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Gedankengut aus meinen Wanderjahren. Erster Band

Gedankengut aus meinen Wanderjahren (continued 4)

Reading edition

Wie mit der Rute in der einen Hand und einem Lobzettel in der anderen Hand, so schien mir Dante in der Göttlichen Komödie mehr fanatisch beschränkt zu sein als hoheitsvoll milde verstehend. Und ich zog den Schluß: die alte Kirchenkultur Italiens, so scheint es mir, ist zu jeder weiteren künstlerischen Entwicklung unfähig und ist unfruchtbar.

Im Norden dagegen lebten unverbrauchte Völker mit unverbrauchten Geisteskräften. Und jedes neue Buch, das vom Norden über die deutsche Grenze kam, hatte damals den Atem einer belebenden Meerbrise und schien von Länderstrecken zu kommen, wo die Menschen, die von Jugend an einer rauhen Wirklichkeit gegenüberstanden, stark geworden waren auf noch jungfräulicher Erde, der sie reinste Ehrlichkeit zeigen mußten.

Ich sah im Geiste dort in skandinavischen Meernebeln Fischerdörfer und Einzelgehöfte an weltentrückten Küsten, und wenn ich ans Reisen dachte, sehnte ich mich, jene weltabgeschiedenen Stätten aufzusuchen.

Und mein Schicksal kam auch auffallenderweise diesem meinem innersten Wunsche entgegen. Ich tat nur einen Schritt in dieser Wunschrichtung, und das war der, daß ich, in Berlin angekommen, den Schriftsteller Ola Hanson besuchte. Alles weitere fädelte dann mein Schicksal von selbst ein, und ich kam plötzlich nach dem Norden, wo ich die nächsten Jahre meines Lebens mit kleinen Unterbrechungen verbrachte, und wo ich dann auch später ein Mädchen fand, das meine Frau wurde. —

Die deutschen jungen Mädchen zerfielen damals für mich in zwei Gattungen. Die einen waren noch nach altmodischer, beschränkter, gedankenenger Weise erzogen und waren wie abgerichtete Wesen, denen Geistesfreuden — außer den Grenzen christlicher Auffassung und der Familienkunstbegriffe — unbekannt waren. Ihr Benehmen war jungen Männern gegenüber wohl jugendlich und körperlich lieblich, aber geistig stumpfsinnig. Sie waren versunken in einer Empfindsamkeit, die geistige Festlichkeit vorstellen sollte. Mit all ihrer Bildung machten sie darum auf einen geistig anspruchsvolleren Mann einen völlig ungebildeten Eindruck. Ich spreche hier natürlich von der großen Masse. Vereinzelte geistig wacherzogene Mädchen mag es immer in Deutschland gegeben haben, aber ich bin ihnen damals nicht begegnet.

Die andere Gattung waren die sich in jener Zeit vom Familienzwang befreienden Frauen, jene, die in blinder Nachahmung männlichen Auftretens in der ersten Sturm- und Drangzeit der neuen Frauenbewegung abstoßend wirkten. Sie trugen mit Vorliebe die Haare kurz geschnitten, dazu steife Herrenstehkragen und Krawatte, und wollten die Reize des weiblichen Körpers möglichst übersehen wissen. Sie taten sich etwas zugute auf ungelenke Bewegungen, sie trugen Zwicker, Manschetten, und sie wählten ihre Kleider schmucklos, alle Zartheit und Zierlichkeit mit Absicht vermeidend.

Heutzutage sind diese beiden Frauenarten glücklicherweise zu einer neuen Frauengattung verschmolzen. Man kann von einer neuen Frau sprechen. Denn die Geistesfrische und eine gewisse natürliche Geistesfreiheit, die die Frau fernhält von unnatürlicher Familienverblödung, ist jetzt im ganzen Lande allgemein geworden. Damals, vor zwanzig Jahren aber hatten beinahe nur die nordischen Länder die geistige Neugestaltung der Frau aufzuweisen.

Diese Frauenverschiedenheit zwischen Nordeuropa und Südeuropa erkannte ich aber natürlich nicht früher, als bis ich nach dem Norden kam. Dort wurde mir der Unterschied schnell bewußt. Fast alle jungen Mädchen waren dort damals schon in ihrem Auftreten von natürlicher geistiger Frische.

Die Haushaltungsarbeit schloß nicht das tiefere Wissen und die geistige Aufklärung aus, und ebenso hielten die nordischen Frauen, die sich ähnliche geistige Kenntnisse wie der Mann angeeignet hatten, auch nicht die kleinsten Haushaltungsarbeiten für unwert.

Die Mädchen in Schweden waren von ihren Müttern und Vätern und von den frischen und harten Lebensbedingungen, bei denen die Menschen dort, trotz der Rauheit des Landes, fröhlich und festlich aufwachsen, so freigeistig erzogen, daß sie liebende Frauen, geistige Kameraden und tüchtige Familienmütter im Hause eines verständigen Mannes werden konnten.

Die meisten jungen nordischen Mädchen hatten durch ihre geistige und körperliche Erziehung einen europäischen, vorurteilslosen Weltblick erhalten. Sie waren auch glühende Vaterlandsverehrerinnen, treue Pflegerinnen alter heimatlicher Gebräuche und verständige Beobachterinnen ihrer Heimatnatur und ihrer Heimatlandschaften. Da die meisten von ihnen von Kindheit an beinahe die Hälfte des Jahres in freier Luft, bei Seen und Wäldern, an Küsten und auf Inseln verbracht hatten, waren sie körperlich und seelisch frisch und gesund.

Die Urlaute der Natur waren den Damen der Stadt so bekannt wie den Bauern des Landes. Die nordischen Damen zeigten sich nicht bloß auf städtischen Promenaden, sondern waren gewohnt, zu wandern, zu segeln und mit den Pflanzen und Tieren wie die Bauern zu plaudern, während die langen Winternächte den Büchern und dem Familienleben in der Stadt gewidmet waren.

So wurde ich angenehm überrascht, ernsteren und geistig klareren und körperlich gesunderen Frauen und Männern in Schweden zu begegnen als in irgendeinem südlicheren Lande. Auch hatten die meisten weite Auslandsreisen gemacht. Viele der jungen Mädchen hatten mit Freundinnen Paris, London, Italien, Deutschland besucht.

Sie hatten schon mit zwanzig Jahren ein Stück Welt und fremde Menschen zu beobachten Gelegenheit gehabt. Aber sie prahlten nicht mit ihren Kenntnissen. Sie waren ein wenig verschlossener als unsere Frauen, und man mußte ihnen Urteile und Gedankenaussprüche entlocken.

Aber dann, wenn diese Frauen die Lippen öffneten und einen Satz sagten, sprachen sie nicht Gelesenes aus Büchern nach, sondern gaben ein unumwundenes frisches Urteil. Das klang manches Mal fast rücksichtslos, war aber im Grunde nur unbeholfen, ehrlich und äußerst schlicht und ernst gemeint.

Dieses war in großen Zügen das Wesen der Nordländerinnen, die ich in kleinen und großen Städten, auf Pfarrhöfen und Bauernhöfen in manchen Jahren kennen lernte.

Aber bis ich das Mädchen dort fand, dem sich mein Herz zukehrte, vergingen noch zwei Wanderjahre.

In Berlin war in den ersten Jahren der neunziger Jahre eine große nordische Bewegung im Gang. Ibsen belebte die Theater. Björnson wurde uns näher bekannt. Strindberg war nach Deutschland gekommen. Außerdem machten die Bilder des jungen norwegischen Malers Munch einen verblüffenden Eindruck auf die Berliner Akademie.

Ein Akademieprofessor hatte auf einer norwegischen Reise von den Arbeiten Munchs in Christiania gehört und den jungen Künstler aufgefordert, in der Berliner Akademie eine Ausstellung zu veranstalten.

Als aber Munch seine Bilder im darauffolgenden Herbst sandte und die Sendung in der Akademie ausgepackt werden sollte, wurden die anderen Akademieprofessoren, die bei der Öffnung der Kisten anwesend waren, dermaßen erschrocken über die neue Malart des Norwegers, daß sie nicht einmal die Bilder auspacken lassen wollten, den Saal zur Ausstellung verweigerten und so dem Gaste, den sie eingeladen, schmählich die angebotene Gastfreundschaft kündigten.

Der Norweger aber wußte sich zu helfen und wußte sich zu rächen. Er mietete Ecke der Leipziger- und Friedrichstraße, also an der damals verkehrsreichsten Stelle der Hauptstadt, einen in dem ersten Stockwerk eines Prachtgebäudes leerstehenden großen Ladenraum, ließ seine Bilderkisten dorthinbringen und stellte die ganze Sendung auf eigene Faust dort aus. Natürlich wollte Berlin den Maler sehen, den die Berliner Akademie ein- und ausgeladen hatte.

Die berliner Zeitungen brachten lange Spalten für und gegen Munchs neue nordische Malerei, die alle Überlieferungen übersprungen hatte, die nicht mehr gewollte Schönheit sah und nicht nach der Farbenskala vorgeschriebener Farbentöne malte, sondern die die Welt in Linien und Farben wiedergab, wahr und unverdreht und doch dem inneren phantastischen Eindrucksbilde getreu, von dem das Herz des Künstlers erschüttert worden war.

Aber trotz dieser Ausstellung blieb Eduard Munch noch lange in Europa unverstanden, und ich habe später oft in Paris bei den Jahresausstellungen der „Independants“ beobachtet, daß das Bürgerpublikum dort, so wie in Deutschland, mit einem Ausruf des Schreckens vor den Munchschen Bildern stehen blieb und dann mit einem Lachen sich abwendete.

So mochte man vor hundert Jahren die ersten Bilder der Chinesen und Japaner bei uns aufgenommen haben, die man erst später genießen lernte!

Als ich in Berlin in Munchs erste Ausstellung trat, mußte ich mich auch vor den neuen Bildern in der neuen Malart erst zurechtfinden. Ich sagte mir aber, wenn ich nicht sogleich das ganze Bild sehen kann und es erst, ich möchte sagen, entziffern muß, so war daran nicht Munch, nicht der Maler schuld, sondern mein, den neuen Eindrücken nicht gewachsenes Auge, das in alten Überlieferungen eingeschult war und noch nicht mit der Ehrlichkeit des begeisterten neuen Malerauges mitgehen konnte.

Aber ich fühlte den innerlichen Ernst des Malers, seine Kraft und die Ehrlichkeit der Naturwiedergabe aus jedem Bilde. Munchs Bilder wirkten zuerst ähnlich wie die ersten Augenblicksbilder der Photographie gewirkt hatten, als man zum erstenmal springende Pferde nicht in der Auffassung gewohnter Reiterstatuen im Bilde sah, sondern in den mächtigen Verkürzungen und den fortstürzenden Verkrümmungen, die das Auge im hundertsten Teil einer Sekunde wohl miterlebt hatte, aber deren Eindruck nicht zum festen Bewußtsein gekommen war.

So auch brachte Munch neue Farben und Formen und Empfindungseindrücke zum Bewußtsein und bereicherte den Beschauer seiner Bilder, wenn dieser vertrauensvoll sein Auge der neuen Malart hingab.

Wenn einer aber ungeduldig war und hartnäckig an seinen eigenen altgewohnten Sehbegriffen festhielt, dem erschien jedes Gemälde Munchs so wie chinesische und japanische Bilder, die gleichfalls uns Europäern neue Begriffe, neues Anschauen der Natur und der Menschen in feinster und tiefster Weise eröffnen, aber lange für Wirrwarr, linienverrenkt, farben- und formenunmöglich angesehen wurden. —

Die selbstzufriedenen, unkünstlerischen und lebensunwilligen Menschen, die, in der Torheit eines beschränkten Ichs befangen, die Weiterentwicklung des Lebensfestes nicht mitfeiern können, sind Schädlinge, die den Stillstand ihrer alten erworbenen Begriffe wie einen zu kurzen Maßstab der Weiterentwicklung aller Künste entgegenhalten.

Diesen Menschen begegnen die Dichter ebenso oft wie die Maler und Musiker, und diese zu kurz Empfindenden sind es, die dem Künstler die großen Dornenhindernisse bauen, Dornenhecken, die sie bis in den Himmel seiner Begeisterung wachsen lassen, und an denen er sich oft genug wund und blutig reißen muß auf seinem festlichen Lebensweg.

Diese Stillstandmenschen sind die letzten an der großen Tafel des Lebensfestes, sind die, die beschränkterweise allem neuen Lebensfestlichen mißtrauen, die schelten und unverständlich schielen auf die anderen Festlichen.

Doch können sie nicht die unendliche Schöpferlust hindern, und lange, nachdem die andern schon zu neuen Freuden übergehen, bleibt jenen Störern doch nichts anderes übrig, als dem Fortgang des Festes nachzuhinken, da die Lust am Leben sie dazu zwingt und endlich ihre Trägheitswiderstände überwindet. —

Diese Munchsche Ausstellung stellte mir die nordische Landschaft, ungeschmeichelt und in ihrer einsamen und rohen Pracht, zum erstenmal vor Augen. Auf vom Meer rundgewaschenen Klippensteinen begegnete ich auf den verschiedenen Bildern einer und derselben Mädchengestalt, die einem weißen Runenstein ähnlich dastand und über die kahlen Steinfelder fortsah. Sie kam dann auf einem anderen Bild wieder und stand im Abend im Tang beim Meerwasser, und in der Ferne, wie ein grauer Stein aufgerichtet, sah ihr immer ein junger Mann zu.

Diese Eindrücke von nordischen einsamen Menschengestalten erweckten in mir eine heftige Sehnsucht nach den Küsten jener urgermanischen Leute, bei denen nachdenkliches deutsches Wesen noch ursprünglicher zu leben schien als bei uns.

Ich war im engen Franken zwischen Weinbergen, in einer Landschaft abgezirkelter Felderflecken aufgewachsen und hatte mein Lebenlang nur Wälder gesehen, in denen jeder Baum im Forstbuch wie ein Haustier aufgezählt und eingetragen war. Das waren nicht mehr die ursprünglichen machtvollen Naturwälder; es waren gezüchtete Baumherden, bei denen der Förster und sein Hund, ähnlich dem Hirten und dem Hirtenhund, Aufsicht und Ordnung zu halten hatten.

Die Heimatwälder waren nicht mehr Naturgewalten; sie waren staatliche Holzgeschäfte geworden. Und die Zeiten, da man von ihrer Undurchdringlichkeit sprach und man sich eine Abenteuerfülle in die Wälder hineinträumen konnte, waren bei uns längst vorüber. Die Bürger hatten zwar versucht, sich durch Butzenscheibenromantik das alte Abenteuerdeutschland wieder vorzuspiegeln. Aber die altdeutschen Wälder, die altdeutsche Landschaft, die konnten sie sich nicht mehr aus der Vergangenheit zurückrufen.

Nach einem jahrelangen Schul-, Familien- und Kulturzwang sehnte ich mich nach kräftigster urweltlicher Ursprünglichkeit, und die fehlte in dem kulturreichen Franken auf allen Wegen.

