Ein Mann (continued 5)
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Der Hafenmeister von Goree, als er zu ihm an Bord gekommen, habe ihn alsbald wieder erkannt, da er erst vor wenigen Wochen von hier in See gegangen. Er habe sich die übrigen seltsamen, dies Schiff betreffenden Umstände berichten lassen, sich vor Verwunderung bekreuzigt und gesegnet, aber auch um so weniger zulassen wollen, daß er seinen Weg stromaufwärts nach Rotterdam fortsetze, bevor nicht davon Bericht erstattet und eine nähere Untersuchung verfügt worden. Beides sei demnächst auf Veranstaltung des Handelshauses Rochus und Kopstädt durch eigene Kommissarien geschehen, der Befund nach dem Haag an die Staaten von Holland abgegangen und von dorther die Anweisung zu dem gerichtlichen Verfahren gekommen, wovon bereits oben ausführliche Meldung geschehen. Schiff und Ladung waren in der Folge gerichtlich zu Verkauf gestellt und aus beiden ein Wert von neunundneunzigtausend holländischen Gulden gelöst worden.
Von dieser bedeutenden Summe kamen nun, nach den holländischen Seerechten, zwei Drittel den französischen Eigentümern, ein Drittel aber dem Schiffsvolke der Christina zu. Umgekehrt wäre das Verhältnis gewesen, wenn sich jener Hund nicht mehr als Wächter auf dem Schiffe befunden hätte, um dieses als völlig herrenlos anzunehmen, woraus denn zu ersehen, was für eine sonderbare Gerechtigkeit die Seegesetze auf einem Schiffe selbst einem Hunde einräumen. Denn dieser hier verdiente seinem Herrn durch sein Bellen, womit er uns empfing, reine zweiunddreißigtausend Gulden!
Das Drittel, welches unserm Schiffe zufiel, kam zur Hälfte wiederum den Reedern zugute; die andere hingegen dem Schiffsvolke, nach Maßgabe der Monatsgage, die jeder zu empfangen hatte. Ob jedoch hierbei ganz nach den richtigsten Grundsätzen verfahren wurde, mag man daraus entnehmen, daß, als ich in der Folge, als gewesener Obersteuermann der Christina, meine Forderung an diese Prisengelder in Holland geltend machte, mir zweiundvierzig Gulden ausgezahlt wurden. – Von Peters aber habe ich nur noch zu erzählen, daß er demnächst auf einem Schiffe des nämlichen Handelshauses Rochus und Kopstädt als Obersteuermann, unter Kapitän Schleuß, angestellt worden, das jetzt bei Kap Monte lag und mit dessen Briefsack er eben auf dem Wege nach St. George de la Mina begriffen war.
Einige Tage nachher traf ich zu Boutrou ein, ohne dort für unser Negoz etwas Tüchtiges schaffen zu können. Überall war für diesen Augenblick im Handel bereits aufgeräumt, und die größere Anzahl der Schiffe, als ich nach unserm Hauptfort zurückkehrte, von dort nach Amerika in See gegangen. Es blieb uns daher nur übrig, diesem Beispiele ungesäumt zu folgen, und zu dem Ende uns für diese Reise mit Trinkwasser und Brennholz zu versehen.
Zu Anfang Oktober endlich verließen wir die afrikanische Küste, um unserer Bestimmung zuvörderst den Markt von Surinam zu besuchen. Zur Beschleunigung der Fahrt wandten wir uns erst südlich und gingen unter der Linie durch, um jenseits derselben die gewöhnlichen südöstlichen Passatwinde zu gewinnen, vor welchen man dann westlich und nordwestlich hinläuft, bis man von neuem die Linie passiert, um die nordöstlichen Passatwinde zu benutzen und mit ihnen die Reise zu beendigen. Die Krankheiten und die Sterblichkeit, welche unter den Sklaven bei jeder verlängerten Dauer der Überfahrt einzureißen pflegen, machen es wünschenswert, diese auf jede Weise abzukürzen. Unsere Ladung bestand aus vierhundertfünfundzwanzig Köpfen, worunter sich zweihundertsechsunddreißig Männer und einhundertneunundachtzig Frauen, Mädchen und Jungen befanden.

Über die Art, die Unglücklichen paarweise zusammenzufesseln, und über das zweifache Behältnis vorn im Schiffe, wo sie, jedoch beide Geschlechter durch ein starkes Gitterwerk voneinander geschieden, den Tag über zubringen, ist schon oben das Nötige beigebracht worden. Vor jener Plankenwand stehen zwei Kanonen, deren Mündung gegen das Behältnis der Männer gerichtet ist, und die gleich anfangs in ihrem Beisein mit Kugeln und Kartätschen geladen wurden, nachdem man ihre mörderische Wirkung durch Abfeuern gegen einige nahe und entfernte Gegenstände begreiflich gemacht hat. Heimlich aber werden nachher die Kugeln und Kartätschen wieder herausgezogen und statt deren die Stücke mit Grütze geladen, damit es im schlimmsten Falle doch nicht gleich das Leben gelte. Denn – die Kerle haben ja Geld gekostet!
Die Weiber und die Unmündigen haben bei Tage ihren Aufenthalt hinter der Wand auf dem halben Deck und können ihre männlichen Unglücksgenossen zwar nicht sehen, aber doch hören. Allen ohne Ausnahme wird des Morgens, etwa um zehn Uhr, das Essen gereicht, indem je zehn einen hölzernen Eimer, der ebensoviel Quart fassen mag, voll Gerstgraupen empfangen. Die Stelle, wohin jede solche Tischgesellschaft sich setzen muß, ist durch einen eingeschlagenen eisernen Nagel mit breitem Kopfe genau bezeichnet, und alles sitzt ringsumher, wie es zukommen kann, um das Gefäß mit Grütze, welche mit Salz, Pfeffer und etwas Palmöl durchgerührt ist; doch keiner greift um einen Augenblick früher zu, als bis dazu durch den lauten Schlag auf ein Brett das Zeichen gegeben worden. Bei jedem Schlage wird gerufen: »Schuckla! Schuckla! Schuckla!« Den dritten Ruf erwidern sie alle durch ein gellendes »Hurra!« und nun holt der erste sich seine Handvoll aus dem Eimer, dem der zweite und die übrigen in gemessener Ordnung folgen.
Anfangs geht dabei alles still und friedlich zu. Neigt sich aber der Vorrat im Gefäße allmählich zu Ende und die letzten müssen besorgen, daß die Reihe nicht wieder an sie kommen dürfte, so entsteht auch Hader und Zwiespalt. Jeder sucht dem Nachbar die Kost aus den Händen und beinahe aus dem Munde zu reißen. Da nun diese Szene jedesmal und bei jedem Gefäße schier in dem nämlichen Moment zutrifft, so kann man sich den Lärm und Spektakel denken, der dann auf dem Schiffe herrscht und wobei die Peitsche den letzten und wirksamsten Friedensstifter abgeben muß. Diese wiederhergestellte Ruhe wird dazu angewandt, ihnen den ledigen Eimer mit Seewasser zu füllen, damit sie sich Mund, Brust und Hände abwaschen. Zum Abtrocknen gibt man ihnen ein Ende aufgetrieseltes Tau (Schwabber genannt), worauf sie paarweise zu der Süßwassertonne ziehen, wo ein Matrose jedem ein Gefäß, etwa ein halb Quart enthaltend, reicht, um ihren Durst zu stillen.
Nach solchergestalt beendigter Mahlzeit und nachdem das Verdeck mit Seewasser angefeuchtet worden, läßt man das ganze Völkchen reihenweise und dicht nebeneinander sich niederkauern und jeder bekommt einen holländischen Ziegelstein (Mopstein) in die Hand, womit sie das Verdeck nach dem Takte und von vorn nach hinten zu scheuern angewiesen werden. Sie müssen sich dabei alle zugleich wenden, und indem sie bald vor-, bald rückwärts arbeiten, wird ihnen unaufhörlich neues Seewasser über die Köpfe und auf das Verdeck gegossen. Diese etwas anstrengende Übung währt gegen zwei Stunden und hat bloß den Zweck, sie zu beschäftigen, ihnen Bewegung zu verschaffen und sie desto gesunder zu erhalten.
Hiernächst müssen sie sich in dichte Haufen zusammenstellen, wo dann noch dichtere Wassergüsse auf sie herabströmen, um sie zu erfrischen und abzukühlen. Dies ist ihnen eine wahre Lust; sie jauchzen dabei vor Freude. Noch wohltätiger aber ist für sie die folgende Operation, indem einige Eimer, halb mit frischem Wasser angefüllt und mit etwas Zitronensaft, Branntwein und Palmöl durchgerührt, aufs Verdeck gesetzt werden, um sich damit den ganzen Leib zu waschen und einzureiben, weil sonst das scharfgesalzene Seewasser die Haut zu hart angreifen würde.
Für die männlichen Sklaven sind ein paar besonders lustige und pfiffige Matrosen ausgewählt, welche die Bestimmung haben, für ihren munteren Zeitvertreib zu sorgen und sie durch allerlei gebrachte Spiele zu unterhalten. Zu dem Ende werden auch Tabaksblätter unter sie ausgeteilt, welche, nachdem sie in lauter kleine Fetzen zerrissen worden, als Spielmarken dienen und ihre Gewinnsucht mächtig reizen. Zu gleichem Behufe erhalten dagegen die Weiber allerlei Arten Korallen, Nadeln, Zwirnfäden, Endchen Band und bunte Läppchen, und alles wird aufgeboten, um sie zu zerstreuen und keine schwermütigen Gedanken in ihnen aufkommen zu lassen.
Spiel, Possen und Gelärm währen fort bis um drei Uhr nachmittags, wo wiederum Anstalten zu einer zweiten Mahlzeit gemacht werden, nur daß jetzt statt der Gerstgraupen große Saubohnen gekocht, zu einem dicken Brei gedrückt und mit Salz, Pfeffer und Palmöl gewürzt sind. Die Art der Abspeisung, des Waschens, Trocknens, Trinkens und Abräumens bleibt dabei die nämliche, nur wird mit allem noch mehr geeilt, weil unmittelbar darauf die Trommel zum lustigen Tanze gerührt wird. Alles ist dann wie elektrisiert, das Entzücken spricht aus jedem Blicke, der ganze Körper gerät in Bewegung, und Verzuckungen, Sprünge und Posituren kommen zum Vorschein, daß man ein losgelassenes Tollhaus vor sich zu sehen glaubt. Die Weiber und Mädchen sind indes doch die Versessensten auf dieses Vergnügen, und um die Lust zu vermehren, springen selbst der Kapitän, die Steuerleute und die Matrosen mit den leidlichsten von ihnen zuzeiten herum; – sollte es auch nur der Eigennutz gebieten, damit die schwarze Ware desto frischer und munterer an ihrem Bestimmungsorte anlange.
Gegen fünf Uhr endlich geht der Ball aus, und wer sich dabei am meisten angestrengt hat, empfängt wohl noch einen Trunk Wasser zu seiner Labung. Wenn dann die Sonne sich zum Untergange neigt, heißt es: »Macht euch fertig zum Schlafen unter Deck!« Dann sondert sich alles nach Geschlecht und Alter in die ihnen unter dem Verdecke angewiesenen, aber gänzlich getrennten Räume. Voran gehen zwei Matrosen und hinterdrein ein Steuermann, um acht zu haben, daß die nötige Ordnung genau beobachtet werde, denn der Raum ist dermaßen enge zugemessen, daß sie schier wie die Heringe zusammengeschichtet liegen. Die Hitze darin würde auch bald bis zum Ersticken steigen, wenn nicht die Luken mit Gitterwerk versehen wären, um frische Luft zur Abkühlung zuzulassen.
Eine Leiter führt zu einer Öffnung in diesem Gitter, die gerade weit genug ist, um zwei Menschen durchzulassen, und vor welcher die ganze Nacht hindurch ein Matrose mit blankem Hauer die Wache hält, der immer nur paarweise aus und ein läßt, was durch irgendein Bedürfnis hervorgetrieben wird. Da indes die Rückkehrenden selten ihre Schlafstelle so geräumig wiederfinden, als sie sie verlassen haben, so nehmen Lärm und Gezänke die ganze Nacht kein Ende, und noch unruhiger geht es begreiflicherweise bei den Weibern und Kleinen zu. Gewöhnlich muß zuletzt die Peitsche den Frieden vermitteln.
Gewöhnlich werden sechs bis acht junge Negerinnen von hübscher Figur zur Aufwartung in der Kajüte ausgewählt, die auch ihre Schlafstelle in deren Nähe, sowie ihre Beköstigung von den übrigbleibenden Speisen an des Kapitäns Tische erhalten. Begünstigt vor ihren Schwestern, sammeln sie nicht nur allerlei kleine Geschenke an Kattunschürzchen, Bändern, Korallen und kleinem Kram ein, womit sie sich wie die Affen ausputzen, sondern der Matrosenwitz gibt ihnen auch den Ehrennamen von »Hofdamen«, sowie den einzelnen diese oder jene spaßhafte Benennung. Bei Tage aber mischen sie sich gern unter ihre Gefährtinnen auf dem Deck, wo jede sofort einen bewundernden Kreis um sich her versammelt, in dessen Mitte sie stolziert und sich den Hof machen läßt.
Bekanntlich kommen alle diese unglücklichen Geschöpfe beiderlei Geschlechts ganz splitternackt an Bord, und wenn sie gleich selbst wenig danach fragen, so hat doch der Anstand (wie sehr er auch sonst auf diesen Sklavenschiffen verletzt werden mag) ihre notdürftige Bedeckung geboten. Die Weiber und Mädchen empfangen daher einen baumwollenen Schurz um den Leib, der bis an die Kniee reicht, und die Männer einen leinwandenen Gurt, der eine Elle in der Länge und acht Zoll in der Breite hält und den sie, nachdem er zwischen den Beinen durchgezogen worden, hinten und vorne an einer Schnur um den Leib befestigen.
Wenn sie nun gleich auf diese Weise im eigentlichsten Sinne nichts mit sich auf das Schiff bringen, so vergehen doch kaum einige Wochen oder Monate und sie haben allesamt, besonders die weiblichen Personen, ein Paket von nicht geringem Umfange als Eigentum erworben, welches sie überall unterm Arm mit sich umherschleppen. Wie man sich indes leicht denken kann, besteht dieser ganze Reichtum in nichts als allerlei Lappalien, die sie zufällig auf dem Verdecke gefunden und aufgehoben haben – abgebrochenen Pfeifenstengeln, beschriebenen und bedruckten Papierschnitzeln, bunten Zeugflecken, Stückchen Besenreis und dergleichen Schnurrpfeifereien. Hierzu erbitten sie sich nun von den Schiffsleuten den Zipfel eines Hemdes oder sonst eines abgetragenen Kleidungsstückes, um ihren Schatz hineinzubündeln.
Aber nur zu oft begnügt sich ihre Begehrlichkeit nicht an dem, was ihnen das Glück auf diesem Wege zuwirft, sondern sie bestehlen sich untereinander und da entsteht denn Klage über Klage, als wären ihnen alle Kleinodien der Welt abhanden gekommen. Der wachhabende Steuermann verwaltet sodann das strenge Richteramt, veranstaltet Untersuchungen, wobei jeder sein Bündel vorweisen und auskramen muß und wobei es seiner Gravität oft schwer genug wird, sich des Lachens zu enthalten, und verfügt endlich über den ertappten Dieb einige gelinde Peitschenhiebe. So geht es heute, so morgen und so alle übrigen Tage während der Dauer der Reise; nicht anders, als ob man mit lauter Affen und Narren zu tun hätte.
Über unsere diesmalige Fahrt, quer durch den Atlantischen Ozean, weiß ich nur wenig zu sagen, wenn ich nicht wiederholen soll, was hundert Reisebeschreiber vor mir bereits erwähnt haben. Dahin gehört das Leuchten des Meerwassers in manchen dunklen Nächten, das Emporflattern ganzer Rudel von fliegenden Fischen, wie wir's bei uns zu Lande an den Sperlingen zu sehen gewohnt sind, und manches mehr. Dagegen bemerke ich, was meines Wissens andere noch nicht angezeigt haben, daß, wenn man sich von der Küste von Guinea etwa zehn oder mehr Meilen entfernt hat, sich das Seewasser plötzlich verändert. Es wird klarer, blauer und durchsichtiger. Gibt es nun zugleich eine vollkommene Meerstille, wie sie in diesem Striche nicht ungewöhnlich ist, und ebnet sich dann die Flut zu einer Spiegelfläche, so gibt es einen unbeschreiblich wunderbaren Anblick, in das kristallhelle Wasser, wie in einen dichteren Himmel unter sich, zu schauen und es von unzähligen Fischen und Seegeschöpfen in tausend verschiedenen Richtungen wimmeln zu sehen. Man fängt ihrer auch von allen Arten, soviel man will, doch haben sie, den fliegenden Fisch ausgenommen, alle ein hartes, unschmackhaftes Fleisch und werden für wenig gesund gehalten.

