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Eine dänische Geschichte

Eine dänische Geschichte. (continued 2)

Reading edition

»Tod und Teufel!« schrie der Graf, »wagt der Bube einem Fräulein von Gejern zu rufen, wie einer Bauerndirne.« – Besinnungslos vor aufwogendem, entsetzlichen Zorn riß er hastig eine von den Jagdflinten herab, welche an den Wänden hingen, und legte an. Heftig, aber keineswegs fassungslos ergriff Helene seinen Arm und schleuderte die Mündung des Gewehrs seitwärts. – »Unsinniger!« rief sie mit strafender fester Stimme, »meinst Du einen Leibeigenen vor Dir zu haben, der willig sich mit Füßen treten läßt?«

Der sich entladende Schuß war durch das Nebenfenster gegangen, das zufällig offen stand, die Schrotkörner streiften die Zweige der Allee, ohne irgend Schaden zu verursachen. Helene und Christian standen wortlos, zornig sich in's Auge blickend, einander gegenüber, als Eva von dem Knall erschreckt in's Zimmer stürzte, »was ist vorgefallen, was um Gotteswillen giebt es hier?« – rief sie in namenloser Angst, auf Beide zueilend. »Gar nichts,« sagte trocken mit ruhigem Ton Helene, »Christian hat nach einer Möve am Weiher geschossen und sie verfehlt.«

Des Bruders Auge dankte ihr; er hing die Flinte wieder zu den übrigen an ihren frühern Platz und reichte Eva die Hand; »es thut mir leid, Kind, daß meine Unbesonnenheit Dich erschreckt hat.« Ohne weitere Worte verließ er die Frauen – Helene rang nach Fassung, ihre Augen durchbohrten das Wäldchen, in welchem der Liebste entschwunden. Eva kannte sie viel zu genau, um nicht bei näherer Betrachtung, mit einer von der Welt abgeschiedenen Kranken oft eigenen Beobachtungsgabe, zu errathen, was eigentlich vorgefallen. – »Unvorsichtige!« flüsterte sie, Helenens Hand zwischen der ihren pressend, »willst Du denn durchaus ihn und Dich selbst elend machen? Ach, Du kennst nicht die volle ganze Kraft der Gefahr, welcher Du trotzig entgegen treten zu können wähnst! – War Thorald hier im Schloß?«

»Nein, dort am Weiher.«

Eva seufzte tief auf, dann fuhr sie mit sichtlicher Selbstüberwindung fort, weil sie es für Recht hielt zu reden. »Ich kenne Christian besser wie Du! glaube mir, er ist unbeugsam, hoffe nie den auf einen Punkt eigensinnig Verhärteten zu erweichen, nie wird er seine Einwilligung gewähren.« »Er ist nicht mein Vater, nur mein Bruder,« sagte das Mädchen ernst und fest, »seine Gewalt über mich muß Grenzen haben, obschon er mein Vormund ist, jedenfalls ist sie weder unabwendbar noch lebenslang dauernd. Ich bin in seinem Hause, Eva, und werde nichts thun, was ihn ernstlich kränken könnte, aber ich bin frei wie er« – sie erschrack als die letzten Worte über ihre Lippen kamen.

Eva aber schüttelte traurig den Kopf, »das Land, seine Sitten, der Stamm, dem Du angehörst, bilden eine dreifache Mauer um Dich und Deine erträumte Freiheit. Es ist nicht bloß Dein Bruder, nicht nur sein Adelstolz – warum wirst Du blaß bei dem Worte, das ich millionenfach durchdacht habe? es ist mehr als Alles der Charakter des ganzen Landes, das Zusammenfallen der allerverschiedensten Vorurtheile und dabei das Zusammenwirken der so von einander abweichenden Ansichten auf denselben Punkt, dies hast Du zu scheuen, das ist die Kette mit den vielen kleinen Ringen, die sie um Dich schlingen –« Helene legte das müde Haupt auf die Fensterbank und schauete trostlos über den See, »mein Gott, mein Gott, wo er nur sein mag?«

»Und errängest Du es dennoch, des Künstlers Gattin zu werden, glaubst Du man würde Deine frühere Stellung vergessen, oder wirklich Dich aufnehmen unter den andern Bürger-Frauen und unter ihren Familien! – Ach, sie sind – und vielleicht mit vielem Recht – stolzer als Ihr! Eben weil sie ihre Vortheile, Aemter, ihre Privilegien, ihr Brot erkämpfen, und das mit sauerem Schweiß Errungene zu wahren nöthig haben, deshalb stoßen sie Eure Gemeinschaft zurück, Euch gleich gestellt sein wollen sie nicht, herabsteigen sollt Ihr zu ihnen, dann erst wollen sie mit Euch sich wiederum erheben, auf Euren ungeschmälerten Platz, erst dann ihn mit Euch theilen. Das, meine Helene, ist hier die Stimmung des Bürgers – und in so fern sein Kopf klar genug, auch des Bauern!«

»Wenn sie einander begegnen im Wäldchen!« seufzte Helene – das Nächstliegende verschlang in ihr stets Vergangenheit und Gegenwart.

Träumerisch die schmalen Händchen über die Brust faltend, wehmüthig die blauen Augen zu Helenen aufgeschlagen, mit dem rührensten Ausdruck der Innigkeit und Treue in den Zügen, saß indessen die Sprecherin da, immer noch bemüht der Freundin aufgeregte Geister zu beschwichtigen, vor allem aber sie abzuhalten, in den Garten zu gehen! – Eva sprach fast niemals über sich – Helene empfand den ganzen Werth des ihr gebrachten Opfers, auch dessen sanft verschleierte Absicht – sie war selbst von der Nothwendigkeit überzeugt, eine persönliche Einmischung in diesem Augenblick meiden zu müssen, aber all ihre Gedanken flatterten dennoch, wie Vögel dem Frühling, so dem nun wieder Angekommenen, dem Geliebten zu! Jeder Widerspruch strenger oder liebreicher Art brach an dem mächtigen Gefühl des Mädchens. –

»Nie werde ich's vergessen,« fuhr Eva in immer weicheren Tönen fort, »wie nach Graf Owens Tod –« sie vermochte noch nicht »mein Schwiegervater« zu sagen – »nachdem ich schon fast ein Jahr hier auf dem Schlosse wohnte, Christian meinem alten Vater mich als seine Frau vorzustellen beschloß; es war ihm schwer geworden, ich wußte es wohl! Du Helene warst ein Kind, und bliebst bei Emerenzia! Amalie und Annette begleiteten uns; ich glaube,« setzte sie mit leicht bebender Stimme hinzu, »Christian hatte es den Schwestern befohlen – es war darauf abgesehen, mir durch diesen Schritt mit einem Male eine feste Stellung zwischen den Bauern und seiner Familie, besonders den Brüdern gegenüber zu geben, denn ich selbst war schüchtern wie ein Rothkehlchen, das sich im Zimmer verflogen und keinen Ausweg kennt; ich fürchtete mich in dem großen Schlosse, verlief, verirrte mich in dessen Gängen, ich hatte nie ein solches Gebäude bewohnt – so lange ich auch schon damals Christians Gattin war, denn ich habe im fünfzehnten Jahre geheirathet, so wußte ich doch hier in der neuen, von der Jütländischen so ganz verschiedenen Umgebung, mich nicht in meine Lage zu schicken! Und doch,« fuhr sie fort, – ihre Absicht Helenen vom Gegentheil zu überzeugen momentan ganz aus den Augen verlierend, – »doch war das eben eine wunderschöne Zeit! Christian war so himmlisch gütig, die angetretene Majorats-Erbschaft zwang ihn zu immer regerer Thätigkeit, wie ein Schutzengel stand er mir zur Seite und lieh mir den Schild seiner männlichen Klugheit und Festigkeit; – nun, wir fuhren also nach Engbolle. Wie klopfte mir das Herz, als ich nach sechzehn Jahren den Hof von weitem sah! aber alles war stattlich verändert; mein Vater bewohnte nicht mehr eine Kathe, die man Winters über mit Laub und Schilf überdecken muß, um sich darin vor der Kälte zu schützen, ein ganz neuer Bau erhob vier stattliche Mauern an deren Stelle; das ehemalige Wirthschaftshaus, in welchem wir nur ein paar kleine Zimmer hatten, war nun zu Stallungen und zu einer großen Milcherei umgewandelt; – als wir in den viereckigen Hof traten, blinkten mir die hellen Fenster entgegen, hinter denen mein so schwer gekränkter lieber Vater wohnte; seitwärts aus den Nebengebäuden klang das Brüllen des reichlichen Viehstandes – an einer andern Stelle sah ich die Scheune, vor deren Thor das bunte Gefieder der Hühner im Sonnenschein glänzte, o Gott, mir ging das Herz im Jubel auf – jetzt öffnete sich die Thüre, mein Vater – er war ein Greis geworden – erschien auf der Schwelle! ich ließ Christians Arm los und stürzte über den Hof ihm entgegen; mir schossen die Thränen in die Augen, kaum vermochte ich »Vater, lieber Vater« ihm zuzurufen, »ich bin's, kennt Ihr mich noch?« – mit abgezogener Kappe kam mein Vater die steinerne Haustreppe herab; ohne mit einem Blicke meine Anrede zu erwiedern ging er demüthig seinem Gebieter und den Gräfinnen entgegen, deren Hand er bewillkommnend küßte – mir brachen die Kniee, ich fühlte mich dem Umsinken nahe, aber ich wollte mich fassen, den andern Leuten, den versammelten Knechten und Mägden kein Aergerniß geben; ich näherte mich ihm abermals, bezwang mein Herz und redete ihn noch einmal an; jetzt kamen meine drei Brüder auch hinzu, als ich sie verließ, waren sie kleine Kinder; wie er, traten sie festen Schrittes zwischen mich und meines Vaters ehrwürdige Gestalt, dankten dem Grafen, den Schwestern für die Ehre ihres Besuchs und luden sie ein in's Haus zu treten; Keiner hatte einen Blick, ein Wort für die Verstoßene! – Mir schwanden die Sinne! Amalie und Christian faßten mich unter den Arm und führten mich die Stufen hinan zu meines Vaters Hause! ich ließ Alles geschehen, setzte mich nur mechanisch auf den mir bereit gestellten Sessel – Beide überhäuften mich mit der zartesten Güte und Sorgfalt. Mein Vater und meine Brüder standen scheu und ehrfurchtsvoll, Alle in eine Ecke des Gemachs zusammengedrängt und warteten ohne ein Zeichen des Mitgefühls, bis Christian zu ihnen trat und den Erstern zu sich rief; – beide gingen hinaus in eine anstoßende Kammer. Was sie dort mit einander verhandelt, habe ich nie genau erfahren; ich weiß nur, daß Bitte und Befehl als gleich unwirksam sich erwiesen! Mein Vater und seine Söhne erklärten alle vier respectsvoll und sehr fest: sie wüßten was sich schicke und gebühre; in ihren Augen bliebe ich eine Pflichtvergessene, die ihre eigne Familie bitterlich gekränkt, ihre gnädige Herrschaft aber auf's freventlichste beleidigt, er wünsche, setzte mein Vater mit schwankender Stimme hinzu, daß mir der selige Graf Thugge nicht in der letzten Erdenstunde geflucht! – Christian versicherte dem mühsam sich aufrecht haltenden Alten, daß jener mir und ihm verziehen, und mit uns Beiden ausgesöhnt in seinen Armen gestorben sei. »Das war sehr gnädig und sehr edel, unser Herrgott lohne es ihm im Paradiese,« sagte mein armer Vater; dann bat er »den gestrengen Herrn Grafen« ihn zu entlassen, »er fühle sich ein wenig schwach heute.« – Als ich mich etwas erholt und äußerlich gefaßt, geleitete mich Christian zum Wagen, ach! ich glaubte mich aufzulösen in Thränen, als ich in den Hof zurücktrat, wo noch wie vor einer Stunde Alles im Sonnenschein so lachend und glänzend vor mir lag! Nochmals nahten Vater und Brüder dem Wagen – o mein Gott! ich sah die lieben theuren Züge so nahe, so ganz nahe vor mir, ich hätte sie mit meinen Händen an mich ziehen, mit meinen bebenden Lippen sie berühren können! Ebenso demüthig wie sie dieselben empfangen, empfahlen sich alle Vier der Gnade der beiden »Fröken und des Herrn Grafen;« ich sah das Zucken in den Gesichtsmuskeln des armen, alten Mannes, der so unsäglich litt durch und um mich! ich sah zwei glänzende Thränen in meines jüngsten Bruders großen, blauen Augen, aber dennoch blieb Aller Haltung so fest und entschieden, daß mein Muth an ihr brach; ich wagte keinen Laut mehr. Mein Vater hielt sich bis zu diesem letzten Augenblicke – ach Gott! dem letzten, in dem ich jemals ihn sehen sollte, stramm; Christian zitterte wie ein Espenlaub an meiner Seite – die Pferde zogen an, wir rollten fort; – als ich nach einem mehrwöchentlichen Krankenlager erwachte, hatten sie meinen Vater schon begraben; die Bauern sagten, es habe ihm ein schwerer Kummer das Herz abgedrückt.« –

Schluchzend warf Helene ihre beiden Arme um Eva's Hals; jetzt sah und empfand sie nur deren Schmerz, sogar Thoralds Bild ward dadurch für einen Moment in den Hintergrund gedrängt.

Draußen war unterdessen, wie vorauszusehen, Thorald und der Graf zusammengetroffen. Allein der Gang zum Weiher, und vor Allem das tiefe Schamgefühl des Bewußtseins, auf Thorald geschossen zu haben, hatten den Grafen abgekühlt, und er zügelte diesmal seine Worte. Das Gespräch zwischen den Männern war sehr ernst, aber keiner von ihnen hatte bei der Erinnerung an dasselbe zu erröthen, es blieb gegenseitige Achtung als Schutzgeist ihm zur Seite. Christian verfehlte nicht, seine allen Männern seines Standes gemeine Ansicht, daß man gar übel ein Verhältniß zu dem Mädchen das man heirathen will, mit einer Heimlichkeit des Verkehrs beginne; sein Urtheil darüber machte Thorald warm, ohne von Grund aus ihn zu überzeugen, ja es regte seinen innern Stolz auf so schmerzlich verletzende Weise an, daß er endlich erklärte: zwar werde er nun und nimmer seinen Anspruch auf Herz und Hand Helenens aufgeben, die willig beide ihm zugesagt, allein obgleich er sich zu keiner Art von Entsagung veranlaßt fühle, da er sich und die Geliebte als völlig frei und unabhängig betrachte, so sei er doch von seiner und ihrer Treue so fest überzeugt, daß er es darauf wagen könne, und er wolle sogleich, ehe ihn irgend Jemand gesehen, nach Fühnen zurückkehren, wenn der Graf durch seine häufige Anwesenheit ihren Ruf für wirklich gefährdet halte. Nur möchten, bat er, der Herr Graf sich nicht irren über den Grad des von ihm gewährten Zugeständnisses, er werde Mittel und Wege finden, Helenen die Erklärung seines jetzigen Schrittes zukommen zu lassen, denn je mehr er ihrer gewiß sei, je unmöglicher sei ihm es zu ertragen, auch nur einen Augenblick von ihr mißverstanden zu sein durch eigene Schuld.

