Zweiter Abschnitt. In Amsterdam.
Reading edition
1. Kaufmännische Thätigkeit.
Als Brockhaus im Winter von 1801 auf 1802 Arnheim verließ und nach Amsterdam übersiedelte, um hier das früher mit Mallinckrodt betriebene Geschäft in englischen Manufacturen en gros allein und auf günstigerm Boden fortzusetzen, hatte er einen schweren Stand. Durch den Hiltrop'scheu Proceß und die Verlegung seines Geschäfts von Dortmund nach Arnheim hatte sein Credit schon leiden müssen, da die kaufmännische Welt die nähern Umstände und die eigentliche Veranlassung dazu nicht kannte. In Amsterdam hatte er somit eigentlich wieder von vorn anzufangen. Indeß verlor er den Muth nicht, und das Glück schien ihm auch bald wieder lächeln zu wollen.
Es waren damals die letzten Jahre der Batavischen Republik unter ihrem trefflichen Leiter, dem Großpensionär Schimmelpenninck; die frische Luft des Freistaats, der lebhafte Verkehr der großen Handelsstadt sagten ihm weit mehr zu, als die engen Verhältnisse der kleinen Provinzialstadt Arnheim und seiner freilich ebenfalls »freien« Vaterstadt Dortmund. Außerdem stand er in Amsterdam ganz auf eigenen Füßen und befand sich in neuer Umgebung; er hatte auf keinen Associé Rücksicht zu nehmen und wurde in der ersten Zeit wenigstens fast durch nichts mehr an frühere widrige Verhältnisse erinnert.
Alles das gab ihm eine zuversichtliche Stimmung. In dieser schreibt er am 18. Mai 1802 an seinen Bruder Gottlieb in Dortmund, mit dem er fortwährend in den herzlichsten Beziehungen verblieb:
Wir fügen uns in unsere hiesigen neuen Verhältnisse Alle recht gut, und wenn ich mal diejenigen der alten Handlung ganz in Ordnung habe sowie mein properes Geschäft in gehörigem Vertrieb, so hoffe ich, wird mir endlich Zufriedenheit und Ruhe zutheil werden; ich werde gewiß mich für abermalige zu große Geschäfte hüten. Darin fehlte Mallinckrodt und verführte er mich auch hauptsächlich. O ich danke Gott, daß ich von ihm ab bin und allein handeln kann, wie ich jetzt will. Ich könnte ihm große Vorwürfe machen — ich thue es nicht und ergebe mich in mein Schicksal. Die Zukunft verspricht mir auch ja so viel Gutes und ich hoffe, daß, wenn wir uns mal wiedersehen, wir Beide glücklicher sein werden als wie wir uns trennten.
Auch materiell unterstützte ihn der Bruder durch seinen Credit und wie er es sonst vermochte. Im Sommer 1804 besuchte er ihn in Amsterdam. Folgender bald nach dessen Abreise geschriebene Brief von Arnold Brockhaus an seinen Bruder Gottlieb (vom 4. September 1804) gibt von dem herzlichen Verhältniß zwischen Beiden und von der warmen Empfindung des Schreibers Zeugniß:
Theuerster Bruder!
Freilich: unsere höchsten Freuden grenzen oft nur um eine Linie an den herbsten Schmerz. Wie glücklich verflossen uns die wenigen Tage, die wir hier zusammen lebten und — was mir unschätzbar bleibt — auch mit einander verlebten. Aber der Abschied von Dir, theuerster Bruder, am Sonntag Morgen, — der zerriß mir die Seele. Bin ich doch nie von Schmerz, Betrübniß und Wehmuth so hingerissen, so aufgelöst gewesen, als in den Stunden. Mir selbst fast unbegreiflich war auch die Stimmung, worin ich mich befand. War es mir doch, als ob mit Dir alle meine Hoffnungen, alle meine Freuden, alle Annehmlichkeiten des Lebens dahinschwänden, als ob die Zukunft von jetzt an nur Grausen und Schrecknisse für mich haben werde, als ob wir uns nie wieder sehen würden, — als ob ich nichts Theueres mehr auf der Welt hätte!
Ich konnte mich auch nicht erholen. Nicht eine, sondern mehrere Stunden lang saß ich in Schmerz versunken, ohne ein anderes Bewußtsein auf der Seele, als daß oft unwillkürlich und gedankenlos helle Thränenbäche mir aus den Augen stürzten. Nur die Liebkosungen der Kinder, an dem Arme ihrer guten, mir so lieben Mutter, brachten mich endlich wieder zu mir selbst. Der Tag verfloß uns so in feierlicher Stille, und nur Du warst der Gegenstand unserer traulichen Reden. Könnten wir Dich doch in unserer Mitte haben! Könnten wir doch nur zusammen leben! Das war der ewige Wiederholungspunkt, worin sich unsere Wünsche alle begegneten.
Du eiltest in der Zwischenzeit der friedlichen Heimat zu. Jetzt ist der Bruder da, nun ist er da. Nun ist er in Amersfoort, Arnheim, Wesel — nun eilt er in die Arme seiner lieben Frau, seiner geliebten Kinder, jetzt drückt er sie froh an sein Herz, nun sind sie zu Hause im kleinen Stübchen, jetzt erzählt der Bruder von uns — und von Amsterdam, dem horchenden Lottchen, den erstaunenden Freunden! So warst Du uns stündlich und täglich gegenwärtig, so begleiteten wir Dich allenthalben und lebten in der süßesten Täuschung. Denn ach, — wie schrecklich mußte der Uebergang von der Stimmung sein, mit welcher Du in Bochum ankamst, bis Du es wieder verließest. Erinnerst Du Dich des Vorfalls, den Du uns von dem Bauer in Brakel erzähltest, der bei seiner Zurückkunft, wo er sein liebes Weib und seine Kinder zu überraschen gedachte, ersteres und seinen Liebling von diesen todt fand? War es mir doch, als Du es erzähltest, als ob mir eine geheime Ahndung aufstieg. Das Herz brach mir fast, als Du es erzähltest! Gott, wie schrecklich hattest Du hier selbst fühlen können, du gefühlvoller, edler, einfacher Mensch, was Du mit so innigem Affecte von Andern darstellen konntest!
Wir Alle, theuerster Bruder, haben an diesem Deinem harten Schicksale den innigsten Theil genommen und nehmen ihn noch immer. Gebe nur der gute Gott, daß sich noch Alles zum Besten lenke. Gebe er Dir Seelen- und Körperstärke, um die Gegenwart und die Zukunft ertragen zu können!
Wir bitten Dich innigst, uns doch jeden Posttag, wäre es auch nur mit wenigen Zeilen, die Lage der Umstände zu melden. Wir befürchten zwar Alles, hoffen aber auch noch Alles.
Ein weiteres sprechendes Zeugniß der Liebe zu seinem Bruder Gottlieb bietet ein Blatt, das dieser in seiner Wohnstube unter Glas und Rahmen aufbewahrte. Es enthält eine bekannte Stelle aus Schiller's »Braut von Messina« mit der Ueberschrift: »A. B. — G. B.« und wurde ihm wahrscheinlich einmal von seinem Bruder zum Geburtstage übersandt. Die Worte (von Isabella nach dem zweiten Auftreten des Chors gesprochen) lauten:
Feindlich ist die Welt Und falsch gesinnt! Es liebt ein Jeder nur Sich selbst; unsicher, los und wandelbar Sind alle Bande, die das leichte Glück Geflochten — Laune löst, was Laune knüpfte — Nur die Natur ist redlich! Sie allein Liegt an dem ew'gen Ankergrunde fest, Wenn alles And're auf den sturmbewegten Wellen Des Lebens unstet treibt. Die Neigung gibt Den Freund — es gibt der Vortheil den Gefährten; Wohl dem, dem die Geburt den Bruder gab! Ihn kann das Glück nicht geben — anerschaffen Ist ihm der Freund, und gegen eine Welt Voll Kriegs und Truges steht er zwiefach da.
Sein nicht mehr bedeutendes Betriebskapital wußte Brockhaus auf geschickte Weise zu vergrößern, indem er das Vertrauen benutzte, das man ihm in Amsterdam von allen Seiten entgegenbrachte. So hatte sich schon in Dortmund ein französischer Emigrant an ihn angeschlossen und ihm nach und nach eine größere Summe anvertraut, worüber nun in Amsterdam am 1. Juni 1802 ein Document ausgestellt wurde; es war dies der frühere Prevôt von Valenciennes, Pierre Antoine Louis Lehardy de la Loge. Freilich entstanden ihm später manche Unannehmlichkeiten aus diesem Geldgeschäfte, da die nach dem Tode seines Freundes von dessen Erben geforderten Rückzahlungen des Kapitals gerade in eine sehr schwierige Zeit fielen. In ähnlicher Weise bot ihm ein anderer französischer Emigrant, ein früherer Militär, Charles Louis Remy la Motte de la Tournelle aus Rheims, ein kleines Kapital gegen eine Jahresrente an und Brockhaus schloß am 15. März 1802 darüber einen Vertrag mit ihm.
Aber auch in der kaufmännischen Welt gewann er rasch wieder bedeutenden Credit. Allerdings ließ er sich dadurch verleiten, trotz seiner guten Vorsätze wieder weiter zu gehen, als seine Kräfte erlaubten, und zudem traten bald politische Verhältnisse ein, die das kaufmännische Geschäft überhaupt sehr erschwerten. Es war die Zeit der Continentalsperre, jener rücksichtslosen Maßregel Bonaparte's gegen England, durch welche er dessen Macht zu brechen hoffte. Natürlich war es sein Streben, auch die Nachbarländer zu gleichem Vorgehen gegen England zu bestimmen, da er sich nur dann den gewünschten Erfolg versprechen konnte. So bot er auch seinen ganzen Einfluß auf, um die schwache Batavische Republik zu ähnlichen Maßregeln zu bringen, und diese vermochte dem Drängen des mächtigen Nachbars auf die Länge nicht zu widerstehen. Die strengsten Verordnungen wurden erlassen, um allen englischen Waaren den Eingang in die Republik unmöglich zu machen.
Dies war natürlich ein tödlicher Schlag für Brockhaus' eben im Wiederaufblühen begriffenes Geschäft, dessen Hauptbezugsquelle immer England gewesen war. Trotzdem verlor er den Muth nicht gleich, er suchte den veränderten Umständen gemäß neue Wege auf und noch bis in den Herbst des Jahres 1804 gelang es ihm, der ungünstigen Conjunctur die Spitze zu bieten. Allein die Verlegenheiten mehrten sich.
Unterm 30. September entwirft er dem Bruder folgendes anschauliche Bild seiner Lage:
Seit Deiner Abreise, lieber Bruder, habe ich viel Sorgen gehabt und noch sind sie leider nicht vorbei. Ich will mich mit Dir sehr offen unterhalten, gerade als ob wir traulich nebeneinander in der Mitternachtstunde säßen, wie wir es bei Deinem Hiersein so manchmal thaten.
Ich habe unglücklicherweise noch immer nicht die goldene Kunst erlernt, die Segel einzuziehen, wenn der Wind am vortheilhaftesten hineinweht. Durch das günstige Geschäft in diesem Jahre verführt, habe ich mich unglücklicherweise wieder zu tief hineingesteckt, und es ist mir deshalb was über dem Kopf zusammengeschlagen. Dazu kam die verdammte Speculation auf die Ladung des hier verkauften Schiffes, wovon mir noch 12000 Gulden in Leipzig festsitzen und die im Ganzen doch nicht gut rentirt. Drittens hatte es mir Anstrengung gekostet, um an Hofmann & de Bri gleich eine Summe von circa 1500 £ zu übermachen, in Absicht eines brillanten Debüts, da ich sonst noch ein paar Monate das Geld hätte halten können. Auch habe ich das Jahr zu viel comptant oder auf kurze Zeit gekauft .... Ich habe mich inzwischen gehalten, allen Engagements Genüge geleistet und denke, so Gott will, glücklich herauszukommen .... Es ist das Alles sehr schlimm gewesen und noch ist es nicht wieder im rechten Haken, allein so wie das Schlimme sehr nahe am Guten grenzt, so auch umgekehrt. Es wird hieraus für mich wahrscheinlich viel Gutes hervorgehen. Die Lehre, die ich jetzt erhalten, war scharf: meine Existenz stand auf einer Nadelspitze — die habe ich erhalten —, aber mein Credit hat tief gelitten und das ersetzt sich schwerer, ob ich gleich hier auf dem Platze keines besondern Credits bedarf. Ich habe es nämlich mir selbst, meinem theuern Weibe, meinen geliebten Kindern heilig gelobt: von jetzt an nur ein kleines Geschäft, das nur halb so groß ist als mein jetziges, haben zu wollen. Ich werde nicht wieder wankend werden, zuverlässig nicht, dazu ist mein Vornehmen diesmal zu bestimmt und raisonnirt. Das Gute wird also aus meinen gehabten Verlegenheiten sicher hervorgehen und ich blicke wirklich seit der Zeit schon mit mehr Heiterkeit in die Zukunft als vorher. Ich habe allen Ideen von weitläufigem und ausgebreitetem Geschäft auf das feierlichste entsagt, und fortan werde ich mich nie wieder dazu verführen lassen, noch von dem geraden Wege in meinen Transactionen abgehen .... Dies, lieber Bruder, waren die Sorgen und die Verlegenheiten, worin ich mich befunden habe. Sie waren groß, da sie alle wie ein Gewitter auf mich zusammenstürzten, allein sie waren auch nicht größer als ich sie Dir geschildert, und ich hoffe, daß ich so ziemlich dadurch bin. Ich habe außer dem brüderlichen Hange, Dir auch nichts verschweigen zu wollen, was mir Gutes und Uebles auf der Welt widerfährt, auch noch die Ursache, Dir darüber zu schreiben, da es möglich wäre, daß durch Königshoff oder sonst Jemanden etwas darüber nach Dortmund berichtet würde, und damit Du dann weißt, was davon zu halten.
Endlich noch eine brüderliche Mittheilung. Es ist unvermeidlich, lieber Bruder, daß der Uebergang von meinen ansehnlichern zu den kleinern Geschäften mich nicht geniren müßte, besonders da ich es als ersten Grundsatz festgesetzt, mich dazu auch nicht eines insoliden Hülfsmittels zu bedienen, ich vielmehr damit begonnen habe, solche zu succificiren. Ueberhaupt fühle ich, daß ich doch dem ausgedehnten Geschäfte nicht gewachsen war bei der hiesigen Solidität, und daß ein Manufacturgeschäft hier mit einem Fonds wie der meinige eigentlich nur die Hälfte desjenigen solide thun kann, was ich ganz that. Außer den Hülfsmitteln, die in mir selbst liegen und die dazu mit dienen sollen, jenen Zweck zu erreichen, möchte ich aber auch noch gern alle die ins Werk setzen, welche für mich erreichbar sind und die dazu mit beitragen könnten, d. h. ich möchte gern alle die Fonds disponibel haben, welche mir doch einmal gehören, durch unangenehme Dispute aber nun für mich ohne Nutzen sind .....
