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Experimentelle Psychologie

I. Buch PSYCHISCHE ELEMENTE UND ELEMENTARE VERBINDUNGEN (continued 3)

Reading edition

3. Die Abstraktion

Erfassen einer Beziehung und aktives Beziehen haben beide zur Voraussetzung, daß die Gesamtheit unserer Eindrücke nicht ein unauflösbares Ganzes sind, sondern daß sich aus dieser Gesamtheit Teileindrücke herausheben oder doch herauslösen lassen. Nur so erhalten wir eine Mehrheit von Erkenntnisdingen, die wir miteinander in Beziehung bringen können. Man könnte meinen, das sei durch die Verschiedenheit der Sinneseindrücke schon hinreichend sichergestellt; ein blauer Farbring, der um einen gelben gelegt ist, hebt sich von selbst von diesem ab. Ganz gewiß bedeutet die objektive Verschiedenheit der sinnlichen Eindrücke, der Sinnesdinge, eine namhafte Hilfe für das Herauslösen von Teileindrücken. Bedenkt man indes, daß wir auch aus einer ganz gleichmäßig gefärbten Fläche beliebige Partien allein durch die Beachtung herausgreifen können, so legt das nahe, daß wir es mit einer anderen Funktion als dem rein sinnlichen Erfassen zu tun haben; ganz abgesehen davon, daß sich dieses Herausgreifen nicht notwendig auf Sinnesdinge erstrecken muß.

Auch die Abstraktion können wir versuchsweise auf andere Funktionen zurückführen, so daß von den drei genannten nur die Beziehungserfassung als einzige elementare Denkfunktion übrigbleibt. Zu diesem Zwecke setzen wir voraus, die unwillkürliche Aufmerksamkeit sei eine psychische Verhaltungsweise, die auch willkürlich eingenommen werden kann. Bei der Lehre von der Aufmerksamkeit haben wir dies näher zu klären und zu beweisen. Ist uns nun zum erstenmal die Verschiedenheit eines blauen von einem gelben Farbenton aufgefallen, so mag die blaue und die gelbe Farbe die Aufmerksamkeit auf sich lenken, und zwar nur auf sich und ohne Zutun unseres zielsetzenden Wollens. Ist das mehrmals geschehen, so haben wir ein Verhalten kennen gelernt, das wir nun auf jeden Teilinhalt des Bewußtseins anwenden können: wir haben abstrahieren gelernt. Somit wäre die Abstraktion nichts anderes als die Zuwendung der Aufmerksamkeit auf einen bestimmten Gegenstand. Neueste Untersuchungen (M. v. Kuenburg) über die Abstraktion des Kindes sind dieser Auffassung günstig.

Wir haben soeben die Abstraktion in ihren ersten Anfängen geschildert. Der Erwachsene abstrahiert in der Regel, indem er einen Gesichtspunkt an die Gegenstände heranbringt, z. B. in der Form einer Frage: wo ist der Eingang? Ein solcher Gesichtspunkt wirkt als antizipierendes Schema (siehe unten S. 173), er gibt der Aufmerksamkeit eine bestimmte Richtung und bereitet die Wahrnehmung der Relationsfundamente vor, indem er verwandte Vorstellungen in Bereitschaft setzt.

Über die Leistung der Abstraktion haben die Experimente schon mancherlei ergeben. Külpe bot seinen Vpn verschiedenfarbige in einer bestimmten Figur angeordnete Buchstaben. Die Vpn hatten bald auf die Gesamtanordnung, bald auf die Farbe der Buchstaben, bald auf deren Form zu achten. Es zeigte sich nun, daß die sogenannte positive Abstraktion, das Herausgreifen der zu beachtenden Teile, außerordentlich gut gelingt. Wenn die Beobachter auch gar nichts oder nur sehr wenig von der Form und der Farbe der Buchstaben zu berichten wußten, so konnten sie doch die Gesamtanordnung sehr genau angeben und umgekehrt. Das Absehen von den nicht zu beachtenden Momenten kann auch willkürlich geschehen und heißt dann negative Abstraktion. Sie scheint mehr zu sein als ein einfaches Nichtbeachten der Elemente, vermutlich handelt es sich dabei um eine Unterdrückung oder Hemmung. Die Abstraktion wird freilich um so schwerer, je enger zwei Elemente miteinander verbunden sind. So ist Form und Farbe der Buchstaben abstraktiv schwerer zu trennen als Form und Gesamtanordnung.

Literatur

J. Lindworsky, Das schlußfolgernde Denken. Freiburg 1916. II. Teil, 4. Abschnitt: Beiträge zur Psychologie der Beziehungserkenntnis.

F. Seifert, Zur Psychologie der Abstraktion und Gestaltauffassung. ZPs 78 (1918).

SECHSTER ABSCHNITT Die Verbindung der Beziehungsfunktion mit den Empfindungskomplexen

1. Kap. Die Gestaltwahrnehmung

Die sensistische Richtung in der experimentellen Psychologie, die alle Erlebnisse nur aus den sinnlichen Elementen verständlich machen will, ging lange Zeit unachtsam an einer höchst geläufigen Erscheinung des Alltags vorüber, die übrigens jeder Psychologenschule schwere Rätsel aufgibt. Es ist das Verdienst Chr. v. Ehrenfels’, nachdrücklich die Aufmerksamkeit auf das Problem der Gestaltwahrnehmung gelenkt zu haben. Seit seinem Aufsatz „Über Gestaltqualitäten“ (1890) ist die Erörterung dieses Problems noch nicht zum Stillstand, aber auch noch nicht zu einer allseitig befriedigenden Lösung gekommen. Betrachtet man vier Punkte in dieser Anordnung ⁘, so kann man sie als Kreuz und als Quadrat auffassen. Die Sinnesdaten sind in beiden Fällen die nämlichen, die sich ergebenden Gestalten sind verschieden, und jede einzelne ist offenbar mehr als die Summe der vier punktförmigen Eindrücke. Noch deutlicher wird das bei der Melodie. Man kann ein Lied so transponieren, daß kein einziger Ton derselbe bleibt, und doch erkennt jedermann sofort die alte Melodie wieder. Die melodische Gestalt ist also offenbar etwas anderes als die Summe der Einzeltöne.

Der Versuch einer Analyse des Gestalteindruckes wird heute wohl folgende Faktoren aufzählen können. Erste Voraussetzung ist eine Mehrheit sinnlicher Daten, die im Raum oder in der Zeit verteilt sind. Ihre Qualität und Intensität ist von untergeordneter Bedeutung, wie schon die Transposition einer Melodie zeigt; auch die vier Punkte in obiger Figur könnten eine beliebige Farbe haben, wenn auch zu beachten bleibt, daß Qualität und Intensität auf die normale Gestaltbildung von Einfluß ist: ist z. B. der letzte Ton eines Tonpaares höher, so werden die Töne in der Regel in jambischer Gestalt aufgefaßt. Zweitens: Bei unseren vier Punkten wäre es möglich, daß die (früher erworbene) Vorstellung eines Rhombus, eines Kreuzes, zweier Parallelen je nach ihrer Bereitschaft auftauchte und die Auffassung der Punkte bestimmte. Allein damit ist das Problem nicht zu lösen. Wir können ja den Einzeleindrücken völlig neue Gestalten entnehmen, von denen wir noch keine Vorstellung haben.

Wichtiger als die Vorstellungen in Bereitschaft sind (drittens) die aktiven Beziehungsakte. Dieses aktive Beziehen oder Zusammenfassen ist nicht mit der Aufmerksamkeitsbeachtung zu verwechseln. Das Beachten eines jeden einzelnen Tones einer Tonfolge macht aus ihr keine Melodie, sondern kann eine solche eher in ihre Teile wieder zerfallen lassen. Aus dem aktiven Aufeinanderbeziehen ergibt sich (viertens) eine Beziehungserfassung. Zwar besagt eine derartige Beziehungserfassung nichts über das abstrakte Verhältnis der Längen zweier Geraden, der Schwingungszahlen zweier Töne usw., aber wir erleben, wie die anschaulichen Termini der Beziehung sich zueinander verhalten. Wäre der Ausdruck nicht mißverständlich, so möchte man von anschaulichen Beziehungen reden. Wir hören nicht bloß einen Ton und dann den anderen, wir erfassen es vielmehr, wie nah oder wie fern die Qualität des zweiten zu der des ersten steht. Zweifellos steigert solch bewußtes Erfassen der Aufeinanderfolge von sinnlichen Eindrücken die Gefühlswirkung, die sich ohnedies schon an eine Empfindungsfolge anschließt. Doch machen die Gefühle nicht die Gestaltqualität aus: ein Fünfeck unterscheidet sich von einem Sechseck nicht so sehr durch seine Gefühlswirkungen als eben durch seine Gestalt.

Wir haben bisher die Faktoren aufzuzählen gesucht, die beim Auffassen einer neuen Gestalt wirksam sind. Man hat früher gestritten, ob Gestalten analytisch oder synthetisch aufgefaßt würden. Einzelne Autoren meinten, wir seien immer auf das synthetische Fortschreiten von den Teilen zum Ganzen angewiesen. Die Experimente ergaben, daß beide Auffassungsweisen möglich sind. Doch dürfte bei völlig neuen und zeitlich sich entwickelnden Gestalten, wie Rhythmus und Melodie, die Synthese vorherrschen. Es ist das ein ganz eigenartiges Erlebnis, wenn etwa eine Folge von vier Tönen, die anfangs ungeordnet und unübersehbar sind und darum wohl auch den Eindruck einer größeren Anzahl machen, Gestalt annimmt. Eine lustbetonte Klarheit und Einfachheit tritt ein, und man staunt über die geringe Zahl der Einheiten, die sich leicht beherrschen lassen: die vier Töne waren eben nur die zweimalige Wiederholung der nämlichen Terz.

