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Friedrich Arnold Brockhaus, Sein Leben und Wirken. Erster Theil

Vierter Abschnitt. In Altenburg. (continued 2)

Reading edition

Ein dritter hervorragender Schriftsteller, der zu Brockhaus' nähern Freunden gehörte, war Karl Heinrich Ludwig Pölitz (geb. 1772, gest. 1838), der bekannte Historiker und Statistiker, damals (seit 1803) wie Gruber Professor in Wittenberg, seit 1815 bis zu seinem Tode in Leipzig, erst als Professor der sächsischen Geschichte und Statistik, dann der Politik und Staatswissenschaften wirkend. Für Brockhaus war Pölitz zunächst ebenfalls als Mitarbeiter am »Conversations-Lexikon« thätig, verfaßte aber bald auch ein eigenes Werk für dessen Verlag, eine Biographie seines Freundes und Gönners, des bekannten Theologen Reinhard. Dieser, 1753 geboren, starb am 6. September 1812 als Oberhofprediger zu Dresden, in welcher Stellung er seit 1792 segensreich gewirkt hatte. Das Werk führte den Titel: »D. Franz Volkmar Reinhard nach seinem Leben und Wirken dargestellt von Karl Heinrich Ludwig Pölitz« (2 Abtheilungen, 1815). Das Vorwort zur ersten Abtheilung trägt das Datum: 12. März 1813; sie ist wahrscheinlich schon 1813 erschienen. Das Vorwort zur zweiten Abtheilung ist vom 17. Januar 1815 datirt und in Schmiedeberg bei Pretzsch geschrieben, wo Pölitz seit der Aufhebung der wittenberger Universität bis zu seiner Uebersiedelung nach Leipzig gelebt hatte.

Im Jahre 1817 verlegte Brockhaus das Hauptwerk von Pölitz: »Die Constitutionen der europäischen Staaten seit den letzten 25 Jahren« (ursprünglich zwei Theile), wozu 1820 und 1825 noch zwei weitere Theile als dritter und vierter hinzukamen. Eine zweite umgearbeitete Auflage dieses Werks wurde 1832 und 1833 unter dem veränderten Titel: »Die europäischen Verfassungen seit dem Jahre 1789 bis auf die neueste Zeit«, in drei Bänden veranstaltet, während 1847 noch die von Professor Friedrich Bülau herausgegebene erste Abtheilung eines vierten Bandes hinzukam, die, mit dem ersten Bande vereinigt, auch als ein besonderes Werk unter dem Titel: »Die Verfassungen des teutschen Staatenbundes seit dem Jahre 1789 bis auf die neueste Zeit«, erschienen ist.

Dem Gebiete der Politik und Staatswirthschaft gehören noch folgende Verlagsartikel aus diesen Jahren an: eine Schrift über »Das Continentalsystem« (1812) von dem zu Brockhaus' nähern Bekannten in Altenburg gehörenden Rath und Kammersecretär Ludwig Lüders (geb. um 1778, gest. 1822); die schon früher erwähnte Schrift von Charles de Villers: »Constitutions des trois villes libres-anséatiques, Lubeck, Brêmen et Hambourg« (1814); Chateaubriand's »Essai historique, politique et moral sur les révolutions, anciennes et modernes« (2 Bände, 1816); »Theorie des Geldes und der Münze« von Dr. Johann Karl Adam Murhard in Kassel (geb. 1781, gest. 1863); »Grundzüge der philosophischen Politik« von Gustav Anton Freiherrn von Seckendorff (bekannter unter dem Namen Patrick Peale, geb. 1775 im Altenburgischen, gest. 1823 in Nordamerika), letztere beiden Werke 1817 erschienen. Die der Geschichte gewidmeten Verlagsartikel werden später erwähnt werden.

Auch das Gebiet der Naturwissenschaften, dem Brockhaus von Anfang an besondere Beachtung geschenkt hatte, weist mehrere gediegene Verlagswerke auf.

So veröffentlichte er in den Jahren 1817 und 1818 von Kurt Sprengel's »Historia rei herbariae«, die 1807 und 1808 einen seiner ersten Verlagsartikel in Amsterdam bildete, eine neue deutsche Bearbeitung des Verfassers unter dem Titel: »Geschichte der Botanik« (2 Theile).

Dann kaufte er aus dem Verlage von Achenwall & Co. in Berlin den bereits gedruckten ersten Band eines »Handwörterbuch der allgemeinen Chemie« von Johann Friedrich John, Professor an der Universität zu Frankfurt a. O. und nach deren Aufhebung zu Berlin (geb. 1782, gest. 1847), und führte es in vier Bänden (1817-1819) zu Ende.

Ferner begann er den Verlag eines »Archiv für den Thierischen Magnetismus«, von Professor Dietrich Georg Kiefer in Jena (geb. 1779, gest. 1862) in Verbindung mit Professor Karl Adolf von Eschenmayer in Tübingen (geb. 1768, gest. 1852) und Professor Christian Friedrich Nasse (geb. 1778, gest. 1851) herausgegeben. Indeß veröffentlichte Brockhaus blos vier Hefte (1817) und verkaufte das »Archiv« dann an die Buchhandlung Hemmerde & Schwetschke in Halle, in deren Verlag bis 1827 zwölf Bände davon erschienen.

Uebrigens interessirte sich Brockhaus auch persönlich für diese nach ihrem Erfinder Anton Mesmer gewöhnlich Mesmerismus genannte neue Lehre von den geheimnißvollen Kräften des thierischen Magnetismus, welche in Frankreich und Deutschland bis über das erste Viertel des Jahrhunderts hinaus großes Aufsehen erregte. Er verlegte später Wolfart's »Jahrbücher für den Lebens-Magnetismus oder Neues Askläpieion« (5 Bände, 1818-1823) und »Der Magnetismus nach der allseitigen Beziehung seines Wesens, seiner Erscheinungen, Anwendung und Enträthselung in einer geschichtlichen Entwickelung von allen Zeiten und bei allen Völkern wissenschaftlich dargestellt«, von Professor Joseph Ennemoser in Bonn, einem der Hauptvertreter dieser Lehre. Letzteres Werk erschien 1844 in zweiter umgearbeiteter Auflage unter dem Doppeltitel: »Geschichte des thierischen Magnetismus« und »Geschichte der Magie«.

Einen besonders werthvollen Zuwachs seines medicinischen Verlags erhielt Brockhaus dadurch, daß er 1816 den gesammten Verlag der unter der Firma »Literarisches Comptoir« in Altenburg bestehenden Pierer'schen Buchhandlung übernahm. Die beiden wichtigsten Verlagswerke derselben waren: »Medizinisches Realwörterbuch zum Handgebrauch praktischer Aerzte und Wundärzte und zu belehrender Nachweisung für gebildete Personen aller Stände«, und: »Allgemeine medizinische Annalen des neunzehnten Jahrhunderts«. Beide Werke waren von dem Besitzer der Pierer'schen Verlagsbuchhandlung begründet und wurden von ihm unter seinem Namen herausgegeben, auch noch nach diesem Verkaufe.

Johann Friedrich Pierer wurde schon mehrfach genannt: er hatte Brockhaus 1808 auf der leipziger Messe kennen gelernt und ihn dann bei seiner Ankunft in Altenburg mit Rath und That unterstützt. Schon als Besitzer der Hofbuchdruckerei, als Schwager des Bankiers Reichenbach und Freund des Ludwig'schen Hauses nahm Pierer eine sehr hervorragende Stellung in der altenburger Gesellschaft ein. Im Jahre 1767 geboren, studirte er die Medicin und ließ sich 1790 in seiner Vaterstadt Altenburg als praktischer Arzt nieder, begründete 1798 eine »Medizinische Nationalzeitung für Deutschland«, die er 1800 »Allgemeine medizinische Annalen« nannte, und kaufte 1799 die Richter'sche Hofbuchdruckerei in Altenburg, mit der er 1801 ein buchhändlerisches Verlagsgeschäft für seine Zeitschrift unter der Firma »Literarisches Comptoir« verband. Dieses letztere verkaufte er sammt jener Zeitschrift, einigen andern Verlagsartikeln und dem eben im Druck begonnenen »Medizinischen Realwörterbuche« 1816 an Brockhaus. Nachdem er 1814 Amts- und Stadtphysikus mit dem Titel Hofrath geworden war, wurde er 1826 zum Obermedicinalrath und Leibarzt des Herzogs ernannt und starb 1832.

Im Jahre 1823 (nach Brockhaus' Tode) nahm Johann Friedrich Pierer sein Verlagsgeschäft unter der nur wenig veränderten Firma »Literatur-Comptoir« wieder auf und übertrug die Leitung desselben seinem Sohne Heinrich August Pierer (geb. 1794, gest. 1850), der zuerst ebenfalls Medicin studirt hatte, aber 1813 mit ins Feld gezogen war und 1831 seinen Abschied nahm, worauf er sich ausschließlich dem Verlagsgeschäft widmete. Er hat sich namentlich durch Herausgabe des »Universal-Lexikon« bekannt gemacht, das er 1824 noch bei Lebzeiten seines Vaters und von diesem unterstützt unter dem Titel »Encyklopädisches Wörterbuch« begonnen hatte.

Von dem erstgenannten jener beiden von Brockhaus mit dem Pierer'schen Verlage erworbenen Werke, dem »Medizinischen Realwörterbuch«, erschienen in den Jahren 1816, 1818, 1819 und 1821 die ersten vier Bände, der vierte mit herausgegeben von Dr. Ludwig Choulant (geb. 1791, gest. 1861 als Geh. Obermedicinalrath in Dresden), den Pierer zu seiner Unterstützung 1817 aus Dresden nach Altenburg berufen hatte, wo er bis 1821 blieb. Doch wurden diese vier Bände später an Pierer wieder verkauft und von diesem die das Werk abschließenden Bände 5-8 in den Jahren 1823-1829 selbst verlegt.

Die »Allgemeinen medizinischen Annalen«, deren Redaction Pierer ebenfalls beibehielt, seit 1821 auch dabei von Choulant unterstützt, blieben nach der Wiedererrichtung der Pierer'schen Verlagsbuchhandlung im Jahre 1823 doch im Verlage von F. A. Brockhaus, und zwar bis 1830, worauf sie in die im Pierer'schen Verlage erscheinende »Allgemeine medizinische Zeitung« umgewandelt wurden; letztere wurde nach Pierer's Tode seit 1833 von Dr. Karl Pabst herausgegeben, ging 1837 wieder an F. A. Brockhaus über, hörte aber mit Ende 1838 ganz auf.

In dem am 11. Juni 1816 zwischen Pierer und Brockhaus abgeschlossenen Vertrage über den Verkauf des »Literarischen Comptoir« verpflichtete sich Letzterer zugleich, »die bisher bestandenen Druckereigeschäfte« mit Ersterm fortzusetzen und nicht nur die von ihm übernommenen Verlagswerke und »die noch rückständigen Bände des 'Conversations-Lexikon'« (zweite Auflage) in Pierer's Druckerei anfertigen zu lassen, »sondern auch dessen Pressen, deren Zahl um deswillen erhöht und mit dem nöthigen Druckereipersonale versehen worden sind, auf längere Zeit hinaus hinreichend und soviel es nur die Verhältnisse verstatten wollen zu beschäftigen«.

Verschiedenen Gebieten gehören endlich die folgenden drei von Brockhaus im Jahre 1817 verlegten Werke an: »Reise nach Dalmatien und in das Gebiet von Ragusa«, von Ernst Friedrich Germar, Professor der Mineralogie zu Halle (geb. 1786, gest. 1853), ein Werk von zugleich wissenschaftlichem Werthe, mit Kupfern und Karten; zweitens eine zwar kleine Schrift, aber die erste bedeutendere Arbeit des später berühmt gewordenen Geschichtschreibers der Philosophie Heinrich Ritter (geb. 1791, gest. 1869, erst Docent in Berlin und Kiel, seit 1837 eine Zierde der Universität Göttingen) unter dem Titel: »Welchen Einfluß hat die Philosophie des Cartesius auf die Ausbildung der des Spinoza gehabt, und welche Berührungspunkte haben beide Philosophien mit einander gemein? Nebst einer Zugabe: Ueber die Bildung des Philosophen durch die Geschichte der Philosophie«; drittens: »Die Elemente der reinen Mathematik« von dem königlich sächsischen Oberlandfeldmesser Wilhelm Ernst August von Schlieben (geb. 1781, gest. 1829), wovon indeß nur die erste Abtheilung: »Die Rechenkunst und Algebra«, in zwei Theilen erschien.

Eine gleichzeitig von Brockhaus mit dem Verfasser des letztern Werks begonnene kriegsgeschichtliche Zeitschrift gehört in das Gebiet der Publicistik, Geschichte und encyklopädischen Literatur, das einen Hauptbestandtheil seiner Verlagsthätigkeit in den Jahren 1812-1817 bildete und deshalb eine besondere Schilderung beansprucht.

Vorher ist indeß noch ein einzelnes Verlagsunternehmen zu charakterisiren, das Brockhaus vor allen andern in dieser Zeit beschäftigte: die von ihm begründeten und herausgegebenen »Deutschen Blätter«.

3. Die »Deutschen Blätter«.

Wie Brockhaus seine Verlegerlaufbahn mit einer politisch-literarischen Zeitung begonnen hatte (im Jahre 1806 mit dem holländischen Blatte »De Ster«), so beschäftigte er sich auch gleich nach seiner Festsetzung in Altenburg mit dem Gedanken, ein ähnliches in die Zeitverhältnisse eingreifendes Unternehmen zu begründen. Ueberhaupt erkannte er stets in vollem Maße die Bedeutung des Journalismus für ein Verlagsgeschäft, das zu einer einflußreichen Stellung in der Literatur gelangen oder diese behaupten will. In der mannichfachsten Weise hat er es in den verschiedenen Perioden seiner Verlegerlaufbahn versucht, durch Zeitschriften auf die öffentliche Meinung einzuwirken, bald auf rein politischem, bald auf literarischem Gebiete, meist aber auf beiden gleichzeitig, was der Zeitströmung und seiner eigenen Neigung am meisten zusagte.

Freilich waren die Zeitumstände in den Jahren 1811 und 1812 einer solchen Absicht wenig günstig, ganz abgesehen davon, daß Altenburg ein wenig geeigneter Ort für die Verwirklichung derselben schien und seine pecuniären Mittel beschränkte waren.

Das erste Jahrzehnt des neunzehnten Jahrhunderts bildet eine der traurigsten Epochen in der deutschen Geschichte: das Deutsche Reich bricht nach tausendjährigem Bestande in sich selbst zusammen; Frankreich verübt ungestraft Gewaltthaten gegen deutsche Länder; Oesterreichs erste Erhebung gegen Napoleon (1805) mislingt und führt zur Errichtung des Rheinbundes schmachvollen Andenkens, welcher ein Drittheil des deutschen Landes in ein Vasallenverhältniß zu Frankreich bringt; Preußens verspätete Erhebung gegen Napoleon (1806) scheitert gleichfalls und kostet ihm die Hälfte seines Landes; Oesterreichs neuer Versuch, die Napoleonische Herrschaft zu brechen (1809), mislingt abermals; die ganze Nordseeküste Deutschlands wird (1810) mit Frankreich vereinigt.

In solch trüber Zeit ein politisches Blatt in Deutschland zu gründen, wäre Vermessenheit gewesen, zumal die deutschen Fürsten nach und nach eine Censur einführten, wie man sie bisher in Deutschland nicht gekannt hatte; Napoleon hatte sie für den Verlust ihrer Unabhängigkeit dadurch entschädigt, daß er ihnen einen neuen Begriff von der Souveränetät, die er ihnen garantirte, beibrachte und sie zu unumschränkten Herren ihrer Unterthanen machte.