Im weitern Verlaufe des Briefs macht er Vorschläge, die sich darauf beziehen, daß er seinen Antheil an den gemeinschaftlichen Ländereien bei Dortmund (circa 6 Morgen) abtreten und verschiedene Familienverhältnisse geordnet haben möchte, wodurch er ein Kapital von 6000 Fl. zu erhalten hofft. Außerdem bittet er seinen Bruder, ihn selbst noch auf etwa ein Jahr mit einem besondern kleinen Kapitale von etwa 4000 holl. Fl. zu unterstützen. Dann fährt er fort:
Es soll sowol dies, als wenn ich jenes erhalte, nicht dazu dienen, meine Geschäfte zu erweitern. Nein, es ist und bleibt der heiligste und unabänderlichste Vorsatz bei mir, sie vielmehr sehr einschränken. Es soll aber dazu mit dienen, um mir Verbindungen ganz entbehrlich zu machen auf auswärtigen Plätzen, die, so wie sie sehr kostbar waren, mich auch stets genirten und meine Thätigkeit von meinem eigentlichen Geschäfte ablenkten. Ich habe vor, mich ganz aufs Reine zu setzen und endlich einmal mir selbst und meiner Familie zu leben. Dieser Uebergang kostet mir aber, wie Du denken kannst, sehr viel Mühe und erfordert auch neue Fonds, indem bei einem großen Geschäfte auch der Credit groß ist und eins das andere stopft. Daß Du mir das Kapital mit Sicherheit anvertrauen kannst, dafür bürgt Dir mein Ehrenwort, daß erstlich meine Sachen gut stehen, und zweitens, daß, möchten mich auch unglückliche Umstände ereilen, es mir die heiligste Pflicht sein würde, Dich vorzüglich zu decken. Ich weiß wol, lieber Bruder, daß Deine Einrichtungen und auch Deine Fonds es nicht erlauben, daß Du mich aus eigenen Mitteln bedeutend unterstützest, allein ich dachte, daß Deine Verbindungen Dir vielleicht Mittel an die Hand böten, hier oder da so ein Kapital von etwa bis zu 4000 Fl. zusammenzubringen. Solltest Du inzwischen keine Gelegenheit haben, so sagst Du es mir nur einfach und ich suche mich dann anders durchzuschlagen. Es braucht zwischen uns keiner Complimente darin. Ein Ja ein Ja, ein Wort ein Wort .... Kurz, lieber Bruder, Alles, was Du vermagst zu thun, das thue in diesem Augenblicke, der durch das Zusammentreffen mehrerer Umstände für mich sehr unangenehm ist. Die größte Krise habe ich zwar überwunden, allein geheilt bin ich noch nicht, und es wird mir noch große Anstrengungen kosten, ehe ich darüber bin .... Ich habe Dir Alles sagen und Dir nichts verschweigen wollen. Du und Sophie sind die einzigen Menschen auf der Erde, die meine wahrhaften Freunde sind. Ich kann und will Beiden nie etwas verhehlen. Es wird Alles gut gehen, nur der Augenblick war hart und ist es noch. Die herzlichste Umarmung!
Die Antwort auf diesen Brief liegt nicht vor. Doch ist kaum zu bezweifeln, daß der Bruder ihm auch in diesem Falle, wie in so manchen frühern, nach Kräften geholfen, denn unterm 26. August 1805 dankt er ihm, weil er »die 3000 Fl. wieder in seinen Händen gelassen«, mit dem Bemerken: wenn er sie gern zurückhaben wolle, so werde ihn dies nicht geniren, falls er nur etwas vorher davon unterrichtet sei. Jedenfalls gelang es Brockhaus, seine Verhältnisse zu ordnen, und seinem Vorsatze getreu schränkte er das kaufmännische Geschäft wesentlich ein. Im October 1804 scheint er mehrere Wochen in Wesel zugebracht zu haben, wahrscheinlich eben zur Abwickelung eines frühern größern Waarengeschäfts.
Diese Einschränkung in enge Verhältnisse konnte aber seinem regen, weitstrebenden Geiste nicht lange genügen, und da er theils wegen der Continentalsperre, theils nach den kaum überstandenen Bedrängnissen daran festhielt, sein Geschäft in englischen Waaren nicht wieder auszudehnen, so mochte für ihn der Gedanke nahe liegen, neben demselben ein anderes Geschäft zu betreiben, das seinem Geiste bessere Nahrung versprach und von dem er doch auch materielle Erfolge erwarten konnte.
2. Errichtung einer Buchhandlung.
Von Jugend auf von dem lebhaftesten Interesse für die Literatur erfüllt, hatte Brockhaus, wie schon erwähnt, eigentlich gegen seinen Willen, nur auf Wunsch seines Vaters und durch zufällige Umstände darauf hingeführt, den Kaufmannsstand erwählt. Mehr durch fremde als durch eigene Schuld und durch die Zeitverhältnisse an der Durchführung seiner kühn und großartig angelegten Handelsunternehmungen gehindert, griff er jetzt zu der Idee zurück, die ihn seit seinem Aufenthalte in Leipzig oft lebhaft beschäftigt haben mochte: sich dem Buchhandel zu widmen, als einem Berufe, in dem er seine kaufmännischen Kenntnisse verwerthen und doch zugleich seiner Lieblingsneigung, der Beschäftigung mit der Literatur, leben konnte. Er stand noch in dem ersten Mannesalter, dem dreiunddreißigsten Lebensjahre; er hatte reiche Erfahrungen gesammelt, deren Schwere seinen Geist in keiner Weise zu beugen vermochte; er lebte in den glücklichsten Familienverhältnissen, an der Seite einer geliebten Frau, von blühenden Kindern umgeben: noch in Arnheim war ihm am 12. Februar 1802 eine zweite Tochter, Karoline, am 4. Februar 1804 in Amsterdam ein zweiter Sohn, Heinrich, geboren worden. Sollte er den Muth sinken lassen und nicht vielmehr versuchen, ob ihm das Glück nicht auf einem andern Felde lächeln werde?
Im Sommer 1805 ging er an die Ausführung des neuen Plans, obwol seine Buchhandlung formell erst am 15. October 1805 eröffnet wurde und dieser also der Gründungstag der Firma F. A. Brockhaus ist. Von diesem Tage datirt sein erstes buchhändlerisches Circular, allerdings nicht mit seinem Namen, sondern mit der Firma »Rohloff und Compagnie« unterzeichnet. Als Ausländer konnte er nämlich nicht Mitglied der amsterdamer Buchhändlergilde werden, und so bewog er einen ihm bekannten wackern Mann, den Buchdrucker J. G. Rohloff, zu erlauben, daß das Geschäft auf dessen Namen geführt werde. Dieser war dabei weiter nicht betheiligt, als daß er eine kleine Entschädigung für das Hergeben seines Namens erhielt, und Brockhaus von Anfang an alleiniger Eigenthümer. Auch ließ Brockhaus den Namen Rohloff's schon nach kaum zwei Jahren, 1807, ganz verschwinden und wählte für seine Firma die schon in jenem ersten Circular zur Charakterisirung des neuen Geschäfts gebrauchte Bezeichnung: »Kunst- und Industrie-Comptoir«, ohne Hinzufügung eines Namens.[10] Hierüber sagt er in einem Briefe:
Aus Zartgefühl trennte ich bei zunehmenden Geschäften Hrn. Rohloff von unserm Geschäfte, um auch nicht den Schatten von Besorglichkeit in der Seele des guten Mannes aufkommen zu lassen, die er doch haben mußte, da sein Name gebraucht wurde.
Jenes erste Circular, aus dem die Absichten des Begründers gleich deutlich hervorgehen, lautet:
Amsterdam, den 15. October 1805.
Die Unterzeichneten haben die Ehre, Ihnen hiermit anzuzeigen, daß sie hierselbst ein Kunst- und Industrie-Comptoir errichtet haben, welches einerseits zur Absicht hat, nationale Wissenschaft und Kunst zu befördern und das Ausland damit bekannt zu machen, als andererseits: den Freunden der Wissenschaften und schönen Künste in den Vereinigten Niederlanden Gelegenheit zu geben, sich Alles, was das gebildetere Ausland, vorzüglich Frankreich, England, Deutschland und Italien, in diesen Hinsichten Merkwürdiges darbietet, schnell verschaffen zu können.
Wir werden uns bemühen, für die Batavische Republik einen Central- und Verbindungspunkt zwischen nationaler und fremder Kunst und Wissenschaft zu bilden und dadurch einem längst gefühlten und allgemein anerkannten Bedürfnisse abzuhelfen.
Jeder Auftrag des Auslandes, der sich also auf niederländische Literatur und Kunst bezieht, wird demnach ebenso pünktlich und sorgfältig ausgerichtet werden als wiederum alle inländischen Literatur- und Kunstfreunde Gelegenheit haben, durch uns alle Literatur-, Kunst- und Musikproducte des Auslandes schnell und zu billigen Preisen erhalten zu können. Zu beiden Arten von Aufträgen empfehlen wir uns also ergebenst und werden wir uns beeifern, das Zutrauen, um welches wir bitten, durch die That zu verdienen.
Rohloff & Co.
Dasselbe Circular wurde gleichzeitig in französischer Sprache versandt. Der französische Text weicht nur darin von dem deutschen ab, daß es im ersten Satze heißt: »que les soussignés viennent d'établir en cette ville un Institut de Commerce, sous la raison: Bureau des Arts et des Belles-lettres«, woraus sich auch die bereits erwähnte, nach damaliger Sitte ohne weitere Anzeige 1807 erfolgte Umänderung der Firma: Rohloff & Co., in die von: Kunst- und Industrie-Comptoir, erklärt.
Nähere Mittheilungen über die Gründung des buchhändlerischen Etablissements enthält ein Brief von Brockhaus an seinen Bruder, dem er sich natürlich gedrungen fühlte, sofort Kenntniß davon zu geben. Er schreibt aus Amsterdam vom 26. August 1805:
Ich habe Dir neulich ein paar Worte von einer neuen Unternehmung gesagt, wobei ich mich interessirt habe.[11] Ich kann Dir jetzt etwas mehr darüber mittheilen. Ein paar angesehene und sehr wohlhabende Personen, Freunde der Wissenschaften und Künste, haben sich nämlich mit mir zu einem Institut wie das Weimarer und Wiener Industrie-Comptoir vereinigt, freilich sehr im Kleinen, um weniger selbst etwas zu produciren als fremde Sachen zu debitiren. Der Plan ist außer allem Zweifel ganz vortrefflich und verspricht, da durchaus noch nichts Aehnliches im ganzen Lande besteht, reiche Belohnung. Buch- und Kunst- und Musikalienhandel, activ und passiv, werden seine Vorwürfe sein. Wir haben einen Hauptdirector und ich bin Nebendirector, weil ich meiner sonstigen Geschäfte wegen nicht viel Zeit dazu verwenden kann. Ich werde Dir nächstens mal den Plan, wie wir ihn Schimmelpenninck vorgelegt haben, zur Einsicht mittheilen.[12] Wir haben von diesem trefflichen Manne die lebhafteste Ermunterung erhalten und das Versprechen, uns auf alle mögliche Weise zu unterstützen.
Fürchte nicht, lieber Bruder, daß es mich in zu große Weitläufigkeiten setzen werde. Das wird nicht der Fall sein und kann es nicht sein, besonders da ich mein eigentliches Geschäft blos sehr mäßig treiben und höchstens darin einen Umschlag von 100000 Fl. bezwecken werde. Du kennst übrigens meine Liebhaberei für Literatur und Kunst und kannst also denken, wie angenehm es für mich sein wird, mich auf diese Art damit zu beschäftigen. Das Museum, das jetzt an 250 Mitglieder hat, wird unser Institut, da einer der Directoren, Clifford, dabei interessirt ist, zu seinem Fournisseur wählen, und schon dadurch allein ist uns ein Absatz von 6000 Fl. sicher. Die Einrichtungen sind übrigens so getroffen oder werden es (denn noch ist die Sache erst im Werden), daß ich wenig Arbeit damit habe, und es wird mich dasselbe nicht verhindern, Euch dies Jahr noch zu besuchen, wenn nicht von andern Seiten vielleicht was dazwischen kommt.
Wer der in diesem Briefe erwähnte »Hauptdirector« des projectirten buchhändlerischen Geschäfts war, neben dem sich Brockhaus nur als »Nebendirector« bezeichnet, ist nicht bekannt. Entweder blieb die Ernennung eines solchen ein bloßes Project, wie sich überhaupt das Geschäft und Brockhaus' Wirksamkeit in demselben bald wesentlich anders gestaltete, als er sie sich zuerst gedacht hatte. Oder — und das ist das Wahrscheinlichere — unter dem »Hauptdirector« war derjenige gemeint, der dem Publikum und speciell der »Gilde« gegenüber mit seinem Namen hervorzutreten hatte, der Buchdrucker Rohloff, während Brockhaus unter dem Namen eines »Nebendirectors« factisch der eigentliche Leiter des Geschäfts wurde. Denn in einem spätern Briefe an seinen Bruder (vom 25. August 1807) sagt er ausdrücklich, daß er der »alleinige Eigenthümer« der Firma Rohloff & Co. gewesen sei. Auch die »angesehenen und sehr wohlhabenden Personen«, von denen er in jenem frühern Briefe sagt, daß sie mit ihm zur Gründung des Geschäfts sich vereinigt hätten, sind wol schwerlich als Mitbegründer und Miteigenthümer des Geschäfts anzusehen; es waren vielmehr »Freunde der Wissenschaften und Künste«, die als solche und als seine persönlichen Freunde ihm mit ihrem Einfluß und selbst mit materiellen Mitteln zur Seite standen. So schreibt er einmal an seinen Bruder: »Ein wackerer Mann, dem ich mich entdeckte, fand meine Idee sehr gut, und ich erhielt von diesem auch noch dazu ein Kapital von 6000 Fl.« Dieser »wackere Mann« kann jener ebenerwähnte Mitdirector des Museums, Clifford, oder der Großpensionär Schimmelpenninck gewesen sein. Von letzterem wurde Brockhaus jedenfalls auch materiell bei seinem neuen Unternehmen unterstützt, wie aus spätern Rechnungspapieren hervorgeht. Ferner nennt er später einmal dankbar folgende Namen als solcher Amsterdamer, die ihm in ähnlicher Weise zu Hülfe kamen, ohne daß uns Weiteres als eben diese Namen bekannt geworden: Gulcher, Falk, Hultmann, Rodde. Möglich ist indeß auch, daß es ursprünglich auf ein Actienunternehmen abgesehen war, das sich später zerschlug.
Aus dem oben mitgetheilten Briefe geht ferner hervor, daß Brockhaus zunächst durchaus nicht die Absicht hatte, sein »eigentliches« kaufmännisches Geschäft aufzugeben; er wollte dieses nur, wie er es schon Ende 1804 sich selbst und seinem Bruder versprochen hatte, nach den bösen Erfahrungen der letzten Zeit wesentlich einschränken und neben demselben, gewissermaßen als Liebhaberei, das neue buchhändlerische Geschäft betreiben. Dieses beabsichtigte Verhältniß kehrte sich allerdings bald um: das buchhändlerische Geschäft wurde die Hauptsache, das kaufmännische die Nebensache, sei es, daß er das letztere absichtlich immer mehr einschränkte, oder daß dasselbe immer weniger rentirte, sei es, daß das erstere sein Interesse und seine Thätigkeit mehr in Anspruch nahm als er sich gedacht hatte. Indeß gab er das kaufmännische Geschäft immer noch nicht ganz auf, sondern betrieb es nebenbei mehrere Jahre fort, bis zu seinem Weggange von Amsterdam, obwol er noch mehrmals sich ganz davon loszumachen versuchte. Eine solche Doppelstellung erscheint in unserer Zeit der Arbeitstheilung ungewöhnlich; damals und bei dem raschen Wechsel der politischen Verhältnisse kam sie öfter vor.