Ist die Gestaltauffassung mehr als der rein sinnliche Eindruck, dann werden wohl auch die Täuschungen über die objektiv gegebenen Gestalten nicht ausschließlich auf Inadäquatheiten der Sinnesfunktionen beruhen. Den sicher erweisbaren Anteil der Sinne an diesen Täuschungen haben wir oben besprochen (S. 81 f.). Was durch die Unvollkommenheiten der Organe nicht erklärt werden konnte — und es ist dies der größere und bedeutsamere Teil —, hat man durch Assoziationstheorien, Augenbewegungstheorien, Aufmerksamkeits- und Urteilstheorien zu fassen gesucht, Theorien, die oft den Anspruch auf Alleinherrschaft machten. Ist unsere Analyse der Gestaltwahrnehmung auch nur einigermaßen richtig, dann sind nahezu ebensoviel Faktoren bei der Fälschung der Gestaltwahrnehmung, wie bei ihrer Entstehung am Werke. Die Wahrscheinlichkeit, mit einer einzigen der genannten Theorien auszukommen, ist darum nicht groß. Eine systematische Durchprüfung aller Wahrnehmungstäuschungen auf die einzelnen Faktoren mit dem Versuch einer Variation derselben wäre noch anzustellen. Auf Einzelnes hat man indessen schon aufmerksam gemacht, so auf die Verwechslung der Beziehungspunkte, namentlich beim Vergleich zweier Gestalten: ein auf der Spitze stehendes Quadrat erscheint größer als ein liegendes, weil man statt der Flächen die beiden von Punkten der Figuren begrenzten Senkrechten aufeinander bezieht (Schumann); erscheint länger als , weil man den von den Schrägen eingeschlossenen Raum mit einbezieht (Müller-Lyer).

Illustration from Experimentelle Psychologie
Illustration from Experimentelle Psychologie

Literatur

K. Bühler, Die Gestaltwahrnehmungen I (1913).

M. Wertheimer, Untersuchungen zur Lehre von der Gestalt. Psychol. Forschung (1922) I, S. 41 ff. (vgl. unten S. 131 ff.).

2. Kap. Die Zeitwahrnehmung

Wohl auf keinem anderen Gebiete der experimentellen Psychologie ist eine vorausgehende Besinnung und begriffliche Klärung über den Untersuchungsgegenstand so unerläßlich wie bei der Darstellung des „Zeitsinnes“. Auch hier beginnen wir mit dem, was uns unmittelbar in der Erfahrung gegeben ist. Da finden wir nun, daß die ganze, unserem Gegenstandsbewußtsein zugängliche Welt, wir selbst und unser Erleben nicht ausgenommen, einem zeitlichen Verlauf unterworfen ist. Diese objektive Zeit erforscht die Psychologie nicht. Die Psychologie fragt nur: Wie erfassen und erleben wir die objektive Zeit?

Aus dem Gebiet des Zeitlichen erobert unser Bewußtsein nun mancherlei. Wir sprechen von der Zeit im allgemeinen und von verschiedenen Zeitstrecken, geradeso wie wir von dem Raum im allgemeinen und von verschiedenen räumlichen Erstreckungen reden. Da haben wir es mit der letzten dem Bewußtsein möglichen Eroberung eines Erlebnisses zu tun: wir sind zur begrifflichen Erfassung der Zeit vorgedrungen, eine Leistung, die wir erst bei Behandlung der Begriffe würdigen können. Wir beherrschen zweitens die zeitlichen Beziehungen: das Nacheinander, das Früher, Später, die Gleichzeitigkeit, das Jetzt. Sehen wir davon ab, daß namentlich bei der sprachlichen Verwertung dieser Dinge gleichfalls eine hohe begriffliche Verarbeitung der Zeiterlebnisse vorausgegangen sein muß, so braucht es doch keinen langen Nachweis, daß wir diese Verhältnisse auch vor aller Sprache und Begriffsbildung zu erkennen imstande sind. Das kleine Kind dürfte schon ohne Sprache und ohne weitläufige Begriffsbildung bemerken, daß das Heranbringen der Milchflasche vor dem Trinken und das Zubettgelegtwerden nach dem Trinken kommt. Es ist dies eine Beziehungserfassung, die ohne Denkfähigkeit nicht möglich ist. Und weil solche Beziehungserfassungen auch bei der Zeitwahrnehmung, wie sie die Experimente untersuchten, eine so große Rolle spielen, darum weisen wir der Zeitwahrnehmung entgegen dem bisherigen Gebrauch diese Stelle innerhalb der systematischen Darlegung an. Aus dem gleichen Grunde müssen wir auch dem Tier die Erfassung des Vorher, Nachher, des Jetzt und der Gleichzeitigkeit absprechen.

Drittens nehmen wir unmittelbar die Dauer wahr: das, was die Sinne uns zeigen, wird uns als dauernd vorgestellt, und auch die Erlebnisse in uns, das Suchen und Forschen, das Lieben und Leiden, tritt immer nur als ein dauerndes Erleben auf. Das Dauern ist uns in allen unseren Erlebnissen gegeben, wie das Ausgedehntsein in den Erlebnissen des Gesichts- und Tastsinnes gegeben ist. So verstanden, erlebt auch das Tier die Dauer. Sobald man jedoch nur diese eine Eigenschaft aller seelischen Geschehnisse für sich betrachtet, hat man eine Abstraktionsleistung vollzogen, deren wir das Tier nicht für fähig halten. Diese für sich allein genommene Seite individueller Bewußtseinsvorgänge ist es, die den eigentlichen Gegenstand der Zeitsinnuntersuchungen bildet. Man erkennt sofort, daß die Bezeichnung Zeitsinn eine sehr wenig glückliche war. Es geht nicht an, für die Erfassung eines unselbständigen Merkmals einen besonderen Sinn anzusetzen, man müßte sonst auch einen eigenen Raumsinn oder gar einen Intensitätssinn einführen. Dank dieser prinzipiellen Gleichstellung der Dauer mit den Sinneseindrücken, wie sie der sensistischen Psychologie geläufig war, stellte man dem Experiment zwei Hauptaufgaben: die Bestimmung der Zeitschwelle und die Vergleichung von Zeitstrecken. Für das Kernproblem, die Erfassung der Dauer, konnten diese Untersuchungen nicht sehr viel auswerfen; den reichsten Gewinn erzielt dabei die Psychologie des Urteils. Das Wichtigste sei kurz mitgeteilt.

Wenn man feststellt, daß das Auge schwache Lichtblitze als zwei erkennt, die sich in einem Zeitintervall von rund 45 σ (1 σ = ¹⁄₁₀₀₀ Sekunde), oder bei Einwirkung auf verschiedene Netzhautpunkte von 10 σ (Pauli) folgen, daß der Tastsinn zu derselben Leistung 27 σ, das Gehör nur 16 σ oder gar nur 2 σ benötigt, dann hat man im Grunde das zeitliche Auflösungsvermögen dieser Sinne gefunden. Man weiß nun, wieviel Zeit ein jeder braucht, um einen Reiz genügend abklingen zu lassen, damit ein folgender von jenem unterschieden werden kann — an sich höchst bedeutsame Ergebnisse. Hinsichtlich der Dauerschwelle erfahren wir hieraus indessen nur, daß sie unter 2 σ liegen muß.

Bei der Beurteilung von Zeitstrecken empfiehlt es sich, drei Hauptfälle auseinander zu halten: man beachtet die Dauer gleichzeitig während des Erlebens; man beurteilt sie erst beim Rückblick auf das Erlebte; man beurteilt sie vorausschauend und den Eintritt eines bestimmten Ereignisses abwartend.

Zu dem ersten Hauptfall gehören namentlich die experimentellen Vergleichungen zweier Zeitstrecken. Sind diese sehr kurz, dann achtet man in Wirklichkeit nicht auf die Dauer, sondern auf die Geschwindigkeit, mit der sich die die Zeitstrecke begrenzenden Reize folgen. Bei längeren Zeitintervallen, etwa bis zu 3″, scheint ein unmittelbarer anschaulicher Vergleich der Dauer möglich zu sein. Bei noch größerem Zeitabstand wird der unmittelbare Vergleich schwerer. Der Beobachter muß die Grenzreize, z. B. die Metronomschläge, mit sichtlicher Bemühung zusammenhalten, damit die Vergleichung zuverlässig bleibt. Das weist darauf hin, daß größere Strecken überhaupt nur an den sie ausfüllenden Erlebnissen gemessen werden können. Das ist nach unserer Auffassung der Dauer als eines unselbständigen Momentes zu erwarten und ist im Grunde auch bei dem Vergleich der kleineren Zeiten vorhanden. Nur daß hier die wenig ausgesprochenen Erlebnisse des Allgemeinbefindens hinreichen, während bei längerer Dauer charakteristische Dinge, wie aktives Bemühen, Nachkonstruieren der Zeitstrecke, Beachtung der Atembewegungen, der wachsenden Spannung u. ä., zu Hilfe genommen werden. Als allgemeine Regel ergab sich bei diesen Zeitvergleichungen: kleine Zeiten werden überschätzt, große werden unterschätzt; zwischen beiden liegt eine Indifferenzzone von 1–2″, die nahezu richtig beurteilt wird. Auf den Zeitvergleich wirken mancherlei Faktoren bestimmend ein: so die verschiedene Stärke der das Zeitintervall abgrenzenden Signale; das intensivere Signal verkürzt das Intervall, wenn es an dessen Anfang steht, es verlängert es, wenn es das Intervall abschließt. Doch gehören diese Dinge in die Psychologie des Vergleiches.

Erlebt man vielerlei während einer bestimmten Spanne objektiver Zeit und achtet gleichzeitig auf die Dauer, so erscheint sie einem lang; achtet man hingegen nicht auf die Zeit, so wird man von dem Ende der Zeitspanne überrascht. Daher auch der große Unterschied bei dem Vergleich von leeren und ausgefüllten Zeitstrecken, der sich aber je nach der Aufmerksamkeitsrichtung des Beobachters anders geltend macht. In der Erinnerung hingegen wird eine erlebnisreiche Zeitspanne größer erscheinen als eine erlebnisarme. Da uns für die Wahrnehmung der Zeit kein besonderes Sensorium zur Verfügung steht, und der absolute Eindruck des Langen oder Kurzen nur aus der Menge der durchschnittlich in der Zeiteinheit erlebbaren Ereignisse entsteht, so begreift man auch, daß bei einer außergewöhnlichen Steigerung des Vorstellungslebens, wie sie etwa der Haschischgenuß hervorruft, die Dauer geläufiger Verrichtungen merkwürdig gesteigert zu sein scheint: das Passieren einer Straße will kein Ende nehmen, weil außergewöhnlich viele Bilder durch den Geist des Gehenden ziehen.

