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Gedankengut aus meinen Wanderjahren. Erster Band

Gedankengut aus meinen Wanderjahren (continued 2)

Reading edition

Es steckte danach eine tiefe Furcht in mir vor dem unsichtbaren Ort, an dem jener fremde Herr wohnen sollte und Furcht vor dem Unsichtbaren selbst. War es wirklich so schön dort bei ihm, wie es alle sagten? Ja, warum blieben wir denn dann alle hier? Warum folgten wir denn nicht sofort meiner Mutter nach?

Und wie konnte man sagen, daß sie es jetzt schöner habe, wenn sie meinen Vater nicht hatte und uns Kinder, die sie liebte? Konnte sie es dann wirklich bei dem Fremden schöner haben und glücklich sein? Meine Mutter war für mich bei diesen Gedanken auf einmal nicht mehr meine Mutter, sondern eine kühle, fremde Dame, die dort hingegangen war, wo man sich besser unterhielt, und die wahrscheinlich meinen Vater und uns Kinder über besserer Unterhaltung vergessen hatte.

Aber das glaubte ich nicht. Ich stampfte auf und weinte zornig und warf mich schreiend auf den Zimmerboden und wollte zu meiner Mutter gebracht werden. Und als mein Vater gerufen wurde und er mich aufhob und mich auf seinen Schoß nahm und mir mit Tränen in den Augen versicherte: „Deine Mutter hat uns nicht vergessen,“ da stieß ich unter Schluchzen hervor: „Warum holst du sie denn nicht endlich?“ Und mein großer starker Vater mußte wimmernd zugeben, daß es einen Stärkeren und Größeren gäbe als ihn, der die, die er einmal zu sich gerufen habe, nicht mehr hergeben wollte.

Für einen Augenblick sank da die Hochachtung für meinen Vater in meiner Kinderbrust von tausend auf null Grad. Eigentlich wollte ich meinem Vater nun nicht mehr gehorchen. Der Unsichtbare war stärker als er, und meine Mutter war bei dem Stärkeren. Ich wollte mich nur an den Unsichtbaren halten, weil auch meine Mutter zu ihm hielt.

Aber nun geschah das noch viel Unverständlichere, etwas, das mich ganz verwirrte, das alle meine Begriffe auf den Kopf stellte: mein Vater, der doch jenen Unsichtbaren, der ihm die Frau genommen hatte, hätte hassen müssen, wie ich folgerte — er faltete meine kleinen Hände in seinen großen Händen und sagte: „Laß uns zusammen zum Herrn beten. Dann kommen wir der Mutter näher.“

Ich ließ ihn beten und ließ ihn meine Hände falten und sah ihm mit offenem Munde zu, wie er sich demütig gegen jenen unsichtbaren, gewalttätigen Herrn benahm. Und wenn ich damals schon gewußt hätte, was Narren und ein Narrenhaus sind, so würde ich vielleicht gedacht haben: wir sind vor jenem Herrn alle zu Narren geworden. Und unser Haus, in welchem früher mein Vater und meine Mutter emsig und klug gewaltet hatten, das ist jetzt ein Narrenhaus geworden. —

Aber wie einfach, glückselig und menschenwürdig wäre mir die Welt erschienen, wenn man dem Kind, auf die Frage, woher alles kommt — die jedes Kind einmal an seine Eltern stellt — die tiefnatürliche Erklärung gegeben hätte: „Liebes Kind, alles ist seit Ewigkeit da. Nicht bloß wir sind deine Eltern, alle Dinge sind deine Eltern, so lange du klein und unbeholfen bist. Achte gut auf alle Dinge. Alle haben dir etwas zu sagen, alle können dir irgendwie helfen. Wir, die du deinen Vater und deine Mutter jetzt nennst, wir, wenn wir scheinbar von dir fortgehen und du uns eine lange Zeit nicht sehen solltest, wir bleiben doch in allen Dingen, die du siehst, um dich.

Wir Menschen alle und alles Leben können die Gestalten verändern, wenn wir es müde sind, Menschen, Tiere oder Pflanzen gewesen zu sein. Aber wir gehen niemals fort, niemals ganz fort von dir, von der Welt. Vielleicht wird deine Mutter eine Wolke, vielleicht wird dein Vater ein Blitz, vielleicht werden wir Singvögel, vielleicht werden wir zusammen eine Blume in einem Blumentopf an deinem Fenster. Vielleicht werden wir ein paar Mondstrahlen, vielleicht ein paar Sonnenstrahlen. Vielleicht sind wir ein Stück Brot, das du ißt, vielleicht ein Schluck Wasser, den du trinkst, vielleicht eine Uhr, die neben dir tickt, vielleicht ein Haus und ein Garten, in dem du wohnen wirst.

Denn sieh, es wird nichts um dich geben, was wir nicht werden können, und es gibt nichts um dich, was nicht so innig, so gut und lieb Freund zu dir sein kann, wie wir es jetzt zu dir sind, während wir am Tisch und am Bett bei dir sitzen.

Und du kannst überall zu uns kommen und nah bei uns sein. Denn, sieh, du bist so gut wie wir in und bei allen Dingen zu Hause und sollst dich darum vor keinem Leben fürchten. Und kommt eine giftige Schlange in den Garten, und sie beißt dich, und du willst nicht sterben, du willst noch Mensch bleiben, dann wird die Schlange keine Macht über dich haben, und jemand wird dir von dem Gifte helfen können, vielleicht dein Vater, vielleicht ein Freund, vielleicht du selbst.

Bist du aber wirklich der Menschengestalt müde, vielleicht durch eine tiefe Trauer, vielleicht durch ein so tiefes Unglück, daß du dein Unglück in anderer Gestalt vergessen möchtest oder durch das Alter deiner Gestalt müde gemacht, dann wirst du von selbst die Gestalt ablegen können, ohne dir Gewalt antun zu müssen. Und dann werden alle Dinge ringsum dir wieder helfen, eine neue Gestalt anzunehmen, die dir gut behagt. Aber ein Kind, wie du, wird noch kaum den Wunsch bekommen können, die Gestalt schon zu wechseln. Denn sieh, so wie alle mit dir festlich sein wollen, so wirst du auch erst in Menschengestalt festlich gewesen sein wollen, ehe du dich danach sehnen willst, zu verschwinden und neu zu erscheinen.

Deine Menschengestalt haben du und wir alle mit Fleiß und Sorgfalt aufgebaut. Das Licht hat deine Augen ausgedacht, der Schall, die Musik und die Menschenstimmen und alle Stimmen überhaupt haben deine Ohren ausgedacht. Und es ist kein Ding in der Welt, das nicht teil hat, irgend etwas an deinem Leibe ausgedacht zu haben.

Wir, dein Vater und deine Mutter, wir legten unser Fleisch und Blut zusammen und die Wollust unseres Atems und unsere Freude am Leben. Und ich, dein Vater, gab dir von meinem Mark, von meiner Lebenskraft, und deine Mutter gab dir von ihrer Lebensdemut und ihrer Lebenswärme.

Und als du fertiggebildet warst im Schoße deiner Mutter, da hatte dich deine Mutter neun Monate unter ihrem Herzen getragen. Neun Monate litt sie Beschwerden und neun Monate wünschte sie Tag und Nacht, daß du gut, stark und tätig werden solltest, so wie sie selbst es ist, und dein Vater und deine Brüder und deine Schwestern und alle Dinge, die um dich leben, es sind.

Denn, wenn auch einmal ein Ding dir weh zu tun scheint und dir Trauer oder Schmerz bereiten muß, so mußt du bedenken, daß du auch manchen Dingen weh tun mußt und manchen Trauer bereiten mußt, denn das Leben besteht nicht aus Freude allein, aber auch nicht aus Schmerzen allein.

Das Leben besteht aus dem Wechsel von Freude und Leid, aus Lachen und Weinen, aus Erhebung und Erniedrigung. Und nur durch diesen Wechsel kann es festlich bestehen.

Aber es ist noch eine andere Welt in der Welt, mein Kind. Alle Dinge, zu denen du mit den Händen und Füßen, mit den Augen und Ohren, mit deiner Menschengestalt kommen kannst, alle diese, denen du so dich nähern kannst auf der Erde, sie und du selbst leben noch in einer andern Welt, in einer weltfernen Welt. Und du und wir alle schicken unsere Gestalt auf die Erde, so wie du deine Stimme über den Fluß hinüberschicken kannst, so wie du einen Brief in die Ferne schicken kannst, oder so wie dein Schatten vor dir eilen kann oder so wie der Schatten einer Wolke, die oben am Himmel steht, unten über die Äcker der Erde gehen kann.

Oder wie das Licht der Sonne und des Mondes durch das Zimmer gehen kann, ohne daß die Sonnenkugel oder die Mondkugel selbst durch die Tür in das Zimmer kommen. Oder wie du eine Blume, die stark duftet, im Dunkel riechen kannst und sie also bemerken kannst, ohne sie zu sehen, so leben wir alle in zwei Welten zugleich.

Dort in der weltfernen inneren Welt, dort wohnt die Kraft aller Dinge. Dort wohnt alle unsere Kraft zusammen. Dort gibt es dann nicht Vater, nicht Mutter, nicht Kinder. Dort sind wir dann eine Stärke. Dort sind tausend Männer wie ein Mann, tausend Frauen wie eine Frau, und dort sind Mann und Frau so eng umarmt, daß sie eine Kraft sind, ohne Anfang und ohne Ende, eine starke Schöpfer- und Liebeskraft. Und dort in der Weltferne sind wir in jedem Augenblick, wenn wir uns in uns versenken, wenn wir uns in hohen Gefühlen erheben und erhaben fühlen.

Dieses aber, mein Kind, zu verstehen und zu erfassen, dazu bist du noch zu klein und mußt erst in die Welt der nahen Dinge hineinwachsen, in die Weltnähe. Und bis dahin sollst du bei Vater und Mutter bleiben, bis deine Menschengestalt so kräftig fertig geworden ist, daß du den Weg zu deiner inneren und weltfernen Welt allein finden kannst.

Aber ganz allein brauchst du dann auch diesen Weg nicht zu gehen. Irgendwo auf der Welt ist heute schon oder wird eine Lebensgefährtin jenes Weges zur inneren Welt für dich von ihren Eltern geboren und auferzogen.

Ihr wirst du, wenn du willst, begegnen, sobald du groß genug bist und du tätig genug bist, um sie von ihren Eltern empfangen zu können, und wenn du weise und kräftig genug bist, um deinen Ernst mit ihrem Ernst und deine Lebensfreude mit ihrer Lebensfreude und dein Lebensmark mit ihrer Lebenswärme zusammenlegen zu können. Dann wirst du mit ihr das Lebensfest feiern und mit ihr ein Menschenkind erschaffen, wie wir dich geschaffen haben, damit das Fest sich fortsetzt.“ —

Hätte man mir als Kind, aus einer befreiten Weltanschauung heraus, auf meine Frage, woher das Leben kommt, woher die Dinge und die Menschen kommen und gehen, natürlich und mich zum Leben vorbereitend, also geantwortet, dann wären mir schreckliche Stunden der Qual, schauerliche Mißklänge, unheimliche Dumpfheiten und dornige Verirrungswege erspart geblieben.

Und hätte man noch betont: Das Leben ist ein weises Fest. Du sollst es klug zu feiern lernen, du sollst es aufmerksam festlich erleben lernen; du wirst an dem Fest beschaulich und tätig, Freude aufnehmend und Freude spendend, gern teilnehmen; du wirst verstehen lernen, daß das Weltfest so mächtig ist, daß es in seinem Wechsel von Freude und Leid ein Spiel von Erscheinungen bedeutet, und daß es deine größten Schmerzen immer in tiefste Freuden verwandeln kann.

Siehe, oft ist das Leben wie eine Schlacht, in der du fallen mußt, um in einer anderen Gestalt wieder aufspringen zu können, um weiterkämpfen zu können. Denn auch eine Schlacht ist ein Fest!

Festlich ist das Leben immer, ob du gehen lernen darfst oder schreiben und lesen lernen sollst. Und wenn du krank liegen mußt, zwischen Schmerzen und Genesungshoffnung, in den Nächten wach liegen mußt, mache dich geduldig, mache dich demütig. Hasse deine Schmerzen nicht. Lerne sie verstehen, denn sie wollen wie die Freuden dir helfen zu einer Verjüngung deines Körpers, helfen zu einer Verjüngung deiner Schöpferkraft.

Sei darum gütig zu deinem Leib, wenn er dich auch plagt, weil er dich verjüngen will. Sei verständig und gehorsam seinen Mahnungen zur Verjüngung. Dann wird dir auch die Krankheit zum Fest, verklärt von der Hoffnung der Verjüngung und Genesung.

Horche immer auf alle Lebensregungen um dich. Denn die Kräfte aller Leben sind in dir. Du kannst alle Leben verstehen, wenn du willst, und alle Leben verstehen dich.

Denn es ist nur ein Schein, daß du getrennt, scheinbar einsam oder verlassen umhergehst. Du bist nicht bloß der Mensch, den du im Spiegel siehst. Du bist zugleich mit deiner inneren Welt in allem Leben, und alle Erscheinungen und Gestalten sind in dir.

Bedenke immer: du hast die größte Macht, und hattest sie seit Tausenden und Tausenden von Jahren, das Fest des Lebens zu feiern, und wirst dein Schöpferfest weiterfeiern, Tausende und Tausende von Jahren ohne Ende.

Durch deine äußere Welt bist du wirklich, durch deine innere Welt unwirklich zugleich. Und durch deine Schöpferkraft verwandelst du die äußere Welt und bleibst doch unverwandelbar in deiner inneren Welt ewig leben.

Und dieses, o Mensch, genießend und festlich zu verstehen, dazu wird dir jeder Augenblick auf Erden Erkenntnis geben, und du wirst es an allen, die mit dir festlich lebend sind, ebenso erkennen, wie an dir, daß du wirklich und unwirklich zugleich bist.

Und wenn dich die Wirklichkeit ermüdet, wirst du an der Unwirklichkeit ausruhen können. Und wenn dich die Unwirklichkeit ermüdet, wirst du zur Wirklichkeit zurückkehren können.

Aber du brauchst nicht zu fürchten, daß du die Menschengestalt, die du augenblicklich angenommen hast, und die dein augenblickliches Kleid im Weltfest ist, daß du diese immer ablegen sollst und sterben sollst, wenn du dich nach Unwirklichkeit sehnst.

Sieh, an jedem Abend legst du mit deinen Kleidern auch deine Gestalt hin auf die Erde und läßt beide ausruhen, damit sie sich nicht so schnell abnützen. Denn du hast beide lieb und gönnst ihnen, Kräfte zu sammeln.

