Gedankengut aus meinen Wanderjahren (continued 5)
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Diese Begebenheit verwischte sich aber bald, verdrängt von neuen Tagen und neuen fremdartigen Eindrücken.
Eines Tages, als wir auf der Höhe beim Pfarrhaus standen, der junge Schwede und ich, und nach der Ferne hinhorchten, wo es immer wie Erdbeben grollte und wo die Meerlinie mit ihrem Glanz den Erdrand silbern erscheinen ließ, da sagte mein Freund zu mir:
„Ich habe mit meinem Vater gesprochen. Er leiht uns morgen Wagen und Pferd. Dann fahren wir nach Fjellbacka. Dort nehmen wir ein Segelboot und segeln mehrere Tage.“
Es war nun Mitte Mai, und überall zwischen den Steinen grünte es, und die Birken winkten im Wind mit tausend kleinen grünen Wimpeln, und die Sonne ließ sich nicht vom Meerwind verjagen. Es waren keine Wolken mehr am Himmel, und ich war sehr erstaunt, als der Schwede mit der Hand über das Land nach der Richtung des Meeres deutete und mitten im hellen Maisonnenschein behauptete, heute wäre noch Sturm auf dem Meer. Aber morgen würde der Wind wohl nachlassen, da es schon mehrere Tage gestürmt habe.
Da fühlte ich zum erstenmal, als passe das Wort Landratte auf mich. Sturm, ohne dunkle fliegende, grell beleuchtete Wolken, Sturm bei klarem blauen Himmel und reinstem Sonnenschein, dieses Sturmbild hatte noch nie in meiner Vorstellung gelebt. Aber ich fühlte, daß der Wind scharf an uns anprallte, als wir da in der Sonne unterm wolkenleeren Himmel auf dem Granithügel standen. Also mußte es draußen auf dem Meer bei diesem Winddruck hohen Seegang geben.
Der Schwede zeigte mir von unserem Platz aus einige Brandungswellen, die man am Horizont wie den weißen Dampf aus einer Kanone über dem sonnenglänzenden Meeresspiegel aufsteigen sah. Dort prallte das Meer an unterirdische Klippen und sprang in haushohem Schaum zur Luft. Das tat es aber nur an Sturmtagen. An windstilleren Tagen kreiselte es, nur ein wenig aufspritzend, an jenen Meerstellen.
Am nächsten Morgen waren wir schon um vier Uhr aufgestanden. Ein Knecht hatte das Pferd geschirrt und den Wagen vors Haus geführt. Alles schlief noch. Die Mägde hatten vergessen, uns Milch ins Eßzimmer zu stellen, und so ging mein Freund selbst nach der Milchkammer, um uns einen Morgentrunk zu holen. Er kam aber gleich wieder, leise auf den Zehen gehend, und winkte mir verstohlen.
Um zur Milchkammer zu kommen, mußte man durch die große Mädchenkammer gehen. Und als ich hinter dem jungen Schweden dort eintrat, verstand ich lachend, warum er mich gerufen hatte. An den Wänden befanden sich in dem Raum drei pritschenartige schmale Betten, so schmal, daß sie kaum den üppigen Leib der Stall- und Küchendirnen fassen konnten, die da schliefen. Die Mädchen ließen die nackten Arme auf die Dielen herunterhängen, schöne stattliche Arme mit rosiger, zarter Haut, wie sie dem schwedischen Volke eigen ist.
Die lautlose Kammer im dämmerigen Morgenlicht, in der nur die Atemzüge der drei kräftigen Geschöpfe gutmütig auf- und niedergingen, war wie ein Bild aus Homers Zeiten. Ursprünglich, naturwüchsig und festlich irdisch war der Eindruck der gesunden, schlafenden Mägde, die da den Schlaf wie eine geweihte Mahlzeit vor uns genossen.
Während ich noch unter der Türe stand, ging der Schwede in die Milchkammer und holte den Milchkrug. Er konnte sich dann nicht enthalten, im Vorübergehen mit einem Löffel einige Tropfen Milch einer Magd auf den nackten Arm zu spritzen. Die so Gestörte öffnete die Augen, schien uns aber in ihrem angenehmen Schlafdunst für zwei Traumgesichter zu halten. Sie erschrak gar nicht, rückte auch die Arme nicht von der Stelle. Sie lächelte ein wenig, schloß die Augen und atmete weiter.
Wir schlossen wieder vorsichtig die Tür, und nachdem wir die Milch lachend getrunken hatten, verließen wir das Haus und kletterten auf den Wagen.
Im Augenblick aber, da der Knecht dem jungen Schweden die Zügel gab und, uns grüßend, sich zurückzog und der Wagen mit Lärm den Hof verließ, sahen wir hinter den Erdgeschoßfenstern der Mägdekammer alle drei Mägde hinter den Scheiben stehen. Sie drückten ihre Nasen an das Fensterglas und winkten uns zum Abschied ein wenig nach.
Sie hatten alle drei den muntern Sohn des Hauses gern. Dem jungen Schweden behagten auch die Landmädchen mehr als die Stadtfräuleins. Bei jeder Gelegenheit sprach er ein wenig spöttisch über Stadtdamen und lobte die gesunden einfachen Bauernmädchen seines Landes, deren Stallgeruch ihm angenehmer war als die überfeinerten Wohlgerüche der Städterinnen.
Er war auch der erste Mensch, dem ich begegnet bin, der in Paris gewesen war und die Pariserinnen nicht ausstehen konnte. „Sie sind nur eine Firnismasse und keine Menschen,“ behauptete er. „Es sind Wesen mit Schminke und Puder maskiert, verstandesmäßige, geldgierige Geschöpfe, deren ganzes Dasein sich in ewigen Berechnungen abwickelt, fern von allen natürlichen, einfach menschlichen und warmen, gütigen Gefühlen.“ Er sagte, er habe es nur drei Tage in Paris ausgehalten, so sehr habe ihn diese Stadt geekelt.
Ich war damals noch nicht in Paris gewesen und hörte diese Äußerungen mit Staunen. Ich hatte bis dahin Paris von den Deutschen immer nur loben hören. Dem urgermanischen Widerwillen gegen alles Romanische; dem Widerwillen, der die beiden Völker wie Hund und Katze in den tiefsten Instinkten einander nie natürlich befreundet macht, wenn nicht gegenseitige Geduld, Weisheit und Nachsicht walten, diesem Gefühl war ich noch nie so offen begegnet wie hier bei der Wikingernatur des jungen Schweden.
Ich war seit dem Tag meiner Ankunft aus Deutschland nicht wieder an der Küste in dem Fischerdorf Fjellbacka gewesen, denn der Ort lag zu weit weg, um ihn auf einem Spaziergang vom Pfarrhause erreichen zu können. Nun fand ich Fjellbacka frühlinghaft wieder. An der steil zum Meer abfallenden Hauptstraße standen die schmucken Holzhäuschen frisch weiß und gelb und blaßblau und rot bemalt, und in den winzigen Vorgärten, auf wenig Erde, zwischen buckligem Gestein, grünten sparsame Gartenbeete, in denen die wenigen Blumen kostbarer zu leuchten schienen als irgendwo; sie wurden hier den Menschen wertvoll, ähnlich dem Schluck Wasser, der in der Wüste den Wert von Menschenleben hat.
Fjellbacka heißt: Felsenhang. Die niedlichen roten Holzhäuschen kleben hier wie ein Haufen Schwalbennester an der grauen und lilarosigen Felsenwand, die dort zum Meer abfällt. Im Dorf sind winzige Gäßchen, und manches Häuschen ist nicht viel höher als ein Mensch. Manches Fischerhaus hat nur eine Küche und eine Stube, aber glänzt von Sauberkeit innen und außen. Die Gassen sind von Felsen natürlich, höckerig gepflastert, und jeder Schritt muß erklettert werden über kleinen und großen Granitbuckeln, die auch hier wie überall in Bohuslän in der Erde einen einzigen riesigen Stein zu bilden scheinen, der den Umfang einer ganzen Provinz behauptet.
Nachdem wir den Wagen in den Gasthof eingestellt hatten, traten wir unter einem nach Fisch und Teer duftenden, roten, hölzernen Vorratsschuppen hinaus auf eine Landungsrampe. Diese steht auf Holzbohlen ins Meer gerammt, und an ihr liegen unzählige kleine Boote der Fischer und Händler von Fjellbacka angeseilt.
Es machte mich fast erschrocken, wie dunkel und abgrundfinster das Meer mich ansah, das ich zuletzt, acht Wochen vorher, als weiße blinde Eisfläche undurchsichtig erstarrt gesehen hatte. Und nun spielte es mit kleinen kurzen quecksilberigen Wellen, die die Farben der verankerten bunten Fischerboote zurückspiegelten, als wäre das Wasser mit gelben, roten, blauen Glassplittern bestreut. Aber weiter draußen wurde das Meer ein dunkelgrüner Abgrund.
Es war mir einen Augenblick, als endete hier an der Anfahrtsrampe alle Erde, und das Meer schien einen Weltabgrund auszufüllen. Ich hatte das Meer vom Lande drinnen nur als ferne Spiegelfläche gesehen und ganz vergessen, daß es eine ungeheure Tiefe hatte. Bei der Winterfahrt vor einigen Wochen war mir die Meeresoberfläche, die vereist gewesen, wie ein weißer Ballsaal mit blankem Boden erschienen und hatte nicht von Tiefe gesprochen und von keiner Unergründlichkeit, vor der ich jetzt staunte.
Als wir dann ein Boot bestiegen und der Schwede mit Hilfe eines Fischers die Segel aufsetzte, da war es ein großer Genuß, sich vorzustellen, daß wir nun in dem Kahn auf der tanzenden Wasserfläche hin über Abgründe, in denen alle Möglichkeiten des Todes lauerten, schweben sollten.
Das Meer, das vor Fjellbacka nicht frei liegt, sondern nur einen Meerplatz bei der Küste bildet, der von den vorgelagerten Inseln wie von hintereinanderliegenden Hügeln begrenzt wird, das Meer hat hier durch die Eingeschlossenheit etwas Heimliches, Gemütliches. Man war hier erst in einem Vorgemach zum Unendlichkeitssaal des Meeres.
Ungefähr in der Mitte dieses eingeschlossenen Meerplatzes liegt ein winziges Steininselchen, das sich nur mehrere Fuß hoch über den Wasserspiegel hebt. Diese Insel, auf der kein Baum und kein Strauch steht, sondern wo nur ein paar Holzgerüste zum Trocknen von Fischen errichtet sind, dieser kleine hellgraue Steinbuckel befand sich noch im letzten Jahrhundert unter dem Meeresspiegel, und an jener Klippe ist damals bei einem Sturm ein Bischof in seinem Boot mit seinen Leuten aufgerannt und untergegangen.
Dieses erzählte mir der Schwede, während wir jetzt im schönsten Morgensonnenwetter an dem Inselstein vorüberkreuzten. Und es war mir wunderbar, auszudenken, daß Steine aus dem Meere wachsen und daß neue Welten sich bilden, und daß das hundertjährige kleine Inselchen noch wie ein Kind im Verhältnis zu den großen Inseln draußen war und doch schon hundert Menschenjahre zählte.
Und auszudenken, daß da einmal, wo wir jetzt über Abgründen, mit Meersalz bespritzt, in der Morgensonne hinfuhren, das Wasser verschwunden sein würde und überall Land auferstehen würde!
Daß dann da Menschen gehen und Häuser bauen würden, wo jetzt Wasser war! So wie das Pfarrhaus drinnen im Land auf Meeresgrund stand, so würden Menschen hier walten, und niemand würde sich dann der Menschen von heute mehr erinnern nach den Tausenden von Jahren; niemand würde an uns beide denken können, niemand an diesen Tag, an dem wir hier Wirklichkeit waren.
Und wir hatten doch wirkliche Herzen und Hände, die jetzt eben in jedem Augenblick auf unser Leben bedacht sein wollten, die die sonnendurchleuchtete Segelleinwand sorgsam an den Tauen der Windrichtung anpassen mußten und vorsichtig gegen den Wind kreuzen mußten, um unsere Leben über die Abgründe zu bringen, die unter uns lagen.