Die Besten des deutschen Volks fühlten von Anfang an die Schmach dieser Zustände: die Namen eines Hofer, eines Schill, eines Dörnberg sind die besten Zeugen dafür. Ihre kühnen Unternehmungen verunglückten, weil sie von den Regierungen im Stich gelassen wurden und das deutsche Volk zu allen Zeiten sich nur langsam zur That aufgerafft hat. Die Reformen des Grafen Stadion in Oesterreich, Stein's und Scharnhorst's in Preußen waren ein Zeichen der bald heranbrechenden Morgenröthe. Aber erst das Scheitern des Zugs Napoleon's gegen Rußland (1812) gab das Signal zu einer allgemeinen Erhebung in Deutschland. Alles athmete auf: der Usurpator war nicht unbezwinglich. Stein's Verdienst ist es, Rußland zur Verfolgung des fliehenden Feindes bis auf deutschen Boden vermocht zu haben; Preußen wurde durch York's Capitulation mit fortgerissen zum Kampfe gegen Napoleon auf Leben und Tod. Am 3. Februar 1813 erließ der König von Preußen den Aufruf »An mein Volk«; die großartige Erhebung des preußischen und bald auch des ganzen deutschen Volks war die Antwort. Am 27. Februar schloß Preußen mit Rußland ein Bündniß und erklärte am 16. März Frankreich den Krieg. Das französische Heer hatte sich hinter die Elbe zurückgezogen, behauptete aber diese Linie. Im Sommer traten Schweden, England und Oesterreich dem preußisch-russischen Bündniß bei. Von allen Seiten rückten die Heere nach Mitteldeutschland vor: hier sollte die Entscheidung fallen.

Der Stadt Altenburg wurde in dieser denkwürdigen Zeit die Ehre zutheil, mehrere Tage das Hauptquartier der verbündeten Armeen zu bilden. Im Sommer 1813 oft von den Franzosen und den leider noch mit ihnen verbündeten Baiern besetzt, wurde die Stadt zuerst am 24. August von diesen verlassen, weil die Oesterreicher im Anmarsche waren. Am nächsten Morgen rückten die ersten Oesterreicher und einige Kosacken ein. Am 2. September erschienen die Franzosen wieder, flohen aber schon drei Tage darauf, und am 8. September besetzte der österreichische Graf Mensdorff mit einem österreichisch-russischen Corps die Stadt. Am 24. September fand ein Gefecht bei Altenburg statt, General Thielmann zog sich vor Oberst Lefèvre zurück, die Franzosen besetzten die Stadt wieder, bis Thielmann, von dem Kosackenhetman Platow unterstützt, sie am 28. September aufs neue daraus verjagte. Am 3. October rückten Polen unter Fürst Poniatowski ein, zogen aber nach einigen Tagen wieder fort. Jetzt begannen zahlreiche Durchmärsche der Verbündeten. Fürst Wittgenstein und General Kleist kamen am 9. October mit ihren Corps an. Am folgenden Tage verlegte Fürst Schwarzenberg, der Generalissimus der verbündeten Armeen, sein Hauptquartier von Penig nach Altenburg, wo es bis zum 15. October blieb. Der Kaiser Alexander von Rußland war kurz nach Schwarzenberg, am Abend des 10. October, in Altenburg angekommen und ihm zu Ehren die Stadt beleuchtet worden. Mit ihm kamen Großfürst Konstantin, Barclay de Tolly und etwa vierzig russische, österreichische und preußische Generale. In den Vormittagsstunden des 15. October brach alles, was zum Hauptquartier gehörte, auf, nach Leipzig zu. Der Kaiser von Oesterreich traf kurz darauf in Altenburg ein, ebenso der König von Preußen.

In diesen für Altenburg und seine Bewohner so ereignißreichen Tagen reifte in Brockhaus der lange gehegte Entschluß, ein politisches Blatt zu gründen, um auch an seinem Theile mitzuhelfen zur Befreiung des Vaterlandes. In einem solchen Augenblicke konnte ein derartiges Blatt ja nur Kriegsberichte bringen, und er beschloß, die günstige Gelegenheit, die sich ihm durch die Anwesenheit des Hauptquartiers in Altenburg bot, rasch zur Förderung seiner Absichten zu benutzen. Er erbat und erhielt Audienzen beim Kaiser von Rußland und bei dem Fürsten Schwarzenberg. Das Ergebniß derselben, über deren sonstigen Verlauf uns leider nichts weiter bekannt ist, war ein »Befehl« zur Herausgabe eines »periodischen Blattes« — ein in der Geschichte der Journalistik gewiß seltener Vorgang.

Das geschichtlich denkwürdige Actenstück lautet:

Befehl.

Dem Buchhändler, Herrn Brockhaus, von hier wird hiermit befohlen, alle von Seiten der Hohen Alliirten theils schon erschienene, theils in der Zukunft noch zu erscheinende Nachrichten und officielle Schriften durch den Druck bekannt zu machen und sie mittelst eines periodischen Blattes, welches jedoch der Censur des jedesmaligen Herrn Platz-Commandanten unterliegt, dem Publico mitzutheilen.

Hauptquartier Altenburg, den 13. October 1813.

Auf Befehl Sr. Durchlaucht des k. k. en chef commandirenden Herrn Feldmarschalls Fürsten von Schwarzenberg.

(Gez.) Langenau.

Auf Grund dessen richtete Brockhaus sofort eine Eingabe an die einheimische Behörde und erhielt darauf nachstehende Resolution:

Dem Buchhändler Friedrich Arnold Brockhaus wird auf seine Eingabe vom 14. d. M., die Herausgabe eines die von Seiten der Hohen Alliirten theils schon erschienenen, theils noch erscheinenden Armee-Nachrichten und officiellen Schriften liefernden periodischen Blattes und dessen Censur betreffend, zur Resolution hiermit vermeldet: daß er dem diesfalls von des en chef commandirenden Herrn Feldmarschalls, Fürsten von Schwarzenberg, Durchlaucht erhaltenen Befehle lediglich nachzukommen und die Censur von dem jedesmaligen Herrn Platz-Commandanten zu erwarten habe, daher bei diesen Blättern eine Durchsicht der dießortigen Censur-Behörde nicht eintrete.

Altenburg, am 18. October 1813.

Herzogl. Sächs. verordnete Canzler u. Räthe das.

(Gez.) F. C. A. von Trützschler.

Brockhaus verlor keine Stunde mit der Ausführung des »Befehls«. Er ließ sofort sein neues Blatt ins Leben treten, nannte es »Deutsche Blätter« und stellte jenen Befehl an die Spitze der ersten Nummer, die schon vom folgenden Tage, 14. October, datirt und wol noch an diesem oder dem folgenden Tage erschienen ist. Unter den »Befehl« setzte er folgende Benachrichtigung:

In Beziehung auf obigen ehrenvollen Auftrag werden von den »Deutschen Blättern« an unbestimmten Tagen, in Nummern von halben und ganzen Bogen, wöchentlich mehrere erscheinen und durch alle Buchhandlungen, Postämter u. s. w. zu erhalten sein. Vierzig ganze Bogen bilden einen Band und erhalten Haupttitel und Inhaltsverzeichniß. Bei Veranlassung werden Karten und Pläne beigefügt werden. Der Pränumerationspreis für einen Band oder vierzig ganze Bogen beträgt 1 Thlr. 8 Gr. sächsisch. Einzelne Nummern von einem ganzen Bogen kosten 1 Gr. 6 Pf. und von einem halben Bogen 1 Gr.

Bestellungen sowie dem Zweck der Blätter entsprechende Beiträge werden adressirt: an die Expedition der »Deutschen Blätter« in Altenburg.

F. A. Brockhaus.

Dies ist die Entstehungsgeschichte der »Deutschen Blätter«, die vom Herbst 1813 bis zum Frühjahr 1816 bestanden und anerkanntermaßen zu den besten der durch die Freiheitskriege hervorgerufenen und die Erhebung des deutschen Volks auf das kräftigste fördernden Erzeugnissen der deutschen politischen Presse gehörten. Sie sind nach Idee, Titel, Form und Inhalt als eine Schöpfung von Brockhaus anzusehen, der auch fortwährend die Seele des Blattes blieb, während Dr. Hain und Dr. Sievers die Geschäfte der Redaction besorgten. Auf dem Blatte selbst war übrigens nach damaliger Sitte zunächst weder der Redacteur noch der Herausgeber, Verleger oder Drucker genannt; erst vom zweiten Bande an nannte sich Brockhaus als Herausgeber.

Daß Brockhaus sich einen »Befehl« zur Herausgabe des Blattes erwirkte, geschah gewiß nicht aus Vorsicht, um etwa den französischen Militär- und Civilbehörden gegenüber bei ungünstigem Verlaufe der Kriegsoperationen durch diesen gedeckt zu sein. Denn wären die Franzosen nach dem am 15. October, also einen Tag nach dem Datum der ersten Nummer, erfolgten Wegzuge des Hauptquartiers aus Altenburg wieder einmal, wie in den Wochen vorher öfters geschehen war, in die Stadt eingerückt, so hätte jener »Befehl« den Herausgeber der »Deutschen Blätter« schwerlich vor dem Schicksale Palm's oder wenigstens Becker's bewahrt, zumal er sofort (in der dritten Nummer vom 17. October) einen über seine patriotische Gesinnung keinen Zweifel lassenden Aufsatz: »Was ist (war) der rheinische Bund?« brachte. Er erbat sich jenen »Befehl« vielmehr nur, um die offiziellen Berichte über die Kriegsoperationen aus erster Hand zu erhalten und dadurch seinem Blatte einen um so größern Leserkreis zu sichern.

Das Glück begünstigte ihn dabei insofern, als wenige Tage darauf die Völkerschlacht bei Leipzig geschlagen wurde und die »Deutschen Blätter« bei ihren Beziehungen zu dem Hauptquartiere das erste Blatt sein konnten, welches dem deutschen Volke die Kunde seiner Befreiung und authentische Berichte über diese ewig denkwürdigen Tage brachte. Die Geburt der »Deutschen Blätter« fiel so zusammen mit der Geburt der deutschen Unabhängigkeit: ein günstiger Umstand, den der Herausgeber trefflich zu benutzen verstand.

Das Hauptquartier der verbündeten Armeen war am 15. October von Altenburg nach Pegau verlegt worden, und am Morgen des folgenden Tags begann die leipziger Schlacht. Der Kaiser von Oesterreich hatte Altenburg am 16. October früh 7 Uhr verlassen, der König von Preußen erst einige Stunden später, Beide, um den Kaiser von Rußland und das Hauptquartier in Pegau zu treffen. Schon auf der Fahrt dahin hörten sie die heftige Kanonade dieses ersten Schlachttags: es war die Schlacht bei Wachau, die gleichzeitig mit der von Blücher bei Möckern geschlagenen Schlacht siegreich für die Verbündeten ausfiel und den 16. October zu dem ersten Siegestage bei Leipzig machte. Die drei verbündeten Monarchen hatten der Schlacht vom Wachberge aus beigewohnt; auch Napoleon war auf dem Schlachtfelde und hatte bei der ersten für ihn günstigen Wendung der Schlacht bereits den Befehl gegeben, in Leipzig zur Feier seines Siegs die Glocken zu läuten.

Der folgende Tag, der 17. October, ein Sonntag, verging ruhiger: Napoleon unterhandelte und versäumte darüber den rechtzeitigen Rückzug.

Am 18. October erfolgte der Hauptangriff der Verbündeten in drei Colonnen auf die Stellung der Franzosen in und um Leipzig: überall, wenn auch unter mörderischem Kampfe siegreich vordringend, hatten sie am Abende dieses Hauptschlachttags die Franzosen von drei Seiten so fest eingeschlossen, daß diesen nur der eine Rückzugsweg nach Westen übrigblieb und Napoleon den Rückzug bereits um 11 Uhr vormittags beginnen ließ.

Am 19. October wurden die Vorstädte Leipzigs erstürmt; die drei verbündeten Monarchen hielten um 1 Uhr mittags ihren Einzug in die Stadt, die Napoleon um 10 Uhr erst verlassen hatte.

Napoleon's Macht hatte den Todesstoß erhalten, Deutschland war frei: der Einzug des Kaisers von Rußland und des Königs von Preußen in Paris am 31. März, Napoleon's Abdankung am 11. April, der Erste Pariser Friede vom 30. Mai 1814 waren Folgen der Völkerschlacht bei Leipzig.

Die »Deutschen Blätter« brachten wol die ersten Nachrichten über die große Entscheidungsschlacht. Sie vermochten dies aber nicht nur deshalb, weil sie das officielle Organ des Hauptquartiers waren, sondern ihr Herausgeber hatte, mit gewohnter Energie den rechten Augenblick erfassend, sich sofort nach schnell nachgesuchter und erhaltener Erlaubniß dem Hauptquartier angeschlossen, und konnte so seinem neu gegründeten Blatte zugleich als erster Berichterstatter über die wichtigste Schlacht des ganzen Kriegs dienen. Brockhaus war Augenzeuge der Schlacht bei Wachau gewesen und sofort nach der Einnahme Leipzigs von Rötha aus in die Stadt geeilt.

Schon am Nachmittag des 18. October sandte er zwei kurze Berichte an Dr. Hain in Altenburg, die dieser am nächsten Morgen sofort durch ein »Extrablatt« (also nicht erst eine Erfindung der neuern Zeit!) dem Publikum mittheilte und in Nr. 5 der »Deutschen Blätter« vom 19. October nochmals abdruckte. Diese Briefe waren in Borna geschrieben, wo auch der Kaiser von Oesterreich und der König von Preußen übernachtet hatten; beide Fürsten begaben sich von hier nach Rötha zum Kaiser von Rußland, um mit diesem zusammen am folgenden Mittag in Leipzig einzuziehen. Brockhaus folgte ihnen mit dem Hauptquartier.

Von Leipzig aus schrieb er gleich am Morgen des 20. October einen längern Bericht über seine Erlebnisse für die »Deutschen Blätter«, der mit der Ueberschrift »Brief an J.« (unter J. ist jedenfalls Jeannette, seine Frau, gemeint) in Nr. 11 vom 21. October veröffentlicht wurde.

Wir theilen daraus unter Weglassung der bekannten Einzelheiten der Schlachttage folgende theils für den Schreiber charakteristische, theils auch sonst interessante Stellen hier mit:

Ich bin auf den Flügeln des Windes hierher geeilt, sobald ich in Rötha die Nachricht von der Einnahme Leipzigs erhielt. Es sind zwei göttliche Tage für mich gewesen. Am ersten die Ahnung und späterhin am Abend schon die Nachricht von der Hermanns-Schlacht; der zweite die vollendete Besiegung des stolzen Feindes, der nun seit zehn Jahren mit ehrnem Fuß uns auf den Nacken trat und alle schönen Lebenskeime zerstörte. Es ist der vollständigste Sieg, den die neuere Geschichte kennt, erfochten worden, und die Folgen werden noch unermeßlicher sein. Ich hoffe, auch kein Franzose werde über den Rhein zurückkehren, um die Kunde ihrer Niederlagen in ihre Heimat zu bringen. So geht das in Erfüllung, was ich oft sagte, wenn sie in nicht aufhörenden Zügen an unsern friedlichen Wohnungen vorbeieilten ....