Es lag etwas so ächt Menschlich-Natürliches, ja eine solche Würde der Wahrheit in Thoralds Benehmen, daß der Graf davon erschüttert sich fühlte; zum ersten Mal seit seinen Jugendjahren fiel ihm die Möglichkeit einer wirklich dauernden Empfindung der Liebe ein. Nach wenigen Secunden jedoch war er, trotz seines angeborenen Hanges zur Träumerei, schon wieder zum klaren Ueberblick der Verhältnisse gekommen, er fühlte durch Thoralds augenblickliche Abreise nicht nur den Ruf der Schwester gesichert, sondern im schlimmsten Falle, wenn es ihm nicht gelingen sollte, zu einer andern Verbindung sie zu vermögen, wenigstens in dieser Prüfung des Jünglings eine Art Bürgschaft, ein bonheur allemand, daß das hereinbrechende Unglück einer Verbindung mit ihm und einer Trennung von den Ihren sich tröstlich gestalte. So nahm er wirklich Thoralds Erbieten an; aber er verlangte das Opfer, wenn es gebracht werde, vollständig, und augenblickliche Rückreise Thoralds.

»Das macht die Sache schlimmer, man kann mich auf Laaland bereits gesehen haben,« sagte der Künstler, – ihn verletzte der Stachel geheimen Mißtrauens, – »aber ich bin erbötig, sogleich überzusetzen nach Falstern, wo ich ein paar Skizzen aufzunehmen habe.«

Dieser Beschluß ward festgehalten. Allein der Graf war, wenn er einmal seiner gewohnten schweigsamen Contemplation entrissen und zur Thätigkeit gelangt war, nicht der Mann, auf halbem Wege stehen zu bleiben. »Wie gedenken Sie denn der Comtesse Gejern diese Nachricht von Ihrer augenblicklichen Entfernung zukommen zu lassen?« fragte er scharf. – Thorald war gefangen; er konnte und wollte den Weg, den seine Correspondenz mit der Geliebten zu nehmen pflegte, nicht verrathen, weniger aber noch konnte er von Falstern aus ihn einschlagen – er zögerte einige Secunden – –

»Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort,« sagte Christian, »daß ich der Comtesse die Nachricht in der jetzigen Stunde noch zukommen lassen werde, schreiben Sie ein paar Zeilen.« Erstaunt blickte Thorald auf – es war dem Grafen Ernst. »Aus Ihrer Hand soll die Gräfin die Nachricht – mein Herr? Nein, ich muß einen Boten –«

Christians Zorn flammte auf; allein wie bei der Schwester überwog bei ihm der momentane Impuls eines eben jetzt zu Erstrebenden, und in diesem Augenblick lag ihm vor Allem daran, jede Zusammenkunft der Liebenden und jeden längern Aufenthalt Thoralds auf der Insel zu verhindern – »ich werde ihr das Billet senden,« sagte er kurz. Thorald verbeugte sich stumm, riß ein Blatt aus seinem Taschenbuche und schrieb.

Es war eine wunderliche, fast komische Situation. Der Eine als Vertrauter und Bote einer von ihm so hart gefährdeten Liebe des Andern; im Künstler überwog das Ironische derselben; auch lag im ganzen seiner Jugend diese etwas barocke, ritterliche Handlungsweise nicht fern; eine fröhliche Sorglosigkeit gestaltete sich fast in Leichtsinn indem er schrieb, nur die Anrede hatte ihn ein wenig verlegen gemacht, denn das Blatt ging ohne Siegel; – Christian hatte sich in anständiger Entfernung unter eine Buche gesetzt, aber während der Maler schrieb, waren seine Gedanken längst abwärts geflogen, ihn beschäftigte eben die Solution eines naturhistorischen Problems – fast hatte er die ganze Sache vergessen, als ihm Thorald das Blatt überreichte. Er faltete es nochmals und steckte es ein; es waren wenige Worte. Der Liebende verließ sich darauf, daß Helene zwischen den Zeilen durch zu lesen verstehen werde, was nur sein Herz, nicht seine Hand dem Blättchen anvertraut.

Die Männer trennten sich ohne weitere Erklärung. Als Thorald festen Schritts den Richtpfad nach dem Strande einschlug, um zur Fähre zu gelangen, sagte Christian ihm nachblickend: »Schade, daß er kein Edelmann ist, er hat einen edlen Anstand und präsentirt sich gut.« Dann wandte er sich dem Schlosse zu.

Das Gespräch der beiden Frauen war eben beendet, als ein Diener Helenen das Billet überbrachte – sie las es, sagte keine Silbe, drückte Eva die Hand und zog stumm sich in ihr Zimmer zurück.

Dort brach sie in heftiges Weinen aus. »Dieser Sieg, Christian,« sagte sie stolz das Haupt zurückwerfend, »soll Dir theuer zu stehen kommen – daß Du ihn auf diese Art zum Nichthandeln, zum Rücktreten, zur Entfernung treibst, lös't mich von jeder Verpflichtung, drängt mir Entschluß und Handlung auf! – Was können sie mir denn thun, diese hochmüthigen Brüder, wie mich zwingen? Etwa wie die Tante – nein, nein, die Zeiten sind vorbei!«

Es war schon längst dunkle Nacht. Helene konnte den Gedankenflug ihrer Seele nicht beherrschen, Schlaf und Ruhe waren nicht zu hoffen. Sie trat an das noch offene Fenster – der Wind erhob sich eben, es war gegen Mitternacht, er strich von der fernen See herüber an den Ufern hin, schüttelte tiefer in's Land eindringend die alten Buchen aus dem Schlummer und pfiff und heulte in den Vorsprüngen und Erkern des Schloßbaues – es graus'te Helenen. Ob er noch auf dem Meere? Es ist weit hin bis zur Fähre, dachte sie. Es war eine der wunderlichen Nächte, in welchen die Windsbräute flaggen, und gleichsam aus dem tiefen Nebelgrunde der Dünen aufsteigend, ihre langen weißgrauen Schleier schräg herabhängen lassen bis dicht auf den Erdboden, dann urplötzlich aufjubelnd wie losgebundene Mänaden, wildaufschreiend mit dem langen pfeifenden Ton, den nur der Nordländer kennt, über die See sich stürzen, das fliehende Boot gierig zu erhaschen, das ihnen zu entgehen gemeint; – Hui! nun muß es tanzen, Kiel auf und ein, drüber hin ras't eine Welle, – wieder eine – so fort Woge um Woge! Dem Ruderer schwinden Sterne, Himmel, Kahn und Strand; aber die wilde tolle Nixe, die ihren Liebsten sucht, zwischen Meer und Erde, ruht nicht, bis sie Alles, Mann und Maus durchnäßt hat im Boot; – wie ein Pfeil schießt das Schifflein über die schaumbedeckte Fluth – und mit einem Male, wie auf Zauberspruch, ist Alles vorüber! Da ist der klare Himmel, die Sterne flimmern wie erschrocken von dem sündhaften Spiel, es ist aber Alles glatt, still, sogar hell am Ufer und zur See: die erzürnte Wasser-Liebste hat ausgetobt. Ein langer keuchender Windzug trocknet rasch Segel und Leute; bis es einer andern ähnlichen Erscheinung begegnet, hat das Boot Ruhe, oft sogar eine schnelle, glückliche Fahrt.

Helene wickelte sich fester in ihren Mantel und beugte sich aus dem Fenster vor, in die Nacht hinaus, um den Stimmen derselben zu lauschen. Es war ruhiger geworden. Nun hatte Thorald gewiß Falstern erreicht. Aber nun hatte auch die neue Trennung erst recht eigentlich begonnen; der Unbesonnene hatte ja Christian sein Wort gegeben, vorläufig sein Kommen ganz einzustellen. – Sie trat zurück in's Zimmer. Ihr schauderte vor der Möglichkeit des Traums, der nach so verworrenem Tage ihrer harren könne. Die Nacht blieb ihr unheimlich, im Spiegel erschreckte sie das eigene wachsbleiche Gesicht – im Hause schien Alles zu schlafen. Sogar ihre eigene Dienerin hatte sie hinweg und zu Bette geschickt.

Sie hätte viel gegeben für irgend einen befreundeten Laut – endlich öffnete sie ihre Stubenthür und lauschte gespannt, sie wußte selbst nicht auf was, in die Dunkelheit hinaus; – plötzlich erblickte sie einen hellen Lichtschein unter der Thüre des einen ihr gegenüberliegenden Zimmers hervordringen, er kam aus dem Cabinet der Nordermule; sie huschte eilig hin, öffnete leise und trat ein.

Obschon die Mittage noch heiß waren, begannen schon kühlere Nächte an den fliehenden Sommer zu mahnen, ältliche oder schwächliche Leute, wie Emerenzia, froren mitunter. Vielleicht hatte sie deshalb Feuer angemacht, denn aus der weit aufstehenden Ofenthüre leuchtete eine prasselnde Flamme Helenen entgegen. Die Nordermule saß auf einem niedrigen Schemel vor derselben, auf ihren Knieen hatte sie die welken Blumen und Kränze der Tante liegen und die Schreibereien, die sich in den Truhen vorgefunden; sie war beschäftigt, das Alles mit einem seidenen Bande aneinander zu binden, und schien die Absicht zu haben, ein Todtenopfer auf dem vor ihr brennenden Holzstoß zu halten.

Als sie Jemand hinter sich vernahm, sah sie sich nicht um, sondern kreuzte schnell die Hände über beide Augen und beugte das Haupt tief herunter, daß es fast die Knie berührte.

»Sie hält mich für eine Erscheinung, vielleicht gar für der armen Tante Ulrike Seele!« – hörbaren Schritts trat sie näher und legte die Hand auf der Geängsteten Schulter. »Ich bin es,« sagte sie mit recht ruhiger Stimme, »ich kam, weil ich vom Vorplatz aus noch Licht in Deinem Zimmer gewahrte.«

Es lag immer in allem Thun Helenens, Emerenzia gegenüber, eine liebenswürdige, schonende Zartheit; auch jetzt schien sie deren Schreck gar nicht zu gewahren, denn sie kannte ihrer Freundin krankhafte Scheu, lächerlich zu erscheinen; – alle von der Natur stiefmütterlich behandelten Menschen haben sie. – Die Alte hob die Hände vom Gesicht und ließ sie auf die welken Blumen in ihren Schooß sinken. – »Bist Du unwohl?« fragte sie besorgt.

»Nein, aber bewegt, wie Du selbst, im Geist und Gemüth; ich kann nicht schlafen. Laß uns Dein begonnenes Todtenopfer zusammen vollenden, aber während die Flammen seine Heimlichkeiten schützend verzehren, erzähle mir von dem edlen Wesen, an welchem Dein Herz, wie ich sehe, so schmerzlich hängt – sprich mir von dem Leben, dessen letzte Glücksspur wir vielleicht eben vertilgen!«

In fast andächtiger Stille schichtete Emerenzia die Blüthen und Blätter auf den kleinen Holzstoß und blickte schweigend darauf hin, bis sie zu Asche gebrannt in sich zusammensanken: »Gewiß,« sagte sie endlich, »ich durfte sie in keine andre Hand kommen lassen, obgleich das Alles eigentlich der Familie –«

»Der Familie gehörte, die sich so wenig daraus machte, daß sie diese Erinnerungen den Fußtritten der Domestiken überließ, wenn Deine treue Hand sich nicht derselben angenommen! Ach Emerenzia, die Spuren eines ewigen Gefühls vergehen wie Spreu vor dem Winde in der Erdenwelt!«

»Ein Engel sammelt sie droben!« sagte fromm die Nordermule.

»So hat er diese wunderbar klagende Nacht und Dich zu Vollstreckern des Liebestestamentes der Tante gemacht,« erwiederte Helene, und zog einen zweiten Schemel zum Feuer, auf dem sie Platz nahm. »Erzähle! bitte, bitte.«

Die Alte nickte und begann; anfangs starrte sie fortgesetzt in die Flammen, bis sie, wie ein Sänger der Saga, mehr und mehr in sich selbst versank und der sie umgebenden Welt nicht mehr gewahrte, endlich aber mit höchster Begeisterung erzählte.

»Ich habe vergessen, in welchem Jahre es geschah, allein unser Graf Thugge war noch ein kleiner Knabe, als er, um zu der Schule auf Skovkloster sich vorzubereiten, einen Hofmeister erhalten sollte, bei welchem er bessern Unterricht und weniger harte Worte und Schläge bekäme, denn das Kind war tödtlich verschüchtert und des eigenen Geistes oft nicht mächtig vor Angst. Eine plötzliche Krankheit hatte seinen Peiniger fortgerafft. Bei dieser Gelegenheit, meinte der alte Graf, könne auch das um acht oder neun Jahr ältere Fräulein die nöthigen Repetitionsstunden erhalten, um seine Erziehung ganz zu vollenden. Es war um das Ende Novembers in einer unruhigen Sturmesnacht, wo der wilde Jäger Holske Darske durch die Waldung jagt, wo Alles ächzt und knarrt in Haus und Hof, die Thiere in den Stallungen vor Unbehagen aufbrüllen und die ganze Natur in hundert Stimmen aufseufzt und wehklagt, als ob sie auch einsam sich fühlen könnte, wie der Mensch. Das junge Mädchen saß im Saal dem Vater gegenüber, der über Landcharten und Briefen brütete und kaum sie bemerkte, der Bruder aber war in der Küche dem alten Hannes auf den Knieen eingeschlafen – er durfte den Saal nicht betreten, wenn der Vater zugegen.

Ulriken war unbeschreiblich betrübt zu Muthe, sie war erst seit wenig Monaten in des strengen, kalten Vaters Schloß; die liebende Hand der Fürstin Sophie, die sie erzogen, fehlte ihr überall; ohne besondern Grund hatte der alte Graf sie berufen; er wollte sie um sich haben, sie kennen lernen und ihre Geisteskräfte prüfen, ehe er sie einführe in die große Welt Copenhagens und des Hofs. Ihn selbst aber hielten seit Monden Podagra und Geschäftsverhältnisse auf dieser Besitzung fest. Die Morgenröthe der Freiheit des Bauern begann kaum erst zu dämmern, und ihr Herannahen war dem stolzen Grafen, dessen Hochmuth keine Art Beschränkung, auch nicht die einer selbst gewährten Gnade ertrug, qualvoll und fast lächerlich, denn er glaubte an keine Gleichheit der Menschenrechte, und alle für die große Nationalbefreiung Wirkenden, kamen ihm wie Kinder vor, die mit dem Feuer spielen. Indessen bereitete er sich vor, an den Hof zu gehen, denn er empfand den Druck einer nahenden Explosion, welcher er scharfen Blicks dort entgegenzutreten entschlossen. Ueber die Parzellirungen und Landesverhältnisse studirend, saß er dann Abends dem Kinde gegenüber, das kaum eine gefallene Rolle Seide aufzuheben, kaum zu athmen wagte, um ihn nicht zu erzürnen.

