I. Buch PSYCHISCHE ELEMENTE UND ELEMENTARE VERBINDUNGEN (continued 2)
Reading edition
5. Kap. Die Psychophysik
Zündet man in einem nur von einer elektrischen Lampe dürftig erhellten Saal eine zweite gleichstarke Lampe an, so ist die Beleuchtungssteigerung ganz auffällig. Wird jedoch zu hundert Lampen eine weitere hinzugefügt, so wird niemand die größere Helligkeit zu bemerken imstande sein. Diese auf allen Empfindungsgebieten zu beobachtende Tatsache erlangte eine für die Entwicklung der gesamten Psychologie grundlegende Bedeutung, als der Physiologe E. H. Weber (1846) bei Untersuchung des Hautsinnes fand, daß sie einer bestimmten Gesetzmäßigkeit folgt: Muß man zu einem Druck von der Stärke 100 einen solchen von der Stärke 1 hinzufügen, damit der Unterschied im Druck überhaupt gemerkt wird, so muß bei einem solchen von der Stärke 200 ein Druck von der Stärke 2 hinzukommen, soll nunmehr die Verstärkung des Druckes eben bemerkbar sein. Oder: das Verhältnis von Reizzuwachs, bei dem eben eine Empfindungszunahme eintritt, zum Anfangsreiz ist konstant (¹⁄₁₀₀ = ²⁄₂₀₀). Diese Entdeckung legte für G. Th. Fechner den Gedanken nahe, von hier aus ein brauchbares Maß der Empfindung zu gewinnen. Und es war ein Lieblingstraum von ihm, von diesen vielversprechenden Anfängen aus das ganze psychische Leben mit der mathematischen Formel zu beherrschen. Es sollte in Zukunft nicht mehr von Psychologie, sondern von Psychophysik die Rede sein. Dieser Wunsch hat sich nun freilich nicht erfüllt. Dagegen wurde er die gesegnete Quelle der meisten psychologischen Forschungsmethoden und die Anregung, auch auf andere Gebiete die quantitativen Arbeitsweisen zu übertragen. Diese Methoden verstehen wir jedoch im Folgenden nicht unter Psychophysik.
1. Aufgaben und Methoden der Psychophysik
Die unmittelbare Aufgabe der Psychophysik besteht in der Ermittlung bestimmter Reizgrößen. Nicht jeder physikalische Reiz löst schon eine Empfindung aus. Erst wenn ein Licht, eine Schallschwingung, ein Gewicht eine gewisse Größe erreicht, empfinden wir etwas. Man nennt diese von dem Reiz zu erreichende Größe die absolute Schwelle der betreffenden Empfindung. Sie ist bei den verschiedenen Sinnen verschieden und innerhalb desselben Sinnes je nach dem Ort der Reizung bzw. nach den erregten Nervenfasern verschieden. Die absolute Schwelle kann als Maß der Empfindlichkeit dienen. Denn je niedriger für einen Sinn bzw. für ein bestimmtes Nervengebiet die Reizschwelle ist, um so größer ist seine Empfindlichkeit.
Eine zweite Aufgabe liegt in der Ermittlung der Unterschiedsschwelle. Wie groß muß der zu einem schon wahrgenommenen Reiz hinzutretende Reizzuwachs sein, damit ein Unterschied in der Empfindung erkennbar werde? Es wäre da zu untersuchen, ob jeder Unterschied der Reize bemerkt wird, ob stets der gleiche Reizzuwachs einen Empfindungsunterschied herbeiführt, wie sich die einzelnen Sinne in dieser Hinsicht verhalten usw. Drittens sind die äquivalenten Reize zu bestimmen. Die zu beantwortende Frage lautet hier: Welche Reize lösen die gleiche Empfindung aus? Erscheint z. B. der Abstand zweier Zirkelspitzen gleich groß, wenn der Tastzirkel an verschiedenen Stellen aufgesetzt wird? Weiter sind die äquivalenten Reizunterschiede zu finden: gegeben sind zwei Paare veränderlicher Reize und man soll erkunden, unter welchen Bedingungen die von je zwei Reizen gebildeten Empfindungsunterschiede einander gleich erscheinen. Endlich die Ermittlung gleichwertig erscheinender Reizverhältnisse: zu drei gegebenen Reizen A, B, a muß der vierte b gefunden werden, so daß A : B = a : b (Bühler).
Die Methoden zur Lösung der vier Hauptaufgaben teilt man nach Ebbinghaus ein in die Methoden der Reizfindung und der Urteilsfindung, d. h. entweder ist die Empfindungsgröße schon bestimmt und es bleibt der Reiz zu suchen, der sie herbeiführt, z. B. gesucht ist der Reiz, der eine ebenmerkliche, übermerkliche, einer andern gleiche Empfindung bewirkt — oder die Reize sind gegeben und das Urteil über sie wird erfragt, z. B. gegeben sind drei Gewichte a, b, c, und es ist zu beurteilen, ob der Schwereunterschied bei den Reizen a−b dem bei den Reizen b−c gleich sei oder nicht. Die allgemeine Methode der Reizfindung teilt sich in die zwei besonderen: die Methode der Herstellung und die Grenzmethode. Bei der ersteren hat der Beobachter den gewünschten Reiz selbst herzustellen. Er verschiebt z. B. auf einer Geraden eine Trennungsmarke, bis sie im Mittelpunkte zu stehen scheint. Bei der Grenzmethode hingegen bietet der Versuchsleiter (Vl) den zu vergleichenden bzw. zu beurteilenden Reiz dar, indem er sich allmählich jener Grenze nähert, bei welcher das festgesetzte Urteil abgegeben wird. Es wird also z. B. gefragt, bei welcher Spitzendistanz des Tastzirkels zwei Punkte wahrgenommen werden. (Vgl. S. 96.) Der Vl berührt dann die Haut der Vp bei so engem Abstand der Spitzen, daß gewiß nur ein einziger Punkt wahrgenommen werden kann. Allmählich vergrößert er dann den Abstand, bis die Vp den Eindruck von zwei Berührungen hat. Den so gefundenen Abstand bezeichnet man als die untere Raumschwelle. Darauf wird der Tastzirkel von neuem aufgesetzt, und zwar diesmal mit einer Entfernung der Spitzen, die beträchtlich größer ist als die untere Raumschwelle, so daß die Vp notwendig den Zweiheitseindruck gewinnt. Nunmehr wird die Zirkelweite in gleichmäßigen Schritten immer mehr vermindert, bis die Vp wieder das Urteil abgibt: einfache Berührung. Der Abstand, bei welchem dies geschieht, gilt dann als obere Raumschwelle, und das arithmetische Mittel aus unterer und oberer Schwelle wird als die Raumschwelle schlechthin angesehen. — Die Methode der Urteilsfindung ist nur in der sog. Konstanzmethode vertreten. Der Vl bereitet eine größere Anzahl von Reizen vor und wendet sie in planvollem Wechsel an. Er legt sich etwa zehn Zirkelabstände zurecht und setzt in buntem Wechsel bald einen kleinen, bald einen großen Abstand auf und läßt die Vp jedesmal beurteilen, ob eine oder zwei Spitzen empfunden wurden. Dabei kommt jeder Abstand wiederholt vor.
Die Konstanzmethode ist die verlässigste, weil sie die Vp über den Sachverhalt völlig in Unwissenheit hält. Dagegen ist die Berechnung der verschiedenen Empfindungsgrößen bei ihr nicht sehr einfach. Auch verlangt sie eine sehr große Zahl von Einzelversuchen. Bei gewissen Versuchsanordnungen muß jeder Reiz etwa vierzigmal verwendet werden, somit sind bei zehn Reizstufen schon 400 Einzelversuche notwendig. Die beiden andern Methoden hingegen führen mit ungleich weniger Versuchen zum Ziel und erlauben die Berechnung der Empfindungsgrößen durch einfache Mittelziehung (arithmetisches Mittel oder Zentralwert). Dafür aber sind beide kein unwissentliches Verfahren. Die Herstellungsmethode ist naturnotwendig ganz wissentlich, und bei der Grenzmethode merkt die Vp sehr bald, ob die angewandten Reize steigen oder fallen. Zur sicheren Verwendung der psychophysischen Methoden sind nun noch eine Anzahl von Vorsichtsmaßregeln notwendig. Aus der räumlichen und zeitlichen Folge der Reize, sowie aus dem Verhalten der Vp entspringen Fehlerquellen, die unschädlich gemacht werden müssen. Dafür, so wie für die genauere mathematische Behandlung der Ergebnisse sei auf die einschlägige Fachliteratur verwiesen.
Literatur
G. Th. Fechner, Elemente der Psychophysik, 2 Bde., 1860.
G. E. Müller, Die Gesichtspunkte und Tatsachen der psychophysischen Methodik, 1903.
2. Das Webersche und das Fechnersche Gesetz
Nachdem die oben schon angeführte Entdeckung E. H. Webers von Fechner aufgegriffen wurde, der sie auch mit dem Namen Webersches Gesetz versah, wurde ihre Gültigkeit auf allen Sinnesgebieten geprüft. Abgesehen von sehr starken und sehr schwachen Reizen, hat man nun das Webersche Gesetz auf allen Sinnesgebieten mit Ausnahme von Geschmack und Geruch annähernd bestätigt gefunden. Und zwar gilt es im großen und ganzen nicht allein für ebenmerkliche, sondern auch für übermerkliche Empfindungsunterschiede. Diese Gesetzmäßigkeit kommt uns zu statten, wenn die Beleuchtung der Gegenstände schwankt. Obwohl in solchen Fällen die Helligkeit der einzelnen Teile eine ganz andere wird, bleibt der Gegenstand für uns doch gleich gut erkennbar, da es für uns in erster Linie auf die Verhältnisse der Helligkeiten ankommt.
Für das Webersche Gesetz wurde eine dreifache Erklärung versucht. Eine psychophysische von Fechner: das Gesetz beruht auf dem Übergang vom Physischen zum Psychischen. Eine psychologische von Wundt: die Empfindungen entsprechen immer genau den Reizen, aber bei der vergleichenden Beurteilung der Empfindungen tritt die Größenverschiebung ein. Die Fechnersche Theorie muß als unbegründet fallen. Die Wundtsche erklärt nicht, warum die Unterschiedsempfindlichkeit auf verschiedenen Sinnesgebieten verschieden groß ist. Es dürfte also nur die physiologische Deutung übrig bleiben, nach der die stärker beanspruchten Nerven einen höheren Reizzuwachs verlangen, um aufs neue zu reagieren, ähnlich wie eine stärker belastete Wage auch ein größeres Übergewicht braucht, um auszuschlagen. Für diese Auffassung sprechen auch mancherlei Analogien aus Physiologie und Chemie.

Fig. 4. Graphische Darstellung des
Fechner
schen Gesetzes.
Nach
Titchner
, Lehrbuch d. Psychologie Fig. 27, S. 219, Leipzig,
J. A. Barth
.
Ausgehend von dem Weberschen Gesetz und unter der Voraussetzung, daß die ebenmerklichen Empfindungszuwüchse, in denen eine Empfindung vom Nullpunkt bis zu einem beliebigen Intensitätsgrade ansteigt, einander gleich seien, hat Fechner eine „Maßformel“ abgeleitet, die in ihrer einfachsten Form lautet: s = log r; in Worten: wenn die Empfindungen arithmetisch zunehmen, so steigen die zugehörigen Reize in einer logarithmischen Kurve an. (Fechnersches Gesetz.) (Fig. 4.) Mit dieser Formel wäre die prinzipielle Möglichkeit geboten, die Empfindung zu messen. Man hat nun sowohl die Gültigkeit der erwähnten Fechnerschen Voraussetzung wie auch die Größennatur und die Meßbarkeit der Empfindungsintensität angezweifelt. Allein die Gleichheit der ebenmerklichen Empfindungszuwüchse ist zum wenigsten eine sehr naheliegende Annahme, und die Empfindungsintensitäten erscheinen dem Unvoreingenommenen als wahre Größen, zwar nicht extensiver, aber doch intensiver Natur. Der Schall des Donners erscheint uns wirklich stärker als der eines umfallenden Ofenschirmes. Ebenso können wir mit Sicherheit zwei Druckempfindungen als gleich oder ungleich beurteilen. Übrigens hat das Fechnersche Gesetz in der weiteren Entwicklung der Psychologie keine größere Bedeutung erlangt. Sein Wert liegt in dem energischen Versuch, Maß und Zahl in die Psychologie einzuführen, ein Ziel, das die Psychologie seither nicht aus dem Auge verloren hat und auch grundsätzlich festhalten muß, will sie eine wahrhaft empirische Wissenschaft bleiben.
Außer der Empfindungsintensität hat man keine andere psychische Größe mehr mit Erfolg zu messen versucht. Die Messung der Willenskraft durch Ach muß als verfehlt gelten. (S. unten.). Dagegen liefert die Häufigkeit, die Dauer und die Güte eines seelischen Vorganges bzw. der von ihm vollbrachten Leistung Zahlenwerte, die sehr großen Aufschluß versprechen. Die Behandlungsweise solcher Zahlenwerte kann hier nicht dargestellt werden. Nur auf die Korrelationsrechnung sei noch kurz verwiesen. Auch wo sich geistige Leistungen nicht unmittelbar messen lassen, bleibt es doch zumeist möglich, sie nach ihrer Güte in Rangstufen anzuordnen, oder festzustellen, wie oft sich gewisse Merkmale mit anderen verbinden. Die Mathematik hat nun Formeln erarbeitet, mit denen der Grad der Beziehung berechnet werden kann, in der zwei Rangordnungen oder mehrere Merkmale zueinander stehen.
Literatur
R. Pauli, Über psychische Gesetzmäßigkeit. 1920.
W. Betz, Über Korrelation. 3. Beiheft zur ZAngPs. (1911).
ZWEITER ABSCHNITT Empfindungskomplexe
Faßt man die Empfindungen als die elementaren Bausteine des anschaulichen Erkennens auf, so läßt sich die Frage aufwerfen, wie sich die Verbindung solcher Elemente gestalten werde: Wird sie eine reine Addition von Empfindungen sein, oder werden bei dem Zusammensein von Empfindungen neue Gesetzmäßigkeiten auftreten? Bei der Untersuchung dieser Frage könnte man wie bei der Empfindungslehre immer streng von dem psychisch Gegebenen ausgehen, Empfindungskomplexe aufsuchen und sie erforschen. Statt dieses analytischen Weges, der mancherlei Schwierigkeiten bietet, steht uns aber auch der bequemere synthetische offen. Wir kennen schon die Beziehungen zwischen Reiz und Empfindung und dürften auch durch die vorausgegangenen Betrachtungen gegen den „stimulus-error“ (Titchener), d. h. gegen die Verwechslung von physikalischem Reiz und psychischem Erlebnis geschützt sein. Man könnte also systematisch durch gleichzeitige Verwendung mehrerer Reize Empfindungskomplexe hervorzurufen bedacht sein. Dabei müßten zwei oder mehr Reize zunächst auf dasselbe Sinnesorgan und dann auf verschiedene Organe einwirken. In manchen Fällen, wo mehrere adäquate Reize nicht allein dasselbe Organ, sondern auch dieselben Nervenfasern erregen, wird wie bei dem Auge nur eine einzige Empfindung entstehen. Diese Fälle gehören nicht hierher und wurden auch schon bei der Empfindungslehre besprochen; alle anderen Fälle sind jedoch hier zu berücksichtigen. Allerdings liegt eine systematische Durchforschung des Gesamtgebietes noch nicht vor. Das wenige über die Verbindung der niederen Sinnesempfindungen, wie der Gerüche und Geschmäcke, wurde schon oben gelegentlich gestreift. Beide Empfindungsarten gehen miteinander auf jeden Fall eine sehr innige Verbindung ein, die der Unkundige nicht leicht zu analysieren vermag. Immerhin scheint es hier bei einer einfachen Addition der Empfindungen zu bleiben. Doch stehen genauere Untersuchungen noch aus. Bei den andern Sinnen hingegen werden durch das gleichzeitige Vorhandensein mehrerer Sinnesreize seelische Gebilde bedingt, die schon immer die Aufmerksamkeit der Psychologen erregten und darum eingehender erforscht sind. Von diesen Empfindungskomplexen sind die aus Tönen bestehenden verhältnismäßig die einfachsten: fehlt doch bei ihnen das räumliche Moment. Mit ihnen soll darum bei der Besprechung der Empfindungskomplexe begonnen werden.
