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Reading edition
„Den Sack mit Ihren Sachen habe ich auf den Speicher getragen“, sagte die Berliner Wirtin und blieb kampfbereit im Vorzimmer stehen. „Mein neuer Zimmerherr hat die zwei Großen vornehinaus gemietet. Und da hat er Ihre Kammer dazu gewollt.“
„Ich hatte ja nicht gekündigt.“ Der Dichter blickte unausgesetzt aufs Flurfenster, gegen das die harten Schneeperlen prasselten.
„Mein neuer Herr hat gleich für zwei Monate vorausbezahlt.“
„In vierzehn Tagen bekomme ich ganz bestimmt zwanzig Mark. Damit hätte ich Ihnen meine Schuld bezahlt.“
„Die zwanzig Mark sollen Sie jetzt schon . . . ich weiß gar nicht, wie lange Sie die schon bekommen sollen. Es ist ja möglich, daß Sie einmal zwanzig Mark bekommen . . . Mein neuer Herr bezahlt mich im voraus.“
„Ich bezahle auch.“
„Sie sagen immer: ich bezahle . . . Es ist ja möglich.“
„Aber Sie stehen der Sache skeptisch gegenüber“, rief fröhlich der eintretende neue Zimmerherr und reichte seinen Zylinder der Wirtin, deren fettige Hände die Schürze erst eifrig rieben.
Während sie den Zylinder vorsichtig hielt, zog der neue Herr seinen Pelz aus. Und verbeugte sich: „Doktor Wiener.“
Der Dichter sah gleich wieder zurück aufs schneebeschlagene Flurfenster. — Was hab ich hier noch zu suchen? Meinen Sack und fort!
„Von Ihnen weiß ich alles, alles, Herr Seiler. Sie kenne ich wie meinen Bruder“, sagte Doktor Wiener und tätschelte der erschreckenden Wirtin beruhigend die Schulter. Sein Tonfall sank: „Was wollen Sie, warum soll denn der Mensch nicht plappern?“ Doktor Wieners gesundrotes, hübsches Gesicht lachte ununterbrochen. Sein blondes Schnurrbärtchen sprühte Frische und Glanz.
Der Dichter dachte: entweder fort, oder ein gleichgültiges Gesicht machen!
„Also, in einem Vierteljahr übernehme ich das Sanatorium meines alten Herrn, sehen Sie, und bis dahin praktiziere ich noch in der Klinik. Da bin ich fast den ganzen Tag nicht zu Hause. Sie können demnach ruhig in der Kammer wohnen, Herr Seiler. Darum handelt sichs doch . . . was?“
„Wenn Sie denken“, stotterte der Dichter und suchte, trotz seiner Verlegenheit, herauszubekommen, was für ein Parfüm vom Doktor ausströmte. „Ich könnte ja ein ganz anderes Zimmer suchen gehen.“
„Ganz anderes? . . . Überhaupt, bei dem Wetter! Papperlapapp! Sie bleiben hier“, schnitt der Doktor das Gespräch ab. „Ist gut geheizt bei mir?“
„Jaaa, freilich, angenehm durchwärmt.“
„Ist ja großartig!“ rief der Doktor, ohne die Wirtin anzusehen, die neben ihm herlief und beteuernd auf ihn einredete.
„Na, da holen Sie halt Ihren Sack wieder runter!“ sagte sie, nachdem der Doktor in seinen Zimmern verschwunden war.
Und als der Dichter neben seinem Sack in der Kammer saß, dachte er darüber nach, ob er auf eigene oder auf des Doktors Rechnung die Kammer bewohne.
„Wo waren Sie denn heute nacht wieder?“ Sie stand unter dem Türrahmen.
„Nirgends. Gar nirgends!“
„Das geht nicht. Die Leute im Haus . . . Und überhaupt!“
Der Dichter wandte sein einziges Mittel an, die Wirtin in Bewegung zu setzen: blickte ihr wortlos in die Augen, die abschweiften, wieder auf den Dichter sahen, in die Ecke.
