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Eine dänische Geschichte

Eine dänische Geschichte. (continued 3)

Reading edition

Alle Phasen des überhand nehmenden riesigen Elends, das verschmähte Liebe, Haß, Argwohn und Flatterhaftigkeit einem Ehebande zu bereiten vermögen, hatte sie mit durchlebt; die ganze dem kleinsten Samenkorn des Unrechts entwachsende Wucht gegenseitiger Versündigung mitgetragen, all den Seelenverrath sich täglich erneuender Verzweiflung an allem Guten, an Gott, Menschen und dem eigenen unbarmherzigen Selbst hatte die arme Nordermule mit durchfühlt in endloser Gewissenspein. Es hatte Niemand je daran gedacht es ihr anzurechnen, oder gar es ihr zu danken.

Später hatte Emerenzia dem Leben der Kinder eben so rücksichtslos Körper und Seele geweiht. Jene schwersten Ereignisse waren vorübergezogen, Graf und Gräfin ruhten endlich im Grabe. Nun nahmen Glück und Leid der Uebriggebliebenen ihre von dem Dasein Emerenzia's weit abführende Richtung. Neue Fäden knüpften sich zum Gewebe besserer Tage – die Nordermule blieb verlassen allein zurück; die sie mit ihrem Herzblut genährt, zogen fort; weder Licht noch Schatten der ihr nun entfremdeten Existenzen der Geliebten fiel mehr auf sie zurück. – Sie hatte die Erlaubniß nach Belieben im Schlosse oder auf dem Stifte zu weilen. –

Große schwere Thränen rollten über die bleichen gefurchten Wangen der Alten; es sah es ja Niemand, sie durfte schon weinen. Da öffnete sich leise die Thüre ihres Stübchens – es war Graf Christian, der eintrat.

»Liebe Emerenzia,« sagte er kurz aufathmend, eilig, in gepreßtem Tone, »Sie wissen, wie ich voraussetzen muß, Alles was hier im Hause, was in Helenens Seele sich zuträgt – ich brauche mich nicht deutlicher zu erklären. Es soll eine große Unbesonnenheit, ein Unrecht begangen werden – Sie müssen das hindern, oder vielmehr mir helfen es zu hintertreiben. Meines seligen Vaters Zimmer grenzt an das meiner Schwester; – ich bitte Sie dort insgeheim diese Nacht zuzubringen – die Fenster gehen nach dem Garten wie Sie wissen – auch diesen Abend ersuche ich Sie, sich dort oder bei der Comtesse aufzuhalten. Sie verstehen mich doch genau? Helene darf nicht sich selbst überlassen bleiben, nicht unbeachtet – und man kann sie doch nicht bewachen lassen.«

Der Graf trocknete sich heftig mit dem Schnupftuch die Stirn, sie war mit Schweiß überdeckt, trotz der Kälte im Zimmer.

»O weh! also hatte mein banges Herz richtig geahnt, was uns bedroht!« sagte die Nordermule zu sich selbst. Sie war schon aufgestanden, um dem erhaltenen Befehl augenblicklich Folge zu leisten; »aber,« bemerkte sie zaghaft zögernd, »wird der Comtesse mein ungewohnter Aufenthalt in den Gemächern des seligen Herrn Grafen nicht sehr auffallend sein? oder wird sie vielleicht auf meine Gegenwart gar keine Rücksicht nehmen? ich wäre ja nicht einmal im Stande sie zurückzuhalten.« – Glühendroth wurde Christian, er biß sich in die Lippen, »im Nothfall rufen – schreien Sie! ich – begreifen Sie denn nicht? – ich werde angezogen in meinem Zimmer wachen. Muß man,« setzte er ungeduldig mit dem Fuß stampfend hinzu, »einer Person, welche ein Viertel Säculum im Hause, mit schlagender Derbheit auch das Zarteste breit treten, damit sie es erfasse und ihr wie einem Neuling, wie einem unserer ausländischen Diener befehlen? – Sie werden das sich im Augenblick als passend und nothwendig Herausstellende thun, Jungfrau Nordermule,« setzte er stolz den Kopf zurückwerfend, mit dunkel aufblitzendem Auge sie durchbohrend hinzu, »oder – hätte ich mich geirrt? wüßte Die, welcher wir, mein Vater und ich, ehemals die Ehre unseres Hauses unbedingt anvertrauen durften, jetzt keinen Rath mehr zu finden, das Rechte zu thun? Hat Helenens Wahnsinn auch Sie so verblendet, daß Sie wie ein kleines Pensionsmädchen ihr beizustehen wähnen, indem Sie die bereits Taumelnde dem Abgrunde zustoßen, an dessen Rande sie steht? – Ist es möglich!« rief er plötzlich, auf's Leidenschaftlichste erregt zum Himmel aufblickend und die gefaltenen Hände schmerzhaft gegen die auffliegende Brust gedrückt, »auch hier habe ich geirrt!«

»O nein, nein, niemals!« rief in die Knie sinkend und seinen Rock ergreifend die Nordermule, »um Gotteswillen kein Mißtrauen! es würde mir das Leben kosten! Alles, Alles, was Sie wünschen, soll geschehen, wüßte ich nur genau, wie das Rechte erreichen; ach, Graf Christian, ich bin nicht mehr stark und jung wie in jenen Tagen, der Körper altert, bleibt auch das Herz jung!«

Lebhaft riß Christian die Bebende auf, alle Muskeln seines edlen Gesichtes vibrirten, tief beschämt führte er sie sorgsam zu einem Sessel; er sprach kein Wort. Sie sah zu ihm auf, wie ein sterbender Katholik zu seinem Schutzpatron, der sie vertreten soll vor dem ewigen Richter. Endlich, als sie nicht mehr so convulsivisch schluchzte, nahm er, in den gewohnten etwas unsichern Ton zurückfallend, ihre Hand, »vergeben Sie,« sagte er, »ich habe Sie durch meine Heftigkeit sehr erschreckt! Ich war nicht darauf vorbereitet einer unserer Familie so ergebene Person« – das Wort Freundin brachte er nicht über die Lippen – »Erörterungen so schmerzhafter Art geben zu müssen.« Leise drückte er die ergriffene Hand, und Emerenzia blieb allein. Eine wunderbare Verklärung überzog die unschönen Züge des armen alten Mädchens; also hatte er doch wirklich einmal gewußt, was sie mit seiner Mutter ertragen, um seinetwillen! Seine Jugendgestalt schwebte ihrem innern Blicke vorüber. Dann sah sie die Stelle noch einmal an, wo er vor ihr gestanden, und die Stuhllehne, auf welcher seine Hand geruht, während sie da saß und weinte – und begab sich, fest entschlossen, Alles zu Erhaltung der Ehre und Wohlfahrt der Familie zu thun, in das Zimmer des verstorbenen Grafen Thugge.

Vor Helenen stand in der nämlichen Stunde der gute isländische Pfarrherr, hielt begütigend, wie ein mildrichtender Vater, ihre kleine Hand in seinen beiden großen und endete eine lange tröstende Rede mit diesen Worten:

»Glauben Sie mir, theure Comtesse, jede willkürliche Abweichung von den uns vorgezeichneten Lebenswegen, obschon sie in der Zulassung des Höchsten liegt, denn sonst könnte sie ja nicht geschehen, bringt neues Leid, statt des gehofften Erdenglücks. Der gewaltsam Handelnde erzeugt neue Gewaltsamkeit. Ist es Ihnen möglich, so greifen Sie nicht jetzt, nicht in einem Augenblicke in Ihr Geschick, in welchem alle Tiefen Ihrer Seele vom Schmerz aufgewühlt sind!«

»Ach, würdiger Herr,« erwiederte Helene, »Sie sind über all diesen täglich sich erneuenden Quälereien hinaus, Sie leben Ihr einfaches, gottergebenes Dasein so still für sich hin, wie können Sie die Pein all der civilisirten Nadelstiche mir nachempfinden, wie ich unter den Meinen, wie in der Gesellschaft ich sie erdulde.«

»Und doch lehrt mich nicht nur die Religion, welche für alles Menschenweh dem aufrichtig das Gute Wollenden die Gefühlsfäden verleiht, das fremde Leid zu erkennen; auch die Geschichte meiner Väter mahnt mich zum Verständniß des meiner Stütze Bedürfenden. – Zwar haben wir Geistlichen auf Island keine blutige Fehden mehr, wie im 16. Jahrhundert, aber wie um die Mitte desselben Bischof Arensen mit seinen beiden Söhnen den Tod auf dem Schaffot dem Versprechen vorzog, das man ihm abverlangte: sich nicht an seinen Feinden zu rächen, wie er in starrer Unbeugsamkeit, ohne ein Wort der Selbstvertheidigung lieber als Majestäts-Verbrecher das Todesurtheil über sich aussprechen ließ, um nur das stolze Herz nicht demüthigen zu müssen, im Zugeständniß seiner Unbill, so denkt noch jeder einzelne Bewohner unserer Insel. Je rauher das Clima, je schneidend schärfer der Wille, je karger die Gaben des erkaltenden Bodens, je eigensinniger der Mensch in jedem ihn und die Seinen betreffenden Entschluß! Wäre ich sonst wohl hier? – Ach der Isländer härtet seine Seele im Frost, wie das Eisen im Feuer. So kenne ich denn gar wohl die Tiefen der übermüthigen Menschenbrust, die weder in Haß noch in Liebe das richtige Maß zu halten im Stande. Mein Heiland und Herr! Seit mehr denn zweihundert Jahren schon liest der isländische Bauer die Bibel in seiner eigenen Muttersprache, und immer noch erweicht ihm Gottes mildes Wort nicht das verstockte Herz, – sehen Sie, lieb Fröken, so weiß ich denn auch um die Gewalt der Leidenschaft, hab' auch ich selber sie nie empfunden – sie spiegelt sich auf gleiche Art in der Nation, wie im Individuum: von Leidenschaft seid Ihr Alle bewegt! –«