Im dritten Hauptfall erwarten wir ein zukünftiges Ereignis. An sich verfließt uns da die Zeit nicht langsamer als sonst, aber wir konstatieren immer wieder, daß unser Verlangen noch nicht erfüllt ist. Damit verdrängen wir gleichzeitig Gedanken und Beschäftigungen, die uns zerstreuen könnten, und es entsteht die Langeweile.

Offenbaren die genannten Verhältnisse die Relativität und Subjektivität unserer Zeitschätzung, so zeigt die „Zeitverschiebung“ unsere Unfähigkeit, ein Jetzt zu fixieren, wenn es durch zwei disparate Sinneseindrücke gekennzeichnet wird. Diese Tatsache ist unter dem Namen der persönlichen Gleichung schon lange in der Astronomie bekannt: zwei Beobachter werden niemals in übereinstimmender Weise angeben, an welcher Stelle des Fadenkreuzes der durchgehende Stern beim Ertönen des Sekundenschlages stand. Wundt prüfte dies genauer durch „Komplikationsversuche“. Die Vp hat einen sich bewegenden Zeiger zu beobachten und festzustellen, wo der Zeiger stand, als ein Glockensignal ertönte. Anfangs wird in der Regel eine Stellung vor der richtigen, später eine solche hinter der zutreffenden genannt. Man hört also im Anfang gewissermaßen das Signal, bevor es gegeben ist, und später scheinbar erst, nachdem es schon erklungen. Die Erklärung des Phänomens ist noch umstritten. Man wird es nicht einfach mit Wundt auf die verschieden lange Apperzeptionszeit der beiden Reize zurückführen können, sondern beachten müssen, auf welchen Reiz der Beobachter jeweils eingestellt ist: die Auffassung jenes Sinnesreizes, den die Vp zunächst erwartet, ist begünstigt und erfolgt darum vor der des anderen Reizes (Michotte). Erhellt man die Fensterreihe eines Schirmes gleichzeitig durch eine Geißlerröhre und läßt eines der Fenster beachten, so scheint die Aufhellung von dieser Stelle auszugehen (Bethe).

Eine weitere Ungenauigkeit in der Zeitauffassung, die jedoch unserem ganzen Denken und Leben zum Heile gereicht, begehen wir bei der Auffassung des Jetzt. Das objektive Jetzt kann nur in einem unteilbaren Augenblick bestehen, das subjektive Jetzt, die „psychische Präsenzzeit“ hingegen umfaßt mehrere Sekunden. Das in dem punktförmigen Jetzt Erlebte entschwindet nämlich beim Gesunden nicht stracks dem Bewußtsein. Es verweilt zwar nicht mehr im Mittelpunkt, es verliert auch je länger, je mehr an Klarheit und Ausgeprägtheit, aber es steht doch noch so vor unserem Geiste, daß wir es nicht zu reproduzieren, sondern nur zu beachten brauchen, falls wir es noch einmal zu besehen wünschen, während wir die Erlebnisse der früheren Vergangenheit überhaupt erst wieder ins Bewußtsein zurückführen müssen. Der große Vorteil dieser Einrichtung liegt auf der Hand und wird besonders gewürdigt, wenn krankhafte Übermüdung des Gehirns den Faden der psychischen Kontinuität abreißen läßt.

Das stufenweise Verblassen der eben dagewesenen Erlebnisse verleiht diesen gewissermaßen Temporalzeichen, an denen ihre zeitliche Folge erkennbar bleibt: je verblaßter der Bewußtseinsinhalt, um so älter ist er. Vermittels dieser Temporalzeichen glaubte man eine streng empiristische Zeittheorie entwerfen zu können, ganz ähnlich wie Lotze es beim Raum versucht hatte: die Dauer würde nicht unmittelbar wahrgenommen, sondern entstünde erst aus den Bewußtseinsinhalten samt ihren Temporalzeichen. Allein wenn wir den Übergang von dem Jetzt in die Vergangenheit oder vielleicht auch nur von dem Sosein in das Anderssein nicht unmittelbar als solchen erleben, werden wir aus den genannten Elementen ebensowenig die Zeit integrieren, wie wir den Raum aus den Lokalzeichen gewinnen konnten. Man muß darum auch bei der Zeit- bzw. der Veränderungswahrnehmung ein geringes Anfangskapital im Sinne des Nativismus voraussetzen. Alles weitere — und das ist das wichtigste Ergebnis der Experimente — wird in der Erfahrung gewonnen.

Wie wir Abgrenzungen des Raumes zu Raumgestalten vereinigen, so fassen wir Abgrenzungen der Zeit zu Zeitgestalten zusammen: zwei Zeitmarken (Taktschläge, Lichter, Berührungen) bilden zusammen mit ihrem zeitlichen Intervall eine Zeitstrecke. Mehrere Zeitstrecken schließen sich zu einer rhythmischen Gestalt zusammen. Dabei pflegt eine oder mehrere der Zeitmarken durch die Beachtung betont zu werden. Diese Hervorhebung einzelner Zeitmarken kommt praktisch einer Intensitätssteigerung gleich, ist mit ihr jedoch nicht identisch: sie kann ja auch den merklich schwächeren Reizen zugewiesen werden.

Da viele unserer Bewegungen, namentlich unser Gang, rhythmisch gegliedert sind, lösen rhythmische Eindrücke alsbald unwillkürliche Bewegungen aus. Darum meinte G. E. Müller, die rhythmische Auffassung objektiv völlig gleichmäßiger Reize sei nur eine Folge früherer Erfahrungen. Koffka versuchte diese Ansicht experimentell zu widerlegen: optische Eindrücke sollen mit Ausschluß jeglicher Bewegungsimpulse dennoch rhythmisch erlebt werden können. Es wird schwer sein, hierfür einen unanfechtbaren experimentellen Beweis zu liefern. Aber da der Gedanke G. E. Müllers auf dem Gebiet der übrigen Gestaltwahrnehmungen versagt und das Rhythmuserlebnis den gleichen Charakter wie die anderen Gestaltwahrnehmungen trägt, werden wir es wie diese in der Hauptsache auf das aktive Zusammenfassen und auf das Erleben der Beziehungen zwischen anschaulichen Elementen zurückführen, während wir der subjektiven Betonung der objektiv gleichmäßigen Zeitmarken nur eine vorbereitende Rolle zuteilen.

Literatur

V. Benussi, Psychologie der Zeitauffassung. 1913.

H. Werner, Über optische Rhythmik. APs 38 (1918).

3. Kap. Die Bewegungswahrnehmung

Ganz ähnlich wie bei der Zeitwahrnehmung läßt sich auch hier eine begriffliche Sonderung vornehmen. Wir brauchen darum nur auf die obigen Ausführungen zu verweisen. Die Hauptprobleme werden sich alsdann an die unmittelbar wahrzunehmende Bewegung knüpfen und vor allem das psychologische Wesen der Bewegungswahrnehmung zu ergründen haben. Es empfiehlt sich für unsere Zwecke nicht, hier induktiv voranzugehen, wir hätten der Tatsachen zu viele mitzuteilen, bevor der Leser imstande wäre, sie zu würdigen und zu überschauen. Wir werden darum zuerst die Theorie der Bewegungswahrnehmung erörtern, um uns darauf mit eigenartigen Fällen aus dem Gebiet der Bewegungswahrnehmung abzufinden.

Ältere Autoren versuchten die Bewegungswahrnehmung als einen Schluß aus den Wahrnehmungen der veränderten Lage desselben Körpers zu verstehen. In der Tat schließen wir bei sehr langsamen Bewegungen (Gletscherbewegungen, Umlauf des Stundenzeigers) aus den verschiedenen Lagen auf eine vorausgegangene Bewegung. Aber so läßt sich das Erlebnis der gewöhnlichen Bewegungswahrnehmung nicht deuten. Denn nicht vergangene, sondern gegenwärtige Bewegungen sehen wir da. Überdies wissen wir heute, daß ein Schluß uns immer nur Beziehungen zwischen bekannten Gliedern mitzuteilen, niemals aber anschauliche Inhalte, die uns nicht schon die Wahrnehmung geliefert hätte, vorzuführen vermag. Und etwas Anschauliches ist zweifellos in der Bewegungswahrnehmung geboten.

Es lag daher nahe, eine besondere Bewegungsempfindung anzusetzen (Exner), oder doch die Bewegung ein unselbständiges Moment der Empfindungen sein zu lassen, ähnlich wie die Intensität (Schumann). Mancherlei Tatsachen sprechen für solche Theorien.

Die Feinheit der Bewegungswahrnehmung ist in der Netzhautmitte etwa fünfmal so groß wie an der Peripherie. Die Fähigkeit, zwei bewegte Objekte auseinander zu halten, ist auf dem gelben Fleck ebenso groß wie die Sehschärfe, mit der zwei ruhende Punkte aufgelöst werden. An der Peripherie hingegen werden die bewegten Sehdinge viermal besser unterschieden als die unbewegten. Doch lassen sich diese Verhältnisse rein physiologisch verständlich machen (Lasersohn).

Außerdem widerstreitet den Empfindungstheorien dieses: Wo immer der adäquate Reiz für das Auftreten einer Empfindung bzw. die Veränderung eines Empfindungsmomentes gegeben ist, tritt bei normalen Verhältnissen auch die Empfindung bzw. die Veränderung des Empfindungsmomentes ein. Der einzige adäquate Reiz — wir bleiben vorerst immer bei der optischen Bewegungswahrnehmung — wäre hier nun die sukzessive Erregung benachbarter Netzhautstellen durch die gleichen Lichtwellen. So oft sie statt hätte, müßte auch Bewegung gesehen werden. Dem ist jedoch nicht so. Bewege ich mein Auge über einen Gegenstand hin, so nehme ich zumeist optisch keine Bewegung wahr.

