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Du deutsches Kind! Eine Gabe für unsere Jugend

Der Solnhofer Knabe.

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An der Altmühl, ungefähr eine Viertelstunde unterhalb Solnhofen, ist eine Glashütte im Gang. Das Holz zu den Öfen kann leicht über die jähen Bergwände herabgelassen werden und der reine, zuckerweiße Sand findet sich da und dort in Nestern unter dem Rasen.

Ehe man anfing, diesen Sand in Glas zu verwandeln, bestreuten oder fegten schon die Hausfrauen in der Umgegend ihre Stubenböden, Tische, Bänke, hölzernen Geschirre usw. damit und kauften ihn von Weibern, die ihn bei Solnhofen gruben und in kleinen Säckchen zum Verkauf in die umliegenden Orte trugen.

In der ältesten Zeit befaßte sich eine Zeitlang nur ein einziges Weib mit diesem beschwerlichen Handel, bei welchem sie oft über fünfzig Pfund auf dem Rücken aus- und nur ein paar Heller in der Tasche dafür heimtrug. Es war eine Witwe in mittlerem Alter. Sie hatte einen zwölfjährigen Knaben, der im Sommer die Ziegen des Ortes hütete und im Winter mit seiner Mutter in den unterirdischen Felsklüften Sandnester aufsuchte und ausbeutete, wenn man vor Schnee und Eis in den Boden kommen konnte.

Knabe
Knabe

Einmal in einem besonders harten Winter wollte es den guten Leuten gar nicht gelingen. Lange war der Boden bald so fest gefroren und bald so hoch mit Schnee bedeckt, daß sie gar nicht zu ihrer unterirdischen Nahrungsquelle gelangen konnten. Der kleine Vorrat an Sand, den sie sich im Herbst gegraben hatten, ging zu Ende und mit ihm das Brot, das sie sich für die erlösten Pfennige aus den benachbarten Orten mitzunehmen pflegten. An den Sommerseiten der Berge, wo die Februarsonne die dünneren Schneeschichten weggeleckt hatte, fingen sie nun an zu schürfen, aber überall und immer ohne Erfolg. Ihre Werkzeuge zerbrachen und sie hatten noch kein weißes Sandkorn gefunden. Dazu ging das Futter für die Ziegen auf die Neige und in der Hütte waren nun vier Geschöpfe, denen der Hunger aus den Augen sah. Das einzige, was sie noch unter sich teilen konnten, war eine Kufe mit eingestampften Rüben und weißem Kohl; aber auch diese stritten schon mit der Verwesung, weil sie nur wenig gesalzen waren. Die Geißen erhielten ihren Anteil roh, wie er aus der Kufe kam; die Portionen für sich und ihren Knaben kochte die Witwe und salzte sie oft mit ihren bitteren Kummertränen; denn es war damals unter ihrem Dache wie in der Hütte der Witwe von Zarpath, als sie dem Propheten antwortete: „So wahr der Herr, dein Gott, lebt, ich habe nichts Gebackenes, nur eine Hand voll Mehl im Topf und ein wenig Öl im Kruge. Und siehe, ich habe Holz aufgelesen und gehe hinein und will es mir und meinem Sohne zurichten, daß wir essen und sterben.“

Der Knabe liebte seine Mutter und bewies seine Liebe meistens dadurch, daß er nie über seinen Hunger klagte, sondern geduldig von einer Mahlzeit auf die andere wartete und überhaupt alles vermied und verbarg, was ihr das Herz noch schwerer machen konnte. Aber fast die ganze andere Hälfte seines Herzens war den Ziegen zugewandt und es wollte ihm brechen, wenn er sah, wie sie, von Hunger getrieben, an der Kufe hinaufsprangen und vergebens Hals und Zunge streckten, um die Neige darin zu erreichen. Hätten sie von seinen schönen Worten und Vertröstungen auf den nahen Frühling satt werden können, dann hätten sie mehr als genug gehabt; aber so wurden sie immer magerer. Der Knabe entschloß sich endlich, für sie zu tun, was er noch nicht einmal für seine Mutter getan hatte.

