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Reading edition
Ärgerlich blätterte der Untersuchungsrichter in den Akten, schlug die Mappe zu.
Der Dichter hatte den Mord zwar sofort eingestanden, aber der Untersuchungsrichter kam doch seit Tagen nicht vorwärts, denn der Dichter redete immer wieder von einem Glas Milch, das mit schuld daran sei, daß er den Lehrer umgebracht habe.
Des Untersuchungsrichters blondbehaarter Zeigefinger drückte auf den Taster. „Man soll mir den Anton Seiler bringen“, sagte er zum eintretenden Diener. Und zu sich selbst: „Zum letzten Mal!“
Resolut schlug er die Aktenmappe wieder auf und begann, mit dem Taschenmesser die Kruste an seiner Schreibfeder abzuschaben.
Die Hände vor den Leib gefesselt, wurde der Dichter hereingeführt. Sein Gesicht war blaß und faltenlos. Die Oberpartie seines Kopfes — Augen, Stirn — hatte sich stark vergrößert. Über den Brauen waren modelliert hervortretende Höcker entstanden, wie manche Menschen sie haben, die jahrelang angestrengt denken.
Nur das Schaben des Untersuchungsrichters war hörbar.
Und als er sich mit dem Schreibsessel Seiler zudrehte und nervös sagte: „Geben Sie doch schon zu, daß Sie den Lehrer umbrachten, um zu dem Hundertmarkschein zu kommen“, antwortete der Dichter gedankenabwesend erst nach einer Pause:
„Nein, das war es nicht.“
Des Untersuchungsrichters Hand fuhr zur linken Brustseite; er war herzkrank. „Einigermaßen handgreiflich müssen doch auch Sie . . . Ihrerseits motivieren können, weshalb Sie Ihren alten Lehrer erwürgt haben. Man geht doch nicht einfach hin und erwürgt ohne Grund einen Menschen. Sie sahen den Schein liegen . . . und da geschah die Sache, glauben Sie mirs . . . So etwas ist schon manchem vor Ihnen passiert.“
„Ich habe Ihnen schon gesagt, daß die Ursachen meines Verbrechens weit zurückliegen.“
„Bleiben Sie mir um Himmels willen nur mit Ihrem Glas Milch vom Leibe!“ Er nahm die Hände weg von den Schläfen. „Gut, nicht des Geldes wegen! Also gut, nehmen wir an, es war Ihnen nicht nur um den Geldschein zu tun.“ Sein Stimme wurde klein und schnell: „Aber doch in der Hauptsache! Nicht wahr?“
Der Dichter war wieder weit weg mit seinen Gedanken, so daß er eine Weile nicht antwortete und nur den Schluß seiner Gedankenreihe aussprach: „Nein, denn die Hauptsache bei jedem Verbrechen sind immer die Ursachen.“
„Schließlich — wir sind doch Männer —, was solls denn sonst gewesen sein? Was hat er Ihnen denn getan?“ Der Richter stieß die Hände beteuernd vor.
„Getan? . . . hat er mir nichts . . . anderes, als was die meisten Menschen, die meisten Erwachsenen den Kindern antun.“
„Na also! Nichts hat er Ihnen getan. Jetzt sind Sie wenigstens vernünftig.“
„Er hat mich ruiniert.“
Des Richters Kopf zuckte in die Höhe. „Ja aber wodurch denn!“
„Das habe ich Ihnen schon gesagt.“
„Na?“
„Weil er mich damals nicht mit in die Wirtschaft gehen ließ.“
„Glauben Sie, ich sitze hier, um mich von Ihnen zum Narren machen zu lassen!“ brach die Empörung aus dem Richter hervor. Seine Hand fuhr zum Herzen. „Acht Jahre waren Sie damals alt! wie? . . . Und als einunddreißigjähriger Mann gehen Sie hin und ermorden Ihren Lehrer, weil er Ihnen, als Sie ein Kind waren, eine kleine Strafe auferlegt hat . . . Unsinn, was?“
„Weil er mir das Mal ins Gehirn gebrannt hat.“
„Was für ein Mal?“
„Das mich ruiniert hat . . . weil ichs seitdem im Gehirn habe . . . Und solange ich lebe.“
„Die Milch, wie?“ sagte der Richter beißend.