Andere Theorien verzichten auf die Einführung eines neuen psychischen Elementarvorganges. So glaubt Linke (wir modifizieren ein wenig seinen Gedanken), die Wahrnehmung der jeweils anderen Lage des bewegten Gegenstandes zu seiner Umgebung mache die Bewegungswahrnehmung aus. Sinnlich wäre uns jeden Augenblick ein anderes Lagebild geboten. Dazu kämen zwei Beziehungserfassungen, die nur gedanklich zu leisten sind: einmal die Lageerfassung, sodann die Identifikation des objektiv bewegten Gegenstandes in den wechselnden Lagen. In Worte gefaßt, wäre also das Erlebnis: „Jetzt hier, jetzt da, jetzt dort! ...“ Man hat diese Theorie mit untauglichen Waffen bekämpft. Der Identifikationsprozeß ist nichts „Logizistisches“. Identifizieren ist ein wirkliches Erlebnis. Zwar geben wir es nicht immer durch Worte kund, ja wir konstatieren es nicht einmal immer — wie wir auch die Verschiedenheit der vor uns ausgebreiteten Farben geistig erfassen, ohne sie immer zu konstatieren. Auch sind wir bei Beobachtung eines bewegten Gegenstandes hinreichend auf die Erfassung der Identität eingestellt. Daß es Scheinbewegungen zwischen zwei nacheinander aufleuchtenden Grenzlinien gibt, ohne daß diese für identisch gehalten werden (Wertheimer), bedeutet keine unüberwindliche Schwierigkeit, da dieses Erlebnis nur bei solchen beobachtet wird, die schon eine reiche Erfahrung im Bewegungssehen hinter sich haben. Dagegen vermißt man eher eine Erklärung des anschaulichen Überganges von einer Lage in die andere, der doch wirklich gesehen wird.

Am meisten befriedigt wohl eine in der Hauptsache von Stern begründete Theorie. Stern nimmt eine unmittelbare Wahrnehmung der Veränderung an: wir sehen, wie ein Licht verblaßt, wie ein Abstand zunimmt oder sich verkleinert. Voraussetzung einer solchen Veränderungswahrnehmung ist einerseits das Erleben der sich kontinuierlich ändernden Empfindungen, anderseits eine Art Identifikation, die Dingerfassung. Bewegt sich nun ein Gegenstand auf einer sichtbaren Strecke, so erkennen wir an den sinnlichen Daten nicht nur die Veränderung der Lage, sondern auch unmittelbar das Zunehmen der einen und das Abnehmen der andern Distanz auf der sichtbaren Strecke. Damit wäre wohl auch der anschauliche Charakter der Bewegungswahrnehmung erklärt, ohne daß neue Erkenntniselemente angesetzt werden müßten.

Gegen diese Theorie bedeutete die Wahrnehmung eines bewegten leuchtenden Punktes im Dunkeln, also ohne unterscheidbare Anhaltspunkte für die Lageauffassung, erst dann eine Schwierigkeit, wenn sie an einem Individuum ohne jede Erfahrung auf dem Gebiet des Bewegungssehens oder gar der Bewegungswahrnehmung überhaupt festgestellt würde. Für den Erwachsenen gewinnen nämlich die einzelnen Netzhautpunkte einen Ortswert (s. S. 81 f.), und ebenso können die verschiedenen Phasen des Nachbildes, das der leuchtende Punkt hinterläßt, und endlich die Bewegungen, die erforderlich sind, um ihm mit der Blickrichtung zu folgen, zu Kriterien des Bewegungseindruckes werden. Übrigens muß die Bewegung im Dunkeln rascher verlaufen als im Hellen, um wahrgenommen zu werden.

Da wir die Bewegungswahrnehmung in der Hauptsache auf höhere Prozesse zurückführen, müssen wir sie folgerecht zu unserem Standpunkt dem Tier aberkennen. Es genügt aber auch zur Erklärung der Tatsachen, wenn der kontinuierlich sich ändernde Gesichtseindruck, den z. B. die Katze von der laufenden Maus erhält, das Tier in jedem Augenblick zu anderen zweckmäßigen Bewegungen veranlaßt. — Aus dem Relativitätscharakter der Bewegungswahrnehmung ergibt sich ferner, daß wir kein zwingendes sinnliches Merkmal dafür haben, ob sich der zufällig beachtete Punkt oder der Hintergrund bewegt. Unsere allgemeine Erfahrung legt uns nahe, die Bewegung im allgemeinen auf den kleineren Gegenstand zu beziehen und den größeren Hintergrund als ruhend aufzufassen. Darum scheint uns der Mond, an dem zerrissene Wolken vorbeijagen, häufig in eiliger Bewegung begriffen. Im allgemeinen läßt sich sagen: der Träger der Bewegung wird durch Erfahrungskriterien bestimmt; beim Widerstreit der Kriterien kann es zu Täuschungen kommen.

Wir haben uns nunmehr mit einer Reihe eigentümlicher Erscheinungen auf dem Gebiet des Bewegungssehens auseinanderzusetzen. Verfolgen wir mit fixierendem Blick einen Vogel am wolkenlosen Himmel, so nehmen wir die Bewegung wahr, ohne daß sich auf der Netzhaut die Reize nennenswert ändern. In diesem Falle wird der Bewegungseindruck durch die gleichzeitigen Bewegungen des Auges oder des Kopfes hervorgerufen. Aus der optischen Wahrnehmung unserer bewegten Glieder gewinnen nämlich die kinästhetischen Empfindungen ihre Bedeutung als Bewegungsempfindungen, während beim Blindgeborenen einfach an die Stelle der Netzhaut die Tastorgane treten. — Beobachten wir ruhende Objekte mit bewegtem Auge, so erscheinen uns die Dinge bald ruhend, bald bewegt, je nachdem unsere Augenbewegungen, einerlei ob sie aktiv oder passiv sind, als Reproduktionsmotive für die Ruhe bzw. Bewegungsauffassung mit in Konkurrenz treten. Es kann sogar gleichzeitig ein Teil des Gesamtbildes ruhend und ein anderer als bewegt gesehen werden: lese ich z. B. einen gedruckten Anschlag, der dicht neben einem geschlossenen Rolladen angebracht ist, so bleibt trotz der Lesebewegungen des Auges der Druck wie immer auf derselben Stelle, während der Rolladen zur Seite in die Höhe zu steigen scheint. — Weiterhin kann unter Umständen Bewegung wahrgenommen werden, ohne daß sich in der Außenwelt oder auf der Netzhaut irgend etwas verändert. Wer bei gelähmten Augenmuskeln ein seitlich erblicktes Objekt fixieren will, hat den Eindruck, daß es vor ihm flieht, und doch behielt das Objekt sowohl wie das gelähmte Auge seine frühere Lage bei. Ähnliches erlebt man beim Drehschwindel. Es handelt sich hier um eine sekundäre Bewegungstäuschung: wer sich erfolglos bemüht, ein Ding durch Bewegung zu erreichen, weiß, daß es sich bewegt, und erlebt auch anschaulich einen Bewegungseindruck. Der Gelähmte bemüht sich nun gleichfalls erfolglos um die optische Erreichung jenes Sehdinges und erfährt darum den Eindruck des Fliehens.

Ein sehr sorgfältiges Studium hat man neuerdings einer anderen Klasse von Scheinbewegungen gewidmet. Läßt man zwei benachbarte Objekte, etwa parallele Striche nacheinander sichtbar werden und steigert allmählich die Schnelligkeit der Sukzession, so scheint bei einer gewissen Geschwindigkeit etwas von dem ersten Strich zum zweiten herüberzuspringen. Doch vermeint man nicht, das nämliche Ding von der Ausgangs- zur Endlage kommen zu sehen, vielmehr mutet einem der Vorgang eher wie eine Bewegung ohne Bewegtes an. Bei noch größerer Geschwindigkeit, unter 30 σ verschwindet diese Scheinbewegung, und die beiden Striche werden gleichzeitig und ruhend gesehen. Wertheimer versucht solche Scheinbewegungen vermittels einer physiologischen Theorie zu erklären: Die den beiden Parallelen entsprechenden Erregungen im Gehirn breiten sich allseitig aus. Infolgedessen treffen die Ausstrahlungen von beiden Erregungen aufeinander, verstärken sich und erwecken den Eindruck einer Bewegung. Folgen die beiden Reize zu langsam, so ist die Ausstrahlung des ersten schon abgeklungen, ehe die zweite einsetzt; folgen sie zu schnell, so treten die Ausstrahlungen nahezu gleichzeitig auf, so daß sich keine Richtung der Bewegung herausbilden kann. Diese physiologische „Querfunktion“ soll auch die Grundlage der Gestaltauffassung sein. Innerhalb gewisser Grenzen mag diese geistvolle Theorie dem Sachverhalt entsprechen. Es stehen ihr jedoch manche Tatsachen entgegen. Setzt man statt der parallelen Striche parallele, aber entgegengesetzt gerichtete Pfeile, so scheint der erste Pfeil nicht nur herüberzuspringen, sondern auch eine Wendung zu machen, was mit der Theorie nicht recht verträglich ist. Auch wird die Erscheinung bei kurz dauernder und sehr intensiver Exposition der einzelnen Reize weniger deutlich als bei sehr rascher und wenig intensiver Darbietung. Diese und andere Umstände weisen darauf hin, daß nicht ausstrahlende Gehirnreize, sondern ergänzende Vorstellungen die Grundlage der Scheinbewegungen sind. Eine genauere Begründung dieser Ansicht kann indes hier nicht geboten werden.