Jetzt schlugen alle Hunde an, ein Fremder hatte den Hof überschritten; eine seltene Erscheinung in dieser Jahrszeit; man hörte die Tritte desselben auf dem knisternden Schnee, gleich darauf ward die Glocke an der Thüre angezogen und der neue Hofmeister ward dem Grafen angemeldet. Ulrike wollte, schüchtern wie sie war, sogleich den Saal verlassen, der Graf befahl ihr zu bleiben, »damit er sie mit ihrem neuen Informator bekannt machen könne« – das war das erste Mal, daß er über eine solche Absicht sich gegen sie aussprach. Du hast das Bild dessen, der nun eintrat, gesehen; das schmale Gesicht mit den dunkelblauen Augen und dem festgeschlossenen Munde, von lichtbraunen natürlichen Locken umwoben, die bis tief in den Nacken sich kräuselten, und nicht gepudert, nicht gebunden waren, die schwarze Kleidung, welche gegen den farbigen Hofputz der damaligen Cavaliere so sehr abstach, Alles das zusammengenommen machte den Jüngling zu einer auffallenden Erscheinung – man konnte ihn wahrhaft schön nennen den Bewohnern des Schlosses gegenüber, die sämmtlich trotzig und verzagt, der unseligen Heftigkeit des Grafen wegen einen Ausdruck verbissenen Ingrimms oder knechtischer Unterwerfung zeigten, der, in vielen der alten runzlichen Gesichter Caricatur geworden, etwas Abschreckendes hatte.

Ulrike ließ die Hände auf den Rahmen sinken, der ihre Tapisserie umschloß, sah mit weitgeöffneten Augen wie geblendet einige Secunden ihn an, als aber der Vater mit herablassendem Hochmuth ihr den neuen Lehrer vorstellte, neigte sie den schönen Oberkörper demüthig, wie die Madonna sich vor dem Engel der Verkündigung beugt, sie fühlte sich nicht fest auf den Füßen und hätte um die Welt keine der üblichen, ihr eingelernten Verneigungen machen können; erst nachdem der Graf den Angekommenen zum Ausruhen entlassen, vermochte sie die Erlaubniß sich zu erbitten, sich in ihr Zimmer zurückzuziehen.

Draußen brach sie in helle Thränen aus – ihr war unsäglich glücklich zu Muthe, als sei einer der Engel ihrer Träume wachend ihr begegnet. – Sie sahen sich von da an täglich, Johannes gab ihr anfangs mit dem Knaben zugleich Unterricht, dann aber ihr allein, in Gegenwart der alten Schließerin, oder der alten Kammerfrau Ulrikens, welche ihr die Fürstin, bei welcher sie ihre Kindheit verbracht, mitgegeben in des Vaters Haushalt. Sehr bald wußte Ulrike um alle Verhältnisse ihres Lehrers; den Vater hatte er frühe verloren, die Mutter zog mit ihm und den andern Geschwistern nach Roeskilde; in der alten Gräberstadt, in welcher fast alle Könige des Oldenburger Hauses ihre Ruhestätte gefunden und in dem noch poetischern Leïre, das Skiold, der Sohn Odins, zum Wohnsitz sich erwählt, im Herthedal, wo überall noch das Blutgeheimniß jenes wunderbaren Dienstes der nordischen Diana seine Zauber ausbreitet, sog sich der Knabe groß an poetischen Eindrücken, und die damals entkeimte Vorliebe zu älteren Sagen ward im Jüngling zum besonnenen Studium. Später hatte er, mit Hülfe eines Gönners, der Theologie sich gewidmet und den Doctorhut erworben, doch »könnten noch Jahre vergehen, – meinte er selbst, – ehe ihm eine Pfarre zugetheilt würde;« der arme Candidat fand das sehr begreiflich, gab es doch gewiß noch Gelehrtere, Würdigere als er – und allerdings regte sich damals noch ein sehr ernstes, edles Streben in der Theologie.

Wie gläubig beseligt lauschte Ulrike seinen den Menschen als Gottes Ebenbildern so fest vertrauenden Worten! Er ward ihr lieb, wie etwas, das sie vorher nie weder gedacht noch gewünscht, noch empfunden; es war der plötzlich von oben herabgesenkte Himmel, der sich auf die Erde gelagert und sie zum Paradiese umgeschaffen!

Daß seine Neigungen gar bald auch die ihren wurden war nur natürlich, sie begann mit ihm die Geschichte ihres Vaterlandes zu studiren; der lange stets mit der Hierarchie sich erneuende Reformationskampf, an welchem die Herrscher Dänemarks so ernsten Antheil genommen, der Bürgerkrieg, der sich um Christian II. willen bis auf diese schon damals von ihren Vorfahren bewohnten Inseln, ja sogar in seinen Einzelheiten bis in das Schloß Aalholm gezogen, in welchem sie jetzt lebte, alles dies wurde dem lebhaften Sinn des schönen Mädchens zum Element einer stillen, innern Welt, in der sie arglos weiter lebte – ohne Vorblick in die Zukunft. Zuweilen fand sie Johannes' Bild in irgend einem edlen geschichtlichen Charakter, in einer schönen Selbstaufopferung, weit seltner sich selbst! Als sie einmal mit ihm die schöne Mähr von Gioès, Tochter Brigitta, las, die einem Bischof verlobt gewesen, ehe er selbst sich ausschließlich der Kirche weihte, wurde sie wehmüthig, ohne zu errathen, was an deren Geschick sie rühre.

Von Allen ungeahnt wuchs ihre Seele, entfaltete sich ihr Geist – dennoch fand sie Niemand verändert; theils weil alles in ihr harmonisch und sanft geblieben, theils weil unter diesen stillen, meist niedergeschlagenen Blicken, die nur zu erwachen schienen wenn der Geliebte sie weckte, dann aber eine Welt der Poesie und Intelligenz ausströmten, Keiner eine Bedeutung suchte. Die Tage spannen sich in äußerlich ziemlich farbloser Einförmigkeit ab, die Liebenden wußten es nicht einmal. Aber Johannes wollte nach seiner einfachen Weise bald diese bald jene Erleichterung den Armen, den Geknechteten gewähren, welche er, der sich selbst mit einem Male so glücklich fühlte, um sich sah – ich habe Dir angedeutet, wie er auch hier auf Ulriken einwirkte! Der alte Graf ahnete von dem Allen nichts, wohl hätten die ergrimmten Vögte oft das Fröken verklagt, daß es ihnen die Bauern zu Faullenzern mache, aber die entsetzliche Angst vor der mit dem höhern Alter unzähmbar gewordnen Wuth des Alten, dessen Zorn oft unerwartete Richtungen annahm, fesselte die Gemeinheit und Bestialität, daß sie still lagen zu den Füßen der Jungfrau, wie die alten Legenden von Raubthieren und Schlangen uns erzählen.

Als nun um die Weihnachtszeit der Graf nach Copenhagen gegangen, blieb Ulrike, fast sich selbst überlassen, daheim allein mit ihrem Lehrer zurück; eine ergraute und halb blinde Anverwandte, welche zum Stift Wallöe gehörte, dessen Abatissin die Fürstin Sophie geworden, war kaum zurechnungsfähig, und befand sich gern in Johannes' Gesellschaft, der sie mit gütiger Aufmerksamkeit behandelte, weil sie alt und gebrechlich. –

Nach einiger Zeit sandte Graf Owen einen Tanzmeister aus Copenhagen; Ulrike sollte auf dem Gute tanzen lernen, um bei einem spätern Feste am Hofe auftreten zu können. Der alte Franzose wurde leicht im Schloß untergebracht, der neue Unterricht begann. – Um die üblichen Tänze einüben zu können, mußten mehrere Theilnehmer an demselben gefunden werden; man zog ein paar Fräulein aus der Nachbarschaft hinzu, auch deren Brüder und Johannes mußten figuriren. Die Liebenden tanzten zusammen, die Jugend schlug rosig aus beider Herzen und Wangen; sie waren unsäglich glücklich. Dennoch blieben Beide unbefangen, sie gaben ihrem Glück keinen Namen.

So ging der Winter vorüber, der Graf kehrte zurück. Der Vater ließ das Töchterchen ihm vortanzen und war zufrieden; er hielt ein kleines Examen mit der an allen Gliedern Zitternden; auch hier schien er mit überraschter Freude ihre wissenschaftlichen Fortschritte zu gewahren. Abends war die letzte große Tanzstunde, er sah den Hofmeister Ulriken gegenüber die Touren einer Anglaise tanzen – er runzelte die Stirn und schwieg.

Die Unterrichtsstunden mit Johannes nahmen ungehindert ihren Fortgang, – zuweilen erschien der alte Herr unvermuthet während derselben im Zimmer seiner Tochter; er sagte kein Wort. – Einmal begegnete er Ulriken in der Allee, sie war von einem Diener begleitet, der ihr einen großen Korb mit Lebensmitteln und Arzeneien zu einer Kranken trug – Graf Owen fragte nach keinen Details, er schwieg, allein er ward noch finsterer und redete stets streng und in fast barschem Ton, sowohl mit dem Candidaten als mit seiner Tochter. Die Schloßbewohner überkam ein geheimes Grauen.

Eines Morgens ließ er Ulrike zu sich rufen. Es waren eine Menge Kisten und Schachteln aus der Residenz angekommen, mit Kleiderstoffen, Stickereien, feiner Wäsche und Mustern dazu; er befahl ihr für ihre Ausstattung nach Copenhagen zu sorgen, wohin sie ihn zum Johannisfeste auf eine Woche begleiten solle, um der königlichen Familie vorgestellt zu werden; er hoffe, setzte er hinzu, sie als Braut wieder heimzuführen.

Ulrike stand regungslos vor ihm wie ein Marmorbild, alle Farbe war von dem schneeweißen Gesicht gewichen, sie verstand nicht mehr, was er diesen letzten Worten noch hinzufügte, mechanisch verneigte sie sich, nach damaliger streng respectvoller Sitte, als er geendet, und ging in ihr Zimmer. Erst dort besann sie sich, erst dort wurde ihr der ungeheure Schmerz einer möglichen Trennung deutlich.

Ulrike fiel nicht in Ohnmacht, streckte sich nicht tödlich ermattet auf ein Canapee oder in eine Chaise longue, – sie saß ganz still und ehrbar auf ihrem gewöhnlichen Platz und strickte Filet, als Johannes eintrat um ihr eine Unterrichtsstunde zu geben. Er kam noch heiter herein, wie ein sonnenheller Morgen, allein ein einziger Blick auf sie gab ihm das Gefühl eines unermeßlichen Unglücks, das ihn und sie betroffen. Neben ihr, etwas mehr zurück, saß die alte Cousine halb im Schlummer; er vermochte nicht es zu beachten, sein Herz kannte keine Nebenwege zum ihren, er fragte kurz und gerade heraus – sie antwortete eben so und sagte in dieser Antwort Alles. – Die Cousine war fest eingeschlafen.

Die nächste Viertelstunde fand zwei selige Menschen, die mitten in dem sie dicht umwachsenden Elend desselben vergaßen, über dem unbegrenzbaren Glück ihrer gegenseitigen Liebe. Zum ersten Mal hatten sie sich ausgesprochen über ihr Gefühl; die Alte hatte schlafend dabei gesessen; es ist wunderschön, daß man der Jugend das Glück nie ganz verkümmern kann!

Der folgende und noch gar mancher Tag nach ihm vergingen, und es hatte sich nichts geändert im Lauf derselben; nur flogen der Liebenden Pulse in heftigeren Schlägen, nur wechselten die Stunden der hoffnungslosen Verzweiflung und der seligsten Zuversicht in Beiden – und seltsam, und doch nur menschlich-natürlich: die letztern überwogten, ja vernichteten allmälig die Verzweiflung, mit welcher sie anfangs der Zukunft gedacht; es konnte ja noch lange, lange so bleiben wie jetzt! Ulrike war fest entschlossen, keinem Andern ihre Hand zu reichen, den ihr vorzuschlagenden Bräutigam nicht anzunehmen, was auch daraus entstehe. Immer wollte sie so fort leben, nie sich vermählen, Johannes aber sollte einst eine Pfarre auf einem der benachbarten Güter oder in Nysted, oder auf Falstern erhalten; so schwatzte sie in liebenswerther Kindlichkeit ihm leise flüsternd den Kummer fort aus der Seele, – wenn er ihr zuhörte, beseligte ihn der Klang ihrer Stimme; konnte er ihren Glauben an die günstige Gestaltung ihres Geschicks nicht unbedingt theilen, so endete doch momentan alles Leiden in ihm, denn er dachte nicht weiter. –

In der Nacht, wenn er allein auf seinem Zimmer war, fiel ihm die große Sünde auf's Herz, die er an ihr begehe! – trostlos warf er sich auf die Knie und flehte Gott um Erbarmen an, – etwas Bestimmtes zu erbitten vermochte er nicht, denn er konnte nicht anders, als sie lieben! Manchmal dachte er, in Copenhagen werde sie ihn vergessen, er rief sich all die schönen reichen und edlen Männer in's Gedächtniß, die er dem Namen nach kannte, denen sie aber wirklich begegnen werde; er zwang wohl auch seine Lippen zum Gebet: daß ihr der Allmächtige dort Vergessenheit gewähre und höchstes Glück in den Armen eines Würdigern als er selbst – und – in heiße Thränen brach er aus, denn klar wie die Wahrheit des heiligen Evangeliums stand es ihm fest und licht in der Seele: Ulrike werde doch nie einen Andern lieben als ihn, und nie einem Andern angehören! –

Der Mai neigte dem Ende sich zu. Als Johannes eines Tages von Ulriken ging, der er ihre gewöhnliche Unterrichtsstunde gegeben, berief ihn der Leibdiener des Grafen in dessen Cabinet. Owen hatte einen, wie es schien, eben erhaltenen Brief in der Hand, welchen er ihm überreichte. »Herr Candidat,« redete er ihn ganz freundlich an, »Sie sind wie Sie aus beikommendem Schreiben ersehen, zum Pfarrer ordinirt; hier ist Ihre Bestallung und ein Handschreiben des Probstes. Sie gehen nach Island; Ihr Kirchspiel liegt in Rangewallsyssel. Ich wünsche Ihnen Glück! Sie werden aber in vierundzwanzig Stunden Laaland verlassen müssen, um erst in Copenhagen einige nöthige Instructionen sich zu holen, vielleicht werden Sie auch wünschen, die Ihrigen noch in Roeskilde zu sehen und Abschied von Ihrer Mutter zu nehmen. Das Schiff, mit welchem Sie reisen, lichtet den zweiten Juni die Anker, geniren Sie sich ja nicht wegen uns!« Graf Owen stand auf, verbeugte sich und verließ das Zimmer. –

Island! vielleicht hat die Natur keinem Lande der Welt ein abschreckenderes Aeußeres gegeben, als dieser vulkanischen Felseninsel, deren Inneres ein Geheimniß des Schöpfers geblieben ist bis zum heutigen Tage; in phantastisch-wilder Erscheinung hat er sie als Räthsel dem hohen Norden hingestellt; Niemand hat es zu lösen gewagt! – Unermessen, unbetreten dehnen sich Islands innere Eisklüfte, heben sich seine Hochgebirge, kein Wandrer wagt sie zu durchdringen, keine Gewinnsucht lockt je den Jägersmann in ihre gänzlich unbewohnte Bergesöde, nicht einmal ein Vogel durchschneidet sie im vorübereilenden Flug! Eismassen, Rauch- und Feuersäulen drängen sich dort aus dem geologisch reichen Grunde, treiben von Innen heraus unaufhörlich Lava, Asche und rollende Steine herab auf die karge Vegetation des bewohnten Strandes, der, ein schmaler Landstrich, die Felsmassen umgürtet, welche hinter ihm sich erheben. Acht lange Monate ist auch dies Ufergestade mit seiner spitz ausgezackten Granitkrone, welche von zahllos eindringenden Fiörden durchschnitten wird, von Eisschollen überdeckt, – den kurzen Sommer hindurch umbraus't es ein immer wild aufschäumendes Meer, das nur des Winters Strenge mit den starken Eisesbanden zur Ruhe zwingt. Wildströme reißen sich aufgischtend vom Hochgebirge los und stürmen jauchzend diesem Meere zu, dessen heftige Brandung ihren tollen Schaumgruß erwiedernd ihnen entgegen sich drängt; im Osten sprudelt der Torfa in bacchantischem Uebermuth seine glühenden Quellen mitten aus dem Eismeer hervor, während im Gaukakal-Thale die Geiser aus weitem, tiefen Becken ihre geisterartigen Strahlen fast unabsehbar hoch miteinander wetteifernd in die Lüfte senden, – vielleicht ist ihre wunderbare Schönheit eine Botschaft aus der Tiefe in die Himmelsferne, die das Farbenspiel ihrer Regenbogen weiter trägt! –

Ganz oben aber, hinter allen diesen beschneieten Gipfeln, im weiten Kreise der vulkanischen Riesen, die sechs bis sieben Tausend Fuß hoch hinausragen über die Meeresfläche, liegen ganz oben, wie ein schauerliches Gnomenmährchen, die unermeßlichen weiß und blauen Eisfelder in ewigem Verstummen; sie bilden den Zauberring, der, in strengem Gegensatz zu ihrer unstörbaren Todtenstille, einen in ihrer innersten Tiefe kochenden Feuerheerd umfaßt, in dessen Abgründen und Kratern die Elemente unaufhörlich gegeneinander kämpfen.