Des Zusammenhangs wegen mögen aus dem bereits erwähnten spätern Briefe an seinen Bruder vom 25. August 1807 einige Stellen gleich noch hier folgen:
Ich halte es für den glücklichsten Gedanken meines Lebens, daß ich, als vor zwei Jahren ich die Unmöglichkeit begriff, mein Geschäft in englischen Manufacturwaaren mit Glück, Ruhe und Segen fortführen zu können, um davon meine schwere Haushaltung und Ausgaben zu bestreiten, daß ich da den Entschluß faßte, hier ein Etablissement für Buch- und Kunsthandel zu errichten, wie es in unserm Lande keines gab, das mir ein gutes Auskommen versprach, keinen übergroßen Fonds erforderte und das meinem Genius vollkommen angemessen war. Indessen hatte ich zur Absicht, doch ein noyau für Manufacturgeschäfte beizubehalten, um in günstigern Zeiten es vielleicht wieder aufzufassen und weiter auszudehnen. Ich war zu der Zeit einer der Directoren unsers Museums und meine Idee wurde dadurch sehr begünstigt .... Durch die Kenntniß und durch die Thätigkeit, welche ich in das neue, meinem Sinne so angemessene Geschäft legte, wuchs solches bald bedeutend, und ich entschloß mich, den noyau, den ich noch von Manufacturen angehalten hatte, fahren zu lassen und mich ganz und allein dem neuen Geschäfte zu widmen, für welches, wie wol Jeder gestehen wird, der mich kennt, ich Jedem und mir selbst außerordentlich berechnet schien ... Antheil hat Niemand am ganzen Geschäfte als ich allein. Ich lasse indessen im Publikum die Idee gelten, als ob mehrere dabei interessirt wären.
Er erwähnt dann noch, daß er seine »andere sehr lucrative aber lästige Unternehmung« (den kaufmännischen noyau) zu verkaufen beabsichtige; indeß findet sich keine Notiz, ob und wann dieser Plan zur Ausführung gekommen.
Doch kehren wir zu dem Beginn seines buchhändlerischen Unternehmens im Sommer 1805 zurück, das er, wie alles im Leben, sofort mit lebhaftem Eifer und nach großartigen Gesichtspunkten anfaßte.
Noch vor Erlaß des Circulars schrieb er an einige größere Buchhandlungen, um gleich bei Eröffnung seines Geschäfts wohlgerüstet auftreten zu können. Nur zwei solcher Briefe sind uns erhalten, beide an Breitkopf & Härtel in Leipzig gerichtet.[13]
In dem ersten, Amsterdam, 5. September 1805 datirt und noch nicht mit der Firma des neuen Geschäfts, sondern »A. Brockhaus« unterzeichnet, heißt es:
Einige Freunde der Literatur und schönen Künste haben sich entschlossen, hierselbst eine Buch- und Kunsthandlung anzulegen nach einem ganz neuen Plane, und dadurch für unsere Republik einem sehr gefühlten Bedürfnisse abzuhelfen. Es wird sich solche mit eigenem Verlage und mit Sortiment befassen und sich überhaupt bemühen, der Verbindungspunkt zwischen nationaler und ausländischer Wissenschaft und Kunst zu werden. Der vollkommene Mangel eines solchen Instituts in den Vereinigten Niederlanden, die glückliche Lage derselben zur Unterhaltung eines Verkehrs mit allen Nationen, selbst mit fremden Welttheilen, der Geist der Zeit überhaupt und endlich die Kenntnisse, der Eifer und die Mittel der Unternehmer — Alles dieses läßt der Unternehmung mit Wahrscheinlichkeit einen guten Erfolg hoffen.
Es sind noch einige Hindernisse, die in dem Zunft- und Gildenwesen ihre Ursachen haben, zu beseitigen, und wir müssen also die Herumsendung unserer Circulare, woraus Sie alles Nähere ersehen werden, so lange aussetzen. In einigen Wochen wird solches aber spätestens geschehen. Bis dahin habe ich, einer der Mitunternehmer, übernommen, schon einige Einleitungscorrespondenz anzufangen, und in dieser Qualität bin ich deshalb auch so frei, Ihnen das Gegenwärtige zu adressiren. Es soll sich dasselbe heute allein auf Ihren Musikverlag beziehen. Musikalienhandlung liegt vorzüglich mit im Plane unsers Instituts, da wir darin uns des besten Erfolgs schmeicheln dürfen, weil hierin fast nichts in unserer Republik gethan ist, unerachtet in derselben eine ausgezeichnete Liebhaberei für jede Gattung der Tonkunst statthat. Wir wünschen zu diesem Zwecke also mit den vorzüglichsten Musikalienhandlungen in Deutschland, der Schweiz und Frankreich in Verbindung zu treten und von denselben ihren Verlag in Commission zu erhalten, indem — wenigstens vor der Hand — es ganz unmöglich ist, sich selbigen gleich auf eigene Rechnung anzuschaffen.
Meine ergebenste Frage an Sie ist also hierdurch: ob Sie sich hierzu wol entschließen möchten, und wenn das: ob Sie sich, was wir wünschen müssen, auf uns für unsere Republik einschränken und künftige ähnliche Anfragen zurückweisen wollen, solange unser Verkehr und Vertrieb Ihnen ansteht, und drittens: welches Ihre Bedingungen, Vortheile und Rabatte sind, die Sie zugestehen.
Aus einer Notiz auf dem Briefe ist zu ersehen, daß Breitkopf & Härtel in Leipzig unterm 11. September antworteten:
40 Procent gegen Baarzahlung, wenn er für netto 100 Thlr. nimmt; das franco Remittirte tauschen wir gegen andere Sachen aus.
Darauf erwidert Brockhaus unterm 27. September:
Ihre Zuschrift vom 11. d. M. habe ich wohl erhalten und sie unserm Institute vorgelegt. Es hat dieses nichts dagegen, Ihnen zum Anfange comptant zu zahlen, jedoch unter der von Ihnen selbst angebotenen Bedingung, von Zeit zu Zeit das nicht Verkaufte gegen andere Artikel vertauschen zu können, und unter der, daß Sie uns anstatt 40 : 50 Procent Rabatt geben. Wenn Ihnen dies convenirt, so wollen Sie für circa 400 Thlr. der neuesten und am meisten gesuchten Sachen — ein Sortiment von Allem — für uns auslegen und über Zwoll p. Adr. des Herrn F. L. Schlingemann an mich mit dem Postwagen absenden. Wir bitten Sie, diese Auswahl in jeder Rücksicht auf das sorgfältigste und geschmackvollste zu treffen. Es ist unser Debüt in diesem Artikel und also um so nöthiger. Den ungefähren Betrag de circa 200 Thlr. wollen Sie in zwei Monat dato in holländischen Ct. Fl. (Courant-Gulden) nach dem dortigen Course auf mich bei der Absendung entnehmen. Factura und Avis über Ihre Tratte erwarte mit der Briefpost.
Aus dieser Correspondenz ersieht man, wie leicht sich Brockhaus in die neuen Geschäftsverhältnisse fand, die ihm bisher ganz fremd waren, da er doch nie den Buchhandel oder gar den Musikalienhandel »erlernt« hatte, und wie umsichtig er sein Geschäft begann. Für die bestellten Musikalien fand er auch bald einen regelmäßigen Abnehmer, indem ihm die Direction des großen Concerts die Lieferung ihres Bedarfs übertrug; dies geschah indeß erst am 21. October, während er jene erste Bestellung bereits am 27. September aufgegeben hatte. Auch das Museum übertrug ihm sofort die Lieferung seiner Zeitungen und Bücher.
Um mit dem deutschen Buchhandel ordnungsmäßig verkehren zu können, hatte er, auch noch vor Erlaß seines Circulars, einen Commissionär in Leipzig gesucht und in der Person des Herrn Heinrich Gräff gefunden; er erwähnt seiner bereits am 5. September in dem ersten Briefe an Breitkopf & Härtel.
Aber noch kühnere Ideen hegte er gleich bei Beginn seiner buchhändlerischen Laufbahn: er dachte sofort auch an die Errichtung einer Buchdruckerei in Amsterdam! In demselben Briefe heißt es:
Durch Herrn Gräff habe ich mir auch schon eine Probe von Ihrer Schriftgießerei erbeten, da wir die Absicht haben, auch ehestens eine Druckerei anzulegen, wozu wir wol gezwungen sind, da in unserer ganzen Republik keine Buchdruckerei existirt, die nur etwas Erträgliches zu liefern im Stande wäre.
Dieses Project kam freilich damals nicht zur Ausführung, sondern erst in viel späterer Zeit (1818 in Leipzig), wie so manche Einrichtungen in dem von ihm begründeten Geschäfte, zu denen er noch den Keim gelegt hatte.
Daß er sich überhaupt auch für das seinem Ideenkreise ferner liegende technische Gebiet interessirte, geht noch aus folgendem, unterm 12. Juli 1805 an Professor Gubitz in Berlin gerichteten Briefe hervor, der zugleich zeigt, wie sorgfältig er schon damals die deutsche Journalliteratur verfolgte:
Durch die Discussionen, die unlängst zwischen Ihnen und Hrn. N. N. im »Freimüthigen« und in der »Zeitung für die elegante Welt« Platz gehabt und meiner Meinung nach sich auf eine sehr schmeichelhafte Weise für Sie und die schöne Kunst, der Sie mit einem so edlen Enthusiasmus anhangen, geendigt haben[14], bin ich auf Ihre Bemerkung: daß sich die Holzschneidekunst sehr zu unnachahmlichen Staatspapieren u. dgl. eigne, und durch die Anzeige, daß Sie sich mit Versuchen hierüber beschäftigten, insofern aufmerksam gemacht worden, daß ich einen Freund hierselbst, der einen sehr ansehnlichen Debit in gestochenen Wechseln (deutscher, holländischer und allen andern Sprachen), in Assignationen, Leistungen u. dgl. hat und der jährlich eine ganze Menge Platten abnutzt, ebenfalls aufmerksam gemacht habe, daß sich Formen aus Holz hierzu wol besser eignen und ihm einen ansehnlichern Vortheil abwerfen würden als Kupferplatten, die gleich abgenutzt sind. Mein Freund hat meine Idee sehr gut gefunden, und er hat mir demzufolge den Auftrag gegeben, mich mit Ihnen darüber zu unterhalten, welches zu thun ich mir hierdurch also die Freiheit nehme.
Meine ergebenste Frage an Sie wäre also: ob Sie sich auch wol schon mit solchen Gegenständen beschäftigt, als oben erwähnt, und ob Sie mir darüber nicht einige Proben einsenden können? Wenn das aber nicht wäre — ob Sie dann glauben, daß sich Ihre Kunst auch sehr zu Buchstaben und Zahlenzeichen eigne? Dann, was eine Platte, wie z. B. zu einliegendem Wechsel, kosten werde? Und endlich, ob Sie in den ersten drei Monaten wol Zeit haben würden, um ein halbes oder ganzes Dutzend von solchen und ähnlichen Formen fertig zu machen?
Recht sehr angenehm wird es mir sein, hierüber baldmöglichst und wenn's angeht mit umgehender Post ausführliche Antwort zu erhalten, und in dieser Erwartung habe ich die Ehre, mich Ihnen auf das höflichste und ergebenste zu empfehlen.
Als ein Zeichen von Vertrauen zu dem neuerrichteten Geschäfte darf es wol betrachtet werden, daß das altberühmte Haus Breitkopf & Härtel in Leipzig ihm schon auf den ersten Brief hin den Antrag machte, auch für den Vertrieb der Erzeugnisse seiner Pianofortefabrikation thätig zu sein. Diesen Vorschlag glaubte Brockhaus indeß doch vor der Hand ablehnen zu müssen. Er schrieb:
Zu einem Geschäft mit Pianoforten oder sonstigen Instrumenten sind wir noch nicht eingerichtet. Unser Institut ist erst im Beginnen und kann nicht Alles zugleich unternehmen. Auch hält man hier nicht viel von ausländischen Pianofortes, da man dafür hält, daß sie dem hiesigen feuchten Klima nicht widerständen, sodaß man fast nur einheimische von Van der Does, Meyer und andern ausgezeichneten Meistern gebraucht. Da ich mir indessen selbst eins anschaffen will, so dürfte ich mich vielleicht entschließen, dazu eins von Ihnen zu nehmen, und es könnte solches dann als Muster dienen. Melden Sie mir also gefälligst die Preise der verschiedenen Arten und Formen und melden Sie mir, welche jetzt die beliebtesten und gesuchtesten sind.
So nach allen Seiten hin blickend, legte Brockhaus mit sicherer Hand die Grundlagen zu seinem neuen Geschäfte.
3. Erste journalistische Verlegerthätigkeit.
Neben dem Sortimentsgeschäft: der Einführung ausländischer, besonders deutscher und französischer Literatur, mit Einschluß der musikalischen, nach Holland, widmete sich Brockhaus gleich im Beginne seiner buchhändlerischen Laufbahn mit fast noch größerm Eifer der Begründung eines Verlagsgeschäfts, das später die Hauptthätigkeit der von ihm begründeten Firma bilden sollte. Er fühlte, daß dieses allein seinem regen Geiste genügende Nahrung darbieten könne, wenn er auch wol noch keine Ahnung davon hatte, zu welchem Umfange dasselbe allmählich erwachsen werde. Und während er als Sortimentsbuchhändler von Anfang an die internationale Seite vorzugsweise ins Auge faßte und in seinem Geschäfte einen Mittelpunkt für den buchhändlerischen Verkehr der verschiedenen Nationen zu schaffen suchte (eine Idee, die von seiner Firma stets als ein Lieblingsgedanke gepflegt und, freilich erst lange nach seinem Tode, in einer Weise verwirklicht worden ist, wie sie ihm selbst vielleicht nur als Ideal vorgeschwebt haben mag), erfaßte er als Verleger zunächst die nationale Seite, indem er, um seinem Programm gemäß auch »nationale Wissenschaft und Kunst zu befördern«, journalistische Unternehmungen zu begründen suchte. Auch darin also hat er den Grund gelegt zu einer der Hauptthätigkeiten seines Hauses.
Als Deutscher in Holland lebend und durch Vorliebe besonders zur Literatur Frankreichs hingezogen, suchte er jeder dieser drei Richtungen gerecht zu werden; er begründete kurz nacheinander eine holländische politisch-literarische Zeitung: »De Ster«, eine deutsche zeitgeschichtliche Monatsschrift: Cramer's »Individualitäten«, endlich eine französische belletristische Vierteljahrsschrift: »Le Conservateur«.
Ueber diesen Beginn seiner Verlegerthätigkeit spricht er sich in einem Briefe an Karl Friedrich Cramer aus, der in dessen »Individualitäten« abgedruckt ist (wir kommen auf dieses Werk und seinen Verfasser bald näher zu sprechen) und auch seines sonstigen Inhalts wegen hier mitgetheilt zu werden verdient. Er schreibt aus Amsterdam vom 17. October 1805, also zwei Tage nach Erlaß seines Circulars:
Indem wir die Ehre haben, Ihnen angebogen ein Circular unsers hierselbst angefangenen Geschäfts zu übersenden, können wir uns das Vergnügen nicht versagen, uns noch näher mit Ihnen zu unterhalten; sowol weil wir wünschen, mit Ihnen in eine fortlaufende Geschäfts- und literarische Verbindung zu treten, als auch um Sie wegen Eines und Andern um Rath zu fragen.
