Zweiter Abschnitt. In Amsterdam. (continued 2)
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Auch in späterer Zeit und bis zu Villers' Tode blieb Brockhaus mit demselben in geschäftlicher Verbindung. So verlegte er 1814 dessen letzte Schrift, in der die Wiederherstellung der drei Hansestädte warm befürwortet wird: »Constitutions des trois villes libres anséatiques, Lubeck, Brêmen et Hambourg. Avec un mémoire sur le rang que doivent occuper ces villes dans l'organisation commerciale de l'Europe.« Vorher noch hatte er auf Brockhaus' Wunsch und zugleich auf den der Frau von Staël eine Einführung zu ihrem berühmten Buche »De l'Allemagne«, datirt Göttingen, 20. Juli 1814, geschrieben, die mit einer neuen Ausgabe desselben 1815 bei Brockhaus erschien. Die erste 1810 in Paris in 10000 Exemplaren gedruckte Auflage dieses Buchs war dort vor der Ausgabe von der kaiserlichen Polizei confiscirt und vernichtet, die Verfasserin aber aus Frankreich verbannt worden. Sie ließ es darauf 1814 in London, 1815 in Genf und in Leipzig drucken und erst im folgenden Jahre konnte in Frankreich selbst wieder eine neue Auflage erscheinen.
Von größern Verlagsunternehmungen Brockhaus' aus dieser Zeit ist zunächst das »Historisch-militärische Handbuch für die Kriegsgeschichte der Jahre 1792 bis 1808« von dem ehemaligen niederländischen Oberstlieutenant A. G. Freiherrn von Groß (Amsterdam 1808) zu erwähnen. Dasselbe war von einem großen »Historisch-militärischen Atlas« in siebzehn in Kupfer gestochenen Tafeln begleitet, den Brockhaus in Weimar von Legationsrath Bertuch, Besitzer des Landes-Industrie-Comptoirs, herstellen ließ. Der Verfasser, 6. December 1756 geboren, diente zur Zeit der Revolutionskriege in der niederländischen Armee, vertheidigte unter anderm 1794 die Festung Grave gegen die Franzosen unter Pichegru, lebte dann zurückgezogen mit dem Titel eines herzoglich sachsen-weimarischen Kammerherrn in Weimar und starb daselbst am 18. November 1809. Er war als Militärschriftsteller geschätzt, namentlich wegen des genannten Werks und wegen eines frühern über die höhere Taktik (Gera 1804).
Im Jahre 1808 trat Brockhaus auch mit einem Manne in Verbindung, der ihn in die ersten, für ihn später so verhängnißvollen Conflicte mit der preußischen Regierung verwickelte. Es war der preußische Oberst August Ludwig Christian von Massenbach. Dieser, 1758 geboren, in dem unglücklichen Jahre 1806 Generalquartiermeister des Fürsten Hohenlohe, veranlaßte, wie es scheint durch eine irrthümliche Meldung, die Ergebung seines Corps bei Prenzlau. Deshalb in eine Untersuchung verwickelt, lebte er erst auf einem ihm vom Könige von Preußen geschenkten Landgute im Posenschen, dann in Würtemberg, und verfaßte dort drei Werke, die bei Brockhaus erschienen und großes Aufsehen erregten. Nachdem er wiederholt um seine Entlassung aus dem preußischen Kriegsdienste angehalten, stellte er 1817 an den preußischen Hof und an den König persönlich verschiedene Anträge, unter der Drohung, im Nichtgewährungsfalle wichtige in seinem Besitze befindliche Papiere zu veröffentlichen. Darauf in Würtemberg auf Ansuchen Preußens verhaftet, wurde er nach Küstrin gebracht, dort kriegsgerichtlich zu 14 Jahren Festungshaft verurtheilt (wegen beabsichtigten Landesverraths durch Bekanntmachung amtlicher Schriften), 1820 nach Glatz gebracht, aber 1826 vom Könige begnadigt. Er starb bald darauf, 27. November 1827.
Massenbach war ein geistvoller politischer und militärischer Schriftsteller, und seine Werke haben hohen Werth für die Zeitgeschichte. Indessen litt er an großer Selbstüberhebung, indem er fortwährend darzuthun suchte, daß er durch seine Rathschläge das Unglück des preußischen Staats abgewendet haben würde, wenn sie befolgt worden wären. Außerdem ließ er sich oft zu rücksichtslosen und unberechtigten Angriffen auf die leitenden Persönlichkeiten des preußischen Staates hinreißen.
Die erwähnten drei Werke Massenbach's sind: »Rückerinnerungen an große Männer« (2 Abtheilungen, Amsterdam 1808); »Memoiren zur Geschichte des preußischen Staats unter den Regierungen Friedrich Wilhelm II. und Friedrich Wilhelm III.« (3 Bände, Amsterdam 1809); »Historische Denkwürdigkeiten zur Geschichte des Verfalls des preußischen Staats seit dem Jahre 1794 nebst meinem Tagebuche über den Feldzug von 1806« (2 Theile, Amsterdam 1809). Letzteres und das vorige Werk enthalten mehrere Karten und Pläne.
Noch drei andere Verlagswerke gehören in diese Zeit: »Parallelen« von Christian Daniel Voß (Professor des Staatsrechts und der Kameralwissenschaften in Halle, geb. 1761, gest. 1821), in zwei Theilen (1808 und 1811 erschienen), eine vergleichende Darstellung der Jahrhunderte Ludwig's XIV. und Napoleon's I.; Dschami's persischer Liebesroman »Medschnun und Leila«, aus dem Französischen übersetzt und erklärt von Anton Theodor Hartmann (damals in Oldenburg, später schwerinischer Consistorialrath und Professor in Rostock, verdienter Orientalist, geb. 1774, gest. 1838), 1808 in zwei Bändchen erschienen; endlich, ebenfalls 1808, das dramatische Gedicht »Aladdin oder die Wunderlampe« von Adam Oehlenschläger, dem bekannten dänischen Dichter (geb. 1779, gest. 1850), der seine meisten Werke gleichzeitig auch in deutscher Sprache veröffentlichte.
Mit diesen drei hervorragenden Schriftstellern trat Brockhaus dadurch in eine dauernde Verbindung, besonders mit Oehlenschläger.
Bei dieser für einen jungen Verleger mit beschränkten Mitteln staunenswerthen Ausdehnung seiner Unternehmungen war es nicht zu verwundern, daß Brockhaus bald wieder in finanzielle Verlegenheiten gerieth. Die Früchte seiner Arbeit, wenn es überhaupt zu solchen kam, reiften nicht so schnell, als seine sanguinische Natur es erwartete; auch war er als früherer Kaufmann noch nicht daran gewöhnt, daß der Verlagsbuchhändler im besten Falle ein Jahr lang auf das Erträgniß seiner Thätigkeit zu warten hat. Es handelte sich zwar nicht um so große Summen, wie in seinem frühern Geschäftsleben, aber um so ärgerlicher war ihm bei seinem regen Streben und dem guten Gang des Geschäfts das Ausbleiben der zum Fortbetriebe desselben erforderlichen mäßigen Gelder.
In seiner Sorge wandte er sich natürlich wieder an seinen »einzigen Freund«, wie er ihn oft nennt — seinen Bruder in Dortmund. Er schreibt ihm in dem bereits mehrfach erwähnten Briefe vom 25. August 1807:
In dieser Zeit faßte ich den Gedanken, vor meine Person und Familie aufs Land zu gehen und für mich nur die Direction der Verlagsunternehmungen zu halten, meine andere sehr lucrative, aber lästige Unternehmung[27] zu verkaufen, wenn ich 10000 Fl. dafür erhalten könnte, da mir 6000 Fl. dafür geboten wurden, und die Sortimentsgeschäfte mit Jemandem in Compagnie zu treiben, der sie dann leiten sollte. Es war mein Lieblingsgedanke, der auch um so eher ausführbar war, da ich auf dem Lande mit der Hälfte hätte leben können und ich die mir vorbehaltenen Geschäfte von dort so gut wie von hier (Amsterdam) hätte besorgen können. Indessen aus diesem Idyllenplane wurde nichts, und ich fuhr dann fort, unser Geschäft immer zu erweitern und zu consolidiren. Im Herbst vorigen Jahres bekam ich von Hannover einen sehr geschickten Commis, der seitdem den eigentlichen Sortimentshandel dirigirt und das Meßgeschäft (er war auch Ostern in Leipzig), und mein Departement ist dagegen Verlagsgeschäft, Correspondenz mit den Gelehrten und andere dahin einschlagende Arbeit .... Das Geschäft ist übrigens vortrefflich, und es wird und kann, wenn es so fort geht, mich nicht blos zu einem wohlhabenden Manne machen, sondern auch recht innig zufrieden mit meinem Schicksale und meiner Lage. Von unsern ostensibeln und inostensibeln Verlagsunternehmungen haben wir bisjetzt an keinem Schaden gehabt, an mehrern aber viel gewonnen. Ich werde Dir von beiden Arten (unter den letztern sind die berühmten »Vertrauten Briefe über die innern Verhältnisse am preußischen Hofe«[28], woran ich zum Viertel interessirt bin), mit Gelegenheit ein Exemplar senden, daß Du mal sehen kannst, was wir in diesem Fache getrieben haben. Außer diesen Verlagsunternehmungen ist unser Sortimentsgeschäft (Verkauf fremden Verlags hier im Lande) schon so bedeutend, daß wir monatlich im Durchschnitt an 3000 Fl. debitiren. Es wird Dir bekannt sein, daß man auf Bücher an 33 Procent Rabatt hat, und ist ein solcher Umsatz also sehr ansehnlich, und kann sich derselbe, besonders wenn wir mal Frieden bekommen, noch sehr vermehren. Da wir nun sogar unser Sortiment großentheils wieder gegen Verlag changiren und wir am Verlag wieder stark verdienen, so ist es mathematisch klar, daß mein jetziges Geschäft recht sehr vortheilhaft ist und ich, ohne daß ich mir unberufen schmeichele, die wahrhaft glücklichsten Resultate davon erwarten kann.
Nur in einem, aber in einem sehr wesentlichen Punkte finde ich mich gedrückt, und ich erzähle Dir diesen nun um so eher, da ich auf Sophiens Rath Dich darin zu meinem Vertrauten mache. Ich hätte es ohne diesen nicht übers Herz bringen können, da es nun einmal leider mein Charakter ist, daß ich mich lieber hindrücke und hinwürme, als über solche Sachen laut zu werden. Es ist dies, daß, da wir bei diesen Geschäften Alles und Alles auf Jahresrechnung stellen müssen und wir etwa nur ein Funfzigstel baar verkaufen, alles Andere aber nicht vor dem Anfang des folgenden Jahres einkommt, daß es mir da gegen Ende des Jahres knapp in Casse wird, weil wir so unsaglich viel an Porten, Frachten, Papieren, Buchdrucker- und Buchbinderlohnen beständig ausgeben müssen, dabei die schweren Haushaltungsausgaben, Miethen und Abgaben zu tragen haben, die alle so viele beständige Ausgaben erfordern, wogegen wir im Laufe des Jahres fast nichts, sondern Alles erst im Januar und Februar einnehmen. Dies genirt mich nun in diesem Jahre besonders, da ich für mehrere Unternehmungen ein Ansehnliches habe aufwenden müssen, das sich aber erst zu Ostern 1808 rentirt. Recht sehr wünschte ich also, mit einigen Fonds in diesem Jahre ausgeholfen zu werden, und ich frage Dich nun darum, ob Du das möglich machen kannst, sei es durch Dich selbst oder durch Deinen Credit ....
Es ist mir schwer gefallen, über diesen Punkt offen zu werden, und ohne das Zureden Sophiens hätte ich es unmöglich gekonnt. Ich füge weiter nichts hinzu, lieber Bruder, als daß jede Zeile, die ich Dir heute schrieb, lautere nackte Wahrheit ist, und daß ältere Schulden mich keine drückt noch ihrer mehr existirt.
Auf diesen Brief erfolgte sofort in echt brüderlicher Weise Hülfe durch Uebersendung einer ansehnlichen Summe. Brockhaus antwortete in einem Briefe vom 18. September, dessen Anfang eine gemüthvolle Erinnerung an seine Kinderzeit enthält:
Woran erinnerst Du mich, lieber Bruder, durch die Erzählung Deiner Reise zum guten lieben Onkel? An die auch für mich glücklichsten Stunden meines Lebens, das damals so eben und heiter dahinfloß wie ein rieselnder Bach! An die Jahre meiner Kindheit, meines Jünglingsalters, die des jungen Mannes, wo ich, noch unbekannt mit den Täuschungen des wirklichen Lebens, an der Pforte desselben stand und mit hochfliegendem Sinne und Herzen, ach! die schönsten Hoffnungen von der Zukunft und den Menschen überhaupt hatte und auch wol berufen und geeignet war, sie haben zu dürfen. Damals ahndete ich den giftigen Mehlthau nicht, der sich auf die Blume meines Lebens setzen und Jahre lang desselben würde vergiften machen! O die Zeiten, lieber Bruder! wie wir mit dem guten und geistvollen Onkel[29] dann durch die langen und fruchtbaren Aecker und zwischen dem wogenden Meer der vollen sich niedersenkenden Aehren einhergingen nach dem Kloster Welver, oder nach Dinker oder zur Kirmeß — ich weiß nicht wo, wie heitere und seelenvolle Gespräche uns erquickten, ländliche Kost uns erfreute, wie wir von Alt und Jung gegrüßt, ehrerbietig gegrüßt wurden, von allen Menschen als Freunde behandelt und zärtlich gepflegt wurden.
Mir ist der Onkel immer wie der ehrwürdige Pfarrer zu Grünau, von dem Voß in seiner »Luise« ein so hinreißend entzückendes Gemälde aufgestellt hat. Damals litt der gute Onkel immer viel, er war kränklich und seinem Leben schienen nur noch kurze Tage zu harren. Es freut mich unendlich, daß unsere Furcht sich darin nicht bewahrheitet, und ich gebe noch keineswegs die Hoffnung auf, ihn noch einmal, ehe er oder ich jene furchtbare Reise antreten, von der kein Wanderer zurückkommt, an meine Brust zu drücken. Vielleicht ist diese Zeit selbst näher als ich noch vor kurzem hätte denken können. Es ist nämlich sehr wahrscheinlich, daß ich nächste Ostern selbst mit nach Leipzig gehen werde. Unsere dortigen Geschäfte und Berechnungen, Tausche, Einkäufe, Arrangements mit Druckereien, Papierhandlungen, Autoren u. s. w. sind wichtig und mannichfaltig genug, um die Kräfte eines Mannes alleine zu übersteigen und auch von zu bedeutenden Folgen, um sie einem auch noch so guten Commis anvertrauen zu können. Wenn es mir also nur irgend möglich ist, so habe ich zur Absicht, alle Jahre, so Gott will, selbst Ostern nach Leipzig zu gehen in Begleitung eines Gehülfen, der den mechanischen Theil des Geschäftes und der Berechnungen besorgt. Ich habe zu einer solchen Reise mehrere Reiserouten vor mir, werde aber gewiß, wenn meine dortigen Angelegenheiten einmal in Ordnung sind, wofür ich möglichst sorgen werde, zur Hin- oder Herreise immer die über Dortmund nehmen. Bei Lesung Deines letzten Briefs, lieber Bruder, ist mir dabei der Gedanke eingefallen, wie außerordentlich nützlich für Dein Geschäft, erhebend für Deine Seele und stärkend für Deinen Körper es sein würde, wenn auch Du es einrichtetest, alle Jahre einmal abwechselnd nach Frankfurt oder Leipzig zu gehen, und wir dann vielleicht dann und wann solche Reisen hin oder zurück zusammen machen könnten. Der Gedanke, theuerster Bruder, ist mir so ausführbar vorgekommen, daß ich ihn gar nicht loswerden kann! und doch ist es mir zu reizend, als daß ich es mir wieder zu schmeicheln wagen mag, daß er wirklich werde ausgeführt werden ....
