Ein Mann (continued 7)
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Oft zwar füllten ungestüme Schlagwellen unser Fahrzeug fast bis zum Sinken mit Wasser an, doch waren wir unermüdet und auch zahlreich genug, es augenblicklich mit unseren Hüten wieder hinauszuschaffen, zwar stets unseren Tod dicht vor Augen sehend, aber auch einmütig entschlossen, unsere letzte angestrengte Kraft zu seiner Abwehr aufzubieten. So trieben wir demnach von ein Uhr nachts bis zum Vormittag des 12. Mai, wohin Wind und Wellen wollten, bis wir endlich die Insel Anholt vor uns zu Gesicht bekamen und hier an der Ostspitze, unweit des Feuerturmes, wiewohl mit neuer Lebensgefahr, gegen ein Uhr nachmittags auf den Strand setzten.

Mein erstes war, mich in den trockenen Ufersand auf die Knie zu werfen und dem Barmherzigen droben mit heißglühender Seele für die wunderbare Erhaltung des Lebens zu danken. Dann aber stiegen freilich auch trübe Gedanken bei mir auf. Mein schönes gutes Schiff war verloren! Wäre mir ein Freund gestorben, so hätte mir sein Verlust nicht näher gehen können.

Doch wie manches ging in dieser unglücklichen Nacht mit meinem Schiffe verloren! Zwar mein Reeder war gedeckt. Ich hatte den Auftrag von ihm, so oft ich aus einem Hafen abging, das Schiff durch Besorgung des Hauses Joh. Dav. Klefecker in Hamburg, assekurieren zu lassen. Es war demnach auch jetzt für eine Summe von zwanzigtausend Talern oder vierzigtausend Mark Hamburger Banko versichert. Da nun dieses Schiff mit vollem Zubehör neu nur zweiundzwanzigtausend Taler gekostet hatte, die Ladung Seesalz aber nur einen Wert von tausendfünfhundert Talern hatte, so ließ sich wohl absehen, daß der Verlust des Schiffes ihm keinen wesentlichen Schaden zuführen würde.
Anders aber war die Sache für mich selbst, und ich durfte wohl gestehen, daß dieser Schiffbruch mein eigenes, eben wieder aufkeimendes Glück völlig vernichtete. Meinen Erwerb an festem Gehalt als Schiffer hatte ich stets bei meinem Patron stehen lassen und dieser war mir nun allerdings unverloren; allein ein Schiffskapitän hat, auf vollkommen rechtmäßiger Weise, noch so mancherlei Gelegenheit zu allerlei Nebenverdiensten; ihm kommen Kajütenfracht und Kapplacken [Gratifikation vom Empfänger der Ladung] zugute, und nicht leicht verläßt er einen Hafen, ohne zugleich auch auf irgendeinen kleinen Handel zu seinem Privatvorteile spekuliert zu haben, der um so besser einschlagen kann, da er Frachtgelder und Assekuranzprämien daran erspart. Alle diese kleinen Ersparnisse hatte ich immer wieder aufs neue in Waren angelegt, und so war nach und nach mein Privatverkehr zu dem Umfange gediehen, daß ich diesmal beinahe den Wert von elftausend Gulden an Bord führte. Alles dies ging nun mit dem Schiffe unwiederbringlich zugrunde! Ich hatte mir's alle diese Jahre ganz vergeblich sauer werden lassen!
Als wir genauer um uns sahen, erblickten wir auf der Landspitze neben dem Feuerturme ein einzelnes Haus, auf welches wir zuschritten und darin den Feuerinspektor, seine Frau und zwei zur Unterhaltung des Feuers erforderliche Knechte vorfanden. Erschöpft von soviel Anstrengungen und niedergedrückt von Sorge und Kummer, sank ich gleich nach der ersten Begrüßung auf ein dastehendes Bett und verfiel in ein halbwaches Hinbrüten, aus welchem ich mich mehrere Stunden lang nicht zu ermuntern vermochte. Gleichwohl hörte ich es während dieses fieberhaften Zustandes wie im Traume mit an, daß die Wirtsleute sich mit meinem Volke über unsere Umstände unterhielten, daß dabei erwähnt wurde, unser Schiff habe nach Stettin zu Hause gehört, und daß darauf die Hausfrau sich als meine Landsmännin bezeichnete.
Ihre dadurch geweckte nähere Teilnahme gab sie mir kund, indem sie mit gebratenem Geflügel an mein Bett trat und mich einlud, davon zu genießen. »Wie?« rief ich, mich ermunternd – »Federwild auf dieser Insel, wo kein Strauch, kein Grashalm, sondern nur der nackte Flugsand sich zeigt? Das ist doch wunderbar!« – Bei weitem nicht so sehr, als ich glaubte, ward mir zur Antwort. Auf den Abend sollte mir das Rätsel gelöst werden, wie sie imstande wären, in den Wintermonaten ganze Körbe voll Geflügel nach Kopenhagen zu schicken.
Aber auch das Rätsel unserer Landsmannschaft bat ich die gefällige Frau, mir zu erklären, und so erfuhr ich, daß sie in Berlin geboren, in ihrem vierzehnten Jahre nach Kopenhagen bei der Silberdienerei auf dem Schlosse in Dienst gekommen und dann mit dem königlichen Silberdiener verheiratet worden sei, als dieser durch Anstellung zum Feuerinspektor auf Anholt seine lebenslängliche Versorgung erhalten habe.
Abends, als das Feuer auf dem Leuchtturme angezündet worden, sah ich nun freilich, wie von Zeit zu Zeit, von dem hellen Scheine angelockt, zahlreiche Schwärme von Vögeln aller Art herbeiflogen und, von dem Feuer geblendet, diesem so naheflatterten, daß sie, an Flügeln und Federn versengt, zu Boden fielen und mit Händen gegriffen werden konnten.
Nachdem wir uns hier zwei Tage lang von unseren erlittenen schweren Mühseligkeiten bei diesen freundlichen Gastgebern erholt, aber sie auch beinahe rein ausgezehrt hatten, wofür ich ihnen eine angemessene Anweisung nach Kopenhagen ausstellte, ward es freilich wohl hohe Zeit, unseren Stab weiterzusetzen. Auf dem östlichen Ende der Insel, wo sie am breitesten ist, lag noch das einzige hier vorhandene Fischerdörfchen von etwa fünfzehn Hütten, dem ein Schulze, hier Drost genannt, vorstand. An diesen hatte ich bereits tags zuvor geschrieben, daß wir als Schiffbrüchige auf seinen obrigkeitlichen Beistand zu unserem weiteren Fortkommen rechneten. Ich würde zu einer bestimmten Zeit mit einem Gefolge von vierzehn Köpfen bei ihm erscheinen und eine bereitgehaltene tüchtige Mahlzeit, ein Fahrzeug zur Überfahrt nach Helsingör und ausreichenden Proviant für drei Tage – alles gegen Bezahlung – vorzufinden erwarten.
Statt dessen wurden wir von diesem Manne mit einer so abschreckenden Kälte empfangen und für alle unsere Bedürfnisse war so wenig irgend einige Sorge getragen, daß es mir sehr verzeihlich erschien, wenn wir zuvörderst auf gut soldatisch seinen wohlgefüllten Speiseschrank in Requisition setzten, seiner Rauch- und Brotkammer für den uns nötigen Seeproviant zusprachen und endlich das größte unter den am Strande liegenden Fischerbooten zu unserer Reise in Beschlag nahmen und mit den vorgefundenen Gerätschaften zutakelten – alles das im Beisein sowohl des bestürzten Drosten, der seine gelieferten Lebensmittel selbst schätzen mußte und dafür schriftliche Anweisung empfing, als des Booteigentümers, der, gern oder ungern, mit uns an Bord ging, um uns nach Helsingör zu führen und dort seine Bezahlung zu empfangen. Dieser war es denn auch, der uns unterwegs gestand, uns sei das Gerücht vorausgegangen, daß wir eine Bande Seeräuber wären, die nicht das Kind im Mutterleibe verschonten.
Am 18. Mai erreichten wir Helsingör, wo ich, um die Zahlung der Assekuranz zu sichern, sofort darauf bedacht war, im Gefolge meiner geborgenen Mannschaft vor Gericht eine eidliche Erklärung über die Umstände des Unglücks niederschreiben zu lassen. Meine Leute empfingen ihre Löhnung, und so ging alles nach allen Himmelsgegenden auseinander, – freilich, wie wir gingen und standen, denn von dem Schiffe hatten wir keine Faser gerettet. Ich selbst mußte mich, bevor ich von Helsingör abreiste, von Haupt zu Fuß neu bekleiden, wenn ich mich vor Leuten wollte sehen lassen können.
Ich würde mir's nicht verzeihen können, wenn ich hierbei mit Stillschweigen überginge, was mir mit einer Jüdin begegnete, in deren Trödelbude ich ein neues Hemd zu kaufen im Begriff stand. Den geforderten Preis aufzählend, beantwortete ich ihr zugleich einige Fragen, welche ihre Neugier an mich richtete, durch Hindeutung auf meinen neulichen Schiffbruch, aus welchem ich nicht einmal meine Kopfbedeckung gerettet hätte. Meine Erzählung lockte ihr Tränen ins Auge, sie schlug die Hände zusammen und rief: »So soll mich doch Gott bewahren, daß ich Geld von Ihnen für das Hemd nähme!« – Vergebens versicherte ich ihr, daß es, nun ich erst am Lande wäre, keine Not mit mir habe; sie steckte mir das zusammengeraffte Geld in die Hand und das Hemd in den Busen, und als ich jenes dennoch auf den Ladentisch legte und mit Dank meines Weges ging, lief sie mir nach, um es mir wieder aufzunötigen, so daß ich sie endlich bitten mußte, auf der Straße kein Aufsehen zu erregen, und mit einem gerührten Händedrucke von ihr schied.

Nun ging ich baldmöglichst als Passagier mit einem Schiffe nach Stettin, um meinem Patron Rede zu stehen. Wir rechneten miteinander ab; ich empfing meine rückständigen Gelder und begab mich nach Kolberg, um über mein weiteres Tun zu einem Entschlusse zu kommen. Es wurden mir verschiedene Schiffe zur Führung angeboten, allein die nächsten Jahre nach dem amerikanischen Kriege waren für Handel und Schiffahrt so ungünstig, daß unsereiner bei seinem Handwerke ferner weder Ehre einlegen, noch seinen Vorteil absehen konnte. So gab ich denn, in Erwägung, daß die bessere Halbschied meines Lebens bereits hinter mir liege, das ganze Seewesen auf und war darauf bedacht, mich in meiner lieben Vaterstadt auf eine stille, bürgerliche Nahrung mit Bierbrauen und Branntweinbrennen, wie es mein Vater seither getrieben hatte, einzurichten.

Nach dreiviertel Jahren etwa, als ich allen Seegedanken längst entsagt hatte, auch mein werter Freund und Patron Groß bereits mit Tod abgegangen war, kam mir ein Schreiben von dessen Schwiegersohne und Nachfolger, Herrn Boneß, zu, das mich auf einmal wieder in die alten Sorgen zurückstürzte. Er meldete mir, es sei von Lissabon ein Wechsel auf beinahe dreitausend Taler eingelaufen, als Ersatzsumme für das Schiff des Kapitäns Sylva, welches ich übersegelt und zugrunde gerichtet haben sollte, daher ich doch hierüber nähere Auskunft mitteilen möchte.
Man kann leicht denken, wie ich erstaunte, daß man jenem Vorfalle auf dem Tajo eine solche Wendung zu geben gedachte. Das Vorgeben mit der Übersegelung war eine offenbare grobe Erdichtung. Hatte das portugiesische Schiff Schaden genommen oder war es endlich darüber zugrunde gegangen, so mochte der Kapitän lediglich seine eigene Nachlässigkeit und seinen Mangel an Aufsicht anklagen; und sollte von einem Schadenersatze die Rede sein, so wäre ich, auf den jenes Schiff zugetrieben kam, während ich selbst ruhig vor Anker lag, solchen zu fordern ungleich mehr berechtigt gewesen. Dieserwegen berief ich mich auf die gerichtliche Aussage meiner Mannschaft, wovon das Original in den Händen des preußischen Konsuls zurückgeblieben, während meine mitgenommene beglaubigte Abschrift mit meinem verunglückten Schiffe leider ein Raub der Wellen geworden war.
Aber nicht zufrieden, dies mit der nötigen Ausführlichkeit zurückberichtet zu haben, reiste ich selbst nach Stettin, um jede noch etwa mangelnde Auskunft zu erteilen. Der Wechsel ward demnach mit Protest zurückgesandt und wir hielten den Sturm für abgeschlagen. In der Tat veränderte man nun auch in Lissabon die Art des Angriffes, denn nach Verlauf eines halben Jahres lief von dort eine Aufforderung an den Magistrat in Kolberg ein, mich, den Schiffer Nettelbeck, in dieser Sache zu einer Entschädigung von dreitausend und einigen hundert Talern obrigkeitlich anzuhalten. Da diese Summe nach portugiesischem Gelde in Rees ausgedrückt war, deren dreihundert auf einen preußischen Taler gehen, so paradierte demnach in jener Eingabe eine Forderung von beinahe einer Million Rees, welche das Publikum meiner guten Vaterstadt treuherzig mit ebensoviel Talern verwechselte und nun billig die Hände über den Köpfen zusammenschlug, daß der Nettelbeck tausendmal mehr schuldig sei, als er Haare auf dem Kopfe habe!
Es versteht sich wohl, daß ich bei meiner gerichtlichen Vernehmung die nämlichen Gründe geltend machte, welche ich bereits Herrn Boneß an die Hand gegeben hatte. Damit aber noch nicht befriedigt, reiste ich abermals nach Stettin, um ihm wiederholt zu raten, daß er sich nach Lissabon an den Preußischen Gesandten wenden und die dort niedergelegte eidliche Erklärung einziehen lassen möchte, um den Prozeß auf diesem festen und sicheren Grund zu führen.
Den Prozeß aber leiteten nunmehr die Lissaboner bei dem Seegerichte zu Stettin ein; der Spruch fiel dahin aus, daß wir Beklagte zur Bezahlung eines Schadens nicht anzuhalten wären. Es ward von dieser Sentenz an die Königliche Kriegs- und Domänenkammer appelliert, welche sie jedoch in zweiter Instanz bestätigte. Auch hiermit begnügten sich unsere Gegner nicht, sondern gingen an die dritte Instanz, in das Revisorium. Endlich, nach einem halben Jahre, schickte mir Herr Boneß den Revisionsspruch zu, der dahin lautete: Die Reeder des Stettiner Schiffes hätten den Schaden zu vergüten, übrigens aber wiederum Regreß an ihren Schiffer zu nehmen.
Wie mich ein so unerwarteter Ausgang dieses Prozesses in Erstaunen, Unwillen und gerechten Ärger setzen mußte, ist leicht zu begreifen. Herrn Boneß verbarg ich meine Empfindlichkeit nicht, daß er verabsäumt hatte, die sprechendsten Beweismittel herbeizuschaffen, und daß ich allein nunmehr, wie es schiene, unter dieser Vernachlässigung leiden sollte. Aus meinen Papieren könne ich dartun, daß ich seinem Schwiegervater mit diesem Schiffe reine einundvierzigtausend Taler verdient hätte, und so möge denn sein Billigkeitsgefühl entscheiden, ob und welche Ansprüche er noch ferner an mich zu machen gedenke? – zumal da mein Gewissen mich von aller Schuld in jener Sache losspreche. Müßte es jedoch zwischen uns zu einem Prozesse hierüber kommen, so würde ich mich zu verantworten wissen.
Bei alledem war mir aber nicht gar wohl zumute. Ich ward endlich schlüssig, mich nach Lissabon zu begeben und dem Dokumente, auf welchem hier alles beruhte, an Ort und Stelle nachzuforschen. Vorläufig aber gab ich dem Makler Brödermann in Hamburg, den ich kannte, den Auftrag, sich bei den zuletzt von Lissabon eingekommenen Schiffern nach Leben und Tod des dortigen Preußischen Gesandten und Konsuls genau zu erkundigen und mir zugleich auf einem etwa binnen Monatsfrist dahin abgehenden Schiffe einen Platz als Passagier zu bestellen.
Mein braver Patron Groß hatte außer dem Kaufmann Boneß noch drei andere Schwiegersöhne, sämtlich Schiffer, als Erben seines bedeutenden Vermögens hinterlassen. Diese alle kannten mich seit langen Jahren und hatten mir stets Beweise ihrer Zuneigung und Achtung gegeben. An diese nun wandte ich mich jetzt schriftlich und ersuchte sie um eine bestimmte Erklärung, ob die Großschen Erben gesonnen wären, einen Prozeß gegen mich anzustrengen? Solchenfalls aber möchten sie damit nicht säumen, indem ich auf dem Sprunge stände, nach Lissabon zu gehen und mir neue und hinreichende Beweismittel zu verschaffen.
Die Ehrenmänner gaben mir zur Antwort: sie kennten mich und glaubten mir aufs Wort, daß ich eine gerechte Sache hätte und Bulkeley so gut als Sylva ein paar Schurken wären. Ich möchte die Lissaboner Reise nur unterlassen, indem sämtliche Großsche Erben unter sich übereingekommen wären, jeden Prozeß und Anforderung gegen einen Mann aufzugeben, der ihrem Hause so tätig und redlich gedient und ihm so ansehnliche Summen erworben habe.
So mag sich denn nun hier die Geschichte meiner Seereisen und Abenteuer schließen. Wohl aber mag ich auch sagen: »Gott hat große Dinge an mir getan, der Name des Herrn sei gelobet!«
Nun bin ich denn also aus einem Seemanne ein Landmann und ehrsamer Kolbergischer Pfahlbürger geworden, und was einem solchen begegnen kann, ist nicht so abwechselnd und ausgezeichnet, daß es eine ausführlichere Erzählung verdiente. Sind in der Folge meines Lebens Verhältnisse eingetreten, wo mein Name für einige Augenblicke aus der Dunkelheit hervorgetreten zu sein scheint, wozu Natur und Schicksal mich wohl eigentlich bestimmt hatten, so fühle ich doch gar wohl, wie wenig es gerade mir geziemen würde, über diese Periode und über mich selbst zu sprechen, wo das, was mir Schuldigkeit und Bürgerpflicht zu tun geboten, leicht als Prahlerei erscheinen könnte.