In Solnhofen war ein Benediktinerkloster. An die Pforte derselben pochte der Knabe mit dem schweren eisernen Klöpfel, der daran hing, und antwortete dem Bruder Pförtner, der nach seinem Begehren fragte, er müsse mit dem Abt selbst reden. Er wurde vor diesen ehrwürdigen Diener Gottes geführt, küßte ihm die Hand und bat, er möchte ihm doch nur erlauben, das Heu aufzulesen, das die Klosterkühe unter den Barren und unter die Streu würfen; denn seine zwei Ziegen waren am Verhungern. Den Abt überraschte anfangs die Bitte, deren Gewährung gar leicht mißbraucht oder wenigstens zu einer großen Versuchung werden konnte; aber bald überzeugte er sich, mit was für einer aufrichtigen und redlichen Seele er es zu tun habe. Er fragte unter andern Dingen nach dem wenigen, was nach den damaligen Anforderungen der Kirche ein Christ wissen sollte. Der Knabe sagte seinen Glauben, sein Vaterunser nebst einigen anderen kürzeren Gebeten gut her und beantwortete munter etliche Fragen aus den Evangelien. Nun sprach der Abt: „Mein Söhnlein, du darfst alle Tage, wenn unsere Kühe zur Tränke getrieben werden, kommen und holen, was sie unter dem Barren liegen lassen, und wenn der Bruder Küchenmeister etwas übrig hat, so wird er es dir auch mitgeben für dich und deine Mutter.“ Dann segnete er den Knaben und entließ ihn froh getröstet.

In der Hütte der Witfrau hatte nun die Not ein Ende. Bald kam auch der warme und freundliche Frühling, die Witwe entdeckte wieder eine ergiebige Sandgrube und ihr Benedikt trieb als gedungenes Ziegenhirtlein die Ziegen des Dorfes auf die hohen, luftigen Berge. In die Kost ging er bei den einzelnen Besitzern der Ziegen der Reihe nach. Sein Osterlamm aß er im Kloster, seinen Pfingstkuchen buk ihm die Wirtin, seinen Kirchweihschmaus hielt er in der neuen Mühle und seinen Namenstag feierte er wieder mit den Benediktinern.

An Unterhaltung fehlte es ihm auch auf den einsamen Höhen nicht. Da lag der damals noch unbenützte Kalkschiefer so am Tage, daß es ihm leicht war, Platten davon herauszuheben und aus ihnen mit einem ganz kleinen Hammer, den ihm noch sein verstorbener Vater gemacht hatte, regelmäßige Vierecke zu fertigen.

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Was man so unrichtiger- und sündhafterweise Zufall nennt, führte den Knaben zu einer wichtigen Erfindung. Benedikt legte einmal eine Schieferplatte, wie er sie aus dem Boden gebrochen hatte, auf seinen Schoß, zeichnete mit einer Kohle von seinem Hirtenfeuer ein Viereck darauf und sprach dann bei sich: „Wenn ich fünfzig solche viereckige Tafeln hätte, könnte ich meine ganze Hausflur damit belegen, wo jetzt die Hühner scharren, wenn es draußen regnet. Während er dies dachte, klopfte er mit seinem Hämmerlein auf dem einen schnurgeraden Kohlenstrich sanft auf und ab; denn er freute sich über den hellen Klang der Platte. Auf einmal wurden die hellen Töne dumpf und immer dumpfer wie bei einer zersprungenen Glocke und zuletzt sprang die Tafel gerade in der Richtung des Kohlenstrichs entzwei. „Ist es da so gegangen,“ dachte Benedikt, „so kann es bei den übrigen drei Seiten ebenso gehen.“ Er hämmerte auch auf dem zweiten Kohlenstrich eine Weile vorwärts und rückwärts. Sein Schluß war richtig. Nachdem er noch einige Minuten so fortgemacht hatte, lag eine vollkommen viereckige Platte auf seinen Knieen. Eine zweite gelang nicht minder. Früher schon hatte er manchmal zwei Schiefertrümmer aneinander gerieben, um sie zu polieren, und gefunden, daß er damit am schnellsten zustande kam, wenn er von dem Sande, womit seine Mutter handelte, dazwischen tat und Wasser dazu nahm. Diese frühere Erfindung wandte er nun auf seine Pflastersteine an und gewann so einige sehr schöne Platten. Indes trieb er dies alles als eine bloße Spielerei und sagte davon niemand etwas, selbst seiner Mutter nicht. Seine schönsten Tafeln verbarg er da und dort unter einem Busch, wie etwa ein Hirtenknabe an der Donau schöne Kiesel, die er in ihrem Bette findet, in einem hohlen Weidenstamme aufhebt.