Dann hörte er sie in der Küche schimpfen.
Melancholisch hob er die zwei Zipfel in Nasenhöhe — der Sack spie alte Schuhe aus, einen Haufen schmutzige Wäsche, Kerzenstummel, Manuskriptfetzen.
Es klopfte — und Doktor Wiener trat auch gleich ein, im Hausanzug von wattierter Seide.
Der Dichter schleuderte den Sack — eine Kaffeemühle fiel auf den Wäschehaufen und polternd auf die Dielen.
„Donnerwetter! Hier bei Ihnen ists kalt.“
„Kalt.“
„Oho, man faßts tief auf.“ Der Doktor setzte sich auf die Schreibtischecke.
Der Dichter dachte gereizt, vorhin hat er über mich verfügt. „Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, weshalb Ihre Existenz so großartig glatt ist, während Millionen Menschen ihr Leben in Dreck und Elend verbringen müssen?“
„Oho!“
— Er verschanzt sich hinter sein lustiges Oho. „Und dabei sind Sie vielleicht noch besser als viele andere. Aber Ihr Oho genügt nicht . . . Glauben Sie nicht, daß man hin und wieder auch von diesen Dingen reden kann, ohne deshalb ein tiefer August sein zu müssen?“
Der Doktor senkte den Blick vor dem erbitterten Gesicht. „Natürlich traurig, daß es so viel Elend auf der Welt gibt.“
„Denken Sie darüber nach. Wer das nicht tut, ist ja wirklich ein Schurke.“
„Aber ich bitte Sie, Herr Seiler!“
Der Dichter trat ganz nahe an den Doktor heran. Sein Gesicht verzog sich in Selbstverachtung. „Ich empfinde die Not der Allgemeinheit vielleicht nur deshalb, weil ich selbst aus Not ein Schwein geworden bin . . . Materielle Not verursacht Seelennot, versaut die Seele.“
„Sie sind ja ein recht interessanter Nachbar“, versuchte der Doktor, sich aufzuraffen.
„Weil ich Ihnen erläutert habe, wieso wir beide Schweine sind? Ich, weil ich mein Leben lang alle möglichen demütigenden Schweinereien beging, um nicht zu verhungern, und Sie, weil Sie nicht darüber nachgedacht haben, weshalb zahllose Menschen vor Elend krepieren oder zu Halunken werden? . . . Es hat kein Mensch das Recht, eine glatte Existenz zu haben.“
„Sie sind ja ein recht interessanter Nachbar.“
„Ich kenne einen Menschen, der nicht schlechter ist als Sie und ausgerechnet hat, daß er vierzehn Jahre lang jährlich drei- bis fünfmal Mittagessen hatte.“
„Man siehts Ihnen an. Sie sollten Eisen nehmen.“
Der Dichter unterdrückte seinen Zorn und lächelte wirklich. „Um mir Appetit zu machen, den ich nicht stillen kann.“ Da sah er, daß der Doktor mit Verlegenheit kämpfte, und der Gedanke, den Doktor um Geld zu bitten, verursachte auch ihm Verlegenheit. So sahen sie einander an.
„Da rede ich große Worte, und zum Schluß schrumpft das Ganze zu dem Verlangen zusammen, Sie anzupumpen.“
„Aber ich bitte Sie, der Selbsterhaltungstrieb gibt Ihnen recht . . . schließlich. Lassen Sie mal gut sein. Kommen Sie rüber zu mir. Sie sind mein Gast. Fertig!“
Der Dichter rief wütend: „Warum sagen Sie nicht wieder: Papperlapapp!“
Und der Doktor lächelte zufrieden, warf das Kinn zur Brust, die Arme seitwärts. „Der Kampf ums Dasein . . .“
„Ist eine von den Menschen erfundene Gaunerei! Der Planet kann alle erhalten, die er hervorbringt.“
„Planet! Planet! Ihnen fehlts nur an gesundem Menschenverstand“, sagte der Doktor und legte dem Dichter die Hand väterlich auf die Schulter.
