Seele bebte sehr. Fremder Weltumsegler, ich saß so schön allein; du wirst mich Schlange schelten, dann werden wir häßlich sein. Und stehst so schön allein. Schöne stille Seele konnt alldas nicht sagen, sah den Fremdling vor sich höher als die Berge ragen; konnt kaum Willkomm sagen. Konnt ihn nur empfangen endlich, Ihn — o wilde Welt — Blitze, Blüten, Kolibris jagten um ihr Zelt — schöne wilde Welt! —

Herr und Herrin

Ein Mann:

Da du so schön bist, darf ich dich beschwören, errege nicht mein leicht erregtes Blut. Da du so schön bist, kann ich dir nicht wehren, daß deine Hand zu sehr in meiner ruht. Da du so schön bist, muß ich dich begehren, denn alle Schönheit ist mir freies Gut. Da du so schön bist, will ich dich zerstören, damit es nicht ein Andrer tut ...

Das Weib:

Da du so stark bist, darfst du mich begehren, doch meine Schönheit bleibt mein freies Gut. Da du so stark bist, kannst du mich zerstören, wenn dir die Tat nicht selbst zu wehe tut. Da du so stark bist, mußt du mir beschwören, daß du beschützen wirst mein schutzlos Blut. Da du so stark bist, will ich dir nicht wehren, daß deine Hand in meiner ruht ...

Ballade vom Kuckuck

Du hast zwei schöne Kinder, Frau, sie spielen um unsre Füße im Gras; was schweift dein Blick in die Wolken? „Ich warte auf meinen Kuckuck, Mann; er ruft mir immer von fern was zu, immer zu, wenn die Kinder spielen.“ Was hat er dir zuzurufen, Frau? Was schweift dein Blick so fremd und bang, daß mir graut für unsre Kinder? „Unsre Kinder bleiben nicht unser, Mann; sie spielen mit Blume und Schmetterling, einst horchen sie auch auf den Kuckuck.“ So will ich den Kuckuck totschießen, Frau! Ich schoß schon manchen Habicht tot, der unser Hühnervolk schreckte. „Kam immer wieder ein Habicht, Mann; kommt immer wieder ein Kuckuck von fern. Horch — nun schreckt dich selber sein Lockruf.“

Vorspiel

Sie ist nur durch mein Zimmer gegangen und hat mir scheu von Träumen erzählt; und ich habe sie mit Trost gequält und saß und starb fast vor Verlangen. Sie hat geträumt von meinen Händen: sie aß von ihres Mannes Brot, da kam ich an und drückte sie tot, sie hielt ganz still ... Wie wird das enden ...

Wellentanzlied

Ich warf eine Rose ins Meer, eine blühende Rose ins grüne Meer. Und weil die Sonne schien, Sonne schien, sprang das Licht hinterher, mit hundert zitternden Zehen hinterher. Als die erste Welle kam, wollte die Rose, meine Rose, ertrinken. Als die zweite sie sanft auf ihre Schultern nahm, mußte das Licht, das Licht ihr zu Füßen sinken. Da faßte die dritte sie am Saum, und das Licht sprang hoch, zitternd hoch, wie zur Wehr; aber hundert tanzende Blütenblätter wiegten sich rot, rot, rot um mich her, und es tanzte mein Boot, und mein Schatten auf dem Schaum, und das grüne Meer, das Meer — —

Bewegte See

Noch Einmal so! Im Nebel durch den Sturm: das Segel knatterte, die Schiffer schrieen, am Bugspriet stand das Wasser wie ein Turm, ich fühlte deine Angst in meinen Knieen und sah dein stolz und fremd Gesicht. Noch Einmal wollte mir dein Auge drohn, wie eine Flamme stand dein Haar im Winde, doch in den Wellen rang ein Ton wie das Gewein von einem Kinde — da wehrtest du mir nicht: Um meine Lippen lag dein naß wild Haar, um deine Schulter lag mein Arm gezogen, und unsern Kuß versüßte wunderbar der Schaum der salzigen Sturzwogen — da schrie ich laut vor Freude auf. Noch Einmal so! Was tust du jetzt so kalt, hast du denn Furcht vorm offnen Meere? Es peitscht dich warm! Komm bald, komm bald! im Hafennebel tanzt die Fähre — hinaus! hinauf!

Der Sturm

Der Sturm ging noch die ganze Nacht, ganz daß die Nacht dem Abend glich. Ich bin fortwährend aufgewacht: wie war der Abend schauerlich! Uns schnitt der Ton bis unters Herz; dann haben wir noch mehr gelacht — Du, dein Mann, und ich.

Verklärung

Schwer sind dir die grauen Tage? Seele, komm: ich nehm dich ganz, wie du willst, du liebe Plage! Horch, der Regen rauscht wie Tanz, und die Windsbraut singt und geigt: Nichts ist schwer, sind wir nur leicht! Schwingen wir nur erst im Reigen, hingerissen Spur in Spur, braucht kein Engel mehr zu geigen, Erde wird zur Himmelsflur. Tanze, leichte Seele, tanz: jeder Tag hat seinen Glanz!

Das Schloß

Ich bin arm, du bist reich, darum bau ich dir ein Schloß aus meinen purpurnsten Träumen. Das steht am grauen Nordseedeich, wo die funkelndsten Wellen schäumen. Denn unsre Liebe ist so groß, daß die ganze Welt mir ein Spiel ist; und alle Meere um unser Schloß staunen, was mein Ziel ist. Mein Ziel ist eine tiefe Nacht: wir schwimmen auf unserm Schlosse, und die Wellen springen an unsre Yacht wie trunken schreiende Rosse. Und ich lass ein wildrotes Nordlicht scheinen, du liegst vor mir in Flammen, und unser glühendes Schloß stürzt ein, und wir stürzen mit ihm zusammen und ertrinken — —

Der Schwimmer

Gerettet! Und er streichelt den Strand, um den er rang mit dem wilden Meer; noch peitscht der weiße Gischt seine Hand. Und er blickt zurück aufs wilde Meer. Und blickt um sich ins graue Land; das liegt im Sturm, wie’s vorher lag, fest und schwer. Da wirds nun sein wie jeden Tag. Und er blickt zurück aufs wilde Meer ...

Beschwichtigung

Die Nacht wird kühl; mein Schatten kriecht im Sand am Rand des Ozeans. Der Mond vergießt sein fremdes Licht und nimmt den Sternen ihren Glanz. Die See rauscht. Was quäl ich mich! Hier trieb vielleicht schon manches Paar sein loses Spiel, und sind erglüht und sind erbleicht, und sprachen dann vom Tode viel. Die See rauscht. Wenn alles Land gefroren ist, wenn übers eingeschneite Feld die Sonne ihren Glanz ergießt, dann wird dir fremd sein, was dich quält. Die See rauscht.

Lied an den Mond

Willkommen, weißer Mond im Blauen, allein! Laß mich in Deine Heimat schauen, sei mein! Ich sitz im Dunkeln voll Geduld, du scheinst! O leuchte jedem heim voll Huld, dereinst!

Gruß

Schlaflos lieg’ich, wie im Fieber starr’ich in ein Schattenmeer: endlich glänzt vielleicht ihr lieber Augenstern darüber her. Endlich — und zwei Seelen brächten solchen Gruß sich durch die Welt, wie aus hohen Sommernächten Stern zu Stern vom Himmel fällt.

Aufglanz

Der Mond ist neu geworden, nun kommen die dunkeln Nächte; da klopft das Herz mit stärkerem Schlag und wünscht ein andres Herz herbei, an dem es erglühen möchte. Glühn bis ins ruhelose dunkelste Blut hinein: o Nacht, gib Licht, o Tag, erschein, die Welt ist neu geworden!

Morgenstunde

Ob du wohl auch so schlaflos liegst und dich in wachen Träumen wiegst vor Glück, wie sehr die Sehnsucht brennt? Ich schau ins dunkle Firmament: der Morgenstern, in großem Bogen, ist langsam längst heraufgezogen und läßt mich lächelnd fühlen, was uns trennt. Vor meinen schwachen Augen — nun weiß ich doch, zu was sie taugen — strahlt er, je höher her, je flimmernder Weihnächtig glänzt die graue Stille. O zögre, Alltag! Ohne Brille sieht man die Welt unendlich schimmernder. Schon aber glitzert sein Gezitter blasser; nun steh ich auf und geb der Lilie Wasser, die du mir gestern heimlich brachtest. Und wenn du mich dafür auslachtest: sanft nehm ich sie von ihrer Stätte und leg sie auf mein warmes Bette und fühle lächelnd, wie du nach mir schmachtest.

Ruf

Immer stiller stehn die Bäume, nicht ein Blatt mehr scheint zu leben, und ich fühle Wüstenträume durch den bangen Mittag beben, bis ins bange Blut mir zittern, bis ins Herz, wie Feuerpfeile. O, ich lechze nach Gewittern! Komm, Geliebte! eile! eile!

Berückung

Und du kamest in mein Haus, kamst mit deinen schwarzen Blicken; sah ich ferne Palmen nicken, und du gabst mir deinen Strauß. Gabst die zitternden Narzissen, die wir in der Wildnis pflückten; deine schwarzen Locken schmückten meines Diwans rote Kissen. Kehre wieder in mein Haus, laß die wilden Blumen blühen! Unsre jungen Lippen glühen; gieb mir, gieb mir deinen Strauß!