Prächtig verlockend aber sahen mich die nordischen Steinmassen und das nordische Tangmeer in der Munchschen Ausstellung an, und ich beneidete die Figuren, die da in den Munchschen Bildern herumgingen, die ihre träumende Stirn weiten, stillen, urweltlichen Länderstrecken hinhalten durften, Landschaften, die beleuchtet waren von unergründlich hellen, gedankenreichen Sommernächten.

Es erschien auch auf jenen Munchschen Bildern oft ein Haus, immer wieder dasselbe Haus, das kahl, unschön, nüchtern, in einem Garten lag, dessen Baumwelt den verzerrten Tangpflanzen glich. Stürme hatten den Bäumen erschrockene und ringende Arme gegeben.

Auf einem Bild stand das Haus mit einer Reihe beleuchteter Fenster und vom Mondlicht grell getüncht auf einem freien Platz im Garten, wild beleuchtet, als würde es von den Bäumen und von Sturmstimmen hell angeschrien. Und im Garten stand das weißgekleidete Mädchen wieder, schmal und weiß wie eine dünne Blumenzwiebel, wie die Luftwurzel einer Orchidee über dem Gartenweg schwebend. Und neben dem Mädchen, einige Schritte entfernt, war da eine Reihe anderer Mädchengestalten, die der Sturmwind, der ihnen die Kleider an die schmalen Glieder preßte, unwirklich schlank machte.

Die Figuren waren in dem großen Garten so klein, daß ihre Gesichter im Gemälde nicht mehr als ein Farbenfleckchen bedeuteten. Aber man sah doch die Empfindung dieser Gesichter deutlich. Wie eine Reihe Irrlichtflammen strebten sie vorwärts, dem Sturm, der durch den Garten jagte, entgegen. Es war, als hörten sie alle zusammen in der großen Sturmstimme eine gemeinsame Sehnsucht reden.

Und die Gartenwirrnis mit den ungeschlachtnen Bäumen glich den Maschen eines Netzes, in denen die Mädchengestalten wie kleine gefangene Fische hingen. Das grelle Haus aber über dem Gartenplatz war wie ein Spuk, vor dem die Mädchen flohen und immer noch weiter entfliehen wollten. Sie wußten noch nicht, daß ein einziges Netz von Sehnsucht sie alle gefangen hielt. —

Nachdem ich diese Munchschen Landschaften lebhaft erlebt hatte, wurde der Gedanke, den schwedischen Schriftsteller Ola Hanson zu besuchen und vielleicht mein Schicksal mit den in fernen Nebeln versunkenen Küsten des Nordens verbinden zu lassen, immer kräftiger in mir.

Und als ich einige Monate später — nachdem ich oft als Gast im Hause Ola Hansons aus- und eingegangen war — mit einem jungen schwedischen Schriftsteller bekannt wurde, kam mir nichts erwünschter als die Aufforderung desselben, mit ihm sein Vaterhaus an der schwedischen Westküste zu besuchen.

Jenes jungen Schweden Vater war Oberprediger, und ich konnte bei seiner Mutter im Pfarrhause Pension erhalten, da sie im Sommer immer Pensionäre, meist aus der Stadt Gothenburg, bei sich habe.

Ehe sich aber für mich diese Gelegenheit fand, zum erstenmal nach den nordischen Ländern zu kommen, hatte ich vorher in Berlin einige geistige Erlebnisse, die von wichtigem Einfluß auf meine Weiterentwicklung waren.

Diese Ereignisse waren das Zusammentreffen mit zwei bedeutenden Zeitgenossen, mit dem Dichter Richard Dehmel und dem Dichter Stefan George.

Als ich im Herbst 1892 nach Berlin gekommen war, hatte ich noch keine Ahnung vom Erdendasein dieser beiden jungen Dichter. Das war auch nicht gut möglich, denn ihre Namen fingen eben erst an, in die Öffentlichkeit zu treten, und noch nicht einmal an die breitere Öffentlichkeit; sie wurden damals erst in den Kreisen der jüngsten Schriftsteller genannt.

Ich, der ich damals schon keine Gedichte mehr schreiben wollte, aus den früher genannten Gründen, und mich ganz der Entwicklung eines neuen Prosastiles gewidmet hatte, las auch in der neuen Zeitschrift „Die freie Bühne“, die damals in Berlin erschien, nur selten Gedichte. Und da ich noch nicht mit Literaten verkehrt hatte, waren mir Dichter, die Gedichte schrieben, kaum dem Namen nach bekannt. Ich kannte nur aus jener Zeitschrift neue Dramatiker und Romanschriftsteller.

Ola Hanson hatte mich in Berlin an den polnischen Schriftsteller Przybyszewski empfohlen, und dieser sagte mir eines Tages, er habe meinen Roman „Josa Gerth“, der eben erst erschienen war, Richard Dehmel zum Lesen gegeben. Ich hörte zum erstenmal den Namen, den er für sich so bekannt aussprach, als wenn er mir eine Stadt in Europa genannt hätte, die irgendwo auf der Landkarte stand, von der ich aber nichts wußte.

Bald darauf besuchte mich eines Tages in meiner Studentenwohnung ein Herr, den meine Hausfrau in ihre gute Stube führte. Ich hatte den Namen des Besuchers nicht verstanden, und ich saß mit dem Fremden vor einem großen Tisch in der eiskalten guten Stube, in der ich selbst noch nie gewesen war, und wo ich mich auch als Besuch fühlte. Die Haltung des Fremden war sinnend und gedankenvoll, so daß mir jedes Wort im Halse stecken blieb.

Der fremde Besucher hatte einen großen dunkelblauen Kragenmantel an — wie sie damals getragen wurden —, in dem er wie in einer Tarnkappe verborgen saß. Sein Gesicht schien mir sorgenvoll, und es war sehr durchfurcht. Und was der Fremde sagte, verstand ich nicht, denn er murmelte etwas Leises vor sich hin. Und er verstand wieder nicht, was ich gesagt hatte, denn meine Art war es ebenfalls, leise zu sein und leise zu sprechen — was meinen Vater und meine Umgebung oft zur Verzweiflung gebracht hatte.

Wohl nahm ich mir ganz schüchtern heraus, nochmals nach seinem Namen zu fragen, aber ob der Besuch meine Frage verstanden hatte, das erfuhr ich nicht, denn er antwortete wieder etwas Leises, als antworte er seinen innersten Gedanken.

Etwas lauter, und dieses Mal wahrscheinlich an mich gerichtet, mit einem leichten Blick in mein Gesicht, sagte mir dann der unergründliche Mensch, er habe mein Buch gelesen. Damit konnte ich aber nichts anfangen, denn er sagte nicht, ob es ihm gefallen hätte. Er murmelte etwas von „erstaunlicher Ausdrucksweise“ und von sehr „farbig“.

Daraufhin versanken wir wieder, jeder in seine Stille. Es wurde, als gingen wir lautlos nebeneinander durch ein weites weißes totstilles Schneeland, ohne Weg und nicht wissend, woher und wohin.

Dieses Nebeneinanderherdenken war eigentlich ganz nach meinem eigenen Wesen und Geschmack. Erlebt hatte ich das aber noch nicht bei einem Fremden. Der Zeitbegriff hörte beinahe auf, und es war die Stille um uns, von der es in der Bibel heißt: Tausend Jahre sind wie ein Tag.

Dann erhob mein Besuch das furchenreiche Gesicht, das er meistens gegen die Tischplatte gesenkt gehalten hatte. Er sagte, er hoffe, daß ich ihn auch einmal besuchen würde. Und er nannte eine Straße und seine Wohnungsnummer, die ich aber wieder nur halb verstand.

Wir reichten uns die Hände, und dann ging der Besuch fort, von dem ich immer noch keine Ahnung hatte, wer er gewesen und weshalb er gekommen war. Es blieb mir nur als tiefer Eindruck das tiefe Schweigen, das wir miteinander geschwiegen hatten, jeder auf die Tischplatte schauend.

Draußen über Berlin schneite es, als der Mann in der Tarnkappe fortgegangen war. Der tiefgesenkte Schneehimmel schien den Besuch fortgenommen zu haben. Er war wie von schweigenden Wolken verschluckt worden.

Einige Tage später, als ich Przybyszewski besuchte, fiel zufällig mitten im Gespräch aus Przybyszewskis Mund der Satz: „Richard Dehmel wollte Sie besuchen. Ist er noch nicht bei Ihnen gewesen?“

„Nein,“ sagte ich ahnungslos. Denn ich hatte mir unter Richard Dehmel keine Vorstellung gemacht, wie man sich von einer Stadt, die man nicht gesehen hat, keine Vorstellung machen kann. Den fremden Besuch brachte ich eigentümlicherweise gar nicht in Zusammenhang mit einem auf Erden lebenden Menschen. Er war wie die Schneeflocke gewesen, die lautlos ans Fenster kommt und zergeht, ehe man ihre Form noch recht erkannt hat. Er war mehr als ein Lebender und zugleich auch weniger als ein Lebender gewesen, unwirklich und wirklich, wie ich vorher noch keinem begegnet war.

Darnach wieder, bei einem späteren Besuch bei Przybyszewski, sagte mir dieser: „Richard Dehmel behauptet, er sei bei Ihnen gewesen. Und ich soll Ihnen sagen, er erwarte, daß auch Sie ihn bald besuchen.“

Da begriff ich erst und erkannte auch durch Fragen, die ich an Stanislaus Przybyszewski stellte, daß jener Mann mit dem durchfurchten Gesicht Richard Dehmel gewesen war.

Aber Przybyszewski, der unruhige und geistig immer lebendige Pole, wenn er von Richard Dehmel sprach, verwandelte er mir den Mann, der mich besucht hatte, ohne daß er es wußte oder wollte, in eine andere Gestalt, und darum bekam ich bei seiner erstmaligen Frage, ob ich Richard Dehmel gesehen hätte, keine Ahnung davon, daß mein unbekannter Besuch Richard Dehmel gewesen sein könnte.

Als ich dann meinen Gegenbesuch machte und in einem großstädtischen Hause in der eben fertig gebauten Elsässer Straße im Treppenhaus auf einem schönen stattlichen Messingschild den Namen Dr. phil. Richard Dehmel las, konnte ich mir den Mann mit dem durchfurchten Gesicht, der wie Christus die Sorgen der ganzen Welt zu tragen schien, nicht in diesen Renaissancebau hineindenken.

Und auch als ich dann in einem mattblauen Schreibzimmer stand und durch die Flügeltür nach einer Weile ein schmaler feingliedriger schlanker Mann von ungefähr dreißig Jahren hereinkam und mich begrüßte, da konnte ich in der Figur, die neulich unter einem weiten Kragenmantel verborgen gewesen, den Mann, den ich im eisigen Besuchszimmer meiner Hausfrau gebeugt vor der Tischplatte hatte sitzen sehen, nicht gleich wieder erkennen.

Nur die angenehme leise Stimme erkannte ich wieder, aber die Furchen im Gesicht waren lachendere Furchen, lebensbewegter und nicht nur Sorgenfurchen, wie ich sie zuerst falsch gedeutet hatte. Es war ein von Begeisterung und innerlichen Ekstasen durchwühltes Künstlergesicht, über das ich erstaunte, weil es für seine jungen Jahre schon mächtig lebenserschüttert schien.

Aber immer noch nicht kannte ich den Dichter Dehmel. Denn ich hatte noch kein Gedicht von ihm gelesen. Dann erlebte ich jenen, mir unvergeßlichen Abend, an welchem Dehmel mir sein Gedicht „Christus der Künstler“ vorlas. Wir saßen bei ihm bei der Lampe an einem Tisch, und Dehmel, in gesteigerter Begeisterung, las stark ergriffen und hingerissen, wie es seine Eigenart ist, vor.

Auf meinem Stuhl war mir, als hätte man denselben mit mir mitten in eine Meeresbrandung gestellt. Ich begriff weniger das Gedicht als die Art des Dichters, der mit einer Urweltstimme fortgesetzt donnernd zwischen den Zeilen meinem Herzen zuzurufen schien: „Begreifst du nun, du elender Nichtigkeitswurm, daß der Glaube an die Dichtung Dichtung schaffen kann und Dichter gebären kann, auch wenn das Zeitalter von Prosa, Naturwissenschaft und Nüchternheit strotzt!

Ein Gedicht bleibt ewig die Krone der Schöpfung. Wie konntest du so armselig sein und nicht mehr glauben, daß auch die Neuzeit Gesänge anstimmen muß! Daß auch die Zeit der Lokomotiven, der Telegraphie und des elektrischen Lichtes Sänger haben will und muß, die in Reimen, in begeisterten Versen und ewigen Liedern Verkünder der Menschengefühle sein müssen!

Kleinmütiger, du glaubtest, die Zeit des Liedes sei vorbei? Du glaubtest, die Zeit der nüchternen Arbeit habe die Zeit der festlichen Gefühle verdrängt, habe die Menschen so taub und blind gemacht, daß keiner mehr Ruhe finden könne, sich in ein Gedicht zu vertiefen! Du glaubtest, äußerst ehrlich zu sein, als du dem Liederdichten entsagen wolltest und nur zum erzählenden Wort deine Kräfte sammeln wolltest!

Du irrst gewaltig. Du hast freiwillig verzichten wollen auf den Weg zur höchsten Menschenhöhe, um wahr gegen deine Zeitgenossen und dich selbst zu handeln! Werde wach, und sieh auf mich, den Gläubigen, der vor der Muse mit Begeisterung niederkniet und der durch das Alltagsgeschrei hindurch an Lied und Dichtung inbrünstig glaubt!“

Da kam eine Träne in mein Auge, und als Dehmel sein Gedicht fortlegte und die Brandung seiner Stimme im Zimmer verschollen war, bemerkte er die Träne, die ich gerne versteckt hätte, und wir schüttelten uns die Hände, und er sagte:

„Habe ich das wirklich fertig gebracht mit meinem Gedicht, daß du weinen mußtest?“

„Ja,“ sagte ich. Doch konnte ich ihm nicht all die aufgewühlten Gedanken erklären, die mich plötzlich umgewandelt hatten von einem dichtungsungläubigen in einen dichtungsgläubigen Menschen.

Und diese Weihe und diesen Glauben, den ich von dieser Stunde an wieder für Lied und Gedicht über mich kommen ließ, der ist nie wieder von mir gewichen und steigerte sich von Jahr zu Jahr, sich in Kraft umsetzend. —

Die andere Begegnung, die mit Stefan George, war nicht von dieser stark hinreißenden Art gewesen, aber sie bestimmte und festigte ebenfalls in mir die neue Überzeugung, daß der Wunsch, Dichtungen in Versen und Gesängen zu schaffen, trotz des Maschinenzeitalters und trotz der Wirklichkeitskunst, die auf den Bühnen in jenen Jahren Feste feierte, nicht unmöglich war. Wenn auch der augenblickliche Zeitgeist sich ablehnend gegen das Lesen von Gedichten verhielt, so war es doch ganz unmöglich, daß deshalb die Dichter und die Dichtung aussterben und nur die Erzählungskunst und die Bühnenkunst allein weiterleben sollten.