Eines Abends aber, als er eingetrieben hatte und seiner Mutter gegenüber an der Suppenschüssel saß, erzählte sie ihm, daß sie mit Sand in Eichstätt gewesen und dort dem Bischof so nahe gekommen sei, daß sie jedes seiner Worte verstanden habe.

„Was sagte er denn?“ fragte Benedikt.

„Er stand“, antwortete die Witwe, „mitten unter den Domherren in der neuen Kirche, die er hat bauen lassen, und beratschlagte mit ihnen, mit was für Steinen der Fußboden belegt werden dürfte. Der eine riet dies und der andere das, bis der hochwürdige Herr der Unterredung damit ein Ende machte, daß er sagte: „Nun, morgen um die elfte Stunde haben wir die fremden Steinmetzen hieher bestellt und wollen die Proben schauen, die sie von allerlei Sand- und Marmelsteinen bei sich haben. Aber wir fürchten, ein solches Pflaster möchte für unsern bischöflichen Beutel zu teuer kommen. Wir werden uns wohl die Backsteine gefallen lassen müssen, die am wohlfeilsten sind.“

„So, so!“ versetzte Benedikt, warf seinen Löffel von Horn in die Tischlade, wünschte seiner Mutter eine gute Nacht und ging unter das Dach hinauf in seine Schlafstätte.

Das Sandweib hatte übrigens den Fürstbischof ganz recht verstanden. Schon bald nach der zehnten Stunde des Morgens versammelten sich in der neuen Kirche zu Eichstätt, in der von der Hand des Maurermeisters nichts mehr fehlte als das Pflaster, etliche Steinmetzen, die der Bischof aus Tirol, dem Fichtelgebirge und dem Rheingau auf seine Kosten berufen hatte. Die Steinproben trugen ihnen ihre Gesellen in kleinen, hölzernen Kästchen nach und stellten sie nebeneinander auf eine lange Tafel. Darauf fanden sich nach und nach mehrere Grafen und Herren aus der Nachbarschaft ein, die schon reichlich zu dem Kirchenbau beigesteuert hatten und nun auch noch bei dem Pflaster ein übriges tun sollten. Endlich erschien auch der Fürstbischof mit allen seinen Domherren und seinen weltlichen Beamten hinter sich. Als alle beisammen waren, schien es fast, als sollte eine Kirchenversammlung gehalten werden, so viele waren ihrer.

Der Bischof nahm nun die schöngeschliffenen Proben aus den Kästlein, eine nach der andern und es war keine darunter, die ihm und seinem Gefolge nicht gefallen hätte. Auch waren zum Teil die kleinen Marmelsteine in den Schubladen so nebeneinander gelegt, weiße und schwarze, gelbe und graue, bunte und einfarbige, daß man schon im kleinen sehen konnte, wie herrlich schön ein Steinpflaster davon im großen ausfallen würde. Aber als die fremden Steinmetzen nacheinander sagten, was der Quadratfuß davon schon an Ort und Stelle koste, und als der Baumeister an den Fingern berechnete, wieviel Quadratfuß er brauche, und als der Rentmeister die Totalsumme in Goldgulden aussprach, fuhr der Bischof mit der Hand hinter das Ohr und sein Schatzmeister schüttelte mit dem Kopf und die Grafen und Herren machten große Augen und sahen einander schweigend an.