Wirrsal

Weine nicht, mein treues Weib! Jene Andre, die mich auch liebt, die beglückt wohl meinen Leib, aber Du hast meine ganze Seele. Und du bist ihr nicht verhaßt. Mußt du sie nicht mit mir lieben, die so innig zu mir paßt wie mein ganzer Leib zu meiner Seele? Sie beglückt doch diesen Leib, den sie liebt und der sie auch liebt, wie er Dich beglückt, mein Weib! Und dann hat sie meine ganze Seele ...

Nach einem Regen

Sieh, der Himmel wird blau; die Schwalben jagen sich wie Fische über den nassen Birken. Und du willst weinen? In deiner Seele werden bald die blanken Bäume und blauen Vogel ein goldnes Bild sein. Und du weinst? Mit meinen Augen seh ich in deinen zwei kleine Sonnen. Und du lächelst.

Der gute Hirte

Laßt uns endlich heiter wandeln durch die grillenvolle Welt! Wenn wir unbekümmert handeln, ist das Schwerste leicht bestellt. Glück macht jede Seele fromm; eil dich, Rahel! Lea, komm! Saht ihr je die Lämmer streiten, wen der Hirte lieber hab? Also laßt die Zwistigkeiten, zärtlich winkt mein Jakobsstab. Seht, schon zieht der Mond herauf: eil dich, Rahel! Lea, lauf! Mach ich euch nicht glücklich Beide, wenn auch meistenteils allein? Schmachtend schimmern Wald und Weide: wer wird heut die Einzige sein? O, wie lieblich riecht der Klee; eil dich, Rahel — Lea, geh — —

Stimme im Dunkeln

Es klagt im Dunkeln irgendwo. Ich möchte wissen, was es ist. Der Wind klagt wohl die Nacht an. Der Wind klagt aber nicht so nah. Der Wind klagt immer in der Nacht. In meinen Ohren klagt mein Blut, mein Blut wohl. Mein Blut klagt aber nicht so fremd. Mein Blut ist ruhig wie die Nacht. Ich glaub, ein Herz klagt irgendwo.

Über den Sümpfen

Wo wohnst du nur, du dunkler Laut, du Laut der Gruft? Was rinnt und raunt durch Schilf und Duft und glüht wie Augen durch die Luft, durch Rohr und Kraut? Es lehnt die Nacht am offnen Tor und weint und winkt. Zwei graue Hunde stehn davor und lauschen mit geneigtem Ohr, wie’s klingt, lockt, blinkt.

Erwartung

Aus dem meergrünen Teiche neben der roten Villa unter der toten Eiche scheint der Mond. Wo ihr dunkles Abbild durch das Wasser greift, steht ein Mann und streift einen Ring von seiner Hand. Drei Opale blinken; durch die bleichen Steine schwimmen rot und grüne Funken und versinken. Und er küßt sie, und seine Augen leuchten wie der meergrüne Grund: ein Fenster tut sich auf. Aus der roten Villa neben der toten Eiche winkt ihm eine bleiche Frauenhand ...

Im Reich der Liebe

O Du, dein Haar, wie strahlt dein Haar, das ist wie schwarze Diamanten! O, weil wir uns als Herrscherpaar der ewigen Seligkeit erkannten, Du! Schmück mir die Stirn du, nackt und bloß, mit diesem Band aus blauer Seide! Das ging dir los von deinem Schooß, als wir noch strauchelten im Kleide jener Welt. Hier sind wir Gott gleich, sieh mich an: oh Gott, wie Eins sind wir geworden! Hier kannst du ruhig deinen Mann mit mir betrügen, für mich morden, Du — —

Nun erst

Hab Dank! wir waren Mann und Weib, es ist geschehn; nun laß uns wieder aufrecht gehn, allein und klar. Wir wollen uns nicht trüb geberden; wir können nun erst Freunde werden, ganz und wahr. Du weißt ja gut, wie’s enden kann; am Weg ins Tal, du sahst, da lag es, einsam, kahl, das alte Liebesgrab im Wald. Es war nicht Zufall, was dich führte: ich wollte prüfen, wie’s dich rührte: du lachtest kalt. Das tat mir wohl, das klang so frei aus dir heraus in mich herein. Doch unten lag im Abendschein der dunkle See. Im Wasser spielten lange Streifen; die schienen glühend sich zu greifen, der Nix die Fee. Die Sonne sank; die Wasserglut ist nun zur Ruh. Das war nicht Ich, das warst nicht Du, was uns bezwang. Denn ob wir unser mächtig waren, das soll sich nun erst offenbaren. Hab Dank!

Mannesbangen

Du mußt nicht meinen, ich hätte Furcht vor dir. Nur wenn du mit deinen scheuen Augen Glück begehrst und mir mit solchen zuckenden Händen wie mit Dolchen durch die Haare fährst, und mein Kopf liegt an deinen Lenden: dann, du Wehrlose, beb’ich vor dir ...

Der weise König

Ich will nicht immer küssen; ich will nur fühlen, du bist mein! Und wenn du noch viel nackter wärst, ich würde lieber zu Stein, als heut dich küssen. Gieb mir die stillste Stille, die du geben kannst. Dann will ich wie der Mondschein dort, der aus den Blättern tanzt, bei dir bleiben. So sprach der weise König. Da fiel ein Blatt in ihren Schooß, der Wind fuhr durch den Mondschein; sie aber nickte blos und küßte es. Er ist bei ihr geblieben, er riß ihr das Blatt vom Munde; er ist die ganze Nacht geblieben und hat sie — Gott weiß wie still — geküßt, wohl hundertmal die Stunde.

Stilles Zeichen

Mir war ein Rosenblatt im Haar geblieben. Ich saß und sann noch über die Geberde, mit der ich mich aus deinem Arm befreit, und sah zur Erde; da fiel das rote Blatt in meine Einsamkeit.

Die Kette

Du hast mir eine Kette geschenkt. Ich soll sie um meinen Nacken legen. Ich werde sie tragen, um meinen stolzen Hals, offen auf meiner Brust vor allen Leuten: Du hast mir ja die Kette geschenkt. Ich möcht auch heimlich mein Herz dran hängen; Himmel, mein Herz, woran hängt es schon? An den Blicken meiner treuen Frau, an den Locken manches treulosen Fräuleins, an den Schmucksachen, die sie zu Weihnachten wünschten, den Schmetterlingen, die wir im Hochsommer haschten, an den Zugvögeln, die jetzt über uns wegziehn, den fremden Blumen, die sich jenseits der Meere auf paradiesischen Bäumen schaukeln, an dem unvergeßlichen Horizont meiner Heimat und den feurigen Sternen nie erblickter Zenithe, an alldem, alldem hängt mein Herz, mein armes Herz. Sprecht, gütige Sterne: wie fass ich soviel Reichtum zusammen? — Du hast mir eine Kette geschenkt! — —

Ein Ring

Ich trug einen Ring mit drei Opalen. Viel Märchen schuf der bleiche Stein; scheu wie das Glück sind seine Strahlen, Wasser soll ihren bunten Schein wie Gift zernagen. Ich kenn ein Weib, das hat all meine bleiche bunte Sehnsucht lieb; sie gab mir mehr als edle Steine, doch sollt ich alles wie ein Dieb heimlich tragen. Ich hab eine Frau, die schenkt mir klar, wie eine Quelle unverschlossen, ihren Frieden immerdar; sie weinte, ihre Tränen flossen auf die Opale. Ich trug den bleichen Ring zurück; aber das Märchen hat gelogen. Noch glänzt der Stein und glänzt mein Glück, glänzt wie der bunte Regenbogen im Wasserstrahle.

Der Fluß

In den abendgelben Fluß grub mein Ruder schwarze Trichter; ohne Wort und ohne Kuß sahn wir auf die Wellenlichter, sahn wir eine dunkle Bucht still das kahle Ufer spiegeln, sahn der Berge starre Wucht seine wirbelvolle Flucht vor uns, hinter uns verriegeln. Als wir dann um Mitternacht in der Stadt mit Flüsterlauten auf der hohen Brückenwacht standen und hinunterschauten, schienen uns die schwarzen Mauern in dem grauen Wasserschacht ihren Einsturz zu belauern. Still, die Sonne kommt herauf. Klar verfolgen meine Träume bis zum Meer hin seinen Lauf; fern durch morgenrote Bäume steigt der blaue Nebel auf.

Nächtliches Zwiegespräch

„Was sind das für Männer, die dort ins Dunkel zeigen?“ Ich sehe sie nicht. „Dort bei dem Feuer am Fluß die glänzenden Hände!“ Seltsam. „Der Brückenbogen steht voll Menschen!“ Totenstill. „Und dort, sieh dort: das leere Boot!“ Was bebst du — „Oh, mein Geliebter, verlaß mich nicht!“

Rückblick

In diesem Jahr verlor ich einen Freund. Hier unterm Nußbaum sprachen wir uns aus. Das Laub wird gelb; es wartet auf den Wind. Ist das der Schluß? Hier unterm Nußbaum gab mir eine Frau in diesem Jahr errötend ihre Hand. Still weht ein Blatt und treibt ins welke Gras. Ist das der Schluß? In diesem Jahr ... Vor meine Füße fällt ein dumpfer Schlag zu Boden und zerplatzt, und aus der Kapsel rollt die rauhe Frucht. Das ist der Schluß!