Sehr viele Rätsel gibt das Stroboskop (Kinematograph) den Psychologen auf. Es sind viele Bilder dargeboten, und doch wird nur ein bewegtes Ding gesehen; es werden prinzipiell ruhende Bilder gezeigt, und doch nimmt man Bewegung wahr; es werden die Bilder von getrennten Phasen der Bewegung vorgeführt, und doch erscheint eine zusammenhängende Bewegung. Eine allseitig befriedigende Lösung der Probleme liegt noch nicht vor. In der Hauptsache sind jene höheren Prozesse zu betonen, die auch bei der einfachen Bewegungswahrnehmung die erste Rolle spielen. Dazu kommen ähnlich wie bei den Scheinbewegungen die ergänzenden Vorstellungen aus der sonstigen Erfahrung, und endlich sind außer der Trägheit der Netzhautprozesse wohl auch die positiven Nachbilder und die dem bewegten Bilde folgenden Blickbewegungen an dem Gesamtergebnis beteiligt.

Noch merkwürdiger sind die autokinetischen Bewegungen. Der Beobachter befindet sich im Dunkelraum und fixiert einen Leuchtpunkt. Mit einemmal beginnt der Leuchtpunkt sich zu bewegen, obwohl die Lichtquelle ihren Standort nicht verändert hat, und obwohl die meßbaren Fixationsschwankungen des Beobachters so gering sind, daß sie für die wahrgenommene Bewegung gar nicht in Frage kommen. Die Erklärung liegt auch hier bei den ergänzenden Vorstellungen. Der Beobachter tritt mit einer gewissen Vorstellung von der Lage des umgebenden Raumes in das Dunkelzimmer. Da er im Dunkeln keine Anhaltspunkte, „Verankerungen“ (Wertheimer), für diese seine Vorstellung hat, kann sie unter Umständen durch eine andere verdrängt werden, was sehr leicht geschieht, wenn etwa durch ein Geräusch am Boden die Aufmerksamkeit dorthin gelenkt wird. Wie nun die Lageveränderung zu dem gesehenen Raum, so wird auch die Lageveränderung zum vorgestellten Raum als Bewegung aufgefaßt.

Blickt man eine Zeitlang auf einen Wasserfall, oder auf den Boden vor den Füßen beim Gehen oder auf sonst einen bewegten großflächigen Gegenstand und richtet dann das Auge auf ein ruhendes Objekt, so scheint dieses sich für Augenblicke im entgegengesetzten Sinne zu bewegen. Dieses negative Bewegungsnachbild hat eine stattliche Reihe von experimentellen Untersuchungen veranlaßt. Es dürfte nicht in allen Fällen auf die gleichen Bedingungen zurückzuführen sein. Bisweilen werden unbeachtete Augenbewegungen, eine Nachwirkung des längeren Hinsehens auf die bewegte Fläche (Nystagmus), der Grund sein. Doch nicht immer; so nicht bei dem an einer Spirale gewonnenen Nachbild, das sich gleichzeitig in entgegengesetzter Richtung auszudehnen und wieder zusammenzuziehen scheint. Da dürften die abklingenden Netzhautprozesse eine Rolle spielen. In anderen Fällen werden ergänzende Vorstellungen mitwirken, und endlich kann die einseitige Muskelanspannung ähnlich wie bei dem Gelähmten eine Bewegung vortäuschen.

Literatur

W. Lasersohn, Kritik der hauptsächlichsten Theorien über den unmittelbaren Bewegungseindruck. ZPs 61 (1912).

M. Wertheimer, Experimentelle Studien über das Sehen von Bewegung. ZPs 61 (1912).

SIEBTER ABSCHNITT Elementare Gefühle

1. Abgrenzung der elementaren oder sinnlichen Gefühle

Was man mit dem Wort Gefühl oder Emotion meint, wird einigermaßen verständlich, wenn man bekannte Erfahrungstatsachen zusammenstellt, wie die Annehmlichkeit des Süßen, die Widrigkeit des Bitteren, die Wonne idealer Begeisterung, die Ergriffenheit der Andacht, der Schmerz des Verlustes, die Freude des Erfolges. Das sind freilich sehr komplexe Erlebnisse, aber wenn wir in Gedanken alles an ihnen wegnehmen, was sie von Sinneseindrücken, Vorstellungen und Gedanken einerseits, an Absichten, Entschlüssen und Strebungen anderseits enthalten, so scheint es, bleibt doch noch etwas übrig, was all diesen Bewußtseinsvorgängen gemeinsam ist, nämlich die eigenartige Affektion des Erlebenden. Oder stellen wir eine Bedeutungsanalyse der Begriffe angenehm und unangenehm an, so finden wir nichts, was mit Recht als Erkenntnis oder als Willensvorgang bezeichnet werden dürfte, und doch ist jeder Unbefangene davon überzeugt, daß mit diesen Worten auf wirkliche Erlebnisse oder Erlebnisbestandteile hingewiesen wird.

Es erscheint nun aussichtslos, alles, was in der Literatur und im Leben als Gefühl genannt wird, miteinander vergleichen und aus diesem Vergleich die elementaren Gefühle ableiten zu wollen. Dafür sind diese Gesamterscheinungen viel zu verwickelt. Da nun normalerweise immer etwas angenehm oder unangenehm ist, gehen wir zweckmäßiger von den einfachsten Erkenntnisgegenständen, den Empfindungen, aus und untersuchen, ob sich Gefühle an sie anschließen. Wir würden solche Gefühle dann als sinnliche bezeichnen. Das Recht, von „sinnlichen oder elementaren“ Gefühlen zu reden, kann uns eine solche Prüfung allerdings nicht geben. Dazu müssen wir hier voraussetzen, was später glaubhaft gemacht werden soll, daß diese Gefühle nicht weiter in Teilgefühle zerlegbar sind und daß sie auch die letzten Bestandteile der sog. höheren Gefühle, wie der logischen, sozialen oder religiösen, bilden.

2. Die Eigenart der sinnlichen Gefühle

Läßt man einen Sinneseindruck möglichst isoliert auf sich einwirken, so wird man in vielen Fällen von einem solchen Eindruck angenehm oder unangenehm berührt, und zwar nicht allein von den Erregungen der niederen Sinne, wie Brentano meinte. Auch eine leuchtende Farbe, ein süßer Ton kann bei der experimentellen Darbietung geradezu wonnig sein. Man hat nun früher die Annehmlichkeit oder Unannehmlichkeit als eine Eigenschaft der Empfindung aufgefaßt; wie man Qualität, Dauer, Intensität als Seiten der Empfindung kennt, so fügte man als weitere den Gefühlston hinzu (Ziehen). Der Irrtum rührt von der Schwierigkeit her, Erlebnisse wie Annehmlichkeit zu beobachten. Unsere Auffassung verbindet nachträglich zu gern die Wirkung eines Eindruckes mit diesem selbst: wir sehen es scheinbar dem Zucker an, nicht nur, daß er süß, sondern auch, daß er gut schmeckt. Bemüht man sich indes, das Erlebnis nicht in seiner nachträglichen Verarbeitung, sondern in seiner gegenwärtigen Erscheinung zu erfassen, so will es nicht gelingen, die Annehmlichkeit des Zuckers uns ebenso gegenüberzustellen wie seine Süßigkeit. Dazu kommen noch die beachtenswerten Einwände Külpes gegen diese Auffassung: Das Gefühl zeigt dieselben Eigenschaften wie die Empfindung, nämlich Qualität, Intensität, Dauer; es kann also nicht selbst Eigenschaft der Empfindung sein. Sodann können die anderen Eigenschaften der Empfindung nie zu null werden, ohne daß die Empfindung selbst null würde; das Gefühl aber kann ohne Beeinträchtigung der Empfindung verschwinden. Endlich ist die Empfindung durch Qualität, Intensität und Dauer hinlänglich charakterisiert; das Gefühl trägt zu ihrer Kenntnis nichts Neues bei, sondern verhält sich in dieser Hinsicht ähnlich wie eine zweite Empfindung, die zu einer andern hinzutritt.

Eine andere Auffassung will in dem Gefühl nicht eine Eigenschaft einer schon vorhandenen Empfindung erblicken, sondern eine neue oder Begleitempfindung, die sich mit der zunächst gegebenen verbindet. So suchte schon James die Gefühle bei den Organempfindungen, und neuerdings will Stumpf, wenigstens für die sinnlichen Gefühle (zentrale) Mitempfindungen einführen. Schmerz und Wohlsein seien die einzigen Qualitäten dieser Mitempfindungen, die sich zu den einzelnen Empfindungen der anderen Sinne hinzugesellten. Dagegen spricht jedoch außer dem ganz hypothetischen Charakter dieser Auffassung und der Fremdartigkeit dieser „Sinne“, für die keine Organe nachzuweisen sind, vor allem der Bewußtseinsbefund. Stumpf läßt die höheren Gefühle, wie Freude am Erfolg, als eine eigene Klasse neben den Erkenntnis- und Willensvorgängen bestehen. Wenn man nun z. B. aus dem Erlebnis der nichtsinnlichen Freude alle Erkenntnis- und Willensmomente hinwegnimmt und auch die Mitempfindung des Wohlseins, die nach Stumpf auch solchen Erlebnissen beigemischt ist, so fragt es sich, ob überhaupt noch ein Erlebnisrest bleibt. Bleibt aber ein solcher, dann ist die erscheinungsmäßige Verwandtschaft, die zwischen ihm und den „Mitempfindungen“ herrscht, eine unvergleichlich engere als die zwischen den Mitempfindungen und den eigentlichen Empfindungen. — Derselbe Gedanke entzieht auch der James-Langeschen Theorie den Boden. Sind wir wirklich nur darum traurig, weil wir weinen (James), oder weil wir irgendwelche Organempfindungen haben (Lange), so bleibt unerklärt, wie denn das merkwürdige Moment des Angenehmen oder Unangenehmen in unser Bewußtsein gelangen soll, da es weder eine Empfindung noch eine Eigenschaft der Empfindung sein kann. Ist doch auch das Gefühl in einer ganz anderen Weise subjektiv, als es irgendwelche Empfindung sein kann.