Der Einzug in Leipzig ist ebenso rührend als verherrlichend gewesen. Mit lautem Jubel bewillkommneten die Einwohner die Sieger und sahen sie für ihre Befreier an. Aus allen Fenstern wurde ihnen mit weißen Tüchern entgegengeflaggt. »Seid willkommen, seid willkommen!« — »Es lebe Franz, Alexander, Friedrich Wilhelm und der Kronprinz von Schweden!« ist von tausend und wieder tausend Stimmen gerufen und von den Siegern mit unaufhörlichem Hurrah beantwortet worden. Freunde, Bekannte, Fremde umarmen sich auf öffentlicher Straße, und Thränen der Freude und der Wehmuth stürzen ihnen aus den Augen. Auch haben sich die Sieger wie wackere Männer in ihrem Triumphe gezeigt. Leipzig war mit Sturm genommen und noch in den Straßen der Stadt lebhaft gefochten worden. Das Los jeder so eroberten Stadt ist gewöhnlich die Plünderung. Hier aber ist nicht im geringsten geplündert, sondern die strengste Mannszucht gehalten worden. Wer erinnert sich hier nicht an Lübeck, das 1806 drei Tage lang von den Marschällen Soult und Murat allen Greueln der Verwüstung preisgegeben wurde! Auch damals schon zeigte sich der Sinn des Kronprinzen von Schweden als edler Mann, indem er bei seinem Corps die strengste Ordnung zu erhalten wußte. Man ziehe hier Parallele zwischen diesen »Barbaren des Nordens« und jenen »cultivirten Männern des Südens«! So auch nach der Schlacht bei Lützen, die wir unter unsern Augen liefern sahen: die »Barbaren« zogen sich in musterhafter Ordnung zurück und ihr Betragen war ebenfalls musterhaft. Wie sich aber die »Sieger« benahmen, darüber frage man an allen den Orten, wo ihr verheerender Zug sie hinführte.

Selbst die Wohnungen, die Napoleon bezog, waren nicht vor Plünderung sicher, wie wir in unserer Nähe ein empörendes Beispiel vernommen haben, worüber ich jetzt aufs neue die Bestätigung erhielt.

Meine Reise gestern von Rötha hierher war ohne die geringste Unannehmlichkeit und Störung, was beinahe unbegreiflich scheint, wenn man bedenkt, daß wir durch 100000 Mann Truppen fuhren, die in mehrern Colonnen und in unabsehbaren Zügen nach Pegau defilirten. Man hatte selbst die Gutmüthigkeit, uns, wo es sich thun ließ, Platz zu machen oder sogar innezuhalten, damit wir nur um so rascher fahren könnten. Keine Erkundigung nach Pässen fand statt. Man sah es uns wol an den Gesichtern an, daß wir wackere Deutsche seien, die es mit der großen Sache, für die sie Blut und Leben opfern, gut meinen. Wir brachten jeder Truppenart auch immer ein freundliches: »Vivat Franz, Alexander und Friedrich Wilhelm!« zu. Auch Sachsen begegneten uns; wir riefen ihnen zu: »Es leben die braven Sachsen!« Auf der ganzen Straße von Rötha bis Leipzig sieht man eine ungeheuere Verwüstung. Fast alle Dörfer sind ganz oder theilweise beinahe stets von den Franzosen abgebrannt, alle Gärten sind verwüstet, alle Landhäuser niedergerissen oder doch spoliirt; man sieht keine Hecke, alle noch stehenden Scheunen sind geleert, das Vieh ist weggeführt, und die Einwohner halten sich, von Allem entblößt, in den Wäldern auf; keine Spur mehr von alle dem, was in einer langen Reihe glücklicher Jahre in frühern Zeiten für Bequemlichkeit und Schönheit gebildet und geschaffen worden war.

Mit welchen Gefühlen muß Napoleon aus Sachsen geschieden sein, mit welchen muß er aus Aegypten, aus Rußland, aus Spanien, aus Schlesien, aus Preußen, aus Oesterreich geschieden sein! Sollte er nicht endlich einmal fühlen, daß Millionen Flüche ihn immer verfolgen und kein einziger Segensruf ihn je begleitet?

Eine Stunde von Rötha fängt das Schlachtfeld vom 16. October an; eine Stunde weiterhin das vom 18., dem Tage der eigentlichen Hermanns-Schlacht. Man sieht sowol auf dem Wege selbst als auf den nahe gelegenen Feldern unzählige todte menschliche Leichname und todte Pferde. Das Ganze erweckt die grausigsten Gefühle, die nur die Glorreichheit des Tages mildern kann.

In der Nähe von Leipzig mag es noch schlimmer aussehen. Die Dunkelheit des Abends verhinderte mich, dies genau zu erkennen. Es soll dies heute mein Geschäft sein.

Gestern sind die Kaiser Franz und Alexander, der König von Preußen und der Kronprinz hier gewesen und mit außerordentlichem Jubel empfangen worden. Am Abend sind sie wieder zurückgegangen. Alle besuchten sogleich, wie man mir sagte, was ich aber sehr bezweifle, bei ihrer Ankunft den König von Sachsen, bei dem Napoleon früh von 9 bis 10 Uhr gewesen war, der sich standhaft geweigert hatte, ihn auf seiner Flucht zu begleiten. Kaiser Franz begegnete uns mit dem Minister Metternich, den Generalen Meerfeld, Duka, Kutschera. Wir wurden freundlich von allen gegrüßt ....

Napoleon ist gegen 10 Uhr von hier weggeritten. Murat hat ihn begleitet. Man hat vom Markt her beobachten können, wie er sich mit der königlichen Familie unterhalten hat ....

Am Tage der ersten Schlacht hat man zuerst Siegesnachrichten verbreitet. Es sind Kuriere hereingesprengt gekommen, die auf allen Straßen ausgerufen haben: »Victoire! Vive l'Empereur!« Allein es hat dies nicht lange gedauert, weil im Augenblicke der Siegesverkündigung sowol die Oesterreicher vorrückten, als auch der Kronprinz von Schweden gar zu gewaltige Fortschritte machte und bis auf eine halbe Stunde von der Stadt kam. Alle französischen Colonnen wurden geworfen, und der Sieg der Alliirten lag den Tausenden der Zuschauer, die sich auf allen Thürmen und hohen Häusern befanden, gar zu deutlich vor Augen.

Der Anblick des sonst so freundlichen Leipzig und seiner herrlichen Umgebungen ist schauder- und ekelerregend. Viele der schönen Alleen sind ganz umgehauen, alle Promenaden, alle Gärten sind zerstört und verwüstet, die Landhäuser demolirt oder der Dächer und Fenster beraubt. Auf jedem Schritte in den äußern Straßen und nahen Feldern sieht man Leichname oder todte Pferde. Die Franzosen haben am 19. viele Tausende hier verloren.

Folgende Stelle eines spätern Briefs von Brockhaus, am 24. December desselben Jahres aus Altenburg an Villers in Göttingen gerichtet[51], sei gleich hier angefügt:

O mein Gott, wer hätte es ahnen oder hoffen dürfen, daß man diese Wiedergeburt der Welt selbst noch erleben würde! Und wie erleben würde! Ich bin sehr glücklich darin gewesen und habe in den Tagen der Hermanns-Schlacht wahrhaft göttliche Tage gelebt, da Alles sich selbst unter meinen Augen ereignete und ich immer die von des Feindes Blute getränkten Felder nur wenige Minuten später betrat, als sein fliehender Fuß sie verlassen hatte. Ich war vom General en chef aller verbündeten Armeen mit dem Auftrag beehrt worden, ein periodisches Blatt herauszugeben, woraus unsere »Deutschen Blätter« entstanden, und so folgte ich nicht blos dem Hauptquartier, als es am 14. (15.) October von hier aufbrach, sondern war auch — »vif et étourdi, que je suis«, der Schlacht möglichst nahe und oft nicht geringen Gefahren ausgesetzt. Die Nächte vom 17.-18. und vom 18.-19. brachte ich mitten in den österreichischen Bivuaks zu, und am 19. war ich wenige Stunden nach der Einnahme von Leipzig schon in dieser Stadt! Doch von dem Allen darf ich nicht anfangen zu erzählen. Wo da das Ende finden?

Die Nummer der »Deutschen Blätter«, in der Brockhaus' Brief vom 20. October veröffentlicht wurde (Nr. 11 vom 21. October) war, wie es scheint, gleich in Leipzig gedruckt und ausgegeben worden, nicht in Altenburg, wie die frühern. Die Expedition des Blattes blieb von jetzt an in Leipzig, und zwar bei Brockhaus' Commissionär W. Engelmann (in der Ritterstraße), während der Druck abwechselnd hier und in Altenburg erfolgte; in späterer Zeit ließ Brockhaus alle Nummern, in denen irgendwie bedenkliche patriotische Artikel enthalten waren, in Altenburg drucken, weil dort die Censur viel milder als in Leipzig gehandhabt wurde.

Aus jener Verlegung des Drucks und der Expedition nach Leipzig erklärt es sich, daß die (in Altenburg gedruckten) Nummern 7-10 dieselben Daten: 21.-24. October, tragen wie die (in Leipzig gedruckten) Nummern 10-14. Nr. 7 vom 21. October enthält am Schlusse die erste vorläufige Nachricht von der wirklich erfolgten Entscheidung in folgender Fassung:

Altenburg, den 20. October 1813.

Leipzig ist infolge des vollständigsten und glänzendsten Sieges am 19. von den Alliirten besetzt worden. Die officiellen und ausführlichen Berichte von den Ereignissen der letzten Tage, welche das Schicksal der französischen Armee und die Befreiung Deutschlands entschieden haben, werden unverzüglich folgen.

Die erste Nachricht über den Beginn der Schlacht vom 16. October findet sich schon in Nr. 3 vom 17. October, freilich erst nur von einer »äußerst heftigen Kanonade« berichtend, die man den ganzen Tag über in Altenburg gehört habe. In Nr. 4 und 5 vom 18. und 19. October wurden dann die ersten kurzen Mittheilungen von Brockhaus aus Borna und einige andere vorläufige Notizen gebracht. Der erste officielle Bericht über die Schlacht ist in Nr. 12 vom 22. October enthalten, noch aus dem Hauptquartier Rötha, 19. October, datirt. Nr. 13 vom 23. October bringt einen weitern kurzen Armeebericht aus Leipzig vom 22., ein vorläufiges Bulletin des Kronprinzen von Schweden vom 20. und den Brief eines Augenzeugen (der aber Brockhaus nicht gewesen sein kann) über die Erstürmung von Leipzig; Nr. 14 vom 24. October enthält endlich den ersten ausführlichen officiellen Bericht über die Schlacht in dem »Dreiundzwanzigsten Armeebericht Sr. königl. Hoheit des Kronprinzen von Schweden«, datirt: »Hauptquartier Leipzig, den 21. October 1813«, und wahrscheinlich von August Wilhelm von Schlegel, damals Geh. Cabinetssecretär des Kronprinzen, verfaßt. Die betreffende Nummer der »Deutschen Blätter« wurde, wie in der vorhergehenden angezeigt wird, »im großen Fürsten-Collegio auf der Ritterstraße« ausgegeben, da die Expedition der »Deutschen Blätter« in der Engelmann'schen Buchhandlung Sonntags geschlossen sei.

In dem (in der folgenden Nummer mitgetheilten) Schlusse dieses officiellen Berichts heißt es unter anderm:

Die Resultate der Schlachten von Leipzig sind unermeßlich und entscheidend. Schon am 18. hatte der Kaiser Napoleon angefangen, seine Armee auf den Straßen nach Lützen und Weißenfels den Rückzug antreten zu lassen .... Die deutschen und polnischen Truppen verlassen seine Fahnen in Scharen, und Alles zeigt an, daß die Freiheit Deutschlands zu Leipzig erobert worden ist.

Man begreift nicht, wie ein Mann, der in dreißig förmlichen Schlachten befehligt und sich durch großen Kriegsruhm emporgeschwungen hat, indem er sich jenen aller ehemaligen französischen Generale zueignete, seine Armee in einer so ungünstigen Stellung hat zusammendrängen können, wie diejenige ist, wo er sich aufgestellt hatte. Die Elster und Pleiße im Rücken, eine morastige Gegend und blos eine einzige Brücke, um 100000 Mann und 3000 Bagagewagen darüberziehen zu lassen. Man fragt sich: ist dies der große Heerführer, vor dem bisjetzt ganz Europa zitterte?

Als Seitenstück und als Beweis, daß die Franzosen es zu allen Zeiten verstanden haben, ihre Niederlagen als Siege auszurufen, eine Kunst, in der Napoleon I. allerdings der anerkannte Meister war, seien auch einige Stellen aus dem in spätern Nummern der »Deutschen Blätter« (vom 8. und 9. November) veröffentlichten und mit Anmerkungen begleiteten amtlichen französischen Berichte über die Schlachten bei Leipzig mitgetheilt.

Nachdem schon die beiden Schlachten des 16. October, bei Wachau und Möckern, als Siege der Franzosen bezeichnet worden sind, heißt es über den 18. October:

Das Schlachtfeld blieb ganz in unserer Gewalt, und die französische Armee war auf den Gefilden von Leipzig wie bei Wachau siegreich. Das Feuer unserer Kanonen hatte bei Nacht auf allen Punkten eine Stunde weit vom Schlachtfelde das Feuer des Feindes zum Schweigen gebracht.

Wer dies liest, wird, auch wenn er schon an solche Verkehrung der Wahrheit gewöhnt ist, wenigstens neugierig sein, wie der trotz dieser »Siege« angetretene Rückzug der Franzosen erklärt worden sei. Napoleon ist über eine solche Erklärung nicht verlegen: es war lediglich der Mangel an Munition, der ihn zwang, sich trotz seiner Siege bei Leipzig auf sein großes Depot in Erfurt zurückzuziehen, wo er dann freilich auch nicht gar lange blieb! Er sagt wörtlich:

Dieser Umstand zwang die französische Armee, auf die Früchte zweier Siege Verzicht zu leisten, worin sie mit so viel Ruhm viel stärkere Truppen und die Armeen vom ganzen Continent geschlagen hatte .... Der Feind, der seit den Schlachten vom 16. und 18. bestürzt war, faßte durch die Unfälle am 19. wieder Muth und betrachtete sich als Sieger. Die französische Armee hat nach so glänzenden Erfolgen ihre siegreiche Stellung verloren.

Die Redaction der »Deutschen Blätter« bemerkt zu einer dieser Stellen, die fast so viel Unwahrheiten als Worte enthalten, lakonisch:

Hätten die Franzosen jederzeit so »gesiegt« wie bei Leipzig, so wäre Napoleon weder erster Consul noch Kaiser geworden.

Während der entscheidenden Tage und unmittelbar nach diesen hatte übrigens die Redaction in Altenburg einen schweren Stand gehabt: Alles verlangte nach Nachrichten, und diese gingen damals doch so viel langsamer als gegenwärtig.

Dr. Hain schrieb darüber aus Altenburg vom 21. October an Brockhaus nach Leipzig:

Die Nachrichten, welche Sie uns durch Staffette von Borna zusandten, sind mir am Dienstag (19. October) früh halb acht Uhr mitgetheilt worden. Um 10 Uhr war das Extrablatt gedruckt. Der Zulauf war für einen Ort wie Altenburg ungeheuer. Die Druckerei hat sonst bei dem halben Preise nur 300 Exemplare verkauft; wir haben circa 20 Thlr. gelöst. Außerdem aber hatte das Extrablatt die gute Folge, daß viele Personen dadurch auf die »Deutschen Blätter« aufmerksam gemacht und zur Pränumeration bewogen wurden. Man fing an, unser Comptoir als die Quelle der Neuigkeiten zu betrachten. Um so übler war es, daß wir von der gewonnenen Schlacht den ganzen Mittwoch nichts mittheilen konnten, während die ganze Stadt von den Siegesnachrichten ertönte. Die Spannung war so groß, daß ich glaube, 50 Thlr. wären rein zu gewinnen gewesen. Wir wurden von Neugierigen überlaufen. Was sollten wir aber thun? Der Commandant wußte nichts; Nachforschungen anzustellen war unmöglich; auch konnte es zu nichts führen, das Allgemeinbekannte drucken zu lassen. Wir warteten stündlich auf Nachricht von Ihnen und vertrösteten die Leute längstens auf heute früh. Indeß kam Ihr Brief, der nichts von den Vorfällen enthielt; ebenso wenig kam sonst etwas. Jetzt glaubte ich nicht länger unthätig sein zu dürfen; der günstigste Zeitpunkt war, wie ich wol sah, schon vorübergegangen; der Reichenbach'sche Brief[52] fing an zu circuliren. Dennoch schien es mir nöthig, zu zeigen, daß wir wenigstens etwas wüßten, und zu hintertreiben, daß Pierer etwas drucken ließe, was nach des Factors Erklärung geschehen sollte. Ich ging daher zu Reichenbach, mit dem Ihre Frau Gemahlin schon gesprochen hatte; dieser hatte die Gefälligkeit, mir seinen Brief vorzulesen. Ich lief sogleich mit brennendem Kopf zurück, schrieb nieder, was ich noch wußte, und schickte es ungelesen in die Druckerei. Sievers las die Correctur, und um 1 Uhr war ein Extrablatt gedruckt, das allerdings etwas schwach aussieht, das aber die Leute dennoch satisfacirt und nebenbei 10-12 Thlr. Gewinn gebracht hat.