Und wenn du einmal groß bist und größere Tätigkeit hast, als ein Kind sie hat, und größere Kräfte hergeben mußt und deshalb auch wieder größere Kräfte und größere Ruhe sammeln mußt, ob du nun als Mann oder als Weib geboren bist, sieh, die Nächte können dann nicht länger gemacht werden, um dir größere Erholung zu geben. Aber die Ruhe um dich kann tiefer gemacht werden.

Dann wirst du, um tiefste Ruhe zu finden für deine männlichen Kräfte, oder ein Weib wird, um tiefste Ruhe zu finden für ihre weiblichen Kräfte, die Arme ausbreiten, und Mann und Weib, die sich lieben, werden sich im Dunkeln umarmt niederlegen, und ihre Körper werden sich einander wie ihre Lippen den tiefen Kuß der Liebe geben, und sie werden das Lebensfest der Liebe feiern.

Und sie werden für Augenblicke tiefer ausruhen können als je, so tief, als hätten sie ihre Gestalt wie im Tod abgelegt.

Dann in der Liebesumarmung finden sie sich nicht bloß in der Weltnähe wieder und nicht bloß in der Weltferne, sondern sie sind in ihrer Schöpferkraft eins geworden, in der Schöpferkraft, in der sie am Tage getrennt gearbeitet hatten auf Erden.

Und das ist der tiefste Augenblick des Weltallfestes jedes Lebens und der höchste eines ganzen Lebens zugleich. Dann, in diesem Liebesaugenblick, ist in beiden, im Mann und in der Frau, tiefste Ruhe der Ewigkeit und höchstes Schaffen der Ewigkeit tätig.

Aber sieh, es ist noch ein Ausruhen möglich und eine Einkehr in deine Unwirklichkeit, wenn dich die Wirklichkeit ermüdet, ohne daß du sterben mußt und die Gestalt wechseln sollst.

Wenn der Mann das Weib nicht gefunden, noch nicht gefunden oder wieder verloren hat, oder wenn beide sich vorbereiten wollen, die sich gefunden haben, zum Liebesfest, dann sind Leben da, Schöpfungen, die jeden an die Schwelle der inneren Welt führen können.

Das sind die Werke der Künstler, Lied und Gedicht, ein Bild, eine Bildsäule und die Musik, Aussprüche der Weisheit und stille Betrachtungen, die du mit offenen Augen, offenen Ohren, offenem Herzen empfangen sollst.

Ein Gedicht, ein Gemälde, eine Bildsäule, ein Musikstück — das sind Leben, die sich dir zum Wechsel bieten, zum Ausruhen von der Wirklichkeit und zum Vorbereiten für dein Fest der Lebenstätigkeit und für das Fest der Liebe.

Diese künstlerischen Schöpfungen sind in die Tagestätigkeit gestreut wie die Träume in die Nachtruhe. Alle Kunstwerke erinnern dich am Tage an dein inneres Leben, sie sind in den Tag gestreute Ewigkeitsbilder des inneren Lebens, während deine Nachtträume Augenblicksbilder deines äußeren Lebens sind, in die Nachtruhe gegeben.

Kunstwerke und Träume, beide sind Echos zweier entgegengesetzter Welten; Kunstwerke sind Echos der inneren Welt; Träume sind Echos der äußeren Welt. —

Nun geh, mein Kind, lerne zuerst die Regeln und die Festregeln. Denn jeder Gestalt auf Erden sind andere Festregeln geboten, damit das ganze Weltspiel ein Fest bleibe und kein Chaos werde.

Lerne die Regeln des äußeren Lebens, das sind die Staats- und Gesellschaftsgesetze deiner Zeit, kennen, und die Ahnungen der Regeln des inneren Lebens werden bereits in dir dämmern, bis du erwachsen bist und dich dann in die Gesetze des inneren Liebeslebens vertiefen kannst und Überblick erhältst über das große herrliche Fest, das wir alle im Weltall feiern, in dem wir alle zusammen Schöpfer und Geschöpfe bedeuten, und neue Gesetze und Wandel schaffen, wenn wir reif geworden sind. —

Einem Kind, dem also von der ersten Frage an bis zum Verlassen des Elternhauses verkündet wird, daß es unwirkliche und wirkliche Kräfte besitzt, daß sein Wesen das Wesen aller Dinge ist, daß es festlich an der Seite der Eltern das Fest der Tätigkeit, das Fest des Wachsens zu allen Dingen hin erleben wird, dem man sagt, auch wenn Vater und Mutter sterben, sind sie in aller Gestalt immer da, sie sind nicht zu einem fremden Mann gegangen, nicht in ein fremdes unfaßbares Reich eingegangen, wo es schöner ist, und haben nicht ihr Kind in einer häßlicheren Welt zurückgelassen, sie sind immer dagewesen und werden immer da sein in des Kindes eigener Schöpferkraft und in der Kraft seiner Lebensgespielen um ihn — für dieses Kind, dem das Leben als ein ewiges weises Fest erklärt wurde, gibt es keinen Tod, für dieses Kind gibt es keine Zeit und kein Alter; für dieses Kind gibt es keine Häßlichkeit ohne Schönheit.

Für dieses Kind gibt es keinen Schmerz ohne Freude. Im Gleichgewicht seiner wirklichen und unwirklichen Welten und im Bewußtsein seiner unerschöpflichen Schöpferkraft und in der Erkenntnis seines ewigen Daseins, im Wissen, daß es vor tausend Jahren war, schöpferisch wie heute, festlich wie heute, und daß es in Tausenden von Jahren immer noch sein wird, festlich wie heute, wird es, wenn es dies alles täglich gehört hat, geduldig, demütig und lächelnd, stolz, frisch und fröhlich, mutig und todesverachtend und weltallfestlich aufs Leben und auf die Liebe sehen.

Die Naturunschuld, die Naturweisheit und die Naturlust werden in ihm bis an sein Lebensende ungebrochen bleiben und werden seine Menschengestalt festlich auf Erden führen und aus ihm festlich wirken.

Welch ein unerschöpflicher, unentdeckter und noch unangetasteter Reichtum dem Menschenleben dargeboten wird, wenn es sich nicht mehr von einem sogenannten höheren Wesen unterjocht fühlen wird und von keiner Erbsünde belastet, wenn es seine Kraft frei auf sein Ich, auf das Wohl der mit ihm Lebenden richtet — das zu ermessen, bleibt jedem Herzen gegeben, das sich aufmacht und sich als Schöpfer und Geschöpf fühlen will und das Leben als eine Festlichkeit ansehen will, — eine Feier von wirklicher und unwirklicher Welt, eine Feier der Vergänglichkeit und Unvergänglichkeit, ein unerschöpfliches Fest, bei dem jeder zugleich Festgeber und Gast ist, jeder in anderer Gestalt, jeder mit anderen Tätigkeiten und Genußfähigkeiten, jeder in anderen Würden und anderen Wirkungskreisen, jeder den anderen feiernd und ihn als Kraft von seiner Kraft anerkennend, Menschen, Tier, Pflanzen und alle Dinge.

Der Schauspieler, der bei der Festvorstellung des Lebens den König spielt, und der andere Schauspieler, der bei derselben Festvorstellung den Bettler machen muß, und der, der den Gesunden und der, der den Kranken darstellen muß, und der, der den Witzigen und der, der den Dummen spielen soll — die sollen verstehen, daß hinter jeder Rolle ihre Schöpferkraft steht, die sich in der nächsten Festvorstellung sofort in eine andere Gestalt verwandeln kann. Sie werden verstehen, daß sie nur als augenblickliches Geschöpf die Rolle im Feste spielen. Und daß sie dem Fest gerecht werden sollen und keine Spiel- und Festverderber werden sollen, das fordern alle Leben auf Erden von ihnen. Das fordert, wenn sie sich ehrlich fragen, ihr eigener Schöpfertrieb. Und nichts anderes haben sie auf der Erde zu erfüllen, als festlich tätig zu sein, um festlich feiern zu können.

Wo und wie soll ich anfangen, so festlich zu werden? — Wenn mich das ein Erwachsener fragen würde, einer, dem man nicht als Kind vom Lebensfest erzählt hätte, so würde ich ihm sagen: „Du brauchst nicht erst anzufangen, anders zu werden. Du bist es schon, was du sein willst. Du bist in diesem Festglauben geboren. Sage mir nicht, daß du es nicht fühltest, daß du festlich geboren bist, festlich auch in den tiefsten Sorgen, festlich auch bei dem größten körperlichen Leid.

Du bist nie anders gewesen als festlich, du konntest auch nie anders sein. Was dir aber gefehlt hat, das war das Bewußtsein deiner Festlichkeit und deiner Schöpferallmacht. Mache dir deine Weltallkraft bewußt, macht es euch alle bewußt, daß Geburt, Liebe und Tod zusammen eure wirkliche festliche und eure unwirkliche festliche Welt bedeuten, daß ihr ewig und unerschöpflich die unsterbliche Schöpferkraft selbst seid.“

Macht dieses euch bewußt, sagt es einer dem andern; macht es den Kindern bewußt, ruft es den Leidenden und den Kranken in die Erinnerung; sagt es euch selbst, wenn ihr die Liebsten um euch sterben seht, wenn ihr selber leidet und sterben wollt; sagt es in eurer Todesstunde euch und denen, die ihr beim Sterben verlassen müßt.

Sagt dieses auch den Hochmütigen, den Tyrannischen, den sich übermächtig Aufmachenden; sagt es den Gedemütigten, den Erniedrigten, den Lebensmüden: Alles gehört ihnen im Weltall und nichts. Alles sollen sie als Gast genießen und alles als Gastgeber hergeben beim unerschöpflichen Fest ihrer Schöpferkraft.

Wenn ihr euch umseht in der Welt, — in jeder Handlung, in jeder Lebensgestalt fühlt ihr überall Schöpferkraft, nicht bloß in den Menschen. Alle Gestalten sind gestaltgewordene Schöpferkraft. Ihr müßt die Tiere nicht dumm nennen, die Steine nicht gefühllos nennen, die Bäume und Pflanzen nicht als unverständige Wesen ansehen.

Ja, selbst die Dinge, die ihr aus eurer Schöpferkraft, aus eurem Geist, aus den Gestalten der Erde zusammenfügt, den Tisch und den Stuhl, den ihr euch gezimmert habt, das Bett und den Schrank, eure Werkzeuge und eure Maschinen, — vom Augenblick, wo ihr sie schuft und sie benennt, sind es Wesen von eurem Geist geworden, lebende Gebilde eurer ewigen Schöpferkraft.

Denn auch die toten Dinge haben durch euch äußeres Leben und innerstes Leben erhalten. Ihre Gestalt wird wie eure Gestalt abgenützt und abgelegt, aber ihre Schöpferkraft geht nicht verloren, und diese Dinge werden sich aus euch wiedergestalten.

Denn auch die toten Dinge sind zum Feste gekommen, auch sie leben festlich. Auch sie werden krank, auch sie werden müde, denn auch sie arbeiten für euch, indem sie euch nützen, auch sie werden alt wie ihr, auch sie haben ihre bestimmten Festgesetze, die aber natürlich grundverschieden von denen der Menschengestalt sind.

Wenn ihr euch tief zu eurer inneren Welt zurückzieht oder euch zu ihr erhebt, so könnt ihr das Lebensgesetz, die Schöpfungsidee, den Schöpfungsgenuß, die jeder Gestalt zugrunde liegen, verstehen, denn ihr wißt im Grunde alles.

Ihr dürft aber die Dinge um euch nicht mit euren Menschengesetzen messen. Ihr sollt nicht sagen: „Schrank, sprich Menschenworte, wenn du lebst, wie ich. Dann will ich dir dein Leben glauben.“

Ihr könnt nicht sagen: „Tisch, bewege dich mit deinen Beinen vorwärts wie ein Tier. Dann werde ich dir glauben, daß du lebst.“

Ihr sollt nicht sagen: „Stuhl, verneige dich vor mir. Dann will ich dir glauben, daß du lebst.“

So sollt ihr auch nicht zum Stein sprechen: „Friß Fleisch und weine Tränen!“ Und da er das nicht kann, verachtet ihr ihn und nennt ihn leblos.

So könnt ihr nicht zum Baume sagen: „Trage beliebige Früchte, wenn ich es befehle, damit ich erfahre, ob du meine Menschenstimme hörst und dich mir verständlich machen willst.“ Oder: „Baum, fliege fort wie ein Vogel und komme aus dem Tal auf den Berg.“

Ihr werdet nicht zum Pferde sagen können: „Wenn du menschenähnlich bist, dann gehe aufrecht wie wir Menschen auf zwei Füßen dein Leben lang.“

Und zum Vogel dürft ihr nicht sagen: „Du kannst nicht so klug und so festlich sein wie wir, weil du nicht in Häusern mit vielen Zimmern wohnst, weil du keine Menschengenüsse kennst, keine Menschenbücher, keine Menschenbilder, keine Menschenmusik verstehst.“

Darauf muß euch euer Weltallverstand antworten, der ebenso im Vogel, zu dem ihr sprecht, wie in euch regiert: „Wenn du fliegen könntest, Mensch, von Ast zu Ast, so würdest du zwischen Blüten erfahren, in welch herrlicher Welt ich lebe. Die Blüten, die für dich, Mensch, klein sind, sind für mich, den kleinen Vogel, so groß, daß, wenn sie in deiner Welt wären, sie im Verhältnis zu dir so groß wie dein Kopf sein würden und noch größer, ja, manche Blumen wären so groß wie du selbst.

Denke dir, in diesem wunderbaren Reich zu fliegen unter Millionen mühlsteingroßer Blüten! Wenn du dann fliegen dürftest; wenn du in den Äther hinaufsteigen könntest, wie ich, kleine Lerche, nur getragen von dir selbst, so wie dich deine Füße über die Erde tragen, aber nicht getragen von Flugmaschinen, von Motoren; getragen von dem Drang in deiner Brust. Stelle dir vor, dich hoch, hoch von aller Welt und Wirklichkeit entfernen zu können, getragen von dem Liebesdrang im Äther ein Liebeslied zu jauchzen, um der Geliebten zu zeigen, wie hoch deine Liebe auch deinen Körper über alle Dinge erhebt.

Welch ein Fest, Mensch, würdest du dann fühlen! Würdest du nicht gerne die Bücher, die Säle, die Bilder und deine Menschenkunst verlassen?

Tu es, und nimm im nächsten Leben die Gestalt einer Lerche oder die einer Nachtigall an; denn es ist dir ja ein kleines, dieses zu tun, wie es mir ein kleines sein wird, Mensch zu werden, wenn mich mein Vogeldasein ermüden sollte und mich ein innerer Wunsch zur Menschengestalt hindrängen sollte.