Die Begegnung mit Stefan George wurde durch seine Zeitschrift eingeleitet. Ich erhielt im Winter 1892–1893, in jener Zeit, da Dehmel und ich eben befreundet wurden, eines Tages das Heft einer Zeitschrift zugesendet, welche den Titel führte „Blätter für die Kunst“. Das zuerst ins Auge fallende an jenem Heft war die anspruchslose Einfachheit der Ausstattung, die angenehm berührte. Aber als ich die Einleitung und die Gedichte darin lesen wollte, fand ich mich zuerst nicht zurecht, der Schreibweise wegen; alle Hauptwörter waren klein geschrieben. Das war mir zuerst fremd, schien mir aber nur eine Gewohnheitsfrage zu bedeuten.

Der Inhalt dieser Blätter aber trennte sich noch stärker als die Schreibweise vom damaligen Zeitgeist. Mitten in der eben stürmisch eroberten Welt der Wirklichkeit trat der Geist der „Blätter für die Kunst“ für die Welt der reinen Unwirklichkeit ein. Er hielt sich an den Geist der alten Romantiker. Nur war seine Sprache, der Neuzeit angemessen, gewählter. Aber die Dichter des Kreises der „Blätter für die Kunst“ hatten gar nichts mit der Butzenscheibenromantik gemein, die ihre Vertreter in Viktor Scheffel und Julius Wolf gehabt hatte.

Doch die Dichter der „Blätter für die Kunst“ schienen immer noch der Anbetung der Menschenseele ergeben zu sein. Neben der ewigen Menschenseele schien es für sie noch eine unbelebte tote Welt zu geben und eine unverständigere Tier- und Pflanzenwelt, auf die man ein wenig lässiger herabsah. Die man sich aber nicht als Kameraden oder gar als Geist von gleichem Geist dachte.

Ich war mir aber damals selbst noch nicht klar, wie eine Verjüngung in der Dichtung zu erreichen war. Nur das war mir klar, daß eine Verjüngung nur aus der neuen Weltanschauung heraus entstehen konnte, aus dem Satz: wir besitzen alle und alle besitzen uns. Das heißt: Menschen, Pflanzen und Tiere und alle Dinge sind eine Seele und ein Leib, alle führen wirkliches und unwirkliches Leben zugleich, alle genießen dieselben Leiden des Hungers und dieselben Seligkeiten der Liebe und dieselbe Schöpferkraft des ewigen Lebens.

Nichts im Weltall ist größer, als der Mensch es ist. Nichts ist kleiner, als der Mensch es ist. — Dieses zu wissen, machte mich aber noch nicht fähig, ganz und gar nach der neuen Weltanschauung zu leben, zu handeln und zu schaffen.

Meine Freunde, der Denker und der Schweigende, studierten jetzt auf verschiedenen Universitäten Deutschlands weiter, und ich erschien mir in der Millionenstadt Berlin mit meiner festlichen Weltanschauung, die noch nicht einmal meinen ganzen Menschen durchdrungen hatte, die nur einstweilen meinen Verstand und meine Begeisterung gepackt hatte, wie ein kleines Atom, wie eine winzige Lebenszelle, die sich erst aufbauen wollte zu einem neuen organischen Leben.

Mich freiwillig trennend von den vielen alten Überlieferungen, die mir vorkamen wie Zeug- und Papierblumen, wie Überbleibsel alter Jahrhunderte, hatte ich nur einstweilen die neuen Gedanken in mein Herz gesät und fühlte, daß sie aufgehen wollten. Ich mußte nun geduldig warten wie ein Ackersmann.

Wohl versuchte ich einige Male, in Gesprächen mit Schriftstellern und Dichtern auf die Weltanschauung von der Atomkraft und auf die Gedanken vom ewigen Lebensfest, von der festlichen Beseelung aller lebenden und aller sogenannten toten Dinge hinzuweisen und jene Freunde zu überzeugen. Aber meine Erklärungen waren hilflos.

Ich hatte auch noch keine Beweise, um den mir befreundeten Dichtern an neuen Gedichten meine Weltanschauung zu erläutern. Und so mußte ich, immer wieder ohnmächtig gemacht von der Umgebung, die keine Ahnung hatte, was ich sagen wollte, einsam in mich zurücksinken, vertrauend, daß die Saat in mir im stillen, wenn ich gläubig bliebe, den Gedanken vom großen Lebensfest ganz von selber reifen würde und mir Beweise geben würde für die Möglichkeit, mit meiner festlichen Weltanschauung eine neue Dichtungsweise zu finden.

Nachdem ich in jenem Heft der „Blätter für die Kunst“ wegen des alten romantischen Geistes, der darinnen zutage trat, nicht viel Erbauung finden konnte, legte ich es auf die Seite und hatte es beinahe vergessen.

Da erhielt ich eines Tages die schriftliche Aufforderung, dem Herausgeber ein Gedicht als Beitrag zu senden.

Ich hatte nach einem Bilde Munchs, das sich „Der Kopf des Ertrunkenen“ nannte, einen ganz winzigen Versuch zu einem Gedicht unternommen. Jenes Bild stellte ein blaues Teichwasser dar, aus welchem der Kopf eines Ertrunkenen ragte. Im Wasserspiegel schwammen die Widerscheine weißer, lieblicher Frühlingswolken, und ein silberweißer Schwan glitt hinter dem Menschenkopf friedlich, und sich gleichfalls wie eine Frühlingswolke auf der durchsichtigen Fläche spiegelnd, vorüber.

Schwan, Wolken, Teichspiegel und Frühlingssonne lebten festlich, ohne daß der Schrecken des Todes, der aus dem Kopf des Ertrunkenen starrte, sie im Frühlingsfrieden störte. Die ungeheure Macht des Malers, den Frühlingsteich im Licht darzustellen und dabei den Menschen und seinen Untergang so nebensächlich zu behandeln, wie es sonst nur der Mensch der Natur gegenüber zu tun gewohnt ist, nebensächlich auf seine Mitwesen herabzusehen, — diese Auffassung erschütterte mich, und ich schilderte das Munchsche Bild und seine Tragik in ein paar kurzen Zeilen in einem Gedicht.

Dieses kleine Gedicht schickte ich den „Blättern für die Kunst“. Einige Tage darnach erhielt ich eine briefliche Einladung, mich zu einer Besprechung über einige Fragen, die sich auf meine Gedichteinsendung bezogen, im Café Bauer einzufinden, wohin der Herausgeber und der Dichter Stefan George kommen wollten.

Es war dieses im Februar 1893, als ich mich bereits mit dem Gedanken trug, nach Schweden zu reisen und dort in der Einsamkeit eines schwedischen Pfarrhauses das Drama „Sehnsucht“, das im Hirn eines Menschen spielen sollte, und das ich erst im Plane bei mir trug, zu schreiben.

Als ich mich zu jener Besprechung um halb zehn Uhr abends im oberen Saal im Café Bauer einfand, begrüßte mich dort der Herausgeber, er war im Zylinder und englischem Gehrock erschienen, und er sagte mir, Herr Stefan George wünsche mich wegen einiger Punkte und Kommas, die in dem Gedichte vermieden werden sollten, zu sprechen.

Das verwunderte mich ein wenig. Dann kam nach einer Weile ein schlanker, gleichfalls vornehm mit Gehrock und Zylinder bekleideter Herr, mit ausgeprägten, starken Gesichtszügen, die einem Kardinal gehören konnten, an den Tisch.

Ich kam mir in meinem alltäglichen Straßenanzug ein wenig überrumpelt vor von dem gezüchteten Auftreten beider Herren. Wir sprachen über einige, wie es mir schien, ganz belanglose Dinge, über die Stellung von Satzzeichen, und Stefan George meinte, er wünsche in meinem Gedicht die Fragezeichen, wie es in spanischer Literatur üblich sei, an den Anfang der Sätze zu stellen.

Ich sagte, er möge das mit meinem Gedichte so halten, wie er es in den „Blättern für die Kunst“ eingeführt habe. Auf die Satzzeichen möchte ich nicht zu große Bedeutung legen, wenn nur der Sinn des Ganzen nicht gestört würde. Und damit war unsere Besprechung bald beendet, und wir trennten uns.

Von Stefan Georges Dichterkraft und Eigenart erhielt ich erst aus späteren Heften der „Blätter für die Kunst“ einen umfassenden Eindruck. Aus den Gesprächen bei jener Begegnung nahm ich nur den angenehmen Gedanken mit nach Hause, daß es also wirklich neue Männer in Deutschland gab, die ihr Leben für die Dichtkunst einsetzen wollten und dieses mit Eigenwillen taten.

Um zu verstehen, wie stark Richard Dehmel und Stefan George, jeder in seiner Art, sich damals von der Prosavergötterung jener Tage abhoben, muß man sich erinnern, welche große Bewegung in jenen Jahren in Berlin, im Drama und Roman, die literarischen Kreise im Atem hielt. Auf der Bühne waren es Ibsen und Gerhart Hauptmann, deren Werke gerade daran waren, eine völlige Umgestaltung im Geschmacke des Publikums und in der Schauspielkunst überhaupt hervorzurufen. Man hatte die „freie Bühne“ gegründet. Die „Wiener moderne Rundschau“, eine neuzeitliche Monatsschrift, die neben M. G. Conrads „Gesellschaft“ die Gedanken und Kräfte der naturalistischen Geistesbewegung förderte, war eingegangen und feierte in Berlin im S. Fischerschen Verlag ihre Auferstehung, ebenfalls unter dem Titel „Neue freie Bühne“.

Der Verleger Friedrich in Leipzig, der die moderne Bewegung als erster im Entstehen lebhaft unterstützt hatte, war an seinen modernen Schriftstellern zugrunde gegangen, da das bücherkaufende Publikum wie immer einige Jahresreisen hinter den neuen Dichtergeistern zurückgeblieben war und sie nicht verstehen und kaufen wollte.

An Stelle des Friedrichschen Verlages aber blühte in Berlin der S. Fischersche Verlag für Deutschland auf, der sich damals von allen Verlegern am meisten um die Herausgabe der neuzeitlichen Literatur verdient gemacht hat.

Männer wie Strindberg, Gunnar Heiberg, Gabriel Finne, Knut Hamsun kamen in jenem Berliner Winter aus dem Norden und hielten einen nordischen Vorleseabend im Saal der Singakademie. Sie vertraten die damals wuchtig auftretende neue nordische Prosakunst.

Ich erinnere noch gut jenen Abend, an dem ich Strindberg zum erstenmal auf dem Podium hinter einem kleinen Holztischchen stehen sah, ein Blatt Papier in der Hand, von welchem er eine Novelle zu lesen angesagt hatte. Aber sein Gelispel aus dem überkleinen Mund unter dem riesengroßen Schädel drang nicht über das kleine Tischchen vor ihm fort, und die Zurufe des Publikums „lauter, lauter“ wollten nicht enden.

Alle Leute legten sich, um Strindberg hören zu können, mit den Köpfen, soweit sie es vermochten, vor, und es war, als wüchsen den Horchenden die Ohrmuscheln zu Strindberg hin, so sehr sehnte sich ein jeder, nur ein kleines Wörtchen von dem nordischen Mann aufzufangen. Dieser aber lispelte, als spräche er zu dem Blättchen Papier allein, und im totenstillen, menschengefüllten Saal konnte jeder nur das unhörbare Zwiegespräch Strindbergs, das er mit seinem Manuskript hielt, mit den Augen aufnehmen.

Jedem anderen hätte man unwillig sein leises Lesen endlich verwiesen, aber hier war es anders. Es war einer meiner tiefsten Eindrücke, festzustellen, daß Strindbergs Erscheinen und Anwesenheit genügte, die vielhundertköpfige Menschenmenge in ein Anschauen zu bannen. Die Rufe „lauter, lauter“, die zuerst gewagt wurden, blieben weg, und eine halbe Stunde lang versank der Wille der Ohren vor dem Willen der betrachtenden Augen. Ein brausender Beifall toste dann, als die Hand mit dem Papier sank und Strindberg mit einem kaum merklichen Kopfnicken das Podium verließ.

Dieser Glaube und diese Andacht vor der Schöpfungsgewalt eines neuen Mannes hat mich gerührt und hat mir wohlgetan, und ich habe gern die Novelle verloren, auf die ich gespannt gewesen.

Ich hatte nie vorher einer ähnlichen Wirkung der Macht einer Persönlichkeit beigewohnt. Und man hätte nach dem Eindruck, den Strindberg machte, annehmen können, daß dieser Mann in Ruhe, und sich in seiner Kraft behauptend, seine Tage ungequält hätte verbringen können.

Um so erstaunter war ich, als ich eines Tages bei einem Besuch in Friedrichshagen bei Ola Hanson hörte, daß Strindberg sich von aller Welt verfolgt fühle. Dieser Mann, der die Macht hatte, durch seine Erscheinung allein eine Menschenmasse andächtig zu machen und sie zu bannen, befand sich auf steter kläglicher Furcht vor allem Weltalleben.

Er glaubte, daß alle Dinge und alle Menschen ihm schaden wollten. Seine Freunde und auch die Frauen, die er liebte, mußte er immer wieder anklagen und mußte fliehen und unheimlichste Geheimnisse überall im Weltall wittern, dort, wo doch nur die ungeheure Festlichkeit des arbeitskräftigen und liebeskräftigen und weisen ewigen Lebens herrscht.

Strindbergs Riesengehirn erschien mir, nachdem ich von seiner Angst gehört hatte, wie ein Riesenlabyrinth, in welchem ich jenes Mannes Gedanken durch unentwirrbare Gänge flüchten sah, zusammenfahrend und erschreckend vor dem eigenen Schatten, vor dem eigenen Licht.

Der große Mann prallte vor jedem versöhnlichen Lichtstrahl unversöhnlich zurück. Er brauchte die Dunkelheit und das Verdammen der Mitwelt, um sich mächtig zu fühlen, weil seine Kräfte nicht friedliche Herrscher in einem versöhnlichen Licht, als der Besitz aller und alle besitzend, verweilen wollten.

Es war an einem Spätnachmittag, als ich einmal nach Friedrichshagen kam. Damals bestand Friedrichshagen noch aus Reihen kleiner Häuschen, in denen sich nur Erdgeschoßwohnungen und darüber Giebelzimmerwohnungen befanden. Vor jedem dieser Häuschen war ein kleiner Vorgarten mit einem dünnen Eisenzaun nach der Straße hin.

Hier draußen, zerstreut in diesen winzigen Wohnungen, lebten viele der großen Geister jener Zeit. Geistige Bergwerksarbeiter, die nach den Goldadern in Gedankengruben suchten, nach ungeprägtem Golde. Gold, das heute aus ihrer Hand genommen, als Münze im Volk von Hand zu Hand wandert. Da lernte ich Wilhelm Bölsche kennen, da besuchte ich an einem Abend Max Halbe. Da wohnten Gerhart Hauptmann und auch Bruno Wille und mancher andere.

Als ich an jenem Tage zum Hause Ola Hansons kam, bog vor mir ein Briefträger in den Vorgarten ein und gab einem Herrn, der ihn hinter dem Zaun erwartete, einige Briefe. Ich erkannte sofort Strindberg, trotzdem ich ihn noch nie in der Nähe gesehen hatte. Ich mußte wieder staunen über den ungemein kleinen Mund, der in keinem Verhältnis zu der riesigen Schädellast stand. Strindberg studierte die Adressen seiner eben empfangenen Briefe und sah nicht auf, als ich am Zaun vorüber in das Haus trat, um bei Ola Hanson anzuklopfen.