Findet sonst irgend jemand – sei er Freund oder Feind – Neigung und Beruf, von mir zu schreiben, so sage er, was Wahrheit ist. Mir selbst genügt an dem Bewußtsein, für mein Vaterland, für meinen König und für jeden Menschen getan zu haben, was die schwachen Kräfte eines einzelnen vermochten. Wäre ein wenigeres geschehen, so würde ich mir's zum Vorwurf rechnen. Meinen heimlichen Feinden muß ich gestatten, im stillen über mich zu richten und mich zu verurteilen. Öffentlich aber werden sie schwerlich gegen mich auftreten, um meine Ehre anzutasten, die ich bis zu meinem letzten Atemzuge darein setzen werde, ein Verehrer meines Königs, ein getreuer Untertan, ein dankbarer Sohn meiner geliebten Vaterstadt, ein exemplarischer Bürger, der Freund meiner Freunde und im großen wie im kleinen ein ehrlicher Mann zu sein.


Was ich früher, als ich am Schlusse des zweiten Teiles meiner Lebensgeschichte die Feder niederlegte, weder gedacht noch gewollt, soll dennoch Wirklichkeit werden – ich soll sie wieder aufnehmen, um dem freundlichen Leser auch noch diejenigen Lebensereignisse mitzuteilen, die mir nach meinem fünfundvierzigsten Jahre zugestoßen sind. So wünschen und verlangen es so manche, denen ich für ihre Liebe gern dankbar werden möchte – dankbar aber vornehmlich auch meinem Schöpfer, welcher mir bis hierher Leben, Kraft und Gesundheit schenkt und mich vielleicht nur dazu noch gebrauchen will, da ich doch sonst der Welt wohl nur wenig mehr nützen kann. Mein Bedenken, von den neueren Zeiten und von meinem eignen kleinen Anteil an den Welthändeln zu reden, ist auch nicht mehr das nämliche wie vormals: denn einmal kennt mich nun der Leser schon genug, um zu wissen, daß mir's nirgends um die Person, sondern immer nur um die Sache zu tun ist, und wird mir also auch nicht leicht Ruhmredigkeit vorwerfen, wo ich nur der Wahrheit die Ehre gebe; und dann fürs andre könnte es hier und da doch auch wohl zutreffen, daß etwas zu Nutz, Lehre und Warnung jetziger und künftiger Zeiten mit unterliefe. Hauptsächlich aber drängt es mich, einem Manne, obwohl er meiner zu seinem Lobe nicht bedarf, weil ihn die Welt, sein Herz und seine Taten genugsam preisen, – dem Manne, der in der Nacht der Trübsal über meiner Vaterstadt zuerst wie ein schöner leuchtender Stern des Heils aufgegangen ist – die schuldige Anerkennung widerfahren zu lassen. Nein, ich will ihn nicht loben: aber meine getreue Erzählung selbst soll sein Lob sein!

Von der See hatte ich meinen Abschied genommen; hatte mich auf ihr und in der Fremde genugsam herumgetummelt, um mir die Hörner abzulaufen, und hielt es nunmehr für das Gescheiteste, mich an eine stille bürgerliche Nahrung zu halten, wie es mein Vater und meine Vorväter auch getan hatten: denn der bisherige Hang zum Seeleben war eigentlich nur mit dem mütterlichen Blute auf mich gekommen, und es schien ganz gut und recht, mich wieder zur väterlichen Weise zu wenden. Da nun auch mein ererbtes Häuschen ganz zum Betrieb von Bierbrauen und Branntweinbrennen eingerichtet war und mir diese Hantierung sowohl zusagte, als auch ein ehrliches Auskommen versprach, so bedachte ich mich nicht lange, sie gleichfalls zu ergreifen; habe auch manche liebe Jahre hindurch mein leidliches Auskommen dabei gefunden. Ich ward also Kolberger Bürger, hatte meinen besonderen Verkehr mit den Landleuten umher und rührte mich tüchtig, um das, was ich ergriffen hatte, nun auch ganz und aus einem Stücke zu sein.

Aber es mochte doch wohl sein, daß es entweder mit dem »Hörner-Ablaufen« noch nicht seine volle Richtigkeit hatte, oder daß sonst noch für meine dreiviertel Schock Jahre zu viel Regsamkeit und Eifer in mir war, oder endlich lag es und liegt noch zu tief in meiner Natur, daß ich keine Unbilde – treffe sie mich oder andre – statuieren kann: – genug, ich lief mit dem einen wie mit dem andern oft genug an; und ohne daß ich es wollte und wünschte, mag es auf diese Weise leicht gekommen sein, daß meine lieben Mitbürger, die es meist gemächlicher angehen ließen, mich mitunter für einen unruhigen Kopf verschrieen, und dem es in Guinea unter der Linie vielleicht gar ein wenig zu warm unterm Hute geworden. Von dem allem muß ich einige Pröbchen beibringen, die es beweisen mögen, daß ich noch immer der alte Nettelbeck war.
Erst also von meinem Unbedacht! – Der See mit genauer Not entronnen, dachte ich, daß es nun mit dem Ersaufen weiter keine Not haben sollte; und doch war ich auch als Landratte ein paarmal nahe daran, einen nassen und elenden Tod durch eigne Schuld zu finden.
Es war im Dezember 1784, als mich einst mein Gewerbe nach Henkenhagen, einem Dorfe, dritthalb Meilen von Kolberg, führte. Ich war zu Pferd und nahm den Weg dahin längs dem Strande, als dem ebensten und gelegensten. Schon verdrießlich, daß mein Knecht den Gaul nicht nach meinem Sinne gestriegelt, und da dieser bei meinem scharfen Ritt unter dem Bauche heftig schäumte und schmutzig aussah, vermeinte ich beidem abzuhelfen, wenn ich ein Eckchen in die See ritt, um ihn von den Wellen abspülen zu lassen. Es war windiges Wetter und das Meer stürmisch. Sowie indes die nächste Welle zurücktrat, ritt ich ihr trockenen Fußes nach und ließ sie wieder heranrollen, und ritt danach wieder ein Eckchen und meinte nun genug zu haben.

Nun aber kam unversehens eine höhere Sturzwelle, die sich dicht vor meinem Pferde donnernd und schäumend brach. Es wurde davon scheu, bäumte und wandte sich, so daß nun eine neue Woge nicht nur über unsern Köpfen zusammenschlug, sondern auch, da sie uns von der Seite faßte, uns mit Gewalt zu Boden warf. Ich hielt mich gleichwohl fest in Sattel und Bügeln. Als jedoch die See nach wenigen Augenblicken wieder zurücktrat, richtete sich das Pferd mit mir empor, bis abermals eine Welle uns heimsuchte, die es dergestalt blendete, daß es, anstatt dem Zügel zu folgen und nach dem Strande umzukehren, vielmehr seeeinwärts kollerte und bald auch den Grund unter seinen Füßen verlor. Während wir nun schwimmend mehr unter als über dem Wasser krabbelten, ward mir doch der Handel endlich bedenklich. Ich suchte die Füße aus den Steigbügeln loszubekommen, warf mich vom Pferde herab und schwamm dem Lande zu, das ich auch glücklich erreichte. Doch Hut und Perücke waren verloren gegangen.
Den ersteren sah ich noch in der Ferne treiben. Rasch warf ich den Rock vom Leibe und watete und schwamm ihm nach, bis ich ihn glücklich erreicht hatte. Abermals im Trockenen, schaute ich nun auch nach meinem Gaule um, der es mir glücklich nachgetan, aber, wild und scheu geworden, im vollen Sprunge landeinwärts lief. Ich eilte ihm nach und sah bald von den hohen Sanddünen herab, daß einige Leute bereits damit beschäftigt waren, ihn einzufangen. Als ich nun endlich herankam und sie mir mein Tier überlieferten, stand ich da, völlig durchnäßt, den Hut auf dem kahlen Kopfe (ein kurzgeschorener Schädel aber war damals etwas Lächerliches) und bedachte bei mir selbst, was weiter zu tun sei? Doch ich meinte, ich sei ja wohl öfter schon naß gewesen, warf mich aufs Pferd und trabte, als sei nichts geschehen, nach Henkenhagen zu.
Indes muß ich doch ziemlich verstört ausgesehen haben, denn alle Leute, die mir begegneten, sperrten die Augen auf und fragten, was mir begegnet sei? Ich dagegen hielt mich mit keiner langen Antwort auf, bis ich das Dorf erreichte; aber als ich nun vom Pferde steigen wollte, fühlte ich mich von Nässe und Kälte so erstarrt, daß ich mich nicht zu regen vermochte. Ob nun das, was ich tat, das Gescheiteste war, weiß ich nicht; aber anstatt den nächsten warmen Ofen zu suchen, machte ich mit meinem Gaule auf der Stelle rechtsum kehrt und sprengte im gestreckten Galopp nach Kolberg heim, wo ich mein Abenteuer mit einer achttägigen Unpäßlichkeit bezahlte, ohne jedoch dadurch klüger zu werden.

Denn noch in dem nämlichen Winter versuchte ich es fast noch halsbrechender, indem ich in einem zweispännigen Jagdschlitten über Land fuhr. Es gab ein dichtes Schneegestöber, so daß man nur wenige Schritte deutlich sehen konnte. Bei der Mühle zu Simötzel hatte ich einen stark angeschwollenen Bach zu passieren, wo jetzt überdem in der gewöhnlichen Furt viele zusammengetriebene Eisschollen zu erwarten waren. Dies zu vermeiden, ließ ich meinen Knecht absteigen, um sich umzusehen, ob etwa oberhalb der Mühle eine Brücke vorhanden sei. Er rief mir zu, daß er eine solche gefunden, und ich hieß ihm dicht vor den Pferden voranschreiten, um mir als Wegweiser zu dienen. So folgte ich dem Menschen gedankenlos zu einem Übergange, der nicht eine Brücke, sondern ein Steg ohne Geländer war, aus zwei nebeneinandergelegten Balken bestand, die höchstens achtundzwanzig Zoll in der Breite betragen mochten. In der Länge aber hielten sie leicht sechsunddreißig bis vierzig Fuß, und das Gewässer rauschte ungestüm darunter hindurch.