Der Wärter konnte ein Lächeln nicht unterdrücken.
„Es war vielleicht nicht nur das allein schuld daran. Vieles Ähnliche zusammen . . . Ich erwarte ja nicht, daß Sie mich verstehen, und ich möchte auch nichts mehr sagen.“
„So.“ Der Richter brauchte eine Weile, ehe er sich wieder beherrschte. „Weshalb haben Sie nun eigentlich den Schein genommen . . . nach Ihrer Meinung?“
„. . . Ich glaube, um fliehen zu können . . . Ich hätte ja das Geld gar nicht genommen, wenn ich nicht diese Erscheinung gehabt hätte . . . Das Gummiseil.“
„Ein Gummiseil hatten Sie?“ fragte der Richter gleichgültig und lauerte.
„Aus einem fremden Land ging ein auseinandergezogenes Seil aus Gummi bis zu mir . . . Ich knüpfte mich daran, und das Seil schnellte mit mir übers Meer . . . durch die Luft ins fremde Land.“
Auch der Schreiber riß die Augen auf.
Und der Richter brachte erst nach einer langen Pause hervor: „Teufel auch! . . . Eine fixe Flucht . . . Und die Ankunft? Haben Sie sich auch Ihre Ankunft überlegt mit dem Gummiseil, dort in dem Land? Teufel nochmal!“
„Deshalb nahm ich das Geld.“
„Während Ihrer ersten Anwesenheit in der Heimatstadt standen Sie doch auch schon vor des Lehrers Haustür; weshalb sind Sie da nicht hinaufgegangen?“
„Weil ich Angst vor meinem Lehrer hatte.“
„Als Dreißigjähriger! . . . Angst vor Ihrem Lehrer? . . . Na, hören Sie!“ Der Richter zündete sich eine schwarze Zigarre an.
„An dieser Angst ist ja eben auch das Mal schuld . . . An allem.“
„Seien Sie so freundlich! Sehen Sie, ich kann mit Ihrem Mal wirklich nichts anfangen . . . Und nach Berlin zurückgekehrt, dachten Sie sich den ganzen Plan aus.“
„Nein, ich wollte mich aussöhnen mit dem Lehrer.“
„So, aussöhnen“, sagte der Richter ruhig. „Und anstatt dessen ermorden Sie ihn . . . Ihr gesunder Menschenverstand muß Ihnen doch sagen, daß das Unsinn ist.“
Des Dichters Augen sahen in der Ferne die Kammer.
„Aussöhnen — und anstatt dessen ermorden? Das müssen Sie mir erklären.“
„Das zu erklären . . . ist kompliziert. Dazu fehlen die Voraussetzungen.“
„Mir, wie?“
Der Dichter zuckte bedauernd die Schultern und schwieg.
Und der Richter tauchte die Feder wütend ins Tintenfaß. Dabei lächelte er.
„Zu allem kam auch noch das Entsetzliche mit dem Schulknaben“, begann der Dichter von selbst. „Ich mußte mit ansehen, wie die gleiche Ursache meines Elends dem Knaben ins Gehirn geschleudert wurde. Da empfand ich, daß der Lehrer ein Repräsentant der Seelenzerstörer war . . . und mein Haß erwürgte ihn.“
„Erwürgte ihn“, schrieb der Richter auf. „Und dann, dann nahmen Sie den Hundertmarkschein.“
„Dann, ja, dann nahm ich den Schein.“
„Na, sehen Sie.“ ‚Nach der Tat nahm ich den Schein‘, schrieb er auf. „Nicht wahr? . . . Also, um das Geld zu bekommen, geschah die Sache . . . Reue und Aufrichtigkeit kann Ihnen nur nützen. Was Sie mir sagen, ist ja auch noch nicht absolut verbindlich für Sie . . . Und dann wollten Sie natürlich so schnell wie möglich fliehen.“
„Auch wegen meiner Mutter.“
„Aber durch einen hübschen Zufall waren sämtliche fünfzehn Polizisten auf dem Bahnhof“, sagte der Richter zu sich selbst.