In diesem Augenblick entstand unter dem Hauptportal der Kirche ein Geräusch. Zwei Trabanten des Fürstbischofs wollten einen barfüßigen Bauernknaben nicht hereinlassen und hielten ihre Hellebarden vor; aber der Knabe duckte sich, schlüpfte darunter hinweg wie eine Henne unter der Gartentüre und drängte sich dann ohne Umstände mitten durch die Versammlung, bis er vor dem Bischof stand, dem er den Saum seines Kleides küßte. Seine Mütze, an der nicht viel zu verkrüppeln war, nahm er zwischen die Kniee, drei viereckige und zolldicke Schieferplatten, eine blaßgelbe, eine blaugraue und eine marmorierte, nahm er aus der Schürze, womit sie umwickelt waren, und legte sie auf die Tafel. Sie waren noch naß; denn er hatte sie erst in den Dombrunnen getaucht; desto mehr aber glänzten die geschliffenen Seiten und zeigten, wie schön die Steine erst dann werden würden, wenn eine kunstgeübte Hand darüber käme.

Seine Ware zu empfehlen, meinte der Knabe, sei nicht nötig, sondern er schaute nur einem von den Umstehenden nach dem andern ins Gesicht und wischte sich mit der Schürze den Schweiß von der Stirn. Als aber der Bischof anfing, ihn zu fragen, antwortete er munter und sprach: „Ich gehöre dem Sandweib von Solnhofen und die Steine habe ich auf dem Berge hinter dem Kloster gemacht. Wenn ihr noch mehr braucht, so dürft ihr mir nur euere Steinhauer mitgeben, so will ich ihnen zeigen, wie sie es anfangen müssen.“

Der Knabe war Benedikt, unser Ziegenhirtlein. Er hatte nach der Abendsuppe, bei der ihm seine Mutter von der neuen Kirche in Eichstätt erzählte, nicht mehr geschlafen. Ein Gedanke, der ihm unter dem Essen gekommen war, trieb ihn durch die Hintertür hinaus auf den Berg, wo seine Steine lagen, und von da mit ihnen in der hellen Mondnacht gen Eichstätt, wohin er den Weg genau kannte von dem Sandhandel her. Seine Mutter erschrak freilich, als sie ihn in der Frühe wecken wollte und das Nest leer fand. Sie konnte nicht einmal gehen, ihn zu suchen oder ihm nachzufragen; denn die Ziegen waren schon alle aus den Ställen gelassen und standen meckernd auf der Gasse oder naschten von den Blumenstöcken vor den Fenstern des Pfarrhauses. Übel oder wohl mußte sie tun, als wäre ihr Benedikt krank. Sie nahm Geißel und Stecken und trieb das Vieh selbst auf den Berg, wo sie den langen, langen Tag unter vergeblichem Warten in Sorge zubrachte. — Aber als sie abends hinter der gehörnten Schar das Dorf hinunterging, kamen einige Maultiere herauf, ihr entgegen. Auf dem vordersten saß ihr Benedikt hinter einem Knechte des Fürstbischofs, und zwar so munter, daß die Witfrau sogleich sah, es müsse ihm den Tag über nicht schlecht ergangen sein.

So war es auch. Der Bischof hatte sich sogleich für die Pflastersteine des Sandbuben entschieden und die fremden Steinmetzen wieder in ihre Heimat entlassen, den Knaben aber mit in sein Haus genommen, gespeist und ihm versichert, daß er für ihn und seine Mutter sorgen wolle. Dann hatte er ihn mit dem Baumeister, der das Steinlager untersuchen sollte, nach Solnhofen zurückgehen lassen.

Der Bischof hielt Wort. Nachdem Benedikt bei einem Meister Steinmetz in Eichstätt in der Lehre gewesen war, ließ er sich in Solnhofen nieder und hatte fortwährend so viele Bestellungen an Pflaster- und Quadersteinen, daß es ihm und seiner Mutter nie mehr an dem täglichen Brot fehlte.

Karl Stöber.

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