Mitten auf dieser wunderlichen Passage, indem sich die Pferde (wie sie nicht anders konnten) heftig drängten, stürzte das eine rechts hinab in die Strömung. Es war ein Glück, sowohl daß der Schlitten dabei quer auf die Balken zu stehen kam, als daß bei dem Sturz des Tieres sämtliche Stränge rissen; noch ein größeres aber, daß gerade der Mühlbursche zufällig neben dem Mühlwehr stand, der augenblicks die Schleuse niederließ und dadurch das reißende Gewässer zum Stehen brachte. Nun wurde der Schlitten samt mir und dem noch angeschirrten Pferde mit Not und Mühe von den Balken herabgebracht, während das andre sich im Wasser wälzende endlich auch das Ufer gewann.
Nun stand alles, was in der Mühle war, um mich her und fragte, wie ich so unsinnig habe sein können, mich und mein Leben mit einem solchen Zweigespann auf zwei elende Balken zu wagen? Da war nun wenig darauf zu antworten, als daß ich durch das Schneetreiben am Sehen verhindert und, mich auf meinen Führer verlassend, die Gefahr nicht eher inne geworden, bevor ich mitten drinnen gesteckt. Hinterdrein bei ruhigerem Nachdenken habe ich aber nur zuviel Grund zu dem Argwohn gefunden, daß der heillose Bube mich wohl absichtlich dahin gelockt haben könne, um mir mit guter Manier den Garaus zu machen; denn wenige Tage später entlief er aus meinem Dienste, und es fand sich, daß er mich beträchtlich bestohlen hatte.
Zu einer andern Zeit saß ich in voller Gemütsruhe daheim vor meinem Rasierspiegel mit dem Messer in der Hand, als der Kämmereidiener, ein aufgeblasener wüster Mensch, zu mir eintrat und mit lallender Zunge etwas daherstotterte, was ich nicht verstand, was aber wohl ein obrigkeitlicher Auftrag an mich sein sollte. Indem ich ihn verwundert und schweigend darauf ansah, aber sofort merkte, daß er sich einen derben Rausch getrunken, mochte er sich durch diesen meinen prüfenden Blick beleidigt fühlen, und stieß einige Grobheiten aus, die ich dadurch erwiderte, daß ich die Zimmertür öffnete und meinen torkelnden Urian bat, sich beliebigst hinauszutrollen. Dem aber schwoll der Kamm noch mehr; es kam zu unnützen Redensarten, und da ich damals noch in meinem Tun und Lassen ziemlich kurz angebunden zu sein pflegte, so machte ich auch hier nicht viel Federlesens, sondern packte ihn mit derber Seemannsfaust am Kragen und schob ihn bei seinem Sträuben etwas unsäuberlich auf die Gasse hinaus. Mag auch wohl sein, daß er dabei, denn mit dem Piedestal war's ohnehin unrichtig, auf die Plastersteine zu liegen kam und sich den Mund blutig fiel, während ich mir nichts dir nichts an mein unterbrochenes Geschäft zurückkehrte.

Nun aber war auch sofort Feuer im Dache. Ich hatte einen ganzen wohledlen Magistrat in seinem Diener beleidigt, und eine solche Ungebührlichkeit konnte nicht ungeahndet bleiben! Mochte ich vielleicht ohnedem schon nicht wohl angeschrieben stehen, so war dies nun ein neuer Frevel, wo die ganze obrigkeitliche Autorität mit ins Spiel zu kommen schien und einmal ein Exempel statuiert werden mußte! Gleich des andern Tages also bekam ich eine Vorladung vom Magistrat, am nächsten Morgen im Rathause zu erscheinen.
Inzwischen hatte es der Zufall gefügt, daß bei einem Gange durch die Stadt meine Augen auf das Mauerwerk der Kupferschmiedsbrücke fielen, wo ich wahrnahm, daß beide Stirnmauern, auf welchen das Gebälke der Brücke ruhte, in sehr schadhaftem Zustande und die eine derselben sogar zum Teil niedergeschossen sei; so daß durch das nächste, etwas schwere Fuhrwerk, das hinüberpassierte, leicht ein Unglück entstehen könnte. Dies hatte ich auch sofort nach Bürgerpflicht dem Stadtdirigenten, Landrat Selert, angezeigt, der sich von der vorhandenen Gefahr überzeugte und die Brücke sperren ließ. Daneben hatte ich ihm vorgeschlagen, daß es zur Erneuerung des Gemäuers keines kostspieligen Gerüstes bedürfte, wenn man nur einen Bagger-Prahm von der Münde herbeischaffte und unter die Brücke brächte. Er billigte das, und ich hatte den Prahm auch wirklich herbeigeholt und unter der Brücke befestigt. Die Maurer aber waren seitdem darauf mit ihrer Arbeit beschäftigt.
Indem ich nun auf dem Wege nach dem Rathause war, um meine Strafsentenz zu empfangen, sah ich schon aus der Ferne, daß das Wasser im Persantestrom durch einen hartstürmenden Nordwind hoch aufgestaut war, und als ich zur Brücke gelangte, fand ich es dort in solcher Höhe angeschwollen, daß der Prahm bis dicht unter die Balken der Brücke emporgehoben worden und jeden Augenblick zu befürchten war, er möchte die ganze Brücke abtragen und davonführen, wenn er nicht ungesäumt unter ihr weggebracht werden könnte. Im Weitergehen ging ich mit meinen Gedanken zu Rate, auf welche Art hier wohl zu helfen sein möchte, wiewohl doch mein stiller Groll, je näher ich dem Rathause kam, mir je mehr und mehr zuflüsterte: »Du bist ja doch wohl ein rechter Tor, dich mit solcherlei Anschlägen zu plagen! Hast du doch von all deinem Besttun nichts als Ärger zum Lohn.«
Als ich in die Ratsstube eintrat, war mein Verkläger schon vorhanden, etwas nüchterner zwar als vorgestern, aber auch nur um so fertiger mit dem Maul; zumal da er bald wahrnahm, daß die Herren ihm den Rücken steiften, indem sie mir mit etwas unhöflichen Vorwürfen das, was ich getan, als eine Verachtung der Obrigkeit auslegten. Ich dagegen führte meine Sache nach der Wahrheit; es wurde hin und her gestritten, und der Herr Sekretarius hatte seine volle Arbeit mit Protokollieren ... Siehe! Da flog unversehens die Tür auf, und mit Schrecknis im Angesichte kam der Stadtzimmermeister Kannegießer hereingestürzt und rief: »Meine Herren, es wird ein großes Unglück geschehen. – Die Brücke wird samt dem Prahm davongehen. Ich bin nicht mehr imstande gewesen, ihn darunter hervorzubringen, und noch steigt das Wasser mit jeder Minute. Kommen Sie selbst, Herr Landrat, und überzeugen sich, daß das Unglück nicht mehr abzuwenden ist.«
Beide eilten hinaus, und mit dem Protokoll hatte es einstweilen einigen Stillstand. Da wandte sich denn der zweite Bürgermeister, Roloff, an mich und sagte: »Nettelbeck, Sie pflegen ja sonst wohl in manchen Dingen guten Rat zu wissen, zumal wo es in Ihr eigentliches Element einschlägt, wie hier. Sagen Sie doch – was ist dabei zu tun?«
»Ich meine, dem ist bald abgeholfen,« war meine kurze Antwort. – »Man bohrt ein Loch in den Prahm und läßt ihn soweit voll Wasser laufen, bis er sich hinlänglich gesenkt hat, um wieder unter der Brücke hervorzugleiten.«
Kaum waren diese Worte ausgesprochen, so riß der Bürgermeister hastig das Fenster auf und schrie den Weggehenden drunten zu, augenblicklich zurückzukehren. Und indem sie eintraten, hub er an: »Nettelbeck schlägt soeben ein gutes Mittel vor, die Brücke zu retten.« – Ich aber wandte mich zu dem Zimmermeister: »Nehm' Er einen zweizölligen Böttcherbohrer und bohr' Er damit ein Loch in den Boden des Prahms, dann wird so viel Wasser hineinlaufen, daß dieser sich um einen oder ein paar Fuß senkt und Spielraum genug gewinnt, unter der Brücke durchzugleiten. Damit er aber bei seiner Last von Kalk, Lehm und Mauersteinen nicht gar auf den Grund versinke, so muß das Loch auch zu rechter Zeit wieder verstopft werden können, und dazu wird man sich im voraus mit einem langen, hölzernen Pfropf zu versehen haben.«
Eh' ich noch geendet, rief der Zimmermeister mit flammenden Augen: »Das geht! Wahrhaftig, das geht! – Herr Landrat, bleiben Sie in Gottes Namen hier, nun soll dem Dinge bald geholfen sein.«
Jetzt gab es um den Ratstisch her abermals eine Stille bevor mein Protokoll wieder beginnen wollte; dann aber stand der Bürgermeister Roloff von seinem Stuhle auf, sah all die Ratsherren nach der Reihe an und sagte: »Meine Herren – Den Mann sollten wir strafen? – Was meinen Sie?« – Alles still, bis auch der Landrat aufstand und sich zu meinem Widerpart wandte: »Ein andermal, guter Freund, wenn Magistratssachen an Bürger zu bestellen sind, gescheh' es nüchtern, mit Vernunft und mit Bescheidenheit. Die Sache ist hiermit abgetan, und Sie, Herr Nettelbeck, gehen in Gottes Namen und mit unserm Dank nach Hause.«
Wiederum und nicht lange danach begab sich's, daß kurz vor der Weihnachtszeit ein Glöckner in der Stadt vermißt wurde, nachdem er – vielleicht etwas angetrunken – auf die Lauenburger Vorstadt geschickt worden, um als Kirchendiener fällige Landmiete einzufordern. Zwar hatte er gegen die Abendzeit den Heimweg wieder angetreten, aber wo er zuletzt geblieben, war auf keine Weise zu ermitteln. Endlich, am Nachmittag des heiligen Abends vor Weihnachten, erscholl das Gerücht, der arme Mensch liege unweit der zweiten kleinen Brücke, tot im Wallgraben, mitten im Rohr, wohinab er von dem steilen, mit Glatteis überzogenen Walle gepurzelt sein mochte.

Voll Mitleids lief ich hinzu und fand bereits die Brücke mit unzähligen Menschen aus allen Ständen besetzt, welche alle nach dem Ertrunkenen hingafften, ohne irgend eine hilfreiche Hand anzulegen. »Aber, liebe Leute,« – wandte ich mich an einige nächststehende Bürger – »warum wird der Leichnam nicht herausgeschafft? Wir wollen da nicht lange säumen – kommt und helft mir!« – Allein sie verzogen die Mäuler, murmelten etwas, das so klang, als wollten sie sich damit nicht »unehrlich« machen und dem Henkersknechte vorgreifen, und einer nach dem andern zog sich sachte von mir ab. Weil ich nun sah, daß auf einem andern Fleck Landrat und Bürgermeister und wer sonst noch vom Rate beisammenstanden, trat ich an sie heran und bat, daß sie's doch möglich machten, den toten Körper aus dem Wasser zu ziehen. – »Mein Gott!« versetzte der Landrat, »es will's ja keiner!« – »Gut, so will ich's,« war meine Antwort. – »Ich allein aber schaffe nichts. Meine Herren, gebe Einer von Ihnen ein gutes Beispiel und helfe mir.« – Ich sah einen nach dem andern darauf an, aber meine Rede dünkte ihnen spöttisch und sie kehrten mir den Rücken. – Nun wurde ich warm und griff einen geistlichen Herrn, den die Neugierde auch herbeigeführt hatte, am Rockärmel: »Topp, Herr! Wenn keiner will und ein fühlbares Herz hat, so machen wir beide uns getrost ans Werk!« – »Ich? ich?« stotterte er – »mein Gott, dazu bin ich nicht imstande« – und somit riß er sich von mir los und entfernte sich eiligst. Mir aber lief endlich auch die Galle über. Ich schickte ihnen allen einen derben Seemannsfluch nach und begab mich in grollendem Unmute nach Hause.
Kaum ein paar Stunden darauf erfuhr ich durch meinen Sohn, daß endlich den beiden Bettelvögten von Magistrats wegen befohlen worden, den Ertrunkenen aus dem Graben zu holen. Weil aber die Stelle bei fortwährendem Glatteise wirklich einigermaßen gefährlich und es alte steife Kerle waren, so fiel das Experiment so unglücklich aus, daß der eine gleichfalls kopfüber neben dem Glöckner ins Wasser stürzte und auf der Stelle ersoff. Das war im Angesichte von mehr als hundert Menschen geschehen, deren keiner einen Finger rührte, das neue Unglück zu verhüten oder wieder gut zu machen.
Nun ließ mich's noch weniger ruhen als vorher. Ich eilte dem Platze zu, mitten in das Gedränge, das jetzt noch dichter zusammengeströmt war. »Liebe Leute,« rief ich – »jetzt endlich werdet ihr doch in euch gegangen sein und euch schämen, daß solch ein Skandal vor euren Augen hat geschehen können? – Kommt! helft! Laßt uns wieder gut machen so viel noch möglich ist!« – Waren sie mir aber vorher schon, sobald sie mich erblickten, ausgewichen, so wollte mir jetzt noch weniger jemand standhalten. Da konnte ich mir denn freilich nicht anders helfen und las ihnen eine Epistel, die von den derbsten war. »Wie?« rief ich, »seid ihr Menschen? seid ihr Christen? Seid ihr wohl wert, daß Gott seine Sonne über euch aufgehen läßt? Bei Heiden und Türken und in Ländern, die nichts von Gott und Jesu Christo wissen, hilft und rettet doch einer den andern, wenn es um Leib und Leben gilt!«
Darauf griff ich einen Schönfärber an, der mir eben in den Wurf kam. – »Was meinst du? Wenn du oder ich dort lägen, wo diese Unglücklichen liegen, wolltest du oder ich erst von unehrlichen Händen herausgezogen sein?« – »Dazu gebe sich ein andrer her, aber ich nicht!« antwortete er mir trotzig und ging seines Weges. Ich schalt, ich tobte, aber damit war nichts ausgerichtet. Ich mußte meinen Ingrimm in mich schlucken und rannte nach Hause, um nur von der ganzen Historie nichts mehr zu sehen und zu hören. Da kam ein Bote, der mich eiligst zum Landrat beschied. Noch voll Ärgers ließ ich ihm zurückmelden: »Erst möge er nur sorgen, daß er die Toten aus dem Graben schaffte. Es sei morgen hoher Festtag und darum um so nötiger, daß der unchristliche Spektakel ein Ende kriegte.« – Eben diese Betrachtung aber mochte es wohl sein, was den Herren bange machte und was auch den Bürgermeister zur nämlichen Stunde bewog, mich zu ihm bitten zu lassen. In der Tat hatten beide, als ich nach einigem abgekühlteren Besinnen mich zu dem Gange entschloß, ein und das nämliche Ansinnen, und ersuchten mich mit den freundlichsten Worten, sie aus dieser Verlegenheit zu ziehen und der Stadt die Schande zu ersparen. Nun waren sie zwar selbst Zeugen, wie wenig ich mit meinem gutwilligen Eifer ausgerichtet, indes verhieß ich ihnen doch, es von neuem zu versuchen und mein Bestes zu tun.
Indem ich nun wieder zu der Brücke kam, stöberte mein bloßer Anblick, als wäre ich der Knecht Ruprecht gewesen, alles auseinander, was da noch stand und Maulaffen feilhatte. Sie mochten sich wohl vor einer neuen Strafpredigt fürchten. An Ort und Stelle sann und sann ich nun, wie das Ding am schicklichsten anzugreifen und wie vor allen Dingen ein tüchtiger Kumpan zu finden sei, der seine Hand mit anlegte. Da kam im glücklichsten Momente, von diesem allem noch nichts wissend, mein guter alter Freund, der Brauer Martin Blank, ehemals mein Seekamerad, von einem Gange auswärts dahergeschritten. Dem erzählte ich nun mit kurzen Worten, was mich auf dem Herzen drückte, und schloß damit: »Bruderherz, du bist ein Mann von meinem Schlage: du wirst mir helfen!« – »Ja, das will ich!« war seine Antwort, indem er seinen Mantelrock abzog und auf das Brückengeländer warf. Ich ging voran und er folgte.
Der Abhang des Walles war steil und schlüpfrig und unten am Rande des Grabens ließ sich nur mit Mühe fußen. Mein Gefährte mußte mich oben am Kragen halten, während ich mich niederbog, den nächsten Leichnam zu erfassen; aber wenig fehlte, daß ich das Gleichgewicht verlor und der dritte unten im Graben war. Weil denn aber an dieser bösen Stelle nichts auszurichten war, mußte vom Torschreiber eine Leine geholt werden, die wir um die toten Körper schlangen und womit wir sie nach einer zugänglicheren Stelle zogen, bis sie denn endlich glücklich aufs Trockene gebracht wurden.
Darüber war es Abend geworden und mein Freund, der nunmehr nach Hause zu eilen hatte, überließ mir die Sorge, die Toten vollends an einen schicklichen Ort zu schaffen. Mir fiel die Kalkkammer der St. Georgenkirche auf der Vorstadt bei, wo sie vorerst niedergelegt werden konnten, um nach den Feiertagen christlich beerdigt zu werden. Aber ehe sie dahin gelangten, mußte ein Bauer, der noch spät mit seinem Fuhrwerke aus der Stadt kam, von der Torwache angehalten und halb in Güte, halb mit Gewalt bewogen werden, sie bis dahin aufzuladen. Selbst der Küster, den ich herauspochte, machte eine bedenkliche Miene, ihnen das Plätzchen zu gönnen, und griff erst nach den Kirchenschlüsseln, als ich mir's herausnahm, mit einem Wörtchen von Absetzung zu drohen.
Neben meinen Berufsgeschäften machte ich mir von Zeit zu Zeit auch noch andre Sorgen, die ich mir wohl hätte sparen können, wenn ich sie nicht als meine Spielpuppe betrachtet hätte. Man wird sich erinnern, daß zu Anfang des Jahres 1773 unser Sklavenschiff, eines empfangenen Lecks wegen, genötigt gewesen, in den Fluß Kormantin, zwischen Surinam und Berbice, einzulaufen, und wie ich damals dort eine ungemein fruchtbare, aber noch von keiner europäischen Macht in Besitz genommene Landschaft vorgefunden. Flugs wirbelte mir auch dieser letztere Umstand im Kopfe herum, der preußische Patriotismus ward in mir lebendig und ich sann und sann, warum denn nicht mein König hier ebensogut wie England und Frankreich seine Kolonie haben und Zucker, Kaffee und andre Kolonialwaren eben wie jene anbauen lassen sollte? Je länger ich mir das Projekt ansah, desto mehr verliebte ich mich darein, und zugleich meinte ich, daß ich selbst wohl der Mann sein könnte, Herz und Hand zur Ausführung daranzugeben.