Zu meinem jetzigen Geschäfte, wie es jetzt geht, bedarf ich durchaus noch einiger Fonds, und es ist nicht dem allermindesten Zweifel unterworfen, daß, wenn ich nur noch so viele habe, als ich oben gedachte, es mir möglich sein wird, dasselbe auf einen solchen Fuß zu halten und zu setzen, daß für mich und meine Familie die segensreichsten Folgen daraus entstehen werden. Die Zeiten der Chimären und der Luftschlösser sind bei mir vorbei: was ich jetzt thue und treibe, beruht auf dem sichersten Calcul. Nur der sehr gute Erfolg mehrerer unserer Unternehmungen hat übrigens auch nur diese noch nöthige Alimentation veranlaßt, da wir nicht im Stande sind, diese Unternehmungen aufzuhalten, die Fonds dafür aber erst im nächsten Jahre u. s. w. eingehen. So müssen wir von Villers' Briefe über Lübeck schon wieder zwei neue deutsche und französische Auflagen machen, ob wir gleich viele Tausend von der ersten haben drucken lassen. So von einem französischen Handbuche für Reisende durch Deutschland ebenfalls schon wieder die zweite Auflage, obgleich die erste von 2000 Exemplaren erst im Januar und Februar erschienen. So ist das Glück, das die »Vertrauten Briefe« machen, woran ich ein Viertel habe, außerordentlich. Aber diese glücklichen Unternehmungen erfordern gerade deswegen Nachschüsse, worauf ich nicht gerechnet, und die, da wir im Laufe des Jahres so wenig einnehmen, mich sehr en peine setzen für den Rest des Jahres, besonders da es hier platterdings gar keine Ressourcen für mich gibt, und ich Alles und Alles aus mir selbst schöpfen muß. Es sind indessen keine großen Summen, deren ich jetzt bedarf, und mit einigen tausend Gulden, die ehemals ein Tropfen im Eimer gewesen wären, kann ich über die kleinen Sorgen nun alle wegkommen. Und doch drücken solche außerordentlich und sie müssen auf immer weggeräumt werden.
Darauf folgt, unter herzlichem Danke für das zunächst Gewährte, die Bitte um eine weitere größere Summe, die er bestimmt im nächsten Jahre zurückerstatten will: »Du könntest darauf wie auf Deine Existenz rechnen!« Er schließt:
Du kennst nun meine Sorgen und meine Hoffnungen alle. Vertraue, vertraue auf mich. Mein Dank, Sophiens Dank, unser Aller Dank wird Dich für alles Gute, was Du uns schon gethan, Du allein uns gethan, bis zum letzten Odemzuge begleiten .... Wir Alle grüßen euch Alle tausendmal.
Als auf diesen Brief eine abschlägige Antwort kam, weil der Bruder, trotz seiner steten Bereitwilligkeit zu helfen, diesmal die Bitte nicht erfüllen konnte, entschloß sich Brockhaus' Frau ohne Vorwissen ihres Mannes nochmals an den Schwager zu schreiben. Ihr Brief, einer der wenigen, die von ihr erhalten sind, gibt ein treues Bild ihrer einfachen, aber gediegenen und gesunden Natur. Das im Eingang des Briefs erwähnte sechste Kind, Max, war wenige Monate vorher, am 19. Juni 1807, geboren worden; es starb übrigens nach kaum drei Jahren, im März 1810, in Dortmund. Sie schreibt aus Amsterdam vom 29. September 1807:
Lieber Herr Bruder!
Ich schreibe Ihnen diesen Brief ohne Vorwissen meines guten Brockhaus; dieser ist auf Comptoir, und ich sitze hier im Kreise aller meiner Sechse, Max schläft eben, und das Kindermädchen mag sehen, wie sie ein halb Stündchen mit den übrigen fertig wird, denn ich muß absolut mit Ihnen sprechen.
Daß es uns gut geht, daß wir zufrieden sind, daß Brockhaus in seinen Geschäften glücklich ist, sich glücklich darin fühlt, daß wir bei dem schrecklichen Lauf der Weltbegebenheiten und der Zernichtung des englischen Handels hier (für den, der nicht über große Fonds zu disponiren hat) sehr froh sind, die Trümmer unsers Vermögens in ein Geschäft gerettet zu haben, das, wenn es, wie es scheint, mit dem Glücke fortgeht, als es angefangen wurde, uns ein redliches Bestehen sichern wird — dies Alles, werthester Bruder, wissen Sie wohl und gewiß von Brockhaus. Aber Brockhaus findet gerade jetzt in dem guten Fortgange seines Geschäfts Veranlassung zu Sorgen, auf die er nicht gefaßt war und die ihn erstaunlich angreifen, da er sich möglich denkt, daß, wenn er gar nicht im Stande wäre Hülfe zu finden, alle unsere guten Aussichten wieder zusammenfallen, er seinen unbegrenzten Credit in Leipzig, den er sich so mühsam angebaut, verlieren, und wir Alle dann eigentlich unglücklich werden könnten. Sie wie ich würden ihm hier dann die Erinnerung machen können, daß er sich nach seinen Mitteln hätte einschränken müssen; allein er bemerkt darauf, daß sich das nicht auf ein paar tausend Gulden im ganzen Jahre lang berechnen ließe &c. Das kann ich auch nicht beurtheilen. Aber die Sache ist, daß hier in Brockhaus seinem Geschäft Alles auf Jahresrechnung geht, er aber Vieles beständig bezahlen muß, Frachten, Papier, Druckerlohn &c. beständig viel Geld wegnehmen, und daß Brockhaus, um Credit zu kriegen, Vieles hat prompt bezahlen müssen, wo er in Zukunft Credit haben wird — kurz, Brockhaus hat für den Lauf dieses Jahres noch ein paar tausend Gulden zu bezahlen, wozu er hier keine Aussicht hat, um sie in diesem Jahre anschaffen zu können. Wir leben erstaunlich eingezogen, haben fast mit keinem Menschen Umgang, und wo wir Freundschaft mit haben, die haben keine Mittel, worüber sie disponiren können, und in Amsterdam muß man nicht mit Geldfragen kommen: eine kalte abschlägige Antwort ist, was man zu erwarten hat, und ihre Achtung und Freundschaft, ja gar Vertrauen — Alles ist weg.
Brockhaus hat sich also, lieber Bruder, in seinen Sorgen um die paar tausend Gulden, die ihm die Kohlen auf den Fuß legen, an Sie gewendet, weil er hoffte, daß Sie in Ihrem Verhältnisse eher Rath dazu schaffen könnten und aus Liebe für uns Alles thun würden, was in Ihren Kräften wäre. Schrecklich war daher gestern seine Täuschung, als Ihr Brief ihm sagte, daß Sie jetzt nicht könnten. Der Himmel weiß es, wie er es machen wird, da ich weiß, daß er in acht Tagen schon ein paar Wechsel bezahlen muß und im nächsten Monat Alles gebraucht. Mir ist also eingefallen, ob Sie in Verbindung und in Ueberlegung mit Luise[30] und Rittershaus die doch nicht gar große Summe zusammenbringen könnten. Rittershaus hat Vermögen und Credit, und ich vertraue auf Luise, daß sie etwas auf Rittershaus vermag und er ihr und mir eine solche Gefälligkeit nicht abschlagen werde. Ich weiß auch, daß Brockhaus im Stande ist, es ihm nöthigenfalls im Januar oder zur Ostermesse wieder zurückzugeben, vielleicht könnte er ihm Kleie dafür senden. Das Wenige, was mir früher oder später zufallen wird, gebe ich auch gern bis zum Ersatz. Ueberlegen Sie es also mit Luise. Thun Sie, was Sie können, Sie machen mich dadurch zum glücklichsten Weibe. Ich habe nicht nöthig, Ihnen zu erinnern, daß es mir lieb sei, wenn darüber kein Gerede entstehe. An Luise schreibe ich nur ein paar Zeilen, Sie werden die Güte haben, sie von der wahren Lage der Sachen zu unterrichten, daß es nicht Mangel überhaupt ist, sondern Verlegenheit gegen Ende des Jahres und unvorhergesehene starke Ausgaben und da wir keine Ressourcen haben. O wie glücklich würde ich sein, wenn der nächste Posttag mir sagte, daß Sie etwas für uns thun könnten — Ihr Herz bürgt mir für Ihren Willen.
Nicht mit ganz frohem Herzen sage ich Ihnen Lebewohl. An Lottchen und Papa tausend Grüße. Ich bin Ihre Sie hochschätzende Schwester
Sophie Brockhaus.
Ob ihre Bitte Erfolg hatte, geht aus den wenigen aus dieser Zeit erhaltenen Briefen nicht hervor, doch ist es wahrscheinlich, da in den nächsten Monaten von finanziellen Verlegenheiten nicht weiter die Rede ist.
5. Reisen zur leipziger Buchhändlermesse.
Bei der Bedeutung und Ausdehnung, die Brockhaus' buchhändlerisches Geschäft rasch erlangt hatte, war es (wie er auch unterm 18. September 1807 seinem Bruder schrieb) seine bestimmte Absicht, alljährlich Ostern zur Buchhändlermesse nach Leipzig zu reisen. Ein Besuch derselben war zu jener Zeit noch wichtiger als er es gegenwärtig ist, besonders für den Besitzer eines neuerrichteten Geschäfts; auch hatte er bereits vielfache geschäftliche Beziehungen in Leipzig, deren Pflege und Erweiterung ihm am Herren lag; endlich freute er sich darauf, die Stadt wiederzusehen, in der er als junger Mann eifrigen Studien obgelegen und wol zuerst den Entschluß gefaßt hatte, selbst einmal den Buchhändlerstand zu wählen.
Im Frühjahr 1808 hoffte er den langgehegten Plan zum ersten male ausführen zu können, allein seine Hoffnung wurde wieder vereitelt. Kurz nach der Michaelismesse 1807 hatte er plötzlich denjenigen Gehülfen verloren, der, wie er in einem Circulare sagt, »zeither unser schnell wichtig gewordenes deutsches Sortimentsgeschäft allein besorgt und dirigirt hatte«; es war der in seinem Briefe vom 25. August 1807 erwähnte Gehülfe, der im Herbst 1806 aus Hannover in das Geschäft getreten war und in der Ostermesse 1807 das Kunst- und Industrie-Comptoir in Leipzig vertreten hatte, doch ist uns weder sein Name noch der Grund seines plötzlichen Wiederaustritts aus dem Geschäfte bekannt. Brockhaus engagirte zwar sofort einen andern Gehülfen, Namens Zinkernagel, der bisher in der Buchhandlung von Heinsius in Leipzig angestellt gewesen war, schloß mit ihm nach damaliger Sitte sogar einen Contract ab und schickte ihm Reisegeld sowie einen Vorschuß; aber statt des sehnlichst erwarteten Gehülfen traf im Februar 1808 ein Brief von dessen bisherigem Principale ein, worin dieser bat, ihm denselben ganz oder wenigstens noch bis zur Ostermesse zu lassen, wo er dann ja zugleich die Geschäfte seines neuen Hauses besorgen könne. Brockhaus lehnte unterm 29. Februar diese »Zumuthung«, die ihm »sehr auffallend und befremdend« sei, mit der ihm eigenthümlichen Bestimmtheit und Offenheit ab, indem er dem Briefe an Heinsius in einem Gemisch von Ironie und Zorn hinzufügte: »So vielen Antheil wir auch an Ihrer persönlichen Wohlfahrt und an dem regelmäßigen Gange Ihrer Geschäfte immerhin nehmen, so kann dieser Antheil sich doch nicht so weit erstrecken, daß wir darum unsere eigene Wohlfahrt aufopfern und unsere nicht unbedeutenden Geschäfte nur in Wirrwarr sich auflösen lassen sollen. Es entspricht ebensowenig der Lage unserer Geschäfte, Herrn Zinkernagel die Ostermeßgeschäfte thun zu lassen und ihm oder Ihnen zuzugestehen, daß er in Erwartung derselben einstweilen dorten bleibe. Der Chef unserer Handlung wird selbst diese Messe besuchen, und geschieht das nicht, so werden wir diejenigen Maßregeln nehmen, die uns am zweckmäßigsten dünken. Wir geben heute Herrn Zinkernagel wiederholt auf, ohne Verzug eines einzigen Tags seine Reise hierher anzutreten.« Trotz alledem scheint Zinkernagel gar nicht nach Amsterdam gekommen zu sein.
Nur wenige Wochen nach diesem Briefwechsel, am 12. April, schreibt Brockhaus an den Buchhändler Heyse in Bremen: er habe von Herrn Culemann in Hannover gehört, daß sich bei ihm ein junger Mann befinde, der sich zum Gehülfen in seiner Handlung eigne, und bitte ihn um Auskunft über denselben; er stehe zwar bereits mit einem andern in Unterhandlung, diese werde sich aber wahrscheinlich zerschlagen. Heyse scheint dem jungen Manne ein gutes Zeugniß gegeben zu haben, denn am 30. April meldet Brockhaus wieder an Heyse, daß er ihn engagire. Der Betreffende kam denn auch wirklich nach Amsterdam. Es war dies Friedrich Bornträger, der spätere Verlagsbuchhändler in Königsberg; er blieb drei Jahre lang bei Brockhaus und wurde während dieser Zeit dessen Vertrauter, sodaß wir ihm fortan viel begegnen werden.
Leider konnte auch er nicht sofort, sondern erst im Sommer seine Stelle antreten, wahrscheinlich weil Heyse ihn nicht eher entbehren konnte. Brockhaus schreibt darüber an Letztern:
Nun, es sei denn, haben wir uns seit 4-5 Monaten durchgeschlagen und darüber sogar die Messe versäumen müssen, so mag es denn auch noch 4 à 5 Wochen hingehen. Aber wir rechnen auf Ihr Wort auf das unbedingteste, daß Herr Bornträger am 12. Juni von Bremen abreisen kann. Wir machen darüber nicht weiter viele Worte. Ein Wort für hundert.
Wir wünschen Ihnen die beste Reise zur Messe, und bedauern wir nur, daß durch das Ausbleiben unsers engagirten Gehülfen es uns persönlich reine Unmöglichkeit geworden ist, ebenfalls die Messe zu besuchen, da wir in jeder Hinsicht so nothwendig dorten wären. Ob wir gleich Herrn Reclam gefunden haben, der unsere Meßgeschäfte wahrnehmen will, so kann er es doch nur halb. Vieles muß ganz versäumt werden, Vieles muß noch besorgt werden, das für Herrn Bornträger seine erste Arbeit sein muß.
An Bornträger selbst meldet er unterm 27. Mai, daß er ihm einige seiner letzten Kataloge mit Gelegenheit nach Aurich geschickt habe, und fügt folgende Worte hinzu, aus denen hervorgeht, wie er jede Gelegenheit zum Weiterausbau seines Geschäfts benutzte:
Nehmen Sie solche in Empfang und machen Sie davon auf Ihrer Hierherreise den möglichst nützlichsten Gebrauch. Da Ostfriesland jetzt zu Holland gehört, mithin von dort viele Berührungen mit Amsterdam, als dem Sitze des Gouvernements, Platz haben werden, wo der reiche Adel hierhin zu Aemtern und Ehrenstellen gezogen wird und manche andere Connexion stattfinden wird, so könnte Ostfriesland auch für uns nicht ganz ohne Bedeutung werden. Früher haben wir dies sonst nicht ambitionirt, weil damals Bremen und Hannover passender war.