1. Kap. Die gleichzeitigen Tonverbindungen
1. Die Tatsache der Tonverschmelzung
Läßt man gleichzeitig zwei oder mehrere Töne erklingen, so verschmelzen gewisse Töne oder Tongruppen so innig miteinander, daß ein neues einheitliches Tongebilde aus ihnen entstanden zu sein scheint, ähnlich wie aus der Vereinigung mehrerer Farbenreize eine neue Empfindung, die Mischfarbe, entsteht. Diese neue Empfindung scheint eine eigene Qualität, Intensität, ja sogar eine eigene Tonhöhe zu haben. Indes sind doch nur musikalisch weniger begabte Psychologen, wie Fechner, für den Empfindungscharakter solcher Tonverbindungen eingetreten. Für Musiker und musikalisch hochbefähigte Forscher, wie Helmholtz und Stumpf, steht es außer Frage, daß auch in diesen Verschmelzungen eine Mehrheit von Empfindungen vorliegt. Anders als bei der einheitlichen Mischfarbe lassen sich hier die Teilempfindungen herausanalysieren, und zwar nicht nur infolge der Bekanntschaft mit den Tonverbindungen; denn ein geübter Musiker vermag auch aus den fremdartigen Klängen eines ihm unbekannten Instrumentes die Teiltöne herauszuhören.
Allein trotz der inhaltlichen Mehrheit läßt sich eine gewisse Einheit und Bindung des Tonkomplexes nicht bestreiten, auch dann, wenn er sich nicht aus den am stärksten verschmelzenden Tönen zusammensetzt. Solange ein solcher Tonkomplex nicht analysiert wird, legt man ihm als Ganzem unwillkürlich bestimmte Eigenschaften bei. Schärferes Zusehen führt jedoch zu mehrfachen Berichtigungen. Nach den besten Beurteilern kommt der Tonverbindung keine eigene Intensität zu; auf jeden Fall ist der Mehrklang nicht stärker als der Teilton, wohl aber voller und reicher. Die Höhe, die das Tonganze zu haben scheint, richtet sich nach dem tiefsten Teiltone. Erklingen Grundton und Oktav zusammen und bleibt dann der Oktavton aus, so hat man nicht den Eindruck, als ob sich die Höhe des Zweiklanges verändert habe; umgekehrt erlebt man aber einen überraschenden Aufstieg, wenn der Grundton wegfällt. Folgen zwei Akkorde aufeinander, so wird der Höhenschritt der Akkorde nach dem Schritt jener Stimme beurteilt, die am meisten steigt. Diese Tatsachen, sowie der Umstand, daß man gewisse Eigenschaften hoher Obertöne, wie das Schrille, Dissonante u. ä. auf den ganzen Klang überträgt, beweisen, daß wir es hier nicht mit Eigenschaften zu tun haben, die dem Empfindungskomplex als solchem zukommen, sondern daß Auffassungs- und Beurteilungsphänomene vorliegen, deren Verständnis erst später erschlossen werden kann.
2. Gesetze der Tonverschmelzung
Nicht alle Tonpaare verschmelzen gleich innig, d. h. nicht alle nähern sich gleichviel dem Einklang. Unter Verschmelzung verstehen wir nämlich mit Stumpf die Annäherung an den Einklang. Gewisse Tonpaare unterscheidet auch ein musikalisch normales Ohr nicht ohne weiteres vom Einklang, während andere auch von Unmusikalischen sofort als Zweiklang gehört werden. Die genauere Untersuchung ergibt folgende Gesetze der Tonverschmelzung. Sie hängt zunächst von der Höhe der beiden Töne ab. Nach der Innigkeit der Verschmelzung scheinen fünf Stufen zu bestehen: Oktav, Quint, Quart, Terzen und Sexten, endlich alle übrigen Intervalle, die untereinander keinen Unterschied des Verschmelzungsgrades aufweisen. Die Verschmelzungserscheinung ist sodann in allen Tonlagen zu beobachten, extrem hohe und tiefe Lagen vielleicht ausgenommen. Drittens gilt das Erweiterungsgesetz: ein Intervall läßt sich um eine Oktav erweitern, ohne seinen Verschmelzungsgrad einzubüßen. Die Non hat darum die gleiche Verschmelzung wie die Sekund, C und c wie C und c¹. Viertens ist der Verschmelzungsgrad unabhängig von der Stärke wie von der Zahl der Teiltöne. Die Einheitlichkeit eines Zweiklanges vermindert sich also nicht, wenn beide Töne oder einer von ihnen stärker bzw. schwächer wird; sie leidet auch nicht darunter, daß ein dritter Ton hinzutritt.
Konsonanz und Dissonanz. Unter Konsonanz versteht der Sprachgebrauch sowohl die innige Verbindung zweier Töne, wie auch die Annehmlichkeit, die einer solchen Verbindung eigen ist. Sieht man von letzterem als einem Gefühlsmoment ab, es wechselt nämlich je nach dem Beurteiler, so kann man die Konsonanz der Verschmelzung in unserem Sinne gleichsetzen. Die Stufenfolge in der Vollkommenheit der Konsonanz, welche die Musikwissenschaft aufgestellt hat, stimmt nämlich mit der Reihenfolge der Verschmelzungsgrade überein. Nach der Musiktheorie sind Oktav, Quint und Quart vollkommene Konsonanzen, Terzen und Sexten unvollkommene, alle andern Dissonanzen. Ein prinzipieller Gegensatz zwischen Konsonanzen und Dissonanzen ließ sich jedoch experimentell nicht nachweisen. Somit darf die Dissonanz als mangelnde Einheitlichkeit zweier oder mehrerer Töne gelten. Empfindungsmäßig erscheint die Konsonanz als das Klare, Einfache, während die Dissonanz als rauh, unklar, zwiespältig anspricht.
3. Die Erklärung der Konsonanz
Eine kurze Besprechung der verschiedenen Erklärungsversuche wird uns zugleich noch einzelne Faktoren kennen lehren, die den Gesamteindruck mitbestimmen. Der älteste Erklärungsversuch beachtete besonders die einfachen Verhältnisse, die zwischen den Schwingungszahlen konsonanter Töne herrschen; einfache übersichtliche Verhältnisse seien uns angenehm (Leibniz). Allein die Konsonanz empfindet auch derjenige, der von den mathematischen Verhältnissen der Schwingungszahlen keine Ahnung hat. Ebensowenig wie von den Schwingungszahlen entdecken wir etwas von der Rhythmik der harmonischen Töne (Lipps). Verständlicher ist die Erklärung, welche die harmonischen Intervalle unmittelbar ein Lust-, die unharmonischen unmittelbar ein Unlustgefühl hervorrufen läßt. In der Tat begleitet jene in der Regel ein unmittelbares Lust-, diese ein unmittelbares Unlustgefühl. Doch ist dieser Zusammenhang ein unauflöslicher. Im Altertum soll die Oktav, im Mittelalter die Quint als angenehmstes Intervall gegolten haben, während heute die Terz bevorzugt wird. Und wie die Lust, so kann auch die Unlust wandern: Freunde moderner Musik können an dissonanten Intervallen Gefallen finden. Helmholtz hatte auf die große Bedeutung der Obertöne für die Klänge hingewiesen. Ein gewisser Reichtum an Obertönen scheint in Wirklichkeit den Gesamteindruck der Konsonanz zu verstärken. Zwischen Obertönen und Grundtönen entstehen ferner, wie oben gezeigt wurde, Differenztöne, die ihrerseits Schwebungen verursachen können. Diese verleihen dem Gesamteindruck etwas Rauhes. Darum erblickte Helmholtz das Wesen der Dissonanz in den Schwebungen, das der Konsonanz in der Freiheit von solchen. Allein abgesehen von der Mißlichkeit, daß der positive Eindruck der Annehmlichkeit, wie ihn etwa die Terz gewährt, durch etwas rein Negatives verständlich gemacht werden soll, verträgt sich diese bedeutsame Theorie nicht mit den Tatsachen. Denn Stumpf gelang der Nachweis, daß es schwebungsfreie Dissonanzen und von Schwebungen begleitete Konsonanzen gibt. Helmholtz versuchte noch eine zweite Erklärung durch die Klangverwandtschaft. Zwei Töne sind um so ähnlicher, je mehr gemeinsame Obertöne sie haben. Nun sind gerade die konsonantesten Töne auch die im genannten Sinne ähnlichsten. Konsonanz ist darum als Ähnlichkeit der Töne zu verstehen. Indes, auch obertonfreie Töne verschmelzen. Auf eine andere Art der Klangverwandtschaft machte Wundt aufmerksam und suchte sie zur Theorie der Konsonanz zu verwerten: zwei Töne sind indirekt miteinander verwandt, wenn sie Obertöne desselben Grundtones sind. Tatsächlich wird auch bei einem Zweiklang der Grundton als Differenzton mitempfunden. Auch diese Theorie weist zwar neue Elemente auf, die bei dem Gesamteindruck mitspielen, läßt jedoch das Grundphänomen unerklärt. Der gemeinsame Grundton fügt zu den beiden andern nur einen dritten hinzu, besagt aber noch nicht eine Konsonanz der Primärtöne. Nach Ablehnung all dieser scharfsinnigen und für die Erkenntnis der Konsonanzerscheinungen wertvollen Erklärungsversuche kommt schließlich Stumpf dazu, in der Verschmelzung eine letzte psychologische Tatsache zu erblicken, die also psychologisch nicht weiter gedeutet werden kann und höchstens eine weitere physiologische Erklärung zuläßt. Vermutlich entsprechen den stärker verschmelzenden Tönen einheitlichere physiologische Vorgänge, die darum auch einen einheitlicheren psychischen Vorgang bedingen.
Literatur
C. Stumpf, Tonpsychologie. 2 Bde. 1883/1890.
2. Kap. Die optischen Raumeindrücke
Eine Mehrheit optischer Reize, die gleichzeitig auf das Auge einwirken, bedingen durch ihre Vielheit einen ganz anderen Eindruck als eine Mehrheit akustischer Reize. Mögen noch so viele und vielartige Luftwellen unser Ohr treffen, es entsteht niemals ein räumlich ausgedehnter Klang; der Klang gewinnt niemals etwas Flächenhaftes. Das Auge hingegen empfängt den unmittelbaren Eindruck einer sich in die Breite und Tiefe erstreckenden Ausdehnung; wenigstens ist dies so bei dem normalen Erwachsenen, von dem unsere Betrachtung stets ausgeht. Es wird sich empfehlen, zunächst den optischen Eindruck der Fläche zu studieren.
A. Der optische Eindruck der Fläche
1. Das Flächenelement. Nativismus und Empirismus
Als erstes Problem drängt sich die Frage auf: Woher stammt das Räumliche beim Zusammentritt mehrerer Gesichtsempfindungen, oder genauer: bei der Reizung benachbarter Netzhautelemente? Bewirkt schon die Reizung einer einzigen Optikusfaser einen flächenhaften Eindruck? Ein solcher Versuch müßte wohl an einem Blindgeborenen angestellt werden, um etwaige Einflüsse der Entwicklung auszuschließen; allein mit unseren gegenwärtigen Mitteln ist er nicht ausführbar. Wir gehen darum besser von der uns bekannten Gesichtsempfindung selbst aus, die wir uns zunächst mit einem Raumwert ausgezeichnet vorstellen. Versuchen wir nun das Flächenhafte eines Rot auf Null zu reduzieren, so leuchtet ein, daß damit die Empfindung selbst verschwinden muß. Die Ausdehnung scheint somit eine der Gesichtsempfindung ursprünglich zukommende Eigenschaft zu sein.
Damit, daß das Empfindungselement von Haus aus flächenhaft ausgedehnt ist, ist noch nicht verständlich gemacht, warum die Reizung mehrerer nebeneinander liegender Netzhautelemente eine Summation der Flächeneindrücke ergibt, mit andern Worten, weshalb wir in diesem Falle eine ausgedehntere Fläche wahrnehmen. Noch viel weniger ist damit erklärt, wieso die räumliche Ordnung der Gesichtseindrücke der räumlichen Anordnung der gereizten Netzhautelemente entspricht. Namentlich um diese beiden letzten Fragen dreht sich auch heute noch der Streit zwischen Empirismus und Nativismus.
Teils aus metaphysischen Gründen, mit Rücksicht auf die Einfachheit der Seele (Herbart, Lotze), teils aus dem methodischen Gedanken heraus, mit möglichst wenigen Elementen des Seelenlebens auszukommen (die englischen Assoziationspsychologen), erkennt der Empirismus der ursprünglichen Gesichtsempfindung keine Ausdehnung zu. Die Entstehung der räumlichen Ordnung des Gesichtsbildes suchte Lotze durch die geistvolle Theorie der Lokalzeichen zu erklären: Wird eine exzentrisch gelegene Netzhautstelle von einem Lichtreiz getroffen, so wendet das Auge unwillkürlich die Netzhautmitte der Lichtquelle zu. Es führt dabei eine ganz bestimmte Muskelbewegung aus, die immer nur dann vorhanden ist, wenn nach anfänglicher Reizung jener bestimmten Stelle die Netzhautmitte dem Lichtreiz ausgesetzt werden soll. Werden andere exzentrische Stellen getroffen, so erfolgen andere Bewegungen und dementsprechend andere Muskelkontraktionen. Jede Muskelkontraktion ruft aber in der Seele eine eigenartige Spannungsempfindung hervor. Somit verbindet sich mit der Reizung einer jeden Netzhautstelle eine eigenartige Spannungsempfindung: dem System der Netzhautstellen entspricht ein System von Spannungsempfindungen. Wie die Bücher einer Bibliothek durch ihre Etiketten, so sind die qualitativen Erregungen der einzelnen Netzhautorte durch ihre Spannungsempfindungen gekennzeichnet. Und genau so wie eine solche Bibliothek in beliebiger Ordnung verpackt und doch in der früheren Ordnung in einem andern Raume wieder aufgestellt werden kann, so können auch in der Nervenleitung die Erregungen einen beliebigen Weg nehmen: die Seele weiß dann doch die ursprüngliche Ordnung wiederherzustellen. — Wundt baute diese Theorie zu der der komplexen Lokalzeichen aus. Die Farbenqualitäten, die von dem gleichen Reiz auf verschiedenen Orten der Netzhaut erregt werden, sind nicht gleich; bekanntlich verlieren sich nach der Peripherie zu sogar einzelne Farbentöne. Für jeden Punkt der Netzhaut gibt es eine charakteristische lokale Färbung. Mit dieser verbinden sich die gleichfalls charakteristischen Spannungsempfindungen. Und die Verschmelzung beider ergibt in der Seele ein völlig neues Produkt: die Ausdehnung samt der Ordnung. Allerdings soll sich dieser Vorgang nicht in der Entwicklung des Individuums, sondern in der des Stammes vollzogen haben.
Allein die von den Empiristen vorgebrachten Gründe sind nicht überzeugend, und anderseits stehen ihrer Erklärung die größten Schwierigkeiten im Wege. Die Einfachheit der Seele kann diese sicher nicht hindern, ein Ausgedehntes abzubilden. Hingegen ist es unbegreiflich, wie die Summation unräumlicher Empfindungen jemals die Vorstellung einer Fläche liefern soll. Auch bleibt unfaßbar, daß die Verschmelzung von Licht- und Spannungsempfindungen das ganz anders geartete Produkt des Räumlichen ergibt. Der methodische Vorteil, mit weniger Elementen eine Erscheinung zu erklären, darf nicht durch die Einführung unbegreiflicher Annahmen erkauft werden. Weiter, die Lokalzeichentheorie muß eine Empfindlichkeit für kleinste Augenbewegungen ansetzen, die mit unseren sonstigen Erfahrungen nicht übereinstimmt. Überdies ist die Feinheit der Lokalisation gerade bei der Stelle der Netzhaut am größten, die keine Bewegungen zur Erreichung besserer Sichtbarkeit auszuführen braucht, nämlich beim gelben Fleck. Aus diesen Gründen neigt darum heute die Mehrzahl der Psychologen hinsichtlich der Flächenwahrnehmung dem Nativismus zu: Es ist eine letzte, nicht weiter zu erklärende Tatsache, daß der Reizung eines Netzhautelementes eine räumliche Lichtempfindung entspricht. Es ist ferner eine letzte Tatsache, daß die von räumlich getrennten Netzhautelementen erregten Empfindungen sich nicht über-, sondern flächenhaft aneinanderlegen, und zwar in der gleichen Reihenfolge und Richtung, in welcher die von den Lichtwellen getroffenen Nervenzellen angeordnet sind. Jeder Reizung einer bestimmten Netzhautstelle entspricht ein bestimmter Ortswert. Eine begünstigende Bedingung, nicht eine Erklärung dafür, liegt in der Tatsache, daß das Linsensystem des Auges die einzelnen Lichtstrahlen geordnet auf der Netzhaut verteilt, und daß die isolierte Nervenleitung die einzelnen Erregungen gesondert zum Gehirn weiterführt. Ist somit nach nativistischer Auffassung der Ortswert einer Netzhauterregung von Anfang an mitgegeben, so kann doch die weitere Entwicklung eine Verfeinerung der Ortsauffassung bewirken. Beides veranschaulicht sehr hübsch die pathologische Erfahrung bei Loslösung und Verschiebung der Netzhaut. Weil die Netzhautelemente ihren bestimmten Ortswert haben, erscheint dem Kranken ein regelmäßig gezeichnetes Gitter als verzerrt. Nach einiger Zeit soll sich jedoch wieder das normale Bild einstellen, weil nunmehr die verschobene Netzhautpartie einen andern Ortswert erlangt hat.
