Ein Mann (continued 4)
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Dies zu ergründen, stellte ich sofort meine Leute an beide Pumpen; und mittlerweile daß sie diese in Bewegung setzten, ging ich auf dem Schiffe von hinten nach vorn und nach allen Seiten, besah mir's oben und unten und nahm endlich wahr, daß die Tür zur Kajüte niedergehauen war. Sogar das Beil, womit dies geschehen sein mochte, lag noch daneben. Ich erschrak nicht wenig über diesen unvermuteten Anblick: denn nun schoß mir's aufs Herz, daß hier gottlose Buben gehaust haben müßten, die den Kapitän oder sonstigen Befehlshaber ermordet haben müßten und sich in diesem Augenblicke vielleicht absichtlich im unteren Raume versteckt hielten. Voll von dieser Vorstellung, hielt ich es auch nicht für ratsam, mich dahinunter zu wagen.
Unterdes hatten meine Begleiter wacker an den Pumpen gearbeitet und erklärten nach etwa zwölf bis fünfzehn Minuten: das Schiff sei rein und die Pumpen zögen kein Wasser mehr. »So kommt denn alle!« rief ich – »nehmt eure Wehren zur Hand, spannt den Hahn und folgt mir dicht zusammengeschlossen nach.« – In solcher Ordnung nun stiegen wir zuvörderst in die Kajüte hinab, wo der zertrümmerte Eingang uns nichts als einen vollen Greuel der Verwüstung erwarten ließ. Dem war jedoch keineswegs also, sondern überall das Geräte in bester Ordnung, als ob gar nichts vorgefallen. Ich hob den Deckel von einer Seitenbank empor und fand den Sitz angefüllt mit Weinflaschen, die sorgsam in Stroh gepackt waren. Zu näherer Untersuchung zog ich eine daraus hervor, hielt sie gegen das Licht und fand sie mit rotem Clairet gefüllt. Eine Schieblade im Tische, die ich hervorzog, enthielt allerlei Tafelgerät, Messer, Gabeln usw. Ich nahm ein Messer, schlug jener Bouteille den Hals ab, und wir machten ein Schlückchen nach dem andern, bis uns der Boden entgegenleuchtete. Nun machten meine Gefährten nicht übel Miene, auch dem Reste auf gleiche Weise zuzusprechen: allein, bange vor den möglichen Folgen, rief ich mein »Halt! Keinen Tropfen mehr!« dazwischen und schritt sofort zu einer weiteren Untersuchung.
In einer anderen Schieblade, die ich öffnete, fiel mir ein starkes Pack Briefe in die Hände, deren Aufschriften sämtlich nach Port au Prince, Martinique, Guadeloupe und andern französischen Inseln lauteten. Ich griff einige auf gut Glück daraus hervor und steckte sie zu mir, um sie demnächst bei besserer Muße genauer zu untersuchen. Für den Augenblick aber ward meine volle Aufmerksamkeit von einer Luke angezogen, die sich in der Mitte des Fußbodens der Kajüte vorfand und angelweit offen stand. »Hier wird es doch der Mühe wert sein, hinunterzusteigen,« sagte ich zu meinen Leuten; – »wäre es auch nur, um zu erfahren, womit das Schiff geladen sein mag.« – Zu gleicher Zeit ließ ich mich an den Händen hinab, ohne jedoch mit den Füßen Grund zu erreichen. »Nun, es wird ja so tief nicht mehr sein!« dachte ich bei mir selbst, ließ oben fahren und purzelte auf einen Haufen, den ich alsbald für Steinkohlen erkannte.
Indem ich über dies unbequeme Lager hinüberkroch, geriet ich, bald hier bald dort im Dunkeln umhertappend, an Fässer, Ballen und Packen in Bastmatten gehüllt, die mich auf eine vermischte Ladung schließen ließen. Unwillkürlich aber stieg mir bei dieser irren Beschäftigung auch die Befürchtung zu Kopf, daß in diesem Chaos auch wohl Menschen stecken und mir auf den Dienst lauern könnten. Schon war mir's, als ob sie mir überall auf dem Nacken säßen, als würde bei jedem nächsten Tritte eine grimmige Faust mich anpacken. Vergeblich sträubte sich mein Mut und suchte diesen feigherzigen Gedanken abzuschütteln. Mich ergriff ein Zittern, das mich mit einer Gänsehaut überlief und wohl oder übel wieder nach dem Tageslichte hin zurückdrängte. Erst dann ward mir wieder wohl, als ich oben an der Luke ein paar von meinen Gefährten erblickte, die auf den Knien lagen und in den Raum hinabsahen. An ihren dargereichten Händen ward ich wieder emporgezogen.
Inzwischen war auch mein Kapitän bei seinem Manövrieren dem Schiffe wieder nahe genug gekommen, um mir durchs Sprachrohr zuzurufen, wie es an meinem Borde stände. Ich antwortete, das Schiff sei fest und dicht und alles darauf in guter Ordnung, aber nicht Mann noch Maus darauf zu spüren. Er befahl mir darauf, ihm die Schaluppe mit acht Mann hinüber zu schicken, weil er selbst willens wäre, den Fund in Augenschein zu nehmen. Das erstere geschah; als er jedoch auf dem Herwege noch etwa achtzig Klafter von meinem Borde entfernt war, erhob sich plötzlich ein so heftiger Wirbelwind, daß man sich auf unserem eigenen Schiffe genötigt sah, die Segel eiligst einzuziehen. Dieser Zufall benahm meinem Kapitän den Mut. »Kommt! kommt! Zu mir herüber!« rief er mir aus dem Fahrzeuge zu; und indem er an meine Seite legte, hörte er nicht auf mit: »Her zu mir, in die Schaluppe! Fort! fort!« – bis ich ihm den Willen tat, mit dem Rest meiner Leute zu ihm einstieg, und solchergestalt mit ihm nach unserem Schiffe zurückruderte. Als wir dort ankamen, ward die Schaluppe unter die Takel gebracht, emporgehoben und wieder an ihrem Platze befestigt.
Sobald wir nun wieder in Ordnung und zur Besinnung gekommen waren, galt es die Frage: Was mit dem herrenlosen Schiffe zu tun oder zu lassen sei. – Ich und mehrere mit mir stellten dem Kapitän auf das triftigste vor, daß es doch Sünde und Schande sein würde, wenn wir diesen Fund so um nichts und wieder nichts aufgeben wollten. Allein wie dringend wir ihm auch anlagen, so schien doch sein Widerwille gegen jedes weitere Vornehmen zu diesem Zwecke so gut als unbezwinglich, und, wohlerwogen, war es ihm eigentlich auch nicht zu verdenken, wenn er üble Lust bezeigte, sich mit einem Handel dieser Art zu schaffen zu machen. Die Sache hing aber so zusammen:
Auf seiner vorigen Fahrt nach der Küste von Guinea hatte Kapitän Harmel von einem englischen Sklavenschiffe Besitz genommen, das infolge einer unter den Schwarzen ausgebrochenen Meuterei von diesen überwältigt worden war. Sie hatten, beinahe hundert Köpfe stark, die ganze Schiffsmannschaft bis auf einen Steuermann und zwei Matrosen ermordet, welche unter dem Beding verschont worden waren, daß sie die Neger in deren Heimat zurückführen sollten. Auf diesem Zuge nun fielen sie meinem Kapitän in die Hände, und es munkelte nicht nur, daß er mit ihnen, wie mit der Schiffsladung, nicht zum besten gewirtschaftet, sondern daß auch das Schiff selbst von seinen daraufgesetzten Leuten verwahrlost und bei St. Georg de la Mina gestrandet sei. Hierüber hatten die Reeder desselben in England gegen Harmel ein gerichtliches Verfahren eingeleitet und wollten ihn für nichts besseres als einen Seeräuber erklärt wissen. Dieser Prozeß schwebte noch vor den holländischen Gerichten, und je zweifelhafter es war, wie das Endurteil ausfallen könnte, um so weniger mochte er allerdings Neigung in sich spüren, etwas Frisches auf sein Kerbholz zu bringen.
Wir jedoch, die wir die Sache mit ganz anderen Augen ansahen, drangen so ungestüm und unablässig in ihn, das Schiff zu besetzen, daß er endlich einwilligte, die große Schiffsglocke läuten zu lassen und einen allgemeinen Schiffsrat zu halten. Es ward beschlossen, daß zwölf von den Unseren das Schiff zur Notdurft bemannen und ich die Ehre haben sollte, es nach einem holländischen Hafen in Sicherheit zu bringen.
»Gut gemeint, aber schlecht beraten,« war meine Einrede, »und so muß ich mich der zugedachten Ehre höflichst bedanken. Wer möchte wohl eine solche Kommission so losen Fußes auf sich nehmen? Denn wie? wenn nun auf dem Wege nach Europa irgendein englisches, französisches oder anderweitiges Kriegsschiff auf mich stieße und nach meinen Schiffspapieren fragte? Möchte ich zehnmal versichern und schwören, daß es mit dem Funde ehrlich und christlich zugegangen, wer würde mir's glauben und mich nicht vielmehr für einen argen Freibeuter erklären und mir und all meinen Gefährten die hanfene Schleife zuerkennen? – Und steckt nicht noch dort die Kugel im Schiffsrumpfe in dem gesplitterten Barkholze, die wir vorhin abgeschossen haben und die Zeugnis von gebrauchter Gewalt gegen uns ablegen würde? Im besten Falle würden wir in ein finsteres Loch gesteckt und könnten schwitzen, bis wir schwarz würden, bevor die Mannschaft der Christina, die unterdes in den afrikanischen Gewässern umherschweifte, vernommen werden könnte und uns wieder aus der Patsche hülfe.«
Meinem Bedenken war nicht füglich zu widersprechen, doch fand und ergriff man endlich den Ausweg, daß, zu meiner besseren Beglaubigung, ein schriftliches Zeugnis über den ganzen Hergang, mit all seinen besonderen Umständen, ausgefertigt und von der gesamten Harmelschen Schiffsmannschaft eigenhändig unterzeichnet werden sollte. Da es nun in Holland herkömmliche Einrichtung ist, daß vor dem Auslaufen eines jeden Schiffes die gesamte Besatzung ihre Namenszüge bei der Admiralität in die Schiffsregister eintragen muß, um vorkommenden Falles dadurch bewahrheitet zu werden, so konnte die Echtheit dieser Urkunde in Rotterdam unfehlbar ausgemittelt werden und diesem Beweise unserer Ehrlichkeit nichts zur Gültigkeit abgehen. Auch ich erklärte mich nun mit einem solchen Passe zufrieden.
Inzwischen nahte der Abend bereits heran, und bei dem stürmischen Wetter schien es am ratsamsten, jene Ausfertigung bis zum nächsten Morgen zu verschieben; damit jedoch dem fremden Schiffe bis dahin, falls es länger sich selbst überlassen bliebe, kein Zufall zustieße, sollte der Untersteuermann Peters dasselbe mit zehn Matrosen vorläufig sogleich in Obhut nehmen. Seine Instruktion lautete dahin, sich mit dem Schiffe so nahe als möglich an dem unserigen zu halten, und es wurden die Signale verabredet, woran beide sich während der Nacht erkennen wollten. Zwar kannten wir ihn als einen nicht sonderlich gewiegten Seemann, doch schien der Dienst, wozu er beordert worden, um so weniger bedenklich, da ich ihn binnen zwölf oder fünfzehn Stunden abzulösen gedachte, um sodann das Schiff nach Holland heimzuführen.
So fuhr denn Peters mit seiner Mannschaft in unserer Schaluppe hinüber; die Segel wurden dort den unserigen gleichgestellt, und das Schiff gewann wieder einen festen und regelmäßigen Gang, bei welchem es, etwa in der Entfernung eines Kanonenschusses, uns zur Seite blieb. Mit Einbruch der Nacht steckten wir unsere Laterne aus, und dort geschah ein Gleiches. Ich versah die erste Wache von acht bis zwölf Uhr und nahm mit meinen Leuten wahr, daß sich das jenseitige Licht je mehr und mehr entfernte und endlich zwischen zehn und elf Uhr gar erlosch. Augenblicklich ward dies dem Kapitän gemeldet und hierauf beschlossen, einen Stückschuß abzufeuern, um unserem Gefährten unsere Richtung anzugeben.
Der Erfolg war keineswegs befriedigend. Wir wiederholten nun diese Signalschüsse von Zeit zu Zeit die ganze Nacht hindurch, ja steckten endlich selbst scharfe Patronen auf, um den Knall zu verstärken und in desto weitere Ferne gehört zu werden. Unter steigender Unruhe graute endlich der Morgen heran, alles eilte an den Masten hinauf, um sich rings umher umzusehen. Umsonst! Freund Peters samt unserer Prise war und blieb verschwunden!
Unsere Bestürzung war nicht gering. Wie war dies zugegangen? Was war geschehen? Was konnte geschehen sein? Ein unermeßliches Feld eröffnete sich unseren Mutmaßungen und Zweifeln. Manche waren der Meinung, unsere Leute wären samt dem Schiffe gesunken; so wie es auch zuvor schon von seiner eigentlichen Besatzung um irgend eines nicht mehr zu stopfenden Lecks willen verlassen worden sein möchte. Dem mußte ich aber mit Fug entgegnen, daß ich samt allen, die mit mir an Bord gewesen, das Schiff dicht und gut befunden, daß wir das wenige Wasser, das sich am Kiele gesammelt, mit leichter Mühe ausgepumpt, und daß ich ja auch selbst in den Raum hinabgestiegen gewesen, ohne etwas von eingedrungenem Wasser zu spüren. Billig also ward diese Voraussetzung verworfen.
Möglicher aber schien es uns und stieg bald zur ängstlichen Besorgnis, daß allerdings doch Leute im Schiffe versteckt gewesen, die bei Nacht unversehens hervorgebrochen, die unsrigen überwältigt und ermordet und sich, unter Begünstigung der Finsternis, davongemacht hätten. Gewalttätigkeit und Meuterei schien, wie die zersplitterte Kajütentüre bewies, allerdings vor der Begegnung mit uns auf dem Schiffe stattgefunden zu haben. Wußten sich nun die Empörer schuldig, so war es wohl natürlich, daß sie, als sie uns unter Flagge und Wimpel auf sich zukommen und sie mit Kanonenschüssen begrüßen sahen, in der Unmöglichkeit, uns zu entkommen, sich lieber in die geheimsten Winkel verkrochen hatten und es auf den Zufall ankommen lassen, ob wir sie entdecken oder ob sie vielleicht den Mantel der Nacht gewinnen würden, um mit dem Schiffe wieder durchzugehen. Wir hatten also wohl nur zu viel Ursache, das Schicksal unserer armen zwölf Gefährten zu bedauern.