Von den »Deutschen Blättern« ist heute das siebente Stück erschienen, morgen erscheint das achte von einem ganzen Bogen, welches den Anfang des österreichischen Manifestes und das zweite Extrablatt enthält; das neunte Stück wird dann den Schluß des Manifestes und das Gedicht von Fouqué enthalten, wenn Sie nicht, wie ich gewiß hoffe, bis dahin anders verfügen.

Unterm 23. October schrieb Dr. Hain weiter, nach Empfang der inzwischen in Leipzig gedruckten Nummern:

Herr Bochmann wird Ihnen gesagt haben, wie es hier geht. Die »Deutschen Blätter« haben einen solchen Zulauf, daß Ihre Sendung ein Tropfen auf einen heißen Stein war. Wir haben unsere Abonnenten nicht alle befriedigen können und mehrere hundert Neugierige abweisen müssen. Pierer hat den officiellen Bericht gleich gestern Abend nachdrucken und heute verkaufen lassen. Ich bitte Sie, uns von jedem neuen Blatt 6-800 zu schicken. An die Auswärtigen ist bisjetzt leider nur wenig gekommen. An den Fürsten Auersperg und den Grafen Joseph von Nostitz, Beide im Hoflager des Kaisers von Oesterreich, werden Sie die Expedition leichter von Leipzig aus effectuiren. Sie haben Beide die ersten acht Nummern.

Ich muß mich jetzt ganz der Expedition widmen, die keinen Augenblick Ruhe läßt. Sehr peinlich ist es, die Neugierde der Menschen nicht befriedigen zu können; senden Sie also ja große Massen!

Unterm 26. October endlich schreibt Dr. Hain:

Es melden sich täglich Abonnenten zu den »Deutschen Blättern«, und wir würden mehr verkaufen, wenn wir mehr hätten. Die auswärtigen Versendungen haben noch ganz unterbleiben müssen. Wir hoffen sehr auf die Ankunft Wagner's[53], in der Erwartung, mit ihm zu erhalten, was wir brauchen, um Alles zu befriedigen, und besonders auch die auswärtigen Versendungen zu machen.

Ich beneide Sie der höchst interessanten Verbindungen wegen, in die Sie getreten sind; sie sind ebenso viel werth als der ebenfalls sehr interessante Gewinn. Stürmer ist einer unserer ausgezeichnetsten Orientalisten, wenn es nämlich derselbe ist, der früher in Konstantinopel war.[54] Ich bitte Sie, ihm von mir zu sprechen, da mir eine Verbindung mit ihm für die Zukunft sehr wünschenswerth wäre. Messerschmid aber bittet Sie, ihn A. W. Schlegeln zu empfehlen.

Die Theilnahme für die »Deutschen Blätter« war, wie aus diesen Mittheilungen hervorgeht, eine für den Unternehmer sehr erfreuliche. Es scheint, daß man ihm um diese Zeit das Blatt habe abkaufen wollen; wenigstens deuten folgende von Dr. Sievers, der Dr. Hain bei der Redaction der »Deutschen Blätter« unterstützte, dem vorstehenden Briefe beigefügte Zeilen darauf hin:

Ich wünsche Ihnen von ganzem Herzen Glück zu dem Absatze der »Deutschen Blätter« und lebe der gerechten Erwartung, daß Sie die von Fleischer angebotenen 1000 Dukaten durch den Debit derselben hundertfältig wiedergewinnen mögen.

Währenddessen hatte indeß Brockhaus in Leipzig nicht geringere Sorgen, nicht blos weil er die Redaction des jetzt dort gedruckten Blattes allein besorgen mußte, sondern auch wegen des Verkaufs und der Zukunft desselben. Er hatte den Druck und die Expedition sofort nach der leipziger Schlacht von Altenburg nach Leipzig verlegt, d. h. er ließ einfach die nächsten Nummern der Beschleunigung wegen gleich in Leipzig drucken und diese nicht nur an die Abonnenten abgeben, sondern natürlich auch an das übrige Publikum verkaufen, das nach authentischen Berichten über die eben unter seinen Augen vor sich gegangenen welthistorischen Ereignisse verlangte. Indeß bestand damals weder Gewerbefreiheit noch Preßfreiheit, es war im Gegentheil die Zeit des starrsten Innungszwanges, der peinlichsten Censur, ja selbst der sonderbarsten Privilegien. So hatte er nicht bedacht, daß die königliche »Leipziger Zeitung« ein Privilegium hatte, wonach in ganz Sachsen keine tägliche Zeitung oder Wochenschrift erscheinen durfte, ohne daß der Pachter derselben es erlaubte!

Pachter und Redacteur der »Leipziger Zeitung« war aber damals (1810-1818) glücklicherweise der mit Brockhaus schon seit längerer Zeit befreundete Hofrath Mahlmann, ein Schwager der Hofräthin Spazier. Dieser machte ihn in freundschaftlicher Weise auf das Ungesetzliche seines Vorgehens aufmerksam. Daraus entspann sich ein Briefwechsel zwischen Beiden, der auch zu einer Verständigung führte. Die in dieser Angelegenheit gewechselten beiden Briefe sind nicht nur für Brockhaus selbst sehr charakteristisch, sondern auch in andern Hinsichten so interessant, daß sie nachstehend vollständig folgen mögen.

Brockhaus richtete an Mahlmann aus Leipzig vom 26. October 1813, also wenige Tage nach der Schlacht, das folgende von ihm selbst als »Promemoria« bezeichnete Schreiben:

Werthester Herr Hofrath! Ich pflege Alles, was geschäftlich ist (»Il faut faire les affaires comme des affaires«, sagte mir Mercier einmal), lieber schriftlich als mündlich vorzubereiten, weil ich aus Erfahrung weiß, daß man sich so besser verständigt und sein Ziel sicherer erreicht. Sie werden mir also erlauben, daß ich auch jetzt diesen Weg einschlage und Sie bitte, mir Ihre Bestimmungen ebenfalls schriftlich mitzutheilen.

Sie haben geäußert, daß Sie dagegen nichts zu erinnern hätten, daß wir in der Expedition der »Deutschen Blätter« Abonnements annähmen, daß Sie jedoch den einzelnen Verkauf nicht zugeben könnten, sich aber zu einer Abfindung verstehen wollen.

Indem ich diese Erklärung vorläufig acceptire, versichere ich Ihnen, daß, sobald ich mich überzeuge, daß Ihr Recht ganz gegründet und Ihre vorzuschlagende Abfindung billig sei, ich mich dieser gern unterwerfen werde.

Um Ihre zu machende Erklärung desto richtiger motiviren zu können, erlaube ich mir Ihnen folgende Bemerkungen zu machen:

1) Es findet, dünkt mir, ein entschiedener Unterschied statt zwischen einer Zeitung und einem politischen Volksblatte wie das unserige. Dieser Unterschied besteht in der Form und im Inhalt. Eine Zeitung erscheint an fixen Tagen, sie kündigt sich im Titel als Zeitung an, sie umfaßt die ganze Zeitgeschichte, sie referirt blos, sie nimmt keine Partei, und Raisonnements sind ihr fremd, sie ist das Vehikel, um dem Publikum Alles zur Kenntniß zu bringen, was der Staat diesem mitzutheilen hat und ein Bürger dem andern. Unser Blatt hat eine ganz andere Gestalt. Es erscheint an unbestimmten Tagen und nur vor der Hand täglich und erhält durch Titel, Register und Repertorium die Form eines Buchs. Außer den Armeebulletins — die es auf Befehl des Feldmarschalls Schwarzenberg bekannt machen muß, die aber Tauchnitz und jeder Andere auch verkauft — liefert es keine Artikel, die an eine politische Zeitung erinnern. Sie finden Raisonnements, historische Darstellungen, humoristische Artikel, gemüthliche Briefe, Gedichte u. s. w., lauter Sachen, die nie in eine politische Zeitung aufgenommen zu werden pflegen. Es scheint mir also, daß Ihr Privilegium nicht streng auf die »Deutschen Blätter« paßt. In Berlin hat sich gerade derselbe Fall ereignet. Auch die beiden berliner Zeitungen zahlen Pacht und haben Privilegium. Kaum war indeß die russische Armee dort eingerückt, als Herr v. K. von Graf Wittgenstein den Auftrag erhielt, ein Volksblatt herauszugeben, und ebenso Herr von Niebuhr vom Gouvernement selbst autorisirt wurde, die Preußische Correspondenz zu schreiben. Ebenso ist es mit mir. Ich habe von Sr. Durchlaucht dem Fürsten von Schwarzenberg einen ähnlichen Befehl erhalten, und es liegt in der Natur der Sache und speciell in den empfangenen Instructionen, daß ich dem Blatte die größte Verbreitung muß zu geben suchen, indem es bestimmt ist, auf den öffentlichen Geist wohlthätig einzuwirken.

2) Der Verkauf einzelner Blätter wird von der höchsten Unbedeutendheit sein, wie schon jetzt die Erfahrung lehrt. Ich werde Ihnen am Schluß dieses Promemoria auf meine Ehre angeben, was diesen Morgen an einzelnen Blättern ist verkauft worden, woraus Sie sich einen Maßstab für den einzelnen Verkauf werden machen können. Es ist sehr natürlich, daß dieser einzelne Verkauf gering sein müsse, weil wir das Abonnement so niedrig gesetzt haben. Wer sich für die »Deutschen Blätter« interessirt, wird ja lieber 1 Thlr. 8 Gr. Abonnement als 3 Thlr. 8 Gr. einzeln bezahlen. Es ist hier noch zu bemerken, daß den Buchhandlungen und Colporteurs doch nicht konnte verwehrt werden, wie mir dünkt, auf irgendeine Anzahl zu abonniren und sie wieder nach Belieben einzeln zu verkaufen, wodurch immer ein einzelner Verkauf stattfände, wenn er auch von der Expedition müßte aufgegeben werden.

3) Ist mir bekannt, daß in mehrern Zeitpunkten viele Blätter hier bei andern Buchhändlern erschienen sind, die eine ähnliche Tendenz wie die »Deutschen Blätter« hatten, ohne daß den Verlegern der einzelne Verkauf wäre benommen gewesen. Ich erinnere hier an das Intelligenzblatt zu den »Feuerbränden«, an den »Europäischen Aufseher« u. s. w.

Dies sind meine Ansichten, werthester Herr Hofrath — wenn ich in diesen irre, so wird Niemand geneigter sein als ich, es zu gestehen, wenn es mir gezeigt wird. Ich glaube indessen, daß unser Beider Interesse sich gewissermaßen vereinigen lasse, wenn Sie sich in Ihrem großen Wirkungskreise für den Vertrieb unserer patriotischen Blätter verwenden wollen, und ich meinerseits dadurch meinen Dank bezeige, was Sie auch als eine Art von Schadloshaltung ansehen könnten, daß ich Ihnen oder Ihrer Expedition 50% Rabatt für alle debitirten Exemplare zugestände. Da ich es für möglich halte, daß Sie eine große Anzahl Exemplare mit der Zeit gebrauchen könnten, so würde der Debit derselben mit Ihren Vortheilen immer gleichen Schritt halten.

In dem großen Zeitpunkte, worin wir leben, müssen alle kleinen Interessen schweigen und alle Männer von Geist und Gemüth nur Ein großes Interesse haben: den Sieg der Wahrheit und des Rechts über das Reich der Lüge und der Unterjochung. Sie werden sich daher gewiß auf alle Weise für unsere »Deutschen Blätter« mit verwenden, sie selbst mit Beiträgen unterstützen, wozu ich Sie hiermit ausdrücklich einladen will, da diese keinen andern Zweck als diesen zu erlangenden Sieg haben.

Genehmigen Sie meine freundschaftlichen Empfehlungen.

Brockhaus.

Hofrath Mahlmann antwortete darauf noch an demselben Tage:

Es ist im vorliegenden Falle nicht von meinem Rechte die Rede, sondern von dem der Königl. Zeitungsexpedition, welches ich zu bewahren eidlich verpflichtet worden bin, und da sämmtliche königlichen Pachtungen in ihrer Integrität fortbestehen und die Pachter, ungeachtet alle Einnahmen seit zwei Monaten sistiren, die fälligen Termingelder einzahlen sollen, so ist doppelt nothwendig, die Regalia vor allen Eingriffen zu sichern.

Der §. 1 des Generalis vom 23. November 1809 lautet wörtlich folgendermaßen:

»Niemand darf in Sr. Königl. Majestät gesammten Landen einige historisch-politische Zeitungen oder wöchentliche Blätter, welche Zeitungs-Artikel enthalten, drucken und ausgeben, er habe denn sich mit dem Zeitungs-Pachter darüber vernommen und einverstanden. Wer ohne ein solches Einverständniß dergleichen Blätter ausgeben würde, soll für jedes Stück mit zehn Thalern bestraft werden.«

Wenn Ihr Blatt auch, wie Sie sagen, keine eigentliche Zeitung ist, so enthält es doch Zeitungsartikel, das heißt neueste Nachrichten von den Zeitereignissen. Auch lautet der Befehl des Generals Langenau aus Altenburg und nicht aus Leipzig. Das »Politische Journal«, die »Minerva«, die »Feuerbrände« u. s. w. waren Journale und erschienen heftweise und enthielten Reflexionen über die Ereignisse, nicht Zeitungsberichte.

Sie irren ferner, wenn Sie voraussetzen, daß in Berlin dieselben Verhältnisse obwalteten. Erstlich ist in Berlin kein Zeitungspacht wie in Sachsen. Zweitens haben die Herausgeber der genannten Blätter sich ebenfalls über sämmtlichen Debit, den dortigen Verhältnissen zufolge, mit dem Generalpostamte einverstanden. Die Regierung in Sachsen zieht weit mehr von dem Zeitungswesen als die in Preußen, und das Hofpostamt in Berlin befolgt die strengsten Maßregeln in Rücksicht des Zeitungsdebits.

Ich bin nicht sowol gegen den Verkauf der einzelnen Blätter als dagegen, daß durch diesen sich eine politische Zeitungsexpedition in Leipzig etablirt, welches unmöglich mit dem Zeitungspacht bestehen kann. Auch bin ich überzeugt, es wird kaum noch eine Woche hingehen, und es werden Nachahmungen Ihres Blattes hier erscheinen, und mehrere Buchhandlungen werden sich Expeditionen politischer Blätter nennen. Bereits haben Buchhändler bei mir darüber Erkundigungen eingezogen, anfragend: ob das nun erlaubt sei, und ob den leipziger Buchhändlern verweigert werden würde, was man einem fremden erlaubt? Sie sehen, meine Schritte zur Aufrechthaltung der bestehenden Verfassung sind selbst Ihr eigener Vortheil.

