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Eine dänische Geschichte

Eine dänische Geschichte.

Reading edition

Roman

von

Adele Schopenhauer.

Braunschweig, Druck und Verlag von George Westermann.

1848.

Auf der süd-östlichen Küste der Insel Laaland erhebt sich das alte Städtchen Nysted, welches sich zu den frühesten Dänemarks zählt, da es schon im Jahr 1409 durch Erich von Pommern Stadtrechte erhielt. Wie aus einem dicken Laubkranze schaut es von seinem grünenden Hügel aus weit hinein in das Land – über Laaland und Falster hin, ja dem Meer entlang bis nach Femern und Rostock, und seine berühmten Lindengänge erzählen sich im Abendwind ganz wundersame Geschichten: der träumerische Nachthauch streicht über heidnische Grabhügel, über verfallene Gerichts- und Opferstätten hin, und hilft dem kundigen Greis die in seinem Kopf zerstreuten, halbverlorenen Klänge der alten Saga zusammensuchen, die ihm vom Ur-Ahn auf Großvater und Vater vererbt sind. Denn der Nordländer, besonders aber der Landbewohner hört gar gern erzählen von lang vergangenen Tagen, wenn der strenge Winter ihm Thor und Fensterladen schließt und ihn zurückdrängt in die engen Kammern.

Auf dem höchsten Steine der ehemaligen Schanze, an der Mündung des Hafens, saß ein junger Mann, nachdenklich beide Arme auf ein Mauerstück gelehnt und schauete bald zum bewölkten Himmel auf, bald in die frische Landschaft hinein, sah aber dabei aus, als gedenke er gar anderer Ruinen, gar anderer Hügel und Meere; ihm war das Herz sichtlich schwer. Auch er war ein beliebter Erzähler des Städtchens; er hatte oft und gern seinen staunenden Zuhörern den bunten Schleier seiner südlichen Anschauungen über dies stille Grau der Nebel hingebreitet, in denen der Frühling, wie ein Kind in seinen Windeln, tief in's Jahr hinein schläft, und dann mit einem Male aufspringt, da ist in voller Schöne und Kraft und wie ein junger Herkules die alte Winterschlange zerdrückt. Das hat der höhere Norden mit dem Süden gemein, daß dort wie hier der ganze Lenz, wie seine einzelne Blüthe, in der geschwellten Knospe steckt; und ihn der heiße Sonnenstrahl plötzlich erweckt zum üppigsten Leben, während man in Mittel-Deutschland ihn lange kommen sieht, und heute die Primel, morgen die Kirschenblüthe findet, eine Woche lang das Maienglöckchen erwartet, und so allmälig Blume um Blume willkommen heißt und begrüßt.

Drei Monate schon war der Reisende in Nysted; seit drei Wochen liebte er; seit drei Wochen war ihm, außer dem kleinen Fleck Erde Laaland, die übrige Welt dunkler geworden als der bewölkte Himmel, den er anstarrte. – Darum also war er in Italien gewesen, hatte Rom gesehen, dort und in Florenz Jahre lang studirt, um hier hoffnungslos einem bleichen Mädchenantlitz gegenüber festzuwurzeln? – Wo waren dann seine Wünsche und Träume geblieben, und all die weitausgreifenden Pläne der Seinen? – Wie welke Blätter im Sturm kreisten und wirbelten Erinnerungen und Vorstellungen durch seine Seele: – er gedachte seiner Mutter in Plön, wohin sie von Copenhagen gezogen, um wohlfeil zu leben, einsam mit einer alten Magd, jeden Pfennig zu sparen und mitten in den Unruhen des Kriegs ihn zum Künstler zu bilden; er gedachte seines Ohms, des Rathsverwandten Hagemeister, der als solcher eine kleine Anstellung in Roeskilde erhalten, und mit unsäglicher Mühe durch des Bischofs Gnade den Auftrag ihm verschafft hatte, der zuerst ihn nach Nysted geführt. – Eben durchbrach die Sonne, mit hellem blassen Strahl sie durchschneidend, die schwere Wolkenhülle; aufblitzte der goldne Thurmknopf der das ganze Städtchen hoch überragenden Kirche; die Arbeitsstunde war gekommen, und die Möglichkeit im alterthümlichen Bau des Gotteshauses die Farben zu sehen und scharf zu unterscheiden; – der Maler warf alle Gedanken zur Seite und eilte der Bucht entlang den Weg zurück in die Stadt, die steile Gasse hinauf zur Kirche; sie war geschlossen am Werkestag; das Frühgebet war längst vorüber. Thorald mußte herumgehen bis an des Küsters Haus; er klopfte leise an die runden Scheiben des kleinen Fensters, es öffnete sich sogleich und ein feiner Mädchenkopf beugte sich hervor.

»Ei guten Morgen, Herr Eynerssen! Der Vater ist nicht mehr daheim, er ist auf Schloß Aalholm zum Grafen, und ich soll Euch führen; die Schlüssel hat er mir gelassen, ich komme gleich hinab!«

Im Augenblicke stand sie, in ein bescheiden Mäntelchen gehüllt, neben ihm, – »aber laßt Ihr mich nun auch das Gemälde sehen, lieber Herr? ich habe mich so lange darauf gefreut, allein der Vater ist so streng; der hält am gegebenen Wort wie eine Eisenklammer. Ihn kümmert es gar nicht, daß mich die Christine und Elisabeth und Sophie verspotten, weil ich, gleichsam ein Kirchenkind, das Bild noch nicht gesehen, da Ihr es doch schon vor drei Tagen hingebracht.« –

»Wenn es fertig ist, Gianina, sollst Du es zuerst sehen, früher als alle Anderen; heute aber kann ich Dir den Gefallen nicht thun, ich muß den Eindruck, den es macht, an Ort und Stelle selbst betrachten, ihn wohl berechnen, manches ändern und hineinmalen.« –

»Da verwälscht Ihr mir wieder meinen ehrlichen Christennamen und thut mir dennoch nicht das kleinste zu Liebe! Johanna heiß ich, hundertmal habe ich's Euch schon gesagt! Würde das klingen ›Gianina Kaalund‹? hört doch selbst, wie das acht und kracht! Es paßt zusammen wie die Faust auf's Auge.«

Während dem Sprechen hatte das Mädchen die schweren Schlösser geöffnet; sie traten durch die Sacristei, welche der Kirche anhing wie ein unförmliches Schwalbennest, in die dämmernde Stille des Seitenschiffs. Die weißgetünchten Räume gehörten dem normannisch-romanischen Styl an, der edle Bau war frei und nicht durch schwerfällige Mittelchöre verunstaltet; ein frommes, freudiges Dankgefühl schlug an des Malers Herz – rasch schritt er vor nach der Mitte des Altars und überflog mit flammendem Auge die seiner Tafel bestimmte Stelle; hinter derselben stand das wohl verhangene Bild. Daneben lehnten eine Leiter und eine staffeleiartige Vorrichtung, um das Gemälde in die ihm bestimmte Höhe zu bringen und ihm das passende Licht zu geben. Der Maler hatte die Absicht, an Ort und Stelle das Gemälde zu vollenden, und dann erst dem Magistrat, welcher es für die Stadtgemeine bestellt, zu überantworten.

Unterdessen war Carlson, ein langer blonder Knabe, welcher dem Maler aufwartete, mit dem Malergeräth angelangt. Thorald und er gaben sich sogleich daran die Tafel aufzustellen. Das Mädchen hatte der Künstler längst vergessen.

Die Kleine war scheinbar hinausgegangen, dann umgekehrt und hinter einen der großen Pfeiler geschlüpft; sie schaute von dort sachte hervor auf Beider Treiben, in der Hoffnung, wenigstens von weitem ihre Neugier befriedigen zu können.

Jetzt war das Bild mit dem leeren Altarraum in gleiche Höhe gebracht, es stand demselben zur Seite; Carlson ward entlassen. Zögernd blieb der Meister mit verschränkten Armen vor seinem Werke stehen, als scheue er die Enthüllung desselben. – Carlson strich dem Pfeiler vorüber, welcher Johannen barg; sie glitt geschickt um denselben herum und war nun dem Gemälde um so näher. Endlich flog der Vorhang zurück. »Mein Jesus, das Schloßfräulein!« schrie Johanna sich selbst vergessend auf. Wie von einem elektrischen Schlage getroffen taumelte der Maler zurück. »Du hier, Johanna? und Sie – Helene? das Fräulein von Gejern wollte ich sagen – aber wo, um Gotteswillen, wo ist sie? sprich doch Mädchen!«

»Was fällt Euch ein! Ihr träumt, lieber Herr. Das Fräulein außer aller Kirchenzeit hier in dem verschlossenen Gotteshause? ich meine da die heilige Martha neben unserer Herrgottsmutter auf dem Gemälde, sie ist ihr ja wie aus den Augen geschnitten! Wird sich die wundern, und der Herr Graf! – aber der Johannes sieht ihr wahrhaftig auch etwas ähnlich! – und davon sagt mir der Vater kein Sterbenswort!«

Heiß erröthete der junge Mann, ob aus Liebesentzücken oder Scham ist schwer zu sagen, denn die in's Auge fallende Aehnlichkeit war ihm unbewußt aus der Seele in die Farbe seiner Pinsel gedrungen; dann versuchte er des Mädchens Ausspruch zu widerlegen, ja, er schalt ihn sogar eine thörichte Einbildung, der des Fräuleins Ohr ja nicht berühren dürfe; er bewies ihr den Irrthum in tausend Abweichungen des Originals vom Bilde. –

»Meinetwegen, lieber Herr Eynerssen, ich gebe Euch gern zu, daß unser Fräulein weder so betrübt aussieht – Gott sei Dank! noch so fromm; aber das sind ihre schönen lichtbraunen Haare, ihre klaren Augen – das ist die schmale Unterlippe, mit der sie so drollig trotzen kann, das ist ihre freie gerade Nase; es ist ja zum Sprechen! Und so narret mich doch nicht, indem Ihr mir weiß machen wollt, es sei das Alles ganz von selbst gekommen, habt Ihr doch eben das Conterfei der drei Fräulein im Schlosse vollendet, da hattet Ihr ja die allerbeste Gelegenheit, dasselbe Gesicht hier zu wiederholen. Die Lisbeth hat die Bilder gesehen und kann gar nicht aufhören, die Aehnlichkeit derselben zu rühmen!«

»Ich bitte, Kind, jetzt laß mich arbeiten,« bat der Maler. »Geh' jetzt – thu' mir den Gefallen! Drei Stunden lang habe ich auf den hellen Tag und auf das Sonnenlicht gewartet.« – –

»Ja wohl, ich gehe schon, aber ich hätte Euch doch gern noch viel gefragt; mir ist, als müsse ich Euch danken für Labung und Gottesgabe! Die heilige Mutter am Kreuz ist gar so schön, und Christus sieht auf uns mit solcher Barmherzigkeit hernieder, daß man so recht im Gemüthe fühlt, wie er für uns gestorben ist!«

Als sie draußen war, schob Thorald die Riegel vor und kehrte dann zu seinem Bild zurück; er wollte die Aehnlichkeit wegbringen durch ein paar kühne Pinselstriche, wär's auch auf Kosten seines Bildes, aber den geliebten reinen Zügen gegenüber sanken ihm Hand und Muth. – »Haben es doch Rafael und Andrea auch gethan!« flüsterte er vor sich hin – »vielleicht gewahrt sie es nicht einmal; mir ist's wie eine Todsünde, die wunderbare Harmonie dieses Antlitzes zu zerstören! Was auch für Herzeleid und Verdruß mir daraus erwachse, ich vermag es nicht.«

In einem nicht eben uneleganten, nur etwas schwerfälligen Pavillon in chinesischem Geschmack, der sich neben dem alten gothischen Schloßbau drollig genug ausnahm, und recht wie zum Spott unserer schwächlichen Modernität mit dessen vier, fünf Ellen dicken Mauern contrastirte, saßen am Abend desselben Tages drei junge Mädchen, zwei von ihnen mit Nähen und Spitzen-Klöppeln emsig beschäftigt; – Laaland bewahrt noch seine primitive Fabriken- und Lädenscheu, und Nysteds 800 Einwohner gehen alle, von der Mode unberührt und unbelästigt, im großväterlichen und großmütterlichen Schnitt einher. Die Damen mußten also nothgedrungen zu ihrer eigenen Modernisirung Hand anlegen. Den beiden fleißigen Schwestern gegenüber saß Helene, mit dem Rücken nach dem Fenster gekehrt, und schaute verstohlen über die Schultern hinweg, der Lindenallee entlang, welche Schloß und Städtchen verbindet. Sie beachtete keines der Copenhager Gesellschaftsbilder, welche jene Beiden mit unerschöpflicher Phantasie ihr entwarfen; wie aus einer weitentlegenen Welt schaute sie sichtlich, ohne alles Verständniß des ihr Vorgetragenen, über den kleinen schmalen Theetisch zu den lustigen Schwätzerinnen hin, die, glücklicherweise viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt, ihre Zerstreutheit nicht bemerkten. –

»Bruder Joachim und Elisabeth kommen auch zum Pferderennen nach Copenhagen,« sagte Amalie, »Christian will nur ein halb Dutzend Ackerpferde zum Verkauf hinüberschicken – wird sie nicht Staat machen, die Gnädige. Nun, da bekommen wir wenigstens neue Muster.«

»Nach Wallöe? o ja! aber schwerlich bis hieher nach Laaland! Und alles können wir doch nicht selbst machen, oder gedenkst Du in Nysted eine Putzmacherin zu suchen? Danke Gott, wenn Du einen Schuster findest!«

»Wie Du nun wieder übertreibst, Annette, Dir ist der Aufenthalt hier zuwider, und doch ist er so friedlich, so recht gleichförmig und ruhig, wie ich immer leben möchte; ich habe diese grünen fetten Weiden gern.«

»Gern? ist's etwa angenehm zwischen Ochsen und Kühen, durch Dick und Dünn in schweren Holzschuhen dem Sonnenuntergange entgegen zu waten, im Moor stecken zu bleiben und dann allenfalls vom alten Niels gerettet, wie ein nasser Sack in irgend einem Bauernhofe als »Gräfliches Eigenthum« abgeliefert zu werden?«

»Uebt man doch kein Morast-Strandrecht an uns aus! Ich bin lieber hier als in Wallöe; das Stift wird mir nicht zum Vaterhause. Hätte Christian mein Herz für Aalholm, es sollte bald hier anders werden. Es war auch anders zu der Mutter Zeit, sogar noch in des Vaters Witwen-Jahren, ehe all die Modernisirungsversuche den Bauernstand uns fern stellten; es war etwas patriarchalisches in der Abhängigkeit.«

»Ich meine, der Bauernstand sei unserer Gegenwart etwas näher getreten, als für unser Aller Glück nothwendig,« erwiederte Annette; das hübsche Milch- und Rosen-Gesichtchen überflog ein Zug seltsam spöttischer Bitterkeit.

Am gegenüberliegenden Ende des Gartens erschien jetzt eine bleiche noch jugendliche Frau; sie trat aus dem Schlosse und schritt mühsam die hohe Steintreppe hinab in den Gang, der zum Pavillon führte; ihr etwas trüber Blick überflog die Kieswege und die steifgeschnittenen Taxuswände, als suche er etwas; ein leises, fast unmerkliches Kopfschütteln sprach aus, daß sie es nicht gefunden; – so näherte sie sich langsam den Schwestern. Helene, ihren wogenden Träumen hingegeben, bemerkte es nicht; die andern Beiden blieben in plötzlich veränderter Haltung sitzen, etwas Gliederpuppenartiges und angestrengt Eckiges legte sich über dieselben und es breitete sich eine feine, doch keineswegs grelle Affectation über den ganzen Ausdruck ihres eben noch so ganz natürlichen Wesens aus.