3. Die Gefühlsdimensionen und -qualitäten

Wie Helmholtz bei den Empfindungen von Modalitäten (die verschiedenen Sinne) und Qualitäten (die verschiedenen Empfindungen desselben Sinnes) sprach, so redet man von verschiedenen Dimensionen der Gefühle überhaupt und von den verschiedenen Qualitäten innerhalb der Dimensionen. Die Zahl der Dimensionen ist nach einigen praktisch unbegrenzt, da die Seele auf jeden Erkenntnisgegenstand anders reagiert. Wundt hingegen zählt drei Gefühlsdimensionen auf: Lust-Unlust, Erregung-Beruhigung, Spannung-Lösung. Die Mehrzahl der Psychologen aber bekennt sich zu der eindimensionalen oder der Lust-Unlusttheorie. Innerhalb der Dimensionen nehmen nun manche Autoren eine Mehrheit von Qualitäten an, so namentlich Wundt, während andere nur je eine Qualität gelten lassen, wie Külpe.

Es wird genügen, hier die Gründe gegen die Dreidimensionalität anzuführen, weil sie gleichzeitig gegen jede Mehrdimensionalität sprechen. Man leugnet nicht, daß es neben Lust-Unlust noch Erregung-Beruhigung, Spannung-Lösung gibt, vermag aber in den beiden letzten Erlebnispaaren nicht elementare Gefühlsvorgänge zu erblicken. Zweifellos herrschen bei diesen Zuständen ausgesprochene Organempfindungen, wie sie schon durch die Beschleunigung und nachherige Verlangsamung des Pulses, durch das Anhalten und nachfolgende Vertiefen des Atmens gegeben sind. Auch gedankliche Momente können namentlich bei der Spannung vorhanden sein. Alle diese Faktoren pflegen von leichten Lust-Unlustgefühlen begleitet zu sein. Sieht man davon ab, so scheint für ein weiteres elementares Gefühl nichts übrigzubleiben.

Gegen die Mehrheit der Qualitäten aber spricht folgendes: Wenn die Gefühle etwa mit den Empfindungen wechselten, so müßte es ihrer eine unglaublich große Zahl geben. Dann wäre es aber schwer begreiflich, daß wir nur so wenige Qualitäten feststellen können, während wir doch bei den ebenfalls sehr mannigfachen und nur wenig voneinander verschiedenen Farbentönen eine gar große Zahl mit Sicherheit herausgreifen. Auch bereitet es keine Schwierigkeit, alle Arten der Lust direkt miteinander zu vergleichen. Übrigens dürfte es auch biologisch hinreichen, wenn die Gefühle nur bekunden, daß unsere Natur durch einen Eindruck angenehm oder unangenehm berührt wird, da ja die Mannigfaltigkeit der Eindrücke durch die Empfindungen ausgiebig zu Worte kommt (Külpe). So beachtenswert solche Gründe auch sind, so schließen sie die Möglichkeit nicht aus, daß einmal durch einwandfreie Beobachtungen die Mehrdimensionalität der Gefühle erwiesen wird. Leider stehen viele der bisher angestellten Versuche zu sehr unter der Herrschaft der Schule, der die Beobachter angehören.

4. Die Beziehungen zwischen Empfindung und Gefühl

Die Abhängigkeit der Gefühle von den Empfindungen wird experimentell durch die Eindrucksmethode geprüft: man läßt eine Empfindung auf die Vp einwirken und von ihr das entstehende Gefühl beschreiben. Andere Methoden erlauben ein mehr objektives Verfahren. So die Methode der Herstellung: die Vp hat etwa am Spektralapparat die ihr wohlgefälligste Farbe einzustellen. Die Methode der Wahl: aus mehreren Gegenständen, die gleichzeitig geboten sind, ist der wohlgefälligste oder mißfälligste herauszunehmen, oder alle Gegenstände sind ihrer Wohlgefälligkeit nach in eine Rangordnung zu bringen. Endlich die Reihenmethode: aus je einem Paar von Objekten ist das Gefälligere zu bestimmen; wenn dann jedes Objekt mit jedem anderen gleich oft verglichen ist, so gibt die Häufigkeit der Vorzugsurteile für die einzelnen Objekte einen gewissen Maßstab für die Lebhaftigkeit des durch sie geweckten Gefühles. Die objektiven Methoden sind allerdings weniger rein und müssen durch die subjektive ergänzt werden, um die Einflüsse der Erfahrung (den assoziativen Faktor) einigermaßen auszuschließen.

Nach den genannten Methoden läßt sich nun die Abhängigkeit des Gefühles von den Eigenschaften der Empfindung, der Qualität, Intensität und Extensität und der Dauer bestimmen. Welche Empfindungsqualitäten lustvoll, und welche unlustvoll sind, ist in der Hauptsache schon aus dem Alltagsleben bekannt: das Süße, Glatte, Warme usw. ist uns angenehm, das Bittere, Kalte, Rauhe eher unangenehm. Wichtiger ist, daß die niederen Sinne lebhaftere Gefühle hervorrufen als die höheren. Ihre Meldungen sind ja auch im allgemeinen von größerer unmittelbarer Bedeutsamkeit für das Leben, während die Gesichts- und Gehörempfindungen als Bausteine umfangreicherer Erkenntnisse zurücktreten: ob das Automobil, das mich zu überfahren droht, rot oder gelb ist, ist mir zunächst gleichgültig. Es steigert sich darum auch die Gefühlswirkung der Farben und Töne, wenn sie im Experiment isoliert geboten werden.

Die Abhängigkeit des Gefühles von der Empfindungsintensität hat Lehmann genauer untersucht. Die Empfindung muß die „intensive Schwelle“ übersteigen, d. h. sie muß eine gewisse Stärke erreichen, um überhaupt gefühlsbetont zu sein. Mit wachsender Intensität steigt dann Lust und Unlust. Während aber die Lust bei einem gewissen Intensitätsgrad ihren Höhe- und Wendepunkt erreicht, von dem aus sie abnimmt, um schließlich zur Unlust zu werden, scheint diese nur einfachhin zuzunehmen. Der Umschlag der Lust in Unlust brauchte aber nicht auf der Intensitätszunahme als solcher zu beruhen. Es dürften vielmehr allmählich andere Empfindungen hinzutreten, wie bei der Intensitätssteigerung des Lichtes der Blendungsschmerz, die unangenehm sind. — Zu bemerken ist noch, daß manche Empfindungsqualitäten, die im allgemeinen als unlustvoll gelten, stark herabgesetzt, angenehm werden, so manche Gerüche, während andere, die allgemein als lustvoll bekannt sind, bei größerer Intensität unangenehm werden, so das Süß. Beide Tatsachen lassen sich aber auch den soeben dargestellten Gesetzmäßigkeiten zwischen Gefühl und Empfindungsintensität unterordnen, wenn man annimmt, daß z. B. jene Gerüche sich für gewöhnlich in einem zu hohen Intensitätsgrade befinden.

Ähnlich wie bei der Intensität verläuft die Gefühlskurve bei der Dauer. Nachdem die Zeitschwelle überschritten ist, steigen die Gefühle an. Nach einiger Zeit tritt Abstumpfung ein, jedoch bei der Unlust später als bei der Lust. Der schließliche Wandel der Lust in Unlust scheint auch hier nur auf indirektem Wege bewirkt zu werden.

5. Verbindung und Lösung der Gefühle

Wer mehrere Gefühlsdimensionen annimmt, kann ohne weiteres die Verbindung mehrerer Gefühle aus verschiedenen Dimensionen einräumen: lustvolle Erregung, bange Spannung sind uns aus der Erfahrung wohl bekannt. Umstritten ist jedoch die Vereinigung verschiedener Gefühle derselben Dimensionen. Wundt glaubt an eine solche Verbindung zu einem Totalgefühl. Ähnlich wie nach ihm Empfindungen zu einem wesentlich neuen Eindruck verschmelzen, so vereinigen sich nach dem Prinzip der Einheit der Gemütslage die Partialgefühle nicht wie Summanden, sondern wie die Elemente einer chemischen Verbindung. Die Experimente deuten jedoch eher darauf hin, daß wenigstens Lust und Unlust sich nicht einfachhin mischen. Sie wechseln vielmehr ab, je nachdem der die Lust oder der die Unlust bedingende Eindruck beachtet wird. Dagegen dürfte eine Zusammensetzung von Teilgefühlen gleicher Qualität vorkommen, z. B. in dem Gemein- oder Lebensgefühl, das aus den verschiedenen Organempfindungen entspringt.

Von hoher Bedeutung für unser Willensleben ist die Übertragung der Gefühlstöne. Ein Ort, an dem wir Unwillkommenes erlebt, wird uns selbst unlieb u. ä. m. Man hat diese Tatsache bisweilen nach dem Schema der assoziativen Verbindung zu erklären versucht: wie sich eine Vorstellung a mit der Vorstellung b assoziiert, wenn beide gleichzeitig im Bewußtsein sind, so verknüpfe sich das anderweitig verursachte Gefühl mit der Vorstellung, die zufällig gleichzeitig im Bewußtsein sind, so verknüpfe sich das an der des Ortes. Allein die Gefühle sind nicht als derartig selbständige Bewußtseinsinhalte zu erweisen. Im Gegenteil, die Unmöglichkeit, Gefühle für sich allein oder überhaupt zu reproduzieren — wir können uns wohl gedanklich daran erinnern, ein bestimmtes Gefühl verspürt zu haben, aber wir können uns jenes Gefühl selbst nur dadurch wieder anschaulich vergegenwärtigen, daß wir uns das veranlassende Erlebnis vorstellen — zeigt das Gefühl als eine Folgeerscheinung, nicht als selbständigen Vorgang. Auch die Theorie der Gefühle, zu denen die anderweitigen Beobachtungen hindrängen, verträgt sich nur schwer mit dieser Erklärung. Es dürfte vielmehr durch die Wahrnehmung des Ortes die Erinnerung an jenes Erlebnis mit angeregt werden und aus dieser mehr oder weniger bewußten Erinnerung das Gefühl stammen, das wir dann auf den Ort als seine Quelle beziehen. Denn einerseits steht fest, daß die Gefühle dem vollen Bewußtwerden der zugehörigen Vorstellungen vorauseilen, und anderseits werden wir bei der Besprechung der Assoziationen sehen, wie vielerlei Begleitvorstellungen jede Wahrnehmung wachruft. Es wäre übrigens eine bedeutsame Aufgabe, festzustellen, wieviel nur übertragene Gefühlstöne unsere Umwelt aufzuweisen hat und welches Lebensalter für diese Übertragung am empfänglichsten ist.