Meine Schöpferkraft ist auch deine Schöpferkraft. Du kannst mir nachfühlen, auch ich kann dir nachfühlen. Wir sind verschieden und doch nicht verschieden voneinander, da wir beide wirklich und unwirklich leben, da wir beide im äußeren Leben scheinbar getrennt sind, im inneren Leben aber unzertrennlich dasselbe sind, Besitzer einer und derselben ewigen Schöpferkraft.“

So würde der Verstand des Vogels zu dir sprechen, o Mensch, wenn dein Verstand ihn fragen würde. Und so wird jede Gestalt des Lebens, jedes Lebewesen, wenn du willst, dir ihr äußeres Leben verschieden von deinem erklären, aber im inneren Leben seid ihr ein und dasselbe, ihr Menschen, Tiere, Pflanzen, Steine und Dinge.

Ihr steht alle zusammen in Fühlung, in Verstandes- und Gefühlsfühlung, geboren unter verschiedenen Gesetzen, aber alle seid ihr dasselbe, die eine einheitliche Schöpferkraft, die im äußeren und inneren Leben das ewige Schöpfungsfest feiert.

Keine Schöpferkraft steht über euch; die Kraft liegt in euch. Alle Gestalten haben sich zusammen ausgedacht, und es wohnen alle Gestalten deshalb auch in jedem einzelnen von euch. Das große Fest zerfällt in viele kleine Feste, und alle Feste zusammen bilden das Schöpfungsfest, das immer war und immer sein wird, und bei dem ihr immer anwesend wart und anwesend sein werdet, und bei dem ihr mitgeschöpft habt und immer mitschöpfen werdet.

Kommt aber da einer und sagt mir: Was hat es für einen Sinn, dieses ewige Sichverwandeln, dieses ewige Schaffen ohne Ende? Wo will das Schaffen hin? Wenn auch Schaffen Genuß ist, wird dieser Genuß nicht eintönig?

So frage ich dich zurück: Hat dein Herz in den neunzig Jahren, die du vielleicht gelebt, eine einzige Stunde stillgestanden? Hat nicht dieser kleine Muskel eine Titanenaufgabe erfüllt? Wie kannst du denn da mit dem Hauch einer Sekunde zweifeln wollen an der unerschöpflichen Lust der Schöpfungskraft, wenn dein eigenes Herz dich Lügen straft?

Dieses soll dir aber nicht genug Erklärung sein. Ich will dich gar nicht erinnern, wie sehr du als Kind nach dem Leben verlangtest und dich sehntest, mithelfen, mitleben, mitfeiern zu dürfen. Ich will dir nur sagen, wenn du ein alter Mann oder eine alte Frau bist, die mich so fragt: erinnere dich, als du in der Mitte deines Lebens standest, auf der Höhe deiner Schöpferkraft, als du dir vorkamst, als wenn alles dir gelingen würde und dein Körper noch stolz war, dein Blut spielend durch deine Adern lief, dein Rücken, dein Knie, deine Ellenbogen, deine Gelenke alle herrlich elastisch waren, dein Geist mutig und dein Herz voll Wohlbehagen — würdest du da gesagt haben: Es ist eintönig, ein Mensch zu sein?

Und wenn dir in der Fülle deiner Kraft, dir, Mann, das Weib gegenüberstand, das du liebtest und das dich wiederliebte, und nach dem du vor Sehnsucht branntest, sobald sie dich ansah, und sie vor Sehnsucht herrlich demütig wurde, wenn du sie ansahst; oder wenn dir, Weib, der Mann, nach dem du verlangtest, begegnete, glaubst du, Mensch, daß dann dieser Augenblick eintönig war?

Glaube mir auch, daß, wenn du diesen Augenblick wieder erleben würdest, in anderer Gestalt, wieder auf dem Gipfel deiner Kraft, glaube mir, er wäre in keiner Lebensgestalt eintönig. Der Liebesaugenblick ist bei allen Gestalten ein Augenblick von unerschöpflichster Seligkeit und Lebenslust und höchster Lebenshöhe.

Ob du in einer Blüte bist mit deinem Weibe und der eine von euch ist Stempel und der andere ist Staubfaden, oder ob du ein Tiermännchen bist und dein Weib ein Tierweibchen irgendwelcher Tiergestalt, oder ob du als Atom in den Steinen liegst, zusammengepreßt in Kalk- oder Sauerstoffverbindung, — wo und wie du dich auch mit deinem Weib gestaltet hast, überall wirst du den Lebenshöhepunkt auf dem Gipfel deiner Kraft im Liebesaugenblick finden, in der Liebesumarmung, wobei du, Mann, und du, Weib, euer inneres Leben und euer äußeres so dicht zusammenlegt, daß ihr in der Schöpferkraft eins seid.

Und in diesem Augenblick erkennt sich die Schöpferkraft selbst. In diesem letzten Augenblick der höchsten Liebesvereinigung, des tiefsten Ineinandersinkens erlebt ihr ein größeres Sichselbstvergessen als im Tod und zugleich ein höchstes Sichselbstbetätigen, einen stärkeren Augenblick, als der war, da ihr ins Leben tratet, stärker, als es eure eigene Geburt für euch war und alles, was ihr im Leben tatet.

Und aus dem fortpflanzenden Liebesaugenblick heraus, der aller Lebewesen höchstes Fest ist, höher als das Geburtsfest und höher als das Todesfest, der das Fest der neuen Verwandlung ist, könnt ihr, wenn auch eure Lebensgesetze euch von allen anderen Leben trennen, den Weg zur Verständigung mit allen anderen Gestalten finden. Denn in der Liebeslust gipfelt die Lust aller Leben, — der Liebe streben alle Leben im Weltall zu.

Außer der Liebe gibt es im ganzen Weltall keine höhere Seligkeit, für jede Gestalt bedeutet die Liebe die höchste Lebenshöhe, sie ist für alle Leben das einzige Lebensziel, die höchste Lebensfestlichkeit, die das Weltall kennt. —

Aber ihr werdet mir sagen: der Schrank gebiert doch keine Schränke, der Tisch und der Stuhl doch keine Tische und Stühle! Wo ist das Liebesfest und der Schöpfungsakt bei den toten Dingen?

Der Schreiner, der den Schrank ausgedacht hat, ist Vater und Mutter des Schrankes. Ihr habt doch gehört, daß alle Dinge zu euch Vater und Mutter sein können. Alle haben etwas an euch geboren. Und da der Schrank ein zugehöriges Stück zum Menschen ist, so mußte er auch von einem Menschen zuerst für das Menschenleben geboren werden.

Denn, seht, Wünsche sind so gut Lebewesen, wie es Gedanken sind. Der Leib des Menschen sprach zum Kopf des Menschen: Bau mir einen Behälter für meine Kleider. Und der Kopf des Menschen sprach: Du, Leib, dem ich diene, so wie du mir, Kopf, dienst, schicke deinen Wunsch tief ins Herz, so daß er ein Herzenswunsch wird. Dort laß ihn rufen und sich sehnen nach Vereinigung mit einem Gedanken in mir, Kopf.

Und seht, der Leib tat so und schickte den Wunsch zum Herzen, wie er es mit allen Wünschen tun muß, wenn sie etwas erreichen wollen.

Und im Kopf machte sich der Gedanke auf, der längst für diesen Wunsch vorbereitet war, so wie ein Mann geboren ist für eine Frau. Und Gedanke und Wunsch kamen zum Herzen und umarmten sich im Herzen. Und die Schöpferkraft, die sie erzeugten, setzte den Menschen in Bewegung.

Und der Mensch nahm die Bretter, die er aus einem Baumstamm gesägt hatte, und seine Hände setzten die Bretter zum Schrank zusammen. Und siehe, Wunsch und Gedanken, vereinigt im Herzen, freuten sich über ihr Geschöpf, den Schrank, den sie geschaffen.

Und als der Leib seine Kleider dann in den Schrank legte, war der Wunsch befriedigt, und auch der Gedanke war befriedigt. Und der Kopf nickte auf dem Leib, und Wunsch und Gedanke, beide sahen ihr Werk, den Schrank, an und freuten sich festlich.

Und so, aus Wunsch und Gedanken, aus dem Liebesakt von beiden im Herzen des Menschen, wurden alle Dinge geboren, die der Menschenleib nicht vorfand, und die der Wunsch und der Gedanke für das Menschenleben schaffen mußten. Doch das Leben solcher geschaffenen Dinge kann natürlich nicht seinen Zweck ändern, und es endet, wie alle Leben, bei der Zweckerfüllung. Wir können nicht zum Schrank sagen: „Sei du heute die Treppe des Hauses oder gib uns heute Licht wie die Lampe.“

Erfüllen die Dinge ihren Zweck gut, so sind sie gutgeratene Dinge und können lange leben.

Der Zweck eines Gegenstandes ist sozusagen das innere Leben des Gegenstandes. Der Zweck bedingt die Gesetze des Gegenstandes, unter denen derselbe leben soll, und von denen seine äußere Gestalt bedingt ist. Die Gegenstände leben darum innerlich und äußerlich, wie die Menschen, die auch für ihre Menschengestalt ihre Gesetze und ihren Zweck von ihrer Weltferne für ihre Weltnähe vorgeschrieben bekommen haben.

Da der Schrank sozusagen ein Glied ist am Menschenleben, so kann er nicht sich selbst und keine neuen Schränke erzeugen; denn dein Arm an dir bringt auch keine neuen Arme hervor, dein Kopf setzt keine neuen Köpfe zwischen deine Schultern, weil er ein Glied an dir ist; die Glieder selbst pflanzen sich nicht an dir fort. So pflanzt sich auch kein Schrank fort, der ein Glied deines Menschenlebens bedeutet, da du ihn dir für deinen Leib geschaffen hast.

Und Glieder des Menschenlebens sind alle Gegenstände, die du dir zum Leben schaffst, wie der Schrank, wie der Stuhl, wie der Tisch, wie die Lampe, wie dein Haus, wie dein Kleid, wie alle Maschinen und alle Kunstwerke, die du dir zur Erhaltung deines Leibes und deines Geistes erschaffen hast, das heißt, zum Fest deines Menschenlebens, deines inneren und äußeren Daseins.

Du wirst jedoch, wenn dein Arm seinen Zweck erfüllt, aber sich nicht an dir fortpflanzt, nicht behaupten wollen, dein Arm sei kein lebendes Wesen, er sei ein totes Ding. Er besteht aus lebenden Schöpferatomen so gut wie die Bretter des Schrankes. Sie sind ja gewachsen, die Bretter, als der Baum wuchs, dem sie angehörten.

So ist dein Arm gewachsen vom Mutterleibe an bis zum Tage, wo dein Wachstum stillstand. Aber da er jetzt nicht mehr weiterwächst, dein Arm, und da die Bretter des Schrankes nicht mehr weiterwachsen, sind sie deshalb doch nicht tot.

Frage nur den Schreiner, ob der Schrank nicht lebt. Wenn er neu und das Holz zu grün ist, werfen und spannen sich die Bretter. So wie das Fleisch deines Armes für Wärme und Kälte empfindlich ist, so ist das Fleisch des Schrankes, das heißt, seine Bretter sind für Wärme und Kälte empfindlich und leben. Und so wie dein Arm im Alter mürbe wird und lahm und müde und die Frische und die Lebenslust einbüßt, so geht es mit dem Schrank. Sein Holz wird mürbe, und das Holz kann Krankheiten bekommen durch Feuchtigkeit und Nässe. Wucherungen entstehen, so wie in deinem Fleisch, so auch im Holz.

Und nicht bloß dem Holz und deinem Arm ergeht es so. Frage die Baumeister, die sich auf Eisen und Stein verstehen. Frage die Gärtner, die sich auf Erde verstehen. Eisen, Stein, Erde, wenn sie lange gelebt haben und dem Weltfest dienten und genug mitgefeiert haben, Stein, Eisen und Erde können krank, müde, mürbe und untauglich werden. Und wenn sie von den Menschen zu Gegenständen verarbeitet waren, dann können sie, wenn sie müde werden, auch nicht mehr ihr inneres Leben, nicht ihren Zweck mehr erfüllen.

Da aber mit den Gegenständen — die wir nur mit erweiterten Gliedern unseres Menschenlebens vergleichen können, wenn wir sie in ihrer Gestalt betrachten und verstehen wollen — also nur ein Teil von uns, ein Glied von unserem Leib stirbt, sind wir auch nicht so traurig, wenn wir diese Gegenstände sterben sehen, als wenn wir ganze Menschen sterben sehen. Denn der Verlust eines Armes, eines Zahnes, eines Ohres, eines Beines ist uns wohl sehr wichtig, aber doch nicht so wichtig als der Verlust einer ganzen Menschengestalt.

Sehen wir aber von der Gestalt ab und denken, daß Lebensatome, Lebenskräfte, mit den Gegenständen oder mit den Gliedern, die wir verlieren, um uns verschwinden, so können wir, wenn wir uns auf einen höheren Empfindungsstandpunkt stellen, uns sagen: die Atome und Kräfte dieser Gegenstände oder Glieder sind ebensowenig wie die Menschenatome und ihre Atomkräfte, die mit dem einzelnen Menschenleben scheinbar aufhören, verschwunden. Sie wirken seit Ewigkeit und wirken in Ewigkeit fort. Die Schöpferkraft in uns, die den Schrank gebaut hat, und die den Menschenarm zum Menschenleib aus Wunsch und Gedanken geschaffen hat, diese gibt dem Schrank ähnlich ewiges Leben, wie sie dem Menschenarm es gegeben hat.

Ich will damit sagen: die Entstehung des Schrankes aus Wunsch und Gedanke gehört wie der Mensch im letzten Grunde der Urschöpferkraft aller Leben an. Und die ist nicht weniger ewig zu nennen, ob sie nun Glieder des Leibes, wie Arme, oder sogenannte tote Dinge, wie Schränke, ausdenkt.

Mit dieser Auseinandersetzung habe ich darauf hinweisen wollen, daß nicht bloß der Mensch zum Menschen reden soll und kann. Sondern Tiere, Pflanzen, Bäume, Steine, Erde, Holz, da sie mit dem Menschen Wesen und Glieder desselben ewigen Lebens sind, so können sie und auch die „toten“ Dinge ihr Leben einander und den Menschen mitteilen. So gut wie der Vogel den Menschen überzeugen kann, wenn letzterer sich in des Vogels Leben vertieft, wie schön es dieser in der Luft hat, so können auch die Gegenstände im Zimmer zum Menschen überzeugend reden und können von ihrer Zufriedenheit, von ihrer Frische, von ihrem Alter, ihren Krankheiten und ihren Erinnerungen zu dir, Mensch, reden.