Allein selbst wenn wir ihnen auch das bessere Los wünschen wollten, daß sie – sei es durch Zufall, Ungeschicklichkeit, oder gar durch vorsätzlichen bösen Willen, – in der Nacht von uns abgekommen, so waren sie darum noch wenig besser beraten; und nicht nur sahen sie sich all den Gefahren ausgesetzt, die ich gescheut und zu vermeiden gesucht hatte, sondern es stand auch überhaupt gar sehr dahin, ob sie jemals Holland oder irgendeine andre Küste wohlbehalten erreichen möchten. Der Steuermann war, wie schon gesagt, ein Dummbart, welcher der Führung eines Schiffes auf einen so weiten Weg keineswegs gewachsen war. Doch hätte es auch besser um sein Wissen gestanden, so fehlte es ihm auch zu einem solchen, nimmer von ihm zu erwartenden Wagestück ganz an einem festen Punkte, welchen er bei seiner Schiffsrechnung hätte zum Grunde legen können, denn in der Eile, womit seine Absendung betrieben wurde, war entweder nicht daran gedacht, oder überhaupt für die kurze Zeit seines Dienstes nicht für nötig gehalten worden, ihm unsere zuletzt beobachtete Länge und Breite mitzugeben. Ebensowenig fand er dort Instrumente nach holländischer Art (wie er sie allein gewohnt war), um die Sonnenhöhe zu nehmen; und fielen ihm auch die dort geführten Schiffsjournale und Seekarten in die Hände, so blieben sie ihm doch ebenso unnütz zum Gebrauche, da sie in französischer Sprache verzeichnet waren. Immer also gaben wir, nicht ohne Kummer, ihn und die Seinen verloren.
Erst einige Tage nachher klärte sich wenigstens einiges, was uns an diesem Schiffe rätselhaft war, um etwas auf, aber den völligen Zusammenhang der Dinge, sowie das weitere Schicksal desselben, sollte uns erst in späterer Zeit und auf verschiedenen Wegen zur Kenntnis kommen. Jene ersten Entdeckungen ergaben sich uns, als ich zufällig den Schanzloper wieder auf den Leib zog, welchen ich zu jenem Male, da ich auf dem fremden Schiffe gewesen, getragen. Indem ich nämlich zufällig in die Tasche griff, kamen mir die Briefe wieder in die Hände, welche ich damals zu mir gesteckt hatte, ohne mich ihrer bis jetzt wieder zu erinnern. Ich eilte mit meinem Funde zu dem Kapitän in die Kajüte, und es gab kein Bedenken, die Briefe zu öffnen, damit wir einst im entstehenden Falle um so leichter von unserm bestandenen Abenteuer Rede und Antwort zu geben vermöchten.
Zwar waren diese Papiere, wie wir nunmehr ersahen, französisch abgefaßt und also uns beiden unverständlich; allein wir hatten einen französischen Matrosen namens Josephe an Bord, welcher sofort gerufen wurde, um uns als Dolmetscher zu dienen. So bestätigte sich denn unsere frühere Vermutung, daß das verlassene Schiff ein französisches gewesen. Es war von Havre de Grace ausgegangen, und zwar nur vier Tage früher, als wir von Goree in See gelaufen. Martinique hatte sein Bestimmungsort sein sollen. Name des Schiffes sowie des Kapitäns sind mir wieder entfallen, auf die Sache selbst aber werde ich noch weiterhin wieder zurückkommen.
Inzwischen beförderten wir unsere Reise nach Möglichkeit, kamen ins Gesicht von Madeira und Teneriffa, passierten die Kapverdischen Inseln und erblickten am 24. Dezember die Küste von Guinea unter vier Grad zehn Minuten nördlicher Breite, liefen anfangs nach der Sierra Leona hinauf und warfen endlich am 4. Januar 1772 vor Kap Mesurado den Anker.


Bevor ich in meinem Lebensberichte fortfahre und mich zu den kleinen Abenteuern hinwende, die mir an der afrikanischen Küste begegnet sind, wolle mir der geneigte Leser über die nunmehr ergriffene Lebensart einige Entschuldigung zugute kommen lassen. »Wie?« wird er vielleicht bei sich selbst gesagt haben, »Nettelbeck ein Sklavenhändler? Wie kommt ein so verrufenes Handwerk mit seinem ehrlichen pommerschen Herzen zusammen?« – Allein das ist es ja eben, daß dies Handwerk zu damaliger Zeit bei weitem nicht in einem solchen Verrufe stand, als seitdem man, besonders in England, wider den Sklavenhandel (und auch wohl nicht mit Unrecht) als einen Schandfleck der Menschheit geschrieben und im Parlamente gesprochen hat, und wenn er durch dies nachdrückliche Geschrei entweder ganz abgekommen ist oder doch mit heilsamer Einschränkung betrieben wird, so ist gewiß auch der alte Nettelbeck nicht der letzte, der seine herzliche Freude darüber hat. Aber vor fünfzig Jahren galt dieser böse Menschenhandel als ein Gewerbe, wie andere, ohne daß man viel über seine Recht- oder Unrechtmäßigkeit grübelte. Wer sich dazu brauchen ließ, hatte Aussicht auf einen harten und beschwerlichen Dienst, aber auch auf leidlichen Gewinn. Barbarische Grausamkeit gegen die eingekaufte Menschenladung war nicht notwendigerweise damit verbunden und fand auch wohl nur in einzelnen Fällen statt; auch habe ich meinesteils nie dazu geraten oder geholfen. Freilich stieß ich oft genug auf Roheit und Härte; aber die waren mir leider überall, wohin der Beruf des Seemanns mich führte, ein nur zu gewohnter Anblick und konnten mir daher eine Lebensweise nicht verleiden, mit der ich schon bei meinem ersten Ausfluge in die Welt vertraut geworden war, und zu der ich also jetzt um so unbedenklicher zurückkehrte.

Zu besserem Verständnisse des Folgenden wird es erforderlich sein, einige Worte über die Art und Weise, wie dieser Negerhandel damals von den Holländern betrieben wurde, beizubringen.
Da hier Menschen nun einmal als Ware angesehen wurden, um gegen die Erzeugnisse des europäischen Kunstfleißes ausgetauscht zu werden, so kam es hauptsächlich darauf an, solche Artikel zu wählen, welche Bedürfnis oder Luxus den Schwarzen am unentbehrlichsten gemacht hatte. Schießgewehre aller Art und Schießpulver in kleinen Fässern von acht bis zweiunddreißig Pfund nahmen hierunter die erste Stelle ein. Fast ebenso begehrt war Tabak, sowohl geschnitten als in Blättern, samt irdenen Pfeifen, und Branntwein. Kattune von allen Sorten und Farben lagen in Stücken von einundzwanzig bis vierundzwanzig Ellen, sowie auch dergleichen oder leinene und seidene Tücher, deren sechs bis zwölf zusammengewirkt waren. Ebensowenig durfte ein guter Vorrat von leinenen Lappen, drei Ellen lang und halb so breit, fehlen, die dort als Leibschurz getragen werden. Den Rest der Ladung füllten allerlei kurze Waren, als kleine Spiegel, Messer aller Art, bunte Korallen, Nähnadeln und Zwirn, Fayence, Feuersteine, Fischangeln und dergleichen.

Einmal gewöhnt, diese verschiedenen Artikel von den Europäern zu erhalten, können und wollen die Afrikaner sowohl an der Küste als tiefer im Lande sie nicht missen und sind darum unablässig darauf bedacht, sich die Ware zu verschaffen, wogegen sie sie eintauschen können. Also ist auch das ganze Land immerfort in kleine Parteien geteilt, die sich feindlich in den Haaren liegen und alle Gefangenen, welche sie machen, entweder an die schwarzen Sklavenhändler verkaufen oder sie unmittelbar zu den europäischen Sklavenschiffen abführen. Allein oft, wenn es ihnen an solcher Kriegsbeute fehlt und sie neue Warenvorräte bedürfen, greifen ihre Häuptlinge, die eine despotische Gewalt über ihre Untertanen ausüben, diejenigen auf, welche sie für die entbehrlichsten halten, oder es geschieht wohl auch, daß der Vater sein Kind, der Mann das Weib und der Bruder den Bruder auf den Sklavenmarkt zum Verkaufe schleppt. Man begreift leicht, daß es bei solchen Raubzügen an Grausamkeiten jeder Art nicht fehlen kann und daß sich alle diese Länder dabei in dem elendesten Zustande befinden. Aber ebensowenig kann auch abgeleugnet werden, daß die erste Veranlassung zu all diesem Elende von den Europäern herrührt, welche durch ihre eifrige Nachfrage den Menschenraub bisher begünstigt und unterhalten haben.
Ihre zu diesem Handel ausgerüsteten Schiffe pflegten längs der ganzen Küste von Guinea zu kreuzen und hielten sich unter wenigen Segeln stets etwa eine halbe Meile oder etwas mehr vom Ufer. Wurden sie dann am Lande von Negern erblickt, welche Sklaven oder Elefantenzähne zu verhandeln hatten, so machten diese am Lande ein Feuer an, um dem Schiffe durch den aufsteigenden Rauch ein Zeichen zu geben, daß es vor Anker ginge; warfen sich aber auch zu gleicher Zeit in ihre Kanots und kamen an Bord, um die zur Schau ausgelegten Warenartikel zu mustern. Vor ihrer Entfernung versprachen sie dann, mit einem reichen Vorrat von Sklaven und Zähnen sich wieder einzufinden, oft jedoch ohne darin Wort halten zu können oder zu wollen.
Gewöhnlich aber erschienen sie zu wirklichem Abschluß des Handels mit ihrer Ware am nächsten Morgen, als der bequemsten Tageszeit für diesen Verkehr. Denn da dort jede Nacht ein Landwind weht, so hat dies auch bis zum nächsten Mittag eine ruhige und stille See zur Folge. Dann steigt wieder ein Seewind auf, die Brandung wälzt sich ungestümer gegen den Strand, und die kleinen Kanots der Schwarzen können sich nicht hinaus wagen. Das Fahrzeug, welches die verkäuflichen Sklaven enthielt, war in der Regel noch von einem halben Dutzend anderer, jedes mit mehreren Menschen angefüllt, begleitet, welche alle einen Anteil an der unglücklichen Ware hatten. Allein nur acht oder höchstens zehn aus der Menge wurden mit an Bord gelassen, während die übrigen in ihren Kanots das Schiff umschwärmten und ein tolles Geschrei verführten.
Nun wurden auch die Gefangenen an Bord emporgehoben, um in näheren Augenschein genommen zu werden; die männlichen mit auf dem Rücken dergestalt hart zusammengeschnürten Ellbogen, daß oft Blut und Eiter an den Armen und Lenden hinunterlief. Erst auf dem Schiffe wurden sie losgebunden, damit der Schiffsarzt sie genau untersuchen konnte, ob sie unverkrüppelt und übrigens von fester Konstitution und bei voller Gesundheit wären; und hierauf eröffnete sich dann die eigentliche Unterhandlung, jedoch nicht, ohne daß zuvor sowohl den Verkäufern auf dem Verdeck, als ihren Kameraden in den Kanots, Tabak und Pfeifen vollauf gereicht worden wäre, damit sie lustig und guter Dinge würden – freilich aber auch sich um so leichter betrügen ließen.
Die europäischen Tauschwaren wurden den Schwarzen stets nach dem höchsten Einkaufspreise mit einem Zusatz von fünfundzwanzig Prozent angerechnet, und nach diesem Tarif galt damals ein vollkommen tüchtiger männlicher Sklave etwa hundert holländische Gulden, ein Bursche von zwölf Jahren und darüber ward mit sechzig bis siebzig Gulden, und ungefähr zu gleichem Preise auch eine weibliche Sklavin bezahlt. War sie jedoch noch nicht Mutter gewesen und ihr Busen noch von jugendlicher Fülle und Elastizität (und daran pflegt es die Natur bei den Negerinnen nicht fehlen zu lassen), so stieg sie auch verhältnismäßig im Werte bis auf hundertzwanzig oder hundertvierzig Gulden.
Die Verkäufer bezeichneten stückweise die Artikel, welche ihnen unter den ausgelegten Waren anstanden, wogegen der holländische Einkäufer seinen Preis-Kurant fleißig zu Rate zog, um nach dem angenommenen Tarif nicht über neunzig Gulden hinauszugehen und wobei auch der gespendete Branntwein samt Tabak und Pfeifen nicht unberücksichtigt blieben. Fing er dann an, sich noch weitern Zulegens zu weigern, und ließ sich höchstens noch ein Stück Kattun abdringen, so ward der Rückstand im geforderten Menschenpreise vollends mit geringeren Waren und Kleinigkeiten und zuletzt noch mit einem Geschenk von Messern, kleinen Spiegeln und Korallen ausgeglichen. Wie viel es übrigens bis zum gewünschten Abschluß des Streitens, Fluchens und Lärmens bei diesem Handel gegeben habe, bedarf kaum einer besonderen Erwähnung; denn wenn der eigentlichen Wortführer bei den Negern auch nur zwei oder drei sein mochten, so gab es doch immer unaufhörliche Rücksprache und Verständigung mit ihren Gefährten in den Kanots, die bei dem Erfolge der Unterhandlung alle gleich sehr interessiert waren. Hatten sie dann endlich die eingetauschten Waren in Empfang genommen, so packten sie sich wieder in ihre Fahrzeuge und eilten lustig, wohlbenebelt und unter lautem Hallo! dem Strande zu.
Während dieser ganzen geräuschvollen Szene saß nun der arme Sklave, um welchen es gegolten hatte, auf dem Verdeck und sah sich mit steigender Angst in eine neue unbekannte Hand übergehen, ohne zu wissen, welchem Schicksale er aufbehalten sei. Man konnte den Unglücklichen sozusagen das Herz in der Brust schlagen sehen; denn ebensowenig als die meisten von ihnen je zuvor das Weltmeer, auf dem sie nun schwammen, erblickt, hatten sie auch früherhin die weißen und bärtigen Menschen gesehen, in deren Gewalt sie geraten waren. Nur zu gewiß waren sie des Glaubens, wir hätten sie nur gekauft, um uns an ihrem Fleische zu sättigen.
Die Verkäufer waren nicht so bald vom Schauplatz abgetreten, als der Schiffsarzt Sorge trug, den erhandelten Sklaven ein Brechmittel einzugeben, damit die seither ausgestandene Angst nicht nachteilig auf ihre Gesundheit zurückwirkte. Aber begreiflicherweise konnten die gewaltsamen Wirkungen dieser Prozedur jenen vorgefaßten schrecklichen Wahn ebensowenig beseitigen, als die Anlegung eiserner Fesseln an Hand und Fuß, wodurch man sich besonders der männlichen Sklaven noch enger zu versichern suchte. Gewöhnlich kuppelte man sie überdem noch paarweise zusammen, indem man durch einen in der Mitte jeder Kette befindlichen Ring noch einen fußlangen eisernen Bolzen steckte und fest vernietete.