Hr. B. (Brockhaus), Schreiber dieses, der vorzüglichere Unternehmer und Eigenthümer unsers Geschäfts, hat nämlich stets an Ihren Schicksalen den innigsten Theil genommen, und es gibt vielleicht wenige Personen, zu deren Individualität er sich von jeher so hingezogen gefühlt hätte als zu der Ihrigen. Als Knabe und Jüngling schon — er ist jetzo in den Dreißigern — interessirte ihn vielleicht kein Schriftsteller in dem Grade als Sie, mit Ihren rhapsodischen, kühnen, aber alles Edle und Schöne mit der innigsten Wärme umfassenden Schriften. Er schwärmte mit Ihnen bei der Morgenröthe der französischen Freiheit; Klopstock und Ihre Lieblingsschriftsteller waren die seinen; jede von Ihnen herausgegebene Schrift wurde von ihm mit Begierde gelesen; er litt mit Ihnen bei Ihrem Weggange von Kiel; er indignirte sich über die Xenien wider Sie; er begleitete Sie mit einem sorgsamen ängstlichen Auge nach Paris, wo er sich um dieselbe Zeit wegen Handlungsgeschäften gerade einige Wochen aufhielt, in denen Sie dort eben angekommen waren (kurz nach dem berühmten XIII. Vendémiaire), was er freilich nicht eher erfuhr als durch Reichardt's Journal.[15] Seitdem forschte er nach, wo er nur konnte, ob es Ihnen wohlgehe; er suchte Alles zu lesen, was Sie von Zeit zu Zeit in Deutschland und Paris bekannt machten, und es ist ihm schwerlich etwas entgangen vom »Bardieten« an bis zu den »Tempelherren«, von der »hehren Jungfrau« bis zu Fischer's — seines persönlichen Freundes — »Valencia«.[16] Auch von den Arbeiten, wo Sie sich nicht nannten, wie oft im Journal »Frankreich«, in der »Eleganten Zeitung«, in den »Französischen Miscellen«, in den »Europäischen Annalen«, hat er Sie, und gewiß selten unrecht, errathen — Sie sehen also, daß wir uns wol als alte Bekannte constituiren können.
Damit Sie aber auch wissen, wer dieser Ihr unbekannter Freund ist, so wollen wir Ihnen das auch mit ein paar Worten sagen, Ihnen, der so viel auf Namen und individuelle Hinstellung hält. Ihr Freund heißt also .. Wilibald[17], ist ein Westfälinger, von Dortmund gebürtig ... In Düsseldorf lernte er die Handlung. In Leipzig studirte er, wie man sagt .. nach Ablauf der Lehrzeit. Im Jahre 1798 etablirte er sich in seiner Vaterstadt und heirathete ein liebes Weib. Seine Handlung zog ihn im Jahre 1802 nach Holland, wo er sich denn diese Zeit her in Amsterdam niederließ und seine Handlung mit .... fortsetzt.[18] Es geht ihm hier wohl und er lebt seinen Geschäften, seiner Familie und nebenher den Wissenschaften. Das jetzige Prohibitivsystem unserer Regierung gibt ihm in seiner Handlung mehr als gewöhnlich Muße, und aus alter Liebhaberei für Literatur und schöne Künste hat er die Idee zur Errichtung eines Kunst- und Industrie-Comptoirs gefaßt, und glaubt Zeit und Kenntnisse genug zu haben, es neben seinen andern Geschäften leiten zu können.
Die Geschäfte unsers Comptoirs sollen in Buch-, Musik- und Kunsthandel bestehen und in eigenen Verlagsunternehmungen, die uns dem Geiste der Zeit angemessen scheinen. Zu unsern Commissionen in Paris haben wir uns an Herrn Hinrichs gewendet .... besonders da wir bereits den ehrenvollen Auftrag erhalten, für das hiesige Museum alle und jede literarischen Neuigkeiten aller Sprachen zu liefern, ein Auftrag, der in jeder Hinsicht so wichtig für uns ist, daß wir ihm die größte Pünktlichkeit und Ordnung zu widmen schuldig sind. Wegen unsers Musiklagers bleibt es uns durchaus nothwendig, daß wir uns auf französische Musik legen. Die Mode will es; diese Musik ist jetzt hier à l'ordre du jour und da es in Amsterdam keine einzige gut oder auch nur einmal erträglich organisirte Musikhandlung gibt, so würden wir ...
Ich komme jetzt auf das Fach unserer eigenen Unternehmungen, die wir successive auszuführen suchen werden und worüber wir uns ebenfalls Ihren Rath und Beistand erbitten. Die ersten davon dürften sein:
1) eine holländische politisch-literarische Zeitung, 2) eine dergleichen für ....[19]
Es gibt durchaus kein Land in der Welt, das ein größeres Interesse an dem Wechsel der Weltbegebenheiten nimmt als das unsere, weil keines ist, das den großen Herren in Westen, Süden, Osten und Norden so viel Geld geliehen als unsere Nation und wo ein so großer Handel mit Staatspapieren getrieben wird als hier. Man liest also in Holland mit verschlingender Neugier Alles, was nur wie eine Zeitung aussieht. Daher sind denn auch wol unsere Zeitungen ohne alle Ausnahme so schlecht und Wahrscheinlichkeit dafür, daß eine nach einem der jetzigen Zeit mehr angemessenen Plane vielen Beifall und einen brillanten Absatz haben würde. Wir haben also ....
Das wären mithin unsere Zeitungsunternehmungen. Andere literarische werden wir jede Messe einige machen, um in Leipzig Tauschartikel zu haben, da wir viel deutsche Bücher beziehen müssen. Sollten Sie also selbst etwas auf dem Amboß haben oder von Ihren literarischen Freunden dergleichen wissen, so bitten wir Sie recht sehr, dabei an uns zu denken. Sie werden es so gut fühlen als wir, daß unser Comptoir als ein junges neues Geschäft doppelt vorsichtig bei der Wahl seiner Verlagsartikel sein muß, und uns also nur so was anrathen und anbieten, dessen Beifall und guter Aufnahme Sie sicher wären. Ich habe in einem der neuesten Stücke der »Französischen Miscellen« die Ursache ersehen, warum Sie Ihr hinreißend interessantes Tagebuch nicht fortgesetzt haben, daß Sie es aber fortsetzen wollen. Haben Sie dazu schon einen Verleger? Sonst bin ich Ihr Mann. Es würde mir sehr viel Freude machen, wenn wir dieses anziehende Werk herausgeben könnten. Melden Sie mir mit umgehender Post doch das Nähere hierüber.
Ich denke, sollten Daunon, Chenier, Riouffe, Oelsner, Ginguené u. a. nicht auch noch Memoiren oder andere Producte ähnlichen Inhalts in ihrem Pulte besitzen? .... Sie kennen diese Männer alle. Denken Sie dabei an uns. Wir bieten die Hand und besitzen jedes Mittel dazu; u. s. w.
Bevor wir Cramer's Antwort auf diesen Brief mittheilen und die daraus hervorgehende geschäftliche und freundschaftliche Verbindung zwischen beiden Männern schildern, haben wir über die holländische Zeitschrift »De Ster« (»Der Stern«) zu berichten, da sie Brockhaus' erstes Verlagsunternehmen war.
Die erste Nummer dieser Zeitschrift erschien am 11. März 1806. Ein Redacteur ist nicht genannt, jedenfalls besorgte Brockhaus selbst die Redaction. Auch ein Verleger ist auf dem Blatte nicht namhaft gemacht, wie überhaupt das Erforderniß solcher Angaben erst eine Erfindung der spätern Preßgesetzgebung ist. Die Ankündigungen sind entweder »Der Unternehmer« oder »Die Expedition des Stern« oder »Das Expeditions-Comptoir in der Warmoesstraat No. 2« unterzeichnet. Gedruckt wurde das Blatt von J. G. Rohloff, dem Firmaträger des Geschäfts.
Der »Ster«, der dreimal wöchentlich in Klein-Folio-Format erschien, war keine politische Zeitung, sondern eine politisch-literarische Zeitschrift. In dem von »den Unternehmern« in holländischer Sprache ausgegebenen Programme heißt es ausdrücklich:
Das hauptsächlichste Ziel ihrer Zeitschrift soll nicht das sein, die allgemeine Neugierde nach politischen Gegenständen auf die gewöhnliche Art zu befriedigen, vielmehr werden alle sogenannten posttäglichen Zeitungsnachrichten davon ausgeschlossen bleiben. Statt dessen werden die Sammler dahin trachten, ihrer Nation die nähere Verbindung der besondern Weltverhältnisse kennen zu lehren; den Fortschritt oder das Zurückgehen der Cultur und Aufklärung bei andern Völkern zu ihrer Wissenschaft zu bringen und ihr dadurch gewissermaßen einen Prüfstein für ihre eigenen in die Hand zu geben; Nachrichten vom Zustande des Handels, der Manufacturen und Fabriken in andern Ländern mitzutheilen; Bemerkungen über dasjenige, was in dieser Rücksicht in unserm eigenen Vaterlande Neues an den Tag tritt einzuschalten; das lesende Publikum durch geistvolle Aufsätze aller Art angenehm und lehrreich zu unterhalten; endlich durch unparteiische Beurtheilungen einen Versuch zu machen, auf unsere Sitten, gesellschaftlichen Einrichtungen, einige Zweige der Staatsverwaltung von einigem Einflusse zu sein: eine Aussicht allerdings sehr weiten Umfangs, deren Nützlichkeit aber Unternehmer und Redacteurs sich Mühe geben werden, nie aus dem Gesichte zu verlieren.
Diesem Programm gemäß brachte »De Ster« neben Besprechungen von literarischen und Theaterangelegenheiten, die den größten Raum einnehmen und eigenthümlicherweise bisweilen auch in französischer und deutscher Sprache geschrieben sind, keine politischen Nachrichten, sondern Erörterungen über die politische Lage Europas. Bei aller Bewunderung der Französischen Revolution und ihrer Principien, die nach der damaligen Zeitströmung begreiflich ist und von dem Herausgeber Brockhaus persönlich getheilt wurde, hielt sich das Blatt doch fern von einer Verherrlichung Napoleon's und verrieth durchaus keine Sympathien für dessen nivellirende Maßregeln und immer deutlicher hervortretende Absicht, der am 16. Mai 1795 mit französischer Hülfe proclamirten Batavischen Republik wieder ein Ende zu machen; ja seine Politik wird bald offen gemisbilligt, bald durch versteckte Satire angegriffen.
Am 29. April 1805 war die Verfassung der Batavischen Republik auf Napoleon's Wunsch zum dritten male umgeändert und der Patriot Rütger Jan Schimmelpenninck, in dem er ein gefügiges Werkzeug für seine Plane zu finden hoffte, als Groß- oder Rathspensionär (unter Erneuerung dieses alten holländischen Staatsamtes) mit fast unbeschränkter königlicher Macht an die Spitze derselben gestellt worden. Schimmelpenninck benutzte seine Stellung aufs beste, um die durch Gebietsabtretungen an Frankreich und England geschwächte und finanziell zerrüttete Republik wieder zu heben. Doch gelang ihm dies nur zum kleinsten Theile, während er dadurch Napoleon's Mistrauen erweckte. Als sich bald darauf ein Augenübel Schimmelpenninck's so verschlimmerte, daß dieser fast ganz erblindete, benutzte Napoleon diesen Umstand, um den ihm jetzt gefährlich erscheinenden Patrioten zu beseitigen und mit seinem langgehegten Plane offen hervorzutreten. Er schlug vor, seinen Bruder Ludwig Bonaparte zum König von Holland zu wählen. Vergebens bemühte sich Schimmelpenninck, diesem gewaltsamen Aufdrängen eines Fremdlings entgegenzuwirken; Napoleon's Wunsch war damals so gut wie ein Befehl, und am 5. Juni 1806 wurde sein Bruder zum König von Holland ausgerufen, die Batavische Republik war todt. Das Königreich Holland von Napoleon's Gnaden hatte freilich auch keinen langen Bestand: die neuen Unglücksfälle, die das Land trafen, veranlaßten den König schon am 1. Juli 1810 die Krone zu Gunsten seines ältesten Sohnes (des ältern Bruders Napoleon's III.) niederzulegen, doch Napoleon erkannte dies nicht an; ein Decret vom 9. Juli 1810 vereinigte das Königreich Holland mit dem französischen Kaiserreiche, und erst im Herbste 1813 wurde durch die Schlacht bei Leipzig auch Hollands staatliche Selbständigkeit wiederhergestellt.
Wir mußten an diese geschichtlichen Daten erinnern, weil durch sie die Haltung und das Schicksal der jungen Zeitschrift erklärt wird. Als »De Ster« am 11. März 1806 zu erscheinen begann, bestand die Batavische Republik noch, und die Zeitschrift wirkte im Sinne des mit Brockhaus persönlich befreundeten Großpensionärs Schimmelpenninck. Indeß schon in ihrer Nummer 37 vom 3. Juni hat sie die Umwandlung der Republik in ein Königreich zu melden; in der zweitfolgenden Nummer 39 vom 7. Juni muß sie erklären, daß sie »auf Wunsch der Herren Magistratspersonen der Stadt Amsterdam« nicht fortfahren kann, »betrachtende Artikel, den gegenwärtigen Zustand unsers Vaterlandes betreffend«, aufzunehmen; die nächste Nummer aber, Nr. 40 vom 10. Juni, ist zugleich die letzte: »De Ster« war durch königlichen Befehl vom 9. Juni unterdrückt worden! Gründe dieses Verbots sind in dem betreffenden Decrete nicht angegeben; sie lagen wol darin, daß die neuen Machthaber überhaupt kein politisches Blatt dulden wollten, das nicht ganz ihren Absichten huldigte.
Trotz dieses Schlags verlor übrigens Brockhaus den Muth nicht; er gründete sofort ein neues Blatt unter dem Titel »Amsterdamsch Avond-Journal« oder vielmehr er änderte nur den bisherigen Titel »De Ster« in jenen um, denn das neue Blatt gleicht dem alten vollständig, sowol äußerlich wie innerlich, und tritt selbst so offen als unmittelbare Fortsetzung desselben auf, daß Nr. 2 den Schluß eines in der letzten Nummer des »Ster« begonnenen Artikels bringt! In der vom 19. Juni (also nur neun Tage nach dem Erscheinen der letzten Nummer des »Ster«) datirten Nr. 1 ist ein Auszug aus einem königlichen Decrete vom 16. Juni abgedruckt, worin die Erlaubniß zu dem neuen Blatte ertheilt ist. Dieses hielt sich indeß noch weniger lange als das frühere; es erschienen davon nur zwanzig Nummern, die letzte am 2. August, ohne daß über den Grund seines Aufhörens etwas mitgetheilt ist.
Einige Aeußerungen Cramer's (in seinen »Individualitäten«) über den »Ster« mögen als die einzige uns bekannte öffentliche Besprechung und zur Charakterisirung der Zeitschrift wie ihres Begründers hier folgen.