Und dennoch waren es alle diese Schrecknisse nicht, welche den wie von plötzlicher Todesbotschaft Betroffenen im Cabinet des Grafen gefesselt auf den schwankenden Füßen an dieselbe Stelle bannten, an welcher er die ihn vernichtende Nachricht empfangen; der eine Gedanke, den seine Seele anstarrte, wie die verglas'ten Augen das Blatt in seiner Hand, war nur der einer unabsehbar trennenden Weite, in welcher er von der Geliebten leben sollte, – abgeschieden, losgerissen von ihr, ohne Gruß, ohne erreichbare Nachricht, ohne einen einzigen Ton ihrer Lippen, ihres Gemüths! Eine lange Reihe von Jahren, vielleicht das ganze Dasein lang – immer, immer so fort, bis in's Grab! –

Was kümmerte ihn, ob Islands rauhes Clima keine Frucht am Baum, keinen Halm auf dem Felde reifen läßt, kein grüner Laubast dem müden Wandrer sein Dach beut, und kaum die Birke mit ihrem Schattentraum ihn umspielt, was kümmerte ihn die Kargheit aller Existenz auf der Insel, die künftig ihn umfangen sollte; ach ihre Moose, ihre Beeren, ihre Zwerggewächse hätten ja zum Paradiese sich umgestaltet, wäre er nur einmal am Ende der langen Winternacht dem Frühlingsbilde Ulrikens dort begegnet! hätte nur eine Hoffnung ihm folgen dürfen in die Verbannung!

Und doch kam dem frommen Manne, der Gott immer willig zu gehorsamen gewohnt war, auch jetzt in die so tief zerrissene Seele keinen Moment der Gedanke, sich diesem ihm aufgebürdeten Geschick zu widersetzen, dem, was in seinem Berufe lag, gewaltsam sich zu entziehen; er bot die todeswunde Brust zuckend, mit thränendem Blick, aber entschlossen dem Schmerz und der Erfüllung seiner Pflicht! Wie der Missionair aus dem Kreise seiner Lieben, wie der Märtyrer zum Tode, schritt auch er gläubig-ergeben in Unabwendbares, für sein und Ihr Herz um Kraft flehend, dem Ziele zu; ihm fiel nicht ein, an seinem Schicksale zu mäkeln!« – »Aber sie, aber Ulrike?« rief mit Thränen überströmtem Blick Helene, »wie überlebte die Unglückselige den Schlag?«

»Ich kann Dir nichts vom Scheiden der Liebenden sagen, – denn kein Auge hat es gesehen, keine Lippe je ein Laut übertreten, der jenen heiligen Schmerz berührt hätte! – Als er fort war, erschien Ulrike wie gewöhnlich am Mittagstisch ihres Herrn Vaters; sie war sehr blaß und fast bewegungslos; mit erloschenen Augen saß sie da, legte ihm die Speisen vor, vermochte aber selbst nicht zu essen, – er hielt sie für krank und nannte das Uebel eine Erkältung.

Wie dem Jüngling, den er hinweggesandt in das Schneegrab seiner Erdenhoffnungen, war auch dem Alten an Island bloß die möglichst weite Entfernung von Ulriken wichtig gewesen; an eine Steigerung der Jenem auferlegten Qual durch kleinere oder größere Entsagungen hatte er dabei so wenig als Johannes selbst gedacht; gänzliche, unabsehbare Trennung war das Ziel seiner Bestrebungen, als er seinen ganzen Einfluß in Copenhagen aufbot, dem jungen Candidaten eine Predigerstelle zu verschaffen, die ihn von Seeland in eine Pönitenzpfarre trieb.

Als Ulrikens Zustand den nächsten und mehrere ihm folgende Tage unverändert der nämliche blieb, fiel dennoch dem Grafen kein einziges Mal bei, daß sie, die hochgeborne Comtesse, um einen elenden kleinen Landpfarrer sich ernstlich gräme; er glaubte die ganze Sache durch dessen Entfernung im Keime erstickt, und betrachtete die von ihm gemachten Bemerkungen als Beweise der thörichten Zudringlichkeit und Anmaßung des jungen Mannes. –

Am zweiten Juni lichtete in Copenhagen das Schiff, welches den Prediger in seine neue Heimath führte, die Anker, – am zweiten Juni legte sich Ulrike an einer bedeutenden hitzigen Fieberkrankheit, von welcher sie erst nach vielen Monden genas. – Genas? ja, sie stand auf, sie ging im Zimmer umher, antwortete freundlich auf jede Frage, allein sie blieb wie ein schlaftrunkenes todtmüdes Kind, meist unbeschäftigt, mit niedergeschlagenem Blick, still auf den Boden starrend, in ihren Zimmern sitzen, – von einer Präsentation am Hofe, von gesellschaftlichem Auftreten konnte gar keine Rede sein.

Die Fürstin Abatissin zu Wallöe erbat von der Königin den nie in ihrer Stellung geforderten Urlaub, scheute die Winterreise nicht, kam mit Lebensgefahr über den Belt und nach Laaland auf unsere Insel.

Die Kranke schauete sie mit verwundertem glasigen Blicke an – und erkannte sie nicht! Jetzt stieg der Schatten seiner unbedachten That wie ein drohendes Gespenst vor dem erschreckten Vater auf, – ihn durchzuckte eine entsetzliche Ahnung, aber er schwieg! Niemand wußte um den Zusammenhang des Geschehenen, Niemand verstand den Zustand des unglückseligen Herzens, das die Sehnsucht geistzerstörend, langsam überwuchs!«

»Um Gottes willen,« schrie Helene auf, mit gewaltiger Kraft den Arm der begeisterten Erzählerin erfassend, »sie war, – sie wurde –«

»Wahnsinnig!« erwiederte Emerenzia. »Tiefsinnig nannten die Aerzte ihren Zustand, er ward allmälig zu einem stillen, tiefen Wahn, der ihr bald die Wirklichkeit überdeckte! Nach einigen auf dem Schloß verlebten Wochen nahm die Fürstin das arme himmelschöne Kind, mit dem stets gesenkten Haupt, mit sich in das Stift. Nachdem sie abgereis't, trafen die früher zu ihrer Ausstattung mit großer Freigebigkeit von der Abatissin in Paris, Stockholm, Hamburg und Copenhagen bestellten Gaben hier ein; Stoffe, Edelsteine, Putz und Spitzen; – ihr nicht mit in das Stift angenommenes kleines Privatvermögen hatte Ulrikens Pflegerin großentheils zu diesen Ankäufen verwandt.

Die mütterliche Freundin errieth den stummen Schmerz ihres Lieblings; in Wallöe versuchte sie die geistige Zerrüttung ihrer theuren Pflegetochter, wenn auch nicht zu heilen, doch deren Fortschritt zu hemmen und ihren Zustand zu lindern. Sie schuf Ulriken einen künstlichen Zusammenhang mit dem Leben des Geliebten, sie brachte ihr Bücher über das Land, das ihn umfing, andere, welche die Sprache desselben behandelten, sie umgab sie mit Bildern und Nachrichten von dort, erzählte ihr von den Natur-Wundern desselben, von den Landseen, Gletschern, Nordlichtern und Leuchtkugeln; unermüdlich suchte sie nur einen Wechsel der Gedanken hervorzulocken in ihr – ach, nur selten gelang es. Es war die Vergangenheit, welche das kranke Hirn, das wunde Herz in ihren Banden hielt. Seit sie den Vater nicht mehr um sich sah, war allerdings Ulrike ruhiger; wenn sie allein zu sein glaubte, sang sie die Lieder, die sie von Johannes gelernt, spielte auf dem Spinett die Tänze, die sie mit ihm getanzt – oder bewegte sich im Rhythmus derselben anmuthig hin und her, wie vor dem Tanzmeister – andere Male hielt sie allein Stunde mit sich selber – es lag eine so seelenvolle Milde in Allem was sie that, daß man sie nicht für wahnsinnig halten konnte, wenn man sie länger sah, sondern ihren Zustand der stillen Versunkenheit in einen sie stets absorbirenden Gedanken zuschreiben mußte. – Qualvoll waren ihr die »langen Tage;« an solchen mußten die Fenster verhangen werden, sie weinte dann unablässig. Meine Mutter war bei ihr, auch ich trat mit in ihren Dienst, wenn ich schon keinen bestimmten Posten im Hause bekleidete. – Ach, nur zu bald gestattete ihr die Hoffnungslosigkeit ihres Uebels den längeren Aufenthalt im Stifte nicht mehr. Nach dem plötzlichen Tode ihrer Pflegemutter brachte man sie in das nahe gelegene Wohnhaus des Gutes Steinburg; dort sah sie plötzlich von allen äußern Erinnerungszeichen ihrer früheren Jahre sich abgeschnitten, sie ward stummer, scheuer denn je und sprach gar nicht mehr.«

»Und der Großvater?« fragte Helene.

»Das mit den Jahren zunehmende Gefühl seines Elendes machte ihn nicht weicher. Aetzender nur grub sich ihm das Gift der Vergangenheit in die Gedanken; es ward sehr schwer mit ihm auszukommen, besonders nachdem die Comtesse von den Aerzten als unheilbar erklärt. Er ging zurück nach Copenhagen; man sagt, er habe am Spieltisch Zerstreuung und Vergessenheit gesucht. Seine Tochter nannte er nie, man glaubte dort, sie sei frühe gestorben. Er widersprach nicht. Graf Thugge war nun erwachsen, hatte eine Carrière gemacht, und verlobte sich mit unserer seligen Gräfin; Graf Owen übergab ihm das Majorats-Gut und kehrte nie dahin zurück. Ein paar Jahre später stand sein Catafalk hier im Schloß-Saal. Niemand wagte Ulriken herzubringen, sie blieb von uns umgeben in ihrer Abgeschiedenheit, trug immer die nämliche Kleidung, wie sie in Aalholm in ihrer Jugendzeit sie getragen, sang immer noch mit leiser Stimme die alten Lieder, blätterte in den Büchern und Schreibheften, dachte immer, immer nur an Ihn! Wenn sie vor den großen Schloßspiegeln mit ihm zu tanzen wähnte, hat mich oft gegraus't, – daß sie älter ward, schien sie nicht zu bemerken, auch blieb sie lange Jahre hindurch schön –«

»Ich bitte Dich um Gotteswillen höre auf, Emerenzia, mich schaudert vor diesem endlosen Elend, das Du einer Parze gleich vor mir abwindest, ohne zum Abschluß zu kommen,« unterbrach sie Helene. Die kleine Nordermule schien ihr im Feuerflackerschein ganz groß geworden und anders, ihre Züge hatten einen ungewohnten Ernst, ihr Auge brannte und ihre Rede floß in vorher ihr nie eigenem Wohlklang und Rhythmus. – Die Begeisterte flößte dem Mädchen eine fast unbezwingliche Furcht ein. Es schlug drei Uhr an der Thurmglocke und der erste Hahnschrei tönte über die Haide. »Gehen wir zu Bett, Emerenzia,« sagte leise mit abgewandtem Haupt Helene, »die Geister meiner Familie umdrängen mir die Brust, ich kann nicht mehr – – Gott helfe uns Allen zur Ruhe!« – Die Nordermule hatte den Kopf wieder in die Hand gestützt, mit welcher sie die Augen sich verhüllte; sie blieb bei ihren Erinnerungen am Feuer sitzen, bis der graue Herbsttag sie mit fahlem Lichte umfloß und ihre müden Augen schmerzlich berührte!

Nicht wenig überrascht war Graf Christian, als am nächsten Morgen sein bestimmt ausgesprochener Wunsch, in wenig Tagen schon mit der ganzen Familie nach Seeland zu übersiedeln, um dort möglichst bald die projectirten Vermählungen zu vollziehen, von keiner Seite Widerspruch fand. Die Bräute brannten darauf, die in den Truhen der Tante enthaltenen Schätze würdigen Kleiderkünstlern, Modistinnen, Nähterinnen und Juwelieren zu gehöriger Verwendung zu übergeben, und durch sie ihren Ausstattungen einen ganz ungewöhnlichen Glanz zu verleihen; Eva wünschte durch Entfernung von Aalholm Wiederholungen einer Scene wie die gestrige zu meiden; und Helene? Sie hatte den nächtlichen Graus zwar verschlafen, allein seine Nachwirkung blieb immer noch unbesiegt in ihrer Seele zurück. Sie fühlte sich wie aus anderm Geschlechte entsprossen mitten unter den Ihrigen, ihr schauderte vor der heimtückischen dunklen Gewalt, welche Owen Ulriken gegenüber angewandt; denn sie war sich's sehr wohl bewußt, daß auf die eine oder andere Art Christian etwas Aehnliches an ihr versuchen könne, oder wenn auch nicht direct an ihr, doch um so leichter an Thorald, den er schon auf so unbegreifliche Weise von ihr getrennt und auf die uninteressante Insel Falstern zu gehen gezwungen! Sein Einfluß kam ihr wahrhaft dämonisch vor; »es läßt sich nicht absehen,« sagte sie sich selbst, »auf welchen Abweg der Imagination er ihn drängen, welche bösen Geister er in Thoralds einfachem, reinen Sinne zu erwecken vermag, auf welche Weise er durch die Macht der Idee ihn zu leiten verstehen wird, um vielleicht mit teuflischer Spitzfindigkeit meinen armen arglosen Freund nach Frankreich zurückzudrängen und ihn von mir zu entfernen!«

Scheu wich sie Christians sie durchbohrendem Blicke aus, als sie statt aller Antwort auf seine Anfrage: ob ihr die beschleunigte Reise genehm? ihrer Kammerfrau befahl, sogleich zum Einpacken die nöthigen Anstalten zu beginnen.