Der trat flammend zurück. Und der Zorn in seinen Augen wurde sichtbar zu Hohn. Er sagte deutlich: „Da erlaubt sich eine kleine Minderheit, den Verstand von Abermillionen so krank zu machen, daß sie in ihrem Elend am Ende schon glauben, das Elend müsse sein. Und für diese die Erde verdunkelnde Niedertracht nimmt die Minderheit den gesunden Menschenverstand in Anspruch.“
Der Doktor lachte: „Das haben Sie hübsch gesagt.“ Und rief fröhlich: „Es kommt eben auf die Kraft an. Der Stärkere setzt sich durch . . . Und das ist ganz in Ordnung.“
„Auf Kosten der Unterdrückten mit Brutalität sich durchsetzen, ist nicht in Ordnung“, sagte der Dichter und ging zu seinem Sack.
„Wieso Brutalität?“
Er hatte die Kaffeemühle aufgehoben und drehte beim Sprechen. „Die Herren des Lebens könnten sich sagen: die Unterdrückten haben Augen wie wir . . . und es ist brutal, auf Kosten von Wesen der eigenen Art das Leben zu genießen.“
„Aber ich bitte Sie, Ihr gesunder Menschenverstand . . .“ „Ich hab ihn nicht!“ Er ließ die Kaffeemühle senkrecht auf den Wäschehaufen fallen und sah den Doktor an.
„. . . muß Ihnen doch sagen, daß ein gebildeter Mensch feiner organisiert ist und demzufolge andere Bedürfnisse hat als . . . unsere Wirtin.“
„Hn? . . . Das Genußverhältnis darf sich differenzieren zwischen Ästhet und Klosettreiniger? . . . Der Herr und Ästhet des Lebens ist ein unästhetischer Verräter an seiner eigenen Wesensrasse, weil er vergißt, daß auch beim Klosettreiniger sich das Wunder des Seins offenbart. Das müßte die Minderheit eigentlich demütig machen, wie?“
„Sie stehen dem wirklichen Leben phantastisch gegenüber.“
„Ach nein, ich bin ganz einfach.“
Der Doktor streckte die Hand aus und rollte sie auf sich zu in die Hüfte. „Wie wollen Sie denn dem Tüchtigen und Glücklichen, der ein sorgenloses Leben führt, klarmachen, daß er nicht viel mehr wert ist als der Kloakenreiniger . . . Das geht zu weit, Herr Seiler.“ Seine Finger zappelten über dem Kopfe. „Nein nein nein! Das Leben ist anders.“
Der Dichter schwieg.
Der Doktor sagte: „Hier ists fürchterlich kalt“, und zog fröstelnd seinen Hausrock über der Brust zusammen. „Trinken Sie einen Kognak bei mir.“
Da sah der Dichter mit einem Blick von Berlin in seine Heimatstadt — dem Lehrer Mager direkt ins Gesicht. Und der Doktor sah die starren Augen des Dichters an, die nicht mehr in der Kammer waren.
„Kommen Sie mit hinüber.“
„Einen Likör?“
„Ja, oder alten Kognak.“
Die Augen kehrten zurück in die Kammer zum Doktor. Der Dichter schauerte zusammen.
Und als er dem Doktor in den durchwärmten, eleganten Salon folgte, blieb er im Türrahmen stehen, damit die Wärme in die kalte Kammer ströme.
„Schließen Sie, es geht kalt herein.“
Der Dichter öffnete die Tür ganz, ging sehr langsam zum Wäschehaufen zurück und tat, als suche er etwas.
Die Kammer füllte sich rasch mit Wärme.