Und auszudenken, daß unsere Schatten und der Schatten des Schiffes, die als schwarze gezeichnete Flecken über die grüne Wasserfläche mitfolgten, nicht körperloser waren als die Körpermasse des Bootes und unserer beiden Menschengestalten! Und ich verstand, daß das Holz des Bootes und sein Leben und das Leben der Segelleinwand und unsere Körper aus Fleisch und Blut, die so verschieden aussahen, im Grunde sich in nichts voneinander unterschieden. Sie würden, wenn hier das Wasser verschwunden und dieser Meeresplatz ein Tal mit Menschenhäusern darin geworden war, alle in der Spurlosigkeit eins geworden sein. Dieses Meer von heute, dieses Boot von heute und wir zwei Menschen im Boot waren im Grunde körperlose Schatten.
Und diese Betrachtung, die sicher täglich an verschiedenen Orten der Erde und rund um die Erde Tausende von Menschen anstellen, diese Betrachtung, die angestellt worden ist, so lange Menschen auf der Erde leben, endete bisher immer bei allen Sterblichen mit einem Seufzer des Sichhineinfindenmüssen in die lästige Vergänglichkeit.
Die Menschen aller Zeiten sahen das Vergehen ihrer Gestalt fast als eine persönliche Beleidigung an, als eine Beleidigung, die ihnen jemand antat, jemand, von dem sie behaupteten, daß er stärker wäre als sie.
Und das Menschenleben konnte nie recht aufatmen, wenn es an die Vergänglichkeit erinnert wurde. Denn nur wenige haben den Gedanken in all den Zeiten zu Ende gedacht, der mit etwas Lebenslust so leicht zu Ende zu denken ist.
Es wird uns nichts angetan, auch, wenn wir am Ende unseres Menschenlebens den Tod zur Menschengestalt kommen lassen. Denn wir sind aus der Vergänglichkeit hergekommen, aus der Unergründlichkeit, und gehen in die Unergründlichkeit. Wir gehören also dem Unergründlichen immer an, auch in jeder Sekunde des Lebens, weil wir von dort herkamen. Aber wir gehören ebensogut immer der Wirklichkeit an, weil wir zur Wirklichkeit kommen konnten.
Da einmal für uns die Möglichkeit vorhanden war, ins Wirklichkeitsleben zu kommen, so können wir ruhig annehmen, daß diese Möglichkeit schon tausende Male und immer in uns vorhanden war und ist. Wir müssen verstehen lernen, daß wir bereits tausende Male zur Wirklichkeit gekommen sind, und daß wir viele tausende Male immer wieder dieselbe Möglichkeit finden werden. Die Unergründlichkeit, der Tod, hält uns nicht für ewig fest, so wie die Wirklichkeit, das Leben, uns nicht ewig festhält.
So denken logisch die meisten Asiaten heute schon, und so haben die alten Ägypter gedacht, und so sollten wir wieder denken, nur mit dem neuen Zusatz unserer in tausend Jahren weiter fortgeschrittenen Erkenntnis, daß jeder Mensch, der da stirbt, die Kraft des ganzen Weltalls so gut in sich trägt, in seiner ihm angeborenen Unergründlichkeit, wie er auch die Schwächen seiner kleinen Wirklichkeitsfigur zugleich mit sich trägt.
Und es ist kein Seufzen, mit dem ihr diese Betrachtung schließen müßt. Ihr müßt lernen, mit weisem Lächeln eurem Verschwinden nachzusehen. Ihr müßt es feiern lernen, daß eure kleine Wirklichkeit vergeht und immer wieder vergehen muß, und müßt wissen, daß ihr immer besteht als unvergänglich, so oft ihr auch das Wirklichkeitsspiel scheinbar verlaßt; das Festspiel des wirklichen Lebens behält euch immer.
Und wenn euch dann der Gedanke kommt: dieses Boot, in dem ich segle, dieses Meerwasser, auf dem ich fahre, diese Menschengestalt, in der ich heute die Segelfahrt genieße, sie werden in abertausend Jahren verschollen sein, dann werdet ihr lächelnd sagen:
Aber die Fahrt war deswegen doch festlich und genußreich, und es gibt noch Tausende von Sternen und Tausende von Lebensarten, auf denen und in denen wir wieder aufleben werden.
Ein schöner Tag, eine schöne Morgenfahrt wie heute, ist deswegen nicht weniger schön, weil sie vergänglich ist. Denn jedes Menschen Unergründlichkeit steht hinter seiner Gegenwart, seine Unergründlichkeit, die viel tiefer ist als diese Meerestiefe unter dem Boot, und die viel tiefer ist als alle Höhe über dem Boot.
Sie, unsere Ewigkeit, unser festlicher Besitz und der festliche Besitz aller, weilt bei mir im Boot, in mir, in meiner Gestalt. Sie schaut aus dem Wasser neben mir herauf, sie dröhnt aus dem Holz des Bootes, sie leuchtet aus der Leinwand des Segels, sie blickt mich aus dem Auge meines Kameraden im Boote ebenso an, wie sie aus meinem Auge ihn und alle Dinge rundum unergründlich ansieht.
Wie wenig ist dagegen die endliche Wirklichkeit, die ihr beweisen möchtet, der ihr nachseufzen möchtet, da doch die herrliche erhabene Unergründlichkeit — die ihr besitzt, und die euch besitzt — weitaus großartiger als die Wirklichkeit jede eurer kleinsten Handlungen beleuchtet!
Darum seufzt nicht über die unwirkliche Vergänglichkeit. Nichts stört euer großes Fest, ihr seid von Ewigkeit zu Ewigkeit mitten in diesem Fest, immer und ewig. —
An diesem Tage, bei dieser Segelfahrt, sah ich auch die Inselgassen wieder, in die wir nach der Durchkreuzung des Meeresplatzes eintraten. Die vielen Möwenvölker, die im Winter dagewesen, waren jetzt fortgeflogen. Sie sind im Sommer draußen, sagte mir der Schwede, auf den äußersten Inseln im offenen Skagerakmeer, wo sie brüten. Nur hie und da glitt ein einzelner Strandvogel durch die stille Luft der geheimnisvollen Gassen.
Ich mußte an Venedig denken, als wir zwischen den hohen Felsenwänden in den Wasserläufen im Boote hinglitten. An ein versteinertes farbiges Venedig! Während wir zwischen dunkelblauen und grauen Klippenwänden fuhren, leuchteten hohe goldgelbe Steinwände auf und purpurbraune getürmte Riesenblöcke, und im Wasser zuckten die Widerscheine auf vom feuerblauen Frühlingshimmel, der wie ein blaues Glasdach die dämmerigen Inselgassen hell überdeckte. Im Wasser kreiselten langgezogene, farbige Spiralen, rote, gelbe und blaue, auf grünem Schattengrund, als wäre das Meerwasser hier mit beweglichen schwimmenden Blumenmassen angefüllt.
Ernst sah uns jeder vorweltliche Steinkoloß an, der die Menschenstimme zurückgab und doch regungslos blieb. Hie und da wehte aus einer Felsenspalte ein verlassenes Birkengebüsch im Morgenwinde.
Tiefe Versunkenheiten waren um uns, die fernen, dem Menschen unbekannten Leben: die Gedanken und Gefühle der Fische, die Gedanken des Tangs und die Gedanken der versunkenen Steine und Muscheln, die Gedanken und Gefühle vorüberstreichender lautloser Vogelpaare, die Gedanken des Morgenlichtes und des Morgenwindes. Alle begleiteten uns, vereinigten ihr tiefstes Leben mit unserem tiefsten Leben und verstanden sich hier untereinander in den lautlosen Gassen, wo nur der Kiel des Bootes im Wasser knisterte und der Meerschaum an der Bootswand zischte. Meersalz, das eben noch im Wasserabgrund gelebt, klebte, angespritzt, an unseren Segeljacken, bildete dort Kristalle und blitzte uns an, aufgestanden vom Wasserleben zum Sonnenleben.
Solchen innersten Zusammenkünften der Gedanken- und Gefühlswelt, die der Wald oder der Fluß, das Meer oder nur ein Feldweg in Stille und Einsamkeit dem Menschen anbieten, diesen schweigenden unergründlichen Unterredungen zwischen Menschengedanken und Naturgedanken gaben die Menschen sich seit Jahrtausenden immer gerne willig hin. Ich meine die natürlichen, gesunden, einfachen und starken Menschen, jene klugen Menschen, die fühlen und wissen, daß nicht der Mensch allein dem Menschen Lebensklugheit gibt und Lebensreichtum.
Keine bewußten Gedanken machen einem vor der Natur jene Bereicherung und jenes Klügerwerden klar. Aber der ganze Mensch fühlt sich, wenn er wieder aus Natureinsamkeit, von jener schweigenden Unterhaltung, die er mit den Naturleben pflog, zu den Menschen zurückgekehrt, lebensbestärkter und lebenssicherer und benimmt sich dann also auch lebensklüger und lebensreicher zu den Mitmenschen.
Es ist nicht der Sauerstoff der Luft allein, nicht allein das wärmende Sonnenlicht, nicht die Stille allein, die den Menschen also in der Natur stärken. Es sind die unbewußten Unterhaltungen und Festlichkeiten, die entstehen, wenn sich die Unergründlichkeit des Menschen mit der Unergründlichkeit der anderen Lebewesen zu einem großen Schöpfergefühl vereinigt. Wobei das Geschöpf Mensch, ohne daß es sterben muß, totenstill und wunschlos wird und in Fühlung tritt mit seiner Unermeßlichkeit, mit seiner unsterblichen Urkraft.
Nicht bloß dem höher gebildeten Menschen, auch dem geistig tiefstehenden, ist es unbewußt innigstes Bedürfnis, von Zeit zu Zeit mit offenen Augen und offenen Ohren mitten im Naturleben, im Wald, Feld, auf einem Berg oder auf dem Meer sein Urweltgefühl dem Urweltgefühl der Naturleben bewußt oder unbewußt hinzuhalten und so für Augenblicke die Menschengestalt zu vergessen. — Der Dichter aber, der aus der Stadt fort von den Menschen wandert und seine Unergründlichkeit mit der Unergründlichkeit des Naturlebens zusammenlegt und sein tiefstes Menschengefühl, sein Liebesgefühl zu einem Menschen, in die Natur hinausträgt, ihm wird diese Vereinigung den Rhythmus eines unermeßlichen Liebesliedes geben. Und der Wald oder das Meer, der Berg oder der Garten, zu dem der Dichter sein Liebesgefühl hintrug, die Wiese und der Wind, der Vogel und der Baum, die fernsten Sterne und der nahe Mond, sie werden alle mit ihm zusammen Liebeslieder erfinden, wenn er seine Menschengestalt bei ihnen weilen läßt und seine Unergründlichkeit mit ihrer Unergründlichkeit umgibt.
Die Naturleben verwandeln sich, so wie das Wetter, zu jeder Tagesstunde, und so wie die Beleuchtung und die Jahreszeiten täglich wechselnd vorüberschreiten, so werden sie — wenn ein Dichter immer mit dem gleichen warmen Liebesgefühl von seiner Geliebten kommt, oder wenn er in Zweifel von ihr kommt, oder wenn er getrennt von ihr in Sehnsucht kommt, oder wenn er beglückt von ihr in Freude kommt — so werden sie immer wieder, wenn er mit seinem unergründlichen Liebesgefühl die anderen unergründlichen Leben betrachtet, für jede seiner Stunden, die er in ihnen untertaucht, ihm eine andere Melodie gleich einer neuen Perle schenken.