Mein Wald

Der Herbst stürmt seine Tänze. Durch dürre Blätter muß ich gehn; in meinen Wald. In meinem lieben Wald, wo nicht ein Baum mein eigen ist, gehn fremde Leute durch den Wind und sagen: es ist kalt. Und da steht auch mein Stein, auf dem ich manchmal sitze, wenn mein Herz stürmt.

Die Harfe

Unruhig steht der hohe Kiefernforst; die Wolken wälzen sich von Ost nach Westen. Lautlos und hastig ziehn die Krähn zu Horst; dumpf tönt die Waldung aus den braunen Ästen. Und dumpfer tönt mein Schritt. Hier über diese Hügel ging ich schon, als ich noch nicht den Sturm der Sehnsucht kannte, noch nicht bei euerm urweltlichen Ton die Arme hob und ins Erhabne spannte, ihr Riesenstämme rings. In großen Zwischenräumen, kaum bewegt, erheben sich die graugewordnen Schäfte; durch ihre grüngebliebnen Kronen fegt die Wucht der lauten und verhaltnen Kräfte wie damals. Und Eine steht wie eines Erdgotts Hand in fünf gewaltige Finger hochgespalten; die glänzt noch goldbraun bis zum Wurzelstand und langt noch höher als die starren alten einsamen Stämme. Durch die fünf Finger geht ein zäher Kampf, als wollten sie sich aneinanderzwängen; durch ihre Kuppen wühlt und spielt ein Krampf, als rissen sie mit Inbrunst an den Strängen einer verwunschnen Harfe. Und von der Harfe kommt ein Himmelston und pflanzt sich mächtig fort von Ost nach Westen. Den kenn ich tief seit meiner Jugend schon: dumpf tönt die Waldung aus den braunen Ästen: komm, Sturm, erhöre mich! Wie hab ich mich nach einer Hand gesehnt, die mächtig ganz in meine würde passen! wie hab ich mir die Finger wund gedehnt! die ganze Hand, die konnte Niemand fassen! Da ballt ich sie zur Faust. Ich habe mit Inbrünsten jeder Art mich zwischen Gott und Tier herumgeschlagen. Ich steh und prüfe die bestandne Fahrt: nur Eine Inbrunst läßt sich treu ertragen: zur ganzen Welt. Komm, Sturm der Allmacht, schüttel den starren Forst! schüttelst auch mich, du urweltliches Treiben. In scheuen Haufen ziehn die Krähn zu Horst. Gieb mir die Kraft, einsam zu bleiben, Welt! —

Dritter Teil

*

Geheimnis

In die dunkle Bergschlucht kehrt der Mond zurück. Eine Stimme singt am Wassersturz: O Geliebtes — deine höchste Wonne und dein tiefster Schmerz sind mein Glück — —

Am Scheideweg

Ich wollt dir die Stirn küssen und dir sagen: hab Dank! Aber da war ein Licht in deinen Augen wie Morgenglut auf unerklommenen Bergwäldern; und dem haben wir folgen müssen, schweigend.

Hoch in der Frühe

Sieh, wie wir zu den Sternen aufsteigen! Unsern glückstrahlenden Augen leuchtet der Schnee der Gebirge, bald blitzt dort unten die Sonne durch. O! schon röten sich Tiefen und Höhen; durch den Rauch unsrer Atemzüge, bis über das fernste Fünkchen dort oben fern hinauf, schimmert die Nacht deiner Geburt, glänzt der Tag unsrer Himmelfahrt.

Immer wieder

Ehe wir uns trennen konnten, o, wie hielt mich dein Gesicht, sahen wir noch Einmal, dicht, dicht an deinem mein Gesicht, in den Winterwald zurück, wo die Bäume sich noch sonnten, wo die Abendwolken prangten, wo ins feuergoldne Licht die verworrnen Zweige langten, und wir baten Gott um Glück.

Die Frage

Kann ich dein Herz beglücken? liebreiche Seele, nein. Ich kann dich an mein Herz drücken, fühlen mußt du’s allein. Noch im glückhellsten Gesange schwebt ein dunkler Klang; lausch ihm nicht zu lange, sonst wird dir bang. Ob ich dir tausendmal sage: ich liebe dich — immer doppelt bebt drin die Frage: liebst du mich? —

Im Zwielicht

Laß uns noch die Nacht erwarten, daß wir alle Sterne sehn. Falt die Hände; in den harten Steigen durch den stillen Garten kommt das Heimweh auf den Zehn. Kommt und bringt die Anemone, die du einst ans Herzchen drücktest; kommt umklungen von dem Tone einst des Baums, aus dessen Krone du dein erstes Fernweh pflücktest. Und du streifst dir aus den Haaren, was dir an der Seele frißt; selig Kind mit dreißig Jahren, Alles wirst du noch erfahren, Alles, was dir heilsam ist.

Glückwunsch

Ich wünsche dir Glück. Ich bring dir die Sonne in meinem Blick. Ich fühle dein Herz in meiner Brust; es wünscht dir mehr als eitel Lust. Es fühlt und wünscht: die Sonne scheint, auch wenn dein Blick zu brechen meint. Es wünscht dir Blicke so sehnsuchtlos, als trügest du die Welt im Schooß. Es wünscht dir Blicke so voll Begehren, als sei die Erde neu zu gebären. Es wünscht dir Blicke voll der Kraft, die aus Winter sich Frühling schafft. Und täglich leuchte durch dein Haus aller Liebe Blumenstrauß!

Ein Blütenblatt

Von deinen Tulpen fiel das erste Blatt. Es liegt am Fuß der stolz geschwungnen Vase und lehnt sich auf am gletscherblauen Glase, und drüber flammt der Strauß mit dreizehn Bränden Und eine von den Blüten züngelt so in sich gekrümmt, als suche farbensatt ihr Leben eine kalte Ruhestatt und rette sich aus halbverbrannten Wänden. Doch eine andre ist so lichterloh geöffnet, daß wie zwischen Feuerwiegen die gelbgekrönte Samenpuppe prangt, die nach der Blüte nicht zurückverlangt, wenn alle Blätter abgefallen liegen.

Das Perlgewebe

Von Ida Dehmel

Ich sitze dunkle Frau in meinem Zimmer, stille, dunkle, große Frau. Weiß ist das Zimmer, weit seine Wände; weiß ist mein Kleid, mein Webstuhl weiß. Und vor mir buntgehäuft ein Schatz Perlschnüre. Was will ich dunkle Frau denn weben? — Mein Leben. Weiß, weiß und golden sind die Farben meiner Jugend, ein morgenblauer Himmel über mir. Himmelschlüssel blühn auf unsern Wiesen. Viele kleine Blumen will ich weben, zart ein glückliches Lachen dazwischen, Alles leuchtet dem spielenden Kind. Mutter starb. Die Farben werden blasser. Dunkle Trauerzweige sprießen auf, schwanke Linien aus flimmerndem Grund, Thränen glitzern, Sehnsuchtsthränen. Kind, ich große Frau möcht gern dich trösten; sieh, ich setz ein funkelnd Sternlein über dich. Und nun mischen sich die bunten Perlen: stolz und heftig schießt ein Blutrot hoch durch ein trotziges Gelb in schroffen Kanten, hell im Kampf mit strengen grauen Mächten bäumt die aufwärtsflammende Seele sich: rot und golden sind die Farben dieser Jungfrau. Und aus Not und Gold paart sich ein Schrei nach Liebe. Rosen blühn aus meinen Händen auf, jeder Kelch voll Tau und Sonnentraum; schwer in Büscheln rankt sich ein Klematisstrauch um die Rosen lilasanft ins Blaue; die Verheißung glüht aus allen Blüten. Die Erfüllung log. Nun wirren sich die Fäden. Fahl und grell verschlingen sich die Schnüre. Jeder Weg ein Irrweg, und kein Kreis geschlossen. Zuchtlos drängt sich wildes Gestrüpp über meine Wiesen, meinen Blumenteppich; und der Stern der Mutter birgt sich hinter Nebeln. Da — ein klarer Klang: stark: eines Helden Ton. Schwarz wie der Ursprung, golden wie das Licht, und moosgrün wie der Wald, aus dem die ersten Menschen kamen. Auch blau sein Himmel, aber mittagsblau; auch rot sein Blut, doch nordlichtnächtig rot. Und über Alles breitet sich sein Glanz. O wie sich unsre Farben herrlich einen: Leere wird Fülle, und sie strömt wie Quellen, aus ihren Fluten steigt des Schöpfungstages Feste, mein Stern strahlt durch des Weltbaums Blütenäste — So kann ich meine Träume und mein Leben zum Werk verwebt in Gottes Hände geben.

Störung

Und wir gingen still im tiefen Schnee, still mit unserm tiefen Glück, gingen wie auf Blüten, als die arme Alte uns anbettelte. Und du sahst wohl nicht, als du ihr die Hände drücktest und dich liebreich zu ihr bücktest, wie durch ihr zerrissenes Schuhzeug ihre aufgeborstnen blauen Füße glühten. Ja, ein Mensch geht barfuß im eignen Blut durch Gottes Schnee, und wir gehen auf Blüten.