Cramer schreibt aus Amsterdam vom 17. Februar 1806:
Es werden noch manche Sterne aufgehen, denke ich, am hiesigen sowie an allen Horizonten der Welt. Einer, an dem ich einen so lebhaften Antheil nehme, als hätte ich ihn selber hervorgerufen aus dem Nichts, ist der, den uns unser Freund Wilibald[20] gleich in seinem ersten Briefe an mich angekündigt hat, und womit er jetzo in voller Arbeit begriffen ist. Die Zeitung, die er so nach einem bereits in Engelland funkelnden benennt, aber die durchaus nicht ganz politisch sein soll, scheint nun, nach den vorläufigen unvermeidlichen Geburtswehen, ihrem ans Lichttreten ziemlich nah. Welch schönes Feld hat er darin, in Gemeinschaft mit so vielen der besten hiesigen Geister, die daran theilnehmen werden, für Wirkung auf Wissenschaft und Geschmack in all den mannichfaltigen Aesten und Zweigen des großen Baums der Erkenntniß Gutes und Böses vor sich! Es ist ein völlig jungfräulicher Boden; von keinem — zu meinem großen Verwundern! bisher in den sieben Provinzen urbar gemacht; eine Idee, um die man beneiden ihn muß. Ich will nicht sagen, daß sie unter den andern Couranten von Amsterdam, Rotterdam, Haag schimmern wird, »wie unter den Sternen der Mond«; — denn diese haben gar keinen Glanz; geben nichts als die magerste politische Kost, ohne jemals ein Fünkchen Raisonnement, in einem Schwall der tädiösesten Edictalcitationen, Tod- und Geburtannoncen, Nachrichten angekommener Schiffer, oder Gewürzkrämer- und anderer Notizen ersäuft, größtentheils auf schändlichem Papier mit noch schändlicher stumpfen Lettern gedruckt .... sie wird durch ihren Inhalt für denkende, gebildete Leser, für jeden Erkenntnißbegierigen ein Komet, ein wahres Phänomen von neuem Weltkörper sein. Alle möglichen literarischen auswärtigen Mittel, außer vielen inländischen, stehen ihm, der ein Kaufmann aus unsers Sieveking's Kategorie ist, zu Gebot; und da er im Kopfe den Zeug, aus Allem die Quintessenz zu wählen, besitzt, wird es sehr leicht für ihn werden, daß er an Interesse die »Freymüthigen«, die »Eleganten Zeitungen«, die »Auroren«, »Sphinxe«, und was weiß ich, wie sie alle heißen? so weit übertreffe, als der wieder aufgeweckte brüsselsche »Esprit des Journaux« nach dem ich unter allen Tag- und Monatsschriften in Paris am happigsten greife, die einzelnen Journale, aus denen ihn der Verfasser distillirt. Ueber die Organisation und Nativitätstellung dieses Sterns haben wir uns in den vergangenen Wochen fast tagtäglich unterredt; und uns gestern noch mit Bestimmung des emblematischen Druckerstockes dazu amüsirt. Einer aus Gille's Carte hat uns dazu zum Muster gedient, mit den gehörigen Veränderungen jedoch; so daß der blitzführende Adler unten in den siebenpfeiletragenden Löwen, und die Kaiserkrone in den batavischen Freiheitshut umgewandelt worden ist; zur Seite ein Eichen- und Lorbeerzweig, das Schöne zum Ernsten! — dessen Kreis der Stern denn durchstrahlt. Sobald was davon dem Telescop oder Auge sichtbar werden wird, gebe ich Dir weitere Nachricht.
Diese Nachricht findet sich in einem Briefe Cramer's vom 30. März, ebenfalls aus Amsterdam:
Als ich aus dem Ballet wieder zu Wilibald kam, fand ich seinen Landsmann, den Kaufmann Mallinckrodt aus Arnheim[21], noch bei ihm, einen vortrefflichen Gesellschafter und humanen Mann ..... Vom »Sterne« hat er eben noch die ersten drei oder vier Blätter gesehen und einstecken gekonnt, die mit sehr piquanter Speise angefüllt sind; auf den ersten Netzwurf hat Wilibald doch gleich so viel Abonnenten gehabt, daß die Kosten gedeckt sind durch den Fang, und Tag vor Tag laufen der Schäflein mehr in die Hürden ein. Es stehen leckere politische, ästhetische, mercantilische Artikel drin; jedem Fremden, der holländisch mit Vergnügen lernen will, gibt der »Stern« die empfehlungswürdigste Uebungschrestomathie ab; schon erste der hiesigen Köpfe arbeiten daran (z. E. eine Kritik der Aufführung des Trauerspiels »Tancred«), es wird also eine Elite wahrscheinlich von Sprache, ein Schatz werden für das Lexikon und den Stil der Nation. Im vierten Stücke steht eine treffliche Uebersetzung von Sturzens Reise nach dem Deister, depaysirt, und hier nach Soesdyk hinversetzt; auch kömmt die hiesige Plantage darin vor. Ich denke: es wird den amsterdammer Damen gefallen, das Stück; und warum nicht den Rotterdammerinnen Haagerinnen, Delfterinnen, Gröningerinnen &c. auch? Giebt es Eine, in welcher Stadt auf der Erde es sei, der dies Schalksstück nicht aus dem Herzen und dem Wandel wie abgeschrieben gleichsam ist?
Cramer's schon mehrfach erwähnte »Individualitäten« waren das zweite journalistische Unternehmen des jungen Verlegers, ein deutsches neben dem holländischen »Ster« und dem französischen »Conservateur«. Denn wenn es uns auch nur in Buchform vorliegt, in vier Bändchen, die »Hefte« genannt sind, so zeigt doch die ganze innere und äußere Einrichtung (die Eintheilung in einzelne Abschnitte und Briefe mit fortlaufenden Daten, vom 2. August 1805 bis 26. September 1806) den journalistischen Charakter. Noch mehr geht dies aus dem am 15. März 1806 zwischen Brockhaus und Cramer darüber abgeschlossenen Verlagscontracte hervor. Danach handelte es sich um den in »freien Heften« herauszugebenden »ersten Jahrgang« eines Werks unter dem Titel: »Individualitäten aus und über Paris von Karl Friedrich Cramer und seinen Freunden.« Dieser erste Jahrgang sollte in zwölf Heften (die also wol als Monatshefte gedacht waren), jedes zu zwölf Bogen erscheinen; je drei Hefte sollten gleichzeitig einen zweiten Titel erhalten und dadurch als neue Theile des in den Jahren 1792-97 in Altona und Leipzig von Cramer herausgegebenen »Menschlichen Leben« bezeichnet werden. Das Werk sollte in Leipzig in der Breitkopf'schen Druckerei gedruckt werden und jedes Heft die Handschrift eines Gelehrten u. s. w. in einem Facsimile bringen, dessen Platte in Paris unter Cramer's Leitung zu stechen wäre. Ueber eine Fortsetzung des Werks in einem zweiten, dritten u. s. w. Jahrgange sollte neue Verständigung stattfinden. Also der Verleger in Amsterdam, der Redacteur in Paris, der Drucker in Leipzig, monatlich 12 Bogen (jährlich 144!), dazu artistische Beilagen und ein für damalige Zeiten und ein derartiges Monatsjournal ansehnliches Honorar (24 resp. 30 Francs für den Bogen klein Octav) — jedenfalls ein kühnes Unternehmen für einen angehenden deutschen Verleger im Auslande! Die Ausführung entsprach denn auch nur theilweise diesem Vorhaben: statt zwölf Heften erschienen nur vier (wenn auch meist mehr als zwölf Bogen enthaltend und jedes mit einem Facsimile) im Laufe von dreiviertel Jahren. Der Gehalt der Zeitschrift war indeß ein werthvoller, der ein etwas näheres Eingehen verdient, zumal darin auch einige biographische Mittheilungen über Brockhaus enthalten sind und der Herausgeber seinem Verleger persönlich nahetrat.
Vor allem müssen wir den Herausgeber selbst näher kennen lernen. Karl Friedlich Cramer war eine eigenthümliche Natur, in vieler Hinsicht der von Brockhaus ähnlich und diesen deshalb anziehend, wie Brockhaus in seinem ersten Briefe an ihn (vgl. S. 61 fg.) selbst schildert. Am 7. März 1752 in Quedlinburg geboren, wo sein Vater, der verdiente Kanzelredner Johann Andreas Cramer (auch als religiöser Dichter und Biograph Gellert's bekannt), damals Oberhofprediger war, kam er mit diesem noch als Kind nach Kopenhagen, dann nach Lübeck und Kiel. Er studirte in Göttingen, wo er Anfang 1773 in den Göttinger Dichterbund aufgenommen wurde, und lebte seitdem in Kiel, wo er erst Privatdocent, 1775 außerordentlicher und 1780 ordentlicher Professor der griechischen Sprache, der orientalischen Sprachen und der Homiletik an der Universität wurde. Als ein leidenschaftlicher Anhänger der Französischen Revolution wurde er 1794 seines Amtes entsetzt und selbst aus Kiel verwiesen. Den nächsten Anlaß dazu scheint er dadurch gegeben zu haben, daß er den bekannten französischen Revolutionsmann Péthion (der erst Jakobiner, dann Girondist war, als Royalist verdächtigt aus Paris entfloh und im Juli 1793 in der Gegend von Bordeaux todt aufgefunden wurde) in einer Ankündigung der Uebersetzung von dessen Werken einen Mann von »menschenfreundlichstem Geiste«, »einen Märtyrer seiner Rechtschaffenheit« genannt hatte! Nach kurzem Aufenthalt in Hamburg ging er 1795 nach Paris und errichtete dort eine Buchhandlung und Buchdruckerei, scheint damit aber schlechte Geschäfte gemacht und dabei sein ganzes Vermögen eingebüßt zu haben. Eine Zeit lang war er deshalb genöthigt, sich aus Paris zu entfernen. Er wendete sich nun wieder literarischen Arbeiten zu und starb in Paris am 8. December 1807.
Cramer war ein fruchtbarer, talentvoller und kenntnißreicher Schriftsteller, der lange Zeit auch großes Ansehen genoß, aber excentrisch und von einem Hang zum Sonderbaren beherrscht. Anfangs concentrirte sich seine literarische Thätigkeit um seinen fast 30 Jahre ältern Landsmann Klopstock (geb. 2. Juli 1724 in Quedlinburg), der mit Cramer's Vater befreundet war und z. B. 1754 dessen Berufung nach Kopenhagen veranlaßt hatte, nachdem dieser selbst 1751 auf Graf Bernstorff's Veranlassung dorthin gegangen war. Auch war der Göttinger Dichterbund, dem Cramer angehörte, der Mittelpunkt der damaligen begeisterten Verehrung Klopstock's. Cramer schrieb in den Jahren 1777-92 zwei große Werke über Klopstock, das eine aus zwei, das andere aus fünf Bänden bestehend, und übersetzte unter anderm dessen »Hermannsschlacht« ins Französische. Daß Klopstock auch seinerseits viel auf Cramer hielt, geht schon daraus hervor, daß er eine seiner schönsten Oden an ihn richtete; es ist die 1790 gedichtete Ode »An Cramer, den Franken«, in der er das französische Volk vor neuen Ueberschreitungen warnt, zugleich aber die Fürsten mahnt, sich durch das Gespenst des untergegangenen Königthums warnen zu lassen. Ein zweites Stadium der Schriftstellerlaufbahn Cramer's bildet das bereits erwähnte Werk »Menschliches Leben«, ein drittes umfaßt drei von ihm in Paris geschriebene Werke: ein »Tagebuch aus Paris« (2 Bände, Paris 1800), die »Individualitäten aus und über Paris« und ein gleichfalls von Brockhaus verlegtes Buch »Ansichten der Hauptstadt des französischen Kaiserreichs vom Jahre 1806 an. Von Pinkerton, Mercier und C. F. Cramer« (2 Bände, 1807-8), außerdem ein Wörterbuch der deutschen und französischen Sprache (2 Bände, Braunschweig und Paris 1805) und zahlreiche Uebersetzungen aus dem Französischen ins Deutsche und umgekehrt, auch aus dem Dänischen, sowie Artikel in französischen und deutschen Journalen.
Brockhaus trat mit Cramer erst im Herbst 1805 in Beziehungen, indem er am 17. October jenen Brief an ihn richtete, in welchem er ihm seine Verehrung aussprach und mehrere literarische Anträge stellte. Ihre Verbindung dauerte gerade nur zwei Jahre, da Cramer, wie eben erwähnt, am 8. December 1807 starb, war aber in dieser kurzen Zeit eine sehr freundschaftliche und selbst innige. Cramer antwortete auf den erwähnten Brief sofort am 24. October, sichtlich erfreut über die warme Begrüßung (seine Antwort folgt weiter unten) und es entspann sich daraus ein lebhafter Briefwechsel, ja Cramer kam im Februar des nächsten Jahres nach Amsterdam und blieb dort drei Monate, in täglichem geschäftlichen und persönlichen Verkehr mit Brockhaus. Als diesem am 28. Januar dieses Jahres (1806) der dritte Sohn geboren war, gab er ihm auf Cramer's Rath den Namen Hermann. Er schreibt darüber unterm 25. Februar folgende Worte an seinen Bruder Gottlieb, die am besten das Verhältniß zwischen ihm und Cramer charakterisiren:
Die Wahl dieses Namens machte mein Freund, der Professor Cramer aus Paris, der sich seit einigen Wochen hier aufhält und während seines hiesigen Aufenthalts unser unzertrennlicher Gesellschafter ist, da vielleicht keine zwei Menschen auf der Erde existiren, die eine größere Aehnlichkeit in ihren Neigungen, in ihrem Geschmacke und in ihren Ansichten der Welt zusammen haben, als wir Beide. Er ist überhaupt einer der interessantesten Menschen, die ich kenne, und ich rechne die Wochen, die ich mit ihm verlebt, zu den glücklichsten meines Lebens.
Cramer äußert sich seinerseits mehrfach in ähnlicher Weise über Brockhaus. So schreibt er aus Amsterdam unterm 30. März 1806 in den »Individualitäten«:
Fast alle meine Abende, wenn mir nicht gar zu arg von Morpheus zugesetzt wird, bring' ich bei unserm Freund Wilibald zu und seinem lieben Weibe, die an schöner deutscher Häuslichkeit, Gutheit, Freundlichkeit und Verstand zu meinen Idealen gehört; ich glaube mich manchmal in Eutin bei Vossen wieder zu sehen, dessen Ernestine sie sehr gleicht. Bei Erdäpfeln, fast noch nationaler hier, als die Canäle und Alexandriner sind, und die ich gebraten (à l'italienne) sehr gern mag, Fischen und trefflichem Beaunewein schwatzen wir oft bis tief in die Nächte hinein, schlummern dann und wann auch an der Torfglut des englischen Camins ein Duettchen zusammen; ich habe bei meiner Modehändlerin, Madame Müller, bei der ich, zehn Schritt ab von seinem Hause, mich einquartirt, meine Zerstreutheit so in Credit zu setzen gewußt, daß sie mir den Schlüssel zu ihrer Boutique anvertraut und ich in der Kunst, sie mit einer eisernen Stange wieder zu schließen, von ihr unterrichtet worden bin; so schlüpfe ich denn manchmal des Nachts um 12 oder 1 erst wieder zu mir herein.
Das obige schöne Wort über Brockhaus' Frau verdient um so mehr mitgetheilt zu werden, als uns über dieselbe sonst leider sehr wenig bekannt ist. Später richtet Cramer einmal einen (im vierten Hefte der »Individualitäten« abgedruckten) Brief »An Sophie« statt »an Ihren unmusikalischen Mann«, weil er über den Componisten Grétry spricht, und fügt hinzu:
Indem ich dies Stück Tagebuch schreibe, kömmt es mir vor als säße ich bei Ihnen und läse Ihnen daraus, indem Sie die Fliegen von der Wiege Ihres kleinen Hermann's verscheuchen ... ach! welch ein Name für mein Herz.