Eva, so hieß die Neuhinzugetretene, grüßte freundlich ihre Schwägerinnen und setzte sich zu ihnen; sie athmete beklommen. In Laaland geboren, hatten ihr dennoch der feuchte Moorboden und dessen ungesunde Ausdünstungen geschadet; ihre Gesundheit war zerstört. Sie hatte mit ihrem Gemahl, dem Grafen Christian, fünfzehn Jahre in Jütland zugebracht, bis das ihm nach seines Vaters Tode zufallende Majorat sie veranlaßte, nach Aalholm zu ziehen. Jütland aber ist der romantische Theil Dänemarks; es hat weder Fühnens überreiche Vegetation, noch Seelands städtischen Reiz, aber es vereinigt den Wechsel wilder, rauher und fruchtbarer Gegenden; es hat die höchsten Berge, Waldungen und Seen, anmuthige Buchten und Flüsse – und sein kaltes Klima ist nicht schädlich wie das des kaum sich über den Meeresspiegel erhebenden Laaland.

Eva legte leise ihre schmale abgemagerte Hand auf Helenens Schulter, um sie aus ihren wachen Träumen zu erwecken; »es ist schön heute Abend,« sagte sie, »seit dem Mittag hat sich der Horizont entwölkt, wolltest Du nicht ausgehen oder ausfahren?« »Meinst Du, daß es schön bleiben wird, bis Sonntag und wir Alle nach Nysted in die Kirche gehen können?« fragte, gleich in ihre Gedanken ganz zurücksinkend, das Mädchen. Sie schüttelte die lichtbraunen Locken aus dem Gesicht und hob das von Johannen beschriebene Antlitz zu der vor ihr Stehenden empor; man fühlte die Wärme und Innigkeit des strahlenden Blickes, die vertrauende Liebe, die sie der Schwägerin verband. »Ich glaube,« fuhr sie leicht erröthend fort, »das Altarblatt wird fertig sein, es könnte wohl zur Feier des Johannistages aufgestellt werden.« –

»Freilich haben wir lange genug darauf gehofft, aber Du vergißt, liebes Kind, daß unsere Herren nach Copenhagen wollten.« –

»Bewahre! Christian schickt nur seine Pferde hin und Joachim und Friedrich gehen von ihren Gütern aus direct, ohne mit uns zusammen zu treffen; sie gedenken zum Erntefest hier auf Aalholm uns zu besuchen,« sagte Annette. Die arme Gräfin wurde noch ein wenig bleicher als sie gewesen, Christian hatte ihr von all diesen Veränderungen seiner Pläne nichts gesagt!

Helene sah sie sorglich an, »Christian,« sagte sie, »hat erst gestern Abend die Briefe erhalten, er ist mit dem Inspector nach Engholm; Du weißt, heute Morgen hat er eine Kiste Bücher bekommen, und vermuthlich über die Geistesverwandten die Brüder vergessen!« – Schmeichelnd streichelte sie die zitternde Hand, welche von der Schulter herabgeglitten jetzt in der ihren lag. »Oder mich!« – seufzte Eva, unhörbar leise.

Ein Männertritt erklang über den Kies der Gartenwege; während des kurzen Gesprächs war nun, doch von Helene nicht unbemerkt, Thorald am Pavillon vorbei und durch die kleine Gartenpforte hereingekommen; er trat, sich entschuldigend, daß er nicht angemeldet, zu den Damen. –

Er mochte Helenen früher auf diese Weise allein angetroffen haben, denn Beide waren sichtlich verlegen, und die andern Schwestern flüsterten sich etwas zu: Annette zuckte lächelnd die Achseln. Die Gräfin blieb verstimmt und wurde mit jedem Augenblicke trauriger. Das Gespräch drehte sich um die Politik des Auslandes und die damals noch wie elektrisch auf die Gemüther rückwirkenden Nachrichten aus Frankreich. Thoralds Aufenthalt als Künstler in Italien, auf dem so vielfach erschütterten Boden, in der von tausend Freiheitsträumen und Kriegsereignissen bewegten Zeit, hatte für die Frauen etwas Fabelhaftes, das ihn wie mit einer Aureola umwob.

Endlich kam auch Graf Christian; eine edle Erscheinung. Er ging ein wenig vorn übergebogen aus übler Angewöhnung; richtete er in irgend einer Geistes- oder Gemüthsanregung sich auf, so gewann seine Gestalt etwas Ritterliches, das an Majestät grenzte. Seine Züge hatten eine formelle Strenge angenommen, die nicht mit physischer Kraft gepaart, fast unnatürlich erschien; die schmale kleine Hand und die dünnen Knöchel derselben verriethen sogar eine körperliche Schwäche, die jedoch nicht ohne Anmuth hervortrat. Ohne unbeholfen sich zu zeigen, war der Graf leicht, selbst im engsten Familienkreise verlegen, seine etwas ungelenke Vornehmigkeit und der seinen Tagen anhangende Mangel einer vollendeten Erziehung, welche überall Sicherheit gewährt, trugen Schuld daran. Unendlich schön waren seine dunkelgrauen Augen; sie hatten einen wunderbaren Reiz, den man sich nicht zu erklären vermochte, denn sie belebten sich selten; eine Art schwermüthiger Düsterheit war in ihm allmälig zu der stillen Beschaulichkeit geworden, die ihn fast zum Gelehrten stempelte. Fünfzehn Jahre hindurch hatte er in einem jütländischen Dorfe gelebt, und war auch dort ein Träumer geblieben, den nur momentane Noth zum Handeln zwang, den selbst die Beschränkung der Armuth nicht zum praktischen Menschen auszubilden vermochte. Er war zeitgemäß elegant gekleidet, hatte feine Wäsche und ungepudertes Haar, überhaupt aber eine gewisse Zierlichkeit, welche gegen die Derbheit seiner Gutsnachbarn abstach.

Im Eintreten fiel sein Blick auf den Maler, seine Stirn umwölkte sich.

Thorald unterhielt die Damen voller Laune und Gewandtheit, kaum unterbrach des Hausherrn Ankunft das Gespräch, denn die Mädchen dürsteten in ihrer Abgeschiedenheit nach überseeischen Neuigkeiten; Besuche waren bei der Unfahrbarkeit der Wege selten.

Als Thorald endlich neben Helenen einen unbemerkten Augenblick gewann, flüsterte er ihr die Bitte zu, wo möglich sein nun aufgestelltes morgen zu vollendendes Bild vor dem Sonntagsgottesdienste in der Kirche zu sehen. Glühend vor innerer Lust und in gegenseitig sie überwältigender Leidenschaft ganz versunken standen Beide vor einander, ihn steigerte ein stolzes Selbstgefühl, sie berauschte der Gedanke an seinen künftigen Ruhm; denn selten nur kamen Künstler auf die stille Insel. Der nur von Ackerbau lebende Laaländer vermag sie nicht herzulocken! Seit Menschengedenken hatte man keinen Maler in Nysted gesehen, und die beiden schönen Gemälde der alten Kirche dankten ihr Entstehen katholischen Donatoren, und gehörten weit früheren Jahrhunderten an.

»Graf Brahe Trollenburg« meldete ein vierschrötiger Diener, welcher trotz seiner Livrée einem deutschen Großknecht nicht unähnlich sah – Fräulein Annette erröthete zur Rose! – Der reiche Gutsbesitzer aus Seeland war ihr nicht fremd! Während ihres Winteraufenthaltes in der Residenz, so kurz er gewesen, hatte sich in dem jungen Manne eine dauerndere Empfänglichkeit für des Laaländer Fräuleins Reize erzeugt, als den Copenhager Damen billig schien. Der Graf war reich und eine vortreffliche Partie. Er war nach Aalholm gekommen, um das Herzensterrain seiner Schönen zu sondiren und im Ehestandshafen zu ankern.

An der Art, mit welcher Graf Christian ihn bewillkommnete, erst seiner Gemahlin vorstellte und ihn dann seinen Schwestern zuführte, errieth Thorald sogleich den künftigen Schwager, – eine unaussprechliche Beklommenheit bemächtigte sich seiner, die eben noch so fließenden Erzählungen aus Italien stockten, des Hofmanns Gegenwart drückte ihn zurück in den Schatten. Es war bei dem sehr abgeglätteten Tone des Trollenburg nicht leicht zu durchschauen, welcher der drei Damen die Bewerbung des vor kurzem Majoratsherr Gewordnen gelte – es drückte dem Maler fast das Herz ab; in verzweifelnder Stimmung verließ er die Gesellschaft, man machte keinen Versuch ihn zurück zu halten; trostlos kehrte er zu dem Städtchen zurück.

Unweit des Thores begegnete ihm Johanna, sie hatte den Leuten auf dem Felde ihr Vesperbrot gebracht, und trug eine Menge Geräthschaften und einen großen schweren Wasserkrug heim. Sie näherte sich Thorald, um ihn zu fragen, ob er in die Kirche verlange, der Vater sei auf der Feldarbeit mit dem Knecht; sie hätten's eilig, denn morgen sei an ihnen die Frohnfuhre, der Acker aber erst halb bestellt.

»Frohndienst? Ihr als Bürger? unmöglich!«

»Doch, lieber Herr, wir haben von Alters her Land in Pacht vom Herrn Grafen; obschon wir eines Theils losgekaufte Bauern sind, stehen wir ihm noch in Frohn und Zehnten. Der Herr aber ist glimpflich, allein der Vogt! Erbarme sich Gott! Ehmals, da wir Leibeigne waren, mag es noch schlimmer hergegangen sein; Großvater hat uns oft geklagt, wie die Verwalter zu seiner Zeit den Bauern geschunden! Wie er in der Kornschatzung nicht nur gehäuftes Maß, sondern noch eine Zugabe für's Schwinden oder Senken habe liefern müssen – wie nicht nur bloß die armen Gäule ihm zur Ackerfrohne eingespannt wurden, o nein, wie sie zum eignen Dienste jedes Knechtes, jeder Magd des Herrnhofes bereit sein mußten; konnte doch damals nicht einmal der Hundejunge zu Fuße durch das Moor, stand gleich der Bauer bis zum Knöchel d'rin, und watete selbst schwerbelastet neben seinem Vieh, um das Getreide zur Mühle zu fahren, den Sand vom Strande zu holen für den Vogt – o lieber Herr! es war eine harte, schwere Zeit! Selbst unsre liebe Gräfin weiß ein Lied von ihr zu singen; helf' ihr Gott! und sie ist doch uns Allen eine so gnädige Herrschaft!«

So unbequem Thorald die Anrede der Dirne empfunden, so ganz verloren ihr frischer Reiz dem Jüngling gegenüber blieb, so blitzstrahlartig traf ihn dieses Wort. »Was meinst Du, Mädchen?« fragte er harsch ihren Arm ergreifend, »was soll das heißen?«

»O nichts für ungut, lieber Herr, verzeiht! Ihr wißt ja selber wohl, daß unsre Gräfin die Tochter des Peter Owens ist, der den großen Hof zu Engbolle in Pacht hat; es ist freilich nicht gut davon reden, die gnädige Herrschaft hört's nicht gern; aber Ihr, was geht es Euch an! da droben zu Aalholm, ja, das ist etwas anders, ein Jeder sagt, es sei ein Nagel zum Sarg des Hochseeligen gewesen und geblieben!« Sie hob den Krug, den sie neben sich auf einen Stein gestellt, mühsam auf, um weiter zu gehen, Thorald stand ihr freundlich bei – »was hast Du denn da?« fragte er zerstreut, all seine Gedanken waren noch bei ihrer Erzählung. –

»Wasser vom Bärenborn für Fräulein Helene.«

»Seit wann thust denn Du Schloßdienste?«

»Ei im Schloß bin ich wohl selten genug! Aber das Fräulein wäscht sich nur mit dem Bärenborn, und wir Töchter der Frohn- und Festebauern müssen ihr Reihe herum das Wasser holen. Es ist freilich ein wenig weit,« setzte sie hinzu, indem sie mit dem Schürzenzipfel die Stirne trocknete, »es sind wohl anderthalb Stunden Wegs von uns aus dorthin, darum hat mir's warm gemacht!« –

»Aber wer hat Euch denn befohlen das Wasser zu holen?«

»Wer anders als der Vogt? die Herrschaft weiß wohl kaum davon! Er ist es noch von Alters her gewohnt, die Bauern zu Paaren zu treiben! Die Alten sind alle so; macht es doch unserer Gräfin Vater nicht besser! Der nimmt das Joch aus Gewohnheit selbst über den Nacken! Nun, kommt's nicht arg, fügt man sich schon.«

Lustig schritt sie mit ihrem Kruge weiter.

Die Gräfin eines Pachters – Peter Owens Kind? Das also ist die unsichtbare dunkle Last, an welcher das arme Weib so schwer trägt? ihr Großvater Leibeigener, der Vater Frohnpflichtiger, wenn auch wohl längst abgekaufter Bauer – und sie die Gutsherrschaft – die Gräfin! Also da sind wir noch? seufzte der junge Mann. O wahr, trotz den Bestrebungen der Edelsten unseres Volks, trotz Moltke, Reventlov und Colbiornsen noch nicht weiter? Wie unsäglich langsam reift die Saat des Guten – bedarf sie denn wirklich des blutgetränkten Bodens? –

In Italien und Frankreich, die er durchreis't, standen damals Bildung und Volksgesinnung auf einem so andern Höhepunkte. Napoleon hatte eben Italien unterjocht, indem er es republikanisirte; es war ein Lichtblick seines gewaltigen Lebens, – die vorangegangenen Uebertreibungen der Schreckenszeit hoben die Gegenwart glänzender hervor; Jeder wollte dort wenigstens einen Theil der ihr entströmenden Freiheit für seine oder seiner Kinder Existenz, während im Norden die Meisten vor dem Gedanken an die ihr gefallenen Opfer zurückbebten, und deren Vollgewinn in seiner damaligen Form kaum angenommen haben würden, hätte er sich ihnen geboten.

Anders freilich dachte und fühlte die Jugend, ihr war der Blutsaum des Gewandes der Freiheit Morgenröthe geblieben. Der gestörte Zustand der aus ihren Angeln gerissenen Maschine, die wir Bürgerlichkeit nennen, erschien ihr minder grell und qualvoll, als den Alten, welche der verarmten Familienväter, der kinderlos gewordnen Mütter, der Gattinnen, die ihr Theuerstes auf der Guillotine verloren, gedachten. – Frankreichs glänzende Redner hatten auch in Dänemark den heißen Durst nach einer nie empfundenen Gleichheit der Stände erweckt, versprach er doch dem edlern Individuum den unermeßlichen Reichthum einer vollständigen Entfaltung, den der innerlich Hochbegabte am schmerzlichsten entbehrt, und heißer ersehnt, als der Bettler das materielle Gut des Vornehmen.

Dem rohen Rausch vernichtender, zerstörender Bestialität des französischen Pöbels lag eigentlich das nämliche Gefühl zu Grunde, das hier und da den Schwärmer verleitete: eine Ueberschätzung seiner selbst. Umsonst haben tausendjährige Erfahrungen uns die Lehre wiederholt, daß dem wirklich bedeutenden Menschen, dem Genie, der vollständigen Geisteskraft weder äußere Verhältnisse, noch irgend eine andre Zeitgewalt hemmende Fesseln anzulegen vermögen; für die Meisten sind der obscure Mönch Luther, der Schiffsjunge Peter von Rußland, und der uns viel näher stehende Napoleon Bonaparte keine Beispiele.