Die Sklavenschiffe pflegen auf dieser Überfahrt das Boot, womit sie den Nebenhandel an der afrikanischen Küste betrieben haben, nicht wieder einzunehmen und aufs Deck zu setzen, weil es dort den Raum für die Neger zu sehr beengen würde. Wenn es daher die Witterung nur irgend gestattet, kreuzt es neben dem Schiffe und wird gebraucht, mit begegnenden Schiffen nähere Gemeinschaft zu pflegen. Man besetzt es daher fortdauernd und von acht zu acht Tagen mit sieben Mann, unter denen wenigstens einer sich etwas auf Kurs und Steuerkunst versteht, und diese erhalten zugleich hinreichende Provisionen, um auch im übelsten Falle einer Trennung von ihrem Schiffe sich helfen zu können.
Ohne einigen widrigen Zufall langten wir gegen Mitte Dezember in dem Flusse Surinam an, wo wir jedoch, in einer Entfernung von vier bis fünf Meilen von Paramaribo, ankerten, um die Gesundheitskommission von dorther zu erwarten, weil diese zuvor untersucht haben muß, ob nicht etwa ansteckende Krankheiten am Borde des neuangekommenen Schiffes herrschen, bevor die Erlaubnis zum Einlaufen gegeben werden kann. Dies war gleichwohl unser Fall nicht, da wir (was verhältnismäßig sehr wenig sagen will) binnen den vier Monaten, die ich mich nunmehr auf diesem Schiffe befand, nicht mehr als vier von unseren Matrosen und sechs Sklaven verloren hatten. Als daher jene Herren uns am nächsten Tage besuchten, fanden sie kein Bedenken, uns in die Kolonie zuzulassen.
Ich für meinen Teil hatte indes noch einen besonderen Grund mehr, ihrer Erscheinung mit einigem Verlangen entgegenzusehen, und um dies gehörig zu erklären, sehe ich mich genötigt, hier etwas aus meiner früheren Lebensgeschichte nachzuholen.
Im Jahre 1764, als ich noch in Königsberg wohnte und mich in besserem Wohlstande befand, geschah es, daß ich eines Tages einen Faden Brennholz vor meiner Türe spalten ließ. Der ältliche Mann, der zu diesem Geschäfte herbeigeholt worden, schien es weder mit sonderlicher Lust noch mit großer Geschicklichkeit zu verrichten. Ich ließ mich mit ihm in ein Gespräch ein und gab ihm wohlmeinend zu verstehen, daß es mir schiene, als würde er mit dieser Hantierung in der Welt nicht viel vor sich bringen. Ob er sich auf nichts anderes und Besseres verstünde? – Seine Antwort war, er habe es in der Welt mit viel und mancherlei versucht, ohne dabei auf einen grünen Zweig zu kommen; aber was einmal zum Heller ausgeprägt sei, werde nimmermehr zum Taler. – »Nun, nun,« versetzte ich scherzend, »das hinderte gleichwohl nicht, daß Ihr nicht noch einmal ein großer Herr würdet und in der Kutsche führet! Aber an Eurer Mundart vernehme ich, daß Ihr nicht von Kind auf Königsberger Brot gegessen habt. Vielleicht sind wir gar Landsleute?« – »Könnte wohl sein. Irgendein Unglückswind hat mich einmal hierher nach Preußen verschlagen. Eigentlich bin ich ein pommerisch Kind und aus Belgard.« – »Ei, aus Belgard? und Euer Name?« – »Kniffel.« – »Kniffel? Kniffel?« wiederholte ich nachsinnend, indem mir etwas aufs Herz schoß. »Und habt Ihr noch Brüder am Leben?« – »Ein paar wenigstens, die aber schon vor vielen Jahren, gleich mir, in die weite Welt gingen, ihr Glück zu suchen, und von denen ich weiter nicht weiß, wohin sie gestoben oder geflogen sind.«

Jetzt ließ ich mir noch die Vornamen der Verschollenen nennen und nun war ich meiner Sache gewiß. Es waren die nämlichen Gebrüder Kniffel, die ich vormals in Surinam kennen gelernt und die sich dort zu so bedeutendem Wohlstande emporgearbeitet hatten, während dieser dritte Bruder so gut als ein Bettler geblieben. Ohne ihm darüber einen Floh ins Ohr zu setzen, ging mir doch das Ding je länger je mehr im Kopfe herum. Ich erfuhr auf weiteres Befragen, daß er verheiratet sei und eine einzige Tochter, ein Mädchen von sechzehn oder siebzehn Jahren, habe. Bald auch stellte ich bei anderen Leuten Erkundigungen nach dieser Familie an, die den Vater als einen halben Narren bezeichneten, von der Mutter auch eben nicht sonderlich viel Gutes zu rühmen wußten, aber der Tochter das Zeugnis eines gutartigen, lieben Geschöpfes, doch ohne Bildung und feinere Sitten, beilegten.
Nun wußte ich, daß die reichen Brüder in Surinam ohne Kinder waren, und ich kannte sie als so rechtliche Leute, daß ich ihnen mit Gewißheit zutrauen durfte, sie würden gern bereit sein, etwas für ihre arme Verwandte zu tun, sobald sie mit der bedrängten Lage derselben bekannt wären. Kurz es ließ mir keinen Frieden, bis ich wieder der gutherzige Tor geworden, der es nicht lassen konnte, sich in anderer Leute Händel zu mischen, sobald er glaubte, daß es zu irgend etwas Gutem führen könne. Ich setzte mich also hin, schrieb an jene Herren in Surinam, wie ich zufälligerweise mit ihrem Bruder bekannt geworden, und überließ es ihrem Ermessen, ob sie die dürftige Lage der Familie nicht in etwas erleichtern wollten.
Der Brief ging über Holland an seinen Bestimmungsort ab. Da es jedoch leicht Jahr und Tag dauern konnte, bevor eine Antwort darauf zu erwarten war, so nahm ich mich denn derweile der Leutchen an, so gut ich vermochte, um sie von drückendem Mangel zu schützen. Das Mädchen ließ ich etwas besser kleiden und den früher versäumten Unterricht nach Möglichkeit wieder einbringen, wobei es denn auch nicht an guten Ermahnungen zu einem ehrbaren christlichen Wandel mangelte. So ging das fort, bis endlich Briefe an mich einliefen, worin meine alten Gönner und Freunde mir herzlich dankten, daß ich ihnen einen langgehegten Wunsch erfüllt und ihnen ihren längst totgeglaubten Bruder wieder zugewiesen. Sie hätten die Veranstaltung getroffen, diesem durch ein Königsberger Handelshaus eine jährliche Leibrente auszahlen zu lassen, wovon sie glaubten, daß er seine übrigen Lebenstage damit bequem und gemächlich würde ausreichen können.
Sodann aber eröffneten sie mir ein Verlangen, worin sie wünschten und mich aufforderten, ihnen noch näher die Hände zu bieten. Mir sei bewußt, daß sie unbeerbt lebten, und doch möchten sie gern die Freude genießen, einen Blutsverwandten um sich zu sehen und einst ihr Vermögen in dessen Hände zu übergeben. Ich möchte also sehen, ob es tunlich sei, die Tochter ihres Bruders mit Einwilligung der Eltern dahin zu vermögen, die Reise zu ihnen nach Surinam zu unternehmen. Es sei ihre Absicht, sie an Kindes Statt anzunehmen, und sie würden sie mit offenen Armen und Herzen aufnehmen. Sei sie dazu nicht abgeneigt, so würde ich dahin zu sorgen haben, sie auf eine sichere und bequeme Weise nach Amsterdam an das Haus ihres dortigen Korrespondenten zu adressieren, von wo ihre weitere Reise übers Meer in gleicher Art veranstaltet werden sollte. Daß diese Aufträge zugleich mit reichlichem Ersatze für meine aufgewandte Mühe und Auslagen verbunden waren, bedarf kaum einer Erwähnung.
Man kann leicht denken, mit welcher freudigen Überraschung die Eltern die Zeitung von dem hellen Glückssterne empfingen, der ihnen so unverhofft jenseits des Meeres aufgegangen; aber auch, daß die Wohlhabenheit, in welche sie sich so auf einmal versetzt sahen, ihnen mehr oder weniger die Köpfe verrückte. Leicht auch entschlossen sie sich, in die Trennung von ihrem Kinde zu willigen, so wie dieses selbst an Sinn und Neigung noch zu sehr ein Kind war, um nicht mit leichtem Mute in den Aufruf so gütiger Verwandten einzustimmen, die es zu sich entboten. Indes war doch auch in der Zwischenzeit in des Mädchens äußerem Wesen eine ihr sehr vorteilhafte Änderung vorgegangen, und es schien mir keinem Zweifel unterworfen, daß sie sich in der Zuneigung ihrer Oheime behaupten würde. Es fand sich Gelegenheit, sie der Obhut eines meiner Freunde, der ein Schiff nach Amsterdam führte, anzuvertrauen. Ich wußte, daß sie dort glücklich angekommen war und ebenso wohlbehalten die Überfahrt nach Surinam gemacht hatte. Von dort hatte ich die schriftlichen Danksagungen meiner Freunde empfangen, aber späterhin war unser brieflicher Verkehr unterbrochen worden, so daß ich seit mehreren Jahren nicht wußte, wie es um sie und ihr angenommenes Kind stehen möchte. Beides hoffte ich nunmehr von den an Bord erschienenen Gesundheitskommissarien zu vernehmen.
Leider erfuhr ich, daß die Gebrüder Kniffel schon vor einigen Jahren mit Tod abgegangen. – »Aber was ist aus einem Frauenzimmer – einer Anverwandten aus Deutschland – geworden, die vor nicht gar zu langer Zeit in die Kolonie gekommen und als die mutmaßliche Erbin ihrer Oheime angesehen wurde?« – »Ei, das ist sie auch wirklich geworden,« war die Antwort, »und nicht nur im vollen Besitze des ganzen ungeheuren Kniffelschen Vermögens, sondern auch gegenwärtig die Gemahlin des Bankdirektors Mynheer van Roose und zu Paramaribo wohnhaft.« – Schmerz und Freude wechselten bei diesen Nachrichten in meinem Gemüte, doch war ich voller Begierde, mich der Frau van Roose auf eine gute Art vorzustellen.
Dazu fand sich gleich am nächsten Tage Gelegenheit, als wir uns im Angesichte der Stadt vor Anker gelegt hatten, indem ich meinen Negerjungen von einer Anzahl mitgebrachter blauer Papageien, wie sie hier unter die Seltenheiten gehören, den schönsten auf die Hand und einen Affen auf den Kopf nehmen, dann aber vor mir hin nach dem mir noch von alters her gar wohlbekannten Kniffelschen Hause traben ließ, wo auch gegenwärtig die reiche Erbin noch wohnen sollte. Jetzt wimmelte es darin von schwarzen Sklavinnen, durch deren eine ließ ich der Frau van Roose mein Verlangen melden, ihr aufwarten zu dürfen.
Alsbald trat sie aus ihrem Zimmer hervor und mein erster Blick ließ mich sie wieder erkennen, obwohl sie seither stattlich ausgewachsen war. Ich darf indes wohl gestehen, daß mir, als sie so leibhaftig vor mir stand, doch etwas wunderlich ums Herz war, und daß mir's einigermaßen den Atem versetzte, als ich die Frage an sie richtete: ob es ihr nicht beliebe, etwas von meinen afrikanischen Raritäten zu kaufen? – Anstatt mir darauf zu antworten, faßte sie mich nicht weniger scharf ins Auge, als das meinige auf ihr haftete. »Mein Gott!« rief sie endlich, »Gesicht und Stimme kommen mir so bekannt vor ... Es ist unmöglich, daß ich Sie nicht schon irgendwo gesehen haben sollte – «
»Ei freilich wohl!« gab ich zur Antwort. – »Den alten Nettelbeck aus Königsberg werden Sie so ganz und gar nicht vergessen haben!«
Nun entfuhr ihr ein lauter Freudenschrei; sie fiel mir mit beiden Armen um den Hals, die hellen Tränen stürzten ihr aus den Augen (und mir war's auch nicht weit davon), bis ihr endlich im Übermaß der Rührung in meinen Armen beinahe die Sinne schwanden. Darüber erhob sich ein Geschrei und Lärmen unter der schwarzen Dienerschaft, das weit umher erscholl und endlich auch den erschrockenen Hausherrn herbeiführte. Dieser stutzte nicht wenig, seine Gattin in halber Ohnmacht am Halse und in den Armen eines unscheinbaren Fremden zu erblicken. Er sprang herzu, fragte, was es gäbe, und fand sie ebensowenig imstande, ihm eine Antwort zu stammeln, als ich selbst mich vor inniger Rührung vermögend fühlte, ihn zu befriedigen: »Dies ist der Mann, von dem ich dir so oft erzählt habe – der erste Urheber meines Glückes – der ehrliche Nettelbeck, der sich in Königsberg meiner annahm. O Gott!« –
Mehr konnte sie nicht sagen, weil eine neue Schwäche sie anwandelte. Der Gatte und ich nahmen sie unter beide Arme und führten sie in das anstoßende Zimmer zu einem Kanapee, wo denn der Aufruhr in ihrer Seele sich allmählich wieder beruhigte. Nun jagten sich tausend verwirrte Fragen – wie es mir gehe? was ich treibe? wie ich hierher nach Surinam komme? – und war nicht eher befriedigt, als bis ich ihr in der Kürze meine neuesten Lebensschicksale erzählt hatte. Ebenso unersättlich war sie in Erkundigungen nach dem Ergehen ihrer Eltern, von denen sie seit zwei Jahren keine Kunde erhalten habe. Ich war zwar selbst bereits seit vier Jahren von Königsberg abwesend, doch sagte ich, was ich wußte: daß ihr Vater den wunderlichen Einfall gehabt, sich den Titel als Lizentrat zu kaufen, und daß er dieses und jenes treibe, was man ihm zugute halten müsse. Jene Standeserhöhung hatte er ihr wohlweislich verschwiegen, und sie konnte nicht umhin, recht herzlich darüber zu lachen, bis sie denn endlich hinzusetzte: »Ei, und warum auch nicht? Laßt doch dem alten Manne die närrische Puppe!«
Jetzt dünkte mir's Zeit, wieder aufzubrechen, aber ich ward mit liebreichem Ungestüm zurückgehalten. Vergebens suchte ich mich mit meinen Verhältnissen als Obersteuermann zu entschuldigen, die keine gar zu lange Entfernung vom Schiffe zuließen. Doch auch dem wußten sie zu begegnen, indem sie nach meinem Kapitän aussandten und ihn gleichfalls freundlich zur Tafel einluden. Dieser, der wußte, was für eine Erkennungsszene mich am Lande erwartete, schlug es nicht aus, und seine Gegenwart diente nur dazu, unser geselliges Vergnügen noch zu erhöhen.
Unter dem lebhaftesten Hin- und Herfragen bemerkte endlich Frau van Roose, daß auf den Sklavenschiffen oftmals einige Verlegenheit wegen der Herbeischaffung frischer Mundvorräte zu entstehen pflege. Diese für uns zu beseitigen, würde sie Befehl geben, daß von ihren drei Plantagen täglich so viel Lebensmittel an Bord geschafft werden sollten, als wir irgend bedürfen möchten. Den Wert dafür könne der Kapitän mir nach einem billigen Maßstabe zugute schreiben. Da dies nun auch während der vierzehntägigen Dauer unseres hiesigen Aufenthaltes zur Ausführung kam, so erwuchs mir dadurch ein kleiner Vorteil von hundertvierzig Gulden; doch noch mehr verpflichtet fühlte ich mich durch die liebevolle Aufnahme, deren ich mich binnen dieser Zeit in dem Roosenschen Hause fast täglich zu erfreuen hatte.
Unser Hauptgeschäft bestand hier indes im Verkaufe unserer schwarzen Ware, worüber ich mich mit einigen Worten zu erklären habe. Gewöhnlich erläßt der Schiffskapitän bei seiner Ankunft in der Kolonie ein Zirkular an die Plantagenbesitzer und Aufseher, worin er ihnen seine mitgebrachten Artikel anempfiehlt und die Käufer zu sich an Bord einladet. Bevor jedoch diese anlangen, wird eine Auswahl von zehn bis zwanzig Köpfen, als der erlesensten unter dem ganzen vorhandenen Sklavenhaufen, veranstaltet; man zeichnet sie mit einem Bande um den Hals, und so oft ein Besuch naht, müssen sie unter das Verdeck kriechen, um unsichtbar zu bleiben. Denn die Politik des Verkäufers erfordert, daß nicht gleich vom Anfange an das beste Kaufgut herausgesucht werde und dann der Rest, als sei er bloßer Ausschuß, in bösen Verruf komme.