»So soll ich den Mann, der mir unbedingt vertraut, einer Grille meiner Brüder wegen verlassen? – Ihn aufgeben in einem Augenblick, wo der Adel überall wie ein veraltetes, menschliches Institut in sich zusammenbricht, und zurücksinkt in die eigene Unbedeutenheit – wo er allmälig nur zum Hofgewand sich gestaltet, das man ab- und anlegt nach Belieben, eben da soll ich Thorald aufgeben? Ihn den Liebenden? Ihn der mich beglückt? Habe ich denn zur Aufrechthaltung des alten adeligen Stammes, wenn sie denn wirklich als etwas Wünschenswerthes gelten soll, nicht Brüder und Schwestern –«

»Aufgeben? nein! aber warten! die Gestaltung dieser gährenden Volksmassen in ihren immer schnelleren Bewegungen abwarten, die Zeit arbeitet an einer Krisis, –«

»Abwarten! – Jürgenssen! Sie haben wohl niemals von dem Geschick gehört, das die Liebe den Unglückseligen unseres Hauses zu bereiten pflegt. O es ist grauenhaft, mit welcher vornehmlächelnden Heiterkeit wir ganz unmerklich Herzen zu brechen, keimende Hoffnungen zu knicken verstehen! Sie haben wohl niemals von meiner verstorbenen Tante Ulrike gehört?«

»O wohl und oft!«

»Und – auch von meinem Vater?«

»Fast mehr als Sie, liebe Comtesse, von ihm wissen mögen!«

»Und Sie muthen dennoch mir zu, einem Ausspruch mich zu unterwerfen, der solche Opfer seinem lächerlichen Götzen bringt, oder eine äußere Hülfe zu hoffen?« –

»O, liebes Fröken,« sagte der schon bei den ersten Worten, welche das Leben ihrer Vorgänger im Leide berührten, in sich und seine Erinnerungen versunkene Kind, »welch ein edles Herz hatte Ihr Vater! Als er auf unsere Insel kam, war ich eben erst von Norwegen herüber gekommen, wo ich zu Drontheim auf der Schule gewesen. Ich war fast noch ein Knabe. Aber immer wieder und wieder erzählten sich die Männer auf der Insel von dem traurigen und liebreichen Manne, der einer Rose wegen nach Island gereis't und –«

»Mein Vater auf Island? Sie träumen lieber Kund!« – Der gute Pfarrer schüttelte sanft das Haupt: »sollte man Sie, theures Fröken, um das Erkennen der Trefflichkeit Ihres Herrn Vaters gebracht haben? Das ist ja kaum möglich! es ist ja so herrlich dieses Bild seines dortigen Aufenthaltes, es ist ja so recht wie ein von der Gnade des Herrn uns hingestelltes leuchtendes Sternbild, das den Erdenweg uns erleichtert, indem es an den Himmel uns erinnert!«

Helene sah ihn mit bittenden Blicken an.

Der gute Alte setzte sich, wie immer etwas ängstlich ungeschickt »in den prächtigen Zimmern« mit dem Rücken gegen die Thür, welche Helenens Stube mit der des verstorbenen Grafen verband.

»Es war im Frühling des Jahrs 1763« – ein leiser Seufzer drang aus dem Nebenzimmer an Helenens Ohr – ein Schauer überflog ihre Glieder, sie wickelte sich fester in ihrem Shawl, »als ein ältlicher Herr,« fuhr der Pfarrer fort, »der sich insbesondere mit Naturwissenschaften befaßte, zu uns herüber kam – hier im Lande mag es wohl schon Sommer gewesen sein, denn er war kurze Zeit vor dem Johannisfeste; – über die Eilande Engey und Vidöe, wo sonst das große Mönchskloster lag – das jetzt ein königlicher Hof geworden, des Eiderdaunenverkaufs wegen – war der fremde Herr nach Reikiawik gekommen, das damals nur ein elendes Dorf von wenig Häusern war. Nach dem Kloster auf Vidöe war er gegangen, um eine Blume zu suchen, eine Rankenrose, sagte man, welche in anderen Ländern eine große Seltenheit sein soll, bei uns aber dem Hochgebirge wild entsprießt, wie den Gletschern in der Schweiz die Alpenrose. Ehemals hatte die Rose im Mönchskloster fast das ganze dem Brüderhause anhangende Kirchlein umwoben, nun seitdem ihre Pfleger vertrieben und ausgestorben, war sie verkommen, wie das ganze Gärtlein; keine Spur war dort mehr von ihr zu finden. An der so eifrig gesuchten Rose aber hing des Wandrers ganzes Herz, ihretwegen, sagte er, habe er die Heimath verlassen, er bedürfe sie, um sie in ein großes Buch zu legen, und die Beschreibung derselben einem botanischen Werke einzuverleiben, an welchem er arbeitete. Es müßten, meinten die isländer Häuerlinge, dem guten blassen Herrn, der immer so ernst und trübe vor sich hinsähe, daheim viel traurige Prüfungen auferlegt worden sein, die ihn so recht gerade zu in das Herz getroffen, daß er an so kleinen Dingen Trost zu suchen in die Fremde ziehe! Er wollte von uns aus nach Rangavallesyssel, wo er im Hochlande die Rose zu finden sicher war« – der Seufzer in der Nebenstube wiederholte sich, ein beklommenes, schweres Athmen ward in der Stille, welche nur Kunds milde Stimme belebte, deutlich hörbar. Rasch sprang Helene auf und öffnete die Thüre hinter dem durchaus arglosen Kund: die Nordermule saß in des Grafen Zimmer an der Wand in der nächsten Nähe desselben, jedes seiner Worte mußte dort ihr vernehmlich gewesen sein.

Einen Augenblick maß des Mädchens glühender Blick Beide – »ich bin wohl hier in meinen Zimmern bewacht?« fragte sie sehr ernst, dann setzte sie scherzend hinzu: »Du kannst ruhig zu Bette gehen Emerenzia, wenn Du es nicht vorziehst unseres lieben Pfarrers Erzählung mit anzuhören, ich entfliehe Euch nicht! denn – Thorald hat nicht gewollt! das kannst Du denen sagen, welche Dich hierher postirt,« setzte sie mit leicht bebender Lippe hinzu, indem sie fortgesetzt schärfer und richtender der armen Nordermule in das erbleichende Antlitz schaute; »aber nun, lieb Väterchen, fahrt fort in Eurer seltsamen Geschichte der Wunderrose, die nur auf Schnee und Eis erblüht!«

»Ach,« sagte die Nordermule, »Alles, was der hochwürdige Herr erzählt hat, so fabel- oder mährchenhaft es klingt, ist buchstäblich wahr! Ja, Graf Thugge's Herz war zum Brechen voll und schwer, als er fortzog in die nordischen Lande. Lange Jahre schon hatte er in der Botanik und im Besitz irgend einer seltnen Pflanze, von welcher in ganz Dänemark kein zweites Exemplar sich fand, die einzige Erheiterung seiner trüben Tage gesucht. Die Frau Gräfin brachte immer längere Zeit, ja drei Viertel des Jahrs bei ihren Freunden in Copenhagen zu, der arme Herr blieb ganz allein mit uns auf dem Schlosse; Graf Christian war in Bauerntracht entflohen und lebte in Jütland, die beiden anderen Junker in entfernten Schulen; ich war abwechselnd hier bei den Kindern, oder bei der Comtesse Ulrike. Wenn er nun die übergroße Einsamkeit seines Lebens, (denn allen Umgang mit den Gutsnachbarn mied er), nicht länger zu tragen vermochte, machte der Graf Reisen, nach Versailles, nach England, und öfterer noch nach Holland, um seltne Gewächse zu sehen und für sein Herbarium zu kaufen. In der Pflanzenwelt, sagte er, ist Stille und Frieden, sie verblühen und verwelken sanft! So schritt er leisen Schrittes zwischen den Wiesen-Blumen und unter den Riesenbäumen des Parks hin, er liebte sie und betrachtete sie wie Verwandte; keinen Stamm durfte man fällen, keinen Zweig knicken, keine Blüthe stören durch Berührung! Mit den Sträuchern und Bäumen sprach er auch immer, weit seltner mit uns! Im Winter trug er sich die Scherben voll Blüthen in's Zimmer, war auch viel im Gewächshaus und spielte oft halbe Nächte hindurch auf der Geige; dann mochten ihn wohl frohe Erinnerungen umschweben, man sah ihn zuweilen mit der Violine in der Hand vor den großen Saalspiegeln sich rhythmisch bewegen, fast wie auf Schloß Steinburg die Comtesse, aber nur mit fest geschlossenen Augen. –

Weil das Alles Jahre lang immer sich erneuete, waren wir an sein stilles Walten gewöhnt und suchten in solchen Augenblicken nur die kleinen Kinder ihm fern zu halten, daß keines ihn störe. – Immer größer aber wurden seine Reisen, und führten ihn immer weiter hinweg. Nun war es um die Zeit, daß wir zuerst an einen Versuch dachten, die Comtesse hierher zu bringen, um dem Arzt näher zu sein, als der Graf gerade einen Theil seiner Fels-Flora ordnete, deren Herbarium in Steinburg lag. Da fehlte denn in der Reihe der wildwachsenden Rosen eine hochnordische Alpenpflanze, welche alle Kälte überdauert und auf das Gletschermeer ihre Blüthen wirft; Tag und Nacht dachte unser Graf nur an sie, und beschloß endlich mit einem der Frühlingsschiffe nach Island zu gehen, um sie zu holen.