Ist nun dem Menschenherzen so natürlich, im angeborenen Streben nach Glück den größten Maßstab für die eigenen Forderungen zu wählen, ohne sie mit den eigenen Leistungen irgend in ein Gleichgewicht zu bringen, um wie viel edler erscheinen jene seltenen Naturen, die ohne persönliches Bedürfen, unter günstigen Verhältnissen, nur für die Menge fordern und, ihre Nation vertretend, sich selbst aufopfern für ein allgemeines Wohl! Fast alle wahren Wohlthäter der Menschheit haben jedoch nicht bloß gewaltig, sondern eben so mild als besonnen gehandelt. Sie sind Sterne gewesen, welche nicht nur das Dunkel des Augenblicks durchleuchteten, sondern in jeder Nacht von neuem auftauchten und hinter den sie bergenden Wolken fortschimmerten, bis ihr Strahl sie zu durchbrechen vermochte.

Die Namen der hochherzigen Männer, welche unter Friedrich V. und Christian VII. es unternahmen, Dänemarks Bauern allmälig Freiheit und Wohlstand zu bereiten, werden nie in seiner Geschichte verklingen, so langsam auch ihr oft unterbrochenes Werk vorwärts schritt, ihre Beharrlichkeit brachte sie an das Ziel. –

Wie aber die Natur den festen Eichenwald gern mit Vögeln und Schmetterlingen durchjauchzt und belebt, so stehen immer zwischen solchen ernsten, tiefen Charakteren, aus deren Reichthum Tausende ihren kurzen Lebensfaden spinnen, leichte harmlose Wesen, welche gern überall das Schönste und Beste fördern möchten, es auch manchmal zu erfassen, in der Regel aber nie es festzuhalten vermögen.

Dieser höchst nothwendigen Mehrzahl der Menschen, welche das eigentliche Element gesellschaftlicher Verbindungen ausmachen, werden allerdings nur die ihnen durch Geburt, Reichthum oder Zufall gegebenen Verhältnisse zum äußern Halt, daher die vielen Klagen über verfehlte Existenz und gehemmtes Talent. Ich glaube aber, daß wir kein einziges Beispiel haben, daß die ganze Gesellschaftswelt, in Bausch und Bogen genommen, je im Stande gewesen ist, den Außerordentlichen zu hemmen, das gesunde Genie zu zerstören! –

Thorald fand den Gang der Umstände zu langsam; ihn drängte eine innere Unruhe zum Handeln; in Napoleon sah er den Retter der Welt. »Der Schneckenlauf der Bildung meines Vaterlandes,« sagte er, »beut mir nur Kränkung und Lähmung meines Talents. Die Schwere veralteter Vorurtheile legt sich auf jede Hoffnung! Auch in Copenhagen schreitet die Kunst nur unter dem Schutz des Fabrikwesens vorwärts. In Frankreich, in Italien entfaltet eine kräftigere Hand das Panier der Freiheit! Die ihr gefallenen Opfer schlummern unter der grünen Rasenhülle, lebt noch irgend etwas von ihnen weiter in jener unendlichen Himmelsbläue voll unbekannter Welten, so ist dort das hienieden Unvermeidliche längst verziehen. Uns bleibt die Sorge, es nicht unnütz erscheinen zu lassen, den mit Feuer und Schwert bearbeiteten Acker zu besäen! Der Verlust, den Tausende beweinen, muß zum Glücke Tausender erblühen. Auch ich kann nur dort mir ein Loos erschaffen, das Helenen anzubieten würdig.«

Wenn sie aber mit Dir entflöhe! so dachte er in andern Momenten; allein wie sie erhalten, durch welche Mittel, – ob sie reich ist? – Ihm war die Frage nie eingefallen, er war zu sorglos dazu. Auch galten in Dänemark damals noch die Majorate und fast alle Töchter hochadliger Familien standen in dieser Hinsicht einander gleich. So schob er gern den Gedanken zurück, von Helenens Gelde zu leben, alles Andere wollte er ihr danken. Wenn er aber an Heirath dachte, – und seit drei Wochen that er es stündlich, – so schwebte ihm allemal ein Verhältniß vor, als Hofmaler, als bevorzugter Künstler in einer königlichen Residenz. – Dann durfte sein Ruhm neben der Geliebten Adel sich stellen; auf die aller natürlichste Weise vergaß Thorald seine republikanischen Gesinnungen und daß er eben in der Nysteder Kirche sein erstes historisches Gemälde aufstellte!

Seine Arbeit vergaß er indessen doch nicht; kaum war der erste Sonnenstrahl erwacht, so saß er auf seinem Gerüste vor dem Altarblatte; was ihm überhaupt zu thun möglich, war bald gethan. Er saß noch oben, als die angelehnte Thür leise in ihren Angeln sich drehte, und Helene von ihrer Kammerjungfer begleitet in die Kirche trat; sie hatte Commissionen im Städtchen gemacht, die offene Thür bemerkt, und so war ihr plötzlich eingefallen, einen Augenblick einzutreten. – Der überglückliche Künstler sprang zu ihr hinab, das Gerüst ward mit zitternden Händen zur Seite geschoben, – großer Gott! auf dem Altar stand ihr Bild! Daß er sie als eine der Frauen dargestellt, welche die zusammensinkende Mutter unseres Herrn unterstützen, hatte an sich nichts den ernsten protestantischen Sinn Verletzendes – und wie ein Strom stürzte der Jubel ihr in's Herz!

Thorald dagegen stand mit gesenktem Blicke bebend ihr zur Seite, eine tödtliche Blässe hatte seine Züge überdeckt – er wagte nicht sie anzusehen. Endlich war der Zustand nicht mehr zu ertragen: er schlug die Augen auf – Gott sei Dank, daß es eine Zeit im Menschenleben giebt, in welcher man keiner Worte bedarf, sich alles Nöthige zu sagen! »Aber,« fuhr sie fort, nachdem er in ihrem Antlitz gelesen, was er zur Beseligung des Augenblickes bedurfte, »was wird mein Bruder, was werden Bürger und Bauern sagen? ich bin es freilich nicht, denn die Maria Jacoba ist ja viel tausendmal schöner als ich, dennoch –«

»Helene! kann ich für die unbewußte Schuld? Des alten Küsters Tochter Johanna war die erste, welche mir es aussprach; ich wollte sogar diese mir aus dem Tiefsten meines Innern entquollene Aehnlichkeit zerstören, aber mir bebte die Hand, wie bei einer verruchten That, ich vermochte es nicht.« Heißer erröthete das Mädchen, heftiger schlugen des Künstlers Pulse: vor dem Altar sprachen sich Beider Herzen aus. Dem voltairisirenden Jüngling, der eben noch mit den Jacobinern zur »Göttin der Vernunft« geschworen hätte, trat die Liebe sanft, voll religiöser Empfindungen, wie ein ihn heiligender Glaube in die unruhige Seele, und schuf sie um zum Tempel des innigsten, frömmsten Gefühls.

Noch schwelgten die Liebenden im Anschauen ihres gegenseitigen Glücks, ohne im mindesten der Erde und ihrer conventionellen Bedingungen zu gedenken, als wiederum die Kirchenthür in ihren schweren Angeln dröhnte, diesmal aber heftig aufgerissen ward. »Der Herr Graf,« sagte das im Hintergrund vergessene Kammermädchen, »der Herr Graf.« Zum Glück war sie eine Copenhagerin!

Graf Christian prallte zurück, als er das erglühte, bebende Paar in traulichem Beisammensein vor dem Altar erblickte; aber sein Gesicht nahm den Ausdruck des wüthensten Zornes an, als er die Aehnlichkeit mit seiner Schwester gewahrte, die momentan noch auffallender erschien, weil Helene zufällig mit aufwärts gewandtem Haupte zu Thorald in die Höhe sah, wie auf dem Bilde die Maria Jacoba zur Mutter Gottes.

»Herr! was soll das?« polterte der kaum seiner selbst Mächtige und dennoch innerlich Verlegene. Mit jedem Wort steigerte er sich mehr und mehr, um seiner Stimme Herr zu werden, »Sie haben sich erlaubt, die Ihnen von mir und meiner Familie aufgetragene Arbeit zu mißbrauchen, die Züge eines Fräulein von Gejern, wie die eines Modells zu einer Figur Ihres Gemäldes zu benutzen! Sind Sie von Sinnen, auf diese Weise einen im ganzen Reich geachteten Namen zu prostituiren? Das Gemälde muß fort von hier, oder die Züge dieser Martha – oder wie sie heißt, müssen verändert werden.«

»Herr Graf, diese Aehnlichkeit ist weder einem der mir aufgetragenen Familienportraits gestohlen, – mein Altarblatt ist weit früher gemalt als jene, – noch habe ich die Comtesse wie ein Modell zu behandeln gewagt. Wenngleich eine zufällige Aehnlichkeit die Züge meiner Jacoba verschönt, so liegt darin nichts Entwürdigendes. Meine Kunst ist heiligend, nicht befleckend! Rafael, Domenichino, del Sarto haben alle Großen ihrer Zeit, den Papst, die Fürsten, die edlen Frauen aus königlichen Geschlechtern auf ihren Gemälden verewigt. Wenn aus ihren Worten eine gewisse Unkenntniß dieser Umstände hervortritt, so muß ich dennoch anerkennen, daß Sie in andern gelehrten Fächern so Bedeutendes leisten, daß Ihnen für die Kunstgeschichte keine Zeit blieb – gewiß würden Sie in Frankreich oder Italien –«

»Unsinn! Unsinn! Wir sind Protestanten, Herr Eynerssen, verstehen Sie das? ganze Protestanten, keine Halbkatholiken, keine Deïsten, sondern Lutheraner! – schon das ändert unsere Verhältnisse! Wir sind Dänen! das ändert unsere Ansichten des Schicklichen; was in diesem Augenblicke in Frankreich und Italien, als die mit dem Blute des Adels gedüngte Frucht höherer Bildung gilt, vergeben Sie – kann ich als dänischer Graf weder ehren noch anerkennen! Da ich mir aber erlaube, über meine vaterländischen Zustände und die bei uns längst festgestellten gesellschaftlichen Formen selbständig zu urtheilen, so bitte ich Dich,« – fuhr er gegen das Fräulein gewandt fort – »um Deinen Arm, um Dich zur Kutsche zu geleiten. Läßt Du mir da die neuen Mecklenburger Rappen zwei Stunden an der Sonnengluth stehen, daß sie die Hufe sich zerschlagen! Ich werde mir das Weitere in Bezug auf Sie, Herr Eynerssen, und auf die Maria Jacoba vorbehalten. Für jetzt ersuche ich Sie nur auf das Bestimmteste und Höflichste, es zu machen, wie Ihre Kunstvorfahren mehr als einmal gethan: durch einige wohlberechnete Pinselstriche, die, wie sie mich versichern, Comtesse Gejer ganz wider Ihren Willen zur Jacoba stempelnde Aehnlichkeit zu vernichten, und werde ich ferner stehenden Fußes mir erlauben, den Herrn Magistrat zu benachrichtigen, daß einige nöthige Retouchen die Enthüllung Ihres Altarblattes am Johannisfeste unmöglich machen und selbige um ein paar Tage hinausschieben; es sei denn, daß Sie mit diesen Aenderungen sogleich –«

»Ich könnte mir vor Allem erlauben Ihnen zu bemerken, Herr Graf, daß ich vollkommen mündig und erfahren genug bin, dem Magistrat selbst vorzutragen, was ich für nöthig erachte« – –

In Todesangst blickte Helene, hinter dem Grafen halb verborgen, zum Geliebten hinüber, noch ein Wort und der Bruch war unvermeidlich, unheilbar! –

»Ich erlaube mir aber nur als Künstler zu antworten, daß es zu dieser Aenderung zu spät ist,« fuhr Thorald fort, »mein Bild ist seit mehreren Tagen vollendet, ich habe sogar eben einen ersten leichten Firniß darüber gezogen; Ew. Gnaden Kunstsinn und Geschmack werden Ihnen die Ueberzeugung davon geben, wenn Sie es einer nähern Betrachtung würdigen.«

Aber Geschmack und Kunstsinn des Grafen reichten keineswegs an die strenge Ansicht desselben in Betreff der Frauen-Ehre, deren Zartheit in seinen Augen jeder Hauch zu trüben vermochte; sie reichten eben so wenig an das beleidigte Gefühl seines Adelstolzes. Auf's schmerzlichste erregt, war jetzt Graf Christian jeder Verlegenheit, aber auch jeder Schonung bloß, – Wort um Wort flogen in immer verletzenderer Schnelle hin und wider, Christian vergaß sich endlich so weit, den Maler daran zu erinnern, daß er, außer der Verwendung des Bischofs zu Roeskilde, seiner eigenen Vermittlung die Bestellung des Altarblattes zu danken habe.

An dieser unseligen Mahnung brachen des Jünglings Fassung und alle Vorsätze seiner Liebe. Seine Künstlereitelkeit war zu peinlich verletzt. Mit mehr Hochmuth als Stolz erklärte er die ganze Arbeit in Nysted für eine bloße Probe, die er mit seinem eigenen Talent gemacht, welche aber von dem kleinen Städtchen einer unbedeutenden dänischen Insel aus, keineswegs ihm als Kunstwerk großen Ruf zu erwerben geeignet sei. Von Copenhagen her könne es allein ihm gelingen, sich in der Welt Bahn zu brechen; nur vom Königshofe stehe zu erwarten, daß etwas wirklich Förderndes für seine Kunst geschähe. Unglücklicher Weise setzte er dabei den ganzen langsamen Bildungsgang Dänemarks in ein höchst ungünstiges Licht, und vergaß der ungeheuren Opfer, welche gerade jene Zeit dem höhern Adel auferlegte; denn der junge Maler kannte die blutige Geschichte Frankreichs in ihrer grellen Buntheit besser, als die des eigenen Vaterlandes.

Graf Christian dagegen war mit dem tiefaufgewühlten Boden vertraut, dem er Schätze der Erkenntniß entrungen, in welchem er zahllose Leichen seiner Jugendhoffnungen und manch' schmerzliches Verleugnen seines Familienstolzes geborgen. Die Wahrheiten, die er auf demselben angebaut, hatten längst Frucht getragen. Unpraktisch im kleinen Thun des täglichen Lebens, ungeschickt wie ein Kind in Handhabung des Zufalls und seiner flüchtigen Gunst, wenn es seine eigne Persönlichkeit galt, war er in Bezug auf Staatsverhältnisse fest und klar. Als Theoretiker schloß er sich den bedeutendsten Reformatoren der Bauernsache an, als Individuum hatte er in Ausübung des einmal Angenommenen nie das Billige verweigert. Ordnung und Freiheit waren ihm gleichbedeutend, er selbst hatte auf Laaland die ersten Schritte zu Lösung des Leibzwangs und des Gemeinbesitzes gethan, ja, zuerst Erbpacht auf seiner Herrschaft gewährt, aber daß er es gethan, verlangte er anerkannt zu sehen. Nie war ihm eingefallen, seinem Range dabei etwas vergeben zu können, oder die gewährten Menschenrechte als Aufhebung der seines Adels anzusehen. So empfand er auch Thoralds Nichtbeachten des für ihn Geschehenen als schwarzen Undank, ja als Gemeinheit und Frechheit.