Brockhaus ließ in dieser Zeit auch das Porträt Cramer's für sich malen (wahrscheinlich von dem ihm befreundeten Scheffer, dem Vater Ary Scheffer's), und trennte sich später nur schwer davon, um es Cramer's Witwe zu schenken.
Cramer's früher schon erwähnte Antwort an Brockhaus, datirt Paris 2. Brumaire XIV (24. October 1805), lautet:
Seit langer Zeit ist mir kein lieber Brief zugekommen, der mir so viel Freude gemacht, als der Ihrige; Freund Kühnwille! der Sie sind. Wie sachte es einem so vielfach angefeindeten, gescheuchten, so oft vorschnell verurtheilten Ismael thut, wenn er in den arabischen Syrten auf einen Esau-Kühnwille trifft, einerlei zottigen Haares mit ihm; davon hat nur ein Wüstenbewohner Begriff. Eng verbündet er sich und willig mit ihm, der ihm so frank seine Gleichförmigkeit enthüllt; so viel Edles von jugendlichem Antheil ihm sagt; ihn kennt und erkennt; wie eng und wie gern, dazu schenken Sie ihm der Worte Weitläufigkeit wohl. Er fühlt es, daß seine Seele mit der Ihrigen gebrochen ward aus einerlei Gestein. Also kurz und bündig, wie er's izt kann, in dieser herben und schnöden Zeit, zur Sache. Er nimmt die ihm vorgelegten Materien sogleich Punktweise vor ....
Wegen Ihres dritten Gedankens, mein weitaussehender Herr: alors comme alors! Kömmt Zeit, kömmt auch Rath! Ich gehe mithin sogleich an Ihren vierten Punkt, der die Uebernehmung der Fortsetzung meines Tagebuches betrifft. Hätt' ich doch niemals geglaubt, ich Strauß, der seine Eier sogleich, wie er sie gelegt, im Sande vergißt, daß jenes seit acht Jahren verscharrte ausgebrütet worden sei; und ein klein Sträußchen geworden, das sich bis zu Ihnen nach Amsterdam hin verirrt! Ich wenigstens habe von keinem Menschen, über Aufnahme oder Nichtaufnahme davon (außer von Klopstock, der mir mit meinem »Marcus Sextus« darin seine vollste Zufriedenheit bezeugt) auch nur ein Sylbchen gehört. Es ward, da ich mich in Frankreich nicht mehr mit deutschem Verlage befassen gewollt, und August Campe mir dazu seine »Vermittlerschaft« versagt, von ihm wider meinen Wunsch an Kaven vertraut; bei dessen plötzlichem Hinschied auf einem Dorfe zwischen Hamburg und Lüneburg, es in seine Masse, dann justizmäßig in die Gläubigerklauen gerieth; so daß mir auch kein einziger kupferner Sechsling Billons nur dafür ward. Nun — da mich denn neulich von Ohngefähr, bei Gelegenheit Raynouard's, der Fortsetzungskitzel dazu stach, und Ihre Sympathie nebst Kühnwillen Sie hinreizt, zu meiner »rhapsodischen kühnen Manier« — wohlan, so seien Sie vor allen Andern dazu denn mein .. Mann. An Stoff, in meiner und meines Vaters Correspondenz, die gar manche Artikel von Ersten Nahmen aus unserm und andern Vaterlanden enthält, und meinem Umherblick auf den Wüsten und Aeckern der Menschheit, fehlt es mir eben nicht; unser Babylon hier reichte mir deren allein schon genug. Ich brauche gegen Sie, der sich auf Dotem und Nicht-Dotem Libellorum versteht, keiner weitläufigen Verständigung deshalb. Die »Individualitäten« werden ohngefähr geben, was mein »Menschliches Leben«, und jenes vergessene Ei, das von jenem den zwanzigsten Theil füllt, enthielt; und da es, Ihrem Wunsche gemäß, zu einer Art von periodischen Salmi (aber um Gotteswillen, in freien Heften! denken Sie ans .. Mühlenpferd!) gedeiht, gleich den »Sphinxen«, »Auroren«, »Freymüthigen«, »Eleganten« u. s. w., deren jedes »Pages« (siehe Diderot) und einige Quadersteine, nebst vielen Sandbröckeln, Moëllons, und Kalkausfüllseln, euch gibt; nicht bloß wilde Tellow-Ismaelitische Aufsätze reichen, im stricten und strictissimen Verstand, sondern auch, als Schnabelweide für die »Million«, eßbarere Hausmannskost, wie sie seit einigen Jahren, für den allgemeinen Gaumen der Neugier, in den »Miscellen«, »Politischen Annalen«, u. s. w. regelrechterer Art, und nicht ganz mit Verschmähung abseiten des Leservolks, gargekocht, zurechtgestutzt und aufgetischt worden sind. Ihr neuer Titel: »Individualitäten« bestimmt ihren .. Tadel und ihren Zweck; sie werden von Ismael Abdallah, der auch Artikel darin macht, herausgegeben und commentirt .. Die Tendenz dieser .. Kriegsnahmen ist Ihnen aus meinem »Tagebuche« bekannt.
Die Sosiasbedingungen dabei anlangend denn nun .... Ich erwarte über diese, mit der nächsten Post, Wilibald's Ja oder Nein: — (»Euer Ja sei Ja! und Euer Nein sei Nein!«) .. vielleicht schreibe ich Ihnen alsdann auch noch über ein andres Werk, das mich seit Jahr und Tag in poetischer und prosaischer Zweisprache beschäftiget; und das, von manchen Bauleuten verworfen bisher, zum Ecksteine Ihres jungen Buchhandels vielleicht wird. Dieser Marmor ist — wunderbar genug! von einem .. Weibe in England, aus dem schönsten parischen Bruche gehaun .. ich ciselire für Deutschland nur ein wenig daran; gelt, Sie haben wie jeder Andre, der nicht etwa der Berlepsch »Caledonia« las .. niemals etwas von .. Joanna Baillie gehört? Solch wunderbar Unbekanntbleiben, selbst in unserer alles Ausländische verschlingenden Lesenation, muß jeden Unbekannten für ein ähnlich Schicksal trösten darin. Für heute soviel genug, und .. Allah's heiligem und würdigem Schutze befohlen hiermit! ..
Brockhaus erwiderte sofort mit folgendem Briefe, datirt Amsterdam, 7. November 1805:
Hätte ich den Raum von 50 oder 60 Meilen, der uns von einander trennt, am Dienstage, wo ich Ihren lieben Brief vom 24. October erhielt, doch durchfliegen können, um Sie an meine Brust zu drücken und Sie zum Zeugen meiner Empfindungen über Ihre freundschaftlichen gegen mich geäußerten Gesinnungen zu machen! Ja, in Wahrheit, ein sympathetischer Zug treibt mich zu Ihnen hin, und mit Kindlichkeit sehe ich zu Ihnen hinauf, Klopstock's, Gerstenberg's, Kunzens, Schulzens, Baggesen's Freund ist mir ......[22] Aber so soll es auch mit der innigsten Liebe, Freundschaft und .. zwischen uns bestehn, bis Sie oder ich vom Freunde Charon in jenes unbekannte Land hinüber gesteuert werden. So lange wir aber noch hienieden pilgern, und uns mit dem prosaischen Troste des bürgerlichen Lebens herumschlagen, oder uns wenigstens durchzuwinden haben, lassen Sie uns Einer dem Andern nützlich sein; uns helfen und rathen; zusammen uns freuen und — dem Gemeinbesten frommen, wo und wie die Gelegenheit sich zeigt. Ich gebe Ihnen meine Hand, daß Sie auf mich wie auf Ihr eignes Selbst rechnen können. Wenn Sie mich einmal näher kennen, werden Sie mir, hoffe ich, ein Gleiches zusichern. Sehr wahrscheinlich komme ich noch im Winter auf einige Wochen zu Ihnen. Ich will Ihnen also lieber von meiner Sehnsucht nach dorten Nichts sagen; denn wo könnte meine Prosa Worte finden, mein glühendes Verlangen auszudrücken?
Das dem Freunde; jetzt dem Geschäftsmann und Verfasser! .... Ich komme zu dem mich am vorzüglichsten interessirenden Punkte davon: der Herausgabe Ihres »Tagebuchs«. Sie haben also so wenig Urtheile darüber vernommen? Ich glaube das wohl; und es ist auch wirklich in Deutschland sehr wenig bekannt geworden. Ich selbst habe mir unsägliche Mühe gegeben, ehe ich's erhalten konnte. Ich ruhte indeß eher nicht, bis ich's hatte; und seitdem hat es immer mit zu meiner Leibgarde gehört, die mich nicht verlassen darf. Noch gestern Abend habe ich meinem lieben Weibe die beiden schönen Briefe an Kunzen daraus vorgelesen und mich aufs neue an dem Freundschaftsbunde gefreut, der zwischen Ihnen und jenem Edlen muß geschlossen sein. Und dann las ich wieder die für mich hinreißende Stelle vor, wo Sie von dem Funde des Colchicum und Ihrer Begeisterung dabei erzählen. Ach, wie haben wir Sie recht lieb; wie unsern Bruder und unsre Jugendfreunde.
Ich nehme Ihre Vorschläge zur Herausgabe alle an .... Der von Ihnen gewählte Titel ist sehr gut; bis auf die Noms de guerre. Diese, liebster Freund, wünschte ich ließen Sie weg. Ich könnte Ihnen diesen Wunsch mit einer Menge von Gründen motiviren; ich unterlasse es aber, da Sie, glaube ich, den größten Theil derselben ahnden werden. Nur Das: daß ich sicher bin, daß dem Werke dadurch häufig der Eingang wird erschwert werden; besonders hier in unserer Republik, wo ich doch auf einen ansehnlichen Absatz rechnen muß ..... Ich sagte vorhin: ich vermuthe, daß Sie meine übrigen Gründe wegen dieser Nahmen ahnden werden. Thun Sie Das aber nicht, so werde ich sie Ihnen nächstens mittheilen ... Ich wünschte, daß der Titel folgenden Zusatz erhielte: von Cramer »und seinen Freunden«, damit Sie von diesen einige bewegen möchten, dann und wann ... mitzutheilen.
Auch glaube ich, daß es sehr gut wäre, wenn Sie anfingen, Ihre im Journal »Frankreich« und anderswo zerstreuten Aufsätze und Briefe zu sammeln; und besonders, als Supplement zu den »Individualitäten«, oder als Vor- oder Nebenläufer derselben, herauszugeben. Es ist sehr Vieles darunter, das, in der großen Masse jetzo ersäuft, so aufs neue zusammengestellt, und allenfalls mit einigen neuen Schüsseln vermehrt, als Ihr specielles Eigenthum Aufnahme finden dürfte; einige Artikel, wo die Kurzsichtigkeit des Menschen scheiterte, als die Triumphgesänge über den 18. Fructidor, die Erwartungen von Mercier's »Neuem Paris« .. die allein, däucht mich, wären wegzulassen. Was denken Sie zu dieser Idee? und wenn Sie sie goutiren und ausführen können, bin ich Ihr Mann. Ihr ersticktes »Tagebuch« fände aufs neue einen Platz darin ..... Da Sie mit Ihren Anspielungen ein solcher Sphinx nun einmal sind, und es nur wenig Oedipe im Leservolke gibt, so dächte ich gar sehr: Sie behielten allerdings Ihre exegetische Tagebuchmethode, mit den angehängten Anmerkungen und Citaten, unten und hinter den Capiteln, selbst auf die Gefahr hin ein Pedant ein wenig zu erscheinen, bei .....
Cramer ging auf alle Wünsche seines Verlegers ein: die Veränderung des Titels und selbst die Weglassung der »noms de guerre«, obwol nur ungern, da er die Manie der Kriegsnamen nun einmal liebe und sie von jeher geliebt habe; er beruft sich deshalb auf das Beispiel von Lorenz Sterne (Yorik), Jung-Stilling und Jean Paul.
Es würde zu weit führen, auf den Inhalt der »Individualitäten« hier näher einzugehen, obwol dieselben viele interessante Beiträge zur Beurtheilung jener Zeit enthalten. Klopstock, Mirabeau, Grétry — literarische, musikalische, Theaterzustände von Paris und Amsterdam — feuilletonistische Plaudereien über die verschiedenartigsten Themata: dies der bunte Inhalt jenes wunderlichen Mitteldings zwischen Zeitschrift und Buch. Es ist nicht zu verwundern, daß die »Individualitäten« keine weitere Verbreitung und kein längeres Leben hatten: Cramer war trotz seiner unleugbaren Genialität nicht der geeignete Herausgeber, Amsterdam und Paris waren nicht die richtigen Ausgangspunkte einer für Deutschland bestimmten literarisch-politischen Zeitschrift. Die Absicht, die der Verleger damit verfolgte, hat er später — im »Hermes« und im »Literarischen Wochenblatt« — besser zu verwirklichen vermocht.
Ein drittes journalistisches Unternehmen des jungen Verlegers neben der deutschen Monatsschrift und der holländischen Zeitung war, wie bereits erwähnt, eine französische Zeitschrift rein belletristischen Charakters: »Le Conservateur. Journal de littérature, de sciences et de beaux-arts.« Dieselbe trat Anfang 1807 ins Leben, war also ebenfalls schon im Laufe des Jahres 1806, gleichzeitig mit den beiden andern Zeitschriften, vorbereitet worden. Sie erschien in Monatsheften von acht bis zehn Octavbogen, wovon je drei einen Band mit besonderm Titel bildeten, und war somit äußerlich wie auch innerlich ganz wie die großen französischen Revuen unserer Tage, z. B. die »Revue des deux Mondes«, angelegt. Die Zeitschrift bestand anderthalb Jahre lang, bis Mitte 1808, sodaß im ganzen sechs Bände davon erschienen sind. Nur zwei derselben, der dritte und vierte Band, liegen uns vor, die zugleich wenigstens ein Inhaltsverzeichniß der ersten beiden Bände enthalten, während weder ein Prospect noch ein Vorwort oder Schlußwort vorhanden ist.
Den Inhalt dieser Zeitschrift bildeten historische (namentlich zeitgeschichtliche), biographische, kunstgeschichtliche und literargeschichtliche Abhandlungen; ferner Erzählungen, Novellen und Gedichte; drittens Berichte über neue literarische Erscheinungen und über die Theater von Paris und Amsterdam; endlich kleinere Artikel über Verschiedenes, »Variétés« genannt.
Unter den Mitarbeitern, die fast stets mit ihren Namen unterzeichnet sind, befinden sich die besten französischen Schriftsteller jener Zeit, wie Bonald, Boufflers, Chateaubriand, Chénier, Ch. de Dalberg, Despréz, Dubois, Guingené, Lacretelle, Lebrun, Legouvé, Mercier, Bernardin de Saint-Pierre, Charles de Villers u. s. w.