Ich weiß nicht wie es zuging, daß wir gerade über diese Reise so ungewöhnlich viel redeten, die weite Entfernung, das rauhe Clima machten uns besorgt – es hat wohl so kommen sollen, nach des Allmächtigen Willen! – Kurz, wir vergaßen uns so weit, sogar in der stets tief in ihren eigenen Gedanken versunkenen Ulrike Gegenwart von des Grafen Absicht zu sprechen – plötzlich horcht sie auf! ihr Auge wird blau und strahlend, die Sehkraft desselben concentrirt sich in der Pupille, jeder Bewegung mächtig, wendet sich ihr Antlitz uns zu. »Nach Island?« fragt sie, »wer will nach Island?« – Wir erzählen ihr, glauben aber, daß sie nicht auf unsere Rede achten wird – aufmerksam, ohne einen Laut zu verlieren, lauscht sie unserer Antwort, dann richtet sie plötzlich sich auf und steht vor uns. »Meinen Bruder! ich will meinen Bruder sprechen,« sagt sie, fest und vollkommen ihrer selbst bewußt. Welch ein Anblick! Diese tief verhüllte Herzensjugend, die so plötzlich ihre Decke durchbrach, und vergeistigend die längst verschrumpften Züge der Greisin durchleuchtete! Ihre gekrümmte, vom Alter schon klein gewordene Gestalt streckte sich, uns Alle ergriff eine unsägliche Ehrfurcht, denn es war, als ob Gott zu uns spräche aus dieser mit einem Mal sich erfrischenden Vergänglichkeit – sie wurde beinahe schön wie in ihrer Jugend, durch das Erwachen eines himmlischen Ausdruckes ihres Gesichts – »Ich will meinen Bruder sprechen, meinen Bruder!« wiederholte sie immer von neuem.

Ein Reitknecht warf sich auf's Pferd und eilte zum Herrn Grafen, dem er unterwegs schon begegnete, (des Herbariums halber hatte dieser nach Steinburg gewollt), und Hans gab ihm die Nachricht, daß die Comtesse ganz zusammenhängend gesprochen, und dringend nach ihm verlangt habe.

»Das ist der nahende Tod!« rief der Erschrockene, »sie stirbt!« Rasch sprang er aus dem Wagen, warf sich auf des Reitknechts Pferd, und sprengte in rasendem Galopp zu uns herüber.

Allein es war nicht die Hand des Todes, nur die der Liebe, welche das Herz der Kranken berührt! – Sie erkannte ihn sogleich; »Bruder,« sagte sie, »die Frauen sagen mir, daß Du nach Island reisen willst« – »ja,« erwiederte der Staunende, sie wie ein Wunder anstarrend – »ja Ulrike, ich habe dort ein Geschäft, und will morgen schon hin.«

»In der Sundlendinga Fiordung,« fuhr sie mit immer gleicher Besonnenheit fort, »mußt Du nach dem Rangavallesyssel fragen, zwischen den Apa- und Huitaae-Seen geht der Weg – da liegt Skalholt, und etwas höher hinauf das Pfarrhaus; drinnen wohnt ein sehr alter Mann, der Prediger einer weit an den Bergen hin zerstreuten Gemeine, sie zieht sich bis zu dem Markarfiorden hin, da mußt Du nach Johannes Thorson fragen, und in seine Wohnung gehen. Frage nur recht genau, sie werden Dich gern berichten; da findest Du einen alten Mann, alt und grau wie ich, mit hellen blauen Augen, ach, du wirst ihn gleich erkennen, wenn du ihn von Ulrike Gejer gegrüßt! Sage ihm, sie habe nie seiner Liebe vergessen, und nie einem Andern die Hand gereicht, nie sei sie wieder fröhlich geworden, nie habe sie wieder gelacht; Tag und Nacht, Wochen, Monate, Jahre um Jahre, das ganze lange Leben hindurch habe sie nur seiner gedacht – immer – nie weiter gedacht – immer nur sein, sein bis zum Tode!«

Als sie diese Worte gesagt, vermochte sie nichts mehr hinzuzufügen, ihre Kraft war gebrochen; sie sank zusammen und wir trugen sie hinaus auf ihr Lager. Sie blieb still wie schlafend liegen, noch viele folgende Tage hindurch; dann stand sie auf, fiel aber bald wieder in ihre alte träumerische Geistesabwesenheit zurück, und sprach nicht mehr. – Der Graf reis'te am nächsten Morgen ab nach Island.«

Mit sanfter Aufmerksamkeit hatte Kund der Nordermule unerwarteten Eingriff in seine Erzählung hingenommen, mit wachsender Theilnahme, und immer gespannter war er ihren Worten gefolgt.

»Ja! so war es!« sagte er endlich, »gerade so erfuhren wir nach und nach aus des Grafen Munde alle Einzelnheiten, die wir gar nicht ahneten. Kaum hatte er unter unserer Leitung dem Rangavallesyssel sich genähert, so fiel ihm auf, wie alle Pfade und Stege auf dem Gebirge rein gehalten, und mit Wahrzeichen versehen, daß der Bergsteigende die Richtung nicht verliere und nicht versinke in um das Frühjahr von der Felswand sich lösenden weichen Schnee, oder begraben werde in den leicht überdeckten Eisspalten. Die Bewohner des Syssels wären reinlicher und besser gekleidet, meinte er, und ihn freute, wie die Kinder, denen wir begegneten, alle gern Bericht gaben von der Bergesrose, und sich erboten, sie zu suchen, falls sie schon erblüht, sonst aber den Strauch mit den Wurzeln dem fremden Herrn zu bringen.

Unter uns dachte Keiner an diesen großen Unterschied, welchen die Gemeine der seltnen Sanftmuth und Geisteskraft ihres Predigers zu danken hatte, welcher seit fast einem Menschenalter, ohne Weib und eignes Kind, nur seinem Kirchspiel und dem Wohl seiner Pfarrkinder lebte. Nun es der dänische Herr bemerkte, fiel es plötzlich uns Allen auf.

Des guten Johannes Wohnung war ganz aus grau und rother Lava erbaut; um dieselbe her lagen, da sie sehr klein war, noch mehrere ebenfalls einstöckige Wirthschaftsgebäude zur Stallung des Viehs, zu Schlafkammern des Gesindes und zu Aufbewahrung der Wintervorräthe bestimmt; alle waren, wie das Sitte bei uns, roth angestrichen und mit grünendem Rasen belegt. Dem Grafen schauderte vor der anscheinenden Aermlichkeit und Oede dieses Aufenthalts, doch war alles, was er sah, auffallend gut gehalten und glänzend rein: kein Fensterladen gebrochen, kein Mist oder Unrath in Winkeln aufgehäuft, kein vernachlässigtes, umherliegendes Ackergeräth zu sehen, Alles war sauber und geordnet.

Als wir nun einsprachen, herrschte drinnen in der kleinen Stube die nämliche stille Reinlichkeit; es war, als sei es immer Sonntag drinnen: das Zimmerchen war weiß getüncht, auf saubern Regalen standen lange Reihen dänischer Bücher, unter Glas und Rahmen hingen an der Wand sorgfältig getrocknete Blumensträuße aus Dänemark, wie hier die Wiese sie beut. Neben dem wohleingerichteten Schreibtisch, dem Feuer zunächst, stand ein Körbchen, drinnen lag ein krankes Lamm, das der Alte pflegte. Der Pfarrherr war nicht im Augenblicke daheim, die Magd brachte uns einen Morgenimbiß, trockne Fische, gekochte Eier, Käse und Blanda – und die Burschen, die aus Reikiawik uns hergeleitet, erzählten, wie der Pfarrer sie alle gelehrt, die Kartoffeln besser zu bauen, wie er eigenhändig ihre Gärtchen angelegt habe, ihre Arbeiter geleitet, ihre Häuser gerichtet unter dem Felsendach; immer war es der Pfarrer, von welchem alles Gute kam, was sie thaten oder hatten, – mit thränendem Blick gedachten die alte Magd und der Knecht seines hohen Alters, und der wenigen Ruhe, die er sich gönne! Was sollte wohl aus ihnen werden, wenn sie ihn nun verlören? Und er war beinahe an die Achtzig! Auch dem Grafen wurden die Augen feucht; da hörte man Schritte und Jubelgrüße der Kinder draußen; es war der gute Prediger Johannes, der heimkam aus dem Gebirg, wo er Kranke besucht.

Ein durch die Jahre, wie Janfru Emerenzia von dem Fröken Ulrike es bemerkte, tiefgekrümmter und durch die Grabesnähe schmächtig gewordener Greis erschien an der Schwelle, mit einem Haupt voll schneeweißer Locken, die zu beiden Seiten des ganz schmalen Gesichtchens auf die Schultern herabfielen; sein Auge war noch hell und scharf, und der Schnitt der Züge, wenn man sie nur erst recht angesehen, und über alle Narben und Zeichen, welche Wetter-Unbill, Alter und Gram ihnen aufgeprägt, hinaus war, immer noch auffallend edel und schön. Wie eine Glocke tief und fromm klang seine milde Stimme; es war, als läge schon im Ton derselben eine Beschwichtigung für den Leidenden, ihm seine Noth Klagenden. Ueber dem geistlichen Gewande trug er einen schwarzen Mantel, der um den Leib mit einem Strick von Ziegenhaar gegürtet war, daß der Orcan ihn nicht an demselben zu erfassen und vom Felsrand hinab in die Tiefe zu schleudern vermöge; auf dem Kopf hatte er eine Pelzkappe, die er beim Eintritt nebst seinem Alpenstock der alten Magd übergab.