Sehr trocken fragte er den Maler, ob er von seiner Stelle aus, ohne Unterstützung des Adels, am Hofe Zutritt zu erlangen erwarte? Ob ihm das verwandtschaftliche Verhältniß zwischen seiner und des Bischofs Familie unbekannt sei, daß er auf die ihm in Bezug auf Comtesse Gejer eben mitgetheilten Bemerkungen so gar nicht achte, als müßten dieselben nicht in jenem Hause ihr Echo finden?

Es legte sich eine Art Geringschätzung in Ton und Haltung des Grafen, die für Thorald unerträglich war. Als Christian seine durchaus verletzende Rede mit dem übermüthigen Rathe schloß, lieber bei dem macht- und geldlosen Adel der französischen Emigranten, oder bei den Jacobinern die rasche Erfüllung seiner hochfahrenden Pläne zu suchen, brach Helene in Thränen aus; alle Rücksicht gegen den Bruder vergessend stürzte sie auf den Künstler zu, und beschwor ihn auf's zärtlichste, sogleich die Kirche zu verlassen, diese Unwürdigkeiten nicht länger anzuhören, das Unstatthafte in Christians Betragen um ihretwillen zu verzeihen.

Erschreckt starrte der Graf die Schwester an, das Unpassende des ganzen Auftritts fiel mit Zentnerschwere auf ihn und lähmte ihm die Gedanken; in peinlicher Verlegenheit riß er den Arm des Mädchens an sich und führte sie fast gewaltsam zum Wagen. Er war zu tief verletzt, um sich weiter auszusprechen, – als das Zöfchen aber Miene machte, zu Fuß zu gehen, winkte er ihr peremptorisch zu, auf dem Rücksitz Platz zu nehmen.

Zu Haus angelangt, geleitete er Helenen bis in ihr Zimmer, an der Thür desselben ergriff er heftig des Kammermädchens Arm. »Ein anständiger Dienstbote mischt sich nicht in seiner Herrschaft Angelegenheiten, und wo ihm der Zufall etwas offenbart, daß ihn nichts angeht, hält er das Maul! Verstanden Jungfer?«

Marie küßte schweigend dem Grafen die Hand, verbeugte sich demuthsvoll und folgte ihrem Fräulein, und so groß war des Gebietenden Gewalt, daß sie auch draußen bloß durch Seufzer dem sie drückenden Geheimniß Luft gab. Graf Christian aber zog sich stumm in seine eigenen Gemächer zurück und erschien erst Mittags, um dem Brahe Trollenburg bei Tische die Honneurs zu machen.

Aufschreiend in wildem Schmerz, warf sich der allein in der Kirche zurückgebliebene Thorald auf die Stufen des Altars nieder. Was er selbst zuerst als nothwendig und schicklich empfunden, erschien ihm nun maßlose Tyrannei. War ihm früher Helene theuer gewesen, so hatte jetzt ihr Selbstvergessen um seines, des armen Künstlers willen, dem hochmüthigen Bruder gegenüber, seine Neigung zur heftigsten Leidenschaft erhöht. – Mit anbetender Inbrunst blickte er auf das Bild, das ihr Antlitz ihm vergegenwärtigte – etwas an demselben zu ändern war zum Sacrilegium geworden, aber nun wollte er es gar nicht mehr der Kirche lassen, er wollte es mit sich fortnehmen, nach Deutschland oder Frankreich. – In wüsten, undeutlichen Träumen verging ihm der Tag. –

Es war gegen Abend; die Sonnenstrahlen durchbohrten mit langen gelben Streiflichtern die schmalen Bogenfenster, und streiften die mit grauem Sandstein umränderten Gewölbbogen; an den hohen Pfeilerbündeln, an den Seitenchören hin, am Metall des Altarkreuzes, an den messingenen Leuchtern spielten hell aufblitzende Lichtpunkte – draußen wurde es allmälig still; die Leute kehrten von der Landarbeit heim. Langsam verstummend sank die gelbrothe Sonnenscheibe zurück in ihr von Nebeln umflortes Meeresbett.

Noch immer lag Thorald regungslos, mit sich selber uneins an derselben Stelle. Eine kleine weiche Hand faßte, ihn aufrüttelnd, seine Schulter. »Lieber Herr! Ihr seid gewiß erkrankt! Hättet ihr nur laut gerufen, ich habe vor der Hausthüre mein Garn geweift, ich hätte Euch sicher vernommen. Es hat sich keiner hieher in die dunkle Kirche getraut. Als aber der Vater heimkam zum Abendbrot und die offne Thüre gewahrte, Herr Je! hat er mich gescholten! Ich glaubte Euch nun fort und des Zuschließens vergessen. – Kommt, steht auf, ich stütze Euch, kommt mit nach Hause! dann koche ich Euch Lindenblüthenthee, das wärmt; die alte Halle ist so eisig kalt! Könnt Ihr Euch aufrichten? O mein Gott! bald hätt' ich's vergessen: auch einen Brief habe ich an Euch, von Schloß Aalholm; der Gänsebub' hat ihn gebracht – aber was ist Euch? Wo wollt Ihr denn hin? Herr Eynerssen! Herr Thorald! Wartet doch!« – Johanna hatte gut rufen und schelten: Thorald, der Helenens Handschrift erkannt, stürzte plötzlich wie von Feuersgluth durchströmt fort, ohne auf sie zu hören, um in abgeschlossener Stille, fern von jedem störenden Menschenblick, das verhängnißvolle Blatt zu lesen.

Erst nachdem die Gesellschaft auseinandergegangen und Jeder auf sein Zimmer sich zurückgezogen, trat Graf Christian bei Helenen ein. – Finster, mit umwölkter Stirn und zusammengezogenen Brauen, näherte er sich dem Mädchen und setzte sich in der Mauervertiefung des Fensters ihr gegenüber, in einen altvätrisch geschnitzten Sessel, den er vorzüglich gern bei allen Familienmittheilungen einzunehmen pflegte.

Helene war innerlich entschlossen, all sein Thun lächerlich zu finden, sie hatte sich mit Uebermuth und Unverletzbarkeit gerüstet, und bot ihm ruhig die heitre Stirn.

Ehe aber noch der etwas Verlegene den Anfang seiner beabsichtigten Rede gefunden, begann sie selbst: »Erlaube mir, lieber Christian, uns beiden ein Wort Verschwendung zu sparen. Deine Absicht ist, mir mein Betragen in der Kirche, Herrn Eynerssen gegenüber vorzuhalten und mich zu fragen: ob ich um die Dich so scharf verletzende Aehnlichkeit meiner Züge mit denen einer seiner heiligen Frauen gewußt – oder gar sie gebilligt. Beides kann ich verneinen; ich hatte keine Ahnung davon, ehe ich die Kirche betrat. Das Uebrige aber läßt sich mit einem einzigen Worte abthun: ich liebe Thorald Eynerssen!«

Christian ward bleich; auch er hatte in seiner Jugend empfunden, wie jetzt Helene! er fühlte, daß sie festen Willens auf den Ereignissen seines früheren Lebens fuße; ein schneidendes Weh trat ihm an's Herz, und riß gespenstisch all die Leichen längst abgestorbener Schmerzen an's Licht. Seine frühe Heirath mit der Tochter eines Feste-Bauers, dem sein Vater, Graf Thugge, die Freiheit geschenkt, hatte ihn elend gemacht; sie hatte ihn fünfzehn Jahre lang dem väterlichen Hause entfremdet! Der alte Graf hatte den Feste-Bauer zum Pachter eines seiner Höfe angenommen – so hatte die unglückselige Neigung der jungen Leute sich entsponnen. Fünfzehn lange Jahre hatte Christian in Jütland in tiefster Abgeschlossenheit und drückender Armuth verlebt, unerbittlich vom Vater verstoßen – verflucht! – Und dieser Vaterfluch war seiner liebebedürfenden Seele zu einer sein ganzes Dasein überschattenden Wolke geworden, und blieb es, selbst als er endlich des Vaters Vergebung gewann! –

In der öden Einsamkeit der rauhen Haide, in Mariager, einem elenden, kleinen Städtchen, das dem tief einschneidenden Fiörd durch einen kleinen Seehafen seinen Unterhalt abgewinnt, ohne alle gewohnten Bequemlichkeiten, ohne irgend eine Lebensgier, sah der Arme seine ganze Jugend verstreichen![1] Mit täglichen Geldverlegenheiten um's tägliche Brot kämpfend, saß er freund- und freudelos der Gattin allein gegenüber: unter Standesgenossen ein Bauer, – unter Bauern ein Bettelgraf! Von Menschen umgeben, deren ganze Industrie sich auf den Hausfleiß grober Webereien und Fertigung schwerer Holzschuhe erstreckt, blieb er allem Umgang fern. Stolz und verschüchtert zugleich, fand seine ohnedies scheue Natur überall Widersprüche, die ihn schmerzten. Seine Leidenschaft hatte der Besitz abgekühlt, was an ihr durch äußern Widerstand zu phantastisch-schöner Uebertreibung aufgeschossen, wie eine Wunderblüthe – war fruchtlos abgewelkt: seine Ehe war kinderlos geblieben. Er liebte seine sanfte treue Gattin, allein in der immergleichen unpoetischen Stille ihres Zusammenlebens, traten oft Pausen des Verstehens, schmerzliche Lücken ein; der Tag ward lang, riesig gedehnt überwuchs ihn der frühbeginnende nordische Abend, das Bedürfniß die Zeit auszufüllen machte sich geltend.

Der junge Mann fing an zu lesen, aus Holstein, Schleswig und Copenhagen Bücher sich zu verschreiben, eifrig zu studiren, über mühsam errungener Kenntniß zu brüten.

Nun vergaß er die Kränkungen der Welt, verschmerzte die Trennung von den Seinen – allein er vergaß auch seine Frau; er versank in tiefsinniges Forschen, vergrub sich in Geschichte und Philosophie. – Eva erschrak als sie plötzlich entdeckte, daß sie eifersüchtig sei. Eifersüchtig! und nicht mehr wie ehemals auf eine schöne Dirne, deren Augen Christian gelobt, deren schlanken Leib er im »Fangtanz« fester umschlossen – sondern auf seine von ihr abgewandte Seele, auf seine Bücher und Plancharten, um seiner nun ganz von der ihren abgelös'ten Existenz willen. O wie lange Tage weinte die arme Eva – er merkte es nicht einmal! wie weinte sie, daß sie nicht klug, nicht unterrichtet genug sei für ihren Christian!

Endlich begann sie Unterricht zu suchen, sich eifrig mit Stundennehmen abzuquälen, um ihm nachzustreben, ihn wieder verstehen zu lernen. Es vergingen viele Monate ehe sie nothdürftig Schreiben und Lesen sich angeeignet, – er aber hatte schon wieder andere Interessen gewonnen, trieb jetzt Physik und Astronomie, machte Experimente – und Schulden, um sich vermittelst der Schiffsgelegenheit des kleinen Hafens ausländische Schriften und astronomische Instrumente kommen zu lassen. Wieder war er ihr in endloser Weite voran! Sie litt sehr! Endlich bemerkte er es.

– Das Alles und weit mehr noch glitt mit grausenhafter Geschwindigkeit Christians innerem Auge vorüber; als er das leibliche aufschlug, saß seine Schwester, den einen Fuß hochgestellt und auf das Knie den Arm gestützt, in dessen Hand das rothgeweinte Antlitz ruhte, mit dem eigenwillig kecken Ausdruck in den Zügen, den er an sich selber kannte! An dem nämlichen Fenster hatte er tausend Mal so gesessen und in der nämlichen Stellung starr auf das mondlichte, hochaufwogende Meer geschaut, – wie eben jetzt Helene! –

Denn die kaum minutenlange Pause zwischen ihrer kecken Anrede und des Bruders zögernder Antwort, hatte auch ihr das Herz wach gerüttelt; die angenommene Heiterkeit war ausgelöscht, der nackte, bittere Trotz an deren Stelle getreten. Fest entschlossen für ihr Glück zu kämpfen, fühlte sie darum nicht minder den Druck lastender Erinnerung. Auch des ihr drohenden harten Widerstandes war sie mit tiefstem Grauen sich bewußt – sah sie doch täglich dem stillen Vergehen ihrer Schwägerin, der immer zunehmenden Kälte zwischen den Eheleuten zu, sie mußte es sich eingestehen, daß aus Christians eigenen Erfahrungen der furchtbarste Feind ihr erwachse.

Auch war der schon bei ihrer Geburt halb Verwais'ten ein entsetzliches Bild von des Vaters Zorn gegen Christian geblieben, das mit dem seltsamen Lebenswandel des seit ihrer Mutter Tode ganz Vereinsamten in Verbindung stand, – das Urtheil der ganzen Familie betrachtete damals den verbannten Sohn wie etwa einen Pestkranken; niemand von den Geschwistern, den Vettern und Basen hatte ihn wiedergesehen, niemand nannte ohne besondere Nöthigung Christians Namen! die andern Brüder, jetzt beide an reiche, wenngleich bürgerliche Frauen vermählt, waren damals noch zu jung zum heirathen. Der bloße Gedanke an eine Verbindung mit einer kaum dem Leibzwang entrissenen Bauerndirne, war ihnen empörend und lächerlich zugleich; mit ausgelassenem Hohn erzählten sie einander von einem Vetter des Mädchens, den der Vogt mit Peitschenhieben zum zwölfjährigen Soldatendienste gezwungen, eines leichten Vergehens halber ihn vom Hof gejagt und unter die Miliz gesteckt – dem Kinde war die Geschichte immer peinlich gewesen. Die bösen Buben hatten es dann erst recht geneckt, »wärst Du es, Püppchen, und nicht unser Aeltester, wir drehten Dir lieber den Hals um, eh' wir die Schande noch einmal erlebten!« »Ja«, sagte lachend der Andere, »das wäre auch noch schlimmer, unser Blut adelt das Weib an unserer Seite und läßt unsern Söhnen den Namen des Vaters, aber so ein Bürgerlümmel machte sie zu seines Gleichen.« Helenchen hatte nicht verstanden was sie meinten, aber die Angst hatte ihr Thränen erpreßt.

So saß auch sie sinnend jetzt dem Bruder gegenüber, die dunkle Gedankenspindel drehend und abwindend, ohn' Ende – –

»Helene!« sagte sehr trübe, aber auf edle Weise der Graf, »Du hast Elend genug, zu aufgehäuften Massen an einander gedrängt, unter uns erlebt; hast Dich groß gesogen daran und stark. Seit ich denken kann, geschah das Ungehörige in unserm Hause, zerrieben sich die besten Kräfte unseres Stamms umsonst an ihren eigenen Auswüchsen. Ich frage Dich also nicht, willst Du den alten, kaum entschlummerten Unfrieden in seiner dämonischen, Dir wohlbekannten Gestalt von neuem erwecken – ich warne Dich auch nicht, das Alles wäre umsonst! Denn Du bist eine Gejer! Aber sieh in mir Deinen Widersacher. Was ich gegen diesen Zuwachs unseres Familienelends zu thun vermag, das erwarte von mir. Kannst Du Dich selbst überwinden, so traue mir Liebe, Ausdauer und jedes Opfer für Dein Wohl zu. – Kannst Du es nicht, mußt Du Deinem wilden Sinn genügen, nun – vergieb! so beachte wenigstens Deine Frauenehre, wenn die Ehre Deines Namens Dir nichts gilt; wirf Dich nicht weg, auch nicht an den Besten! Laufe diesem Abenteurer nicht nach, hänge Dich der sich frisch entwickelnden Kraft des Jünglings nicht an, wie eine ihn hemmende, sein Talent zerdrückende Last – hüte Dich, daß der zu seiner Qual Vergötterte, Dich nicht mit Füßen trete! Oh! man hat Beispiele davon.« – Mit einem tiefen Seufzer, ohne Helenen weiter anzusehen, stand Graf Christian auf und schritt schweigend zur Thür hinaus.