Darum ließ mir's auch, als ich nach Kolberg zurückgekehrt war, keine Ruhe, bis ich meinen Plan umständlich zu Papier gebracht hatte. Ich dachte, wer ihn läse und nur irgend zu Herzen nähme, müßte mir auch in meinen Vorschlägen beipflichten, und so packte ich ihn mit einer alleruntertänigsten Vorstellung zusammen und schickte mein Schoßkind unmittelbar an den alten Friedrich ein, der zuletzt doch immer das Beste bei der Sache tun mußte. Hatte ich jedoch geglaubt, da vor die rechte Schmiede zu kommen, so war ich gleichwohl arg betrogen, denn meine Eingabe blieb ohne Antwort und so ließ sich wohl daraus schließen, daß der König das Ding nicht mit meinen Augen angesehen und weiter auf ihn nicht zu rechnen sein werde. Also war ich auch gescheit genug, ihm weiter keinen Molest damit zu machen.
Nur mir selbst wollte die schöne preußische Kolonie am Kormantin noch immer nicht aus Sinn und Gedanken weichen! Ich putzte mir das Luftschloß noch immer vollständiger im einzelnen aus, und da ich wohl erwog, daß der Anbau des Landes ohne Negersklaven nicht zu bewerkstelligen sein werde, so verband ich damit zugleich die Idee einer Niederlassung an der Küste von Guinea, wo ja schon hundert Jahre früher der große Kurfürst und seine Brandenburger festen Fuß gefaßt gehabt und von wo die neue Kolonie mit schwarzen Arbeitern hinreichend versorgt werden könnte. So wurde mir mein Projekt von Tag zu Tag lieber, obgleich ich meine Gedanken für mich behielt und auf künftige bessere Zeiten rechnete; denn was der königliche Greis von der Hand gewiesen hatte, das konnte ja leicht bei seinem Nachfolger einst eine günstigere Aufnahme finden.
Als daher Friedrich der Einzige die Augen geschlossen und Friedrich Wilhelm auf seinem Wege zur Huldigung in Königsberg durch Pommern zog, nahm ich flugs meinen alten Plan wieder vor und paßte es so ab, daß ich dem Könige in Körlin unter die Augen kam und ihm mein Memorial überreichte. Kaum liefen einige Wochen ins Land, so hatte ich meinen Bescheid, des Inhalts: »Daß Se. Majestät für den entworfenen Plan zu einer Seehandlung nach Afrika und Amerika auf Höchstdero eigne Rechnung zwar nicht entrieren möge, inzwischen die gemachten Vorschläge der Seehandlungs-Sozietät zugefertigt und derselben überlassen habe, ob sie darauf sich einzulassen ratsam finde.«
Das ließ sich hören, die Herren von der Seehandlung konnten ja vielleicht geneigt sein, Vernunft anzunehmen. Aber was geschah? – In noch kürzerer Frist ging, nicht von jener Sozietät, sondern von dem Königlich Preußisch-Pommerschen Kriegs- und Domänenkammerdeputationskollegium zu Köslin die Resolution bei mir ein: »Da Se. Königl. Majestät geruht hätten, auf jene Vorschläge nicht zu reflektieren, so könne auch besagtes Kollegium sich auf das weit aussehende Handelsprojekt nicht einlassen.« Späterhin habe ich in Erfahrung gebracht, daß die Engländer am Flusse Kormantin eine Niederlassung mit dem gedeihlichsten Erfolge gegründet haben.
Ich hatte aber Gelegenheit genug in der Nähe, wo ich zum Guten raten und mich ums allgemeine Beste einigermaßen verdient machen konnte. So war es etwa gleich ein Jahr nachher (1787), daß die Kolberger Kaufmannschaft mir die Ehre antat, mich zum Verwandten des Seglerhauses aufzunehmen. Es ist dies nämlich ein städtisches Kollegium, welches aus fünf Kaufleuten und drei der angesehensten Schiffer besteht und das Seegericht bildet, vor welchem alle Schiffahrtssachen, sowohl nach dem Preußischen Seerecht als nach den Usanzen, in erster Instanz entschieden werden. Diese Auszeichnung konnte ich nicht zurückweisen, und so geschah es dann, daß gleich in der zweiten oder dritten Session ein Schiffer, vom Kolberger Deep gebürtig, und ein Steuermann ebendaher, aufgefordert wurden, ein Protokoll zu unterzeichnen. Der Schiffer kratzte seinen Namen mit Not und Mühe auf das Papier, sein Gefährte aber erklärte, daß er des Schreibens völlig unkundig sei, und begnügte sich, seine drei Kreuze hinzumalen, wobei ihm die große Brotschnitte, die er zu seiner Beköstigung zu sich gesteckt, beinahe aus dem Busen entfallen wäre.