Und der Dichter sagte traumhaft: „Ich wollte gar nicht zum Bahnhof. Auf den Berg wollte ich steigen und noch einmal auf die Stadt hinuntersehen . . . Und dann immer weiter wandern.“
Das notierte der Richter und ließ den Dichter abführen. „Aber auch ein Glück, daß er zum Bahnhof zu diesen fünfzehn Kamelen gelaufen ist“, sagte er zum Schreiber und begann, das Protokoll für die Reinschrift zu diktieren, „denn sonst könnten wir diesen kaltblütigen Erzhalunken jetzt auf der ganzen Welt suchen . . . Solche Gummiseile fehlten uns gerade noch! Was meinen Sie?“
In der Zelle stand der Dichter reglos an der Mauer. Seine Gedanken und Gefühle umkreisten die Mutter; seit der Verhaftung litt er nur unter der Qual seiner Mutter.
Der Wärter horchte neugierig am Beobachtungsfenster der Zellentür, als der Dichter vor sich hin sagte: „Welch hartes Herz . . . hartes Herz muß Christus gehabt haben, da er rufen konnte: Was geht mich dieses Weib an, ich kenne es nicht.“
Vergebens versuchte der Dichter, sich zu dieser Selbstlosigkeit um aller Menschen willen emporzuzwingen. Schweifte er auch nur eine Sekunde lang von diesem Gedankengang ab, sank er sofort wieder in die Einzelbeziehung — in die mächtige, dunkle Blutliebe zur Mutter zurück.
„Blutketten sind grausam schwer zerreißbar, Blutketten“, flüsterte er. Und sehnte sich mit der ganzen Kraft seines Wesens nach Befreiung von diesen Gefühlsfesseln, um ganz allein und bereit sein zu können.
Seine dumpfe Liebe ließ es nicht zu. Aus ihr heraus sagte er: „Wenn die Mutter stürbe . . . vorher, das wäre wunderbar.“
Diesem Gedanken hing er nach, dachte ihn zu Ende. Sein Gesicht wurde alt und klar.
Da trat der Gerichtspsychiater ein.
Und fühlte dem Dichter den Puls, fragte ihn noch einmal dasselbe wie bei der ersten Untersuchung, um eventuelle Widersprüche feststellen zu können.
„Nein, meine ganze Familie ist gesund.“
„Ich? . . . Höchstens Schwächezustände wegen Unterernährung.“
Der Wärter stand bei der Tür.
„Geschwister, alle gesund? Keines gestorben?“
„Gestorben? Nein. Meine Schwester hat Selbstmord begangen.“
„Das haben Sie mir das letzte Mal verschwiegen . . . Weshalb tat sie denn das, bitte?“
„Man nimmt an, sie sei verunglückt — beim Baden ertrunken . . . Ich glaube, sie tat es aus Scham, weil der Lehrer ihr die Röcke hinten hochgehoben und sie auf den nackten Körper geschlagen hat, mit seiner Hand . . . vor der ganzen Klasse.“
„Und deshalb? . . . Im allgemeinen ist das für ein Kind kein Grund, sich das Leben zu nehmen . . . Eine Krankheit lag nicht bei ihr vor?“
„Nein . . . Ein bißchen empfindsam sind wir Geschwister.“
„Ein Lehrer tat das?“
„Ja, Herr Lehrer Mager.“
„. . . Derselbe?“ Er strich sich vom Nacken weg über den Kopf, bis zum Mund. Dann glitt die Hand am glänzenden, schwarzen Vollbart entlang, und der Mund öffnete sich nachdenklich.
„Da war sie dreizehn Jahre alt. Sie lief vom Schulhaus weg und sprang in den Fluß. Seit einiger Zeit denke ich mir, daß sie wegen dieser Demütigung in den Fluß gesprungen ist.“
„So mir nichts, dir nichts sollten Sie das aber doch nicht annehmen. Das erste Mal redeten Sie kein Wort von dieser ganzen Sache . . . Vielleicht ist ihr die Puppe hineingefallen oder die Mütze . . . Wie Kinder sind — sie springt nach, will sie herausholen und ertrinkt . . . Das andere wäre nicht normal.“
„Furchtbar normal, Herr Doktor, furchtbar normal! . . . Ein Jahr später kam . . . ich zum Herrn Mager in die Klasse.“
„Und bei sich haben Sie keine besonderen Erscheinungen beobachtet?“
„Ich weiß nichts . . . Meine Mutter sagt, daß ich als Junge mit offenen Augen geschlafen habe.“
„Das können ja . . . Sie selbst nicht wissen. Und sonst?“ „Ich bin ganz normal, Herr Doktor. Will sagen, ich bin nicht irrsinniger als zum Beispiel Sie . . . und Millionen andere.“
„Wie meinen?“
„Daß neunundneunzig Prozent aller Menschen irrsinnig sind. Und der übrige ganz kleine Prozentsatz Menschen, von denen man im Leben sagt, sie seien verrückt, unzurechnungsfähig, weltfremd, sich am schärfsten dem Normalzustand des Menschen genähert haben.“
„Aber pardon!“
„Es ist auch nur eine Ansicht von mir.“
„Das heißt, Sie wollen sagen, daß Sie so ein Normaler sind.“
Der Dichter errötete.