»Er mich nicht lieben? o nein, nein, dann wäre ja gar nichts mehr wahr auf der Welt!« Helene barg aufjammernd vor Schmerz das Gesicht in beide Hände und schluchzte convulsivisch. – Endlich sprang sie auf, ihr ganzes Wesen trug wieder den Stempel der kühnen Entschlossenheit, mit welcher sie vorhin den Bruder empfangen. Sie trat an den Tisch und schrieb, obwohl mit zitterndem Herzen, dennoch mit fester Hand an Thorald Eynerssen.

»Sie haben Unwürdiges für mich ertragen, Thorald, aber gerade dies Ertragen gilt in meinen Augen mehr als eine Heldenthat, denn Sie haben Kraft sich zu vertheidigen, und nur um meinetwillen haben Sie geduldig die Last auf sich genommen, die Sie hinwerfen konnten; allein sie hätte sich zur unübersteiglichen Mauer zwischen uns erhoben, hätten Sie meinen Bruder behandelt, wie er es verdiente! Ich danke Ihnen, Thorald, mit jedem Hauch meines Daseins. – Und doch weil ich nun in der That, nicht mehr im bloßen Wort den Rückstrahl Ihrer Liebe gesehen, muß ich eben um dieser mich beglückenden Liebe willen, ein neues, noch schwereres Opfer von Ihnen verlangen. Vielleicht sollte ich in mädchenhafter Scheu Sie Schritt vor Schritt errathen lassen, was ich so offen Ihnen gestehe, allein wir leben in einer so bewegten Zeit, daß auch eines Mädchens Herz von dem sie durchglühenden Muth erfaßt und fortgerissen wird aus seinem eigenen heimathlichen Rückhalt! Die aufgegangene Freiheitssonne ruft alle Lebenskeime an's Licht – sogar in unsern kalten Norden dringt ihr Strahl. Drückt im Allgemeinen unser Volk noch die Kette in der Welt längst als lächerlich abgeschaffter Vorurtheile, so ist es gewiß um so mehr an jedem einzelnen Freigesinnten, das Band zu brechen, das ihn hemmt, denn Millionen einzelner Ringe bilden ja die Fessel, in welcher Dänemark bis zu diesem Augenblicke schmachtet. –

In diesem Sinne, Thorald, betrachten Sie mein Thun, ich will und werde frei sein, die Banden abstreifen, die mich an diese Scholle binden so gut wie den Leibeigenen, dem wir die Freiheit geben, mir aber wird Ihre Liebe sie gewähren! Aber um dieses Augenblickes willen, welcher unwiderruflich kommen muß, ist jetzt ruhige Besonnenheit nöthig, bringen Sie ihr das Opfer des gegenwärtigen Moments: Niemand darf ahnen, was wir einander sind, ehe wir beide Laaland hinter uns haben, und in Copenhagen (Kjöbenhavn) uns wieder finden! Vernichten Sie die mich beseligende Aehnlichkeit auf Ihrem Gemälde, sie verräth uns. Wie mein Bruder, denken all meine Verwandte, denken alle Männer im Städtchen, ja auf unserer ganzen Insel. Was in Frankreich Ihnen und mir zur höchsten Ehre gereichte, erscheint hier als Beleidigung einer achtbaren Familie, ja als Beleidigung meiner selbst. Vernichten Sie die allzu sehr in's Auge fallende Aehnlichkeit und ist dies geschehen, dann bleiben Sie ruhig hier, vollenden Sie die begonnenen Arbeiten, welche in der Residenz Ihnen leicht die Bahn brechen werden, die Ihr Talent sucht – und überlassen Sie Ihrer Helene das Uebrige. Christian soll nicht in Zweifel bleiben, um wessentwillen Sie das Bild geändert, und zu seinem Schrecken nur zu bald einsehen, wie wenig Sie seiner elenden Hülfe bedürfen!«

Helene.

»Für den Augenblick ist es genug,« sagte sie, das Blatt faltend, »Christians mich erniedrigende Ansicht soll keinen Einfluß ausüben auf mich. Du hast ganz Recht, Bruder, ich bin eine Gejer, und wir haben harte Köpfe, mögen sie grau sein oder blond!«

Allein trotz dieser heldenmäßigen Aeußerung wußte Helene doch nicht, wie das Billet in des Geliebten Hände bringen; ihrer Kammerjungfer traute sie nicht mehr, des Grafen Worte hatten das Mädchen verschüchtert. Den Brief verbergend, eilte sie selbst die große Treppe hinab, um einen Boten sich zu suchen; auf dem Corridor hörte sie Stimmen, die Thüre des gemeinschaftlichen Wohnzimmers der Schwestern, an welchem sie vorüberschritt, war nur angelehnt; drinnen unterhielten sich Beide mit Mademoiselle Nordermule, einer bucklichen, kleinen Gouvernante, welche alle Drei von der Wiege an auferzogen.

Mademoiselle Nordermule erhob in diesem Augenblick die Stimme, so hoch es die Schwäche ihrer kleinen, sehr untersetzten Gestalt irgend gestattete, und fuhr in ernstem Pathos fort: »wenn wir lieben! aber Kinder, wie selten geräth eine Ehe ohne wahre Zuneigung! wie selten werden die dissonirenden Lebensmelodien auch nur leidlich tacktfest zusammen durchgespielt bis zu Ende, ohne zerrissene Herzen und zerrissene Saiten der armen Weiberseele, die zuletzt ganz dumpf und klanglos, gar keinen Lebenston mehr wiederhallt! O, Ihr Lieben, wie viele Frauen verdummen gänzlich in einer sogenannten »guten« häuslichen Ehe, in der sie eigentlich eben – bloß keine Prügel bekommen! Darum kann ich Helenen, deren Charakter nun einmal durchaus in keine solche sich finden würde, nur bemitleiden, daß sie auf diesen Abweg gerieth, keineswegs sie verdammen; sie wird, wie es auch sich füge, Thränen genug zu vergießen haben!« – »Aha, mein Regenvögelchen!« sagte gerührt und heimlich lächelnd Helene; »es prophezeit wie immer schlecht Wetter!« Leise schlich sie hinab in die Küche.

In dem hochgewölbten, weiten Raume, den ein ungeheuer großer, aber niedriger Herd mit spitz in Dachform sich erhebendem Kamin erwärmte, saßen alle Knechte und Mägde des Herrnhofes auf Holz-Schemeln und Stühlen um das Feuer her; eine rothbäckige Dirne stand neben dem an einer Zackenstange hängenden eisernen Kessel und rührte mit langgestieltem Holzlöffel »Manna« in die saure, kochende Milch zum Brei, welcher eine Hauptschüssel der laaländer Kost ausmacht. Von der Küche führten beiden Hauptwänden entlang eine Menge Thüren zu den Schlafstätten des Dienstvolks; in den Zwischenräumen, welche sie freiließen, dem Herd gegenüber, standen an der Mauer hochrückige Bänke, vor diesen der mit einem weißen Tuch überdeckte lange Tisch, der broddelnden Abendmahlzeit harrend; Brot, Käse, Butter und gedörrte Fische waren schon auf demselben bereit gestellt. Blankes Kupfer- und Zinngeräth schmückte den vorspringenden Rand des Schornsteines, auch in den schön gemalten Eckschränken glänzten durch die Glasscheiben eine Menge blinkender Dinge, Glasgeschirr und Porzellan flimmerten im letzten Abendroth der immer noch am weiten Horizont zögernden Sonne. Man gewahrte sie durch eine nach dem innern Hof weit offenstehende Thüre. Die kleinen Bogenfenster der Küche hätten durch ihre bleigefaßten runden Scheiben, ohne diese Hülfe die Dämmerung längst zur Nacht werden lassen; vorsorglich waren auch die Messinglampen am Herd bereits angezündet.

Die Männer, welche er um sich versammelte, strickten Netze oder schnitzten Quirl und Löffel, andre machten Holzschuh und die langen, nur im Norden bekannten Schlittschuhschiffchen, auf welchen der Bote über das Eis hinfliegt; sogar die Livréebedienten halfen; die Weiber spannen und strickten wollene Strümpfe, ein paar webten auf kleinen tragbaren Webstühlen grobes Linnenzeug. In der geöffneten Pforte stand halb drinnen halb draußen der Gänsebub, um Theil an der schönen Geschichte zu nehmen, die ein alter Jütländer abwechselnd sprechend und singend vortrug; – auf den Gänsebuben aber hatte es Helene abgesehen, er sollte ihr Liebesbote sein, denn er konnte weder lesen noch schreiben.

Der alte Jütländer, der als Torfbauer im Lande umherzog, trug etwas aus dem Bauernaufruhr (1441) in Nord-Jütland vor, wie in der Hangarde auf dem St. Jürgens-Berge, nicht weit von Aagaard, zwischen ihnen und dem Grundherrn eine blutige Schlacht geliefert, in welcher Eske Brock von ihnen erschlagen und in Stücken gehauen worden. Da rüstete sich der erzürnte König selber, und die Sache nahm eine andre Wendung: die Bauern hatten auf dem hohen Berge eine Wagenburg um sich geschlagen, so daß die Reiterei ihnen nichts anhaben konnte, – die Grundherren aber gewannen etliche unter ihnen mit goldnem Versprechen, und klein und immer kleiner ward der tapfere Haufe. Der Alte sang:

»Erstlich gingen die Morsinger fort, Sodann die Verräther von Thy; Jetzt standen nur die Wendelbo'r noch Und diese wollten nicht fliehn! Jetzt standen nur die Wendelbo'r noch, Und diese wollten nicht fliehn; Bauten eine Wagenburg sich, Ließen Alle ihr Leben dort!«

Mit glühenden Köpfen lauschte der ganze Kreis dem Erzähler – als aber Helene eintrat, flogen alle auf von ihren Sitzen, und der Freiheitssang stockte. Sie winkte freundlich und schritt sogleich auf den Gänsepeter zu.

»Du trägst mir das Papier sogleich zur Mamsell Johanna, des Kirchners Tochter,« sagte sie laut, »und sie soll Alles recht gut versorgen und bestellen!«

Seufzend ließ der lange gelbhaarige Junge die Wendelbo'r in ihrer Wagenburg, lüpfte die Pelzkappe und trollte sich von dannen. Helenen war leicht und froh um's Herz; eine Weile sah sie dem Burschen nach, ob er nicht umkehre, aber der laaländer Bauer war Dienst gewohnt und bange dazu!

Als Helene wieder auf der Treppe war, begann der Freiheitssang von neuem; ach, in diesem Augenblick hätte sie gern der ganzen Welt Freiheit gegönnt und gegeben! sie war durchaus auf der Seite der Revolutionairen. – Das Gespräch der drei Damen war noch nicht beendet – »daß eine solche Leidenschaft für ein Fräulein ihres Standes unstatthaft sei;« schloß die Nordermule. »Solche Heftigkeit verdirbt den Teint, man kann sogar leicht eine rothe Nase davon tragen, oder kupfrig werden. Giebt es denn zwischen dieser Excentricität und gänzlicher Apathie kein drittes? Wie unendlich glücklicher sind Sie, theure Amalie, daß Sie so ruhigen Gemüths die Abwesenheit des Barons als eine Ihnen von Gott gesandte Prüfung hinzunehmen vermögen. Zu Lichtmeß werden es fünf Jahr, daß Sie ihm das Jawort gegeben, und Sie blühen trotz ihrer herzlichen Liebe zu ihm in ungekränkter Anmuth und Frische.«

»Wir wollen dennoch hoffen,« erwiederte lachend Amalie, »daß der etwas farblose Roman meines Lebens sich in Bälde zu einer Feyenschen Idylle wandeln wird; Baron Arnsöndal hat die Freiherrschaft seines alten Oheims endlich übernehmen können, und ich darf hoffen, mit Annetten zugleich meine Hochzeit zu feiern.«

Gerührt schloß die Nordermule ihren ältesten Zögling in die Arme, und benetzte dessen Locken mit Thränen; Amalie war um fast acht Jahre älter als Helene, und allerdings war es die höchste Zeit zur Ausführung der längst skizzirten Idylle zu schreiten! –

Helene war unbemerkt eingetreten, sie stand auf der Schwelle und lehnte unsäglich gelangweilt das Haupt an den Thürpfosten.

»Nun wird es zwei Ausstattungen zugleich zu bereiten geben,« sagte, sorgsam Aug' und Wange trocknend, die kleine Alte. »Ach, wenn man dabei an alle die gegenüber aufgehäuften Schätze denkt.« –

»Um Himmels willen, ma bonne,« rief, hocherfreut diesen Gegenstand einmal erwähnt zu hören, Annette, »sagen Sie mir endlich, was man in diesen ewig vor Luft, Sonne und Menschen verschlossenen Zimmern bewahrt! Hundertmal schon habe ich Sie fragen wollen, welchen Schatz eigentlich diese Zauberhöhle umschließt?«

»Was denn anders als unserer verstorbenen Tante Ausstattung,« fuhr Amalie fast zürnend auf, »Du mußt es ja längst wissen! plage doch unsere arme gute Emerenzia nicht! Die Erinnerung an jene alte vergessene Geschichte macht sie jedesmal nervös und krank!«

»Ja ja!« sagte starr vor sich hinschauend, aber die hochliegenden, wasserblauen Augen bewußtlos in's Leere gerichtet, die kleine Bucklige. »So ist es! es war die glänzende Ausstattung der unvergleichlichen Ulrike, des Sterns meiner Kindheit und Jugend! ach, ich habe ihn nie in seiner ganzen Lichteskraft leuchten gesehen! Nur wenige Wochen vor ihrem Tode kehrte ihr das volle Bewußtsein zurück; sie flammte noch einmal auf, wie eine verlöschende Kerze. Liebe Kinder, ich bin recht viele Jahre über die Erde hingewandert, manchen Sommer und Winter entlang, doch ihres Gleichen an Sanftmuth und eingeborner Sitte ist mir nimmer zum zweitenmal begegnet! Wer Ulriken sah, hätte auch ohne unsre heilige Offenbarung an den Himmel und seine ewige Vergeltung geglaubt!«

»Aber liebe Nordermule,« rief plötzlich vortretend Helene, »Du mußt ja noch ein Kind gewesen sein, als die Tante verschied, ich habe sie niemals gesehen, bei meiner Geburt war sie vermuthlich schon lange todt.« Seitdem das Gespräch um diesen Gegenstand sich drehte, war sie dem Gange desselben aufmerksam gefolgt.

Die Alte schüttelte verneinend das Haupt. »Es sind kaum dreißig Jahre, daß unser theures Fröken[2] geendet,« erwiederte sie, »ich aber zähle sechs und funfzig Jahre!«

»So haben Sie Ulriken noch jung gekannt?« fragten wie aus einem Munde die drei Schwestern.