Sie machte ihn nicht irre! In der Leichtigkeit ihres Nachgebens hörte er das Zusammenklingen der Waffen, mit welchen sie wahrscheinlich in Copenhagen ihm entgegen zu treten beschlossen. Die Geschwister maßen einander mit heimlich drohenden Blicken, aber kein Wort, kein Hauch verrieth den Schmerz der inneren Wunden, die sie sich schlugen.

Die Liebe ist erfinderisch; Thorald und Helene fanden, allen Bestrebungen des Grafen zum Trotz, Mittel, sich gegenseitig von der Abreise und der Möglichkeit, einander in Copenhagen zu treffen, zu benachrichtigen. Christian sah bloß an des Mädchens ruhigerer Fassung, daß sie dieselbe erhalten.

Copenhagens oder, wie eigentlich der Däne sagt, Kjöbenhavns großstädtischem Reiz ist trotz aller ihm aufgedrungenen Sittenverderbniß der eleganten Welt, eine Art nordischer Häuslichkeit, fast sagte ich »eine nordische Sentimentalität und Bürgerlichkeit« eigen, welche andern Residenzen gleichen Ranges fehlt. Diesen vorherrschenden Charakterzug, welchen ihm die Sinnesart eines sehr großen Theils seiner Einwohner giebt, theilt es weder mit London, Paris oder Neapel, noch mit Berlin und Wien! Sei es wirkliche, ursprüngliche Sittenreinheit, sei es angenommene Form, ein stiller Geist spricht noch aus allen Schilderungen, welche uns Skandinaviens neuere Literatur bietet; alle Beschreibungen der dortigen Zustände zeugen von einem hohen Grade eigentlichen bequemen Familienlebens, wie von einer neben dem blasirten Sinn des hochadligen Cavaliers erhaltenen Sitten-Einfachheit der höhern Stände.

Vielleicht sind die Dänen trotz der bei ihnen vorherrschenden literarischen Bildung ein wenig altmodisch, allein sie wagen ein freieres Wort, sie zeigen in der Gesellschaft mehr Herz, sogar mehr Gemüths-Eigenthümlichkeit als wir, und während oft Modenübertreibung und carikirte Annahme ausländischer Manier beim Einzelnen nicht abzuleugnen, tritt dagegen auch eben so häufig bei andern eine rein bewahrte, edle Individualität zu Tage; besonders bei den Frauen.

In den neunziger Jahren, in denen die Begebenheiten sich zutrugen, welche diese Blätter uns bewahrt haben, waren nun diese Sitten noch bei weitem einfacher als heut zu Tage; die Strenge religiöser Moralität war vorherrschender, und das bürgerliche Behaben bei den vornehmen Familien allgemein. Grell stach die mit den Emigrirten aus Frankreich überkommene voltairisirende Bildung gegen die streng lutherische Orthodoxie ab, welche großentheils vom Königshause ausgehend auch auf das Hofleben einwirkte.

Der Luxus, welchen der Reichthum des Adels in der Hauptstadt hervorrief, war ebenfalls tüchtiger und reeller als in unserer Zeit, und die Ausstattung der beiden Bräute ein ganz bedeutendes Stück Arbeit, bei welcher Amalie und Annette die Hülfe ihrer Freunde ernstlich in Anspruch zu nehmen gedachten. Hierbei kam ihnen nun ein besonderer Umstand zu statten.

Die Familie des Grafen Gejer besaß seit Jahrhunderten schon gemeinschaftlich ein Haus, welches bald dieser bald jener Bruder bei seiner zufälligen Anwesenheit in Copenhagen bezog; nur Graf Friedrich machte seit seiner Vermählung eine Ausnahme; da er mit seiner Gemahlin die Winterzeit regelmäßig in der Residenz zubrachte, hatten sie sich in der Breitengasse angekauft. Bedeutende Familien wohnten weder in den Hanse-Städten noch in Dänemark zur Miethe. – Während der häufig drei Viertel des Jahres dauernden Abwesenheit der Grafen Gejern blieb die Wohnung derselben bis auf einen Theil des Erdgeschosses leer stehen; diesen hatte einer der älteren Freunde Helenens, den sie, wie schon erwähnt, vom Vater ererbt, seit mehr denn dreißig Jahren inne und bewohnte ihn mit Frau und Kindern. Die ganze gräfliche Familie war dem Obergerichts-Advokaten Alslev eng befreundet; alle ihre Angelegenheiten waren demselben bekannt und gingen, wenn sie mit dem Gericht in Beziehung standen, durch seine Hände; die gütige Frau Obergerichts-Advokatin aber pflegte die Aufsicht und die Schlüssel des Hauses zu übernehmen, wenn die Damen in das Stift Wallöe oder in Christians Schloß zurückkehrten, und war das Factotum des weiblichen Personals.

Der Obergerichts-Advokat war ein etwas untersetzter, immer noch sehr kräftiger Siebenziger, dessen breite Stirn einen hohen Grad Intelligenz zeigte. Die mit seiner Stellung stets Hand in Hand gehende Menschenkenntniß hatte der Güte seines Herzens keinen Eintrag gethan, und mit den Jahren war nur eine gewisse breite Redseligkeit in ihm entwickelt worden, welche den Zweck zu haben schien, den Nächsten von seinem Durchblick aller ihn umgebenden Verhältnisse zu überzeugen. Griffen diese in das Staatsleben ein, so ward freilich eine Art Resignation des Zuhörers nothwendig, welchen er freundlich durch ein »Geben Sie wohl Acht!« in gleich regem Interesse zu erhalten suchte.

Es wagte auch nicht leicht Einer sich seinen stets sachkundigen und sehr genauen Erörterungen zu entziehen, denn der wackere Herr verstand durchaus keinen Spaß, wenn es Gemeinwohl galt! Er pflegte sogar, wenn man nicht achtsam blieb, seine Rede durch ein plötzliches »na! sehen Sie, Männchen, daß Sie keine wahre Theilnahme für die Sache haben!« abzubrechen und dem jungen Bewerber um Amt und Anstellung selten die Zerstreutheit und Fahrlässigkeit zu vergessen! Ueberhaupt war ein unermüdlich edler Ernst in all seinem Thun vorherrschend, der sehr wohl in den Drang der Gegenwart Dänemarks paßte und ihm einen bedeutenden Einfluß in den Gestaltungen des öffentlichen Lebens erworben hatte. Dasselbe warme Herz aber, das für's Allgemeine so theilnehmend sich aussprach, schlug auch dem Wohl und Wehe des Einzelnen eben so unveränderlich treu entgegen, und die seltne Geduld, mit welcher er des Kleinbürgers und Bauern Klage anhörte, hatte ihm eine ungewöhnliche Popularität in Seeland erworben.

Die Aussicht, dem eben beschriebenen Ehrenmanne und seiner trefflichen, in ihrem Fach gleich tüchtigen Gattin sich zu nähern und auf langgewohnte Weise die Interessen, Leiden und Freuden des Augenblicks mit ihnen zu besprechen, belebte die Brust jedes Mitgliedes der Gejerschen Familie, als die schweren Wagen derselben durch das Osterthor der Stadt fuhren. Christian und Helene hofften jedes am Obergerichts-Advokaten einen Verbündeten gegen des Andern Starrsinn zu gewinnen, die zwei Bräute aber waren im Voraus der thätigsten Hülfe der Frau Alslev gewiß, die seit den Kinderjahren wie eine Mutter ihnen zur Seite gestanden.

Beim Aussteigen sprang Helene dem sie am Wagenschlage bewillkommnenden Freund in den Arm, und flüsterte ihm zu, sie bedürfe seiner Hülfe und einer baldigen Unterredung; leider nahm Christian denselben sogleich mit lauten einfachen Worten in Beschlag, indem er ihn um ein Detail der Staatsschuld fragte, das den guten arglosen Mann in eine ziemlich breite Auseinandersetzung und durch diese bis in des Grafen Arbeitszimmer zog; – auch Graf Friedrich war unterdessen angelangt, also an eine Privatunterredung mit Helenen für den Augenblick nicht zu denken!

Helene sah ihren Bruder scharf an, blieb aber heiter – »sie muß einen wunderlichen Rückhalt haben,« dachte er.

Als die drei Männer allein waren, (der jüngere Graf war noch nicht in Copenhagen angelangt,) legte Christian dem alten Freunde die ganze Sachlage vor, indem er ihm zugleich die Scene mittheilte, welche ihrer Aller Ankunft beschleunigt hatte.

»Sie würde als des Malers Gattin unglücklich sein und sich elend machen,« setzte Graf Friedrich hinzu, »ihre Apanage reicht nicht zur Hälfte für die Ausgaben eines Haushalts, der junge Mann aber hat nichts als einen sehr neu und wohlerhaltenen Pinsel.«

»Herr Graf,« sagte Alslev, nachdem er Beiden aufmerksam zugehört; »die Frage ist, hat er Talent und Fleiß? Arbeit möchte der noch so lang zu hoffende Friede in unseren Kirchen und Schlössern zur Genüge bringen! Allein die Comtesse ist verwöhnt, und Er hat allerdings keinen Rang ihr zu bieten.«

»Lieber Freund,« erwiederte etwas ungeduldig Graf Friedrich, »sie kann doch nicht mit dem Burschen von Stadt zu Stadt auf's Handwerk ziehen?«

»Der Herr Graf haben in Hinsicht auf Rang und Verwöhnung vollkommen Recht,« versicherte der Alte; »doch ist die zweite eigentliche Frage, hat der Mensch eine Gesinnung, einen Charakter, ein gewisses Bleibendes in sich? denn nur im Gegenfall dürfen wir hoffen, Comtesse Helene anderes Sinnes zu machen!«

Beide Brüder sahen den Advokaten verwundert an. »Ich kenne Herz und Kopf der Comtesse,« fuhr der Alte fort, »sind beide übereinstimmend dem Jüngling günstig, ohne innern Widerspruch, so bleibt den Herren Grafen nur die Wahl zwischen dem Veralten im Stift, oder der mißfälligen Vermählung für sie.« – Alslev war traurig geworden, im Herzen dauerte ihn Helene, er theilte die Vorurtheile seiner Tage und betrachtete, abgesehen von möglicher pecuniärer Sorge, jede nicht standesgleiche Heirath als ein Unglück. Die Ehen aller drei Brüder, welche so heftig gegen einen ähnlichen Schritt der Schwester sich aussprachen, fesselten ihm die Zunge; hatten doch Alle bürgerliche Frauen, und hatten, was dem alten Rechtsgelehrten nicht unwichtig war, keine Familienstatuten sich ihrem Entschlusse zu seiner Zeit entgegen gestellt!

Seinen ernsten Worten zum Trotz baten ihn beide Brüder dringend um Vermittlung und Beistand, und er versprach Helenen abzurathen; natürlich führten alle Gründe des an die reiche deutsche Frau vermählten Friedrich auf die Unmöglichkeit des Auskommens zurück, während Christians edlere Sinnesart ihn auf Verschiedenheit aller äußeren Verhältnisse der Familien aufmerksam zu machen versuchte. Der unbestechliche Alte sah Beide mit durchdringendem Blicke an, und ein fast unmerkliches Lächeln zog über seine Lippen. »Geben Sie recht Acht!« sagte er endlich, »Comtesse Helene ist ihrer Mutter Kind; an Reichthum ist ihr ganz und gar nichts gelegen, obschon sie dessen bedarf, und auch ihres Großvaters Geist spukt ihr im Köpfchen; sie versteht zu wollen! Wenn Er nur kein Revolutionsnarr ist,« brummte der Alte im Herausgehen, »und die ganze Welt mit dem Schwerte pflügen und mit Blut düngen will, anstatt dem Felde anzusehen, welcher Saat es angemessen!«

Als der Obergerichts-Advokat in sein Schreibzimmer trat, saß Helene schon darin; rasch sprang sie auf, lief auf ihn zu und bot ihm beide Hände zugleich; »erst jetzt lieb Väterchen begrüße ich Sie recht aus Herzensgrund, ich habe sehr viel zu fragen und zu sagen, aber vor allem dies: daß ich unverändert und unveränderlich Ihre alte Helene bin!«

»Seh' es schon, lieb Fröken,« sagte lächelnd der Advokat, indem er der »Alten« Hände an sein Herz drückte, »sehe es an der kleinen Fingerspitze da in meiner Hand!«

»Nun denn, lieb Väterchen, quälen Sie mich nicht mit dem, was meine Brüder Ihnen gesagt und – folgen Sie den »bösen Buben« nicht!«

»Die Brüder haben recht, Helene!«

»Weil die Männer immer »recht haben« uns gegenüber! Als mein Bruder Christian wie toll und blind in des Fäestebönders Tochter verliebt war, hatte er recht, und heirathete sie frischweg; als mein zweiter Bruder Friedrich ohne alle Liebe Geld und Gut über unsern alten Adel erhob, billigte ganz Copenhagen die »Partie,« (im Goldkäfig sitzen ist indessen Geschmackssache) – als nun vor kurzem mein dritter Bruder eine schöne und edle Frau nahm, die 25 Jahre jünger ist als er – o da fandet Ihr Alle, daß er recht hatte; denn eine junge Frau ist liebenswerther als eine alte! Nun aber Väterchen, soll ich denn nicht beispielsweise von dem außerordentlich vielen Recht meiner Brüder profitiren und das »Rechte« ihnen nachthun? – Ich habe doch wahrhaftig den Fall einer nicht ebenbürtigen Vermählung in unserer Familie nicht erfunden! Daß die Männer immer Recht haben, ist übrigens eine sehr alte Geschichte, schon Adam hat bei Gott Vater der Eva Unrecht gegeben, weil sie ihm den Apfel – –«

»Helene! damit kommen wir nicht weiter! Sie können Thorald nicht heirathen –«

»Und warum?«

»Weil er unter vier bis fünf Jahren nicht im Stande sein wird eine Frau zu ernähren! Und bis dahin –«

Stumm kehrte Helene zu ihrem bei des Advokaten Eintritt verlassenen Platz zurück und nahm einen großen Folioband in die Hand, den sie vorhin durchblättert. »Sie vergessen, lieber Alslev,« sagte sie fest und ernst, »daß ich die jüngste von meinen Schwestern und von unserem Hause bin. Lesen Sie einmal hier –«

»Helene!«

Sie warf sich schluchzend in seine Arme. »Helfe mir Gott, Vater, ich kann und darf nicht anders! Haben Sie denn wirklich den Muth mir zu befehlen, gar nicht – auch nicht vier, fünf Jahre glücklich zu sein?«

Sie herzte und küßte den guten alten Herrn, bis ihm die Perrücke ganz schief stand; verlegen rückte er sie zurecht und rief halb ärgerlich und halb gerührt, indem er schnell seinen bestaubten Pergamentband in die Registratur einrangirte, »meine Bücher zu nehmen, meine Notizen! Helene! Helene!«

Als er aber umsah, war sie längst verschwunden.

Wenn es Abend wurde und die Damen nicht ausgebeten waren, pflegten sie ungemein gern im netten spiegelblank-reinlichen Wohnzimmer der alten Frau Alslev ihren Thee zu nehmen.