Die soeben dargestellte nativistische Auffassung muß sich heute wohl einige Abstriche gefallen lassen. Die Annahme, daß die Erregungen des einzelnen Sehnerven schon einen ausgebreiteten (das Wort „flächenhaft“ legt schon den Begriff des „ebenen“ nahe, der hier verfrüht ist; vgl. S. 87) Eindruck bedingen, und die Tatsache, daß dank des dioptrischen Apparates jedes Netzhautelement von einem vorbeiziehenden Objekt in jener zeitlichen Reihenfolge gereizt wird, die dem objektiven Sachverhalt entspricht, erklären die fraglichen Erscheinungen. Ohne Rücksicht auf den weiteren Verlauf der Sehnerven oder deren Einstrahlung ins Sehzentrum muß sich das Sehding ausgebreitet und richtig orientiert aufbauen[3]. Das Nebeneinander, die Richtung und die Reihenfolge der „Flächenelemente“ ist keine letzte Tatsache, sondern eine notwendige Folge der beiden genannten Faktoren. Darum bedarf es auch keines angeborenen „Ortswertes“, es genügt ein erworbener.
2. Der blinde Fleck
Die Sehsphäre im Gehirn erleidet mancherlei Unterbrechungen, so schon durch die unempfindliche Stützsubstanz, die Neuroglia. Auch die Netzhaut enthält verschiedene unempfindliche Stellen. Trifft das Bild kleinster Punkte auf sie, so verschwinden die Punkte; sie tauchen gleichsam unter. Dennoch zeigt das anschauliche Gesichtsfeld selbst keinerlei Unterbrechungen. Daraus ergibt sich das interessante Problem, wie solche Lücken von der Seele ergänzt werden. Am meisten wurde dieses Problem am blinden Fleck untersucht. Blinder Fleck heißt die unweit von der Netzhautmitte gelegene Eintrittsstelle des Sehnerven. Zeichnet man etwa 5 cm voneinander entfernt zwei nahezu in einer Horizontalen liegende Kreuze und fixiert bei geschlossenem linken Auge das links liegende aus etwa 17 cm Entfernung, so verschwindet das rechts liegende, um bei geringer Verschiebung des Auges sofort aufzutauchen. Das rechts angebrachte Kreuz kann auch durch einen Kreis von 1 cm Durchmesser ersetzt werden. Es ist also eine beträchtliche Ausdehnung, die so zum Verschwinden gebracht wird. Was wir nun an dem blinden Fleck sehen, möge der Leser durch eigene Versuche finden.
3. Die kleinsten unterscheidbaren Raumgrößen in der Fläche
Eine linear angeordnete Reihe von Lichtreizen erzeugt das seelische Bild einer Lichtlinie. Es fragt sich nun: wie ist die Zuordnung der einzelnen Netzhautelemente zu den Teilen des gesehenen Bildes? Läßt man zwei getrennte Lichtreize auf eng benachbarte Netzhautstellen einwirken, so erscheinen sie als zwei gesonderte Punkte, wenn sie den Gesichtswinkel von etwa 1′ bilden. Man nimmt an, daß zwischen den beiden gereizten Elementen wenigstens ein anderes liegen und von einem merklich verschiedenen Reiz getroffen werden muß, falls so nahe beieinanderliegende Punkte „aufgelöst“ werden sollen. Doch steigt die Feinheit des Auflösungsvermögens mit der Stärke der einwirkenden Reize und mit der Größe des Helligkeitskontrastes zwischen den leuchtenden Punkten und dem Grund, unter günstigen Bedingungen bis zu einem Auflösungswinkel von 10″. Für diesen Fall würde allerdings die obige Annahme der Trennung zweier Eindrücke durch ein dazwischen liegendes Netzhautelement nicht mehr ausreichen[4]. Die Sehschärfe wird noch größer, wenn es sich darum handelt, die verschiedene Lage zweier Geraden zu erkennen; nach Hering deshalb, weil bei verschiedener Lage sofort eine andere Reihe von Netzhautelementen erregt wird. Die Sehschärfe ist am größten in der Netzhautmitte; bei 20° Entfernung ist sie (nach Dor) nur ¹⁄₄₀, in 40° nur ¹⁄₂₀₀ von dieser.
Unter „Augenmaß“ versteht man die Fähigkeit, Richtung und Größe einer Linie zu beurteilen. Im Zusammenhang mit unserem Grundproblem interessiert uns vor allem der Geradheitseindruck, den eine objektiv gerade Linie hervorruft. Er ist keineswegs immer vorhanden. Hält man ein Lineal so vor das Auge, daß man es fixiert und es gleichzeitig einen rechten Winkel zur Blicklinie bilden läßt, so erscheint das Lineal gerade. Verschiebt man es jedoch gegen den Fixationspunkt, so zeigt es eine konkave Krümmung gegen diesen. Den Ursprung des Geradheitseindruckes wollte Helmholtz aus den Augenbewegungen erklären: bewegt man das Auge einer geraden Linie entlang, so verschiebt sich das Netzhautbild in sich selbst, was bei einer gekrümmten nicht der Fall ist. Bei der Geraden entsteht so eine Linie, bei der gekrümmten müßte ein breites Band erzeugt werden. Allein wir erkennen die Gerade auch mit ruhendem Auge, und bei nicht allzu schneller Bewegung läßt auch die krumme Linie kein Band entstehen (Bühler). Auch hier wird man mit Hering auf eine ursprüngliche Zuordnung bestimmt gelagerter Netzhautelemente zu dem Eindruck der Geradheit schließen müssen.
4. Unvollkommenheiten des Einauges
Daß eine einäugig betrachtete, nicht fixierte Gerade als gebogen erscheint, und daß dementsprechend eine aus hyperbolischen Kurven hergestellte Schachbrettfigur unter bestimmten Bedingungen wie eine normale gesehen wird (Helmholtz), das sind Widersprüche zwischen der gegenständlichen Welt und ihrem psychischen Abbild, Empfindungsinadäquatheiten, wie österreichische Psychologen sich ausdrücken. Sie werden allerdings durch das zweiäugige Sehen und durch andere Hilfsmittel zumeist ausgeglichen. Eine andere Empfindungsinadäquatheit stellt sich heraus, wenn man eine Horizontale bei einäugiger Betrachtung nach dem Augenmaß teilen will. Der nach der Körpermitte zu gelegene Teil der Linie wird dann zu klein gemacht. Er hat also für das Auge einen größeren Wert als der andere Teil. Da aber sein Bild stets auf die nach auswärts gelegene Hälfte der Netzhaut fällt, kann man auch sagen: die Breitenwerte wachsen auf der äußeren Hälfte der Netzhaut rascher als auf der inneren. Ebenso wird bei Halbierung einer Vertikalen der obere Abschnitt zu klein genommen. Die Höhenwerte wachsen also auf der unteren Netzhauthälfte rascher als auf der oberen. In ähnlicher Weise fanden sich Richtungstäuschungen, so beim Herstellen einer Vertikalen oder einer Horizontalen allein mit Hilfe eines Auges und unter Ausschluß äußerer Anhaltspunkte. Wie diese Erscheinungen, so sind auch einzelne geometrisch-optische Täuschungen unmittelbar auf Unvollkommenheiten des Auges zurückzuführen. So erscheint ein weißes Quadrat auf schwarzem Grund größer als ein schwarzes auf weißem Grund, wie überhaupt helle Flächen gegenüber dunklen überschätzt werden. Offenbar ergreift da der Reiz durch Irradiation auch die benachbarten Netzhautelemente, die nicht direkt von dem Lichtstrahl getroffen werden. Die Vertikale wird gegenüber der Horizontalen überschätzt. Ein wirkliches Quadrat erscheint den meisten Beurteilern als zu hoch. Bei dieser Täuschung könnten jedoch auch die verschieden großen Bewegungsanstrengungen mitspielen, die man bei beiden Richtungen aufzuwenden hat, weshalb manche Forscher hier von Assoziationstäuschungen sprechen. Dagegen dürfte es auf die vertikale Teilungstäuschung hinauskommen, wenn uns die gedruckte 8 und das gedruckte S als symmetrisch gebaut anspricht, während sich doch durch einfache Umkehrung die größere Ausdehnung des unteren Teiles unschwer erkennen läßt. Andere geometrisch-optische Täuschungen als die genannten setzen höhere geistige Prozesse voraus.
B. Die Erfassung der drei Dimensionen durch das Einauge
1. Das Aufrechtsehen und die horizontale Ordnung
Der Begriff „aufrecht“ besagt eine Beziehung der Lage eines Dinges zu einem andern. Beziehungen (als solche) zu erfassen, ist aber nicht Sache der Sinne — eine Tatsache, die wir später ausführlich nachzuweisen haben. Wenn wir darum in der Empfindungslehre an die Frage herantreten, warum wir aufrecht sehen, ist es erforderlich, vorab darüber klar zu werden, welcher anschauliche Tatbestand vorliegt, wenn wir die Lage irgendeines Dinges als aufrecht bezeichnen. Da ergibt sich, daß aufrecht soviel bedeutet wie der gewöhnlichen stehenden Lage unseres Körpers gleichgerichtet. Als unten gelegen charakterisieren wir dabei jene Teile, die unseren Füßen und dem Boden, auf dem wir stehen, am nächsten sind, während die entgegengesetzt liegenden sich „oben“ befinden. Senkt sich der Blick, so erscheint die Wurzel eines Baumes z. B. nahe bei unseren Füßen, die Krone hingegen strebt, wie unser Haupt, dem Himmelsgewölbe zu. Treten wir dagegen vor einen gefällten Baum hin, so erstreckt sich der gesehene Baum horizontal. Seine Krone liegt jetzt vielleicht in der Nähe unserer rechten Hand und sein Stamm in der Nähe unserer linken. Die Orientierung nach diesen beiden Richtungen geschieht somit nach der Lage unseres eigenen Körpers. Da sich nun die von unten und oben, von rechts und links kommenden Lichtstrahlen im Knotenpunkt des Auges kreuzen und erst nach dieser Kreuzung die Netzhaut treffen, so hat das Netzhautbild eine andere Lage als der gesehene Baum: seine unteren Teile bilden sich auf der oberen, seine rechten Teile auf der linken Hälfte der Netzhaut ab, und umgekehrt.
Unsere Darlegung hält sich streng an die Bewußtseinstatsachen. Da nun unser Bewußtsein nichts von der Existenz eines Netzhautbildes meldet, so gibt es für uns kein „Problem des Aufrechtsehens“. Dieses entstand erst, als die Wissenschaft das Netzhautbild entdeckte, indes noch nicht echt psychologisch denken gelernt hatte. Man versuchte die Lösung des vermeintlichen Problems durch eine Projektionstheorie. Nach ihr verlegt das Auge dem Lichtstrahl rückwärts folgend, das Objekt dorthin, woher der Strahl kommt. Allein diese Theorie ist ebenso überflüssig wie unhaltbar. Denn einmal wissen wir nichts von einer solchen Rückverfolgung der einfallenden Lichtstrahlen. Sodann gelangten wir auch dabei, wie die Ausführungen des vorigen Abschnittes zeigen, gar nicht immer an die Orte der Lichtreize, da die einzelnen Regionen der Netzhaut nicht gleichwertig sind und darum das „Sehding“ (Hering) dem wirklichen Ding nicht völlig entspricht. Einen andern durchschlagenden Beweis gegen die Projektionstheorie werden wir später kennen lernen. Ebenso unhaltbar sind die Vermutungen über eine Wiederumkehrung des Netzhautbildes auf dem Wege zum Gehirn, und die über eine Korrektur des umgekehrten Bildes durch den Tastsinn. — Einen experimentellen Beweis für den empirischen Ursprung der Lageauffassung erbrachte der Amerikaner Stratton. Er hielt ein Auge verschlossen und versah das andere mit einer Linsenkombination, die das Netzhautbild umkehrte. Anfangs erblickte er die Umgebung umgekehrt. Allein schon nach wenigen Tagen verlor sich dieser Eindruck; die Dinge fingen an, denselben Eindruck des „aufrecht“ zu machen wie normal. Die Lage des Netzhautbildes ist also für unser Sehen im Grunde nebensächlich. Nur infolge der Gewöhnung bilden sich auch für die einzelnen Teile der Netzhaut Lagewerte aus. Und darum erscheint bei Gebrauch einer das Netzhautbild umkehrenden Linse die Außenwelt auf dem Kopf stehend. Diese Lagewerte sind indes nur durch Angewöhnung erworben und können deshalb durch eine entgegengesetzte Gewöhnung überwunden und durch gegenteilige ersetzt werden.
2. Das Tiefensehen
Größere Schwierigkeiten als die erörterten bereitet die Erklärung der Tiefendimension. Auch der von Geburt aus Einäugige hat eine anschauliche Tiefenwahrnehmung. Von einer Tiefenempfindung kann man hier nicht wohl sprechen; denn man wüßte beim Einauge keine physiologische Erregung zu nennen, der diese Empfindung entspräche. Es wird darum der empfindungsmäßige Flächeneindruck durch Vorstellungselemente eine Ergänzung erfahren. Vielleicht kann man sich, ehe experimentelle Untersuchungen zu Gebote stehen, den anschaulichen Tiefeneindruck des Einäugigen folgendermaßen entstanden denken. Man stelle sich einige Schritte vor eine Zimmerwand. Man sieht diese Wand als eine Fläche in einer bestimmten Entfernung. Neigt man den Kopf zur Erde, so erblickt man den Boden in der nämlichen Weise als Fläche wie zuvor die Wand. Will der Einäugige nun einen in der Schnittlinie dieser beiden Flächen befindlichen Gegenstand erreichen, so muß er sich zu ihm hinbewegen. Hält er dabei den Kopf gesenkt, so gewinnt er ein anschauliches Maß seiner Entfernung von der Wand (also der Tiefendimension) durch die Flächenwerte, die sein zum Boden geneigtes Auge erfaßt. Allerdings haben wir hier der leichteren Verständlichkeit zulieb zwei nicht zutreffende Voraussetzungen gemacht: einmal, daß der Einäugige Wand und Boden in einer bestimmten Entfernung sähe, — damit besäße er ja schon die Tiefenwahrnehmung; sodann, daß er Wand und Boden als ebene Flächen erblicke, — die Anschauung einer ebenen Fläche ist auch nicht möglich ohne die sinnlich fundierte Erkenntnis, daß die seitwärts des Blickpunktes liegenden Teile der Ebene weiter vom Betrachtenden entfernt sind als die unmittelbar fixierten. Beide Voraussetzungen lassen sich jedoch leicht entbehren. Es genügt, daß die objektiven Flächen der Wand und des Bodens entfernungslos erscheinen, wie etwa dichter Nebel, der das Auge umgibt, und ferner, daß sich aus dieser entfernungslosen, verschiedenfarbigen Fläche die Fixationspunkte auf Wand und Boden sowie die Schnittlinie der beiden Flächen und der auf ihr gelegene Gegenstand für das Auge abheben. Sieht nun auch der Einäugige keine ausgedehnte Fläche vor sich, so erfaßt sein Blick doch jeweils Flächenelemente, deren Summe eine anschauliche Wahrnehmung der dritten Dimension ermöglicht. So oder ähnlich mag sich der Prozeß bei dem einäugigen Kinde vollziehen. Die so anfänglich wahrgenommenen Tiefendimensionen sind natürlich von sehr geringer Ausdehnung. Es genügt indes, daß sie überhaupt wahrgenommen wird, um sich dann gleichzeitig mit der Erfassung der beiden andern Dimensionen zu entwickeln. Ist einmal der unmittelbare Tiefeneindruck auf diese oder ähnliche Weise gewonnen, so bilden sich auch leicht die sekundären Faktoren der Tiefenwahrnehmung aus.