Freundlich und würdig begrüßte er den Fremden, als er ihn genauer in's Auge faßte, überflog ein leichtes Zittern die ganze Erscheinung; er fuhr mit der bebenden Hand über die Stirn – als müßte er einen Gedanken verscheuchen, doch setzte er sich schnell gefaßt zu uns und entschuldigte, ihn herzlich bewillkommnend, bei seinem Gast sein spätes Erscheinen. Graf Thugge erzählte dagegen ihm nun von seinem botanischen Reisezweck und seiner Absicht, die Geiser und das Hochgebirg aufzusuchen, und der Alte gab mit umsichtiger Ortskenntniß ihm Bescheid. Wir anderen ihn Geleitenden hatten uns in einen entfernten Winkel des Gemachs zurückgezogen, die Unterredung der beiden Männer nicht zu stören; von dem, was sie betreffen werde, hatten wir keine Ahnung; der Graf aber schien unsrer Gegenwart ganz zu vergessen. Nachdem er dem Pfarrer für die ihm gegebene Auskunft gedankt, sagte er ihm, daß er noch einen Auftrag, einen Gruß ihm zu überbringen versprochen, und nannte des Frökens Namen. Als der Schall dieses Wortes sein Ohr traf, schrak der Pfarrer zusammen, als habe ein elektrischer Schlag ihn berührt – dann aber vergeistigte sich die ganze zitternde Greisesgestalt, einen Augenblick ward sie strahlend schön, durch einen fast überirdischen Ausdruck; Johannes stand mit himmelaufwärts gerichtetem Antlitz wie ein Prophet vor uns, der zu seinem Gotte spricht, aller Erdengram war von ihm abgefallen; es war der heiße Dank der Seele, der im preisenden Gebet zum Ewigen sich erhob für den ihm endlich gewordenen, ein Leben lang ersehnten Augenblick.

Graf Thugge vollendete seinen Bericht; ach, es blieb unmöglich, dem Alten die Trauerkunde von Ulrikens Geisteszustande zu bergen! Demüthig mit vor den zitternden Lippen gefaltenen Händen nahm er schweigend sie hin; es lag etwas Unantastbares in der höchsten Freude, die ihm geworden, nichts vermochte sie ganz zu zerstören; in frommer Ergebung hörte er dem Grafen zu. – »Sie sind Thugge! mein einstiger Schüler,« sagte er endlich, »der hoffnungsvolle und doch so traurige Knabe, den ich nur kurze Zeit unterrichtete und dann verlor! – wie dachten wir Beide so oft auch Ihrer! Auch diese Freude, Sie wiederzusehen, hat mir der Herr geschenkt, o was sind alle Leiden, die uns Menschenhand auferlegt, gegen seine allerbarmende Gnade! –«

Er stand auf und näherte sich den mit Papier verklebten Fenstern, um in hellerem Licht den Grafen besser zu sehen; es war als tränke er Ausdruck und Form seiner Züge, als zöge er sie mit aller Seelenkraft in sein Gemüth, um nur ja nie sie zu vergessen! – Endlich richtete er gefaßter den klaren Blick auf ihn: »Sagen Sie ihr,« sprach er mit fester, sonorer Stimme, »daß auch ich keine Andre geliebt – ja nicht einmal ein andres Weib bemerkt auf der ganzen Welt! Daß auch ich täglich immer und immer ihrer gedacht: daß Schmerz und Seligkeit meiner Liebe zu ihr niemals geendet! meine Pfarre hat mich gerettet!« – Unfähig weiter zu reden, drückte er dem Grafen die Hand, wandte sich ab und trat in eine kleine Kammer, in welcher er schlief; die Thüre zog er leise hinter sich zu. –

Uns aber winkte der Graf und wir gingen ernst, wortlos, wie aus der Kirche, hinaus, schwangen uns auf unsere vor der Thüre angebundenen Pferde und ritten schweigend dem Hecla zu. Draußen schien es Frühling geworden, eine warme belebende Sonne vergoldete den fernen Gebirgsschnee, und ließ die Gletscherspalten im reinsten Saphirblau erscheinen, die Schneeammer sang, und die Kinder liefen uns mit Alpenblüthen entgegen, die sie während unseres Aufenthaltes in der Pfarre gesucht.

Der Graf kehrte nicht nach Rangavallesyssel zurück; allein er weilte noch mehrere Tage in der Sundlendinga Fiordung, und sprach den Stiftsamtmann zu Reikiawik, bei welchem er eine große Geldsumme niederlegte für die Gemeine von Skalholt, um jedem Wunsch des würdigen Pfarrers für dieselbe, welcher bisher durch Unzulänglichkeit der Mittel unerfüllt geblieben, zu willfahren.

Johannes errichtete im nächsten Jahr sein kleines Hospital und verband mit demselben, wie er Jahre lang gewünscht, eine Apotheke. – Wenn Ihr einmal nach Island kommt, lieb Fröken, will ich Euch das Granit- und Krystall-Denkmal zeigen, das die Gemeine dem guten dänischen Grafen erbauet; – die Leute wissen seinen Namen nicht, auch der Stiftsamtmann weiß ihn nicht, allein wenn der Johannistag kommt und die Schneeammer singt, eilen alle Einwohner von Skalholt, dasselbe zu bekränzen, und finden es oft schon von tausend blühenden Rankenrosen dicht umwoben.«

Am späten Abende versuchte Alslev noch einmal in einer langen Unterredung seiner jungen Freundin tief erregtes Gemüth zu beschwichtigen. Er fand sie sehr schmerzlich bewegt: – das Bild eines zu lebenslanger Einsamkeit verdammten Herzens stand unaufhörlich ihrem inneren Blicke gegenüber; ein unsägliches Grauen vor dem Scheiden aus Thoralds unmittelbarer Nähe, und vor der durch eigenes Leid nie zu erweichenden Hartnäckigkeit des Stammes, dem sie angehörte, hatte sich ihrer bemächtigt; ach, nur zu deutlich empfand sie im eigenen Busen dessen unbeugsamen Eigensinn!

Alslev bewies ihr, daß jeder Versuch vergeblich sein würde, die von ihrer Großtante testamentarisch dem jüngsten Fräulein des älteren Familienzweiges hinterlassene Dot, anders, als im Augenblick ihrer öffentlichen Verlobung in Anspruch zu nehmen, und daß diese nie zuzugeben Graf Christian jetzt fest entschlossen. Auf dem Rechtswege einer gerichtlichen Klage aber könne nur dann etwas erreicht werden, wenn Thorald eine Frau zu ernähren im Stande, der Unannehmlichkeit des öffentlichen Verfahrens und des Verstoßes gegen altes Herkommen und gewohnte Sitte gar nicht zu gedenken! – Er vertröstete sie auf den Zeitpunkt, in welchem Thorald durch die zu hoffende Professor-Stelle an der neu errichteten Akademie, um ihre Hand beim Bruder anzuhalten befähigt sein werde, weil irgend ein unberechenbarer äußerer Umstand sich ihr günstig gestalten, oder auf Christians störrischen Sinn Einfluß gewinnen könne! Kjöbenhavn, meinte er, sei groß genug, ihr, welche kaum ein paar Wochen alljährlich in seinen höheren Kreisen zugebracht, den Unterschied zwischen diesen und der erwählten bürgerlichen Lebensstellung nicht allzu schmerzlich fühlbar zu machen, wenn es ihr nur glücke, die Zustimmung des nach Landesweise Vaterstelle an ihr Vertretenden zu gewinnen.

»Und,« fragte erbebend das Mädchen, »wie lange Zeit, theurer Alslev, kann es erfordern, bis Thorald jenen Punkt erreicht?«

»Wenn ihm jetzt gelingt, die Portraits der Königin Juliane Maria und des Prinzen Friedrich zu deren Zufriedenheit zu vollenden und diesem Auftrag noch einige andre bedeutende Bestellungen folgen, so zweifle ich kaum, daß er die offne Professur nicht bald erhalte, doch können allerdings noch zwei, drei Jahre vergehen, ehe er ein kleines Vermögen erworben.«

»Zwei, – drei Jahre! Alslev!«

»Helene! Sie sagen mir ja, Ihre Liebe sei ewig, werde das Leben überdauern!«

»Aber wir werden nicht immer jung bleiben, Alslev, und die Zeit ist eine so furchtbare Macht, sie kann eben so gut Tod und Verzweiflung uns bringen,« – wieder flog ihrem Geiste das Geschick der wahnsinnig gewordenen Tante vorüber! Alslev schüttelte das ernste Haupt; ihm erschien Alles gering neben der Kraft des eignen unbeugsamen Willens. »Wer etwas erreichen will, muß warten können,« sagte er stolz.

Bitterlich weinte Helene. Ach, noch vor wenig Stunden hatte ihr das Loos der Liebenden so sanfte, süße Thränen entlockt! damals hatte nur die Poesie eines alle Qual und Lust, Jugend, Alter, jeden Wechsel des Lebens überdauernden Gefühls sie erfaßt; jetzt sah sie nicht mehr die im Geist einander begegnenden bejahrten Liebenden, denen die eigne Treue zum Bürgen einer die schwere Erdenlast durchwachsenden Hoffnung geworden, sie sah nur die furchtbare, nackte Realität des Leids! Das einsame Todtenbett der gewaltsam Getrennten, zwischen denen sich das weite Meer des ganzen wogenden Daseins ausgedehnt, und welche nicht einmal die letzte Stunde desselben wiedervereinte! –

Thoralds schriftliche Versicherung, daß er ihr nach Kiögge folgen und ganz gewiß von dort Mittel finden werde, sie im Stift zu sehen, vermochte nicht die tiefe, fast krankhafte Niedergeschlagenheit ihres Gemüthes zu heben. – Trostlos warf sie sich in den Wagen, trostlos empfing sie im Vorüberrollen ihres harrenden Freundes Abschiedsgruß. – Trostlos erreichte sie bei einbrechendem Abend das Ziel ihrer Reise.