„Wissen Sie,“ sagte er und blieb wieder in der offenen Tür stehen, „Ihr warmer Salon und meine kalte Kammer illustrieren gut das Besprochene.“
„Aber machen Sie nur schon endlich zu!“
„Ich sagte Ihnen ja, daß wir beide schmutzig sind . . . Ich mache allerhand kleine Schweinereien — schinde Wärme; und Sie geben freiwillig keine ab.“ Er schloß die Tür.
„Ach deshalb! Bitte, öffnen Sie doch, ich nehme eine Decke um“, sagte der Doktor und machte ein abweisendes Gesicht.
Die Stimme des Dichters wurde immer stärker. „Seit Jahrtausenden verlangt der Mensch brüllend, stinkend demütig, stöhnend, irrsinnig, daß der Planet ihn ernähre . . . Ich hasse die Repräsentanten all derer, die das verhindern.“
Da habe ich mir etwas aufgeladen, dachte der Doktor und sagte unfreundlich: „Na na, nicht so laut!“ Er zündete das Nachtlicht an. „Der gesunde Menschenverstand sagt einem doch, daß es Unterdrückte und Unterdrücker geben muß. So ist das Leben . . . Trinken Sie doch Ihren Kognak!“ Er machte weitere Vorbereitungen zum Schlafengehen.
Und der Dichter hielt sich für hinausgeworfen. Er sagte gedemütigt: „Arbeiten muß ich auch noch heute“, verließ hastig das Zimmer und schloß die Tür.
„Ah, Sie wollen schon gehen, schade.“
„Hat er wieder über mich verfügt.“ Starr blickte der Dichter auf den Wäschehaufen. Und während er den Zettel entfaltete, den die Wirtin auf den Muschelschreibtisch gelegt hatte, flüsterte er: „Gegen Doktor Wieners kommen wir nicht auf, kommen wir nicht auf, nie auf . . . wenn wir etwas von ihnen brauchen.“
Wie immer nach solchen Erlebnissen, schien es ihm unmöglich zu sein, Würde in sein Leben zu bringen, und der Ekel vor sich selbst versetzte ihn in letzte Hoffnungslosigkeit.
„Wenn Sie nicht bezahlen, müssen Sie morgen ausziehen. Herr Doktor Wiener hat sowieso die Kammer mitgemietet“, schrieb die Wirtin.
Vor Hunger begann sein Magen wieder zu schmerzen. Es wurde ihm übel vom Geruch der alten Wäsche; er schob sie unters Bett.
Beim Schein zweier Kerzenstummeln versuchte er zu arbeiten.
Der Wunsch nach des Doktors Kognak quälte ihn. Während er schrieb, beschäftigte ihn ununterbrochen die Frage, von wem er etwas Geld bekommen könne für die Miete. Es fiel ihm nur das Straßenmädchen ein, das er einmal kennen gelernt hatte.
Ohne daß er sich dessen bewußt geworden war, hatte er auf den Manuskriptrand geschrieben: Kann denn ein Mensch sich von einer Hure Geld geben lassen? Hurengeld. Nachtgeld. Beinegeld. Schoßgeld. Männer, Männer — Schweinegeld . . . von den guten Mädchen?
„Geben würde sie es mir . . . Sie ist ja ein gutes Luder.“
„Wie wohl der gesunde Menschenverstand darüber denkt“, flüsterte der Dichter und trat zur verschlossenen Tür. „Herr Doktor! Hören Sie! Herr Doktor! . . . Glauben Sie, daß ein Mann, der noch etwas auf sich hält, von einer Hure Geld annehmen kann?“
Der Doktor fuhr im knarrenden Bett in die Höhe und schrie erschrocken: „Hallo! . . . Ist wer da!“
„Glauben Sie, daß ein anständiger Mensch sich von einer Hure Geld schenken lassen kann?“
„Von einer . . . was?“
„Hure!“
„Hören Sie, eigentlich schlafe ich schon.“
„Man könnte sich ja sagen: schließlich hat auch die Hure Augen!“ schrie der Dichter.