In der Besorgniß, daß der junge Mann sich deshalb zu lange unterwegs aufhalten könne, warnt er ihn übrigens sofort, dies ja nicht zu thun, und schließt:
Wie gedenken Sie Ihre Reise hierhin zu machen? Und wann werden Sie abreisen? Wir erwarten Sie mit dem lebhaftesten Verlangen und sind Ihnen mit Freundschaft zugethan.
Der Gebrauch des »wir« statt »ich« selbst in solchen Briefen persönlicher Art erklärt sich daraus, daß Brockhaus in dieser Zeit alle Briefe, auch eigenhändige, mit der Firma »Kunst- und Industrie-Comptoir« unterschrieb und nur bisweilen noch seinen Namen hinzufügte.
Daß er nicht nach Leipzig zur Messe kommen könne, zeigte er dem Buchhandel in einem vom 24. April aus Amsterdam datirten Circulare ausdrücklich an, vermuthlich, weil er schon Vielen sein Hinkommen in Aussicht gestellt hatte. Er erwähnt darin, wie gegen Heyse, daß auf seine Bitte Herr Karl Heinrich Reclam sich entschlossen habe, diesmal für das Kunst- und Industrie-Comptoir zu rechnen und das ganze Meßgeschäft zu besorgen. Daß Herr Gräff, sein bisheriger leipziger Commissionär, dies nicht besorge, erklärt er damit, daß »unsere Meßgeschäfte seinen ganzen Mann erfordern und Herr Gräff so sehr mit eigener Arbeit überhäuft ist, daß wir diesem die unserige mit wahrzunehmen nicht zumuthen konnten«; doch wird dies wol nur eine der bei einem Wechsel des Commissionärs auch heutzutage noch üblichen Höflichkeitsphrasen gewesen sein und der wahre Grund in Differenzen mit Gräff gelegen haben. Zugleich kündigt er an, daß er in Ansehung der ihm für sein Sortimentsgeschäft zu sendenden Neuigkeiten nothgedrungen »eine neue Ordnung einführen« müsse; er erhalte zu viel für ihn unnütze Artikel, werde deshalb künftig nach dem Meßkataloge selbst wählen und bitte daraus einen Maßstab für seine Bedürfnisse außer den Messen zu entnehmen. Dann fährt er fort:
Bei der ununterbrochenen Aufmerksamkeit, die wir auf Alles haben, was in Deutschland erscheint, entgehen uns ohnehin diejenigen Artikel nicht leicht, welche wir hier besonders gebrauchen können. Wir interessiren uns für die Verbreitung der deutschen Literatur in Holland auf das lebhafteste, wie Ihnen nach dem Maße unsers seitherigen Bedürfnisses bei so kurzer Dauer unsers Etablissements schon wird bemerkbar gewesen sein. Jetzt, da unsere Stadt noch zur königlichen Residenz erhoben worden ist, da sich das Gouvernement und das diplomatische Corps ebenfalls hierher begibt, jetzt haben wir bei unserer Thätigkeit Aussicht, daß unsere Geschäfte sich noch bedeutend heben werden, besonders wenn wir einmal Frieden mit England bekommen sollten. Uns in diesem Bestreben zu unterstützen, ist unsere ergebenste Bitte an Sie. Wir werden uns bemühen, Ihnen dadurch selbst nützlich zu werden, und Ihr Vertrauen gebührend zu achten wissen.
Dem Circulare ist ein Verzeichniß seiner »Novitäten zur Ostermesse 1808«, der in seinem Verlage neu erschienenen und, wie damals üblich, auf die Messe mitgebrachten Werke, beigefügt. Auch zahlreiche »Commissionsartikel« werden dabei vorgeführt, meist Verlagsartikel holländischer Buchhändler, darunter auch »der Schenkische Atlas von Sachsen«, und Musikalien, mit der Bemerkung, daß das Kunst- und Industrie-Comptoir es »gern übernehme, alle in Holland herausgekommenen und herauskommenden Bücher zu besorgen, wenn solche noch im Buchhandel zu haben« — ein Zeichen, daß Brockhaus sein Geschäft nach allen Richtungen hin ausdehnte und ihm namentlich immer mehr einen internationalen Charakter zu geben suchte.
Unter den »gegen Ende des Jahres erscheinenden Neuigkeiten« werden in dem Circulare zwei Werke aufgeführt, die später weder bei ihm noch unsers Wissens überhaupt erschienen sind: ein »Lehrbuch des Staatsrechts des Rheinischen Bundes« von Hofrath und Professor Seidensticker in Jena und eine »Deutsche und französische Encyklopädie für die Jugend gebildeter Stände, in einem dreijährigen Cursus zum Unterricht in den nöthigsten Vorkenntnissen und zur Beförderung der Fertigkeit, beide Sprachen verstehen, schreiben und sprechen zu lernen«, von Hofrath und Professor C. G. Schütz in Halle. Ueber letzteres Werk finden sich auch zwei Briefe von Brockhaus an Schütz, in deren erstem (vom 22. Februar 1808) er den nähern Plan und einige Proben der ihm zuerst von Schütz angebotenen Encyklopädie verlangt, während er in dem zweiten, ein volles Jahr später (am 8. Mai 1809) geschriebenen, kurz sagt, daß er jetzt auf die Anerbietung nicht eingehen könne. Charakteristisch ist die Vorsicht, mit der er gleich anfangs das Anerbieten beantwortet:
Wenn das Werk nur nicht zu bändereich werden sollte, was wir bei unsern Unternehmungen gar nicht lieben, und es in nicht langer Zeit kann complet geliefert werden, Ew. Wohlgeboren uns auch in Rücksicht des Honorars nur sehr billige Bedingungen machten und der Plan übrigens unsern Beifall erhielte, so dürften wir vielleicht auf die Anerbietung eingehen.
Noch interessanter für uns ist aber folgende Stelle desselben Briefs:
Wir erlauben uns bei dieser Gelegenheit die Anfrage: ob nicht das von Ew. Wohlgeboren schon seit geraumer Zeit angekündigt gewesene Lehrbuch über encyklopädische Literatur bald erscheinen werde? Schreiber Dieses erinnert sich mit sehr vielem Vergnügen einiger Vorlesungen, die er vor etwa 10 Jahren bei einer Reise durch Jena hierüber von Ew. Wohlgeboren hörte, und war es, glaubt er, schon damals ein allgemeiner Wunsch, einen gedruckten Grundriß zu diesem von Ew. Wohlgeboren jährlich wiederholten Cursus zu besitzen; seitdem ist derselbe, wenn wir nicht irren, mehrmalen in den Meßkatalogen angekündigt worden, aber, soviel wir wissen, immer nicht erschienen. Sollten von seiten der Verlagshandlung Schwierigkeiten dabei stattfinden, so würden wir uns darüber mit Ew. Wohlgeboren zu einigen wünschen.
Der hier erwähnte kurze Besuch in Jena hatte jedenfalls 1794 oder 1795 während Brockhaus' Aufenthalts in Leipzig zu seiner Ausbildung oder nach Beendigung desselben auf der Rückreise nach Dortmund stattgefunden; er benutzte also die wenigen Tage seines Aufenthalts in Jena zum Besuche der Vorlesungen des damals sehr angesehenen Hofraths Schütz und wahrscheinlich noch anderer Professoren: ein neuer Beweis seines schon damals regen Interesses für Literatur und Wissenschaft.
Gleich in dieser ersten Zeit seiner Verlegerthätigkeit begnügte sich Brockhaus nicht damit, die Manuscripte einfach so abzudrucken, wie sie ihm von den Verfassern zukamen, vielmehr prüfte er sie genau und wirkte oft auf ihre Abänderung hin. So sagt er in einem Briefe an Legationsrath Bertuch in Weimar vom 12. Juli 1808, mit welchem er diesem das Manuscript des (ebenfalls in Weimar lebenden) Freiherrn von Groß über die Kriegsgeschichte der Jahre 1792-1808 zum Druck schickte:
Wir schreiben dem Herrn Verfasser heute weitläuftiger über Titel, Form und Inhalt, welche unsere Bemerkungen er Ihnen zur gefälligen Mitbeurtheilung communiciren wird. Der Inhalt und der Plan wie die ganze Idee des Werks hat unsern Beifall und wir haben daran nichts oder wenig zu erinnern. Die Form und der Stil aber ist nicht so, wie er sein könnte und wie er im jetzigen Zeitalter gefordert wird. Es könnte diesem aber ohne besondere Mühe nachgeholfen werden, wenn vor dem Drucke ein guter Stilist das Manuscript revidirte und hin und wieder wegschnitte oder nachhülfe. Sie würden uns unendlich verbinden, wenn Sie dazu Jemanden auffinden wollten. Wir verstehen uns gern zu einer billigen Vergütung. Zum Titel haben wir dem Herrn Verfasser zwei Vorschläge gemacht. Prüfen Sie solche gefälligst. Wir lassen uns gerne sagen ..... Wir empfehlen Ihnen das Werk des Herrn von Groß so, als wäre es Ihr eigenes. Dies ist genug gesagt. Rechnen Sie auf unsern Dank und unsere Erkenntlichkeit. Es wird nicht möglich sein wahrscheinlich, Ihnen in den ersten vier Wochen darüber näher zu schreiben, da Schreiber dieses wahrscheinlich in der andern Woche nach Paris reisen muß, indem wir mit einer französischen Buchhandlung wegen Ueberlassung der Massenbach'schen Memoiren (im Manuscript) zu einer französischen Uebersetzung in Unterhandlung sind, was auch mit Philips in London der Fall ist. Handeln Sie darum in zweifelhaften Fällen nach bester eigener Einsicht. Alles, was Sie thun, ist und wird wohlgethan sein. Michaelis muß nur Alles fertig sein. Bei irgendeiner Möglichkeit kommt Schreiber dieses zu Michaelis nach Leipzig. Die Verhältnisse unserer Handlungen werden gewiß zu Ihrer Zufriedenheit auseinander- und fortgesetzt werden.
Ueber die Massenbach'schen Werke sagt er noch in demselben Briefe:
Vom Obersten von Massenbach haben wir nun sein Tagebuch, seine Memoiren von 1787 bis 1807 und Rückerinnerungen an große Männer übernommen: ohne Zweifel mit die interessantesten Werke, welche über die neuere Geschichte seit zwanzig Jahren sind bekannt gemacht worden. Das bei Sander von Massenbach angekündigte Werk erscheint nicht und wird in eins dieser verschmolzen. Die in Berlin gestochenen Karten und Pläne, von denen schon sechs fertig sind, werden Ihnen als Kenner viele Freude machen. Wir haben in Deutschland noch nichts von gleicher Vollendung gesehen.
Die mit einer französischen Handlung (Treuttel & Würtz in Paris) angeknüpften Verhandlungen wegen einer Uebersetzung oder Bearbeitung der Massenbach'schen Memoiren zerschlugen sich übrigens, und infolge dessen unterblieb auch vorläufig die Reise nach Paris.
Brockhaus reiste dagegen im Herbst 1808 zur Michaelismesse nach Leipzig; es war das erste mal, daß er diese Stadt als Buchhändler besuchte, damals wol nicht ahnend, daß er daselbst einen großen Theil der nächsten Jahre, während sein Geschäft noch in Amsterdam war, zubringen und später selbst mit seinem Geschäfte, nach einer kurzen Zwischenperiode in Altenburg, bleibend dahin übersiedeln werde.
Die Michaelismesse in Leipzig hatte damals für den Buchhandel eine größere Wichtigkeit als jetzt, wo sie nur noch den Endtermin für die in der Ostermesse nicht vollständig erledigten Zahlungen bildet. Brockhaus wollte seine zu Ostern dieses Jahres unmöglich gewordene Reise nach Leipzig nicht wieder bis zur Ostermesse des nächsten Jahres aufschieben, weil es ihm nach dem im Juni erfolgten Eintritte des neuen Gehülfen Bornträger eher möglich war, sich auf einige Wochen von Amsterdam zu entfernen, und außerdem der Stand seiner Angelegenheiten in Leipzig eine persönliche Anwesenheit daselbst dringend nöthig machte.
Der dortige neue Commissionär Reclam hatte nämlich die ihm übertragenen Meßgeschäfte durchaus nicht zu Brockhaus' Zufriedenheit besorgt. Ohne in diesem Falle, wie in manchem ähnlichen, uns auf die eine oder die andere Seite der streitenden Parteien zu stellen — wozu die noch vorhandenen Actenstücke meistens auch nicht ausreichen — suchen wir die Sachlage möglichst objectiv darzulegen.
Brockhaus veröffentlichte sofort nach seiner Ende September erfolgten Ankunft in Leipzig ein Circular, datirt Leipziger Michaelismesse 1808, dem wir Folgendes entnehmen:
Der Chef unserer Handlung, Herr Brockhaus, findet bei seiner Ankunft in Leipzig zur Messe ein Circular des Herrn Reclam vor, worin sich dieser Mann über die Vorwürfe, die wir ihm privatim wegen der Besorgung unserer Geschäfte gemacht haben, öffentlich verantwortet. Die Pflichten, die wir gegen unsere Handlung haben, erlauben es uns nicht, zu diesem so ungewöhnlichen Circulare des Herrn Reclam ganz zu schweigen, ob wir gleich glauben, daß Herr Reclam durch den Charakter dieses seines Circulars gerade unsere Vertheidigung führe, da es nicht auffallen kann, daß man mit Jemandem, dessen Seele sich so ausspricht, als hier in diesem Circulare geschieht, leicht zerfallen könne und mit ihm nicht gut zu leben und zu wirken sein müsse. Hier jedoch eine kurze Erwiderung.
Darauf folgt zunächst eine Erzählung der uns bereits bekannten Umstände, daß er seit der Michaelismesse des vorigen Jahres seinen bisherigen Gehülfen verloren habe u. s. w.; »noch nicht an das Mechanische dieses Geschäfts gewöhnt und im Gedränge unserer sonstigen mannichfaltigen Arbeiten, konnte es nicht anders sein, als daß in der Zwischenzeit von Michaelis bis Ostern Manches nicht mit der Ordnung besorgt werden konnte, die allerdings strenge genommen gefordert werden kann.« Er habe trotzdem Ende April die Meßstrazzen an Reclam sowie die Noten der Remittenden gesandt und ihn dadurch in den Stand gesetzt, wenigstens mit allen Handlungen rechnen zu können. Dies sei aber großentheils nicht geschehen und darüber ein Briefwechsel entstanden, »der von unserer Seite vielleicht nicht ohne Heftigkeit (!), von der Seite des Herrn Reclam mit roher Plumpheit (!) geführt wurde«. Leider ist dieser gewiß auch für Brockhaus charakteristische Briefwechsel unsers Wissens nicht erhalten, und ebenso wenig war es uns möglich, das betreffende Circular Reclam's zu erhalten, dessen Fehlen uns verhindert, auch die andere Partei zu hören.