Zukunft

Du reiche Frau, du edle Frau, mit deiner Hoffnung unterm Herzen, du möchtest jubeln und erschrickst; ich sehe dich in deinen Schmerzen, wie du beim Schein der Ambrakerzen die seidne Wiegendecke stickst. Du zählst die Fäden, silbergrau und schwarz und blutrot, und dir schweben viel tausend Hände vor, die weben, viel tausend graue Mutterhände, die weben, weben ohne Ende; ich seh dich, wie du grausig nickst und dunkel durch dein Zimmer blickst. Und tausend Kinder siehst du stehen, die still an einem Stricke drehen, früh alt vor Hunger und Gebrest. Und siehst die Väter sich erheben, alle, die häßlich müssen leben, damit es Schönheit könne geben, sie stürmen dein geschmücktes Nest: Madam! dies blutige Garn, wer spann es?! Da würdest Du in Todeswehen entzückt sein, könntest du dich sehen, wie sich zum mörderischen Fest die schmutzige Faust des Arbeitsmannes um deine weiße Kehle preßt.

Enthüllung

Du sollst nicht dulden, daß dein Schmerz dich knechte; du bist so gern vor Freude wild. Komm vor den Spiegel! — O, wie schwillt dein düstres Haar, wie lebt dein Bild, wie blüht dein Mund —: als wenn durch Nächte der Blitze bläuliches Geflechte, der Honigduft der roten Disteln quillt! Dein weißes Kleid ist wie zum Hohne mit türkischen Märchenblumen toll durchzackt. Ich träume dich auf schwarzem Throne. Du bist verschleiert bis zur Krone. Doch wärst du keusch wie Magelone, wir Träumer sehen alles nackt! Gib her, gib her den Trauerschleier, ich reiß ihn lachend dir entzwei! Ich bin dein Einziger, dein Befreier, dein Herr! — Was starrst du so ins Feuer, so schmerzhaft? — O verzeih — verzeih —

Beschwörung

Du bist nicht hier. Ich fühle schwer, wie deine blasse Hand mich preßte; und wie Todfeinde sind mir plötzlich die lachenden Geburtstagsgäste. Immer verdrehter wird das Fest, die Blumen welken in den Kränzen. Um meinen Bart sind die Gerüche der Medizinen und Essenzen von deinem Krankenbette her; es ist vielleicht dein Sterbelager. Ich seh dein glanzlos Haar daliegen und dein Gesicht blutleer und mager. O sieh nicht so die Bäume hoch, warum sie mit den kahlen Zweigen so starr und schwarz vor deinem Fenster ins graue Himmelsdickicht zeigen. Sieh tief in deine Nacht hinab! da glänzt mein Bild mit Gottesfarben und läuft vom Blute derer über, die Dir zum Opfer in mir starben. O sieh, sieh, wie mein Blick dich tränkt und meine Lippen nach dir beben und meine Hände zu dir beten und dich beschwören: bleib mir leben!

Aus schwerer Stunde

Ich konnte nur noch lächeln; ich war so traurig im Grunde, daß meine eigne Stimme mir fremd klang. Da traf mich Deine Stimme, und ich konnte wieder lachen wie als Kind, und einmal weinten wir vor Glück. O, ich danke dir, in dieser schlaflosen Nacht, wo du fern von mir zwischen Tod und Leben liegst. Sieh, ich falte wie als Kind die Hände: bleib mir, laß mich nicht allein, ich habe Furcht bekommen vor den einsamen Nächten. Wenn du stürbest, nein, ich würde nicht weinen, meine Seele ist geübt im Trauern; aber ich würde nie mehr lachen können.

Zuversicht

Ich hab dich selig gemacht, mein Geliebter, und du mich, du bist mein, und darfst nicht bei mir sein in meinen furchtbaren Schmerzen. Bis in Mark und Bein bin ich dein, und darf nicht nach dir schrein vor den Menschen, wenn ich sterben muß ohne deinen Kuß. Nein nein nein, Du hast mich selig gemacht! Tag und Nacht fühl ich mich an deinem Herzen leben, das an mein Herz schlug! Ja, ich fühls, ich bleibe leben, hab dir noch soviel zu geben, all mein Leben, gab dir nie, noch nie genug!

Gleichnis

Es ist ein Brunnen, der heißt Leid; draus fließt die lautre Seligkeit. Doch wer nur in den Brunnen schaut, den graut. Er sieht im tiefen Wasserschacht sein lichtes Bild umrahmt von Nacht. O trinke! da zerrinnt dein Bild: Licht quillt.

Weihnacht im Krankenhaus

Schönen guten Abend, ihr im Leidensgewand; neue frohe Botschaft hört aus Gnadenland! Wir haben lang gesucht nach einem heilsamen Sterne, bis er sich finden ließ in seiner nächtlichen Ferne. Da haben wir ihm gewunken, da ist er uns ans Herz gesunken. Dann haben wir ihn festlich mit Liebe umwunden und auf ein immergrünes Bäumlein gebunden. Nun seht ihn! hier glänzt er, samt anderen Schätzen; an denen mögt ihr euch später ergetzen. Erst sollt ihr Mut schöpfen aus seinem Schimmer, denn die Nacht ist lang, und dies Haus glänzt nicht immer. Hier kämpft oft das Todesgrauen schwer mit der Lebensröte um die Wiederkehr. Hier suchen oft Seelen nach gnädigen Sternen und finden nichts als lichtleere Fernen. Hier strahlt jetzt, o Wunder, ein heiliger Baum mitten im eisigen Weltenraum und spiegelt sich und euch und mich im warm aufquellenden Tränentau einer genesenden, lächelnden, liebenden Frau. Die Mutter des Heils ist überall zugegen, wo Menschen eine Hoffnung hegen.

Lied im Winter

Trüb sucht dein Blick: wann wird sie wieder blühn? Die harte Erde läßt mit kaltem Schweigen die Wipfel in den klaren Himmel zeigen um die verschneite Bank im Wald, auf der du einst ein Frühlingsglück umarmtest; nun sprießt Reif an den starren Zweigen. Dann willst du weitergehn den alten Gang, da schluchzt ein Vogelherz, du weißt nicht wo, die Stille klingt ihm nach: sie blüht, sie blüht! Lichtblüten glitzern über allen Steigen!

Eva und der Tod

Der Wintermorgen schien ein Frühlingsmärchen; der Reif der Zweige sproß im Sonnenschein zum blauen Himmel auf wie Blütenpärchen. Ein Lüftchen, das sich hob und stumm verfing, trieb Silberflocken von den hohen Ulmen des langen Weges, den ich einsam ging. Ich hörte noch, daß fern ein Schlitten schellte; dann wurde Schweigen auf dem schweren Schnee. Ich schritt und sann, und fühlte nichts von Kälte. Denn gestern war mir ein geliebtes Wesen nach heißer Seelennot und Leibesqualen von einem Sohn, nicht meinem Sohn, genesen. Und der das Kind von ihr entgegennahm, empfing ein Pfand des Lebens, nicht der Liebe; sie aber gab es mit zu später Scham. Ich suchte tief nach trübem Dankesworte, da sah ich fern am Ende meines Weges auf einmal eine schwarze Gitterpforte. Zu ihren Seiten dehnten sich zwei Mauern; die waren überwipfelt von Cypressen. Ihr starrer Wuchs bedrohte mich mit Schauern. Und aus der Pforte traten schwarz und groß und langsam nach einander sieben Männer; die kamen langsam, schweigsam auf mich los. Aus fremdem Lande schienen sie zu sein, so lange Mäntel, breite weiße Kragen. Und plötzlich rief ich außer mir: Nein! Nein! Denn aus der Pforte trat da noch ein achter, der war ganz dürr und größer als die andern, und stand und nickte, sacht, und immer sachter. Und eisig lief es mir durch Blut und Bein: die sieben wollen sich mein Liebstes holen. Ich stand und bettelte und bebte: Nein! Und seh durch Tränen, wie die schwarzen Schemen den Sonnenschein verdunkeln und den Schnee, und glaube fern ein Lachen zu vernehmen. Und als ich mir die Augen mühsam reibe, steht hoch ein nacktes Weib vor jenem Gitter, mit schwarzem Haar und Blick und braunem Leibe. Und lacht ganz hell und winkt dem dürren Mann und hebt im andern Arm ein zappelnd Kindchen und sieht mich fernher lebensselig an. O dieses Blickes Herrlichkeit und Hohn! Nur Einer hatte das wie ich empfunden: der Trotzigste der Dichter: Liliencron! Ich seh den Dürren ihr entgegenstelzen: er bückt sich — widerwillig — er verschwindet — zu ihren Füßen scheint der Schnee zu schmelzen. Die ganze Landschaft schmilzt; das kleine Kind schwimmt riesengroß aus sieben schwarzen Strudeln und lacht — lacht — lacht mich aus. Was! War ich blind? Ich selber lache! meine Wimpern tropfen; die sieben sind ja nichts als Leichenträger, die sonst Schuh sticken oder Hosen stopfen! Und jenes Weib, das ist ja nur die Frau des Totengräbers, und ihr brauner Kittel ist keine Haut, ich seh es ganz genau! Du aber lebst mir, und der Himmel blaut, und bald ist Frühling, und du wirst mich küssen trotz deines Sohns, du meine braune Braut!