Verschonte man auch die Weiber und Kinder mit ähnlichem Geschmeide, so wurden sie doch in ein festes Verhältnis vorne in der Schiffsback eingesperrt, während die erwachsenen Männer ihren Aufenthalt dicht daneben zwischen dem Fock- und großen Maste fanden. Beide Behälter waren durch ein zweizölliges eichenes Plankwerk voneinander gesondert, so daß sie sich nicht sehen konnten. Doch brachten sie in diesem engeren Verwahrsam nur die Nächte zu; bei Tage hingegen war ihnen gestattet, in freier Luft auf dem Verdecke zu verweilen. Auf ihre fernere Behandlung während der Überfahrt nach Amerika werde ich in der Folge wieder zurückkommen.
Der hiernächst bedeutendste Gegenstand des Handels an dieser Küste sind die Elefantenzähne, von welchen auch der ganze Strich zwischen Kap Palmas und tres Puntas den Namen der »Zahnküste« führt. Habe ich die Erzählungen der Eingeborenen richtig verstanden, so bemächtigen sie sich dieser stark gesuchten Ware, indem sie sich in Partien von dreißig und mehr Personen in die landeinwärts gelegenen Wälder auf die Elefantenjagd begeben. Ihre Waffen bestehen hauptsächlich in fußlangen zweischneidigen Säbelklingen, die sie von den Schiffen einhandeln und zu diesen Jagden an langen Stangen befestigen. Haben sie ein Tier aufgespürt, so suchen sie es entweder zu beschleichen oder treiben es mit offener Gewalt auf, und trachten einzig dahin, ihm den Rüssel, der seine vorzüglichste Schutzwehr ausmacht, an der Wurzel abzuhauen, oder sie zerschneiden ihm die Sehnen an den Füßen, um es so zum Fallen zu bringen. Ist der Feind solchergestalt überwältigt, so wird er vollends getötet; man haut ihm die Zähne aus, und der Rumpf bleibt als willkommene Beute für die Raubtiere und das Gevögel liegen.
Noch wird an einem andern Striche dieser Negerländer, die »Goldküste« genannt, einiger Verkehr mit Goldstaub oder vielmehr kleinen Körnern dieses Metalls getrieben, das entweder aus dem Flußsande gewaschen oder von der reichen Natur dieses heißen Bodens oft dicht unter dem Rasen dargeboten wird. Doch war dies Geschäft weder beträchtlich noch sonderlich gewinnreich und pflegte deshalb dem Obersteuermann bei seinen kleinen Nebenfahrten für eigene Rechnung anheimgestellt zu werden, sowie ihm zu dem Ende auch vergönnt war, den Betrag von sechshundert holländischen Gulden in Waren mit an Bord zu nehmen. Ich selbst hatte mich zu diesem Privathandel mit allerlei Quincaillerien, etwa fünfhundert Gulden an Wert, versehen.
Denn außer dem Verkehre, der am Bord des Schiffes selbst stattfand, wurden in gleicher Absicht auch noch mehrere Boote ausgerüstet und abgeschickt, welche sich oft auf mehrere Wochen lang entfernten und bis auf fünfzig und mehr Meilen an der Küste umherkreuzten. Dieser Bootsfahrten habe ich zwar bereits oben erwähnt, doch sei es mir erlaubt, hier noch etwas ausführlicher darauf zurückzukommen.

Sobald die Guineafahrer sich dem wärmeren Himmelsstriche näherten, begannen auch die Schiffszimmerleute die Schaluppen und Schiffsboote zu ihrer künftigen neuen Bestimmung instandzusetzen, indem sie ein Verdeck darauf anbrachten und alles so einrichteten, daß sie See zu halten vermochten. Holz und Planken hierzu ward schon von Holland aus mitgenommen und zwischendecks bereitgehalten. Die Besatzung eines solchen Fahrzeugs bestand aus zehn bis zwölf Mann unter Anführung des Obersteuermanns oder eines anderen Schiffsoffiziers. Auch war es mit einigen Drehbassen und kleinerem Handgewehr wohl versehen.
Die Bestimmung dieser Boote erforderte, stets in einiger Entfernung vor ihrem Schiffe vorauszugehen und die Punkte, wo ein vorteilhafter Handel zu treiben war, zu vervielfältigen, damit die gewünschte volle Ladung schneller zusammengebracht und der Aufenthalt an diesen ungesunden Küsten abgekürzt würde. Sooft nun ein solches Fahrzeug seine mitgenommenen Warenartikel oder seine Lebensvorräte erschöpft oder einen genügenden Eintausch gemacht hatte, kehrte es zurück, um sofort für eine neue Reise ausgerüstet zu werden. Es ergibt sich daraus, wie anstrengend und beschwerlich dieser Dienst sein mußte.
Allein auch außerdem war er mit mancher Fährlichkeit verbunden: denn nicht selten ging ein solches Boot durch Überrumpelung der Neger samt dem Leben der ganzen Besatzung verloren, und so war hier die höchste Vorsicht erforderlich. Nie wurden mehr als vier Verkäufer zugleich auf dem Boote zugelassen, und auch die übrigen in den Kanots durfte man nicht zu nahe herankommen lassen. Während also der Steuermann nebst einem Gehilfen hinten im Fahrzeuge den Handel betrieb, stand der Rest der Mannschaft vorn mit dem geladenen Gewehre in der Hand zu seinem Schutze bereit, und wehrte zugleich den umkreisenden Kanots, sich nicht ungebührlich zu nähern.
Noch gefährlicher wäre es gewesen, die Nacht über an dem nämlichen Orte liegen zu bleiben, wo man sich am Abend befunden hatte. Vielmehr mußte man die Ankerstelle sorgfältig verändern, um die verräterischen Schwarzen, die unaufhörlich auf Überfall sannen, zu täuschen. Ebenso gebot die Klugheit, keiner ihrer noch so freundlichen Einladungen zu trauen, und am wenigsten sich in die Mündung ihrer Flüsse zu wagen.
Die männlichen Sklaven, die man auf diesen Fahrten erhandelte, wurden sofort unter das Verdeck gebracht, weil sie sonst nur zu leicht Gelegenheit gefunden haben würden, über Bord zu springen. Im Raume aber legte man ihnen eiserne Bügel um die Füße, die mit Ringen versehen waren, und diese streifte man hinwiederum über eine lange, mit beiden Enden unten im Vorder- und Hinterteile des Bootes befestigte Kette, so daß sie wenigstens einige Schritte hin und wieder gehen konnten. Glimpflicher verfuhr man mit den Weibern, deren Zutrauen man sich auf eine leichtere Weise erwarb.
Noch hatte wenigstens eines dieser Fahrzeuge die Nebenbestimmung, den aus Europa mitgebrachten Briefsack schneller als sonst hätte geschehen können nach dem holländischen Hauptfort St. George de la Mina zu fördern. Denn da die ankommenden Schiffe ihr Handelsgeschäft gewöhnlich bei Sierra Leone anfingen, welches gegen zweihundert Meilen westlicher liegt, und längs der Küste nur gemachsam fortkreuzten, so würde es oft sechs bis acht Monate gewährt haben, bevor sie selbst jenen Platz erreichten.
Diesen Auftrag erhielt auch ich, sobald wir in den ersten Tagen des Jahres 1772 auf der Küste von Guinea angelangt waren. Zu dem Ende ward die Barkasse mit zehn Mann unter meinen Befehlen ausgerüstet und mit Provisionen aller Art, besonders aber solchen beladen, welche in diesem heißen Klima einem schnellen Verderb ausgesetzt sein konnten. Das Brief-Felleisen ward nicht vergessen, und so steuerte ich, nachdem ich auch die Vorräte für meinen eigenen kleinen Handel eingenommen hatte, bereits am vierten Tage nach unserer Ankunft, dem Schiffe vorangehend, gegen Osten.

Bei dieser Küstenfahrt führte mich mein Weg zunächst nach dem holländischen Fort Axim, wo ich einen Pack Briefe, europäische Zeitungen und andere Kleinigkeiten abzugeben hatte. Ich fand den dortigen Befehlshaber, einen geborenen Hanoveraner, namens Feneckol, sehr begierig nach Neuigkeiten aus dem gemeinschaftlichen Vaterlande, sowie ihm hinwiederum die Nachricht, daß ich ein Preuße sei, Gelegenheit gab, mich aufmerksam darauf zu machen, daß Fort Axim früherhin eine Besitzung unseres großen Kurfürsten gewesen, die erst im Jahre 1718 durch Kauf an Holland übergegangen. Er zeigte mir auch die darüber verhandelten Akten sowie sechs alte brandenburgische Kanonen, die noch auf einer Batterie aufgepflanzt standen. – Habe ich anders seine Erzählung recht behalten, so hatte es hiermit folgende Bewandtnis.
Ursprünglich gehörte Axim den Spaniern zu. Als aber der Kurfürst Friedrich Wilhelm, welcher dieser Macht in ihren Kriegen gegen Frankreich Hilfstruppen in den Niederlanden gestellt, die bedungenen Subsidien trotz aller gütlichen Unterhandlung nicht erhalten können, habe er in Hamburg eine kleine Flotte ausrüsten lassen, fünfhundert Mann darauf eingeschifft, außer andern genommenen Repressalien auch Axim angreifen und in Besitz nehmen lassen und sich dort neun Jahre lang behauptet. Während dieser Zeit, wo der brandenburgische Gouverneur auch noch das zweieinhalb Meilen östlicher gelegene Fort Friedrichsburg gegründet, sei von Hamburg und Emden aus ein lebhafter Handel dorthin getrieben worden, bis diese Befestigungen die Unzufriedenheit der benachbarten Negerstämme aufgeregt und diese die Besatzungen beider Plätze, welche nicht genugsam auf ihrer Hut gewesen, überrumpelt und niedergemacht hätten.
In diesem Unglück, lautete die fernere Erzählung, sei es dem damaligen Gouverneur zwar geglückt, sich mit einigen wenigen Gefährten in das Pulvermagazin zu flüchten; dort habe er vorgezogen, sich freiwillig in die Luft zu sprengen, als unter den Händen der Neger einen martervollen Tod zu dulden. Diese hätten darauf beide Forts spoliiert und dem Erdboden gleich gemacht. Solchergestalt hätten nun diese Plätze gegen dreißig Jahre lang in Schutt und Verwüstung gelegen, bis König Friedrich Wilhelm I. seine Ansprüche auf diese Besitzungen an Holland gegen eine Summe von zweihunderttausend Gulden überlassen habe.
Zwei Tage nach meinem Abgange von Axim stieß ein Kanot mit vier Negern vom Lande ab und knüpfte einen kleinen Handel in Goldstaub mit mir an. Von ihnen erfuhr ich, daß an diesem nämlichen Morgen ein portugiesisches Schiff an dieser Küste gekreuzt und eine Rolle gepreßten brasilianischen Tabak gegen zwei Unzen Gold an sie vertauscht habe. Diese Art Tabak ist in Rindsleder genäht, enthält einige und siebzig Pfund und ist eine von den Schwarzen sehr begierig gesuchte Ware. Das Preisverhältnis aber wird sich ergeben, wenn ich bemerke, daß die Unze Goldstaub dort zu zweiundvierzig holländischen Gulden berechnet zu werden pflegte.
Nichts hätte mir erwünschter sein können, als von diesem Schiffe für meinen eigenen kleinen Handel einige Rollen dieses Tabaks gegen meine Kaufwaren umzusetzen. Ich erblickte auch seine Segel in einer Entfernung von etwa anderthalb Meilen vor mir und säumte also nicht, unter Aufziehung der holländischen Flagge darauf zuzusteuern. Je eifriger ich mich aber mühte, es zu erreichen, desto mehr Segel setzte es auch seinerseits auf, um sich von mir zu entfernen. Ich schoß zu mehreren Malen einen von meinen Böllern unter dem Winde ab, um ihm mein Verlangen nach einer näheren Gemeinschaft zu erkennen zu geben; der Portugiese hingegen manövrierte unaufhörlich, mir durch veränderten Kurs aus dem Gesichte zu kommen. Es schien nicht anders, als ob er sich vor mir fürchtete, ohne daß ich begriff, was ein Schiff von dieser Größe wohl von einem Fahrzeuge wie meinem zu besorgen haben könne.
Ich ließ indes nicht ab bis die Nacht einbrach und die Dunkelheit mir Einhalt gebot. Indem ich aber meinen Weg längs der Küste fortsetzte, hielt ich mich doch mehr seewärts und unter vollen Segeln, und meine Hoffnung, diesem verwunderlichen Gaste dicht auf der Ferse zu bleiben, betrog mich auch so wenig, daß gleich der erste Morgenstrahl mir ihn, kaum dreiviertel Meilen von mir, näher dem Lande zu und über dem Winde wieder zu Gesicht führte. Zugleich erblickte ich, eine Meile von mir entfernt, das englische Fort Descowy, wo auch zwei englische Schiffe auf der Reede vor Anker lagen.
Erpicht auf mein Vorhaben, mit dem Portugiesen zur Sprache zu kommen, steuerte ich von neuem auf ihn zu. Allein bevor ich ihn einholen konnte, war er schon in den Bereich der Engländer gekommen. Einer von ihnen tat einen Schuß auf den Flüchtling, der nun zwar seine Flagge aufzog, aber zugleich auch bei seinem vorigen Kurs beharrte. Zwei darauffolgende Schüsse blieben gleichfalls ohne Wirkung. Nun aber ließen beide Engländer ihre Ankertaue fahren, verlegten dem Portugiesen den Weg und nahmen ihn hart zwischen sich in die Mitte, worauf sie von neuem vor Anker gingen.
Von diesem ganzen Vorgange war ich in fast unmittelbarer Nähe Zeuge gewesen, begriff aber je länger je weniger. Da ich indes wußte, daß England und Holland in vollkommen friedlichem Vernehmen standen, so überwog bei mir die Neugier jede anderweitige Rücksicht. Ich legte mich zuversichtlich neben das eine englische Schiff und stieg sogar an Bord des Portugiesen hinüber, wo mir sofort eine Szene des höchsten Wirrwarrs in die Augen fiel. Die Engländer hatten das Verdeck des angehaltenen Schiffes erfüllt, die Luken geöffnet, und waren im Begriff, eine bedeutende Partie Tabaksrollen auf das Verdeck emporzuwerfen. Der portugiesische Kapitän knirschte mit den Zähnen und schoß wütende Blicke auf mich; seine englischen Herren Kollegen aber, obwohl sie mir etwas glimpflicher begegneten, waren doch mit dem guten Rate fertig, mich augenblicklich davonzupacken.
Je mehr ich sah und hörte, je wundersamer und verdächtiger erschien mir der ganze Handel. Ich hatte nur die Wahl, entweder zu glauben, daß es zwischen der englischen und portugiesischen Regierung zu einem plötzlichen Bruche gekommen, oder daß es die Absicht der Engländer sei, ihre Übermacht hier zu einer gewaltsamen Beraubung zu mißbrauchen. Beides aber ließ es noch immer unerklärt, warum der Portugiese auch mir Ohnmächtigem so geflissentlich ausgewichen sei. Erst späterhin, als ich zu St. George de la Mina angelangt war, sollte ich den Zusammenhang erfahren.