Später im Gespräch sagte Frau Laura Marholm zu mir: „Wissen Sie schon, daß Strindberg bei uns wohnt? Er ist seit ein paar Tagen in Berlin.“

„Ja,“ sagte ich, „ich glaube, ich habe ihn eben am Gartengitter gesehen. Der Briefträger brachte ihm die Post.“

Einen Augenblick war Frau Marholm ganz verblüfft. Dann wurde sie zornrot und sagte, sich zum Lachen zwingend, zu ihrem Mann:

„Da siehst du, was ich dir sagte, Strindberg ist auf jedermann argwöhnisch! Er will seine Post selbst in Empfang nehmen. Er traut nicht seinen besten Freunden.“ —

Und dieser Ausspruch wurde mir später noch in viel stärkerer Weise von Eduard Munch in Paris bestätigt. Einige Jahre später forderte mich Munch einmal auf, in seinem Atelier seine neue Holzschnittart für ein Mappenwerk anzusehen. Und als er unter anderen Bildern den Porträtkopf Strindbergs hervorholte und ihn mir zeigte, sagte er und deutete dabei auf die Atelierwand:

„Hier nebenan hat bis gestern Strindberg gewohnt. Er ist aber jetzt ganz verrückt geworden. Sehen Sie, was er mir geschrieben hat! Diese Postkarte bekam ich heute früh von ihm. Lesen Sie!“

Strindberg schrieb auf einer Postkarte an Munch: „Jedermann weiß, daß man auf physikalischem Weg auch durch eine Mauerwand hindurch ein Licht ausblasen kann. Ich bin sicher, daß Sie mich töten wollen. Aber ich werde das zu verhindern wissen. Sie sollen nicht mein Mörder werden.“

Munch lachte, als ich kopfschüttelnd gelesen hatte. „Was,“ sagte er, „ist er nicht ganz und gar verrückt? Er war schon immer ein wenig verrückt, aber jetzt ist er ganz und gar verrückt. Er meint, daß ich ihn durch die Wand töten will, als wenn ich gar nichts anderes zu tun hätte.“

Strindberg konnte trotz seines Riesenwissens, trotz seines Riesengehirns, nicht zum Weltgleichgewicht kommen und kam mir wie ein mittelalterlicher Büßer vor. Seine Geißel war der Menschenargwohn und die Menschenfurcht. Bald war er der Welt zu fern, verloren in Weltnebeln, bald war er der Welt zu nah, so daß ihm eine weibliche Fliege wie ein Elefant vorkam. Er war unglücklich, weil er nicht festlich lächeln konnte über das Summen einer Fliege und die andern Leben im Geist nicht festlich nachleben wollte.

Im März 1893 reiste ich zum erstenmal nach Schweden. Auf dem Wege nach Warnemünde waren schon die Felder leicht grün. Der Schnee war fortgeschmolzen, aber die dunkle Erde und die helle Sonne standen noch unvermittelt nebeneinander. Dann, nördlich von Gothenburg, an der schwedischen Küste, war das Meer noch eine Eisebene und das Land ein Schneeland.

Ein Küstendampfer, der mich nach Fjellbacka, einem Fischerdorf an der Küste der Provinz Bohuslän, als Fahrgast aufgenommen hatte, machte seine erste Frühlingsfahrt. Einige tausend Meter voraus dampfte der Regierungseisbrecher, um dem Passagierschiff den Weg zu bahnen.

Die Fahrt ging sehr langsam, weil unser Dampfer um nicht an die Ränder des scharfen Eises anzustoßen, sich nur ganz vorsichtig in der Mitte der engen Eisschollengasse vorwärts bewegen konnte. Deshalb brauchten wir bei dieser Winterfahrt die doppelte Fahrzeit, die im Sommer dasselbe Schiff nötig hatte, um nach Fjellbacka zu kommen.

Ich wußte von Schweden aus meiner Geographiestunde kaum noch die Hauptstadt zu nennen. Wir in Bayern verwechselten damals, wie ich das öfters später noch erlebte, fortwährend Christiania und Stockholm miteinander. Und zwischen Schweden und Norwegen gab es für uns keinen großen Unterschied. Es waren eben Nordländer, Nebelländer, von denen wir seit der Edda und später seit Gustav Adolf nichts mehr gehört hatten.

Erst seit neuester Zeit, und das waren kaum fünf, sechs Jahre her, hörte man vom geistigen Leben, das dort oben erwacht sei. Man hatte uns Ibsen, Björnson und Strindberg in Übersetzungen vermittelt. Von den Ländern selbst aber, wie man sonst dort lebte, wußte man zu Anfang der neunziger Jahre in Süddeutschland recht wenig. Man hörte nur, daß die Engländer seit einigen Jahren im Sommer die Fjorde und die Gletscher dort oben aufsuchten, und daß sie das Reisen im Norden dem Reisen in der altmodisch gewordenen Schweiz vorzogen.

Besonders Schweden, von dem man nur den Wasserfall des Trollhättan als rauschende Sehenswürdigkeit nannte, lag hinter neunundneunzig Nebeln den Blicken des Deutschen, und besonders denen des Süddeutschen entrückt. Ich erinnere mich auch, als ich Schweden schon mehrere Jahre kannte, später bei einem Vortrag über nordische Kunst von einem Pariser Schriftsteller die Worte gehört zu haben „les pays imaginaires“, wobei der Vortragende mit großer Geste in die Luft deutete und mit den Worten „Fabelländer“ Dänemark, Schweden und Norwegen bezeichnete. Den Parisern auch lag damals Japan näher als der nebelferne Norden.

Ich selbst hatte von Schweden in den letzten Jahren nur den Namen Strindbergs nennen hören, und aus früheren Jahren war mir von schwedischer Dichtung nur Tegner und seine „Fritjofs Saga“ bekannt.

In Kopenhagen aber, in Dänemark, war ich geistig stärker zu Hause. Andersens Märchen und mein Prosameister J. P. Jacobsen hatten mich mit Stadt und Land vertraut gemacht. Norwegisches Volk kannte ich aus Ibsens „Peer Gynt“, aus Björnsons „Arne“, aus Kiellands „Novellen“, Griegs Musik und Munchs Bildern.

Norwegen und Dänemark waren mir deshalb viel bekannter als Schweden, das ich nur in Strindbergs „Leute von Hemsö“ und Ola Hansons „Sensitiva Amorosa“ ein wenig aus der Dämmerung unklarer Vorstellungen hatte auftauchen sehen. Denn das Buch „Gösta Berling“ von Selma Lagerlöf, das Schwedens Land und Menschen mir hätte nahe bringen können, war in Deutschland noch nicht bekannt, und ich las es erst ein Jahr später in Stockholm.

Daß sich an der schwedischen Westküste die Stadt Gothenburg befand, das war aus meinem Geographiegedächtnis bereits verschwunden gewesen. Ich sah im Geist an der schwedischen Westküste nur hinter Nebeln verschanzte Fischerdörfer und vereinzelte Gutshöfe liegen.

Aber es schien auch anderen Leuten so wie mir zu gehen. Denn als ich ein paar Wochen später eine Büchersendung nach Hause zu schicken hatte und zum Einpackpapier einige Gothenburger Zeitungen verwenden mußte, erhielt ich die erstaunte Rückfrage aus Deutschland, ob es denn in Schweden oben auch Zeitungen und Schnellpressen gäbe. Man konnte sich eben von dem seit Gustav Adolfs Zeiten verschollenen Land in den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts wenig Vorstellung machen. —

Ich war über Kopenhagen-Helsingör gereist, hatte in der Nacht den dunklen Giebel des Hamletschlosses Helsingör über dem Nachtmeer ragen sehen, war über den Sund nach Helsingborg gekommen und von dort in einem Bahnzug — dessen Wagen stark nach Heringen rochen — durch eine öde Schneelandschaft am Meer entlang nach einer Tagesreise nach Gothenburg gekommen.

Ich war in Gothenburg noch nachts auf den Dampfer gegangen, und ich fühlte mich unter der Obhut des jungen Schweden — der nur ein paar Jahre älter war als ich — in dem neuen Lande sehr gut eingeführt. Ich sehnte mich vorläufig nicht nach dem glänzenden Berlin zurück, das noch vor meinen Augen flimmerte, wenn ich sie schloß.

Ich hatte Deutschlands Grenzen früher nur drei Mal verlassen. Einmal war ich ein Vierteljahr in der französischen Schweiz in Genf gewesen, um mich im Französischen zu vervollkommnen. Das war im Frühling 1889. Im gleichen Jahr, im Herbst, war ich ein Vierteljahr bei Verwandten in Rußland, in St. Petersburg, zu Besuch gewesen. Und die dritte Auslandsreise war der kleine Pfingstausflug im Jahre 1892 von München nach Venedig.

Ich erwähne dieses, damit der Leser nicht vermuten soll, ich hätte in meinem Erstaunen, das mich nun auf meiner Weiterreise in Schweden packte, keine vergleichenden Anhaltspunkte mit anderen Ländern gehabt und wäre vielleicht deshalb so übermäßig durch Schwedens Küste in Verwunderung gesetzt worden.

Ich befand mich nun auf dem kleinen Küstendampfer, der langsam in der schmalen Wassergasse durch das gefrorene Meer dem Regierungseisbrecher nachfolgte. Am Abend des ersten Tages, als die Sonne unterging, waren wir in der Nähe der Insel Smögen, wo der Dampfer für die Nacht anlegen mußte.

Die gelblichen Felsen, die dort senkrecht aus dem Meer standen, waren von breiten roten Streifen bestrichen. Es war dies der rote Rost großer Eisenadern, die sich über die Granitmauer verzweigten. Im Abendlicht sahen die Felsen wie blutige riesige Fleischstücke aus, die da auf dem weißen Riesenteller des gefrorenen Meeres lagen.

Als es dunkel war und kein Mond am Himmel, erkletterten der Schwede und ich im Finstern einen Steinweg zwischen den Holzhütten Smögens und kamen bis zu einer Felsenplatte, auf welcher der große eiserne Leuchtturm wie ein ungeheures Eisenrohr festgeschraubt stand. Dort über der kleinen freien Klippenanhöhe leuchteten die Sterne, jeder einzelne so groß über dem Meer, als wären sie nah wie winzige Monde. Es war, als stünden dort im dunklen Weltraum tausend zuckende Leuchttürme, deren weiße Feuer auf- und niederblinkten.

Ich spürte kaum die Eiskälte der Nacht. Ich erinnere mich, daß ich erstaunt war, als ich mich mit der Hand an den eisernen Turm stützte und derselbe kalt war. Das mächtige erhabene Gefühl, das vor den großen Himmelslichtern über dem lautlosen gefrorenen Meer in mir anschwoll, war wie eine unergründliche Wärmewelle. Die schien aus einer Sonne zu kommen, die ich nicht sah, und war in mich gedrungen, und ich fühlte mich körperlich verschmolzen mit Stein und Sternen und mit ihnen unzertrennbar zusammengehörig.

Gedanken meiner neuen Weltanschauung, die ich vorher nur in meinem Gehirn wie aufklärendes Sonnenlicht empfunden hatte, waren jetzt zum erstenmal hier in der ungeheuren Einfachheit und Größe der Winternacht am Meer mit der Ahnung der ewigen Wärme, die sie geben konnten, auch in mein Blut eingedrungen. Ich fühle noch heute, wenn ich daran denke, die wohltuende warme Zufriedenheit, die jene Nachtlandschaft im Eis und beim Glanz der tausend großen Weltkörper meinem Herzen gab.

Sonst, in Würzburg oder Berlin, war der Sternhimmel über den Häusern immer eine ferne fremde Nachtwelt gewesen. Die war scheinbar edler und reiner als die Tagwelt und hatte mich nur wehmütig sehnsüchtig stimmen können. Dort aber, in Schweden auf Smögen, fühlte ich jeden Stern so nah, als wäre er auf meinem Kopf gewachsen, und die Nacht hatte nichts Fernes und Fremdes mehr. Sie war mir zugehörig wie mein Mantel am Leib es war, wie das kleine Küstenschiff, in dem ich nachher schlafen sollte. Sie war viel größer, als ich sie jemals gesehen hatte, die Sternennacht, und war dabei doch heimlich und gemütlich, wie sie nur denen wird, die nichts mehr hineingeheimnissen können oder wollen. Sie wurde zu einer vertraulichen Stube, in der ich seit ewigen Zeiten zu Hause war.

Es war mir aber auch zugleich, als könnte ich am Fuße jenes Leuchtturms, von der Klippenanhöhe über den fernen totstillen Meerrand fort, hinter die Meerlinie sehen, und da lagen in der Nacht in Deutschland helle große Städte. Und dort in abendbeleuchteten Straßen kreiselten die Lichter der Wagen und Fenster und Gedanken. Und jede Stadt war ein Lichterhaufen auf der dunklen Landkarte Deutschlands, und der größte Lichterhaufen war Berlin. Und wie kleine Phosphorpunkte sah ich dort denkende Menschen durcheinander rennen. Da waren Dichter und Maler und Musiker. Das Echo ihrer Worte war noch fern über dem Meer wach. Aber alles, was die Menschen dort in den Lichterhaufen ausgrübelten, und was sie mit Licht im Hirn zusammentrugen, schien mir nicht so gütig, nicht so freundlich und einfach festlich zu sein wie die reine kluge Luft in diesem reinen guten Frieden auf der kleinen schwedischen Fischerklippe.

Ich dachte mir: wenn der Morgen kommt, wirst du auch in Schweden am Land in einem alltäglichen Pfarrhaus, im Spinnwebenalltag, von neuem die Erhabenheit dieser Nacht einbüßen und den Eindruck vielleicht nicht einmal mehr erinnern.

Am nächsten Morgen, als ich schon ziemlich zeitig auf Deck kam, erstaunte es mich, daß das hohle Tuten der Sirenenpfeife des Schiffes, die nur im Nebel Stimme bekam, scheinbar von vielen Schiffen rundum beantwortet wurde. Das Meer war mit dickem Nebel bepackt, und das gellende Geheul der Dampfpfeife schien mir ähnlich dem Gebrüll mächtiger sagenhafter Nebelkühe. Und als ob ein Leitstier im Dunkeln brüllte und rundum die Kuhherde antwortete, so wurde die Dampferstimme vielfach im Nebel wiederholt.

Nachdem ich lange diesem Gebrüll gelauscht hatte, wichen die Nebelberge, und dunkle Felsenumrisse standen da. Unzählige, aus dem Meer gewachsene Inseln schienen wie eine große Stadt zu sein, wie viele Häuserblocks. Und das Meer ging zwischen den steingewölbten Inselklippen in sich kreuzenden Wasserstraßen hin. Und der kleine fortschleichende Dampfer schien still zu stehen. Aber die Inseln und die dämmerigen Gassen zwischen den Felsenwänden der Inseln schienen zu wandern. Und die schmalen Seewege wurden immer ähnlicher den Gassen einer großen Stadt, immer dunkler. Zuletzt waren wir tief in die Stadt aus Inselklippen eingedrungen und hatten nur über uns, wie in richtigen Straßen, einen schmalen Streifen Himmel, und unsere Stimmen hallten wie aus großen Gewölben von den kahlen Inselwänden zurück.