Haben sich nun kauflustige Gäste auf dem Schiffe eingefunden, so werden die männlichen wie die weiblichen Sklaven angewiesen, sich in zwei abgesonderten Haufen in die Runde zu stellen. Jeder sucht sich darunter aus, was ihm gefällt, und führt es auf die Seite, und dann erst wird darüber gehandelt, wie hoch der Kopf durch die Bank gelten soll. Gewöhnlich kommt dieser Preis für die Männer auf vierhundert bis vierhunderfünfzig Gulden zu stehen. Auch junge Burschen von acht oder zehn Jahren und darüber erreichen diesen Preis so ziemlich; ein Weibsbild wird, je nachdem ihr Ansehen besser oder geringer ausfällt, für zweihundert bis dreihundert Gulden losgeschlagen; hat sie aber noch auf Jugend, Fülle und Schönheit Anspruch zu machen, so steigt sie im Werte bis auf achthundert oder tausend Gulden und wird oft von Kennern noch bedeutend besser bezahlt.
Ist der Handel abgeschlossen, so wird der Preis entweder zur Stelle bar berichtigt, meist aber durch Wechsel ausgeglichen, oder es findet auch ein Austausch gegen Kolonieerzeugnisse statt, und wenn die Käufer ihre erhandelten Sklaven nicht gleich mit sich hinwegführen, so bedingen sie auch wohl ein, daß der Kapitän sie im Boote oder in der Schaluppe an die bezeichnete Plantage abliefern läßt.
Zuletzt bleibt denn nun, nachdem allmählich auch die erlesene Ware zum Vorschein gekommen ist, wirklich nur der schlechtere Bodensatz zurück, und um sich dessen zu entäußern, muß nun der Weg des öffentlichen Ausgebotes an den Meistbietenden beschritten werden. Zu dem Ende werden diese Neger an dem dazu bestimmten Tage ans Land und auf einen eigenen Platz gebracht, wo ein Arzt jeden Sklaven einzeln auf seine Tauglichkeit untersucht. Dieser muß sodann auf einen Tisch treten; der Arzt legt Zeugnis ab, daß er fehlerfrei sei, oder daß sich dieser oder jener Mangel an ihm finde. Nun geschehen die Gebote der Kauflustigen, und so wird, nach erfolgtem Zuschlage, bis zu dem letzten aufgeräumt.
Wir hatten diesmal bei unserm Handel nur wenig Glück, was auch nicht anders sein konnte, da nur kurz zuvor zwei Sklavenschiffe hintereinander hier gewesen waren und den Markt überfüllt hatten. Die schlechte Erfahrung der ersten vierzehn Tage überzeugte uns daher von der Notwendigkeit, einen vorteilhafteren Platz aufzusuchen, und unsere Wahl fiel auf die benachbarte holländische Kolonie Berbice.
Am 1. Januar 1773 stachen wir demnach wieder in See.

Doch schon am nächsten Tage verspürten wir plötzlich einen Leck von solcher Bedeutung, daß wir im vollen Ernste das Sinken fürchteten und uns mit der angestrengtesten Arbeit an den Pumpen kaum über Wasser erhalten konnten. Wir befanden uns hier einem unangebauten Striche der Küste und der Mündung des Flusses Kormantin gegenüber, die fünfzehn Meilen nördlich von Surinam liegt und bis dahin noch von keiner europäischen Macht in Besitz genommen war. Wollten wir nun nicht unser Grab in den Wellen finden oder auf den Strand laufen und auch hier vielleicht alles verlieren, so blieb uns nur der Versuch übrig, in den gedachten Fluß einzulaufen und unseren Schaden auszubessern.
Ich ging mit der Schaluppe voraus und untersuchte die Einfahrt. Die Mündung des Stromes war beinahe anderthalb Meilen breit und in der Mitte vor ihr lag eine kleine Insel, niedrig und mit Rohr und Strauch bewachsen. Das Fahrwasser fand ich bei der höchsten Flut nur dreizehn Fuß tief – für uns ein leidiger Umstand, da unser Schiff etwas über vierzehn Fuß tief ging. Es galt demnach, dieses mindestens um anderthalb Fuß zu erleichtern, und zu dem Ende bedachten wir uns ebensowenig, unseren gesamten eingenommenen Vorrat von frischem Wasser wieder über Bord laufen zu lassen, als unsere überzähligen Stangen und Rahen ins Wasser zu lassen, sie zu einem Floße zu vereinigen und alles, was nur irgend dem Verderben nicht ausgesetzt war, darauf auszuladen.
Dennoch lief uns mit der Ebbe eine so gewaltige Strömung entgegen, daß wir uns der Mündung nicht nähern durften, sondern unter Furcht und Sorge die nächste Flut erwarten mußten, und diese führte uns dann doch so weit hinein, daß wir Schutz vor den Wellen fanden und das Schiff dicht am Lande auf den Grund setzen konnten. Bei der niedrigsten Ebbe stand es völlig trocken auf einem Sandgrunde, und das hineingedrungene Wasser lief wieder aus. Auf diese Weise machte es uns wenig Mühe, die eigentliche Stelle des Lecks aufzufinden und gehörig wieder zu verstopfen. Doch hielt uns diese Ausbesserung hier fünf bis sechs Tage auf, während welcher Zeit uns an diesem Orte, trotz unseren fleißigen Streifereien in der ganzen Gegend umher, auch nicht ein einziges menschliches Wesen zu Gesichte kam, so daß wir diese Ufer für durchaus unbewohnt halten mußten.
In Berbice, wo wir mit dem letzten Januar anlangten, fanden wir leider ebenso schlechten Markt, indem bereits zwei Sklavenschiffe dort vor Anker lagen. Wir hielten uns also auch nur drei Tage auf und steuerten nach St. Eustaz, erreichten diese Insel in der Mitte Februars und hatten das Glück, hier verschiedene Sklavenkäufer von den spanischen Besitzungen auf der Terra firma anzutreffen, an welche wir unsere Ladung samt und sonders binnen drei Tagen mit Vorteil losschlugen.

Hier war es auch, wo wir mit dem Sklavenschiffe, welches mein wackerer Freund und Landsmann Mick führte, wieder zusammenstießen. Er war auf der Überfahrt von Afrika gestorben und sein Steuermann traute sich nicht, allein mit dem Schiffe nach Holland zurückzugehen. Man warf daher die Augen auf mich, diese Führung zu übernehmen, und des Bittens und Bestürmens war so lange kein Ende, bis ich mich dazu entschloß und auch Kapitän Sandleven einwilligte, mich von seinem Schiffe zu entlassen. Wir schieden als Freunde und mit einem Herzen voll gegenseitiger Liebe und Achtung; ich ging in den letzten Tagen des Februars von St. Eustaz ab und warf um die Mitte Aprils vor Vlissingen, wohin das Schiff gehörte, glücklich die Anker. Die Reeder bewilligten mir außer meiner gebührenden Gage noch ein besonderes Geschenk von hundert Gulden und würden mich auch gern in ihrem Dienste behalten haben, wenn ich nicht geglaubt hätte, einer anderweitig eröffneten Aussicht folgen zu müssen.
Es war nämlich gerade um diese Zeit, daß eine englische Transportflotte mit fünfzehnhundert Seesoldaten nach der Küste von Guinea abgehen sollte, um die Besatzungen in den dortigen englischen Forts abzulösen. Zugleich aber suchte man auch für diese Expedition Seeleute und zumal Steuermänner, welche jener Weltgegend kundig wären. Als mir ein solcher Antrag geschah, bedurfte es keines langen Zuredens. Ich kam nach Portsmouth, wo jenes Geschwader ausgerüstet wurde, und man setzte mich als Schiffsleutnant auf den Jupiter mit vierundsechzig Kanonen, geführt von Kapitän Cappe, welcher diesem Konvoi zur Bedeckung dienen sollte. Es schien mir schon der Mühe wert, auch einmal den englischen Seedienst zu versuchen.

Schon im halben März 1774 segelte die Flotte, außer dem Jupiter aus sechs Transportschiffen bestehend, von Portsmouth aus, langte in den ersten Tagen des Mai auf der Küste von Guinea an, schiffte nach und nach ihre eingenommenen Truppen in den englischen festen Plätzen aus, nahm die Reste der alten Garnisonen wieder an Bord und stach zuletzt, etwa Mitte Juni, von Kap Coast quer über den Ozean nach Jamaika hinüber. Hier langten wir nach sechs oder sieben Wochen glücklich an, verweilten auf dieser Station noch einen Monat, ließen gleichwohl unsere bisherige Begleitung, die ihre Frachten so schnell nicht einnehmen konnte, dort zurück und erreichten im November England wieder, ohne daß uns irgendwo ein denkwürdiges Ereignis aufgestoßen wäre.