Eine Meile abwärts von der ehemaligen kleinen Festung Kiögge, welche längst im Lauf der Zeiten ihre mittelalterlichen Ringmauern, ihre Gräben und Wälle eingebüßt, liegt in lieblichster Umgebung, von den herrlichsten Buchenhainen umgürtet, das große adlige Schloß und Damenstift Wallöe. Weiter zurück, nach der Seeseite zu, zieht sich das Dörfchen hin mit seiner schönen Kirche; ungemein fruchtbar und anmuthig ist die Gegend.

Das Schloß selbst, im Geschmack der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts erbauet, scheint eine Art deutsch-gothische Uebertragung zum Zopfstyl, vielleicht ist es ein wenig zu überladen im architektonischen Schmuck; die zwei breiten Wassergräben mit Zugbrücken, die beiden hohen Thürme an seinen Flanken, der eine rund, der andre viereckig, deren Kupferdächer in der Sonne glitzern und glänzen, geben der schönen Façade ein ehrenfestes, burgartiges Ansehen. Die sehr solide Unterlage des Baues besteht aus großen grauen Sandsteinquadern; der obere Theil prangte in den Tagen, von welchen wir erzählen, noch in seiner ursprünglichen rothen Backsteinfarbe; unter jeder Fensterflucht ziehen sich breite, ebenfalls graue, Sandsteingurten hin, vom selben Material ist die reiche Steinmetzenarbeit der Fenstergiebel; zwischen diesen und wo es irgend sonst noch ausführbar, sind graue rosettenartige Verzierungen angebracht; höchst charakteristische Hautreliefsköpfe, die sonderbar dämonisch auf den Eintretenden herabschauen! Ueber dem Haupteingange prangt das ebenfalls in Stein gehauene riesige Wappen der Gründerin des Stiftes; es steht unter unmittelbarem Schutze der Königin.

Das Ganze macht, trotz des zwischen dem Ehrwürdigen und Barocken schwankenden Styls, einen ernsten Eindruck, durch Größe und Uebereinstimmung edler Proportionen.

Als der Wagen über die Brücke fuhr, schreckte Helene auf aus ihren Träumen; aber der Ausdruck stiller Abgeschlossenheit der Umgebung, die etwas feierliche Ehrbarkeit des alten Stiftsbedienten, der sie am Thor empfing, wie die in ihren Zimmern herrschende peinliche Ordnung berührte sie schmerzlich. Alles erinnerte sie an Begräbniß und Gefängniß, und die draußen in buntem Herbstschmuck wogende Waldnatur, mit all ihrem Drossel- und Finkenschlag, mit dem unsäglich lieblichen, allmäligen Stillwerden der eintretenden Dämmerung, reizten sie durch den Widerspruch mit ihrem Innern zu immer verzweifelnderer Stimmung.

Sie bewohnte das letzte Zimmer zur linken Hand eines ziemlich langen Ganges; um es zu erreichen, mußte sie an den jetzt noch leer stehenden Stuben ihrer Schwestern vorüber, das Vorzimmer, das ihnen gemeinschaftlich war, schloß eine Glasthüre; ließ Helene die ihres eigenen Gemachs offen, so blickte sie durch dieselbe auf den matt erhellten Corridor.

Nach einer etwas späteren Präsentation bei der alten sehr kränklichen Abatissin, entschuldigte sich Helene mit Kopfschmerz, entzog sich dem gemeinschaftlichen Abendmahl und eilte zurück in ihre Wohnung. Die neugierigen Fragen nach allen gesellschaftlichen Verhältnissen und den Hochzeitsfeierlichkeiten reizten ihre Nerven bis zum Unerträglichen.

Als sie den langen Gang durchschritt, gewahrte sie durch die Glasthüre im matten, nicht eigentlich klaren Mondenlicht in ihrem Vorzimmer eine Art Bewegung, – wie ein wehender Vorhang wogte etwas durchsichtig Weißes in demselben. Des Mädchens Charakter neigte weder zur Furcht noch eigentlicher Exaltation, – die momentane Ueberspannung all ihrer Kräfte war ihr selbst fühlbar; so blieb sie besonnen auf dem Gange stehen, ungefähr in der Mitte desselben, und schloß beide Augen mit der vorgelegten Hand. – Erst als sie ihr Herz ruhiger schlagen fühlte, öffnete sie dieselben, es war Alles still. – Wunderliche Einbildung! sagte sich Helene und setzte ihren Weg fort, – in demselben Augenblick erhob sich's wieder, die Bewegung mehrte sich, allein das nebelartige Wesen hatte zur Gestalt sich verdichtet, welche mit langem weißen Arm rückwärts zu deuten, ja zu drohen schien! Jetzt stürzte Helene in fliegendem Lauf auf dieselbe zu, »es hat sich Jemand eingeschlichen,« war ihr einziger Gedanke, Thoralds Briefe auf dem Schreibtisch ihre einzige Sorge. – – Die Figur wurde compact, – sie stand mit gläsernem, wasserblauen Blick und todtenbleichem Antlitz dicht hinter der Glasscheibe, – es war eine steinalte Frau in wunderlichem jugendlichen Aufputz, in weißem Kleid, eine blaßrosa Schleife in dem schneeweißen Haar, und die dünne weiße Hand winkte zurück! zurück! mit immer steigender, ängstlicher Hast: zurück!

Jesus! es sind der Tante Zimmer, die ich bewohne! durchblitzte es Helenens Gehirn, aufschreiend sank sie bewußtlos zu Boden.

Als sie zu sich kam, standen der alte Diener und die Kammerfrau, welche im Stift sie bediente, vor ihr, man hatte sie ohnmächtig im Corridor gefunden, aufgenommen, in ihre Stube getragen und in einen Fauteuil gesetzt, man sprach von lauter Hausmitteln, vom Arzt, der Apotheke und einem heftigen Blutandrang, – nach wenigen Secunden war ihr die volle Geisteskraft zurückgekehrt.

Sie bat Niemand weiter zu rufen, die Damen nicht an der Tafel zu stören, nahm geduldig den ihr gebotenen Thee, ließ gelassen sich zu Bette bringen. Die dienstgewohnte alte Margareth bestand darauf, im Vorzimmer zu wachen; auch das ließ die Comtesse ruhig geschehen.

Ein tiefes Besinnen hatte ihre ganze Seele erfaßt, »es war die Tante!« sagte sie sich selbst, »sie warnte; ich soll nicht elend sein wie sie. Abwärts, zurück winkte der lange schneeweiße Arm, der Finger deutete den Gang entlang. – Wohin? hinaus? der Treppe zu?« – Alles Grausen war dem Mädchen untergegangen im seltsam angestrengten Bemühen, die Absicht der ihr wohlwollenden Erscheinung zu verstehen, – die grübelnden Gedanken begannen einander zu drängen, sie wurden zu Bildern, die sich mischten und theilten, – zusammen- und wieder auseinander flossen, – wie eine anschlagende Glocke tönte es ihr im Ohr, leiser, endlos dazwischen fort, die Töne wurden Musik, – Gesang, – Schlaf.

– In das weit offene Schloßthor wallte ein Festzug in fremder, altmodiger Kleidung in den Saal, in welchem alle großen Feierlichkeiten des Hauses Statt zu finden pflegten, Helene kannte Niemanden von all den Versammelten; unter dem rothsammetnen Baldachin stand eine schöne Frau, vor ihr, den Rücken Helenen zugekehrt, kniete eine Dame in der Galatracht der Priorinnen des Stifts, – die Königin nahm die Insignien des Ordens und eine Pergamentrolle von einem Sammetkissen, das ein Cavalier hielt, – auf dem Kissen, auf den Sammetbehängen immer das Wappen der fürstlichen Gründerin und Beschirmerin des Stifts zahllos wiederholt; – »überall das Wappen der Königin!« dachte Helene, – »ja, an den Wänden, – über der Thüre des Refectoriums, die nach dem Gange führt, überall das Wappen,« – sie erwachte? – Hell und klar drang die Sonne durch den halbgeschlossenen Vorhang, – sie warf ihn zurück und sog mit langem genesenen Blick die Pracht der herbstlichen, rings ihr entgegen quellenden, bunten Fülle ein! »Der Mensch kann glücklich sein,« sagte sie, »auch ich will glücklich sein.«

Den ganzen Morgen blieb Helene in ihrem Zimmer eingeschlossen und schrieb. Die Nacht, der wirre, nur den unmittelbaren Schutz der Königin andeutende Traum, mochte er dem Zufall oder der ungeheuren geistigen Arbeit des gewaltsamen Nachsinnens sein Entstehen danken, hatte einen klaren, festen Entschluß in ihr gereift. Eine Ordensdame des königlichen Stifts Wallöe hatte den Rang einer hochadligen Erbtochter; – zu einer Vermählung nach freier Willkür bedurfte sie nur der Zustimmung ihrer Majestät! Helene war die erste Dame des Stifts Wallöe, welche in diesem Augenblick von jenem höchsten Anrecht Gebrauch zu machen beschloß und sie führte den Entschluß durch!