Ich wiederhole, daß Sie bei dieser Entreprise am meisten gewinnen würden, wenn Sie eine altenburger Zeitung in dem Maße, wie ich bereits mündlich Ihnen erwähnte, herausgäben. Das Gute würde nicht weniger gefördert, Ihr erhaltener Befehl autorisirt Sie, Sie sind ohne Nachahmer, und Ihre Unternehmung ist bleibend.

Indeß bin ich aus den Rücksichten, die Sie am Schlusse Ihres Briefs anführen, bereit, mit Ihnen einen Vertrag abzuschließen, wenn Sie Ihrem Anerbieten zufolge

1) der Zeitungsexpedition 50% (funfzig Procent) Rabatt von den debitirten Exemplaren zugestehen;

2) öffentlich bekannt machen, daß die Erscheinung des Blattes in Leipzig mit Vorwissen und im Einverständnis der Königl. Zeitungsexpedition der Verabredung gemäß erfolge, damit die Nachahmer nicht glauben, das Thor sei nun jedem Unberufenen geöffnet;

3) daß dieses Einverständnis fürs Erste nur bis zu Ende des laufenden Jahres dauere; in dieser Zeit werden wir Beide sehen können, inwiefern es vortheilhaft ist oder nicht, es ferner bestehen zu lassen oder es aufzuheben.

Durch dieses Entgegenkommen von seiten des Pachters der »Leipziger Zeitung« war der Conflict zwischen der Königl. Zeitungsexpedition und der in Leipzig eingerichteten Expedition der »Deutschen Blätter« gehoben, und Brockhaus erließ nun in Nr. 18 vom 28. October nachstehende Bekanntmachung:

Anzeige.

Der Eigenthümer der »Deutschen Blätter« zeigt hierdurch an, daß die Erscheinung dieses Blattes — welches seine Entstehung einem speciellen Befehle Sr. Durchlaucht des Feldmarschalls Fürsten von Schwarzenberg verdankt — in Leipzig mit Vorwissen und im Einverständniß der Königl. Sächs. Zeitungsexpedition verfassungsmäßig geschehe.

Es sind bis Donnerstag den 28. October von diesen Blättern achtzehn Stücke erschienen, und ist die Einrichtung getroffen, daß solche von jetzt an vor der Hand täglich des Morgens von 9-12 und von 2-6 Uhr in der löbl. Königl. Sächs. Zeitungsexpedition und in der Expedition der »Deutschen Blätter«, der Engelmann'schen und allen andern Buchhandlungen zu erhalten sein werden.

Expedition der »Deutschen Blätter«.

Außer mit dieser formellen Schwierigkeit hatten aber die »Deutschen Blätter« gleich in ihrer ersten Zeit auch mit Censurbelästigungen zu kämpfen. Ein am 28. October, also zwei Tage nach dem an Hofrath Mahlmann gerichteten Promemoria, von Brockhaus an den Chef der Ersten Section des Generalgouvernements, Freiherrn von Miltitz, erlassenes Schreiben sagt darüber:

Ohngeachtet der Inhalt der jetzt hier gedruckt werdenden, auf Befehl Sr. Durchlaucht des Fürsten von Schwarzenberg erscheinenden »Deutschen Blätter« zum großen Theile aus andern bereits gedruckten Schriften und Zeitungen genommen wird, welche schon anderweitig die Censur (vornehmlich in Wien und Berlin) von Behörden, welche mit dem System der alliirten Mächte bekannt sein müssen, passirt sind, so findet Herr Hofrath Brückner dennoch Schwierigkeiten, ihm das Imprimatur zu geben, weil in seiner Instruction enthalten ist, daß »alle Anzüglichkeiten gegen irgendeine Person oder Macht« zu unterdrücken seien. Herr Hofrath Brückner verwirft daher dieser Instruction wegen, um ein Beispiel anzuführen, einen Artikel über das Betragen des französischen Kaisers gegen den Papst, ohnerachtet wir solchen aus der »Preußischen Feldzeitung« genommen haben, einem Blatte, von welchem es bekannt ist, daß Se. Exc. der Staatskanzler Freiherr von Hardenberg die Censur eigenhändig besorgen.

Jene Instruction des Herrn Hofrath Brückner dürfte also näher zu motiviren — der angezogene Ausdruck: daß nichts Anzügliches gegen irgendeine Person oder Macht solle gedruckt werden, ist so allgemein und vague, daß bei einem ängstlichen Censor auch keine einzige politische Wahrheit kann und darf gedruckt werden! — und ihm dabei aufzugeben sein, daß solche Artikel, welche in den Staaten der alliirten Mächte bereits gedruckt erschienen wären, hier keineswegs weiterer Censur bedürften.

Weiter sagen Ew. Hochwohlgeboren in einem Billet an Herrn Hofrath Brückner vom 27. October, welches mir derselbe mitgetheilt hat, »daß, insofern die 'Deutschen Blätter' wöchentlich oder in noch kürzern Fristen erscheinen, ihre Censur zu der unmittelbaren Cognition des Chefs der Ersten Section des Gouvernementraths gehöre«. Da nun die »Deutschen Blätter« allerdings wöchentlich und in noch kürzern Fristen — nämlich vor der Hand täglich — erscheinen, so cessirte durch obige Erklärung von Ew. Hochwohlgeboren die Censurfähigkeit für Herrn Hofrath Brückner, insofern dabei kein Misverständniß obwaltet, weil, wenn Herr Hofrath Brückner den ganzen Umfang der ihm bisher obgelegenen Geschäfte als politischer Censor beibehalten soll, es alsdann auch in seinem Geschäftskreise liegt, die Censur der Zeitungen und sonstigen periodischen politischen Schriften wahrzunehmen.

Hierüber einer gefälligen und schnellen Antwort entgegensehend, verbleibe mit tiefstem Respect u. s. w.

Eine Antwort auf diesen Brief scheint Brockhaus nicht abgewartet zu haben, indem er schon tags darauf, am 29. October, über Halle und Dessau nach Berlin abreiste. Der Anlaß zu dieser Reise ist uns ebenso wenig bekannt als irgendein Erlebniß auf derselben. Vermuthlich hatte er einen officiellen Auftrag erhalten, der einen zuverlässigen und muthigen Besorger erforderte, da er sich sonst schwerlich in diesem für sein neubegründetes Blatt so wichtigen Zeitpunkte den Gefahren und Beschwerden einer solchen Reise ausgesetzt haben würde. Am 8. November, also nach zehn Tagen, war er wieder in Leipzig, reiste am 15. nach Altenburg, kehrte aber schon am 19. nach Leipzig zurück und blieb hier bis Anfang December.

Vor seiner ersten Abreise von Leipzig hatte er seinen Gehülfen Bochmann aus Altenburg kommen lassen, der nun mehrere Wochen in Leipzig blieb. Dieser hatte jetzt ebenfalls Noth mit den inzwischen nicht gebesserten Censurverhältnissen und klagt darüber in einem an die Redaction in Altenburg gerichteten Briefe vom 30. October:

In der Erwartung, daß ich so wie gewöhnlich die neue Nummer (der »Deutschen Blätter«) heute früh 8 Uhr von der Druckerei empfangen würde, meldete ich Ihnen deren Zusendung schon im voraus; jedoch zu meinem Schrecken verkündete mir anstatt dessen Hirschfeld (der Buchdrucker), daß das Blatt die Censur nicht passirt habe. Die Preßfreiheit ist hier wenigstens noch lange nicht errungen. Mündlich mehr darüber. Nur so viel, daß die sächsischen Behörden, denen von Repnin die Censur übertragen ist und die, wie mir scheint, weder mit den Franzosen noch mit dem Könige von Sachsen es verderben wollen, nicht einmal erlauben wollen, Berichte abdrucken zu lassen, die in preußischen Blättern von Gouvernements wegen, von L'Estocq und Sack unterzeichnet, abgedruckt sind. Ich bin heute gelaufen wie ein Schneider und habe so viel Treppen gestiegen, daß ich ganz lungensüchtig wieder nach Hause (in seine Heimat Altenburg) kommen werde, aber das Resultat war am Ende doch: das ganze Blatt kann heute nicht ausgegeben werden (nämlich Nr. 20), und ich ersuche Sie, sich der Mäßigung zu befleißigen, damit ich nicht wieder in die Nothwendigkeit versetzt werde, Ihnen dergleichen sagen zu müssen oder gar dem ganzen Blatte ein Ende zu machen.

Indessen wird morgen doch wieder ein Blatt erscheinen, das Sie sobald wie möglich erhalten sollen, vielleicht durch Expressen. Bis zu Herrn Brockhaus' Zurückkunft werden also wol sehr unschuldige Sachen in den »Deutschen Blättern« zu finden sein. Ich hoffe aber, daß dieser vielleicht noch ein Expediens finden wird.

Brockhaus fand allerdings ein solches »Expediens«. Dieses bestand einmal darin, daß er sich nicht so leicht einschüchtern ließ wie wol sein Gehülfe, sondern in jedem einzelnen Falle gegen willkürliche Censur protestirte und so doch manche Artikel zum Druck frei erhielt; dann aber kam er auf den (schon früher erwähnten) Ausweg, einzelne Nummern, die besonders bedenkliche Artikel enthielten, in Altenburg drucken zu lassen. Da diese nach und nach die Mehrzahl bildeten, so erfolgte der Druck der »Deutschen Blätter« später wieder wie früher der Hauptsache nach in Altenburg (bei Pierer), und nur einzelne Nummern wurden noch in Leipzig (bei Hirschfeld) gedruckt.

Er sagt darüber in einem Briefe an Villers, datirt Altenburg, 9. Februar 1814:

Da die »Deutschen Blätter« jetzt hier gedruckt werden, so habe ich wegen der Censur wenig Schwierigkeiten oder vielmehr keine. In Leipzig selbst ist man allerdings oft genirt, allein ich lasse daher dort nur solche Artikel drucken, wobei keine Gewissenszweifel eintreten können. Wenn Sie oder Freunde von Ihnen daher etwas Pikantes haben, so haben Sie nicht nöthig besorgt zu sein, daß der Druck Schwierigkeiten finden werde. Es ist das ja einer der schönsten Vorzüge Deutschlands, daß die Unabhängigkeit der kleinern Staaten es unmöglich macht, grandes mesures gegen Druck und Preßfreiheit zu nehmen. Nur Ihrem »Schinderknechte« konnte so etwas eine Zeit lang gelingen.

Des Zusammenhangs wegen mögen hier gleich noch zwei an denselben Freund gerichtete Briefe folgen.

In einem Briefe vom 7. Mai 1814 spricht Brockhaus seine Gesinnung über Napoleon und die Franzosen noch drastischer aus als in dem vorhergehenden. Er schreibt:

Welch ein elender Wicht ist denn dieser Napoleon! Pfui! er ist eigentlich nicht werth, daß man ihn anspuckt. Nicht den Muth zu haben, ein so geschändetes Leben zu enden! Kann es hier denn noch Frage sein, mit Hamlet zu sagen: »To be, or not to be, that is the question«?

Aber auch Ihre Franzosen erregen mir Ekel mit ihren Sprüngen und ihrer elenden Constitution. Und diese Senatoren, Marschälle und Pfaffen, die vorher im Staube krochen vor Napoleon, wie sie ihn nun mit Füßen treten und für ihre Verewigung Sorge tragen, und daß ihre Dotationen fein bei der Familie bleiben!

Ich werde diese Geschichten in den »Deutschen Blättern« nach Verdienst und Würden abhandeln.

Von den »Fanfaronaden«[55] lasse ich Ihrem Wunsche gemäß Ihren und Saalfeld's Namen weg. Hätte man die Anmerkungen jetzt zu schreiben, so würde man sie noch pikanter machen können.

Der andere Brief, schon am 24. December 1813 geschrieben, ist derselbe, aus dem oben eine die leipziger Schlacht betreffende Stelle mitgetheilt wurde, und lautet in seinem weitern Inhalte, der im Anfange wenigstens direct die »Deutschen Blätter« betrifft:

.... Seit der Mitte October beschäftigt mich die Politik nun sehr, wozu unsere »Deutschen Blätter« denn die nächste Veranlassung gegeben haben. Auch diese Unternehmung gehört zu den glücklichen und sich rasch belohnenden. Der erste Band ist fertig, und ich sende Ihnen solchen durch Dieterich. Wenn Sie von dem Geiste dieses Blattes noch nicht unterrichtet sind, so werden die drei beikommenden neuesten Blätter Sie damit bekannt machen. Das Mehrste sind Originalaufsätze. Ich würde sehr wünschen, wenn Sie solche mit Beiträgen beehren wollen.

Böttiger, der viel dazu liefert, hat mir ausdrücklich gesagt, ich möchte Sie aus allen Kräften dazu anspornen. Vielleicht können Sie auch andere Ihrer Freunde dazu bewegen. Wir honoriren die Beiträge honnet. Da Sie einen Bruder in Moskau haben, würde es da nicht möglich sein, von diesem ebenfalls über jene ungeheuern Begebenheiten im September und October 1812, aus dem die Weltfreiheit wie ein Phönix hervorgegangen, nähere Nachrichten zu erhalten? Vielleicht besitzen Sie selbige schon in mittheilbaren Briefen!

Da Schlegel lange in Göttingen war, so werden Sie wissen, daß ich hier seine »Remarques« herausgegeben habe.[56] Vierzehn Tage hielt mich die Censur hin, und am Ende wurde doch das Imprimatur verweigert. Ich förderte es aber nun ohne dasselbe auf meinen Kopf in die Welt. Man hat jetzt wenigstens Becker's und Palm's Schicksale nicht mehr zu fürchten. Es war mir nur leid, daß Schlegel geglaubt hat im Anfang, als sei ich die Schuld der Verzögerung.

Hamburgs Schicksal im Juni hat mir das Herz zerrissen. Der Himmel möge es denen verzeihen, die schuld daran gewesen. Seien es nun die Dänen oder die, welche die Dänen reizten. Ich bin mit mir darüber nicht im Klaren, wo hier das Recht oder Unrecht war. Aber bald, denke ich, wird Hamburgs Schicksal abermalen entschieden sein. Auf ein so schweres Unglück folgen wieder selige Tage! So im Leben, so in den Weltbegebenheiten. Wie einzig herrlich steht nicht Preußen da! Welche Bürgertugenden, welcher Heldengeist haben sich nicht unter diesem so gebeugten Volke entwickelt!

Auch ich habe mich unter die Reserven der Landwehr hier als Freiwilliger gestellt, und ich exercire schon tüchtig. Kommt Napoleon wieder über den Rhein, so verlasse ich Weib und Kinder und ziehe ihm auch entgegen und falle oder helfe siegen. Was bleibt uns anderes übrig!

Ich habe mich hier, um auch etwas über das Persönliche zu sagen, zum zweiten male verheirathet. Schon vor einem Jahre. Ohne besonderes Vermögen, ist mein gutes Weib bieder, brav, liebenswürdig und eine vortreffliche Mutter meiner Kinder erster Ehe. So bin ich also wieder ganz ans bürgerliche Leben festgeknüpft. Es ist hier eine freundliche, angenehme Existenz. Lauter gebildete Menschen in unserm Familienkreise, der der erste des Orts ist. Ich lebe hier viel glücklicher wie in Holland, wo man reich sein muß, um glücklich zu sein und seines Daseins froh zu werden.

Sie sehen, ich bin schwatzhaft wie ein Kind, aber was kann man Besseres sein. Erzählen Sie mir auch etwas von Ihrem Treiben, Leben und Weben!

Adieu. Antworten Sie mir bald und in Liebe. Senden Sie mir auch recht viele Manuscripte zugleich!

Ueber die hier erwähnte Errichtung der altenburger Landwehr, unter die sich Brockhaus als Freiwilliger aufnehmen ließ, und die dabei stattgefundenen Feierlichkeiten brachten die »Deutschen Blätter« in Nr. 37 vom 24. November 1813 einen ausführlichen Bericht, der die begeisterte Stimmung der damaligen Zeit treu widerspiegelt.