Und jedes so entstandene Gedicht wird anders singen, und es ist da kein bestimmtes Versmaß, das dem Dichter vorgeschrieben ist, als das Versmaß seines Herzens und seiner Umwelt. Denn das Weltall kann dem Dichter das Liebesgefühl täglich in neuen Versmaßen zusingen, so daß er eine tausendtönige Stimme erhält, und jeden Tag eine neue Melodie. Und später sieht der Dichter auf einen unermeßlichen Melodienreichtum zurück. —
In der geheimnisvollen Inselstadt, deren Häuser mammutartige Klippenblöcke waren und Klippenberge, dort war, ganz verloren und vereinzelt, manchmal eine Menschenhütte hingestellt, ein gelbes oder rotes Holzhaus eines Fischers, mit weißen Tür- und Fensterleisten, schmuck und freundlich. Ein solch einsames Häuschen wirkte aber wie verhext, wenn es hinter einer Klippenkante auftauchte und in den glasgegossenen Meergassen scheinbar dem Boot entgegenschwamm.
Wir stiegen bei einem solchen Haus aus, der Schwede und ich. Das Holzgebäude stand etwas vom Wasserspiegel abgerückt, ein paar Schritte fort auf Steingeröll, aber es hatte eine bretterne Landungsrampe auf Pfählen vor sich. Sonst wäre es unmöglich gewesen, an den steil ins Wasser abfallenden Felsenwänden zu landen.
Grabesstille war auf dem kleinen Geröllplatz. Das gelbe Häuschen und ein paar rotbemalte Holzschuppen daneben leuchteten uns an, als wären sie von einem gelb und roten Feuer beschienen. Erstaunlich farbig standen die Gebäude hier bei den grauen Gesteinmassen. Und nichts rührte sich rund um die Hauswände.
Nur ein paar Geröllsteine klapperten unter unseren Füßen und waren wie Wächter, die ein Signal geben. Dann schob sich eine Frauengestalt aus der Haustüre und kam uns in der Morgensonne einige Schritte entgegen.
Als der Schwede seinen Namen nannte, verstand die Frau, daß er des Pfarrers Sohn war, und ihr erstauntes Gesicht wurde freundlich.
Sie hatte ein einfaches dunkles Kleid an, und in der Stube, in die sie uns hineinführte, waren mir Tisch und Stühle, Schrank, Spiegel und Sofa und die Bilder der Königsfamilie so erstaunlich wie das Kleid jener Frau, denn alle diese Dinge waren aus derselben Zeit wie wir.
Ich würde aber eher erwartet haben, daß eine Wikingfrau im selbstgewebten Mantel uns in ein leeres Wohngewölbe geführt hätte, wo nur ein Herd und Felle an der Erde den Gast empfangen hätten.
Denn ich war durch Jahrtausende gefahren in diesen Morgenstunden in den Inselgassen und mußte mich erst wieder damit zurechtfinden, daß ich in meiner Zeit geblieben war. So ungeheuerlich war die Einsamkeit zwischen den Klippen hier gewesen, daß, als wir das Boot angelegt hatten, es mir schien, als hätte ich seit Menschenalter kein Land mehr betreten, und als hätte ich viele Leben gelebt.
Ich war auf der Herfahrt, über den Bootsrand schauend, in der Wassertiefe oft einer der Dorsche da unten gewesen. Ich hatte auch als ein Muscheltier in vielen Muscheln gelebt. Ich war auch als Qualle neben dem Boot hergekreiselt. Ich war auch als einzelne Möwe den Möwen nachgeflogen hinaus zu den Brutstätten. Ich war ein Birkenstrauch gewesen, eingeklemmt in eine Klippenspalte, und hatte die Morgensonne auf meinen Blättern spielen lassen.
Und ich war unzählige Male ein roter Stein und ein gelber Stein und ein brauner Stein und ein grauer Stein gewesen und hatte angeschwemmten Tang jahrelang an mich anwachsen lassen und kleine Schnecken. Und ich bin in der Ebbezeit ein wenig aus dem Wasser gestiegen und bin in der Flutzeit mit meinem Tang und meinen Schnecken, vom Wasser überspült, unsichtbar geworden für die Oberwelt.
Ich bin in so vielen Leben gewesen, die ich vorher nicht gekannt hatte, so daß es mich sehr erstaunte, als die Frau in dem Haus an der Klippengasse in denselben Kleidern zu mir trat und in dieselben Möbel mich niedersetzen hieß, die ich in Fjellbacka, wie mir schien, vor Tausenden von Jahren verlassen hatte.
Denn wenn ich im Boot an Menschen dachte, so hatte ich vergangener Menschen Leben in den Meergassen nachgelebt. Unser Segelboot hatte sich unzählige Male in das Drachenschiff eines Wikinghäuptlings verwandelt. Denn diese Wasserläufe, durch die wir kreuzten, hatten früher die Spiegelbilder der Boote der Wikinger vor Tausenden von Jahren verschluckt und widergespiegelt. Und die Felsen hatten damals die Stimmen der erzenen Wikingschilde und die Zurufe der Männer in sich verschluckt und konnten sie zurückrufen, wenn wir an sie dachten in der Totenstille.
Dieses gewesene Leben früherer Menschen, das ich auch gewesen bin und wir alle gewesen sind, tönte mit seiner Unergründlichkeit von fern in meinem Bewußtsein an, so daß ich die Gegenwart nur noch verschollen fühlte, und alle Vergangenheit war Macht und Wirklichkeit in mir geworden.
Und so werden auch wir Heutigen einmal über die Zukunftswelt Macht haben, wenn wir Großes getan, Starkes, das sich den Zeiten einprägt wie der Name des Wikingervolkes. So werden Menschen in fernen Zeiten für Augenblicke uns wieder zur Wirklichkeit rufen können, indem wir Besitz von ihren Sinnen, ihrem Geist und ihrem Herzen ergreifen dürfen, und unsere Menschengestalt wird auch für Augenblicke durch zukünftige Menschen wieder zur Wirklichkeit hintreten können. Denn die Menschengestalt, die wir im Tode ablegten, auch sie kennt keinen Tod. Auch ihr Zerfall wird wirklich und unwirklich sein, wie alles Weltalleben. —
Die Fischerfrau, die uns empfangen hatte, erzählte uns, daß ihr Mann nach Fjellbacka gefahren sei; aber wir waren ihm in dem Labyrinth der Inselgassen, da wir auf Umwegen kamen, nicht begegnet. Sie kochte dann für uns Kaffee. Jede einzelne alltäglichste Handlung in diesem einsamen Hause, das umgeben vom breiten Rahmen einer unergründlichen Stille dalag, war hier in dieser Weltferne wertvoll und wichtig, jede Handlung wurde bedeutungsvoll wie ein Kunstwerk im Rahmen künstlerischer Ruhe.
Ein wenig Reisigfeuer prasselte in der Küche auf dem ganz neuzeitlichen eisernen Kochherd, der wahrscheinlich von Gothenburg nach Fjellbacka gebracht worden war. Aber selbst dieser geschmacklose und sonst unschöne Gußeisenherd konnte in dieser Einsamkeit nicht einmal unschön wirken. Er sprach von Treuherzigkeit und Einfalt, ließ die Funken knistern und krachen und zeigte Hilfsbereitschaft wie die Hände der Frau.
Der arbeitende Eisenherd war in der Weltferne hier ein lebendes Wesen geworden, hatte Lebensberechtigung und Lebensbedeutung und war beteiligt am Wohl des Häuschens und verschwand nicht hinter dem tausendfachen leeren Lärmen des Tages, wie die Dinge in den menschenreichen Städten heutzutage hinter dem lärmenden Menschenleben, dem überanspruchsvollen, verschwinden müssen und nur stumme Sklaven sein dürfen, statt mitlebende Freunde und Berater.
Daß wenig Gerät im Hause war, das war es vor allem, was allen Dingen Bedeutung und ein Sichtbarwerden ihres Lebens zukommen ließ. Die Stühle und das Sofa kannten die Frau so gut, wie die Finger an ihren Händen sie kannten.
Da waren im Häuschen auch keine großen hallenden, toten Räume, die totgeborenen Geschöpfen gleichen, wie sie der Mensch in den Städten nur seiner Eitelkeit, seinem leersten Gefühl zuliebe erstehen läßt.
Solche Eitelkeit ist nicht einmal ein Gefühl, so wenig wie der Sonnenreflex Sonne ist. Eitelkeit ist nur zurückgespiegeltes Gefühl. Eitelkeit ist hinter allen Gefühlen immer nur eine Gefühlsleiche, und ihr Anblick erkältet und läßt kein warmes Leben aufkommen. —
Dieses Häuschen war für seine Bewohner nicht mehr als eine Nußschale um einen Nußkern. Und mehr Schale, als der Kern braucht, mehr sollte der Mensch an Geräten und Haus nicht um sich sammeln. Sonst wird die Schale zum Ballast, und der Kern erstickt dumpf und wird schimmelig und verwest im ungesunden Druck der Eitelkeitslasten.
Die Fischerfrau brachte dann ihre guten Tassen, und aus ihrer silbernen Kaffeekanne — die das ständige Hochzeitsgeschenk dort im Lande ist — goß sie uns den Kaffee in die uns anlächelnden ehrwürdigen Tassen. Und ebenfalls in einer silbernen Schale auf hohem Silberfuß stellte sie den Zucker zum Kaffee in die Mitte des Tisches und reichte uns auf einem Glasteller von ihrem Zwiebackvorrat, der zu jedem Fischerhause hier gehört wie das Salz.
Ehe die Frau aber das alles brachte, hörten wir zuerst eine Ziege im Holzschuppen neben dem Häuschen meckern, und der Schwede sagte lächelnd: „Jetzt ist sie zu ihrer Ziege gegangen, um Milch für den Kaffee zu melken.“
Wie wunderbar gewichtig wurde dieser einfache Imbiß, dieser Kaffee vormittags um elf Uhr, der im ganzen Lande Elfuhrkaffee genannt wird und eine Landesgewohnheit ist, da die Leute arm sind und nicht mit Wein oder Bier aufwarten können, wie in den südlichen Ländern.
Während wir dann den Kaffee tranken, setzte sich die Frau höflich ans Fenster, ein wenig abseits, um ihre Gäste nicht durch aufdringliches Zuschauen zu stören. An der Wand unter einem Glaskästchen sah ich die in Holz geschnitzte Abbildung eines Bootes, wie man sie fast bei allen Fischersleuten findet. Gewöhnlich haben einige männliche Angehörige solcher Fischerfamilien die Welt als Matrosen oder Steuermänner auf Frachtschiffen bereist und schnitzen, heimgekommen, zur Erinnerung ihr Schiff. Aber dieses Schiffchen hier war nur das Modell eines kleinen Segelbootes, wie sie in Fjellbacka von den Fischern angefertigt werden.
Die Frau folgte mit ihren Augen meinen Blicken und sagte dann — wie mir der Schwede übersetzte —, daß dieses Boot der eine ihrer beiden ertrunkenen Söhne angefertigt habe.
Sie sagte das einfach und sah mich an und hörte jetzt erst von dem jungen Pfarrerssohn, daß ich ihre Sprache nicht verstünde. Aber das hielt sie nicht ab, auch weiter zu mir zu sprechen, und ich merkte am Tonfall und an dem Blick, den sie bald mit dem Bootmodell und bald mit dem Meer draußen wechselte, daß sie mir das Unglück erzählte, wie es vor Jahren ihre Söhne betroffen.
Und als ich zuhörend unwillkürlich nickte, weil ich begriffen hatte, daß das Boot in der Inselgasse nicht weit vom Hause bei einem Sturm gekentert war, und daß dabei die jungen Leute ertrunken waren, da sah die Frau mich plötzlich ganz entgeistert an und wußte nicht recht, ob sie jetzt gar Deutsch gesprochen hätte, oder ob ich plötzlich bei ihr Schwedisch gelernt hätte. Und sie bat mich, Deutsch zu sprechen, sie wollte sehen, ob sie mich auch verstünde.
Solche Einfalt, welche gläubig ist und nichts für unmöglich hält, konnte dem Menschenherzen nur in diesem einsamen Steinwinkel zufliegen.