Sieben Kinder, darunter fünf Söhne, hatte die würdige Alte aufgezogen und erzogen, mit sorglichem Blick die ersten Schritte auf den erwählten Lebensbahnen eines jeden von ihnen geleitet, mit kräftiger Hand und noch kräftigerem Geist die Schwachen unterstützt, Glück und Gelingen, Krankheit und Noth all der ihr vom Gatten ganz überlassenen Kinder redlich getheilt. »Es schlägt in ihr Departement,« sagte der Gerichts-Advokat, »das Haus und was darin ziemt der Weiberhand zu regieren, meine Kinder laufen draußen barfuß umher, der Staat ist mein Haushalt und Gott sei's geklagt, er ist voller Stiefkinder, die ich nur ungern anerkennen mag, so fremd stehen sie zum Ganzen.«

Mit unsäglicher Liebe hingen Töchter und Söhne der Mutter Alslev an, von letzteren waren mehrere außerhalb verheirathet und wiederum zog die Matrone nun die Enkel groß; zwei Knaben waren von ihren Eltern der Schule wegen nach Copenhagen gethan in's großväterliche Haus. Fast jeden Abend kamen auch die in der Stadt ebenfalls längst vermählten Töchter mit ihren Kindern, und ein großer Familienkreis ordnete sich um den wohlbereiteten Theetisch. Ein Fest wie das der Ankunft der gräflichen Geschwister, mit denen Alle von Jugend auf in Verbindung standen, mußte natürlich den ersten Abend besonders anziehend machen. Jedes Mitglied der Familie suchte seine Freude an den Tag zu legen, und die Stunden eilten mit geflügelten Schritten der Nacht entgegen, als ein lautes Klopfen an der Hausthüre Allen vernehmlich, noch einen verspäteten Gast verkündete.

Erstaunt durchflog der Hausfrau klares Auge den weiten Ring, den die Liebe um sie zog, es fehlte Niemand an der gewohnten Stelle.

Jetzt kam ein alter, mit der Herrschaft ergrauter Diener ein wenig verlegen lächelnd auf die Hausmutter zu, und flüsterte eine, wie es schien, ihr gar befremdliche Meldung! »Ich komme selbst, Peter, bittet nur den Fremden, wenige Augenblicke unten zu verziehen.«

»– Draußen steht ein sonderbarer Mann, halb wie ein Bauer, halb wie ein Geistlicher gekleidet,« erzählte mittlerweile der junge Heinrich, Alslevs Enkelkind, den aufhorchenden Mädchen, »hat einen langen weißen Bart und ein ganz runzliches, liebes Gesicht; er muß lange nicht bei uns gewesen sein, denn obschon er nach Großmama fragte, sah er mich für meinen Vater an! seine kleinen Hände zittern vor Altersfrost und er hat ein kleines Büchlein mit, das sollte Peter herauftragen, und uns Alle darin lesen lassen, so würden wir ihn schon kennen und ihm erlauben einzutreten. Ich wollte ihn gleich mit mir nehmen und ihn heraufführen, ihn aber schien die schöne Einrichtung, welche der Herr Graf beim Einzug der Fröken machen ließ, fast zu erschrecken, er fragte immer wieder: ob er auch gewiß nicht irre? Den neuen Teppich auf der Treppe getraute er sich kaum zu betreten und war höchst besorgt, etwas zu beschmutzen oder zu verderben; es war drollig anzusehen.«

»Und doch kannte er unser Haus?« fragte Amalie. »Ja wohl!« – In diesem Augenblicke trat mit freudeverklärtem Angesichte die Hausmutter ein, den wunderlichen Fremden an der Hand. »Ich bringe Euch einen alten Freund,« rief sie fröhlich den Kindern entgegen, »Kund Jürgenssen, der vor fünf und zwanzig Jahren viel hundertmal auf seinen Knien Euch gehalten und Euch wunderschöne Elfenmährchen und Saga's aus unserer Vorzeit erzählt, dem guten Pfarrherrn von Saurbar am Hualfiorden in Island. Ich denke Ihr kennt ihn Alle noch! Damals waren Vater und ich ein gut Theil jünger, gingen mitunter wohl zu Mummereien, Theatern und Concert; dann saß der gute Jürgenssen bei Euch und vertrat, wie's eigentlich wohl der Geistliche überall sollte, Vater und Mutter Euch zugleich! Ja, ja, das thatet Ihr, und wenn wir heimkehrten zu Nacht, lagen die Kleinen in ihren Bettchen mit gefaltenen Händchen und waren über den Abendsegen sanft eingeschlafen, den Ihr sie sprechen gelehrt!«

»O liebes, gütiges Väterchen!« riefen nun zugleich die Söhne und Töchter des Hauses, stürzten auf den Alten los, ergriffen und drückten seine Hände, er aber bebte vor Freude und Rührung. »Und seid Ihr es denn wirklich, wirklich wieder herübergekommen zu uns, aus Eurem Schnee- und Eiseilande? Und Ihr bringt nun den Winter bei uns zu, in Kjöbenhavn, nicht wahr? Tausend und aber tausend Mal willkommen! Da seht,« rief ein herrlich blühendes junges Weib, Alslevs jüngstes Töchterchen, »da sind schon meine Kinder, die auf Eure schönen Sagageschichten warten, nun könnt Ihr denen so herrliches Spielwerk schnitzen, wie Ihr uns es gethan, es wird sie ergötzen, wie vor fünf und zwanzig Jahren uns!«

»Ja! ich besinne mich,« sagte einer der jüngeren Söhne, »Ihr kommt aus Island, eines schweren Prozesses wegen; eine herbe Klage war's, die Ihr dem Vater übergabt!« –

»Käme er nur selbst, der liebe theure Herr!« meinte der Pfarrer, den die Freude jung und lebendig machte, »daß ich ihm danken könnte und ihn begrüßen aus Herzensgrund.«

Die Mutter führte nun Kinder und Enkel auf, eins nach dem andern; immer entzückter wurde der Alte, verwechselte aber doch noch oft die Enkel mit jenen, weil sie »so gar prächtig herangewachsen!« Die älteren Fröken waren auch hinzugetreten, der gute Mann kannte sie gleich; außer sich war die kleine Nordermule, die er fast vergessen, nur besann er sich noch, zum höchsten Glück! »Ich war ja damals mit dem Fröken Amalie hier, wie konntet Ihr nicht gleich meiner Euch erinnern,« klagte sie; »doch erzählt uns nur, woher Ihr nach so langen Jahren endlich kommt, fast seht Ihr aus wie damals, als wir von Euch Abschied nahmen – –«

»Es war am Abend vor dem Johannisfeste,« sagte der Pfarrer, »o ich weiß Alles noch!« er nahm sein altes Büchlein wieder aus der Brusttasche; ein Stammbuch war es, wohl an fünfzig Jahr alt! »Da, da steht Ihr Alle!« jubelte er auf, »Frau Alslev und Janfru Sophie, Janfru Fredrika.«

»Bitte zu sagen: Frau Amtmännin Solwig,« lachte die kleine Frau –

»Schön, schön,« erwiederte der Alte, »damals aber durfte ich mir die Janfru nur unter diesem Namen mit fortnehmen, in meinen Erinnerungen; sie war eben zwei Jahre alt, und ich führte ihr die Hand, ja, ja, bis auf das kleinste Kind hat jedes hier mir sein Kreuzlein hingemalt, wenn es noch nicht zu schreiben verstand, in das Gedenkblatt der Familie des edelsten Menschen, den ich je gekannt!« – »Ach, auch ich weiß jetzt wieder Alles,« versicherte Sophie, »es war Frühling, den Abend hattet Ihr uns von den Pilgerwallfahrten zu den Quellen und ihren guten Geistern erzählt, wie sie in der Johannisnacht unternommen werden müssen, und von den kleinen Engeln, welche sie bewachen; dann schrieben wir uns ein, Ihr hattet das Büchlein noch aus Euren Studentenjahren; das sind schon fünf und zwanzig Jahr?«

Und Kopf an Köpfchen drängte sich zum vollen Kranz um die hohe Lehne des Sessels, zu welchem die Mutter den vor Freude an allen Gliedern Zitternden geführt, »ja, ja!« rief er aus, »das ist das Büchlein,« und Schwarz- und Blauäugelein schaute ihm über die Schulter auf die beschriebenen Blätter, »das ist Großvaters Hand,« – »dies Mutters Schrift!« »Hier bin ich!« rief ein Drittes, »hier Fröken Amalie, Annette!« »Nur ich bin nirgends,« sagte fast traurig Helene! –

»Kind,« erwiederte lachend die Nordermule, »Du warst noch nicht einmal geboren!« »Die Gräfin Gejern wie sie leibte und lebte!« schaltete der Pfarrherr ein, und schaute wohlgefällig das schöne Mädchen an, – dann fuhr er fort, »es gab mir selbigen Abends, ehe ich von dannen zog, der hochverehrte Herr Alslev noch ein gar schönes, werthvolles Geschenk.« –

»Ja, ich entsinne mich,« sagte die Mutter, »wir brachten Euch als Mitgabe in Euer kaltes Land einen warmen Festrock, den wir Euch baten uns zu lieb zu tragen.« –

»Und ob ich's thue!« rief der Pfarrer, »da, da ist das gute, gar wohl erhaltne Kleid, kennt Ihr es noch?« Und im freudigen Eifer erhob er die Taschenklappen und die Schöße des schwarzen Rockes, zeigte sie jubelnd und jauchzend den Kindern – dichter und dichter umdrängten ihn diese. –

»Ach,« sagte leise die Nordermule zu Helenen, »das gute treue und dankbare Herz! So ein armer Pfarrer in Island hat kaum einige dreißig Thaler Einnahme von seinem Kirchspiel, das weit ausgebreitet viele, viele Meilen umfaßt!«

Der Pfarrer hatte das leise Wort gehört. »Schon wahr,« sagte er, »allein, was braucht man auch des Geldes viel? Immer trägt man doch nicht so gute Kleider wie dieses ist, und habe ich doch mein sauber Stückchen Kirchenland! Freilich reift mir kein Korn darauf, aber ich ziehe doch Kartoffeln, Kohl und herrliches Futter für meine zwei Kühe! Ja, ja Janfru Nordermule, der Kund hat die schönsten Thiere weit und breit, – wäre mir nicht die Hausfrau gestorben, wie gar leicht wäre mir das Leben! – Bücher fehlen mir sehr! die sind theuer, denn zu Lairar druckt man nur Katechismen und Andachtsschriften – und das ist die einzige Druckerei, die wir in Island haben!«

»Aber wovon lebt Ihr denn?« fragten die Kinder. – »Ei nun, seit dem die Stadt Reikiawik erbaut, fehlt es nicht einmal mehr an Brot und Fleisch; wir haben ja aber immer Vögel und Fische! Den Sandhafer, den herrlichen Melia giebt uns Gott, wie einst den Israeliten das Manna, ohne Säen und Pflanzen!«

Mit tiefer Bewegung lauschte Helene dem zufriedenen Manne, der den Kindern vom Tauschhandel auf der Insel selbst und von den »Gnaden Gottes,« wie er den Robbenfang und die Eidergans nannte, immer eifriger und glückseliger erzählte, da schloß er plötzlich, »ach, was die Natur an Island thut, ist schön und ein gar werthvolles Geschenk des Herrn, allein die Menschen gönnen es einander nicht und verderben sich gegenseitig das Leben. Als ich im Jahre siebzig zuerst meine Klage vor der geheimen Conferenz-Commission des Ministers Struensee eingereicht hatte, glaubte ich freilich mich gesichert für immer!«

»Der Vater! der Vater!« riefen die Kinder; jedes eilte auf den Advokaten zu, ihm zuerst die erfreuliche Kunde zu bringen; obschon er vor all den zugleich auf ihn eindringenden Stimmen kein Wort verstand, hatte sein scharfes Auge alsbald den isländer Pfarrer erkannt. Alslev vergaß nicht leicht, wen er einmal gesehen. »Herzlich willkommen, Ehrwürden!« rief er und bot ihm gastfreundlich die Hand. »Ihr habt lange uns nicht besucht und findet in und außer dem Hause eine neue Welt, aber immer das nämliche herzliche Willkommen!«

Die Männer saßen nun nieder und das Gespräch nahm eine ernstere Wendung und ging bald über auf's Allgemeine. –

Trotz der anerkannten Hinneigung der Isländer zu jedem wissenschaftlichen und literarischen Streben, liegt die Insel doch zu sehr außer allem eigentlichen europäischen Lebensinteresse, als daß Nachrichten entfernter Länder leicht sie erreichen sollten. Die Nachrichten der Gegenwart, eben war in Frankreich das Directorium an die Stelle des Convents getreten, Napoleons phänomenartiges Auftauchen aus dem Chaos der sich wieder gebärenden Zeit, Alles dies war dem erstaunten Hörer, wie eine zweite Weltschöpfung, unfaßlich überwältigend. Er stand noch mit trauernder Seele am Grabe der jungen schönen Königin seines Heimathlandes, die er gesehen, verehrt, und die während seiner Abwesenheit von Kjöbenhavn so schmachvoll in Zelle geendet.

Und grell erhob sich neben diesem ungeheuren Wechsel der riesigen Begebenheiten einer Gegenwart, welche selbst Gott in seinen Himmeln und den blutenden Heiland an seinem Erdenkreuz zu bezweifeln und anzugreifen gewagt, sein eignes sich immer gleichbleibendes individuelles Dasein. Was er am Gerichtshofe Christian VII. durch Struensee's Hülfe erlangt, und als Beute in seine ferne Heimath mit sich fort genommen, kam er jetzt zum zweiten Male zu fordern nach Kjöbenhavn; Struensee, der jungen Königin Partei, alle Minister damaliger Tage, waren längst untergegangen im Kampf eigener und fremder Gewalt, er fand zwar wieder einen Grafen Bernstorff am Staatsruder, statt des damals eben seiner Stelle entsetzten trefflichen Mannes, allein es war ein Andrer, den er daheim nicht einmal nennen gehört! Es übernahm das Alles fast den gealterten Mann, der zuletzt, beide Hände vor das Gesicht geschlagen, zusammenzubrechen schien unter der ungeheuren sich ihm entgegenwälzenden Last der Eindrücke des Augenblicks.

Leise nahte sich Helene und legte ihre weiße kleine Hand auf seine zitternden, in den ergrauten Haaren wühlenden Finger, »die Zeit schreitet schnell, Ehrwürden,« sagte sie, »ist es nun nicht wunderschön, daß die Natur und des Einzelnen Herz sich dennoch in ihr gleich zu bleiben vermögen, trotz ihres Riesengangs? Höchstens reißt er das irdische Leben mit sich fort, wenn wir uns nur in uns selbst recht fest auf den Füßen zu stellen vermögen. Seht, Alles um Euch ist ganz anders geworden; wenn Ihr morgen am Tage ausgeht, und durch die verödeten Straßen Kjöbenhavns, werdet Ihr noch weit mehr erschrecken! Ihr werdet Christianborgs ungeheuren Schutthaufen finden und die Brandstätte des Gammel-Holms, – seit drei Monaten liegt ein Viertel unsrer Vaterstadt in Asche, – nun Ehrwürden, ist's nicht wunderschön, daß Menschenwerk und Menschenleben so zusammenfallen zu einer grauenhaft erhabenen Ruine, und der winzig kleine Punkt im Universum, der feste Charakter eines Menschen durchwächst sie dennoch mit seiner unbesiegbaren Liebeskraft? Ihr steht mit dem alten Rock, den Ihr vor fünf und zwanzig Jahren hier im Hause empfingt, über dem alten unverändert sich gleichschlagenden Herzen, voller Treue wieder hier unter uns, und Eure kleine schwache Brust zeugt von der Ewigkeit, während Alles was Euch und uns umgiebt nur von der Vergänglichkeit zu uns redet!«

Dankbar blickte der Pfarrer sie an, keines Wortes mächtig, zog er ihre Hände an seine Lippen. –

Bleich wie ein Todter starrte der unlängst in's Zimmer getretene Christian auf sie, – er fühlte den durch ihre Neigung zu Thorald plötzlich erwachsenden mächtigen Charakter des Mädchens. Der alte Alslev blickte zärtlich zu ihr hinüber, ihn freute das Aufkeimen und Erblühen der von ihm gepflegten Saat. »Sie wird Festigkeit haben wie ihre Mutter, und wie sich auch ihre Verhältnisse gestalten mögen, sie wird glücklicher sein!« – Die kleine Nordermule aber warf sich innerlich alles vor, was sie ihr erzählt, von der Tante Lieben und Leiden, – »eine Unbesonnenheit wird sie begehen!« sagte sie leise, vorsichtig die gutmüthigen blauen Augen niederschlagend, daß ja keiner in ihnen lese! der kleinen Bucklichen Seele war stets in siebenfache Schleier gehüllt!