Und diese Gedanken und Gefühle, die dir, Mensch, beim Anblick toter Dinge im Herzen zu reden beginnen, das ist die Sprache der stummen Dinge. Höre darum deinen Gedanken und Gefühlen zu, wenn du vor der Welt und ihren Dingen sitzt. Die Gedankensprache und Gefühlssprache ist die Weltallsprache.

Der Gedanke und das Gefühl sind die Stimme, mit denen die Gestalten des Lebens, die Lebewesen und die von den Menschen geschaffenen Gegenstände, sich deinem Herzen und seiner Schöpferkraft verständlich machen wollen.

Mal wollen sie dich mit Gedankensendungen unterhalten, mit Gefühlserinnerungen; mal wollen sie dich durch Gedankeneingabe um Hilfe bitten, daß du tätig wirst und ihnen beispringst; mal wollen sie dir selbst helfen, daß du aufmerksam wirst und nach einer Gefahr, die dir droht, dich umsiehst. Mal wollen sie dir klagen, daß sie müde sind und sterben wollen und die Gestalt wechseln möchten. Mal wollen sie dir in ihrer Tätigkeit gefallen und deinem Gefühl mit ihrer Farbe und mit ihrer Linie mitteilen, wie schön, stark und ewig das Lebensfest ist.

Sage darum niemand, daß nicht im Menschenleben die ganze Welt zu uns kommen kann und wir nicht zur ganzen Welt kommen können. Die Gedanken sind die Klänge und Worte der Festlichkeit, und das Gefühl gibt die Rhythmen und den Takt an, mit dem uns das Weltallfest jeden Augenblick anders umgibt.

Gedanken und Gefühle sind die Sprache, die die Weltalleben untereinander verbindet. Glaubt nicht, daß nicht jedes Tier denken und fühlen kann. Jedes Gras denkt und fühlt; jeder Baum, jeder Stein, die Berge, die Wolken, der Fluß, die Sterne, Sonne, Mond und Erde denken und fühlen. Alles Leben schickt sich Gedanken und Gefühle zu, alles steht untereinander immer in ewiger Fühlung, denn alles Leben ist eine und dieselbe Schöpferkraft, alles besitzt eine und dieselbe äußere und innere Welt.

Eine große unendliche Lebensfühlung waltet im Weltall, und die äußersten Sterne der Milchstraße sprechen ebenso deutlich zur Erde, wie deine Freunde in Amerika oder China, nicht bloß mit Telephon, Telegraph oder Brief, nein, mit den Gedanken und Gefühlen, mit dir sprechen.

Wir wissen jetzt, daß wir ohne Draht von einem Meeresschiff auf dem Ozean zu einem anderen Meeresschiff, das wir weder sehen, hören, noch von dessen Dasein wir eine Ahnung haben, durch die „Telegraphie ohne Draht“ Gedanken aufnehmen und Gedanken, also auch Gefühle, hinleiten können. Und, stellt euch nun vor: jedes Atom im Weltall ist Besitzer eines solchen Gedankenübertragungsapparates, da es Besitzer der Schöpferkraft ist, die seit Millionen Jahren unausgesetzt denkt, handelt und empfindet.

Ihr werdet mir sagen: zum Denken gehört ein Gehirn.

Wer an die Schöpferkraft des Atomes glaubt, kann sich leicht vorstellen, daß jedes Atom ein Gehirn besitzt. Denn im Weltraume gibt es eigentlich kein groß und klein und auch keine Zeit. Es gibt nur Unendlichkeit in den Größenbegriffen dort und Ewigkeit in Zeitbegriffen. Also, welche Welt kann nicht in jedem Atom vorhanden sein!

In jedem Atom können auch Sonnensysteme sein und kann auch ein Weltraum sein, da des Atomes Kleinheit nur im Verhältnis zum Menschen die letzte Kleinheit bedeutet. Aber im Verhältnis zur Ewigkeit ist das Atom noch ein Weltraum, noch ein Weltraum voll Weltkräften, voll Weltempfinden, eine Weltschöpfung, eine Unendlichkeit in der Unendlichkeit.

Wer Frieden im Ohr mitbringt und die Sehnsucht im Willen, sich aufzuklären, der wird klärende Worte wie Öltropfen in seinem unruhigen Welttasten empfinden. Und diese Worte werden wie Inseln in ihm werden, auf denen seine Sehnsucht nach Ruhe und Überblick Fuß fassen kann.

Wer aber noch Unruhe mitbringt beim Lesen dieser Zeilen, den wird die Unruhe nicht Fuß fassen lassen. Der wird in einem Chaos zwischen Dämmerungen und zwischen grellen Lichtblitzen und bei plumper Erdendumpfheit und bei Gedankendunkelheit herumtappen, von früheren falschen Idealen unbefriedigt, von früheren halben Lösungen angewidert; der wird wie einer sein, dessen Haar verwirrt ist, und der nicht die Geduld besitzt, es in Ruhe auszukämmen. Und er wird sich Schmerzen bereiten aus einer unnötigen Ungeduld heraus. Darum gönnt euch Geduld, diesem Buch zuzuhören.

Ich habe keinen Vorteil davon, den Menschen diese Aufklärung, die sich in mir bald dreiundzwanzig Jahre ununterbrochen aufgebaut hat, vorzuschlagen. Den einen Vorteil vielleicht hätte ich, daß ich weniger Unruhe begegnen würde, weniger Hast und Unzufriedenheit und mehr weisem, festlichem Sichversenken in den Reichtum der Welt rundum. Ich möchte, daß es in Europa so werde wie im fernen Osten, wo mehr Verinnerlichung und mehr Verständnis für die Weltleben, für Naturleben und für Freude am Weltall herrscht, und wo mehr Nutzen und Freude vom Lebensfest geerntet wird.

Der Kapitän des Schiffes, auf dem ich in Japan ankam, sagte zu mir, als die Anker in Nagasaki Grund faßten: „Herr Dauthendey, so lange Sie jetzt in diesem Land, in Japan, sein werden, werden Sie niemals ein Kind schreien hören und niemals sehen, daß ein Tier geschlagen wird.“

Kinder und Tiere werden in Asien nur mit Milde und mit Freundlichkeit behandelt. Denn der Asiate sagt, es ist die erste Pflicht der Eltern, unendliche Geduld zu üben gegen alle Unarten eines Kindes. Und es ist Pflicht des Menschen, wenn er sich mit Tieren verständigen will, unendliche Geduld zu üben. Die Freundlichkeit erreicht alles, sowohl beim Kind als beim Tier. Und für alle Leben, mit denen man in Beziehung treten will, sind Geduld und Freundlichkeit die einzig möglichen Verkehrsmittel, die angewendet werden müssen, weil sonst überhaupt keine Verständigung möglich ist, keine Übertragung von Gedanken und Gefühlen dieser lautlosen, aber überall den Verkehr ermöglichenden Weltsprache.

Denkt euch einem Franzosen oder einem Engländer gegenüber, dessen Sprachen ihr noch nicht geläufig versteht, so könnt ihr doch bei Geduld und Freundlichkeit die Gedanken des Fremden empfinden und verstehen. Denn es ist durchaus nicht nötig, die Sprache der verschiedenen Völker oder der Tiere, der Vögel oder aller Dinge in ihren Lauten auszuklügeln.

Es ist auch nicht nötig, die Zeichensprache der windbewegten Bäume, der Gräser in ihren Rhythmen und in ihrem Linienwuchs zu ergründen. Es ist auch nicht nötig, die Sprache der Steine, die, mit Licht und Schatten bekleidet, eine Sprache von Farbenwirkungen sprechen, sich zu deuten.

Dieses Deuten überlaßt denen, die ihr Leben dem Sprachdeuten des Weltallebens widmen wollen.

Ihr alle aber könnt alle Leben verstehen ohne besonderen Scharfsinn, ohne langwieriges Beobachten, wenn ihr nur Geduld und Freundlichkeit über euch selbst breitet und den Gedanken und Gefühlen so den Zutritt laßt, die jedes Ding dem anderen zuschickt, jedes Lebewesen dem anderen Lebewesen, jedes Atom dem anderen Atom.

Hört, wenn ihr vor ein Ding hintretet oder vor einem Lebewesen steht, hört auf die Gedanken und Gefühle, die in euch aufsteigen, die zu eurem inneren Ohr reden, so wie ihr mit dem äußeren Ohr auf die Sprache und Gesten der Menschen achtet; dann werdet ihr an euren unwillkürlichen Gedanken und Gefühlen das Leben des Gegenstandes oder des Lebewesens miterleben.

Hört auf die Gedanken, die euch übertragen werden von den euch fremden Wesen, auf die stille Gedankenwelt und Gefühlswelt, die die allgemeine Weltsprache ist, und wißt es: auch eure Gedanken und Gefühle dringen ein in die anderen Leben um euch.

Ihr braucht dabei nicht an das Wort „Gedankenlesen“ zu denken. Ihr sollt gar nichts an eurem Wesen ändern, um die Welt zu verstehen. Ihr sollt nur Geduld und Freundlichkeit und Lebensfestlichkeit unausgesetzt über euch verbreiten. Dann wird euch von allen Leben zugesprochen und dadurch geholfen, geraten, gewarnt und zugeplaudert, so wie ihr es nie erwartet habt, daß dieses möglich wäre zu erleben.

Ihr braucht euch aber nicht immer dazu still hinzusetzen und auf die Welt zu horchen. Gerade mitten in der Tätigkeit, wenn ihr euerer Beschäftigung am ernstesten nachgeht, spricht irgendein Ding oder ein Lebewesen um euch seine Gedanken zu euch aus, manchmal betreffs eurer Arbeit, manches Mal ein Urteil über eure Vergangenheit, manches Mal einen Gedanken oder einen Vorausblick in eure Zukunft.

Nur der Glaube an die Weltallsprache sei euch gegeben, denn das innere Wissen habt ihr alle längst selbst gehabt. Freunde müßt ihr sein mit allen Lebewesen, möglichst geduldige, vertrauende und liebevolle Freunde, mit allen Gegenständen um euch, mit allen Lebewesen um euch. Denn nur Freunde werden euch warnen, werden euch helfen und zusprechen.

Glaubt nicht, daß ihr euch ungestraft Menschen, Tiere und auch tote Dinge zu Feinden machen könnt. Ihr könnt euch die ganze Welt zu Feinden machen, wenn ihr ungeduldig, unfreundlich handelt und auf die Gedankensprache der Welt nicht hören wollt. Dadurch werdet ihr dann viel leiden und vielleicht zuletzt gezwungen werden, wenn ihr die ganze äußere Welt euch zu Feinden gemacht habt, die Gestalt, in der ihr gelebt habt, abzulegen, früher vielleicht abzulegen, als ihr es vorhattet, und müßt euch verwandeln, um eurem Haß und dem Haß der Welt, den ihr auf diese Gestalt geladen habt, zu entgehen.

Vielleicht gelingt es euch aber in anderer Gestalt, unter anderen Verhältnissen, friedfertiger, geduldiger und freundlicher euch die Welt zu Freunden zu machen und das Weltfest genußreicher zu feiern, als ihr es vorher tatet, denn ihr seid immer Schöpfer eurer Zustände.

Vom Tage an aber, an dem ihr annehmt, daß ihr an einem weise gefeierten Fest teilnehmt, könnt ihr vielleicht gar nicht anders als euch freundlich und geduldig und festlich benehmen. Denn welcher Mensch, wenn er Gastgeber oder Gast ist, könnte seine Lust darin finden, eine Feindschaftsfeier statt einer Freundesfeier bei einem Fest zu erleben! Wenn einer so entstellt ungeduldig und unfreundlich zu einem Fest erscheinen wollte, würde er sich bald hinausgewiesen fühlen und würde erst wiederkommen dürfen und wollen, wenn er sich in festlicher Gestalt zeigen kann.

Wohl mag es vorkommen, daß einer sich den rauhen Spaß machen will, sich Spielverderber zu nennen, und hunderte Male wiederkommt und immer als Feststörer. Auch diese wird es geben und immer wieder geben müssen, weil wir Gestalten innerer Schöpferkraft sind, weil Leben aus Licht und Schatten, Freude und Leid bestehen muß und nur der Wechsel das festliche Leben erzeugt.

Darum setze ich hinzu: die große festliche Weltallschöpfung wird nicht gebessert werden durch diese Weltanschauung, wie niemals eine Weltanschauung die Schöpfung gebessert hat. Denn die Schöpfung ist nicht zu bessern und nicht zu verschlechtern. Sie ist ein ewiger Wandel von Tag und Nacht, von innerer und äußerer Welt, von tiefster Ruhe und höchster Gestaltungsunruhe, sie ist unsere ewige Schöpferlust.

Es ist nur ein neuer Wandel, der mit der neuen Weltanschauung über die Welt kommen wird, weil die alte Weltanschauung abgetreten, ausgeleiert, nichtssagend, mürbe, alt und brüchig geworden ist, weil ihre Zeit um ist und eine neue Zeit neue Ideale, neue Weltüberblicke aus neuen Aufklärungen heraus für die Menschheit fordert, und die früheren Weltanschauungen für uns nicht weitsichtig genug, nicht mehr äußerste Weltüberblicke sind. So wie ihr alte Kleider ablegt, weil sie eng werden, weil sie sich nicht mehr erweitern lassen, weil ihr eure Formen verändert habt, sie aber ihre Formen nicht mehr bewahren können, so wechseln auch die Weltüberblicke der Menschheit, die sie sich über das Leben machen muß.

Die Götterlehre der Griechen und Römer, die Götterlehre der alten Germanen und Kelten, die Götterlehre der Egypter, die Götterlehre der Inkas und viele Weltanschauungen noch vieler Völker, die jahrhundertelang Familiensitte, Landessitte gestaltet und geleitet haben, sind vom Erdboden verschwunden. Und wir wundern uns nur, daß das damals scheinbar Unerschütterliche erschüttert werden konnte, absterben und schwinden konnte.

Der Leser wird selber verfolgen können, wenn ich ihm jetzt die Entstehungsgeschichte meiner Bücher und die Richtung meiner Lebenswege schildern werde, daß ich alle Kraft, alle Arbeit, Eigenart und Lebensbejahung dreiundzwanzig Jahre lang nur aus dem Weltfestlichkeitsgedanken und Weltfestlichkeitsgefühl schöpfen konnte.

Aber man möge mich nicht falsch verstehen und meine Rede nicht mit der Rede des Pharisäers vergleichen, der stolz auf seine Brust deutete und sagte: „Seht, bin ich nicht immer gut, immer gerecht und wohltätig gewesen.“

Keinen Stolz sollt ihr aus jenen Zeilen, die ich bis jetzt niederschrieb und keinen Stolz aus denen, die ich schreiben werde, herauslesen, keinen Übermut und keine Überhebung über alle die, welche anders denken.