Meine Lust, mich im englischen Dienste umzusehen, hatte ich mit dieser Reise vollständig und für immer gebüßt. Diese Verhältnisse und Lebensweise waren nicht für meinen nüchternen deutschen Sinn gemacht. Schwerlich auch kann man sich eine Vorstellung davon machen, wie rauh und ungefügig es auf den Schiffen dieser Nation hergeht. Da ist keine Ehre und kein Respekt, man hört nichts anderes als »Goddam!« und brutale Reden ohne Zahl. Alles, vom geringsten Matrosen an, ist gegen die Offiziere im Widerspruch; wiewohl ich nicht zweifle, daß sie dennoch, wenn es irgend zum Schlagen kommt, untereinander einig und brav sind. Von Ordnung habe ich auf diesen Schiffen wenig verspürt. Selbst Essen und Trinken hat keine bestimmte Zeit. Nicht selten hängt ein gekochtes Stück Fleisch von zehn bis zwanzig Pfund am Mast, wovon sich ein jeder abschneidet, wann und wie viel er will. Zu beiden Seiten daneben steht das Brotfaß und das Gefäß mit Grog (Wasser mit etwas Rum vermischt), um die offene Tafel vollständig zu machen. Dies Leben ging mir denn freilich auf die Länge zu bitter ein. Ich bat um meine Entlassung, erhielt sie, und begab mich nach Amsterdam.
Während ich hier den Winter über, wo es nichts für mich zu tun gab, bis in den März 1775 verweilte, hatte ich Muße, über meine Lebenslage und was ich ferner tun und treiben sollte, reiflich nachzudenken. Ich hatte jetzt meine vollen siebenunddreißig Jahre auf dem Nacken, hatte unter tausend Gefahren und Mühseligkeiten und unter allen Himmelsstrichen meine besten Jahre und Kräfte im Dienste von Fremden verschwendet, und sah immer deutlicher ein, wie wohl ich tun würde, mit meinen Erfahrungen meinem Vaterlande und mir selbst zu dienen. Dies brachte mich denn auch zu dem Entschlusse, mein ferneres Fortkommen in meiner Vaterstadt, an der ich noch immer mit ganzer Seele hing, zu suchen; demzufolge begab ich mich nach wieder eröffneter Schiffahrt als Passagier nach Swinemünde, von wo ich mich nach Kolberg verfügte.
Eigentlich aber kam ich doch schon für dieses Jahr zu spät, um eine Anstellung im Seewesen zu finden. Ich begnügte mich also, wieder eine Navigationsschule zu eröffnen, um junge Leute für den Seedienst zu bilden, denn an solchen Anstalten fehlte es damals noch gar sehr. Auch darf ich mir das Zeugnis geben, daß aus meinem Unterrichte nicht wenige Schiffskapitäne und Steuermänner hervorgegangen sind, welche sich jedes Vertrauens überall wert erwiesen haben, und jetzt so viel ihrer noch leben, auch schon mit Ehren graues Haar tragen. Einige von ihnen haben in der Folge hier in Kolberg meine Stelle ersetzt und sich als Lehrer in der Steuermannskunst verdient gemacht.
Da die Lehrlinge in solchen Schulen den Sommer hindurch den praktischen Übungen des Erlernten obzuliegen pflegen und der Unterricht meist nur ihre müßigen Wintermonate ausfüllt, so gab dieser auch mir nicht hinreichende Beschäftigung. Kurz, ich fühlte hier Langeweile, fühlte aber zugleich, daß ich an Geist und Leib noch keineswegs so flügellahm geworden, um untätig hinter dem Ofen hocken zu müssen. Auf die Gefahr also, für wetterwendisch gehalten zu werden, will ich nur gestehen, daß mich nebenher doch immer wieder nach der eigenen Führung eines tüchtigen Schiffes verlangte, und daß, da sich's damit nicht nach meinem Sinne fügen wollte, meine Gedanken abermals auf Holland und die jüngst verlassene Lebensweise standen.
Wer weiß, was geschehen wäre, wenn einige Freunde, die es mit ansahen, wie mich der Tätigkeitstrieb verzehrte, mich nicht aufgemuntert hätten, daß ich mir das Verdienst um meine Vaterstadt erwerben möchte, sie den Sommer hindurch aus der Ferne, vom Stettinschen Haff her, und reichlicher als es bisher der Fall gewesen, mit lebendigen Fischen zu versorgen. So ganz zwar wollte dieses Projekt mir selbst nicht gefallen, indes ließ ich mich dazu überreden, kaufte ein Haus am Wasser, welches die zu dieser Hantierung passende Einrichtung besaß, und war nun darauf aus, mir auch ein zu solchem Handel eingerichtetes Fahrzeug (man nennt es eine Quatze) anzuschaffen. Zu dem Ende begleitete ich meinen guten Freund, den Schiffer Blank, der eben nach Swinemünde steuerte, weil ich dort oder in der Nachbarschaft mich zu meinem neuen Gewerbe am besten zu versehen hoffte.

Ein steifer Südwestwind wollte uns an jenen Hafen nicht sogleich herankommen lassen, sondern trieb uns zwei oder drei Meilen weiter an die Küsten der Insel Usedom und in die Gegend, wo einst die alte wendische Handelsstadt Wineta im Meere versunken sein soll. Natürlich drehte sich in solcher Nähe das Gespräch zwischen meinem Freunde und mir um diesen Gegenstand. »Man muß,« sagte jener, »bei der Schiffahrt sich um so vieles und so genau bekümmern, und dieser merkwürdige Fleck ist uns überdem so nahe gelegen, daß es doch fürwahr eine Schande wäre, wenn wir darüber nicht mit Was und Wie und Wo sollten richtige Auskunft geben können.«
»Das könnte ich wohl,« war meine Antwort, »aber doch nur auf Treu und Glauben des holländischen Schiffers, mit dem ich meine letzte Reise als Passagier von Amsterdam nach Swinemünde machte. Dieser erzählte mir, als wir diesen nämlichen Strich hier hielten, er sei vor vier Jahren bei jener versunkenen Stadt auf den Grund geraten und habe sein Schiff verloren. Um so sorgfältiger habe er sich mit den Merkzeichen der Küste bekannt gemacht, um sich künftig vor Schaden zu hüten.« »Seht dort,« sprach er, »ist ein schwarzer Berg im Westen, und weiter ostwärts liegt ein anderer Berg von gleicher Farbe. Zwischen beiden entdeckt Ihr einen weißen Sandhügel, und gerade vor diesem, eine halbe Meile vom Lande, ist das verwünschte Steinriff, das mich bald zum armen Manne gemacht hätte.« – »Irre ich aber nicht, so stehen uns seine angegebenen Merkzeichen dort gerade im Gesicht, und es möchte wohlgetan sein, ein wenig aufzupassen.«
Kaum war mir das Wort über die Lippen, so stieß unser Schiff plötzlich und so hart auf den Grund, daß uns die Füße unterm Leibe entglitten und wir auf das Verdeck hinstürzten. Indem wir uns schnell besannen und um uns schauten, überzeugten wir uns, daß wir auf der nämlichen Stelle festsaßen, die den Gegenstand unseres Gespräches gegeben hatte. Denn etwa zwanzig Klafter nördlich vom Schiffe entdeckten wir eine ebene Platte, die fast mit dem Wasserspiegel gleichstand, und deren Dasein uns nur darum entgangen war, weil der Wind gerade vom Lande kam und also schlichtes Wasser machte, daß keine Brandung auf der Untiefe entstehen konnte.
Was war indes zu tun? Der Schiffer ließ flugs das Boot aussetzen, um einen Anker auszubringen und daran das Schiff von der Bank wieder abzuwinden. Ich selbst stieg hinein, um dies ins Werk zu setzen, und fuhr südlich von der Untiefe, die wir im Norden liegen sahen, abwärts. In einer Entfernung von etwa achtzig Klaftern ließ ich den Anker fallen, erstaunte aber nicht wenig, als er noch überm Wasser stehen blieb, indem die See hier an dieser Stelle nicht über vier bis sechs Fuß Tiefe hatte. Der Anker mußte wieder emporgebracht und nach dem Schiffe gezogen werden.
Jetzt begann ich (was freilich früher hätte geschehen sollen) rings umher zu sondieren, um ein Fahrwasser von hinreichender Tiefe zu finden. Es gab aber überall nichts als Klippen und Steine, dicht unter dem Wasser; nur hinter uns war es offen, und ich sah, wir würden uns des nämlichen Weges zurückarbeiten müssen, den wir gekommen waren. Demnach ward der Anker gerade nach hinten ausgebracht und die Schiffswinde in Bewegung gesetzt, allein das Fahrzeug wollte weder wanken noch weichen. Da wir nun mit Sandballast fuhren, so ward dessen eine ziemliche Menge über Bord geschafft, um das Schiff zu erleichtern, welches noch immerfort auf den Grund stieß, jedoch ohne Schaden zu nehmen.
Während jener Anstrengungen stieg ich abermals ins Boot, um den ganzen Umfang dieser Bank noch weiter zu sondieren. Zuerst begab ich mich nach der Stelle, die am höchsten und mit dem Wasser gleich lag, bestieg sie und fand, indem ich mit den Füßen tiefer scharrte, daß der Grund aus grobem Sande bestand, der mit einzelnen Brocken von Dachziegeln untermischt war. Meines Vermutens mochte hier wohl früher ein Schiff, mit solcherlei Ziegeln geladen, gestrandet sein und diese zu seiner Erleichterung über Bord geworfen haben.
Beim weiteren Umherfahren fand sich's, daß diese Bank durchgehend aus großen Steinblöcken bestand, die mit vier bis fünf Fuß Wasser überflossen waren. Dazwischen gab es eine Tiefe von sechs bis sieben Fuß, und da das Wasser ziemlich klar war, ließ sich die Lage der Steine sehr wohl unterscheiden, aber durchaus keine absichtliche Anordnung und Regelmäßigkeit darin entdecken. Diese ganze Steinplatte mag vielleicht sechshundert Klafter in der Länge und Breite haben. Zugleich aber fallen ihre Ränder so steil ab, daß, während jene Blöcke nur auf die bemerkte geringe Tiefe unter Wasser stehen, unmittelbar daneben der Seegrund sich auf fünfzehn und mehr Fuß vertiefte.
Es währte fast sechs Stunden, bevor es uns gelang, wieder flott zu werden. Während dieser Zeit trieb der starke Wind ein Boot vom Lande herbei, worin sich zwei Bauernknechte, aber ohne Ruder, befanden. Statt solcher waren sie mit ein paar Stangen versehen, womit sie ihr Fahrzeug, sogut es angehen wollte, zu steuern versuchten, um bei uns an Bord zu gelangen. In der Tat stießen sie auch so unvorsichtig und heftig gegen unser Schiff an, daß wir fürchteten, ihr Fahrzeug würde davon in Stücke gehen.
Erst als wir sie an Bord hatten, wurden wir gewahr, daß sie sich im besten Sonntagsstaat befanden und mit einem gewaltigen Blumenstrauße vor der Brust im Knopfloche prangten. Auf unser neugieriges Woher? und Wohin? nannten sie uns ihr nicht weit entlegenes Dorf und berichteten, sie seien soeben auf dem Wege über Feld nach der Kirche begriffen gewesen, als sie unser Schiff auf dem Grunde sitzend erblickt hätten, und da sich zufällig in ihrer Nähe ein leeres Boot am Strande vorgefunden, so wären sie in Gottes Namen hineingestiegen, um zu sehen, ob sie uns damit einige Hilfe leisten könnten. Da es jedoch in dem Fahrzeuge an Rudern gefehlt, mit denen sie ohnehin nicht umzugehen wüßten, so hätten sie gemeint, sich mit den vorrätigen Stangen wohl notdürftig fortzuhelfen.
War das echt pommerisch brav und gutherzig gemeint, so muß man doch gestehen, daß es auch herzlich dumm beraten und ausgeführt war. Denn hatten sie nicht das Glück, vom Winde gerade gegen unser Schiff getrieben zu werden, so kamen sie immer weiter landabwärts, waren ohne Barmherzigkeit verloren, und kein Mensch hätte auch nur einmal gewußt, wo sie hingestoben wären. Sie sahen endlich selbst ein, daß sie einen einfältigen Streich unternommen, und da wir inzwischen auch vom Grunde glücklich wieder abgekommen waren, so banden wir ihr Boot an unserm Schiffe fest und nahmen sie mit uns nach Swinemünde, wo es ihnen denn überlassen bleiben mochte, wie sie wieder ihren Heimweg finden wollten.
Ich meinerseits ging von hier nach Caseburg, wo ich eine Quatze, wie ich sie brauchte, für vierhundert Taler erstand und, nachdem ich zugleich eine Ladung lebendiger Fische eingenommen, mich nach dem Swinemünder Hafen und so über See nach Kolberg auf den Rückweg machte. Kaum aber war ich aus der Swine und über die Reede hinaus, und es an der Zeit, daß mein Koch Feuer anmachen sollte, so fand sich's, daß der Lotse, der uns in See gebracht, zufällig unsre Zunderbüchse, womit er seine Pfeife in Brand gesteckt, mit sich genommen hatte. Wir sahen uns dadurch über zwei Tage und drei Nächte ohne Feuer und Licht.
Nun machte ich mit meiner Quatze zwar noch mehrere Ausflüge, aber diese Fahrten und die ganze Hantierung waren, je länger je weniger nach meinem Sinne. Überdem war der Absatz meiner Ware keineswegs so reißend, als man mir vorgespiegelt hatte, und da zudem die Fische durch das heftige Schlingern des Fahrzeuges in den Wellen häufig abstanden, so hatte ich bei jeder Reise nur Verlust und Schaden. Ich gab also meinen Kram beizeiten wieder auf, brachte meine Quatze nach Stettin und bot sie dort zum Verkaufe aus. Das gelang mir aber erst nach Jahr und Tag, und ich litt auch bei diesem Handel eine empfindliche Einbuße. So kam also das Jahr 1776 heran und fand mich wieder als Lehrer in der Steuermannskunst, wobei ich mich, da ich tüchtige und lernbegierige Schüler hatte, immer noch in meinem angemessensten Elemente befand. Auch im Winter 1777 trieb ich diese nützliche, wenn auch eben nicht sonderlich einträgliche Beschäftigung.
Am 28. April dieses Jahres stand ich hier in Kolberg, etwa um die Mittagszeit, eines abzumachenden Geschäftes wegen, beim Herrn Advokat Krohn am Fenster, als mitten in unserm Plaudern plötzlich ein ganz erschrecklicher Donnerschlag geschah, so daß jener vor Schrecken neben mir niederstürzte und wie ohne Leben und Besinnung schien. In der Tat glaubte ich, daß er vom Blitzstrahle getroffen worden, bis mein Rütteln und Schütteln ihn endlich doch wieder auf die Beine brachte. »Wo hat es eingeschlagen?« fragte er, immer noch hochbestürzt. – »Ich hoffe, nirgends,« war meine Gegenrede, »oder mindestens doch nicht gezündet, da Regen, Schnee und Hagel die Luft erfüllen und alle Dächer triefen«.