Brockhaus fährt fort:
Wir eilten nun, alle Verhältnisse mit ihm abzubrechen, und wir drangen mit Ungestüm auf Abrechnung und auf das Zurücksenden der Bücher. Erstere erfolgte endlich gegen Ende Juli. Unser Soll und Haben glichen sich ganz aus. Die Bücher aber haben wir erst den 9. September, also vier Monate nach der Ostermesse, zurückerhalten!! Diese unerhörte Vernachlässigung war für uns um so empfindlicher, da wir, wie schon gesagt, ohne alle und jede detaillirte Berichte von Herrn Reclam geblieben waren und wir uns ganz außer Stand gesetzt sahen, irgendetwas zu unternehmen, was die Ausgleichung der offen gebliebenen Contis pro und contra hätte befördern können. Daß wir uns hierüber mit Nachdruck geäußert haben, wird Jeder begreifen, der sich in unsere Lage hineindenken will, da durch die Folgen des Betragens und der Geschäftsführung des Herrn Reclam sich unser ganzes Sortimentsgeschäft aufzulösen drohte. Die Entschuldigungen des Herrn Reclam, oder die Invectiven vielmehr, womit er uns zu überschütten beliebt, sind ohne allen Grund: er war unser Commissionär, nicht unser Chef. Er mußte entweder unser Geschäft nach unsern Angaben und Aufträgen ausführen, oder — es gleich abgeben. Dies hat er nicht gethan; wir sind gezwungen gewesen, es ihm zu nehmen.
So weit unsere Antwort durch Worte. Jetzt die durch die That. Wir haben am 9. September unsere Bücher zurückerhalten. Zwölf Tage nachher ging der Chef unserer Handlung schon wieder nach Leipzig. Es war natürlich unmöglich, in dieser Zwischenzeit von Hause aus etwas zur finalen Ausgleichung der für und gegen offenstehenden Rechnungen zu thun. Es wird dies jetzt zur Messe geschehen: wir werden alle noch restirenden Saldi rein und baar abbezahlen, sollte auch an uns, die weit mehr zu empfangen als zu zahlen hatten, kein einziger Pfennig hier eingehen.
Jetzt beurtheile jeder rechtliche Mann das Betragen des Herrn Reclam gegen uns, und Ton und Farbe seines Circulares!
Wir haben uns hier an eine trockene Darstellung der Thatsachen gehalten; wir achten uns zu sehr, um die Invectiven des Herrn Reclam mit gleichen zu beantworten. Wir trauen es auch wenigstens seinem eigenen Verstande zu, daß er — um uns hier milde auszudrücken — seine Leidenschaftlichkeit und Unvorsichtigkeit erkennen, und darüber nicht ohne Schamgefühl bleiben werde.
Wie die Angelegenheit mit Reclam geordnet wurde, ist uns nicht bekannt; wir wissen nur, daß zunächst der Buchhändler Johann August Gottlob Weigel an Reclam's Stelle die leipziger Commission für Brockhaus übernahm. Letzterer sagt in dem ersten aus Leipzig an Bornträger nach Amsterdam geschriebenen Briefe vom 4. October: »Ich habe meiner Frau über die wichtigsten Angelegenheiten direct geschrieben; sie wird Ihnen das mittheilen, und ich beziehe mich darauf, um mich nicht zu wiederholen, wozu es mir an Zeit fehlt.« Dieser Brief an seine Frau ist aber leider nicht mehr vorhanden.
Dagegen ist von dieser ersten Geschäftsreise nach Leipzig ein Actenstück erhalten, dessen Gegenstand von der größten Wichtigkeit für sein ganzes Leben wurde: der Contract über den Ankauf des »Conversations-Lexikon«.
Brockhaus ist nicht sozusagen der »Erfinder« des »Conversations-Lexikon«, wie Viele meinen; es hat vor seiner Zeit in der deutschen wie in mancher andern Literatur ähnliche Werke gegeben, und selbst dasjenige »Conversations-Lexikon«, das zum Grundstein seines nach harten Schicksalsprüfungen endlich festbegründeten Hauses wurde und seitdem den Mittelpunkt der umfassenden Verlagsthätigkeit desselben gebildet hat, ist nicht von ihm selbst begonnen worden, sondern war in der ersten Auflage bereits fast ganz vollendet, als er es ankaufte, wie auch der Name »Conversations-Lexikon« nicht von ihm herrührt. Und dennoch ist er als der eigentliche Begründer des Werks anzusehen und gilt auch in der deutschen Literatur mit Recht als solcher, da er erst durch seine Energie, Intelligenz und Umsicht dasselbe zu dem machte, was es für ihn, für sein Geschäft und für die Welt geworden ist. Wenn es überhaupt bei buchhändlerischen Unternehmungen viel weniger auf die erste Idee, als auf die geschickte und praktische Ausführung derselben ankommt, so trifft dies besonders in diesem Falle zu.
Dasjenige Werk, welches in den Verlagskatalogen der Firma F. A. Brockhaus als die erste Auflage ihres »Conversations-Lexikon« bezeichnet ist, mit den spätern Auflagen desselben aber nicht viel mehr noch als den Titel gemein hat, wurde im Jahre 1796 unter dem Titel: »Conversations-Lexikon mit vorzüglicher Rücksicht auf die gegenwärtigen Zeiten«, begonnen. Der (übrigens nicht genannte) Herausgeber war ein sonst nicht weiter bekannter Dr. Renatus Gotthelf Löbel in Leipzig (geb. 1. April 1767 zu Thallwitz bei Eilenburg, gest. 14. oder 4. Februar 1799 zu Leipzig), der Verleger Friedrich August Leupold daselbst. In der Vorrede ist gesagt: Vor 30, 40 Jahren habe Hübner's »Zeitungs- und Conversations-Lexikon« hingereicht, das Bedürfniß nach politischen Kenntnissen, die damals fast allein Gegenstand der Conversation gewesen, zu befriedigen; jetzt aber, wo »ein allgemeineres Streben nach Geistesbildung, wenigstens nach dem Scheine derselben« herrsche, sei »ein dem gegenwärtigen Umfange der Conversation angemessenes Wörterbuch« nothwendig. Am Schlusse heißt es, daß der Verleger, um auch das »schöne Geschlecht« auf das Werk aufmerksam zu machen, dasselbe auch unter dem Titel: »Frauenzimmer-Lexikon zur Erleichterung der Conversation und Lectüre«, ausgeben werde, doch scheint dies nicht geschehen zu sein. In den Jahren 1796-1800 erschienen die vier ersten Theile, also kaum jedes Jahr ein Theil. Das Werk war damit erst bis zum Ende des Buchstaben R gediehen und schien unvollendet bleiben zu sollen. Endlich, nach einer Pause von sechs Jahren, 1806, wurde der fünfte Theil bei einem andern Verleger, Johann Karl Werther in Leipzig, und wieder zwei Jahre später, 1808, abermals bei einem neuen Verleger, Johann Gottfried Herzog in Leipzig, der sechste und letzte Theil veröffentlicht. Vor der Ausgabe desselben hatte indeß bereits Brockhaus das Werk gekauft, jedoch nicht von dem letzten, auch auf dem Titel genannten Verleger Herzog, sondern von dem Buchdrucker Friedrich Richter in Leipzig. Dieser, der Besitzer des Leipziger Tageblattes, hatte vermuthlich das Werk gedruckt und an Zahlungsstatt behalten müssen; kein Wunder, daß er es gern wieder abgab, als sich ein Käufer fand.
Der darüber abgeschlossene Kaufcontract trägt das Datum des 25. October 1808. Das Werk war schon bis zur ersten Hälfte des sechsten (letzten) Theils gedruckt und ausgegeben; es fehlte nur noch die zweite Hälfte (das zweite Heft) desselben und der Verkäufer machte sich selbst bei einer Conventionalstrafe von 100 Thalern verbindlich, dieses Heft, das 16, höchstens aber 20 Bogen umfassen und das Werk zu Ende führen sollte, bis zum 5. December desselben Jahres an den Käufer abzuliefern. Wir stehen nicht an, ohne Rücksicht auf das in solchen Angelegenheiten herrschende Geschäftsgeheimniß, die Kaufsumme zu nennen, für die Brockhaus das »Conversations-Lexikon«, die gesammten (freilich wol nicht bedeutenden) Vorräthe des Werks »mit allen Verlags- und sonstigen Rechten« erwarb. Sie betrug 1800 Thaler, die in vier Terminen bezahlt werden sollten: blos 100 Thaler sofort, 500 Thaler Ende Februar, je 600 Thaler zur Oster- und Michaelismesse des nächsten Jahres. Diese Summe erscheint sehr klein gegenüber der großen Verbreitung, die das Werk erlangt hat, und ist es auch in der That, selbst wenn man dabei den damaligen höhern Werth des Geldes in Anschlag bringt. Indeß darf dabei nicht übersehen werden, daß diese Verbreitung wesentlich das Verdienst des neuen Besitzers, nicht der dem Werke zu Grunde liegenden Idee war, deren ausschließliches Verlagsrecht er nicht erwerben konnte, wie sie ja vor wie nach ihm von so Manchem, freilich meist mit weniger Geschick und geringerm Erfolge, und vorzugsweise allerdings erst nach seinem Vorgange und mit offener oder versteckter Nachahmung und Benutzung seines Werks, ausgebeutet wurde. Ferner war es (und ist es noch gegenwärtig) bei diesem Werke nicht wie bei andern sogenannten »guten« Verlagsartikeln mit dem einfachen Abdruck eines druckfertigen Manuscripts gethan, sondern dasselbe verlangte Umsicht in der geistigen Herstellung, Thatkraft und Geschick in dem Vertriebe, vor allem aber bedeutende Herstellungskosten, da es zunächst durch Nachträge, auf zwei Bände berechnet, vervollständigt und eine völlige Neubearbeitung des Ganzen sofort ins Auge gefaßt werden mußte. Endlich ist die genannte Summe gegenüber den damaligen Vermögensverhältnissen des erst seit drei Jahren etablirten und doch bereits durch zahlreiche und umfangreiche Verlagsunternehmungen in Anspruch genommenen Verlegers, sowie bei dem bisherigen geringen Erfolge des Werks, das schon viermal den Besitzer gewechselt hatte, durchaus keine geringe zu nennen. Jedenfalls machte ihm keine der damaligen großen Verlagshandlungen in Leipzig oder im übrigen Deutschland den Besitz des ihnen lange bekannten Werks streitig und hatte den Muth und das Vertrauen, dieselbe oder eine höhere Summe dafür zu zahlen.
Gleichzeitig mit dem Contracte über den Ankauf des Werks hatte Brockhaus (am 16. November 1808) einen Vertrag mit dem »Redacteur und Herausgeber der letzten Bände des bei Leupold und zuletzt bei Herzog erschienenen Conversations-Lexikon«, dem Advocaten Christian Wilhelm Franke zu Leipzig, abgeschlossen. In diesem Vertrage wurde derselbe Schlußtermin für Ablieferung des Manuscripts wie in dem Contracte mit Richter für Vollendung des Drucks und Ablieferung der fertigen Exemplare festgesetzt, nämlich der 5. December des laufenden Jahres, nur ohne Conventionalstrafe und mit eventueller Verlängerung um — drei Tage: »nach und nach bis zum 5., spätestens 8. December dieses Jahres, sodaß der Druck in ungefähr derselben Zeit beendet werden kann«. Der Verleger wird wol noch manchmal die Erfahrung gemacht haben, daß solche Termine mit oder ohne Conventionalstrafe nicht gerade auf den Tag eingehalten zu werden pflegen und oft nicht eingehalten werden können, wie es auch diesmal schwerlich der Fall war. Außerdem wurde in diesem Vertrage bestimmt, daß der Redacteur die (schon von den frühern Verlegern beabsichtigten) Nachträge zu dem Werke in zwei Bänden zu je 30 Bogen sofort in Angriff nehmen und das Manuscript zum ersten Bande (A-M) bis Ende April, zum zweiten Bande (N-Z) bis Michaelis 1809 abliefern solle. Als Honorar erhielt der Redacteur, wie bisher, für den Druckbogen 8 Thaler, wofür er, wie es scheint, das Manuscript ganz druckfertig herzustellen, also auch etwaige Mitarbeiter zu entschädigen hatte — ebenfalls ein nicht eben kleiner Unterschied gegen die Honorare, die heutigentags bei diesem Werke und ähnlichen Verlagsunternehmungen gezahlt werden!
Brockhaus' eigene Thätigkeit bei dieser Vervollständigung der ersten Auflage des Conversations-Lexikon ist im Zusammenhange mit dem Verdienste, das er sich überhaupt um dieses Werk und namentlich um die spätern Umarbeitungen desselben erworben, an einer spätern Stelle zu schildern. Hier sei nur noch erwähnt, daß der erste Band der »Nachträge« 1809, der zweite Band 1811 erschien und Brockhaus sofort auch (1809) das Werk unter einem neuen, etwas veränderten Titel versandte. Er nannte es: »Conversations-Lexikon oder kurzgefaßtes Handwörterbuch für die in der gesellschaftlichen Unterhaltung aus den Wissenschaften und Künsten vorkommenden Gegenstände mit beständiger Rücksicht auf die Ereignisse der ältern und neuern Zeit.«
Auffallenderweise findet sich in Brockhaus' Briefen aus diesem und den nächsten Jahren keine einzige Aeußerung über den für ihn doch so wichtigen Ankauf des »Conversations-Lexikon«. Seine Correspondenz ist indeß leider auch aus dieser Zeit nur theilweise erhalten und so kann man daraus nicht folgern, daß er dem Unternehmen anfangs selbst keine große Wichtigkeit beigelegt habe.
Wie lange Brockhaus seinen ersten Besuch Leipzigs als Buchhändler ausgedehnt, ist nicht genau bekannt; am 16. November (1808) war er jedenfalls noch dort, da an diesem Tage der Vertrag mit Advocat Franke in Leipzig von ihm unterzeichnet wurde. Vermuthlich ist er entweder im December 1808 oder aber erst im Februar 1809 nach Amsterdam zurückgekehrt. Er schreibt aus Amsterdam vom 27. Februar 1809 an Bornträger: »Durch die Störungen vom December an bis zu meiner Zurückkunft in diesem Monat sind wir auch wol um einen Monat mit den Rechnungen hintenausgesetzt, wie Sie wol denken können.« Dieser Brief ist nach Leipzig gerichtet, wo Bornträger sich seit kurzem befand, und die »Störungen«, von denen die Rede ist, beziehen sich wol auf dessen Abreise aus Amsterdam, die weniger durch geschäftliche als durch persönliche Verhältnisse Bornträger's veranlaßt worden zu sein scheint.
Bornträger mußte nämlich plötzlich aus Amsterdam flüchten, um der Gefahr zu entgehen, als Conscriptionspflichtiger in das Militär eingereiht zu werden. So unangenehm dies gewiß auch für Brockhaus war, der in ihm endlich einen fähigen und zuverlässigen Gehülfen gefunden, so wußte er doch sofort mit der ihm eigenthümlichen Umsicht und Thatkraft aus der Noth eine Tugend zu machen: er behielt Bornträger in seinen Diensten und veranlaßte ihn nach Leipzig zu gehen, um dort seine Geschäfte zu besorgen, deren immer wachsende Bedeutung ohnedem neben dem dortigen Commissionär eine directe Vertretung in Leipzig wünschenswerth machte. Bornträger nahm dort den Namen Friedrich Schmidt an, um allen weitern Unannehmlichkeiten zu entgehen, und blieb daselbst als Brockhaus' Bevollmächtigter mit kurzen Unterbrechungen vom Februar 1809 bis August 1810. Dieser Aufenthalt Bornträger's in Leipzig war nicht nur für die geschäftlichen Angelegenheiten seines Principals sehr förderlich, sondern er hat nebenbei auch das Gute gehabt, daß er Veranlassung zu einem lebhaften Briefwechsel zwischen Beiden gab, in welchem sich Brockhaus in der eingehendsten und offensten Weise, wie man es nur einem vertrauten Gehülfen und Freunde gegenüber thut, über seine geschäftlichen und persönlichen Verhältnisse aussprach. Diese Briefe von Brockhaus an Bornträger, die dann noch bis Anfang 1811 fortgesetzt wurden, nachdem der Aufenthaltsort Beider seit Mitte 1810 sich geändert hatte, sind glücklicherweise vollständig erhalten geblieben, da sie der Adressat als eine theuere Erinnerung sorgfältig aufbewahrte und im Jahre 1862 der Verlagshandlung übergab. Sie bilden die hauptsächlichste Quelle für die Lebensgeschichte von Brockhaus in den Jahren 1808-1811, deren Darstellung ohne sie fast unmöglich gewesen wäre.