Verhör

Du liegst sehr blaß in deinen weißen Kissen, und deine matten Lippen sind zerbissen; hattest du sehr viel Schmerz? — „Ich weiß nicht mehr.“ Du siehst sehr träumerisch zur Zimmerdecke, sieh nach dem Bettchen drüben in der Ecke: liebst du dein Kindchen sehr? — „Ich weiß noch nicht.“ Schriebst du zuweilen, wenn die Wehen kamen, mit deinen irren Fingern meinen Namen auf deine Bettdecke? — „Du weißt es ja.“ Kannst du noch immer, ohne hinzudenken, dein Kind und seinen Vater ruchlos kränken und mit mir selig sein? — „Weißt du das nicht?“

Zur Genesung

Steh auf, steh auf vom Meeresschooß! guten Morgen! ich will dich selig machen! Hörst du die Walfische lachen? hörst du das Weltkonzert schallen? Komm, kletter auf die Korallen: kuck, alle Engel sind los! Jetzt: hopp, einen kleinen Luftsprung! Auf doch! Guten Morgen! Hüh, meine Flügeldelphine: hoch, hoch, hoch, Aphrodite: in Abrahams Schooß! Ach du, hilf mir doch lachen, bitte bitte, und guten Morgen und Unsinn machen! Denn du lagst sehr bleich, du schlechtes Weib, als du vom Meergott träumtest und meine Arme wie Seeschlangen zäumtest; das darfst du nie wieder machen, hörst du, nie wieder! Denn ich will dich ja selig machen, ja, du: seeelig! über und über! Und darum verbitt ich mir solche Sachen; hörst du! Denn dazu tut Uns Beiden kein Fieber mit Himmelsträumen etcetera not, denn du bist mir zehntausendmal lieber als der liebste liebe Gott! Also: Auf jetzt! O Gottes Wunder: hör doch die Vögel, wie die lachen: jeden Tag wird sie gesunder, und Vater Abraham ist tot! Ja: das ist mein Schooß, und das ist dein Schooß, und der Mensch will selig werden auf Erden — weißt du noch, wie man das machen muß? Auf! — O Liebste! — O guten Morgen: sieh mal, da blüht schon bald der Flieder! Ach, weißt du noch? Ja, blick nur nieder: bald blühst du auch und tust mir wieder — endlich wieder — den Himmel auf! o Götterkuß!

Schneeflocken

Gnädige Frau, es schneit, es schneit! Tragen Sie heut Ihr weißes Kleid? Gnädige Frau, hier in der Ferne schneits bei helllichtem Tage Sterne. Und diese Sterne flimmern genau wie die Zähne der gnädigen Frau. Oder wie Blüten von weißem Flieder, gnädige Frau, an Dero Mieder. Oder die Blicke des Herrn Gemahls am Tage Ihres Hochzeitsballs. Nein, sie flimmern, ich kann mir nit helfen, gnädige Frau, wie tanzende Elfen. Hänseln jeglichen Parapluie; will man sie fassen, zerflimmern sie. Flimmern in Wirbeln, flimmern in Bildern, die sind wirklich nit zu schildern. Gnädige Frau, so wild, so mild wie ein opalisch flimmerndes Bild. Und, ach Gnädigste, diese Sterne tanzen auf manchermanns Nase gerne. Und auf solchermanns Nase, gnädige Frau, zertanzen sie zu Tränentau. Zertanzen flink wie kichernde Lieder: morgen, morgen tanzen wir wieder! Gnädige Frau, leb wohl! Schluß, Kuß! Frechheit — aber wer muß, der muß.

Orientalisches Potpourri

Gestern Nachmittag, meine braune Geliebte, die du nach Ruhm begehrst vor allen Frauen deines Volkes, saß ich in einem Treibhaus, und von allen Palmen und andern Gewächsen flogen mir neue Gedichte zu. Hier ist eins von einem Agavenwildling: Meine Geliebte! Grau in staubiger Wüste stand mein dorniges Blattwerk jahrlang mit durstig schwellendem Fleisch. Plötzlich schoß über Nacht ein steiler Schaft, knospengekrönt, aus dem staubgrauen Schooß in die feurige Morgenluft. Schick mir zu Mittag, Geliebte, deine tausend durstigen braunen Bienen: viertausend goldgelbe Blütenglöckchen haben sich aufgetan und triefen, triefen, triefen von Honigsaft. Oder eins von einer verschulten Musa: Meine Geliebte! Wen mit deinen üppig langen Blättern willst du denn umfangen, die du überreichlich treibst? Fühlst du nicht den Abend glühen? Wenn du ohne Blüte bleibst, Schönste, kannst du nie verblühen, Ärmste, nie mit Früchten prangen. Oder von einer seltnen Wasserviole: Meine Geliebte! Mondblau steht mein Kahn, himmeltief der See; fern beim hellen Uferschilf ziehn zwei weiße Enten ihre Bahn. Sehnsüchtig und rot spiegelt sich mein Mund: tauche auf, Geliebte, Dunkle, aus dem blauen Grund, hol mich in den Himmel! Oder von einem gewöhnlichen Igelkaktus: Meine Geliebte! Ich bin so rund wie die Erde, mein Fleisch hat Heilkraft, und meine Blume ist zum Küssen schön. Aber hebe mich nicht aus meinem Erdreich: mein Fleisch hat Stacheln, und leicht entroll ich deiner Hand. Willst du mich küssen, bitte, knie nieder! Solche Gedichte, meine braune Geliebte, könnt ich dir noch viertausend und einige dichten an Einem Nachmittag; und die würden meine vielen verehrten neuen deutschen und neuesten jüdischdeutschen lyrischen Brüder sicher furchtbar rühmen — Aber du bist mir zu lieb dazu ...

Jesus bettelt

Schenk mir deinen goldnen Kamm; jeder Morgen soll dich mahnen, daß du mir die Haare küßtest. Schenk mir deinen seidnen Schwamm; jeden Abend will ich ahnen, wem du dich im Bade rüstest — oh, Maria! Schenk mir Alles, was du hast; meine Seele ist nicht eitel, stolz empfang ich deinen Segen. Schenk mir deine schwerste Last: willst du nicht auf meinen Scheitel auch dein Herz, dein Herz noch legen — Magdalena?

Benedeiung

Gestern hobst du verzweifelt die Hände, deiner heiligen Namenschwester gleich, als ihr ein Schwert durch die Seele ging. Heute breit’ich entzückt die Arme, allen Heiligen mich vergleichend, weil mir Dein Schwert durch die Seele ging. Neige dich zu mir, Maria, laß uns lauschen, wie die himmlischen Heerschaaren über uns jubeln!

Erfüllung

Daß du auch an Meinem Herzen, Herz, nur neue Sehnsucht fühlst und dich in die Menschenschmerzen schmerzlicher als je verwühlst: ist das nicht Erfüllung, du? Wenn die Erde schmilzt vom Eise, daß die Luft nach Frühling schmeckt, und in immer neuer Weise wild ihr Grün zum Himmel reckt: ist das nicht Erfüllung, du? Wenn wir dann noch Ostern feiern, weil ein Mensch sein Leben ließ, der den Frevlern wie Kasteiern gleiche Seligkeit verhieß: ist das nicht Erfüllung, du? Laß die tragische Geberde, sei wie Gott, du bist es schon: jedes Weib ist Mutter Erde, jeder Mann ist Gottessohn, Alles ist Erfüllung, du!

Heilandswort

Ich trat in ein Haus, da gingen viel Sünder ein und aus, aber auf einer grauen Wand und mit leuchtenden Lettern stand: Nur selig! Ich sah eine Menschengestalt, mit Leidenszügen mannigfalt, aber im Gruß der blassen Hand und im Lichte der Augen stand: Nur selig! Ich ging bald fort, durch einen trüben, armseligen Ort, aber über dem ganzen Land und mit leuchtenden Lettern stand: Nur selig!

Zwischen Ostern und Pfingsten

Und jeden Abend kannst du so aufatmen: du horchst ins Dorf hin, was die Glocken wollen, du gehst ins Freie, der Rauch der Hütten umarmt die Eichenkronen: auf, Seele, auf! Dann raunt dir frühlingsheimlich ein Echohauch unter den knospenvollen Wipfeln zu: ins Freie auf — so frei ins Freie, wie dort der Vater mit seinem Kindchen Ball spielt. Und über dir, lichtgrün im Blauen, spielt eine Birke mit einem strahlend blühenden Ahorn Braut.

Die Glücklichen

Nun will ich mir die Locken mit Birkenlaub behängen; der Frühling sitzt am Wocken, von dem er mit Gesängen um meine Wildnis grüne Schleier spinnt. Und du auf deinem Throne im Astwerk unsrer Linde, beglänzt mit deinem Sohne vom goldnen Mittagswinde, bist meine Jungfrau mit dem Wunderkind. Ein Lamm mit weißem Felle auf unserm Wiesenlande, mit einer Silberschelle und blauem Seidenbande, bringt uns zum Lachen, wenn wir traurig sind. So würden wir uns gerne mit aller Welt vertragen, nicht Sonne, Mond noch Sterne um unser Glück befragen, doch — manchmal haben wir kein Brot im Spind. Drum stehn im jungen Schilfe mit aufgesperrter Miene, als schnappten sie nach Hilfe, zwei steinerne Delphine am Wasser, das um unsre Insel rinnt.

Erhebung

Gieb mir nur die Hand, nur den Finger, dann seh ich diesen ganzen Erdkreis als mein Eigen an! O, wie blüht mein Land! Sieh dir’s doch nur an, daß es mit uns über die Wolken in die Sonne kann!

Hochsommerlied

Golden streift der Sommer meine Heimat, brotwarm schwillt das hohe reife Korn, wie in meiner goldnen Kinderzeit; habe Dank, geliebte Erde! Schwalben rufen mich hinauf ins Blaue, weiße Wolken türmen Glanz auf Glanz, wie in meiner blauen Jünglingszeit; habe Dank, geliebte Sonne!