Zwei von den Fensterchen des Zimmers, die gegen die Meergasse hin lagen, waren trüb, und noch vom letzten Sturm, der am Tag vorher gewütet hatte, mit Salzkristallen beklebt. Im Herbst, wenn die Stürme immer tobten, wurden oft alle Fenster des Hauses blind von der Salzkruste, die die Wellen an die Scheiben klebten.
Ich konnte auch bald verstehen, warum jener Frau Gesicht fast unbeweglich blieb, wenn sie von den ertrunkenen Söhnen sprach, und weshalb kein Schmerz darin zuckte. Sie sah nämlich oft ihre Söhne in der Einsamkeit deutlich in dem kleinen Boot wiederkommen und wieder fortgehen. Die Mützen der toten jungen Leute hingen noch bei der Tür am Nagel, und die Frau bürstete sie täglich ab. Auch die Bücher, in denen die Söhne gelernt hatten, standen säuberlich abgestaubt auf einem Wandbrett.
In den ersten Tagen nach dem Unglück hatte die Mutter wohl manchmal geweint, aber dann waren die toten Söhne wiedergekommen. Sie hörte sie oft abends die Leiter zur Bodenkammer hinaufklettern und hörte morgens zur Stunde, da sie bei Lebzeiten das Boot gerüstet hatten, ihre Zurufe.
Und die Frau ging oft in Gedanken hinaus an die Anfahrtsrampe und sprach ein paar Worte ins Leere. Aber daß niemand da war und daß beide Jungens ertrunken waren, wenn ihr das einfiel, das störte sie gar nicht. Der Todesfall der Söhne war ihr nur wie eine kurze Krankheit gewesen.
Vom Tod waren für die Mutter beide Söhne längst wieder genesen. Sie kamen auch oft herein und sagten der Mutter, daß es Zeit sei, die Ziege zu melken, und sie erinnerten sie auch an verschiedene Sachen, die ihr nützlich waren. „Es sind gute Söhne,“ meinte sie und nickte mir zu. —
Diese ihre innersten Gedanken aber erzählte uns die Frau nicht. Die hörten wir erst am Abend, als wir nach Fjellbacka zurückkamen, von Leuten, denen es der Mann jener Frau erzählt hatte.
Da ich meine Verwunderung darüber aussprach, daß die Frau die Mützen der ertrunkenen Söhne immer am Türnagel hängen haben wollte, und weil ich damals als junger Mensch glaubte, sie müsse dadurch täglich von neuem an Verlust und Tod erinnert werden, erklärte man mir in Fjellbacka, daß die Frau immer ihre ertrunkenen Söhne kommen und gehen sehe und ihre Toten mehr lebendig als tot fühle.
Die Stille machte die Menschen auf den Inseln hellsehend. Denn alle, die auf den todstillen Inseln wohnen, sie sind so nahe Nachbarn des Todes, daß sie seine Geschöpfe kaum noch von den Geschöpfen des Lebens zu trennen vermögen. —
Und als wir am Abend zur Stunde, da der Landwind sich legte und kein Lufthauch die Segel antrieb — so daß wir die Leinwand vom Mast abnehmen und abwechselnd rudern mußten —, als wir da in den spiegelglatten Gassen, wo nur unsere Ruder im Takt Wasser schaufelten, an jener Stelle vorbeikamen, wo an einem Sonntagnachmittag die beiden jungen siebzehn- und achtzehnjährigen Burschen ertrunken waren, da wurden um uns die Sonne und der Wind und die Wasserströmung tot.
Da zeigte sich kein Vogel, da waren auch die farbigen Lichter, die wie buntes Glas am Morgen im Wasser geleuchtet hatten, verschwunden. Da waren die tiefen Gassen wie große Grüfte. Da war unser Boot, das ohne Segel mühsam vorwärts kam, wie ein schwerer Holzsarg. Und es fiel von den Felswänden eine eisige Kälte über uns.
Der Schwede und ich ruderten und schaufelten, aber das Boot schien nicht vorwärts zu rücken.
Kein Fisch war im Wasser zu sehen, und die Gassen schienen enger geworden zu sein und schienen uns irre zu führen in ihrem Labyrinth, denn die Stunden vergingen, und wir kamen nicht fort. Die Stunden waren nicht mehr wie am Vormittag unergründliche vorüberkreiselnde Jahrtausende. Es waren schwere unvergängliche Stunden geworden.
„Um diese Stunde mögen sie hier untergegangen sein,“ sagte der Schwede, und er meinte die Söhne der Fischerfrau.
Da hörte ich die Mutter hinter mir im Boot sagen: „Ja.“ Aber ich sah mich nicht um. Die Frau dachte wahrscheinlich daheim gar nicht daran, uns in Gedanken zu folgen. Sie bereitete zu Hause jetzt wohl das Abendbrot und melkte wieder die Ziege. Aber hier an der Stelle, wo ihre Söhne sich am umgekippten Boot angeklammert hatten, hier war das innerste weltferne Leben jener Mutter immer, und das war zu uns ins Boot gekommen.
Und so konnte auch ihre Stimme in meinem Ohr „Ja“ sagen. Hier um diese Stunde mußte die Mutter, so lange sie in ihrem Häuschen lebte, viele Male des Tages unbewußt mit ihrem innersten Leben um die Wasserstelle kreisen, und dann zog sie die Söhne beide mit Mutterkräften von dem untergehenden Boot fort und schritt mit ihnen über das Wasser heim. Und die Söhne folgten ihr in die Hütte, wo sie umhergingen und ihr Tagewerk vor den Augen der Mutter lautlos vollbrachten. —
Dieses war das Erlebnis meines ersten Segeltages. Am zweiten Tag fuhren wir nach einer großen Lotseninsel, von wo wir, nachdem wir im Hause des Oberlotsen übernachtet hatten, am anderen Tag zur äußersten Insel im Skagerak weitersegelten.
Diese letzte bewohnte Insel heißt Väderbod, das bedeutet Wetterschutz. Ich war vorher nie auf einem so seltsamen Fleck Erde gewesen. Die Insel hatte einen mächtigen Leuchtturm, und außer dem Leuchtturmwärter, der ein alter abgedankter Kapitän war, befanden sich nur noch ein zweiter Leuchtturmwächter und dessen Frau auf dieser kleinen Klippe. Diese Leute hatten im Schutz einer Klippenwand, auf einer Klippenanhöhe, alle drei ein kleines Holzhaus und daneben einen Stall für eine Kuh.
Die Insel stand ziemlich schroff wie ein Riesenwürfel aus dem Meer. Nachdem wir das Boot an Steine angebunden, warf man uns Seile zu, denn die drei Bewohner hatten unser Kommen längst bemerkt, und sie hißten uns an Seilen zu sich hinauf auf die Felsenplatte.
Dort oben wurde es einem fast schwindlig, wenn man sich umsah. Man hatte das Gefühl, als würde einen der Meerwind forttragen. Da oben war kein Baum und kein Strauch und kein Halm und keine Blume und nicht das kleinste Kräutlein, sondern nur eine Steinfläche und in ihr eingehauen einige gähnende Felsenspalten und Risse, die da klafften.
Rundum kreiste das leere Meer. Die ferne Küste lag im Abend außer Sehweite, und nur einige der letzten Inseln sah man wie winzige graue Wölkchen ganz fern, in der Richtung gegen die Küste, auf dem pechschwarzen Wasser liegen. Aber man konnte nicht unterscheiden, ob diese grauen Flecken im Meer Erde oder Nebel waren.
Unendlich toste das Meer hier draußen. Ich fühlte mich anfangs betäubt auf diesem zu furchtbarer Meereinsamkeit verdammten Stein. Es war mir, als sprächen die Felsenplatten, über die ich trat, vor Sehnsucht zart werdend, vor Sehnsucht nach der Küste, mit meinen Füßen, bei jedem Schritt, den ich tat. Und die Felsenplatten wußten nicht, was sie tun sollten, um ihre Freude zu zeigen, weil sie von Füßen berührt wurden, die vom riesigen Mutterfestland kamen.
Es war etwas wie Ratlosigkeit über dem kahlen Inselstein, der nie Fremde sah, vom Augenblick an, da der junge Schwede und ich erschienen. Aber es war eine freundliche, aus Beglückung stammende Ratlosigkeit.
Ratlos war der kleine, alte, vertrocknete Kapitän, dessen Körperchen flach und dürr war, von Sonne und Wind und Meersalz gebeizt und gedörrt wie ein getrockneter Stockfisch. Und ratlos war die Magd, die Frau des zweiten Wächters, und der Wächter selbst.
Als wir oben bei ihnen auf der Klippe standen, schüttelten sie uns abwechselnd bald die linke, bald die rechte Hand mit ihren beiden Händen. Sie streichelten den Kleiderstoff an unseren Schultern und Armen, und sie lachten, und sie bückten sich, und sie schlugen die Hände zusammen, und sie lachten wieder, und sie sprachen alle drei zu gleicher Zeit, und sie lachten alle drei zu gleicher Zeit, und sie schüttelten sich selber gegenseitig die Hände, denn es war ihnen ganz wunderbar, daß sie zwei Lebende, wirkliche, lebende junge Männer an den Seilen emporgezogen hatten, sie, die sonst während des ganzen Jahres nur das traurige Geschäft zu verrichten hatten, Leichen von Schiffbrüchigen, die vorüberschwammen, aufzufischen. Leichen waren ihre Menschenbesuche. Andere Besucher kannten sie kaum. Andere als tote Menschen fanden sich hier selten ein.
Im Frühjahr und im Herbst, nur zweimal im Jahre, kam der Regierungsdampfer gefahren, der ihnen den Mundvorrat für das nächste halbe Jahr in Kisten ausschiffte, und der alle Leuchttürme an der Küste zu versorgen hatte. Aber dieser Dampfer legte nur ein paar Stunden kurz an, und dann fuhr er weiter. Dann fischten die Einsamen wieder Leichen, wenn im Herbst oder Frühjahr zu den Gezeiten ein unglücklicher Schoner oder ein segelnder Dreimaster vom Orkan an die Klippe geschleudert wurde. Sie hatten oft nur ein paar gellende Schreie oder ein paar Zurufe in der Nacht gehört und sahen am nächsten Morgen Tote schwimmen, Menschenleichen, und vielleicht nur noch ein paar Schiffsbretter.
Diese Klippe war ein Unglücksblock, düster umstanden von jahrhundertealten Schrecknissen. Und der Riesenblock erzitterte immer. So ungeheuerlich war der Meeresdruck hier, daß der große Felsenwürfel Tag und Nacht bebte.
Mir aber schien es, als hätten die Wellen den Felsen eben erst hergetragen und als könnten sie ihn gleich wieder fortheben, denn ich war auch eben erst hergetragen worden, und ich hatte meinen Standplatz noch nicht begriffen. So neu und fremd war alles um mich, daß das Leben mir hier wie ein Spuk vorkam, und hundert Verwandlungsmöglichkeiten schienen mir möglich.
Ich selbst fühlte mich ratlos. Der weite Ausblick rundum war schwindelerregend, denn wo ich hinschaute, war ein Abgrund.
Die Kuh im Stall brüllte unausgesetzt, seit wir gekommen waren. Und aus einer Felsenspalte krähte der Haushahn unausgesetzt, der dort mit seinen Hennen lebte. Die Tiere begrüßten uns wie die Menschen verwirrt und aufgeregt.
Es waren da keine Bäume über unseren Köpfen, kein Grashalm am Wege. Nichts Vermittelndes zwischen Himmel und Erde. Nur die glatte geschliffene Felsenplatte zu Füßen und darüber unendliche Luft.
Die Felsenfläche war nicht größer als ein kleiner Dorfmarktplatz. Aber die Häuser fehlten. Nur der Meereswind kam pfeilgerade über den Platz. Kam und ging. Und draußen im Wasser stand hie und da eine Meereswelle aufrecht und bäumte sich gegen eine andere Welle, und beide bildeten zusammen einen weißen Palmbaum aus Schaum. Dort im Meer waren dann die unterirdischen Klippen, an denen die Schiffe so leicht zerschellten.