Und nun wußte ich auch, daß nicht Schiffe, sondern die Echos dieser Inseln und Inselgassen das Sirenengeheul unseres Schiffes vorhin hinter dem Nebel beantwortet hatten. Jede Felsenwand hatte den Dampferruf der andern Felsenwand weitergegeben. Die alten Bewohner der Mauergassen, Tausende von Möwenfamilien, saßen in langen Reihen und in Nischen und auf den Felsenstufen an den steilen Wänden und sahen uns still an.

Wußten die stummen Vogelreihen, daß es bald Frühling wurde, da der ihnen altbekannte kleine Küstendampfer nach langer Winterpause zum erstenmal wiederkehrte? Sie waren nicht scheu, die großen silberblauen Vögel. Aus ihren dunklen Mauerwohnungen äugten sie uns, die Köpfe schief legend, nach.

Und diese silbernen Vogelscharen, die ich nie vorher in solchen Massen gesehen hatte, und die Inselgassen, in denen unsere Menschenstimmen weiter redeten, wenn die Reisenden oder der Kapitän an Bord laut sprachen, und auch die Steine rundum, alle waren mir vertraute Güter, als wäre ich von Kindheit an ihr Besitzer hier. Die fremde Inselwelt war mir so lieb vertraut, als hätte ich die Vögel hier immer gefüttert, als müßten sie bei meinem Ruf mir aus der Hand fressen.

Die Felsenstimme, die aus den harten Klippen aufgeweckt wurde, kam wie aus meiner eigenen Brust. Mir war, als könnte ich erzählen, was diese Steinklippen den Winter über gedacht hatten, während hier kein Dampfer gegangen war. Es war die reine kluge Luft, der reine kluge Frieden, die hier nichts Trennendes zwischen mich und die Umgebung legte und mich allwissend stimmte.

Dann kamen wir an einen großen weiten Meerplatz zwischen Küste und Inseln. Der Wasserplatz war weiß zugefroren, als wäre er mit einer einzigen kilometergroßen Marmorplatte gepflastert. Rote Holzhäuschen, in den Schnee geduckt, standen rot bemalt am Rand des Meerplatzes auf Pfählen und erschienen mir wie Nürnberger Spielzeug. Diese Meerbucht wurde von der offenen See durch die Inseln getrennt. Die roten Häuser am Rand der buckeligen Schneeküste bildeten den Fischerort Fjellbacka, wo der Küstendampfer anlegen sollte, und wo wir den Dampfer verlassen sollten.

Von jeder verschneiten Insel rundum löste sich dann ein kleiner schwarzer Punkt, vor welchem noch ein kleinerer Punkt herzueilen schien. Jeder Punkt war ein Mann, der von einer Insel übers Meereis herbeisprang zum Dorf Fjellbacka hin, und der mit dem Fuß vor sich her ein Fäßchen stieß, das über die Eisfläche rollte. Das Fäßchen, erklärte man mir, enthielt Fische, die später auf den Küstendampfer verladen werden sollten.

Auch der große Meerplatz hier, der zugefrorene, wirkte wie eine lautlose Riesenstube, auf deren weißer Diele die Männer herbeiliefen, weil Gäste ins Haus gekommen waren. Wunderbar behaglich wirkte diese winterstille Landung.

Dann am Land führte ein Schlitten, der vom Pfarrhof geschickt war, den jungen Schweden und mich mehrere Meilen in das verschneite Land hinein, hie und da an einem Einzelgehöft vorbei. Ich sah nur wenige Bäume auf dieser Fahrt und eine einzige Windmühle. Sonst waren überall schneebedeckte Steinbuckel, nirgends ein Wald. Es schien mir, als fuhr der Schlitten nur auf leeren Eishügeln bergauf, bergab.

Schon begann ich zu bereuen, daß ich das lebensfrische Berlin mit dieser toten Eiswüste vertauscht hatte. Ich wäre am liebsten mit dem Dampfer zwischen den Inseln ewig weitergefahren. Denn was konnte mich in dem Pfarrhause anderes erwarten als Religionsgespräche und Tagesklatsch und Weltnachrichten, während ich doch so gern tiefer in die Urwelt eingedrungen wäre. Blicke, wie ich sie am Abend vorher von Smögen beim Leuchtturm und heute morgen in den Klippengassen hatte — wo nur Möwenfamilien wohnten und die Steinbrust meiner Menschenstimme antwortete und ich die stille Landung in der gefrorenen Meerbucht erlebte, von diesen Blicken ersehnte ich mehr zu bekommen. Und sollte ich zu alltäglichen Menschen zurückgeführt werden, so wollte ich aber auch dann gleich lieber wieder nach Berlin zu den geistig regsamen Menschen kommen.

Ich war noch jung und voreilig und schwankenden Eindrücken leichter preisgegeben, da ich auf kein Kapital von Erfahrungen zurückschauen konnte.

Ein wenig entmutigt saß ich neben dem Schweden, der nur ein gebrochenes Deutsch sprach, der sich freute, mir seine Heimat zu zeigen, und der während der Fahrt lebhaft seinen Kutscher befragte nach allem, was er von seinem Vaterhaus wissen wollte.

Der Schwede erklärte mir, daß all die waldlosen Hügel, die ich da ringsum sah, und an denen unser Schlitten hinaufkletterte, um dann wieder an der anderen Seite zu Tal zu fahren, daß diese Buckel in alter Zeit Inseln gewesen waren, an welchen die Wikinger mit ihren Booten damals landen konnten, und bei denen sie mit den Schiffen in den Meergassen hindurchgefahren sind, so wie es der Dampfer heute zwischen den Schären draußen getan. Das Meer aber war von Jahrhundert zu Jahrhundert weiter zurückgetreten, so war das Land nach Westen hin gewachsen und war allmählich aus dem Meer gestiegen. Wir flogen also eigentlich im Schlitten hier über verschneiten Meeresboden.

Mehr als die Erklärung, daß ich in der Urprovinz der alten Wikinger war — die Provinz Bohuslän fühlt sich vor allen schwedischen Provinzen mit Recht stolz, weil sie auf tausendjährige Menschenvergangenheit zurücksieht — mehr als diese Erklärung befriedigte mich der Gedanke, daß ich auch hier im Schlitten immer noch auf meerverwandtem Boden war und die Hügel des Landes als Brüder der Meerinseln ansehen durfte, jener Inseln, in deren Nähe mir auf der Herreise so wohl gewesen war. Würden mir jetzt — so dachte ich — die Menschen mit alltäglichem Gespräch in den Ohren liegen, so brauchte ich im Pfarrhaus dann nur an das Fenster zu treten und würde dann meine Augen mit den Hügeln sprechen lassen und würde die Schiffe der Wikinger auf die Steinfelder kommen sehen, als wäre da noch Meerwasser rund um die Hügel.

Ich muß noch kurz berichten, daß der junge Schwede, der da neben mir im Schlitten saß, kein alltäglicher Mensch war. Er hing zwar keinen philosophischen Gedanken nach, aber aufgewachsen als Sohn dieser Bohuslänschen Provinz, von Mutterseite von altschwedischem Adel stammend und von Vaterseite stark gemacht durch Wikingerblut, hatte er das Leben bisher als ein Riesenabenteuer angesehen und es immer festlich gestimmt aufgesucht. Auch die Unruhe der alten Wikinger hatte er ererbt, und so war er schon durch die halbe Welt gereist, trotzdem er erst siebenundzwanzig Jahre zählte.

Aber den Beginn seiner weiten Reisen hatte er nicht mit den gewöhnlichen Verkehrsmitteln, mit Dampfschiffen und Eisenbahnen, ausgeführt, sondern ein kleines Ruderboot hatte ihm genügt. Und in seinem Kahn war er, alle Gefahren verachtend, der Westküste Schwedens entlang bis nach Kiel gerudert. Dort hatte er sich vom Ruderklub feiern lassen und war dann weitergerudert nach Holland und war endlich in Calais gelandet.

Diese seine außergewöhnliche Reise, die mehrere Sommermonate dauerte, hatte in der damaligen Sportswelt Aufsehen erregt. Die großen Zeitungen brachten sein Bild, und von den Zeitungen aufgefordert, beschrieb er seine Reiseeindrücke.

Mehrmals hatte ihn unterwegs beinahe der Meerirrsinn erfaßt. Viele Nächte mußte er auf dem Meere übernachten. In anderen Nächten war er bei Leuchttürmen gelandet oder auf Leuchtschiffen, wo die Männer den Meerentstiegenen erstaunt und ehrfurchtsvoll aufgenommen hatten. In London, wo er zuletzt hinkam, stellte man sein kleines Boot, das so viele Mühseligkeiten mit seinem Herrn geteilt hatte, zur Besichtigung aus. Aber als er die Rückreise antreten wollte, waren die Stürme in der Nordsee zu schwer. Er nahm dann die Aufforderung einer Zeitung, nach Amerika zu gehen und Amerikabriefe zu schreiben, an.

Als ich den jungen Schweden und Weltfahrer bei Ola Hanson in Friedrichshagen in Berlin an einem Abend kennen lernte, war er eben von Amerika nach Europa zurückgekehrt und sollte nach Hause reisen, nach Schweden, um dort sein Buch über Amerika in seinem Vaterhaus, im Pfarrhaus zu Bohuslän, zu schreiben.

Er hatte als Kind, angeregt dadurch, daß er seinen Vater jeden Sonntag predigen hörte, zuerst Lust gehabt, selbst Prediger zu werden. Wie er mir erzählte, war er als kleiner Knabe oft auf einen Stuhl gestiegen und hatte vor den Dienstboten des Hauses gepredigt. Dann aber hatte ihn das Meer doch stärker angelockt als die Kirche, und er hatte schon, als er fünf Jahre alt war, von alten Fischern in Fjellbacka Unterweisung im Segeln bekommen und hatte dann von seinem Vater ein eigenes kleines Boot erhalten, auf dem er bald eigenmächtig von Insel zu Insel steuerte.

Da Gothenburg in regem Schiffsverkehr mit England steht und sich der junge Schwede, als er älter geworden, Schriftsteller zu werden sehnte, ließen ihn seine Eltern später hinüber nach England, nach Hull, reisen, wo er in einer Zeitungsredaktion beschäftigt wurde. Zurückgekehrt von England, pflegte er eifriger den Rudersport als die Schriftstellerei und unternahm kurz danach die abenteuerliche Ruderfahrt im eigenen Boote über die Nordsee und machte dann die Rundreise durch Amerika. —

Jener junge Mann hatte also viel Welt und Wirklichkeit erlebt und sich mutig durch Meer- und Hungerstürme durchgeschlagen, als ich ihn kennen lernte. Und wir wurden gute Kameraden. Aber nicht bloß, weil er das Leben großzügig nahm, sondern hauptsächlich deswegen wurden wir Freunde, weil er einer jener wenigen damals war, die an der Überzeugung festhielten, daß die Dichtkunst über Prosa und Dramatik erhaben sei, wenn auch augenblicklich der Zug des Zeitgeistes verächtlich auf Gedichte und gereimte Dichtungen herabsehen wollte.

Dieses Vertrauen für die Dichtkunst bei ihm zu entdecken, das war mir ganz überraschend gewesen. Der Gedanke, einen Gleichgesinnten gefunden zu haben, machte mir ihn besonders wert. Ich war erfreut, daß ein Mann, der die Wirklichkeit und stets die Wirklichkeit vor Augen gehabt hatte, in seinem Innern die Dichtung, die damals die verachtetste Kunst in Deutschland war, hochhielt.

Er hatte eben erst auf seiner Rückreise von Amerika den holländischen Dichter Gorter, den ich damals nicht einmal dem Namen nach kannte, in Holland aufgesucht. Gorters Gedichte und dessen Gedichtbuch „Mai“ waren ihm Heiligtümer geworden.

In jener Dichtung „Mai“ ist der Frühling als ein kleines Mädchen beschrieben, das auf einem Kahn durch die Kanäle Hollands fährt. Und die Dichtung erzählt in schlichten und reichen Bildern, durchdrungen von weiser Innerlichkeit, was das kleine Mädchen, das „Mai“ heißt, erlebt. Er erzählte mir außerdem, daß Gorter den einfachen Beruf eines Lehrers ausübe, und daß er eine schöne Gesprächsstunde bei ihm in seinem Hause erlebt habe, aber daß Gorter sehr traurig gewesen, da ihn sein Lehrerberuf quäle.

Auch hatte der Schwede Walt Whitmans großen Band „Grashalme“ aus Amerika mitgebracht. Auch von diesem Dichter wußte ich nichts Genaues. Ich hatte nur seinen Namen flüchtig nennen hören, denn in Deutschland war er damals so gut wie nicht bekannt.

Mit diesem Freund, der jetzt in sein Vaterhaus, nach beinahe zweijähriger Abwesenheit, zurückkehrte, flog ich im Schlitten über die Hügel der weiß verschneiten schwedischen Provinz Bohuslän, wo jetzt Ende März der Schnee noch viele Fuß hoch ausgebreitet lag.

Es war aber nicht bloß die Lust an der Dichtung, die uns beide zu Freunden gemacht hatte, sondern auch die Lust am Wirklichkeitsleben. Aber darin, fand ich, war der Schwede mir überlegen. Er kannte eine Welt von Bedürfnissen, die ich nur vom Hörensagen genossen hatte. Er liebte schöne Frauen, gute Getränke, erlesene Speisen, gute Zigarren, neue Kleider und außerdem alle neuzeitlichen Bequemlichkeiten. Wohl waren meine Sinne ebenso wach für alle diese Genüsse wie die seinigen, aber die Gelegenheit hatte sich mir noch nicht so geboten wie ihm, die Welt der weltmännischen Genüsse aufzusuchen und zu pflegen.

Es erstaunte mich gleich zu Beginn der Reise, mit welch ausgesuchter Feierlichkeit er sich im Hotel zu Tische setzen konnte und mit welcher Ruhe und Gründlichkeit er die Speisekarte untersuchte. Ebenso verblüffte es mich, daß den schweren Mahlzeiten sofort Kaffee, Likör und Zigarren folgen mußten, oder daß vormittags vor der Mahlzeit ein Magenbitter oder irgendein Bolzgetränk zur Anregung des Appetits genossen werden mußte.

In meines Vaters Haus war gut gekocht und gut gelebt worden. Aber ich hatte in all den Jugendjahren keine Zeit gefunden, den Gaumengenüssen nachzuhorchen, und ich wäre wahrscheinlich noch lange nicht auf den Gedanken gekommen, die Leibesgenüsse zu pflegen, hätte ich nicht in jenem Schweden einen Meister des Genießens gefunden. Ein gedeckter Tisch schien ihm ein Altar zu sein, an dem er für eine Stunde einen Gottesdienst abhalten konnte. Und die Würde, die Ruhe und die Andacht, mit der er das Zerlegen des Bratens, das Salzen der Speisen, das Betrachten der aufgetragenen Schüsseln vornehmen konnte, machten, daß man die Mahlzeit in seiner Nähe für eine heilige Handlung halten mußte. Und ich mußte bei seiner Art an die alten Helden Homers denken, die einst mit derselben schönen Umständlichkeit und Andacht die Hände zum lecker bereiteten Mahle erhoben hatten.