Allein im nämlichen Augenblicke auch stürzte der Kaufmann, Herr Steffen, welcher schräg gegenüber wohnte, aus seinem Hause hervor, schlug die Hände überm Kopf zusammen, schrie aus Leibeskräften und richtete dabei den Blick immer nach dem Kirchturme empor, den er jenseits wahrnehmen konnte. Ich ahnte Unheil, lief also stracks hinüber, mußte aber lange auf ihn einreden, bevor ich's von ihm herauskriegte: »Mein Gott! Unsere arme Stadt! – Sehen Sie denn nicht? Der Turm brennt ja lichterloh!« – So war es denn auch wirklich. Die helle Flamme spritzte bei der Wetterstange, gleich einem feurigen Springbrunnen, empor, aus den Schallöchern sprühten die Funken umher wie Schneeflocken und flogen bereits bis in die Domstraße hinüber.
Ich, herzlich erschrocken, rannte nach der Kirche und die Turmtreppe hinan. Im Hinaufsteigen überdachte ich, wie groß das Unglück werden müsse, da wohl schwerlich jemand unternehmen werde, bis in die höchste Spitze hinanzuklimmen, wo er in den finsteren Winkeln nicht so bekannt sei wie ich, der ich sie in meiner Jugend so vielfältig und oft mit Lebensgefahr durchkrochen hatte. »Also nur frisch drauf und dran!« rief eine Stimme in mir, »du weißt hier ja Bescheid!«
In der Tat wußte ich auch, daß droben auf dem Glockenboden stets Wasser und Löscheimer bereit standen, aber an einer Handspritze, die hier hauptsächlich not tun würde, konnte es leichtlich fehlen. Dies erwägend, machte ich auf der Stelle kehrt, drängte mich mit Mühe neben den vielen Menschen vorüber, die alle nach oben hinauf wollten, flog gleich ins erste nächste Haus und rief um eine Spritze, die aber hier wie auch im zweiten Hause nicht zu finden war und meiner steigenden Ungeduld erst im dritten gereicht wurde.
Jetzt wieder (die Angst und der Eifer gaben mir Flügel) zum Turme hinauf! In der sogenannten Kunstpfeiferstube, die dicht unter der Spitze ist, fand ich bereits mehrere Maurer und Zimmerleute, mit ihren Meistern, die indes alle nicht recht zu wissen schienen, was hier zu tun sei. »Liebe Leute,« sprach ich, indem ich unter sie trat, »hier ist freilich nichts zu beginnen. Wir müssen höher hinauf. Folgt mir!« – »Leicht gesagt, aber schwer getan!« antwortete mir der Zimmermeister Steffen. »Wir haben es schon versucht, aber es geht nicht. Sobald wir die Falltüre über uns heben, fällt ein dichter Regen von Flammen und glühenden Kohlen hernieder und setzt auch hier die Zimmerung in Brand.«
Das war freilich eine schlimme Nachricht! »Ei, es muß schon etwas drum gewagt sein!« rief ich endlich, – »ich will hinan! Helft mir durch die Luke. Ich will sehen, was ich tun kann!« – Sie öffneten mir die Falltür; ich stieg hindurch, ließ mir einen Eimer voll Wasser und die Handspritze reichen und – »Nun die Luke hinter mir zu, damit das Feuer keinen Zug bekommt!« befahl ich; und indem sie das taten, sah ich zu, was oben passierte. Eine Menge Feuerkohlen prasselte nieder; so daß ich mir den Kopf mit dem Wasser aus meinem Eimer anfeuchten mußte, um nicht aus meinen Haaren ein Feuerwerk zu machen. Um zugleich die Hände frei zu bekommen, schnitt ich ein Loch vorn in den Rock, durch welches ich die Spritze steckte; den Bügel des Eimers nahm ich in den Mund und zwischen die Zähne; und so ward denn die fernere Reise angetreten!
Die Turmspitze ist inwendig mit unzähligen Holzriegeln durchaus verbunden, die mir zur Leiter dienen mußten. Allein wohin ich griff, um mir empor zu helfen, da fand ich alles voll glühender Kohlen; nur hatte ich nicht Zeit, an den Schmerz zu denken, oder machte mich gegen ihn fühllos, indem ich Kopf und Hände zum öfteren wieder anfeuchtete. Mit alledem hatte ich mich endlich so hoch verstiegen, daß mir in der engen Verzimmerung kein Raum mehr blieb, mich noch weiter hindurch zu winden; und hier sah ich denn den rechten Mittelpunkt des brennenden Feuers annoch acht oder zehn Fuß über mir zischen und sprühen.
Jetzt klemmte ich den Wassereimer zwischen die Sparren fest, zog meine Spritze daraus voll und richtete sie getrost gegen jenen Feuerkern, wo das Löschen am notwendigsten schien. Nur beging ich die Unvorsichtigkeit, dabei unverrückt in die Höhe zu schauen, weil ich auch die Wirksamkeit meines Wasserstrahles beobachten wollte; darüber aber bekam ich die ganze Bescherung von Wasser, Feuer und Kohlen so prasselnd ins Angesicht zurück, daß mir Hören und Sehen verging, bis ich, sobald ich mich wieder ein wenig besonnen hatte, das Ding geschickter anfing und bei der Handhabung meiner Spritze die Augen fein abwärts kehrte. Auch hatte ich die Freude, daß sich bei jedem Zuge das Feuer merklich verminderte.
Nun aber war auch der Eimer geleert! Neue Verlegenheit! Denn das leuchtete mir allerdings wohl ein, daß, wenn ich hinabstiege, weder ich, noch sonst ein Mensch hier je wieder nach oben gelangte. Ich schrie indes aus Leibeskräften: »Wasser! Wasser her!« – bis der vorbenannte Zimmermeister die Falltür aufschob und mir zurief: »Wasser ist hier, aber wie bekommst du es hinauf?« – »Nur bis über den Glockenstuhl schafft mir's. Da will ich mir's selber langen,« war meine Antwort, und so geschah es auch. Jene wagten sich höher und ich kletterte ihnen von Zeit zu Zeit entgegen, um die vollen Wassereimer in Empfang zu nehmen, von denen ich denn auch so fleißigen Gebrauch machte, indem ich den Brand tapfer kanonierte, daß ich endlich das Glück hatte, ihn zu überwältigen und völlig zu löschen. Wo es aber noch irgend zu glimmen schien, da kratzte ich mit meinen Händen die Kohlen herunter, soweit ich irgend reichen konnte.
Jetzt erst, da es hier nichts mehr für mich zu tun gab, gewann ich Zeit, an mich selbst zu denken. Ich spürte, wie mir mit jeder Minute übler zumute ward: denn das zurückspritzende Wasser hatte mich bis auf die Haut durchnäßt, und zugleich war eine Hitze im Turme, die je länger je unausstehlicher wurde. Zwar eilte ich nun hinunter, aber indem ich gegen die Schallöcher kam, gab es einen so schneidenden Luftzug, daß mir plötzlich die Sinne vergingen. Auch weiß ich nicht, ob ich auf meinen eigenen Füßen Gottes Erdboden erreicht, oder ob mich die Leute hinabgetragen haben.
Als ich mich wieder besann, lag ich auf dem Kirchhofe, und mir zur Seite standen die Chirurgen Wüsthof und Kretschmer, die mir an beiden Armen eine Ader geöffnet hatten. Außerdem gab es noch einen dichten Haufen von Menschen um mich her, welche von Teilnahme oder Neugierde herbeigeführt sein mochten. Mit meinem wiederkehrenden Bewußtsein begann ich nun aber auch erst meine Schmerzen zu fühlen. Meine Hände waren überall verletzt; die Haare auf dem Kopfe zum Teil abgesengt; der Kopf selbst wund und voller Brandblasen, wo denn auch in der Folge nie wieder Haare gewachsen sind. Nicht minder sind mir die beiden äußersten Finger an der rechten Hand, die vom Feuer am meisten gelitten hatten, bis auf diese Stunde krumm geblieben; und so werde ich sie auch wohl mit in mein Grab nehmen müssen.
Vom Kirchhofe trug man mich nach meiner Wohnung, wo eine gute und sorgfältige Pflege mir dann auch bald wieder auf die Beine half. Einige Wochen später behändigte mir der Herr Kriegskommissär Donath eine goldene Denkmünze in der Größe eines Doppel-Friedrichsdor, nebst einem Belobungsschreiben, die ihm beide von Berlin zugeschickt worden, um sie mir gegen meine Quittung zu überliefern. Das Gepräge dieser Denkmünze ließ ich mir in meinem Petschaft nachstechen; sie selbst aber, nebst dem Schreiben, übergab ich in die Hände des Magistrats, mit dem Ersuchen, sie bis auf meine weitere Verfügung im Rathausarchiv gut verwahrt niederzulegen. Doch als ich nach einigen Jahren danach fragte, war das eine wie das andere verschwunden! Es hieß: das sei noch bei des Bürgermeisters R–fs Zeiten geschehen; und daran mußte ich mir genügen lassen!
Im folgenden Jahre 1778 erhielt ich vom Kaufmann Herrn Höpner zu Rügenwalde eine schriftliche Aufforderung, eines seiner Schiffe unter meine Führung zu nehmen. Ich schlug ein, weil sich nicht gleich ein besseres Engagement für mich finden wollte; und so machte ich denn, für seine Rechnung, eine Reihe glücklicher Fahrten nach Danzig, Nantes und Croisic, und war von hier wiederum nach Memel bestimmt; konnte aber, der späten Jahreszeit wegen, diesen Hafen nicht mehr erreichen, sondern sah mich genötigt, in Pillau einzulaufen und dort zu überwintern, wo ich aus Langeweile wiederum eine Steuermannsschule eröffnete.

Hier war es, wo der Kommerzienrat Herr B–r zu Kolberg mir in wiederholten Briefen anlag, in seinem Auftrage nach England zu gehen, für ihn ein Schiff zu kaufen und für seine Rechnung damit zu fahren. Diese Spekulation schien nicht übel ersonnen, denn in dem damaligen Kriege Englands mit seinen nordamerikanischen Kolonien hatte es auch mit Frankreich und Spanien gebrochen, und seine Kaper hatten sich einer so großen Anzahl feindlicher Schiffe bemächtigt, daß alle britische Häfen damit angefüllt waren. Es stand zu erwarten, daß sie beim Verkauf würden spottwohlfeil losgeschlagen werden.

Ich trug demnach kein Bedenken, mich auf den Vorschlag einzulassen, und forderte nur, Herr B–r möge mir für dies Geschäft eine genaue Instruktion, sowie eine Empfehlung an seinen Korrespondenten in London geben und mir bei diesem den nötigen Kredit bis zu einer bestimmten Summe offen machen. Demzufolge verwies er mich an das Londoner Handelshaus Schmidt und Weinholdt, bei welchen ich auch bei meiner Ankunft die verlangte Instruktion vorfinden würde. Mit Herrn Höpners Bewilligung verließ ich also dessen Schiff, nachdem ich ihm einen andern tüchtigen Schiffer an meine Stelle vorgeschlagen hatte, und schickte mich zu meiner Reise nach England an, wobei es jedoch meine Privatgeschäfte erforderten, zuvor noch einen kleinen Abstecher nach Königsberg zu machen.
Indem ich hier nun eines Tages meinen Weg zur Börse nahm, fiel es mir zufällig bei, über den Neuen-Graben zu gehen, wo das Haus stand, in welchem ich in früherer und besserer Zeit gewohnt hatte. Nachdenklich blieb ich stehen, und indem ich es betrachtete, fiel mir schwer aufs Herz, wie ich hier doch fünf Jahre lang in Leid und Freude aus- und eingegangen, mit so manchem Biedermann in Verkehr gestanden und mutig ins Leben hineingeschaut habe. Und wie war das nun so ganz anders! Auf diesem nämlichen Flecke stand ich nun als Fremdling; niemand hier, dem mein Wohl oder Weh noch zu Herzen ging – ich selbst ein wunderlicher Spielball des Schicksals und nach allen Himmelsgegenden umhergeworfen! Wahrlich, es war kein Wunder, daß mir in diesen Gedanken ein paar schwere Tränen in die Augen traten.
»Herr Jemine! Sieh doch! Kapitän Nettelbeck und kein anderer!« rief plötzlich eine weibliche Stimme aus einem geöffneten Fenster des nämlichen Hauses. Indem ich emporschaute, bemerkte ich ein Frauenzimmer, welches im Begriff gewesen zu sein schien, einen Teller mit Fischgräten auf die Straße hinauszuschütten. Ich stutzte, konnte mich aber des veralteten und verzerrten Gesichtes in keinem Winkel meines Gedächtnisses besinnen. In eben dem Moment aber war sie auch bereits zu mir herunter geeilt, ergriff mich an beiden Händen und beteuerte: sie lasse mich nicht; ich müsse kommen und bei ihr und ihrem Manne einsprechen. Jetzt erst schoß es mir mit einemmal aufs Herz, daß hier von dem Kniffelschen Ehepaare die Rede sein möge. Und so war es auch wirklich!
Schon in Pillau hatte ich, auf gelegentliche Erkundigung, von diesem Paare so mancherlei vernommen, was mich nach der Erneuerung dieser alten Bekanntschaft eben nicht lüstern machte. Sie hatten mit den ihnen ausgesetzten Geldern übel gewirtschaftet, waren überall betrogen und steckten tief in Schulden, weil die reiche Verwandtschaft in Surinam immer noch diesen und jenen Wucherer lockte, ihnen Kredit zu geben. Außer dem Hause, das er bewohnte und wovon ihm vielleicht auch kein Ziegel mehr eigen gehörte, besaß der alte Tropf nichts mehr als seinen gekauften Titel »Lizentrat«, den aber der Pöbelwitz allgemein in den Spottnamen »Lizentrekel« verkehrt hatte. Kurz, bei diesen Leuten war weder Freude noch Ehre zu holen, und es verdroß mich sogar, daß sie mein altes liebes Eigentum durch ihre Gegenwart verschimpfierten.
Indes mußte ich mich schon mit hinaufschleppen lassen, und fand dort den Titularrat hustend auf einem Bette sitzen. Ich sah mich nun in dem Stübchen um, wo alles ein ärmliches, beklommenes Ansehen hatte, und konnte mich nicht enthalten auszubrechen: »Leute, wie habt ihr gewirtschaftet! Was habe ich gehört? und was sehe ich jetzt selbst? Seid ihr's wohl wert, daß euch das Glück einmal so freundlich angelacht hat?« – Beide weinten und sagten: dann würde ich auch gehört haben, wie sie von ihren besten Freunden betrogen worden. – »Nun wahrlich doch nicht ohne euere Schuld!« gab ich ihnen unmutig zur Antwort – »Hättet ihr die Nase nicht stets höher getragen, als euch zukam; hättet ihr Gott still und demütig gedankt, daß er euch einen ruhigen Nothafen für eure alten Tage eröffnet; hättet ihr fein zu Rate gehalten, was mehr als genüglich für euer Notwendiges ausreichte« ... und wie denn die derben Leviten weiter lauteten, die ich glaubte, ihnen lesen zu müssen.
Sie gestanden ihr Unrecht ein und gelobten Besserung, wenn ich ihnen nur jetzt behilflich sein wollte, einen Brief an ihre Tochter zu besorgen, worin sie derselben ihre äußerste Not vorstellen und sie um eine letzte Unterstützung bitten wollten. Mehrmals hätten sie dies bereits auf anderen Wegen versucht, aber niemals Antwort erhalten. Die Papiere möchten wohl nicht in ihre Hände gelangt sein. – »Gut, so schreibt denn!« rief ich – »aber sputet euch damit: denn morgen bin ich nicht mehr in Königsberg. Ich logiere ...«
Aber aus Sorge, daß ich ihnen entschlüpfen möchte, wollten sie mich lieber nicht von der Stelle lassen und schickten gleich zu einem alten abgedankten Hauptmann, der in allem ihr Sekretär und Ratgeber zu sein schien. Der setzte sich sofort an das Stück Arbeit, welches mir auch endlich mit der Bitte überliefert wurde, daß ich es mit einigen Worten zur besseren Empfehlung begleiten und ihrem Kinde treulich schildern möchte, in welchem Elend ich sie angetroffen hätte. Ich versprach alles, was sie wollten, um nur von ihnen loszukommen; habe aber fernerhin nie Gelegenheit gefunden zu erfahren, was weiter aus ihnen geworden und ob sie sich in der Zukunft besser gebettet.
Gleich darauf ging ich, früh im Jahre 1779, von Pillau als Passagier nach London, und meldete mich sofort bei den dortigen Korrespondenten meines neuen Prinzipals und empfing nun aus deren Händen die Instruktion, wie ich bei meinem Einkaufe verfahren sollte. Diese war aber leider von der Art, daß ich, wäre sie mir früher zugekommen, keinen Schritt vor die Türe darum gegangen sein würde. Nur die wunderlichste Laune konnte dem Manne alle die tausend Bedingungen eingegeben haben, von denen ich kein Haar breit abweichen sollte. Das Schiff, das ich erstände, sollte von einhundertfünfzig Lasten sein, nicht größer und nicht kleiner; es durfte nicht älter als zwei oder drei Jahre sein, ein vollständiges Inventarium war vorgeschrieben, aber vor allem durfte es nicht höher als vierhundert Pfund Sterling zu stehen kommen. –