»Ja und nein. Körperlich hatte der Herr sie lange noch frisch erhalten, allein die Blüthe der Seele war geknickt. Meine Mutter, welche als Kammerfrau im Dienst ihrer Hochwürden der Frau Fürstin Abatissin zu Wallöe im Stift lebte, hat mir das Meiste von ihr erzählt, da jene das Fröken eigentlich auferzogen und mit zärtlichster Liebe ihm anhing. Tausendmal hat sie mir von Ulrikens außerordentlicher Schönheit gesprochen, auch konnte ich selbst deren Spuren noch lange, lange ihr ansehen. – Damals, als sie sechzehn Jahre alt war, und meine Mutter eben ihren Dienst angetreten, sagte man: auch die müdeste Seele des aller ärmsten Fäestebönders[3] sei fröhlich geworden und frei, wenn ihn das Fröken begrüßt! Wenn sie leichten Ganges über die Haide hineilte am frühesten Morgen, wenn der Nachthauch noch scheidend über die Haide streicht und sie aufwogen macht wie das Wasser im Belt, so blieben, trotz dem drohenden, scheltenden Vogt, Alle die zur Arbeit gehen sollten auf der Thürschwelle stehen, und schauten ihr nach wie dem guten Omen! Aber freilich kannte sie auch jedes Einzelnen Weib und Kind, scheute vor keiner mit Stroh und Schilf überdeckten Hütte zurück, saß ungeachtet des dicken Rauchs der schornsteinlosen Küchen mitten unter ihnen und hörte mitleidig all der Bauern Klagen; oder sie erzählte den Kindern wunderschöne Mähren von unseren tapfern Seehelden und ihren gewonnenen Schlachten, von Juels und Tordenskiods Waffenthaten; sogar die alte Saga wußte das Fröken zu singen! Waren dann die Männer alle fortgezogen auf den Delphinen- oder Seehundsfang, und der Vogt trieb deren Weiber an zur Feldarbeit, oder sandte sie gar hinaus auf Botengängen tief hinein in's Land, dann saß sie Stundenlang bei den Allerkleinsten, wartete und fütterte sie und lehrte die Größeren. Ach, ich selbst werde nie vergessen, mit welchem Glockentone sie die alte schöne Geschichte sang, vom guten König Sueno und seinem strengen Freunde, dem Bischof Wilhelm in Roeskilde; da blieb kein Auge trocken im weiten Kreis.« –

»Aber,« unterbrach abermals Annette die Erzählerin, »war denn die Tante eine Gelehrte? woher wußte sie denn das Alles? In ihrer Jugend hatten doch die Frauen viel weniger Gelegenheit sich auszubilden als wir jetzt, sie lernten ja kaum nothdürftig lesen und schreiben! Wie war denn gerade Ulriken eine so viel bessere Erziehung geworden?«

Die kleine Nordermule schrak zusammen, als habe sie eine Schlange gestochen, und wurde blaß, blaß wie der Tod; ihre Züge nahmen einen Ausdruck tiefster Zerknirschung an, der ihnen sonst gar nicht eigen, sie war sichtlich mit ihrem Gewissen in Streit gerathen, und warf sich innerlich ein Unrecht vor. »Ich weiß das Nähere nicht,« erwiederte sie ganz beklommen, »aber es ist spät; über dem Schwatzen haben wir das Wegräumen des Theezeugs, und ich glaube gar der Schlafenszeit vergessen.«

Es ward den Mädchen unmöglich, das Gespräch von neuem anzuknüpfen.

Helene hatte ihren Zweck erreicht; mit schwerem Seufzen und schwererem Herzen hatte Thorald, den Bitten der Geliebten zufolge, den Haaren seiner Maria Jacoba eine dunklere Färbung gegeben, das Blau ihrer Augen in Schwarz verwandelt und so das Frappant-Individuelle der Aehnlichkeit seines Bildes mit den Zügen des Schloßfräuleins gemildert, – was davon noch geblieben, konnte dem unbefangenen Blick für bloßen Zufall gelten, ja vielleicht ganz ihm entgehen. Am Johannis-Sonntage hatte die feierliche Enthüllung des Gemäldes stattgefunden; der Magistrat und ganz Nysted waren auf's höchste befriedigt, die Anerkennung und Dankbarkeit der Bürger sprach sich allgemein und beinahe rührend aus, denn der Alt-Lutheraner hängt fast dem Katholiken gleich an würdiger Ausschmückung seiner Gotteshäuser. Vielleicht waren es eben die sinnlichen Zeichen, mit denen er gern seine Verehrung des Höchsten umkleidet, welche jenen Tagen unsre religiösen Spaltungen ersparten. Das Gemüth bedarf einer Gefühlsumfriedung, wird ihm diese, so hält es oft den zweifelnden Geist mit in den Schranken einer liebgewordenen Gewöhnung.

Graf Christian hatte öffentlich in der Kirche dem Künstler seinen Dank ausgesprochen, im Schloß war derselbe nicht wieder gesehen worden, und keine Einladung irgend eines Mitgliedes der gräflichen Familie berief ihn dahin zurück.

Schloß Aalholm hatte indessen festliche Tage erlebt; alle Mitglieder der Familie waren anwesend, um die feierliche Doppel-Verlobung zu begehen. Die in Seeland und Fühnen ansässigen Brüder waren mit ihren Gemahlinnen herübergekommen, die künftigen Schwäger zu begrüßen und Schnepfen zu schießen; das Alles war prächtig! –

Helene hatte viel von dieser Zusammenkunft erwartet; sie hoffte die jüngern Brüder zu gewinnen, denn beider Frauen waren bürgerlich geboren, allein ihre Pläne scheiterten an Christians strengbesonnener Festigkeit; er vereitelte ihr jede Privatunterredung mit ihnen. Auch waren allerdings die Verhältnisse in sich selbst sehr verschieden von denen des Malers. Janfru Abilgaard, welche erst vor kurzem dem jüngsten Grafen ihre Hand gereicht, war einem in Dänemark hochberühmten Geschlecht entsprossen. Die ältere Schwägerin, Gräfin Friedrich-Gejer, die wir aus Amaliens und Annettens Unterredung als Gegenstand ihres heimlichen Neides kennen gelernt, war eine geadelte, unermeßlich reiche Banquierstochter aus Hamburg. Sie hatte ihrem Gemahl ein bedeutendes Vermögen und Güter auf Seeland zugebracht, auf denen sie, wie in ihrem Winter-Hôtel zu Copenhagen, die glänzenste Existenz ihm bereitete.

Friedrich war der Crösus in der Familie und lebte danach, in grellem Gegensatz zum Aalholmer Stammhause, dessen Bewohner seit Jahrhunderten Abgeschiedenheit und Stille vorzogen, ihre Besitzungen unter ihren Augen bewirthschaften ließen, selten in Staatsangelegenheiten sich mischten, keine Art Hofdienst bekleideten, und alljährlich auf wenige Wochen in der Residenz am Hofe zu erscheinen pflegten.

Von dem Allen machte der jetzige Majoratsherr eine Art Ausnahme. Seit Christian VII. Regierungsantritt hatte er, wie schon erwähnt, so lebhaft es seiner Eigenthümlichkeit nach möglich, des Königs Bestrebungen in der Bauernsache sich angeschlossen. Dieser hatte schon im ersten Jahre seiner Thronbesteigung, im Amte Copenhagen alle seine einzeln liegenden Höfe parcellirt als Eigenthum den Bauern überlassen. Der Graf hatte später, als ihm das Majorat zufiel, diesem edlen Beispiel zufolge höchst wohlthätig in Laaland gewirkt für die gute Sache; sein Jütländer Aufenthalt hatte ihn mit den Mißständen und Bedürfnissen des unglückseligen entwürdigten Landmanns vertraut gemacht, und seine Handlungsweise und die Opfer, welche er seiner bessern Erkenntniß gebracht, hatten ihm auch die Gunst Friedrichs VI. erworben. Er machte keinen Gebrauch dieses Vorzugs. Wie seinem Vater, dem seligen Grafen Thugge, blieb das persönliche Erscheinen am Hofe in Copenhagens eleganten Kreisen ihm eine peinigende Pflicht, ja eine unerträgliche Last, der er auf jede Weise sich zu entziehen suchte. Die ihm gewordene Auszeichnung, die ausgesprochene Gnade und Theilnahme der beiden Monarchen verwirrte, ja verscheuchte ihn. Selten sah man ihn länger als eine Woche hindurch in der Residenz, wohin er um die Zeit des königlichen Geburtsfestes seine Schwestern geleitete, dann aber so bald als möglich dem Schutze ihrer anderen Brüder sie überließ.

Zu der drei Mädchen Qual gehörte dagegen ein fast unbeachtetes Auftreten an der Seite der sie in Allem überflügelnden Hamburger Tante, deren Luxus sie zerdrückte, deren Manieren ihnen mißfielen, deren Geld-Aristokratie sie verdroß, und besonders in den beiden Aeltern fast Abneigung und noch viel größere Oppositionen im täglichen Verkehr erzeugten, als die, mit welchen sie der kranken und resignirten Eva sich entgegenstellten, der sie die geringe Herkunft und leibeigene Geburt nicht zu verzeihen vermochten. – All diese kleinen Lebensstörungen und stündlichen Hemmnisse hatten in beiden rückwirkend einen wirklich verblendeten Adelstolz geweckt, der sich überall aussprach, und jetzt auch Helenens Wünschen, ihrer Neigung zu Thorald, jede begütigende Vermittlung versagte.

Noch in den Kinderschuhen hatte Helenens Wesen eine von dem Bildungsgange der Schwestern ganz abweichende Richtung erhalten. Das in der Wiege verwais'te Kind, – die Mutter war in Wochen gestorben – fiel abwechselnd bald in diese bald in jene Hand. Ihr lebhafter, prägnanter Geist, der besonders ältern Männern ungemein anziehend erschien, gewann ihr frühe schon Freunde aus allen Ständen; besonders aber in Copenhagen, wohin sie den ältern Schwestern folgen mußte, waren einige ehemalige Gefährten ihres Vaters, deren Umgang Einfluß auf ihre Denkart und innere eigene Seelenerziehung hatte, ohne daß jene es beabsichtigten. Die kleine Nordermule sah voller Schrecken der plötzlichen Entfaltung der ihren Zögling aufwärts tragenden Flügel zu, ohne den ihr unerreichbaren Flug derselben verfolgen zu können; im zehnten Jahre schon war Helene ihrer eigentlichen Leitung entwachsen. – Der liebreizenden äußern Erscheinung des Mädchens that keine Willkür, noch auferlegte Regel Eintrag, sie blieb durchaus natürlich und einfach; an ihren Putz dachte sie wenig, gerade weil ihr Alles gut stand, an ihr Benehmen noch weniger, es umwogte sie beständig eine unbewußte Grazie, ein Sichgehenlassen, das dem Bewegen eines jungen Rehes gleich. Träumerisch und doch voll stets regsamer Gedanken, saß sie mitten unter Verwandten und Gespielen allein, immer in sich mit etwas außer ihrem Kreise und Bereich beschäftigt. So machte sie der Anfang der französischen Revolution, die wohl unter allen Ländern in Skandinavien am einflußlosesten blieb, zur Jacobinerin; die Kargheit der in ihrem Vaterlande und insbesondere in ihrem Vaterhause seltenen Detailnachrichten entflammten sie immer mehr, und ließen sie einen heiligenden Nimbus um Alles das breiten, was ihrem eigentlichen Charakter fern, ihr halbes Verstehen in endlose Widersprüche gestürzt haben müßte. Bald schwärmte sie für Mirabeau und Charlotte Corday, bald vertheidigte sie Robespierre und schauderte mit frommen Entsetzen vor der Schwestern Theilnahmlosigkeit zurück, die in Mußestunden in die Revolution blickten, wie in einen Guckkasten, und der amerikanischen Kriegsscenen nur beim Einkauf englischer Waaren gedachten.

So entwickelte sich Helene zur blühenden Jungfrau. Während die älteren Fräulein, unter tausend kleinen Qualen und Freuden des geselligen Verkehrs, eine Menge Verhältnisse alljährlich knüpften und lös'ten, nur von Liebhabern, Courmachen, Pferderennen, Schlittenfahrten und Bällen träumten, und am Ende doch Jahr aus Jahr ein unvermählt blieben, hatte das kaum erwachsene Mädchen in seiner anmuthreichen Absonderlichkeit eine Anzahl ernstlicher Verehrer und sogar einige sich nähernde Bewerber gefunden. Sie aber wies lachend Alle ab, glaubte ihren Betheurungen selten oder gar nicht, sprach mitten in deren pathetischen Erklärungen von etwas Anderem, und versicherte ihrem sie tadelnden Bruder: »all diese Geschichten wären ihr ganz unsäglich langweilig, der Langenweile aber meine sie zur Genüge in Aalholm finden zu können.« Mademoiselle Nordermule war in Verzweiflung. – Helene war sogar einmal, während einer etwas langgedehnten Liebes- und Heirathsbewerbung zum Salon hinausgegangen, aus Zerstreuung. Helenens Schwestern gaben ihr Recht, »weil sie noch ein Kind sei.« Eine Heirath der viel jüngeren Schwester hätte ihnen den Anstrich höheren Alters gegeben.

Die kleine Gouvernante ließ sich nicht irre machen! Helene zählte damals zwanzig Jahr, obschon sie aussah wie ein Mädchen von sechzehn; sie suchte auf jede Art ihres Lieblings Glück zu fördern, warnte sie vor späterer Vereinsamung und ermahnte sie, der Tage zu gedenken, von denen geschrieben steht, »daß sie uns nicht gefallen werden.«

Helene aber lachte. »Ich will weder einen Kohl- und Krautjunker, der seine Ochsen, Kühe, Hunde und Pferde lieber hat als mich, noch einen voltairisirenden Salons-Cavalier, der jeder Schürze nachläuft, und nicht einmal die heilige Jungfrau Maria in Ruhe lassen kann, ohne üble Nachrede; begegne ich nicht endlich einem wirklichen menschlichen Menschen, der kein bloßer Repräsentant seiner gesellschaftlichen Stellung ist, so will ich auf meinem Stift bleiben und dort wie meine sieben Cousinen Gejer-Mogenstrupp als Chanoinesse alt und grau werden. Ich bedarf einen Freund, der mich den Reichthum der von mir kaum geahneten Welt kennen lehre, der mir die Seele mit edlen, heitern Bildern füllt – ich kann nicht bloß von Arbeit und Pflichten leben, ich bedarf auch Genuß! Was hilft mir die Hesperiden-Ferne, in welche mich Dichter und Künstler schauen lassen, wenn sie mir unerreichbar bleibt, wenn ich in meiner engen Gegenwart geistigen Hungers sterbe? Es kann nicht Jeder, wie mein Bruder, ein Gelehrter sein, der sich über einen Schmerz oder Verdruß wegexperimentirt; es kann auch nicht Jeder immer nur der Bauern Rechte und seine eigenen während des Unrechts vergessen, das ihm am allernächsten steht! Ich würde meinen Mann ganz miserabel behandeln, oder mich von ihm mißhandeln lassen, das ist eine entsetzliche Sclaverei! – Wenn so ein armer Schelm von Bauernbengel unser Leibeigener wird, weil er auf unserm Hofe mit dem andern lieben Hausvieh geboren, und wir ihn verkaufen dürfen an die Miliz, wie einen jungen Jagdhund, so thut mir das von ganzem Herzen weh! ich gönne es ihm, wenn er loskommen und uns entwischen kann, aber es langweilt mich schon daran zu denken, wenn ich ihm nicht helfen kann; ist es dann also nicht thöricht, mich selbst der Leibeigenschaft, der ich so tief in's Auge gesehen, bei einem Manne Preis zu geben, dessen Fesseln ich nun und nimmer zu entrinnen hoffen darf? es gilt da kein Loskauf, Emerenzia! oder soll ich, wie meine schöne Schwägerin, seine Gebieterin sein, ihn zu meinem Sclaven machen, und mich innerlich den ganzen Tag seiner schämen?« Die kleine Nordermule seufzte und – schwieg.