Ich kann nicht leugnen, daß ich mich hierbei tief in die Seele dieser ehemaligen Standesgenossen schämte. Wes das Herz voll war, des ging auch der Mund über, und so bat ich meine Herren Beisitzer, es doch reiflich zu Herzen zu nehmen, wie schlechte Ehre wir Preußen einlegten, wenn so oft Landsleute von diesem Schnitte vor einem auswärtigen Seegerichte ständen, und was für Gedanken Holländer und Engländer wohl von unserm Seewesen fassen möchten? Das Wenigste wäre, daß fremde Handelsleute sich auf alle Weise hüten würden, solchen unwissenden Menschen Schiffe und Ladungen anzuvertrauen, und daß darüber die ganze preußische Reederei in Mißkredit und Verachtung geraten könnte. Andrer Orten würde kein Steuermann oder Schiffer zugelassen, bevor er in einem Steuermannsexamen erwiesen hätte, daß er seiner Kunst und Wissenschaft vollständig mächtig geworden. Sie wüßten auch, daß ich noch immer fortführe, mich mit dem Unterrichte junger Seeleute zu beschäftigen, und so läge mir denn daran, daß sie die Güte hätten, mit nächstem einer Prüfung meiner Lehrlinge beizuwohnen und sich von ihren Fortschritten in der Steuermannskunst zu überzeugen.
Das geschah auch wirklich und die Herren fanden ein solches Wohlgefallen an der Sache, daß auf der Stelle beschlossen wurde, es solle fortan auf hiesigem Platze kein Schiffer oder Steuermann angenommen und vereidet werden, bevor er nicht seine Tüchtigkeit durch ein wohlbestandenes Examen nachgewiesen. Und so ist es seitdem auch fortdauernd hier gehalten worden.
Um die nämliche Zeit etwa befand sich das hiesige Königliche Lizentamt in einiger Verlegenheit wegen eines hinreichend tüchtigen Schiffsvermessers, der sich auf die Berechnung der Tragkraft der Fahrzeuge verstände und wieviel Lasten sie laden und über See führen könnten. Denn bisher hatten ein paar subalterne Lizentbeamte dieses Geschäft versehen, aber so unwissend und ungeschickt, daß die von ihnen vermessenen Fahrzeuge stets zu groß oder zu klein befunden wurden, woher es denn auch an Streitigkeiten zwischen dem Lizent und den Schiffern nie abriß. Zufällig mochte es nun bekannt geworden sein, daß ich mich auf dieses Geschäft verstände, und so geschah mir von der oberen Zollbehörde der Antrag, mich solcher Verrichtung anzunehmen. Mehr der Ehre als des kleinen Nutzens wegen ließ ich mich dazu willig finden, legte hier im Hafen an einigen Schiffen, die bereits in Danzig und Königsberg vermessen waren, meine Probe ab und ward demnächst von der Königlichen Regierung zu Stettin in Pflicht genommen und bestätigt, ohne mir träumen zu lassen, daß ich dadurch den Groll meiner beiden Vorgänger in diesem Amte erregt haben könnte.
Das erste Schiff, das mir zur Berechnung vorkam, war ein kleines, englisches, scharf gebautes Fahrzeug, auf zwei Decke eingerichtet, Kajüte, Roof und Kabelgat mit im Raume versenkt, so daß in letzterem nur wenig zur Belastung übrigblieb. Meine Berechnung ergab eine Belastungsfähigkeit von nicht mehr als sechsunddreißig Lasten zu fünftausendsiebenhundertundsechzig Pfund, wie damals gebräuchlich war. Während jedoch mein Attest hierüber an die Regierung abging, hatten meine beiden Widersacher das Schiff gleichfalls nach ihrer Weise in aller Stille vermessen, die Trächtigkeit desselben auf fünfundfünfzig Lasten berechnet und darüber gleichzeitig einen Bericht nach Stettin abgesandt, worin ich ebensosehr der Unwissenheit als der Unredlichkeit beschuldigt wurde.
So gelangte denn bald darauf ein gefährlich besiegeltes Schreiben an mich, worin die Stettiner Herren mich zur Verantwortung zogen. Ich begnügte mich, Riß samt Berechnung einzupacken und um eine strenge Prüfung meines Verfahrens zu bitten, mit dem Beifügen, daß übrigens diese Arbeit, wie sie meine erste gewesen, auch meine letzte bleiben werde. Nun war man doch dort so vernünftig oder so billig gewesen, unsre beiderseitigen Aufsätze in Danzig und Königsberg einer neuen Berechnung unterwerfen zu lassen, wobei die Richtigkeit des meinigen, sowie die Falschheit des andern ans Tageslicht kam. Meine Angeber wurden angewiesen, sich fernerhin in mein Geschäft nicht zu mischen, mir aber ward angetragen, dieses wiederum zu übernehmen. Solches habe ich denn auch gern getan und dieses Amt bis zum Jahre 1821 mit Ehren verwaltet.
Ernstlicher aber war es um das Jahr 1789 und weiterhin mit einem Streite gemeint, den die Kolberger Bürgerschaft unter sich auszufechten hatte und wobei ich unmöglich ruhiger Zuschauer bleiben konnte. Aber freilich, ich wollte auch nicht, da es darauf ankam, himmelschreiende Mißbräuche aufzudecken und abzustellen, die unter dem Scheine des Rechts ohne alle Scheu ausgeübt wurden. Es gab nämlich in Kolberg nach der damaligen städtischen Verfassung ein Kollegium, genannt die Fünfzehn-Männer, weil es aus Fünfzehn der angesehensten Männer bestand, und welches ursprünglich die Gerechtsame der Bürgerschaft bei dem Magistrate zu vertreten hatte und dessen Gutachten in städtischen Angelegenheiten gehört werden mußte. Allmählich aber hatten diese Fünfzehn-Männer angefangen, ihr Ansehen mehr zu ihrem Privatnutzen als zum allgemeinen Besten geltend zu machen, und wie die Menschen nun einmal zum Bösen immer fester zusammenhalten als zum Guten, so war auch hier schon seit lange eine enge Verbrüderung entstanden, sich einander zu allerlei heimlichen Praktiken den Rücken zu steifen und durchzuhelfen. Da waren denn Depositenkassen angegriffen, Scheinkäufe angestellt, Gemeindegut liederlich verschleudert und andre Greuel mehr begangen worden.
Ich schäme mich nicht, zu bekennen, daß ich der erste war, der dem Fasse den Boden ausstieß, und als ein paar wackere Männer, der Zimmermeister Steffen und der Gastwirt Emmrich, auf meine Seite traten, so brach ich los und machte eine lange Reihe von Ungebührlichkeiten, Veruntreuungen und krummen Schlichen, die in der letzten Zeit verübt worden, vor Gericht anhängig. Es kam darüber zu einem langen und verwickelten Prozesse, wobei die ganze Last auf uns drei zurückfiel, die wir von gemeiner Bürgerschaft als Worthalter mit Vollmacht hierzu versehen waren. Keine Art von Ränken und Rabulistereien blieb gegen uns unversucht, so daß der Rechtsstreit dadurch beinahe vier Jahre hindurch verschleppt wurde. So wie ich mir die Sache zu Herzen nahm, hatte ich während dieser ganzen Zeit keine ruhige Stunde, und oft hätte ich gern mit Feuer und Schwert dreinfahren mögen, wenn das heillose Gezücht immer ein neues Mäntelchen für seine aufgedeckte Bosheit zu erhaschen suchte. Endlich aber kam doch die unsaubere Geschichte zu einem noch leidlichen Schlusse, demzufolge das Kollegium der Fünfzehn-Männer gänzlich aufgelöst wurde, um neuerwählten Zehn-Männern Platz zu machen, welche als Repräsentanten der Bürgerschaft die nämlichen Befugnisse haben sollten, ohne die nämliche Macht zum Bösestun von ihnen zu erheben. Man bewies mir das Vertrauen, mich in die Zahl dieser zehn Bürgerrepräsentanten aufzunehmen, und ich habe dieses Ehrenamt auch mit Lust und Eifer bis zum Jahre 1809 bekleidet, wo die neue Städteordnung andre und verbesserte Einrichtungen herbeiführte.
Hier mag der Ort sein, meine häuslichen und ehelichen Verhältnisse mit einigen Worten zu berühren, wiewohl diese Lebenserfahrungen gerade diejenigen sind, deren ich mich nicht erinnern darf, ohne sehr schmerzliche Empfindungen in mir zu erwecken; denn als Ehemann und als Vater ist mir erst sehr spät mein besserer Glücksstern erschienen. Zwar war auch der erste Anschein zu beiden günstig genug, als ich im Jahre 1762 mich, wie ich schon früher erzählt habe, in Königsberg zum Heiraten entschloß. Ich war ein flinker und lebenslustiger Bursche von vierundzwanzig oder fünfundzwanzig Jahren und mein junges Weib mochte eben nur sechzehn zählen, allein alles stand gut und glücklich um uns, und solange wir dort lebten und ich als Schiffer ab- und anfuhr, gab es die friedsamste Ehe von der Welt. Von drei Kindern, die sie mir gebar, blieb indes nur ein Sohn am Leben, der nämliche, der mich in den letzten vier Jahren meines Seelebens als unzertrennlicher Gefährte begleitete.
Nach sieben Jahren, als mir in Stettin der königliche Schiffsdienst so schnell verleidet worden, brachte meine zufällige Anwesenheit in Kolberg und der Wunsch meiner damals noch lebenden Eltern mich zu dem Entschlusse, meinen Haushalt von Königsberg, wo mir's eben auch nicht besser hatte glücken wollen, nach meiner Vaterstadt zu verlegen. Während ich noch damit umging, meldete mir ein alter Hausfreund, daß meine Frau, von welcher ich seit beinahe neun Monaten entfernt gelebt, glücklich eines Knäbleins genesen; doch als sie nach vollendeten Sechswochen auf meinen Ruf mit Kind und Kegel in Kolberg anlangte, präsentierte sie mir ein kleines Mädchen von zwei Monaten. Man mag sich's denken, daß ich mir mächtig die Stirn rieb und ein wenig verdutzt in die Frage ausbrach: »Aber wie hat sich der Junge so auf einmal in ein Mädchen verwandelt?« – Da fiel die Sünderin mir und meinen Eltern weinend zu Füßen und bekannte, was sich nun länger nicht verheimlichen ließ, daß der Hausfreund mir noch etwas mehr gewesen, daß er, um mich Entfernten zu täuschen, mir meines Weibes Niederkunft um einige Wochen früher, als sie wirklich erfolgt war, gemeldet und es nur in der Angabe des Geschlechts so arg versehen habe. Die büßende Magdalena bat indes mit erhobenen Händen so flehentlich um Vergebung, daß ich sowohl wie meine Eltern dadurch bewegt wurden und das Geschehene in Vergessenheit zu stellen versprachen. In der Tat mochte hier Schweigen und Verzeihen auch wohl das beste sein, was sich tun ließ, wenn ich gleich die unglückliche Frucht dieses Fehltritts dadurch gesetzlich für mein Kind erklärte.
Nun versuchte ich mich, wie man weiß, wiederum fünf Jahre in fremden Weltteilen, während welcher Zeit Frau und Kinder von meinen Eltern ernährt wurden. Doch als ich nach Holland heimgekehrt war, belehrten mich Briefe von guten Freunden, daß die Ungetreue neuerdings auf Abwege geraten, die nicht ohne lebendigen, doch bald darauf wieder verstorbenen Zeugen geblieben, und nun erforderte denn allerdings mein guter Name die Scheidung, welche auch unverzüglich durch die Gerichte vollzogen wurde. Ich behielt meinen Sohn, sie aber kehrte mit ihrer Tochter nach Königsberg zurück, von wo an ich, unter meinen nachmaligen Irr- und Kreuzfahrten, sie und ihr Schicksal gänzlich aus den Augen verlor.
Erst im Jahre 1787, nachdem ich bereits wieder in Kolberg zur Ruhe gekommen, erfuhr ich, daß die Unglückliche dort im Elend gestorben und ihre von aller Welt verlassene Tochter mich flehentlich bitte, mich ihrer zu erbarmen. »Was kann auch das arme Geschöpf für die Sünden seiner Mutter?« dachte ich bei mir selbst, und so machte ich auch flugs Anstalt, ließ das Mädchen dort kleiden und sorgte für Reisegeld, um sie nach Kolberg kommen zu lassen und in mein Haus aufzunehmen. Leider aber mußte ich bald bemerken, daß Blut und Gemüt der Dirne sich ganz nach mütterlicher Weise hinneigten. Allein die schärfere Zucht, zu der ich dadurch genötigt wurde, behagte ihr nicht; sie entzog sich heimlich meiner Aufsicht, schweifte in der Irre umher, führte ein unsittliches Leben und bereitete mir viele Jahre hindurch ein reiches Maß von Verdruß und Sorge.
Allein auch der bessere Sohn, der mein einziger Trost war, sollte mir zuletzt nur Herzeleid und Tränen bereiten. Er hatte sich für den Handelsstand bestimmt und im Jahre 1793 seine Lehrlingszeit in dem Kontor des Herrn Kaufmann Pagenkopf zu Stralsund glücklich überstanden, und war zu mir heimgekehrt, als eine Krankheit ihn überfiel, die sein junges Leben dahinraffte. Meines Lebens Lust und Freude ging mit ihm zu Grabe!
Ich stand nun einsam und verlassen in der Welt und wußte nicht, für wen ich mir's in derselben noch sauer werden lassen sollte. Zwar hatte meine Nahrung leidlichen Fortgang, aber doch betrog mich mein Gesinde, wo es wußte und konnte. Ich sah, es fehlte am rechten festen Kern im inneren Haushalt, und das führte mich endlich auf den Gedanken, es noch einmal im Ehestande zu versuchen. So warf ich denn im Jahre 1799 meine Augen auf eine Schifferswitwe in Stettin, die ich von früherer Zeit her als eine ordentliche und rechtliche Frau zu kennen glaubte. Die Verbindung kam auch zustande, aber nun erst gingen mir die Augen auf. Die fromme Witwe hatte gern ihr Räuschchen und hielt es eifrig mit mancherlei andern Dingen, die den Ehefrieden notwendig stören mußten. An ein Zusammenhalten des ehrlich Erworbenen war nun länger nicht zu denken, vielmehr sah ich den unvermeidlichen nahen Untergang meines kleinen Wohlstands vor Augen. Es war ein saurer Schritt – aber was blieb mir anders übrig, als eine abermalige Scheidung?
Alle diese widrigen Erfahrungen eröffneten mir aufs neue nichts als trübe Aussichten in die Zukunft. Kaum gehörte ich noch irgendeinem Menschen an. Ich war nachgerade ein alter Mann geworden, und fühlte ich gleich mein Herz noch frisch und meinen Geist lebendig, so wollten doch die stumpf gewordenen Knochen nicht mehr gut tun. Meine eignen Geschäfte wurden mir gleichgültig, und noch gleichgültiger der Gedanke an Erwerb, so daß ich mich fast einen Verschwender hätte nennen mögen. Die paar Jahre, die mir noch übrig waren, dachte ich mich wohl so hinzustümpern, und wenn nur noch der Sarg ehrlich bezahlt worden, möchte man mich immer auch hinstecken, wo meine Väter schliefen, – für den übrigen kleinen Rest würden dann schon lachende Erben sorgen. Ohnehin war mein Häuschen mein größter und beinahe einziger Reichtum, und dieses hatte ich, um doch noch etwas Gutes für meine Vaterstadt zu stiften, in meinem Testamente dem Seglerhause, dessen Ältester ich seit dem Jahre 1793 geworden war, zum Eigentum vermacht, dergestalt, daß oben die Versammlungen des Kollegiums gehalten werden, unten aber eine bedürftige Kaufmannswitwe lebenslängliche freie Wohnung finden sollte.
Auf solche Weise, indem Jahr an Jahr sich hinzog, war auch das unselige von 1806 herbeigekommen. Mir, als feurigem Patrioten, der die alten Zeiten und unsres großen Friedrichs Taten noch im Kopfe hatte, blutete, gleich so vielen, das Herz bei der Zeitung von dem entsetzlichen Tage von Jena und Auerstädt und seinen nächsten Folgen. Ich hätte kein Preuße und abtrünnig von König und Vaterland sein müssen, wenn mir's jetzt, wo alle Unglückswellen über sie zusammenschlugen, nicht so zu Sinne gewesen wäre, als müßte ich eben jetzt auch Gut und Blut und die letzte Kraft meines Lebens für sie aufbieten. Nicht mit Reden und Schreiben, aber mit der Tat, dachte ich, sei hier zu helfen, – jeder auf seinem Posten, ohne sich erst lange, feig und klug, vor- und rückwärts umzusehen! Alle für einen, und einer für alle – darauf war mein Sinn gestellt, und es hätte ja keine Ehre und Treue mehr unter meinen Landsleuten sein müssen, meinte ich, wenn nicht Tausende mir gleich gefühlt hätten, ohne es ebensowenig als ich in lauten prahlenden Worten unter die Leute zu bringen.
Als nun Magdeburg und Stettin, die beiden Herzen des Staates, gefallen waren und die ungestüme französische Windsbraut sich immer näher und drohender gegen die Weichsel heranzog, da ließ sich's freilich wohl voraussehen, daß bald genug auch die Feste Kolberg an die Reihe kommen würde, die dem Feinde zwar unbedeutend erscheinen mochte, aber ihm doch zu nahe in seinem Wege lag, als daß er sie ganz hätte übersehen sollen. Das tat er auch wirklich nicht, allein er hatte sich diese letzte Zeit her bei unsern Festungen eine Eroberungsmanier angewöhnt, die kein Pulver, sondern nur glatte Worte kostet; und damit war er fürwahr auch noch früher bei der Hand, als ein Mensch es hätte erwarten sollen.
Kaum war nämlich Stettin übergegangen, so machte sich von dorther, aus einer Entfernung von sechzehn Meilen, ein französischer Offizier als Parlamentär auf den Weg und erschien (am 8. November) bei uns in Kolberg, um die Festung zur Übergabe aufzufordern. Gleichzeitig ward der königliche Domänenbeamte, der auf der Altstadt, unter den Kanonen des Platzes, wohnte, entboten, in Stettin zu erscheinen und dem französischen Gouvernement den Huldigungseid zu leisten. Auf beiderlei Ansinnen (das mindestens für unsern Festungskommandanten als eine Ehrenrührigkeit hätte gelten können), erfolgte zwar eine abschlägige Antwort, allein es ist wohl sehr gewiß, daß der Franzose, anstatt allein zu kommen, nur einige wenige Hunderte zur Begleitung hätte haben dürfen, um in diesem Augenblicke unaufgehalten zu unsern Toren einzuziehen. Dies scheint unglaublich und ist doch buchstäbliche Wahrheit! Ich, der ich nicht Soldat bin, kann und will nur urteilen, soweit ein gesundes Paar Augen und ein schlichter Menschenverstand ausreicht. Das übrige mag dem Ermessen des Lesers anheimgestellt bleiben.
Dieser denke sich den Ort als ein mäßiges Städtchen von noch nicht sechstausend Seelen, an dem rechten Ufer des kleinen Flusses Persante gelegen, welcher nur an seinem Ausflusse in die Ostsee einige Hundert Schritte hinauf schiffbar ist, wo er, eine halbe Viertelmeile von der Stadt, einen Hafen für geringere Fahrzeuge bildet. Die daran belegenen Wohnungen und Speicher heißen »die Münde«, und zwischen Stadt und Münde, ebenfalls am östlichen Ufer, zieht sich eine Vorstadt, genannt die »Pfannschmieden« hin. Diese dankt ihren Ursprung wie ihren Namen der Benutzung einiger reichhaltigen Salzquellen, welche sich gegenüber nahe an der westlichen Stromseite finden, wo auch die Salzsiedereien und ein in westlicher Richtung sich weit durch das »Siederfeld« erstreckendes Gradierwerk angelegt sind.
Die Stadt selbst bildet ein stumpfes Viereck und wird an den drei Landseiten von einem Hauptwall und sechs Bastionen eingeschlossen. Nahe Außenwerke von Wichtigkeit sind hier nicht vorhanden, aber der Platz gewinnt nichtsdestominder eine bedeutende Stärke durch einen breiten morastigen Wiesengrund, welcher sich ununterbrochen von Süden nach Nordosten dicht umherzieht, keine Annäherung durch Laufgräben gestattet und überdem durch Schleusen tief unter Wasser gesetzt werden kann. Erst jenseits erhebt sich nach Süden die Altstadt, nach Osten der Hoheberg und der Bollenwinkel, und nach Nordost der Wolfsberg, von wo aus die Stadt beschossen werden kann, daher sie eigentlich die Verwandlung in ein großes verschanztes Lager erfordern würden, um alsdann, mit einer hinlänglichen Truppenzahl besetzt, den Platz von dieser Seite unangreifbar zu machen. Allein nur der Wolfsberg als der gefährlichste Punkt war mit einer Schanze versehen, auf dem Münder Kirchhofe war eine Batterie angelegt und den Eingang des Hafens deckte an der Ostseite ein starkes Werk, »das Münder-Fort«. Die Westseite der Stadt lehnt sich an die Persante, zwischen welcher und dem aus ihr abgeleiteten Holzgraben die Neustadt, und an diese noch weiter westlich sich anlehnend, die Gelder-Vorstadt mit verschiedenen Befestigungen und Außenwerken umgeben ist, während am unteren Einflusse des Holzgrabens die »Morastschanze« die Verbindung mit dem Münder-Fort sichert. In weiterer Entfernung, südwestlich, kann eine Erhöhung, »der Kauzenberg« genannt, der Festung nachteilig werden, weshalb auch früherhin dort Verschanzungen angelegt, aber seither wieder verfallen waren.
Noch war die entschlossene und glückliche Gegenwehr in jedermanns Andenken, welche der tapfere Kommandant, Oberst v. Heyden, hier in drei aufeinanderfolgenden Belagerungen der Russen und Schweden, zu Land und Meer, in den Jahren 1758, 1760 und 1761 bestanden hatte, und wie er auch das drittemal nicht durch Waffenmacht, sondern durch Hunger zur Übergabe gezwungen worden. Diese Erfahrungen von der Wichtigkeit und Festigkeit des Platzes hatten auch den König Friedrich bewogen, ihn im Jahre 1770 durch verschiedene neue Werke verstärken zu lassen; Kenner wollten jedoch behaupten, daß diese erweiterten Anlagen ihrem Zwecke nur ungenügend entsprächen. Man hatte immer an Kolberg getadelt, daß es zu klein sei, um als Festung bedeutend zu werden und eine beträchtliche Garnison zu fassen; aber es gab kasemattierte Werke; es gab 600-700 Bürgerhäuser innerhalb der Wälle, die nötigenfalls bis zu 20 und 30 Menschen fassen konnten und gefaßt haben, und so lebe ich des festen Glaubens, daß Kolberg gegen noch so große Feindesmacht mit Ehrlichkeit, mit genugsamem Proviant, mit gehöriger Einrichtung der Überschwemmung und mit Sicherheit von der Seeseite sich zu halten vermöge.
Allein wie sah es doch im Herbste 1806 mit allem, was zu einer rechtschaffenen Verteidigung gehörte, so gar trübselig aus! Seit undenklicher Zeit war für die Unterhaltung der Festung so gut wie gar nichts getan worden. Wall und Graben verfallen, von Palisaden keine Spur. Nur drei Kanonen standen in der Bastion Pommern auf Lafetten und dienten allein zu Lärmschüssen, wenn Ausreißer von der Besatzung verfolgt werden sollten. Alles übrige Geschütz lag am Boden, hoch vom Grase überwachsen, und die dazu gehörigen Lafetten vermoderten in den Remisen. Rechnet man hierzu die unzureichende Zahl der Verteidiger, sowie ihre unkriegerische Haltung (denn die tüchtigere Mannschaft war ins Feld gezogen), die allgemeine Entmutigung, welche noch täglich durch die herbeiströmenden Flüchtlinge und tausend sich kreuzende Unglücksbotschaften genährt wurde, und den notorischen Mangel an den nötigsten Bedürfnissen für den Fall einer Belagerung, so behaupte ich sicherlich nicht zuviel, wenn ich meine, daß ein rascher kecker Anlauf in jenen ersten Tagen mehr als hinreichend gewesen wäre, den Kommandanten in seinen eignen Gedanken zu entschuldigen, daß er keinen ernstlichen Widerstand gewagt habe.
Dieser Kommandant war damals der Oberst v. Loucadou, ein alter abgestumpfter Mann, der seit dem bayrischen Erbfolge-Kriege, wo er ein Blockhaus gegen die Österreicher mutig verteidigt hatte, zu dem Rufe gekommen war, ein besonders tüchtiger Offizier zu sein. Späterhin hatte er nur wenig Gelegenheit gehabt, seine Reputation zu behaupten, und gegenwärtig war der Geist verflogen oder hing noch so blind an dem alten Herkommen, daß er sich in der neuen Zeit und Welt gar nicht zurechtfinden konnte. Das war nun ein großes Unglück für den Platz, der ihm anvertraut worden, und ein Jammer für alle, welche die dringende Gefahr im Anzuge erblickten und ihn aus seinem Seelenschlafe zu erwecken vergebliche Versuche machten.
Natürlich konnte solch ein Mann uns kein großes Vertrauen einflößen. Während alles, was Militär hieß, seinen trägen Schlummer mit ihm zu teilen schien, fühlte sich die ganze Bürgerschaft von der lebhaftesten Unruhe und Besorgnis ergriffen; man beratschlagte untereinander, und weil ich einer der ältesten Bürger war, der den Siebenjährigen Krieg erlebt und in den früheren Belagerungen neben meinem Vater freiwillige Adjutantendienste beim alten braven Heyden verrichtet hatte, so wählte man mich auch jetzt, das Wort zu führen und, als Repräsentant gesamter Bürgerschaft, mich mit dem Kommandanten über die Maßregeln zur Verteidigung des Platzes genauer zu verständigen.
Nach dem alten Glauben, »daß Ruhe die erste Bürgerpflicht sei,« und was nicht Uniform trage, auch keinen Beruf habe, sich um militärische Angelegenheiten zu bekümmern, könnte es freilich sonderbar und anmaßend erscheinen, daß wir Bürger in die Verteidigung unsrer Stadt mit dreinreden wollten, aber bei uns in Kolberg war das anders. Von ältester Zeit her waren wir die natürlichen und gesetzlich berufenen Verteidiger unsrer Wälle und Mauern. Vormals schwur jeder seinen Bürgereid mit Ober- und Untergewehr, und schwur zugleich, daß diese Armatur ihm eigen angehöre, schwur, daß er die Festung verteidigen helfen wolle mit Gut und Blut. Die Bürgerschaft war in fünf Kompagnien verteilt, mit einem Bürger-Major an der Spitze, und wo es dann im Ernst gegolten, hatte der Kommandant sie nach seiner Einsicht gebraucht und wesentlichen Nutzen von ihrem Dienste gezogen. In Abwesenheit der Garnison, wenn diese in Friedenszeiten zur Revue ausrückte, besetzten sie die Tore und Posten; und noch immer versammelten sie sich zuweilen mit Erlaubnis des Kommandanten aus eignem Antriebe in der Maikuhle – weniger freilich zu kriegerischen Übungen, als um sich in diesem lieblich gelegenen Wäldchen zu vergnügen.
Von diesen örtlichen Verhältnissen hatte indes der Oberst v. Loucadou entweder nie einige Kenntnis genommen, oder sie waren ihm, als eine vermeintliche Nachäffung des Militärs, lächerlich und zuwider. Das erfuhr ich, als ich einige Tage nachher mich ihm vorstellte und im Namen meiner Mitbürger ihm eröffnete: »Daß wir, mit Gott, entschlossen wären, in diesen bedenklichen Zeitläuften mit dem Militär gleiche Last und Gefahr zu bestehen. Wir ständen im Begriff, uns in ein Bataillon von sieben- bis achthundert Bürgern zu organisieren, die mit vollständiger Rüstung versehen wären, und bäten, uns vor ihm aufstellen zu dürfen, damit er Musterung über uns halte, demnächst aber uns unsre Posten anzuweisen, wir würden unsre Schuldigkeit tun.«
Ein Major v. Nimptsch, der daneben stand, ließ mich kaum ausreden, sondern fuhr auf mich ein: »Aber, Herr, was geht das Ihn an?« – wogegen der Oberst sich begnügte, den Mund zu einem satirischen Lächeln zu verziehen und mir zu erwidern: »Immerhin möchten wir uns versammeln und aufstellen.«
Das geschah alsobald. Wir traten mit unsern Offizieren armiert auf dem Markte in guter Ordnung zusammen, und nun begab ich mich abermals zum Kommandanten, um ihm anzuzeigen, daß wir bereit ständen und seine Befehle erwarteten. Seine Miene war abermals nicht von der Art, daß sie mir gefallen hätte. »Macht dem Spiel ein Ende, ihr guten Leutchen!« sagte er endlich, »geht in Gottes Namen nach Hause. Was soll mir's helfen, daß ich euch sehe?« – So hatte ich meinen Bescheid und trollte mich. Als ich aber kundbar machte, was mir geantwortet worden, ging diese unverdiente Geringschätzung jedermann so tief zu Herzen, daß alles in wilder Bewegung durcheinander murrte und sich im vollen Unmut zerstreute.
Immer aber noch nicht ganz abgeschreckt ging ich bald darauf wieder zum Obersten mit einem Antrage, von welchem ich glaubte, daß er seinem militärischen Dünkel weniger anstößig sein werde. Es sei vorauszusehen, sagte ich, daß es bei der Instandsetzung der Festung zu einer kräftigen Gegenwehr, besonders auf den Wällen, vieles zu tun geben dürfte, um das Geschütz aufzustellen, zu schanzen und die Palisaden herzustellen. Die Bürgerschaft sei gern erbötig, zu dergleichen, und was sonst vorkäme, mit Hand anzulegen, soviel in ihren Kräften stehe, und sei nur seines Winks gewärtig. – »Die Bürgerschaft! und immer wieder die Bürgerschaft!« antwortete er mir mit einer häßlichen Hohnlache, »ich will und brauche die Bürgerschaft nicht.«
Konnte es nun wohl fehlen, daß solche Äußerungen nicht nur unser Herz von dem Manne gänzlich abkehrten, sondern daß auch sogar allerlei böser Argwohn sich bei uns einfand, der durch die ganz frischen Exempel, wie unsre Festungskommandanten zu Werke gegangen waren, nur noch immer mehr genährt wurde? Wer bürgte uns vor Verräterei? vor heimlichen Unterhandlungen? vor feindlichen Briefen und Boten? – Man kam darin überein, daß es die Not erfordere, vor solcherlei Praktiken möglichst auf unsrer Hut zu sein. Zu dem Ende wählten wir in der Stille unter uns einen Ausschuß, dessen Mitglieder sich zu zweien bei Tag und Nacht an allen drei Stadttoren, je nach ein paar Stunden, ablösten, um dort auf alles, was aus- und einpassierte, ein wachsames Auge zu behalten.
Inzwischen wurden nun doch von seiten der Kommandantur einige schläfrige Anstalten getroffen, wenigstens sah man auf den Wällen die Kanonen auf Klötze legen, da es sich fand, daß die Lafetten zu sehr verfault waren, um sie tragen zu können. Auch an der Palisadierung ward hier und da gearbeitet, aber es war nichts Tüchtiges und Ganzes. Als ich jedoch wahrnehmen mußte, daß es hiermit sein Bewenden hatte und daß zur äußeren Verteidigung gar keine Hand angelegt wurde, machte ich mich nach Verabredung mit meinen Freunden abermals zum Obersten, um ihn aufmerksam darauf zu machen, welche gute Dienste uns in den früheren Belagerungen insonderheit eine Schanze auf dem Hohen Berge, etwa eine Viertelmeile von der Stadt, geleistet hätte, um den Feind nicht in Schußweite herankommen zu lassen. Noch wären die Überbleibsel derselben überall erkennbar, und wenn er nichts dawider habe, seien wir bereit, diese Verschanzung eiligst wiederherstellen.
An das alte höhnische Gesicht, das er hierzu machte, war ich nun schon gewöhnt und ließ es mich auch nicht irren. Desto merkwürdiger aber kam mir die Antwort vor, die ich endlich erhielt. »Was außerhalb der Stadt geschieht,« ließ er sich vernehmen, »kümmert mich nicht. Die Festung innerlich werde ich zu verteidigen wissen. Meinetwegen mögt ihr draußen schanzen, wie und wo ihr wollt. Das geht mich nichts an!« – Demnach taten wir nun, was uns unverboten geblieben, und taten es mit allgemeiner Lust und Freude. Nicht nur, was Bürger hieß, zog nach der Bergschanze aus, sondern auch Gesellen, Lehrjungen und Dienstmägde waren in ihrem Gefolge. Da ich einst noch das alte Werk gesehen hatte, so gab ich an, wie bei der Arbeit verfahren werden sollte, verteilte und ordnete die Schanzgräber und zog selbst mit einem Hohlkarren und der Schaufel voraus, um ein ermunterndes Beispiel zu geben. Als mir jedoch alles immer noch viel zu langsam ging, eilte ich zurück nach der Lauenburger Vorstadt, um der Arbeiter noch mehrere, teils durch gütliches Zureden, teils durch bare Bezahlung aus meiner Tasche, herbeizuführen. So gelang es uns denn, ein Werk auszuführen, das sich schon durfte sehen lassen und dem für diesen Augenblick nur die Besatzung fehlte. Mangelte es uns aber dermalen auch an Truppen, so war doch gewisse Hoffnung vorhanden, daß die Garnison verstärkt werden würde und daß dann allstündlich ein Bataillon hier einrücken könne.
Eine andre Sorge, die den Verständigeren unter der Bürgerschaft gar sehr am Herzen lag, war die frühzeitige und ausreichende Anschaffung von Lebensvorräten für den Fall einer feindlichen Einschließung oder Belagerung, denn bis jetzt waren Dreiviertel der Einwohner gewohnt, von einem Markttage zum andern zu zehren. Und wovon wollte die Besatzung leben? Ich hielt es also für wohlgetan, und hatte auch in meinem Amte als Bürger-Repräsentant den Beruf dazu, Haus bei Haus in der Stadt umzugehen und die Bestände an Korn und Viktualien, zumal bei den Bäckern, Brauern und Branntweinbrennern, sowie auch die Vorräte der letzteren an Branntwein aufzunehmen. Ebenso begab ich mich auf die nächst umhergelegenen Dörfer, und unter dem Vorwande, als sei ich gesonnen, Korn und Schlachtvieh aufzukaufen, wie beides mein Gewerbe mit sich brachte, erfuhr ich, was jeden Orts in dieser Gattung vorhanden war. Alles dieses brachte ich in ein Verzeichnis und überzeugte mich solchergestalt, daß wir nur würden zugreifen dürfen, um für Mund und Magen auf eine lange Zeit hinaus genug zu haben.
Aber dies Zugreifen konnte nicht von seiten der städtischen Behörden, sondern mußte von der Kommandantur ausgehen und auf militärischem Fuß betrieben werden. Ich nahm also meine Verzeichnisse in die Hand, ging zu Loucadou, legte ihm ein Papier nach dem andern vor und bat ihn, schleunige Anstalten zu treffen, daß diese Vorräte gegen Erteilung von Empfangsscheinen in die Festung geschafft würden. Denn wenn der Feind sich über kurz oder lang näherte und diese Ortschaften besetzte, so würde ohnehin alles von ihm geraubt und sein Unterhalt dadurch erleichtert werden. Auf diese gutgemeinte Vorstellung ward ich jedoch von dem Herrn Obersten hart angelassen, und er erklärte mir kurzweg: »Zu dergleichen Gewaltschritten sei er nicht autorisiert. Jeder möge für sich selbst sorgen. Was seine Soldaten anbeträfe, so wäre Mehl zu Brot in den Magazinen vorhanden.« – »Aber,« wandte ich ihm ein, »der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Ihr Mehl liegt in Fachwerksspeichern, und die Magazine stehen alle an einer Stelle zusammengehäuft und dem feindlichen Geschütze ausgesetzt. Die erste Granate, die hineinfällt, kann ihr Untergang werden. Wäre es nicht sicherer, diese Vorräte in andre und mehrere Gebäude zu verteilen?« – »Pah! pah!« war seine Antwort, »die Bürgerschaft macht sich große Sorge um meinetwillen.« – Vergebens bat ich ihn nun noch, sich wenigstens meine Papiere anzusehen und sie in genauere Erwägung zu ziehen. Er aber, als hätte die Pest an denselben geklebt, raffte sie eilfertig zusammen, drückte sie mir wieder in die Hände und versicherte: Er brauche all den Plunder nicht, und damit Gott befohlen!
Es mag hierbei nicht unerwähnt bleiben, daß bei all meinen Unterredungen mit diesem Manne sich auch wie von ungefähr seine Köchin, Haushälterin, oder was sie sonst sein mochte, einfand und ihren Senf mit dareingab. Mochte ich nun dies oder jenes vortragen und mein Bedenken so oder so äußern, – flugs war das schnippische Maul bei der Hand: »Ei, seht doch! Das wäre auch wohl nötig, daß sich noch sonst jemand darum bekümmerte! Der Herr Oberst werden das wohl besser wissen.« – Diese Unverschämtheit wurmte mich oftmals ganz erschrecklich, und ich hatte Mühe, in meinem Ingrimm nicht loszubrechen. Jetzt aber lief das Faß einmal über, ich sagte dem Weibsbilde rein heraus, wie mir's ums Herz war, und zog mir dadurch den Herrn und Beschützer auf den Hals, so daß ich, um es nicht zum Äußersten kommen zu lassen, hurtig meine Papiere ergriff und mich entfernte.
Um den Magistrat und seine Anstalten stand es ebenso kläglich. Es geschah entweder gar nichts, oder es geschah auf eine verkehrte Weise, und wer etwa noch guten und kräftigen Willen hatte, ward nicht gehört. Mit einem Worte: man ließ es darauf ankommen, was daraus werden wollte, und es war an den Fingern abzuzählen, daß unser Untergang das Fazit von der heillosen Betörung sein würde.
In Kolberg – das sah ich wohl – war auf keine Hilfe mehr zu hoffen; geholfen aber mußte werden! Ich entschloß mich also in Gottes Namen und der winterlichen Jahreszeit zum Trotz, unsern guten unglücklichen, so schlecht bedienten König unmittelbar selbst in Königsberg, Memel, oder wo ich ihn finden würde, aufzusuchen und ihm Kolbergs Lage und Not vorzustellen. Von dem Kaufmann Höpner mietete ich ein großes Boot, unter dem Vorwande, damit nach der Insel Bornholm hinüberzustechen, und ebenso überredete ich insgeheim unter guter Bezahlung einen Seefahrer, der vormals als Matrose unter mir gedient hatte, mich auf dieser gewagten Unternehmung zu begleiten. Das Fahrzeug ward in den erforderlichen Stand gesetzt, notdürftiger Proviant nach der Münde hinausgeschafft und nur noch ein günstiger Wind erwartet, um unverzüglich in See zu stechen.
Gerade in diesem Augenblicke traf der Kriegsrat Wisseling von Treptow in Kolberg ein; ein Mann, der Kopf und Herz auf dem rechten Fleck hatte, und der sich nebst andern, die gleich ihm zur pommerschen Kriegs- und Domänenkammer gehörten, von Stettin entfernt hatte, um sich dem Feinde nicht zu Werkzeugen seiner landverderblichen Operationen herzuleihen, dagegen aber in den noch unbesetzten Gegenden der Provinz die Verwaltung für königliche Rechnung so lange als möglich im Gange zu erhalten. Wisseling war mein Freund, und es tat mir wohl, alle meine Klagen, Sorgen und Bedenken in sein redliches Herz auszuschütten. Er sah zugleich selbst und mit eignen Augen, wie es hier zuging, und fühlte sich darüber nicht weniger bekümmert. Als ich ihm das Geheimnis meiner geplanten Reise entdeckte, mißbilligte er das Wagestück, setzte aber sogleich auch hinzu: »Vertrauen Sie mir Ihre Papiere an, und alles, was sonst noch zu einer vollständigen Übersicht der Verhältnisse des Platzes fehlt, lassen Sie uns in einem gemeinschaftlichen Aufsatze bearbeiten: Ich übernehme es, mich selbst zu Lande zum Könige zu begeben und mein möglichstes zu tun, damit hier bessere Anstalten getroffen werden. Tun und wirken Sie derweilen hier, was in Ihren Kräften steht. So Gott will, wird es uns gelingen, dem Könige den Platz zu retten.« – Ich blieb auf sein Wort und er reiste ab.
Täglich und stündlich strömten bei uns noch Versprengte von unsern Truppen ein, die teils weiter nach Preußen zogen, teils eine Zuflucht bei uns suchten, um sich von ihren Strapazen zu erholen oder ihre Wunden auszuheilen. Unter den letzteren befand sich auch der Leutnant v. Schill, vom Regiment Königin-Dragoner, der, schwer am Kopfe verwundet, nicht weiterkommen konnte. Der Zufall machte uns bald miteinander bekannt. Er war ein Mann nach meinem Herzen, einfach und bescheiden, aber von echtem deutschen Schrot und Korn, und so brauchte es auch keiner langen Zeit, daß er mir ein volles Vertrauen abgewann. Wie konnte ich ihm aber dieses schenken, ohne zugleich ihm unsre ganze verzweiflungsvolle Lage zu schildern, meine Klagen über Loucadou in sein Herz auszuschütten und daneben meine Wünsche über so manches, was zur Erhaltung der Festung zu veranstalten sei, gegen ihn laut werden zu lassen?