Diesen Namen entsprechend ist der Inhalt der Zeitschrift ein sehr gediegener, und manche Abhandlungen haben bleibenden Werth. Natürlich beschäftigt sich die Mehrzahl der Artikel mit Frankreich; indeß hat diese Zeitschrift ebenfalls einen entschieden internationalen Charakter, indem sie auch England, in zweiter Linie Holland und am meisten Deutschland berücksichtigt. Fast in jedem Hefte finden sich Artikel aus oder über Deutschland. So bringt gleich das erste Heft einen Brief des Professor Erhard über eine Audienz der Deputirten der Universität Leipzig bei dem Kaiser Napoleon. In demselben Hefte beginnt Charles de Villers (der später in nähere Beziehungen zu Brockhaus trat) eine sich durch drei Hefte erstreckende Abhandlung über die wesentlich verschiedene Weise, wie die französischen und die deutschen Dichter die Liebe behandeln, wozu später noch ein Nachtrag kommt, der durch eine Tabelle erläutert wird. Ferner schreibt Charles de Dalberg, »Prince-Primat de Germanie«, über den Einfluß der schönen Künste auf das allgemeine Wohlbefinden. Später folgt eine Beschreibung der Düsseldorfer Galerie als Bruchstück einer noch nicht veröffentlichten Reise, ohne Namensnennung. Daran schließt sich der Abdruck einer von dem »historiographe prussien« Johannes von Müller am 20. Januar 1807 in der berliner Akademie gehaltenen Rede über den Ruhm Friedrich's des Großen. Im Aprilhefte von 1807 erschien auch zuerst der später als besondere Schrift gedruckte (und von uns noch näher zu erwähnende) Brief von Charles de Villers an die Gräfin Fanny von Beauharnais über die Ereignisse in Lübeck am 6. November 1806, der Villers viele Unannehmlichkeiten bereitete; er schildert darin offen die von seinen Landsleuten bei der Erstürmung Lübecks begangenen Greuel. Vielleicht als Gegengewicht gegen diesen Aufsatz ist in demselben Hefte eine von Villers angefertigte Uebersetzung der Rede enthalten, welche der bekannte Kirchenhistoriker Henke am 2. December 1806 zur Jahresfeier der Krönung des Kaisers Napoleon in der Universitätskirche zu Helmstedt hielt.
Ehe wir uns den übrigen Verlagsunternehmungen von Brockhaus in dieser Zeit außer den drei journalistischen zuwenden, mögen noch zwei Briefe desselben an seinen Bruder Gottlieb einschaltet werden.
Der erste ist der schon oben erwähnte vom 25. Februar 1806, den er aus Anlaß der Geburt seines dritten Sohnes schrieb:
Hermann, lieber Bruder, so heißt das Schäflein, womit der Himmel unsere kleine Heerde wieder vermehrt hat. So hieß der Edelste der Deutschen! Wir müssen uns ja jetzt wohl an Namen halten! Wo sind jetzt Männer unter unserer Nation? Oder vielmehr unter unsern Fürsten? Würden wir sonst die Schmach kennen, die jetzt schwer beladen auf uns liegt? O der schändlichen Rolle Preußens! Freilich für die Menschheit ist es gut, daß Bonaparte mit seiner Herkuleskeule die Pinsel und Knaben mit einem Schlage dahingestreckt hat. Wie würde Deutschland von zahllosen, sich immer neu recrutirenden Armeen von Kosacken, Kalmucken, Kroaten, italienischen und französischen Völkern zerrissen, geplündert und zerfleischt worden sein, wenn die Vortheile der Armeen sich balancirt hätten und nicht Schläge wie die von Ulm und Austerlitz gefallen wären. Aber Deutschlands Ehre? — sie ist zernichtet. Unnennbar groß ist aber Bonaparte geworden! Es ist wirklich fast kein Mensch, es ist ein Halbgott. Wäre er immer, was er zu zeiten ist, als Mensch, denn über ihn als Krieger und Regenten kann nur eine Stimme sein, wer würde ihn nicht unbedingt verehren, ja vor ihm niedersinken?
Verzeih diese Digression, zu dem der Name meines kleinen Hermann mich verleitet.
Hier folgt die früher abgedruckte Stelle über Cramer, dem er die Wahl dieses Namens verdanke. Darauf heißt es weiter:
Ueber die politische Lage unsers Landes circuliren tausend Gerüchte. Sehr fatal ist es, daß Schimmelpenninck so gut wie blind ist, — und daß man wenig Wahrscheinlichkeit zur Besserung hat. Das gibt nun den besten Vorwand für ihn, sich zu entfernen, oder für die Franzosen, sich unsers Gouvernements zu bemächtigen. Man spricht von einem Könige von Batavien, das Louis, ein elender Mensch, sein würde, Ostfriesland soll mit unserem Lande vereinigt werden u. s. w., doch wer kann wissen? Daß Dortmund ebenfalls wieder unter andere Herrschaft kommen wird, ist auch wol sicher. Wol Darmstädtisch oder Braunschweigisch. Was denkt man bei Euch davon?
Mit unserer literarischen Entreprise geht es immer crescendo. Wir erhalten jetzt einen Factor aus Deutschland. Mit medio März wird ein eigenes Haus dazu bezogen. Die Unternehmung kann eben so hochwichtig als sehr lucrativ werden. Mit dem 11. März fängt sie mit der Herausgabe einer Zeitschrift an, deren Wichtigkeit nicht berechnet werden kann, wenn sie einschlägt. Es ist dies eine politisch-literarisch-historische Zeitung, wie noch keine ....
Hier schließt der erste Briefbogen, der zweite ist leider nicht mehr vorhanden; die eigenen Aeußerungen von Brockhaus über den »Ster« wären von besonderm Interesse gewesen.
Der zweite Brief ist der von ihm unterm 25. August 1807 geschriebene, dessen auf sein Etablissement bezügliche wichtigste Stellen bereits mitgetheilt wurden, während der in anderer Beziehung interessante Anfang desselben hier folgen möge. Er schreibt:
Dein Brief war meiner guten vortrefflichen Sophie und mir am Donnerstag, als wir ihn erhielten, ein Fest der Erquickung, und bis spät in die Nacht unterhielten wir uns über euch, ihr Lieben, über Vergangenheit, Zukunft, und wie es einst noch werden möchte! und werden könnte! und werden mag. So sitzen wir alle Abend, einen wie den andern, da ich allein niemahlen für mich ausgehe, wenn ich Abends 8 oder 9 Uhr vom Comptoir abkomme, zusammen und verplaudern dann süße, dann bittere Stunden, je nachdem der Gegenstand heiter oder traurig ist. Wie ich mich so an diese Häuslichkeit habe gewöhnen können, daß es mir auch unmöglich ist, nur eine Stunde oder ein paar es anderwärts auszuhalten, ohne von Langeweile und Ueberdruß bis zum Aeußersten gefoltert zu werden; wie ich auch gar nicht mehr für diese Abendgesellschaften, wo es lustig und fidel hergeht, passe und eine recht alberne Figur darin spielen würde; wenn ich über diese wie so manche Veränderung nachdenke, so fühle ich freilich wohl, welch einen großen Theil daran die Begebenheiten meines stürmischen Lebens haben, allein in dieser Hinsicht kann ich die Resultate davon doch nicht anders als höchst beglückend finden. Dieses innere Leben! diese Veredlung unserer ehelichen Verhältnisse und Rückwirkung von da auf unser ganzes Gemüth, wodurch dieses etwas Hehres und Heiliges erhalten, hat wirklich etwas so Beseligendes, daß ich nicht wünschen kann, es möchte anders sein.
Unsere Bekanntschaften sind jetzt noch eingeschränkter als ehemals, und nur mit zweien Familien stehen wir auf einem wahren freundschaftlichen Fuß: die eine ist die unsers Arztes, eines vortrefflichen Mannes, der ein edles wackeres Weib hat; — sie sind nie einen Augenblick an uns irre geworden und ihre Freundschaft und ihr Edelmuth hat alle Proben ausgehalten. Die andere ist eine wackere Künstlerfamilie: er ein Deutscher, sie eine Holländerin. Beide große Maler und sie wieder eine der liebenswürdigsten und gebildetesten Frauen, die ich kenne. Auch ihr zwölfjähriger Sohn ist schon großer Künstler. Alle drei: Vater, Mutter und Sohn, haben Baggesen gemalt, wie er hier war, und nach der Zeichnung der Mutter lassen wir jetzt einen Kupferstich machen. Sie wird auch Sophie und mich malen — für dich, mein bester theuerster Bruder, Schwester, Vater. Harry wird Gustchen und Fritz malen, und das sollst du auch haben. Außer diesen beiden Familien, mit denen wir innigst verbunden sind, haben wir nur noch ein paar Bekanntschaften: wir sehnen uns aber auch nicht nach mehreren, da uns diese genug sind. Desto mehr lebe und webe ich dagegen im Briefwechsel mit mehreren auswärtigen Freunden, der eine zweite Würze meines Lebens ist: Baggesen ist der erste darunter, von Villers, der berühmte Verfasser des unsterblichen Werks über die Reformation, der zweite, Professor Fischer in Würzburg und mehrere andere schließen sich an sie an. So lebe ich.
Die in diesem Briefe erwähnten beiden Familien waren die des Arztes Nieuwenhuys und des Malers Jan Baptist Scheffer nebst seiner Gattin Cornelia, Aeltern des hier als zwölfjähriger Knabe erwähnten, später berühmt gewordenen Malers Ary Scheffer. Jan Baptist Scheffer war in Manheim geboren; er ging nach Holland, wurde zum Hofmaler des Königs Ludwig ernannt, starb aber schon 1809 in Amsterdam. Seine Gattin Cornelia, eine Holländerin, war ebenfalls Künstlerin und eine sehr anmuthige, auch literarisch gebildete Frau. Später zog sie mit ihren Söhnen Ary und Heinrich nach Paris und starb dort 1839. Ary Scheffer war am 10. Februar 1795 in Dordrecht geboren, kam dann mit seinen Aeltern nach Amsterdam und verließ dieses erst 1812, um sich in Paris weiter auszubilden; hier wirkte er bis zu seinem 1858 erfolgten Tode. In Amsterdam war er der Spielgefährte der ältesten Kinder von Brockhaus gewesen.
Die hier erwähnten Porträts scheinen leider nicht mehr vorhanden zu sein; über ihren Verbleib hat sich auch bei spätern durch Ary Scheffer selbst angestellten Nachforschungen nichts ermitteln lassen.
4. Weitere Verlagsthätigkeit.
Gleich im Beginne seiner Verlegerlaufbahn entwickelte Brockhaus auch auf andern Gebieten der Literatur einen nicht minder regen, vielseitigen und für einen Anfänger kühnen Unternehmungsgeist als den eben geschilderten in der Herausgabe von Journalen.
Von Cramer verlegte er außer den »Individualitäten« zunächst noch Uebersetzungen von sechs Dramen der von diesem enthusiastisch verehrten und Shakspeare zur Seite gestellten englischen Dichterin Joanna Baillie (geb. 1762, gest. 1851). Sie erschienen noch 1806 unter dem von Cramer herrührenden Titel »Die Leidenschaften« in drei Theilen, deren jeder wieder einen ähnlichen charakterisirenden Titel führt: »Die Liebe«; »Der Haß«; »Der Ehrgeiz«, später (1808 und 1809) auch einzeln in sechs Separatausgaben unter ihren Originaltiteln.
Außerdem veröffentlichte er noch (1807 und 1808) Cramer's deutsche Bearbeitung der Werke des Engländers Pinkerton und des Franzosen Mercier über das damalige Paris unter dem Titel: »Ansichten der Hauptstadt des französischen Kaiserreichs vom Jahre 1806 an« (zwei Bände, jeder mit einem Titelkupfer), von Cramer durch eigene Beiträge vervollständigt. Die Idee zu diesem Werke scheint von Brockhaus ausgegangen zu sein; Cramer sagt darüber in dem Vorberichte:
Mein Freund Wilibald, Pflegevater meiner »Individualitäten«, glaubte daher (und vielleicht nicht mit Unrecht), daß dieses Gemälde eines Engländers (Pinkerton) ... eines deutschen Kupferstichs nicht unwerth ... Er trug mir dieses Geschäft auf ... bat mich endlich sogar, von dem Meinigen noch hinzuzuthun und Pinkerton's Gemälde mit einigen (wie ich es für gut finden würde) Verzierungen oder hors d'œuvres zu vermehren. Wenn ich (wünschte er weiter) den ersten großen Vorläufer aller dieser Maler — »notre maître à nous tous!« — Mercier, dazu bewegen könnte, mir sein Atelier zu öffnen ... so (meinte er) würde diese Vereinbarung eines Engelländers, Deutschen und Franzosen eine vielleicht nicht unpikante Sache sein, und an jener ursprünglich hauptsächlich britischen Zeichnung wenigstens nichts verderben.
Neben Cramer war Jens Baggesen, der bekannte dänische Dichter, der gleichzeitig auch in deutscher Sprache schrieb (geb. 15. Februar 1764 zu Korsör, gest. 3. October 1826 zu Hamburg), einer der ersten Schriftsteller, mit denen Brockhaus in geschäftliche und freundschaftliche Verbindung trat. Er schloß mit Baggesen schon am 17. Juni 1806 in Amsterdam, wo dieser damals zum Besuche war, einen Contract über eine neue umgearbeitete Auflage seines idyllischen Epos »Parthenais oder Die Alpenreise«, die 1808 erschien, und wenig Tage darauf (21. Juni) über eine Sammlung seiner Briefe, die aber erst 25 Jahre später (1831), als beide Contrahenten gestorben waren, herausgegeben wurde. Im folgenden Jahre (16. Juli 1807) wurde dann ein neuer Contract über Baggesen's neueste Gedichte abgeschlossen, die fast gleichzeitig mit der »Parthenais« (auch 1808) unter dem Titel: »Heideblumen. Vom Verfasser der Parthenais. Nebst einigen Proben der Oceania«, erschienen. Von der »Parthenais« verlegte er außerdem eine französische Uebersetzung in Prosa, von dem bekannten Gelehrten Fauriel gefertigt; hieran knüpfte sich eine längere Correspondenz zwischen Brockhaus und Fauriel über das durch Baggesen's Schuld vielfach getrübte Verhältniß zwischen diesem und Brockhaus, worüber wir weiter unten Näheres mittheilen.
Allein nicht blos journalistische und poetische Werke waren es, mit denen sich der junge Verleger beschäftigte; er wagte sich sofort auch an strengwissenschaftliche Werke größern Umfangs, deren Verlag zu allen Zeiten mit Opfern verbunden zu sein pflegt.
Schon 1807 erschien in seinem Verlage der erste starke Band einer lateinisch geschriebenen Geschichte der Botanik von dem gelehrten Arzt und Botaniker Kurt Sprengel in Halle: »Historia rei herbariae«, und im nächsten Jahre folgte der zweite Band; eine deutsche Bearbeitung desselben Werkes unter dem Titel: »Geschichte der Botanik«, erschien erst 1817-18 in seinem Verlage.
Fast gleichzeitig begann er ein noch umfangreicheres Werk desselben Verfassers zu verlegen: »Institutiones medicae«, in sechs Bänden, wovon der erste 1809 ausgegeben wurde, während die übrigen Bände in den Jahren 1810, 1813, 1814 und 1816, in einer für den Verleger theils seiner persönlichen, theils der politischen Verhältnisse wegen sehr schwierigen Zeit, erschienen. Indeß wurde bei diesem Werke sein Muth belohnt, indem er bereits wenige Jahre nach der Vollendung (1819) eine zweite vermehrte und verbesserte Auflage desselben veranstalten konnte.
Ein drittes wissenschaftliches Verlagswerk, das er gleich im Anfange seiner Verlegerthätigkeit übernahm, war die berühmte Naturgeschichte der Eingeweidewürmer von dem greifswalder (später berliner) Professor Karl Asmund Rudolphi (aus Stockholm); sie erschien unter dem Titel: »Entozoorum sive vermium intestinalium historia naturalis« (2 Bände, Band 2 in 2 Abtheilungen, 1808-10, mit 12 Kupfertafeln).