Jahr um Jahre schlichen auf diese Weise vorüber. Comtesse Amalie war verlobt, Annette hatte alle Aussicht es zu werden. Helene kehrte unveränderten Sinnes aus der Hauptstadt zurück, nur begann ihr die innere Einsamkeit schwerer zu werden; es giebt Mädchen, bei denen das Herz weit später erblüht, als der Körper. Zum ersten Male schlich sich ihr die Sehnsucht in den Frühling.

Die Nordermule seufzte noch schwerer – Helene wies ihre Bewerber bloß auf etwas höflichere Weise ab. »Ich mache künftig in meinem Stift meinen alten Verehrern und deren Kindern Confitüren und backe ihnen Pfefferkuchen, wie meine sieben Cousinen Mogenstrupp,« versicherte sie komisch-ernst.

»Auf dem Stift ergrauen, wie jene Sieben?« sie waren der Nordermule entsetzlicher als die Sieben vor Theben.

»Aber Emerenzia! kannst Du Dich nicht erinnern, daß sie uns in Copenhagen besuchten, wie meine Schwestern auf die ersten Bälle gingen, und ich noch ein kleines Kind war? Schon damals haben sie mir einen imposanten, ganz majestätischen Eindruck hinterlassen; sie gingen alle überein gekleidet und trugen gewaltige Kreuze um den Hals gehängt an schweren Ketten, und in der Linken ein Schnupftuch und einen Stockschirm mit Gold- und Perlemutterknöpfen. Ihre Mutter war bildschön gewesen, hatte sich früh vermählt und war in guter Zeit Witwe geworden, eine strahlende, reizende Witwe. Wuchsen ihr da mitten in ihren Successen sieben lange Töchter zur Seite auf, die auch gar nicht übel waren, blonde, braune und schwarze! Was konnte die arme Frau Besseres thun, sich der Nebenbuhlerinnen zu erwehren, an deren Seite sie in den königlichen Soireen erscheinen mußte, als – die Töchter zu Caricaturen aufzuputzen, bis die armen, in unglaublicher Abenteuerlichkeit mit Juwelen, Blumen, Bändern überladenen Mädchen, durch die Barrière der Lächerlichkeit von aller Jugend abgesondert, wie eine Gesellschafts-Chimäre dastanden, die nur dazu diente, der alternden Armida Reize zu erhöhen. Die immer noch hebeartig blühende Mutter bejammerte »das unglaubliche Ungeschick« ihrer Töchter, und eines schönen Tags dämmerte diesen eine Ahnung auf, daß sie lächerliche Figuren geworden! So saßen sie wie Tarock-Karten lang und bunt an die Salonwände gelehnt, blieben sitzen, wenn die Andern zu Menuet, Quadrille und Anglaise flogen, blieben sitzen, bis sie endlich fortzogen in ihre Stifts-Curien, und sitzen dort noch, einsam, hehr und adelstolz, wie früher in den jungfräulichen Zellen ihres Familienschlosses.«

»Und die Mutter?« – die Nordermule sah bei der Erzählung wie ein Frühlingsungewitter aus: sie lachte und weinte, wie Sonnenschein und Regenguß, zu gleicher Zeit.

»Ach, ma bonne, das ist eine hochtragische Geschichte! Die Mutter starb, au beau milieu de ses succès, als es ganz unmöglich war zu verhehlen: daß die vierzigjährigen Mädchen – erwachsen wären!«

»Aber Helene! welch ein Gedanke Dich diesen Schwestern zu vergleichen, sie fanden nie einen Mann und –«

»Sie fanden vielleicht bloß einen, wie ich ihn auch finden werde, einen Mann – im Mond? Den man nicht heirathen kann, weil er bürgerlich ist, und sein Kohlkopf und Dornbusch auch, oder weil er uns nicht mag, oder weil er nichts taugt, einen Mann, der nicht reich, nicht vornehm, nicht klug, nicht schön genug für die ganze ihn natürlich mitheirathende Familie ist! Vielleicht dachte Eine oder die Andre wie ich, und wollte für sich selbst heirathen, vielleicht waren sie aber auch den Männern gar zu herrlich und majestätisch –«

»Helene!«

»Warte nur, Emerenzia, Du sollst sie selbst sehen! Drei von ihnen leben jetzt in Wallöe und im Herbst besuchen sie die Andern um Marzipan zu backen. Und doch! weißt Du, Nordermule, die armen alten Mädchen sind wahrscheinlich unter sich glücklicher als hier Christians Frau! o die milde, geduldige Eva –«

Die Gouvernante schwieg; sie fand es nicht anständig, des Grafen, ihres Brotherrn, Verhältnisse zu besprechen. Lachend drückte ihr Helene die Hand, die Beiden verstanden sich vollkommen.

Und wenig Wochen nach dieser Unterredung sollte ein junger Maler die Portraits der drei Fräulein machen – und die Liebenden sahen einander zum ersten Mal.

Ich weiß nicht, ob schon von einer Frau ausgesprochen worden, wie ein Mädchen das nahende Geschick ihres künftigen Daseins vorausempfindet beim ersten Anblick eines Mannes, den es ernst und leidenschaftlich zu lieben bestimmt ist. Ich glaube jeder tiefen, das ganze Wesen durchglühenden Empfindung geht ein Durchzittern des Herzens voran, das keiner andern Lebensahnung gleicht, ein plötzliches bebendes Verstummen der Gedanken, die nicht wagen, den Gegenstand zu berühren, der wie das Geheimniß des nahenden Tages die plötzlich aufwogenden Stimmen der Natur aufruft aus dem Schlummer – alle anderen Empfindungen der Seele schlagen an wie erwachende Vögel in der sich lichtenden, der Sonne vorangehenden Dämmerung; alle Blüthen der Seele stehen in Thränen und öffnen dem nahenden Tage ihren Kelch; es legt sich ein tiefes, heiliges Mysterium über die innere, wie über die Außenwelt: der nächste Augenblick muß es durchzuckend lösen – o, wer ewig an dieser Zauberschwelle weilen könnte, durchbräche nie die Sonne der Wirklichkeit, so schön sie ist, den Goldsaum der Wolkenbilder, die den fernen Himmel mit ihrem rosigen, wogenden Leben umhüllen und ihn der Erde verbinden! –

Und Thorald? Nun Thorald empfand nicht eben die erste Liebe, aber dennoch die erste festhaltende, ernste Neigung seines Lebens. Sein einfacheres, alltäglicheres Gefühl glich weniger einem zur Priesterschaft des Lebens heiligenden Mysterium, allein mit jedem Tage wurde es tiefer und wahrer. Anfangs sah er in Helenen noch die vornehme Dame, empfand den Unterschied der Stände als drückende Last; mit Gewalt hätte er seiner wachsenden Leidenschaft entfliehen mögen, er gedachte seiner Kunst, seiner Mutter und einer Menge vorübergezogener Empfindungen, die ihn abwechselnd beherrscht hatten und dann in sich selbst verflüchtigt worden waren in Rauch und Dunst; er schalt sich, daß ihm eine ähnliche Behandlung seiner Liebe zu Helenen mißlang; nach und nach siegten das Herz in ihm und die Natur, die sich nicht gebieten läßt! er liebte das Mädchen täglich inniger und menschlicher. Thorald war keineswegs, was die Geliebte in ihm sah, was die Zeit, die er durchlebt, ihn erscheinen machte, aber er war ein redlicher, aufrichtiger Mann, mit einem Fond unendlicher Gutmüthigkeit; die gewaltsamen Ereignisse, die er miterfahren, hatten ihn eine Strecke mit sich fortgerissen; nun war ihm eigentlich unsäglich wohl, in die ihm natürliche Beschränkung und Harmonie des Empfindens zurückzukehren. Von der Mutter und einer alten Magd bis in's siebzehnte Jahr erzogen, lagen eine Menge weiblich ausgebildeter zarter Gefühle in seiner noch nicht ganz ausgearbeiteten Seele; er schämte sich ihrer in Männerkreisen, in Italien waren sie von ihm selbst vergessen und zurückgedrängt worden, nun erblühten sie alle in zauberischer Frische, – trotz seines Kummers war Thorald unbeschreiblich glücklich!

Graf Christian hatte sich gegen seine beiden Brüder ausgesprochen. Man war darin übereinstimmend, Helenens Neigung wie eine romantische Grille zu behandeln, der nichts wirkliche Folgen zu geben vermöge, da sie in keins der bestehenden Verhältnisse passe. Nur im äußersten Nothfall sollte offenbarer Widerstand ihr entgegentreten. Christian war der einzige unter den Brüdern, der wider Willen an eine wahre Gefühlstiefe ihrer Liebe glaubte und den möglichen Ernst derselben scheute; Friedrich und Johannes lachten ihn aus, beide waren Welt- und Hofleute. »Helene ist volle vierundzwanzig Jahr, und folglich über Nußschalen- und Hüttenalter hinaus,« versicherten sie.

Vielleicht wäre man zu kräftigeren Maßregeln geschritten, hätte man nicht jede öffentlich wiedertönende Erinnerung an des Erbgrafen arge Mißheirath zu meiden gesucht. Die beiden Brüder boten dem Maler Arbeit auf ihren Gütern zu Fühnen und Seeland, verschafften ihm auch bei den arglosen Schwägern und anderen Nachbarn und Freunden Bestellungen. Thorald ward mit Arbeitsvorschlägen überhäuft, – die alle ihn von Laaland zu entfernen bezweckten. Wirklich ging er nach Fühnen, aber nach vierzehn Tagen war er wieder in Nysted. Dann kehrte er wieder zu den begonnenen Bildern zurück. Auf diese Weise wechselte er fortdauernd den Aufenthalt, ohne je sein Mädchen aus den Augen zu verlieren; beim Küster behielt er ein Absteigequartier, er malte den Alten und eine Anzahl Bauern als Studium, Johannen aus Dankbarkeit; – man konnte ihm nichts anhaben, es blieb unmöglich, ihn ganz von der Insel zu vertreiben.

Eine fortgesetzte Correspondenz mit der fast mündig gewordenen Schwester zu hindern, gelang noch weniger; Christian bemerkte Helenens schadenfrohes Lächeln und beschloß ernstere Mittel zu ergreifen.

Unterdessen schritten die Vorbereitungen zu den im Herbst bestimmten beiden Hochzeiten täglich weiter. Vieles wurde in Copenhagen bestellt, anderes zur See aus Schleswig und Hamburg verschrieben; eine Tüchtigkeit der Pracht waltete überall vor. Zuletzt kamen die Truhen in den verschlossenen ehemaligen Wohnzimmern der Tante zur Sprache. Sie hatte diese als achtzehnjähriges Mädchen verlassen, und nur wenige Monate vor ihrem Tode von neuem auf kurze Zeit bezogen; seit dreißig Jahren standen sie verödet. Graf Christian erklärte seinen drei Schwestern ehe man sie öffnete, der Augenblick eines nur sie allein betreffenden Erbschaftsantritts sei gekommen, er bäte sie, sich untereinander über die Theilung der von ihrer seligen Tante zurückgelassenen Ausstattung zu vereinen, deren Inhalt ihm selbst fremd sei, da kein Anspruch irgend einer Art ihn berechtigt habe, bis zu diesem Tage die Schlösser dieser Truhen zu öffnen. »Du,« sagte er scharf betonend zu Helenen, »wirst die Güte haben, den dir zufallenden Antheil dieser Gegenstände meinen oder meiner Gemahlin Händen anzuvertrauen, da es meine Pflicht ist, ihn erst bei Deinem einstigen Einzug in eines würdigen Gatten Haus Dir zu freier Benutzung zu überliefern, über die Theilung jedoch schon jetzt mit den Schwestern Dich zu besprechen, wirst Du mir hoffentlich nicht abschlagen.«

Eva war als bloße Zuschauerin bei diesen Verhandlungen gegenwärtig und sehr bewegt; deutlich blickte aus all ihrem Thun der Kummer über Helenens und Christians Spannung; Thorald erschien ihr als Störer eines Hausfriedens, den die Arme mit unerschöpflicher Geduld zu erschaffen stets von neuem träumte. – Die kleine Nordermule schwamm in Thränen, welche selbst der Respect für den Grafen nicht zu stillen vermochte.

Auf ein sehr kleines Vorgemach mit nur einem einzigen Fenster folgte eine Art Wohnzimmer, das der Einrichtung nach mitunter zum Empfang seltener Besuche gedient haben mochte. In dessen Mitte stand ein großer Tisch, auf demselben Tintefaß und Feder, auch einige Lehrbücher lagen dabei, das Ganze machte den Eindruck, als habe hier ein Kind Unterricht empfangen, – etwas weiter zurück, dem Fenster näher, stand ein niedriger Stuhl, und vor demselben einer jener schon erwähnten kleinen Webstühle, – »ach,« rief die Nordermule in heißere Thränen ausbrechend, »hier saß die Schließerin mit der Arbeit, während der Stunden, in welcher –«

Ein drohender Blick aus des Grafen aufflammendem Auge schloß ihr den Mund. – Das Gemach war durchweg mit weiß überstrichenem Holzgetäfel bekleidet, die grün- und goldumrandeten Medaillons seiner Wandfelder zeigten verblaßte Spuren schäferlicher Darstellungen im damaligen Geschmack; es waren ziemlich plumpe Nachahmungen der französischen Vorbilder jener Zeit; die ausgeschweiften, geschmacklosen Möbel, auch weiß mit Gold und Rohrgeflechten statt der Sitzpolster, gehörten ebenfalls dorthin.

Das hintere anstoßende Schlafzimmer hatte seinen aus einer weit frühern Periode stammenden ernsten Charakter bewahrt, sogar sein gothisches Bogenfenster mit den in Blei gefaßten runden Scheiben, in dessen Mauertiefen ein hochrückiger Nußbaumsessel stand. Etwas weiterhin gewahrte man einen schön geschnitzten Betschemel, und auf dessen Pult ein Kruzifix und eine schwere mit Klammern geschlossene Bibel. Die weiß getünchte, nur mit Eichenholz umrahmte Wand, deren Hälfte das große geblümte Gardinenbett einnahm, den Fenstern gegenüber der riesige blaue Porcellan-Kachelofen, – das Alles paßte weit eher zum Aeußern des Schloßbaues. Ein Stickrahmen bewahrte die in Seide noch unvollendete Großmuth Alexanders, – ein Eckschrank die kleine Hausapotheke, und über derselben zwei Reihen französischer und dänischer Bücher, poetischen und geschichtlichen Inhalts; an sie schlossen sich eine isländische Bibel, eine Sprachlehre und einige zum Studium dieses nördlichen Idioms nöthige Hülfsschriften. An der dem Bett gegenüber frei gebliebenen Wand standen vier herrlich in Nußbaum geschnitzte, mit künstlichen Messingbeschlägen gezierte Truhen, – sie nehmen allgemein noch in den ältern dänischen Familien die Stelle unserer Wasch- und Kleiderschränke ein, und stehen meist in den von einem zum andern Gemach führenden Gängen. – Wie es schien, hatte man sie aus dem Vorzimmer der Sicherheit wegen in diesen Theil der Wohnung der Verstorbenen gebracht. Alle zeigten die schön in Metall ciselirten Wappen des Hauses, nur eine trug den Namen der ehemaligen Besitzerin. –

Sei es die drückende Luft des allzulange verschlossenen Zimmers, oder lag wirklich in dem Allen der Nachklang einer jungfräulichen Abgeschiedenheit, einer so recht heimlich ertragenen Herbheit des vernichtenden Geschicks, alle Anwesenden waren ernst, ja fast wehmüthig gestimmt, als endlich die fast verrosteten Schlüssel in ihren Höhlen sich drehten, und die Truhen ihre geheimen Schätze zu Tage förderten. Der Inhalt bot ein individuell-seltsames Gemisch von Kostbarkeiten! Ueber den reichen, schwer seidenen Damaststücken und den gestickten Brocaten zu Kleidern, neben den Chagrinétuis mit Bonbonièren, Zitternadeln, Ketten, Ringen, Armspangen und all dem übrigen prächtigen Putz einer vornehmen Dame der damaligen Zeit, lagen abgewelkte Sträuße kleiner Wiesenblumen, – Schreibbücher eines Kindes, Repetitionen und Aufsätze, – Ausarbeitungen für einen gründlichern Unterricht als er damals gebräuchlich, geschriebene Bruchstücke der nordischen Saga, endlich ein in Silber gefaßtes kleines Medaillon, fast ärmlich abstechend gegen all die Herrlichkeiten, mit dem Miniaturbilde eines jungen Mannes. – Diese Truhe schien die Einzige zu sein, welche die Besitzerin geöffnet, die folgenden enthielten Schätze an feiner Wäsche, eine silberne Toilette, alles was zum persönlichen Gebrauch einer Fürstin geeignet; die letzte Kiste barg, was der Haushalt einer jungen Frau in glänzenden Verhältnissen fordern kann. – Alles war mit sorgsamster Auswahl bereitet, und zeugte von der mütterlichen Liebe der fürstlichen Erzieherin Ulrikens.