So ließ ich es mir gern gefallen, länger, als ich es früher getan, beim Essen und bei Essensfragen zu verweilen, und gewöhnte es mir an, mir den Schweden darin als Vorbild zu nehmen. Denn ich merkte, daß es mir gar nicht schädlich war, den Körper mehr zu beachten, als ich es früher getan, und ihm Genüsse zu gönnen, zu denen ich vorher mir nicht Zeit und Ernst genug eingeräumt hatte.

Ich begriff auch bald, je länger ich in Schweden war, daß es in einem so ruhigen und verhältnismäßig menschenleeren Lande jedem Menschen von der Natur leichter gemacht wird, mehr Zeit für sich und seine Lebensansprüche zu finden. Im hohen Norden mag es auch die vernichtende Kälte sein, die den Menschen zwingt, den Körper widerstandsfähiger aufzubauen und ihm breiteres Behagen zu bieten.

Auch diese Wahrnehmung machte mir Schweden lieb. Die Ruhe und Breite, mit der jeder einzelne Mensch seine Lebenstätigkeit nahm, diese Art tat mir wohl. Ich war als Bayer gewöhnt, den Körper ebenso gewichtig zu nehmen wie den Geist, welche Art ich bei Norddeutschen und besonders bei den Berlinern damals vermißt hatte, die mehr im Gedanklichen aufgingen.

Im Pfarrhaus, das in der einsamsten Einsamkeit, die man sich kaum ausdenken kann, wie am Weltende lag, in jenem Pfarrhaus murrte es erst in meinem Innern einige Tage, wie es im Magen eines Fleischessers murren mag, dem plötzlich reinste Gemüsekost verordnet wird. Man stelle sich vor, daß ich mitten aus dem Wintertrubel der Millionenstadt Berlin in eine Schnee- und Granitwüste verschlagen war, in ein großes weißes Holzhaus, in dem man den ganzen Tag als einzigen Laut eine Zimmeruhr ticken hörte. Sie war wie das alte Herz des alten Hauses. Sie redete den ganzen Tag vor sich hin in einem mächtigen Wohnzimmer, dessen viele Fenster ins Lautlose sahen. In den Vormittagsstunden kam zu einem Südfenster die Sonne hinter großen Blumenstöcken herein, und ich möchte sagen, daß es mich nicht verwundert hätte, wenn ich in der Stille dieses einsamen weltfernen Zimmers auch plötzlich das Vorwärtsrücken der Schatten der Blumenstöcke, die die Sonne über die Diele zeichnete, laut und deutlich gehört hätte, ebenso laut wie die laut marschierende Uhr.

Im Hause befanden sich unten große Erdgeschoßwohnräume und darüber unter dem Dach einige Giebelzimmer. In diesem einsamen Hause ging der Pfarrer, der Vater des jungen Schweden, wie der alttestamentarische Liebegott, alt und weißbärtig, stattlich und ehrfurchtgebietend, die Treppe zu seinem Studierzimmer hinauf und hinunter.

Ich hatte nie vorher in einem Holzhause gewohnt, und die unwahrscheinlich dünnen Wände, die doch keinen Laut hereinließen, weil es draußen noch stiller als drinnen war, diese dünnen Wände machten mir das Haus noch unwirklicher, als wäre es eine Erscheinung, gleichsam als wohnte ich in Eierschalen und könnte das Haus leicht zerbrechen und könnte in der Stille draußen körperlos aus diesem unkörperlichen Haus fortschweben.

Die älteste Tochter des Pfarrers, ein Mädchen von vierundzwanzig Jahren, und eine Gesellschaftsdame führten mit Hilfe mehrerer Mägde den Haushalt. Das Brot wurde im Hause gebacken. Die Milch kam aus den Ställen. Fische brachten die Fischer von Fjellbacka. Zu den Festtagen des Jahres wurde ein Kalb oder ein Schwein geschlachtet und eingesalzen. Die Hauptnahrung waren Fische, Milch, Grütze und Brot. Die Mutter des Schweden, die Frau des Hauses, lebte im Winter mit den jüngeren Töchtern und einem jüngeren Sohn in der Stadt Gothenburg, wo die Kinder in die Schule gingen. Sie kam mit diesen nur im Sommer und zu den Festtagen in das Pfarrhaus.

Der Begriff, daß Menschen mit Fleisch und Blut dieses einsame Haus bevölkerten, der kam mir dort, wenn ich allein in einem von diesen totstillen Zimmern stand, leicht abhanden. Denn draußen sah ich jetzt, in den Tagen im April, wo der Schnee, zu großen Stücken zerrissen, von der Sonne weggeleckt war, keine Ackererde, keinen Grasboden, sondern überall nur Granit, überall steinerne Granitbuckel. Als trüge das Land eine eiserne Rüstung, so unbeweglich starrte der graublaue Granit mich von allen Himmelsgegenden her an. Alle Hügel rundum, von denen der Schnee verschwand, waren gewölbte Granitkuppeln, ebenso wie es die Inseln im Meere draußen waren, die ich auf der Herfahrt gesehen, und zwischen denen meine Stimme wie in Kellergewölben gehallt hatte.

In diesem steinernen Schweigen war es mir zuerst, als sei ich in einen ungeheuren Kerker geraten. Die Leute, bei denen ich zu Gast war, schienen meine Kerkermeister zu sein. Da ich noch nicht Schwedisch konnte, konnte ich nicht an den Gesprächen und an der harmlosen Unterhaltung teilnehmen. Im Haus bemühte man sich zwar, das Schuldeutsch, das jeder in Erinnerung hatte, aufzufrischen und mit mir deutsche Sätze zu radebrechen. Aber man kam oft eine Stunde lang nicht über zwei Sätze fort, und die Unterhaltung stockte meistens im Gelächter über die deutsche Aussprache. Zum Beispiel verkündete mir die Tochter des Hauses eines Tages auf einem Spaziergang, daß sie sieben Greise im Stalle hätten und zu Ostern einen Greis schlachten würden. Sie verwechselte das schwedische Wort „gris“, das Schwein bedeutet, mit dem deutschen Wort „Greis“.

So hörte ich denn wie ein lebendig Begrabener auf das Leben rundum, ohne ihm näher kommen zu können. Aber um so schärfer wuchs die Aufnahmefähigkeit meiner Augen und Ohren, je länger ich zu unfreiwilligem Schweigen verdammt war. Und es ist mir heute, als seien meine Sinne in jenem Hause dort für alle Zeiten geschärft worden. Und vor allem lernte ich Landleben kennen. Ich, der vorher nur von Stadt zu Stadt gezogen war und das Land nur in der engsten Heimat kennen gelernt hatte, freute mich, hier Land- und Meeresleben und Dichtungsleben zusammen genießen zu können.

Denn oft lange Vormittage saßen der junge Schwede und ich in dem großen Wohnzimmer bei der tickenden Uhr und versuchten Gorters holländische Verse zu übersetzen und ebenso Walt Whitmans englische Verse. Und der Eifer ging mir dabei ebensowenig aus wie dem Schweden der Rauch seiner kostbaren Zigarre.

Gegen Ende April konnten wir die Zimmer verlassen. Der heftige nordische Frühling setzte über Nacht ein. Auf vielen der Granitbuckel trieb das purpurne Preiselbeerkraut, das die Hügel bedeckte, rote Blätter, und ferne Hügel standen tagsüber wie blutübergossen in der Sonne.

Der alte Pfarrer, der alte Liebegott mit weißem Bart, hatte mich öfters in seinem kleinen Wagen bei seinen Überlandfahrten mitgenommen, zu Krankenbesuchen oder zu Besuchen in anderen Pfarrhäusern. Und ich hatte mich immer wieder wundern müssen über die Einsamkeit und über den Granit, die auf Meilen über Meilen hier nirgends ein Ende nahmen.

Wo sich zwischen zwei Granitbuckeln ein wenig Humuserde angesammelt hatte, da hatte auch meistens an dem Rand des Erdfleckchens und im Schutz des Granithügels ein Menschenpärchen sein Holzhäuschen gebaut. Nirgends im Lande war ein Dorf. Die ganze Provinz schien ein einziges weites Dorf zu sein. Nur lagen die Häuser nachbarlich meilenweit auseinander. Und auf diesen Meilenstraßen fuhr der alte Pfarrer mit seinem alten Wägelchen, mit seinem alten zwanzigjährigen Gaul, als Hirte in dieser Einsamkeit tagelang umher.

Die kleinen rotgetünchten Bretterhütten mit den weißen schmucken Fenstervierecken und der weißen Türleiste saßen zwischen grauen Granit geduckt und tauchten wie rote Gesichter aus ihren Winkeln in der Ferne auf, wenn wir durchs Land fuhren. Eine einzelne Birke oder ein vom Wind schief gewehter Ebereschenbaum schmückten karg die ununterbrochenen Steinwellen des Granithügellandes.

Hier kam der Wind nicht wogend und weich über Äcker und rauschende Halme, er prallte von Stein zu Stein und zerplatzte an den Granitkuppeln. Und als ich einmal im Frühlingstauwetter, gegenüber dem Pfarrhause auf der nächsten Anhöhe, die nur dreimal so hoch wie das Haus war, stand und auf die ferne Meeresstimme lauschte, die jetzt aus dem Eis mit der Brandung aufgewacht war, und die man auch mehrere Meilen von der Küste her immer wie ein fernes Gewitter donnern hörte, da sah ich die kleinen Schneewasser, die in den Granitsenkungen von der Bergkuppel herunterrieseln wollten, vom Winde senkrecht aufgestellt, so daß sie, ähnlich kleinen Springbrunnen, mehrere Fuß hoch in Strahlen zur Höhe zerspritzten.

Dort oben auf einem anderen Hügel in der Nähe des Pfarrhauses zeigte mir der junge Schwede eines Tages einige mannshohe Steine, die da, einen Kreis bildend, einst vor tausend Jahren von Menschenhand aufgerichtet wurden. Hier hatten die Wikinger den Ratring gehalten, und an jedem Stein stand einst ein Häuptling angelehnt, wenn die Ältesten unter freiem Himmel berieten. Die Männer besprachen hier ihre Kriegszüge. Und der unerschütterliche Steinboden unter ihren Füßen und der unerschütterliche Himmel über ihnen machte auch ihre Ratschlüsse fest und unerschütterlich und ihr Vorhaben, das sie hier planten. Die aufgerichteten Steine, die treuen Stützen jener Männer, standen nun noch nach tausend Jahren hier, unangetastet von der Zeit.

Als wir beiden jungen Männer uns jeder an einen der Steine anlehnten, mögen die greisen Blöcke sich gewundert haben, wie leichtbeweglich die Männer einer anderen Zeit geworden waren. Und vielleicht haben sie erst daran gemerkt, daß über ihnen tausend Jahre vergangen waren.

Und wieder oben auf einer anderen Granitkuppel beim Pfarrhause zeigte mir der junge Schwede eine große Steinplatte, darauf neun kleine Schiffe eingeritzt waren. Als früher das Meer bis an diese Steinplatte reichte und der Granithügel eine der vielen Inseln in der Meeresfläche gewesen ist, war hier ein alter Landungsplatz der Wikinger. Neun Boote landeten hier. Wenn damals die Frauen hier saßen und die neun Boote abends erwarteten, die von einem Kriegszug oder Fischzug heimkehren sollten, dann deckten sie mit den Händen die Zeichnungen der Boote auf der Steinplatte zu. Und für jedes Boot, das in die Bucht einlief, zog sich eine Frauenhand von den gezeichneten Booten zurück. So wußten sie, ehe die Boote noch landeten, ob alle heil heimgekommen und keines untergegangen war.

Tiefer im Lande waren auf anderen Steinplatten unter Dornbüschen noch mächtigere Granitzeichnungen zu sehen. Da zeigte man mir eine eingeritzte Bootszeichnung, die war so groß wie ein liegender Mensch, und der Drachenkopf am Kiel und die Schilde der Krieger im Boote und viel Runenschrift waren ausführlich mit viel Schmucklinien in den Stein eingegraben.

Die Runen spielten auch immer noch eine Rolle hier im Lande. Die Kinder lernten die Runenzeichen in der Schule und die Töchter im Pfarrhause hatten Bergstöcke, in deren Holz sie sich von ihren Bekannten Erinnerungsworte in Runenschrift einritzen ließen.

Die Töchter des Pfarrers waren frisch und gewandt, und die jüngste ritt oft früh morgens in ihren Ferien in weiten Reithosen auf ungesatteltem Pferd ins Land hinein. Und wenn sie heiß und mit offenem geringeltem Haar zurückkam und schnell ins Haus springen wollte, um sich umzukleiden, weil sie sich ihrer Reittracht vor mir schämte, kam sie mir in ihrem Gemisch von Wagehalsigkeit und Mädchenverschämtheit noch begehrenswerter vor als sonst. Aber sie war erst fünfzehn Jahre alt, und ich war nur ein junger Dichtersmann, zwar reich an vielen Plänen, aber sonst kapitalarm. Und ich wußte, daß ich hier noch nicht ans Freien denken durfte.

Der junge Schwede und sein Vater saßen am Spätnachmittag oder abends meistens jeder in einem Schaukelstuhl und rauchten ihre Zigarren, und der Alte ließ sich von seinem Sohn über dessen Rundreise und über die Amerikafahrt berichten. Der Alte war einmal als junger Student Hauslehrer in Brasilien gewesen. Er kannte also auch die Welt ein bißchen, und er schmunzelte behaglich und frischte bei den Reiseerinnerungen seines Sohnes seine eigenen Reiseerinnerungen auf.

In jenen Stunden, wenn Vater und Sohn sich in ihrer Sprache unterhielten, ging ich draußen auf den Steinwegen umher und wunderte mich, wie beweglich jetzt im Frühling sogar das unbewegliche Steinland wurde. Da waren tausend kleine Wasser, die wie ein verstricktes Netz über alle Hügel und Berge gerieselt kamen, und überall hörte man die Echos von Tropfen noch tagelang, nachdem die kleinen Bäche längst versickert waren.

In der Osternacht standen dann die Hügel dunkelblau und trocken, aber ein heller gelber Berg kam wandernd am Erdrand herauf. Der war zuerst nur ein kleiner Hügel in der Ferne. Mitten unter den abenddunklen Hügeln ein einziger sonniger Hügel. Und er wuchs, während ich wanderte, und rollte über die fernen Granitkuppeln fort und wurde zur goldenen Vollmondskugel, die sich vom Erdboden ablöste.

Der Mond hier in den ewigen Steinen war wie ein Leib aus Fleisch und wanderte wie ich, und ich hätte mich nicht gewundert, wenn ich ihm dann später in einem der stillen Steintäler an einer Wegecke ganz nah begegnet wäre. Er schien mir hier keine ferne Welt zu sein, die da im Weltraum um die Erde kreist. Er war in diesen einsamen Tälern, wo niemand meine deutsche Sprache sprechen konnte, und wo ich so allmählich lernte, schweigend mit den schweigenden Dingen zu reden, mein heimatlicher Wanderkamerad.