Einer wunderbaren Klage halber war der alte Kund Jürgenssen von Island im späten, schon gefahrdrohenden Herbst nach Copenhagen gekommen. Sein im Borgefiords-Syssel, am Huatfiorden gelegenes Kirchspiel erstreckte sich an beiden Meerbusen nach Leirar hin, und dann tief landeinwärts über viele einzeln liegende Pachthöfe und Häuerlingshäuser weiter. Nun aber gab es bis zum Jahre 1782 auf ganz Island weder Städte, noch Marktflecken, noch Dörfer; die Einwohner lebten zerstreut in den vor Stürmen am meisten geschützten Orten und lehnten gern ihre Gehöfte, die alle aus Lava und Treibholz erbaut, einander glichen wie ein Tropfen Meerwasser dem andern, bald da, bald dort an einen sie deckenden, vielleicht gar überhangenden Felsrücken, um gegen arge Wetterunbill möglichst sicher zu sein.

Fromm und ohne Klage zogen sie Sonntags oft meilenweit zum entlegenen Gotteshause, ihren Seelsorger predigen zu hören; er war meistens zugleich dabei ihr Arzt, jedenfalls ihr vertrauter, väterlicher Freund, der in aller Noth und Freude, beim Ein- und Austritt in ihr mühevolles Sein ihnen treu zur Seite blieb und des Lebens Drangsal ihnen tragen half, wenn ihre eigene Kraft ermattete. Denn wie sein schwer herniederhängender Himmel, ist der Isländer trübe, schwermüthig, ihn drückt das Leben, seine Freude besteht meist in ernsten Dingen, er singt auf vaterländische Weisen seine Sagen, hört gern Snorro Sturlesons Dichtungen und die Edda, und spielt das ernste Königsspiel: Schach! –

Die später allmälig angelegten sechs Handelsstädte, welche noch die einzigen der Eisinsel, bestehen außer Reikiawik, das wohl über sechzig Häuser zählt, auch nur aus wenigen größern Kaufmannswohnungen und um diese herliegende Packhäuser und Magazine; alle sind einstöckig, niedrig, roth angestrichen, der Wärme wegen oft mit grünem Rasen belegt. Die Pachthöfe entbehren meist den Luxus eines Schornsteins, eines Ofens oder gar gläserner Fensterscheiben, denn die wilden Orcane gestatten ihn nicht. Unsäglich beschwerlich und dennoch durch seine tief eingreifende Wirksamkeit heilig-schön, ist hier der Beruf des Pfarrers! Der von ihm viele, viele Stunden weit durch die menschenöden und dennoch stets bewohnten Districte getragene Kelch des Herrn wirkt dort noch beseligend auf den Todeskranken; und Taufe und Trauung werden, wenn sie Wochen hindurch bis zum Erstlings-Sonnenstrahl des Frühlings verschoben worden, in vielen Herzen um so frommer ersehnt, so daß dem Priester der schwere Gang gelohnt wird und sein eigener Beruf verklärt vor seinem geistigen Auge sich erhebt.

Wie zart wiederhallte dieses Gefühl in des bescheidenen, orthodoxen Kunds Seele! und dennoch war er angeklagt, hart angeschuldet von dem Probst seines Districts, und wie einst vor 25 Jahren jetzt abermals vor das Consistorialgericht des Bisthums Reikiawik gestellt, weil er »aus Trägheit« die Leichen der in seinem Sprengel Verstorbenen unbeerdigt lasse, ja, auf Monatelang bloß in den Schnee sie einsenke, ehe er dem müden Leibe einer den Trauerort vielleicht rastlos umkreisenden Seele, die letzte Gott geweihte Ruhestätte auf dem Kirchhof gönne und durch das Wort des Herrn dieselbe ihr bereite! – O wie lange, bittre Nächte hatte der Arme verweint, bei der rauhen Grausamkeit dieser Anklage! – Das Bewahren der Körper im Schnee war eine harte Nothwendigkeit, welche indessen nur die entferntesten Mitglieder seines Kirchspiels traf, denen das Erreichen des sehr entlegenen Gottesackers mit der Leiche fast unmöglich war. Oft war das Leben der Träger beim Transport des Sarges in Gefahr gerathen, sie versanken in Schnee und Eisspalten; der ihn selbst treffenden Beschwerde hätte der fromme Mann nicht geachtet, kaum sie erwähnt, obschon er mehrmals durch dieselbe erkrankt; allein eine größere Anzahl seiner stündlich Bedürfender litt darunter!

Der Probst war ihm nicht gewogen, seine Rechtfertigung ward verworfen, schwere Klage gegen ihn im Consistorio erhoben! – Im Gefühl seines guten Rechts war Jürgenssen vor fünf und zwanzig Jahren nach Copenhagen gesegelt. Seiner einfachen Seele war die damalige Aufhebung aller Ministerien und die Gewalt, mit welcher Struensee eine Menge wirklicher Verbesserungen einführte, nur eine Vereinfachung des Geschäftsgangs gewesen, er hatte für den Günstling des Königs geschwärmt und an die wirkliche Thätigkeit des Letztern lange nach Ausbruch seiner Geistesschwäche geglaubt. Mit der leicht erworbenen Rechtfertigung und günstigen Entscheidung seines Prozesses war er damals heimgekehrt; die gänzliche Umgestaltung der dänischen, und mithin der provinziellen Verhältnisse hatte auch diese längst entschlafene Anklage erweckt, von neuem war ihm aus Reikiawik der Befehl augenblicklicher und wirklicher Bestattung der in seinem Kirchspiel Verstorbenen zugekommen. – Allein zu dem Schnee seiner Gebirge hatte sich nun dem armen Pfarrer der Schnee des Alters gesellt, der sich auf seinem müden Haupte gesammelt, und man altert schnell, bei so schwerem Beruf, in solchem Clima! Dem Prediger blieb nur die Wahl zwischen freiwilligem Aufgeben seines bisherigen Berufs, oder des Versuchs, eine erneute Vergünstigung von Copenhagen aus zu erhalten, seine Leichen in das weiße Schleiertuch der Erde zu hüllen, bis der Frühling das Herz der alten Mutter erwärme, und sie das entschlafene Kind in ihre treuen Arme aufzunehmen im Stande.

Von seiner Kirche den Kund bannen, hieß ihn tödten! sie war seine Liebste, seine Welt! Von Katharina, seiner verstorbenen Ehefrau, hatte er ein holdseliges Töchterchen; Mathilde (so hieß sie nach der unglücklichen Königin) – war die einzige, welche außer der dem öffentlichen Gottesdienst geweihten Stunde den geheiligten Raum mit ihm betreten und Küsters-Dienst, in Reinigung und Ausschmückung der Kirche, mit ihm theilen durfte. Was sie Kostbares besaßen, ward zur Zier des Altars, der Kanzel, ja des kleinen Chors verwandt. An einem Pfeiler hing ein Kupferstich, das Bildniß des Vaters Alslev, des »edelsten Menschen, den er je gekannt!« Dieser Ehre hielt er nur ihn für würdig; während seines ersten, dreimonatlichen Aufenthalts hatte er in der Residenz all seine ihm für das ganze Leben ausreichende Menschenkenntniß gesammelt; Alslevs klares, festes Wollen und bestimmtes Handeln hatte ihn zur verehrenden Begeisterung fortgerissen, sein treuer Sinn bewahrte sie in immer gleichbleibender Erinnerung.

Alle diese kleinen und doch ihrem bisherigen Erfahren fremden Züge aus einem beschränkten, fast von jeder Bequemlichkeit entblößten, rein-menschlichen Dasein rührten Helenen unsäglich, allein sie baueten sich auf zur trennenden Mauer zwischen ihr und den einzig mit den Vermählungsfeierlichkeiten und den Ausstattungen beschäftigten und erfüllten Geschwistern.

Außer Christian waren Alle, selbst die Brüder durch ihre Frauen in den Taumel der Hoffeste und Zerstreuungen hineingerissen, mit welchen man Christian VII. fortwährend umgab. Die Grafen Schimmelmann und Bernstorff waren nur theilweis im Volk geliebt, im Innern des Staats gab es viel Unzufriedene. Die dänische Politik ging darauf aus, mit allen auf Dänemark einwirkenden Mächten Frieden zu halten, aber trotz der dabei zu Tage gelegten Würde und äußerlichen Größe, ließ sich eine gewisse Unsicherheit der Ansichten wie der Verhältnisse kaum bergen. Alle Geschäfte, welche die verschiedenen, nach Struensee's Sturz wieder eingeführten Canzeleien dem Staatsrath vorlegten, mußten in doppelten Sitzungen vorgetragen werden; in der Versammlung beim Erbprinzen Friedrich wurden die Resolutionen gefaßt, alsdann in einer zweiten dem Könige zum Schein vorgelegt, der sie halb bewußtlos unterschrieb. Das war eine unsäglich betrübte Comödie, und ihre Rückwirkung auf das Volk war es nicht minder! Der arme Prediger litt unbeschreiblich, sein beschränkter Geist sah überall böse Dämonen sich drohend gegen sein ihm so theures Vaterland erheben; so lange seine Sache bei Gericht anhängig blieb, war Helene sein einziger Trost, und die ganz einfachen und zugleich so tief poetischen Lebens-Anschauungen desselben, ließen dagegen dem aufgeregten Sinn des Mädchens alles Treiben der Vornehmen und des Adels im widerwärtigsten Lichte erscheinen, ja sie steigerten ihren Entschluß, mit Thorald ein von diesen hemmenden Einschränkungen freies Leben zu führen zur entsetzlichsten Pein.

Thoralds leichteres Blut ließ ihn einfacher seine Bahn weiter ziehen; er war in Copenhagen, arbeitete in der noch neuen und unvollständigen Academie, gefiel durch heitere wohlwollende Theilnahme, umarmte den alten Kund, der ihn auf Helenens Bitte besuchte, machte das Portrait des kleinen, leider kränklichen Kronprinzen, und war bei jeder einzelnen Nachricht von Frankreich aus überzeugt: auch im Norden müsse jede kleine Meuterei, jede Unzufriedenheit des durch Monopole gedrückten Handelstandes nächstens große Umwälzungen herbeiführen, welche dem Charakter und einer der Nation inwohnenden Gleichmüthigkeit und sehr ernsten Besonnenheit widersprachen. Er selbst war kaum noch ein Däne; der lange Aufenthalt in Italien und Frankreich hatte alle vorspringenden National-Eigenschaften in ihm verwischt.

Graf Christian vermied Erörterungen, welche zu nichts Glücklichem führen konnten, Alslev und er waren verstimmt, weil sie sich nicht zu gleicher Ansicht zu vereinen vermochten; in sich selbst streng und scharf concentrirt beobachtete der Advocat den Maler genau; er hätte so gern etwas Bedeutendes aus ihm gemacht, ihn durch einen glücklichen Wurf Geld und ein den Rang übertragendes Wirken verschafft – Thorald aber war und blieb eine hoffende, dem Leben vertrauende, sorglose Künstlerseele; er war überzeugt, einmal ein unsäglich schönes Bild zu malen, das ihm Ruf, Ruhm, Brot, und den Besitz der Geliebten zusichere. Unterdessen aber malte er eine Menge gleichgültiger Portraits, wurde Mode beim höchsten Adel und bei den Prinzessinnen, und begriff Helenens leise Klage nicht; sie sah weiter hinaus als er!

Die Hochzeittage mit ihren prächtigen Toiletten, alle den Gnadenbezeugungen der alten Königin, welche sich der »endlich wieder standesmäßigen Heirathen in der Familie Gejer« erfreute, das große Festmahl, und die lästigen, das Zartgefühl der Neuvermählten nicht sonderlich schonenden Gratulations-Visiten am Morgen nach dem Beilager – Alles das war vorüber! Nach den erwiederten Besuchen bei der über halb Copenhagen reichenden Vettern- und Cousinenschaar, wollten die neuen Ehepaare auf ihre Güter. Am Morgen vor dem Abschiedstage fuhren zwei schwere Caleschen in den Hof – die Neuvermählten waren schon auf ihren Berufswegen, und die Meldung des Besuchs erging an die »Gräfin Gejer!« Es waren die sieben Gejer-Mogenstrupp, Hochwürden! Sie wurden zu Eva geführt; welch ein Elend einen Bedienten vom Lande zu haben! der redliche Nysteder kannte die Weltverhältnisse nicht! Da standen sie, grau und Ehrfurcht erregend, in stummer Erhabenheit, wie sieben Wartthürme des Mittelalters die anmuthige Eva umgebend, und vermochten kaum das schwere Haupt ein klein wenig zu neigen, zum Gruß! Tödtlicher Schreck lähmte ihre riesigen Glieder: sie, die Hochadeligsten aller Chanoinessen, hatten der »wegen Kränklichkeit« nicht an den Hof gehenden Fästebönders Tochter, der nie zum Gesellschaftskreis mitzählenden Pseudo-Gräfin, die erste Visite gemacht –

Mit eben so viel Anmuth als Würde empfing sie die liebenswürdige, sanfte Eva; sie errieth leicht, daß der hohe Besuch ihrer Schwägerin Helene gälte, deren Rückkehr in das Stift Wallöe bereits festgesetzt war, und ließ diese sogleich zu sich bitten. Wie ein Frühlingsvöglein schwebte die kleine Comtesse herein und auf die sieben Wartthürme zu, welche sie sogleich im Flug der zierlichsten Worte umkreis'te, und ihnen zu dem Zufall Glück wünschte, ihre leider fast nonnenhaft zurückgezogene Schwägerin auf diese Weise kennen gelernt zu haben! So leichten Kampfes waren jedoch die empörten Stifts-Damen nicht zu beschwichtigen! Es entspann sich eine jener gesellschaftlichen Fehden, welche nur Frauen führen und kennen; mit hinreißender Anmuth verstand es Helene, jedem Worte, das Eva sprach, volle Geltung zu verschaffen, und deren Charakter, Stellung, Güte und Glück fortwährend hervorzuheben, indem sie selbst sich ihr gänzlich unterordnete und sogar den Rang der regierenden Gräfin und verheiratheten Frau in volles Licht setzte. Die sieben Mogenstrupps rissen unermeßliche Augen auf – sie fühlten sich angegriffen bis in's eigentliche Mark ihres Lebens – und schritten zur Rache! Alle Sieben begannen mit unendlicher Volubilität von lauter kleinen Hofgeschichten und Familienangelegenheiten der höchsten Kreise, als von bekannten Dingen zu sprechen, indem sie sorgsam alle darin vorkommenden Personen nur bei Vornamen oder den Spitz-Namen nannten, die man ihnen in jenem Cirkel gab; Eva konnte um alle diese Einzelnheiten nicht wissen, und die siegreichen Sieben stellten sich auf solche Weise zu Helenen in intimen Rapport, während sie die Gräfin aus dem Interesse des Gesprächs gewaltsam herausdrängten, um sie fühlen zu machen, daß sie jenem Cirkel der königlichen Familie und des sie eng umgebenden Adels nicht angehöre, obschon sie Christians Titel führe.