Gleich jener eben erwähnte erste Brief, den Brockhaus nach Leipzig an Bornträger richtete, enthält charakteristische Aeußerungen und zeigt, wie offen, vertrauend und zugleich wie väterlich er sich gegen den jungen Gehülfen ausspricht. Er schreibt:
Ich habe dies Jahr weit geringere Engagements als die vorigen Jahre und, so Gott will, werde ich noch vor der Ostermesse so ziemlich im Stande sein, Alles oder doch das Meiste zu reguliren .... Allerdings muß man suchen, den edlen vortrefflichen Friedrich Christian Richter[31] zu erhalten. Sie kennen mich, mein Gemüth, meinen Charakter! Am Wollen wird es nie fehlen. Am Können auch nicht, sobald die Störungen, wie sie der Krieg und solche schlechte Leute wie ... u. s. w. mir immer verursacht, nicht mehr statthaben. Ich werde alles Ersinnliche thun, um mehrere Widersacher zu beschämen, und schmeichle ich mir, daß es uns in keiner Hinsicht dazu an Kräften mangelt .... Suchen Sie durch Ruhe, Anstand, Würde im Betragen günstig auf die Leute zu wirken. Es thut dies sehr viel. Der elende ... verdarb Alles durch seine Pinselhaftigkeit. Treten Sie aber allenthalben leise auf. Nirgends Prahlen oder Großthun. Stille und bescheiden immer. Das ist ja auch Ihr guter und liebenswürdiger ursprünglicher Charakter, den ich, wie Sie wissen, mit Innigkeit verehre.
Uebrigens kam Brockhaus trotz Bornträger's Anwesenheit in Leipzig schon zur Ostermesse 1809 wieder dorthin, diesmal aber nur für kürzere Zeit, denn am 15. Juni bereits war er wieder in Amsterdam. Vom 8. Mai liegt uns ein Contract über eine von Brockhaus in Leipzig gemiethete Niederlage vor; der Vermiether hieß Johann Georg Bering aus Naumburg, und die Niederlage, wol die erste, die er in Leipzig besaß, befand sich im Deutrich'schen Hause auf der Reichsstraße.
In dieser Zeit wurde er in Leipzig durch Johann Friedrich Pierer aus Altenburg zuerst mit dem Kammerverwalter Ludwig bekannt, der später einer seiner vertrautesten Freunde werden sollte. Derselbe lebte in Altenburg in einem literarisch und künstlerisch sehr regsamen Kreise und trat auch selbst als Schriftsteller auf.
Brockhaus schreibt an ihn aus Leipzig vom 12. Mai 1809:
Ich rechne die Stunden, welche ich in dieser Messe an Ihrer Seite und in Ihrer Unterhaltung verlebt und verplaudert, mit zu den angenehmsten meines Lebens, und ich bedaure es unendlich, daß erst so spät unsere Bekanntschaft etwas genauer wurde. Ich beschwöre Sie, mit der Herausgabe Ihrer Ansichten und Bemerkungen zu eilen, und ohne meinen Freunden Gräff und Nauck im mindesten zu nahe treten zu wollen, füge ich nur noch die Versicherung hinzu, daß, im Fall diese aus irgendeiner Ursache diese Herausgabe möchten hinhalten oder hinaussetzen wollen, meine Handlung bereit sein würde, darin jeden Ihrer Wünsche zu befriedigen.
Auf jeden Fall habe ich aber doch noch eine Bitte an Sie, die Sie mir, ich hoffe es, nicht abschlagen werden.
Die Hofräthin Spazier hier in Leipzig gibt im Verlage meiner Handlung noch in diesem Jahre ein neues Taschenbuch heraus unter dem Titel »Urania«. Es haben sich die ausgezeichnetsten Männer und Frauen (Jean Paul, Mahlmann, Kind, Böttiger, Seume, Frau von Ahlefeldt, Luise Brachmann und viele Andere) an sie angeschlossen, und dieses Taschenbuch wird in allen Hinsichten mit den vorzüglichsten wetteifern und sie selbst zu übertreffen suchen.
Ob die Herausgeberin gleich bereits viel mehr Aufsätze hat, als sie im ersten Jahrgang aufnehmen kann, so wird sie doch auf mein Ersuchen noch für einen Beitrag von Ihnen Raum finden, wenn Sie uns damit beehren wollen.
Ich ersuche Sie darum im Namen der Herausgeberin und in meinem eigenen Namen. Irgendein oder mehrere Fragmente Ihrer Reise würden uns dazu die liebsten sein. Hätten Sie aber auch sonst noch irgendetwas in Ihrem Portefeuille, was Sie uns zu diesem Gebrauch mittheilen wollen, so würden wir solches dankbar annehmen.
Ich bleibe noch bis künftigen Sonnabend (vor Pfingsten) hier. Wäre es Ihnen möglich, bis dahin mir mit einigen Zeilen zu antworten, oder gar mir bereits dasjenige wirklich zu senden, was Sie uns möchten bestimmen wollen, so würden Sie mich unendlich verbinden.
Meine Idee, vielleicht über Altenburg selbst zurückzureisen, kann ich leider nicht ausführen, da es in einer ganz andern Richtung liegt, als ich mir gedacht hatte.
Ein zweiter Brief an denselben, vom 22. Mai, lautet:
Ich reise diesen Abend zurück nach den Ufern der Amstel. Vorher aber noch ein paar Worte zur Antwort auf Ihren gütigen Brief vom 17. dieses.
Sollte Gräff Ihr Manuscript nicht für den jetzigen Augenblick gleich übernehmen wollen, so übernehme ich es gerne, um es Michaelis zu liefern. Gräff muß aber freiwillig davon zurückstehen, und er muß über das ganze Arrangement und über die Entstehung desselben reine unterrichtet werden. Er ist zu sehr mein Freund, als daß ich um irgendeinen Preis ihm nur Unzufriedenheit mit mir einflößen möchte. Tritt er aber freiwillig zurück, und wollen Sie es mir dann anvertrauen, so bitte ich Sie, das Manuscript baldmöglichst hiehin nach Leipzig zu senden, an untenverzeichnete Adresse. Ich erhalte es dann zur Post nach Amsterdam und sorge für schönen und eleganten Druck, wie dies bei allen unsern Verlagsartikeln der Fall ist.
Die nähern Bedingungen erlauben Sie mir seiner Zeit nach Kenntniß der Sache selbst zu bestimmen.
Da in diesem Falle der Kalender[32] mit dem Buche gleichzeitig erscheinen würde, so dürfte eine Ausstellung aus demselben allerdings nicht passend sein. Wollen Sie der Frau Hofräthin Spazier indessen sonst etwas aus Ihrem Portefeuille mittheilen, so wird sie es gewiß mit Vergnügen aufnehmen. Auch kleine Gedichte gehören allerdings in ihren Plan. Ihre Adresse ist auf der Post bekannt genug, und also blos einfach: an die Frau Hofräthin Spazier.
Nun, auf alle Fälle beehren Sie mich mit Ihrer gütigen Antwort. Leben Sie wohl bis zum Wiedersehen. Möge es unter glücklichern Aussichten sein, als wir uns diesmal hier sahen.
Brockhaus war damals oder schon im Herbst 1808 mit der Hofräthin Spazier bekannt geworden und hatte mit ihr die Herausgabe eines Taschenbuchs unter dem Titel »Urania« verabredet; dieses bekannte Sammelwerk erschien zum ersten male für das Jahr 1810. Die Herausgeberin wird uns später noch näher und in anderer Weise entgegentreten.
Außer mit der »Urania« und dem »Conversations-Lexikon« beschäftigte sich Brockhaus in dieser Zeit auch noch mit manchen andern Verlagsartikeln größern oder geringern Umfangs und entwickelte dabei fortwährend die regste Thätigkeit. Die bekannten Schriften Massenbach's erschienen meist im Jahre 1809, ebenso der erste Band von Sprengel's »Institutiones medicae« und Villers' »Coup d'œil sur l'état actuel de la littérature ancienne et de l'histoire en Allemagne«. Neben diesen schon früher von uns erwähnten Werken verlegte er in dieser Zeit besonders noch drei andere: erstens »Die Hebräerin am Putztische und als Braut«, von dem mit ihm bereits durch eine Uebersetzung Dschami's in Verbindung getretenen Schriftsteller Anton Theodor Hartmann (3 Theile, Amsterdam 1809-10), ein damals sehr geschätztes Buch, das ein Seitenstück zu Karl August Böttiger's 1803 erschienenem Werke: »Sabina oder Morgenscenen einer reichen Römerin«, bilden sollte; ferner »Ansichten von der Gegenwart und Aussicht in die Zukunft« von Friedrich August Koethe, dem bekannten theologischen Schriftsteller (geb. 1781 zu Lübben, gest. 1850 zu Allstädt), von dem später noch mehrere Werke in seinem Verlage erschienen, ein religiös-politisches Werk von patriotischem Schwunge, »dem gesammten, untheilbaren theuern deutschen Vaterlande geweiht«; drittens »Grundzüge der reinen Strategie, wissenschaftlich dargestellt« von August Wagner (geb. 1777 zu Weißenfels, erst österreichischer, dann preußischer Offizier, gest. 1854 zu Berlin als Generalmajor), ein werthvolles kriegswissenschaftliches Werk.
Endlich schloß Brockhaus in diesem Sommer noch mehrere wichtige Verlagscontracte ab.
Am 3. Juli einigte er sich mit dem verdienstvollen Begründer der wissenschaftlichen deutschen Bibliographie, Johann Samuel Ersch (geb. 1766 zu Großglogau, Professor und Oberbibliothekar in Halle, gest. daselbst 1828), über dessen berühmtes »Handbuch der deutschen Literatur seit der Mitte des 18. Jahrhunderts bis auf die neueste Zeit«, das wesentlich von Brockhaus veranlaßt und hervorgerufen wurde; dasselbe erschien indeß erst später (2 Bände in je 4 Abtheilungen, Amsterdam und Leipzig 1812-14; neue Ausgabe [zweite Auflage], 4 Bände in je 2 Abtheilungen, Leipzig 1822-27).
Am 13. Juli unterzeichnete er einen Contract mit dem bekannten Jugendschriftsteller Jakob Glatz (geb. 1776 zu Poprad in Ungarn, erst Lehrer in Schnepfenthal, dann evangelischer Geistlicher in Wien, gest. 1831 zu Preßburg) über dessen rühmlichst bekannt gewordenes Werk: »Die Familie von Karlsberg oder die Tugendlehre. Anschaulich dargestellt in einer Familiengeschichte. Ein Buch für den Geist und das Herz der Jugend beiderlei Geschlechts«, das bald darauf auch ausgegeben wurde (2 Theile, Amsterdam 1810; zweite Auflage, 2 Bände, Leipzig 1829).
Zwei Tage darauf, am 15. Juli, schloß er noch einen Verlagscontract, der aber nicht zur Ausführung kam: mit Geh. Rath Sigismund Hermbstaedt in Berlin über ein »Technologisches Handwörterbuch«, das in zwei starken Bänden erscheinen sollte.
Die Jahreszahl 1810 tragen außer dem Werke von Jakob Glatz und dem ersten Jahrgange der »Urania« noch folgende drei, ebenfalls im Jahre 1809 von Brockhaus verlegte Werke: »Ueber die Mittel, den öffentlichen Credit in einem Staate herzustellen, dessen politische Oekonomie zerstört worden ist«, von Herrenschwand, einem wenig bekannten staatswirthschaftlichen Schriftsteller, nach dem Französischen deutsch herausgegeben von dem Obersten von Massenbach; zweitens »Vertraute Briefe, geschrieben auf einer Reise nach Wien und den Oesterreichischen Staaten zu Ende des Jahres 1808 und zu Anfang 1809« von Johann Friedrich Reichardt, dem bekannten Componisten und Musiktheoretiker, scharfe Beobachtungen über die musikalischen, literarischen und gesellschaftlichen Zustände Wiens enthaltend; drittens der erste Band der deutschen Bearbeitung eines Geschichtswerks des englischen Historikers William Coxe (geb. 1747, gest. 1828): »Geschichte des Hauses Oestreich von Rudolph von Habsburg bis auf Leopold des Zweiten Tod, 1218-1792«, herausgegeben von Hans Karl Dippold und Adolf Wagner (der zweite Band erschien 1811, der dritte und vierte erst 1817), für welche sich unter anderm Freiherr von Hormayr sehr interessirte und die in Oesterreich selbst solchen Beifall fand, daß man dort 1817 einen Nachdruck derselben veranstaltete.
Ueberblickt man diese Reihe von Verlagswerken, die Brockhaus in den ersten Jahren seiner buchhändlerischen Wirksamkeit übernahm, so muß man ebenso sehr den vielseitigen Geist, das Geschick und das feine Verständniß für den Geschmack und die Bedürfnisse des Publikums, wovon er dadurch Beweise gab, anerkennen, wie man über seinen Muth und sein Selbstvertrauen staunen muß.
6. Zerwürfnisse mit Baggesen.
Außer durch seine umfassende Verlegerthätigkeit wurde Brockhaus während der Jahre 1808 und 1809 geistig und gemüthlich vielfach durch eine Angelegenheit in Anspruch genommen, die ihn zwar zunächst auch als Verleger benachtheiligte, aber weit mehr innerlich afficirte. Es waren dies Zerwürfnisse mit Jens Baggesen, dem ausgezeichneten, aber zugleich übermäßig eiteln und empfindlichen Dichter, die ein Beispiel liefern, daß es auch Mishandlungen eines Verlegers durch einen Schriftsteller gibt, während die Literaturgeschichte meist nur von umgekehrten Fällen zu berichten pflegt.
Die Kenntniß der nähern Umstände dieses literarischen Streits (den wir eingehender darstellen zu sollen glaubten, als vielleicht der Gegenstand, um den es sich handelte, es erheischte, weil er für Brockhaus' Verhalten in solchen Angelegenheiten charakteristisch ist) verdanken wir einem längern Briefwechsel, den Brockhaus darüber mit dem bekannten französischen Gelehrten Fauriel führte.[33] Dieser hatte Baggesen's »Parthenais«, die 1808 von Brockhaus in neuer Ausgabe verlegt wurde, nachdem das Gedicht zuerst 1804 bei einem andern Verleger (Vollmer in Hamburg und Mainz) erschienen war, ins Französische übersetzt, und seine Uebersetzung erschien unter dem Titeln »La Parthénéide. Poëme de M. J. Baggesen. Traduit de l'allemand«, aber ohne seinen Namen, ebenfalls bei Brockhaus (Amsterdam 1810, gleichzeitig eine pariser Firma: Treuttel & Würtz, auf dem Titel tragend).