Bei den Leuten hier auf der Klippe mußten wir übernachten. Es war gegen sechs Uhr abends, als wir angekommen waren, und wir hätten nicht mehr genug Segelwind gefunden, um die Küste zu erreichen. Auch wäre es zu dunkel in den Inselgassen geworden, und wir hätten vielleicht nicht zurückgefunden.
Wir gingen zum Haus hin, und ich hatte bei jedem Schritt das Gefühl, als wenn wir ins Meer fallen könnten. Denn das Meer, das so riesenhaft ringsum lag, übte eine mächtige Anziehung aus von allen Seiten. Am liebsten hätte man sich flach auf die Steinfläche gelegt und mit dem Gesicht in den Himmel gesehen, um von dem Schwindelgefühl frei zu werden.
Wir hatten vorher im Boot das Rauschen des Meeres als einen wohltuenden Rhythmus empfunden. Und erst als die Insel, auf der wir jetzt waren, uns näher gekommen war, waren wir aufgestört worden durch den betäubenden Lärm, durch den Gischt und die überstürzende Flut, durch die waschenden Wellen und ihren donnernden Anprall und durch das gurgelnde Getose der Brandung, das uns mit seinem ohrenbetäubenden Lärm mehr und mehr umfing.
Vermittelst eines Sprachrohres hatten die Leute von der Klippe oben zu uns ins Boot hinuntergeschrieen. Und auch jetzt, oben angekommen, konnte man nicht reden, sondern man mußte schreien und lachen. Man schrie und lachte mit dem Höllenlärm rundum. Erst als im Haus die Türen geschlossen waren, wurde es möglich, die Menschenworte zu verstehen.
Der kleine lebhafte, ganz vertrocknete Kapitän plauderte mit uns zärtlich und kindisch vergnügt, wie ein Knabe, dem man zwei junge Katzen geschenkt hatte. Und er schob in seinem Zimmer viele Stühle an den Tisch, so viele Stühle als er hatte, als wären nicht bloß zwei Menschen, sondern wenigstens das halbe Fjellbacka zu ihm gekommen.
„Die Einsamkeit hat ihn etwas närrisch gemacht, den Alten,“ sagte der junge Schwede zu mir, und er bot dem Kapitän von seinen Zigarren an. Beim Rauch der Zigarre begann der Alte gleich von seinen Reisen nach Westindien und von Havanna zu erzählen. Und er erzählte, er wäre auch viele Male im „echten“ Indien gewesen, in Bombay, in Kalkutta und Colombo. Und er war oft in China, in Java und Australien gewesen und viele Male rund um Afrika und rund um Kap Horn in Südamerika, war teils mit großen Segelbooten, teils mit Lastdampfern gefahren. Er kannte alle Küsten der Erde.
Er war auf allen Weltmeeren mit Dutzenden von Schiffen herumgetanzt, und er konnte jetzt noch nicht stillsitzen. Trotzdem er schon zehn Jahre auf dieser Klippe lebte, um seine alten Tage nützlich zu verwenden, hatte er doch nicht Ruhe lieben gelernt. Seine Zunge stand so wenig still wie seine Beine, und nur seine Hände steckten nach alter Seemannsgewohnheit in den Taschen.
Vierzehn Schiffbrüche hatte er mitgemacht. Vier eigene Schiffe hatte er verloren, und jetzt war er arm wie der Meerwind. Er hatte auf Ansuchen diese armselige Stellung von der Regierung bekommen und war jetzt Feuerturmwächter hier draußen auf dem letzten bewohnten Klippenstein im Skagerak. Und weil er die Unruhe liebte, liebte er auch den Meereslärm, der hier rund um die Steine war, und er hörte den Lärm schon fast gar nicht mehr.
Obwohl bei jedem Tür- und Fensteröffnen das Meeresgeschrei hereinstürzte, als wenn draußen ein ewiger Mord und Totschlag wäre, war es ihm doch in den Zimmern oft zu still, und er hatte sich deshalb eine Unzahl von laut tickenden Uhren angeschafft. Er schien seinen Jahresgehalt für den Einkauf neuer großer Standuhren auszugeben. Die Wände waren voll von Standuhren, und diese tickten alle zu gleicher Zeit, und ihr Räderwerk schnurrte durcheinander. Und der Kapitän hatte seine Freude daran in seiner Einsamkeit, die Uhren schlagen zu lassen, ihre Gewichte aufzuziehen und ihre Zeiten miteinander zu vergleichen.
Mir aber war vor den vielen lauten Uhren, als wenn da Katzen an den Wänden säßen und schnurrten, und im dämmerigen Abend sahen auch alle die vielen weißen Zifferblätter weißen dickbackigen Katzengesichtern ähnlich.
Die Magd brachte zum Abend einen gekochten mächtigen Hummer und geräucherte Fische, gesalzene Fische und gekochte Fische und eine Schüssel voll mit dampfenden Kartoffeln. Aber in der vollständig geruchlosen Luft hier draußen im Meere, wo kein Halm und kein Laub und kein grünendes Maienholz duftete, und Häuser und Menschen vom Wind stündlich ausgepeitscht wurden, so daß kein Geruch an den Kleidern und den Wänden haften blieb, dufteten auch die Speisen nicht.
Es roch während der Mahlzeit nicht nach Fisch und roch nicht nach Kartoffeln, und es roch auch nicht nach Zigarren, wenn man rauchte. Und man hatte das Gefühl, als wären die angerichteten Speisen alle nur Schaugerichte aus Pappendeckel, wie man solche auf der Bühne in Theaterstücken verwendet. Man merkte nur auf der Zunge, ob man etwas Warmes oder etwas Kaltes hinunterschluckte. Der Geschmack aber war gleich null.
Der warme Kaffee schmeckte wie warmes Wasser, die kalte Milch wie kaltes Wasser. Der Branntwein brannte und gesalzenes Fleisch und Fisch unterschieden sich nur durch den stärkeren oder schwächeren Salzgeschmack. Man aß und schmeckte nichts und war eigentlich um einen Lebenssinn, den Geschmackssinn, betrogen. Man horchte und hörte nur Lärm, immer wieder Lärm, nie einen gesteigerten und nie einen verminderten Lärm. Man horchte auf den unendlich vielen Lärm und hörte doch nichts und kam sich vor wie einer, der an beständigem Ohrensausen leidet. So war man wieder um einen Sinn genarrt, um das Gehör.
Trat man an ein Fenster, da sah man draußen nichts als eine Linie zwischen Wasser und Himmel. Und trat man an ein zweites Fenster und sah nach einer anderen Himmelsrichtung, so sah man wieder nichts als dieselbe Linie, und so war es bei jeder Himmelsrichtung. Man sah nichts als eine Linie zwischen einer dunklen Leere und einer etwas helleren Leere hingezogen. Und man wußte nicht, was man am Fenster mit den Augen anfangen sollte, und warum die Fenster Scheiben hatten und hinaussahen. Und man mußte einsehen, man war auch noch um den dritten Sinn hier bestohlen, um das Gesicht. Denn, so weit man auch die Augen und die Fenster aufriß, man sah nur immer wieder eine zweifache Leere und in deren Mitte eine einzige dünne Linie.
Da auch die Steine vor der Türe keinen Duft hatten, so schienen hier alle Sinne überflüssig zu sein. Man hätte ebenso gut als Leichnam hier ankommen können. Man hätte nichts dabei verloren. Denn alle Sinne gingen hier leer aus. Das Menschenleben ist hier draußen überflüssig! Das schien der Höllenlärm rundum jedem Ankömmling zuzuschreien. Hier wollen nur Wasser, Luft, Sonne und Stein zusammenkommen! So schrie es aus dem Trubel und aus dem vielfachen Echo und Getöse der Brandung und des Windes.
Und man wird verstehen, daß die Menschen hier alle etwas verrückt wurden, wenn sie lange auf dem Inselstein blieben. Sie mußten deshalb abgelöst werden. Sonst lösten sie sich eines Tages selbst ab und stürzten sich im Irrsinn von der Klippe hinunter in das Meergeschrei, um nur einmal zu versuchen, ob sie diesen Lärm nicht überschreien könnten, auch wenn sie ihr Leben dabei einsetzten. Und siehe, der Lärm hörte plötzlich dann in ihnen auf und wich einer lang ersehnten tiefen Stille.
Aber bis die Menschen dazu kamen, sagten sie sich dort alle immer vor, daß sie den Lärm nicht hörten. Aber das sagten sie nur, weil sie den Lärm hören mußten und ihm nirgends ausweichen konnten. Der Meerlärm war tags mit ihnen um ihre Arbeit und setzte sich mit ihnen zu Tisch und legte sich mit ihnen zu Bett, und es gab für sie keine Nachtruhe. Wenn die Leute hier schliefen, war der Lärm doch in ihren Ohren, und die Ohren durften nie schlafen. Und der Lärm zerrüttete allmählich die Gehirne, so wie die Brandung mit der Zeit Felsenblöcke absprengte.
Da in den Holzstuben des Hauses wenig Raum war, hatten dort keine Betten Platz, wie in anderen Häusern, und man schlief in großen Schubladen, die unter Schränken nachts herausgezogen wurden, und worin nur die Hälfte des Körpers Ruhe hatte. Und es sah aus, als meinte man, weil der Lärm den Geist nur zur Hälfte schlafen ließ, sollte auch der Körper nur ein halbes Bett haben.
Ich konnte mich in jener Nacht mit meiner Lagerstelle nicht in Frieden auseinandersetzen, und ich lag mit offenen Augen und horchte neben dem Meeresgeräusch noch auf die vielen irrsinnig tickenden Uhren, die im Zimmer und hinter den Wänden ihre Pendel rastlos arbeiten ließen. Als müßten sie hier die Zeiten anfertigen, die über das Weltall verteilt werden sollten, so arbeiteten alle Uhrenpendel hastig tickend darauf los.
Die Frühlingsnächte waren bereits hell hier oben im Norden. Aber das hatte ich an der Küste im Pfarrhause, wo der dunkle Granit den hellen Nachthimmel nicht widerspiegelte, noch nicht auffallend bemerkt. Hier draußen aber im Meer, wo Wasser und Himmel sich beleuchteten, blieb es während der ganzen Nacht bereits so hell, daß man um Mitternacht am Fenster hätte lesen können.
Da ich nicht schlafen konnte, stand ich aus meiner Schublade in jeder Stunde ein paarmal auf und setzte mich an eines der Fenster. Der Himmel war gelbgrünlich, so wie die Blätter der Pflanzen leuchten, die in Kellern gewachsen sind. Die Sonne war im Norden um zwölf Uhr nachts im Meeresrand ein wenig untergetaucht. Aber es blieb so hell dort, als sähe man die Sonne blaß unterm Wasser liegen. Und um halb ein Uhr kam die Sonne schon wieder wie eine große Elfenbeinkugel aus dem Meer empor. Übernächtig und leblos sah sie aus und glich mehr einem Klumpen Teig, einem großen Mondleib, und zeigte nichts von ihrer sonstigen Herrlichkeit. Sie schien von allem Licht entkleidet zu sein und lag kahl und verlassen da draußen, als bettelte sie selbst um Licht.
Eine Stunde später entzündete sie sich ganz allmählich. Aber der Himmel blieb noch lange hellgrün, als müßte er den Klippensteinen nachts hier draußen im Meer den grünen Schein der Küstenwälder ersetzen, das Grün jener Wälder und Bäume, nach denen die Steine im Frühling zu hungern schienen, das Grün, das ihnen die Sonne nicht geben konnte.
Wohl sind die Nächte hell im Norden, und man spricht viel von ihrer Schönheit, aber mir schienen sie immer krankhaft, jene hellen Nächte, nicht wie eine Verschönerung, sondern wie eine Entstellung der Natur. Sie waren wie Einäugige traurig anzusehen. Man bekam nicht den vollen Blick, sondern nur einen halb lebenden, halb getöteten Blick vom Licht dieser hellen Nächte. Man erlebte sich selbst in dieser halben Helle als ein Zwischending von Wirklichkeit und Unwirklichkeit. Man saß nicht ruhig in seinem Körper. Man konnte sich aber auch nicht stark im Geist erheben, da man von dem hinschmachtenden Licht in seinen innersten Kräften unsicher gemacht wurde.