In der verwitweten Königin Juliane Marie Privatgemache, stand ihres Eintritts gewärtig und ihrer harrend ein junger, schöner Mann; die hochgerötheten Wangen und die fliegende Brust, deren convulsivisch-heftigen Herzschlag das Spitzen-Jabeau verrieth, bezeugten, daß die ehrfurchtsvoll-ruhige, fast hofmännische Haltung desselben, eine mühsam erzwungene! Er hielt ein paar Chagrinleder-Etuis in der Hand, welche kleine Wiederholungen zweier, auf der Staffelei am Fenster bereit gestellter Portraits der Königin und ihres erhabenen Sohnes Friedrich umschlossen. In einzelnen Pausen der sein Haupt durchjagenden Gedanken, blickte er mit Wohlgefallen auf die in herrlichen Goldrahmen prangenden Staffeleibilder, besonders auf das der Königin, – es war wirklich ein sehr gelungenes Portrait; französische Erinnerungen der damaligen Behandlungsweise schienen des Künstlers Hand geleitet zu haben, und gerade diesen Zügen war sie ungemein günstig; der Hang zur Intrigue, der in denselben fast kleinlich hervorstechend sich zeigte, war in anmuthige Schlauheit und feine Ironie übersetzt, der fast hinterlistig-scharfe Blick gewandt mit einer königlichen, stolzen Haltung gepaart, so daß er ohne hochmüthig zu erscheinen, durchdringende Klugheit aussprach, die sich der eigenen Kraft bewußt ist.

Kurz, es war dem Maler gelungen, durch eine sehr geistreiche Schmeichelei auf dennoch nicht unwahre Weise, die Eigenschaften der Seele hier so zu idealisiren, wie wohl andere Künstler bei äußeren Eigenschaften der Gestalt es zu thun pflegen.

Juliane trat, noch im Gespräch mit ihnen, von den Grafen Reventlow und Schimmelmann begleitet aus ihrem Cabinet. Des Letzteren Züge und ein kaum merkliches Zucken der linken Achsel verriethen, daß er dem Gegenstand der eben gehabten Unterredung keinen sonderlichen Werth beimesse; der Königin Gesicht dagegen sprach Aerger und Empfindlichkeit aus, die sie vergebens zu bemeistern strebte – keinen günstigern Augenblick hätte der Maler finden können, die Trefflichkeit seiner Auffassung zu beurkunden, als die, welche eben jetzt die Vergleichung des Originals und der Copie dem unbefangenen Beobachter bot.

»Aha, mein lieber Meister,« redete ihn sogleich die Königin an, »er bringt mir pünktlich das Gemälde und die kleinen Copien. Schelm!« fügte sie im Nähertreten hinzu, »hat Er in Frankreich so artig schmeicheln gelernt? Er hat uns da eine Physiognomie gegeben, die Er um zehn Jahr rückwärts errathen haben muß. Schon recht, man muß in effigie der Zeit das wieder abzugewinnen versuchen, wozu in der Realität ihr unerbittliches Gericht uns verdammt. Sehr brav! Schöner Atlas! ja, ja, das Portraitiren verstehen die Franzosen. Er ist auch in Italien gewesen?«

»Zwei Jahre, Majestät, in Rom und Florenz.«

»Hat Er mir nicht gesagt, seine Mutter sei arm, die Witwe eines Officianten – wo hat sie denn das Geld hergenommen, Ihn so lange im Auslande lernen zu lassen?«

»Sie hat entbehrt, Hoheit, vieles sich versagt, um mich reisen und studiren –«

»So? ich hoffe Er wird dankbar sein, ihr das vergelten, nicht zu den technischen Fortschritten in Seiner Kunst, Herzens-Demoralisation des Auslandes uns mitgebracht haben!«

»Ach, wollte der Himmel ich könnte ihr den so tief, so warm empfundenen Dank anders als in Worten zeigen – –«

»Was ist Ihm denn? Das wird Er ja nun können, wenn Er die Ihm versprochene Professur erhält – nun? Er kommt ja ganz in Agitation – –«

Ein Blick auf die Minister, welche das Gemälde betrachteten, wandte plötzlich die Aufmerksamkeit der Majestät von ihm ab, jenen zu. »Sie sind verdrießlich, Graf Schimmelmann, und sagen mir kein Wort, weder über mein Portrait noch meinen Protégé?«

»Leider haben wir dem anerkannt tüchtgen Maler desselben wehe thun müssen und gerade im Augenblicke, da Ew. Majestät ihm ein so gnädiges Wohlwollen geschenkt,« erwiederte etwas verlegen der Minister, »der Anblick der so gelungenen Aehnlichkeit –«

»Qu'est-ce donc, Comte?« fragte etwas zurücktretend Juliane Marie, »wir haben unsre Freude daran, heimischen Künstlern die Aufrechthaltung der neuen Akademie anvertrauen zu können und haben dem Manne die erledigte Professur zugesagt –«

Auch Thorald wich einige Schritte zurück; die Königin trat mit den beiden Grafen in eine Fenstervertiefung, das Gespräch ward mit halber Stimme fortgesetzt.

So ungemein vaterländisch nach Struensee's Tode alle Hofgesinnungen geworden, denn unter der Königin und Prinz Friedrichs Regentschaft war dem Ausländischen offene Fehde erklärt, so konnte dennoch Juliane Marie die französischen gewohnten Brocken in ihrer Wortstellung nicht wohl entbehren, und im Affect verfiel sie leicht in den damals fast in allen fürstlichen Häusern üblichen Ton – »c'est fort,« fuhr sie fort, »wenn nicht die Meine, welche Art Fürsprache soll denn hier wohl entscheiden? Giebts einmal wieder irgend einen lumpigen Deutschen oder Franzosen zu versorgen?«

»Bernstorff trägt die Schuld,« flüsterte ehrerbietig der Minister, »einem früheren Versprechen nach und auf ganz besondere Bitte eines Mannes, dem man verpflichtet, hat der alte Informator Henning Klint die Professur erhalten –«

»Der Prinz kennt meinen Wunsch, c'éstoit une chose arangée, Messieurs – Eynerssen hat mein Wort –«

»Der König hat diesen Morgen das Decret unterschrieben.«

Die Königin ward bis an die Stirne roth und stampfte mit dem Fuße: »wer hat mir das gethan? il me le payera!« setzte sie zwischen den Zähnen murmelnd hinzu. Die beiden Grafen schwiegen. »Nun, meine Herren? Graf Schak-Reventlow? Darf ich um die besonderen Verdienste des alten Informators oder seines Fürsprechers bitten? Sie werden doch dessen Licht nicht unter den Scheffel stellen wollen?«

»Ma foi, Madame,« sagte der Graf, »es ist mir bloß klar, daß Graf Christian Gejern Alles gegen den jungen Eynerssen und für den Klint gethan; Ew. Majestät werden geruhen sich zu erinnern, daß der Graf alle Offerten der königlichen Huld stets abgelehnt – diese Besetzung der Akademiestelle war eine von ihm erbetene Gnade – die aller Erste! Es war unmöglich ihm nicht zu willfahren und Se. Majestät der König, welcher ihm von der Bauernsache her noch immer gewogen, unterschrieb sogleich – –«

»Allerdings sind des Grafen Gejer Verdienste bedeutend,« erwiederte gewaltsam gefaßt die Königin; ihr Auge flammte und in den Mundwinkeln zeigte sich das Lächeln höhnischer Verbitterung, »ich werde morgen mit dem Könige sprechen.« Mit einer anmuthigen Bewegung des Hauptes und der linken Hand entließ sie die beiden Herren – Eynerssen stand noch ihres Befehles gewärtig nahe am Ausgang. Juliane wandte sich nach der inneren, zu ihrem Cabinet führenden Thüre, »bleibe Er und erwarte Er mich hier, mein Sohn,« sprach sie mit gnädigem Kopfnicken, »es wird sich wohl in meiner Armuth irgend ein Mittel finden, ihn zu lohnen.«

Rasch schritt sie durch ihr Schreibe-Cabinet in das Zimmer, in welchem sie schlief, eine ihrer vertrauten Kammerfrauen arbeitete dort mit einem Hoffräulein, Sophie Harrested. »Kennt eine von Euch,« fragte Juliane, »die Verhältnisse der Gräflich Gejerschen Familie?« Beide hatten bei Eintritt und Anrede der Königin sich ehrfurchtsvoll erhoben. Das Fröken erzählte von den Hochzeiten, den Ausstattungen der beiden Neuvermählten. »Schon gut, das haben wir selbst erlebt.« – »Die Gräfin?« Niemand kannte sie. »Kinder?« – Keine. »Die dritte Comtesse ist also die junge Stiftsdame von Wallöe, von welcher dies Schreiben,« sagte die Königin vor sich hin, »und der Graf will die glücklich genug fruchtlos gebliebene Mißheirath durch einen glänzenden Stammerben auslöschen; der eine Bruder kinderlos, wie er – der jüngste kränklich – keine Kinder zu hoffen. Da rechnet man auf Uebertragung des Namens. – Weiß Jemand von der jüngsten Comtesse?« Die Kammerfrau kannte die Familie Alslev und floß über vom Lobe Helenens. »Keine Aussicht zur Heirath, nicht verlobt?« Beide Erzählerinnen stockten – endlich fuhr die Harrested fort – »man hat von einer großen Leidenschaft der Comtesse für einen jungen Bürgerlichen gesprochen, allein das Betragen derselben ist so in den strengsten Regeln des Schicklichen geblieben, daß Niemand den Gegenstand dieser Neigung kennt.« – »Schon gut,« sagte die Königin, »Ihr könnt gehen;« sie stand auf und rief, indem sie selbst die Thüre öffnete, den jungen Mann in ihr Cabinet.