Claude Charles Fauriel war 1772 zu St.-Etienne (Loire) geboren, lebte meist in Paris und starb daselbst 1844; er hat zahlreiche ausgezeichnete geschichtliche und literarhistorische Arbeiten geliefert, wie unter anderm aus einem ihm von Sainte-Beuve in der »Revue des deux mondes« (1845) gewidmeten Essay hervorgeht. Besonders interessirte er sich auch für die deutsche Literatur und erwarb sich gleich Villers das Verdienst, seine Landsleute mit derselben bekannt zu machen.
Brockhaus war, wie wir bereits berichtet haben, im Sommer 1806 mit Baggesen in Amsterdam, das dieser auf seinen häufigen Reisen öfters besuchte, bekannt geworden und hatte mit ihm schon damals nicht nur über die »Parthenais«, sondern fast gleichzeitig (am 21. Juni) auch über eine Sammlung seiner Briefe einen Contract abgeschlossen. Der Umfang des letzten Werks war nicht festgesetzt, sondern nur bestimmt worden, daß die Verleger (damals noch Rohloff & Comp.) sich verpflichteten, die Briefe »bandweise herauszugeben nach Bequemlichkeit des Verfassers, der sie zu keinem bestimmten Termine unbedingt versprechen kann, den ersten Band ausgenommen«; das Manuscript des letztern sollte »erst nach Verlauf von vier Wochen a dato«, also eigentlich am 21. October 1806, abgeliefert werden — das Werk erschien aber erst 25 Jahre später, 1831, als beide Contrahenten längst gestorben waren! Als Honorar wurden 4 Louisdor per Druckbogen, »unmittelbar nach der Ablieferung des Manuscripts zu zahlen«, festgesetzt.
Im darauffolgenden Sommer (1807) war Baggesen wieder in Amsterdam, und der beste Beweis seiner freundschaftlichen Beziehungen zu Brockhaus liegt wol darin, daß er bei dessen viertem Sohne Max Pathenstelle vertrat. Auch wurde in dieser Zeit (am 16. Juli) zwischen Beiden ein neuer Contract über Baggesen's neueste Gedichte abgeschlossen, die 1808 unter dem Titel »Heideblumen« erschienen.
Aus dieser Zeit datirt der einzige uns bekannte Brief Baggesen's an Brockhaus, am 1. August 1807 (also kurz nach seiner Abreise aus Amsterdam) in Marly bei Paris, wo Baggesen damals wohnte, geschrieben, der ebenfalls Zeugniß von ihrem herzlichen Verhältnisse gibt. Baggesen schreibt:
Indem ich mein Packet an Sie abschicken will, erhalte ich Ihren Brief, mein Theuerster, vom 27. — und ich kann nicht umhin, das Packet wieder zu öffnen, um meinen herzlichen Dank dafür mit hineinzulegen.
Ich bin während acht Tagen im strengsten Sinne des Worts nicht von der Seite meiner holdseligen Fanny und des kleinen vollkommenen Engels Paul gewichen — es schienen mir acht Minuten. Erst in den zwei letzten Tagen habe ich des Morgens, bevor sie erwacht, angefangen wieder zu arbeiten.
Dank für Ihr warmes Interesse für das herrliche Weib, dessen höhere Bedeutung ich sogleich, noch ehe ich wußte, daß sie Künstlerin sei, wahrnahm. Sie schätzt Sie hoch und ist Ihnen und Ihrer holden Frau herzlich ergeben. Gönnen Sie ihr öfters Ihren balsamischen, in Amsterdam unschätzbaren Umgang! Ich kann ihr, ihrem Mann und ihrem herrlichen Sohn noch nicht schreiben — weil ich, zu betäubt und entzückt vom glücklichen Wiedersehen, Niemandem ein vernünftiges Wort schreiben kann — und weil ich vor dem Empfang des Portraits von Ary nicht schreiben will. Dieses erwarte ich mit Ungeduld, sowie die Cramer'schen Musikalien, und die Recension, die schwerlich von Voß ist ....
Mit den »Heideblumen« wird es rasch gehen. Und die »Briefe« und die »Dichterwanderungen« werden folgen. Wahrlich, das alles interessirt mich von ganzer Seele. Es ist aber sehr zweifelhaft, ob ich wirklich wieder nach Norden kehre — doch lassen Sie sich noch keinen Zweifel darüber merken!
Ihr Baggesen.
Die hier erwähnte Künstlerin ist jedenfalls die Mutter Ary Scheffer's, Cornelia, die nebst ihrem Manne zu dem nächsten Umgange Brockhaus' gehörte und Baggesen also wahrscheinlich erst bei diesem kennen gelernt hatte.
Die neben den »Briefen« noch genannten »Dichterwanderungen« waren ein zweites Project Baggesen's, das ebenso wenig als jenes erstere zur Ausführung kam. Er hatte darüber mit Brockhaus zwar keinen schriftlichen Contract abgeschlossen, ihm das Werk aber wiederholt schriftlich und mündlich versprochen, wie aus einem weiter unten folgenden Briefe ersichtlich ist.
Wir lassen nun die Briefe von Brockhaus an Fauriel ihrem Hauptinhalte nach folgen, auch diejenigen Stellen, welche andere Angelegenheiten betreffen, da sie für die literarischen oder persönlichen Verhältnisse des Briefschreibers theilweise von hohem Werthe sind.
Der erste, Amsterdam 15. November 1807 datirt, lautet:
Ich habe allerdings eine recht große Schuld gegen Sie, daß ich Ihren so gütigen und freundschaftlichen Brief, den ich durch die Vermittelung des Herrn Cramer erhielt — gar nicht, daß ich Ihren letzten Brief auch erst jetzt beantworte. Entschuldigen, hoffe ich, werden Sie mich, wenn Sie den etwas nähern Zusammenhang, die Ursachen hören werden, die mein Stillschweigen veranlaßten.
Ihr erster Brief hatte die hauptsächliche Tendenz, mir die Ursachen zu entwickeln, warum eine partielle Bekanntmachung der »Parthénéide« nicht frommen und nützen könne. Ihren Gründen gebe ich meine Beistimmung, da sie mir ebenfalls entscheidend vorkamen, und ich that auf den Wunsch dazu Verzicht. Er enthielt weiter eine Angabe der Schwierigkeiten, die sich der gänzlichen Vollendung Ihrer Uebersetzung entgegenstellten, da Sie Aenderungen für nothwendig hielten, welche Sie jedoch ohne Zustimmung und Zuratheziehung des Verfassers nicht eigenwillig zu übernehmen wagten. Auch in diesem Punkte konnte ich meine Beistimmung und Genehmigung nicht versagen. Solange indessen das Manuscript nicht ganz vollendet war, konnte nicht an Bekanntmachung des Werkes selbst gedacht werden; diese Vollendung hing von Baggesen's Zurückkunft ab: dieser Zurückkunft sah ich acht Monate lang täglich entgegen; ich wurde täglich getäuscht: mein Schweigen bis zur Zurückkunft von Baggesen wird sich also, wie ich glaube, wenn auch nicht ganz rechtfertigen, doch entschuldigen lassen. Baggesen kam endlich im Juni, im Juli war er in Paris; an die endliche Vollendung des Werks konnte nun gedacht werden, wie an die Bekanntmachung. Ich erhielt darüber Ihren gütigen Brief, und ich würde mich beeifert haben, ihn mit umgehender Post zu erwidern und auf der Stelle alle und jede Anstalten zur Bekanntmachung zu machen, wären nicht in der Zwischenzeit über die deutsche Taschenausgabe zwischen Baggesen und mir Mistöne entstanden, die mir das ganze Werk, woran ich wie am Verfasser bisher mit Begeisterung gehangen hatte, bis zum Namen hin zum Ekel gemacht hätten.
Es würde zu weitläufig sein, Ihnen die Discussionen, welche zwischen mir und Baggesen darüber entstanden, in allen ihren Details zu entwickeln: meine Discretion verbietet mir dies auch, wie ich auch fühle, daß Ihnen wie mir die Kenntnißnehmung fremder Angelegenheiten eine peinliche Aufgabe und Zumuthung sei.
Etwas muß ich Ihnen aber doch darüber sagen: Baggesen bot mir eine »Parthenais« zweite Ausgabe zum Verlag an. Er forderte 150, sage hundertfunfzig Louisdor Honorar (circa 30 Bogen, jede Seite zu 11 Hexameter, à 5 Louisdor). Ohne daß Baggesen mir eine Zeile Manuscript gab, zahlte ich ihm und Madame Baggesen gleich zwei Fünftel voraus, als Avance. Ich zahlte die übrigen drei Fünftel dieses Honorars ein paar Monate nachher und noch etwa 30 Louisdor mehr als Avance auf künftige Werke, worüber Baggesen mit mir mündlich und schriftlich contrahirt hatte. Die Umstände erlaubten es Baggesen und mir indessen nicht, daß der ganze Contract konnte vollzogen werden. Baggesen sollte die Zeichnung und den Stich der Kupfer in Paris leiten und — Baggesen kam gar nicht nach Paris zurück (erst ein Jahr nachher), mir war die Ausführung dadurch also ganz unmöglich gemacht; aber auch dadurch war die Ausgabe einer Luxus-Edition unvernünftig geworden, daß in der Epoche ganz Deutschland bis aufs Blut durch Contributionen und die Kriegsverheerungen aufgesogen wurde, sodaß eine Luxus-Ausgabe eines Dichtwerkes in der Zeit zu den wahrhaft unsinnigen Unternehmungen hätte müssen gezählt werden! Baggesen litt darunter aber als Verfasser nichts! Ich hatte ihm sein volles Honorar von 150 Louisdor circa bereits vergütet! Ich litt nur darunter, denn ich war nur im Stande, die kleine Ausgabe, die fertig gemacht worden war, freilich auch verspätet und unter den ungünstigsten Umständen in Circulation zu setzen. Für das Alles konnte Baggesen nichts, das erkannte ich, und wenn also Schaden statt Vortheil aus der Unternehmung resultirte, so war dies nicht Baggesen's, sondern die Schuld der Umstände.
Aber nun kam und zeigte sich auch zum Schaden noch der Verdruß und doppelter Schaden: Der Verleger der ersten Ausgabe der »Parthenais« trat auf und behauptete, daß Baggesen noch nicht das Recht gehabt hätte, eine zweite Ausgabe an einen andern Verleger als ihn zu verkaufen. Als ich Baggesen dies nach Kopenhagen meldete, antwortete er mir wie ein wackerer Mann: er werde das mit dem ersten Verleger ausmachen, er werde mich gegen ihn schützen. Baggesen that aber nichts für diesen Schutz, und der erste Verleger, der ohne alle Satisfaction oder gar ohne Nachricht einmal von Baggesen blieb, druckte meine mit 150 Louisdor bezahlte zweite Ausgabe vermöge seines angeblichen, von Baggesen ihm nicht (durch vorgehaltenen Contract) widerlegten Rechts nach und setzte sie in ganz Deutschland zur Hälfte des Preises in Circulation! Meine Ausgabe sank nun ganz unter, denn jene war um die Hälfte wohlfeiler, und da ich ein neuer Verleger war, jener aber der erste Verleger, so galt ich für einen Nachdrucker, er für den rechtmäßigen Besitzer! Ich forderte Baggesen auf, die Sache auszugleichen: Baggesen war oder kam zu der Zeit in Hamburg, wo es ihm ein Leichtes sein mußte, die Sache zu ordnen, da der erste Verleger nur Satisfaction und geringe Entschädigung verlangte, Baggesen that aber in Hamburg nichts Wesentliches. Die Sache blieb hangen — Baggesen kam her. In der Freude, ihn bei uns zu sehen, wurde über diesen Punkt leicht weggeglitten: wie wollte es auch mit Gastfreundschaft bestanden haben, ihn zu mahnen, mir mein Eigenthum, das er mir freilich verkauft hatte, gegen einen andern Käufer (nicht gegen einen Dieb, wie Baggesen es erklären will: Vollmer constituirt sich nicht wie ein Nachdrucker, als Dieb, sondern als Besitzer; er behandelt mich als Nachdrucker, mich, der 150 Louisdor Honorar bezahlt habe) zu schützen; das konnte, mußte Baggesen durch öffentliche Erklärung (keine Zeile ist von ihm darüber bekannt gemacht worden!!) wehren und mich schützen! Ich sage: mein Gefühl von Gastfreundschaft erlaubte mir nicht, Baggesen bei seiner Anwesenheit in Amsterdam, in meinem Hause, an solche Verpflichtungen zu mahnen. O! ich dachte, die sprächen sich auch selbst aus. Baggesen reisete nach Paris. Ich erfahre in der Zwischenzeit die definitiven Reclamationen des ersten Verlegers; sie scheinen mir billig, ich rathe Baggesen zum Vergleich mit ihm, und ob Baggesen gleich zehnmal erklärt hatte, er allein wolle mich schützen — denn ich, wie auch recht war, habe in jedem Falle nichts verbrochen —, so erbiete ich mich dennoch, die Hälfte desjenigen zu tragen, was man dem ersten Verleger möchte als Abmachung zuwenden müssen, und wolle ich den Vorschuß zum Ganzen leisten. Auf jeden Fall, erkläre ich aber, müsse die Sache beendigt werden, und da einer von uns Recht oder Unrecht haben müsse, so schlage ich als Schiedsrichter darin Baggesen's Freunde Dr. Kerner und Buchhändler Perthes in Hamburg vor. Mit deren Entscheidung erkläre ich mich zufriedengeben zu wollen. Auf diesen meinen Brief habe ich nun von Baggesen eine Antwort erhalten, worin er mir erklärt: »daß ihn die ganze Reclamation des ersten Verlegers nichts anginge, daß sie mich allein beträfe, und ich zu sehen habe, wie ich fertig mit ihm würde, daß er die Sache einem Advocaten zur Betreibung übergeben würde, daß er seine weitern Werke nicht bei mir herausgeben wolle, daß es aber meine Pflicht sei, gleich eine Prachtausgabe der «Parthenais» zu machen«, und dergleichen Kränkungen und Unvernunften viel mehr, alle durch einen Schwall von Worten, aber mit keinem einzigen Belege unterstützt, und alle Verhältnisse des Danks, der Verpflichtung, der Freundschaft, der Zufriedenheit rein verleugnend!!
Daß der Troß der Menschen so handelt, Worte für Thaten geben will, und wo er Thaten geben soll, nur Worte hingibt, das hatte meine Erfahrung mich schon gelehrt; aber daß Baggesen, den ich für einen der edelsten Menschen, nicht blos für einen geistreichen Dichter hielt, gegen mich so handeln könnte, dies hatte ich nicht erwartet.
In der Einlage habe ich ihm mit Ruhe und Einfachheit Alles beantwortet; ich adressire diese Antwort Ihnen mit der freundlichen Bitte, sie Baggesen zu übergeben: es geschieht dies darum, damit der wirkliche Empfang dieses Briefes, der meine heiligsten Rechte enthält, nicht kann ignorirt werden.[34]
Was die größere Ausgabe der »Parthenais« betrifft, von der Sie schreiben, so kann diese unter den obwaltenden Umständen noch nicht erscheinen. Die Ursache davon ist:
1) Baggesen hat durch seine spätere Zurückkunft nach Paris die Erscheinung nach dem Buchstaben des Contractes unmöglich gemacht. Die Umstände in Deutschland machten sie übrigens auch nicht möglich.