Während die älteren Schwestern gierig den Inhalt der Kasten musterten, und über dessen Eintheilung in drei gleiche Loose den Druck der beklommenen Luft im Gemach vergaßen, athmete Helene schwer und schwerer! Sie hatte sich des kleinen Medaillons bemächtigt und betrachtete mit immer traurigerer Miene die bleichen sanften Züge, die es ihr bot. Die schwarze Kleidung des Jünglings verrieth den Candidaten, – »ihr Lehrer oder ihr Liebster?« dachte das Mädchen. –

»Auch hier das nämliche Geschick! den alten Fluch des Hauses,« hauchte kaum vernehmbar Eva, die ihr über die Schulter blickte. Helene sah sie an, sie war blaß und zitterte merklich; sie bat die immer noch auspackenden Schwestern das Medaillon ihr zuzutheilen, und erhielt es leicht, denn es war altmodisch gefaßt und unschön als Schmuck.

Endlich waren die Loose fertig, die Schwestern theilten nach Zufall, – am Boden blieben die welken Frühlingsblüthen und die Papiere; die arme Nordermule sammelte Alles auf; Eva hatte bereits die sie beengenden Räume verlassen, – der Anblick war ihr unerträglich.

Sobald der Eifer der besitznehmenden Schwestern es ihr gestatteten, entzog auch Helene sich dem ihr durchaus peinlichen Eindruck. Die ganze Scene machte ihr das Herz schwer; es kam ihr Alles, sogar ihre eigne Theilnahme daran, wie eine Entweihung, wie das gewaltsame Eindrängen in ein zartes, jungfräulich verhülltes Leben vor, das selbst der Tod nicht abzuschließen und dem frevelnden Blick des fremden Auges zu bergen vermöge, während lange qualvolle Jahre daran gesetzt worden, diesen einzigen armseligen Zweck zu erreichen.

Als sie die Schwelle ihres Zimmers eben überschritt, streifte sie Christians Arm, und seine Hand ergriff unvermuthet die ihre. »Helene,« sagte er ernst und strenge, »Du trägst den Schlüssel dieses bejammernswerthen Geschickes mit Dir fort,« er deutete mit dem Blick auf das Medaillon, »es hat trübe unser aller Dasein umleuchtet, wie ein Nordlicht, ohne unsre Wege zu erhellen, ohne unserm Auge die Bahn deutlicher zu machen, die wir zu durchwandern gezwungen! Gebe Dir Gott mehr Glück und mehr Besonnenheit als ihr, und ein klareres Verständniß des Unabwendbaren! Du kennst bisher nur die Lösung dieses traurigen Räthsels!«

»Ja,« erwiederte Helene gepreßt, »ja, mir ahnet, daß sie für gleichen Lebenseinsatz einen entsetzlichern Verlust, für gleiche Schuld – wenn es eine ist! eine schwerere Buße zu ertragen gehabt, als wir Alle!«

Christian lächelte bitter. »Es kennt keiner das Gewicht der Bürde des Nächsten!« Er war mit eingetreten und ging in fast leidenschaftlicher Erregung eine Weile auf und nieder. Endlich blieb er vor ihr stehen; »es kann nicht schaden,« setzte er mit unbeschreiblich traurigem Tone hinzu, »daß Du einmal die Dir noch unbekannten Schicksale Deiner nächsten Verwandten, ja Deines älterlichen Hauses in's Auge fassest – komm setze Dich zu mir.«

Helenens weiche Stimmung ließ sie dem Bruder schweigend willfahren; sie hoffte die Erzählung werde die Tante betreffen, hier in ihren eigenen Räumen scheute sie nicht, mit dem Einzigen, der um das Geheimniß zu wissen schien, davon zu reden; – so hängt auch das edelste, zarteste Gefühl vom Eindruck äußerer Umgebung ab! –

»So weit meine eigne Erfahrung reicht,« begann Christian, »habe ich stets bemerkt, daß in all den Einzelgruppen der menschlichen Gesellschaft, die wir »Familien« nennen, ein nämliches Grundprinzip des Glückes wie des Elends in fast all ihren Mitgliedern in unzähligen Umgestaltungen sich wiederholt. Es geht damit, wie mit der Aehnlichkeit der Gesichtszüge, die selbst, wo sie in Einzelfällen in gerader Linie verschwindet, in verwandtschaftlichen Kreuzungen, im Großneffen, im Enkelkind, in Tanten und Basen wieder auftaucht und sich unverändert geltend macht. Davon hat man tausende von Beispielen überall. Psychologisch erklärt sich aber das erste Phänomen, wenn man auf diesen Erscheinungen körperlicher Gleichheiten weiter zu fußen versucht und beachtet, wie sie Jahrhunderte zurück sich erstrecken, und eben so fortdauern um uns her, bis gewaltsam ihm aufgedrungene fremde Schößlinge den alten Familienstamm in seiner Wurzeltiefe und Wipfelhöhe überwuchert haben! – Es läßt sich gar wohl begreifen, daß auch die dem Leibe inwohnende Seele ihre eben so bis in den späten Ur-Enkel, durch Mischung sich analoger Körper- und Geisteskräfte, erzeugten ähnlichen Gebrechen und Tugenden bewahrt, und daß auf diese Weise der einzelne, sehr reich begabte Mensch zum Schöpfer einer Scala von herbeigezogenen Geschicken wird, die zusammenklingen, weil sie auf einem ihnen allen eigenthümlichen Grundton beruhen! Nennt doch selbst ein Volkswort Jeden seines eigenen Unglücks Schmied! Und so wird denn Fluch und Segen des längst schlummernden Ahnherrn immer von neuem erweckt, bis der letzte seines Namens und Stammes zu Grabe getragen ist.« – Erstaunt sah Helene den Bruder an; wie kam der sich nur mit abstrackter Gelehrsamkeit beschäftigende Mann, der Philosoph, zu diesen Ansichten eines Schwärmers?

»Seit unseres Großvaters Jugend, welche in die erste Hälfte des vorigen Jahrhunderts zurückreicht, hat jedes unsre Familie befallende Mißgeschick, das bald auf entwürdigende Weise deren zarteste Hoffnungen brach, bald den eigenen Herd, das Herz des Hauses zum Schauplatz des Ungehörigen machte, sein Entstehen einer durch Liebesraserei erzeugten Verblendung zu verdanken. Jede Neigung ist bei uns durch Widerspruch zur Leidenschaft ausgeartet, jedes das Dasein erhellende Licht zum wilden Feuer, das den Aufbau unseres Lebens zerstört, das Dach über unseren Häuptern verzehrt, uns arm und bloß, als Bettler in der leergewordenen Existenz zurückläßt!«

»Unser Großvater lebte in äußerlich günstigeren Verhältnissen als wir. Seine Jünglingszeit fällt in die Glanzperiode Niel Juuls und seiner Siege über die Schweden. Owen focht unter dem großen Feldherrn und zeichnete sich aus; das Vaterland nannte mit dem des Helden zugleich seinen Namen! Die der Krone geleisteten Dienste verschafften ihm die Hand einer dem königlichen Hause verwandten jungen Dame, der Fürstin Harald-Friedrichsborg. Bei anscheinend blühender Gesundheit bemächtigte sich ihrer bald nach der Vermählung ein heimlich schleichendes Uebel, das in fortgesetztes Kränkeln überging, und die Geburten einer Tochter (der Tante Ulrike) und zweier Söhne schwächten den zarten Körper der jungen Frau noch mehr. Auch das in ihren Verhältnissen unvermeidliche, geräuschvolle Hofleben schadete ihr, es raubte ihr die Möglichkeit einer allmäligen Erholung; sie starb, nachdem sie einem dritten Sohn, unserm Vater, das Leben gegeben, gleich nach dessen Geburt.

Grenzenlos war des Gatten Schmerz! In wahnsinniger Verzweiflung starrte er anfangs den Ueberbringer der Todesbotschaft regungslos an; dann aber sprang er einem wüthenden Tiger gleich, der seine Beute erfaßt, auf den Unschuldigen los, warf ihn zu Boden und trat ihn mit Füßen! Noch in der nämlichen Nacht starb der schwer Verletzte an den Folgen der erlittenen Mißhandlung. Des Königs Liebling aber, Graf Owen, entging jeder Anklage und Strafe, sogar der seines eigenen Gewissens; war es ja doch sein Leibeigener, den er zertreten wie einen Wurm! wer kümmerte in damaliger Zeit sich um den Gebrauch den Er, der Herr, von seinem Erb- und Eigenthum gemacht! – Aber die Verblendung des unsinnigen Zornes gegen das ihn betreffende Geschick riß ihn weiter fort auf der entsetzlichen Bahn, auch – dem eigenen Kinde, das diesem Unglück die Geburt dankte, dessen Eintritt in die Welt das Dasein der Mutter gekostet – dem Neugebornen fluchte er. – Der unnatürliche Fluch trug bittre, giftige Frucht! Der Verlust seiner Liebe hat an uns Allen in der Liebe sich erneut und gerächt, mochte sie gewähren oder versagen, als gebühre uns die Buße seiner Schuld.

Drei Söhne hatte die Gräfin geboren. Die zwei Aeltesten starben in den ersten Jahren auf fast unerklärliche Weise, ohne vorhergegangene Krankheit, vielleicht an von der Mutter ererbter Schwäche, sie welkten dahin, wie eine Blüthe abfällt vom Zweige. Unser Vater dagegen war kräftig. Mit furchtbarer Strenge erzogen, auf jede Weise abgehärtet, wuchs er unter fremder Leitung auf; oft mischten sich Willkür und Grausamkeit in die Erziehung, die ihm ward. Der Großvater liebte ihn nicht, nannte ihn fortgesetzt den Mörder seiner Mutter, und sandte ihn endlich nach Skovkloster in die von Herluff Trolle eingerichtete adlige Hochschule, um ihn nur Jahre lang fern von sich halten und seinen Anblick vermeiden zu können. –

Eine scheue Niedergeschlagenheit bemächtigte sich dort des Knaben – selbst Güte und Wohlwollen Einzelner, denen er Mitleid einflößte, vermochten nicht mehr ihn aufzurichten. Auch der Schwester durfte er nur in seltenen Zwischenräumen sich nahen; als sie erwuchs, sah er sie gar nicht mehr: so ward der einzige Sohn und Erbe ein Fremder im eigenen Vaterhause. –

Eine immer mehr überhand nehmende Melancholie breitete ihren düstern, ihm die ganze Welt umhüllenden Flor über des Armen schönste Jugendzeit. Jedes eigene freie Streben ward ihm untersagt, man zwang ihn in den Militairdienst, während ihn eine mächtige Neigung zum damals noch brach liegenden Felde des Naturstudiums, besonders zur Botanik hinzog; man drängte den Verschüchterten in eine Hofcarrière, wo er seines verlegenen Betragens, seiner nicht brillanten äußeren Erscheinung wegen, kein Glück machen konnte – ja es nicht einmal zu wollen vermochte, da die tiefste Sehnsucht seines Innern nur Stille und Abgeschiedenheit erstrebte. – Als er mündig und durch seines Vaters Tod Erbe dieser Besitzungen geworden, bewarb er sich um die Hand unserer Mutter. Er hatte sie in den Hofzirkeln der Königin kennen gelernt und empfand die heftigste Leidenschaft für sie – hiermit beginnt ein neuer Abschnitt unserer unseligen Familiengeschichte.«

»Aber,« sagte Helene, »ihm ward das Jawort der Geliebten, sein Gefühl ward erwiedert.«

Ohne ihre Bemerkung zu beachten, fuhr Christian fort: »unsere schöne geistreiche Mutter reichte dem Liebenden liebelos, gezwungen von ihrer Familie, die Hand! Eine unerwiederte Leidenschaft ist immer ein das Seelenleben spaltendes Weh; Besitz und stete Gegenwart steigern es zum unerträglichen! Sie war sein! Willenlos und widerstandlos ward sie ihm verbunden, aber eiskalt blieben die Lippen, auf welche er die seinen preßte, theilnahmlos blieb die Seele, der er unablässig die seine zu erschließen strebte. Ein entsetzlicher Kampf um Ruhe und Glück begann unter Beiden; je mehr er forderte, je weniger fühlte sie sich im Stande, das Verlangte zu gewähren. Seine Eifersucht ward erregt; ob sie gerecht oder nicht, wagt der Sohn nicht zu entscheiden! Auch auf unseren Kinderhäuptern lastete das Unglück; mich den Erstgeborenen unter Euch empfing, wenn auch kein Fluch, doch das Gefühl innerer Verzweiflung, statt des Kusses der Freude! –«

Er schwieg. »Aber die Tante?« fragte schüchtern Helene; in dem trüben Wahn des Bruders lag etwas seltsam Ansteckendes – »aber die Tante, wie traf denn eben sie, die Schuldloseste unter Allen, das aller Entsetzlichste! war sie denn –«

Christian rang sichtlich mit dem Entschluß in seiner Erzählung fortzufahren – in dem Augenblick ertönte der langgezogene Schrei einer Seemöve oder des Wettervogels; es war nicht die Stunde, in welcher das Thier zu schreien pflegt, aufmerksam horchte Christian hin. Er war aufgestanden und an's Fenster getreten, und kehrte so Helene den Rücken zu. Nach wenigen Secunden erklang der Schrei zum zweitenmal – zufällig wandte sich der Graf in demselben Augenblick der Schwester zu – sie war feuerroth geworden und näherte sich in sichtlicher Verlegenheit der Thüre eines anstoßenden kleinen Jagdsalons, welcher die erste Etage eines der Eckthürmchen des Schlosses einnahm – wie der Blitz stand Christian neben ihr; ehe er selbst sich seiner Absicht bewußt, hatte er gewaltsam die Thüre desselben aufgerissen und befand sich bereits in dem runden, durch mehrere große Fenster erhellten Saal. Aus dem einen derselben sah man über den Garten weg auf einen lieblichen kleinen Landsee, welcher die Besitzung Aalholm von dieser Seite begrenzt. – Drüben stand Thorald! Nach einer längeren Abwesenheit in Fühnen, von wo ihn die Sehnsucht, Helene zu sehen, zurückgetrieben, hatte der Unbesonnene nicht unterlassen können, ihr ein Zeichen seiner Rückkehr zu geben. –

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