Bevor Brockhaus sich der weitern Pflege seines neugegründeten Blattes nach der ersten stürmischen Zeit der leipziger Schlacht in Ruhe widmen konnte, hatte er außer den oben geschilderten Debits- und Censurschwierigkeiten noch eine andere Anfechtung zu bestehen, die ihm ebenso unerwartet als unangenehm war. Er hörte plötzlich, daß die Herder'sche Buchhandlung zu Freiburg im Breisgau eine »Fortsetzung« seiner kaum begonnenen und in der besten Entwickelung begriffenen »Deutschen Blätter«, an deren Aufgeben er gar nicht dachte, angekündigt habe. Auf seine verwunderte Anfrage schickte ihm die Herder'sche Buchhandlung folgenden Erlaß des k. k. Armeecommandos in vidimirter Abschrift:

Dem Buchhändler Herrn Bartholomä Herder in Freyburg wird hiemit der Auftrag ertheilt, die »Deutschen Blätter«, wie selbe bisjetzt bei Herrn Brockhaus in Altenburg und Leipzig erschienen sind, ferner fortzusetzen, mit der Bedingung jedoch, daß selbe wie bisher der österreichischen Censur zu unterstehen haben.

K. K. Hauptquartier Lörrach den 27. December 1813.

(L. S.) Sr. k. k. Apostolischen Majestät Generalfeld­wacht­meister im General­quartier­meister-­Stabe, Commandeur des kaiserl. österr. Leopolds-­Orden &c. &c.

(Gez.) Langenau.

Brockhaus' Erstaunen über dieses Actenstück mag noch dadurch gesteigert worden sein, daß es von demselben General von Langenau unterzeichnet war, der ihm im Auftrage des Feldmarschalls und obersten Befehlshabers Fürsten von Schwarzenberg den »Befehl« zur Herausgabe eines politischen Blattes ertheilt hatte. Das Armeecommando konnte beim weitern Vorrücken der Heere nach Frankreich gewiß auch noch andern Personen »Aufträge« oder »Befehle« zur Herausgabe politischer Blätter geben; zur raschesten Verbreitung der offiziellen Kriegsnachrichten war das selbst ohne Zweifel ganz zweckmäßig. Aber einem andern Buchhändler den »Auftrag« zur »Fortsetzung« der bei Brockhaus noch erscheinenden »Deutschen Blätter«, die doch jedenfalls dessen Eigenthum waren, ohne sein Vorwissen zu geben, das verrieth in der That ganz eigenthümliche Begriffe über das literarische Eigenthum! Selbst in der damaligen Zeit, die jenes Wort kaum kannte und in der im Gegentheil der Nachdruck blühte, und auch bei einem mit solchen Angelegenheiten wenig vertrauten Militär war das doch überraschend! Dazu kam noch, daß die »Deutschen Blätter« in einer ihrer ersten Nummern (Nr. 15 vom 25. October 1813) einen von dem General von Langenau selbst eingesandten Artikel, seine Entlassung aus sächsischen Diensten betreffend, gebracht hatten. Dieser war zwei Monate vor Anfang des Kriegs nach ehrenvoller Entlassung in österreichische Kriegsdienste getreten, und die königlich sächsische »Leipziger Zeitung« hatte ihn, freilich vor der leipziger Schlacht, am 4. September als »aus den sächsischen Diensten desertirt« bezeichnet!

Die Herder'sche Buchhandlung antwortete auf Brockhaus' Anfrage unterm 30. December 1813 nur: sie habe diesen Auftrag erhalten, sei übrigens gern bereit, ihm gegen Mittheilung der Abnehmer der »Deutschen Blätter« eine »Vergütung« zu machen; wolle er die Versendung übernehmen, so könne er die Verrechnung darüber mit den Abnehmern besorgen, und man werde sich schon arrangiren.

Brockhaus' Antwort auf diesen Brief und sein jedenfalls erfolgter Brief an General von Langenau liegen uns leider nicht vor.[57] Doch ist nicht zu bezweifeln, daß die erstere eine ablehnende, der zweite ein Protest war. Beide Briefe werden sicherlich auch nicht in den höflichsten Ausdrücken abgefaßt gewesen sein.

Einen Ersatz für diese Briefe bietet nachstehende Erklärung in Nr. 70 der »Deutschen Blätter« vom 24. Januar 1814:

Der Herr Buchhändler Herder zu Freiburg im Breisgau hat angezeigt, daß er durch einen Auftrag des Herrn General von Langenau veranlaßt worden, die seither bei mir erschienenen »Deutschen Blätter« fortsetzen.

Gegen diese ebenso unerwartete als befremdende Anzeige sehe ich mich bewogen, zu erklären, daß die Idee, der Titel und der ganze Plan zu dieser Zeitschrift einzig und allein von mir herrühren; daß die Genehmigung Sr. Durchlaucht des Fürsten von Schwarzenberg nur der Form wegen erfolgte, indem ich mir, theils um allen Censur- und andern Schwierigkeiten im voraus zu begegnen, theils um auf keinen denkbaren Fall die Landesbehörden zu compromittiren, den Befehl dazu erbat; daß ich endlich, mit Zurücksetzung aller persönlichen Rücksichten, in einem Zeitpunkte, wo die französischen Heere noch in dem Herzen von Sachsen standen (12. October) und der entscheidende Streich, der Deutschland von ihnen befreite, erst vorbereitet ward, wo mithin die Aeußerung freimüthiger patriotischer Gesinnungen etwas verdienstlicher war als gegenwärtig, wo man mit hinlänglicher Sicherheit den Patrioten spielen kann, das Unternehmen mit dem 14. October begann.

Wenn ich folglich sowol nach den über literarisches Eigenthum in allen Staaten bestehenden Grundsätzen als auch aus Gründen der Billigkeit die »Deutschen Blätter« als mein vollkommenes Eigenthum betrachten darf, so kann offenbar die Fortsetzung derselben weder von irgendeiner Behörde befohlen, noch von irgendjemandem ohne meine ausdrückliche Einwilligung unternommen werden.

Wurde bei dem jetzigen Stande des Kriegstheaters für nöthig erachtet, zur Verbreitung der Armeenachrichten ein neues Blatt zu gründen, so konnte und mußte dies ohne meine Beeinträchtigung geschehen.

Ich hege daher die Hoffnung, der Herr Buchhändler Herder werde, sobald ihm diese Verhältnisse bekannt geworden, sich beeilen, seiner Zeitschrift, gegen deren Herausgabe an und für sich von meiner Seite nicht das Allergeringste einzuwenden ist, einen andern Titel zu geben, und sie nicht ferner eine Fortsetzung meiner »Deutschen Blätter« nennen, da ich diese selbst fortsetzen und bis zum künftigen allgemeinen Frieden fortsetzen werde.

Der immer steigende Beifall des Publikums ist der sicherste Beweis, daß ein politisches Blatt von dem Charakter, welchen die Redaction seither den »Deutschen Blättern« zu geben gewußt hat, den Zeitverhältnissen angemessen ist. Aber eben darin hat die Redaction auch den größten Sporn für sich gefunden, das Interesse derselben immer mehr zu erhöhen und zu verallgemeinern. Zahlreiche Mitarbeiter, und unter diesen mehrere der vorzüglichsten Schriftsteller Deutschlands, eine ausgebreitete Correspondenz, directe Verbindungen mit Holland, England und den verschiedenen Hauptquartieren, die günstige Lage der Redaction im Mittelpunkte von Deutschland und am Stapelplatze des deutschen Buchhandels: dies Alles sind Eigenthümlichkeiten und Vorzüge, welche ohnehin mit dem bloßen Titel nicht erworben werden könnten.

Sämmtliche Mitarbeiter und Correspondenten der »Deutschen Blätter« werden daher fortfahren, ihre Beiträge nach Leipzig oder nach Altenburg zu adressiren.

Altenburg und Leipzig, den 18. Januar 1814.

Friedr. Arn. Brockhaus.

Herder setzte trotzdem sein Blatt fort, gab es aber schon nach kaum einem halben Jahre wieder auf, wie aus folgender »Nachricht« in Nr. 158 der »Deutschen Blätter« vom 16. Juli 1814 hervorgeht:

Die »Teutschen Blätter«, welche sich in Freiburg im Breisgau mit einer in der deutschen Literatur unerhörten Frechheit als eine Fortsetzung der unserigen, während diese nie aufgehört hatten zu erscheinen, ankündigten, sind, öffentlichen Nachrichten zufolge, mit der 76. Nummer geschlossen worden.

Von dem bekannten Geschichtschreiber Karl Ludwig von Woltmann wurde gleichfalls eine Zeitschrift unter dem Titel »Deutsche Blätter« in den Jahren 1813 und 1814 in Berlin herausgegeben, doch war dies keine politische, sondern eine historische Zeitschrift, die mit dem von Brockhaus herausgegebenen Blatte in keiner Weise concurrirte. Woltmann, der mit Brockhaus schon seit längerer Zeit in Verbindung stand, erbot sich selbst zu Beiträgen für dessen Blatt und schrieb ihm im Januar 1814 aus Prag, wohin er im Sommer 1813 geflohen war, um der Rache Napoleon's auszuweichen:

Ihre »Deutschen Blätter« kenne ich noch nicht. Mein Journal unter diesem Titel setze ich in diesem Jahre fort. Wahrscheinlich ist das Ihrige ein politisches.

Unbeirrt durch alle Schwierigkeiten und Anfechtungen ging Brockhaus mit frischem Muthe an die weitere Förderung seiner »Deutschen Blätter«. Er hatte auch die Genugthuung, daß sie in Deutschland rasch Anklang und Verbreitung fanden. Die Auflage betrug in der ersten Zeit über 4000 Exemplare, eine für damalige Verhältnisse sehr hohe Zahl, und der erste Band wurde so vielfach nachverlangt, daß die meisten Nummern desselben mehr als einmal neu gesetzt und gedruckt werden mußten.

Uebrigens fühlte Brockhaus die Verpflichtung, nunmehr ein förmliches Programm der Zeitschrift zu veröffentlichen, was in der ersten Zeit weder nöthig noch thunlich gewesen war. Dieses erschien gerade vier Wochen nach dem Beginn des Blattes, in Nr. 31 vom 13. November 1813, und lautet:

Erklärung der Redaction der »Deutschen Blätter«.

So unerwartet günstig unsere »Deutschen Blätter« auch vom Publikum aufgenommen worden sind, so verkennt die Redaction derselben keineswegs, daß sie diese günstige Aufnahme mehr dem Interesse an den großen Begebenheiten, welche sich unter unsern Augen ereigneten, und der Idee, welche jeder Wohlgesinnte in den »Deutschen Blättern« ahnte und finden konnte, zu verdanken habe als ihrer bisherigen Ausführung. Jetzt, da durch größere Entfernung des Kriegstheaters der Drang der Begebenheiten nicht mehr so nahe auf uns einwirkt und auch die Redaction sich mit größerer Ruhe und weniger Störung der Herausgabe dieser Blätter widmen kann, sei es ihr erlaubt, sich näher über das auszusprechen, was die »Deutschen Blätter« eigentlich sein wollen und was sie nicht sein wollen, damit zwischen ihr und dem Publikum hierüber künftig kein Misverständniß eintreten kann.

Die »Deutschen Blätter«

wollen keine Zeitung sein.

Zur Organisirung einer Zeitung, wenn sie dem Ideale entsprechen soll, das der Redaction darüber vorschwebt und welches einst in der guten alten Zeit durch den »Hamburger unparth. Correspondenten« wirklich erreicht wurde, gehören große Vorbereitungen, eine so umfassende Correspondenz, so mannichfaltige Verbindungen, auch sind dabei überhaupt so viele Verhältnisse zu berücksichtigen, daß es der Redaction wie der Verlagshandlung der »Deutschen Blätter«, welche beide ebenso sehr die Schwierigkeiten als die Bedingungen der Herausgabe einer guten Zeitung zu erwägen wissen, nicht in den Sinn gekommen ist, eine solche unternehmen zu wollen. Die Zwecke, welche die Redaction durch die »Deutschen Blätter« erreichen wollte, konnten aber auch durch eine Zeitung nicht erreicht werden, da diese eigentlich nur referiren soll, was in der Gegenwart geschieht, und ohne für oder gegen eine der handelnden Personen oder Völker Partei zu nehmen.

Die »Deutschen Blätter« wollen also keine Zeitung sein, sondern

ein politisches Volksblatt,

das Wort »Volk« hier im höhern und edlern Sinne genommen, ein Blatt, das in allen Ländern deutscher Zunge mit Theilnahme kann gelesen werden, welches bei einem bloßen Zeitungsblatte, das in einer gewissen Entfernung bald alles Interesse verliert, nicht der Fall sein kann. Sie thun daher von jetzt an, wo sich das Kriegstheater aus der Nähe der Redaction weggezogen hat, auf die Mittheilung alles dessen Verzicht, was man im engern Sinne gewöhnlich »Zeitungsneuigkeiten« und »Zeitungsnachrichten« zu nennen pflegt, insofern sie nicht den Zweck haben wollen, das Publikum mit den Begebenheiten des Tags so schnell als möglich oder wol gar zuerst und vollständig bekannt zu machen. Die »Deutschen Blätter« werden zwar nicht versäumen, die glorreichen Ereignisse, welche wir den verbündeten Armeen, an welche sich bald die gesammte deutsche Nationalkraft wird angeschlossen haben, auch ferner bis zur gänzlichen Befreiung unsers gemeinsamen Vaterlandes verdanken werden, mitzutheilen, allein es wird in einer andern Form geschehen, als es bisher geschehen konnte. Es werden nämlich größere Zeitpunkte nach bedeutenden Abschnitten der Begebenheiten dazu festgesetzt werden, die Darstellung der in dieselben fallenden Begebenheiten wird historisch zusammenhängend in größern erklärenden Uebersichten erfolgen und von den wichtigsten officiellen Bekanntmachungen der verschiedenen Armeen begleitet sein.

Hauptsächlich aber wird das Streben der »Deutschen Blätter« dahin gehen, Gemeinsinn zu erwecken, die deutsche Nationalwürde zu erheben, Haß gegen fremde Unterjochung und Vertrauen gegen uns selbst einzuflößen. Auch die belehrende und warnende Geschichte der letzten zehn traurigen Jahre, in welchen Deutschlands herrliche Nationalkräfte von Fremdlingen, die sich durch List und Gewalt auf unsern Boden eingeschlichen hatten, nur gebraucht wurden, damit die deutschen Völker sich untereinander selbst aufrieben und das zerstörten oder lähmten, was eigentlich unsere Nationalkraft war und unsern Nationalcharakter bildete, wird daher von dem Gegenstande unserer Blätter nicht ausgeschlossen sein. Alles, was mithin dazu dienen kann, die Tyrannei und Willkür, womit ein fremder Usurpator uns und — das freie stolze Britannien ausgenommen — ganz Europa bedrückte, nach wahrhaften Quellen genauer kennen zu lernen, ferner historische Data über einen in der Weltgeschichte einzigen, bisher aber noch nicht unparteiisch geschilderten Zeitpunkt, in welchem es für Staaten wie für Individuen weder Sicherheit des Besitzes noch der Personen gab, werden daher von den »Deutschen Blättern« gern aufgenommen werden. Es werden sich solche auch ein besonderes Geschäft daraus machen, das systematische Lügengewebe der französischen Nachrichten zu entwirren und die Sophismen ihrer diplomatischen Verhandlungen zu widerlegen. Alles endlich, was dazu führen kann, über Deutschlands künftige politische Verfassung im allgemeinen und im besondern gemeinnützige und aufgeklärte Ideen zu verbreiten und fruchtbare Gedanken über die Verbesserung unsers politischen Zustandes zu wecken, soll ein besonderer Gegenstand der »Deutschen Blätter« sein.