Alles was ich ihm sagte, machte je mehr und mehr seine Aufmerksamkeit rege, und es mag wohl sein, daß es auch den Entschluß in ihm erzeugt oder befestigt hat, in Kolberg zu bleiben und sich hier nützlich zu machen. Sobald er wieder ein wenig zu Kräften gekommen war, besahen wir uns gemeinschaftlich den Platz und seine Umgebungen. Wir trafen dabei in dem Urteile zusammen, daß es zuletzt hauptsächlich auf den Besitz des Hafens und die Behauptung der Schiffsverbindung mit Preußen und unsern Verbündeten ankommen werde. Hinwiederum war die »Maikuhle« der Schlüssel des Hafens, und dies angenehme Luftwäldchen, welches sich hart vom Ausflusse der Persante westlich eine Viertelmeile längs den Uferdünen der Ostsee hinstreckt, mußte um jeden Preis festgehalten werden. Dennoch war bis diesen Augenblick zur Verschanzung dieses entscheidenden Punktes noch keine Schaufel in Bewegung gesetzt worden. Man verließ sich auf das Münder-Fort und die Morastschanze, die aber beide unzureichend waren, den Feind, sobald er sich hier einmal festgesetzt hatte, aus diesem ihm unschätzbaren Posten zu vertreiben.
Wahr ist es, es würden fünfzehnhundert Mann dazu gehört haben, ein hier anzulegendes Außenwerk zu besetzen und vollkommen sicherzustellen; das aber hinderte uns nicht, den Gedanken zu fassen, daß hier beizeiten wenigstens etwas – sei es auch nur gegen den ersten Anlauf – geschehen könne und müsse, und daß dann die Not wohl das übrige tun werde. Woher aber Hände nehmen, um dort auch nur einige leichte Erdaufwürfe zustande zu bringen? – Noch hatte Schill nur erst einige wenige Leute um sich gesammelt, die er zu seinen jetzt beginnenden Streifereien in die Ferne nicht entbehren konnte; Geldmittel waren noch weniger in seinen Händen, und von Loucadou war vollends für diesen Zweck nichts zu erwarten. Auf sein Zureden und die Versicherung, sich für meine künftige Entschädigung eifrigst zu verwenden, entschloß ich mich, ohne längeres Bedenken, meine paar Pfennige, die ich im Kasten hatte, vorzustrecken.
Demzufolge trieb ich auf der Gelder-Vorstadt und allen nächstumliegenden Dörfern Tagelöhner und Häusler, soviel ich deren habhaft werden konnte, zusammen, versprach und zahlte guten Lohn und verwandte auf diese Weise gegen 400 Taler aus meiner Tasche. Tag und Nacht schanzten und arbeiteten wenigstens sechzig Menschen eine geraume Zeit hindurch an diesen Befestigungen, nach dem von Schill dazu entworfenen Plane. Weder der Kommandant noch sonst jemand fragte und kümmerte sich, was wir da schafften, und so blieb es auch meinem Freunde überlassen, diese Schanzen mit seinen Leuten in dem Maße, als sich diese aus den Ranzionierten freiwillig um ihn sammelten, immer stärker zu besetzen. Allein um sie dort festzuhalten, mußte auch für Löhnung und Mundvorrat in genügender Menge gesorgt werden. Vorerst fiel diese Sorge mir anheim, solange mein Beutel dazu vorhielt, oder meine Küche und mein Branntweinlager es vermochten.
Inzwischen war auch der Kriegsrat Wisseling aus Preußen glücklich wieder und mit sehr ausgedehnten Vollmachten vom Könige zurückgekehrt. Sein Eifer, verbunden mit rastlosester Tätigkeit, brachte sofort neues Leben in das ganze Administrationsgeschäft. Ganze Herden Schlachtvieh, lange Reihen von Getreidewagen zogen zu unsern Toren ein, und Heu und Stroh in reichem Überflusse füllte die Futtermagazine, oder ward in den Scheunen der Vorstädter untergebracht. Für diese gezwungenen Lieferungen erhielt der Landmann nach dem Taxwerte Lieferungsscheine, die künftig eingelöst werden sollten und mit denen er gern zufrieden war. In der Stadt wurde geschlachtet und eingesalzen und die Böden der Bürgerhäuser mit Kornvorräten aller Art beschüttet. – So konnte Kolberg allgemach für notdürftig verproviantiert gelten, während zu hoffen stand, daß das Fehlende im nächsten Frühling bei wieder eröffneter Schiffahrt durch Zufuhr zur See zu ersetzen sein möchte.
Neuen Trost gab es, als bald darauf, vom Könige geschickt, der Hauptmann von Waldenfels, ein junger tätiger Mann, bei uns auftrat, um als Vize-Kommandant dem Obersten v. Loucadou zur Seite zu stehen und dessen Kraftlosigkeit zu unterstützen. Brav, wie sein Degen, aber noch nicht von Erfahrung geleitet, begann dieser seine neue Laufbahn, gleich in den ersten Tagen des Januars 1807, durch eine gewagte Unternehmung auf das neun bis zehn Meilen weit entlegene Städtchen Wollin, um sich durch Vertreibung der dort stehenden Franzosen eine freie Kommunikation mit Schwedisch-Pommern zu eröffnen. Wahrscheinlich wäre der nächtliche Überfall, wozu er einen bedeutenden Teil der Besatzung Kolbergs brauchte, gelungen, wenn nicht an Ort und Stelle Fehler begangen worden wären, die seinen übereilten Rückzug mit einem Verluste von mehr als hundert Mann zur Folge hatten.