Mit heiligem Geist

Liebe Mutter! mir träumte heute von der Insel der seligen Leute. Da saß auf einem Hügel der Au eine nackte gekrönte Frau; in ihrem Herzen stak ein Schwert, aber sie lachte unversehrt. Denn neben ihrem natürlichen Thron stand ihr lieber großer Sohn; in seinen Fingern, voll Sonnenglanz, hing ein blutiger Dornenkranz. Der begann sich mit grünen Spieren und raschen Blüten zu verzieren; und umringt von den seligen Leuten, die sich an dem Wunder freuten, suchte mir Er die Blumen aus zu einem leuchtenden Osterstrauß. Den umflocht er mit blauem Bande von seiner Mutter früherm Gewande und gab ihn mir und sprach dazu: Sag Deiner lieben Mutter du, weil ihr auf Erden niemals wißt, wann die Zeit erfüllet ist, sollt ihr immer glauben und hoffen, der Tag sei endlich eingetroffen. Und bis einst jedes Weib gewinnt den rechten Vater für ihr Kind, soll jede Irrende die Treue dem falschen brechen ohne Reue, soll ihre Sehnsucht nicht verfluchen, ihren Qualen den Heiland suchen und seinen liebenden Gewalten Leib wie Seele empfänglich halten. Wenn das mit heiligem Geist geschehn, wird sie die Heimsuchung bestehn, wie meine Mutter sie bestand, beseligt im Gelobten Land.

Böser Traum

Was kannst du gegen Träume, Mensch, die tückisch selbst auch den Männlichsten, mit Engelshänden oder mit Teufelsfäusten, in den Himmel samt Hölle seines Kinderglaubens führen? In solchem Traum erschien mir heute Nacht der böse Feind und sah mich furchtbar an. Er hatte das Gesicht von einem Freunde, dem ich sein Weib in aller Freundschaft nahm, und setzte auf mein wehrlos Herz ein Messer und sprach — nein, was er sprach, vergaß ich schon. Er sah mit Wollust, wie die rostige Spitze auf meiner Haut im Takte meiner Pulse sich hob und senkte, sah mich gierig an. Ich aber bohrte meine blauen Augen in seine braunen tief empor und sagte: Wenn du mich kenntest, zögertest du nicht. Und als sein Blick ineins mit meinem sank und bläulich wurde, dacht ich: Wärst du nicht der böse Feind, so müßtest du mich lieben, ich habe dich von einer Last erlöst. Was ich dir nahm, ist niemals dein gewesen; was du mir nehmen kannst, war niemals mein. Drum, wenn du mußt, so töte mich! mein Tod wird dir viel weher tun als je mein Leben, das Keinem weher tat als Mir — „Wach auf!“ —

Leiser Besuch

Eine treue Seele lag still zuhaus mit krankem Leibe; zwischen ihren Fingern staken zwei drei blühende Weidenzweige, und die Sonne schien aufs Bett. Zögernd rührte sich die Hand, tastete nach meinem Haupt; aus den sanften Blütenfasern fiel der gelbe Samenstaub, wie am Morgen unsrer Liebe. Trat ein Mädchen blaß herein, brachte eine blasse Rose, legte die gebeugte Blume nieder neben meinem Schooße, wie zum Abend unsrer Liebe. Folgte eine hohe Frau; rot von Nelken eingefaßt duftete in ihrem Arme goldgelb eine Ananas, wie der Mittag unsrer Liebe. Und die treue Seele sprach: Sieh, aus allen Himmelsstrichen bringt mir heute deine Liebe Frucht und Blüten und Gerüche. Und ihr stiller Ausblick stach uns ins Herz.

Der Strauß

Nun nimm drei weiße Nelken du, mein Weib. Und du, Geliebte, nimm diese drei roten noch dazu. Und in die nickenden Nelken tu ich eine dunkelgelbe Rose. Seht: ist es nicht ein lockender Strauß, ganz Eins aus diesem schwarzen Tuch? Und sieht so farbenfriedsam aus. Und nur von doppeltem Geruch: die je drei Nelken und die Rose. Nein, laßt! entzweit den Stengelbund nicht! laßt! Sonst scheint so kalt und tot blos Gelb zu Weiß, und glüht so heiß und brennt so wild blos Gelb zu Rot; dann, ja, dann hass ich wohl die Nelken! Dann hass ich wild das zahme Weiß und hasse kalt die rote Glut, wohl bis zur Mordlust! Ja, es tut mir weh, daß von Geruch und Blut so reizend gleich sind alle Nelken! Was willst du so entsetzt? Nein, bleib, Geliebte, nimm, still seh ich zu: nimm jetzt die weißen Nelken Du! und die drei roten Du, mein Weib! und ich die dunkelgelbe Rose.

Finale

Da hast du dich von meiner Brust gelöst. Doch als ich fürchtete, das Fest sei aus, hobst du mir meinen Kranz auf, meinen Kranz auf.

Vierter Teil

*

Einsiedler, Schmetterling und Tempelherr

Du weißt, Poet — begann der Tempelherr und lächelte durch seinen weißen Bart — ich las sie auf vom Weg, die jetzt mein Weib ist. Und daß sie, wider Sitte und Gesetz des Ordens, mitging nach Jerusalem und nicht den Weg zurückging, den sie kam, — ich selber hieß sie mitgehn —: das ging so zu. Wir trugen schon das Abschiedswort im Sinn, es war an einem heißen Frühlingstag, schier blendend flimmerte das junge Gras, und die Gefallne ließ es still geschehen, daß ich mit ihr den Pfad vom Schloß zum Ufer, wo andern Tags das Schiff anlegen sollte, gleichsam zur Herzensübung niederstieg. Der Pfad bog sehr abschüssig hin und her; ich brauchte sie, die stets wie ich gewillt war — ihr Herzschlag geht dem meinen völlig gleich — kaum mit der Hand zu stützen, so gefaßt vermied sie jeden lockern Stein im Gras, als sie auf einmal fest um meinen Arm griff. Dicht vor uns sonnte sich, beinah berührt von meinem Schuh, auf einem Blütenkelch des gelben Löwenzahns, ein saugender ganz trunkner Schmetterling, ein Trauermantel. Nun flog er taumelnd weg, zum nächsten Kelch, dicht vor uns her, wir sahn ihn weitersaugen, kaum atmend beide, wenn die bleichgesäumten tiefschwarzen Flügel vor Entzücken zuckten, und immer weiter so, von Kelch zu Kelch, dicht immer vor uns her den Pfad hinab, fast bis zum Fluß; da krigte ihn der Wind und blies ihn fort, wir blieben stehn im Wind. Und plötzlich sieht, durch diesen Schmetterling mir vorgerückt, vor meinem innern Blick ein jahrelang vergessner Tag: ein Herbsttag. Ich bin bei einem Freund, Einsiedler ist er; er war’s — man wußte nicht warum — geworden, an Jahren konnt er gut mein Vater sein. Wir sind verloren in Gedanken; draußen zerzaust der Bergwind seinen Blumengarten. Er macht sein Bett, ein seltsam ungeschlachtes, nach Bauernart bemaltes Ehebett; da klopft es an die Tür. Er geht und öffnet; und vor der Klause steht, bei seinen Blumen, zerzaust wie sie, in schlechter schwarzer Tracht, ein altes Weiblein, elend, scheu, verkommen, das blickt ihn bettelnd an. Ich seh ihn noch: auf seine große Stirne treten Flecken wie von Faustschlägen, seine Finger beben, die guten blauen Augen glänzen grausig, er sagt: geh weg! ich kenne dich nicht mehr. Er will die Tür zudrücken, sie versperrt sie: Ich hab nur Dich geliebet! bettelt sie. Er tritt zurück, die rote Stirn wird blaß, die Augen kalt, er sagt: geh weg, du lügst. Sie schleppt sich nach: Verzeih mir! bettelt sie. Er sagt noch kälter: ich verzeih dir, geh. Da faßt sie seine Hand, und wieder fliegt der grauenhafte Glanz durch seine Augen — Du hast mich nit verstanden, Meiner! fleht sie: ich war — Doch eh sie enden kann, erbebt der ganze breite Mann: Verstanden? schreit er und hebt die Faust, ich will zuspringen, da: laut schluchzend, Blut ausschluchzend vor ihn hin knickt sie zusammen, schluchzt sie auf zu ihm: ich war ein armer Schmetterling im Wind! — Da hat er sich mit mir gebückt zu ihr und nahm das alte Weiblein an sein Herz und trug sie weinend in ihr altes Bett; drin ist sie lächelnd andern Tags verstorben. Nun weißt du — endete der Tempelherr und lächelte durch seinen weißen Bart — warum, Poet, trotz Sitte und Gesetz des Ordens, sie, die jetzt mein Weib ist, nicht den Weg zurückging, den sie zu mir kam. Ich sagte ihr am Morgen meiner Abfahrt, was mir in jenem stillen Augenblick, als wir am Fluß im Wind beisammenstanden — sie hatte mich mit keinem Hauch gestört, ihr Atem geht dem meinen völlig gleich — vor meinem innern Blick gestanden hatte, und hieß sie mitgehn nach Jerusalem.