Als deren erster ist auch für das Einauge die Winkelverschiebung (Parallaxe) zu nennen, welche die Sehstrahlen erfahren, wenn sich das Auge vor den verschieden tief gelegenen Gegenständen bewegt. Sodann gewöhnen wir uns daran, Dinge, die wir unter einem kleinen Gesichtswinkel sehen, die also ein kleines Bild auf der Netzhaut entwerfen, wenn anders uns ihre wahre Größe bekannt ist, für entfernt zu halten. Weiter wird die Deutlichkeit der Umrisse zum Kriterium der Nähe, die Verschwommenheit zum Kriterium der Ferne (Luftperspektive). Endlich vermittelt die gegenseitige Verdeckung und Beschattung der Körper ein Wissen von ihrer relativen Entfernung.
Nach neueren Untersuchungen ist die Tiefenwahrnehmung des Einäugigen besser als die monokulare des Normalen. Dabei helfen dem Einäugigen weit weniger die Muskelempfindungen, die durch die Akkomodation des Auges, d. h. durch die Einstellung auf die Nähe oder die Ferne bedingt werden, als vielmehr die Kopfbewegungen. — Dank der sekundären empirischen Faktoren des Tiefensehens können auch gemalte Bilder körperlich wirken. Um diesen Eindruck des Plastischen zu steigern, betrachtet man sie durch eine enge Röhre, wodurch der störende Rand des Bildes ausgeschaltet wird. Sehr schöne plastische Eindrücke liefert der Verant, eine eigenartig geschliffene Linse, die, nahe vor das Einauge gebracht, die von einem dahinterliegenden Bilde ausgehenden Strahlen so bricht, daß sie dasselbe Netzhautbild erzeugen, wie es auch von dem wirklichen Gegenstand hervorgerufen würde. Vermittels des Veranten kann man sich davon überzeugen, daß die Anschaulichkeit der Tiefenwahrnehmung des Einauges nicht hinter der des Doppelauges zurückzustehen braucht, eine theoretisch bedeutsame Feststellung.
C. Das Sehen mit beiden Augen
1. Doppeltsehen und Einfachsehen
Fig. 5 a Fig. 5 b


Welche Bewußtseinsinhalte gewinnen wir, wenn wir mit zwei Augen sehen? Hält man zwei Finger in einer Linie, aber in verschiedener Entfernung vor beide Augen und fixiert den nächstgelegenen, so erscheint der entferntere doppelt; richtet man jedoch den Blick auf den entfernteren, so sieht man den näheren doppelt. Die vereinte Tätigkeit beider Augen kann somit sowohl einfache wie doppelte Bilder liefern. Es fragt sich also: Wann sehen wir einfach und wann sehen wir doppelt? Entwirft man eine schematische Zeichnung von der Lage beider Augen und dem Gang der Lichtstrahlen in den beiden genannten Fällen, so findet man: das Bild der fixierten Punkte fällt jedesmal auf den nämlichen Punkt der Netzhaut, auf die Netzhautmitte. (Fig. 5.) Die Bilder der nicht fixierten Punkte treffen nicht auf gleichgelagerte Stellen: wird der entferntere Finger fixiert, so bildet sich der nähere in dem linken Auge links, in dem rechten Auge rechts von der Netzhautmitte ab; wird der nähere fixiert, so fällt das Bild des entfernteren in dem linken Auge rechts und in dem rechten links von der Netzhautmitte. Richten wir beide Augen statt auf einen einzelnen Punkt auf einen ausgedehnten Gegenstand, so sehen wir den ganzen Gegenstand einfach. Das schematische Bild des Strahlenganges läßt erkennen, daß z. B. die von dem rechten Ende eines Pfeiles ausgehenden Lichtstrahlen auf jeder Netzhaut Punkte treffen, die in gleicher Richtung und in (ungefähr) gleichem Abstand von der Netzhautmitte gelegen sind; es sind das gleichgelagerte oder korrespondierende Punkte, auch identische oder Deckpunkte genannt. Da ihre Erregung durch gleichfarbige Lichtstrahlen dem Bewußtsein die nämliche Empfindungsqualität vermittelt, so kann nur ein Sehding bewußt sein[5]. Anders ist es bei der Reizung von nichtkorrespondierenden Stellen der Retina. Bei gleicher Empfindungsqualität haben sie doch einen verschiedenen Ortswert zu melden und erzeugen darum ein doppeltes Bild. — Würde man rein mathematisch die Gesamtheit der Schnittpunkte jener Linien aufsuchen, die von korrespondierenden Netzhautpunkten ausgehen und je durch die Knotenpunkte der beiden Augen geführt sind, so erhielte man die Gesamtheit all jener Punkte, die bei einer bestimmten Augenstellung einfach gesehen werden; es wäre dies der mathematische Horopter. Allein wir haben oben schon gefunden, daß die beiden Netzhauthälften nicht ganz gleichwertig sind. Da nun jeweils die innere Netzhauthälfte des einen Auges zu der äußeren des andern Auges in Beziehung gebracht werden muß, so werden weder die Deckpunkte exakt die gleiche Lage zur Netzhautmitte haben, noch wird der mathematische mit dem empirischen Horopter ganz übereinstimmen. Überhaupt ist festzuhalten, daß die Deckpunkte einen gewissen Spielraum zulassen, innerhalb dessen noch einfach gesehen wird.
Da wir immer nur einen Teil des Sehfeldes fixieren können, so müßten wir nach dem Gesagten immer Doppelbilder haben, von den Dingen, die vor dem Fixierpunkt, und von denen, die hinter ihm liegen. Und doch bemerken wir für gewöhnlich nichts von ihnen. Woher dies? Wer das anfangs erwähnte Experiment anstellt, wird finden, daß es eine gewisse Mühe macht, einen Punkt zu fixieren und einen andern daneben zu beachten. In demselben Maße, wie es gelingt, die nicht fixierten Punkte zu beachten, nimmt die Klarheit des Doppelbildes zu. Da wir nun im praktischen Leben immer nur den fixierten Gegenständen die größere Aufmerksamkeit zu widmen pflegen, so entwickeln sich die Doppelbilder nicht zu merklicher Klarheit. Dazu kommt, daß wir unsere Fixation fortwährend wandern lassen und daß die von beiden Netzhäuten herrührenden Bilder häufig nicht gleich stark sind, weshalb das schwächere von dem stärkeren verdrängt wird.
Werden die korrespondierenden Punkte von gleichartigen Reizen getroffen, so steht im Bewußtsein nur ein Bild. Man kann darum den Versuch machen, zwei Deckpunkte durch verschiedenartige Reize zu erregen. Es erfolgt dann eine Mischung und Vereinigung beider Eindrücke, wo diese leicht möglich ist. So verbindet sich eine Druckschrift bequem mit einem weißen oder farbigen Hintergrund. Auch nichtkomplementäre Farben lassen häufig die entsprechende Mischfarbe erkennen. Komplementäre ergänzen sich unter gewissen Bedingungen zu grau. Aber namentlich bei ihnen zeigt sich gern der sogenannte Wettstreit der Sehfelder: es erscheint nicht die Mischung beider, sondern abwechselnd bald die eine und bald die andere Farbe allein. Eine geringe Verschiebung des gegenseitigen Stärkeverhältnisses oder auch die Bevorzugung des einen Reizes durch die Aufmerksamkeit läßt diesen alsbald über den Konkurrenten obsiegen.
2. Die Sehrichtung des Doppelauges
Fixieren wir ein näher gelegenes Objekt, so konvergieren die Blicklinien beider Augen, d. h. die Verbindungslinien des fixierten Punktes mit der Netzhautmitte eines jeden Auges bilden zusammen einen Winkel, wie sich aus der schematischen Zeichnung ersehen läßt. (Fig. 5.) Es ergibt sich also das Problem: In welcher Richtung sehen wir bei Verwendung beider Augen die Gegenstände, da doch jedes Auge in eine andere Richtung weist? Man bringe an einer Fensterscheibe einen kleinen Fleck an, schließe das linke Auge und fixiere mit dem rechten den Fleck auf der Scheibe und merke sich gleichzeitig jenes Objekt der äußeren Umgebung, das man beim Fixieren des Fleckes miterblickt. Darauf schließe man das rechte Auge und fixiere mit dem linken. Man sieht dann hinter dem Fleck ein anderes äußeres Objekt, das von dem soeben wahrgenommenen beträchtlich nach rechts gelegen ist. Nunmehr fixiere man den Fleck auf der Scheibe ein drittes Mal, aber jetzt mit beiden Augen. Dann scheinen die beiden zuvor gesehenen Objekte nicht voneinander entfernt, sondern in derselben Richtung hinter dem Fleck zu liegen. Alle Gegenstände, die auf der Sehrichtung des einen Auges liegen, werden mit denen, die auf der zugehörigen Sehrichtung des andern Auges liegen, in eine gemeinsame Sehrichtung vereinigt. Dies ist das Gesetz der identischen Sehrichtungen (Hering). Das Doppelauge lokalisiert so, als ob es ein einziges, zwischen den beiden Augen gelegenes wäre. (Das „Zyklopenauge“.) Durch diese Tatsache ist die oben erwähnte Projektionstheorie endgültig erledigt.
3. Das Tiefensehen mit zwei Augen
Denkt man sich durch den Fixationspunkt senkrecht zur Blicklinie des Zyklopenauges eine Ebene gelegt, so bilden sich außer dem Fixationspunkt auch die auf dieser „Kernfläche“ befindlichen Punkte auf identischen Netzhautstellen ab und werden somit einfach gesehen. Fixiere ich darum von zwei Nadeln, die in der Kernfläche sind, die eine, so erhalte ich auch von der nicht fixierten ein einfaches Bild. Verschiebt man nun diese Nadel ein wenig vor oder hinter die Kernfläche, so bleibt ihr optisches Bild dennoch einfach, doch wird ihre Tiefenlage vor oder hinter der Kernfläche wahrgenommen. Verschiebt man die Nadel jedoch etwas mehr aus der Kernfläche heraus, so wird sie alsbald doppelt gesehen. Der Strahlengang bei den drei erwähnten Lagen der nicht fixierten Nadel läßt sich sehr leicht zeichnen. Aus dem schematischen Bild kann man nun unmittelbar folgenden Satz ablesen: Das Einfachsehen nicht fixierter Punkte ist nicht streng an die identischen Netzhautstellen gebunden; werden indes zwei nur ungefähr identische Punkte der Netzhäute gereizt, so scheint das Objekt, von dem diese Reizung ausgeht, vor bzw. hinter der Kernfläche zu liegen.
Die Gegenprobe und den vollen Beweis zu diesem Satz erbringt ein von Hering angegebener Versuch, in dem eine Reizung nahezu identischer Punkte ermöglicht wird, ohne daß sie, wie soeben, von einem objektiv außerhalb der Kernfläche liegenden Ding bewirkt wird. Man zeichne auf zwei Papiere je drei einander parallele und gleichweit abstehende Gerade und bringe beide Zeichnungen in einem Stereoskop an Stelle der stereoskopischen Bilder symmetrisch an, so daß die Geraden senkrecht von oben nach unten verlaufen. Fixiert man jetzt die mittleren Linien, so erblickt man statt der sechs vorhandenen nur drei in einer Ebene liegende Gerade. Zeichnet man nun auf einem der Papiere die mittlere Gerade ein wenig nach rechts oder links, so bildet beim Hineinschauen das eine Auge die mittlere Gerade genau im mittleren Längskreise ab, während das andere sein Bild ein wenig links oder rechts von der Netzhautmitte hat, — die Richtung beider Augen bleibt nämlich nach wie vor dieselbe. Die psychische Wirkung dieser Reizungsart ist nun die, daß nunmehr nicht etwa vier Striche gesehen werden, sondern daß nur drei Gerade erscheinen, deren mittlere jedoch vor oder hinter den anderen zu liegen scheint.
Die zwei soeben geschilderten Versuche gestatten auch eine Messung der Tiefensehschärfe. Man rückt von drei in der Kernfläche befindlichen Nadeln die mittlere so weit aus der Kernfläche, bis ihre verschiedene Tiefe eben bemerkt wird. Oder man mißt, wie weit bei dem stereoskopischen Versuch die mittlere Senkrechte seitlich verschoben werden muß, bis ein Tiefeneindruck entsteht. Es stellte sich heraus, daß das Tiefensehen durch die Übung die Feinheit der Sehschärfe erreichen kann: eine Lagedifferenz der beiden Netzhautbilder von 10″ vermag schon einen Tiefeneindruck zu bewirken. Je weiter die zu beurteilenden Dinge vom Auge entfernt sind, um so größer muß ihr gegenseitiger Abstand sein, soll er noch als Tiefenunterschied erkannt werden: auf 1 m 0,4 mm, auf 50 m 1 m, auf 420 m 80 m, während über 2600 m kein Tiefenunterschied mehr aufgefaßt wird. Der Sehraum entspricht somit auch in dieser Hinsicht nicht dem geometrischen Raum.
Zu beachten ist noch, daß nur die feinen Lageunterschiede der Bilder auf den Querschnitten der Netzhaut den Tiefeneindruck hervorrufen. Solche Bilder heißen querdisparat, und die gekennzeichnete Lageverschiedenheit heißt Querdisparation. Die Verschiebung der Netzhautbilder infolge ihrer Verrückung aus der Kernfläche führt auch den Namen der binokularen Parallaxe.
Eine Anwendung der binokularen Parallaxe ist das Stereoskop. In geringem Abstand wird jedem Auge ein eigenes Bild dargeboten. Durch eine Prismenkombination wird nun erreicht, daß die nebeneinander liegenden Teilbilder auf die Deckpunkte beider Augen fallen. Diese Bilder wurden hergestellt, indem man etwa denselben Gegenstand gleichzeitig durch zwei in Augenweite voneinander entfernte Kameras photographierte. Somit erhält jedes Auge ein eigenes Bild, das jedoch nur wenig von seinem Gegenstück abweicht. Die solchermaßen gesicherte Querdisparation verursacht den körperlichen Eindruck des gesehenen Bildes. Darum kann umgekehrt das Stereoskop auch prüfen, ob zwei Bilder genau gleich oder auch nur um ein weniges voneinander verschieden sind. Echte Banknoten z. B. stammen aus derselben Druckerpresse. Symmetrisch unter das Stereoskop gebracht, müssen sie darum ein unkörperliches Bild ergeben. Springen jedoch einzelne Buchstaben und Striche aus der Bildebene hervor, so ist die Ungleichheit der Bilder und damit der verschiedenartige Ursprung der Drucke erwiesen.
4. Der Ursprung der binokularen Tiefenwahrnehmung
An dieser Stelle kehrt die Streitfrage wieder, ob unsere Tiefenwahrnehmung angeboren oder erworben sei. Nachdem wir schon ausgeführt haben, daß und wie das Einauge eine vollkommene Tiefenwahrnehmung erlangen kann, dürfen wir von der historischen Entwicklung der Kontroverse absehen und können sogleich die Kernfrage nennen, um die sich heute der ganze Streit dreht. Auch der Nativist gibt heute zu, daß allein mit den Mitteln des Einauges tatsächlich eine Tiefenwahrnehmung zu erzielen ist. Er behauptet jedoch, daß die Querdisparation eine unmittelbare und wahre Empfindung der Tiefe vermittle, eine Empfindung, die uns zwar nicht die absolute Entfernung der Dinge vom Auge unmittelbar kennen lehrt, die jedoch die Lage der Gegenstände zu der Kernfläche zeigt. Aus diesem Grundkapital entwickle sich die vollkommene Tiefenwahrnehmung des Erwachsenen, für den schließlich die Querdisparation das feinste und eigentlichste Mittel zur Erkennung der Tiefenunterschiede wird. Man braucht ja nur ein Auge zu schließen, um alsbald eine beträchtliche Herabsetzung unseres Körperlichsehens festzustellen.
Dem Nativismus stehen für seine Ansicht schwerwiegende Gründe zu Gebote. Ihr wuchtigster dürfte der oben (S. 91 f.) beschriebene Stereoskopversuch sein: die einfache Reizung querdisparater Netzhautpunkte bewirkt ohne irgendwelche anderen objektiven oder subjektiven Anhaltspunkte eine Tiefenwahrnehmung. Dazu kommt die große Schwierigkeit, den unleugbar anschaulichen Charakter des Tiefeneindruckes aus Vorstellungselementen verständlich zu machen. — Indes durchschlagend sind diese Beweise nicht. Solange es nicht möglich ist, bei einem operierten Blindgeborenen den Heringschen Stereoskopversuch mit Erfolg anzustellen, bleibt es erlaubt, den Tiefeneindruck bei querdisparater Reizung aus der Erfahrung herzuleiten: wie für den Einäugigen die monokulare Parallaxe, so entwickelt sich beim Normalen die binokulare zum Kriterium des Tiefensehens. Die Unmittelbarkeit des Tiefeneindruckes braucht dabei nicht zu überraschen. Denn ebenso unmittelbar lokalisieren wir auch einen Tastreiz, was uns nur auf Grund der Erfahrung möglich ist. Ferner glauben wir auch gezeigt zu haben, wie der Einäugige zu dem anschaulichen Inhalt seiner Tiefenwahrnehmung gelangt. Endlich dürfte noch zu beachten sein, daß die Tiefenauffassung, wenigstens bei dem erwachsenen Menschen, nicht auf die gleiche Stufe wie die Flächenwahrnehmung zu setzen ist. Wir möchten sie vielmehr der Gestaltwahrnehmung (s. unten) nahebringen. Auch bei dieser erleben wir unmittelbar und in gewissem Sinne anschauliche Eindrücke, die aber gleichwohl nicht als Empfindungen angesprochen werden können.