So reiste ich denn ganz England mit der Post in die Runde, nach allen Häfen, wo nur Prisen aufgebracht worden. Ich ging nach Hull, nach Newcastle, nach Leeds, nach Liverpool, nach Bristol, nach Plymouth, nach Portsmouth, nach Dover: – aber ebensogut hätte ich zu Hause bleiben können! Endlich stieß ich in London selbst auf ein Schiff, das ich trotz alles dessen, was ihm etwa noch mangelte, auf meine eigene Verantwortung zu kaufen beschloß.
Indem ich nun den Herren Schmidt und Weinholdt diese Absicht eröffnete und meinen Kredit geltend machen wollte, erhielt ich die nimmer erwartete Antwort: »Lieber Nettelbeck, um Ihnen klaren Wein einzuschenken, müssen wir Ihnen geradeheraus sagen, daß wir für B–rs Ordre auch nicht ein Pfund zu zahlen gesonnen sind. Wollen Sie aber das Schiff für sich allein und auf Ihren Namen erstehen und uns die Korrespondenz und Assekuranz darüber überlassen, so ist hier unsere Hand – wir zeichnen für Sie, soviel Sie verlangen. Nur mit B–r wollen wir nichts zu tun haben.«
»Ich bin vorzeiten,« sagte ich, »Herr eines eigenen Schiffes gewesen, habe aber so ausgesuchtes Unglück damit gehabt, daß ich mir's heilig angelobt, mich nie wieder mit dergleichen zu befassen. Es taugt auch für keinen Schiffer, sein eigener Reeder zu sein, wenn er gleichwohl die Korrespondenz, und was dazu gehört, einem Fremden überlassen muß. – Nur warum, meine Herren, haben Sie mir von dem Mißkredit, in welchem mein Prinzipal bei Ihnen steht, nicht früher einen Wink gegeben? Wieviel Zeit, Mühe und Kosten wären da zu ersparen gewesen!«
Sie gestanden mir nun, daß sie nimmer vermutet hätten, ich würde ein solches Schiff, wie mir vorgeschrieben worden, aufzutreiben imstande sein, und daß sie es darum mit ihrer Erklärung lieber bis aufs äußerste hätten wollen ankommen lassen. Ich mußte mir das gefallen lassen, eröffnete ihnen aber gleich des nächsten Tages, daß ich eine bequeme Schiffsgelegenheit nach Stettin gefunden und von da nach Kolberg abzugehen gedächte, um dem Kommerzienrat Bericht zu erstatten.
»Nach Stettin?« ward mir geantwortet. – »O, schön! Das trifft sich wie gerufen: denn wir haben ein Anliegen an Sie, lieber Nettelbeck, das Sie uns nicht abschlagen müssen. Da ist in Stettin der Kaufmann Groß, mit dem wir in Assekuranzangelegenheiten wegen Schiffer Lickfeld verwickelt sind, schon seit Jahr und Tag in Briefen hin und her scharmützeln und je länger je weniger übereinkommen können. Wir sind des Handels nachgerade herzlich überdrüssig, und unser in Sie gesetztes Vertrauen läßt uns wünschen, daß Sie in unserem Namen mündlich den Zwist so gut wie möglich ausgleichen möchten. Sie sollen über den Stand der Dinge alle Auskunft erhalten, und da wir uns alles, was nur nicht geradezu unbillig ist, gefallen lassen wollen, so machen Sie es mit ihm ab, so gut Sie wissen und können. Ihre Vollmacht soll Ihnen auf der Stelle ausgefertigt werden, und unser ganzer Verlaß steht auf Ihnen.«
»Gut und aller Ehren wert, was Sie mir anvertrauen und von mir erwarten!« erwiderte ich. – »Aber kennen Sie den Mann auch, mit dem Sie mir zu tun geben wollen? Dieser Groß, meine Herren, ist ein ganz absonderlicher Patron und fängt gar leicht Feuer unter der runden Perücke. Ich entsinne mich seiner gar wohl von Anno 1764 her, wo er noch selbst als Schiffer fuhr und einen Winter bei uns mit seinem Schiffe in Königsberg lag. Hatte er damals doch mit allen Leuten, mit denen er zu verkehren kriegte, Krakeel und Prozesse; und hat er sich seitdem, wie schwerlich zu hoffen ist, nicht geändert, so möchte ich lieber ein Kreuz vor ihm schlagen, als mir mit ihm zu schaffen machen.«
Wie ich aber auch diesen mißlichen Auftrag abzulehnen suchte, so ward doch so anhaltend in mich gedrungen, daß ich mir endlich die bisher geführten Verhandlungen vorlegen ließ; da jedoch die Sache festen Grund hatte und der ganze Zwiespalt nur auf einem Mißverstande beruhte, einigte ich mich mit meinen Herren Kommittenten, wie weit ich gehen sollte, empfing genügende Vollmacht und machte mich in Gottes Namen nach Stettin auf den Weg, wo ich es mein erstes sein ließ, Herrn Groß aufzusuchen.
Dieser Mann empfing mich mit Herzlichkeit, als einen Bekannten; machte indes große Augen, als ich ihm den Grund meines Hierseins eröffnete und ihm meine Beglaubigung vorlegte. »Hört, Nettelbeck,« sagte er, mir auf die Schulter klopfend: »Nun heiße ich Euch doppelt und von Herzen willkommen! Trügt mich nicht alles, so seid Ihr mein guter Engel, der mir endlich einmal den fatalen Sorgenstein unterm Kopfkissen hinwegräumen wird. Topp! Morgen um die und die Stunde machen wir die Sache ab, heute aber kein Wort mehr davon, damit wir uns dies gute Glas Wein nicht verderben.«
So geschah es denn auch am nächsten Tage. Wie erstaunte ich, als der Mann Vernunft annahm und Gründe gelten ließ. Eine Schwierigkeit nach der andern verschwand, und in weniger als drei Stunden war eine Vereinigung getroffen, wie beide Teile sie nur immer wünschen konnten, das Londoner Haus aber sie nimmer erwartet hatte. Ich forderte nun die gerichtliche Bestätigung, die gleich in den nächsten vierundzwanzig Stunden durch den Herrn Notarius Bourwig ausgefertigt und mittels Brief und Siegel bekräftigt wurde. Ebenso schnell packte ich meine Papiere zusammen, schickte sie nach London, erhielt die unbedingteste Genehmigung und eine Vergütung, wie sie dem Dienste angemessen sein mochte.
Noch zufriedener aber war Herr Groß, der mir von Stund an ein sichtbares Wohlwollen zuwandte. »Aber wo nun hinaus?« fragte er mich, als ich kam, ihm meinen Abschiedsbesuch zu machen. – »Nach Kolberg,« gab ich zur Antwort, »um meinem Prinzipal B–r Red' und Antwort zu stehen. Was es dann weiter gibt, wird die Zeit lehren.« – »Hört, lieber Nettelbeck,« fiel er mir ein, »die Herren Kaufleute dort, die kenne ich! Das ist nichts für Euch! Aber einen Mann von Euerem Schlage – den hätt' ich mir schon längst auf mein bestes Schiff gewünscht. Da! Die Hand eines ehrlichen Mannes – schlagt ein! Nehmt das Schiff, das ich hier jetzt auf dem Stapel stehen habe.«
Was soll ich's leugnen, daß die Art, wie mir dieser Antrag geschah, meiner Eigenliebe schmeichelte. Dennoch hatte ich Bedenken. »Lieber Herr Groß,« erwiderte ich demnach, »so ein Schritt will überlegt sein. Gönnen Sie mir dazu eine Stunde; und wenn ich dann wiederkomme, bringe ich Ihnen mein Ja oder Nein.« – Er war es zufrieden.
Voll Sinnens suchte ich demnach einen alten Bekannten, den Schmied Lüdtke auf, mit dem ich bereits im Jahre 1770, auf Veranlassung der Ausrüstung der königlichen Fregatte, zu tun gehabt hatte, und der jetzt, wie ich wußte, die Eisenarbeit für das auf dem Stapel stehende Schiff des Herrn Groß besorgte. Er sollte mir sagen, was hier zu tun oder zu lassen sei; und so trug ich ihm gleich warm vor, was mir auf dem Herzen drückte. »Hm! hm!« gab er mir kopfschüttelnd zur Antwort. »Es mit dem zu wagen, könnt' ich nur meinem ärgsten Feinde raten! Ihr seid beide Hitzköpfe. Gleich ist bei euch Feuer im Dache! Ihr werdet euch keine vierundzwanzig Stunden miteinander vertragen. Bleibt also fein auseinander; das ist das Gescheiteste.«
Ich konnte nicht anders, als ihm recht geben, und war schon auf dem Wege, den Handel aufzusagen, als ich vor dem Hause eines Segelmachers, Krunt, vorbei mußte. Auch dieses Mannes Rat und Meinung wollte ich mitnehmen. Ich trat zu ihm ein, trug ihm Anliegen und Bedenken vor und überließ ihm die Entscheidung. »Hört, Freund Nettelbeck,« entgegnete er, »ich kenne Euch und kenne Groß inwendig und auswendig. Ihr seid beide ein paar herzensgute Leute – brav, ehrlich und erfahren. Ihr beide werdet euch ineinander schicken und passen, oder keiner in der Welt! Wie schlimm jener auch verschrieen sein mag, so kommt es doch nur darauf an, daß Ihr seine erste tolle Hitze vorübertoben laßt. In der nächsten Viertelstunde darauf könnt Ihr ihn wieder um den Finger wickeln, wie ein Wachs. Was ist da also noch lange zu bedenken? Ihr bekommt ein schönes, neues und großes Schiff von 320 Last unter die Füße, womit ein Mann von Eurer Welterfahrung schon etwas Rechtschaffenes anzufangen wissen wird.«
Das klang nun freilich ganz anders, aber keineswegs unverständig. Ich ließ es mir gesagt sein, setzte meinen Weg mit erleichtertem Herzen fort, trat zu Herrn Groß in das Zimmer und mit drei raschen Schritten auf ihn zu, reichte ihm die Hand und rief mit leuchtenden Augen: »Glück gebe Gott uns beiden, mein Herr Patron!« – »Ja! Ist's wahr? Hab' ich Euch?« fuhr er seinerseits auf, drückte mich an die Brust und küßte mich herzlich ab. Der Notarius Helwig, welcher bei diesem Auftritte zugegen war, wurde aufgefordert, zur Stelle einen Kontrakt aufzusetzen, welchen mein neuer Prinzipal selbst diktierte, und wobei meines Vorteiles keineswegs vergessen ward.
Nunmehr ging ich auf einige Tage nach Kolberg, um mich mit B–r zu berechnen und auseinanderzusetzen; war aber bereits in der Mitte des Juni wieder in Stettin, wo ich den Ausbau meines neuen Schiffes eifrig betreiben half. Dieses war eigentlich zu einem Zweidecker bestimmt und würde als solcher in allen preußischen Häfen seinesgleichen gesucht haben. Allein das Schiff sollte, um von den damaligen hohen Frachten zu vorteilen, noch vor Winters in See gehen; und um keine Zeit zu verlieren, ward beschlossen, nur ein Verdeck aufzusetzen. Dennoch konnte es erst im Oktober vom Stapel laufen; doch war auch bereits mit dem Kommerzienrate eine Fracht von Balken und Stabholz abgeschlossen, die ich unverzüglich nach Bordeaux führen sollte. Den kleineren Teil derselben nahm ich auf der Stelle ein und ging dann Mitte November auf die Swinemünder Reede, um auch den Rest der Ladung zu empfangen.
Doch dies war in der schon so weit vorgerückten Jahreszeit ein äußerst mühseliges und langweiliges Geschäft, weil der Hafen selbst bereits mit Eis zugelegt war und jede Bootsladung Stabholz sich vom Weststrande her erst einen Weg durch das Eis nach dem Schiffe bahnen mußte, so daß volle vier Wochen über diese Arbeit verliefen. Mit dem letzten Boote ging auch ich selbst an Bord, um nun unmittelbar darauf in See zu stechen, während bereits um das Schiff her alles mit schwimmendem Eise flutete und mit jedem Augenblicke ein völliges Einfrieren zu befürchten stand.
Neben mir lag auf der Reede ein Fregatteschiff, welches gleichfalls erst in diesem Sommer in Stettin für schwedische Rechnung ganz neu gebaut worden und nach Gotenburg bestimmt war. Ich sah, daß es sich eben fertig machte, seinen Anker aufzuwinden und die Reede zu verlassen. Mir selbst lag noch die letzte Bootsladung Stabholz auf dem Verdecke im Wege, die zuvor noch beiseite gestaut werden mußte, bevor ich mich bei meiner Ankerwinde frei rühren konnte; und doch wäre ich bis zum Sunde hin gern in der Gesellschaft des Schweden geblieben, um desto leichter, wenn es not tat, Hilfe zu leisten oder zu empfangen. Ich fuhr demnach hurtig in der Schaluppe zu jenem Schiffe hinüber und forderte den Kapitän auf, noch eine kleine Stunde zu warten. Das wollte er aber nicht, lichtete seinen Anker vollends und ging ab.
Kaum war er eine Meile westwärts von mir entfernt und ich gleichfalls unter Segel, so ging der Wind nach Nordosten um. Es gab einen starken fliegenden Sturm, der zwar mächtig förderte, aber die Luft mit einem dicken Schneegestöber erfüllte, so daß ich den vorausgeeilten Schweden bald aus dem Gesichte verlor. Dies Wetter mit dicker Schneeluft hielt bis zum andern Morgen um neun Uhr an, wo wir dicht an das Land von Stevens kamen und, mit nicht geringer Verwunderung, die schwedische Fregatte auf dem Strande stehend erblickten, wo die Sturzwellen sich unaufhörlich darüber her brachen, die Mannschaft aber kümmerlich in den Masten hing.
Ich selbst hatte alle Not und Mühe, einem gleichen Schicksale zu entgehen und über die Landspitze von Stevens hinauszukommen. Endlich zwar gelang es, und ich erreichte die Kiöger Bucht; doch sah ich mich genötigt, vor stehenden Segeln zu ankern und nach und nach mich vor drei Anker zu legen. So dauerte diese peinliche Lage bis zum nächsten Morgen, wo der Wind durch Osten nach Süden lief, und ich meine Notflagge aufsteckte, um Hilfe vom Lande zu erhalten, denn mit meinen Leuten allein wußte ich mir länger nicht zu raten. Glücklicherweise eilten auch auf dies Zeichen zwei Boote mit fünfzehn Mann von Dragoe herbei, mit deren Beistand ich, nachdem ich sämtliche Ankertaue habe kappen müssen, die Reede von Kopenhagen glücklich erreichte. Während ich mich hier nun wieder instand setzte, langte auch das Volk von dem schwedischen Schiffe an, welches gänzlich verloren gegangen war.
Indes setzte ich meine Fahrt ohne weiteren Unfall fort, erreichte Bordeaux am 28. Februar 1780, löschte meine Fracht und war stracks darüber aus, einer neuen nach Amerika habhaft zu werden, wie ich's zuvor mit meinem Reeder verabredet hatte; denn unter der neutralen preußischen Flagge war besonders dahin ein ungeheueres Geld zu verdienen. Bald kam ich auch mit einem Kaufmanne aus Ostende wegen einer Ladung nach der französischen Insel St. Grenada in Westindien überein. Der Kontrakt war bis zur Unterzeichnung fertig, und ich ersuchte den Kaufmann, welcher die Reise in Person mitmachen wollte, zu mir an Bord zu kommen und sich mit eigenen Augen von der Güte und Dauerhaftigkeit des Schiffes sowie von der netten Einrichtung der ihm zugedachten Kajüte zu überzeugen.