„Können Sie mir als Arzt sagen, ob es möglich ist, daß meine Mutter wegen meines Unglücks schnell stirbt?“
Der Arzt strich sich den Bart. „Alte Leute sterben nicht so schnell wegen eines . . . seelischen Unglücks. Darüber können Sie beruhigt sein.“
„Stirbt nicht?“ rief der Dichter entsetzt.
„Wünschen Sie, daß Ihre Mutter stirbt?“
„Das wäre wunderbar“, sagte der Dichter und streckte dem Arzt die Hände betend hin.
„Wenn Ihre Mutter stürbe?“
„Ja . . . Ich bin nicht Christus.“
Wegen seines plötzlichen Simulationsverdachtes kniff der Arzt die Augen zu. „Nehmen Sie sich halt ein bißchen zusammen“, sagte er, leise ironisch.
„Ich kann nicht. Ich kann ja nicht! Ich bin nicht Christus! Ich kann nicht so vollkommen selbstlos sein; ich muß die Mutter lieben.“
Er bemerkte den gesteigerten Verdacht auf dem Gesicht des Arztes nicht. „Ich bin nicht Christus!“
„Na, darüber sprechen wir später“, sagte der Arzt skeptisch. „Zeigen Sie mal . . . Lunge, Herz.“
Dann kontrollierte er noch die Sehnen- und Hautreflexe und verließ die Zelle.
„Dem Burschen fehlt nichts!“ rief er dem Untersuchungsrichter entgegen. „Zäh wie eine Katze in ihren besten Jahren.“
„Was sagte ich Ihnen!“
„Nur daß er selbst behauptet, ganz normal zu sein — die typische Meinung aller Irrsinnigen —, spricht etwas fürs Gegenteil.“
„Hallo! Wissen Sie, was das bei dem sein wird? Ein . . . sozusagen ein Dreh. Dieser Kerl ist nämlich ein ganz abgebrüht intelligenter Halunke.“
„Er hat sich sogar ein sehr hübsches Simulationsmoment zurechtgedacht.“
Der Richter hob die Augenbrauen.
„Er versichert mir nämlich konstant, er sei nicht Christus.“
„Na, ein ziemlich durchsichtiger Kohl . . . Der weiß ganz gut, daß Irrsinnige behaupten: König, Christus, Kaiser zu sein, Mutter Gottes. Und da dreht er den Spieß einmal um. Eine neue Nuance.“
Der Arzt lachte. „Neue Nuancen sind aber auch nötig; denn es ist heute doch nicht mehr so ganz einfach, einen Psychiater hinters Licht zu führen.“
„Und das Glas Milch? Hat er Ihnen das nicht auch zu trinken gegeben?“
„Diesmal nicht; bei der ersten Untersuchung. Aber als ich ihn hübsch in die Realität des Lebens zurückführte, da wurde er arrogant . . . Heute wieder hat er mir verklausuliert erklärt — ich sei irrsinnig und er normal.“
„Großartig . . . Wirklich.“
„Wer verteidigt ihn denn?“
Der Richter winkte lächelnd ab: „Der kleine Schallmann.“
„O weh, Offizialverteidiger?“
„Und was für welcher . . . Der arme Kerl.“
„Wer?“
„Wenn Sie wollen . . . alle beide. Der kleine Schallmann und sein Klient auch, schließlich . . .“
„Ja, es ist ein Elend.“
Beide zuckten bedauernd die Schultern. Sie reichten sich die Hand.