Die Empiristen berufen sich ihrerseits auf die vollkommene Tiefenanschauung der Einäugigen, mit der gewiß die Notwendigkeit, aber nicht eine etwa nachweisbare Tatsächlichkeit der Tiefenempfindung auszuschließen ist. Es liegen aber aus der jüngsten Zeit verschiedene Experimente vor, die den Empfindungscharakter querdisparater Erregungen als zweifelhaft erscheinen lassen. So wies Karpinska nach, daß sich die räumliche Auffassung bei stereoskopischer Betrachtung nur allmählich ausbildet, somit auch mehr Zeit benötigt als die Gesichtsempfindungen; daß sie an Schnelligkeit von der durch den Veranten vermittelten plastischen Auffassung übertroffen wird, bei dem bekanntlich nur Erfahrungskriterien wirksam sind; daß sie endlich durch die Einstellung des Subjektes ganz unterdrückt werden kann. Das Pseudoskop ferner, das durch Vertauschung der stereoskopischen Bilder das Relief der Dinge umkehrt, einen runden Balken sonach als Hohlrinne erscheinen läßt, vermag diese Umkehrung bei dem Bilde des menschlichen Gesichtes nicht zu erreichen; die Erfahrungsmomente überwinden hier also die Querdisparation. Sodann läßt sich der Effekt der Querdisparation an bloß einem Auge dadurch erzielen, daß man die für die beiden Augen bestimmten stereoskopischen Bilder in rascher Folge demselben Auge exponiert (Straub). Schließlich will Poppelreuter das flächenhafte, „malerische“ Sehen, das monokular leicht zu bewerkstelligen ist, nach einiger Übung auch binokular erlernt haben. Es lassen sich aber wohl Vorstellungen, nicht jedoch Empfindungen unter dergleichen Voraussetzungen unterdrücken. Nach dem Gesagten tragen wir kein Bedenken, die Position des Empirismus als die zur Zeit günstigere anzusehen.
Literatur
Über die nativistisch-empiristische Kontroverse und die ältere Literatur zu dieser vgl. Fröbes I, 2. Aufl., S. 331 ff.
3. Kap. Empfindungskomplexe des Tastsinnes
1. Der Raumsinn der Haut
Die Reizung eines Druckpunktes oder einer beliebigen Hautstelle ruft eine flächenförmig ausgedehnte Empfindung hervor. Wir können uns bei dieser Feststellung nur auf den unmittelbaren Eindruck stützen, werden aber die Richtigkeit dieser Beobachtung aus den alsbald zu nennenden Tatsachen bestätigt finden. Was geschieht nun, wenn man gleichzeitig mehrere Stellen der Haut reizt? Setzt man die beiden Spitzen eines Zirkels (man verwendet dazu eigens hergestellte Tastzirkel oder Ästhesiometer) nahe beieinander auf die Haut, so verspürt man einen einfachen Druck, als wenn nur ein einziger Punkt gereizt worden wäre. Rückt man nun die Zirkelspitzen ein wenig auseinander und setzt sie von neuem auf, so wird der wahrgenommene Punkt etwas breiter, dehnt sich zu einer Fläche, wird dann eine Linie, und erst bei einer gewissen Zirkelweite hat man den Eindruck, daß zwei getrennte Punkte der Haut gereizt worden sind. Eben diesen Abstand, den zwei gleichzeitig einwirkende Tastreize wahren müssen, um als zwei bemerkt zu werden, bezeichnet man als die Raumschwelle. Sie ist an verschiedenen Körperteilen verschieden groß: an der Zungenspitze 1 mm, an der Fingerspitze 2 mm, am größten am Rücken und an den Gliedmaßen, etwa 6 mm am Oberarm. Die Raumschwelle mißt die Feinheit unseres Raumsinnes, d. h. der „Fähigkeit, Form, Größe, Zahl, Bewegung der unsere Hautoberfläche berührenden Gegenstände mittels der Tastempfindung zu erkennen“. Je kleiner die Schwelle, um so feiner der Raumsinn.
Die Raumschwelle ist bei Kindern kleiner als bei Erwachsenen. Sie wechselt auch bei den einzelnen Individuen. Um die simultane Raumschwelle sicher zu erhalten, muß man übrigens die beiden Zirkelspitzen gleichzeitig und mit gleich starkem Druck aufsetzen. Sukzessive und ungleich starke Berührung verkleinert die Schwelle. Auch Wärme und Blutfülle macht die Haut empfindlicher, während Kälte und Blutleere die Empfindlichkeit herabsetzt. Im gleichen Sinne wie diese Faktoren wirken Übung und Ermüdung. Allerdings nicht so, daß die Übung, wie man früher vielfach glaubte, das Sinnesorgan selbst verfeinerte. Im Grunde wird nur die Einstellung auf die Unterscheidung der beiden Eindrücke geübt. Das zeigte sich bei der Untersuchung von Blinden. Bei ihnen nahm man vielfach eine außergewöhnliche Verfeinerung des Hautsinnes an, da sie diesen Sinn so außerordentlich übten, und da man überdies meinte, der Ausfall eines Sinnes komme den übrigbleibenden zugute. Es stellte sich nun heraus, daß bei gleicher Aufmerksamkeitsanspannung der Raumsinn der Blinden infolge des beständigen Tastens stumpfer war als der der Sehenden. Ebenso scheint die Vergrößerung der Raumschwelle infolge der Ermüdung in erster Linie auf die Beeinträchtigung der Aufmerksamkeit zurückzuführen zu sein. Wenn man darum mit den experimentierenden Pädagogen (Griesbach) die Bestimmung der Raumschwelle zum Nachweis der Ermüdung benutzen will, muß man die Schwelle unmittelbar nach der ermüdenden Arbeit bestimmen, weil sonst die „Aufmerksamkeit“ sich alsbald wieder erholt.
2. Der Tastraum der Blinden
Es ist für den Sehenden sehr schwer, sich zu veranschaulichen, was eine Mehrheit von Tastempfindungen ihm von der Außenwelt mitteilt. Will man sich darüber Rechenschaft geben, so drängen sich stets die Angaben des Gesichtsinnes dazwischen. Man wird darum besser die Blindgeborenen befragen. Da ist nun entgegen vereinzelten Ansichten älterer Psychologen vor allem festzustellen, daß die Blindgeborenen allmählich zu einer Raumanschauung in demselben Sinne wie die Sehenden gelangen. Operierte Blindgeborene sind nämlich durchaus nicht der Ansicht, daß sie mit der nunmehr optisch vermittelten Raumanschauung etwas absolut Neues in sich aufnähmen. Ebenso spricht dagegen die Existenz blindgeborener Mathematiker, die sich ohne besondere Schwierigkeit die doch aus dem anschaulichen Raum gewonnenen geometrischen Begriffe aneignen. Auch die Modellier- und Schnitzleistungen Blindgeborener wären ohne persönliche Raumanschauung kaum zu verstehen.
Mit der Raumanschauung ist nun zunächst gegeben, daß eine Vielheit benachbarter Tastempfindungen einen flächenhaften Eindruck bewirkt. Allerdings ist die simultane Erfassung der Flächen nicht sonderlich entwickelt. Viel leichter ist die Erkennung punktförmiger Eindrücke, weshalb auch die dem Blinden am meisten entsprechende (Braillesche) Schrift punktförmige Reize verwertet, die in der Zahl von 1 bis 6 nach Art der Dominofiguren angeordnet sind. Um die Form eines flächenhaften Reizes, etwa eines Polygons aus Karton, zu erkennen, führt der Blinde Tastzuckungen längs der Umrisse aus. Damit verwandelt er freilich die simultane Auffassung in eine sukzessive und führt gleichzeitig höhere psychische Prozesse ein, die wir jetzt noch nicht analysieren können. Körperliche Objekte kleineren Umfanges lehrt ihn das umschließende Tasten kennen. Hier treten zu den Eindrücken des Hautsinnes diejenigen der Bewegungssinne. Zweifellos vermag der Tastsinn allein eine Anschauung von der dritten Dimension nicht zu geben. Ebenso sicher ist die Mitwirkung des kinästhetischen Apparates. Wie jedoch im einzelnen die dreidimensionale Raumanschauung des Blinden zustandekommt, ist uns noch weniger durchsichtig, als es bei dem Gesichtssinn der Fall war. Zur genaueren Untersuchung der räumlichen Verhältnisse dienen sodann bei kleineren Maßen die Finger mit ihren Konvergenzbewegungen, bei größeren die ebenso fungierenden Arme. Damit ist auch der Umfang des vom Blinden leicht zu beherrschenden Anschauungsraumes gegeben. Größere Räume kann er durch Schrittbewegungen in die Länge und Breite sowie durch Steig- oder Kletterbewegungen in die Höhe oder Tiefe ausmessen, doch vermag er diese Eindrücke nur schwer zu einem geschlossenen anschaulichen Bild zu vereinigen. Der Tastsinn ist eben ein Nahsinn. Der Blinde hilft sich deshalb mit der „Tastraumzusammenziehung“. Er verkleinert in seiner Anschauung die Objekte und stellt sie sich in ihren Proportionen nach Art der von Hand und Arm unmittelbar erfaßten vor.
Literatur
Näheres über die hier berührte Blindenpsychologie bei J. Fröbes I, 2. Aufl., S. 361 ff.
3. Theorie des Tastraumes
Zwei Probleme sind hier zu lösen. Zuerst das Problem der Raumschwelle: Warum läßt sich zwar an jedem Punkt der Haut, praktisch genommen, eine Tastempfindung auslösen, während die Berührung zweier Punkte nur dann zwei Eindrücke verursacht, wenn die beiden Punkte eine bestimmte Entfernung haben?
E. H. Weber erdachte zur Beantwortung dieser Frage die Theorie der Empfindungskreise. Je ein Tastnerv ist einem bestimmten Hautkreis zugeordnet. Alle Reizungen innerhalb dieses Kreises erregen den gleichen Nerv, bedingen somit dieselben Tastempfindungen und bleiben deshalb ununterscheidbar. Das stimmt recht gut zu dem anatomischen Befund einzelner Druckpunkte und erklärt auch die Tatsache, daß nur in einer gewissen Distanz zweier Druckreize zwei Tasteindrücke entstehen. Allein die Raumschwelle müßte nach dieser Theorie an derselben Hautstelle beträchtlich schwanken. Denn berührten die Zirkelspitzen die beiden Empfindungskreise dort, wo sie mit ihrer Peripherie zusammenstoßen, so müßte eine verschwindend kleine Schwelle gefunden werden, während sie unvergleichlich zunähme, wenn sie zwei möglichst entfernte Punkte träfen. Weber änderte darum später seine Theorie dahin ab, daß er jeden Empfindungskreis aus einer Anzahl Elementarkreise bestehen läßt und zur Entstehung eines zweiten gesonderten Eindruckes verlangt, daß zwischen den beiden Reizstellen eine gewisse Zahl von Elementarkreisen eingeschlossen werde. So wird er zwar den Tatsachen gerecht, doch kann er sich für diese Zusatzhypothese nicht auf anatomische Befunde berufen.
Das Problem ist jedoch genau wie das des binokularen Einfachsehens psychologisch zu lösen (vgl. S. 81 f.). Gleiche Sinnesmeldungen bedingen nur ein psychisches Ding. Die Tastqualität aus räumlich benachbarten Tastnerven ist nun nahezu gleich. Solange sie sich darum nicht mit verschiedenartigen Eindrücken anderer Sinne verbinden kann (vgl. S. 111 ff.), bietet sie nicht die Grundlage zu einer Mehrheitsunterscheidung.
Zweitens hat die psychologische Theorie zu erklären, welcher Art die elementaren Raumeindrücke sind und wie aus diesen Elementen sich zuletzt der psychische Inhalt des Tastraumes ergibt. Auch hier streitet der extreme Empirismus mit einem gemäßigten Nativismus. Die oben ausführlicher dargestellte Theorie Lotzes von den Lokalzeichen und ihre Abänderung durch Wundt wird mit nur geringen Variationen auf den Tastraum angewendet. Nach ihnen enthält die elementare Tastempfindung nichts von Ausdehnung. Aber jede einzelne Tastempfindung hat je nach der Körperstelle, auf der sie ausgelöst wird, eine charakteristische Abtönung infolge der Mitempfindungen, die an jedem Teil des Körpers andere sind — eine bis zu gewissem Grade zutreffende Annahme. Die Raumwerte erwachsen diesen Tastempfindungen nur durch die erfahrungsmäßige Verbindung mit den visuellen Ortsvorstellungen: bei Reizung einer bestimmten Körperstelle wird eine qualitativ charakteristische Tastempfindung hervorgerufen, und diese weckt die visuelle Vorstellung von dem betreffenden Körperteil. Indes auf diesem Wege könnten Blindgeborene niemals zu einer Tastraumvorstellung gelangen.
Wundt gesellt darum auch hier den qualitativ eigenartigen Tastempfindungen die Bewegungsempfindungen oder genauer die Innervationsgefühle bestimmter Bewegungen zu, die von den Tastempfindungen angeregt würden. Die „psychische Synthese“ beider soll dann auch hier eine Raumanschauung erzeugen. Die innere Unwahrscheinlichkeit dieser Theorie ist natürlich beim Tastraum nicht geringer als beim Sehraum.
Man wird deshalb auch hier genau wie bei der optischen Raumwahrnehmung ein nativistisches Grundkapital zugestehen müssen. Die einzelne Tastempfindung liefert an sich schon eine räumliche flächenhafte Ausdehnung. Daß sich diese Flächenelemente nebeneinander legen, und zwar in einer bestimmten und gleichmäßigen Richtung, erklärt sich wie beim Auge (s. S. 83).
Bisher haben wir nur die Raumanschauung des Blindgeborenen berücksichtigt. Um die des Sehenden völlig zu verstehen, müssen wir zuvor von einer Gruppe seelischer Inhalte sprechen, die uns als solche bisher noch nicht bekannt wurden, wenn wir auch nicht umhin konnten, sie gelegentlich zu streifen: die Vorstellungen.
Literatur
C. Spearman, Fortschritte auf dem Gebiet der räumlichen Vorstellungen. ArGsPs 8 (1906).
O. Klemm, Über die Lokalisation von Schallreizen. 6. CgEPs (1914).
DRITTER ABSCHNITT Die absoluten Vorstellungen
Ohne jede erkenntnistheoretische Überlegung ist dem Bewußtsein auch des primitiven Menschen oder des Kindes gegeben, daß zwischen den äußeren Geschehnissen und unseren Eindrücken ein gewisser Zusammenhang besteht: zündet man vor meinen Augen ein Streichholz an, so sehe ich eine Flamme; setzt man ein Musikinstrument in Tätigkeit, so vernehme ich Töne. Wir stellen aber auch fest, daß das Gegenstandsbewußtsein bisweilen Inhalte erlebt, für deren Erscheinen sich kein äußerer Reiz verantwortlich machen läßt. Es können uns auch bei geschlossenen Augen und im Traum Dinge sichtbar erscheinen, oder wir können Melodien hören, die allem Anschein nach nicht in der Außenwelt erzeugt werden. Solche Erlebnisse des Gegenstandsbewußtseins, die nicht unmittelbar von einem äußeren, oder genauer gesprochen von einem peripheren Sinnesreiz abhängig sind, bezeichnet man als Vorstellungen. Um jedoch auszudrücken, daß wir hier von diesen Erlebnissen sprechen, insofern sie noch nicht von der Seele weiterhin bearbeitet sind, heißen wir sie die absoluten Vorstellungen, ein Ausdruck, der erst später ganz verständlich gemacht werden kann.
Um die Einteilung dieser Vorstellungen in Erinnerungs- und Phantasievorstellungen kümmern wir uns hier ebensowenig wie um ihren Ursprung. Nur das sei als allgemein zugestandene Erfahrungstatsache erwähnt, daß zum wenigsten die Elemente dieser Vorstellungen ursprünglich infolge peripherer Sinneserregung im Bewußtsein erweckt worden sein müssen; denn Blindgeborene können sich von keinen Farben, Taubgeborene von keinen Tönen eine Vorstellung machen. Im übrigen beachten wir an dieser Stelle nur die inhaltlichen Eigenschaften.