Als er des anderen Tages in dieser Absicht bei mir erschien, bemerkte ich freilich an seiner Miene, daß er sich in irgendeiner Erwartung getäuscht sehen müsse, ohne jedoch erraten zu können, woran er eigentlich Anstoß genommen. Dies sollte ich erst von meinem Korrespondenten, Herrn Wesenberg, erfahren. Die ganze Fracht war nämlich zurückgezogen, weil der Kaufmann gesehen hatte, daß mein Schiff nur ein Eindecker sei, welchem er weder die gehörige Sicherheit noch genugsame Bequemlichkeit zutrauen mochte. Hiergegen half kein Protestieren; und ich konnte mich auch um so leichter zufrieden geben, da ich unmittelbar darauf eine Fracht von Wein und Zucker auf Hamburg gewann und mit der Ladung bereits vierzehn Tage nach meiner Ankunft fertig ward.
Zu meiner Herzenserleichterung muß ich hier das Geständnis ablegen, daß ich mich nirgends beklommener gefühlt habe als in den französischen Häfen und zu Bordeaux insonderheit. Denn wie weit ich auch in der Welt herumgekommen, so habe ich doch in keiner Nation so viel List, Betrug und Ränke gefunden als unter den Franzosen. Jeder, mit dem ich zu tun bekam, hätte nichts lieber gemocht als mich recht tüchtig übers Ohr zu hauen. Jetzt vollends sollte mir noch ein Stückchen von ihrer Art widerfahren, das einen unverwüstlichen Groll bei mir zurückgelassen hat.

In dem Augenblicke nämlich, da ich die Anker lichten wollte, ging ich, wie es die Ordnung ist, in das Lotsenkontor und bat um einen Piloten, der mich zur Garonne hinaus in See bringen sollte. Der Lotse kam an Bord, aber so betrunken, daß ich Bedenken fand, ihm die Leitung des Schiffes anzuvertrauen. Der Mensch wollte nicht gehen, ward grob, und ich komplimentierte ihn so etwas unsanft (jedoch ohne irgend Hand an ihn zu legen) in sein Boot und an Land zurück. Dagegen hielt ich abermals in dem Kontor, mit Angabe der Ursachen, um einen anderen nüchternen Lotsen an. Auch der Trunkenbold erschien dort und machte sich trefflich unnütz; doch ward mir mein Verlangen gewährt; ich nahm den neuen Piloten mit mir und lichtete den Anker.
Wie ich nun den Strom abwärts fuhr, so bemerkte ich bald, daß ich an einem andern Fahrzeuge einen unzertrennlichen Begleiter bekommen hatte. Machte ich Segel, so tat es desgleichen; ließ ich den Anker fallen, so legte es sich mir in dem nämlichen Augenblicke zur Seite. Das Ding machte uns, je länger, je größeren Spaß, und wir kitzelten uns daran, daß der Franzose ohne uns den Weg gar nicht finden zu können schien. So kamen wir endlich an das Fort am Ausflusse der Garonne, wo unsere Pässe visiert werden mußten. Auch da war jenes Fahrzeug flink bei der Hand; und nun wurde uns eröffnet, daß ich für die Begleitung desselben bis hierher die Summe von eintausend Livres zu entrichten habe.
Ich war bei dieser Forderung wie aus den Wolken gefallen. »Für seine Begleitung? – Eintausend Livres? – Und wozu diese ganz unerbetene Begleitung?« – Die Antwort hieß: »Zur Beschützung des Lotsen an Bord gegen besorgte Gewalttätigkeiten.« – Natürlich weigerte ich mich der Zahlung und forderte diesen Menschen auf, mir zu bezeugen, ob ihm irgendeine Ungebühr von mir widerfahren sei. – Er wußte nur Gutes zu sagen. Dennoch ward ohne weiteres ein Arrest auf mein Schiff gelegt. Ich sah das, wenngleich nicht sehr ruhig, bis zum nächsten Tage mit an. Der Arrest blieb, und meine Einreden fanden kein Gehör. Wollte ich nun an meiner Reise nichts versäumen und wegen Schiff und Ladung nicht in Verantwortung kommen, so war es immer noch das Geratenste, diese ungerechte Forderung zu bezahlen und sie mir, als eine echt französische Geldschneiderei, zur Warnung für die Zukunft hinters Ohr zu schreiben.
Zu diesem Verdrusse gesellte sich, sobald ich endlich in See gelangt war, ein anderer und noch größerer. Mein Schiffsvolk nämlich, durchaus dem Soff ergeben, wollte die Gelegenheit nicht versäumen, den Weinfässern, die einen Teil unserer Ladung ausmachten, aufs fleißigste zuzusprechen. Als ich dem zu wehren gedachte, rottierten sich die Kerle zusammen, schlugen mit Gewalt die Luken auf, zapften die Oxhöfte an und ließen den Wein stromweise in ihre Wassereimer und Hüte rinnen. In wenig Stunden hatte sich alles toll und voll gesoffen. Von nun an hatte es aber auch mit allem Kommando ein Ende. Die Vollzapfe waren wie wütend und ich und der Steuermann unseres Lebens unter ihnen nicht mehr sicher.

Und so ging es fortan einen Tag wie den andern. Wir beide mochten zusehen, wie wir konnten, damit das Schiff wenigstens einigermaßen seinen Kurs hielt. War es auch nicht geradezu Rebellion zu nennen, so blieb es doch ein wüstes Tollmannsleben, wobei weder gute noch böse Worte anschlugen und wir paar Vernünftige die größte Gefahr und Not vor Augen sahen, sooft Segel sollten beigesetzt oder eingenommen werden. Endlich half Gott, wiewohl unter Angst und Schrecken, daß wir bei Cuxhaven, vor der Mündung der Elbe, anlangten. Gerade hier aber konnte ich mich auch mit diesen Menschen unmöglich weiter wagen, da man in den Engen des Stromes immerfort zu lavieren hatte oder die Anker fallen lassen mußte. Ich beschloß also, an Land zu gehen und acht oder zehn tüchtige Leute anzunehmen, die mir nach Hamburg hinaufhelfen sollten.
Zufällig trat ich in dem Örtchen zu einem Barbier ein, um mich unter sein Schermesser zu liefern. Ich ward aber nicht bloß geschoren, sondern auch daneben so kunstmäßig ausgefragt, daß mir das Elend mit meinem gar nicht mehr zu ernüchternden Schiffsvolke gar bald in lauter Klage über die Lippen trat. Vor allem erwähnte ich zweier Kerle, die sich im eigentlichen Sinne rasend gesoffen zu haben schienen und ganz wie von Sinn und Verstand gekommen wären. – »Nun, der Verstand wäre ihnen wohl leicht wieder einzutrichtern,« versetzte der Barbier mit einer schlauen Miene, »wenn ihnen nur zuvor der Unverstand und die tollen Affekten hinlänglich abgezapft worden.« Er meinte nämlich (wie er sich darüber auf mein Befragen näher erklärte), ein tüchtiger Aderlaß bis zur Ohnmacht sollte diese bestialische Tollheit, wenn sie bloß im Soff ihren Grund hatte, schon zur Ordnung bringen.
Zwar nahm ich von diesem medizinischen Gutachten keine weitere Notiz; doch als ich am andern Morgen wieder an Land wollte, um die gedungenen Leute an Bord zu nehmen, fiel mir der Barbier und sein Heilmittel wieder ein. Mag es den Versuch gelten! dachte ich, und wandte mich in unbefangener Vertraulichkeit an die beiden Tollhäusler, die mir eben auf dem Verdeck in den Wurf kamen: »Hört, Kinder, ich will zum Aderlassen. Ihr beide seht mir beständig so rot und vollblütig aus, daß es euch gleichfalls wohl gut tun sollte. Kommt mit, dann machen wir das gleich in Gesellschaft ab.«
Die beiden Kerle schöpften kein Arges aus dem Vorschlage, der ihnen vielmehr ganz instinktmäßig zusagen mochte. Während sie nun nach meinem Geheiß auf der Hausflur des Barbiers verweilten, trat ich lachend in dessen Zimmer und verkündigte ihm die Gegenwart meiner hirnwütigen Patienten, an denen er nunmehr seine Kunst erproben möge. Sobald auch nur so viel Frist verlaufen war, als zur Vollendung einiger Aderlässe erforderlich scheinen mochte, kam ich wieder zum Vorschein, indem ich rief: »Das wäre fertig; nun, Jakob, ist die Reihe an dir! Herein!« – Der Bursche kam.
Jetzt ging aber die Operation an seinem Arme im Ernste vor sich. Eine große Schüssel füllte sich mit Blut, und der Jakob ward immer bleicher um die Nase. Ich gab dem Manne mit dem Schnepper einen verstohlenen Wink, daß es nun wohl Zeit sein dürfte, einzuhalten; allein er ließ auch die zweite Schüssel vollrinnen, bis Jakob endlich besinnungslos umsank und durch einen vorgehaltenen Spiritus wieder zu sich gebracht werden mußte. Das nämliche widerfuhr hiernächst auch seinem Zechkameraden, dem Peter; und beide schwankten dem Schiffe so matt und entkräftet wieder zu, daß sie geführt werden mußten und auch die folgenden vierzehn Tage hindurch auf ihren Füßen nicht stehen konnten. Zur Arbeit blieben sie mir also binnen dieser Zeit allerdings unbrauchbar; aber auch ihre Tollheit war gänzlich von ihnen gewichen, und des Barbiers Kunststück hatte sich als vollkommen probat erwiesen.
Ich brauche wohl nicht hinzuzusetzen, wie sehr ich, sobald ich Hamburg erreicht hatte, beeilt war, mir all dies widerspenstige Gesindel vom Halse zu schaffen. Es ist wahr, ich hätte sie vor den Seegerichten anklagen können, und Staupbesen und Brandmark würden ihrer gewartet haben. Das wollte ich aber nicht, weil einige darunter in und um Stettin zu Hause waren und Frau und Kinder hatten. Ich machte ihnen also nur die Hölle tüchtig heiß, gab ihnen eine scharfe Ermahnung mit auf den Weg und ließ sie in Gottes Namen laufen.
Hier in Hamburg fand sich eine neue Ladung für mich nach Lissabon, mit welcher ich jedoch erst am letzten August auf den Weg zu kommen vermochte. Die Reise selbst bietet mir nichts Erhebliches für die Erzählung; doch mag ich wohl eines Schrecks erwähnen, der mir noch ganz für das Ende derselben vorbehalten blieb. Als ich nämlich etwa sieben Meilen nördlich von der Mündung des Tajo gekommen war, sah ich ein Fahrzeug mir entgegensteuern, das mit ungewöhnlich vielen Menschen besetzt zu sein schien. Unter anderen Umständen würde mich diese Begegnung ziemlich gleichgültig gelassen haben, allein schon während unserer ganzen Reise spukte es mir und meinen Leuten im Kopfe herum, daß wir gegen die Barbaresken und Marokkaner eine unfreie Flagge hatten, und unser einziger Trost bestand darin, daß von einem Raubzuge derselben so weit nördlich hinauf doch seit geraumer Zeit nichts verlautet habe.

Jetzt schoß mir bei jenem Anblicke das Blut in den Kopf, denn wie leicht war es möglich, daß ein Korsar, verwegener als seine Genossen, sich hier, an einem so vielbesuchten Punkte, auf die Lauer gelegt haben möchte! Je genauer ich mir das Segel durch mein Fernrohr ansah, desto mehr schöpfte ich Verdacht. Ich veränderte meinen Kurs, um mich näher am Lande zu halten; die Barke tat desgleichen. Ich setzte Segel über Segel auf; sie tat auch ihrerseits alles mögliche, um uns näher zu kommen.
In dieser kritischen Lage rief ich mein Schiffsvolk zusammen und sagte: »Kinder, ihr seht – da haben wir die Bescherung! Die türkischen Hunde haben es offenbar auf uns gemünzt und unsere Pässe helfen uns hier nicht durch. Was meint ihr? Sollen wir uns von ihnen so mir nichts dir nichts entern lassen und vor dem Pack zu Kreuze kriechen? Ich meinesteils zöge lieber den Tod vor, als mich zeitlebens in der Sklaverei unter die Peitsche zu ducken. Oder habt ihr größere Lust dazu? Sprecht!« – Die Kerle sahen mir das Feuer aus den Augen leuchten und wurden selber warm. Sie meinten, es müßte wacker dreingeschlagen werden, und zugleich lief alles, die Gewehre, soviel wir deren hatten, zur Hand zu nehmen und instand zu setzen.
Unter diesen kriegerischen Vorbereitungen war uns aber auch das Fahrzeug so nahe auf den Leib gekommen, daß es uns zurufen konnte: ob wir keinen Lotsen nach Lissabon zu haben verlangten? – Da hatten wir nun auf einmal die Lösung des Rätsels! Es war eine portugiesische Fischerbarke, und wir hatten uns ganz umsonst gefürchtet. Wenigstens wurde unsere Bravour nun auf keine weitere Probe gestellt. Allein mit einem kleinen Reste von Besorgnis und Mißtrauen wollten wir uns diese dienstfertigen Leute lieber doch nicht gar zu nahe kommen lassen, lehnten ihr Anerbieten höflich ab, suchten mit guter Manier von ihnen abzukommen und warfen gleich darauf am letzten September im Tajo die Anker.