Ich wünschte oft die Dunkelheit herbei. Ich kann mir gut vorstellen, daß die Berserkerwut, die früher unversehens bei den nordischen Völkern einzeln und in Massen ausbrach, und daß auch der große Wanderzug, der die Normannen bis zum Mittelmeer nach Sizilien und nach Island und nach Nordamerika getrieben hat, von den hellen Nächten angeregt wurde, die keine Ruhe geben, und die nach den langen Winternächten mit übermäßigem Lichtbesitz auch übermäßigen Machtbesitz vorspiegelten und die Männer in die Meerräume hinauslockten, wo das Gold der Welt und nicht die Sonne jene Nächte aufzuhellen schien.
Am nächsten Morgen rückte der kleine vertrocknete Kapitän, während er alle seine Uhren aufzog, mit dem Wunsch heraus, einmal wieder eine Kirche besuchen zu dürfen. Es war Sonnabend, und wir verstanden, daß er gerne mit uns hinüber zur Küste segeln wollte.
Wir dachten nicht weiter darüber nach, ob ihn auch noch etwas anderes zur Fahrt nach der Küste locken könnte, und der junge Schwede sagte zu mir:
„Wenn der Kapitän mitfahren will, dann ist es nicht nötig, daß wir gleich in den Vormittagsstunden zurückkehren. Dann können wir auch erst nachmittags fahren. Und sollte der Wind abflauen, dann wird der Kapitän, der ein ausgezeichneter Ruderer ist, uns beim Rudern helfen, und wir brauchen nicht zu befürchten, von der Nacht überrascht zu werden.
Den Vormittag können wir dann damit ausfüllen, daß wir erst noch hinaus nach den letzten Inselsteinen eine kleine Segelfahrt wagen. Es sind da Steine draußen im Skagerak, wo keine Menschen wohnen, aber wo Tausende von Möwen jetzt nisten.“
Wir segelten dann in den Morgenstunden über das blauschwarze Morgenmeer, das uns mit weißköpfigen kleinen Wellen entgegengeschwommen kam. Es war, als zeigte jede Welle ein blankes Gebiß.
Das Boot glitt spielend in die Wassertäler und wurde auf halber Talfahrt schon wieder von einem Wasserberg, der unter ihm anwuchs, in die Luft gehoben, und das Aufsteigen und Versinken des Wassers wurde immer mächtiger, je weiter wir hinauskamen in den offenen Skagerak. Das Meer überspritzte uns, und wir kamen in die Nähe von hohen aufsprudelnden Wellenspringbrunnen, die sich über unterirdischen Klippen wie Geisire weißschäumend aufbäumten.
Aber es war seltsam: je mehr Gefahren da ringsum wurden, und je weiter wir vom letzten bewohnten Klippenstein fortkamen, desto ruhiger und gefahrloser, einfacher und natürlicher fühlte sich mein Herz werden. Die Allmacht des Meerelementes schien eins geworden mit der Unergründlichkeit meines eigenen Wesens. Und der Weg des Bootes schien mir ebener, weil mir der Weg des Meeres ebener, unverfälschter und unverdorbener vorkam, je weiter ich mich von den Irrsinnigkeiten des verfälschten Menschenlebens entfernte.
Die Magd hatte uns ein paar hartgesottene Eier, Salz und Zwieback mitgegeben. Das Frühstück wollten wir, wenn wir auf einer der Inseln gelandet waren, verzehren. Aber wir wußten nicht, wohin wir uns wenden sollten. Die Inseln, die da aus dem Meere sahen, waren keine Anhöhen, keine Klippen, sondern lagen wie flache große Steinlinsen, jede in einem weißen Brandungskranz.
Der Schwede kannte den Weg nicht und hatte noch nicht hier draußen gesegelt. So kreuzten wir ziellos, und das Meer erschien mir, je höher die Sonne stieg, die es blauer färbte, wie ein stahlblauer Garten, in welchem die Brandungen wie rauschende weiße Blütenbäume standen. Weißen Palmen ähnlich, schäumten die verschiedenen Meerspringbrunnen über den unterirdischen Klippen, und um die Inseln ereiferten sich die Schaumwellen und waren ähnlich wirren weißblühenden Hecken.
Immer vertraulicher wurde mir des Meeres Anblick. Der weite Morgenäther war mir wie ein altbekanntes Hausinnere, und das heilige Meer war wie ein altbekannter jauchzender unendlicher Garten. Das Boot wiegte uns zwischen der Lust der Gefahr und der Lust des unendlichen Friedens.
Es war eine Fahrt durch unwirkliches Leben, denn die Größen der Gefahren verflüchtigten das wirkliche Dasein derart, daß man sich über Tod und Leben gleichmäßig erhaben fühlen mußte.
Von der Küste sahen wir kaum einen Nebelrand, und die Klippe, auf der wir übernachtet hatten, war nur als ein weißes Schaumpünktchen fern im schwarzblauen Meer zu sehen. Wäre unser Boot in einen Meerstrudel gekommen, deren es viele rundum gab, so wären wir im Kreis getrieben, mit dem Boot eingesogen worden und verschwunden wie ein Bissen in der Gurgel eines Tieres. Nirgends hätte man es bemerkt, und niemand hätte Rettung bringen können.
Aber darüber dachten wir kaum sekundenweise nach. Das Meer hatte uns eingeladen, und wir fühlten uns als sein Gast, und wir genossen das Bewußtsein der Gefahr und waren ganz Aug’ und Ohr für die Meerfestlichkeit ringsum.
Endlich näherten wir uns einer der Inseln, nachdem wir eine Lücke in der umgebenden Brandung entdeckt hatten, eine Lücke in der weißen Schaumhecke, wo das Wasser stiller war. Es war schwierig, das Boot zu befestigen. Nachdem wir ans Land gesprungen waren, drohte uns die Möglichkeit, daß die zerrenden Wassermassen das Bootseil, auf das wir ein paar Steine gelegt hatten, lockern würden. Und wir mußten uns bei jedem Schritt auf dem kleinen Eiland immer wieder nach unserem Bootsmast umsehen, ob er noch zu sehen war, oder ob das Meer das Boot vielleicht schon fortgetrieben hatte. Es war das kein angenehmer Gedanke, hier ohne Boot ausgesetzt zu sein, auf der Insel, die nur wie ein ovaler Steinfußboden ohne Erhebung und ohne Schutzwand platt wie ein etwas buckeliger, zerbeulter Zinnteller flach in der Wasserwüste lag und bei Sturm im Meer verschwand.
Schon als wir uns der Insel näherten, hatte sich ein Klagegeschrei erhoben, und viele Möwen waren fortgeschossen. Jetzt aber bei unserem ersten Schritt auf dem Stein brauste plötzlich die Luft um unsere Köpfe, als schlüge der Meerschaum haushoch und weißflockig wie ein dickes Schneegestöber über uns zusammen. Es waren Tausende der brütenden Möwenpärchen, die aufflogen, und ihr Geschrei war wie das von tausend Klageweibern. Sie blieben wie ein flatterndes, kreischendes und rauschendes großes Federgespenst alle zusammen oben im Äther über der Insel hängen. Sie ächzten und stöhnten. Sie verfluchten uns und beschworen uns, sie flehten und jammerten. Sie stießen gellende langgedehnte Angstschreie aus. Sie beschworen das Meer und die Wolken, uns Eindringlinge zu vernichten.
Niemals, so lange Möwen hier gebrütet hatten, waren zwei Menschentiere aus dem Meer hier auf das Eiland gekommen. Es war, als verhexten wir ihren Urweltfrieden, an dem nie gerüttelt wurde, so lange Möwen denken konnten.
In den langen, nur handtiefen Rissen und Sprüngen, die sich über die Inselplatte hinzogen, hatten die Möwenscharen dort in den getrockneten Tang unzählige, unauffällige, graugrüne Eier gelegt. Die tausend Mütter, die da, abwechselnd mit den tausend Vätern, gebrütet hatten, besprachen sich jetzt über uns im Himmel unausgesetzt fliegend und durcheinanderkreischend in dichtem Knäuel, und besprachen alles, was wir taten.
Sie sahen uns beim Frühstücken und beim schnellen Baden zu. Und als wir dann auf den sonnengewärmten Steinplatten auf dem Rücken lagen und uns von der Sonne trocknen ließen, da erst ließen sich die Aufgescheuchten in Gruppen bei uns nieder. Denn daß wir uns sonnen wollten, verstanden sie. Das taten die Seehunde manchmal auch, wenn einer aus dem Meer stieg und zu ihnen auf die Steine gerutscht kam und mit offenen Augen schlief, bis der Mittag vorüber war.
Wie ich dann Mövenpärchen bei Pärchen all die silbergrauen schönen Vögel beieinander sitzen sah, da fühlte ich, daß wir Menschen uns nicht so gut auf das Glück verstehen wie die Tiere. Jeder Vogel, jeder männliche, wenn er liebesreif wird, sucht sich sein Weibchen, und ein wenig Tang in einer Felsenspalte genügt ihnen für das ganze Leben als Brutplatz. Und die Möwenfrau und der Möwenmann brüten beide abwechselnd, und beide lehren später den jungen Möwenkindern zu fliegen und Fische zu fangen. Wie einfach ist das!
Aber welch eine Unwelt von Hindernissen wissen die Menschen dagegen vor ihrem Liebesglück aufzubauen! Eine Hölle von Unnotwendigkeiten setzen sie sich in den Weg, die das Lebensglück schwächt, das in der höchsten Lebenseinfachheit am edelsten und reichsten sich darbieten will. —
Die Steinfläche, auf der wir uns befanden, wurde bei hohen Stürmen von den großen Wellen überrollt, und es konnte sich auch im Sommer ereignen, daß bei plötzlichen Wetterstürzen der Seegang mächtig hoch wurde, so daß die brütenden Möwen fliehen und ihre Eier im Stiche lassen mußten.
Am Himmel waren viele Wolken aufgestiegen, und trotzdem wir heute nichts Ähnliches befürchteten, konnten wir uns doch nicht einiger Unruhe erwehren. Das Klagegeschrei der Möwenmütter war in uns so tief eingedrungen, daß wir am liebsten mitgeklagt hätten. Es war, als könnten uns die Schreie allmählich selber in Möwen verwandeln; und wäre plötzlich jeder von uns ein weißer Vogel geworden, es hätte uns nicht erstaunt. Im Geist flogen wir mit den Scharen immer über dem Inselstein hin und her und schrieen mit.
Derart verhexend wirkte in der Meereinsamkeit die Aufregung auf dem Möwenbrutplatz, daß wir beinahe Unruhe hatten, unsere Vernunft für immer verlieren zu können. Denn verwirrend und irremachend war das Angstgeschrei und das Geächze und das Gestöhne, das aus den Rissen und Steinspalten zu uns kam. Wir wußten zwar, daß dort Vögel versteckt saßen, aber es klang, als seufze und stöhne die sich grämende Brutstätte selbst, und wir eilten endlich, fortzukommen von dem Stein, auf dem wir von tausend Verwünschungen überschüttet wurden.
Zurückgekommen nach Väderbod, nahmen wir dort den Kapitän ins Boot, der uns gleich zurief, es würde heute noch schlechtes Wetter geben. Zugleich donnerte es schon draußen am Meeresrand.
Der Wind war günstig, und wir segelten stundenlang eiligst der Küste zu. Einige dunkle Wolken holten uns aber doch ein und sandten uns einige kurze Regenschauer auf den Rücken. Wir erzählten unterwegs dem Kapitän, daß wir vorhin auf einer der Möweninseln mit dem Segelboot angelegt hatten.