Als charakteristische Eigenschaft pflegt man da zunächst die „Blässe“ und „Mattigkeit“ der Vorstellungen zu betonen. Und im allgemeinen werden auch die unmittelbar von dem äußeren Reiz abhängigen Eindrücke unvergleichlich lebhafter sein als die nur mittelbar reizbedingten. Allein man hat diese Blässe doch zu sehr betont. Solange die Psychologie nur auf den dürftigen Selbstbeobachtungen der Philosophen aufgebaut wurde, pflegte man allen Menschen so matte Vorstellungen zuzuschreiben, wie sie den in abstrakten Gedankengängen sich bewegenden Philosophen eigen sind. Sobald man aber mit Fechner und später mit Galton auch Angehörige anderer Berufe nach ihren Vorstellungen befragte, ergab sich, daß manchmal die Lebhaftigkeit der Vorstellungen nicht geringer war als die der Wahrnehmungen. Insbesondere hatte man angezweifelt, daß die in die Vorstellungen eingehenden Empfindungsinhalte in dem gleichen Sinne Intensität besäßen wie die reizbedingten Empfindungen. Man konnte das um so eher bezweifeln, als bei dem gewöhnlichen Gebrauch der Vorstellungen der Empfindungsinhalt stark vernachlässigt wird. Sind uns die schematischen Umrisse einer Vorstellung gegeben, so haben wir in der Regel genug für unsere geistige Arbeit, zu der wir jene Vorstellungen benötigen. Es wäre Zeit- und Energievergeudung, wollten wir noch die verschiedenen Empfindungsinhalte zur ursprünglichen Intensität ansteigen lassen. Und je abstrakter unser Denken wird, um so mehr dürfen wir die Empfindungsinhalte vernachlässigen, um so mehr wird uns aber auch die Befähigung zum intensiven anschaulichen Vorstellen verloren gehen. Läßt man jedoch die Empfindungsinhalte der Vorstellungen sich entwickeln, so zeigen sie die gleiche Art der Intensität wie die unmittelbar durch einen peripheren Sinnesreiz hervorgerufenen. So ließ Schaub dargebotene Klänge vorstellen und dann die Intensität dieser Vorstellungen mit der Intensität des zum zweiten Mal dargebotenen Reizes vergleichen. Die Aufgabe wurde von allen Versuchspersonen gelöst, was nicht möglich wäre, ginge den Vorstellungen eine wahre Intensität ab, und öfters wurde in der Vorstellung dieselbe Intensität erreicht wie in der Wahrnehmung. Das stimmt auch ganz dazu, daß bei den anderen reizunabhängigen Erlebnissen, beim Traum und in der Halluzination, vollste Intensität und Lebendigkeit erlebt wird.
Sodann macht man auf die Flüchtigkeit und Unbeständigkeit der Vorstellungen aufmerksam. Die Standuhr auf meinem Schreibtisch bleibt in unveränderter Weise stehen. Solange ich sie anblicke, habe ich den nämlichen klaren Eindruck. Anders, wenn ich den Blick abwende und die Uhr vorstelle. Da wird das Bild gar bald verschwinden, um von einem andern verdrängt zu werden, oder auch nach einer Zwischenzeit wieder aufzutauchen. Zweifellos ist die Unbeständigkeit eines der gewöhnlichsten Kennzeichen der Vorstellung. Nur darf man nicht behaupten, jede Wahrnehmung sei beständig und jede Vorstellung unbeständig. Namentlich Wahrnehmungen geringer Intensität — etwa das Ticken einer vom Ohr entfernten Taschenuhr — schwanken außerordentlich, während anderseits Vorstellungen eine geradezu belästigende Konstanz erlangen können. Namentlich gilt das von krankhaft fixierten Vorstellungen. Ähnliches ist über die Lückenhaftigkeit dieser Bewußtseinsinhalte zu sagen: für gewöhnlich sind die Vorstellungen inhaltsarm und unvollständig; allein einen grundsätzlichen Unterschied gegenüber der Wahrnehmung bedingt das nicht. Denn jeder einzelne Zug in dieser kann Inhalt einer Vorstellung werden. In der Tat findet man bei besonders vorstellungsbegabten Individuen eine erstaunliche Fülle der inneren Bilder. So soll ein französischer Porträtmaler imstande gewesen sein, nach einer halbstündigen Sitzung ein Porträt aus dem Gedächtnis zu malen und auf diese Weise an 300 Bilder im Jahre ausgeführt haben. Noch ausgesprochener begegnet man den naturgetreuen Vorstellungen im Traum und in der Halluzination. Freilich täuscht sich der in der psychologischen Beobachtung Ungeschulte leicht über die Ausführlichkeit seiner Vorstellungen, indem er anschaulich vorzustellen meint, was er in Wirklichkeit nur unanschaulich über den Gegenstand weiß, oder indem er Surrogatvorstellungen für echte hält. So vermeint mancher, einen Geruch vorzustellen, während er in Wirklichkeit nur weiß, wie das Objekt riecht und gleichzeitig Schnüffelbewegungen ausführt. Oder man versucht, anschaulich Schmerz zu erleben, stellt sich in Wahrheit aber nur Körperbewegungen vor, welche die Begleiterscheinung des Schmerzes bzw. seine Ausdrucksbewegungen wären, oder macht gar Ansätze zu ihnen.
Die Vorstellungen sind ferner häufig von dem Bewußtsein der Anstrengung oder der Tätigkeit des Subjektes begleitet. Bemühen wir uns nicht um sie, so entstehen sie sehr oft nicht oder verschwinden bzw. verändern sich gar bald. Aber wesentlich ist eine solche Tätigkeit dem Vorstellungserlebnis nicht. Bekannt sind ja die Zwangsvorstellungen, die uns gegen unseren Willen verfolgen, und dem rechten Künstler stehen die Kinder seiner Muse in der Regel ungerufen vor der Seele. Anderseits drängen sich auch die Wahrnehmungen uns nicht immer auf, sondern fordern, namentlich wenn sie von geringer Intensität sind, die Anspannung der Aufmerksamkeit.
Lange Zeit hielt man es für ein untrügliches Unterscheidungsmerkmal von Wahrnehmung und Vorstellung, daß erstere im objektiven, letztere im subjektiven oder im Vorstellungsraum lokalisiert sei. Sehr viele Menschen richten in der Tat die Aufmerksamkeit nach innen, gewissermaßen in das Innere ihres Kopfes, wenn sie Vorstellungen erzeugen wollen. Auch scheinen namentlich die Vorstellungen kleiner und vereinzelter Gegenstände umgebungslos in einem nebelartigen Raum zu schweben, dem „Vorstellungsraum“. Indes sehen Vorstellungsbegabte häufig die vorgestellten Dinge unmittelbar vor sich im objektiven Raum, können sie bei offenen Augen an einen beliebigen Ort lokalisieren (die „Eidetiker“ Jaenschs), und auch den weniger Begabten gelingt es auf jeden Fall, ergänzende Teilvorstellungen mit dem wahrgenommenen Objekt zu verbinden und auf diese Weise im wirklichen Raum vor sich zu sehen. Das Isolierterscheinen kleiner Gegenstände dürfte nur auf einer unvollendeten Reproduktion beruhen.
Wie der Vorstellungsraum eingehender experimenteller Untersuchung gegenüber nicht standhält, so muß auch das den Vorstellungen oft zugeschriebene Merkmal der Bildhaftigkeit preisgegeben werden. Bei der normal entwickelten Vorstellung hat man durchaus nicht den Eindruck, ein Bild vor sich zu haben, sondern man glaubt dem Ding selbst gegenüberzustehen.
So ergibt sich also, ganz im Gegensatz zu den früheren Anschauungen, daß sich die Eindrücke, die unmittelbar durch periphere Sinnesreizung hervorgerufen werden, in keinem Stücke prinzipiell von den nur mittelbar reizbedingten unterscheiden. Es gibt keine Eigenschaft der Wahrnehmungen, die nicht auch an den Vorstellungen nachzuweisen wäre, und umgekehrt findet sich keine Eigentümlichkeit der Vorstellung, die nicht ebenso einer Wahrnehmung anhaften könnte. Die praktische Scheidung beider Erlebnisse wird nun dadurch ermöglicht, daß gewisse Züge bei der Wahrnehmung und andere bei der Vorstellung für gewöhnlich stärker ausgeprägt sind. Das gilt freilich nur für die Durchschnittswahrnehmungen und -vorstellungen. Gewisse schwächere Wahrnehmungen können allein auf Grund ihres anschaulichen Inhaltes nicht von den Vorstellungen, gewisse lebhaftere Vorstellungen nicht von den Wahrnehmungen unterschieden werden. Hier helfen nur verstandesmäßige Überlegungen. Wie wir später noch sehen werden, nimmt übrigens die Seele die absoluten Wahrnehmungen und die absoluten Vorstellungen in Arbeit und ermöglicht so ein leichtes und sicheres Unterscheiden beider. Diese verarbeiteten Erlebnisse meint man in der Regel, wenn man von Wahrnehmung und Vorstellung schlechthin spricht.
Die Fähigkeit, Vorstellungen in sich wachzurufen, ist nicht bei allen Individuen gleich groß. Zu diesem Unterschied tragen ursprüngliche Anlage und Übung bei. Wie Jaensch und Kroh fanden, ist die „eidetische“ Anlage verhältnismäßig oft bei Jugendlichen anzutreffen, doch nicht in allen Gegenden gleich häufig. Außerdem differenzieren sich die Individuen noch dadurch, daß die Vorstellungsfähigkeit nicht auf allen Sinnesgebieten gleich mächtig ist. Einzelne sind imstande, mit Leichtigkeit Gesichtsvorstellungen zu erzeugen, bei andern sind die inneren Gehöreindrücke gut ausgebildet, andere wiederum stellen sich leicht Bewegungen vor. Je nachdem eines dieser Sinnesgebiete einseitig entwickelt ist, spricht man von dem visuellen, dem akustischen und dem motorischen Typus. Nur ganz selten findet man Vertreter eines ausgesprochenen Typus, doch pflegt bei den meisten Menschen eine der drei Seiten bevorzugt zu sein. Da, wie erwähnt, auch die Übung von Bedeutung ist, versteht man, daß für das Gebiet der Wortvorstellungen der akustische Typ, für die Sachvorstellungen der optische vorherrscht. Auf dem Gebiete des Geruches, Geschmackes und des Hautsinnes ist das Vorstellungsleben des Menschen nur sehr schwach entwickelt, vielleicht sogar zurückgebildet. Es lohnt sich darum nicht, hier nach besonderen Vorstellungstypen zu suchen.
Literatur
J. Segal, Über das Vorstellen von Objekten und Situationen. Münchener Stud. 4. Heft. 1916.
J. Lindworsky, Wahrnehmung und Vorstellung. ZPs 80 (1918).
O. Kroh, Subjektive Anschauungsbilder bei Jugendlichen. 1922.
VIERTER ABSCHNITT Verbindung der Vorstellungen mit Empfindungen und Empfindungskomplexen
Ebensowenig wie eine systematisch durchgeführte Erforschung der Empfindungskomplexe steht uns eine solche für die Verbindung von Empfindungen und Empfindungskomplexen mit Vorstellungen zu Gebote. Wir können darum nur an einzelnen Beispielen das Ergebnis einer solchen psychischen Synthese veranschaulichen.
1. Die Synästhesien
Manche Personen berichten, daß ihnen beim Hören von Vokalen oder auch beim Sehen von Schriftzeichen bestimmte Farben mitgegeben sind. So erschien Fechner der Vokal e gelb, a weiß, u schwarz, der Trompetenton rot, der Flötenklang blau. Genauere Erhebungen über dieses sog. Farbenhören ergaben die mannigfachsten Abarten dieser nicht allzu seltenen Erscheinung. Es zeigt sich bei den verschiedenen mit ihr begabten Persönlichkeiten keinerlei Konstanz der Paarung von Klängen und Farben. Auch sieht der eine die Farben an dem Schriftbild, der andere an der Tonquelle, ein dritter irgendwo im Außenraum. Auch die Deutlichkeit der Farben ist wechselnd. In einem extremen Fall (Lemaitre) sollen sie sogar das Sehen der Umgebung gestört haben: wenn andere sprachen, konnte der Betreffende sein Bild im Spiegel nicht sehen. Andere erblicken beim Anhören musikalischer Gebilde charakteristisch wechselnde Figuren. In den gleichen Zusammenhang gehören die sog. sekundären Geschmacksempfindungen beim Sehen einer Speise, das Hören des Windes beim Anblick eines im Gemälde dargestellten Sturmes u. dgl.
Man hat die Erklärung der Synästhesien früher mehr auf physiologischem Gebiet gesucht. Eine enge Verbindung der den einzelnen Empfindungen zugehörigen Teile des nervösen Zentralorgans sollte überhaupt die allgemeine Tendenz einer jeden Sinneserregung begründen, in benachbarte Gebiete überzustrahlen. Wo immer zu dieser allgemeinen Tendenz noch eine individuelle Veranlagung zur leichten Ansprechbarkeit des zentralen Apparates hinzukomme, da würden sich die Sekundärempfindungen einstellen. Indes, wenn dem so wäre, müßte sich doch eine weit größere Übereinstimmung in der Verbindung bestimmter Klänge mit bestimmten Farben beobachten lassen. Statt dessen ist häufig der Ursprung der Erscheinung aus der Erfahrung des Individuums nachweisbar. So, wenn beim Ton eines Instrumentes gerade jene Farbe gesehen wird, die dem Instrument selbst eigentümlich ist, oder wenn die Vokalfarbe sich mit der Muttersprache verändert. Wenn vollends Monats- oder Tagesnamen, genau so wie sonst die einfachen Vokale, charakteristische Farben annehmen, dann kann von einem physiologischen Zusammenhang schon gar nicht mehr die Rede sein. Die naturgemäßeste Erklärung ist darum die aus der Verbindung jener Wahrnehmungen mit den Vorstellungen der betreffenden Farben. In der Lebenserfahrung des Individuums haben sich infolge besonderer Umstände einmal die Wahrnehmungen gewisser Klänge mit der Wahrnehmung bestimmter Farben verbunden. Nach den später noch zu besprechenden Assoziationsgesetzen ruft dann die erneute Wahrnehmung des Klanges die Vorstellung der damals gleichzeitig gesehenen Farbe wach. Psychologisch bedeutsam ist hier, daß in solchen Fällen die Vorstellung sehr lebhaft wird und die Intensität der Klangempfindung erreicht, weshalb man ja auch von Sekundär- oder Pseudoempfindungen spricht. Eine Schwierigkeit liegt jedoch darin nicht, wir sahen ja schon, daß die Vorstellung nicht notwendig hinter der Intensität der Empfindung zurückbleiben muß.
Literatur
E. Bleuler, Zur Theorie der Sekundärempfindungen. ZPs 65.
K. Lenzberg, Zur Theorie der Sekundärempfindungen und zur Bleulerschen Theorie im besondern. ZaPs 21.
2. Erscheinungsweisen der Farben
Betrachtet man die eintönige Farbe eines Gegenstandes, etwa einer mit buntem Papier überzogenen Pappschachtel, das eine Mal mit freiem Auge und das andere Mal durch einen durchlochten Schirm derart, daß man nur die farbige Fläche erblickt, die Form und die Stellung des Gegenstandes jedoch nicht zu erkennen imstande ist, so wird man einen namhaften Unterschied gewahr werden. Bei freier Betrachtung hat die Farbe eine feste Lokalisation, erscheint selbst wie etwas Festes und weist u. U. Glanz oder Lichter auf. Durch einen Schirm gesehen, verliert sie die bestimmte Lokalisation, die Farbe scheint uns frontalparallel gegenüberzustehen, gewinnt an Zartheit, tritt nicht als Eigenschaft eines anderen Dinges auf und erlaubt dem Blick, gewissermaßen in sie einzudringen. Katz, der diese Unterschiede zuerst eingehend erforschte, spricht von verschiedenen Erscheinungsweisen der Farben und nennt die frei gesehenen „Oberflächenfarben“, die anderen „Flächenfarben“. Wir haben es da nicht mit anderen Empfindungen zu tun, sondern mit der Modifikation dieser Empfindungen infolge des Hinzutretens der Vorstellungen. Es können nämlich alle von den oben (S. 20) beschriebenen Farbenempfindungen abweichenden Erscheinungsweisen der Farben durch Betrachten mit einem Schirm auf die Empfindungen des Farbenoktaeders zurückgeführt werden. Ohne diese Reduktion jedoch lassen sie sich nicht in die Qualitätenreihen des Farbenoktaeders einreihen. Namentlich zeigen sie eine ganz neue, bei den Empfindungen nicht zu entdeckende Qualität: die Ausgeprägtheit der Farbe. Die nämliche Farbe erscheint als Oberflächenfarbe, in verschiedener Entfernung von der Lichtquelle gesehen, verschieden stark ausgeprägt, in größerer Entfernung gewissermaßen „mit Dunkelheit verhüllt“. — Entsprechende Erscheinungsweisen hat Katz bei den Tast- und Henning bei den Geruchserlebnissen gefunden.