Der Verbannte

Durch die fremde Stadt geht mir eisig der Wind nach, der die Birken bewegte, der die Schneeglöckchen schüttelte, als ich die Heimat verließ. Durch die fremde Stadt kommt mir sonnig ein Bild entgegen: eine Mutter mit ihren Kindern, die vor Frühlingsfreude glühn.

Unterwegs

Vor meinem Lager liegt der helle Mondschein auf der Diele. Mir war, als fiele auf die Schwelle das Frühlicht schon; mein Auge zweifelt noch. Und ich hebe mein Haupt und sehe, sehe den fremden Mond in seiner Höhe glänzen. Und ich senke, senke mein Haupt und denke an meine Heimat.

Heimatgruß

an Hans Thoma zu seinem 60. Geburtstag

Wo die Heimat liegt, das ist mir erst aufgegangen im fremden Land. O, mit welchem Bangen schaue ich manchmal vom Fenster herunter durch die enge Hafengasse wie von einer Festungsterrasse auf den kahlen Inselrand da mitten in dem grauen Fluß! Doch geht die Sonne unter, dann steigen durch den Rauch und Ruß der lauten Dampfschiffe und dunkeln Schornsteine die Nebel wie reine Geister; und immer mahnt mich das an Deine Insel, Hans Thoma, du heimatseliger Meister. An die Insel, die du gemalt hast — wie du mir selbst erzählt hast — aus Heimweh, wo hold und heiter, ohne Heimweh, unter den schlanken, gen Himmel breiten, stillen Bäumen Deines Landes Frauen und Männer schlichten Gewandes in Eintracht mit stolzen Tieren schreiten, geweihten Hirschen, frei laufenden Pferden, und rings mit sorglosen Geberden schaukeln auf den wirbelnden Wogen Liebespaare, von Schwänen gezogen — wirklich, dann glaub ich, so muß es wohl sein auf deiner Insel bei Frankfurt am Main, oder wo sonst deine Heimat liegt; denn daß der Schwarzwald dich großgewiegt, das ist mir nicht immer gleich im Klaren, denn auf einmal liegt dann zwischen den Stämmen meine eigne Heimat, der Wald von Kremmen, und ich schaue auf Wiesen, worüber sich fern im Nebel Himmel und Erde paaren, und suche kindlich den höchsten Stern — bis mich das Heulen der Hafensirenen aufstört aus meinem Sinnen und Sehnen. Doch Einmal, ja, da sah ich den Stern: — noch war in der Luft kein Rauch und Lärm, die Morgenröte küßte den Fluß, und die kahle Insel schien aufzuleben — da sah ich fern den Genius aller Heimat darüber schweben: leicht aus dem Wölkicht kam er einher mit ruhigen Flügeln durchs himmlische Meer, kaum die kräftigen Schwungfedern spreitend, auf einer durchsichtigen Kugel gleitend, drin spiegelte sich die bunte Erde samt meiner überraschten Geberde: den Stern, den trug er als Blume in Händen, kein Gewand um die hellen Lenden, eine Einsicht auf dem Jünglingsgesicht wie im Traum, im Halbtraum, ich weiß es nicht — so flog er, ohne sich umzuwenden, an der fremden Insel vorüber, aus der Heimat in die Heimat hinüber ...

Hoher Mittag

Da ich nun in Einsamkeiten träume von dem goldnen Land, von den fernen Seligkeiten unerfüllbar schöner Zeiten, und der blaue Kreis der Weiten weiter sich und weiter spannt, rührt auf einmal mich ein Bangen: Sonne, welchem Ziele zu? tief und tiefer ein Verlangen: Urquell meiner Sehnsucht du!

Stimme im Licht

Dunkles Herz, dunkles Herz, was bebst du denn? Sieh doch die Nacht glänzen; dir lebt ein Licht in den Weiten, zu allen Zeiten, über Grenzen, da kann kein Mond, kein Stern hinan! Dulde nur deine Dunkelheiten ohne Schmerz: ein andres Herz möchte in deinem Schatten ruhn. Brauchst kaum durch seine Träume zu beben, alle Himmel fühlt ihr dann in euch schweben; dunkles Herz, dunkles Herz, wie strahlst du nun!

Nachtgebet

Du tiefe Ruh, laß deinen Schleier sinken, und schling dein dunkles Haar um meine Brust, und laß mich deinen Atem trinken, Du, bis alle meine Lust und letzter Schmerz in einen Hauch verschweben, den deine Lippen mir vom Herzen heben, dann laß mich deinen Kuß erleben, du tiefe Ruh.

Durch die Nacht

Und immer Du, dies dunkle Du, und durch die Nacht dies hohle Sausen; die Telegraphendrähte brausen, ich schreite meiner Heimat zu. Und Schritt für Schritt dies dunkle Du, es scheint von Pol zu Pol zu sausen; und tausend Worte hör ich brausen und schreite stumm der Heimat zu.

Masken

Du bist es nicht, du greiser Tempelritter im Panzerkleid, auf das die Kerzenstrahlen des bunten Saals mit täuschendem Gezitter geheimnisvolle Charaktere malen; dein Blick ist schwarz, laß das Visier nur zu! Du bist es nicht — doch Ich bin Du. Du bist es nicht, Zigeuner mit der Geige, der wild sein Lied läßt in die Zukunft bluten. Dein roter Bart ist kraus wie Urwaldzweige, um die rauchprasselnde Frühfeuer gluten. Dein Blick ist grau; laß nur die Maske zu! Du bist es nicht — doch Ich bin Du. Du bist es nicht, Traumkönigin. Seerosen trägst du im wolkendunkeln Haargeflechte, und keuschen Asphodellos, und Skabiosen, die sanfter blühn als purpursanfte Nächte. Dein Blick ist braun; laß deinen Schleier zu! Du bist es nicht — doch Ich bin Du. Du bist es nicht, mein blonder Puck. Dein Röckchen ist viel zu kurz für deine Mädchenbeine; man sieht es doch, daß dein hell Klingelstöckchen ein Totenköpfchen krönt, du freche Kleine. Dein Blick ist stahlblau; laß dein Lärvchen zu! Du bist es nicht — doch Ich bin Du. Und Du, bist Du’s, du Domino im Spiegel, in dessen Blick die Farben meerhaft schwanken, du maskenlos Gesicht? Zeig her das Siegel, das mir ausdrückt den Grund deiner Gedanken! Bin ich das selbst? Ausdruck, du nickst mir zu. Grundsiegel — Maske — Bin Ich Du? —

Nacht für Nacht

Still, es ist ein Tag verflossen. Deine Augen sind geschlossen. Deine Hände, schwer wie Blei, liegen dir so drückend ferne. Um dein Bette schweben Sterne, dicht an dir vorbei. Still, sie weiten dir die Wände: Gieb uns her die schweren Hände, sieh, der dunkle Himmel weicht — Deine Augen sind geschlossen — still, du hast den Tag genossen — dir wird leicht — —

Lied vor Tag

Was bewegt dich, stiller Himmel? Was beschwingt die schweren Wolken? Herz, wie kommt die helle Höhe übers tiefgraue Meer? Durch die Wolken schwebt ein Vogel; schwebt vorbei mit hellen Flügeln, trägt die goldne Morgenröte übers tiefgraue Meer. Komm zurück, du goldner Vogel! Nimm mich hoch in deine Höhe! Trag mein Herz, du helle Hoffnung, übers tiefgraue Meer!

Gondelliedchen

Bitte, bitte, Vögelchen: Schiffchen hat ein Segelchen, segelt übers Meer: Vögelchen, komm her! Komm und setz dich, laß dich wiegen, warum willst du immer fliegen, machst es dir so schwer! Singe, kleiner Passagier! Wenn die großen Wellen krachen, wird dein Lied uns ruhig machen; still vergessen wir Erde, Mensch und Tier.

Griechische Pfingsten

Wie anders nun! — Ihr blumigen Auen, ihr wilden Berge: irrt mein Geist? Bin ich nicht jüngst mit heiligem Grauen durchs blaue Meer zu trunknem Schauen ins Land der Mythe hergereist? Nun grast hier hinter krüppligen Säulenstümpfen, vorbei an ausgegrabenen Götterrümpfen, mein müder Klepper mit Gestöhn. Man blickt noch manchmal zurück nach ihnen: man sieht, es sind und bleiben Ruinen — aber ihr, ihr Berge, seid ewig schön! Drum still, du graue Mythe, mit deinem trüben Sinn! Ganz Hellas steht in Blüte, noch heut, so wahr ich bin! Hier lernt man heiter schreiten: über den Schutt der Zeiten geht immergrün die Zeit dahin.

Eine Rundreise in Ansichtspostkarten

1. Straßburger Münster

Der Ansicht aller Welt zum Trotz steht dieser Turm und krönt — was? — einen Klotz. Er stand beim jungen Goethe sehr in Gunst als Voll-und-Höchstbeweis echt deutscher Kunst. Er steht, wie ihn der alte Goethe sah, noch heut höchst unvollendet da.

2. Rheinfall bei Schaffhausen

Blickst du ihn an, so wird dir wirr von all dem stürzenden Flutgeirr. Doch horch hinein, da steigt vom Grund klar ein steter Einklang und Aufklang.

3. Gotthard-Tunnel Klänge im Eilzug

Über der Einfahrt grausen verquollen eisige Gipfel durch Wolken herab. Unter der Ausfahrt weisen die Schollen finstrer Felsen zu nebelvollen Schluchten und neuen Schachten hinab. Immer durchs Dunkel von Stollen zu Stollen fühlst du dich immer dem Licht zurollen, und so setzt dich endlich mit tollen Sprüngen der Himmel ins Blaue ab.