Diese Ankunft erfolgte zwei Tage später, wo ich denn sofort meinem Auftrage durch Überlieferung des Brief-Felleisens und der dazu gehörigen Schlüssel an den Gouverneur genügte. Es ward von diesem in meiner Gegenwart geöffnet und zugleich entspann sich zwischen uns eine vertrauliche Unterhaltung, worin ich mit dem Ehrenmanne um so weniger Umstände machte, als sein Aufzug in einem leinenen Schlafrocke und einer schmierigen Schlafmütze eben nicht geeignet war, einen großen Respekt einzuflößen, wie er mir denn überhaupt als eine gute grundehrliche Haut, und was man einen alten deutschen Degenknopf nennt, erschien. Auch er selbst schien das Zeremoniell wenig zu lieben und lud mich gutmütig ein, ihm die Briefe sortieren zu helfen, da deren verschiedene nach den anderen holländischen Forts auf der Küste abzuschicken waren.
Bei diesem Geschäfte gerieten wir noch tiefer ins Plaudern, und ich erzählte ihm, was sich mit dem portugiesischen Schiffe begeben und wovon ich an dessen Bord Augenzeuge gewesen. Plötzlich geriet mein Mann in Feuer und ward ganz ein anderer, als er kaum ein paar Minuten zuvor gewesen. »Das ist ein ernsthafter Kasus,« sagte er mit Gravität – »und dem müssen wir auf den Grund kommen!« – Zugleich nötigte er mich, in ein anstoßendes Zimmer zu treten und dort den ganzen Vorfall mit all seinen besonderen Umständen zu Papier zu bringen. Nachdem dies geschehen war, eröffnete er mir seinen Entschluß, gleich des nächsten Morgens den hohen Rat zu versammeln, und gab mir auf, zusamt meinem Schiffsvolke vor demselben zu erscheinen, damit wir unsere Aussage eidlich bekräftigten, er aber seine ferneren Maßregeln danach nähme.
Dieser Vorladung gemäß erschien ich am andern Tage mit den Meinigen und ward sofort auch in den Ratssaal eingeführt, über dessen hier kaum erwartete Pracht ich nicht wenig erstaunte. Alles glänzte von Gold, und Tisch und Stühle waren mit violettem Samt überzogen, mit goldenen Tressen besetzt und mit dergleichen Fransen reich umhangen. Mein guter Freund von gestern, der Gouverneur Peter Wortmann, strahlte mir vor allen andern in seiner Herrlichkeit entgegen. Er saß, als Präsident der Versammlung, an dem Sessionstische in einer gewaltigen holländischen Ratsherrenperücke (ein wunderlicher Staat in diesem Klima) und steckte überdem in einer holländischen, goldgestickten Gardeuniform, die dazu noch von Tressen starrte. Auf eine ähnliche Weise, nur etwas minder herausgeputzt, saßen der Fiskal, die Ratsherren und die Assistenten um ihn her und machten die Feierlichkeit vollkommen.
Dennoch war der mir und meinen Leuten hier abgenommene Eid und die wiederholte Aussage über den Vorgang mit dem portugiesischen Schiffe nur eine Zeremonie, und das, was geschehen sollte, schon während der Nacht völlig vorbereitet. Es standen nämlich bereits zwei Kanots fertig, in deren jedes fünfundzwanzig Soldaten und zwanzig Ruderer eingeschifft wurden und die unmittelbar darauf, hinten und vorn mit der holländischen Flagge geschmückt, unter Trommel- und Trompetenklang in See stachen, um das angefochtene portugiesische Schiff aufzusuchen und nach St. George de la Mina zu bringen. Nichts setzte mich hierbei mehr in Erstaunen, als diese Kanots, welche bei einer Länge, die über fünfzig Fuß hinausreichte, und bei einer Breite von sechs bis sechseinhalb Fuß, aus einem einzigen Baume, wiewohl von weichem und leichtem Holze, gehauen waren. Man sagte mir, daß diese Riesenbäume mehrere Meilen landeinwärts angetroffen würden, wohin unsereiner freilich nicht zu kommen pflegt.
Mit dem ausgezogenen Staatsrocke war der Gouverneur auch wieder mein Freund und Gönner geworden und behielt mich unausgesetzt in seiner Nähe. Von ihm erhielt ich nun auch näheren Aufschluß über alle jene Dinge, die mir bisher so wunderseltsam vorgekommen waren. Er erzählte mir, daß das Fort St. George und die andern davon abhängigen Besitzungen ursprünglich unter portugiesischer Hoheit gestanden, von den Holländern aber, in ihrem ersten großen Freiheitskriege, den Spaniern, welche damals auch Portugal sich einverleibt hatten, abgewonnen worden. Im endlich erfolgten Frieden wären sie auch in den Händen der jungen Republik verblieben, und zwar noch mit der demütigenden Einschränkung, daß forthin kein spanisches oder portugiesisches Schiff an der Küste von Guinea Handel treiben solle, bevor es nicht vor St. George angelegt und zehn Prozent von seiner gesamten Ladung für die Erlaubnis eines freien Verkehrs entrichtet hätte. Bei der geringsten Hintansetzung dieser Verpflichtung sollte jedesmal Schiff und Ladung verfallen sein, und auf diesen Vertrag würde auch immerfort noch um so strenger gehalten, da England und Frankreich ihn späterhin bestätigt hätten.
So begriff ich denn nun, worin der portugiesische Kapitän, dem ich begegnet war, sich strafbar gemacht und warum er gegen mich ein so böses Gewissen verraten hatte, wie aber auch jene beiden Engländer garstig anlaufen dürften, falls er ihnen erweisen könnte, daß sie auf eine räuberische Weise zu ihm an Bord gekommen und ihn zum Handel gezwungen hätten. »Und diese Ausflucht zu benutzen,« setzte der Gouverneur hinzu, »wird er auch sicherlich nicht unterlassen, wie vollkommen ich auch überzeugt bin, daß er von Herzen gern mit den beiden englischen Schiffen ein Geschäft gemacht haben würde, wenn es unter der Hand hätte geschehen können und Ihr nicht, als ein ungelegener Dritter, darüber zugekommen wäret.«
Weiter belehrte er mich, was mir eigentlich bei dieser Gelegenheit zu tun obgelegen hätte, wenn ich mit den Gesetzen und Rechten dieser Weltgegend bekannter gewesen wäre. Ich mußte nämlich meine holländische Flagge an dem Schiffe des Portugiesen befestigen oder auch nur sie über die geöffnete Schiffsluke decken, um dadurch Schiff und Ladung unter ihren Schutz zu setzen. Hätten dann die Engländer gewagt, auch nur irgend etwas anzurühren, so wären sie als offenbare Seeräuber in die schwerste Verantwortung geraten; mir aber hätte dann nach unseren Gesetzen eine Belohnung von hundert Dukaten gebührt.
Zwei Tage nachher kam die ausgeschickte Expedition mit dem ertappten Portugiesen glücklich auf der Reede an. Zufall oder Neugierde führten mich dem Kapitän bei seiner Landung in den Weg, und die grimmigen Blicke, die er auf mich schoß, ließen mich nicht daran zweifeln, daß er mich für seinen Angeber erkannte, dessen Aussagen ihn ins Verderben stürzen würden. Indessen mußte ihn doch gleich sein erstes Verhör eines Besseren belehrt und er gefunden haben, daß im Gegenteil meine abgegebene Erklärung zu seinem Vorteile lautete, denn er ließ mich am anderen Tage zu sich bitten, fiel mir dankbar um den Hals, wußte nicht, was er mir zuliebe tun sollte und nötigte mich, eine Rolle Tabak samt zwanzig Pfund Zucker zum Geschenk von ihm anzunehmen.
Obwohl nun mein Geschäft an diesem Platze beendigt war, so hielt mich doch Herr Peter Wortmann von einem Tage zum anderen bei sich auf; sei es, daß er irgendein absonderliches Wohlgefallen an mir gefunden, oder daß sonst Neugier und Langeweile ihn plagten, denn des Fragens, sowohl nach meinen persönlichen Umständen, als überhaupt nach Neuigkeiten aus Europa, wollte kein Ende werden. Das war freilich ebenso erklärbar als verzeihlich. Die Ansiedler in diesen afrikanischen Niederlassungen leben so abgeschieden von der ganzen übrigen Welt, daß sie nur in langen Zwischenräumen erfahren, was sich daheim und anderer Orten begeben hat. Oft bringt ihnen ein Schiff einen ganzen Jahrgang alter Zeitungen auf einmal, die zwar den vollen Reiz der Neuheit für sie haben, aber ihrer Wißbegier dennoch nicht in dem Maße genügen, daß ihnen nicht auch noch manche mündliche Erläuterung zu wünschen übrig bliebe. Hierzu kommt, daß ein großer Teil der hier Angestellten aus deutschen Landsleuten besteht, die insonderheit auch von ihrem lieben Vaterlande hören wollen und darin kaum zu ersättigen sind.

In diesem Falle war nun auch der Gouverneur, der sich aufs Ausfragen verstand, wie irgend einer, dagegen aber auch ebensowenig mit Mitteilungen aus seiner eignen Lebensgeschichte gegen mich zurückhielt. Er war aus Grüningen gebürtig, hatte daselbst das Metzgerhandwerk erlernt und ein Weib genommen, dessen Untreue aber ihn endlich zu dem raschen Entschlusse gebracht, sie zu verlassen und in alle Welt zu gehen. So war er nach Holland geraten, als gemeiner Soldat nach der Küste von Guinea gegangen, hier allmählich zu höheren Militärgraden emporgestiegen und endlich nicht nur Befehlshaber im Fort St. George de la Mina, sondern auch über alle holländischen Besitzungen in dieser Weltgegend geworden. Sein Titel lautete nämlich als General-Gouverneur über die Westküste von Afrika.
Endlich mußte ich mich doch von diesem wackeren Manne trennen, der noch einen bedeutenden Einfluß auf meine Lebenslage gewinnen sollte. Er gab mir ein besonderes Belobungsschreiben an meinen Kapitän mit, worin der Wunsch ausgedrückt war, daß dieser falls neue Kommunikationen mit dem Haupt-Fort und der Regierung notwendig würden, keinem anderen als mir den Auftrag dazu geben möchte. Ich hatte indes den nötigen Ballast eingenommen und machte mich auf den Rückweg nach Westen, um mein Schiff wieder aufzusuchen. Die Reise war ohne besonderen Zufall, doch kann ich nicht umhin, hierbei eines seltsamen Fundes zu erwähnen.

Wir befanden uns etwa vier Meilen vom Lande, und das Meer bot ringsumher eine glatte Fläche dar, in welcher sich die Sonne spiegelte. Zugleich sahen wir, in weiter Ferne seewärts, von Zeit zu Zeit etwas aus dem Wasser glänzend auftauchen, was mir anfangs etwa ein toter Fisch deuchte, dessen silberweißen Bauch die Sonne beschiene. Endlich ließ ich, von Neugier getrieben, darauf zurudern, und da fand sich's denn, daß eine viereckige Bouteille aus einem Flaschenfutter, den Hals nach oben gekehrt und mit einem Korkstöpsel versehen, im Meere schwamm. Ringsum hatte sich ein runder Haufen Seegras angesetzt. Ich ergriff die Flasche, mich weit über Bord lehnend, an der Mündung, war aber nicht imstande, sie von dem Kräutergeflechte zu trennen, es bedurfte erst meines Messers, womit ich alle diese fremdartigen Anhängsel kappte und solchergestalt mich meiner Beute bemächtigte.
Bei genauerer Besichtigung fand sich nun, daß diese Flasche etwa zu einem Drittel (und daher ihre aufrechte Stellung) mit in Branntwein eingemachten, aber freilich schon verdorbenen Kirschen angefüllt und vermutlich auch, als unbrauchbar, über Bord geworfen war. Allein was sie eigentlich in meinen Augen merkwürdig machte, war die Entdeckung, daß sich außen umher überall Schulpen und andere Muscheln fest angesetzt hatten, die hinwiederum den Seegewächsen zu einem Befestigungspunkte gedient, um Wurzeln darin zu schlagen und allmählich zu einem dichten Klumpen von ansehnlichem Umfange heranzuwachsen. Wie lange mußte indes dieses Glas nicht bereits in den Wogen umhergetrieben sein, bevor die Natur nach und nach all diese Erscheinungen an demselben hervorbringen konnte! Es hätte verdient, mit all diesen Anhängseln von Muscheln und Tang in einem Naturalien-Kabinette aufbewahrt zu werden.
Meinen Kapitän mit dem Schiffe fand ich noch bei Kap Mesurado, nachdem ich länger als vier Wochen abwesend gewesen. Bevor ich jedoch zu einer neuen Handelsfahrt abgehen konnte, ward es für nötig befunden, neue Vorräte von Wasser einzunehmen und dieses Geschäft mir zur Ausführung übertragen. Bei dem gegenseitigen Mißtrauen aber, welches zwischen den europäischen Schiffern und den Eingeborenen herrscht und tief in der Natur des hier betriebenen Handels liegt, ist ein solcher Auftrag mit Beschwerde und Gefahr verknüpft und erfordert genaueste Vorsicht, um nicht von den treulosen Afrikanern überwältigt, ausgeplündert und ermordet zu werden.
Das Wasser muß jedesmal von ihnen am Lande erhandelt werden. Man versieht sich hierzu an Bord mit allerlei kleinem Kram an Spiegeln, Korallen, Messern, Fischangeln, Nähnadeln, Zwirn und erwartet dicht am Seestrande, wohlbewaffnet das zufällige Zusammentreffen mit den Eingeborenen, um mit ihnen den Preis für jedes Faß Wasser, welches man eben holt oder auch künftig zu holen gedenkt, zu verabreden. Das hierzu bestimmte Boot bleibt jedesmal bis hundertzwanzig Klafter weit vom Lande vor Anker liegen. Die ledigen Wassertonnen werden über Bord geworfen und die Neger stürzen sich in die Brandung, um sie schwimmend ans Land zu bringen und nach ihren Brunnen und Wasserstellen hinaufzurollen. Sind sie hier angefüllt und verstopft, so werden sie wieder an den Strand zurückgewälzt, von zwei schwimmenden Negern in die Mitte genommen und an das Boot gebracht, wo ihnen dann die dafür bedungenen Waren ausgeliefert werden.