Dieser erste Fehlschlag war um so nachteiliger, da er ohne Zweifel den Vize-Kommandanten hinderte, das geistige Übergewicht über Loucadou zu behaupten. Denn wenn auch in unsern Verteidigungsanstalten durch ihn unendlich viel Gutes gewirkt wurde und er mit dem alten grämlichen Manne darüber manchen Kampf zu bestehen hatte, so mußte er doch auch ebenso oft dessen Eigensinne nachgeben. Wir hatten also an ihm den Mann noch nicht, den wir brauchten.
Auch Schill, der im Januar vom Könige zur Organisierung eines Freikorps förmlich autorisiert worden war und von allen Seiten gewaltigen Zulauf fand, war ein von Loucadou sehr ungern gesehener Gast, dem dieser daher, wo er nur konnte, Hindernisse in den Weg legte; sei es, daß der Name, welchen der junge Mann sich so schnell erworben, sein Ansehen zu beeinträchtigen drohte, oder weil dessen Tätigkeit seinem eignen Schlendrian zum stillen Vorwurf gereichte. Schlimm war es immer, daß ihre beiderseitigen Befugnisse keine scharfe Abgrenzung gegeneinander hatten, während sie doch von gleichem Punkte aus und gemeinschaftlich handeln sollten. Nur ließ sich der wackere Parteigänger, bei all seiner ihm natürlichen Bescheidenheit, nicht so leicht unterjochen, und er fand auch noch immerdar Spielraum, wenn es ihm bei uns zu beklommen ward, sich außerhalb der Festung zu tummeln. Zudem stand sein Ruf nun einmal fest, und selbst als sein Überfall gegen Stargard (am 16. Februar) ihm mißlang und er bald darauf in Naugard einen empfindlichen Unfall erlitt, konnte er sich mit unverletzter Ehre näher gegen Kolberg zurückziehen.
Seine Absicht bei jenem Zuge war gewesen, das vom Marschall Mortier aus Schwedisch-Pommern entsandte Korps des Divisionsgenerals Teullié, welches zur Berennung unsres Platzes bestimmt war, auseinanderzusprengen und uns noch einige Zeit länger Luft zu verschaffen. Da der Streich nicht geglückt war, so drang nun jener französische Heerhaufe ungesäumt nach und ward nur durch Schills kräftig behauptete Stellung bei Neubrück, halben Wegs zwischen Treptow und Kolberg, acht volle Tage aufgehalten. Jetzt war also das langerwartete Ungewitter im nahen Anzuge, und da man endlich den Ernst spürte, besann man sich auch, daß der Kauzenberg ein gelegener Posten sein würde, dem Feinde das nähere Vordringen von dieser Seite zu erschweren. Eiligst ging man daran, die im Siebenjährigen Kriege hier aufgeworfenen Befestigungen, deren sich noch einige Spuren fanden, zu erneuern.
Wohl war es hierzu an der Zeit gewesen, denn schon am 1. März bemächtigte sich der Feind des Passes bei Neubrück und zeigte sich zwei Tage später am Kauzenberge, während eine andre Abteilung den Weg am Strande über Kolberger Deep einschlug und ihr Absehen augenscheinlich auf die Maikuhle gerichtet hatte. Eben hierher aber hatte sich auch nach der Verdrängung von jenem Passe ein Teil des Schillschen Korps geworfen, welches nicht nur den Feind entschlossen zurückwies, sondern von jetzt an auch fortwährend diesen Posten besetzt hielt, dessen hohe Wichtigkeit immer besser erkannt wurde. Ernsthafter aber war, gleich am folgenden Morgen, ein neuer feindlicher Versuch gegen die Schanze auf dem Kauzenberge, den man mit Hilfe einiger Verstärkungen aus der Festung und nach einem vereinzelten Gefechte in der Nähe von Pretmin glücklich vereitelte. Eigentlich aber hatte dieser Angriff nur den Marsch der Hauptmacht verdecken sollen, welche sich gleichzeitig von Neubrück südöstlich gegen Groß-Jestin wandte, bei Körlin die Persante passierte und bis zum 10. März sich bis Zernin und Tramm herumgezogen hatte, um Kolberg auch von der Ostseite einzuschließen.