2) Jetzt, nachdem die kleine Ausgabe von uns und der Abdruck des ersten Verlegers seit 18 Monaten in Deutschland circulirt, ist eine große Luxus-Ausgabe aus folgenden Gründen unthunlich:
Sie erschiene entweder unverändert nach der zweiten Ausgabe, oder umgearbeitet als neue Ausgabe.
Im ersten Falle wird sie sehr wenig gekauft werden, weil der Reiz der Neuheit des Gedichts ganz vorüber ist. Nur Liebhaber von Luxus-Ausgaben würden sie kaufen. Dieser Liebhaber existiren jetzt aber in dem ausgesogenen Deutschland fast keine. Kein Buchhändler in Deutschland macht jetzt Luxus-Ausgaben. Göschen läßt selbst die Fortsetzungen von Klopstock, Wieland &c. beruhen bis auf bessere Zeiten.
Im zweiten Falle aber, daß Baggesen das Gedicht etwas verändere, wird mir die des Mitabdrucks des ersten Verlegers wegen kaum zur Hälfte verkaufte Auflage wieder Maculatur. Mein Schaden vermehrt sich wieder, und da der erste Verleger das Recht zu haben versichert (was Baggesen wol durch Worte, aber nicht durch Documente widerlegt), sich die »Parthenais«, in welcher Form sie auch sei, anzueignen, so lange sein erster Contract nicht abgelaufen, so würde er auch diese Auflage (möge sie bei Didot oder bei Unger gedruckt sein) wieder abdrucken, und das arme deutsche Publikum würde seine wohlfeile Ausgabe lieber kaufen als unsere theure.
Jetzt also ist in keinem Falle an die große Ausgabe der deutschen »Parthenais« zu denken. Wenn Baggesen mich gegen den ersten Verleger schützt, sei es unmittelbar, oder durch die Edition von Documenten (Worte, Raisonniren hilft zu nichts), die mich in Stand setzen, den ersten Verleger als Dieb zu behandeln (was in Leipzig auf der Messe angeht, wo alle deutsche Buchhändler eine Jurisdiction haben) — dann soll sie erscheinen, sobald es vernünftig ist, d. h. sobald die erste Auflage größtentheils verkauft ist, und das Publikum empfänglicher für Luxus-Ausgaben ist. Schützt mich Baggesen aber nicht gegen den ersten Verleger, so kann und wird nie eine größere Ausgabe erscheinen und wird sicher nie irgendein anderer deutscher Buchhändler darüber mit Baggesen contrahiren oder nie dagegen aufkommen.
Es hängt ganz von Baggesen ab, wie er die Sache beendigen will. Ich habe sie ihm auf das äußerste leicht gemacht, indem ich mich erboten, die Hälfte desjenigen zu tragen, was man seinem ersten Verleger würde zur Abmachung geben müssen, und das Ganze zu avanciren, und da diese Hälfte etwa 12 Louisdor betragen würde, so glaube ich, daß Baggesen, der 150 Louisdor Honorar erhalten, diese erbärmlichen 12 Louisdor, da er offenbar die Verpflichtung zur ganzen Abmachung gegen mich hat, könnte beigeben lassen, ohne dieserhalb, wie er thut, die innigsten und freundschaftlichsten Verhältnisse mit mir zu brechen und mich auf das unwürdigste zu mishandeln, als wolle ich ihn zu hintergehen, zu misleiten, zu betrügen suchen! Mein Ehrgeiz und meine Pflicht gegen meine Handlung erlaubt mir keine Linie weiter zu gehen als ich gegangen bin, und wenn der Gegenstand einen Liard oder 1000 Louis betrüge, der davon abhängen möchte! Baggesen hat meine Ehre hineingezogen und nun hat Alles das schärfste Ziel.
Verzeihen Sie tausendmal, werthester Herr Fauriel, daß ich Sie so lange hiermit aufgehalten habe. Ich mußte es aber thun, da ich gewiß bin, daß Baggesen gegen Sie beständig davon sprechen wird, da Sie mich in Ihrem Brief selbst davon unterhalten, und da es Ihnen zeigen wird, wie mir Alles, was auf die »Parthenais« bis zum Namen hin Beziehung haben konnte, zuwider sein mußte.
Ich hoffe indessen von Baggesen's Redlichkeit und Rechtlichkeit das Beste, und ich denke also, daß Alles sich wieder ins Gleiche fügen werde.
Wäre dies aber auch nicht, so bleibe ich, wie sich versteht, meinem Ihnen durch Herrn Cramer gegebenen Worte aufs heiligste getreu. Die französische Uebersetzung der »Parthenais« erscheint und mache ich hiermit darüber folgende Bestimmungen .....
Hiermit ist diese Verhandlung, denke ich, fest bestimmt, wie sich ja jede Verhandlung fest bestimmen läßt in Kürze, wenn man es recht miteinander meint.
Ich bitte Sie indessen, nie weiter irgend Jemanden mit Aufträgen hierüber an mich zu chargiren, sondern mir Alles selbst zu sagen; auch würden Sie mich sehr verbinden, ebenfalls keine Aufträge von diesen Andern an mich wieder anzunehmen.
Es ist mir unendlich leid, daß ich Sie in meinem ersten Briefe mit so vielem Odiösen habe unterhalten müssen! Die Nothwendigkeit dazu ist mir peinlich und lästig genug gewesen. Sie werden mir dies gern glauben.
Dieser Brief und der eingeschlossene an Baggesen scheinen ihre Wirkung nicht verfehlt zu haben, denn der nächste berichtet von einer Wiederversöhnung Beider, ohne freilich anzugeben, worin diese bestanden, und ohne daß Brockhaus ahnen mochte, von welch kurzer Dauer sie sein werde. Brockhaus schreibt nämlich an Fauriel unterm 16. Juni, also gerade ein halbes Jahr nach dem ersten Briefe: Er habe in langer Zeit keinen Brief erhalten, den er mit wahrerer Theilnahme gelesen. Auf die französische Uebersetzung der »Parthenais« habe er schon beinahe nicht mehr gerechnet und sei sehr gespannt auf die ersten Bogen, »da es mir eine der außerordentlichsten Aufgaben scheint, Dichtungen wie die 'Parthenais' mit ihren griechischen Silbenmaßen glücklich in die französische Sprache zu übertragen«; Fauriel's Uebersetzung der »Parthenais« wurde übrigens in Prosa abgefaßt. Darauf fährt Brockhaus fort:
Was meine Verhältnisse mit Baggesen selbst betrifft, so sind sie insoweit wiederhergestellt, daß ich alle Kränkungen, die mir widerfahren, längst vergessen habe. Baggesen ist einer der am eigenst organisirten Menschen, die auf der Erde leben, und ich glaube, daß er mehr wie Rousseau von sich sagen könnte, daß Niemand auf der Erde ihm gleiche. Um Baggesen zu messen und zu beurtheilen, muß man einen ganz andern Maßstab haben als für andere Menschen! Ich habe dies zu Zeiten vergessen, daher viele Misverständnisse, Störungen, Unannehmlichkeiten. Doch ich will mich darüber hier nun auch nicht weiter verbreiten. Ich liebe und verehre Baggesen unendlich.
Was Ihre gütige Mittheilung über Baggesen's Verhältnisse betrifft, so sehe ich solche als einen Beweis Ihres Vertrauens gegen mich an. Empfangen Sie dafür meinen herzlichsten Dank. Ich werde Ihnen ganz aufrichtig darauf antworten. Wäre ich reich, so würde, um einen so trefflichen Mann und Freund wie Baggesen zu unterstützen und ihm bis auf bessere Zeiten Vorschüsse zu thun, bei mir keine Secunde Bedenkzeit oder Bedenklichkeit stattfinden. Aber ich bin nicht reich, und bei meiner Unternehmungslust, Thätigkeit und bei meinen jetzigen vielfältigen Verbindungen mit den Koryphäen der Gelehrten-Republik in Deutschland fehlt es mir an genügendem Fonds, als daß ich auch nur etwas davon da gebrauchen könnte, wo Freundes-Gesinnung es mir wie hier gebieten würde, ihn zu theilen. Daß ich als Hausvater und als Vorsteher einer zahlreichen Familie auch in dieser Hinsicht Pflichten habe, kann ich auch noch wol anführen. Indessen ist es auch eine nicht mindere Pflicht, dem wackern und durch Umstände gedrückten Freunde zu helfen, soviel man kann und soweit man darf. Kann unser Baggesen also berechnen, daß er mir in einem gewissen Zeitraum, etwa in 2 à 3 Monaten, das Manuscript zu den mir seit langer Zeit zugesagten »Dichterwanderungen« besorgen kann, so erlaube ich ihm selbst oder Ihnen, dann gleich auf mich die Summe von 50 Louis à 3 Monat dato ziehen zu können, und, wenn ich bis dahin einiges Manuscript erhalten habe, den 15. August nochmalen 50 Louis auf gleiche Weise ziehen zu dürfen. Herr Toberheim oder ein Anderer wird, denke ich, diese Tratten gern nehmen und Baggesen gleich den Betrag dafür auszahlen. Ich lege Ihnen zu diesem Zweck eine Declaration hier bei, von welcher Sie Gebrauch machen können. Fühlt Baggesen aber, daß seine physischen und geistigen Kräfte ihm in diesem Augenblicke die Redaction jenes Werks nicht erlauben, so werden die Tratten unterbleiben. Ich sage »Redaction«, denn der Stoff des Werks liegt da, ist bereits von ihm erschaffen, und es bedarf nur einer Form und Anordnung. Will er, was unser und sein Plan war, aus seiner früher wirklich geführten Correspondenz — und wer schreibt Briefe wie er? — das Werk bereichern, so glaube ich, dürfte Baggesen nur einer kurzen Ermannung und des ernsten Wollens bedürfen, um in kurzer Zeit unsern und den Wunsch seiner zahlreichen Verehrer zu erfüllen, und zugleich sich und seiner Familie, außer dem Danke des Publikums, eine ehrenvolle, wenn auch kleine Unterstützung zu bereiten.
Machen Sie, werthester Herr Fauriel, von diesen Eröffnungen den zartesten und delicatesten Gebrauch. Baggesen ist oft wie die Sensitive: nähert man sich ihr, so zieht sie sich zusammen; so auch Baggesen nicht selten.
Ich habe seit Ihrem Briefe noch nichts von Baggesen gesehen und bin nun wol seit vier Monaten ohne alle Berichte von ihm.
In zwei kurz darauf geschriebenen Briefen ist nichts Wichtiges enthalten.
Brockhaus sagt unterm 25. Juli, daß er beabsichtige, bald nach Paris zu kommen, und sich unendlich freuen würde, Fauriel's persönliche Bekanntschaft zu machen; Baggesen, der Fauriel's Nachrichten zufolge schon längst in Amsterdam hätte angekommen sein müssen, sei übrigens noch nicht erschienen, und rechne er nun also schon nicht mehr auf seine Ankunft. »Dies ist mir aber nicht neu mehr am Dichter der 'Parthenais'«, fügt er lakonisch hinzu.
Der nächste Brief, vom 15. August, handelt ebenfalls nicht näher von den Baggesen'schen Angelegenheiten, sondern im Eingange von dem (später wieder aufgegebenen) Projecte einer französischen Bearbeitung der Massenbach'schen Manuscripte und dann von andern literarischen Dingen, doch lassen wir ihn gleich hier mit folgen. Er lautet:
Meinen herzlichsten Dank für die Eröffnungen Ihres letzten Briefes, den Barometer Ihrer Preßfreiheit betreffend. Ja, man muß gestehen, daß die große Nation ganz rasend frei ist und die Engländer z. B., bei denen man Alles sagen darf, was ein gebildeter Mensch denken mag, in einer schrecklichen Sklaverei leben!
Von Treuttel & Würtz habe ich noch keine nähere Antwort. Aber sie kann nicht bejahend oder einladend sein. Vor der Hand bleibe also das Project suspendirt! Wir werden erst nur einen Theil des Originals bekannt machen. Vielleicht findet sich dann die Sache eher ausführbar. Eine nähere Analyse des Inhalts sende ich Ihnen lieber durch Treuttel & Würtz.
Auch für Frankreich würde ohnstreitig ein Werk dieser Art großes Interesse haben. Haben Thiébault's »Souvenirs«, Mirabeau's »Lettres«, Séguis' »Histoires«, jetzt Lamband's »Matériaux« und die »Caractères prussiens« doch alle mehrere Auflagen erlebt; haben Masson's »Mémoires«, Rulhière's und Carteras' Berichte nicht großen Beifall gefunden? Diese Werke sämmtlich sind aber mit den Memoiren, die wir jetzt herausgeben, in Hinsicht auf Originalität, inneres Interesse und ihre historischen Enthüllungen keineswegs zu vergleichen. Durch coupures und Verschmelzungen von I-II und französischen National-Zuschnitt würde, wir glauben es gewiß zu sein, ein für ganz Europa von höchstem Interesse seiendes Werk daraus geschaffen werden, da die französische Sprache es für ganz Europa lesbar macht. Die individuelle Geschichte der Zernichtung eines Staates wie der preußische, den ganz Europa seit einem halben Jahrhundert als ein hohes Muster innerer und äußerer Vollkommenheit betrachtete oder bewunderte, und durch dessen Fall der ganze Continent in Sklaverei gerathen, diese Geschichte von einem höchst geistvollen und genialen Manne, der Alles zu sehen und zu untersuchen Gelegenheit hatte, der selbst auf dem höchsten Posten stand, in ihren Ursachen und Wirkungen zerlegt und aufgehellt zu sehen, kann nicht anders als für Mit- und Nachwelt das lebendigste Interesse haben. Es gibt hier keine Abstractionen nach geschehenem Factum eines müßigen Scribenten. Es ist hier die lebendige Erzählung eines Augenzeugen, der, mit der reichsten Intelligenz ausgestattet, schon seit einer Reihe von Jahren die Auflösung des für Europas Cultur und Freiheit wichtigsten Staates herannahen sah, der Alles anwendete, ihr zu steuern, der endlich in Augenblicken der höchsten Gefahr mit ans Steuerruder gesetzt wurde, aber, da nichts mehr zu retten war, das Schiff zertrümmern sah. Freilich sind die Werke für Deutschland vom ersten Interesse. Allerdings. Sie werden dies dort auch erwägen, und sind wir einer guten Unternehmung dadurch schon sicher. Wenn die ersten Bände heraus sind, werde ich mir die Freiheit nehmen, sie Ihnen zu senden, und bitte ich mir dann einmal Ihre nähere Meinung aus.
Da ich in Paris noch mancherlei zu besorgen habe, so werde ich, um all' das zusammen zu berichtigen, vielleicht gegen den Herbst oder im Winter mal die im Grunde so kleine und doch in so vieler Hinsicht angenehme Reise machen.
Wenn Ihre »Parthenais«, von der Baggesen mir so unendlich viel Gutes sagt, fertig ist, komme ich vielleicht dann, um den seltsamen Eindruck zu beobachten, den dieser germanische ernste Gesang auf die verweichlichten Nerven der verbildeten Bewohner der europäischen Hauptstadt machen möchte!
Für Ihre gefällige Anerbietung, mein Cicerone sein zu wollen, meinen herzlichsten Dank. Ich werde Sie gewiß daran erinnern.
Baggesen schreibe ich heute recht viel, auch von Ihnen! Er wird es Ihnen schon sagen.
Den »Aladdin« von Oehlenschläger, der bei uns herausgekommen, werden Sie von Herrn Würtz erhalten. Sie wollen gütigst das Exemplar als ein Zeichen meiner Ergebenheit annehmen.