Zur Erreichung dieser Zwecke hat sich die Redaction schon mit mehrern ausgezeichneten Schriftstellern und Geschäftsmännern in Verbindung gesetzt; sie rechnet aber auch auf die freie Unterstützung anderer aufgeklärter Männer in unserm ganzen gemeinsamen Vaterlande, um so mehr, »da die Freiheit der Rede und der Schrift uns wiedergegeben ist, wie die des Handelns«; und wird sie endlich auch aus andern Blättern manches aufnehmen, was dazu beitragen kann, diese Blätter zu einem »Nationalarchiv der Deutschen« zu erheben.

Was die Art der künftigen Erscheinung betrifft, so wird die Verlagshandlung nachstehend das Nähere darüber bekanntmachen.

Die Redaction der »Deutschen Blätter«.

Die darauffolgende Mittheilung der Verlagshandlung beschränkt sich auf Angaben über Preis, Erscheinungsweise (künftig wöchentlich viermal, statt täglich wie bisher, gleichzeitige Ausgabe in Leipzig und Altenburg) u. s. w. mit dem Zusatze: die ganze Form und Anlage der »Deutschen Blätter« gehe dahin, daß sie eine »Nationalchronik« bilden sollen, welche gesammelt immer ihr Interesse behalten werde.

Vom April 1814 an wurden wöchentlich nur drei Nummern ausgegeben. Von Mitte April 1815 an, bis zu welchem Zeitpunkte in den anderthalb Jahren seit Mitte October 1813 sechs Bände erschienen waren, wurden wöchentlich zwei bis drei Bogen (ohne Datum als »Stücke« bezeichnet) ausgegeben, und zu dem Titel wurde »Neue Folge« hinzugesetzt; vom 10. Juni 1815 an (nach dem Wiederausbruche des Kriegs) wurden den regelmäßigen Stücken wöchentlich besondere Beilagen unter dem Titel: »Tagesgeschichte. Zu den Deutschen Blättern. Neue Folge« beigegeben, die Ende September (mit dem zweiten Bande der Neuen Folge) wieder eingestellt wurden.

Mit dem dritten Bande der Neuen Folge, dem neunten im Ganzen, hörten die »Deutschen Blätter« im Frühjahre 1816 auf, nachdem sie gerade zwei und ein halbes Jahr lang erschienen waren.

Das oben mitgetheilte Programm der »Deutschen Blätter« wurde von ihnen während der ganzen Dauer ihrer Wirksamkeit treu eingehalten. Nur erhielt es durch die Zeitereignisse mitunter eine Erweiterung oder Vervollständigung. Einige der hierauf bezüglichen Erklärungen sind für die Zeitschrift wie für deren Herausgeber des Blattes besonders bezeichnend.

So heißt es beim Schlusse des dritten Bandes am 21. Mai 1814:

Die »Deutschen Blätter« sehen einen großen Zweck, zu dem auch sie mitgewirkt haben und über welchen sie in Deutschland mit zuerst öffentlich und furchtlos gesprochen zu haben sich zu einigem Verdienste anrechnen dürfen, erreicht. Nicht durch die Waffen allein ist der Tyrann besiegt worden, sondern auch durch die öffentliche Meinung, welche zu bilden und zu leiten das Geschäft der Schriftsteller ist. Er ist untergegangen in einer Schmach, für welche die Geschichte kein Gegenstück aufzuweisen hat. Der Nimbus seiner Größe ist verschwunden und tiefe Verachtung der Furcht und dem Hasse gefolgt, die der elende Heuchler seit zwölf Jahren Europa eingeflößt hatte. Aber wenn auch er untergegangen ist, so sind es nicht mit ihm seine Helfershelfer, die, mit Verbrechen beladen, dennoch zum Bedauern der Welt scheinen Verzeihung erhalten zu sollen; nicht ist mit ihm untergegangen jener gallische Uebermuth, jene Verderbtheit dieses Volks, das seit fünfundzwanzig Jahren eine Geisel der Welt gewesen ist und alle Stufen menschlicher Verbrechen durchlaufen hat. Ohne die Schlechtigkeit dieses Volks, ohne die Verworfenheit seiner Räthe, Minister und Generale konnte Bonaparte nicht der Tyrann und Despot werden, welcher er geworden ist. Nicht er allein war es, den wir zu bekämpfen hatten, auch gegen diese sind unsere Waffen gerichtet.

Die »Deutschen Blätter« werden daher auch fernerhin, so lange sie fortgesetzt werden, insbesondere gegen gallischen Uebermuth und Afterweisheit für alle Zeiten sprechen und Bewahrer des deutschen Nationalsinnes bleiben.

Bei Vollendung des vierten Bandes am 23. August 1814 sagt die Redaction:

Noch ist zu dem Wiederaufbau des deutschen Staatsgebäudes nur der Grundstein gelegt, nur der Umriß entworfen. Es hoch und herrlich und dauerhaft aufzuführen, alle seine Theile zu einem wohlgeordneten und wohleingerichteten Ganzen zu verbinden, damit es seinen Bewohnern Schutz und Sicherheit und bequemen Aufenthalt gewähre, den Nachbarn Vertrauen und Ehrfurcht einflöße, das wird das Werk der nächsten Zukunft sein. Vieles und Großes ist gethan, aber mehr und Größeres ist noch zu thun, damit aus der Zerstörung ein dauerndes Wohl der Menschheit aufblühe. Mit diesem heiligen Zwecke wird sich der Wiener Congreß beschäftigen, auf den vornehmlich die Blicke der Deutschen gerichtet sein müssen.

Es war Brockhaus' Absicht gewesen, die »Deutschen Blätter« schon mit diesem fünften Bande abzuschließen. Da aber von den Resultaten des Wiener Congresses nur erst Weniges und Unbestimmtes bekannt geworden war, so erklärte er am 1. December 1814, daß er noch einen sechsten Band erscheinen lassen wolle.

Bevor dieser noch vollständig geworden war, hatte Napoleon die Insel Elba, auf die man ihn für seine Lebenszeit verbannen zu können in kurzsichtiger Verblendung gehofft hatte, plötzlich verlassen, war am 1. März 1815 an der französischen Küste gelandet und bereits am 20. März in Paris eingezogen. Der Wiener Congreß war auseinandergestoben, aber die Alliirten hatten sich aufs neue verbündet und unterm 13. März eine Achtserklärung gegen Napoleon als allgemeinen Feind und Ruhestörer erlassen: der Krieg entbrannte aufs neue.

So konnten auch die »Deutschen Blätter« ihre Aufgabe noch immer nicht als ganz erfüllt ansehen; sie begannen eine »Neue Folge«, und auch als die Herrlichkeit der »Hundert Tage« durch die Schlacht bei Waterloo am 18. Juni und Napoleon's zweite Abdankung am 22. Juni ein rasches Ende gefunden, erschienen sie noch eine Zeit lang fort. Am 7. Juli waren die Verbündeten zum zweiten male in Paris eingezogen, am 20. November wurde der zweite Pariser Friede geschlossen, nachdem schon am 8. Juni der Deutsche Bund errichtet, tags darauf die Wiener Schlußacte unterzeichnet worden war. Jetzt war der Krieg wirklich beendet, und die »Deutschen Blätter« konnten nun vom Schauplatz abtreten. Am 22. Februar 1816 zeigte Brockhaus vorläufig an, daß er mit dem im Erscheinen begriffenen neunten Bande die »Deutschen Blätter« schließen werde, und einige Wochen darauf wurde die letzte Nummer ausgegeben.

Das Schlußwort der Redaction gibt einen Gesammtüberblick über die Wirksamkeit der »Deutschen Blätter« und sei deshalb auszugsweise hier mitgetheilt.

Die Redaction spricht zunächst offen aus, daß die wahrhaft glänzende Theilnahme, die das Blatt im Anfange gefunden, sich naturgemäß allmählich bei den ruhigern Zeiten verringert habe, und obwol noch immer eine Auflage, zu der wenige ähnliche Unternehmungen in ihrer günstigsten Zeit sich erheben möchten, für den Aufwand entschädige, so sollten die »Deutschen Blätter« doch nicht dann erst enden, wenn sie sich selbst überlebt hätten.

Darauf heißt es weiter:

Sie begannen in der Zeit, die zu den herrlichsten, hoffnungsvollsten und erfolgreichsten gehört, welche das Vaterland je erlebte; unter Verhältnissen und Begünstigungen, wie sie selten einem schriftstellerischen Unternehmen zutheil werden. Die köstliche Zeit der errettenden Völkerschlacht, die Zeit der wiedererrungenen, hochbeglückenden Freiheit, war die Zeit ihrer Geburt, sie brachten die erste umständliche Kunde von dem Segen, den der Höchste auf die gerechten Waffen der Verbündeten gelegt, verbreiteten zuerst von einem Ende des Vaterlandes zum andern die sichere und begeisternde Botschaft von Deutschlands Sieg und Wiedergeburt, von der Niederlage der Unterdrücker, von der Vernichtung der Despotie. Darum wurde ihre Stimme so gern gehört, zumal sie kräftig war und würdig, und ein Geist, der vieler Herzen erhob, in ihr wehte. Vom Vaterland und für das Vaterland sprachen sie, und des Vaterlandes Söhne und Töchter nahmen sie freudig auf. Sie hatten überdies die Empfehlung für sich, daß der geehrte Feldherr, der an der Spitze der siegreichen verbündeten Heere stand, selbst sie veranlaßt, ihr Erscheinen selbst befördert und so gleichsam eine höhere Bürgschaft ihnen gegeben hatte.

Von Leipzigs Siegesfeldern begleiteten sie den Triumphzug über den alten Rhein bis in das stolze Babel, den Mittelpunkt der Unterdrückungsplane des zu Schanden gewordenen Uebermuths, der zerstörten Tyrannei. Mit mäßigem Jubel ließen sie die Kunde des geschlossenen bedenklichen Friedens erschallen, und, scheidend von den glorreichen Schlachtgefilden, wendeten sie sich zu den unblutigen, aber nicht minder gefährlichen Kämpfen in den Steppen des Wiener Congresses, den Irrgängen der Unterhandlungen. Sie nahmen Partei, aber nur für die Sache des Vaterlandes, der Gerechtigkeit und der Freiheit, und sprachen manch starkes Wort, wo es frommen konnte. Aber sie mochten sich nicht wie der Vater Rhein nach kräftigem Ernst im Sande verlieren oder, den gewaltigen Strom verlassend, in kümmerlichen Bächen verrinnen. Sie erhoben sich in neuer Kraft, als die Botschaft kam von der Rückkehr des Furchtbaren aus seinem Felseneiland, von des Vaterlandes Gefahr.

Die Neue Folge der »Deutschen Blätter« begann, um zu erwecken zum neuen Kampf, aufzurufen zu den schützenden Waffen, hinzuweisen auf das, was abermals dringend Noth war, was geschehen mußte, und regten von neuem in der allgemeinen Bewegung sich selber lebendiger, stürzten sich wieder in das Schlachtgewühl. Des Feindes Trug und Arglist, seine Macht und seine Kampffertigkeit, alle die losen Künste, mit denen er zu lang uns berückt und geschwächt hatte, stellten sie den deutschen Lesern klar vor Augen und ermahnten, das alte Joch, das viele noch zu willig trugen, völlig zu zerbrechen, die allzu verderbliche Abhängigkeit von fremder Sitte, mannichfachem fremden Einfluß endlich zu verbannen. Sie frohlockten über den neuen, herrlichen Sieg, den Gott verliehen, über Babels zweiten Fall, über die Heimkehr des theuern Eigenthums, das, als schnöder Raub und frevle Siegestrophäe zu lange trauernd, an feindlicher Stätte gefesselt gelegen; sie mühten sich, das Kleinod der Hoffnung zu erhalten, als in langen geheimnißvollen Unterhandlungen Sorge und Ungeduld allenthalben Raum gewannen und sich mehrten, weil manch theuerer Wunsch nicht in Erfüllung gehen wollte, ja immer mehr gefährdet ward. Sie suchten zugleich das Gedächtniß der frühern Zeit des Vaterlandes, seiner alten Schicksale zu erneuen, um durch die Bilder der Vergangenheit nicht nur zu trösten, sondern auch zu erwecken. Dann, als die neue Friedensbotschaft so unbefriedigend erschien, ergriff sie die Ahnung, daß ihr Ende gekommen sei, daß, wie nun Alles zur Ruhe sich lege, auch ihr Wächterruf immer mehr verhallen möge. Auch ließen sie nicht ab, ihrer Bestimmung treu die wichtigsten Angelegenheiten zur Sprache zu bringen und manch ernstes Wort zu reden von dem, was zu Deutschlands Heil geschehen muß. Aber: »Vestigia me terrent!« zu deutsch: »Laß dir rathen, ehe guter Rath dir noch theuer zu stehen kommt«, dachten sie bei sich selbst. »Wir wollen die Welt meiden, Einsiedler werden und uns selbst begraben, ehe man uns begräbt. Aus dem selbst gewählten Grabe kehren wir dann vergnügt und lebendiger, auch wohl vollkommener wieder.« Dachten es und brachen als Freunde des Tags, wie sie von je gewesen, noch eine Lanze mit den Rittern der Nacht, die ihren Herold vorangesendet hatten, und bringen nun ihren Freunden den Abschiedsgruß.

Sechsmal erneuten sie sich seit ihrem ersten Erscheinen, dreimal in der Neuen Folge. In neun Bänden schließen sie gut, denn neun ist eine gute und vollkommene Zahl ....

Sie haben eine gute Zeit durchlebt, obwol die schönste, in der sie geboren wurden, schnell vorüberging. Doch klingen noch in tiefster Seele nach die Lob- und Danklieder aus der Zeit der Vaterlandserhebung und Errettung, und der Blick nach oben feiert noch immer und soll endlos feiern, was der Herr aufs neue Großes und Herrliches an dem deutschen Volke und an der Menschheit in dieser Zeit gethan hat. Und das bleibt des höchsten Dankes werth!

Sie bringen auch ihren erneuten Dank den tapfern Streitern dar, deren Heldenthaten auch ihnen das Dasein gaben. Unsterblich, wie der Thaten Geist, und lichthell, wie der Thaten Frucht, deren Herrlichkeit ungekränkt bleibt, ob auch manches nicht zur vollen Reife gedieh, lebt der Helden Gedächtniß und Ruhm und der Dank des befreiten Vaterlandes fort. Ihr Verdienst war es auch, wenn hier manch freies und erweckendes Wort geredet werden durfte, das in früherer trüber Zeit nicht hervorzutreten wagen konnte, und wenn dadurch, wie wir glauben dürfen, manches Gute befördert worden ist. Die Stimme der Wahrheit hat eine so siegreiche Kraft, daß keine Gewalt ihr widerstehen kann auf die Dauer, und je gesegneter ihre Wirksamkeit ist, desto höherer Dank gebührt denen, die ihr die Bahn wieder geebnet, die Luft gereinigt haben von den giftigen Dünsten, welche sie gänzlich zu ersticken drohten.

Aus allen Theilen Deutschlands sind sie durch zweckmäßige Beiträge bereichert worden. Denen, die auf diese Weise ihr Leben erhöhten und stärkten, gebührt vorzüglicher Dank. In ihnen haben sich, meist einander unbekannt, doch im wesentlichen in gleichem Geiste und gleicher Gesinnung, vorzüglich gleicher Liebe des Vaterlandes und verwandter Ansicht von dem, was zu dessen Heil geschehen muß, viele deutsche Männer begegnet und durch ihre Uebereinstimmung das, was sie aussprachen, noch mehr empfohlen. Die bewährte Gesinnung hat sich durch den gemäßigten und bescheidenen, zwar, wie es Noth war und löblich, starken, aber selten allzu scharfen Ton, der fast alle Beiträge auszeichnete, viele Freunde erworben, und fast nie ist ein Anlaß zu gerechten Klagen und Beschwerden gegeben worden. So freimüthig als besonnen, überall aber mit strenger Wahrheitsliebe, ward das, was Bedürfniß der Zeit und des Vaterlandes war, hier ausgesprochen, keiner grundlosen Parteilichkeit für irgendeinen Zweig des deutschen Volks Raum gegeben, kein unziemlicher und verderblicher Zwiespalt genährt, sondern überall das Gute, wo es sich auch fand, anerkannt und vor allem auf jene Eintracht und Geisteseinigkeit, in der Deutschland allein stark, frei und sicher bestehen kann, hingearbeitet. Diesen Ruhm wird man den »Deutschen Blättern« ungekränkt lassen.