Jetzt konnte uns die früher hergestellte Schanze auf dem Hohen Berge von Nutzen werden, daher sie auch unverzüglich noch weiter ausgebessert und einiges Geschütz darin aufgefahren wurde. Da sich's aber berechnen ließ, daß der Feind bei Tramm nicht stehenbleiben, sondern sich auch nach dem Dorfe Bullenwinkel und dem großen Stadtwalde, »der Kolberger Busch« genannt, ausbreiten würde, so war es von dringender Notwendigkeit, ihn von der Lauenburger Vorstadt, die hierherwärts gelegen ist, in möglichster Entfernung zu halten. Ich wußte, daß dies wie vormals durch eine auf dem Damme nächst der Ziegelscheune zu errichtende Schanze am zweckmäßigsten geschehen konnte, und da diejenigen, denen es eigentlich zugekommen wäre, sich dieser Sache nicht annehmen wollten, so bewog ich die Bürgerschaft, auch zu dieser Arbeit freiwillige Hand anzulegen, sobald der Feind im Westen der Stadt wirklich erschienen war und nun auch von der entgegengesetzten Seite augenblicklich erwartet werden durfte. Am 5. März griffen wir das Werk gemeinschaftlich an, schanzten Tag und Nacht unverdrossen und hatten auch die Freude, es schon am 9., noch vor Erscheinung eines Franzosen, vollendet zu sehen.
Während wir noch mit dieser Arbeit beschäftigt waren, ließ sich der Kommandant vom Hauptmann v. Waldenfels bewegen, uns in Gesellschaft des letzteren, des (Gott erbarme sich's!) Ingenieur-Kapitäns Düring und einiger andern dort auf dem Platze zu besuchen. Es war seit der ganzen Zeit das erste Mal, daß er sich außer den Toren der Stadt blicken ließ. Anstatt uns aber in unserm Fleiße durch irgendein freundliches Wort aufzumuntern, machte er unser Vornehmen mit spöttischem Lachen als Kinderspiel verächtlich. Indem aber noch weiter unter den Herren von der Haltbarkeit der Festung hin und her gesprochen wurde und die Meinungen verschieden ausfielen, konnte ich mein Herzpochen nicht länger zähmen, sondern nahm das Wort und rief: »Meine Herren, Kolberg kann und muß dem Könige erhalten werden; es koste was es wolle! Wir haben Brot und Waffen, und was uns noch fehlt, wird uns zur See zugeführt werden. Wir Bürger sind alle für einen Mann entschlossen, und wenn auch all unsre Häuser zu Schutthaufen würden, die Festung nicht übergeben zu lassen. Und hörten es je meine Ohren, daß irgend jemand – er sei Bürger oder Militär – von Übergabe spräche, bei jedes Mannes Wort! dem rennte ich gleich auf der Stelle diesen meinen Degen durch den Leib, und sollte ich ihn in der nächsten Minute mir selbst durch die Brust bohren müssen!« – So gingen wir für diesmal, halb lachend, halb erzürnt, auseinander.

Bis zum 13. März hatte der Feind seine Umzingelung des Platzes vollendet, doch war die Einschließung nicht so genau, daß nicht immer noch einige Nachrichten von außen her durch flüchtende Landleute zu uns durchgedrungen wären, die uns das dichtere Zusammenziehen der französischen Truppen ankündigten. Spätere Reiterpatrouillen, welche Schill veranstaltete, betätigten diese Gerüchte. Immerhin blieb uns längs dem Strande, zumal nach Westen hin, noch manche verstohlene Verbindung mit der Nachbarschaft, fast die ganze Zeit der Belagerung hindurch, übrig, und auch zu Wasser ließ sich jeder beliebige Punkt der Küste heimlich erreichen.

Plänkeleien an der Ostseite leiteten einen Angriff gegen die Schanze auf dem Hohen Berge ein, welche dem Feinde unbequem zu sein schien. Von beiden Seiten rückten immer mehr Truppen ins Gefecht, bis bei dem heftigeren Andrängen unsrer Gegner gegen Abend den Unsrigen nur übrig blieb, sich fechtend gegen die Stadt zurückzuziehen. Die drei Kanonen in der Schanze wurden mit abgeführt und gerettet, aber der Feind säumte nicht, sich in dem Werke festzusetzen, welches ihm noch hartnäckiger hätte streitig gemacht werden sollen. Ich selbst war bei dem ganzen Gefechte zugegen gewesen und sah, daß bei dem Rückzuge mehrere von unsern Leuten tot oder verwundet auf dem Felde liegen blieben. Es jammerte mich besonders der letzteren, und so wagte ich mich, mit einem weißen Tuche in der Hand, gegen die feindlichen Vorposten und bat, daß mir erlaubt werden möchte, diese Gebliebenen nach der Stadt abholen zu dürfen. Nach langem Hin- und Herfragen ward mir dies endlich zugestanden. Ich eilte demnach in die Vorstadt zurück, nahm drei mit Stroh belegte Wagen mit mir und fuhr mit ihnen, unter dem Geleite einiger französischer Soldaten, auf dem Felde umher, wo ich neun Verwundete und fünf Tote auflas und mit mir führte. Die letzteren wurden sogleich auf dem nahen St. Georgen-Kirchhofe beerdigt, die ersteren aber in ein Lazarett abgeliefert. Von da an machte ich mir's zu einem besonderen und lieben Geschäfte, unsern Verwundeten auf diese Weise beizustehen, und habe oft selbst Wagenführer sein müssen, wenn es in ein etwas lebhaftes Feuer hineinging und die Knechte sich aus Angst verliefen.
Gleichzeitig mit der Schanze auf dem Hohen Berge hatten unsre Belagerer auch die Anhöhen der Altstadt besetzt, ohne dort einigen Widerstand zu finden, und waren uns dadurch in eine bedenkliche Nähe gerückt. Beide Verluste machten es nun um so dringender, die Überschwemmungen, wie überall um die Festung her, so besonders nach diesen zunächst bedrohten Punkten hin zu bewirken. Schon von Anfang an hatte ich mir mit den Voranstalten hierzu viele Mühe gegeben und teils auf eigne Kosten, teils durch Mitwirkung der Bürgerschaft wirklich auch soviel erreicht, daß ich hoffen konnte, eine weite Fläche so unter Wasser zu setzen, daß an kein Durchkommen zu denken wäre.
Dies ging nun nicht ohne vieles Widerstreben von seiten der Eigentümer der Wiesen und Ländereien ab, denen das Schicksal einer solchen Überschwemmung bevorstand. Um dieser Katzbalgereien überhoben zu sein, wandte ich mich an Waldenfels, machte ihn an Ort und Stelle mit der ganzen Einrichtung der Schleusen und Aufstauungen bekannt und forderte ihn auf, von seiten der Kommandantur das Weitere zu veranlassen. So sehr er von der Nützlichkeit der Sache überzeugt war, wagte er's doch nicht, sie für seinen eignen Kopf auszuführen, ich aber wollte ebensowenig etwas mit dem Obersten zu tun haben. Endlich aber überredete er mich doch, diesem die Sache gemeinschaftlich vorzustellen.
Als wir nun vor ihn kamen, fand sich sofort auch das vorbelobte Weibsbild ein und begann tapfer mit dareinzureden. Nun war auch meine Geduld am Ende und ich bedeutete sie kurz und gut, daß es ihr nicht zukäme, hier ihre unverlangte Weisheit feilzuhalten. Das Ding aber, das sich auf seinen Herrn verließ, machte mir ein schnippisch Gesicht und wäre mir wohl gern mit allen zehn Fingern ins Gesicht gefahren, wenn ich es nicht fein säuberlich beim Kragen genommen und zur Stubentüre hinausgeschoben hätte, wie es recht und billig war. Darüber geriet aber wiederum der Herr Kommandant in Hitze. Er griff nach dem Degen und würde ihn ohne Zweifel gegen mich gezogen haben, wäre ihm nicht mein Begleiter in den Arm gefallen mit den Worten: »Beruhigen Sie sich! Nettelbeck hat recht getan.« – Er kam zur Besinnung, aber mit dem Vorschlage zur Überschwemmung blieb es wie es war. Dagegen geschahen einige Kanonenschüsse aus der Festung – die ersten, welche gegen den Feind gelöst wurden, und mit welchen also auch die Geschichte der Belagerung anheben mag.
An dem nämlichen Tage (den 14. März) hatten die Franzosen schon früh das Dörfchen Bullenwinkel – ich weiß nicht, ob aus Frevelmut, oder um irgendeinen militärischen Zweck dadurch zu erreichen – im Rauche aufgehen lassen. War es nun, daß unser Kommandant ihnen in dieser Kunst nicht nachstehen wollte, oder daß er wirklich befürchtete, der Feind möchte sich in der Lauenburger Vorstadt festsetzen, – genug, er beschloß, diese gänzlich abzubrennen: Niemand von den zahlreichen Bewohnern hatte sich einer solchen gewaltsamen Maßregel versehen, niemand war in diesem Augenblicke darauf vorbereitet – am wenigsten, daß dem dazu erteilten Befehle die Ausführung so unmittelbar auf dem Fuße folgen werde. Keine halbe Stunde Zeit ward den Unglücklichen zur Rettung ihrer Habe gestattet; viele mußten wie sie gingen und standen ihr Eigentum verlassen. Hundert Familien wurden in wenigen Minuten zu Bettlern und suchten nun in der ohnehin ziemlich beengten Stadt ein kümmerliches Unterkommen.
Man fragte sich damals, und das mit gutem Rechte, warum, wenn doch einmal gesengt und gebrannt sein sollte, diese Maßregel nicht schon früher die Altstadt getroffen habe, die im unmittelbaren Bereiche des Feindes lag, der sich zwischen den Gebäuden derselben einnistete und uns durch seine hinter denselben angelegte Wurfbatterie in der Folge so nachteilig wurde? Als der Fehler aber einmal begangen war, blieb jeder Versuch zur Abhilfe vergeblich. Selbst alle Mühe, die wir uns gaben, die Altstadt durch unser Geschütz zu demolieren oder in Brand zu stecken, leistete die ganze Belagerung hindurch nicht, was wir davon erwarteten. – Was indes hier versäumt war, suchte der Rittmeister von Schill an seiner Seite in der Maikuhle nach Möglichkeit wieder gut zu machen, indem er sich in diesem wichtigen Posten immer fester setzte, Fleschen anlegen ließ, Wolfsgruben grub und Verhacke veranstaltete. Die Beschützung des Platzes von dieser Seite blieb nun gänzlich seiner Sorgfalt überlassen.
Der feindliche Anführer mußte indes seine am 13. März errungenen Vorteile wohl selbst für bedeutend genug halten, um zu glauben, daß uns der Mut zu fernerem Widerstande dadurch gebrochen worden. Es erschien also am 15. vormittags um zehn Uhr am Mühlentore ein französischer Parlamentär in einem mit vier Pferden bespannten, niedergelassenen Wagen. Der Kutscher fuhr vom Sattel; den Bock nahm ein Trompeter ein, und zwei Nobelgardisten, wie die Puppen gekleidet und mit Gewehr und völliger Rüstung versehen, gingen zu beiden Seiten des Wagens einher. In diesem ungewöhnlichen Aufzuge und unter einer schmetternden Fanfare rasselte das Völkchen zur Stadt herein und hielt dann plötzlich vor dem Hause des Kommandanten, der den Parlamentär in der Haustüre empfing, ihm freundlich die Hand bot und dann ihn in sein Zimmer führte, welches sofort hinter ihnen verschlossen wurde.

Nach und nach versammelten sich viele Offiziere der Garnison auf der Flur des Hauses, unter welche auch ich mich mischte. Alle waren von jener Erscheinung mehr oder weniger überrascht und auf den weiteren Erfolg gespannt. Alle fragten wir uns untereinander, ob denn sonst keiner von den Offizieren bei der gegenwärtigen Unterredung in dem verriegelten Zimmer zugegen sei? Ich wandte mich an den Oberst v. Britzke, der auch unter dem Haufen stand: »Herr, Sie sind der nächste an Rang und Alter. Ihnen gebührte es am ersten, mit anzuhören, was da unterhandelt wird. Sprengen Sie die Tür!« – Er zuckte die Schultern und niemand von den Anwesenden sprach ein Wort. Mich aber überfiel innerlich eine unbeschreibliche Angst und Sorge. Die Erinnerungen an Stettin, Küstrin und Magdeburg standen mir wie finstere Gespenster vor der Seele. Ich lief, den Vize-Kommandanten aufzusuchen, der jetzt allein noch Unheil verhüten konnte.
Vergebens irrte ich in der ganzen Stadt und auf den Wällen umher, den wackeren Mann zu erfragen. Bald sagte man mir, er sei auf der Münde, beim Hafen, und ich schickte Boten über Boten aus, ihn schleunigst herbeizurufen; – bald wieder hieß es, er sei bei den Verschanzungen auf dem Wolfsberge beschäftigt. Aber während ich auch dorthin Eilboten abfertigte, war die Zeit bis fast um zwei Uhr abgelaufen, und ohne ihn erwarten zu können, trieb es mich wieder nach dem Kommandantenhause, wo Unheil gebrütet wurde.
In der Zwischenzeit aber hatten Trompeter, Kutscher und Nobelgarden, die mir sämtlich nicht so aussahen, als ob sie in diese Kleider gehörten, sich nach Belieben und ohne Aufsicht in der Stadt zerstreut – man möchte denn das Aufsicht nennen wollen, daß ein Unteroffizier von der Garnison, namens Reischard, ein geborner Sachse, sich wie von ungefähr zu ihnen gesellte und sie, wie man wissen wollte, auch auf den Wällen herumgeführt hatte. Dieser Mensch war übrigens in den letzten Zeiten vielfältig bei den Arbeiten an den Verschanzungen und beim Palisadensetzen als Aufseher gebraucht worden. Er konnte also über die Lage und Beschaffenheit der Werke wohl einige Auskunft geben.
Endlich, nach langem peinlichem Harren ward von dem Kommandanten aus dem Fenster gerufen, des Parlamentärs Wagen vorfahren zu lassen. Beide Herren traten Hand in Hand aus dem Zimmer hervor, verweilten aber noch einige Zeit in der Haustüre, weil noch etwas an dem Wagen in Ordnung zu bringen war. Unter uns Umstehenden gab es auch einen Ansbachischen Offizier außer Diensten, der so ziemlich das Aussehen eines Abenteurers hatte, sich seit einiger Zeit in der Stadt umhertrieb und auch jetzt sich, man wußte nicht wie und warum, hier eingedrängt hatte. Dieser nun trat mit einer gewissen Zuversichtlichkeit auf den französischen Unterhändler zu und begrüßte ihn; beide ergriffen einander bei der Hand und drängten sich durch uns alle hindurch, um auf den Hof zu gelangen, wo sie so lange und angelegentlich miteinander sprachen.