Die sog. Analogien der Empfindung, das „schreiende“ Rot, das „düstere“ Schwarz, die „freudigen“ Töne usw., beruhen primär nicht auf der Übertragung des Gefühlstones. Es gleichen sich vielmehr die analogen Empfindungen in den Gefühlen, die sie in uns erwecken: düstere Farben und tiefe Töne stimmen ernst, leuchtende Farben und hohe Töne erregen und heitern auf. Diese ursprünglichen Wirkungen bedingen nun ihre zweckbewußte Verwendung, und erst dieser Umstand läßt auch die Übertragung des Gefühlstones ins Spiel treten: Wir verwenden das Schwarz als Zeichen der Trauer, weil es der Trauer entsprechende Stimmungen fördert, aber wegen dieser Verbindung des Schwarz mit den Trauerfällen des Lebens vertieft sich durch Gefühlsübertragung der Stimmungswert des Schwarz.

6. Die physiologischen Begleiterscheinungen der Gefühle

Die Gefühle verschaffen sich auf mannigfache Weise in dem Verhalten des menschlichen Körpers Ausdruck. Sie beeinflussen den Herzschlag (Puls), das Atmen, die Blutverteilung, die Muskelkraft. Es bestand nun die frohe Hoffnung, an bestimmte Gefühle möchte in eindeutiger Weise eine bestimmte physiologische Veränderung gebunden sein. Gelang es dann durch die unmittelbare sinnliche Einwirkung (Eindrucksmethode) oder durch die willkürliche Erinnerung der Vp (Reproduktionsmethode), ein beliebiges Gefühl zu verursachen, so konnte man mit Leichtigkeit die zugehörige körperliche Veränderung als das Symptom jenes Gefühles entdecken, eine Entdeckung, die später den umgekehrten Weg von der Feststellung des Symptoms zur Erkenntnis des herrschenden Gefühles eröffnet hätte. Der Herzschlag ließ sich durch den Kardiographen, der Puls durch den Sphygmographen, die Atmung durch den Pneumographen und die Blutverteilung durch den Plethysmographen nachweisen. Die drei ersten Apparate übertragen den von den verschiedenen Organen ausgehenden Druck pneumatisch oder mechanisch auf einen Hebel, dessen freies Ende mit einer Schreibfeder versehen ist, die einer rotierenden Papierschleife anliegt. Der Plethysmograph ist im wesentlichen ein mit Wasser gefülltes Gefäß, in welches ein Körperglied unter wasserdichtem Verschluß eingeführt wird. Bei manchen seelischen Erregungen drängt nun das Blut in die Extremitäten hinein, bei andern zieht es sich aus ihnen zurück. Dadurch wird das Volumen des Gliedes im Plethysmographen größer oder geringer, was nach außen durch das Fallen oder Steigen des Wassers im Apparate bemerkbar ist. Weiter zeigt das Galvanometer einen Ausschlag, wenn die im Stromkreis befindliche Vp lebhaftere Gefühle verspürt (psychogalvanisches Phänomen). Die Muskelkraft endlich wird durch Hebeleistungen am Ergographen oder durch Druckleistungen am Dynamometer gemessen.

Die Erwartungen, die man an diese Methoden geknüpft hatte, schienen zunächst durchaus erfüllt, bei tieferem Eindringen aber völlig enttäuscht zu werden. Die Versuchsresultate widersprachen sich. Je mehr indes die Selbstbeobachtung der Vp herangezogen wurde, um so mehr lösten sich die Widersprüche. Zunächst sind die physiologischen Schwankungen nicht allein an die Gefühle gebunden, sondern auch an die psychische Tätigkeit, insbesondere an die willkürliche Bewegung. Außerdem ist das Verhalten der Vpn bei den in ihnen erzeugten Erlebnissen nicht immer das gleiche, wodurch notwendig auch die äußere Reaktion eine andere werden muß. Berücksichtigt man diese und andere Fehlerquellen, so ergibt sich doch eine verhältnismäßig hohe Übereinstimmung der Versuchsresultate (Leschke). Es mag genügen, folgende zu erwähnen. Die Lust beschleunigt die Atmung und macht sie flacher, erhöht und verlängert in der Regel auch den Puls; das Blut wird gegen die Peripherie und zum Gehirn verschoben. Diese Veränderungen lassen sich als eine Tendenz zur Erhaltung der Lust deuten; denn „die bessere Blutversorgung in Peripherie und Gehirn bewirkt eine größere periphere wie zentrale Aufnahmefähigkeit für den lustbetonten Reiz“ (Fröbes). Bei Unlustreizen verhalten sich die Vpn verschieden, entweder abwehrend oder sich ergebend. Demgemäß ist die Atmung entweder flach und gehemmt, oder nach anfänglicher Stockung tiefer und langsamer. Die Pulse sind verkürzt und erniedrigt; das Armvolum sinkt; im Gehirn herrscht Anämie, wodurch die Unlustreize schließlich unwirksam werden[6].

7. Theorie der sinnlichen Gefühle

Wir dürfen hier von jenen theoretischen Anschauungen absehen, die wie die James-Langesche oder Stumpfsche Theorie die Gefühle überhaupt als besondere Bewußtseinserscheinungen beseitigen. Auch die Bestimmung älterer Philosophen, das Gefühl sei die Erkenntnis des Nutzens oder Schadens eines Reizes, leugnet die Eigenart der sinnlichen Gefühle, indem sie diese zu Erkenntnisvorgängen macht. Man wird zwar behaupten können, daß sich die Lust im allgemeinen an förderliche, die Unlust im allgemeinen an schädliche Reize anschließe, aber darum ist das Gefühl noch keine Erkenntnis dieser Zweckmäßigkeit. Dasselbe gilt von der Herbartschen Meinung, das Gefühl sei das unmittelbare Innewerden der Hemmung oder Förderung der Vorstellungen (Nahlowsky). Auch diese Theorie ist nicht aus der Beobachtung der Wirklichkeit geschöpft.

Der Grundgedanke der heutigen Theorien lautet: Lust ist Funktionslust, Unlust ist Funktionsunlust, d. h. dem Gefühl entspricht nicht ein besonderer physiologischer Vorgang, sondern eine bestimmte Weise jener physiologischen Prozesse, die der Empfindung dienen. Und zwar kommen dabei die zentralen, nicht die peripheren Prozesse in Betracht, da zwischen den peripher und den zentral erregten Gefühlen kein Unterschied besteht. A. Lehmann hat diese Theorie etwas weiter ausgebaut: Wird der Energieumsatz durch den Stoffwechsel ausgeglichen, dann ist der psychophysische Prozeß von Lust begleitet, andernfalls von Unlust. Einzelne Psychologen schränken diesen Gedanken auf die Organempfindungen ein: nicht etwa die Farbenempfindung selbst, sondern die mit der Farbenempfindung vorhandene Organempfindung ist lust- oder unlustvoll. Je nachdem man nun annimmt, daß die Seele nur auf die Funktionsweise der der Empfindung dienenden Prozesse mit einem Gefühl reagiert, oder daß auch die Funktionsweise anderer Vorgänge ihren Widerhall im Gefühl findet, wird man berechtigt sein, Gefühle ohne Vorstellungsgrundlage anzuerkennen oder nicht. Die bisher beigebrachten Beobachtungen von völlig grundlosen Gefühlen der Angst oder der Freude schließen diffuse, wenig beachtete Organempfindungen nicht mit Sicherheit aus, um so weniger, wenn man auch hier die Möglichkeit berücksichtigt, daß die Gefühle früher klar bewußt werden als die Vorstellungen. Läßt man sie nun gar (im pathologischen Zustand) die Bewußtseinsschwelle vor den Empfindungen erreichen, dann hat man wohl den besten Ausgleich beider Ansichten.

Literatur

A. Lehmann, Die Hauptgesetze des menschlichen Gefühlslebens. 2. Aufl. 1914.

G. Störring, Psychologie des Gefühlslebens. 1916.

ACHTER ABSCHNITT Das elementare Wollen

Seit alters drängte sich dem vorwissenschaftlichen Denken wie der zünftigen Philosophie die Überzeugung auf, daß es im Seelenleben Erscheinungen gibt, deren Kern auf keine der bisher besprochenen Erlebnisformen zurückführbar ist, die darum als besondere Klasse unter den psychischen Elementen aufgezählt werden müssen. Die Sprache hat für diese Phänomene den Ausdruck Wollen oder Streben geschaffen. Während nun in früheren Zeiten kein Zweifel gegen diese allgemeine Überzeugung aufkommen konnte, legte man in der ersten Blütezeit der experimentellen Psychologie keinen besonderen Wert auf diese allgemeine Übereinstimmung, sondern schloß sich dem englischen Sensismus an, der das Wollen als Elementarvorgang entschieden ablehnte. Heute, wo man Wesen und Wert der Selbstbeobachtung inner- und außerhalb des Experimentes wissenschaftlich erfaßt hat, trägt man Bedenken, einer so allgemeinen Anschauung leichthin zu widersprechen, und das um so mehr, als auch die experimentellen Untersuchungen in wichtigen Punkten zu der vorexperimentellen Meinung zurückführen. Gleichwohl sind wir von einer Einheitlichkeit der Lehre noch weit entfernt.