Als ich in solcher Expedition zum erstenmal das Ufer betrat, standen bereits zwölf oder vierzehn Schwarze unseres Empfangs gewärtig, und während ich mit etwa zehn meiner Begleiter vollends ins Trockene watete, kam uns auch ihr Anführer entgegen, bot mir die Hand, schnitt eine Menge wunderlicher Kapriolen und gab sich mir endlich mit den Worten »Amo King Sorgo« (ich bin der König George) zu erkennen. Daß er aber auch für irgend etwas Besonderes angesehen sein wollte, gab schon sein ganzer Aufzug zu erkennen. Er war nämlich mit einer alten, zerrissenen, linnenen Pumphose und einer weißen Kattunweste ohne Ärmel bekleidet, sein noch größerer Schmuck aber bestand in einer roten und weißen Schminke, womit er sich Gesicht und Hände scheußlich bemalt hatte. Mit diesem Narren nun und seinen Untertanen wurden wir des Preises für das Wasserfüllen einig und hielten uns auch des nächsten Tages wacker zu unserer Arbeit.
Bei dieser Gelegenheit nahm ich am Strande eine Menge von Feldsteinen wahr, deren wir als Ballast für Boot und Schaluppe vielfach benötigt waren. Ich schloß demnach mit den Negern einen neuen Handel über eine Bootsladung solcher Steine ab, worin zugleich die Größe derselben dahin bestimmt wurde, daß ein Mensch sie allenfalls tragen und damit hantieren könnte. Sie suchten ihrerseits sich den Transport zu erleichtern, indem sie ein Kanot dicht auf den Strand zogen und es füllten, soviel es bequem tragen konnte. Dann traten je vier von ihnen an jede Seite des Fahrzeuges, warteten eine niedrigere Welle ab und schoben es dann schnell in die See, während einer behende hineinhüpfte, um es vollends an unser Boot zu geleiten und in dasselbe auszuladen.
Da geschah es, daß einmal eine Woge, stürmischer als die übrigen, über das Kanot herstürzte und es augenblicklich versenkte. Sofort sprangen die am Ufer zurückgebliebenen hinzu, schwammen nach der Stelle, wo sich der Unfall ereignet hatte, bläuten den ungeschickten Fährmann zu unserer großen Belustigung wacker durch, aber erregten auch ebensosehr unser Erstaunen, als sie hierauf, einer nach dem andern, in eine Tiefe von wenigstens zwölf bis vierzehn Fuß untertauchten und, nach kurzem Verzuge, jeder mit einem Steine von beinahe Zentnersschwere, auf der Schulter, wieder emporkamen. Noch mehr! Mit dieser nämlichen Last schwammen sie, wenngleich mit sichtbarer Anstrengung und blasendem Atem, noch vierzig bis fünfzig Klafter weiter an unser Boot, um ihren Fund an uns abzuliefern.
Noch oft bin ich Zeuge von der ungeheueren Körperkraft der Neger, sowie von ihrer ausgezeichneten Behendigkeit und Ausdauer im Schwimmen gewesen. Wenn sie mit ihren Kanots dicht an der einen Seite des Schiffes lagen und jemand sich einen Spaß mit ihnen machen wollte, so durfte er ihnen nur eine tönerne Tabakspfeife zeigen und sie über den entgegengesetzten Bord ins Meer werfen. Alsogleich auch stürzte sich dann eine Anzahl aus dem Kanot nach in die Flut, tauchte unter dem Schiffe weg in den Grund, und sicherlich kam irgendeiner mit der unbeschädigten Pfeife in der Hand wieder zum Vorschein, wenngleich das Meer auf einer solchen Stelle eine Tiefe von fünfundzwanzig bis fünfunddreißig Klaftern hatte.
Nicht minder habe ich gesehen, wie Kinder von etwa fünf Jahren keck und wohlgemut sich im Wasser tummelten und durcheinander schwammen; ja sogar wie einst ein Neger einen solchen vier- oder fünfjährigen Burschen bei beiden Beinen ergriff und ihn, soweit er mit aller Kraft vermochte, in die See schleuderte. Das Kind kam nach wenig Augenblicken wieder ans Land geschwommen, und seine frohe Miene bewies, wie gering der Eindruck gewesen, den ihm diese rohe Behandlung gemacht hatte.
Noch waren wir mit unseren Stein- und Wasser-Transporten beschäftigt, als ich eines Morgens bei guter Zeit mit dem Boote, unweit des Strandes, zu Anker kam. Hier war indes noch kein Neger sichtbar, um uns bei unseren Fässern Handreichung zu tun. Denn da in dieser Weltgegend die Nächte stets zwölf Stunden währen, so kühlt sich binnen dieser Zeit die Temperatur sehr merklich ab und es weht bis acht oder neun Uhr morgens eine ziemlich frische Luft, die den völlig nackt einhergehenden Negern so empfindlich fällt, daß sie sich nicht gerne früher aus ihren Hütten hervormachen. Ihr Kommen mußte also mit Geduld erwartet werden.
Gerade dieses Warten aber verursachte uns in unserem Boote eine Langeweile, die je länger, je drückender für uns wurde. Unter meinen Gefährten befand sich ein englischer Matrose, der sich bereit erklärte, ans Land zu schwimmen und die säumigen Neger herbeizuholen. Hätte ich auch nicht andere Gründe gehabt, ihm meine Zustimmung zu versagen, so würde mich doch schon die Furcht, daß ein Haifisch ihn packen könnte, dazu bewogen haben. Inzwischen stieg unser Mißmut, und der Engländer erbot sich zu wiederholten Malen, das, wie er vermeinte, ganz unbedenkliche Abenteuer zu bestehen. Mein Kopfschütteln dämpfte seine Begierde nicht, bis ich endlich, mehr ermüdet als billigend ihm erlaubte, zu tun, was er nicht lassen könnte.
Alsobald warf der Mensch sein Hemd von sich, sprang über Bord und steuerte schwimmend dem Lande zu. Allein kaum hatte er sich zwei Klafter weit vom Boote entfernt, so sahen wir ihn auch bereits von einem solchen gefürchteten Tiere umkreist, bis es sich, nach seiner Gewohnheit, auf den Rücken warf, seine unglückliche Beute ergriff und mit ihr davonzog. Bald ragte der Kopf, bald Hand oder Fuß des armen Schwimmers über die Wellen empor, endlich aber verschwand er ganz aus unserem Gesichte, die wir Zeugen dieses gräßlichen Schauspieles hatten sein müssen, ohne helfen und retten zu können. Daß es, als ich wieder an Bord kam, an einem tüchtigen, aber auch verdienten Verweise von meinem Kapitän nicht fehlte, kann man sich wohl vorstellen. Gott wird mir jedoch meine Sünde vergeben, da er am besten weiß, daß ich dies Unglück nicht aus Mutwillen, sondern gänzlich wider Wunsch und Willen verschuldet.
Merkwürdig ist gleichwohl die Versicherung der Neger, die auch durch den Augenschein bestätigt wird, daß keiner ihresgleichen von diesen Haien etwas zu fürchten habe.
Wird das Fleisch auch nicht gegessen, so macht man doch zuzeiten zum Vergnügen Jagd auf die Haifische, und dazu bedarf es nur eines tüchtigen Hakens von irgend einem Kistengehänge, den man an eine starke Leine befestigt, an der Spitze aber mit einem Stücke Speck und dergleichen ködert. Kaum hat er das Wasser erreicht, so hat auch bereits ein Haifisch wütend angebissen, der dann emporgezogen und auf dem Verdecke vollends getötet wird.

Noch lagen wir in dieser Küstengegend vor Anker, als sich ein holländisches Sklavenschiff bei uns einfand und gleichfalls dicht neben uns ankerte. Der Kapitän desselben rief uns zu, daß wir ihn doch mit unserer Schaluppe zu uns herüberholen möchten. Kaum war dies geschehen und er zu uns an Bord gekommen, als er uns die drückende Not klagte, in welcher er sich augenblicklich befände. Elf Mann von seiner Besatzung wären ihm unterwegs gestorben, und noch habe er vierzehn Kranke liegen, so daß er kaum noch fünf gesunde Leute an die Arbeit stellen könne. Auch habe er seither nicht mehr als achtzehn Sklaven eingehandelt, und wisse vor Sorge und Verlegenheit nicht, was er beginnen solle. Sein eigentlicher Wunsch aber war, daß wir ihm einige Köpfe von unserer Mannschaft überlassen möchten. Hieran war jedoch von unserer Seite um so weniger zu denken, als selbst kaum irgend jemand von den Unserigen sich zu einem solchen Tausche freiwillig verstanden haben würde. Der einzige Rat, den wir ihm geben konnten, war, daß er suchen möchte, St. George de la Mina je eher je lieber zu erreichen, wo das Gouvernement verpflichtet sein würde, sich seiner anzunehmen.

Während ich ihn wieder nach seinem Schiffe zurückbrachte, erzählte er mir, daß dieses zu Middelburg in Seeland ausgerüstet worden, er selbst aber heiße Harder, sei, gleich mir, ein Pommer und von Rügenwalde gebürtig. Nun tat es mir doppelt leid um den armen Landsmann, als ich an seinen Bord kam und überall ein Elend und eine Unbereitschaft wahrnahm, wie sie mir noch niemals vorgekommen war. Fast mit Tränen in den Augen trennten wir uns, und sowie ich mich von dem Schiffe entfernte, nahm ich auch wahr, daß es die Anker lichtete und unter Segel ging. Doch mochte es kaum eine Viertelmeile Weges gemacht haben, so legte es sich abermals uns im Gesichte vor Anker.
Mitten in der Nacht aber sahen wir von dorther Gewehrfeuer aufblitzen und hörten neben dem Schießen auch allerlei Lärm und Geräusch, ohne zu wissen, was wir daraus machen sollten. Endlich ward alles wieder still und ruhig; doch als der Tag anbrach, erblickten wir jenes Schiff auf den Strand gesetzt und von unzähligen Negern umschwärmt, deren gleichwohl keiner während der zwei Tage, die wir hier noch liegen blieben, sich vom Lande zu uns an Bord getraute, – zur hinreichenden Bestätigung unseres Argwohns, daß sie den wehrlosen Middelburger überrumpelt, die Besatzung niedergehauen und das Schiff hatten stranden lassen, um seine Ladung desto bequemer zu plündern.
Wenn eine solche blutige Gewalttat den Leser mit Recht empört, so muß dagegen notwendig in Anrechnung gebracht werden, daß dergleichen eigentlich doch nur als Notwehr oder Wiedervergeltung gegen nicht minder abscheuliche Überfälle angesehen werden müssen, welche sich auch die Europäer gegen diese Schwarzen gestatten. Besonders sind die Engländer dafür bekannt, daß sich von Zeit zu Zeit in ihren Häfen einige Rotten von Bösewichtern, fünfzehn bis zwanzig Mann stark, und aus verlaufenen Steuerleuten und Matrosen bestehend, die bereits mit dem Gange des Sklavenhandels bekannt sind, vereinigen, die ein kleines Fahrzeug ausrüsten, sich mit Schießbedarf und Proviant sowie mit einigen Waren-Artikeln, wie sie zu diesem Handel gebräuchlich sind, zum Scheine versehen und so nach der Küste von Guinea steuern. Kommen hier nun die Neger an Bord eines solchen Korsaren, um einen friedlichen Verkehr anzuknüpfen, so fallen diese Räuber über sie her, legen sie samt und sonders in Ketten und Banden; und haben sie der Unglücklichen solchergestalt dreißig bis vierzig oder wie viele sie bewachen können, zusammengerafft, so stechen sie damit nach Südamerika hinüber, um sie an die Spanier oder Portugiesen loszuschlagen. Dort verkaufen sie auch ihr Fahrzeug und gehen nun einzeln als Reisende mit ihrem ungerechten Gewinne nach England zurück, um vielleicht unmittelbar darauf ein neues Unternehmen dieser Art zu wagen.
Es kann nicht fehlen, daß solche Raubzüge dem regelmäßigen Handel an der afrikanischen Küste, sowie dem gegenseitigen Vertrauen, den empfindlichsten Nachteil bringen. Besonders verderblich aber waren sie zu jener Zeit für den Verkehr, welchen die Holländer vermittelst ihrer Boote betrieben, da die Neger diese von jenen englischen Raubfahrzeugen nicht hinreichend zu unterscheiden vermochten. Diese Erfahrung machte auch ich an meinem Teile, als ich, Mitte Februar, mit der Schaluppe unseres Schiffes und begleitet von dreizehn Mann und mit sechs kleinen Pöllern wohl ausgerüstet, eine neue Küstenfahrt antrat. Kurz zuvor nämlich hatte ein solcher englischer Korsar in dieser Gegend herumgekreuzt und mancherlei Unfug verübt. Wo ich mich also irgend blicken ließ, ward ich von den Schwarzen mit jenem verwechselt, nirgends wollte sich ein einziger von ihnen zu mir an Bord getrauen. Kam ja hier und da ein Kanot zum Vorschein, so hielt es sich, voll Argwohn, in einer Entfernung von hundert und mehr Klaftern; die armen furchtsamen Schlucker glotzten mich an, fragten, ob ich ein Engländer oder Holländer sei, und verlangten zum Wahrzeichen des letzteren eine holländische Pfeife zu sehen, als ob diese aus einem anderen Tone gebacken wäre. Oft auch sollte ich ihnen eine Flasche aus meinem Flaschenfutter zeigen, weil sie wußten, daß die englischen Handelsleute dergleichen nicht zu führen pflegten.
Mit solcherlei kleinen Künsten und guten Worten gelang es mir endlich doch, drei Neger, die in einem Kanot gekommen waren, zu bewegen, zu mir an Bord zu steigen. Sie hatten einen Elefantenzahn zu verhandeln, aber in ihren scheuen Blicken erriet ich die Angst und den Zweifel, ob sie bei mir auch sicher sein würden. Nun wollte es der Zufall, daß ich einen etwas närrischen Matrosen im Boote hatte, der sich den Spaß machte, einen von unseren Gästen um den Leib zu fassen und ihn auf die schwarzen Lenden zu klatschen. Allein dies Übermaß von guter Laune brachte einen so plötzlichen und heftigen Schreck über sie alle, daß sie sich kopfüber in ihr Kanot stürzten und eiligst davonmachten, ohne ihres Elefantenzahnes zu gedenken, den sie in unseren Händen zurückließen. In einiger Entfernung hielten sie indes an, huben die Hände in die Höhe und baten um Auslieferung ihres Eigentums.
All mein Winken und gütliches Zureden zur Umkehr war vergeblich. Je ernstlicher mein Unwille über das so mutwillig gestörte gute Vernehmen war, desto weniger bedachte ich mich, nach einem tüchtigen Endchen Tau zu greifen und den Friedensstörer im Angesichte jener nachdrücklich abzustrafen. Diese Gerechtigkeitspflege gab ihnen wenigstens den Mut, sich, obwohl mit Zittern und Zagen, soweit zu nähern, daß wir ihnen ihren Zahn ins Kanot werfen konnten. Da sie es aber immer noch weigerten, sich uns näher anzuvertrauen, so ließen wir sie endlich in Frieden ihres Weges nach dem Lande ziehen.