Es fällt mir auch nicht ein, den dumm zu finden, der meine Worte nicht begreifen kann. Wer heute nicht in der Sonne liegen mag, weil er sich ans Dunkel gewöhnt hat, wird vielleicht morgen den sonnigen Platz, den sonnigen Lebensplatz selbst aufsuchen, wenn er sich an den Gedanken vom Dunkel zum Licht gewöhnt hat. Ich jedenfalls halte meine Weltanschauung für die wärmste unter der Sonne.

Wer das Leben bisher als eine Strafe oder als eine Notwendigkeit oder als ein Jammertal oder als eine Aufgabe oder als eine Pflicht oder nur als einen sinnreichen Mechanismus oder als ein sinnloses Chaos betrachtet hat, oder als eine blind zupackende Wollust oder als eine unheilbare Krankheit — denn alle diese Anschauungen habe ich aus dem Munde lebender Menschen gehört —, wer eine von diesen genannten Anschauungen vertritt, der möge doch wenigstens seinem heranwachsenden Kinde oder der unbefangenen Jugend den Lebenssinn als eine weise Festlichkeit auslegen.

Und der wird sicher erleben, wenn er dieses mit Geduld und Freundlichkeit unternimmt, daß er einen größeren Vorteil davon haben wird, weil er sein Kind reicher macht, befreiter, als es die früheren Kinder waren, weltverständiger und dadurch edler. Und weltverständige und reichgemachte Kinder werden ihren Erziehern mehr Glück, Ehre und Vergnügen bereiten als eingeschüchterte, verheuchelte oder in Weltunkenntnis einseitig und also arm erzogene Menschengeschöpfe.

Sagt dann euren Kindern, wenn sie euch nach Herkunft, Sinn und Ziel des Lebens fragen, sagt ihnen zuerst, daß sie Schöpfer und Geschöpfe zugleich sind seit ewigen Tagen und in ewigen Tagen, und daß ihre augenblickliche Menschengestalt wirklich und unwirklich zugleich ist, sowie alle Leben rundum, sowie das ganze Weltalleben.

Sagt ihnen dann weiter: „Wir erinnern uns nicht und könnten nicht antworten, wenn wir plötzlich gefragt werden: Was haben Sie vor zwei Jahren am letzten Januartag in der sechsten Stunde des Tages gedacht und erlebt?“ — So ist es auch mit unserem früheren Leben. Wir kennen es äußerlich nicht mehr, so wie uns die Speisen nichts mehr angeben, die wir vor zwei Jahren verdaut haben.

Nur dem inneren Leben ist alles unvergessen geblieben. Schon die Sekunde, während ihr diese Zeile lest und aussprecht, ist aus der äußeren Wirklichkeit in die Unwirklichkeit geglitten und hat einer anderen wirklichen Sekunde Platz gemacht, die auch wieder unwirklich wird, bis ihr ausgedacht habt.

Und wie die Sekunde, so ist auch unser eigenes Wesen, wirklich und unwirklich zugleich. Und wir sind immer in der Unwirklichkeit so gut zu Hause wie in der Wirklichkeit. Und mit uns sind das alle Dinge und alle Lebewesen.

Alle Leben gehören einer greifbaren und einer ungreifbaren Welt an, und deshalb ist kein Leben nur niedrig und keines nur hoch. Das niedrige Tier ist niedrig und hoch zugleich. Die niedrigste Pflanzengattung ist hoch und niedrig zugleich.

Der toteste Gegenstand ist hoch lebend und niedrig lebend zugleich, denn er ist unwirklich und wirklich zugleich. Der elendste Mensch ist hoch und niedrig zugleich, vergänglich und unvergänglich, wirklich und unwirklich.

Und sagt euren Kindern weiter: „Liebe Kinder, wenn ihr das begreift, daß alles Leben wirklich und unwirklich, hoch und niedrig, greifbar und ungreifbar, einer inneren und einer äußeren Welt angehörig zugleich ist, so müßt ihr nicht den Schluß ziehen, als wäre die Welt und das Leben ein kreisender Unsinn.

Seht, das Leben soll ein weises Spiel sein.“ Deshalb ist es wie jedes Spiel wirklich und unwirklich. Was die Puppe für das Mädchen und das Schaukelpferd für den Knaben, das ist das Leben den Erwachsenen: ein anregendes, aber zugleich auch ein verantwortungsvolles Spiel. Und wenn ihr spielt, eifrig, glücklich und lebensvoll, dann fühlt ihr euch festlich.

Das ganze Leben ist deshalb im Grunde ein feinsinniges mächtiges Fest, das wir alle zusammen seit ewigen Tagen begehen und ewig weiter festlich erleben wollen. Die verschiedenen Gestalten des Lebens, Menschen, Tiere, Pflanzen, Steine, Gegenstände, Lichtstrahlen und Schatten, alle sind Millionen festlicher Kleider, in denen die Schöpferkraft, die in jedem Leben wohnt, zur Festfeier erscheint.

Alle kommen, um Freude und Leiden zu erleben und Freuden und Leiden erleben zu lassen. Das Freudeerleben und Leiderleben ist unser wechselndes Erleben bei diesem Feste.

Und in jeder Gestalt sind drei große Hauptfreuden zu erleben möglich, und alle drei Freuden gehören wie die Geschöpfe, wie die Schöpferkraft auch, zugleich der wirklichen und unwirklichen Welt an.

Die erste Freude, die dir in der Jugend begegnet, wenn du ins Leben trittst, das ist die Tätigkeit, körperliche und geistige Tätigkeit.

Die Tätigkeit ist kein Fluch, keine schwitzende Not, keine bloße Aufgabe, keine nackte Notwendigkeit. Tätigkeit, geistige und körperliche, ist die erste Freude, die dem aufwachsenden Leben zuteil wird; und diese Freude täglich zu vergrößern, wird jedem eine Lust sein.

Denn die Tätigkeit kann jedem wohltun wie Essen und Trinken, wie Atmen und Schlafen, wie Gehen und Liegen. Die Tätigkeit anderer betrachten und die Tätigkeit nachahmen, das ist das Lebensfest des Kindes.

Wenn ihr dann erwachsen werdet, wird euch eine zweite große Festfreude begegnen: die Liebe, wie Vater und Mutter sie zu einander hegen. Auch die Liebe gehört einer wirklichen und einer unwirklichen Welt an, so wie die Tätigkeit einer geistigen und körperlichen Welt angehört. Tätigkeit und Liebe sind dann die beiden großen Freuden im Lebensfest des Erwachsenen, im Lebensfest des Mannes und der Frau.

Und wenn das Alter kommt und mit ihm der Abschied vom Lebensfest, nicht der Abschied vom ewigen Fest, nur der Abschied von der Gestalt, von dem Kleid, das wir wechseln sollen, und das vertragen ist, dann kommt eine Verklärung über euch, ein Rückblick über das Sattgewordensein in diesem Kleid, das ihr tragt, ein Dankblick auf diese Gestalt, in der ihr tätig wart und geliebt habt, und es kommt ein leichter Ruhegenuß über euch.

Doch auch dieser ist wirklich und unwirklich zugleich. Und es kommt die dritte Freude, die letzte große Festfreude über euch: das ist die Freude an der Weisheit. Wissend und weise werdet ihr über das Fest zurückschauen, ehe ihr eine Pause macht und die alte Gestalt ablegt und nach einem neuen Kleide greift und euch verjüngt.

Und auch die Weisheit ist wirklich und unwirklich zugleich, und darum werdet ihr nicht bei ihr verweilen. Die Weisheit ist eine hohe Kraft, die wir weder als Kind noch in den mittleren Jahren im höchsten Grade besitzen konnten, die erst beim Lebensabschied errungen wird. Die Weisheit ist die Freude des satten Alters. —

Aber über eurem äußeren und eurem inneren Leben, die wirklich und unwirklich zugleich sind, ist wirklich allein eure Schöpferkraft. Sie ist ewig und unendlich wirkend, sie war seit ewigen Tagen euer Eigentum. Sie führt euch durch die drei Festzeiten jedes Lebens. Sie erschafft euch Lebensgestalt um Lebensgestalt. Sie erschuf und vernichtet eure Gestalt und alle Gestalten um euch. Sie macht euch zum Geschöpf und Schöpfer. Sie kann euch nie genommen werden. Sie ist euer unendlicher Besitz und läßt euch ein unendliches Fest feiern, ohne Müdigkeit, ohne Eintönigkeit, ein unendliches Schöpferfest. —

Und seht noch einmal um euch! Alles, was ihr um euch empfindet, das seid ihr selbst. Nicht bloß euer Kleid schuft ihr euch, eure Schöpferkraft durchströmt alles und alle Leben, alle lebenden und toten Dinge um euch. Nie seid ihr allein, nie einsam. Nie sollt ihr ängstlich sein.

Was immer ihr empfindet, ist euer festlicher Besitz. Ihr braucht nicht danach zu greifen. So wie ihr es empfindet, ist es euer Besitz. Eure Schöpferkraft umschließt es, auch wenn ihr es nicht in den Taschen und in den Händen haltet.

Denn eure jeweilige Gestalt ist auch mit allen Leben verkettet. Wie euer Leib einen Kopf besitzt und ein Herz, und wie der Kopf eine Stirn besitzt, und wie das Herz im Besitz von Herzkammern ist, so ist euere Gestalt eingegliedert als Teil, als Geschöpf in die Welt. Und euere Gestalt ist Besitz der Welt, wie die Welt Besitz eurer Schöpferkraft ist. Das heißt: Ihr seid der Besitz aller, und ihr besitzt alle, — ihr seid Geschöpf und Schöpfer zugleich.

Nun habe ich die Weltanschauung, die sich von 1890 bis 1913 in mir ganz langsam ausbaute, mit diesen Zeilen dem Leser erklärt. Bewußt und unbewußt wuchsen die Gedanken in all diesen Jahren in mir auf. Jetzt, in meinem sechsundvierzigsten Jahr, da das Leben sich bald dem Abstieg zuneigt, wollte ich dieses Gedankengut, wie es heute in mir lebt, vor mir feststellen.

Seit jenem Abendspaziergang mit meinem Freund, dem jungen Philosophen, der mir im Frühling 1890 bei untergehender Sonne, am Main entlang, jene mir so wichtige Aussprache gab, habe ich diese Weltanschauung zuerst wie einen Keim wachsen gefühlt, und jetzt überragt sie mich wie eine Weltenesche, und ich sitze unter schützenden Gedanken, gelehnt an den festen Stamm meines gefestigten Schöpfungsbaumes und fühle mich im innersten Leben wohl und zufrieden, ruhig und reich.

Aber erst war ich nicht gleich zufrieden, als ich noch die Reste der Spinnweben, der alten unfruchtbaren Weltanschauung, in meinen Taschen und vor Augen hatte, und ich will erzählen, wie es mir da erging.

Auf jenem Abendspaziergang, im Frühling 1890, gab mir mein Freund mit den neuen Weltgedanken sozusagen das erste Goldstück meines heutigen Reichseins, und es hatte die Eigenschaft, daß es sich durch fast dreiundzwanzig Jahre ganz von selbst in meiner Tasche vermehrte.

Als ich in den ersten Wochen damals die Entdeckung machte, daß sich das Goldstück von selbst, ohne daß ich damit wucherte, zu vermehren begann, und ich merkte, daß das Gold, wenn ich in meine Tasche griff, meine Hand mehr und mehr anfüllte, da kam die lächerliche Gier über mich, das Reichwerden beschleunigen zu wollen. Und mit Jugendhast und Jugendfrevel verlockte ich meinen Freund, der bisher ruhig war und dem selbstverständlichen Wachsen des geistigen Goldes mit Selbstverständlichkeit zusah, meine Gier zu teilen und die Macht, die wir mit dem neuen Weltgedanken in uns trugen, zu versuchen und zu stürmischer Bereicherung anzufeuern.

Und das geschah an jenem Augustnachmittag, dessen Schilderung ich nun dem Leser so lange schuldig bin, daß er längst das Recht hat, sie ungeduldig von mir zu fordern.

Mein Vater wohnte im Sommer 1890 einige Wochen zu seiner Erholung auf jenem Gutshof am Nikolausberg. Es ist dies derselbe Hof, wo ich nach jenem Sturz verweilte und im Gartenzimmer einen Augenblick, an dem Weihnachtsbaum vorbei auf die Gartenterrasse schauend, mächtig an törichte Wunderversuche erinnert wurde, die ich damals mit meinem Freunde im Angesicht der Stadt Würzburg durchlebte.

Ich stand an jenem Augustnachmittag im Jahre 1890 an der Terrassenecke, halb auf der Mauerbrüstung sitzend und an die Fahnenstange angelehnt, die dort in der Ecke im Boden eingerammt ist. Ich war an diesem Samstagnachmittag auf jenes Gut gekommen, um meinen Vater zu besuchen, und sollte über den Sonntag bleiben.

Zwei Wege führen von der Stadt zum Gut herauf, und ich erwartete, auf einem derselben den Kopf meines Freundes auftauchen zu sehen, der zum Spätnachmittag heraufkommen wollte und bei mir sitzen wollte, während ich mich im Landschaftszeichnen üben würde.

Am Abhang vor der Terrasse lagen die Felder, hohes Korn und saftiger Klee, windstill. Die Hitze des Tages lastete auch noch spät in der Nachmittagsstunde drückend auf jedem Halm, und im Westen hatten sich dunkle Gewitterwolken angesammelt. Aber die Täler und die Stadt im Tal lagen noch breit im glühenden Nachmittagsonnenschein.

Die Gartenterrasse, die sich haushoch an jener Ecke, wo ich stand, über den Bergabhang erhebt, war ein guter Aussichtsplatz, und man konnte sich hier leicht Herr der ganzen Welt fühlen.

Ich wurde endlich ungeduldig, weil ich zum Landschaftszeichnen von der Terrasse auf den Berg gehen wollte und mein Freund nicht kam. Ich hatte einige Tage vorher zu dem jungen Philosophen gesagt: „Ich finde, wir nützen deine neuen Weltallgedanken viel zu wenig aus. Du willst diese Gedanken nur auf die Chemie und auf die Physik anwenden, und ich soll sie nur auf die Dichtung anwenden. Wäre es nicht einfacher, wenn wir, um jene Gedanken einmal auf ihre Echtheit zu prüfen, — ich meine von ihnen besonders den Gedanken, daß wir Schöpfer und Geschöpf zugleich sind und keinen einzelnen Schöpfer über uns haben, — wäre es nicht möglich, wenn dieser Gedanke wahr ist, daß wir uns dann auch im alltäglichen Leben als Schöpfer gebärden müßten, so daß man alle diese Wunder spielend vollbringen könnte, welche zum Beispiel Christus vollbracht haben soll?“

So vermessen fragte ich, da ich den Begriff Schöpfer nicht im weitesten und nicht im tiefsten Sinne nahm und nicht begriff, daß ein weiser Schöpfer seine Schöpfung klug empfunden und erdacht hat und sich nicht willkürlichem Wunderwirken ergehen wird, nachdem er weise und mit Liebe an seinen Werken tätig war.