„Gott, mag der Kerl sich meinetwegen aushalten lassen“, rief der Doktor ärgerlich. „Das ist ja nichts Neues.“
Und der Dichter flüsterte: „Dann würden wir eben einander wert sein, meint er . . . Für den gesunden Menschenverstand ist die Lösung einfach. Aber ich, aber wir, wir, wir alle, wir betteln noch lieber die Hure an als den gesunden Menschenverstand.“
Automatisch griff er nach Mantel und Hut und verließ das Haus.
Es war gegen zwölf Uhr nachts. Der Kurfürstendamm war fast menschenleer und unwirklich hell vom Schnee.
Der Dichter sah auf den Bettler, der, gegen die Gartenmauer gelehnt, im Schnee saß und eintönig die Ziehharmonika spielte.
Ein überelegant gekleidetes Straßenmädchen warf ein Geldstück in den Hut des Bettlers, der sein Spiel unterbrach und ein anderes Lied zu spielen begann:
Die Liiiiiebe ist das Schönste, Das Schönste auf der Welt.
Das Straßenmädchen blieb stehen, schimpfte wütend zum Bettler zurück.
„Weshalb verhöhnen sie denn Ihre Wohltäterin mit diesem Liede?“ fragte der Dichter.
Und der Blinde richtete die leeren Augenhöhlen fragend in die Höhe.
Ein vages Glücksgefühl ergriff den Dichter. „Das Schööööönste auf der Welt“, sang die Ziehharmonika. Und als er das elegante Mädchen eingeholt hatte, sagte er: „Sie, er ist blind.“
Das gewohnheitsmäßige Anbietungslächeln erschien auf ihrem gepuderten Gesicht.
„Wir haben uns getäuscht, er ist blind“, sagte er eindringlich. „So etwas macht der nicht. Der gehört ja zu uns.“
Lächelnd nahm er sie bei der Hand und scherzte: „Der gesunde Menschenverstand brächte das fertig. Glauben Sie nicht?“
Sie begann, ihn abschätzend zu mustern.
Da ging er schnell davon, bis zum Platz, wo das ihm bekannte Straßenmädchen wohnte. Aus dem Nachtcafé unten im Hause klang die neueste Operettenmelodie.
Sie öffnete selbst. Ihr weißseidener Schlafrock stand vorne offen. Und als sie den Dichter erkannte, fuhr sie ungeniert fort, prüfend ihre linke Brustwarze zu drücken. „Seit einer Woche habe ich Schmerzen. Sehen Sie . . . den blauen Fleck.“
Er versuchte zu scherzen: „Was haben Sie denn da wieder angestellt?“
„Das hab doch ich nicht angestellt.“ Lachend zog sie ihn ins rote Zimmer. Auch die Ampel war rot. Und das unberührte rote Himmelbett war geöffnet.
Plötzlich lag sie wie eine müde Katze zusammengerollt auf der Ottomane. Ihre Kniekehlen ruhten im Ellbogengelenk. „Das macht der immer.“
„Was?“
„Mit meiner Brust . . . Und danach verlangt er immer etwas ganz Unglaubliches von mir . . . Meinetwegen.“
Der Dichter sah in die Ecke. — Und da will ich Geld von ihr verlangen. „Es gibt Sachen, die unmöglich sind.“
„Gott, nein.“
„Was! Hab ich etwas gesagt?“
Sie lag noch immer reglos.
Der Dichter kannte ihre Geschichte. Vor einigen Monaten hatte er sie total betrunken auf der Straße gefunden. Sie war von ihren Eltern fortgejagt worden, weil ein Reichstagsabgeordneter sie verführt und sie sich geweigert hatte, ihn als den Vater ihres Kindes zu nennen. Der Dichter wußte, daß der Abgeordnete weiter in ihrem Elternhause verkehrte.