Aber ich dachte mir dabei den Mond nicht als Menschen aus, mit dem ich plaudern wollte. Ich sagte nicht du und nicht Sie und nicht Mann und nicht Frau zu ihm. Ich ging und er ging, und wir schwiegen und verstanden uns, und näher bin ich dem Mond nie wieder gekommen als in den einsamen Steinhügeltälern in Bohuslän, wo wir Kameraden waren und im fremden Lande deutsch sprachen.

Da gab es auch einen Platz am Weg beim Pfarrhaus, wo ein Dachs wohnte. Seit Jahren wohnte er da und war ein alter Nachbar des Pfarrhofes. Und wenn ich mit einer der Töchter spazieren ging, sprachen die jungen Mädchen immer geheimnisvoller und leiser in der Nähe der Wohnung des Nachbarn und riefen ihm Scherzworte zu wie einem alten Hausfreund.

Und da war ein kleiner Birkenhain am Fuße eines Hügels und am Rande eines Baches. Wenn wir dort hinkamen, sprachen die Mädchen noch leiser und legten den Zeigefinger auf den Mund, weil im Frühlingsabend der Birkhahn balzte. Der war der zweite Nachbar. Und er balzte dort in jedem Frühjahr, solange die Leute denken konnten. Vielleicht war es immer ein anderer, aber davon sprach man nicht.

Und der junge Schwede — der neben der Schriftstellerei auch Botanik pflegte — hatte eine Birke dort am Waldrand besonders lieb. Und schon als Knabe hatte er in jedem Frühjahr die Birke mit seinem Messer angeschnitten und ein kleines Rohr in den Stamm gesteckt und sich den Birkensaft in den Mund träufeln lassen und hatte oft so der Birke Herzsaft genossen.

Wenn er jetzt manchmal heimkam vom Walde, hatte er wieder seine Birkenfreundin besucht, und dann war er immer schwärmerisch gestimmt. Er behauptete auch oft, wenn er von seinen Spaziergängen heimkam, wunderbare Blumen gefunden zu haben. Doch wenn er sie mir zeigte, waren es die allerwinzigsten Blüten der Welt. Denn andere wuchsen dort in der steinernen Welt im Vorfrühling noch nicht. Stiefmütterchen, deren Blüte nicht größer als eine Linse war, kleine blühende Bärenmoose und die kleine Linea, die stark mandelduftende Lieblingsblume der Schweden, die nicht größer als ein großer Stecknadelkopf ist. Wunderbar waren diese winzigsten Blumen wohl, aber ich hätte, an die deutsche Flora gewöhnt, diese fast unsichtbar blühenden Pünktchen nicht Blumen nennen können und erwartete immer, wenn der Schwede von Blumen sprach, daß er einen Strauß von großen Blüten nach Hause bringen würde, wie ich sie aus deutschen Wäldern und Wiesen kannte.

Oben auf den Granitkuppeln, wo wir im Vorfrühling, nachdem der Schnee so plötzlich verschwunden war, zur Mittagsstunde, wenn die Sonne die Steine wärmte, am liebsten saßen, weil man von dort die ferne Meerscheibe sehen konnte, dort wuchs aus Steinplatten heraus eine rote krallenartige Blüte. Und der Schwede fing manchmal eine kleine Spinne oder eine Fliege und warf sie auf die Krallenblume. Jedes Glied dieser Blüte war eine kleine Röhre und sah klebrig glänzend aus. Ein solches Röhrchen krümmte sich sofort und verschluckte das ihm zugeworfene Insekt. Diese Blume lag da vor uns im Sonnenschein auf dem Granit, der früher Meeresboden war, und erinnerte an den verkümmerten Rest einer einst hier lebenden Tiefseepflanze, die sich am Meeresgrund Beute gefangen hatte mit schlangenartigen Armen, und die nun die Insekten in der Luft belauerte.

Winzige Eidechsen huschten vertraulich, wenn wir auf den Steinen saßen, bis an den Rand unserer Schatten. Dann aber erschreckten sie vor unseren beweglichen Schatten zurück und schossen wie kleine Pfeile davon.

Die kahlen Granithöhen, deren es Tausende bis tief ins Land hinein gab, zeigten wenig scharfe Ecken oder Kanten. Man sah ihnen allen an, daß das Meer sie einst rund gewaschen hatte in mehrtausendjähriger Arbeit. Und dieses, daß da rundum im Land nicht zackige Felsen waren, sondern zu Kuppeln geschliffene, glattgerundete Höhen, an denen man noch den Gang der großen Meereswellen, die sich einst hier überstürzten, deutlich eingeprägt und eingewaschen sehen konnte, dieses vom Meer einst umspülte und jetzt verlassene Granitgekröse, das jetzt statt des Wassers Sonnenlicht und Wärme auf sich leben fühlte, gab dem Gesicht der Landschaft ein unheimliches Gemisch von alter versteinerter Sturmpracht und unendlicher himmlischer Friedlichkeit.

Wenn Westwind war und man das Ohr auf einen Steinbuckel legte, hörte man in ihm das meilenferne Meerdonnern, das fern in Fjellbacka an die Küste gezogen kam, und das deutlich den Steinen tief im Lande Stimme gab. Es war, als kehrten die alten brausenden Erinnerungen in die fernen Granitmeilen der Hügel und Täler zurück. Und man würde sich nicht gewundert haben, wäre plötzlich das wirkliche Meer angestürzt gekommen in die hügeligen Granitwüsten, die in der Frühlingssonne nicht auf Blüten, sondern auf weißen Meerschaum zu warten schienen.

Hinter dem Pfarrhause, einige hundert Schritte fort im Tal, lief ein Bach am Rande eines verwachsenen Obstgartens. Woher der Bach kam und wohin er lief, wußte ich nicht. Er kam vielleicht aus irgend einem der alten Eichenwälder, die ein paar Meilen weiter drinnen im Lande, urwaldähnlich, in üppiger bemooster Herrlichkeit, ohne Forstaufsicht, vorweltlich wuchsen. In dem kleinen Tal hatte das stille Wasser im Verein mit Abend- und Morgennebeln seit Jahrhunderten den Granit mürbe gemacht und hatte Humus und Waldabfälle in all den Zeiten reichlich angeschwemmt und hatte mitten im Granit ein paar Wiesen und Gartenerde geschaffen.

Und die Wärmeausstrahlung des Granites, der sich in der Sonne schnell erhitzte und nachts noch warm blieb, machte, daß im Frühling in jenem Tal am Bach entlang die Wiesen über Nacht blitzrasch aufblühten, so daß sie fast nicht natürlich, sondern wie plötzlich künstlich hingestellt aussahen. Halme und Wiesenblumen schossen in acht Tagen hoch. Da waren Schierlingpflanzen, Sauerampfer, Salbei, die da eilig in den Himmel wuchsen, üppiger als auf irgendeiner anderen Ackerwiese. Und die Wiesenkräuter dufteten in der reinen Steinluft nach reinstem Honig und nach starken Gewürzen. Das Grün und die siebenfarbige Blumenschar waren hier leuchtender und selbstherrlicher als auf irgendeiner Wiese der Erde.

Eingerahmt von den dunklen, am Tage noch nachtblauen Granithügeln, die auf der Sonnenseite wie altes Silber schimmerten und rötliche und lila Schatten warfen, wirkten die wachen Wiesen wie ein greller Spuk, unwirklich in dem unwirklichsten Land, das ich je gesehen habe.

Eines Tages hatte ich lange mit dem alten Pfarrer über Deutschland gesprochen. Der alte Herr hatte einmal vor Jahren in Halle und Leipzig studiert. Und wie ich mich so recht an die deutsche Heimat zurückerinnerte, da fiel mir erst auf, wie fremd hier um mich alles war. Ich war im Gespräch mit dem alten Herrn in Gedanken in deutschen Straßen bei deutschen Lauten, auf deutschen Wegen, an Äckern, Kornfeldern hingewandert und sah mich dann zurückgekehrt vor einem der Erdgeschoßfenstern des großen Wohnzimmers im schwedischen Pfarrhof stehen und sah draußen zwischen den rotgetünchten Stallungen und den rotgetünchten Futtermagazinen den blauen granitbuckligen Felsenboden, den keine Menschenhand hier bewältigen konnte. Granit überall in mannshohen Buckeln und in tiefen Furchen. Der Granit machte auch noch den inneren Hof zwischen den Stallungen und dem Wohnhaus kraus. Wie ein zu Stein erstarrter Wasserfall stand der Granit vor den Fenstern, in steinerstarrten Strudeln, unerbittlich dem Menschen trotzend, hie und da roten Eisenrost zeigend und offenliegende Eisenadern. Furchtbar gerüstet und fremdartig starrte so das Land rund die wohnlichen Holzbauten und mich deutschen Menschen an.

Wenn es Abend wurde, und die Sonne hinter den nächsten Steinkuppen schwand, ließ sie den staubreinen Himmel zwar noch lange glashell leuchten, aber die stumme Steinlandschaft verwandelte sich, sonnenverlassen, rasch in eine dunkle Kohlenlandschaft, die schien geformt aus riesigen Schlackenmassen voll Höhen und Tälern. Fast angstvoll sah ich dann immer auf die ungewohnte Verwandlung. An jenem Abend, nachdem ich im Gespräch mit dem alten weißbärtigen Herrn weit in Deutschland geweilt hatte und er mich fragte, wie es mir in Bohuslän gefiele, mußte ich unwillkürlich ausrufen:

„Fremder könnte ich mich nicht fühlen, wenn man mich plötzlich von einer Erdlandschaft in eine Mondlandschaft versetzt hätte.“

Und ich bat, man möge mir eine Landkarte zeigen, damit ich mich überzeugen könnte, daß ich wirklich nur eine bis zwei Tagesreisen von Deutschland entfernt war. Denn ich hatte, solange ich jetzt in Schweden war, noch keinen genauen Begriff davon, unter welchem Breitegrad ich eigentlich lebte. Und wenn man mir gesagt hätte: „Sie sind ganz nah am Nordkap,“ so hätte ich vielleicht erstaunt gefragt: „Ach, bin ich nicht weiter von Deutschland fort?“ Denn die Landschaft hier im Vorfrühling erinnerte wirklich mehr an Landschaften auf dem Mond als an Erdgebiete.

Auf der Karte sah ich dann zwar zu meinem Erstaunen, daß die bohuslänsche Küste nur am Skagerak lag, dessen Meereswellen von Schottland und von der Nordspitze Dänemarks, von Skagen herüberkommen. Ich war also mitten in mir bekannter Geographie und war noch nicht einmal in Norwegen und hatte doch, der Landschaft nach, geglaubt, ich befände mich schon am äußersten Ende der Welt oder vielleicht gar nicht mehr auf der Erde.

Ich hatte in den ersten Tagen gefürchtet, mit dem Pfarrer über Glaubensfragen in Streit zu geraten. Aber dieses Pfarrhaus war so einzig dastehend in der Welt wie die Landschaft, in der es lag. Es herrschte da jene echte selbstverständliche Lebensandacht. Die Würde und die Ruhe, die den alten Pfarrer umgaben, waren ebenso unerschütterlich wie die Weltallwürde der Granithügel draußen. Denn dieser Geistliche dachte nicht daran, Glaubensfragen irgendwelcher Art aufzuwerfen oder aufzutischen. Sein Leben war tägliche Amtsarbeit, durchdrungen von ernster menschlicher Güte.

Zu Anfang jeder Woche besuchte der alte Herr bei Wind und Wetter — die dort schneidender als irgendwo sein konnten — ferne, verstecktgelegene Armeleutehäuschen seines Sprengels, wenn er vorher Nachricht bekommen, daß irgendein armes Weib oder ein Kind oder ein alter Mann krank lagen. Am Mittwochnachmittag war Katechismusstunde. Aber man denke nicht, daß da Kinder ins Haus kamen, um die Sprüche und Gebote des Katechismus aufzusagen.

Es gab im Pfarrhause eine Bank, die stand unter dem Gebälk des Dachbodens, wo des Pfarrers Arbeitszimmer als breite Mansardenstube lag, und dort vor der Tür, unter dem schiefen Dach, saßen an jedem Mittwoch schiefgebückte und ein wenig schiefgeratene Frauenzimmer der weitzerstreuten Gemeinde. Da waren Frauen, die Ehebruch begangen hatten, und junge Mädchen, die der Verführung eines Burschen nachgegeben hatten und sich nun Mütter werden sahen, ehe sie noch mit dem Burschen einen Hausstand gegründet hatten. Diese Verfehlungen gegen Haustreue und Gesellschaftssitte mußten vom Pfarrer dadurch gerügt werden, daß die betreffenden Frauen zusammen Mittwochs zur Katechismusstunde befohlen wurden, wobei sie noch einmal das betreffende Gebot, das sie außer acht gelassen hatten, sich einprägen mußten und sich vom Pfarrer einige darauf hinweisende Worte zum besseren Verständnis ihrer Lebensstellung sagen lassen mußten.

Der junge Schwede machte sich an jedem Mittwoch immer ein besonderes Vergnügen daraus, mich aus dem Giebelzimmer, das ich bewohnte, zu rufen, um mit mir langsamen Schrittes und plaudernd im Hausboden auf und ab zu gehen, wo die büßenden Frauen und Mädchen der Fischer oder Mägde der nächsten Güter auf der langen Bank verlegen beieinander saßen und auf den Pfarrer warteten.

Freitags war der Begräbnistag. Am ersten Freitag meines Aufenthaltes dort wußte ich das nicht. Als ich ahnungslos, am Giebelfenster sitzend, von meinem Buch zufällig aufsah, hörte ich fern am Himmelsrand, wo ein Schneeweg zwischen Granithügeln ging, einen Schlitten klingeln. Als dann das Gefährt am Pfarrhaus vorbeikam, bemerkte ich einen Sarg, der neben dem Kutscher einen großen Platz im Schlitten einnahm. Dieser eine Sarg erstaunte mich noch nicht sehr. Der Schlitten mit dem Sarg fuhr hinter die Hügel, wo die Kirche lag.

Aber nach einer Weile, als ich einen Spaziergang machte, kam auf einem ganz anderen Schneeweg, von einer ganz anderen Himmelsrichtung wieder ein Schlitten an, und als er näher kam, sah ich, daß dieser Schlitten auch einen Sarg mit sich führte. Und auf einem dritten Weg aus einer dritten Richtung hörte ich dann wieder einen Schlitten klingeln, und nun blieb ich neugierig am Kreuzweg im Schnee stehen, um zu sehen, ob er auch einen Sarg dabei hatte. Und wirklich, es war wieder ein Sarg auch auf dem dritten Schlitten.

Nun wurde es mir ganz unheimlich. Da schwarzgekleidete Leute in jedem Schlitten saßen, die in ihre Taschentücher weinten, so konnten die Särge nicht leer sein. Und da die Schlitten aus verschiedenen Himmelsgegenden kamen, nahm ich an, es sei im ganzen Land eine Epidemie ausgebrochen.

Ich hörte dann aber im Pfarrhaus, daß jeden Freitag der Beerdigungstag war. Da die Leichen in dem kühlen schwedischen Klima acht Tage zu Hause aufgebahrt liegen dürfen, konnte man es so einrichten, einen einzigen Tag in der Woche zum Beerdigen festzusetzen.