Es wird keinem Bildhauer, wenn er ein Meisterwerk vollendet hat, einfallen, sich noch mehr Beweise seiner Schöpfungskraft geben zu wollen, indem er ganz unnütze und unnötige Änderungen an dem vollendeten Meisterwerke vornimmt. Indem er zum Beispiel Willkür walten läßt und plötzlich einem herrlichen Menschenbild, das er geschaffen hat, Ohr und Nase abhackt und das Ohr dorthin setzt, wo vorher die Nase war, und die Nase an Stelle des Ohres anbringt, und dieses nur, um sich zu beweisen, daß er tun kann, was er will, weil er Schöpfer ist. So unsinnig wird kein weiser Meister handeln.

So unsinnig aber forderte ich jetzt Verwandlungswunder, die mein Freund ausführen sollte als sichtbare Beweise für die neue Weltanschauung, weil diese sagt, daß wir Schöpfer und Geschöpf zugleich sind.

„Daß ich Geschöpf bin, habe ich immer gewußt. Nun will ich auch an mir erfahren, daß ich Schöpfer bin,“ so hatte ich zu ihm gesprochen. „Wenn du keine Wunder vollbringen kannst, dann bist du nur Geschöpf, und der Schöpfer lebt dann doch über dir. Beweise mir einmal deine Macht, oder beweise dir selbst deine Ohnmacht.“

Von dieser Sprache wurde der junge Philosoph gereizt. Es war ihm etwas ganz Unfaßbares — das sah ich ihm an —, daß ich mich nicht reich genug fühlte durch die Gedanken, die er in mir angeregt hatte, und die allmählich auf meine Lebensumwandlung und auf meinen Dichterberuf, dem ich im Innersten zustrebte, schöpferisch wirken sollten.

„Du wirst das Schöpferische an dir erleben. Warte nur, warte nur! So geht das nicht, wie du es dir denkst. Es kommt nicht auf Wunder im Leben an, sondern auf Bereicherung des Lebensfeldes, Bereicherung an Lebensverständnis. Mit Wunderwirken hat die neue Weltanschauung nichts zu tun. Wunder sind billige Verblüffungen für das gedankenlose Volk und nicht nötig für den Denker.“

„Gut,“ sagte ich ungeduldig, „dann rechne ich mich zum gedankenlosen Volk. Denn, was heißt unumschränkte Schöpferkraft anderes, als daß du tun und lassen kannst, was du magst. Christus ist übers Wasser gegangen, Christus ist in den Himmel gestiegen, Christus hat Wasser in Wein verwandelt. Und dieses vollbrachte er alles vor den Augen seiner Jünger, so sagt man. Und er tat dies, um sie gläubig für seine Weltanschauung zu machen und ihnen seine Macht zu beweisen.

Du willst, daß ich meine alte Vorstellungsmacht vom Schöpfer beiseite legen soll und jeden Menschen als Teilhaber an der Schöpfungskraft erklären soll. Beweise mir dieses, daß wir Mitschöpfer sind, durch Wunder. Steige vor mir zum Mond auf oder laß die Wolken, die da weiterziehen, plötzlich stillstehen. Tue irgend etwas Außergewöhnliches, und ich werde nie mehr an deiner Weltanschauung zweifeln und will ihr erster Jünger und erster Verkünder werden.“

Mein Freund sah mich bei dieser Aufforderung an, halb gekränkt, halb beleidigt und zuletzt ärgerlich. Dann aber änderte sich plötzlich sein Gesichtsausdruck, und er lachte sein altes Lachen wieder, ein wenig spöttisch und klug.

„Darauf war ich wirklich nicht gefaßt,“ meinte er immer noch lachend, „daß du darauf verfallen könntest, Wunder zu fordern. Ich habe mir noch nie überlegt, ob Wunder nötig sind, um die neue Weltanschauung, die die Mündigsprechung der Menschheit umfaßt, zu beweisen. Laß mich überlegen bis morgen, dann werde ich dir Antwort sagen.“

Und er schnitt kurz das Gespräch ab und sprach von etwas anderem, als wenn er meine Frage vergessen wollte.

Ich sagte ihm aber noch einmal eindringlich, daß ich es lächerlich fände, einen solchen Ausspruch in die Welt zu setzen, sich Schöpfer zu nennen, wenn man dann doch nicht mehr tun kann, als man bisher geleistet hat.

„Du bist noch nicht tief genug in die neue Weltauffassung eingedrungen,“ antwortete er mir kurz. „Die schöpferischen Leistungen werden sich ganz von selbst einstellen, aber nicht so, wie du sie erwartest, nicht als Wunder, sondern als neue Leistungen in der Weltvertiefung.

Deine Gedichte werden zum Beispiel ganz anders werden müssen, einen neuen Rhythmus, einen neuen Bilderreichtum und größere Verinnerlichung aufweisen als die Dichtungen jener Zeit, die sich auf den Standpunkt stellten, daß nur der Mensch ein gottähnliches Geschöpf sei, Tiere aber unvernünftige Wesen wären und nicht gottähnliche Geschöpfe, und daß Pflanzen und Steine und alle Gegenstände und Wolken und Licht für den Menschen tote Dinge bedeuten.

Diese Einseitigkeit der alten Anschauung, die immer nur von der Menschenseele sprach, aber die die Schöpfung rundum als seelenlos behandelte, als verstandlos und geistlos, dieser Auffassung wirst du jetzt als Dichter in deinen Gedichten die Kameradschaft aller Lebewesen gegenüberstellen.

Tote Dinge gibt es nicht mehr. Wie ich dir erklärt habe, ist alles von Schöpferkraft durchdrungen, alles aus äußerem und innerem Leben entstanden, und alles lebt ein äußeres und ein inneres Leben, das heißt, alles ist Geschöpf und Schöpfer zugleich und lebt so seit Unendlichkeit und in Unendlichkeit.

Dieser Friedensspruch, den die Versöhnung aller Leben mit sich bringt, die Gleichstellung aller Kräfte, die Aufstellung, daß jedes Ding dich besitzt und du wiederum auch alles besitzt, diese Erhellung und Bereicherung des menschlichen Daseins, die bisher noch nicht ausgesprochen und nicht bewußt erlebt wurde, diese Weltanschauung wird gegen die frühere Auffassung bei den Menschen Wunder wirken.

Das Leben wird reicher und festlicher werden nach der Befreiung von den alten unfreien Gedanken.

Die neue Weltauffassung, sie befiehlt dir nichts. Sie erklärt dir nur, wer du bist. Sie erklärt, daß du Schöpfer und Geschöpf bist, das heißt, daß du von dir abhängig bist, von dir und deiner Schöpfung. Sie sagt dir noch: du bist der Besitz aller, und du besitzt alles, das heißt, du bist den Gesetzen deiner eigenen Gesetze unterworfen, denn nur aus Gesetzen entsteht eine Schöpfung. Und als Geschöpf bist du abhängig von dir selbst als Schöpfer, und es ist selbstverständlich, daß du als Schöpfer deine Schöpfung liebst, wie du dich selbst liebst. Ohne Drohung, ohne daß ein ‚du sollst‘ und du ‚mußt‘ einer fremden Macht über dir lastet, sondern in weiser Freiheit, bist du dein eigener Herr, erkennst dich mitarbeitend am ewigen Leben und erkennst dich als das ewige Leben selbst. Du nimmst dann von selbst die natürlichen Verpflichtungen, die sich bieten, auf dich, zugleich mit deinen natürlichen Ansprüchen am Lebensfest.

Die alte Weltanschauung verlegte dein Heil in ein künftiges Leben nach dem Tode. Die neue Weltauffassung von morgen ruft dir ein ewiges Heil in jedem Augenblick zu. Du bist in einer Seligkeit geboren, sagt sie dir, du erlebst diese heute mit wie vor tausenden Jahren und wie in allen kommenden Jahrhunderten. Sie erklärt dir: du warst, du bist und wirst sein Mitgenießer und Mitschöpfer.

Du brauchst nicht auf ein Heil zu warten. Du, Schöpferkraft, hast dich, Geschöpf, selbst festlich geschaffen, dich und die Schöpfung. Und müssen dich, Geschöpf, Sorgen bedrängen oder Leiden oder Strafen, weil du die Schöpfung nur aus Leiden und Freuden schaffen konntest, dann erlöst du dich als Schöpfer selbst, indem du die Gestalten wechselst, indem du dich, Geschöpf, verschwinden läßt und dich in einer andern Gestalt aufleben läßt. Von tätiger Freude zu tätiger Freude wanderst du. Dein Wesen ist die unerschöpfliche Schöpferlust und Schöpferkraft, dein Wesen ist die Ewigkeit, und deine Seligkeit heißt: Tätigkeit, Liebe und Weisheit in Unendlichkeit.“

So, nicht im Wortlaut, aber im Sinn, sprach mein Freund, der junge Philosoph, heftig auf mich ein. Ich ließ ihn reden und hörte nur verstockt zu, immer von der Gier nach den Wundern besessen, und ich war ein Tor, dessen Schatten erst über die Schwelle der Erkenntnis gefallen war, aber ich selbst stand noch draußen vor der Erkenntnisschwelle.

In meiner Jugendhitze wollte ich schnelle Taten sehen. Das Wort Schöpfer reizte mich. Ich wollte die Macht, die in diesem Worte lag, äußerlich vor mir aufleben lassen.

Und ich sagte plump zu meinem Freund: „Du verschanzt dich hinter vielen Worten, weil du ohnmächtig bist. Du redest von dem Wort Schöpfer und bist nichts als ein ohnmächtiges Geschöpf. Ich glaube dir nicht mehr. Es kann manches gut an deinen Erklärungen sein, aber seit Wochen hast du mich jetzt totmüde gemacht mit deinen immerwährenden Wiederholungen von Schöpfer, Geschöpf und Schöpferkraft.

Ich will und muß von der Kraft etwas erleben. Von deiner inneren Kraft bin ich überzeugt. Zeige mir jetzt auch äußere Kraft.“ Und ich fügte noch, ihn reizen wollend, hinzu: „Der neue Freund, den du mir neulich vorgestellt hast, der Schweigende, er sagte auch, solange du dich nicht als Schöpfer beweisen kannst, bleibst du ein weltabhängiges Geschöpf.“

Im selben Augenblick fuhr es mir durch den Kopf: Hat sich denn der junge Philosoph nicht längst als Schöpfer bewiesen, indem er die „Weltauffassung von morgen“ ausdachte; so nannte ich die neue Weltauffassung jetzt.

Aber ich übersprang diesen Gedanken rasch, immer auf die Wunder begierig, die mein Freund als Beweis seiner Macht vollbringen sollte.

„Du willst mich vielleicht gar nicht mehr als Freund anerkennen wollen,“ sagte er scherzend, als er sich verabschiedete, „wenn ich dir nicht ein Wunder zeige.“

„Nein,“ entgegnete ich, „ich werde mich für irregeführt halten, wenn du kein Wunder vollbringen kannst.“

Da sah er mich rasch an, und es war mir, als hätte ich ihn aufs Äußerste gereizt.

„Also,“ sagte er plötzlich unvermittelt, „ich werde es mir nochmals überlegen. Vielleicht kann ich, wenn ich nächstens wiederkomme, doch einige Wunder vollbringen.“

Diese Entscheidung setzte ihn wieder in meine Achtung ein. Wir trennten uns mit einem kurzen Kopfnicken.

Nach dieser Aussprache waren einige Tage vergangen.

Nun saß ich auf der Terrassenecke und wartete. Beinahe bereute ich schon, daß ich den an äußerer Ruhe, Geduld und Weisheit mir so überlegenen Freund mit den heftigen Wünschen nach Wundern in die Enge getrieben hatte. Denn es waren bereits zwei Tage vergangen, oder war es eine ganze Woche — ich erinnere mich heute nicht mehr so genau, — seit er sich nicht mehr hatte sehen lassen. Er war öfters am Spätnachmittag auf das Gut gekommen, wo ich meinen Vater täglich besuchte und hatte mir beim Zeichnen zugesehen und geplaudert oder mit meinem Vater Schach gespielt.

Mit Spannung sah ich über die Äcker hinunter, ob ich nicht seinen Kopf bei der Buchenhecke am oberen Weg oder unter den Obstbäumen am unteren Weg auftauchen sehen würde. Der andere Freund, der Schweigende, hatte mir erzählt, daß er ihn lange nicht mehr in den Kollegs gesehen hatte, und hatte mich an diesem Morgen gefragt, ob der Philosoph krank sei. Diese Anfrage war am Telephon geschehen, und der Schweigende hatte gesagt, er wollte heute gegen Abend kommen und mir Nachricht über unseren Freund bringen.

Da hörte ich unterhalb der Terrasse den Kies des Weges knirschen, und als ich mich über die Mauerbrüstung bog, sah ich, bereits dicht am Gut angekommen, den jungen Philosophen. Aber sofort erkannte ich auch, daß eine Veränderung mit ihm vorgegangen war. Sein Gang war fahrig, sein Gesichtsausdruck war, als er mir jetzt zunickte, lebhafter als sonst. Er hielt ein weißes Taschentuch in der Hand, mit dem er sich unausgesetzt die Handflächen rieb.

Ein leichtes Gefühl von Schuld verdunkelte meine Gedanken. Ein Gefühl von Bedauern und Ratlosigkeit begann mich zu quälen, denn ich hatte blitzschnell begriffen, daß der Wunsch, Wunder zu wirken, in meinem Freund jetzt stärker Fuß gefaßt hatte als in mir vorher; das sah ich seiner Veränderung an.

Ich sagte mir dann rasch, daß ich alles wieder rückgängig machen müsse. Es war, als hätte ich den klugen Freund mit der Wunderforderung kindisch gemacht. Und ich wollte ihm sogleich Abbitte tun und gern auf alle Wunder verzichten, damit er seine ruhige gelassene Haltung bei blindem Vertrauen in seine Weltanschauung zurückgewänne.

Ich sah auf einmal ein, daß er recht hatte, wenn er behauptete, daß seine Weltanschauung genug innere Wunder wirken würde, und daß man nicht äußerliche Verblüffungswunder von ihr verlangen sollte.