„Das Instrument wickelt er dann immer in ein Beinkleid seiner Schwester . . . Und mir legt er zwanzig Mark auf den Tisch.“
„Wer?“
„Der Abgeordnete.“
„Der . . . kommt noch zu Ihnen?“
„Warum nicht?!“
Und dabei rührt sie sich nicht, dachte der Dichter entsetzt. „Aber wirklich, nicht aus Neugierde. Wie alt waren Sie . . . damals?“
„Ich? Sechzehn.“
Der Dichter sagte plötzlich: „Soll ich Sie heiraten?“
„Und ich wußte damals gar nichts von diesen Sachen. Wahrhaftig, ich lüge nicht.“
Sie hälts für so unmöglich, daß sie glaubt, ich hätte gescherzt, dachte er.
Und wußte plötzlich mit seinen Händen nichts anzufangen. Es war, wie wenn sie nicht zu ihm gehörten, als er sagte: „Ich brauche sehr notwendig zwanzig Mark. Können Sie mir die vielleicht geben? . . . Aber ich habe nicht gescherzt, vorhin. Wirklich nicht.“
Da stand sie auf.
Und der Dichter sah befangen in ihr erstauntes Gesicht, das aber sofort den Ausdruck automatischer Lustigkeit annahm. Lachend sagte sie: „Ich habe momentan gar nichts.“
Er ließ die Hände sinken. Sein Gesicht verschloß sich. „Darf ich?“ sagte er, griff nach der Zigarette und dachte gequält — jetzt glaubt sie dasselbe wie der gesunde Menschenverstand.
Es klopfte — die Wirtin streckte den behaubten Kopf herein. „Es kommt ein Herr.“ Sie schloß die Tür leise wieder.
Sichtbar stieg dem Mädchen das Blut in die Wangen, als sie den Dichter ansah.
Der lächelte unnatürlich.
„Gehen Sie ins Nebenzimmer . . . Ich kann Ihnen das Geld dann gleich geben.“ Dabei sah sie ihm gerade auf die Augen, ohne ihm in die Augen zu sehen.
Schon eine lange Minute stand er im Nebenzimmer, als ein sehr großer, brünetter Herr im Frack zum Mädchen ins rote Zimmer trat. Er schwankte kaum bemerkbar. Auffallend an ihm war, daß sein linkes Auge fast um einen Zentimeter tiefer im Gesicht stand als das rechte. Das Klirren des für ihn bestimmten Geldes riß dem Dichter die Luft aus den Lungen.
Dann hörte er das heftige Armen im roten Zimmer und preßte die Fäuste an die Schläfen. Er rührte sich nicht mehr.
Bis das Mädchen die Tür öffnete.
Äußerlich und innerlich zerwühlt, stierte er auf das verwühlte Himmelbett.
Das Mädchen wusch sich die Hände.
— Ich nehme das Geld nicht. Ich brauche es gar nicht. Es war nur ein Scherz — wollte er sagen.
„Hier“, sagte sie, während sie die Hände trocknete. „Sie zwanzig . . . ich zwanzig“, und schob ihm das Goldstück hin.
Da sank ihm die Unterlippe schlaff herab. Alles an ihm wurde schlaff. Verurteilt und verkauft ging er mit dem Geld aus dem Zimmer.
Ohne Widerstand zu leisten, ließ er sich direkt zum Bahnhof gehen, um wieder in die Heimatstadt zu fahren, wo im dunklen Erlebnisknäuel seiner Jugend die Ursachen seiner Haltlosigkeit, seines untergrabenen Selbstbewußtseins, seines ruinierten Lebens zu finden sein müßten.
In der Eisenbahn träumte er: ein gewaltiger Zug junger Menschen zieht gleich ihm nach den verhaßten Heimatstädten, die Kindheit zu durchforschen nach dem Messer, das ihnen allen die Sehne der Kraft durchschnitten hat.