»Mit der Professur ist's wirklich nichts, junger Freund,« redete sie ihn an; »danke Er Gott dafür! Er ist also in die Comtesse Gejern verliebt?« – Wie vom Blitz getroffen schwankte der Künstler auf den Füßen, die ihn nicht zu tragen vermochten, er taumelte rückwärts gegen die Wand, keines Wortes fähig – »nun, nun!« lächelte die Königin, »die Liebe an und für sich, wenn sie in den Grenzen der Zucht und Ehrbarkeit bleibt, ist eben kein Todesverbrechen. Fasse Er sich – und antworte mir klar und vernehmlich.«

»Ich liebe die Gräfin mehr als mein Leben,« erwiederte stolz und fest der junge Mann, »wenn aber mein Gefühl das Elend der Comtesse herbeiführen könnte, würde ich den Muth haben, Kjöbenhavn sogleich zu verlassen.«

»Ja? was ist denn seine Absicht? daß die Comtesse auch Ihn sehr schätzt, weiß ich; wollte er deshalb Professor werden?«

»Ja, Ew. Majestät; ich betrachtete diese Anstellung als den ersten Schritt, um der Gräfin würdiger gegenüber zu stehen, wenn ich auch kein anderes Ziel an diese Aussicht zu knüpfen wagte.«

»Und der Graf Christian weiß um diese Neigung?«

»Leider! da er sie verdammt!«

»So, so,« sagte die Königin für sich, »ich will ihn lehren eigenmächtig handeln!« Sie ging an den Schreibtisch und unterschrieb Helenens Petition, durch welche sie ihr gestattete, ohne Einwilligung ihres Bruders sich zu vermählen. »Lese er das.«

Der Glückliche lag, ihr Gewand an seine Lippen drückend, zu ihren Füßen. »Aber höre Er, meine Bedingung! ich will keine Auswanderung unserer Landeskinder; daß wir in der Fremde etwas Tüchtiges zu lernen suchen, ist schon recht, allein man soll Dänemark nicht die Früchte des Erworbenen entziehen. Man wird sich Eurer annehmen! Ich bin Ihm das Honorar für die Bilder schuldig – und – Ihr könnt im Cavalier-Hause wohnen, fällt mir ein! Sagen Sie dies Alles der Comtesse und vergessen Sie nicht, daß wir in Gnade Ihnen Beiden gewogen bleiben!« setzte sie plötzlich französisch hinzu; trotz der innern Heftigkeit, welche ihre rasche Handlung herbeigeführt, machten deren Folgen sie bereits verlegen.

Ein reitender Bote brachte den Befehl der Königin nach Wallöe, das sogenannte Cavalier-Haus der Gräfin Gejer zur Verfügung zu stellen und mit diesem zugleich Helenen die Erlaubniß zu ihrer Vermählung. – Thorald erhielt noch am selben Abende eine für die Privatkasse Julianens sehr bedeutende Summe als Bezahlung der Gemälde.

Christian war wie vernichtet! Helene nahm sogleich die ihr zufallenden 10,000 Thaler in Beschlag und ihren Antheil an der Tante Mitgift. Ohne weiter ein Wort zu verlieren, sandte der Graf Alslev alle nöthigen Papiere, sowohl zu Auszahlung der seiner Schwester aus ihrem gemeinsamen Vermögen zufallenden Dot, als zu jener der Gräfin Owen; als er das Paket siegelte überfiel ihn eine an Ohnmacht grenzende Schwäche – mit gewaltsamer Anstrengung drückte er sein Wappen auf dasselbe. – »Man wird es zerbrechen!« sagte er leise vor sich hin, dann zog er sich in seine Zimmer zurück und begrub sich in seinen Studien.

Gar anders sah es in Wallöe aus. Von allen Seiten zog die Freude ein. Der Königin so bestimmte Bestimmung schloß alle böswilligen Bemerkungen aus – selbst die sieben Mogenstrupps wagten nur orcanische Seufzer. Im Cavalier-Hause regte sich ein gewaltiges Leben, es wimmelte von Arbeitern; da wurde tapeziert und gezimmert, angestrichen, gemalt, geschmückt, und die Liebe half überall der Liebe! denn Thorald war selbst von Kjöbenhavn herüber gekommen, Helenen beizustehen.

Das Cavalier-Haus, ein freundliches, kleines Gebäude aus der nämlichen Zeit als das Stift; rings von einem Blumengarten umfaßt, lehnt es an einem mit Buchen schön bewaldeten Hügel; diese herrschaftliche Wohnung wurde von Alters her bei Regulirung der Gesammt-Einkünfte desselben von den dabei beschäftigten Herren eingenommen, wenn sie zu einem längern Aufenthalt in Wallöe veranlaßt wurden. Auch die Königin bediente sich ihrer früher gern, wenn sie um die Osterzeit einige Tage in der von ihr bevorzugten Stiftung zubrachte, um die sie begleitenden Cavaliere unterzubringen, wodurch das freundliche Schlößchen den ihm anhangenden Namen erhielt. Seit Jahren war Juliane Marie nur auf einzelne Stunden in ihr Ordenshaus eingekehrt; der hübsche Bau hatte verödet dagestanden.

Wer hat nicht irgend einmal mit Vergnügen zugesehen, wenn Kinder Wirthschaft spielen? Wenn sie auf Blumenblättern statt auf Tellern serviren? Des Vaters goldne Dose und der Mutter Schmuck zu Küchengeräth machen, und lauter Bisquit und Bonbons kochen? Nicht sehr viel anders war der Brautleute Einrichtung, weil Jedes das Andere mit noch einer ganz einzigen Herrlichkeit und Bequemlichkeit überraschen wollte. Es wurde Alles phantastisch-schön und nebenbei sehr kostbar; aber es war dem Geschmack Beider vollkommen analog, und wurde dadurch wieder ein Beider Leben enger verflechtendes Band.

Man hatte dergleichen nie in der Gegend gesehen, halb Kiögge ritt und fuhr herbei, das Wunder zu schauen. An einem wunderschönen Spät-Herbstmorgen ward die stille Trauung vollzogen; keiner der drei Brüder war zugegen, die Schwestern schrieben freundlich und sandten Geschenke. Alslev kam mit seiner Familie – er hatte Helenen zur Oeconomie ermahnen wollen; als er aber in dieser Mischung von englischem Cottage-Comfort und italienischer Villa und französischer Eleganz das glückstrahlende Gesichtchen Helenens sah, verschob er es auf ein andermal. Der isländische Pfarrer hatte eine rührende Botschaft gesandt und die Versicherung: er werde bei seiner Rückreise bei dem neuen Paare einkehren; ihn hielt die bereits geschlossene Schifffahrt noch in Dänemark zurück.

Auch die arme Nordermule hatte geschrieben. Helene las das Blatt wohl zwanzigmal, ohne daß ihr dessen Inhalt verständlich geworden wäre. Es war ein wild-schmerzlicher Abschied, einem Schmerzensschrei vergleichbar, der in der jungen Frau Seele einschnitt – unklar und verworren. »Sie traut sich wegen Christian nicht zu mir,« sagte sie sich, »die arme Gute! sie mag wohl recht haben, er würde es ihr kaum verzeihen, und besser ist ihr das sichere Dach meines Bruders, als die Decke unsres Wanderzelts! – Wer weiß, wo wir einst es aufschlagen. Christians Haus beut ihr eine stets gleiche Zuflucht, während wir vielleicht nur einer des andern Brust behalten, unser müdes Haupt darauf zu legen.« Aber so vernünftig das Alles war, streifte es nur leicht ihre Gedanken; das Glück war zu übermächtig in ihr.

Der Winter flog auf seinen Silberfittigen dahin, er war mild und schön; schon nahte der Lenz; die Liebenden waren glücklich und fleißig. Helene hatte Zeichnen gelernt und begann zu malen.

Sie rechneten nicht, ihr Capital nahm ab! ihre Wirthschaftskasse war eine offene Schieblade – aber die Seeländer sind ehrlich; weder sie noch das sorglose Paar dachten an Diebstahl.

Die Schifffahrt war eröffnet, als unvermuthet spät Abends ein Gast erschien; Helene hatte zum ersten Mal den Versuch gemacht, nach Gyps zu zeichnen, und die Lection hatte wie gewöhnlich mit einem Kußhonorar geschlossen, als Kund Jürgenssen eintrat. »Dieser Anblick ihres Wohlergehens erleichtere ihm das Abschiednehmen,« meinte er, »und er hoffe, daß ihn die Kunde ihres ferneren Glücks noch oft erreichen werde.« Dem Alten war Alles zu reich und köstlich in ihrer Umgebung – er konnte sich aus all der Seide und den Spiegeln und dem Mahagoni gar nicht herausfinden; Helene sperrte ihn lachend mit dem Tisch in einen Saffian-Fauteuil, damit er nicht gar vor lauter Achtsamkeit, ihre Schätze nicht zu beschmutzen oder zu zerbrechen, ganz verstumme; und nun begann er zu erzählen, »wie er auch einmal beim Grafen zu Aalholm gewesen,« – ein leichtes Wölkchen überflorte Helenens glänzende Stirn, sie reichte rasch Thorald die Hand. – Es wären schon ein paar Monate her, fuhr er fort, und wiederum sei ihm dort eine besondere Gnade des Herrn geworden! »Es war Abend,« erzählte er weiter, »eine silbergraue, noch klare Dämmerung lag auf Aalholm, und ich ging durch die schönen buntgefärbten Buchengänge, die ich nun bald wieder entbehren sollte; auf den Wiesen wogte eine bläuliche Feuchte, und am Teich kräuselte und webte es so neblig hin, und ballte und rollte sich auf – das Schilf schwankte träumerisch mit seinen schweren Dolden, die Vögel hörte man nur fliegend und flatternd im Laube ihr Nachtlager suchen, sie sangen schon längst nicht mehr – auch die Insectenwelt war abgestorben. Den dunkelnden Wald durchleuchteten die fernen Schloßfenster mit röthlich schimmerndem Lichtschein; zwischen den Mauern dort mochte es wohl schon finster sein.