Unheimlich war mir das Taschentuch, mit dem er sich immer die Handflächen rieb, während er den letzten Rest der Wegstrecke am Bergabhang heraufstieg. Dann kam er herein in den Garten. Ich hatte ihm entgegengehen wollen, war aber an der Terrassenecke sitzen geblieben, um ihn beobachten zu können, und ich wurde mehr und mehr erschüttert.

Er nahm sein Augenglas ab und putzte die Gläser mit dem Taschentuch, und ich sah, daß seine Augen fieberten.

Er kam näher; er zwang sich zu lächeln, als wir uns begrüßten, aber sein Blick war nicht mehr ruhig und nicht in sich gekehrt wie sonst, nicht gefestigt und unerschütterlich. Seine Augen flackerten, als wären sie von einem Fieber entzündet.

Wir standen eine Weile nebeneinander, und jeder von uns überlegte, so schien es mir, um eine Gesprächseinleitung zu finden. Aber das Taschentuch blieb dabei nicht still in den Händen des jungen Philosophen. Es glitt von seiner einen Hand in die andere, und wenn er nicht seine Augengläser putzte, so rieb er sich die Handflächen. Und dabei konnte er nicht ruhig auf beiden Füßen stehen. Er stand bald auf dem linken, bald auf dem rechten Fuß, und ich fühlte mich immer schuldbewußter werden.

Plötzlich meckerte er ein Lachen, schielte mich ein wenig von der Seite an und sagte: „Nun, welches Wunder verlangst du zuerst von mir?“

Da wurde ich wie erlöst, weil ich glaubte, er scherze, und ich sagte rasch: „Ich bitte dich, vergiß diesen Unsinn von mir. Ich verlange gar keine Wunder. Ich verlange nur, daß du derselbe Mensch wieder bist, der du früher warst.“ Und ich sah voll Angst das Taschentuch an, das da immer noch von seiner linken Hand in seine rechte wanderte und von der rechten in die linke Hand zurück.

„Du wunderst dich,“ sagte er und fing meinen Blick auf, „daß ich so unruhig bin. Aber ich habe in mir seit drei Tagen künstlich ein Fieber gesteigert. Ich habe Unmassen Tee und Kaffee getrunken und Zigarren und Zigaretten geraucht, um mich aufzurütteln.“

Während er dies sagte, befühlte er seinen Puls und stellte befriedigt fest, daß das Fieber immer noch stieg. Und er hielt mir seine rechte Hand hin, damit ich auch seinen Puls fühlen sollte. Das wollte ich aber gar nicht tun. Mein Herz klagte plötzlich, als läge es irgendwo wie ein verwundetes Wild im Dickicht. Dieser Mensch, sagte ich mir, zerstört sich, um seine Weltanschauung zu beweisen, die längst bewiesen ist. Denn sie ist dadurch bewiesen, daß sie den festlich stimmt, der sie ernst überlegt.

Ich wußte mir nicht mehr zu helfen. Er meckerte wieder ein unnatürliches Gelächter. Vielleicht ist er schon ganz von Sinnen, rief es in mir eilig und ratlos.

„Du willst ja Wunder haben, und das geht nicht nur so ohne Vorbereitung, wenn man sich mit der Sache noch nicht befaßt hat. Darum habe ich mich jetzt in diesen Tagen vorbereitet,“ fuhr er fort. „Laß uns mal eine Probe machen.

Ich will mal versuchen, ob ich vor deinen Augen fortschweben kann über die Stadt, über das ganze Maintal, hinüber auf die Berge da drüben.“ Und er deutete auf den sogenannten „Kugelfang“ hin, auf die Höhenfläche, die im Osten das Maintal abgrenzt und die Stadt Würzburg, die mit Türmen und Dächern reich im Tal ausgebreitet liegt. „Du mußt aber fest an die Möglichkeit glauben und keinen Augenblick an mir zweifeln,“ fügte er hinzu.

Ich wollte abwehren. Er sah es mir an, daß ich nicht mittun wollte, und rief aus: „Nun, das ist noch schöner! Jetzt, wo ich mich vorbereitet habe, willst du gar keine Wunder haben. Aber jetzt gibt es keinen Rückweg. Jetzt will ich die Wunder haben,“ behauptete er. „Willst du nun daran glauben oder nicht, daß ich das Wunder fertig bringe?“

Ich verstand, daß er sich fest vorgenommen hatte, mich zu überzeugen, und daß ich ihn nicht abbringen würde von seinem Vorsatz, Wunder wirken zu wollen.

„Ach,“ sagte ich, „ich glaube dir alles. An meinem Glauben soll es nicht fehlen. Sage mir aber nur, warum du fortwährend deine Handflächen mit dem Taschentuch reibst?“

„Das will ich dir gleich erklären. Das tue ich, um die Elektrizitätskraft, die ich in meinen Fingerspitzen und in meinen Handflächen sich ansammeln fühle, an die Hautoberfläche zu bringen, um vielleicht so die elektromagnetische Stromverbindung mit der Ferne herzustellen, mit jenem Berge da drüben, zu dem ich mich jetzt durch die Luft bewegen will.“

Da mußte ich ihm antworten: „Ich habe mir das Wunder eigentlich ganz anders vorgestellt. Ich habe nicht geglaubt, daß du dich in einen Fieberzustand versetzen müßtest. Auch nicht, daß du dich vermittelst Elektrizitätskräften und Magnetismus auf den Berg über das Tal hinweg versetzen willst. Sondern ich dachte, daß dein einfacher Wunsch allein im gesunden alltäglichen Körper das Wunder vollbringen würde, das du deiner Schöpferkraft zu tun befiehlst.“

Da meckerte er wieder und schielte mich von der Seite an mit einem irren Blick, aus dem ich nicht klug wurde, ob mein Freund ernst war oder ob er scherzte.

„Du bist aber anspruchsvoll,“ höhnte er ein wenig. „Ich habe noch nie Wunder vollbracht und kann natürlich nicht sofort mit dem Wunsch allein arbeiten. Vielleicht, wenn ich einmal Übung habe, wird das möglich sein. Jetzt aber kann ich noch nicht ohne Vorbereitung eine Wirkung versprechen. — Nun wollen wir eine Gedankenkette herstellen,“ fuhr er fort. „Sieh da, der Stein an der Terrassenbrüstung ist noch warm von der Sonne, die ihn vorhin beschienen hat.

Lege deine beiden Hände flach auf den warmen Stein. Ich werde dasselbe tun. Dann benützen wir die Erdkräfte. Aber du mußt stark mit mir wünschen, denn ich glaube, daß dein Wunsch nach Wundern, weil er zuerst entstand, der kräftigere ist. Ich glaube, daß dein Wunsch mich eher hinüberheben wird auf den Berg als der meinige.“

Wir taten, wie er gesagt hatte. Aber natürlich rührte sich sein Körper nicht von der Stelle, und ich war auch ganz froh darüber, denn es war alles schon so unheimlich, daß, wenn auch noch ein Wunder sich ereignet hätte, wir wahrscheinlich alle beide unseren Verstand verloren hätten.

Nachdem wir eine Weile über das Tal hinüber auf den Berg gestarrt hatten, brach ich zuerst das Schweigen, da ich sah, wie seine Hände zitterten. „Laß es doch gut sein,“ sagte ich. „Ich glaube jetzt, daß es keine Wunder gibt. Streng dich nicht weiter an.“

Da wurde er aber böse, fuhr mich heftig an und rief geärgert: „Eben habe ich mich fortbewegen wollen! Ich fühlte schon meine Hände zittern, ich fühlte schon, daß ich in die Luft aufsteigen würde. Wenn du aber ungeduldig bist und keinen Glauben in mich hast, dann allerdings sind keine Wunder möglich.“

Mir wurde immer banger um seinen Zustand, denn er begann wieder dieselben heftigen Bewegungen mit seinem Taschentuch. Da sagte ich zu ihm: „Ich will jetzt auf den Berg gehen und zeichnen. Wir können ja ein andermal einen neuen Versuch machen. Für heute finde ich es genug.“

Das Seltsame war geschehen, wir hatten unsere Naturen vertauscht. Ich hatte seine äußere Ruhe angenommen, und er trug meine Wunderbegierde zur Schau. Ich sprach fast wie ein Philosoph und er wie ein junger Dichtersmann, der Märchen in der Welt erleben möchte und Wunderbarkeiten, weil ihn die Dichtersehnsucht mehr zum Unwirklichen als zum Wirklichen lockt.

Ich nahm meine Zeichenmappe und den Bleistiftkasten, der auf der Terrassenbrüstung neben mir gelegen, an mich, setzte meinen Strohhut auf und ging langsam voraus. Ich fühlte, daß ich meinen Freund auf andere Gedanken bringen mußte, damit der Fieberzustand ihn verlassen könne.

Er folgte mir zögernd und immer das unheimliche Taschentuch zwischen den Fingern zerknitternd.

Und als ich ihm sagte, er solle seinen Hut nicht vergessen, erklärte er mir, er habe gar keinen Hut mitgebracht, damit die Elektrizität aus seinen Haaren ungehindert ausströmen könne.

Allmählich fing ich an, fast Verachtung für seinen Zustand zu empfinden. Dieser Wunderwahnwitz, der ihn ergriffen hatte, grenzte ans Lächerliche. Diese Wundersucht hatte es fertig gebracht, den jungen, sonst so gern unauffällig und schlicht daherkommenden Mann ganz zu verwandeln. Er war ohne Hut durch die Stadt aufs Land gewandert!

Eine Viertelstunde später saß ich unterhalb der Steinbrüche, die höher hinauf hinter dem Gutshof liegen, am Rande eines Akazienwäldchens, und ich zeichnete und plauderte von harmlosen Dingen, während mein Freund hinter meinem Rücken unstet umherging und kleine Steine aneinander und aufeinander klopfte. Das Gewitter, das am westlichen Himmel stand, grollte dort hinter einem Wald, immer näher herankommend.

„Hörst du,“ sagte der Unruhige, „das ist meine Elektrizität, die das Gewitter jetzt anziehen wird. Du wirst sehen, es wird sogleich über unsere Köpfe ziehen. Ich fühle, wie ich mit Elektrizität geladen bin.“

Ich ließ ihn reden, zeichnete ein wenig und sah mich dann erst nach dem Gewitter um. Aber als ich meinen Freund anblickte, erschrak ich. Er hatte sich die Stirnecken so heftig mit dem Taschentuch gerieben, daß seine sonst weiße Stirn zwei feuerrote Male zeigte. Er schien einen neuen Einfall bekommen zu haben und winkte mir.

Er hielt seine Krawattennadel in der Hand. Diese Nadel war ein Geschenk seiner Mutter. Es waren in Silber gefaßte Rheinkiesel daran, die stellten eine Rose dar. „Ich werde diese Rheinkiesel jetzt in Diamanten verwandeln,“ sagte er mit etwas geduckter Stimme, kicherte geheimnisvoll und setzte sich auf einen Feldstein.

Das Gewitter grollte jetzt dumpfer und näher. Der Himmel hatte sich verdunkelt, aber die Wolken waren noch nicht über uns angekommen.

„Ich fürchte für meinen Strohhut,“ sagte ich nachlässig, um abzulenken, und blickte zum Himmel.

Er meckerte wieder das mir so unangenehme Lachen, das er heute zum erstenmal mitgebracht hatte, und rief: „Jetzt ist der Augenblick da, wo ich dir beweisen will, daß ich ein Wunder wirken kann. Das Gewitter dort und die Elektrizität in mir treffen so günstig zusammen wie vielleicht niemals wieder. Wünsche nun mit mir, daß diese Glaskiesel sich in Diamanten verwandeln sollen.“

Ich sah ein, es war ihm nicht zu widersprechen. Ich gab ihm achselzuckend nach und wünschte, daß die Rheinkiesel, die er unausgesetzt mit seinem Taschentuch rieb, sich in Diamanten verwandeln möchten. „Du wirst sehen,“ sagte er eifrig, „dieses Mal wird ein Wunder geschehen.“

Ich wollte es gerne glauben. Da setzte er noch hinzu: „Du sollst dich nicht vor dem Gewitter fürchten. Ich habe die Macht, es abzulenken. Ich werde es nach der anderen Seite des Berges schicken.“

Im gleichen Augenblick blendete uns ein greller Blitz, den ich in den Augen meines Freundes sich widerspiegeln sah, und zugleich schien die Erde, wie lebendig geworden, sich zu schütteln und zu brüllen. Die Steine zitterten, und in den Büschen hinter uns sprang ein heulender Wind auf. Die dünnen Bäume des jungen Akazienwäldchens legten sich schräg und begannen alle laut zu pfeifen.

Mein Freund blieb bleich sitzen; er sah aus, als beleuchte der Blitz ihn noch immer. Und ich sprang fort und rief: „Wir werden hier erschlagen. Schnell fort!“

„Wie schade,“ rief er mir nach, „daß du dich so fürchtest! Das ist ja gar kein Gewitter. Das ist meine Schöpferkraft! Bleibe! Ich werde dir dann die Krawattennadel gleich verwandelt zeigen.“

Ich lief aber schon fort, während er das sagte. Und ich tat, als wären mir meine Zeichenmappe und auch mein neuer Strohhut im Augenblick wichtiger als die zweifelhafte Verwandlung der Krawattennadel. Denn es begann eben mit talergroßen Tropfen zu regnen.

Mit großen Sätzen sprang ich bergab dem Gutshof zu. Ich hatte mich nur einmal umgesehen und zufrieden bemerkt, daß mein Freund, immer das Taschentuch durch die Luft schwingend, mir eiligst folgte.

Im Gutshof unter der Haustüre erwartete ich ihn. Er kam aber nicht eilig, sondern kam gemächlich unter den großen Regentropfen dahergewandert und behauptete, er habe mit seinem Taschentuch den Regen von sich abgehalten. Und trotzdem ihm das Regenwasser von beiden Schultern lief, meinte er, er wäre gar nicht naß geworden.

Jetzt begann ich mich über all die Torheit laut zu ärgern, und ich hielt ihm seine Selbsttäuschung vor. Er aber sagte, er habe Herrlicheres erlebt, als ich mir vorstellen könne. Er sei jetzt ganz frei von der Elektrizität, die in ihm aufgespeichert gewesen, denn den Donnerschlag und den Blitz, die hätte er mit seinen Kräften hervorgebracht. Das Gewitter wäre nur Schein und Einbildung von mir gewesen.