Ein viertes ebenfalls naturwissenschaftliches Werk, das er indeß wahrscheinlich nur als Commissionsartikel übernahm (auf dem Titel sind die Gebrüder van Cleef im Haag als Verleger genannt, während Heinsius' »Bücher-Lexikon« das Kunst- und Industrie-Comptoir in Amsterdam als solche bezeichnet) ist das Werk des bekannten französischen Botanikers Brisseau-Mirbel (damals im Haag, später in Paris) über eine Theorie des Gewächsbaues, mit französischem und deutschem Titel, herausgegeben von dem holländischen Dichter Bilderdijk, der sich vielfach auch mit naturwissenschaftlichen Studien beschäftigte. Eigenthümlicherweise ist der Text des Werks gleichzeitig französisch (links) und deutsch (rechts), während die Widmung an den König von Holland, die Vorrede Bilderdijk's und die ausführlichen Noten blos französisch sind. Bilderdijk entschuldigt sich in der Vorrede, daß er, in Amsterdam geboren, weder das Französische wie ein Pariser, noch das Deutsche wie ein »Sachse« schreibe; hiernach scheint auch die deutsche Uebersetzung von dem holländischen Dichter herzurühren.
Dem Jahre 1807 gehören noch drei Werke an, die von geringerer Bedeutung sind, aber gleich von Anfang an erkennen lassen, daß der Verleger die möglichste Vielseitigkeit seines Verlags erstrebte: ein französisches Reisehandbuch für Deutschland: »Itinéraire de l'Allemagne« (von dem Postmeister Raabe in Holzminden verfaßt), mit einer Karte; eine deutsche Uebersetzung des hauptsächlich nach Bossuet's Katechismus bearbeiteten, vom päpstlichen Legaten in Paris approbirten und von Napoleon obligatorisch eingeführten »Katechismus zum Gebrauche in allen Kirchen des französischen Kaiserreichs«; endlich eine deutsche Uebersetzung der berühmten Memoiren des französischen, in englische Dienste getretenen Schriftstellers Louis Dutens, der 1812 als britischer Historiograph in London starb, unter dem Titel: »Dutens Lebensbeschreibung oder Memoiren eines Gereiseten, der ausruht« (2 Bände), von dem durch sein Bibelwerk bekannten Johann Friedrich von Meyer in Frankfurt a. M. bearbeitet.
In dieser Zeit kam Brockhaus auch zuerst mit Villers in Beziehungen, die sich bald in freundschaftliche verwandelten und bis zu des Letztern Tode fortdauerten. Er veröffentlichte nämlich dessen berühmten »Brief an die Gräfin Fanny von Beauharnois«, worin Villers die Erstürmung Lübecks durch die Franzosen am 6. November 1806 und die dabei von denselben verübten Greuel als Augenzeuge schildert.
Charles François Dominique de Villers, geboren 4. November 1765 zu Bolchen in Lothringen, 1792 Artilleriehauptmann, floh bei Ausbruch des Revolutionskriegs 1793, von den Jakobinern bedroht, nach Deutschland, das fortan seine zweite Heimat wurde, und lebte meist in Lübeck, wo er viel mit der Familie Rodde verkehrte, besonders mit seiner geistreichen Freundin Dorothea Rodde, der Tochter des Geschichtschreibers Schlözer; 1811 wurde er zum Professor der Philologe an der Universität Göttingen ernannt, nachdem ihm 1809 wegen seiner »ausgezeichneten Verdienste um die deutsche Literatur« und besonders auch wegen seiner Bemühungen um das Wohl der Freien Hansestädte das Ehrenbürgerrecht von Bremen ertheilt worden war. Er wurde erst von französischer, dann von deutscher Seite mehrfach belästigt und starb 26. Februar 1815 in Leipzig.[23] Villers machte es sich zur Lebensaufgabe, deutscher Literatur und deutschem Wesen dieselbe Anerkennung und Achtung in Frankreich zu verschaffen, die er selbst dafür empfand, und so beiden Ländern zu nützen. Wurm bemerkt über Villers:
Wie sehr es ihm Ernst war mit der wissenschaftlichen Erforschung deutscher Zustände, das beweisen seine größern Arbeiten: die Darstellung der Kant'schen Philosophie, und die gekrönte Preisschrift über die Folgen der Reformation für die politische Lage der verschiedenen Staaten Europas und für den Fortschritt der Aufklärung. Das letztere Werk ist in wiederholten starken Auflagen und in einer holländischen, zwei englischen und drei deutschen Uebersetzungen verbreitet.
In der Würdigung deutschen Geistes wetteiferten mit ihm Benjamin Constant und Frau von Staël. Mit Beiden war Villers innig befreundet. Constant hatte in Deutschland eine geistige Heimat gefunden, nur nach und nach söhnte er mit dem Entschluß sich aus, den die Ereignisse ihm fast wider Willen aufdrängten, seine wissenschaftliche Thätigkeit mit einer politischen in Paris zu vertauschen. Frau von Staël gefiel sich eine Weile in dem Gedanken, mit Villers vereint dahin zu arbeiten, daß der Gegensatz zwischen deutschem und französischem Wesen sich ausgleichen möge. Bald aber fand sie sich verletzt durch seine ausgesprochene Vorliebe für Deutschland, die sie ihm in tadelnden, selbst in harten Worten vorwarf. Als ihr selbst derselbe Vorwurf — freilich von ganz anderer Seite her und in ganz anderm Sinn — zurückgegeben ward, da flüchtete sie mit ihren Klagen zu dem alten Freunde.
Während ihrer langen Verbannung, der endlich der Sieg der fremden Waffen ein Ziel setzte, hatte ihre Liebe zur Heimat nur noch stärkere Wurzeln geschlagen. Anders war es mit Villers. Lebensschicksale, geistige Gewohnheiten hielten ihn von Frankreich fern, nicht irgendeine äußere, gebieterische Nothwendigkeit. In den frühern geflügelten Worten der Frau von Staël lag ein Stachel, den er tief und schmerzlich empfand. Glücklich, selbst inmitten einer ehrenvollen und vielbewunderten Thätigkeit, ist seine Lage nicht gewesen. Sie konnte es nicht sein.
Wir Deutschen sind am spätesten zu dem Bewußtsein gelangt, daß die Nationalität nichts Zufälliges, daß sie nicht ein Ding ist, das man nach Belieben festhalten oder abstreifen und vertauschen mag. Es würde besser um unser Vaterland bestellt sein, wenn wir eher aus unsern weltbürgerlichen Träumen erwacht wären. Nicht daß es an kräftigen Stimmen gefehlt hätte, die uns zuriefen, das heilige Feuer zu hüten. Aber wir, wir schliefen und träumten.[24]
In dieser beschämenden Betrachtung liegt gutentheils der Schlüssel zu demjenigen, was Villers' Ruhm und was sein Unglück ausmachte. Gewiß, wenn irgend Einer, so war er berufen, den geistigen Verkehr zwischen Deutschland und Frankreich zu vermitteln. Aber er fand sich zwischen beide Nationen gestellt. Und er trat zu uns herüber, als die Gewaltherrschaft seiner Landsleute, ein unholder Alp, über unser Vaterland sich ausbreitete, und jegliches Eigenthümliche zu erdrücken drohte. Das Ritterliche seines Charakters hat ihn herübergeführt. Aber seinen Landsleuten gegenüber, wie sollt' er da den Schein abwehren, als habe er die eigene Heimat verleugnet?
Daß er uns näher angehörte, können wir nicht bezweifeln, da er selbst es eingestanden hat. Der Anlaß aber, bei welchem ihm das Bekenntniß entschlüpfte, war der bitterste, der unverdienteste, der ihm widerfahren konnte. Es war die unerhörte Behandlung, die er von der wiederhergestellten hannoverschen Regierung erfuhr; das absichtsvolle Misverständniß, als wär' er in Göttingen eben nur ein Eindringling des westfälischen Zwitterreichs gewesen; das Abfinden durch einen Gnadengehalt, in der Voraussetzung, er werde denselben in Frankreich verzehren. Durch die spätere Erlaubniß, in Göttingen zu bleiben, und durch eine Pensionszulage war das nicht wieder gut zu machen. Die Kränkung hat sein Herz gebrochen.
Uns Deutschen geziemt es, eingedenk zu sein, was er uns zum Opfer gebracht hat.
Villers' Brief an die Gräfin von Beauharnais wurde dadurch veranlaßt, daß diese, die Tante der Kaiserin Josephine, nach den schrecklichen Ereignissen von Lübeck der Villers wie ihr befreundeten Familie Rodde Theilnahme ausdrücken und ihre Hülfe anbieten ließ. Villers benutzte dies, um der einflußreichen geistvollen Dame, die in Paris seine persönliche Bekanntschaft gesucht hatte, die traurige Lage Lübecks vorzustellen. Der Brief, vom 15. December 1806 datirt, ging erst am 12. Februar 1807 an seine Adresse nach Paris; am 4. März traf die Antwort ein, daß die Gräfin bereit sei, dem Kaiser den Brief vorzulegen und aufs wärmste zu befürworten. Inzwischen hatte Villers denselben in Lübeck als Manuscript drucken lassen und sandte am 5. März vier Exemplare nach Paris, darunter eins an Bernadotte und eins an Daru. Gleichzeitig schickte er auch ein Exemplar an Brockhaus; dieser ließ schon im Aprilhefte seines »Conservateur« den Brief abdrucken (vgl. S. 78) und außerdem Separatausgaben davon in französischer und deutscher Sprache erscheinen, die großes Aufsehen erregten und rasch drei Auflagen erlebten. Auch zu diesen Separatausgaben hatte Brockhaus jedenfalls Villers' Zustimmung, denn in einem (nicht unterzeichneten) Vorberichte heißt es: der Brief sei erst blos als Manuscript gedruckt worden, »da aber diese Schrift schon hier und da herumgekommen und ihr Verfasser sah, wie zweifelhaft es sei, einer voreiligen unerlaubten Bekanntmachung zuvorkommen zu können, so hat er unserm Wunsche gern nachgegeben und uns den Druck erlaubt« u. s. w. Der Brief war gleichzeitig in Paris gedruckt, aber dort wie später auch in Amsterdam confiscirt worden. Wurm sagt darüber:
Hat nun bei den »hohen und höchsten Herrschaften« diese beredte Fürsprache irgend Etwas ausgewirkt? Nein, nicht das Mindeste. Aber die Darstellung selbst, die, wie sich erweisen läßt, nur für das Auge einiger Wenigen bestimmt war, hat mit einem male die größte Oeffentlichkeit erlangt. Wenige Flugschriften in jener bewegten Zeit sind so verschlungen worden. Der Eindruck war tief und nachhaltig. Ein richtiger Instinct sagte den Feldherren, daß der französischen Herrschaft, daß dem Vertrauen der Völker zu französischer Gerechtigkeit und zu französischem Schutz ein sehr schlechter Dienst geleistet sei, indem die Wahrheit an den Tag komme.
So fehlte es denn auch nicht an den Maßregeln, durch welche das böse Gewissen sich zu verrathen pflegt. Die Schrift von Villers ward in Paris confiscirt[25]: Baggesen, in einem ergötzlichen Brief, wünschte dem Verfasser Glück dazu. Die Aufregung unter den Franzosen war so groß, daß selbst die lübecker Censur sich endlich gemüßigt fand, die Buchhändleranzeige, welche die Schrift zum Verkauf anbot, zu streichen.
Bedenklicher war, daß Villers von sicherer Hand erfahren mußte, auch Bernadotte habe an der Schrift Anstoß genommen. Doch war das gute Vernehmen, wie man aus dem Schreiben eines Adjutanten des Prinzen ersieht, dadurch nicht auf die Dauer gestört. Keinenfalls ließ Villers sich irre machen. Er war sich keiner Uebertreibung bewußt, und erklärte dies öffentlich im Vorwort zu einer spätern Auflage.
Der von Wurm erwähnte Brief Baggesen's an Villers, aus Hamburg vom 27. Juni 1807 datirt, lautete:
Ich schicke Dir hier die ganze Saisirungsgeschichte aus Amsterdam und Paris, die, wie ich hoffe, Dich mehr freuen als befremden wird. In der That war es nicht leicht möglich, Dir und der Sache einen größern Dienst zu erweisen, als eben durch diesen erzdummen Streich der pariser Polizei geleistet worden ist. Eine Schrift, wovon schon mehrere tausend Exemplare im Umlauf sind, zu confisciren, hieß derselben außer dem Umlauf auch Einlauf — Interesse ins Unendliche — außer dem moralischen auch religiösen Einfluß und selbst (das Höchste, was in unsern Tagen ein Buch gewinnen kann) den Reiz der Sünde, vel quasi des Verbotenen, verschaffen. Wüßte ich nur mit Gewißheit, daß man auch meine Sachen auf diese Weise saisiren würde, den Augenblick gäbe ich die göttlichsten Dinger heraus — allein ich fürchte, man würde mich statt der Sachen saisiren. So wird dem großen Sieger mitgespielt! Wäre ich an seiner Stelle, ich setzte meine Polizei den Augenblick ab. Das Buch hätte sie, wenn sie ihr Geschäft recht verstanden, laufen lassen sollen und dagegen von einem lübecker Rathsherrn öffentlich bekannt machen lassen, daß der Verfasser nicht gewußt, was er geschrieben, daß sie (die Lübecker) betheuern können, es sei gerade das Gegentheil wahr u. s. w. Die Pariser, die nicht nach Lübeck laufen können, um Syndicus den oder den zu fragen: »Haben Sie das wirklich geschrieben?«, wären angeführt worden, wenigstens im Zweifel — jetzt wissen sie, was an der Sache ist.
Diese Schrift sollte aber für Villers doch noch verhängnißvoll werden. Vier Jahre nach ihrem Erscheinen, als er eben im Begriff stand, Lübeck zu verlassen, um einem Rufe an die Universität Göttingen Folge zu leisten, ließ ihn Marschall Davoust wegen derselben verhaften und seine Papiere durchsuchen. Da man nichts ihn Compromittirendes fand, ward er wieder freigelassen, aber aus den »von den französischen Waffen besetzten« Ländern verwiesen. Er verließ Lübeck am 8. März 1811, die Verfolgung ruhte auch in Göttingen nicht, und es ist unzweifelhaft, daß, wie Wurm sagt, die damit verknüpften Kränkungen sein Herz gebrochen haben; er starb, wie schon erwähnt, vier Jahre darauf (1815), kaum 50 Jahre alt.[26]
Brockhaus verlegte bald nach jenem Briefe noch ein anderes kleines Werk von Villers: eine französische Uebersetzung der 1808 bei Friedrich Perthes in Hamburg erschienenen Schrift »Der Kaufmann« von Johann Albert Heinrich Reimarus, dem eigentlich auf einem andern Gebiete, als Physiker, bekannten Sohne des Verfassers der »Wolfenbüttelschen Fragmente«, Hermann Samuel Reimarus. Die Uebersetzung führt den Titel »Le commerce« (1808) und ist mit einem Vorwort von Villers versehen.
Außerdem druckte Brockhaus 1807 in dem ersten Hefte seines »Conservateur« eine längere Abhandlung von Villers: »Sur la manière essentiellement différente, dont les poètes français et les allemands traitent l'amour«, und 1809 eine Schrift »Coup d'oeil sur l'état actuel de la littérature ancienne et de l'histoire en Allemagne«, die als ein Bericht an das Institut de France und in einer Nachschrift als eine Rechtfertigungsschrift seines »Coup d'oeil sur les universités allemandes« (Kassel 1808) bezeichnet ist.