Helene gab nicht nach! Geschickt deckte sie sogleich ihre Schwägerin mit dem Schilde des Ausländisch-Modischen, warf nebenbei mit der persönlichen Gunst der verwitweten Königin um sich, als habe sie dieselbe in der Tasche, und überwältigte endlich in fortgesetztem Gespräch den Feind durch eine Menge Anekdoten vom englischen, russischen und schwedischen Hofe, mit denen sie die der ganzen civilisirten Außenwelt entfremdeten Mogenstrupps dermaßen betäubte, daß ihnen nichts übrig blieb, als die herkömmlichen Stiftsgeschenke an Elixiren, Rosenwasser und Confitüren zur Reise der »theuren Cousinen« in ihre Hände niederzulegen und den formellen Rückzug anzutreten.

Als sie fort waren, warf sich die ermüdete Siegerin auf das Sopha, ein Paar großer Thränen perlten in ihren Augen. Es ist sehr schwer zu sagen, warum sie weinte, ob aus Nichtachtung oder Ueberschätzung der so eben hart von ihr angegriffenen Vorurtheile!

Eva blieb still und gelassen, wie immer; ihr fehlte nie etwas anderes, als ihres Christians volle Liebe, wie sie einst sie gekannt und besessen.

Allein am nämlichen Vormittage schrieb Helene zwei Briefe; den ersten an Thorald. Sie bot ihm an, mit ihm zu fliehen nach Frankreich oder Italien. »All diese Einwirkungen und Rückspiegelungen angenommener, langjähriger Vorurtheile werden aus Pygmäen zu uns überwältigenden Riesen, wenn wir den hiesigen gewohnten Familien- und Gesellschaftsformen ausgesetzt bleiben! An jedem andern Orte, um wie mehr in einem anderen Lande, verlieren sie alle Geltung.

So wenig als unsere monopolisirende, auf Fabrikwesen und Gewerbefleiß angelegte Academie Ihrem Kunststreben wirklich fördernd genügen kann, eben so wenig würde Ihnen ein Lebenskreis genügen, in welchem wir stets defensiv aufzutreten hätten! – Den ganzen Morgen hindurch habe ich für meine Schwägerin mit den scharfen Waffen der Ironie gegen die Thorheit meiner sogenannten Standesgenossen gekämpft, gegen die armen Mogenstrupps, die am Ende glücklicher sind als Jene, denn sie haben sich mit dem Leben außer ihrem Stift und mit den persönlichen Wünschen abgefunden; dennoch habe ich sie und mich mit den spielend geführten Waffen verletzt – verletzen müssen!

O Thorald, lassen Sie uns den Muth fassen, unser Vaterland auf vielleicht zehn, zwölf Jahre zu verlassen, in Frankreich, England, Deutschland – wo Sie wollen, zu leben, menschlich frei zu sein! uns bleibt keine Wahl, wenn nicht unsere edelsten Seelenkräfte einer fortgesetzten, sie verkrüppelnden Entwürdigung ausgesetzt bleiben sollen!«

Den Rest des Briefes nahm der Ausdruck der tiefsten, weiblichsten Zärtlichkeit ein, und die Bitte, sie bei einer gemeinschaftlichen Bekannten zu erwarten, bei welcher sie zuweilen sich getroffen.

Das zweite Schreiben war an den Grafen Christian; es ward abgesandt, als Helene zu jener Freundin gefahren, bei welcher sie Thorald zu finden hoffte. Sie schrieb:

»Du hast Wort gehalten, Christian, Du sagtest mir, als meinen Widersacher Dich anzusehen, und hast offenbar und insgeheim als solchen Dich mir bewährt. Kämpfe mit gleichen Waffen ehren die muthig Streitenden, die unsern sind nicht einmal gleich, sondern die Deinen stärker – dennoch hast Du mir alle mögliche Ehre durch Deine hartnäckigen, unablässigen Angriffe erzeigt. – Vergieb den trüben Scherz, ich gehe wahrlich nicht darauf aus, Dir wehe zu thun; ehemals kanntest Du mich; Du bist aber in den letzten Jahren immer unglücklicher geworden, und Thränen, sagt man, machen blind; darum wähnst Du auch durch Gewalt mich zu besiegen und vermöchtest doch höchstens mich zu tödten aus Scherz, nicht aber mich bis zur Regungslosigkeit zu zerdrücken, wie jene Unglückselige, die wir nicht nennen wollen!

Mir scheint, Du hast in unserer Familienstellung eine unbedeutende Kleinigkeit übersehen, nämlich: daß ich das jüngste Fräulein unseres Hauses bin, und mir bei einer keineswegs durch Adelsforderung verklausulirten Verheirathung als solchem die zehntausend Thaler Mitgift zufallen, welche die Schwester des Grafen Owen, unsere Großtante, uns ausgesetzt hat. Ich wußte seit Jahren um diese Sache, und der Instinct der Schwachen ließ mich in Alslevs Studirzimmer unser Familienbuch, und in diesem die Notiz darüber finden, während Du bei unserer Ankunft Dich seiner sogleich bemächtigtest, ihn in Dein Zimmer, und mir und meinem Vertrauen zu entführen für gut fandest. – Ich werde auf diese Summe Anspruch machen, Du hast kein Recht, mir sie zu verweigern, mich aber wird dies Geld vor jedem Mangel schützen, bis es meinem theuren Thorald gelungen sein wird, uns Beiden eine nur auf sein Talent und seine eigene Kraft begründete Existenz zu sichern.«

Trostlos kehrte Helene heim vom Besuch der arglosen Freundin, bei welcher sie Thorald gesehen! Sie hatte Gelegenheit gefunden ihn zu sprechen, sogar allein eine lange Unterredung mit ihm gehabt – aber ach! – Thorald hatte mit dem vollen Ausdruck der zärtlichsten Liebe in Blick und Wort dennoch auf das Allerbestimmteste sich geweigert mit ihr zu fliehen! – Sein dem Grafen Christian im Wäldchen auf Laaland gegebenes Wort, »nichts zu thun, was Helenens Ruf der Welt oder dem bösen Leumund des Kreises, welchem sie angehöre, preisgäbe,« – war er entschlossen zu halten.

»Laß mich als fester Mann ihm gegenüberstehen bleiben, wie ich dort am See mich vor ihm als solcher empfand,« bat er sie, »damit er einst Deinem Gemahl seine Achtung nicht zu versagen im Stande! Sobald mir möglich sein wird Dir meine Hand zu bieten, wird das Vermögen, welches Du mir zuzubringen gedenkst, mir den Trost gewähren, Dich wenigstens nicht harter Entbehrungen durch unsere Liebe ausgesetzt zu sehen, allein nur in unserm Vaterlande, nur öffentlich, vor Deiner Familie und Aller Augen, darf ich als mein eigen Dich an mein Herz schließen, als meine Frau Dich heimführen, wäre es auch gegen den Willen der Deinen!«

Was sie ihm auch einwandte, glitt an der einmal empfangenen Gedanken- und Gefühlsrichtung seines einfachen Charakters ab; sobald Thorald nicht durch äußere Uebermacht gesteigert aus sich selbst herausgetrieben zu enthusiastischer Heftigkeit hingerissen handelte, war er gerade und redlich in allem Thun; er vermochte sein Glück nicht um den verlangten Preis zu erkaufen.

»Kein Flecken darf durch meine Liebe zu Dir auf den Schnee Deiner Seele fallen! Nicht Deiner stolzen Familie, nicht Christians Versagen schreckt mich, auch ohne alle Einwilligung der Dich mir Mißgönnenden werde ich Dich einst mein nennen, aber öffentlich, nicht insgeheim. – Sind wir aber einmal verbunden, dann Liebste, dann laß uns fortziehen, daß sich der allerschönste Erdenhimmel, das blaue Zelt Italiens über unser Glück hinwölbe, seine klare Sonne freudig uns in's Herz scheine, und wir all den grauen Jammer ihrer Pergamente und Diplome vergessen.«

Ach, Helene wußte nur zu genau, daß kein Priester sie trauen werde in Dänemark, ohne Einwilligung des Bruders, welcher nach Landessitte und Brauch Vaterstelle an ihr vertreten, fast seit ihrer Geburt.

Im höchsten Grade verstimmt schritten Graf Christian und Alslev in dessen Studirzimmer auf und nieder; das sorgsam geführte Register aller im Archiv der Familie Gejer enthaltenen Documente lag im uns wohl bekannten Pergamentbande auf dem Pulte des Advokaten. »Und so,« schloß dieser seinen Bericht, »fand sie schon am ersten Tage ihrer Ankunft Gelegenheit, eine Schrift zu sehen, deren Inhalt ich ihr absichtlich verborgen.«

»Und schwieg darüber bis heute!« setzte der Graf hinzu, »auch dahinter muß eine Absicht versteckt sein –«

»Nein,« erwiederte Alslev, »die Comtesse läßt sich ungern vom Augenblick zu Gewaltschritten drängen, und concentrirt auf diese Weise für den Nothfall all ihre Kraft. Ich glaubte behaupten zu dürfen, daß wenn der Herr Graf Dero Abreise, und mithin Gräfin Helenens Rückkehr in's Stift etwas weniger hastig betrieben, dieselbe ruhig hier verweilt haben würde; hätte die Academie dem wirklich talentvollen jungen Manne die Professur gewährt – sie wäre sogar ruhig nach Wallöe gezogen; ihre Pläne sind noch nicht reif!«

»Am Ende hätten wir doch nur einen Aufschub erlangt! Ich kenne Helene besser! Hier hilft nur die stärkere Gewalt. Zum Glück kann ich auf das Bestimmteste ihr meine Einwilligung versagen; sie mag meinen Tod abwarten und –«

Des Advokaten Züge überflog ein leiser Spott, – »und in zwei Monaten ist sie mündig,« fügte er der abgebrochenen Phrase an. »Ich bekenne, daß ich nicht ganz begreife, weshalb gerade der jüngsten Comtesse Heirath dem gräflichen Hause so ganz besonders wichtig. –«

»Haben Sie nie bedacht, daß von den Töchtern unseres Hauses, deren eine unseren Namen dem ihres Gemahls beifügen kann, die Erhaltung des Geschlechts der Gejer oder wenigstens der Hauptlinie der Familie abhängt, oder abhängen wird, denn –«

»Allerdings scheint wenig Aussicht zu einer Descendenz des Grafen Friedrich geblieben; aber Graf Joachim –«

»Ist schwächlich wie ich! Ich kann und werde diese Verbindung mit dem jungen Roturier von einer zu ganz unbekannten Größen gehörenden Abstammung nie zugeben! Ich bin uns Allen schuldig, unter keiner Bedingung es zu thun. – Morgen soll mir Helene auf ihr Stift nach Wallöe!«

»Darf ich Ihnen rathen, so überreizen Sie das heftige Mädchen nicht! Treiben Sie sie nicht auf's Aeußerste –«

»Was kann sie in solcher Geschwindigkeit, binnen vierundzwanzig Stunden unternehmen, Alslev? Auch Sie übertreiben!«

»Sie könnte zum Beispiel den Geliebten dahin vermögen, mit ihr nach Frankreich oder England zu fliehen.«

»Tod und Teufel! Alslev! eine Gräfin Gejern!«

»Ist vor Allem ein Weib, und hier ein leidenschaftlich liebendes –«

»Sie haben Recht. Man muß ihr jede Möglichkeit zur Flucht abschneiden, sie bewachen, ihr Gesellschaft leisten, wollte ich sagen –«

Und unterdessen schwamm Helene in Thränen, weil Thorald unerbittlich blieb!

Es giebt eine Menge weiblicher Wesen, welche von der Natur zu Vertrauten-Rollen im großen Lebens-Drama bezeichnet scheinen, sie kommen niemals dahin, eigene reelle Verhältnisse, reinpersönliche Erfahrungen zu haben, ihr Leben wird von Andern gelebt, sie verfließen ganz in Anderer Individualität, in Anderer Leid und Lust. Zu diesen Naturen gehörte die Nordermule, sie ging auf in der drei Gräfinnen Persönlichkeit. Seitdem die zwei Aelteren vermählt und von Copenhagen fortgezogen, hatte eine unbeschreiblich tiefe Melancholie das gute alte Mädchen erfaßt, alle ihre Stunden waren ihr übrig geblieben! – Daß Helene ihrer nicht bedürfe, war ihr längst deutlich geworden, nun fürchtete sie, daß ein rascher Schritt derselben sie sogar um den Anblick des letzten ihr gebliebenen Zöglings bringen und dann ihr armes Leben zu einer ganz zwecklosen Leere sich ausdehnen werde. Schon die alljährig sich erneuende Rückkehr in's Stift war ihr qualvoll, sie gehörte auf keine Weise zu demselben; von Alters her war ihr das ehemalige Stübchen ihrer Mutter geblieben, welche, wie schon erwähnt, in der verstorbenen Fürstin Abatissin Diensten gestanden. Wie ein Stück Möbel oder sonstiges Geräth, hatte man sie dem Haushalt der wahnsinnigen Ulrike zugestellt, bei welcher sie lange Jahre geblieben – später hatte Graf Thugge sie zur Pflege und Erziehung seiner drei Töchter nach Aalholm berufen.

Starr vor sich hinblickend, überdachte die kleine Buckliche ihre lange ereignißlose Existenz; ein Lichtpunkt derselben blieb Ulrikens erster Anblick; Emerenzia hatte sie zum ersten Mal in einer künstlichen Dämmerung, bei zugezogenen rothen Vorhängen gesehen und zwar jener unbewußt; denn nur nach und nach hatte man die Leidende an die Nähe der Fremden gewöhnen können. Wie heiß und jugendfrisch hatte sie von jenem Moment an für die schöne Trauergestalt gefühlt und geschwärmt, die kaum halberschaut ein Ideal aller Schönheit und weiblichen Vollkommenheit ihr geblieben. Ach, die stets nur mit dem Bilde des ihr entrissenen Liebsten sich beschäftigte, in dem einzigen Gedanken absorbirte Ulrike, hatte die leidenschaftliche Hingebung des armen Mädchens nicht einmal bemerkt. Dennoch hatte diese den schönsten Theil ihrer Jugendjahre ihrer Pflege geopfert, und aus den Erinnerungen an jene Zeit den Nimbus all ihrer Träume gewoben – für noch blüthenlosere Tage, voll noch herberer Realität. Der verschwiegenen Treue der allmälig mit dem Hause Gejer so eng Verwachsenden, deren Gegenwart man bedurfte ohne sie zu beachten, deren Lebenskraft man verbrauchte ohne je darüber nachzudenken, war die ganze Qual des Mitgefühls der unseligen Ehe des Grafen Thugge aufgebürdet worden.

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