Jetzt, da diese Neue Folge sich schließt, ist ihr letzter Wunsch: Segen und Heil dem theuern Vaterlande! Ihm haben sie gelebt und ihm gedient, ihm werden sie immer aufs innigste ergeben bleiben, und wenn längst ihre Stimme verhallt ist, wird der fernste Nachklang noch von Liebe und Treue für den heimatlichen Boden, für das deutsche Volk ertönen.

Dieses Schlußwort, das sich dann noch weiter über die Zeitverhältnisse ausspricht, um »in diesen letzten Mittheilungen noch einmal die höchsten Angelegenheiten unsers Volks den Lesern ans Herz zu legen«, sagt nicht zu viel von dem Gehalte und der Wirkung der »Deutschen Blätter«; es war übrigens weder von Brockhaus noch von Hain, sondern auf deren Wunsch von einem Mitarbeiter verfaßt, wahrscheinlich von dem Professor Hasse in Dresden. Die »Deutschen Blätter« nehmen anerkanntermaßen eine der ersten Stellen ein unter den Organen der Presse, welche der Zeit der Befreiungskriege ihr Entstehen verdankten, zugleich aber selbst mannichfach fördernd auf die Zeit einwirkten. Diese Bedeutung weist ihnen auch Karl Hagen zu in seinen die eingehendste Schilderung dieser Zeitschriften enthaltenden und überhaupt sehr werthvollen zwei Aufsätzen: »Ueber die öffentliche Meinung in Deutschland von den Freiheitskriegen bis zu den Karlsbader Beschlüssen«.[58] Andere ähnliche Blätter waren: der »Rheinische Mercur« von Görres, die »Nemesis« von Luden, das weimarer »Oppositionsblatt«, die gothaer »Nationalzeitung der Deutschen«, die »Teutonia«, die »Kieler Blätter«. Die meisten derselben entstanden erst nach den »Deutschen Blättern« und verschwanden noch vor ihnen wieder vom öffentlichen Schauplatze.

Von allen Seiten waren den »Deutschen Blättern« patriotische Aufsätze zugeströmt, auch ohne directe Aufforderung der Redaction, und die Reihe der (meist indeß nicht genannten) Mitarbeiter der »Deutschen Blätter« ist eine ebenso mannichfaltige als stattliche.

Einer der ersten und thätigsten Mitarbeiter war Karl August Böttiger in Dresden, der schon an der 1807 von Brockhaus in Amsterdam herausgegebenen Zeitschrift »Le Conservateur« sich betheiligte und mit ihm fortwährend in den lebhaftesten geschäftlichen und freundschaftlichen Beziehungen blieb. Ferner waren fleißige Mitarbeiter: Professor Pölitz, Professor Saalfeld, Karl Curths (der Historiker), Georgius (Karl Christian Otto), Baumgarten-Crusius, Villers, die Professoren Zeune in Berlin, Hasse in Dresden und Oken in Jena. August Wilhelm Schlegel und Friedrich Perthes schickten einzelne Beiträge.

Auch die patriotische Dichtkunst war reich vertreten. Die »Deutschen Blätter« veröffentlichten wol zuerst die drei Gedichte Theodor Körner's: »Was glänzt dort vom Walde im Sonnenschein?«, »Das Volk steht auf, der Sturm bricht los!« und sein letztes Sonett: »Die Wunde brennt, die bleichen Lippen beben«. Ferner brachten sie Dichtungen von Max von Schenkendorf, Matthias Claudius, Christian Graf Stolberg, Graf von Loeben, Friedrich Rückert.

Brockhaus schrieb übrigens vielfach auch selbst in die »Deutschen Blätter«. Als Herausgeber machte er häufig sehr eingehende Anmerkungen zu den eingesandten Artikeln, bald über die in denselben besprochenen Gegenstände seine eigene Ansicht sagend, bald aus den Erlebnissen während seines Aufenthalts in Amsterdam, wo er vielfach mit Franzosen in Berührung gekommen war, Interessantes mittheilend.

Am 23. März 1814 beginnt er eine längere Anmerkung zu einem Aufsatze über Napoleon folgendermaßen:

In den »Deutschen Blättern« ist in Deutschland zuerst offen und frei und mit Kraft und Würde laut ausgesprochen worden: kein Friede mit Bonaparte. Die »Deutschen Blätter« haben es zuerst gewagt, den so finstern und blutdürstigen Charakter des Tyrannen zu enthüllen. Es war unterm Kanonendonner von Liebertwolkwitz, zwei Meilen von dem Kampfplatze, wo der wackere Wittgenstein die Hermanns-Schlacht von Leipzig einleitete, daß die ersten von den Blättern furchtlos gedruckt wurden. Ein prophetischer Glaube an das endliche Gelingen der guten Sache hatte den Herausgeber begeistert. Vielleicht wäre das Leben von Tausenden unserer tapfern Krieger, die in diesem heiligen Kreuzzuge gefallen sind, gespart worden, wenn die verbündeten Mächte schon damals oder doch am 21. December (1813) bei der ersten Ueberschreitung der französischen Grenze ritterlich und frei erklärt hätten, was jetzt Alexander am 31. März (1814) erst in der stolzen Hauptstadt aussprach: kein Friede mit Bonaparte ....

Oefters verfaßte er aber auch selbständige Aufsätze für sein Blatt. Unter ihnen sei nur einer mit der Ueberschrift »Noch ein Wort über den Franzosenhaß« und dem ausdrücklichen Zusatze »Vom Herausgeber« hervorgehoben und auszugsweise mitgetheilt. Er ist Mitte Juli 1815 geschrieben, also nach der zweiten Niederwerfung Napoleon's, und vertheidigt die »Deutschen Blätter« gegen den Vorwurf eines zu leidenschaftlichen Franzosenhasses. Die wesentlichsten Stellen sind folgende:

Es ist in diesen Blättern schon viel die Rede gewesen von der Erbärmlichkeit des Franzosenthums. Der gerechte Eifer gegen dasselbe macht einen Theil des Ruhms dieser Anstalt aus, die in der ersten schönen Zeit der Errettung vom heillosen Joche entstand, unter den Augen, auf Veranstaltung des hohen deutschen Feldherrn, der siegreich unsere Heldenscharen von der Elbe bis zur Seine führte, bis dahin, wo der letzte Ring der Kette zerbrochen ward, die uns so lange gefesselt hatte.

Die »Deutschen Blätter«, die sich das Ziel gesetzt, jenen errettenden Kampf und seine Folgen mit aufmerksamem Blicke zu begleiten, viele große und herrliche Zeugnisse aus demselben für die Geschichte aufzubewahren, zu beharrlicher Ausdauer und unbeweglicher Treue in dem großen Werke der Befreiung zu erwecken und eine geläuterte, tief begründete Ansicht von demselben zu verbreiten, sie mußten auch oft mahnen an unser Elend, unsere Schmach, und auf die Ursachen und Veranlassungen unserer vieljährigen Leiden zurückweisen. Ein tiefer, aber gerechter Unwille mußte in diesen Mittheilungen sich aussprechen, sowol gegen die Urheber unsers Jammers und das ganze Franzosenthum als gegen die treulose, bundbrüchige und entartete Rotte, die mitten unter uns noch dem huldigt, was die Quelle unserer Entwürdigung und Erniedrigung gewesen ist.

Diesem Bemühen haben nun die Bessern einen Beifall gegeben, der sich in dem Gedeihen unserer Anstalt, in der weitern und immer weitern Verbreitung der Theilnahme an derselben sehr erfreulich bewährte. Es war ebenso natürlich, daß die, deren Beschränktheit oder Schlechtigkeit hier oft gerügt ward, diese Blätter haßten und schmähten und es ihnen besonders zum Vorwurf machten, daß ein so bitterer Franzosenhaß in denselben sich ausspreche. Gegen diesen Franzosenhaß erheben sich denn auch von andern Seiten Stimmen, welche die alte Sünde zu beschönigen und bleibend zu erhalten versuchen, gegen deren Verfahrungskunst der Verfasser nun noch Ein Wort zu reden sich aufgefordert sieht, zumal man gerade seinen frühern Mittheilungen besonders jenen Vorwurf macht ....

Was meinen doch die Herren, die sich berufen fühlen, den Franzosenhaß zu dämpfen und gegen ihn die alten stumpfen Waffen gern noch einmal schärfen möchten, was meinen sie denn mit dem Franzosenhaß? Den tiefen Unwillen nennen sie so, der die Bessern unsers Volks ergriffen über die zu lange geduldete Herrschaft des Franzosenthums, den gerechten Eifer gegen Sprache, Sitten und Moden eines Volks, das das entartetste in Europa, mit seinem äußern Wesen seine Schlechtigkeit übertüncht, nur Einfluß, Herrschaft erstrebt und durch beides unserm Volke und andern Völkern nur Verderben gebracht hat. Den gerechten Unwillen nennen sie so, der nicht ist von heute oder gestern, den wenige Erleuchtete und echte Vaterlandsfreunde schon seit hundert Jahren gegen jenes Volk genährt, der jetzt in den Tagen der Befreiung stärker und lauter sich kundgegeben; den gerechtesten Unwillen der Befreiten, wie früher der Unterjochten und Unterdrückten, gegen die, welche mit bösen Künsten und mit Gewalt die edelsten Güter des geselligen Lebens, Freiheit und Selbständigkeit, uns raubten und rauben wollten. Das, was zu allen Zeiten die edelsten Völker und alle freigeborene, großherzige Menschen gegen frevelhafte Unterdrücker, tyrannische Eroberer, freche Räuber und Schänder des Vaterlandes zum Kampf auf Leben und Tod begeisterte; dasselbe, was auch unser Volk bewegt, auch das letzte Zeugniß unserer Unterjochung und Alles, was dazu mitgewirkt, völlig auszutilgen: das nennt nun die Erbärmlichkeit Franzosenhaß und will mit diesem Namen das, was unsers Volks Ruhm und unserer Zeit Verherrlichung ist, in ein zweideutiges Licht stellen. Rechnet sich es doch mancher als hohe Weisheit und Gerechtigkeit an, daß er nicht so ungebührlich hasse ein liebenswürdiges Volk, von dem wir noch gar vieles lernen könnten — absonderlich wol allerliebste Namen für scheußliche Laster (von denen manche erst in den letzten fünfundzwanzig Jahren durch französische Emigranten und Soldaten in unsern unschuldigen Hütten bekannt geworden sind!) — einen Muthwillen, dem nichts heilig ist, eine Gewandtheit, die Treue und Tugend entbehrlich macht; eine Feinheit, die nie Arges fürchten läßt und mit aller Höflichkeit des Nachbars Habe sich aneignet, den Hausfrieden zerstört und Alles dem Eigenwillen und eigener Leidenschaft unterordnet. Von diesem Volke sollen wir einfältige, schwerfällige Deutsche lernen und sollen wol auch noch beklagen, daß die trefflichen Lehr- und Zuchtmeister in Scharen über unsere Grenze getrieben wurden, und ihre lieblichen Fürsprecher möchten doch gar zu gern uns wieder in die Synagoge des Satans zurückführen. Darum preisen sie die Herrlichkeit französischer Sprache und Sitte und wollen es sogar nicht begreifen, daß, wer den Teufel ausgetrieben hat, auch alle sein Wesen und seine Werke ihm nachschleudern muß, damit er auch nicht einen Fuß breit Land finde, das ihm noch gehöre und von dem aus er das alte Verführungsspiel wieder anfangen kann, daß es hernach schlimmer werde denn zuvor.

Wie wenig begreifen doch diese, die sich wol gar Patrioten nennen, den Geist und das Streben dieser Zeit und unsers Volks! An ihren Augen ist es vorübergegangen wie ein Nebel und an ihren Ohren wie rauschender, sinnloser Mislaut, daß die Zeit erschien, da in Europa der gute Geist über den bösen den Sieg gewinnen und die Werke des bösen völlig zerstören sollte. Aus Blindheit des Geistes oder des Herzens oder beider reden sie dem das Wort, gegen den Deutschland, Europa sich gerüstet und rüstig gekämpft hat, und scheinen es gar nicht zu ahnden, wie sie mit ihrer Allerweltsklugheit eigentlich nur die ersten Ringe der Kette wieder schmieden, die unter höherer Leitung glücklich zerbrochen ward. Aber sie werden darüber selber zu Schanden, und nimmer kann es ihrer Schwachheit gelingen, einen kräftigen Unwillen, der nur zu gerecht ist, hinwegzuschwatzen, ob sie auch all ihren Witz aufbieten und alle aus Einem Tone heulen, wie denn die Flachheit überall sich selber begegnet und auch dadurch in ihrem Wahne sich bestärken läßt ....

Was ist überhaupt Haß, den ein edler Mensch im Busen trägt? Der tiefe, nie erkaltende Widerwille ist es, den er gegen alles Böse, alle Schlechtigkeit und Treulosigkeit empfindet, der ernste, beharrliche Widerstand gegen Alles, was den Menschen entehrt, das der edle Mensch um so bitterer fühlt, je höher seine Achtung des Reinmenschlichen ist, ein Widerwille, der sich auch gegen den Bösen, Schlechten und Treulosen in der sorgfältigen Vermeidung aller nähern Gemeinschaft und vertraulichern Annäherung ausspricht, ein Widerstand, der jedem Einflusse des durch seine Grundsätze wie durch seine Handlungen dem Bösen Ergebenen entgegentritt und ihm wehrt und darum selbst das scheinbar Gute verwirft, das aus jenem Einflusse stammen könnte.

Das ist auch der Franzosenhaß, der Widerwille gegen die ungeheuere Entartung, Sittenlosigkeit und Treubrüchigkeit dieses Volks, gegen den fürchterlichen Leichtsinn, der mit allem Heiligen spielt; der Widerstand gegen jeden Einfluß der Grundsätze, der Sitten und Gewohnheiten desselben wie seiner Unternehmungen; ein Widerwille, der alle nähere Gemeinschaft mit den Franzosen, alle vertrauliche Annäherung scheut und vermeidet; ein Widerstand, der allem französischen, durch menschenentehrende Grundsätze verpesteten französischen Wesen sich entgegenstellt und darum selbst das scheinbar Gute oder das wirklich Günstige, was von dorther kommen könnte, verwirft, weil dem Bösen aller und jeder Einfluß abgeschnitten werden muß. Es äußert sich der Franzosenhaß, wie jeder gesunde, gerechte Haß, in einem kräftigen Widerstreben gegen das, was des Hasses würdig, und er ist am tiefsten da, wo die mächtigste Liebe, Liebe des Vaterlandes, der Wahrheit, der Freiheit, und mag da nicht sein, wo diese Liebe nicht ist ....

Wir aber werden hassen das Arge, so lange es arg ist, und uns schämen, die Farbe derer zu tragen und die Sprache derer zu reden, die ihre Farbe und Sprache vor den Augen von ganz Europa geschändet haben. Es soll keine vertrauliche Gemeinschaft sein zwischen ihnen und uns, weil ihr Wesen nicht zu dem unsern stimmt, ihre Falschheit zu unserer Ehrlichkeit keine Verwandtschaft hat und weil böse Gesellschaft nicht blos gute Sitten verdirbt, sondern auch einen Makel aufheftet jedem, der sich zu ihr hält.

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