In Lissabon war ich an den alten Korrespondenten des Großschen Hauses, Herrn John Bulkeley, adressiert und eines Tages auf dem Wege, seiner Einladung zur Mittagstafel zu folgen. Ich mußte über einen großen Marktplatz, wo ich bereits aus der Ferne ein großes Gedränge von Menschen bemerkte. In der Meinung, daß es dort wohl eine öffentliche Hinrichtung geben möchte, trat ich näher, erkannte aber bald meinen Irrtum, da ich eines großen Zeltes ansichtig ward, von dessen Spitze, zu meiner Verwunderung, die preußische Flagge lustig im Winde wehte.

Nun mußte ich natürlich genauer zusehen. Ich drängte mich mit Mühe durch den dicksten Haufen, bis ich am Eingange des Zeltes stand, zu dessen beiden Seiten ein paar baumhohe preußische Grenadiere in ihren hohen blanken Spitzmützen stattlich schilderten. Fast hätte ich Lust gehabt, die braven Landsleute hier unter fremdem Himmel treuherzig zu begrüßen, als ich noch zu rechter Zeit inne ward, daß mich ein paar Wachspuppen getäuscht hatten und daß ich hier wahrscheinlich am Eingange eines Wachsfigurenkabinettes stand, dem diese martialischen Gesichter nur zu einem Aushängeschilde dienten. Indes, meine Neugier war nun einmal geweckt und ich beschloß, hineinzutreten; denn hinter solchen Türhütern, dachte ich, müsse wohl noch mehr stecken, woran ein preußisches Herz sich erlaben könne.
Und so war es auch wirklich! So getreu und natürlich, als ob er lebte, stand mitten inne der alte König Friedrich, mit einem Richterschwert in der Hand, und vor ihm lag ein Mann mit Weib und Kindern auf den Knien, die um Gerechtigkeit zu flehen schienen. Ihm zur Rechten war eine große Wage angebracht, in deren einer Schale eine Bildsäule der Gerechtigkeit thronte und die andere, die mit Papieren und Akten angefüllt war, hoch in die Höhe wog. Zur andern Seite eine Gruppe preußischer Generale und Justizpersonen, und im Hintergrunde in großen leuchtenden Buchstaben die portugiesische Inschrift: »Gerechtigkeitspflege des Königs von Preußen«; – darunter aber der Name »Arnold«. – Man sieht also, daß hier der Prozeß des Müllers Arnold gemeint war, der damals als Neuigkeit des Tages durch ganz Europa das höchste Aufsehen erregte. Wem dennoch das Ganze hätte unverständlich bleiben mögen, dem half ein Ausrufer zurecht, der die Geschichte laut und pathetisch herzuerzählen wußte.
Alles horchte und schien tief ergriffen; auch mir armem Narren hämmerte das Herz unterm dritten Knopfloch, daß ich mich vor patriotischer, freudiger Wehmut kaum zu fassen wußte. Nein, es mußte heraus! Ich mußte mich in den innersten Kreis hervordrängen, und so gut oder übel ich die fremde Sprache zu radebrechen verstand, rief ich aus: »Mein König! Ich bin Preuße!« – Diese wenigen Worte fielen wie ein elektrisches Feuer in alle Herzen. Die ganze Schar umringte mich, sank um mich her auf die Kniee und hob gleichsam anbetende Hände zu mir empor. »Gloria dem Könige von Preußen!« rief der eine – »Heil ihm!« der andere – »Heil für die strenge Gerechtigkeit!« – »Leuchtendes Beispiel für alle Regenten der Erde! Heil ihm!« – Mit jedem Augenblicke vermehrte sich das Geschrei und Getümmel.
Die Tränen drängten sich mir aus den Augen. Ich neigte mich rings herum; ich legte die Hand aufs Herz; ich dankte stammelnd und suchte einen Ausweg durch die immer gedrängter zusammenstürzende Menge. Zwar machten sie mir willig Platz, aber sie folgten mir auch mit anhaltendem Freudengeschrei: »Vivat der gerechte König!« Nie in meinem Leben fühlte ich mich geehrter und glücklicher, ein Untertan des großen Friedrich zu sein. Mein Herz ward mir zu schwer, ich schwankte, konnte nicht weiter und mußte mich erschöpft an eine Straßenecke lehnen. Nur meine erhobenen Hände, die ich unwillkürlich, wie zum Segnen, nach dem Volke ausstreckte, vermochten meinen Dank auszusprechen.
Endlich wankte ich wieder die Gasse hinauf, aber mit einem Schweife von Menschen hinter mir, der sich mit jedem Augenblicke vergrößerte und den König von Preußen hochleben ließ. Im Hause meines Korrespondenten, in welches ich mit Mühe flüchtete, waren alle Türen und Fenster aufgerissen und mit verwunderten Zuschauern besetzt. Umsonst fragte man mich, was dies zu bedeuten habe. Mein bewegtes Gemüt fand keine Worte. Draußen aber stieg der freudige Tumult immer höher, und um das Volk zu beruhigen und vom Platze zu bringen, blieb mir nichts übrig, als auf den Balkon zu treten und mich noch einmal zu zeigen. Ich dankte mit Mund und Händen und allmählich verlief sich der Menschenstrom.
Hierauf erzählte ich meinen Tischgenossen die wundersame Begebenheit, welche ich soeben erlebt hatte, und die Arnoldsche Prozeßgeschichte, so gut sie mir bekannt war. Einer von den anwesenden Kontoristen versicherte jedoch, über diese noch genauere Auskunft geben zu können, ging hin und holte eine kleine portugiesische Flugschrift, die in einer treuen geschichtlichen Darstellung dem gerechteren der Könige auch bei einem entfernten Volke ein verdientes Ehrenmal setzte. – Hieran spiegelt euch, ihr Preußen!
Einige Tage später sprach ein portugiesischer Kaufmann mich auf der Börse an und bat mich höflichst, zu Mittag sein Gast zu sein; nach Verlauf der Börsenzeit werde er mir einen Wink geben, mit ihm zu gehen. Ich sagte zu und hatte ihn im Gewühle kaum aus den Augen verloren, als mehrere Schiffskapitäne von meiner Bekanntschaft, die das mit angesehen hatten, mich mit Fragen bestürmten, ob dieser Mann mir etwa bekannter sei, als ihnen allen, die er gleichwohl, wie mich, zu Tische geladen habe. Ich mußte das schlechterdings verneinen und war, gleich ihnen, über seinen Einfall einigermaßen verwundert.

Das hinderte jedoch nicht, daß wir nach geendigter Börsenstunde zusammengerufen wurden. Es waren unser neun Schiffskapitäne, im buntesten Gemische, wie die Männer in der Pfingstepistel – Dänen, Hamburger, Lübecker, Schweden, Schwedisch-Pommern und Danziger. Auch fanden wir, als wir im Hause unseres Gastgebers anlangten, dort bereits mehrere Kaufleute versammelt und ein schmackhaftes Mahl bereitet, wobei zugleich tapfer getrunken wurde, denn unser Wirt verstand die Kunst des Zunötigens aus dem Grunde, und so artete es nach aufgehobener Tafel bald in ein Bacchanal aus, wo weder Maß noch Anstand mehr beobachtet wurde. Bei mir, der ich genau das Maß kannte, welches ich nicht überschreiten durfte, um bei Verstand und Ehren zu bleiben, ging jedoch bald jedes gute wie jedes böse Wort des Gastgebers verloren. »Basta, und keinen Tropfen mehr!« war und blieb mein letzter Trumpf, der endlich auch gelten mußte. Weniger gut kamen die übrigen Schiffskapitäne weg, die sich dergestalt übernahmen, daß sie zuletzt samt und sonders unter den Tisch sanken. Ich meinesteils hatte mich inzwischen mit den anwesenden Kaufleuten unterhalten, bis ich, des bestialischen Anblicks müde, mich empfahl und mich an Bord meines Schiffes begab.
Gleichwohl rieb ich mir am anderen Morgen etwas verdutzt die Augen aus, als ich unseren gestrigen Wirt in Begleitung jener Kaufleute, welche Teilnehmer des Gelages gewesen waren, bei mir eintreten sah. Sie schüttelten mir treuherzig die Hand und eröffneten mir lachend, das gestrige Trinkfest sei absichtlich von ihnen angestellt worden, um sich unter uns neunen den rechten Mann auszusuchen, dem sie, als dem solidesten und besonnensten, eine Ladung von Wert anvertrauen könnten. Einstimmig wäre ihre Wahl auf mich gefallen und so frügen sie mich, ob es mir anstände, eine volle Ladung Tee nach Amsterdam zu übernehmen? –
Leicht kann man denken, daß ich nicht »nein!« sagte. Tee war damals leicht eine der reichsten Frachten, die auf Brettern schwamm, und die nur einer neutralen Flagge, wie die meinige war, anvertraut werden konnte, da nach und nach auch Holland in den amerikanischen Freiheitskrieg verwickelt worden war und die Engländer alles kaperten, was die Bestimmung nach einem holländischen Hafen hatte und nicht eines solchen Freipasses genoß. Wir wurden zu beiderseitiger Zufriedenheit um ein Frachtgeld von fünfunddreißigtausend Talern, fünf Prozent Havarie und zehn Prozent Kapplakengelder einig. Sowie mein Schiff ledig war, fing ich an, den Tee einzuladen.
Während dieser Zeit suchte ein holländischer Schiffskapitän namens Klock mich an meinem Borde auf, um mich zu ersuchen, daß ich ihn samt seinem Schiffsvolk, aus vierzehn Köpfen bestehend, als Passagiere mit mir nach Holland nehmen möchte. Da ich sein gutes und rechtliches Wesen erkannte, so gestand ich ihm nicht nur sein Gesuch von Herzen gern zu, sondern erbot mich auch, da er mir unterwegs von mannigfachem Nutzen sein konnte, ihm und seinen Leuten von nun an bis zu unserer Ankunft in Amsterdam die freie Kost, so gut ich sie selber hätte, zu reichen. Freilich war das Menschen- und Christenpflicht, aber auch mein Patriotismus kam hier auf eine wunderliche Weise mit ins Spiel, weil ich nicht schlechter an den armen Leuten handeln wollte, als – der Kaiser von Marokko. Das war so gewesen:

Kapitän Klock, der in Amsterdam zu Hause und dessen Schiff nach den kanarischen Inseln bestimmt war, fand es wegen der politischen Konjunkturen für ratsamer unter der preußischen als unter seiner vaterländischen Flagge zu fahren. Er ging also zuvor nach Emden, gewann dort um eine Kleinigkeit das Bürgerrecht und genoß von dem Augenblicke an die Rechte und den Schutz eines preußischen Untertans. So gesichert, stach er in See, hatte aber das Unglück, sein Schiff an der marokkanischen Küste durch einen Sturm zu verlieren. Nur kümmerlich rettete er sich samt seinen Gefährten ans Land, wo sie freilich nur Ketten und Banden zu erwarten hatten. Ein schreckliches Loch war ihr Gefängnis, wo sie bei Maiskörnern und Wasser zwischen Tod und Leben in schrecklicher Angst über ihr Schicksal hinschmachteten. Denn soviel hatte man sie verständigt: man wisse nicht, was man aus ihnen und ihrer ans Land getriebenen Flagge machen solle. Es sei daher die letztere an das dreißig Meilen entfernte Hoflager des Kaisers gesandt worden und von dorther erwarte man eine Verfügung.
Nach neun Tagen endlich erschien vor ihrem Kerkerloche ein gewaltiger Trupp bewaffneter Mauren; ihre Banden lösten sich und sie wurden jeder auf einen Esel gesetzt, um eine Reise anzutreten, deren Ziel sie nicht zu erraten vermochten, wiewohl sie ahnten, daß man sie tiefer landeinwärts zu verkaufen gedenke. Diese Furcht endigte sich aber, als sie die Hauptstadt Marokko erreichten, wo ein deutscher Jude als Dolmetscher sich zu ihnen gesellte und sie, laut erhaltenem Befehl, alsbald vor den Kaiser Muley Ismael führte. Hier wurden sie aufgefordert, sich auszuweisen, ob sie Untertanen des Königs von Preußen wären. Sie standen nicht an, dies zu bejahen und sich auf ihre Flagge zu berufen.
»Wohl!« lautete die durch den Dolmetscher erteilte Antwort des Fürsten – »von eurem Monarchen, seiner Weisheit und seinen Kriegen sind so viele Wunderdinge zu meinen Ohren gekommen, daß es mich mit Liebe und Bewunderung gegen ihn erfüllt hat. Die Welt hat keinen größeren Mann als ihn, als Freund und Bruder habe ich ihn in mein Herz geschlossen. Ich will darum auch nicht, daß ihr, die ihr ihm angehört, in meinen Staaten als Gefangene angesehen werden sollt. Vielmehr habe ich beschlossen, euch frank und frei in euer Vaterland heimzuschicken, auch meinen Kreuzern anbefohlen, wo sie preußische Schiffe in See antreffen, ihre Flagge zu respektieren und sie selbst nach Möglichkeit zu beschützen.«
Des anderen Tages wurden sie auf kaiserlichen Befehl nach maurischer Weise (wie sie auch noch in Lissabon auftraten) neu gekleidet und ihnen eine anständige Wohnung angewiesen. Den Kapitän aber ließ Muley Ismael fast täglich zu sich fordern, um Fragen an ihn zu richten, die sich auf den großen Preußenkönig bezogen; z. B. von welcher Statur er sei? wie lange er schlafe? was er esse und trinke? wieviel Soldaten – auch wieviel Frauen er halte? und dergleichen mehr. Der gute Klock gestand, er habe lügen müssen, wie er nur immer gekonnt, um der kaiserlichen Neugierde nur einigermaßen zu genügen, da ihm von all diesen Dingen herzlich wenig bewußt gewesen.