Obwohl bei wechselnder Beleuchtung die Gegenstände sehr verschiedenartige Reize ins Auge senden, erscheinen sie uns im allgemeinen nicht verändert: ein Stück Kohle in der Mittagssonne erscheint schwarz, ein Blatt Papier in der Dämmerung weiß, und doch reflektiert ersteres vielleicht mehr Licht als letzteres. Diese Konstanz der Farben suchte Hering durch die „Gedächtnisfarben“ zu erklären: wir haben von den uns geläufigen Dingen Standardvorstellungen, und diese verbinden sich mit den objektiven Eindrücken und meistern sie. Dazu treten noch andere Faktoren wie die Pupillenerweiterung bei abnehmender Helligkeit und die Kontrastwirkung (s. S. 29).
Allein da wir auch bei unbekannten Objekten die wechselnde Beleuchtung gleichsam in Rechnung stellen, befriedigt diese Theorie nicht ganz. Katz versuchte eine Aufmerksamkeitstheorie, und Bühler will neuerdings die Wahrnehmung der Farbe eines Objekts von der seiner Beleuchtung ganz trennen (Zweifaktorentheorie). Eine Entscheidung ist heute noch nicht möglich. Nur andeutungsweise und bildhaft läßt sich sagen, in welche Richtung die geklärten Tatsachen und die fruchtbaren Gesichtspunkte aller Theorien weisen: Wir „sehen“ nicht so sehr die Dinge, wir bauen sie vielmehr draußen auf. Zu jeder Empfindung tritt etwas Vorstellungsmäßiges hinzu: was und wieviel, das regelt sich durch den Gesamteindruck und die Einstellung des Subjektes. In dem Maße, als wir die Anhaltspunkte zum Aufbau des Sehdinges verlieren (später können wir statt dessen sagen: in dem Maße, als das Reproduktionsmotiv, z. B. durch den Doppelschirm, verringert wird, s. S. 154 f.), kommen die Empfindungen als solche zur Geltung. Die Geschwindigkeit der hier stattfindenden Vorstellungserweckung reicht zum Aufbau des Sehdinges vollkommen aus.
Während also im Fall der Synäthesien die Vorstellung der Wahrnehmung mehr äußerlich anhaftet, greift sie bei den soeben besprochenen Erscheinungen abändernd in die Wahrnehmung ein, ergänzt gewissermaßen die Wahrnehmung, und zwar teilweise entgegen dem objektiven Sachverhalt. Die gleiche Rolle spielt die Vorstellung bei der Illusion: eine Wahrnehmung wird durch die hinzutretenden Vorstellungen derart ergänzt, daß wir uns über den Gegenstand täuschen. Ein im Finstern gesehener Baumstrunk erscheint als Wegelagerer. Wir haben es hier übrigens nicht mit Ausnahmefällen zu tun. Die eingehendere experimentelle Forschung und zuverlässige Gelegenheitsbeobachtungen ergeben, daß praktisch zu allen Wahrnehmungen des psychisch fertigen Menschen ergänzende Vorstellungen hinzutreten.
Es wäre nun eine ganz schiefe Auffassung, wollte man meinen, die Rolle der ergänzenden Vorstellungen sei im allgemeinen eine störende. In der Mehrzahl der Fälle ist sie eine überaus fördernde. Wie man unter Berücksichtigung der später zu behandelnden Assoziationsgesetze leicht erkennen kann, vervollständigen die Vorstellungen die unvollkommenen Wahrnehmungen in der Regel ganz im Sinne des objektiven Sachverhaltes und ermöglichen darum eine Kraftersparnis bei den Wahrnehmungsprozessen. Wir entdecken nur die alle unsere Wahrnehmungen beständig begleitenden Vorstellungen nicht, solange sie mit dem objektiven Sachverhalt übereinstimmen, werden aber auf sie aufmerksam, wenn sie uns gelegentlich in die Irre führen.
Literatur
D. Katz, Die Erscheinungsweisen der Farben. 1911.
K. Bühler, Die Erscheinungsweisen der Farben. 1923.
3. Die Sehgröße
Auch in die so rätselhaften Erlebnisse des Größeneindruckes kommt Klarheit, wenn wir sie als Verschmelzungsprodukte von peripher bedingten Empfindungskomplexen mit den absoluten Vorstellungen auffassen. Unterscheiden wir zunächst die wirkliche, in Metern angebbare Größe eines Gegenstandes von der geschätzten, d. h. der vermuteten wirklichen, und der scheinbaren, der Sehgröße. Nur mit dieser haben wir es zu tun. So erscheint uns der Mond am Horizont groß, im Zenit klein, obwohl die Entfernung und der Sehwinkel beidemal unverändert bleiben. Einem tieferen Verständnis dieser und ähnlicher Erlebnisse steht nun das Wort „Sehgröße“ im Wege. Größe als Erlebnis setzt immer Verhältniserfassungen, also gedankliche Elemente voraus. Da aber die Tiere ähnliche „Größeneindrücke“ zu haben scheinen, müssen wir uns nach einem andern Terminus umsehen und sprechen statt von der Größe von der Mächtigkeit einer Ausdehnung im Gesichtsfeld. Innerhalb desselben Raumes ist die Mächtigkeit einer Ausdehnung um so größer, je größer der zugehörige Sehwinkel ist.
In den ersten Jahren seines Lebens lernt nun das Kind ein Doppeltes: Es lernt verschiedene Räume kennen, und zwar Räume von typischer Verschiedenheit. Erlaubt man eine etwas krasse Typisierung, so könnte man von einem Stubenraum, einem Straßenraum und einem Landschaftsraum sprechen, ähnlich wie man von einem Finger-, Arm- und Schrittraum beim Blinden redet. Zweitens lernt das Kind innerhalb eines jeden Raumes die Mächtigkeit anschaulich kennen, die den einzelnen Teilen des Gesichtsfeldes entspricht: die Türe hat eine andere Mächtigkeit als die Wand, das Haus eine andere als die Straße. Dies „anders und anders“ besagt jedoch keinen Vergleich, sondern nur, daß bald diese, bald jene anschaulichen Vorstellungen geweckt werden, wie sie etwa beim Abtasten und Abschreiten gewonnen wurden. Fügen wir nun hinzu, daß nach den Assoziationsgesetzen durch die peripher bedingten Empfindungskomplexe bald diese, bald jene Raumvorstellung geweckt wird und mit ebendiesen Empfindungskomplexen verschmilzt, so haben wir die einfache Formel für alle Größeneindrücke und -täuschungen gefunden, die uns mit den Tieren gemeinsam sind.
Durchgehen wir einige Erscheinungen. Wohlvertraute Gegenstände erscheinen im Nahraum nicht kleiner, auch wenn sie sich entfernen und somit ihr Sehwinkel kleiner wird; sie verbleiben im Nahraum, wo ihre Mächtigkeit uns wohlbekannt ist. Betrachten wir ein Bild an der Wand durch einen verstellbaren Rahmen, den wir bald in diese, bald in jene Entfernung vom Auge bringen, so sehen wir dasselbe Bild beim nämlichen Sehwinkel und derselben objektiven Entfernung bald größer, bald kleiner, bald näher, bald ferner, je nach der Raumvorstellung, die mit Hilfe des vorgehaltenen Rahmens geweckt wird. Aus demselben Grunde erscheinen uns Inschriften innerhalb eines beleuchteten Tramwagens bisweilen als riesige Mauerplakate, wenn ihr Spiegelbild auf eine Häuserwand projiziert wird. v. Sterneck hat darum das ganze Problem der Sehgröße, ähnlich wie wir, doch mit der Annahme von „Referenzflächen“ lösen wollen. Aber von solchen Referenzflächen wissen wir z. B. bei der Betrachtung des Mondes im Zenit nichts. Die Referenzfläche ist eben nur ein Bestandstück des vorgestellten Raumes, das fehlen kann. Warum erscheint uns also der hochstehende Mond kleiner als der niedrig stehende? Weil unsere Erfahrung in der senkrechten Richtung uns nicht die nämlichen Raumvorstellungen liefert wie in der wagrechten. Haben wir hier einen Stuben-, Straßen- und Landschaftsraum kennen gelernt, so wird uns dort nur ein Stuben- und Haus- oder Turmraum geläufig. Der hochstehende Mond gewinnt darum nur die Mächtigkeit, die seinem Sehwinkel im zweiten Raum entspricht, während er am Horizont die Mächtigkeit des dritten Raumes erlangt. Übrigens erleben wir die gleiche Erscheinung auch bei irdischen Gegenständen. Ich sah den zierlichen Adler vom Bismarcksturm am Starnbergersee als einen erschreckend großen Vogel auf dem Kamm eines nahen Hügels stehen, als der Turm, auf dem er thront, von diesem Hügel verdeckt wurde. Ob sich übrigens diese Größentäuschung bei Fliegern, die ja auch Erfahrungen beim senkrechten Aufsteigen sammeln, vermindert?
Unsere ganze Erklärung wird indes von einem Einwand bedroht. Nach dem Gesagten muß die Mächtigkeit bekannter Objekte in allen Räumen die nämliche bleiben, und doch erscheinen uns die Menschen, von der Galerie eines Theaters oder von einem hohen Berg gesehen, als Puppen. Nun, hier handelt es sich auch wieder um die uns unbekannte Höhenrichtung, für die uns keine geläufige Raumvorstellung zu Gebote steht, ja, wir bringen sogar häufig an diese Eindrücke die Vorstellung des Nahraumes heran, z. B. wenn sie von dem Aufsteigen im Treppenhaus noch im Bewußtsein steht. In der horizontalen Richtung hingegen begegnet uns dieser frappante Kleinheitseindruck solange nicht, als wir nicht mit den Denkprozessen an die Sehdinge herantreten und eigentliche Vergleiche anstellen. Solche Vergleichungen der Sehgröße eines fernen Gegenstandes mit einem nahen sind bekanntlich schwierig und ergeben sehr abweichende Urteile, weil die Mächtigkeit eines Sehdinges nur durch Einbeziehung in einen bestimmten Raum zur vergleichbaren Größe wird, dieser Raum aber keine scharf begrenzte, objektive Größe ist.
Literatur
A. Müller, Die Referenzflächen des Himmels und der Gestirne. 1918.
4. Die nicht-optische Raumanschauung des Sehenden
a) Ortssinn und Lagewahrnehmung
Werden wir an irgendeiner Körperstelle berührt, so können wir im allgemeinen ziemlich genau den Ort der Berührung angeben. Man bezeichnet diese Fähigkeit als den Ortssinn. Daß diese Leistung nicht mit der des oben besprochenen Raumsinnes der Haut zusammenfällt, geht aus pathologischen Tatsachen hervor, wo bei normalem Ortssinn die simultane und selbst die sukzessive Raumschwelle abnorm hoch sind. In einem anderen Falle (Spearman) wurde sehr gut lokalisiert, während selbst sukzessive Reize an demselben Glied nicht auseinandergehalten werden konnten. Dennoch darf man sich den Ortssinn nicht als eine einfache seelische Fähigkeit denken. Er ist gewiß noch komplizierter als der Raumsinn, der sich vielleicht noch aus einfachen anatomischen Grundbedingungen verstehen läßt. Die Lokalisation eines Tastreizes erfolgt meist so, daß die Tastempfindung von einem schematischen visuellen Vorstellungsbild der betreffenden Körpergegend begleitet ist. Infolge der unbeschränkt häufigen Erfahrung brauchen wir aber, gemäß einem noch zu erwähnenden Assoziationsgesetz, nicht mehr bewußt auf die qualitative Eigenart der Tastempfindung zu achten, sondern unmittelbar an die betreffende Reizung schließt sich das visuelle Bild der gereizten Körperstelle an. Darum hängt auch die Genauigkeit der Lokalisation und selbst die Größenschätzung der von der Haut berührten Objekte von der Güte der Visualisation ab: wer bessere optische Vorstellungen von den berührten Körperteilen in sich erzeugen kann, lokalisiert besser und schätzt die Größen richtiger.
Die Leistungen des Ortssinnes möchten nach dem Gesagten wohl als nahezu selbstverständlich erscheinen und kein nennenswertes Problem einschließen. Allein man darf nicht vergessen, daß diese relativ einfachen Erklärungen erst in mühevoller Einzelforschung erarbeitet werden mußten, um allmählich die Auffassung von jener rätselhaften Fähigkeit der Tastnerven zu verdrängen, vermöge deren sie unmittelbar von jeder einzelnen Körperstelle Kunde bringen sollten.
Es bereitet nunmehr keine Schwierigkeit, eigenartige Täuschungen auf dem Gebiete des Tastsinnes zu verstehen. Verschiebt man die Lippen horizontal gegeneinander und berührt sie dann gleichzeitig mit einem vertikal gehaltenen Bleistift, so entsteht der Eindruck, es sei der Bleistift schräg geneigt (Czermak). Oder die bekannte aristotelische Täuschung: kreuzt man Zeige- und Mittelfinger und rollt mit den so gekreuzten Fingern ein Kügelchen, so glaubt man deutlich zwei Kügelchen unter den Fingern zu haben. Die Täuschung wird um so stärker, je weniger man auf die Lage der Finger achtet, und verschwindet, wenn man auf die Finger sieht. In beiden Fällen steht die durch die Erfahrung geleitete Meldung des Ortssinnes in Widerspruch mit dem wirklichen Sachverhalt und bedingt so eine falsche Auffassung, zu der allerdings außer dem Ortssinn noch höhere Funktionen mitwirken.
Hat der Ortssinn nur anzugeben, welche Körperstelle berührt wird, so wird uns in der Lagewahrnehmung außerdem noch vermittelt, welche Stellung im Raum ein Körperteil in dem Augenblick einnimmt, wo ihn ein Tastreiz trifft. Nach der trefflichen Analyse Spearmans besagt jede Lagewahrnehmung ein Dreifaches: 1) die Angabe des Ortssinnes, an welcher Stelle des Körpers der Reiz auftraf (die segmentale Bestimmung); 2) die Kunde über die von den Gelenken gebildeten Winkel (die artikuläre Bestimmung); 3) ein Wissen von der Länge der Zwischenglieder (die intermediäre Bestimmung). Über die segmentale Bestimmung ist nichts hinzuzufügen. Die intermediäre Bestimmung wird durch die festliegenden Vorstellungen des Gesamtkörpers besorgt. Schwierigkeiten bereitet nur die artikuläre Bestimmung, namentlich wenn man sie mit Spearman auf die Gelenkempfindungen zurückführt. Nach dem, was oben (S. 63 f.) über die kinästhetischen Empfindungen gesagt wurde, wird man auch hier vorerst statt der Gelenkempfindungen die vereinigten Wahrnehmungen der Haut- und Kraftempfindungen heranziehen müssen. Sie sind auch in der Ruhelage der Glieder vorhanden und können sich mit der visuellen Vorstellung von der Haltung des Gliedes verbinden.
Bei der experimentellen Untersuchung der Lagevorstellungen zeigte sich immer eine große Unmittelbarkeit in der Erkenntnis der Lage. Es brauchten nicht erst die Vorstellungen der zentralen Körperteile wachgerufen zu werden, damit von da aus eine Orientierung ermöglicht würde. Daraus schloß man auf eine direkte physiologische Assoziation, die sich zwischen einer bestimmten physiologischen Erregung der Gelenknerven und der Lagevorstellung ausgebildet hätte. Für die Möglichkeit solcher „physiologischer“ Assoziationen sprechen allerdings verschiedene Tatsachen. Allein die neueren Untersuchungen der Vorstellungen deuten doch darauf hin, daß diese schon in einem recht primitiven Stadium der Reproduktion außerordentlich viel zur Orientierung beitragen können. In der Tat berichten auch die Versuchspersonen Spearmans, die zentralen Körperteile seien konfus vorgestellt worden. Solange man unser ganzes Erkennen in die Vorstellungen verlegte, war man berechtigt, die Funktion bloß konfuser Vorstellungen gering zu bewerten. Heute, wo man wieder die Bedeutung eines von den Vorstellungen verschiedenen Denkens anerkennt und sich darüber klar ist, daß diese höhere Funktion bei der konkreten Lageerfassung nicht auszuschalten ist, wird man auch die Bedeutung der konfusen Vorstellung der zentralen Körperteile höher einschätzen müssen und vermutlich eine physiologische Assoziation entbehrlich finden. Die Unmittelbarkeit und Promptheit der Lokalisation verschlägt demgegenüber nichts; sie zeigt sich auch bei ähnlich gelagerten Verhältnissen, wie etwa bei dem später zu besprechenden Wortverständnis.
b) Die Raumlokalisation im allgemeinen
Die Grundtatsache der Verbindung der Vorstellungen mit Empfindungen macht nun ohne weiteres das allgemeine Lokalisationsgesetz verständlich: „Die Empfindung E wird an denjenigen Ort des Gesichtsraumes lokalisiert, dessen visuelle Vorstellung V durch die gegebene Empfindung E in das Bewußtsein eingeführt wird und mit ihr verschmilzt, sei es weil beide in der Erfahrung sich miteinander assoziiert haben, sei es weil V unter den gegebenen Umständen sich in einer besonders hohen Bereitschaft befindet“ (Fröbes).