Wenige Tage später befand ich mich vor der Mündung eines kleinen Flusses, genannt Rio de St. Paul, aus welchem zwei Neger in einem Kanot zu mir herankamen, um mir den Kauf von zwei Sklaven und einer Kackebobe (junge Sklavin, die noch nicht Mutter geworden) anzubieten, die sie daheim bewahrten und wohlfeilen Preises loszuschlagen gedächten. Doch war die Bedingung, daß ich mit dem Boote zu ihnen in den Strom kommen mußte, weil sie mit ihren Nachbarn am anderen Ufer in offener Fehde begriffen wären, die sie sonst mit ihrer Ware nicht ungehindert passieren lassen möchten. Wie mißlich mir auch dieser Antrag deuchte, so überwog doch endlich die Betrachtung, daß ich bereits seit mehreren Tagen zu gar keinem Handel hatte kommen können und daß hier schon einmal etwas gewagt sein wolle. Nachdem ich also meine kleinen Pöller geladen, die Gewehre zur Hand genommen und mich in gehörige Verfassung gesetzt hatte, ruderte ich getrost auf den Ausfluß zu, während die beiden Schwarzen bei mir im Fahrzeuge verblieben.

Ein paar hundert Klafter mochte ich stromaufwärts gekommen sein, wo ich beide Ufer dicht mit Gebüsch verwachsen fand und der Fluß selbst eine Krümmung machte, als ich es unter solchen Umständen doch für ratsam hielt, hier vor Anker zu gehen, wie sehr meine neuen Begleiter auch in mich drangen, noch weiter hinauf bis an ihre Heimat zu fahren. Da ich dies aber beharrlich weigerte, gingen sie in ihrem Kanot ab und kamen mir aus dem Gesichte. Inzwischen verging wohl noch eine Stunde, die ich in immer gespannterer Erwartung zubrachte, als plötzlich ein Schuß fiel und gleich darauf ein gewaltiger Lärm sich erhob. Hierdurch mit Recht beunruhigt, ließ ich augenblicklich das Bootsanker aus dem Grunde reißen, das Fahrzeug seewärts umwenden, und begann das Weite zu suchen. Gleichzeitig stürzte auch einer von jenen beiden Negern vom Ufer herwärts in den Strom, schwamm zu uns ans Boot und verlangte aufgenommen zu werden, indem er immerfort schrie: »Sie sind da! Sie sind da! und meinen Bruder haben sie schon in ihrer Gewalt!«
Kaum hatte ich indes die Strommündung erreicht und die Brandung hinter mir, so füllte sich auch das Seeufer mit einer großen Anzahl von schwarzen Verfolgern, die mir eine Menge von Kugeln und Pfeilen nachschickten, jedoch ohne jemand von uns zu treffen, wogegen aber unsere Segel verschiedene Schüsse empfingen. So kam ich also noch leidlich gut aus einem Abenteuer davon, das mir und allen im Boote den elendesten Tod hätte bringen können, wenn ich nur noch eine einzige Minute gezögert hätte, an meinen Rückweg zu denken. Was aber nun mit unserem neuen Bootskameraden beginnen? – Wäre es auch nach den holländischen Gesetzen nicht bei Lebensstrafe verboten, öffentlichen oder heimlichen Menschenraub zu begehen, so hätte ich mich doch nimmermehr entschließen können, sein Zutrauen so schändlich zu mißbrauchen und mich für den verfehlten Handel an seine schwarze Haut zu halten. Nachdem ich also noch etwa eine halbe Meile längs dem Strande gesegelt war, gab ich ihm seinen Freipaß und ließ ihn wieder nach dem Lande schwimmen, wo der arme Teufel hoffentlich in Sicherheit gelangte.
Doch ehe ich noch ganz außerhalb des Bereiches unserer Widersacher kam, bemerkte ich mit Verwunderung, daß das Boot weder gehörig steuern, noch so rasch von der Stelle wollte, als es seiner Besegelung nach gesollt hätte. In der Meinung, daß sich Kraut oder Strauchwerk am Kiel verfangen und das Steuerruder behindert habe, lehnte ich mich, soweit wie möglich, über Bord, um die Seiten und den Boden des Fahrzeugs unterhalb des Wassers zu untersuchen. Da fand ich denn, daß sich Tausende von Neunaugen festgesogen hatten, die sich in dem süßen Stromwasser befunden und mit unseren Feinden gemeinschaftliche Sache gemacht zu haben schienen, um uns dort zurückzuhalten. Da alles losreißen mit den Händen nicht genügte, uns von diesem Ungeziefer zu befreien, so zogen wir endlich einige Taue unter dem Boote durch, womit wir die Tiere allmählich abstreiften.
Während ich nun meinen Verkehr bald mit mehr bald mit weniger Glück an der Küste fortsetzte und mich dabei immer weiter vom Schiffe entfernte, begann mir allmählich das frische Wasser zu mangeln, ohne daß ich dessen am Lande wieder hätte habhaft werden können. Es schien mir demnach geraten, mich wieder nach dem Schiffe hinzuwenden; gleichwohl aber fand ich in der Zwischenzeit von dreizehn Tagen, samt meinen Gefährten und den paar erhandelten Negern, Gelegenheit, die steigenden Schrecknisse eines unauslöschlichen Durstes unter diesem glühenden Himmel zu erproben. Wer es nicht selbst erfahren hat, ist durchaus unfähig, sich dieses Elend in seiner ganzen Größe vorzustellen. Mit dem Mangel an frischem Wasser wurden uns auch unsere trockenen Lebensvorräte an Erbsen, Graupen usw. unbrauchbar, denn mit Seewasser gekocht, blieben sie hart und waren zugleich von so bitterem Geschmack, daß sie stets wie das heftigste Brechmittel wirkten. Ebensowenig konnten wir unser Pökelfleisch ungewässert kochen und verzehren, ohne unseren grausamen Durst noch zu steigern, und selbst unseren trockenen Zwieback vermochten wir unaufgeweicht nicht durch den ausgedörrten Hals zu würgen.
In diesem Drangsal erinnerte ich mich, gehört zu haben, daß der sparsame Genuß des Branntweins in solchen Fällen ein erprobtes Mittel zur Linderung des Durstes darbiete. Allein die kleine Probe, die wir damit anstellten, bekam uns gar übel, denn die Hitze dieses Getränkes trieb uns so viel Galle in den Magen, daß wir selbst den Mund beständig voll davon hatten und darüber zum Sterben erkrankten. Trotz meiner von jeher eisernen Natur befand ich mich am elendesten unter allen und lag fast regungslos auf dem Verdeck. Nur unsere Sklaven schienen im ganzen von dieser Not wenig angefochten zu werden.
In der Tat aber war es bei uns aufs Höchste gestiegen, als wir in der Ferne ein Segel erblickten und um so freudiger darauf lossteuerten, da wir es bald für ein holländisches erkannten. Wir klagten dem Kapitän unser Elend und baten um Abhilfe, erhielten aber den schlechten Trost, daß es ihm selbst an frischem Wasser fehle, doch wolle er unserem dringendsten Bedürfnisse abhelfen; und so schickte er uns wirklich ein Fäßchen, das vielleicht ein halb Anker halten mochte, herüber.
Mit einer Begierde, die keine Beschreibung zuläßt, setzte ich sofort das Gefäß an den Mund, und so wohl ward mir dabei, daß ich fortgetrunken haben würde, bis ich auf der Stelle den Tod davon gehabt, wenn meine Leute ebenso ungeduldig es mir nicht weggerissen hätten. Als nun aber auch einer nach dem anderen sich gütlich getan, war das Wasser schier alle geworden. Die Leute, welche es uns in ihrer Schaluppe gebracht hatten und Zeugen von diesem Auftritte waren, konnten des Erstaunens über unsere ausgedörrten Kehlen und unser Elend kein Ende finden. Um so williger erfüllten sie meine Bitte, ihren Kapitän um noch einigen Vorrat anzugehen. Ihre Verwendung war auch nicht ohne Erfolg: es ward uns ein zweites halbes Ankerfäßchen zugestanden.
Solchergestalt versehen, gönnten wir uns eine neue Erquickung, indem wir uns sofort nicht nur einen Kaffee bereiteten, sondern auch einen Kessel mit Graupengrütze zum Feuer brachten, um endlich wieder einmal eine ordentliche warme Speise zu genießen. Das gleiche wiederholten wir am nächstfolgenden Tage, aber mit dem dritten war nun auch wieder unsere Labequelle versiegt, und das vorige Fasten wäre wieder an die Tagesordnung getreten, wenn wir nicht noch des nämlichen Tages ein Kanot mit zwei Negern angetroffen hätten, mit denen ich mich über einen kleinen Wassertransport vom Lande verständigte. Allein die Burschen merkten, daß wir uns in Verlegenheit befanden, und forderten für die Lieferung von zwei Fäßchen, die ich ihnen zeigte, und deren jedes etwa dreißig Quart enthalten mochte, einen so ungeheuern Preis an Waren, daß wir dafür in Europa den köstlichsten Wein hätten kaufen können.
Drei Tage später erreichten wir unser längst ersehntes Schiff, das bei Kap la How kreuzte; aber unsere diesmalige Fahrt, die gleichwohl bis in die fünfte Woche gewährt hatte, war in jedem Betracht ungünstig ausgefallen, denn wir brachten nur drei Sklaven und fünf Elefantenzähne mit. Glücklicher war unter der Zeit das Schiff selbst in seinem Handel gewesen.
Während der acht Tage, die ich am Borde verweilte, um mich, mit Hoffnung besseren Erfolgs, auf eine neue Bootsreise anzuschicken, kam ein Schiff unter französischer Flagge und als Fregatte gebaut in unseren Gesichtskreis, welches von Norden nach Süden längs der Küste steuerte. Sogleich auch gab mir mein Kapitän den Auftrag, mit der Schaluppe hinüberzusegeln und nach neuen Zeitungen über Krieg und Frieden in Europa nachzufragen, damit wir, falls unsere Nation seit unserer Abfahrt irgend in Krieg verwickelt worden wäre, unsere Maßregeln desto sicherer danach nehmen könnten. Den schon genannten französischen Matrosen Josef nahm ich mit als Dolmetscher.

Dort angelangt, fand ich eine Menge von Schiffsoffizieren (oder mochten es Passagiere in Uniform sein) vor, die meine Begrüßung mit Höflichkeit erwiderten und ebenso auch meine Fragen über ihren Kurs und wie lange sie bereits in See gewesen, beantworteten. Indem ich auf diese Weise vernahm, daß sie vor etwa vier Wochen von Havre de Grace in See gegangen, fiel mir augenblicklich jenes von seiner Mannschaft verlassene Schiff ein, welches wir im vorigen Oktober in der spanischen See angetroffen und besetzt hatten und welches gleichfalls von jenem Hafen nach den Antillen bestimmt gewesen. Ich trug demnach meinem Dolmetscher auf, die Herren zu fragen, ob und was ihnen von diesem Schiffe bewußt sein möchte?
Schon an ihren verwunderten Gesichtern konnte ich es spüren, daß sie mit diesem Ereignisse bereits bekannt sein müßten, und nun erfuhr ich von ihnen folgende Umstände, die mich dem völligen Aufschlusse jener rätselhaften Begebenheit um manches näher führten. Das Schiff war, nachdem es uns so plötzlich von der Seite verschwunden, wider all unser Hoffen glücklich in Rotterdam angekommen, wo man aus den vorgefundenen Papieren sofort ersehen hatte, daß es von Havre de Grace ausgefahren gewesen. Diesem zufolge hatten die holländischen Behörden sowohl an den Handelsstand in jenem französischen Hafen ein Zirkulär erlassen, als durch die Zeitungen öffentlich bekannt gemacht: Kapitän Johann Harmel mit dem Schiffe Christina von Rotterdam habe in den spanischen Gewässern ein französisches Schiff menschenleer umhertreibend angetroffen, mit Mannschaft besetzt und nach Holland führen lassen. Bei näherer Untersuchung sei befunden worden, daß hinten unterhalb Wassers zwei Löcher durch das Schiff gebohrt gewesen, indem der dazu gebrauchte Bohrer noch daneben gelegen. Die stumpfe Schneide desselben habe jedoch verursacht, daß die Späne von der äußeren Plankenhaut nicht scharf abgeschnitten worden, sich in die Öffnung zurückgelegt, voll Wasser gesogen und dadurch verhindert hätten, daß dieses habe eindringen und das Schiff zum Sinken bringen können. Nicht minder wunderbar habe eingedrungene Nässe das Fortglimmen einer schon brennenden, zehn Fuß langen Lunte gewehrt, deren entgegengesetztes Ende zu einem Pulverfasse geleitet worden. Aus beiden frevelhaften Versuchen aber gehe deutlich hervor, daß das Schiff mutwillig und ohne Not verlassen worden und entweder habe sinken oder in die Luft fliegen sollen.
Während nun durch diese Kundmachungen die Reeder des Schiffes aufgefordert worden, sich zu ihrem Eigentume zu melden, hatte auch der französische Kapitän desselben von Lissabon aus an sie nach Havre de Grace geschrieben: sein Schiff sei im Meerbusen von Biscaya so leck geworden, daß er befürchtet, jeden Augenblick sinken zu müssen, als zum Glück ein schwedischer Ostindienfahrer in seine Nähe gekommen, der sich auf sein dringendes Bitten habe bewegen lassen, ihn und die übrige Mannschaft zu ihrer aller Lebensrettung an seinen Bord abzuholen. Dieser sei darauf zu Lissabon angekehrt und habe sie sämtlich dort ans Land gesetzt. Er habe nicht unterlassen, hier mit seinen Leuten alsogleich eine gerichtliche eidliche Erklärung abzulegen, die er zugleich mit einsende.
Beide Nachrichten, welche zu der nämlichen Zeit in Umlauf kamen, ließen es in ihrer Zusammenstellung keinen Augenblick zweifelhaft, daß der französische Kapitän ein abgefeimter Betrüger gewesen, und auch die darauf angestellte gerichtliche Untersuchung ergab, daß er mit zwei Mit-Reedern des Schiffs unter einer Decke gesteckt, indem sie dasselbe zu gleicher Zeit in London, Amsterdam und Hamburg für große Summen versichern ließen. Diese sahen nun ihrer gerechten Strafe entgegen; ihr Mitschuldiger aber (wahrscheinlich unter der Hand von ihnen selbst gewarnt) hatte es fürs Klügste gefunden, sich in Lissabon unsichtbar zu machen, ohne wieder nach seiner Heimat zu verlangen.
Für unser Schiffsvolk ward ich, als ich mit diesen Nachrichten von der glücklichen Bergung unserer schon verloren gegebenen Prise wieder an Bord kehrte, ein wahrer Freudenbote: denn nun durfte jeder auf seinen Anteil an der Prämie hoffen. Es begann sofort ein Handel über den anderen wegen dieser zu erwartenden Prisen-Gelder. Einige verkauften ihr Anrecht für wenige Flaschen Branntwein, andere für etliche Pfund Tabak, ohne sich um die wahrscheinliche Übervorteilung zu kümmern.