Von Herrn B. Constant habe ich auch Briefe von Coppet. Herr von Villers hat mich schon vor einiger Zeit mit ihm in Verbindung gesetzt, um sowol von ihm selbst einmal irgend ein interessantes Werk in Verlag zu erhalten, als insbesondere durch ihn eins von Madame von Staël.
Hierzu ist auch Hoffnung da. Madame de Staël schreibt Briefe über Deutschland, seine gesellschaftliche und literarische Cultur, und sie ist, wie mir Herr Constant schreibt, nicht abgeneigt, ihre Bekanntmachung meiner Handlung zu übergeben. Dies würde für meine Handlung ein kleines Glück sein! Sollten Sie gelegentlich und füglich bei Herrn Constant zur Beförderung meines Wunsches mitzuwirken thunlich finden, so bitte ich Sie, es zu thun.
Nachschrift. Ich adressire meinen Brief an Baggesen nach Marly. Er ist doch noch da, sodaß der Brief ihn treffen kann?
Der nächste Brief ist aus Leipzig vom 20. October 1808 datirt und also während der ersten Anwesenheit von Brockhaus auf der Buchhändlermesse geschrieben. Brockhaus war wieder lange ohne Nachricht von Baggesen und namentlich ohne Manuscript geblieben, obwol dieser zwei Wechsel auf ihn abgegeben und versprochen hatte, selbst nach Leipzig zu kommen. So wendet er sich denn wieder an Fauriel mit der Bitte um Auskunft über Baggesen. Sein Brief lautet:
Ich schreibe Ihnen, werthester Herr Fauriel, diese Zeilen von der Messe aus im Gedränge meiner sonstigen Geschäfte.
Ihren letzten Brief, den ich noch in Amsterdam erhielt, habe ich nicht gleich zur Hand, und ich behalte mir dessen Beantwortung bis zu einer gelegenern und ruhigen Zeit bevor. Heute will ich mich mit Ihnen blos über unsern Baggesen unterhalten.
Baggesen zog im Juli circa 55 Louis auf mich. Im Wechsel stand: »suivant l'avis«. Diesen Avis hatte ich bei der Präsentation nicht erhalten. Ich hätte also die Tratte mit Protest eigentlich zurückweisen müssen, »car il faut faire des affaires comme des affaires«. Ich that das aber doch nicht. Ich acceptirte den Wechsel und ist er auch schon längst bezahlt. Den Avis habe ich nicht erhalten. Ehe dieser erste Wechsel aber verfallen war, kam schon wieder ein zweiter von auch 55 Louis, wieder »suivant l'avis«, aber ich hatte wieder keinen »Avis«. Was hätte ich thun müssen? Denke sich jeder in meine Lage als Geschäftsmann! Ich that das aber wieder nicht, was ich als solcher thun mußte.
Vor einigen Tagen erhalte ich nun aber endlich einen Brief von Baggesen vom 15. September, der über Amsterdam gelaufen und mir von da zugesandt worden. Hier erwähnt denn Baggesen dieser Tratten beiläufig und ersucht mich, daß ich Toberheim vom Accept derselben benachrichtigen möchte. Ich thue dies in der Einlage, die Sie die Güte haben wollen an Herrn Toberheim abzugeben. Baggesen schreibt mir, daß er auf dem Punkte stünde, Paris zu verlassen, daß er über Frankfurt reisen, von dort nach Leipzig kommen und mich hier zur Messe besuchen würde. Seit dem 15. September sind aber jetzt schon über fünf Wochen verflossen, und ich muß also vermuthen, daß aus der Reise entweder gar nichts geworden, oder daß Baggesen eine andere Route genommen. Ich bleibe noch circa 14 Tage hier, eine Zeit, die hinreichend ist, um von Ihnen, wenn Sie mir mit umgehender Post zu antworten die Güte haben, hier noch Ihre Auskunft hierüber zu erhalten.
Sie wissen, werthester Herr Fauriel, daß ich mich auf das bestimmteste erklärt habe, daß, wenn Baggesen die Tratten auf mich machte, ich auch dann schnell in Besitz einiges für den Druck fertigen Manuscripts müßte gesetzt werden, um davon noch für dieses Jahr Gebrauch machen zu können. Ich habe mich ohne Scheu und Scham über meine Verhältnisse erklärt, offen gesagt, daß meine Lage mir durchaus nicht erlaubte, unter andern Bedingungen diese Zahlungen zu leisten und anzunehmen. Jetzt ist aber schon die eine Tratte von 55 Louis bezahlt, und die andere ist acceptirt, was so gut ist als bezahlt. Noch aber habe ich bis heute, Ende October, kein Blatt Manuscript.
Meine Bitte an Sie ist also, daß, wenn Baggesen noch dort ist, Sie ihm den Inhalt dieses Briefes mittheilen und mir mit umgehender Post hierher Auskunft über Baggesen's Intentionen sowol, als über das Gefördertsein des Manuscripts und wann und wie ich solches erhalten soll, geben wollen. Die Pflichten, die ich gegen meine Handlung habe, zwingen mich, daß ich darüber Gewißheit haben müsse. Baggesen kann und wird es mir nicht übelnehmen, daß ich mich darüber an Sie und nicht an ihn direct wende. Er ist nicht pünktlich im Antworten, Sie sind es. Sie kennen aber auch außerdem alle unsere Verhältnisse; Sie sind Baggesen's Freund, Sie sind gegen mich gütig gesinnt, Sie werden meinen Auftrag mit all der Zartheit und Delicatesse, die er erfordert, ausrichten. Sie werden meine Lage und meine Verhältnisse fassen und würdigen.
Ich wiederhole meine Bitte, mir mit umgehender Post darüber hierher nach Leipzig zu schreiben.
Wegen Ihrer »Parthenais« hoffe ich nun bald Ihren und Treuttel's Bericht zu empfangen, daß mit dem Druck begonnen werde. Den mir gütigst im Manuscript versprochenen Gesang werden Sie wol nach Amsterdam gesandt haben.
Die Massenbach'schen Werke sind noch nicht so weit gediehen, daß ich Ihnen solche habe senden können bisjetzt. In Zeit von acht Tagen werde ich Ihnen aber einen Theil derselben zusenden und für die Herren Treuttel und Ihren Freund (Oelsner?) Exemplare beilegen. Was ich Ihnen jetzt sende, ist das zweite und dritte Werk, welches wir angekündigt haben. Von dem interessantesten: den Memoiren in drei oder vier Bänden, erscheint der erste Band erst in vier Wochen, den Sie auch sogleich erhalten sollen.
Soweit auch ich das französische Publikum beurtheilen kann, wird eine Bearbeitung und Ineinander-Verschmelzung dieser Werke in Frankreich ein großes Publikum finden. In Deutschland ist die Erwartung so darauf gespannt, daß wir so viele Bestellungen darauf haben, um gezwungen zu sein, ehe die erste Auflage fertig ist, schon eine zweite drucken zu lassen.
Leben Sie wohl. Wenn Baggesen noch in Paris ist, tausend Empfehlungen an ihn!
Ihr Ihnen von ganzer Seele zugethaner
Brockhaus.
Adr. Herrn Heinr. Graeff in Leipzig.
Fauriel's Vermittelung scheint diesmal ganz ohne Erfolg gewesen zu sein. Brockhaus ging nun die lange mit Baggesen geübte Geduld endlich aus. Er schreibt an Fauriel aus Amsterdam vom 15. Juni 1809:
Es ist beinahe ein ganzes Jahr, daß Sie nichts von mir, ich nichts von Ihnen gehört habe. Sind wir uns auf einmal so fremd geworden? Welch ein böser Genius hat die zarten freundschaftlichen Verhältnisse, womit Sie mich zu beehren schienen, auf einmal so locker gemacht? Ich weiß es nicht, was mich verhindert hat, Ihnen zu schreiben. Ich weiß noch weniger, was allenfalls Sie könnte bewogen haben, gegen mich zu schweigen: es sei denn, daß vielleicht à la lettre Sie mir zuletzt geschrieben hätten. Aber werden Sie dies so streng nehmen? Sie wissen wie geschäftsvoll wir Geschäftsleute oft sind, und wie uns da oft unser Gedächtniß über Brief-Beantwortungen, die nicht unmittelbar in das kaufmännische Verhältniß eingreifen, untreu wird! Sie verdammen mich deshalb gewiß nicht. Ich Sie auch nicht, daß Sie mir nicht geschrieben haben. Wer weiß, was Sie daran verhindert hat? Sie werden mir es sagen, auch wenn ein kleiner Groll die Ursache davon gewesen.
Mit Baggesen bin ich leider ganz zerfallen. Ich möchte darüber ganz gegen Sie schweigen, da es sonst den Anschein erhalten könnte, als suchte ich ihn vielleicht bei Ihnen zu verkleinern, mich zu entschuldigen oder ihn zu beschuldigen. Allein das Alles mag ich nicht und kommt mir nicht in den Sinn. Nur historisch muß ich es Ihnen doch sagen, daß wir zusammen zerfallen und warum wir es sind. Sie erinnern sich, wie Sie mir im vorigen Jahre Baggesen's abattement und die Ursache davon, seine pecuniären Verlegenheiten, schilderten. Sie wünschten, daß ich ihm 50 Louis avanciren möchte; Sie hatten den Edelmuth, solche mit Ihrem künftigen Honorare zu garantiren. Sie wissen, daß ich antwortete: »ich sei für den Augenblick und überhaupt nicht in der Lage, Vorschüsse geben zu können; ich bedürfe jedes Francs meines Capitals für mein laufendes Geschäft«; wenn also Baggesen nicht moralisch und physisch gewiß sei, mir diejenigen Manuscripte, worüber zwischen uns schriftliche Contracte oder mündliche Zusagen existirten, in einer gewissen Zeit (ich glaube, ich setzte drei Monate dazu) zu liefern, so könnte und dürfte ich die verlangten 50 Louis nicht zugestehen; wäre aber, fuhr ich fort, Baggesen dessen gewiß, so könnte er selbst 100 Louis auf mich trassiren. Sie werden sich Alles dessen erinnern. Auch dessen, daß Baggesen die Zusage machte, und daß er 100 Louis auf mich trassirte. Sie werden sich erinnern, daß er seine Arbeiten, worauf diese 100 Louis entnommen, unterbrach, weil ihm ein anderes Gedicht, der »Faust«, in den Sinn gekommen war. Sie werden sich erinnern, wie Sie selbst mir über diese neue Idee Baggesen's schrieben, und wie Sie wünschten, daß ich solche der andern möchte vorgehen lassen. Baggesen selbst sandte mir den ersten Act per reitende Post von Paris zu als Probe und äußerte mit Ihnen gleichförmige Wünsche. Sechs Monate verstrichen indessen und ich erhielt keine Zeile Manuscript irgend einer Art, weder vom »Faust« noch von den mir zuerst zugesagten Manuscripten. In der Zwischenzeit war Baggesen freilich einige Zeit in Frankfurt unpäßlich geworden, und hatte mir dies Gelegenheit gegeben, ihm aufs Neue meinen guten Willen zu zeigen, ihm dienen zu wollen. Die Unpäßlichkeit war aber vorüber, und es fand sich dadurch jeder Grund aufgehoben, das eine oder das andere seiner Versprechen zu erfüllen. Es war dies unbedingt selbst seine Pflicht. Aber ich erhielt immer keine Zeile Manuscript, wol aber beleidigende, ausweichende Briefe. So ließ ich endlich gezwungen die zweiten 50 Louis, die noch nicht bezahlt waren, protestiren (die ersten 50 Louis waren bezahlt), da ich vollends hörte, daß er den mir zugesagten »Faust« an einen andern Buchhändler in D. verhandelt hatte. Ich mag und will die unangenehmen Discussionen, die hierüber zwischen Baggesen und mir vorgefallen, nicht alle entwickeln; ich kann nur sagen, daß ich in mir das Bewußtsein habe, zu jeder Zeit und in jedem Verhältnisse gegen Baggesen als höchst rechtlicher Mann gehandelt zu haben; ich habe vergebens Schiedsrichter aus unsern Freunden vorgeschlagen, im Fall sich wirklich etwas zwischen uns zu erörtern fände (ich habe dazu Villers und Perthes vorgeschlagen; ich schlage noch Sie und Herrn Würtz dazu vor), Alles umsonst. Ich habe keine Zeile Manuscript bis heute! Ich habe keinen Sou Rembours für die bezahlten 50 Louis und noch etwa 300 Louisdor von sonstigen Avancen. Ich habe keine Antwort auf meine Vorschläge: etwaige Differenzen, ob ich gleich im Grunde dergleichen nicht kenne, da seit der Epoche, wo ich ihm auf Ihre Vorsprache das Geld dargeliehen, nichts Anders zwischen uns verhandelt ist. Baggesen will freilich diese 50 Louis anders compensiren: so soll ich von den »Heideblumen«, wie er in seiner Idee glaubt, mehr Exemplare haben drucken lassen als contractmäßig war (indem er annimmt, sonst müsse die erste Auflage schon verkauft sein!!) u. s. w.
Das heißt nun wol leeres Stroh gedroschen, aber was wollen Sie, daß ich anders thun soll, anders thun kann, als zu sagen: »wenn Sie, Baggesen, glauben, daß ich Ihnen zu wehe gethan habe, so entscheide hier Ihr und mein Freund Perthes in Hamburg oder Würtz in Paris als Buchhändler, Villers in Lübeck oder Fauriel in Paris als Gelehrte«? Dann hatte man mit Ehre und Rechtlichkeit die Discussion geführt und sie beendigt, anstatt daß sie jetzt tiefe Spuren der Erbitterung hinterlassen und beide Theile beim neugierigen Publikum compromittiren wird. Ich schweige darüber. Etwas mußte ich Ihnen doch darüber sagen. Vielleicht kommt Baggesen nach Paris zurück, vielleicht auch nicht. Ich weiß nicht, wo er ist und wohin er geht.
Sie haben für die 50 Louis garantirt. Darum schreibe ich Ihnen aber nicht. Ich werde Sie dieser Garantie unbedingt entlassen, wenn nicht ein dritter Freund von uns Beiden (etwa Herr Würtz oder wen Sie wollen) sein erklärtes oder bestimmtes Votum darüber gibt. Ich würde hier gleich unbedingt Verzicht darauf thun, wenn ich nicht überzeugt wäre, daß Ihre Delicatesse dieses nicht erlauben würde. Ich habe Ihnen heute nur die Facta, die zwischen Baggesen und mir stattgehabt, melden wollen: daß ich bis heute keine Zeile Manuscript erhalten, daß Baggesen sich allen Verbindlichkeiten gegen mich zu entziehen sucht, daß er in längst abgemachten Sachen Phrasen aufsucht, um mich damit abzufertigen &c. &c.
Wie leid es mir thut, in Baggesen den Menschen nicht so verehren zu können als den Dichter, werden Sie mir ohne Versicherung glauben. Auch die an Baggesen avancirten 50 und 25 Louis entbehre ich ungern. Ich habe Ihnen und Baggesen oft und ohne Hehl gesagt: ich bin nicht reich; ich kann nicht vorschießen, ich bedarf jedes Louisdor für mein Geschäft und für meine zahlreiche Familie (ich bin Gatte und Vater von sechs Kindern). Mein Geschäft erfordert beständig Fonds, und so entbehre ich diese 75 Louis ebenfalls sehr schmerzlich. Ich habe auch Baggesen das gesagt, aber der gefällt sich in seinen neuen Verbindungen zu gut und ist zu wohl darin, als daß es ihm einfiele, darauf zu achten einmal.