Der Meergreis schüttelte mißmutig den Kopf und meinte, das hätten wir nicht tun sollen. Die Brutplätze darf man nicht stören. Das sind heilige Plätze, sagte er, und außerdem ist es mit so viel Gefahr verbunden, auf jenen Inselflecken zu landen und loszukommen, daß deshalb schon niemals einer dort hingeht.
„Wenn ich gewußt hätte, daß Sie dort landen wollten, hätte ich Sie vorher gewarnt. Denn die Tiere wollen, wenn sie in Familie sind, allein sein und mögen bei ihren Wochenbetten keine Menschen sehen.“
Der Kapitän, als er dies sprach, stellte Menschen und Tiere ganz selbstverständlich auf gleiche Vernunftsstufe. So wie es die Leute, die viel im einsam Freien leben, zu tun gewohnt sind, und wie es auch das Natürliche ist.
„Ich freue mich,“ hatte der junge Schwede zu mir gesagt, „den Kapitän ans Land bringen zu können. Er hat seit zwei Jahren die Küste nicht mehr besucht. Und er roch nur manchmal den Frühling auf seiner Klippe draußen, wenn zufällig ein scharfer Ostwind vom Lande wehte, der über alle Wälder Schwedens gegangen war.“
Der Alte wurde, je mehr wir uns den Inselgassen näherten, schweigsam und schnupperte immer mit der Nase in die Luft. Er roch Land. Und als der Wind im Abend abflaute, rührte er unermüdlich die Ruder und wollte sich nicht ablösen lassen.
Wie eng und still kam uns das Meer in den Inselgassen vor! Wie wohlbekannte Gänge in einer Stadtwohnung, in die man abends heimkommt nach einem Tagesausflug. Das Wasser lag im Abendlicht goldgelb ausgegossen. Auf einem Stein saß, wie ein einzelner Mann, ein großer dunkler Seeadler. Er ruckte mit dem Kopfe hin und her und hob sich mit den dunklen Schultern vom hellgelben Himmel ab.
„Ich wohne hier,“ meinte der Adler. „Ich bin hier zu Hause,“ sagte er mit seinem Kopfnicken. „Wir wissen es schon auf allen Inseln,“ fuhr er fort, „ihr habt die Möwen draußen gestört. Hui, hui, wer wird die Brutstätten betreten!“ Und die Luft durchfegend flog er fort.
Die dunklen Felsen in den Gassen sahen uns tiefgründig an. Und eine Steinwand sagte zur anderen: „Habt ihr den Donner heute nachmittag draußen gehört? Die da vorüberfahren, die haben die Brutstätten gestört! Die Möwen haben es überall hin ausgeschrieen. Bis zu den Wolken haben sie gerufen. Und beinahe wäre Wettersturz und Sturm gekommen. Aber dann nahmen die beiden Jungen den Alten mit ins Boot, und dadurch waren sie geschützt vor jedem Unwetter. Der Alte ist heilig wie die Brutstätten. Er ist ein alter Freund dem Meer und allem, was in und um das Meer ist.“
In einer anderen größeren Gasse, wo das Meer immer noch goldig war, weil die Felswände weiter auseinander lagen, da hörten wir plötzlich zwei schrille Pfiffe. Hundert Schritte vom Boot entfernt waren in der Goldfläche des Wassers zwei Köpfe aufgetaucht, zwei dunkle menschenähnliche Köpfe.
„Seehunde!“ flüsterte der junge Schwede. Und der alte Kapitän nickte vergnügt und ruderte. Wieder ein blitzartiger Pfiff, und die beiden Seehundköpfe verschwanden.
„Hm, hm,“ sagte der Kapitän, „daß sie sich so weit hereinwagen heute, die Seehunde! Die halten sich doch sonst immer draußen bei den Möwenbrutstätten auf!“ Und er schüttelte verwundert den Kopf. Es war, als kannte er jedes Tier hier im Meer im Umkreis um seine Klippe.
„Die beiden Burschen sind uns nachgeschwommen,“ sagte er endlich nach einer Weile wieder. „Seehunde sind neugierig. Sie haben mich seit zwei Jahren nicht ans Land fahren sehen und mußten sich überzeugen, ob es wahr ist, daß ich ans Land segle. Denn alle Inseln wissen es wohl bereits, daß ich ans Land will, und daß Sie beide die Möwenbrutstätten gestört haben, das wissen auch schon alle hier herum.“
Der Alte lachte gutmütig und nickte, als wollte er noch viel mehr erzählen. Aber er mußte jetzt öfters in seine Hände spucken, um die Ruder fester zu packen, und da blieb ihm nicht allzuviel Atem zum Erzählen übrig.
In Fjellbacka, am Land, schüttelte der kleine Greis uns die Hand und sagte, er würde hier bei Freunden übernachten und käme morgen zum Sonntag in die Kirche und ins Pfarrhaus.
Und das tat er auch. Am nächsten Mittag kam der Kapitän zum Pfarrhaus getrollt. Der junge Schwede hatte seinem Vater von unserer Fahrt erzählt. Dieser kannte den Alten längst. Als der Pfarrer zugleich hörte, daß wir eine Möwenbrutstätte aufgesucht hatten, wurde auch er plötzlich ganz ernst und schüttelte verwundert den Kopf.
Da kam ich mir mit einemmal ganz unwissend vor und hatte das Gefühl, als wären wir, der Schwede und ich, gestern, als wir auf jener Insel bei den Möwenmüttern im Boot angelegt hatten, wie zwei täppische junge Jagdhunde gewesen, die in ein Zimmer hereinspringen und nicht wissen, wo sie sind, und friedliche Leute erschrecken.
Der alte Pfarrer sagte: „Brutstätten darf man nicht stören. Das tut man nicht.“ Und als ich ihn fragte, was uns hätte geschehen können, sagte er kurz: „Das weiß ich nicht. Aber die Leute im Lande, die Fischer, behaupten, es störe die Seefahrt und den Fischfang.“
„Wir sind auch schon gestraft worden,“ sagte der junge Schwede. „Wir haben zuerst Angst vor einem Unwetter gehabt, und auf der zweiten Hälfte des Weges schlief der Wind ganz plötzlich ein, und wir haben rudern müssen, und wenn der alte Kapitän nicht mitgerudert hätte, würden wir das Land zum Abend nicht erreicht haben und hätten zur Nacht auf dem Wasser liegen müssen.“
Und ich mußte viel darüber nachdenken. Wenn man durch einen Kanonenschuß in den Himmel versucht — und es auch erreicht hat —, Wolken und Gewitter zu erzeugen, so, sagte ich mir, konnte auch die unendliche Masse Möwen, die über unseren Häuptern mit kreisendem Flug stundenlang im höchsten Äther gelärmt und mit den Flügeln geschlagen hatten, recht wohl in dem schwülen Maienmittag ein Gewitter erzeugt haben. Denn um uns fortzuscheuchen, schrien die Möwen ganz besondere Rufe, Ketten von wirbelnden Rufen. Es hörte sich an, als rauschte ein lärmendes Feuer mit spitzen Stichflammen in den Himmel, so heftig war das Pfeifen und Flügelschlagen zur Mittagsstunde im Luftkreis über uns gewesen.
Und ich sagte mir weiter, wir werden von Haus aus als zu schlechte Nachbarn der Tiere, Pflanzen und Mitwelt erzogen. Wir lernen vielen Kram, aber wir lernen nicht, freundlich und geduldig die Lebensgewohnheiten der Tiere im Auge zu haben, wie Gewohnheiten unserer Hausnachbarn, die wir achten sollen. Wir sind nur Kameraden mit den Menschen, aber nicht Kameraden mit dem Weltalleben. Und wie reich, innig und festlich wäre unser Dasein, wenn wir verständige Kameraden allen Leben würden und nicht in unserer Unvernunft und unserer Ungeduld uns verleiten ließen, uns höherstehender vorzukommen als Tiere und Pflanzen. Solcher Hochmut ist unfruchtbar und unkameradschaftlich und läßt uns Menschen in den Augen des übrigen Weltalls lächerlich und beschränkt erscheinen.
Wie roh und beschränkt müssen wir beide den Möwen vorgekommen sein, als wir nicht die einfachsten Anstandsgesetze achteten und Mütter, welche Kinder zur Welt brüteten, in ihren Wochenstuben aufstörten. Wir taten, als wenn die Lebenserzeugung nur bei den Menschen die Mütter im schwangeren Zustand heilig spräche. Als ob die Tiermütter in demselben Zustand nicht auch heilig zu sprechen wären von unserer aller Schöpferkraft, die allen Handlungen bestimmte Grundgesetze vorgeschrieben hat.
Ich mußte noch den ganzen Sonntag über dieses letzte Ereignis nachdenken. — Der alte Kapitän war vom Pfarrer zu Tisch geladen worden, und er saß mir da bei Tisch gegenüber wie ein lebender Vorwurf meiner gestrigen Gedankenlosigkeit. Er sprach aber nicht von gestern und dachte auch sicher kaum noch an unser Versehen. Aber mein Herz ließ nicht los, mit ihm im stillen darüber zu sprechen.
Und er antwortete mir vieles im stillen zurück, der kleine vertrocknete mumienhafte Kapitän. Äußerlich aber befand er sich mit sich wie in einem Sturm. Zwei Jahre hatte er kein grünes Blatt und keinen grünen Halm gesehen. Zwei Jahre hatte er keine Stille in seinen Ohren genossen.
Er sagte nach dem Essen zum Pfarrer, er wäre gekommen, um die Nachmittagskirche zu besuchen. Und er ging vom Tisch fort und murmelte noch etwas. Die Glocke läutete dann, und als alle zur Kirche gegangen waren und ich in den Garten ging, um mich am Gartenende mit einem Buch auf die Moosbank zu setzen, staunte ich über die ab- und zufliegenden Elstern, die in den Erlenbäumen an der Südseite des Gartens gar keine Ruhe gaben. Auch sah ich über den langen Gartenweg mehr Eichhörnchen als sonst den Weg kreuzen. Auch die wilden Bienen summten heftiger unter den eben erblühten Apfelbäumen und über den Köpfen der hochgeschossenen Pfingstrosen.
Etwas war nicht in Ordnung im Garten. Nun kamen mir auch die drei Katzen des Hauses entgegen, die weiße, die schwarze und die graue. Sie gingen nicht, sie strichen, hohe Buckel machend, an den Stämmchen der jungen Bäume hin und hopsten nach rückwärts. Sie waren also besonders vergnügt und zufrieden. Wären junge Vögel irgendwo gelegen, die aus dem Nest gefallen waren, und hätten diese die Katzen angelockt, so wäre ihr Gang geduckt, zielbewußter und bei meinem Anblick scheu und bestürzt gewesen. Aber die drei Katzen gingen nur gemütlich spazieren, erzählten mir aber irgend etwas, das ich mit meinem innersten Ohr noch nicht deutlich hörte, weil ich noch zu überrascht war.
Das Auge muß fühlen und nicht bloß sehen, wenn man mit dem Weltalleben Gedankensprache austauschen will. Die eigenen Wünsche müssen verstummen können. So wie man nicht ohne Übung fremde Sprachen sprechen kann, so muß man auch im Weltallverkehr ein wenig unauffällig Selbstzucht an sich üben. Aber nicht mehr, als man braucht, um telephonieren zu lernen.
Ich ging zur Moosbank hin und setzte mich und wollte lesen, aber die Elstern flogen zu und flogen fort, doch nicht ängstlich und auch nicht aufgebracht. Nur unterhaltsam, als wären sie in angeregtestem Gespräch.
Nun jagte auch ein großer weißer Vogel tief über den Garten, eine Möwe. Das war selten, daß im Sommer eine Möwe so weit ins Land hereinflog. Und ich mußte an die Seehunde denken, die gestern neugierig dem alten Kapitän nachgeschwommen waren. War nun auch diese Möwe ihm neugierig nachgeflogen?
Nach einer Weile ging ich an den roten Pfingstrosen vorbei, und ein paar Goldkäfer, die an den Blüten hingen, blitzten mich goldgrün an, und ich mußte an die Fenster des Klippenhauses in jener grünen Meernacht denken, in der der Himmel nicht dunkel wurde. Und ich mußte bei den Rosen an den purpurroten Tang denken, der draußen um die Möwenbrutstätten in dickem Kranze schwamm.