„Jawohl,“ sagte ich, „und dein Rock, der jetzt auf den Schultern ganz naß ist, und der Regen, der dich bis auf die Haut durchnäßt hat, nennst du das auch Einbildung?“

„Das ist nur in deinen Augen so,“ entgegnete er mir. „Ich sehe keinen Regen an mir. Ich bin ganz trocken. Und dich hätte auch kein Regen eingeholt, wenn du mir vertraut hättest und nicht vorausgelaufen wärest. Denn ich ging trocken im Regen nach Hause, weil es mein Wille war, daß der Regen mich nicht berühren sollte.“

„Und die Krawattennadel ist vielleicht jetzt ein Diamant geworden,“ höhnte ich ein wenig.

„Du bist immer so ungeduldig,“ klagte er. „Wärest du nicht fortgelaufen, wäre der Kiesel längst ein Diamant. Der Stein hat sich aber wieder zurückverwandelt, weil du das Gewitter mit deiner Furcht unterbrochen hast.“

Ich wollte: „Unsinn“ sagen, schwieg jedoch und sagte, ich wollte ihm einen Regenschirm holen, damit er auf dem Heimweg nicht naß würde. Er behauptete fortgesetzt, er würde nicht naß, er würde den Schirm nicht aufspannen.

„Denn wenn man von der Weltanschauung keinen Nutzen haben soll,“ lachte er, „dann ist ja die ganze Sache langweilig.“

Ich war erschüttert über den ihn erniedrigenden Ausspruch, den er da tat, und ich hätte aufweinen mögen. Seine Rede schnitt mir ins Herz. Er sprach von Nutzen und Vorteil. Während er früher nichts als die Erhabenheit seiner Gedanken erleben wollte, wollte er die Gedankenkraft jetzt in Diamanten und in irdischen Nutzen umsetzen. Aber Schuld daran, das leugnete ich keinen Augenblick vor mir selbst, war ich.

Als ich im Hause in meinem Zimmer den Regenschirm holte, erschien mein Freund plötzlich unter der Tür, und rief aus: „Ah, du hast einen eisernen Ofen im Zimmer! Ich habe zu Hause leider nur einen Kachelofen. Und wenn ich gestern einen eisernen Ofen im Zimmer gehabt hätte, hätte ich mein Waschwasser in kölnisches Wasser verwandeln können.“

Ich wurde ganz traurig und ich ließ ihn reden. Er aber stellte einen Stuhl an den Ofen und bat mich, auf den Stuhl zu steigen. Ich sollte mit der einen Hand den Ofen berühren. Meiner anderen Hand reichte er den Zipfel seines Taschentuches hin.

Er behauptete, das Taschentuch sei jetzt mit seiner Elektrizität ganz gesättigt. Er hatte vorher Wasser in die Waschschüssel gegossen und hielt nun mit der rechten Hand das andere Ende des Taschentuches. Seine linke Hand aber tauchte er in das Waschbecken.

„Nun ist der Strom hergestellt,“ triumphierte er. „Soll ich nun das Wasser in Rosenwasser oder in kölnisches Wasser verwandeln?“

Ich mußte beinahe auflachen. Aber er bat mich inständig, meine Gedanken zusammenzufassen, und wir entschieden uns, das Waschwasser in Rosenwasser zu verwandeln.

Plötzlich rief er: „Ach, ich habe ganz vergessen; du bist nicht isoliert genug. Ziehe deine Stiefel aus!“

Dagegen sträubte ich mich, und er ließ es dabei bewenden, daß ich die Stiefel anbehalten durfte.

Unser Anblick wäre für einen plötzlich Eintretenden äußerst komisch gewesen. Feierlich schweigend bildeten wir die Stromkette vom Ofen bis zum Waschtisch, und als Verbindungsglied zwischen mir und meinem Freund schwebte das weiße Taschentuch.

Nach einer kleinen Weile sagte er: „Jetzt ist es genug. Jetzt muß die Verwandlung fertig sein.“ Und er nahm von meinem Schreibtisch ein Stück Fließpapier, tauchte es vorsichtig in das Wasser, roch dann an dem durchtränkten Papier und behauptete, daß es einen schwachen Rosengeruch habe.

„Ja,“ stimmte ich bei, „es riecht nach Rosen im Zimmer.“ Das war auch wahr, denn die Sonne war eben untergegangen, und durch das offene Zimmerfenster strömte der feine Atem der Rosenbüsche aus dem tiefgelegenen Garten herauf. Ich wollte meinen Freund aber nicht daran erinnern, daß dieser Rosenduft jeden Abend nach Sonnenuntergang ins Zimmer kam, denn ich war müde von der Narretei.

Er sagte dann ganz ernst: „Der Duft des Wassers wird wahrscheinlich nicht lange anhalten, denn es ist dies heute das dritte Wunder, an das ich meine Kräfte verschwendet habe, und die Elektrizität war nicht mehr stark genug in mir, um das Wasser bleibend in Rosenwasser verwandeln zu können. Schade, daß ich das Gewitter hinter den Berg geschickt habe. Wenn es über das Haus gezogen wäre, hätten wir seine Kraft mit zur Bereitung des Rosenwassers verwenden können.“

Ich sah hinaus. Der Himmel war klar, das Gewitter war verschwunden, und der Abend breitete sich friedlich über Felder und Gärten aus.

Sichtlich stolz auf seine Leistungen, steckte jetzt endlich mein Freund das Taschentuch in seine Brusttasche, und ich begleitete ihn zur Stadt den Berg hinunter. Ich wollte ihn in dem unklaren Zustand, in dem er war, wenigstens bis zum Stadttor folgen. Ich fürchtete, er würde unterwegs vielleicht im Felde sitzen bleiben und irgendein neues Wunder ausdenken.

Vor dem Burkardustor war damals ein großer Zimmerplatz am Mainufer. Dort lagen lange Baumstämme und Balken, zu Haufen geschichtet, auf dem Rasen. Als wir an dem Platz vorüberkamen, stand der Mond mit schwach leuchtendem Halbrund am Himmel. Es war dämmrig geworden, und das Mondlicht begann auf den glatten Stämmen des Zimmerplatzes zu glänzen.

Ich wollte mich jetzt von meinem Freund verabschieden. Da deutete er nach dem Mond und sagte: „Warte einen Augenblick! Ich will doch noch versuchen, dir noch ein ganz einfaches Wunder zu zeigen.“

Ich wollte nicht hinhören und sagte: „Mein Vater wartet mit dem Abendbrot auf mich. Ich muß eilen, um auf den Berg zurückzukommen.“

Mein Freund aber war schon auf einen Balkenhaufen geklettert. Schleunigst zog er, oben sitzend, seine Stiefel aus und stand nun da, aufgerichtet auf den Zehenspitzen, die Arme hoch zum Mond gehoben, während ich an dem Bach — der damals noch nicht überbrückt war — an einem Maulbeerbaum lehnte und dem Wundersüchtigen von weitem zusah und nun wirklich von Herzen wünschte, es möge ihm gelingen, vor mir in den Mond zu steigen, damit wir nicht mehr von den Wundern weitersprechen müßten.

Es wurde dämmeriger. Wolken schoben sich vor den Mond, und einen Augenblick schien es wirklich, als wäre mein Freund im Dunkel verschwunden. Da wurde mir bang, und ich rief mehrmals seinen Namen.

Er war aber nur hinter die aufgestapelten Balken gestiegen und hatte dort seine Stiefel wieder angezogen. Nun kam er zurück und bewegte wieder lebhaft das Taschentuch in seiner Hand. Und er sagte: „Es wird mir gelingen, ich weiß es ganz gewiß. Jetzt ist es Halbmond, aber wenn es Vollmond ist, wird der Mond kräftig genug sein, mich zu sich zu ziehen.“

Dann nahm er ganz vergnügt Abschied, und wir trennten uns. Nachher auf dem Heimweg hinauf zum Gut in der Stille des dunkelnden Heckenwegs atmete ich auf, als wäre ich einem Zauberer entronnen.

War die Welt nicht wundervoll, wie sie da im Sommerabend nach dem Gewitter in der gereinigten Luft vor mir lag auch ohne Wunder? War es nicht wundervoll, als Mensch zu wandern und sich Mensch und sich nur als Mensch zu fühlen? Warum sollte man fliegen oder Verwandlungen vornehmen?

Als wäre ich von einem Alpdruck aufgewacht aus einem quälenden Schlaf, so befreit fühlte ich mich jetzt auf dem Abendweg. In der Ferne stand der Schattenriß des Giebels vom Gutshaus am Bergabhang. Ein Lichtpunkt leuchtete auf der dunklen Terrasse. Am Himmel flimmerten ein paar vereinzelte Sterne.

War es nicht Wunder genug, zu wissen, daß man lebte?

Der Lichtpunkt auf der Terrasse und die Lichtpunkte der Sterne waren einander ähnlich, und doch wußte ich, die Lichtpunkte oben am Himmel waren riesige Weltenkörper, und auf der Terrasse unten stand nur eine kleine Petroleumlampe auf einem gedeckten Tisch, auf dem das Abendbrot wartete.

War das nicht Wunder genug, daß riesige Welten klein wie Lampen werden konnten, klein wie eine Lampe, die auf einem Menschentisch steht?

Beim feierlichen Bewundern der Lebensdinge werden alle Leben Wunder! Heute kann ich mir mein Empfinden in Worten ausdrücken. Damals genoß ich es ohne umfassendes Wort.

Einige Tage nach diesem Augustnachmittag war ich wieder in unserer Stadtwohnung, als der andere Freund, der Schweigende, zu mir kam und mich fragte, wann ich zum letztenmal den jungen Philosophen gesehen hätte. Derselbe sei nicht mehr ins Kolleg gekommen, auch wäre ihm nicht geöffnet worden, als er den Freund in dessen Wohnung aufgesucht habe.

Auf Nachfrage bei seiner Hausfrau habe diese geantwortet, ihr Mieter liege seit ein paar Tagen zu Bett, wolle aber keine Besuche empfangen, habe auch kein Essen zu sich genommen und wünsche nur in Ruhe gelassen zu sein. Sie gehe deswegen gar nicht mehr an seine Türe, da er jedesmal von drinnen herausrufe, daß er nicht gestört sein wolle.

Das, was ich da hörte, erschreckte mich gewaltig. Ich erzählte in kurzen Zügen dem Schweigenden die Vorgänge des Nachmittags: daß unser Freund mit dem Vorsatz, Wunder zu wirken, zu mir gekommen und noch im gleichen Wahn von mir fortgegangen sei.

„Er muß uns öffnen,“ sagte ich. „Er darf nicht sich selbst überlassen bleiben, sonst verfällt er in Irrsinn. Hoffentlich ist es noch nicht zu spät.“ Der Schweigende nickte, und dann eilten wir beide nach der Wohnung des jungen Philosophen.

Es war sechs Uhr abends, heller Sommerabend. Und als wir in das altmodische Haus traten, in welchem unser Freund ein Zimmer gemietet hatte, war es in dem großen Treppenraum still, und nur unsere Schritte hallten auf der geräumigen Holztreppe des weiten Stiegenhauses. Mit einigem Staunen sahen wir, als wir den oberen Flur, der durch keine Türe von der Treppe abgesperrt war, erreicht hatten, daß dort auf den Sandsteinfliesen viel Wasser ausgeschüttet war.

Wir dachten aber an nichts Besonderes dabei, sondern meinten, daß dieses durch die Unachtsamkeit eines Dienstmädchens geschehen wäre; denn im gleichen Flur war ein Wasserhahn an der Wand angebracht, mit einem eisernen Becken darunter. Da war es leicht möglich, daß das Wasser im Becken vielleicht übergelaufen war, wenn der Beckenabfluß verstopft und der Hahn nicht zugedreht gewesen.

Vorsichtig über die Wasserlachen steigend, kamen wir zur Zimmertür. Wir klopften, aber wir erhielten keine Antwort. Der Zimmerschlüssel steckte, also mußte unser Freund zu Hause sein. Wir klopften mehrmals und versuchten durchs Schlüsselloch zu spähen, und ich sehe uns da noch heute vor der großen weißlackierten Türe beratschlagen, immer ängstlicher werdend, weil wir nicht mehr wußten, was wir zu tun hatten.

„Vielleicht ist er eingeschlafen,“ meinten wir dann und wir beschlossen, einen Augenblick auf der Treppe zu warten, denn es ging augenscheinlich etwas Unheimliches vor. Das sagten uns immer eindringlicher die großen Wasserflecken, die, wie es mir auf einmal schien, ganz von selbst anwuchsen und sich immer mehr über die Steinfliesen ausbreiteten. Wir stiegen über die Wasserseen zurück bis zur breiten Holztreppe. Dort standen wir zaudernd und warteten, an das Geländer angelehnt. Endlich setzten wir uns auf die oberste Stufe und überlegten.

Während wir noch in die Haustiefe zur Treppe hinunterhorchten und immer hofften, der junge Philosoph möge ausgegangen sein und würde plötzlich nach Hause kommen, da fuhren wir auf einmal beide gleichzeitig in die Höhe, denn das Wasser, das wir aus dem Auge gelassen hatten, hatte uns am Treppenrand erreicht, und wir sahen staunend, daß es jetzt wie ein fließender Bach von Stufe zu Stufe hinunterlief.

Wir sahen beide unwillkürlich nach der weißen Zimmertür und verstanden nun, daß die Unmenge Wasser aus dem Zimmer unseres Freundes kam.

„Was ist das wieder für ein Streich?“ entfuhr es dem Schweigenden.

Das bewegliche Wasser, das da neben uns das einzige Leben im Treppenhause war, blickte uns an und sagte uns: „Es ist ihm nichts Schlimmes geschehen, und ihr braucht euch nicht zu ängstigen. Er macht nur neue Wunderversuche.“

Jetzt hörten wir auch, daß einige Gefäße im Zimmer, Eimer und Waschschüssel, klirrten, als würden sie zur Seite gerückt. Unsere Laune heiterte sich auf. Wir klopften nun lebhafter an die Türe und riefen lachend, daß wir eintreten wollten.

„Es ist offen,“ rief drinnen die Stimme unseres Freundes.

Rasch drückten wir die Türe auf, und nun wurden wir noch mehr erstaunt. Wir sahen eine Wasserfläche, weit ausgebreitet über den ganzen Zimmerfußboden, vor uns. Und in seinem Bett, mit dem Augenglas auf der Nase, lag der junge Mann mit feuerrotem Kopf und vergnügt lachend.

Er erklärte uns, daß er noch einmal Versuche gemacht hätte, sich und diesmal auch das ganze Zimmer vollständig zu isolieren, damit er dadurch neue Elektrizitäten in seinem Körper ansammeln könne, die er heute nacht zum Aufstieg in den Vollmond brauchen wollte. Er sagte auch, er habe tagelang nichts gegessen, sondern nur Zigaretten geraucht und sich Kaffee und Tee bereitet.

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