Samstag und Sonntags waren Kindstaufen und Hochzeiten angesetzt. Diese fielen aber meistens in die wärmere Jahreszeit und nicht in die Schlittenzeit, indessen die Särge natürlich auch in der wärmeren Jahreszeit nicht ausblieben.

Am Samstag und Sonntag sah ich dann immer von meinem Giebelzimmer aus, auf den verschiedensten Wegen, über den Hügeln Bauernfuhrwerke auftauchen, deren Kutscher schon von ferne beim Anblick des Pfarrhofs lustig mit der Peitsche knallten. Gewöhnlich fuhren zwei, drei kleine Wagen hintereinander; und alle Peitschen knallten, und die Räder sprangen hoch über den Steinboden, und die Wägelchen hüpften mehr, als daß sie fuhren, und die Insassen hielten ihre Hüte und ihre Tücher am Kopf fest. Nur lachende Leute kamen an diesen Tagen in den Pfarrhof. Sie wurden an der Haustür des Pfarrhauses ausgeladen und stiegen zum Pfarrer ins Studierzimmer hinauf, wo sie ihre Traupapiere abholten, um nachher zur Kirche zu fahren.

Oder ein anderer Trupp lachender Leute begegneten mir auf der Haupttreppe. Sie trugen ein kleines weinendes Kind auf weißen Kissen oder in dicke Reisedecken gehüllt. Das Kindchen hatte stundenlang im offenen Wagen reisen müssen, um seinen Vornamen im Pfarrhause zu erhalten und seine Aufnahme in die Gemeinde. Auch die Särge hatten oft stundenlang reisen müssen, um ihre Toten bei der Kirche zur Ruhe zu bringen. Ebenso mußten die Brautpaare von allen Windrichtungen stundenweit herreisen, um sich ihren Segen zum Ehestand beim alten weißhaarigen Liebegottpfarrer zu holen. Alles dieses war seit alters her so eingerichtet und wurde befolgt.

Des Pfarrers stattliches Landkirchlein lag hinter einigen Granithügeln, eine kleine Viertelstunde entfernt vom Pfarrhause. Das Kirchenhaus war ein schöner vielhundertjähriger behäbiger Granitbau mit gotischem Gewölbe und erinnerte an altschottische Kapellen. Ganz einsam lag das Gebäude in der Landschaft. Auf einer erhöhten Erdfläche, die den Friedhof bildete, stand diese schmucke silbergraue Kirche und hatte weite Fernsicht über das narbige steinerne Hügelland. Das Kircheninnere hatte Ähnlichkeit mit einem trutzigen Burgsaal. Die Sonne ging den ganzen Tag rund um diesen großen Kirchensaal, der einfach weißgetüncht war und doch einen festlichen Eindruck machte. Die Sonne sah auf ihrem Rundgang zu allen Fenstern in den Saal hinein.

Im Kirchhof draußen standen als Grabsteine viele mannshohe aufgerichtete Granitblöcke, und einige dieser Steine zeigten neuzeitliche Drachenzeichnungen, alte aufgefrischte Wikingererinnerungen.

Eines Sonntagmorgens fragte mich der junge Schwede, ob ich nicht einmal seinen Vater predigen hören wollte. Ich hatte längst gefürchtet, daß einmal im Pfarrhaus dieses Ansinnen an mich gestellt werden könnte. Und als ich fragte, ob der Pfarrer den Wunsch selbst ausgesprochen hätte, ob der Vater den Sohn beauftragt habe, mich zur Kirche zu führen, lachte der Gefragte und meinte, sein Vater kümmere sich nicht darum, was ich glaube oder nicht glaube, denn ich gehörte ja nicht zu seiner Gemeinde. Der alte Herr wisse recht gut, daß jeder nach seiner Art selig werden dürfe.

Wir gingen dann zur Kirche. Der Gottesdienst hatte schon begonnen, und der junge Schwede öffnete deshalb vorsichtig und langsam die Türe, erst nur ein wenig, um zu horchen, weil wir bei einer Pause eintreten wollten.

Dicht bei der Türe hörte ich aus dem Innern des Steinhauses eine laute Predigerstimme. Aber das schien nicht die Stimme des Pfarrers, nicht die Stimme eines gesunden, würdevollen und ruhigen Menschen zu sein. Diese Stimme klagte in den jämmerlichsten Lauten, ächzte, stöhnte und krümmte sich, als winde sie sich, um aus einem Menschenkörper zu entschlüpfen, der sie quälte. Und die Stimme näselte dabei, so daß ich ihr nicht glauben konnte, daß ihre Qual echt sei. Es schien mir, als jammere sie den Jammer eingebildeter Leiden; Leiden, die sie mit einer gewissen Wollust aufzählte. Die Stimme war wie die eines eingebildeten Kranken, der atemlos eine Krankheit nach der anderen an sich zu finden beteuert, und der sich und andere überreden muß, an diese Krankheiten zu glauben, weil er getrieben ist von einer unerklärlichen Notwendigkeit, fortgesetzt mit Krankheiten, die nicht vorhanden sind, sich und andere zu beschäftigen.

„Das ist doch nicht Ihr alter, ernster, Ihr stattlicher und rüstiger Vater, der da drinnen von der Kanzel spricht,“ sagte ich tief erstaunt zu dem jungen Schweden, nachdem ich einen Augenblick sprachlos draußen vor der Kirchentür gelauscht hatte. „Das ist doch nicht seine natürliche Stimme, mit der er sonst so weise, vornehm und würdevoll im Hause mit uns spricht.“

Der junge Mann sah mich an und lachte. Er hatte seinen Vater oft predigen hören, und er begriff nicht recht, daß ich die Stimme des alten Herrn nicht wiederfinden konnte.

„Das ist er nicht! Das ist ganz unmöglich,“ behauptete ich. „Das ist ein fremder Geistlicher. Sicher hat sich Ihr Vater heute von einem anderen Prediger ablösen lassen.“

„Aber ich kenne doch die Stimme meines Vaters wieder,“ meinte nun der Sohn ernst werdend.

„Ob das nun Ihr alter Herr ist oder nicht,“ sagte ich, „dieser Stimme will ich jedenfalls nicht zuhören. Diese Stimme kommt mir so unwahr und so unmenschlich vor, daß ich dem Menschen nicht zuhören will, der diese Stimme hat. Wie kann man bei schönem Frühlingsonnenschein so wimmern, wenn man nicht todkrank oder am Sterben ist! Ich finde diese Stimme unvernünftig. Der Frühling lacht auf den Steinen, und die Steine selber sehen in der Sonne so festlich aus, daß ich es eine Sünde finde, wenn ein Mensch an diesem frohen Sonntagmorgen ein so gequältes Gewimmer aufschlägt, welches mir ganz unausstehlich in den Ohren weh tut und meine Menschenwürde plagt.“

„Es ist aber doch mein Vater,“ lachte jetzt wieder der Schwede, der meine Rede mehr lustig als ernst fand, und den es plötzlich gewaltig unterhielt, daß sein Vater zwei so verschiedene Stimmen hatte. „Das ist seine Amtsstimme,“ sagte er. „Mit dieser Stimme muß er zu den Bauern und zu den Fischern sprechen. Sonst glauben diese einfachen Leute nicht den Worten, die er zu sagen hat.“

„Dann können die Worte nicht wahr sein,“ meinte ich und murmelte diesen Satz vor mich hin, denn der Schwede streckte eben seinen Kopf durch die Türspalte in die Kirche hinein und zog ihn vergnügt wieder zurück und sagte:

„Natürlich ist es mein Vater und kein Hilfsprediger. Aber jetzt, wo ich die Verschiedenheit in seiner Stimme empfunden habe, kann ich heute selber nicht mehr, ohne zu lachen, in die Kirche hineingehen.“

Und wir gingen und wanderten, immer noch über den alten Herrn und seine Stimme streitend und sprechend, von der Kirche fort, und schritten lachend über das frühlingsbesonnte Steingesicht der Landschaft, das so aufrichtig und unverhüllt am Sonntag wie am Alltag mit gleicher Würde und Vornehmheit einem zu Herzen sprach, und das nur eine tiefe Weltallsprache und nur eine festliche Lebensstimme kannte.

Später zu Hause, beim Sonntagmittagstisch, war der alte Herr großgeistig genug, unsere Aussprache über seine zwei Stimmen, die wir vor der Kirchentür hatten, und die ihm sein Sohn erzählte, lachend und humorvoll aufzufassen. Und ich war dadurch einer peinlichen Erklärung meiner Weltauffassung, die ich unvermeidlich hätte geben müssen, enthoben.

Denn es ist mir nie eingefallen, solange mich meine neue Weltanschauung beschäftigte, sie irgend jemandem unaufgefordert einreden oder aufdrängen zu wollen. Trotzdem ich damals jung und lebhaft war, schwieg ich über meine Gedanken.

Teils schwieg ich, weil ich mich in den Jahren meiner Lebensunerfahrenheit älteren und in ihren Bürden und Gedanken weiß gewordenen Männern gegenüber nicht fürwitzig benehmen wollte, aber hauptsächlich schwieg ich deshalb, weil ich die neue Weltauffassung zuerst am eigenen Leben, am eigenen Geist und Körper durchkosten und anwenden wollte.

Ich schwieg aber nicht bewußt, ich fühlte nur unbewußt: die Zeit wird kommen, wo ich entweder die Auffassung von der Festlichkeit des Lebens vergessen, abgetan und als unsinnig empfinden werde, oder ich bleibe dieser Anschauung treu, und mein Leben und meine Lebensarbeit gestalten sich von selbst im Sinne meiner neuen Anschauung.

Und dann, wenn das einmal sein wird, dachte ich, dann habe ich in mir selber den Wirklichkeitsbeweis gefunden, daß man glücklich, weltfestlich und alle Leben verstehend und auf alle Leben eingehen könnend, auch zu den ältesten und zu den jüngsten Leuten wird sagen können: „Seht, ich weiß einen Weg, einen Gedankengang, der alle Handlungen des Menschen, die Tätigkeit und die Ruhe, die Freude und das Leid festlicher und reicher machen kann, als es bisher in allen Jahrhunderten der Menschheit möglich gewesen ist.

Sich Schöpfer und Geschöpf fühlen, ob man nun Handwerker oder Dichter ist, Mann oder Frau, König oder Knecht, sich zu fühlen als Besitz aller und als Besitzer des Alls, diese Kraft legt in eure Gedanken.

Mit dieser Kraft lebt euer Leben, und ihr werdet so reich sein wie jene Götter, die ihr euch immer reich gedacht habt, so reich werdet ihr dann sein. Ihr werdet allwissend, allfühlend, allweise sein. Ihr werdet allmilde, allgütig und gestreng sein, mit euch und allen Leben. Ihr werdet dem Menschenleben in dieser festlichen Lebensauffassung eine natürliche Schönheit geben. Und ihr werdet euch alle nicht mehr erniedrigen müssen, mit Doppelzungen zu reden.“

In den nächsten Tagen nach jenem Sonntagvormittag, an dem ich zum erstenmal in meinem Leben vor einer Kirchentüre umgekehrt war und mich von einer Doppelstimme hatte erschrecken lassen, dachte ich viel nach und sagte mir, daß ich wahrscheinlich niemals vor jener Kirchenstimme erschrocken wäre, wenn mir der Prediger unbekannt gewesen. Denn ich hatte eigentlich in der Kirche nichts anderes erwarten dürfen als den mir seit meiner Kindheit bekannten, halb klagenden, halb strafenden Kanzelton, bei dem wir Schulknaben alle unsere Sonntagvormittage bis zur Schulentlassung hatten verbringen müssen.

Aber hier in der fremdartigen Landschaft, auf dem heimatfernen Weltfleck, wo einen noch vor der Kirchentüre die Drachenzeichnungen alter starker Wikingererinnerungen auf aufgerichteten Friedhofsteinen empfingen und einem mächtige naturstolze Menschen aus der Vorzeit in die Vorstellung gerufen wurden, hier war in der Granitpracht des ungebändigten Landes und bei der Nähe des ungebändigten freien Nordmeeres die weinende, klagende, strafende und krankende Predigtstimme etwas, das sich so gar nicht in die starke Umgebung einfügte. So daß ich schon davon allein, vom Klang des jammernden Predigttones, bedrückt worden wäre, auch wenn ich gar nicht die schöne vornehme und kräftige Alltagsstimme des Pfarrers vom Pfarrhause her gekannt hätte. —

Kein Mann darf aber zwei Stimmen haben; die Amtsstimme und die Hausstimme sollen beide so ineinander verschmolzen sein, so wie Mund, Lunge und Herz im Amt und im Haus dasselbe bleiben und nicht an- und abgelegt werden können durch einen zweiten Mund, ein zweites Herz, eine zweite Lunge.

Das Hausamt ist ebenso feierlich und festlich zu nehmen wie das Weltamt, und keines darf das andere an Würde überbieten wollen.

Denn Kinder zu erziehen, lebende Menschen zu schaffen und zu bilden und zu versorgen im Hause, das ist eine ebensolche feierliche Arbeit wie die Amtsarbeit außer dem Hause, die Würde verbreiten soll in das Leben der Menschenmassen.

Aber es war außer der Stimme auch der Schrecken über die Lehre von der Erbsünde und über die Lehre von dem Lebensjammertal, der mich mitten im Frühsonnenschein wie eine mittelalterliche Dunkelheit an der Kirchentür überfallen hat. Die Stimme, die da drinnen in der Kirche nur von Strafe und Leid und Sorgen zu predigen schien, von irdischen Qualen und sehnsüchtig erhofften ungewissen Himmeln nach dem Tode, diese Stimme schien die Tagessonne auslöschen zu wollen.

Ich versuchte es in den nächsten Tagen nach jenem Sonntag im Pfarrhause öfters, wenn ich mich mit dem alten Herrn in altgewohnter Weise unterhielt und er sich so ernst und gemessen in seinem Schaukelstuhl im großen Wohnzimmer wiegte, ob ich die Kirchenstimme, die mir von jenem Sonntagmorgen her wie ein trüber Spuk noch im Geiste stand, in den stattlichen, wohlgepflegten und trutzigen Herrn, der einem Wikingerhäuptling ähnlicher war als einem Pfarrer, hineindenken konnte.

Es war mir das aber ganz unmöglich. Zu Hause sprach der alte Herr tief und gewichtig, verständig, gesund und bedeutsam, und sein Ton wiegte sich auf einer allmenschlichen Güte und Würde, und in seinen blauen blitzenden Schwedenaugen blinkte das Salz eines klugen Verstandes wie der Glanz des Meeres. Und wenn die Sonne vom Fenster her in seinen weißen Bart leuchtete und wir von Politik und Philosophie sprachen und sein Sohn ihn beim Deutschsprechen ein wenig unterstützte, dann war das ganze einfache Haus, das diesen Alten in Amt und Würden seit vielen Jahren beherbergt hatte, für mich mehr festliche Kirche als die Kirche, zu der der Pfarrer Sonntags ging, und in der er, wie mir schien, seinen Leib aufgab und als sein eigenes Gespenst auf der Kanzel stehen mußte und zu Gespenstern predigen mußte.

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