Ich habe eine Weile so vor mich hingeträumt und dachte: Wie wunderbar einschläfernd summen die Bienen! Wenn die Erde nicht so frühlingsfeucht wäre, müßte es gut sein, hier im Garten auf einer Grasböschung auf dem Rücken zu liegen, den blauen Himmel anzublinzeln und sich von den Bienen einschläfern zu lassen.
Dann läutete es wieder von der Kirche her, und ich war erstaunt, wie schnell die Zeit vergangen war. Die Kirche war aus. Aber daß Zeit vergangen war, das merkte ich nur an dem Gartenweg. Die Schatten der Bäume waren gewachsen, und der Weg sah mich nicht mehr grell sonnig an. Die Schatten zogen alle, länger geworden, sichtbar nach einer Richtung quer über den Garten fort.
Im Pfarrhof bei den Stallgebäuden hörte ich dann die Bauernwagen von der fernen Kirche fortrollen, und der junge Schwede kam von seinem Zimmer herunter, wo er geraucht und Mittagsruhe gehalten hatte. Er streckte unter der Haustüre seine Glieder und lachte und nickte mir zu.
„Der alte Kapitän wird genug Kirche heute bekommen haben,“ rief er. Und wir lachten und plauderten unter der Haustür ein wenig von dem alten Meerkauz.
Dann kam der alte Pfarrer, von einigen Männern der Gemeinde begleitet, in den Hof. Wir fragten ihn, ob der Kapitän sich schon verabschiedet habe, weil wir ihn nicht sahen.
„Ach nein,“ lachte der alte Herr gutmütig, „er war gar nicht in der Kirche. Er schläft wahrscheinlich noch im Garten.“
Und jetzt erinnerte ich mich, daß der Kapitän früher vom Tisch aufgestanden war und sich entschuldigt hatte, daß er ein Schläfchen tun möchte, da ihn die ungewohnte Landluft und der Geruch des Frühlings müde gemacht hätten. Wir waren im Gespräch gewesen und hatten seine letzten Worte halb überhört und glaubten, er sei zur Kirche gegangen.
„Er wird sich zu Tode erkälten,“ meinten die Damen des Hauses, die dazugekommen waren.
„Ach, nun verstehe ich alles,“ sagte ich zu dem jungen Schweden. „Der ganze Garten hat es mir erzählen wollen, daß der Alte, der zwei Jahre kein Grün und keine Blumen gesehen hat, sich zum Schlaf dort niedergelegt habe. Deshalb schnatterten die Elstern so laut, sie machten aufmerksam auf den Schlafenden unter den Bäumen. Und die drei Katzen strichen so verwunderlich hopsend herum und erzählten es mir, ihr Behagen ausdrückend, daß einer im Garten schlafe, von dem die Erde sage, daß man ihn nicht stören dürfe.
Auch die Eichhörnchen hatten sich ihn angesehen, den Meergreis, der selbst so behende und zwerghaft war wie die Eichhörnchen. Und der nach Meerluft roch und nach Fischen, wie die Katzen behaglich hinzugefügt hatten. Und eine Möwe hat im Flug mit dem Schnabel auf ihn gedeutet. Und die grünen Goldkäfer an den Pfingstrosen hatten mir verständnisinnig zugeblinkt. Und alle meinten, mir den Schläfer zu zeigen, der ein Stück Meerwelt in das Garteninnere brachte.“
Dann fanden wir ihn auch, als wir vorsichtig gingen und suchten, auf der Grasböschung am Gartenrand. Unter einem Haselnußstrauch lag der kleine alte Mann auf dem Rücken. Er hatte seinen Kapitänsuniformrock ausgezogen und ihn unter seinen Kopf gelegt und hatte sich mit seiner Kapitänsmütze Stirn und Augen zugedeckt. Aber den Mund hielt er weit offen, und seine Hände hielt er über der Brust gefaltet. Die schwielenreichen alten Finger, die vierzehn Schiffe gesteuert und geführt hatten, waren fest ineinander gehakt. Sein offener Mund atmete die langentbehrte Garten- und Landluft und die langentbehrte Stille in seinen alten meergebeizten Körper ein.
Wir konnten es nicht übers Herz bringen, ihn zu wecken und zu stören. „Aber wenn er sich erkältet?“ meinte ich einen Augenblick.
„Der ist wie aus Seehundleder,“ sagte der junge Schwede. „Den bringen Erde und Wasser nicht um. Er hat vierzehn Schiffbrüche erlebt und ist nicht umgekommen; da wird ihm doch die Erde im Schlaf nichts antun können und antun wollen.“
„Und wenn er an diesem Schlaf sterben sollte,“ sagte ich, „so hat er wenigstens die Befriedigung, daß er noch einmal einen Landschlaf in Ruhe und ohne irrsinniges Meergeschrei und Brandungsgebrüll genossen hat.“
Und wir ließen den Alten schlafen, trotzdem die Schatten des Gartens ihn kühl zudeckten. Alles schien auch dem Alten den verdienten Landschlaf herzlich zu gönnen.
Und der Schlaf im Grünen ist dem Kapitän nicht schlecht bekommen. Nur darin bekam er ihm vielleicht nicht gut, daß er, als er aufgestanden, dem Pfarrer und uns erklärte, er möge nicht mehr aufs Meer hinaus. Er sähe gar nicht ein, warum er seinen alten Knochen nicht endlich am Land Ruhe gönnen sollte.
Und wirklich kündigte er nach diesem Landbesuch der Regierung seinen Leuchtturmplatz und mietete sich bei Freunden in Fjellbacka ein. Aber das Land wußte nichts mehr mit ihm anzufangen, und der kleine Meergreis starb bald ganz schnell weg, als wäre er nur ans Land gekommen, um in den Tod hinüberzuschlafen. —
Jene mehrtägige Meerfahrt bedeutete für mich auch zugleich den Abschluß meines Aufenthaltes im Pfarrhause. Denn der Sommer, der jetzt kam und Gäste und Besucher und Leben in die Einsamkeit brachte, trieb mich, der ich Ruhe zu Gedanken und Arbeiten liebte, zum Fortwandern an.
Ich war selbst erstaunt, daß die mächtige Einsamkeit, die mich zuerst bei der Ankunft, im Gegensatz zum lebhaften Berlin, an jenem Pfarrhause erschreckt hatte, mir jetzt zur unentbehrlichen Lebensbedingung geworden war.
Auch der junge Schwede wunderte sich nicht wenig, als ich ihm eines Tages sagte, ich fände das Haus, in dem Sommergäste kamen und gingen, zu lebhaft geworden, und daß ich mich nach der Zurückgezogenheit und totstillen Einsamkeit, wie ich sie hier in den ersten Wochen nach der Ankunft aus Deutschland genossen hatte, sehnte.
Er erwiderte mir, daß er das ganz unbegreiflich fände, da ich doch zuerst über die unendliche Winterstille im Pfarrhause erstaunt gewesen wäre und behauptet hätte, es wohnten keine Menschen, sondern nur eine tickende Uhr im Hause.
Ich mußte ihm recht geben; aber nicht darin, daß ich mich an den Sommerlärm in seinem Vaterhause so gut würde gewöhnen können wie an die Winterstille.
Ich sagte ihm, so wie mir sein Vaterhaus lieb geworden sei, so möchte ich es immer in meiner Erinnerung tragen. Es stünde dann einzig in seiner Art unter meinen Erlebnissen, und ich möchte deshalb nicht das Haus im Sommer beobachten, wie es immer ähnlicher allen anderen Familienhäusern würde, die ich kannte. Ich wollte es nicht in mir allgemein und gewöhnlich werden lassen, sondern den Aufenthalt dort als ein außergewöhnliches Erlebnis, so erhaben und mächtig wie es gewesen, für alle Zeiten im Gedächtnis behalten.
Bis zum Johannisfest, wo in der hellen Sommernacht im Freien getanzt wurde und das Klavier hinaus hinter grüne Hecken in die Steinfelder gebracht wurde und die Töchter des Hauses und ihre Freundinnen mit viel Gelächter den Auszug des Klavieres unter den freien Himmel begleitet hatten, bis zu diesem Fest bin ich noch geblieben und war nahe daran, mich von dem Mädchentrubel verlocken zu lassen, auch den Sommer im Pfarrhause zu verbringen. —
Es war mir aber nach meiner Abreise dann ganz seltsam zumut. Nirgends mehr fand ich die unergründliche Ruhe, die majestätische Einsamkeit, wohin ich mich auch wendete, — nicht auf dem Lande, nicht in den Städten, auch nicht bei den Buchenwäldern Dänemarks am Isefjord, die, auf flachem Sandboden gewachsen, mir wie große Parkanlagen vorkamen im Vergleich zur Urweltnatur Bohusläns. Das Meer schien mir bei Dänemark ein Tümpel zu sein und der Isefjord ein Parkteich.
Die dänischen Kornfelder, über denen die Windmühlen einförmig sich auf- und niederdrehten, kamen mir einfältig, nützlich und langweilig vor nach der prächtigen Granitdüsterkeit der nordischen Steinprovinz, in der die Hügel wie versteinerte Walroßherden gelagert waren, wie versteinerte Mammutleiber. Vorsintflutlich und ungeheuer abenteuerlich war vor den Fenstern des Bohuslänschen Pfarrhauses die Umgebung gewesen. Aber dort in Dänemark, wo die Sommerausflügler und die wandernden Kinderschulen und die herumliegenden Zeitungspapiere einen fortwährend an enges Menschenleben erinnerten, an sinnlose Bildungssucht, wie sie über allen Völkern Europas jetzt liegt, da wurde ich keinen Tag froh. Der Unterschied war so groß, als wäre ich wirklich wieder vom Mond auf die Erde zurückgekehrt.
Und noch viel schlimmer erging es mir, als ich Landleben mit Stadtleben zu vertauschen suchte. Selbst das liebenswürdige und ungemein trauliche Kopenhagen, eine der feinfühlendsten Städte unter den Städten und die Stadt meines Lieblingsdichters J. P. Jacobsen, konnte mich nach der erquickenden Zeit in Bohuslän nicht zum Bleiben verlocken. Wohl wanderte ich in der dänischen Hauptstadt gern in Jacobsens Fußstapfen und war gern bei Andersens alter tröstlicher Märchenwelt, die jeder Kopenhagener Pflasterstein einem deutlich wiedererzählt. „Die Galoschen des Glückes,“ „die kleine Seejungfrau,“ „die Schneekönigin“ begleiteten mich bei jedem Schritt und ließen mich der Vergangenheit nachhängen. Aber starkes Gegenwartsleben, neue vertiefte Wirklichkeitseindrücke, wie ich sie in Bohuslän stündlich erlebt hatte, erhielt ich hier nicht.
Wäre ich älter gewesen, würde mir das trauliche Kopenhagen sehr behagt haben. Man muß aber zuerst das Ziel möglichst erreicht haben, das man sich setzte, und muß selbst schon zur Vergangenheit hinneigen, um wunschlos in der Wirklichkeit ohne starkes Gegenwartsleben auskommen zu können.
Oder man muß, altgeworden, mit einem Chaos von mächtigen Erlebnissen angefüllt sein, dann sucht man gern stille träumerische Landschaft oder idyllische Orte auf, um dort die Flut der Eindrücke wie eine Sammlung zu sichten und zu ordnen.
Auch als ich zu Weihnachten zu einem Besuch in mein Vaterhaus nach Würzburg kam, schien mir die Rückkehr dorthin verfrüht. Zwar genoß ich den erfrischenden Geist meines Vaters und liebte den Kulturreichtum meiner altfränkischen Heimatstadt, aber doch schien mir beides im Wege zu sein für meine weitere Entwicklung. Denn die Zeit zur Selbstbetrachtung und die Zeit, mich in den Heimatboden einzuwurzeln, war noch nicht gekommen.
Ende des ersten Bandes