Erinnert man sich nun hier des Gesetzes der spezifischen Sinnesenergie, demzufolge ein Sinnesnerv stets mit der gleichen Empfindung antwortet, einerlei wie und wo er gereizt wird, so begreift man leicht folgende Tatsache: Bei durchbohrtem Trommelfell ist die hinter diesem liegende Chorda tympani einer unmittelbaren Reizung zugänglich. Reizt man nun diesen Nervenstrang, der auch Fasern des Geschmacksnerven führt, so vermeint man auf der Zunge zu schmecken. Ganz allgemein verlegen wir innere Reize der Empfindungsnerven an die uns aus der Erfahrung bekannten Orte der peripheren Reizung. Wenn man hier von einem „Gesetz der exzentrischen Projektion“ redet, darf man nicht glauben, wir nähmen den Reiz zuerst innerhalb der Nervenbahn wahr und verlegten ihn dann wieder hinaus an das Nervenende, sondern unmittelbar mit der Erregung des Nerven taucht das Bild der durch die Erfahrung bekannten normalen Reizungsstelle wieder auf. Es ist somit dieses Gesetz nur ein besonderer Fall des allgemeinen Lokalisationsgesetzes. Hiermit erklären sich auch einfach die bekannten Täuschungen Amputierter, die in den vielleicht schon Jahre lang abgenommenen Gliedern noch Schmerz und Druck u. ä. zu empfinden meinen.
Aus dem allgemeinen Lokalisationsgesetz versteht man auch die scheinbare Raumwahrnehmung anderer Sinne. In Wirklichkeit bietet nur der Gesichts- und der Tastsinn räumliche Inhalte. Wer beide Sinne entbehrte, könnte nie zu einer Raumanschauung gelangen. Sie bliebe ihm ebenso unbekannt wie dem Blindgeborenen die Farben. Die richtige Lokalisation der Geschmacks-, Schmerz- und Temperaturreize (wobei bemerkt sein mag, daß die Lokalisation um so schärfer ist, je lebenswichtiger der Reiz) bedarf keiner weiteren Erläuterung. Der Raum, der sich aus solchen einzelnen Raumdaten ergeben könnte, wäre beim Sehenden letztlich nur der Gesichtsraum, beim Blindgeborenen der Tastraum. Das nämliche gilt aber auch vom Ohr, das uns über die Entfernung und Richtung unsichtbarer Schallquellen benachrichtigt. Die besondere Aufgabe der Forschung besteht hier nur darin, die empirischen Anhaltspunkte zu ermitteln, nach denen im einzelnen Entfernung und Richtung der Schallquelle beurteilt wird. Ein erster Anhaltspunkt für die Entfernung ist die Intensität des Reizes: je schwächer ein bekannter Reiz, um so weiter muß er entfernt sein. Es besteht hier ein ganz ähnliches Verhältnis wie zwischen der Sehgröße und der Entfernung. Darum kann man sich auch hier ebenso täuschen wie dort: ein leises Pochen an der Türe erscheint als furchtbarer, doch weit entfernter Kanonendonner, und auch das Umgekehrte bleibt an sich möglich, je nachdem wir entweder die tatsächliche Entfernung oder die wirkliche Stärke des Schallreizes falsch ansetzen. In Wirklichkeit zeigt sich indes nicht immer dieses einfache Verhältnis eingehalten. Gleichartige, aber verschieden starke Töne werden nicht notwendig in verschiedene Entfernung lokalisiert. Zu dieser Verbesserung der Lokalisation verhelfen die jeden Ton begleitenden Obertöne. Diese sind bekanntlich nicht alle gleich laut und werden darum je in verschieden weiter Entfernung unhörbar: die niederen verstummen zuerst. Aus diesem Umstand entwickelt sich ein tatsächlich benutztes, aber als solches nicht erkanntes Kriterium für die Schätzung der Entfernung. Ernst Mach hat das mit einem treffenden Ausdruck als die „Luftperspektive für Töne“ bezeichnet. Deshalb läßt sich auch umgekehrt durch Verstärkung der Obertöne eines Klanges der Eindruck größerer Entfernung erzielen. Von höchster Bedeutung für die Lokalisation ist die Richtung der Aufmerksamkeit. Wird durch irgendeinen Umstand unsere Aufmerksamkeit auf ein Ding gelenkt, das als Schallquelle in Frage kommen kann, so sind wir auch geneigt, es als solche anzusprechen. Darauf beruht ein Hauptkunstgriff der Bauchredner.
Literatur
C. Spearman, Fortschritte auf dem Gebiete der räumlichen Vorstellungen. APs 8 (1906).
O. Klemm, Über die Lokalisation von Schallreizen. 6. CgEPs (1914).
FÜNFTER ABSCHNITT Elementare Denkfunktionen
1. Die Beziehungserkenntnis
Vergleichen wir zwei Linien, zwei Figuren oder sonstige Dinge miteinander, so entdecken wir, daß sie entweder gleich oder ungleich, verschieden oder ähnlich sind. Wir sprechen da von Sachverhalten. Der Satz: A ist größer als B, bezeichnet einen Sachverhalt. Mit den Ausdrücken gleichsein, größersein, oberhalb-, rechts davon sein u. ä. verbinden wir einen ganz bestimmten Inhalt. Wir meinen damit etwas anderes als die bloße Summe der beiden erkannten Dinge: wir meinen eben die zwischen ihnen herrschende Beziehung. Die experimentelle Untersuchung hat gezeigt, daß man an zwei Dinge denken, sie anschaulich vorstellen und sogar beachten kann, ohne gleichzeitig und notwendig auch die Beziehung zu erfassen, die zwischen ihnen obwaltet. Man kann z. B. zwei Figuren unter mehreren sehen und beachten, die objektiv einander gleich sind, ohne deren Gleichheit gewahr zu werden. Die Beziehungserkenntnis ist somit mehr als die bloße bewußtseinsmäßige Erfassung der in Beziehung stehenden Gegenstände: das Relationsbewußtsein enthält mehr als die Termini der Relation.
Der Beziehungsgedanke, wie wir kurz sagen wollen, ist aber zweitens auch ein wahrer Bewußtseinsinhalt: wir sprechen keine leeren Worte aus, wenn wir von Gleichheit, von Ähnlichkeit usw. reden, sondern meinen damit etwas ganz Bestimmtes. Diese Tatsache bliebe bestehen, auch wenn wir Gleichsein, Verschiedensein usw. überhaupt nicht denken könnten, ohne gleichzeitig an Dinge zu denken, die gleich oder verschieden sind. Die eingehendere Forschung machte uns jedoch mit Erlebnissen bekannt, wo der Beziehungsinhalt als solcher im Mittelpunkt des Bewußtseins steht. Es erwächst darum die Aufgabe, zu prüfen, ob sich diese Beziehungsgedanken auf die bisher besprochenen Erkenntniselemente zurückführen lassen, oder ob sie als neue Elemente anzusprechen sind, und wenn sich letzteres ergeben sollte, zu untersuchen, in welchem Verhältnisse diese neuen Erkenntniselemente zu den schon bekannten stehen.
Die von älteren Psychologen oft ausgesprochene Meinung, Beziehungserkenntnisse (wir unterscheiden auch hier zwischen Erkenntnisakt und Erkenntnisinhalt und beschäftigen uns hier zunächst nur mit dem Inhalt) seien kein Plus gegenüber dem Bewußtsein der Termini: mit dem Bewußtsein von zwei Strecken sei auch das Bewußtsein ihrer Gleichheit oder Verschiedenheit unmittelbar gegeben, braucht nach den erwähnten experimentellen Befunden nicht mehr widerlegt zu werden. Man hat sodann hie und da geglaubt, solche Relationen seien nichts anderes als die Worte oder die symbolischen Zeichen, mit denen wir sie zum mündlichen oder schriftlichen Ausdruck bringen. Allein Worte wie Zeichen sind weder Bedeutungen noch wesentlich mit solchen verknüpft. Wir müssen ja die Bedeutung der Worte der Muttersprache wie der fremden Sprachen eigens lernen. Ganz dasselbe gilt für irgendwelche Körperbewegungen. Allerdings schütteln wir zuweilen den Kopf, um den Gegensatz unserer Ansicht zu einer soeben geäußerten kundzutun. Aber das Kopfschütteln als solches besagt doch nicht den Gegensatz. Das Kopfschütteln liefert unserm Bewußtsein nur eine Anzahl von Spannungs- und Bewegungsempfindungen, niemals aber die Bedeutung „nein!“, „falsch!“ oder Ähnliches. (Bei manchen Stämmen bedeutet Kopfschütteln „ja“, Kopfnicken „nein“.) Erfassen wir nicht zuvor selbständig diese Relation, so werden wir niemals das Bedürfnis verspüren, sie durch eine Ausdrucksbewegung kundzugeben.
Wir können nun versuchen, beliebige der uns bekannten Empfindungen oder Empfindungskomplexe in irgendwelcher Zusammensetzung oder Abänderung ins Bewußtsein einzuführen: niemals wird sich aus solchen Elementen ein Beziehungsinhalt ergeben. Allen Empfindungen — und ebenso den später zu besprechenden Gefühlen — versagt gewissermaßen die Sprache, wenn wir sie zum Ausdruck einer Beziehung nötigen wollen. Es ist darum die Beziehungserkenntnis nicht nur ein selbständiger, auf die bekannten Empfindungen nicht zurückführbarer Bewußtseinsinhalt, sondern auch ein Erlebnis, das sich überhaupt nicht mit Empfindungsmitteln wiedergeben läßt. Den Empfindungen ist nämlich, wie wir sahen, die Anschaulichkeit wesentlich: Farben, Gerüche, Töne usw. haben etwas Handgreifliches, während Gleichheit, Verschiedenheit, Gegensatz als Bewußtseinsinhalte abstrakt, schemenhaft sind. Empfindungen haben eine, wenn nicht gar mehrere Intensitätsstufen, von einer Intensität der Beziehungserkenntnisse zu reden, verliert jeden Sinn: Beziehungen werden erkannt oder nicht erkannt. Jeder Empfindungsinhalt ist etwas Konkretes, bestimmt Nuanciertes: Gleichheit, Ähnlichkeit, Lagebeziehung sind als Bewußtseinsinhalte stets etwas Allgemeines, auch wenn wir damit nur das Gleichsein usw. anschaulicher Dinge meinen. Aus all diesen Gründen lassen sich die Relationserkenntnisse mit den Empfindungen und Vorstellungen bzw. deren Komplexen nicht auf die gleiche Stufe stellen. Sie gehören einer von jenen Erlebnissen scharf getrennten Klasse an, und da sich kein Übergang zwischen diesen Klassen aufzeigen oder auch nur ausdenken läßt, ist die Verschiedenheit beider als eine wesentliche zu bezeichnen. Wir behalten für die Erlebnisse der höheren Klasse den Ausdruck „denken“ vor, mit dem ja auch der vorwissenschaftliche Sprachgebrauch eine höhere Erkenntnisweise auszeichnet.
Es empfiehlt sich, schon hier zwei Erlebnisse auseinanderzuhalten: das Entdecken von Beziehungen und das Erkennen von Sachverhalten. Sind die Gegenstände A und B gegeben und ich erfasse zum ersten Mal eine Beziehung zwischen ihnen, und zwar eine Beziehung, die ich nie zuvor erlebt habe, so liegt eine ursprüngliche Beziehungserfassung oder die Entdeckung einer Beziehung vor. Finde ich dieselbe Beziehung dann bei den Gegenständen C und D, so kann ein Erkennen von Sachverhalten vorliegen: ich erlebe die Beziehung zwischen C und D und erkenne sie als gleich mit der früher erfahrenen. Sachverhaltsfeststellungen setzen somit eine doppelte Beziehungserfassung voraus; sie sind uns Erwachsenen geläufiger als die Beziehungsentdeckungen, von denen hier zunächst die Rede ist.
2. Das aktive Beziehen
Sehr oft drängen sich uns die zwischen den Dingen herrschenden Beziehungen ganz von selbst auf. Die Verschiedenheit eines roten Papierstreifens von einem grünen kann kaum übersehen werden. Stellt man uns aber die Aufgabe, zu einer bestimmten Farbe aus einer Reihe von Farben und Farbenstufen die jener ersten gleichartige herauszufinden, dann werden wir vielleicht jede einzelne Vergleichsfarbe mit dem Muster in Beziehung bringen; sei es, daß wir beide nebeneinander legen, sei es, daß wir nur den Blick von der einen zur andern wandern lassen, sei es, daß wir mit ruhendem Blick unsere Beachtung bald dem einen, bald dem andern Vergleichsobjekte zuwenden. Dieses Aufeinanderbeziehen ist ein wirklicher Vorgang, ein reales Erlebnis, das z. B. in den Denkexperimenten eine hervorragende Rolle spielt. Es ist ferner etwas ganz anderes als die zuvor behandelte Beziehungserfassung. Denn diese kann aufleuchten, ohne daß wir die Termini zuvor aktiv in Beziehung bringen müßten, und umgekehrt kann das aktive Beziehen vorgenommen werden, ohne daß sich unserem Geiste ein Verhältnis zwischen den Beziehungsgegenständen offenbart. Am meisten Ähnlichkeit hat dieses Erlebnis mit der aktiven Blickwanderung, aber man kann auch bei ruhendem Blick, ja sogar ohne jede Beteiligung des Auges oder irgendeines anderen Sinnes aktiv beziehen, z. B. wenn man Begriffe wie Tapferkeit und Geduld miteinander vergleicht. Das Beziehen ist auch nicht identisch mit willkürlicher Aufmerksamkeit. Zwar wird man in der Regel den aufeinander bezogenen Dingen Aufmerksamkeit widmen, doch können wir selbst mehreren Gegenständen unsere Aufmerksamkeit zuwenden, ohne sie deshalb schon aufeinander zu beziehen. Man denke etwa an die Versuche über den Umfang der Aufmerksamkeit, bei denen mehrere Einzelobjekte bei raschester Darbietung von der Aufmerksamkeit umspannt werden müssen. Endlich ist das Beziehen nicht gleichbedeutend mit dem Wollen. Wir können freilich das aktive Beziehen wollen, und es ist nicht unwahrscheinlich, daß das aktive Beziehen immer von dem Wollen abhängig ist, aber der Wille betätigt sich auch in andern Funktionen, z. B. in der Aufmerksamkeit auf ein einzelnes Objekt oder in einer Körperbewegung u. dgl.
Vielleicht eröffnet jedoch folgender Gedankengang ein Verständnis des aktiven Beziehens ohne Annahme einer neuen elementaren Denkfunktion. Haben wir dank der elementaren Fähigkeit der Beziehungserfassung mehrmals Beziehungen zwischen verschiedenen Gegenständen entdeckt, so kann eine solche Entdeckung ein Ziel unseres Wollens werden. Richten wir darum willkürlich mit dem Wunsche, eine etwa vorhandene Beziehung zu erfassen, unsere Aufmerksamkeit auf die Gegenstände — wie dies möglich ist, hat die Willenslehre zu zeigen —, so üben wir das einfachste aktive Beziehen. Die weitere Erfahrung belehrt uns, daß ein Wandern der Aufmerksamkeit von einem Glied zum andern hier zweckdienlich sein kann, und wir lernen so eine höhere Art des aktiven Beziehens. Sind wir sodann mit den verschiedenen Arten der Beziehungsinhalte, wie Gleichheit, Ähnlichkeit, Verschiedenheit, vertraut geworden, so wird auch der allgemeine Wunsch, eine etwa vorhandene Beziehung aufzufinden, durch die besonderen Gesichtspunkte, ob Gleichheit, Verschiedenheit usf., ersetzt.