Ich gedachte der immer trauriger werdenden Jahreszeit in meinem Vaterlande, und der hübschen Mährchen und Balladen, mit welchen wir sie Abends daheim zu erheitern suchen, da sah ich plötzlich mir gegenüber am jenseitigen Ufer des Weihers eine fliegende Gestalt, um sie her flatterten weiße Gewänder, kaum berührte, so schien mir's, dann und wann ihr Fuß den Boden. Sie eilte auf den mir nicht allzu fern im Schilf liegenden und ganz von Weiden und Wasserpflanzen umgebenen Kahn – ich war schon wieder besonnen und wußte gar wohl, daß die Erscheinung nur eine menschliche sein könne! Sie kniete nieder in den Nachen und begann eine Menge Steine in ein Tuch zu binden, welche vermuthlich dort schon bereit lagen; endlich wand sie dasselbe um ihre Füße, indem sie zugleich damit ihre Kleider festschnürte; – als sie damit fertig, richtete sie nochmals das Antlitz betend gen Himmel auf – jetzt kniete sie schon am Schnabelende des Boots, und so rutschte sie mit den gebundenen Füßen vorwärts dem Rande näher –«

»Um Gotteswillen, Emerenzia!« schrie Helene auf.

»Ja,« sagte der Pfarrer, »ja sie war's! aber Gott leitete meine Schritte und meine Hand, daß ich im rechten Augenblicke sie erfaßte und gewaltsam sie zurückhielt! ich nahm sie wortlos in meine Arme und trug sie zurück; ihr selbst schwanden die Sinne, und sie kam erst dem prasselnden Feuer gegenüber in ihrem Stübchen, wohin ich sie getragen, zu völligem Bewußtsein.« »Unglückselige!« sagte Thorald, »was hatte zu solchem Schritte sie vermocht?«

»Ach, lieber Herr,« erwiederte Jürgenssen, »sie verstand es nicht, so allein zu leben! Die drei nun zu Frauen gewordenen Fröken waren so glücklich ohne sie, es hatte, so meinte sie in böswilligem Trotz –«

»Ach, Trotz! meine arme Nordermule, das demüthige Herz!«

»Frau Eynerssen wissen nicht, daß sich Demuth und Trotz im Leben manchmal gar nicht unterscheiden lassen?«

»Also Janfru Nordermule sah den langen Tag und die lange Nacht immer wieder vorüberziehen, ohne daß irgend Eines ihrer bedurft hätte – da wurde sie trauriger mit jeder Stunde! Sie kam sich mit einem Male vor, wie ein abgelaufenes Uhrwerk, zu welchem der Schlüssel verloren gegangen; und als der Kummer allmälig mehr und mehr all ihre Gedanken überschattete, konnte sie zuletzt der Sehnsucht nach dem stillen Weiher nicht länger widerstehen, in dem sie Schlaf und Ruhe zu finden meinte,« – »und nun? und nun?« fragte in ängstlicher Spannung das junge Paar, »wo ist sie jetzt?«

»Nun steht sie draußen vor der Thüre und hat mich beauftragt, das Alles My Frau Eynerssen zu erzählen; sie will Abschied nehmen – denn sie geht mit mir nach Island!«

Die jungen Leute waren schon draußen bei ihr, als er die letzten Worte vollendete.

Ja, so war's! Die kleine graue Nordermule stand, tief in Pelze verhüllt, im nordischen Reiseanzuge auf der Flur; mit tausend Liebkosungen ward sie in die lieblich phantastischen Räume eingeführt, gehätschelt, gescholten – das ganze Herz ward ihr bewegt; aber ganz unerschütterlich entschlossen reichte sie ihrem alten greisen Führer die Hand – »er hat mich überzeugt, daß ich dort noch nützen kann,« – versicherte sie freundlich.

»Ob sie das kann!« sagte der alte Kund, »für's erste muß sie gleich den Sommer hindurch uns beistehen, Thorsons mit Ihres Herrn Vaters Gelde gestiftetes Hospital aufrecht zu erhalten, dann mag sie meiner Mathilde helfen, die Kranken meines eigenen Sprengels zu pflegen; ach und Abends, wenn der Winter draußen um unsre Hütten ras't, dann wird Emerenzia uns Allen erzählen! Unsre Weiber wird sie lehren, bessere, feinere Handarbeit machen, unsre Kinder mit unterrichten helfen und vor Allem meine Kirche mit den fleißigen, geschickten Händen schmücken, o wir werden Alle so dankbar und glücklich sein, Janfru Emerenzia um uns zu haben, – so glücklich!« er drückte ihre Hand.

»Aber Jürgenssen, es kann ja nicht Ihr Ernst sein – sie wird mit ihrer geschwächten Kraft die Reise nicht überstehen – sie bringen sie nicht lebend hinüber!« sagte leise Thorald –

»Sie irren,« erwiederte ernst und mild der alte Pfarrer, »sie ist eine Nordländerin und wird die Fahrt überdauern – und gönnen Sie ihr denn nicht, umringt von den poetischen Erinnerungen ihrer Jugend, als Pflegerin der Pfarrkinder unsres Johannes und der Rosen des ihr so theuern Grafen Thugge zu sterben? Dort sind all die ihr hier abgewelkten Interessen noch frisch erhalten – hier verdrängt sie eine laut und lauter sich erhebende Gegenwart!«

»Er hat Recht!« sagte wehmüthig Helene, und am andern Morgen zogen sie von dannen! Das Ehepaar sah vom Kiögger Hafen aus lange dem buntbewimpelten Schiffe nach und kehrte in seine Künstler-Einsamkeit zurück. Wie ein Thautropfen hing die Abschiedsthräne an der vollen Rose ihres Glücks, und der nächste Sonnenstrahl küßte sie auf!

Und Graf Christian, und Eva? und wie wurde es denn weiter? dauerte denn das Glück im Cavalierhause bei dieser tollen, wunderlichen Wirthschaftsweise?

Soll ich meinen Lesern weitläuftig von der Ebbe und Fluth alles menschlichen Erfahrens berichten? Das Gold ward alle – manchmal klopften böse Verlegenheit und Noth an die Thüren und Fenster, manchmal schlich die Sorge ein und zog ihre grauen Schleier über das fröhliche Auge Helenens, und zuweilen faßte auch wohl eine fast wilde Sehnsucht ihr Innres nach ihren beiden Schwestern und nach Christian, ihrem nun ganz vereinsamten Bruder, der seine arme Eva mit dem fallenden Laube zu Grabe getragen, und nun, wie einst ihr Vater Thugge, allein das große Aalholm bewohnte; aber der Gejersche Trotz wollte dennoch sich nicht bändigen lassen in dem stolz aufschlagenden Herzen und der freundlichere Gedanke wurde noch lange Jahre hindurch in Beiden nicht zum einander verzeihenden Wort.

Da starb auch Joachim. Seine Ehe war kinderlos geblieben. Der Trauerfall und die ihm entstehenden Angelegenheiten zogen alle Geschwister in die Residenz. Die Schwestern sahen sich, und das gute Vernehmen zwischen ihnen stellte sich her. Christian und Helene aber blieben sich fern; auch Thorald, der zum tüchtigen, vielfach beschäftigten, vom Hofe vergötterten Künstler sich herangebildet, mied seine Schwäger. Der gute Alslev und seine würdige Gattin hörten mit unveränderter Theilnahme jedes Einzelnen Klage an, aber beide scheuten den ihnen wohlbekannten finstern Geist des Geschlechts, den alten Starrsinn der Gejers zu sehr, um eine Aussöhnung auch nur zu versuchen.

Da öffnete eines Tages Christian unvermuthet die Thüre des Studirstübchens seines alten Freundes; Alslev saß schlummernd in seinem hochrückigen Großvaterstuhl, er war über einer langen Actenrevision eingenickt, auf der Lehne des Sessels aber hing oder ritt ein wunderbar schöner Knabe von etwa sechs Jahren; er hatte dem Alten ein buntseidenes Band über den Kopf geworfen, daß er ihm durch die vom Schlaf halb erschlossenen Lippen zu ziehen eifrig bemüht war, indem er sich zugleich auf dessen Schulter zu schwingen suchte, um ihn zum Roß zu machen und einen kühnen Ritt in's Fabelland seiner Phantasie zu thun. »Willst Du mitspielen,« fragte das kecke Bübchen, »mußt aber jetzt auch Pferd sein und Dich von mir führen lassen, nachher darfst Du aber auch reiten!«

Helenens Sohn! durchblitzte es Christians Starrsinn, und die Wunderkraft der Kindheit trat plötzlich in ihr volles Licht. Denn der Graf vermochte kein Auge von dem kleinen Tyrannen zu wenden, der ihm mit schmeichelnder Gewalt den Zügel bot – als Alslev von dem Jubel-Geschrei erwachte, war die Bekanntschaft schon weit vorgeschritten.

Wer in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren in Wallöe war, wird wohl den neuen herrlichen Aufbau des ehemaligen Cavalier-Hauses und seine prächtige Umgebung und Einrichtung bemerkt haben; sie ist solider aber noch kostbarer als sie vor etwa fünfzig Jahren es war. Ein neues, kräftiges Geschlecht der Gejer bringt dort die schönen Sommertage zu; die bösen Geister des erloschenen Stammes beunruhigen es nicht, sie sind dem heitern Glück gewichen!

Der jetzige Graf ist ein schöner, alternder Mann und unermeßlich reich, weil ihm das Vermögen aller Nebenzweige der großen Familie zugefallen; seine Mutter war eine geborene Comtesse Gejer und hieß Helene; er hat schon als Knabe den Namen derselben auf seiner Oheime Wunsch angenommen, weil ihnen selbst kein Stamm-Erbe erblüht war.

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