1. Überblick über die verschiedenen Willenstheorien

Kein Psychologe bestreitet das Vorhandensein von Erlebnissen, die als Ganzes den Namen von Willensvorgängen verdienen. Sehr viele der neueren Psychologen hingegen glauben diese Vorgänge auf Erkenntnis oder Gefühl zurückführen zu können. So meint Spencer, die willkürliche Handlung unterscheide sich nur dadurch von der unwillkürlichen, daß bei ihr die auszuführende Bewegung zuvor vorgestellt wird; im übrigen aber sei jede Willenshandlung nichts anderes als eine Folge von Vorstellungen, an die sich dank angeborener Dispositionen die äußere Handlung anschließt. Wir werden später Tatsachen kennen lernen, die zugunsten einer solchen Auffassung sprechen. Ganz ähnlich urteilt Th. Ziehen. Statt des Willensaktes nimmt er nur eine „intensive, von starken Gefühlstönen begleitete Zielvorstellung“ an. Auch Meumann gehört neben Ebbinghaus, Ribot und Janet zu dieser ersten Gruppe. Wenn Meumann auch von der „Zustimmung“ als dem Ursprung der willkürlichen Handlung spricht, so will er damit doch kein nichterkenntnismäßiges Element einführen. Münsterberg hingegen suchte das Charakteristische der Strebevorgänge in den Spannungsempfindungen, die der erwarteten Bewegung vorausgehen. Als grundsätzlichen Gegner der Genannten betrachtet sich Wundt. Er bezeichnet seine Psychologie mit Vorliebe als voluntaristische, da erst sie der Eigenart des Wollens gerecht werde. Der Willensvorgang ist nach ihm ein Affekt, der in seinem eigenen Verlauf seine Lösung findet. Es sind also Gefühle, in die Wundt das Wesen des Wollens verlegt. Eine letzte Gruppe endlich erklärt das Wollen als einen von Vorstellungen und Gefühlen wesentlich verschiedenen Vorgang. So außer den Aristotelikern namentlich Lotze und von den neueren Pfänder, Schwarz, Ach und Michotte.

2. Die experimentelle Untersuchung des Willens

So beachtenswert die einhellige Annahme eines ursprünglichen Wollens durch die überwiegende Mehrheit der älteren Philosophen auch war, sie verlor an Bedeutung, als man einerseits die Schwierigkeit und Unzuverlässigkeit einer unkontrollierbaren Selbstbeobachtung, anderseits gewisse Tatsachen kennen lernte, die ein eigentliches Wollen überflüssig erscheinen ließen. Man beobachtete nämlich, wie sich bisweilen die äußere Handlung rein mechanisch ohne Dazwischenkunft eines besonderen Willensaktes, ja vielfach ganz gegen die Absicht des Handelnden an bestimmte Vorstellungen anschloß. Als man später die Willenshandlung in der Form einfachster Reaktionsbewegungen, wobei etwa auf das Hören eines Signals ein Taster niederzudrücken war, dem Experiment unterwarf, stellte sich heraus, daß die Vpn nichts von einem Willensakt erlebten. Die fortschreitende Technik des psychologischen Experimentes zeigte allerdings, daß hier ein doppelter Fehler begangen war. Erstens braucht der bestimmende Willensakt nicht während der gewollten Handlung aufzutreten. Ach zeigte vielmehr, daß von dem Vorsatz determinierende Tendenzen ausgehen, die den Verlauf der Willenshandlung auch ohne Erneuerung des Willensaktes sicherstellen. Man hatte sonach den Willensakt an einer verkehrten Stelle erwartet: nicht bei der Ausführung des Versuches, sondern bei der willkürlichen Übernahme der Anweisung des Versuchsleiters hätte er gesucht werden müssen. Zweitens hatte man mechanisierte Vorgänge mit von Haus aus einfachen verwechselt: geläufige Fingerbewegungen enthalten kaum noch irgendwelche bedeutsamen Erlebnisse, sind also zum Studium des Willensvorganges ungeeignet. Ach führte darum die fruchtbare Neuerung ein, durch vorgeschobene Hindernisse einen möglichst ausgesprochenen Willensakt zu veranlassen. Er ließ zuvor Silbenpaare einprägen, bot alsdann die erste der gelernten Silben mit der Anweisung, nicht die hinzugelernte auszusprechen, sondern eine beliebige andere Silbe zu nennen bzw. zu der ersten einen Reim zu bilden u. dgl. Die vorausgehende Einprägung schuf ein Hindernis für die Ausführung der Vp. Um dieses zu überwinden, bemühte sie sich, namentlich wenn sie erfahren, wie die eingeprägte Silbe sich gegen jede Absicht durchzusetzen suchte, mit einem recht energischen Willensakte die verlangte Reaktion sicherzustellen. Auf die Bedenklichkeiten dieses experimentellen Verfahrens brauchen wir hier nicht einzugehen. Es war jedenfalls insofern erfolggekrönt, als es Ach zum erstenmal gelang, den Willensakt wirklich beobachten zu lassen. Einen andern glücklichen Versuch unternahm Michotte. Er führte experimentell einen Wahlakt herbei, indem er seinen Vpn je zwei Zahlen bot mit der Aufforderung, sich auf ernsthafte Gründe hin zu entscheiden, ob sie die vorgezeigten Zahlen addieren oder subtrahieren, bzw. in anderen Versuchen multiplizieren oder dividieren wollten. Statt der Ausführung der von den Vpn gewählten Rechenoperation verlangte er eine Reaktion mit dem Morsetaster. So gewann er gegenüber Ach den Vorteil, den Willensakt in die sogen. Hauptperiode des Versuches zu bekommen, während bei Ach der energische Vorsatz jedesmal unmittelbar vor dem eigentlichen Experiment lag, und zweitens gestattete der Verzicht auf die Verwirklichung der gewählten Rechenoperation, den Versuch sofort nach dem Wahlakt abzubrechen, wodurch die schwierige Beobachtung dieses Aktes ungemein gefördert wurde. Trotz der Geringfügigkeit des Wahlgegenstandes erlebten alle Vpn eine ernsthafte Wahl, die mit den Entschließungen des Alltags grundsätzlich vergleichbar war. Auch verschlug es nichts, daß die Vpn die Rechnung nicht ausführen mußten; denn die Tasterreaktion nahm ganz und gar den Charakter einer Verwirklichung des Vorsatzes an. Aber nur ganz allmählich erlernten die Vpn ihr flüchtiges Erlebnis beobachten und beschreiben.

3. Das elementare Wollen nach den experimentellen Ergebnissen

Die Untersuchungen von Michotte sowie die von Ach und seinen Schülern führten einhellig zu dem Resultat: es gibt ein eigentliches Erlebnis des Wollens. Vorstellungen, Spannungsempfindungen und Gefühle können es gelegentlich begleiten, sind ihm jedoch nicht wesentlich. Auch unterscheidet sich dieses Erlebnis deutlich von jeder rein assoziativen Folge von Vorstellungen oder Bewegungen. Seine Eigenart beruht darin, daß es eine innere Tätigkeit ist, und zwar eine solche, die man nur dann richtig beschreibt, wenn man das Ich als Subjekt oder Ausgangspunkt dieser Tätigkeit nennt. Diese Betätigung des Subjektes ist durchaus nicht mit der Konstatierung „ich will“ zu verwechseln. Sie ist vielmehr die Stellungnahme des Subjektes zu einem Ziel, sie ist das, was wir als „Streben“ bezeichnen. Es ist ihr aber nicht wesentlich, wie Ach meinte, daß sie sich stets auf ein zukünftiges Tun bezieht; die Wahlentscheidungen bei Michotte waren Willensakte, die ausschließlich die Gegenwart berücksichtigten.

Man wird die genannten Verschiedenheiten des Wollens wohl kaum als Qualitäten des Willensaktes auffassen dürfen. Als solche findet man öfters Wollen und Widerstreben genannt. Leider kann sich diese Unterscheidung vorerst noch nicht auf experimentelle Befunde stützen, weshalb der Anerkennung eines negativen Wollens gleichmäßig seine Verwerfung gegenübersteht, indem man behauptet, das Widerstreben sei nur das Wollen eines andern Zieles.

Sehr geläufig ist dagegen der Alltagserfahrung die Unterscheidung verschiedener Intensitäten des Wollens. Wir kennen energisches und flaues Wollen. Auch Ach unterscheidet das ausgeprägte primäre und das schwache Wollen. Allein die hier ganz wesentliche Frage, ob die gemeinhin wahrzunehmende Steigerung des gesamten Willensaktes auch seinem inneren Kern, nämlich dem elementaren Wollen beizulegen ist, oder ob nur die Ausstaffierung des Willensaktes durch lebhaftere Gefühle, stärkere Spannungsempfindungen, lautere Beteuerungen eine Intensitätssteigerung vortäuscht, ist heute noch nicht mit Sicherheit zu beantworten. Manche Versuchsergebnisse deuten eher in die Richtung, daß der Willensakt nicht intensiver, sondern nur unbedingter werden kann, d. h. daß er sein Ziel nicht mit vermehrter Kraft, sondern um höheren Preis anstrebt.

Sehr bedeutsam für die Auffassung des Willensaktes ist endlich die Beobachtung Michottes, die sich im Grunde auch bei Ach finden läßt, daß das Wollen nicht an eine bestimmte gewissermaßen äußere Art des Erlebens gebunden ist. Das charakteristische Tätigkeitserlebnis des Wollens kann vielmehr gleichsam die Seele der verschiedensten Prozesse bilden: Worte, Gesten, inneres Meinen, inneres Hinzielen ist bald ein willentlicher, bald ein unwillentlicher Vorgang, je nachdem sich das eigentliche Wollen mit ihnen verbindet oder nicht. Anderseits sprechen gute Beobachtungen dafür, daß es ein isoliertes Wollen, einen reinen Willensakt nicht gibt: wie die Seele den Körper, so braucht der Willensakt eine Verhaltungsweise, in der er sich kundgibt.

Das von Ach und Michotte untersuchte Wollenserlebnis ist zwar nicht als elementares zu bezeichnen, sondern als vollbewußtes. Weitere Untersuchungen zeigen jedoch, daß der „Willenszug“ bei ihm der gleiche ist wie beim triebhaften Wollen. Beide unterscheiden sich nur durch das zum Willensakt hinzutretende Wissen vom Wollen und seinen Zielen. Der Trieb ist das naturhafte, nach Akt und Ziel nicht beachtete Streben.

Literatur

N. Ach, Über den Willensakt und das Temperament. 1910.

A. Michotte et N. Prüm, Etude expérimentale sur le choix volontaire et ses antécédents immédiats. Arch. de Psych., Bd. 10. 1910.

J. Lindworsky, Der Wille.³ 1923.

Notes in this chapter

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