4. Isola Bella

Das konnten wohl die seligen Inseln sein, wenn’s nicht auch hier, wenn’s regnet, regnete. Wie arme Sünder schaudern die Cypressen vor ihrem Spiegelbild im trüben See; und während sich des Himmels Gnade reichlich auf sie und mich und übers Schiff ergießt, steht, einem Engel ähnlich an Geduld, mit höchster Höflichkeit mein Haupt beschirmend, ein Doganiere neben mir und prüft bis auf den Grund mein zollpflichtschuldiges Herz.

5. Mailand

Und ward dir vor den tausend Heiligen schwach, die, eitel Marmor, rings den Dom garnieren, dann steige auf sein flaches Dach, das neunundneunzig einzelne Türmchen zieren. Das wird dich, Alles Marmor, wie ein Hain kandierter Weihnachtsbäumchen delektieren — auf einmal siehst du fern im Sonnenschein die Alpen — —

6. Certosa bei Pavia

Schmuckkästlein schlichter Einsamkeit: hinter der Prachtwand der Fassade bat mancher Mönch in weiser Schweigsamkeit die Jungfraun Borgognones einst um Gnade. Jetzt möcht ich in den leeren Klausen mit dir, Geliebte, noch verschwiegner hausen.

7. Genua

Kaufherrin stolze: immer strahlenbreiter trägt sie bergan die meerentnommene Krone, und ihr geringstes Frachtschiff fährt heut weiter als je die kühnste Doria-Traumgallione.

8. Campo Santo in Pisa

Geisterhafter Bildertraum dehnt den schmalen stillen Raum. Sieh: das Viereck der Arkaden strebt den Himmel einzuladen. Horch: der Erde reinsten Hauch opfert stumm ein Rosenstrauch voller weißer Blüten.

9. Orvieto

Willst du den Tag der Auferstehung sehn, den Signorelli sah? Komm, Seele: dort staun sich Gewitterwolken, schon ziehn Schatten. Bald werden um dies trotzige Felsennest durchs weite Talfeld der Chiana unten die schrägen Strahlen der verhüllten Sonne fahl wie aus Gräbern aufgescheuchte Schemen nach Zuflucht schweifen, taumelnd, und nun fährt der Blitz dazwischen — o Erleuchtung — ja: dort sah der Künstler, was er dann nur malte.

10. Campagna vor Rom

Hier spannt sich alles, Landschaft, Bäume, Tiere, als habe sich die Welt zur Ruh gezwungen; erwartungsvoll ist jede Form geschwungen, die Hörner selbst der silbergrauen Stiere. Denn dort am Horizont hebt einsam groß, so einsam groß, daß auch die Berge nur Mitglieder sind der staunenden Natur, das Haupt der Ewigen Stadt sich zum Azur: die Peterskuppel Michelangelos.

11. Im Pantheon

Wer faßt dein Innres, Rom: du Kirchhof der Kulturen: Verwesung glänzt darin mit immer frischen Spuren. Im Pantheon zumal, kraft göttlicher Beschlüsse, erlebt man wundersame Grundwasser-Überflüsse. Durch solch ein Wunder sah ich: auf einer Altarplatte saß eine magre Katze, die sich gerettet hatte. Kläglich miauend saß sie, begafft vom Fremdenstrom; da hast du deine Göttin, modernes Rom!

12. In den Abruzzen

Endlich dem Bann der Museen entronnen, fand ich Italien auf eigne Faust schön; fand ohne Baedeker goldene Sonnen, silberne Monde, in Tälern, auf Höhn. Fand auch ein Räuberpaar, in einer Grotte, spät eines Abends, im wilden Wald, raubten sich Küsse, die haben geknallt: siamo felici nel cuor della notte!

13. Pontinische Sümpfe

Die Sterne flimmern; schwül schweigt das Moor längs der langen Straße zur Nacht empor. Längs der langen Straße, schwarz im Düstern, ragen und raunen die hohen Rüstern. Längs der langen Straße, wie aufgereiht von einer zur andern Unendlichkeit, raunen die Rüstern fiebertrunken: dreiunddreißig Städte ruhn hier versunken längs der langen Straße ...

14. Neapel

„Neapel sehn und sterben“ — in der Tat: dies Paradies des Pöbels ist zum sterben. Sehr sichtbar, echter Lazzaronistaat, liegt’s wie ein blendender Haufen Scherben am Riesenmaulwurfshügel des Vesuv, den Gott gewiß aus reinem Mordsspaß schuf.

15. Pompeji: Haus des tragischen Dichters

Was klagst du, Menschheit! Sieh, allerseelenvollst lacht dir das Leben, und komisch nickt der Tod: Da steht zerbröckelt des Dichters Gastgemach, sein Werk und Name verbrannten im Lavaschutt, aber das Brautpaar seines Wandgemäldes entdeckt noch immer das Nest voll Liebesgöttchen, wie’s Tausende Paare noch entdecken werden, wenn dieses ausgegrabene Machwerk längst wieder in Lavaschutt versenkt sein wird.

16. Auf Capri

Trotz aller reisenden christlichen Tugendbünde ist hier noch Raum für einige heitre Sünde. Trotz Badehose gleicht in der blauen Grotte ein schmieriger Fischer einem silbernen Gotte. Trotz Zeitung, Polizei und meckernder Ziegen kann noch an mancher Klippe ganz verschwiegen der Faun die Nymphe beim Schlafittchen kriegen.

17. Bergstraße von Amalfi nach Salerno

Europas reichste Damen karriolen den Felsweg her, hoch zwischen Himmel und Meer; immerfort wechselt der Rahmen. Großartig wechselt der Rahmen; hoch zwischen Himmel und Meer erwartet ein Bettlerheer Europas reichste Damen.

18. Bahn nach Potenza

Und keiner ist verächtlich und schwach genug, daß nicht auch ihn aufrüttelnd ein Stolz durchzuckt, wenn durchs Gebirg auf dröhnender Bahn der Zug hinstürmt von Viadukt zu Viadukt. Denn hier hat Menschenarbeit Bogen an Bogen, Triumphbogen durch die Natur gezogen.

19. Valle del Basente

Straße und Brücke verfallen, das steinige Flußbett trocken; meine Schritte hallen laut auf Trümmerbrocken. Und erschüttert erbeben verdorrte Uferbäume — Land, wo ist dein Leben? Volk, was träumst du für Träume?

20. Erster Klasse nach Brindisi

Scusa, Signora e Monsignore! und ich nehme Platz im Coupé, con amore. Der Priester scheint auf Kohlen zu sitzen, die Dame strotzt von Juwelen und Spitzen. Der Priester rückt in die äußerste Ecke, die Dame bückt sich, und ich entdecke: sie versteckt ein besudeltes Dingrichs.

21. Corfu

Also auch hier wühlen Hühner und Schweine in verwahrlosten Gärten und Auen. Aber wenn wir’s von ferne beschauen, läutert der Lichtgeist alles Gemeine. Weiter und weiter schreit’ich ins Reine, und der Oliven verwilderte Haine überrauschen das menschliche Grauen.

22. Pontikonisi

Weiß steht das Kirchlein aus der blauen Flut, Cypressen laden ein zur Himmelsreise. Sacht naht der Fährmann mit der irdischen Speise; ein Glöckchen tönt, das Ruder ruht. Wärst Du, Geliebte, nicht auf Erden, ich könnte Mönch auf diesem Eiland werden.

23. Bergweg bei Patras

Ein Schrei — fast stürzt mein Pferd — und aufgebäumt ums Felseck biegend seh ich: schluchzend reißt, im Staub knieend, mit aufgelöstem Haar, und schreiend — oh, so schrie Medea einst, als Jason sie aus Überdruß verließ — reißt sich ein schönes griechisches Bauernmädchen die türkische Jacke von den nackten Brüsten — Papiergeld fliegt — und weg von ihr bergab jagt im Galopp, in klirrender Kutsche hockend, ein schlotternder Stadtherr, häßlich wie ein Mops.

24. Olympia

Apollon, der die Tiermenschen bezwang, jetzt als ein Giebelbruchstück ausgestellt, begleitet mich durchs Tempeltrümmerfeld und spricht gen Sonnenuntergang: Lapithen und Kentauren ruhn im Sumpf, Faustkämpfer preist die Menschheit auch nicht mehr, noch aber übermannt euch seelenschwer der Schatten selbst von diesem Säulenstumpf.

25. Tempel bei Bassä

Wohl stehn noch stolz die morschen Säulenschäfte ob Steingeröll und niedern Krüppel-Eichen und sind, indeß Eidechsen und Blindschleichen den kletternden Hufen meines Gauls ausweichen, in dieser Höhenluft ein rührendes Zeichen himmlischen Aufbegehrs der irdischen Kräfte, doch rührender rings die tausend Nachtigallen, die durchs Geläut der käuenden Ziegen schallen.

26. Burg und Stadt Karytäng

Schmettert, ihr Nachtigallenheere, helft meine Kavalkade befeuern! dort oben herrschte einst Ritterehre, schuf Herzogskronen aus Abenteuern! Aber die griechischen Rosse wollen nur noch zur Futterkrippe trollen.

27. Herberge vor Tripoliza

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