Nach Verlauf einiger Tage rüstete ich mein Boot zu einer neuen dritten Handelsfahrt zu; und diesmal durfte ich auch für meinen Privatverkehr, im Einkauf von Staubgold, gewisseren Vorteil hoffen, da wir uns nunmehr im Angesichte der sogenannten »Goldküste« befanden.

So verschwenderisch hat die Natur hier ihr edelstes Metall verbreitet, daß selbst der Seesand dessen in hinreichender Menge mit sich führt, um die Mühe des Einsammelns zu vergüten. Wenn daher vormittags die Sonne hoch genug gestiegen ist, um den nackten Negern die Lufttemperatur behaglich zu machen, finden sie sich zu Hunderten am Strande ein. Dann setzen sie sich dicht neben dem Ablauf der Wellen ins Wasser, und jeder hält eine tiefe hölzerne Schüssel (deren die Schiffe ihnen als Handelsware zuführen) vor sich zwischen den Knien, nachdem er sie zuvor voll goldhaltigen Sandes geschöpft. Sie wissen diese Gefäße so geschickt zu drehen, daß jede anlaufende Welle darüber hinspült und etwas von dem leichteren Sande über den Rand mit sich fortschwemmt, während das Metall sich vermöge seiner natürlichen Schwere tiefer zu Boden senkt. Dies wird so lange wiederholt, bis der Sand beinahe gänzlich verschwunden ist und das reine Staubgold, kaum noch mit einigen fremden Körnern untermischt, sichtbar geworden. Die Neger wissen es sodann gar geschickt und behende in ihre kleinen Dosen aufzufassen, die wir ihnen gleichfalls zum Verkaufe bringen. Auf diese Weise habe ich wohl selbst zum öftern gesehen, daß manche binnen acht bis zehn Stunden den Wert von sechs bis zwölf und mehr holländischen Stübern zuwege brachten.
Noch weiß ich aus den deshalb angestellten Erkundigungen, daß sie auch weiter landeinwärts mit dem dort befindlichen goldhaltigen Kiessande auf eine ähnliche Art verfahren, indem sie diese Erdklumpen in die Nähe eines Gewässers tragen und Erde, Sand und Kies so lange durcheinander rühren und ausspülen, bis sie zu dem nämlichen Erfolg gelangen. Hier aber finden sich auch nicht selten bedeutendere Stückchen Goldes, selbst von der Größe wie unser grober Seegries. Die Neger nennen es »heiliges Gold«, durchbohren es, reihen es auf Fäden und schmücken mit diesen kostbaren Schnüren Hals, Arme und Beine. In solchem stattlichen Putze zeigen sie sich gern auf den Schiffen, und so trägt oft ein einziger einen Wert von mehr als tausend Talern am Leibe.
Stellen sie ihr gewonnenes Gold auf den europäischen Fahrzeugen zum Kaufe, so werden ihnen zuvor die Tauschwaren vorgelegt und über deren Wert eine Übereinkunft getroffen. Dieser Wert wird in »Bontjes« bestimmt, oder Stückchen Goldes, etwa eine Erbse schwer und zu sechs Stüber Geldwert zu berechnen. Acht Bontjes betragen ein Entis oder einen Taler holländisch, und zehn Entis ein Lot, dessen Wert zu vierundzwanzig holländischen Gulden oder nach Unzen zu zweiundvierzig Gulden angeschlagen wird. Die Neger ihrerseits bedienen sich ähnlicher Gewichte, welche aber gegen die holländischen jedesmal zu kurz kommen.
Hier geht nun das Streiten und Zanken an. Immer noch fehlt etwas – noch etwas, und so weiter, bis man denn zuletzt unter Zanken und Streiten doch einig wird. Betrogen aber werden die Neger endlich doch immer, wie schlau sie es auch anfangen mögen! Mancher Weiße läßt sich sogar absichtlich die Nägel an den Fingern lang wachsen, rührt damit in dem Staubgolde unter dem Vorwande, als werde er noch gelben Sand unter den Metallkörnchen gewahr, umher, und kraut sich dann unmittelbar darauf mit den Nägeln in den Haaren, um die aufgefischte Beute dort abzusetzen. Haben sich endlich die Verkäufer entfernt, so kämmt er sein struppiges Haar mit einem engen Kamme wohl durch und bringt dadurch zuweilen zwei und noch mehr Bontjes Goldstaub vom Kopfe. Niemand rechnet sich diese Hinterlist zum Vorwurf. Es heißt dann immer: »Nun, was ist's mehr? Ist's doch nur ein Neger, der angeführt wird!«
Nachdem ich endlich eines Morgens meine Fahrt wirklich angetreten hatte und etwa drei Meilen vom Schiffe entfernt war, kam mir noch an dem nämlichen Nachmittage ein kleines englisches Schiff zu Gesichte, das ungewöhnlich nahe am Strande vor Anker lag, während ein Teil der Segel und des Takelwerks sich in größter Unordnung befand und wild um die Masten peitschte. Indem ich meine Begleiter auf diese in solcher Lage unbegreifliche Nachlässigkeit aufmerksam machte, beschloß ich, mich diesem Fahrzeuge zu nähern, ob ihm vielleicht Hilfe vonnöten sein möchte. Bald kam ich im Heransegeln so dicht an seine Seite, daß ich ihm zurufen konnte: »Warum er sich in diese gefährliche Nähe an einem unsichern Strande gelegt habe?«
War ich bereits verwundert, so ward ich es noch vielmehr, als sich kein einziger Weißer am Borde blicken ließ, dagegen aber wohl zwanzig bis dreißig Neger auf dem Verdeck herumstanden und -gingen. Vor allem zeichnete sich ein Kerl auf dem Hinterteile, mit einem blauen Überrocke bekleidet, durch seine Keckheit aus, indem er ein kurzes weitmündiges Schießgewehr (wir nennen es eine Donnerbüchse) in der Hand führte und auf uns anlegte. Ein anderer stand vorn mit einer weißen Weste ohne Ärmel und lag mit seinem Gewehre ebenfalls im Anschlage auf uns. Auch die übrigen alle längs dem Borde winkten mit den Händen abwärts und schrien aus vollem Halse: Go way! Go way (Packt euch!)
Was war natürlicher zu glauben, als daß dies Schiff soeben in die Gewalt der Schwarzen geraten, welche die englische Mannschaft ermordet hätten und im Begriff ständen, ihre Beute auszuplündern. Hier war es also allerdings nicht ratsam, lange zu verweilen. Ich steuerte demnach ab gegen den Wind: doch indem ich mich außer der Schußweite sah, fing ich an zu überlegen, daß es nicht gar ehrenvoll für uns aussehen würde, die schwarzen Räuber ihr Wesen so ganz ungestört treiben zu lassen. Ich beriet mich mit meinen Leuten, ob nicht ein entschlossener Angriff auf die Brut zu wagen sein möchte? Denn wenn wir gleich mit einem tüchtigen Feuer auf sie anrückten, so war ich der Meinung, daß die Kerle, da sie so dicht am Lande lagen, bald über Bord springen und uns das Schiff als gute Prise überlassen würden.
Dieser Vorschlag mit so glänzender Aussicht auf Gewinn verbunden gewann sich alsobald ihren ungeteilten Beifall. Um mir aber jede künftige Verantwortung und üble Nachrede zu ersparen, fuhr ich fort: »Ihr habt aber auch gesehen, daß wenigstens zwei von ihnen Schießgewehre führen und es sicherlich auch gebrauchen werden, bevor sie uns das Feld räumen. Sollte nun einer oder der andere von uns dabei zu Schaden kommen, so sage niemand, ich hätte ihn zu dem Unternehmen gezwungen. Hier bedarf es durchaus eines freiwilligen Entschlusses. Also: ja oder nein?« Ihr kaltblütiges »Ja« weckte das glimmende Feuer in mir zur vollen lichten Flamme. – »Wir gehen drauf los und jagen die schwarzen Bestien durch ein Knopfloch?« fragte ich noch lauter und heftiger. – »Ja, das wollen wir!« scholl mir zur Antwort entgegen. – »Nun denn! Immer drauf, in Gottes Namen!«
Sofort sprang ich nun hinten in die Luke, ergriff ein kleines Pulverfaß, das sechzehn Pfund enthielt, trat ihm hastig mit einem Fußstoße den Boden ein, füllte meinen Hut mit Pulver, eilte damit aufs Deck, lud meine sechs Böller allein, setzte auf jede Ladung zwei Kugeln und ließ ein paar angezündete Lunten in Bereitschaft halten. Den besten und zuverlässigsten Mann setzte ich ans Ruder mit dem Befehl, daß er von vorn auf das Schiff zusteuern und dann längs dem Borde hinwegstreifen sollte. Das Abfeuern meines Geschützes behielt ich mir selbst vor, um meines Zieles desto sicherer nicht zu fehlen, wogegen meine übrigen Leute im rechten Augenblicke mit dem Handgewehre ihr Bestes tun sollten.
Wie gesagt, so geschehen! Wir steuerten so dicht auf die erhoffte Prise los, daß wir ihren Bord im Vorüberfahren mit einem Bootshaken hätten entern können. Währenddem gab ich zugleich aus all meinen vier Böllern Feuer, hatte aber den Schreck, zu sehen, wie sie samt und sonders zersprangen, weil ich sie in meinem Eifer stark überladen hatte. Was mich jedoch auf der Stelle tröstete, indem wir nun hinter das Schiff kamen, war die gelungene Frucht meines Knallens – der Anblick einer guten Anzahl schwarzer Köpfe im Wasser, die bereits eifrig dem Lande zuschwammen.
Jetzt rief ich meinen Leuten zu: »Das Boot umgelegt! Nun dran! Nun geentert! Handgewehr aufs Deck!« – Ich selbst sprang wiederum hinten in die Luke hinab, um die Gewehre, die uns früher hinderlich gewesen wären, schnell hervorzulangen: aber da sprudelte mir von unten ein mächtiger Wasserstrahl aus dem Boden des Fahrzeuges entgegen. Es war nicht anders zu erklären, als daß, während der Pulverdampf alles erfüllte, im Vorüberfahren jener Kerl mit der Donnerbüchse vom höheren Hinterteile herab gerade in die offene Luke gehalten und den Boden so unglücklich durchschossen haben mußte.
Ich trat augenblicklich mit dem Fuße auf das Loch und schrie nach irgendeinem Kleidungsstücke, um davon einen Pfropfen zu drehen und diesen in oder auf die Öffnung zu stopfen. Meine Leute aber standen alle wie bedonnert, ohne meine Meinung zu fassen. Endlich riß ich mir selbst das Hemd vom Leibe, wickelte es so fest zusammen als mir möglich war und suchte dem Unheil vorläufig damit abzuhelfen. Doch wie ich nun auf das Deck kam, nahm ich wahr, daß das Boot fast bis zum Sinken tief lag und das eingedrungene Wasser es binnen der kurzen Zeit schier bis oben erfüllt hatte. Noch empfindlicher aber ward mir dies Unglück in der Betrachtung, daß ich soeben erst mein Schiff verlassen hatte und nun mein noch vollständiger Vorrat von Handelswaren durchnäßt und nur zu gewiß verdorben worden. An die Fortsetzung des Gefechts war unter diesen Umständen nicht mehr zu denken, und alle unsere schon erlangten Vorteile mußten aufgegeben werden.
Ich entfernte mich also mit großem Schaden von dem Kampfplatze. Dreiviertel Meilen weiter von hier, unter dem Winde, nahm ich ein Schiff vor Anker wahr, auf welches ich zusegelte, bis ich neben ihm gleichfalls den Anker fallen ließ, um mein eingedrungenes Wasser auszupumpen. Der Kapitän jenes Schiffes kam in seiner Schaluppe zu mir, weil er wahrgenommen, daß ich bei jenem Fahrzeuge geschossen und zu wissen wünschte, was dies zu bedeuten gehabt. – Mein Bericht setzte ihn ebenso sehr in Erstaunen, als er mir sein Beileid bezeigte, denn ich hatte soeben die unerfreuliche Entdeckung gemacht, daß meine Waren nicht nur sämtlich unter Wasser gelegen, sondern daß auch die Pulverfässer durch das Schlingern des Bootes ihren Inhalt dem Wasser mitgeteilt und all meine Zeugwaren völlig schwarz gefärbt hatten.
Der Kapitän bemerkte, daß er das englische Fahrzeug bereits seit drei Tagen dort habe liegen sehen. Gegen den Wind habe er nicht heransteuern können; und da auch sein Boot gerade auf einer Handelsreise abwesend sei, so habe er bisher einen untätigen Zuschauer abgeben müssen. Er wolle mir aber mein Boot in möglichst kurzer Zeit wieder dicht machen helfen, sich persönlich mit mir vereinigen, noch etwa zehn oder zwanzig Köpfe von seinen Leuten mit zu Hilfe nehmen, und das englische Schiff mit mir gemeinschaftlich angreifen und nehmen. Allein ich hatte in dem Augenblicke den Kopf zu voll von meinem Unglücke. Ich schlug ihm daher meine Teilnahme an der Fortsetzung dieses Abenteuers ab; und wahrscheinlich wäre es auch ebenso fruchtlos abgelaufen, denn schon am nächstfolgenden Morgen sahen wir das englische Schiff völlig am Strande liegen, wohin es die Schwarzen hatten treiben lassen.
Für mich blieb nun kein anderer Rat, als mich wieder nach unserer Christina zu wenden und eine neue Ausrüstung zu verlangen. Indes mag sich der Leser selbst eine Vorstellung davon machen, mit welch garstigem Willkommen ich dort, nach Abstattung meines Berichtes, von meinem Kapitän empfangen wurde, der das Unglück hatte, fast beständig betrunken zu sein. Er wollte mich totstechen, totschießen, oder mir sonst auf eine neue, noch unerhörte Manier den Garaus machen. Da ich nun meinerseits des Glaubens war, daß ich vollkommen recht und pflichtmäßig gehandelt, und ich den unglücklichen Zufall, der hier den Ausschlag gegeben, nicht verantworten könnte, so mochte ich auch nicht demütig zu Kreuze kriechen; und so gab es nun noch drei Wochen lang zwischen uns nichts als täglichen Verdruß (denn im Ärger sprach mein Gegner nur um so fleißiger der Flasche zu und ward dann wie ein tolles Tier), bis wir endlich vor St. George de la Mina anlangten, um dort unsern letzten Handel abzuschließen.
Hier fand ich den Gouverneur Peter Wortmann noch von den nämlichen wohlwollenden Gesinnungen gegen mich erfüllt, wie ich ihn vormals verlassen hatte. Ich klagte ihm bei Gelegenheit mein ganzes Unglück und meine Mißhelligkeit mit dem Kapitän, der mir alle Ruhe des Lebens verbitterte. Er dagegen hieß mich guten Mutes sein, indem er ehestens den hohen Rat versammeln wolle, wo ich volle Freiheit finden würde, mein Verfahren zu verteidigen. Dies geschah auch wirklich bald nachher in einer Sitzung, wozu außer den ordentlichen Räten noch fünf holländische Schiffskapitäne, die dort eben mit ihren Schiffen auf der Reede lagen, mit hinzugezogen wurden. Ich erklärte vor dieser Versammlung, unter dem Vorsitze des Gouverneurs und im Beisein Kapitän Harmels, den ganzen Verlauf der Sache mit dem Angriffe auf das englische Fahrzeug; daß ich, was ich getan, zugunsten unseres Schiffes und unserer Leute unternommen, welche, wenn die Besitznahme geglückt wäre, nach den Seerechten zwei Drittel der Ladung als Bergelohn zu fordern berechtigt gewesen sein würden. Ob mein Angriff ungeschickt geleitet worden und ob ich ohne den empfangenen Schuß mein Vorhaben nicht unfehlbar erreicht haben würde, überließ ich dem Gerichte zur einsichtsvollen Beurteilung. – Die Folge dieser Verantwortung war, daß ich einstimmig und mit Ehren freigesprochen wurde.
Während unseres ferneren Verweilens vor diesem Platze kam eines Tages ein holländisches Schiff auf der Reede vor Anker, welches sofort auch die Notflagge wehen ließ und mehrere Notschüsse abfeuerte. Von allen anwesenden Schiffen konnte indes nichts zu etwaigem Beistande geschehen, da unsere sämtlichen Kapitäne eben mit den Schaluppen an Land gegangen waren und wir Steuerleute kein anderes Boot zu unserer Verfügung hatten. Doch sahen wir bald, daß vom Fort aus ein Kanot mit vier Negern abstieß, eiligst nach dem notleidenden Schiffe hinruderte und auch nach Verlauf einer Stunde von dort wieder zurückkehrte.

Zwei Stunden später kam dies nämliche Kanot, vom Lande aus, wieder zum Vorschein und geradeswegs zu mir. Es brachte mir den schriftlichen Befehl des Gouverneurs, mit diesen Negern zu ihm an Land zu fahren. Ich befolgte diese Weisung, ohne mir's einfallen zu lassen, daß meinem Kapitän hiervon nichts gesagt worden. Indem ich aber in den großen Saal trat, fand ich die nämliche Versammlung, vor welcher ich unlängst zu Gericht gestanden, und auch den Kapitän Harmel an der Tafel bei einem fröhlichen Mittagsmahle sitzen. Kaum aber faßte mich der letztere ins Auge, so sprang er auf und fragte mich in rauhem Tone: was ich am Lande zu schaffen hätte? – Statt der Antwort überreichte ich ihm das von Sr. Edelheiten dem Gouverneur erhaltene Billett und trat währenddessen hinter den Stuhl des letzteren, um zu fragen, was zu seinen Befehlen stände?
»Da ist,« hub dieser an, indem er aufstand und sich zu mir wandte, »soeben der Kapitän Santleven von Vliessingen auf der Reede angelangt und befindet sich im äußersten Drangsal. Er selbst liegt krank im Bette; seine Steuerleute sind tot; er hat daneben beinahe hundert Sklaven an Bord, und seine Not und Verlegenheit ist dermaßen groß, daß er hat eilen müssen, diese Station zu erreichen, um von den hier liegenden Schiffen einen Steuermann zu erlangen, der die Führung des Schiffes übernehmen möchte. Ich und die übrigen Herren Kapitäne hier wünschten ihm darin, wie billig, zu willfahren und haben Euch, mein lieber Nettelbeck, zu diesem Posten ersehen.«
Bevor noch der Gouverneur seinen Antrag geendigt hatte, begann schon mein Kapitän, ihn unterbrechend, dagegen aus allen Kräften zu protestieren, wie sehr auch die übrigen Anwesenden bemüht waren, ihn davon zurückzuhalten. Zuletzt wandte er sich ganz wütend gegen mich und gebot mir: »Nettelbeck, Ihr verfügt Euch stehenden Fußes auf mein Schiff zurück und verseht den Dienst am Bord. Ich will und befehl' es!« – Dem mußte allerdings gehorcht werden! Ich wandte mich ruhig um und ging zum Saale hinaus.
Kaum war ich aus der Türe, so hörte ich etwas hinter mir drein schreiten. Es war einer von den tafelnden Kapitänen, der aufgesprungen war, mich hastig an der Hand ergriff und mich fragte: »Ich bitte Euch um alles – Ihr heißt Nettelbeck?« – Ich bejahte; und nun fuhr jener noch angelegentlicher fort: »Und seid Ihr ein Kolberger? Wohnt nicht Euer Vater dort am Markte? und habt Ihr nicht eine Schwester, die an einem Fuße hinkt?« – Ich bejahte wiederum, aber mit zunehmender Verwunderung, teils über diese genaue Kenntnis meiner Familie, teils über die Absicht all dieser Fragen. »Nun denn,« setzte er mit gleichem Feuer hinzu, »so müßt Ihr ja auch einen Bruder in Königsberg haben, der ein Schiff für eigene Rechnung führt?« – »Der werde ich wohl selbst gewesen sein,« war meine Antwort. – »Wie? Nicht möglich! Ihr selbst? Nun denn, um so weniger ...« unterbrach er sich selbst, hielt mich noch fester und zog mich stürmisch wieder in das eben verlassene Zimmer zurück. Ich wußte am allerwenigsten, was dies alles zu bedeuten haben könnte.
Sein nächstes war nun, daß er sich an den Kapitän Harmel wandte, ihn freundlich umfing, und ihn schmeichelnd zuredete: »Nicht wahr, lieber alter Freund, Ihr gebt meinem und unser aller Drängen eine gute Statt, und überlaßt diesen wackeren Mann an Santleven? Denn ich will's Euch nur sagen: Für alles, was Nettelbeck heißt, laß ich Leib und Leben; und ich will Euch für ihn einen meiner eigenen Steuerleute und einen befahrenen Matrosen obenein, der es auch alle Tage werden könnte, an Bord schicken. Topp?« – Auch die andern insgesamt umringten den zornigen Menschen und redeten so lange auf ihn ein, bis er sich jede Ausflucht abgeschnitten sah, und endlich mir halb über die Achsel entgegenbrummte: »So geht denn meinetwegen zum Teufel!« – Das war und blieb mein Abschied!
Dagegen drang nun der Mann, der mir so das Wort geredet, in mich, jetzt auch sofort mit ihm zu Kapitän Santleven an Bord zu gehen, wohin er mich in seiner Schaluppe bringen wolle. Dies geschah auch, und indem wir nun vom Strande abstießen, konnte ich mich der Frage nicht enthalten, woher er eine so genaue Kenntnis meiner Familie habe, und wie er überhaupt dazu komme, einen so warmen und freundschaftlichen Anteil an mir zu nehmen.
»Nun,« erwiderte er lächelnd, »das wird Euch weiter nicht wunder nehmen, wenn Ihr hören werdet, was ich Euch zu erzählen habe. Im Jahre 1764 fuhr ich als Steuermann auf einem holländischen Schiffe und hatte zwischen Weihnachten und Neujahr das Mißgeschick, eine Meile von Kolberg zu stranden und kaum das nackte Leben zu bergen. Des nächsten Tages führte Euern Vater der Zufall in das Dorf und die armselige Bauernhütte, wohin ich und meine übrigen Unglücksgefährten uns kümmerlich geflüchtet hatten. Die hellen Tränen traten ihm bei unserm Anblicke ins Auge. Insonderheit richtete er seine Aufmerksamkeit auf mich, fragte mich über meine Umstände aus und erbot sich auf der Stelle edelmütig, mich, wenn ich wolle, mit nach Kolberg zu nehmen und für mein weiteres Unterkommen zu sorgen. Er habe auch zwei Söhne in der See, und Gott wisse, wo und wie auch sie die Hilfe mitleidiger Seelen bedürfen könnten. Vorderhand könne er zwar nur mich allein mitnehmen, allein auch für die Rückbleibenden solle baldigst Rat geschafft werden.
»So kam ich,« fuhr er fort, »nach Kolberg in Euer väterliches Haus, wo ich an Eures Vaters, Mutter und Schwester Seite gegessen und getrunken, alle meine Notdurft empfangen und tausendfache Liebe und Güte genossen habe. Eure Schwester versorgte mich mit Wäsche; meine kleinsten Wünsche wurden erfüllt, und so erhielt ich von so liebreichen Händen meine volle Verpflegung bis über Ostern hinaus, wo sich endlich eine Schiffsgelegenheit fand, wieder nach der Heimat zurückzukehren. Aber auch da noch steckte mir Euer Vater einen holländischen Dukaten zum Reisegelde in die Hand, und hinter seinem Rücken tat Euere Mutter mit zwei preußischen harten Talern das nämliche. Oft genug erzählten mir beide von ihrem wackeren Sohne in Königsberg; und ich hinwiederum vertraute ihnen, daß ich kein Holländer, sondern ein preußisches Landeskind und aus Neuwarp in Vorpommern gebürtig sei, Karl Friedrich Mick heiße und mich aus Furcht vor dem Soldatendienste außer Landes begeben habe. Seit jenen Zeiten habe ich nun stets darauf gesonnen, wie ich es möglich machen wollte, so viel Liebe und Güte nach Würden zu vergelten, und hätte wohl nicht gedacht, daß sich mir dazu hier an der Küste von Afrika eine so erwünschte Gelegenheit auftun sollte. Wiewohl ich noch immer nicht begreife, was für ein widriges Schicksal Euch hierher führt und Euere blühenden Umstände so ganz verändert hat?«
Die Antwort auf diese teilnehmende Frage mußte ich dem guten Manne für diesmal noch schuldig bleiben, da wir soeben am Bord des Kapitäns Sandleven anlangten. Diesen fanden wir, beim Eintritte in die Kajüte, bettlägerig und in elender Verfassung. Mein Begleiter stellte mich ihm, mit einer nachdrücklichen Empfehlung und Verbürgung, als denjenigen vor, der ihm in Führung seines Schiffes und seiner Geschäfte beirätig sein solle, und auf den er sich in allen Fällen verlassen könne. Der gute Mann streckte seine Arme nach mir aus, umfing mich inbrünstig und hieß mich von ganzem Herzen willkommen. Demnächst übergab er mir das völlige Kommando, ließ mich durch den Kapitän Mick dem Schiffsvolke vorstellen, gab mir die nötige Einsicht in seine Papiere und Geschäfte und war solchergestalt nach Möglichkeit behilflich, daß hier alles wieder mit einem neuen Geiste und Leben beseelt wurde. Mir selbst war nicht minder zumute, als sei ich aus der Hölle in den Himmel übergegangen.
Bevor nun mein neuer Freund mich verließ, bemerkte ich ihm, daß ich auf der Christina noch eine sechsmonatige Gage zu fordern hätte; und er versprach, daß sie mir unverkürzt ausgezahlt werden sollte. Wirklich geschah dies auch gleich am nächsten Tage mittels einer Anweisung des Kapitäns Harmel auf zweihundertsechzehn Gulden holländisch an seine Schiffsreeder, die Herren Rochus und Kopstädt in Rotterdam. Ebenso holte ich meine Habseligkeiten aus dem alten in das neue Schiff ab, und war von diesem Augenblicke an in dem letzteren vollkommen einheimisch.
Nach gepflogener Beratschlagung mit meinem Kapitäne wandten wir das Schiff wiederum gegen die westlicher gelegenen Punkte, um unsere Ladung durch fortgesetzten Handel zu vervollständigen. Das beschäftigte uns bis in den September hinein, während welcher Zeit der gute Mann, zu meiner nicht geringen Freude, sich merklich erholte und endlich auch wieder auf dem Verdecke erscheinen konnte. Um so leichter ließ sich nun auch der Beschluß ausführen, daß ich mit dem Boote nach dem sechs Meilen von uns entfernten holländischen Forte Boutrou abgehen sollte, wohin wir mit dem Schiffe zu kommen, durch Wind und Strömung verhindert wurden, und wo sich gleichwohl vielleicht einiger Vorteil für unsern Verkehr beschaffen ließ.

Auf dem Wege dahin erblickte ich ein Boot, das uns entgegensteuerte; und aus dieser Richtung sowohl, als aus andern Umständen erkannte ich leicht, daß es mit seinem Briefsacke nach St. George de la Mina zu kommen gedenke und zu einem kürzlich erst auf der Küste angelangten Schiffe gehören müsse. Dies machte mir Lust, mich ihm zu nähern und ihm seine mitgebrachten Neuigkeiten abzufragen. Kaum aber war das Gespräch angeknüpft, so erkannte ich in dem jenseitigen Führer, mit absonderlicher Verwunderung, den nämlichen Steuermann Peters, der uns in vorigem Herbste mit der besetzten französischen Prise so unerwartet und bei Nacht und Nebel davongegangen. Auch mein Gesicht ward ihm sofort kenntlich; er rief meinen Namen, und wir verloren keinen Augenblick, unsere Fahrzeuge aneinander zu befestigen, damit wir die tausend Fragen und Antworten, die uns beiderseits auf der Zunge schwebten, gegeneinander austauschen könnten.
Daß er sich mit dem Schiffe glücklich nach Rotterdam hingefunden hatte, war mir, wie der geneigte Leser weiß, bereits im März durch die französische Fregatte zu Ohren gekommen. Allein wie er dies bei seinen eingeschränkten Kenntnissen vom Seewesen und ohne einen festen Punkt von Länge und Breite mit sich zu nehmen habe möglich machen können, wollte mir ebensowenig, als daß sein Verschwinden ein bloßes Werk des Zufalls gewesen sein sollte, einleuchten. Indes behauptete er doch, er habe, als es Tag geworden, uns und die Christina weder gesehen, noch wieder auffinden können, und sei also genötigt gewesen, seinen Kurs nach Gutdünken, gegen den englischen Kanal zu einzurichten. In dieser beibehaltenen Richtung sei er einige Tage später auf ein englisches Schiff gestoßen, bei welchem er sich wegen der Lage und Entfernung von Quessant befragt, aber von der Antwort wenig verstanden habe. Demnach sei er getrost bei seinem anfänglichen Kurs geblieben, bis ihm des nächstfolgenden Tages ein schwedisches Schiff die Auskunft erteilt, daß er Kap Landsend in Ostnordost 65 Meilen vor sich liegen habe; und dieser willkommenen Weisung nachsteuernd, habe er denn auch, bei günstigem Winde, diese Landspitze des dritten Tages zu Gesicht bekommen, von dort den Kanal hinaufgeleiert, ferner die flämischen Küsten möglichst in der Nähe behalten, und so des fünften Tages auch glücklich Goree und die Mündung der Maas erreicht.